Fuck Dystopia!

Kim Stanley Robinson ist ein amerikanischer Autor von Sci-Fi-Romanen wie The Ministry for the Future, das auch bei Barack Obama auf dem Nachttisch lag.

Im Podcast Future Histories von Jan Groos spricht er über den verführerischen, aber falschen Reiz dystopischer Erzählungen:

»There’s a false consciousness in the dystopian imaginary that says ‘It’d be interesting and I myself would survive. And it would be more interesting than modern urban and suburban life, which is intensely boring by design’. […] It’s simply not true. In the breakdown of society, things would be even more boring. And also, you would die.«

Ich musste an Mark O’Connells Buch Notes from an Apocalypse denken, das unter anderem eine provokante Analyse der Ideologie der Prepper enthält:

»The idea of collapse speaks, on some primal level, to a reactionary sensibility – a sensibility in which the world is always necessarily in an advanced state of degeneration. […] Preppers are not preparing for their fears: They are preparing for their fantasies. The collapse of civilization means a return to modes of masculinity our culture no longer has much use for.«

Nun haben die letzten Tage gezeigt, dass ein gewisses Maß an Vorbereitung auf den Zusammenbruch bspw. großstädtischer Stromnetze durchaus sinnvoll ist.

Aber das ändert nichts an der Kritik dessen, was Robinson hier »dystopisches« Denken nennt und O’Connel »apokalyptisches« Denken: Die Fantasien einer archaischen Welt, von heroischen Männerbünden,  Bürgerkriegen und einer reinigenden Wirkung der Gewalt, sind per se reaktionär. Plus, sie sind boring.

Diese reaktionäre Untergangslust irgendwie emanzipatorisch umdeuten zu wollen, so wie es offenbar die »Vulkangruppe« tut, geht notwendig fehl.

Nichts wird besser dadurch, dass alles schlechter wird. Fuck dystopia!

Wie Deutsche auf die Zukunft schauen

Wenn Deutsche zu ihren Zukunftserwartungen befragt werden, zeigt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz: Sie schätzen ihre individuelle Zukunft deutlich positiver ein als die ihres Landes.

Das zeigte sich etwa in der jüngsten Umfrage der Körber-Stiftung (Befragung im Zeitraum vom 1. bis 10. Juli 2025 unter 1.108 Personen):

»52 Prozent der Befragten geben an, dass Optimismus ihre Zukunftserwartungen stärker prägt als Sorgen. Auch die eigene wirtschaftliche Lage wird von 59 Prozent als gut oder sehr gut eingeschätzt. Dieser überwiegend positive Blick auf das persönliche Leben überträgt sich jedoch nicht auf die Einschätzung des Landes insgesamt.«

Die Mehrheit bezeichnet ihr Vertrauen in die Demokratie demnach als »weniger groß« oder »gering« (exakter Wert: 53 Prozent), fast zwei Drittel glauben, Deutschland sei nicht gewappnet, die großen Transformationsaufgaben unserer Zeit zu meistern (62 Prozent) und drei Viertel bewerten die wirtschaftliche Lage als »weniger gut« oder »schlecht« (76 Prozent).

Diese Daten offenbaren ein politisches Risiko. Denn wenn eh schon alles scheiße ist (man sich selbst aber für halbwegs immun gegen die allgemeine Beschissenheit hält), kann man auch Rechtsextremist•innen wählen – und wird anschließend überrascht sein, wie viel schlechter alles noch werden kann, wenn sie erst an der Macht sind.

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Die 39C3-Konferenz: KI, Datenschutz und Netzaktivismus


Abb. 1: Einmal im Jahr verwandelt sich das CCH (Congress Centrum Hamburg) ins CCC …

Heute endete 39C3, die Konferenz des Chaos Computer Club e.V. Die Tickets waren schneller weg als bei Taylor Swift, aber ich habe eins bekommen. Kreisch! 😱

Im kleinen Ausschnitt des Programms, den ich erlebte, waren dies die Höhepunkte (Videos gibt’s online, die Links habe ich hier jeweils ergänzt):

👉 Angesichts massiver Investitionen in »Künstliche Intelligenz« – es waren 252+ Billionen USD allein 2024 laut Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence – wächst der Druck, KI irgendwie zu Geld zu machen. Sie in Betriebssysteme einzubauen à la Microsoft sei aber eine schreckliche Idee, argumentierten Meredith Whittaker und Udbhav Tiwari (beide arbeiten bei der Signal Foundation, die den gleichnamigen Messenger verantwortet). Die Gründe: Datenschutz und IT-Sicherheit. Einen Videomitschnitt ihres Vortrags gibt es hier (in englischer Sprache).

👉 Das Ausländeramt darf Menschen die Handys wegnehmen, zeigte Chris Köver von netzpolitik.org. Anders als bei mutmaßlichen Straftäter•innen braucht es keinen Richterbeschluss, um private Daten zu durchsuchen (Fotos, Chats, … ). Zudem können Handys unbegrenzt lange einbehalten werden, wofür es keine technische Notwendigkeit gibt. Bitte hier entöang zum zum Videomitschnitt ihres Vortrags (in deutscher Sprache).

