Samstag, 17. Januar 2026

Der heilige Paulus von Theben – hat es ihn gegeben?

Heute ist das Fest des heiligen Antonius. Wohl die berühmteste Geschichte aus seinem Leben ist die seiner Begegnung mit dem heiligen Paulus von Theben, dessen Fest, je nach Kalender, vorgestern oder vor einer Woche begangen wurde. Diese Begegnung aber ist nicht in der Vita Antonii des heiligen Athanasios zu finden, sondern nur in der Vita Pauli primi eremitae des heiligen Hieronymus.
Überhaupt ist die Lebensgeschichte des heiligen Paulus von Theben nur von Hieronymus überliefert. Der Schluß der Wikipedia daraus: „Die tatsächliche, geschichtliche Persönlichkeit des Paulus von Theben ist mehr als zweifelhaft. Es wird davon ausgegangen, dass Hieronymus mit seiner Geschichte eher daran gelegen war, sein literarisches Talent herauszustellen und der Vita Antonii des Athanasios einen Gegenentwurf für die christliche Heiligenlegende zur Seite zu stellen und mit der Darstellung eines älteren Wüstenheiligen zu übertreffen.“
Wenn dem so wäre: was wäre da geschehen?
Die Vita Pauli hat Hieronymus um 376 (Wikipedia) geschrieben. Daraufhin hätten fromme Leute in Ägypten eilends eine Grabstätte ausgesucht, die sie ihm zuschreiben konnten, und darüber das Pauluskloster (Deir Mari Bolos) errichtet, das auf die Mitte des IV. Jahrhunderts datiert wird – also: die Zeit war sehr knapp, um nach der Veröffentlichung der Vita noch in der Jahrhundertmitte (im weitesten Sinne) das Kloster zu bauen.
Der heilige Paulus von Theben wird in der koptischen Kirche verehrt, in der byzantinischen, der syro-antiochenischen. In der armenischen wird sein Name sogar im Hochgebet genannt. Welch große Wirkung dieser Schrift des heiligen Hieronymus.
In Wirklichkeit ist der heilige Hieronymus im Osten recht wenig bekannt. In den Diptychen von Jerusalem aus dem XII. Jahrhundert, die F. E. Brightman (Liturgies / Eastern and Western) als Appendix H veröffentlicht hat, finden sich die heiligen Ambrosius und Augustinus, nicht aber Hieronymus. Und natürlich steht da der heilige Paulus von Theben.
Der heilige Hieronymus hat lange Zeit in Bethlehem gelebt; doch nahm man ihn (der lateinisch schrieb, nicht griechisch) dort nicht als so wichtig war, daß er in die Diptychen des benachbarten Jerusalem eingedrungen wäre. Die von ihm verfaßte Vita eines von ihm frei erfundenen Heiligen aber hätte schnellstens dazu geführt, daß dieser Heilige im Orient und auch in Ägypten hoch verehrt wurde, ihm ein Grab zugeschrieben wurde?
Das Zeugnis der koptischen Kirche und der orientalischen Kirchen ist zwingend: den heiligen Paulus von Theben hat es gegeben. Wieweit seine Vita historisch ist, wieweit durch die frühe Überlieferung und dann durch den heiligen Hieronymus ausgeschmückt, ist heute nicht mehr zu klären.

Dienstag, 13. Januar 2026

Veröffentlichung der Ostertermine

Im Decretum Gelasii gehörte die Oktav der Epiphanie zu den gebotenen Feiertagen. Deren Antiphonen allerdings, die dem Gedächtnis der Taufe des Herrn galten, sind schon im Brevier Pius’ V. verschwunden, durch die Antiphonen vom Fest der Epiphanie selbst ersetzt. Nach der weitreichenden Verminderung der gebotenen Feiertage im XIX. Jahrhundert zählte dieser Oktavtag nicht einmal mehr zu den Festa suppressa. Die Reform von 1956 beseitigte sogar die Oktav von Epiphanie, doch dieser Tag blieb als Fest bestehen: als Gedächtnis der Taufe des Herrn. Auch der Konzils-Ordo hat ihn beibehalten; doch vom Novus Ordo wurde er auf den Sonntag nach Epiphanie verlegt.
Doch uns gelte dieser Oktavtag noch, um zu Epiphanie (etwas verspätet freilich) die Ostertermine zu veröffentlichen.

