Ich habe kaum Ahnung von Klassik. Eine Livedarbietung des Kammerorchesters ‘Il Giardino Armonico’ mit ihrer auf historischen Instrumenten dargebotenen Barockmusik oder eine Bach-Interpretation von David Gazarov haut mich zwar ob ihrer Spielfreude und Virtuosität durchaus vom Hocker, aber insgesamt ist der Bereich Klassik einfach so umfangreich, dass die dort zu verortende Musikmenge in der mir bestenfalls noch verbleibenden Lebenszeit nicht einmal annähernd zu überschauen, geschweige denn zu genießen ist. Daher bleibe diese Tür verschlossen.
Auch klassische Konzertpianisten sind für mich Wesen aus einer anderen Dimension. Die handwerkliche Technik der Spitzenleute dieser Berufsgruppe ist auf einem derart hohen Niveau, dass es für mich unmöglich ist, das individuelle Können der einzelnen Künstler auch nur annähernd gebührend zu würdigen. Während ein Pianist im Jazz neben seinem Ton/Anschlag und seiner Phrasierung bei der Interpretation von Stücken nahezu unbegrenzte Freiheiten hat, steht bei den Klassikern doch schon eine Menge an Information auf dem Notenblatt. So kann ich als ausgewiesener Klaviermuffel (muss an meinem Hauptinstrument liegen…) zumindest einen Oscar Peterson von einem Bill Evans oder gar von einem Thelonius Monk unterscheiden, tue mich aber z.B. bei den beiden jungen klassischen Virtuosen Daniil Trifonow und Jan Lisiecki ungleich schwerer. Ich habe mich in Youtube mal etwas durch deren Darbietungen gehört (jawohl, für diesen Blog wird ernsthaft recherchiert!) und fand beide Pianisten gleichermaßen beieindruckend, aber – auch aufgrund der stets unterschiedlichen Aufnahmesituationen – in keinster Weise vergleichbar. Naja, muss ich auch nicht, ist ja wie schon festgestellt nicht mein Revier.
Nun bin ich allerdings beim morgendlichen Lesen meiner Tageszeitung auf eine Konzertkritik, besser noch: auf eine Lobeshymne eines Auftritts des erwähnten Jan Lisiecki gestoßen, der zusammen mit den Warschauer Philharmonikern in der Meistersingerhalle in Nürnberg aufspielte. Es wurde Beethoven in Vollendung serviert. Und da kam ich beim interessierten Lesen der Besprechung doch ins Staunen.
Beginnt der Artikel noch im Ton einer Sportübertragung:
“Lange besinnt sich Lisiecki,…” Ah, spannend! “…hat die Hände schon auf den Tasten, zögert noch,…” Schieß endlich! “…zaubert aber dann die ersten fünf Takte der Einleitung mit überzeugender Poesie,…” Puh, gerade noch mal gutgegangen! Nebenbei: In fünf Takten finde ich gerade mal ungefähr den Groove, Poesie frühestens nach den ersten 16 Takten.
wird es dann doch wieder das übliche Klassik-Kritik-Geschwurbel:
“… die die Warschauer deckungsgleich weiterführen.” Pardon? Das Orchester führt die Poesie deckungsgleich weiter? Nun, ich gehe davon aus, dass die Philharmoniker den Einsatz nach dem Intro sauber hinbekommen haben. Ansonsten (nach Volker Pispers): Pffffffff!
Weiter. Zweiter Absatz: “Neue Raffinesse”
“Er überzeugt in diesem Eingangs-Allegro durch aufrauschende Läufe, durch überdeutlich effektvolle Hell-Dunkel-Kontraste.” Ok, das kann ich mir vorstellen. “Bis ins Detail hört sich das an, als ob Chopin oder Liszt Beethoven gespielt hätten.” Das kann ich mir weniger vorstellen. Soweit ich weiß, sind alle im Satz Genannten verstorben und haben keine Tonaufnahmen hinterlassen. Wir werden also nie erfahren, wie wer wen gespielt hätte. Später geht es ins Detail: “Die Phrasierung hat überall überraschend neue Raffinesse, der Ton dafür trumpft nie kraftmeiernd auf, sondern ist durchsichtig und perlend.” Was genau jetzt an der Phrasierung raffiniert neu ist, weiß ich immer noch nicht. Aber der Junge hat einen guten, dabei stets bescheidenen Ton. Oder so…
Dann: “Das abschließende Rondo-Finale gelingt Lisiecki keine Spur zirkushaft als romantische, opernhafte Serenade: virtuos wie von Rossini, mit herrlichen Klangcharakteren in effektvollen Dialogen.” Die Analyse dieses Satzes würde mir als Klassik-Laien einen großen Rechercheaufwand verursachen, nur um nachzuweisen, dass der Inhalt sehr wahrscheinlich lautet: “Beethoven hat geile Musik geschrieben und der Bub kann die super am Klavier spielen.”
Wie so oft nehme ich aus einer solchen Konzertkritik nur ein paar Attribute zum Vortrag des jeweiligen Künstlers mit: Jung, neu, brillant, überraschend, frisch, lyrisch und… poetisch. Und wird beim nächsten aufgehenden Stern am Klassikhimmel wieder so sein. Offensichtlich gibt es eben nur eine begrenzte Anzahl an positiven Textbausteinen für den Musikkritiker – bei Verrissen ist man deutlich kreativer – um junge Stars gebührend zu würdigen. Doch hier darf ich aus dem wunderbaren Pixar-Werk “Die Unglaublichen” zitieren:
Wenn endlich alle super sind, wird es keiner mehr sein!
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Euer
Gige
Sehr wahr! Oft denkt man sich doch, das Journalisten nur so kompliziert schreiben um zu vertuschen, dass ihnen eigentlich gar nichts mehr einfällt oder sie einfach keine Ahnung haben. Und zu dem weiten Klassikhimmel: der fairnesshalber sollte aber erwähnt sein, dass es ebenso tausende von begnadeten Jazzmusikern gibt, die in der Menge der anderen Superhelden einfach untergehen…
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