👉 Überraschung! Ausgerechnet die Willkür der Trump-Regierung eröffne die Chance, das Internet aus der Macht der Tech-Konzerne zu befreien, argumentierte der Internetaktivist, Blog-Pionier und Sci-Fi-Autor (among other things) Cory Doctorow in einem rasanten Vortrag voller Punchlines (in englischer Sprache).

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Diedrich Diederichsen und der »Krieg gegen die Bohème«

Abb. 1: Diedrich Diederichsens Essay auf der Website von Artforum.

Letztes Jahr um diese Zeit fand ich mich eines Abends unvermittelt in der Gesellschaft von Menschen wieder, die – einigermaßen aufgeregt – über ein Zeitschriftenessay diskutieren wollten. Der Kunstkritiker Dean Kissick hatte gerade The Painted Protest in Harper’s Magazine veröffentlicht, die Abrechnung mit einer Kunstszene, die seiner Meinung nach eine »korrekte« Haltung höher schätzte als künstlerische Formen, Experimente und Wagnisse – und deshalb langweilig geworden sei.

Nun ist wieder Dezember und wieder gibt es das Essay eines Kunstkritikers, das höhere Wellen schlägt, als es bei dieser Textform sonst üblich ist. Ich meine Diedrich Diederichsens Text The War on Bohemia, der in Artforum erschienen ist.

Bereits mit seinem ersten Satz – »Berlin is over« – hat Diederichsen eine Replik in der Stadtzeitschrift Tip erwirkt, was vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass die Nerven dort nach den kulturpolitischen Sparexzessen und den literarischen Abgesängen blank liegen. Auch Diederichsens Ausführungen zu Gaza-Solidarität, Antisemitismus und Israel sind an anderer Stelle bereits mit einiger Verve kommentiert worden.

Interessanter scheint mir an seinem Essay jedoch etwas anderes zu sein, nämlich was er über das wechselhafte Verhältnis von Bohème, Künstlertum und linker Intelligenz auf der einen und Politik, Bürger- und Unternehmertum auf der anderen Seite schreibt. Damit kann man gut weiterarbeiten, um gedanklich etwas Ordnung in das Chaos des 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart zu bringen.

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»Immediacy«: Der Stil des 21. Jahrhunderts

Es gibt einen Stil des 21. Jahrhunderts. Einen Nenner, auf den sich das ganze ästhetische Chaos der Gegenwart bringen lässt – Immersion, Autofiktion, Social Media und Marina Abramovics The Artist Is Present.

Dieser Nenner ist »immediacy«, das Streben nach einer unmittelbaren, ungeformten Erfahrung. So lautet die These von Anna Kornbluh, Professorin für Literaturwissenschaft an der University of Illinois Chicago, in ihrem Buch Immediacy or, The Style of Too Late Capitalism (erschienen bei Verso Books, 2024).

Der Modernismus war eine Besinnung auf die Essenz: Kritiker wie Clement Greenberg warben für Gemälde, die nicht mehr sein wollten als Farbe auf Leinwand. Voilà, Abstract Expressionism.

Heute hingegen, schreibt Kornbluh, wachse ein Gemälde als immersive Projektion weit über die Grenzen seines Rahmens hinaus. Der Roman vermische sich mit der Autobiographie. Und der Film habe sich ins Video aufgelöst, das so gut wie jedes Format und jede Bildfrequenz annehmen kann, und mittels der Screens, die wir mit uns rumschleppen, in alle Lücken unseres Alltags drängt.

In einem Satz: Die künstlerischen Medien verlieren, was sie unterscheidbar macht, alles fließt zusammen.

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Guess who’s back: KI-Hype rettet das AKW Three Mile Island

Als es 1979 zu einer partiellen Kernschmelze im Atomkraftwerk Three Mile Island kam, war das ein wichtiges Ereignis für die amerikanische Umweltbewegung.

2019 wurde das AKW vom Netz genommen, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr rentierte. Doch jetzt (Plot Twist!) soll es bald wieder laufen. Ein Deal mit Microsoft, die Strom für ihre Rechenzentren brauchen, macht den Betrieb wieder rentabel.

Überwiegend werde der KI-Hype in den USA aber mit der Verbrennung fossiler Energien befeuert, schreibt Stephen Witt im New Yorker (Abo-Schranke).

Foto: United States Department of Energy (1979) via Wikimedia.

Wie man sich einen »Spiegel«-Bestseller kauft

Mit etwas Geld kann man als Autor oder Autorin sein Buch offenbar recht zuverlässig auf die Spiegel-Bestseller-Liste schummeln. Eine Taktik dabei ist, das eigene Buch in der ersten Woche nach der Veröffentlichung einfach in großen Stückzahlen selbst zu kaufen und es dadurch über die Bestsellerschwelle zu heben.