Freitag, 9. Januar 2026

Wetterbericht

Qui dat nivem sicut lanam,
nebulam sicut cinerem spargit.
Mittit cristallum suum sicut buccellas;
ante faciem frigoris eius quis sustinebit?

Samstag, 3. Januar 2026

Das Canticum Benedictus
– eine Anfrage an die Musiker –

Aus der altgallikanischen Liturgie ist überliefert, daß nach der Epistel das Benedictus (Dan. 3, 52-56) gesungen wurde.
In der römischen Liturgie wird dieses Canticum am Quatembersamstag vor Oration und Epistel gesungen. Die Frage ist, ob der Gesang dieses Canticum an diesen beiden Stellen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeht oder ob dieser Gesang in Rom aus der altgallikanischen Liturgie übernommen wurde.
Lange habe ich gemeint, daß es ein gemeinsamer Ursprung sei; doch nun erscheinen mir die Belege überzeugend, daß der römische Gesang aus dem altgallikanischen übernommen wurde.
In den ältesten Belegen für die Liturgie des Quatembersamstags erscheinen die Daniel-Lesung und das Canticum noch nicht.
Sodann: ein Graduale in der römischen Liturgie – dessen Stelle das Canticum hier vertritt –, enthält niemals ein Gloria Patri
Gloria Patri
. Hier aber erscheint es; es widerspricht also den Gesetzen des römischen Ritus.
Außerdem: die Cantica aus Daniel enthalten im römischen und ebenso im byzantinischen Ritus niemals ein Gloria Patri, sondern stattdessen steht da – sowohl im Benedicite der Laudes als auch in den Benedictus-Versen in den Preces der Komplet (R.B. c. XVII) – Benedicamus Patrem.
N.B.: Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu * laudemus et superexaltemus eum in sæcula – eine schöne Darstellung der Dreifaltigkeit.
Aber auch die Gesangsweise wirkt wenig gregorianisch. Ist sie altgallikanisch?

Zum Vergleich:
Das Credo wurde in Rom nicht gesungen, bis es 1014 auf Wunsch von Kaiser Heinrich II. dort eingeführt wurde, mit dem Filioque, das zuvor in Rom nicht gebräuchlich war. Die erste musikalische Gestalt des Credo war in Rom wohl das heutige Credo I. Woher kommt es?
Zur uns bekannten Form der altgallikanischen Liturgie gehörte kein Credo, wohl aber zur visigothischen (moçarabischen), die mit ihr nahverwandt war (Missale Gothicum heißt eines der wichtigsten Dokumente der altgallikanischen Liturgie). Kam das Credo I etwa dorther? Oder von den Iren? Leider wissen wir ganz wenig von der keltischen Liturgie.
Klar scheint, daß es im gallikanisch-gothisch-fränkischen Raum entstanden ist. Darum also die Frage an die Musiker:
Läßt sich ein musikalischer Stil erkennen, der das Benedictus (iij puerorum) mit dem Credo I verbindet und somit ein letztes Zeugnis wäre des vorgregorianischen Kirchengesangs im gallikanisch-fränkischen Raum?