Bei Hardcover-Sachbücher liege diese Schwelle recht niedrig, nämlich bei 1600 Exemplaren binnen einer Woche, berichten Werner Bartens, Bernhard Heckler und Sara Peschke in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (Abo-Schranke). Für rund 25.000 Euro garantiere ein neuer Sachbuch-Verlag seinen Autor*innen sogar eine entsprechende Platzierung.

Warum sollte es einem Autor oder einer Autorin dieses Geld wert sein? Na, zum Beispiel weil man sich mit dem Spiegel-Bestseller-Sticker ein Gütesiegel für die eigene vermeintliche Expertise und Popularität erschleicht, das sich durch höhere Coaching- oder Redner-Honorare zu Geld machen lässt.

Der SZ-Artikel ist leider nicht sehr detailliert, was das Businessmodel des besagten Verlags angeht. Wenn man auf seiner Website nachschaut, kosten seine neuen Bücher 19,90 Euro oder auch mal 14,90 Euro und wenn man diese Preise mit 1600 multipliziert, ergibt das entweder ein Verlustgeschäft oder eine lächerlich kleine Marge.

Allerdings: Mehr als ein Drittel des Verkaufspreises eines Buchs entfallen laut dieser Aufschlüsselung des Hamburger mairisch-Verlags auf Buchhandel, Großhandel und Vertrieb. Wenn ein Verlag seine eigenen Bücher über seinen eigenen Shop kauft, kann er diese Posten mutmaßlich einfach einsparen? Genau wie das Fünftel des Buchpreises, das auf Verlag und Autor entfällt. Dann wäre die Marge auf einmal ganz ordentlich. Zumal der Verlag die Bücher ja noch mal verkaufen könnte. Vorausgesetzt, es gibt da draußen Menschen, die sie haben wollen.

Bereits jetzt macht das Bonmot die Runde, der Spiegel-Bestseller-Aufkleber sei »das Arschgeweih der Literatur – hat man, will aber niemand sehen«. Entsprechend gibt es Buchhändler*innen, die diese Sticker von den Büchern knibbeln (siehe hier).

KI-Tools in der Filmproduktion: »Daisy« (2025)

Am vergangenen Donnerstag, 27. November 2025, hat in Hamburg die erste AI Media Leaders-Konferenz stattgefunden. Es ging dabei um die Veränderungen, die KI-Tools für die Medien- und Kulturwirtschaft bringen.

Eine Notiz zur Konferenz habe ich am Montag, 1. Dezember, in der Elbvertiefung veröffentlicht, dem Hamburg-Newsletter der ZEIT. Dort schreibe ich – recht knapp – über zwei grundlegende Fragen. Erstens, die finanzielle Beteiligung von Urheber•innen, deren Werke als Trainingsmaterial für LLMs verwurstet werden. Zweitens, mögliche Konsequenzen für Demokratie und Gemeinwohl. Man kann das hier lesen (auch ohne ZEIT-Abo).

Eindrucksvoll war für mich auch der Auftritt von Storybook Studios, einer Filmproduktionsfirma aus München, die auf der Konferenz ihre Arbeit präsentierte. Firmengründer Dan Maag und sein Mitarbeiter Albert Bozesan sprachen darüber, wie sie beim Filmemachen KI-Tool einsetzen.

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Kunst im Büro: Jacob Dahlgren bei der Buss Group

Es gibt genau zwei Möglichkeiten, welche Bilder bei einem Hamburger Hafenunternehmen an der Wand hängen: entweder historische Seestücke in Öl oder moderne Fotodrucke mit Motiven aus der Speicherstadt.

So zumindest lautet das Klischee (und meine bescheidene anekdotische Evidenz).

Neulich aber war ich zu Gast im Hauptsitz der Buss Group in der HafenCity. Dort hängen ganz andere Sachen: Fotos von William Eggleston und Wolfgang Tillmans. Gemälde von Portia Zvavahera und Cordula Ditz. Und das Foyer des Büros ist eine Rauminstallation von Thorsten Brinkmann. Ganz interessant!

Hängen geblieben bin ich an dieser Arbeit von Jacob Dahlgren. Wie man sieht, hat der schwedische Künstler eine Vorliebe für Gestreiftes. Er hat die Wand eines Konferenzraumes der Buss-Gruppe mit rund hundert Dartscheiben großflächig bedeckt. Diese Arbeit heißt I, The World, Things, Life (2016).

Beim Betrachten springt sofort die Assoziationsmaschine an. Mein erster Gedanke war: Sixties-Vibes! Dann: Eine Anspielung auf die Hard-Edge-Malerei? Oder eher auf Minimal Art, weil Dahlgren Materialien nutzt, die industriell gefertigt wurden?

Während wenn man da so steht und überlegt, beginnen die schwarzen und weißen Ringe plötzlich zu flimmern: Op-Art?

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