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die Tage um Weihnachten mit Le Barroux

Der Quatembersamstag: Leider ist er im Novus Ordo nicht mehr vorgesehen, wohl aber im Konzils-Ordo, wie er in Le Barroux gefeiert wird (und wie ich ihn in einem Schott von 1966 vorliegen haben).
Eine großartige Einführung ins Weihnachtsfest: die Jesaja-Lesungen, die Gradualia aus den Psalmen 18 und 79 (und wirklich: dieser Schott verwendet noch die Psalmen-Numerierung der Vulgata) und die einfühlsamen, ausdrucksstarken, doch unaufdringlichen Melodien der Gregorianik.
Das Fest des heiligen Johannes: Dieses Jahr fällt es auf einen Samstag; und in vielen deutschen Kirchen, und so auch in unseren Großstädtchen, werden samstags keine Messen gefeiert außer der Vorabendmesse für den Sonntag. Welch einen Heiligen zu feiern wird uns da vorenthalten! Und wieder hilft Le Barroux. Natürlich fehlt die physische Teilnahme an der Eucharistie. Doch Lesungen und Gesang bieten wieder eine intensive Art der Mitfeier, wie sie in deutschen Pfarrkirchen selten ist.

Samstag, 6. Dezember 2025

Advent in den verschiedenen Kirchen

Seit einer Woche ist die römische Kirche im Advent. Es ist eine „geschlossene Zeit“, eine Zeit, in der Hochzeiten und andere Feiern unterbleiben sollen, in der man auf Theater und andere weltliche Veranstaltungen verzichten soll. Eigentlich ist es eine Fastenzeit; doch war sie nie so streng wie die vor Ostern, Feste waren immer ausgenommen, und heute ist sie im lateinischen Raum weitgehend vergessen.
Zugleich hat diese Zeit einige liturgische Besonderheiten, die mit dem Fastencharakter zusammenhängen: Gloria und Te Deum fallen aus, ebenso das Orgelspiel, die liturgische Farbe ist Violett.
Der römische Advent beginnt mit dem 4. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 27. November bis zum 3. Dezember fällt. Ebenso lang ist er in der assyrisch-chaldäischen Kirche.
Zwei Wochen länger dauert der Advent in den zwei anderen noch lebendigen lateinischen Riten: im mozarabischen beginnt er also am 6. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 13. bis zum 19. November fällt. Ähnlich ist es im ambrosianischen; wenn allerdings hier der Heilige Abend auf einen Sonntag fällt, so wird der nicht als Adventssonntag gerechnet, so daß hier der Advent an dem Sonntag beginnt, der in die Zeit vom 12. bis zum 18. November fällt. In diesem Jahr war es in beiden Kirchen der 16. November.
Als „quaresima di san Martino“, „Martinsfasten“ war dieses längere Adventsfasten weit über die Mailänder Kirchenprovinz hinaus verbreitet; auch der heilige Franziskus hielt es ein.
Sechs Sonntage vor Weihnachten: das entspricht etwa 40 Tagen. 40 Tage lang fastete der Herr, 40 Tage dauert die Fastenzeit vor Ostern. Auch vor Weihnachten fasten die orthodoxen Kirchen 40 Tage; da dieses Fasten aber weniger streng ist, werden dabei auch die Samstage und Sonntage mitgezählt. Es beginnt also am 15. November (was bei den Altkalendariern dem 28. November des gregorianischen Kalenders entspricht). Sechs Wochen vorm Heiligen Abend beginnen die Kopten zu fasten, also am 12. November, dem 3. Hatur (was dem gregorianischen 25. November entspricht).
Doch besondere adventliche Texte gibt es in den orthodoxen Kirchen nur an den letzten beiden Sonntagen vor Weihnachten.
40 Tage vor Weihnachten fastete früher auch die syrisch-antiochenische Kirche, doch heute sind es nur die letzten noch zehn Tage. Der liturgische Advent aber ist in dieser Kirche am längsten: er beginnt am 8. Sonntag vor Weihnachten, an dem Sonntag also, der in die Zeit vom 30. Oktober bis zum 5. November fällt. In diesem Jahr war es der 2. November.
Am 6. Sonntag vor Weihnachten beginnt auch der Advent der armenischen Kirche. Doch diese Kirche feiert Weihnachten am 6. Januar, an dem Tag also, an dem die anderen Kirchen Epiphanie oder Theophanie feiern. Hier ist der 1. Adventssonntag der Sonntag, der in die Zeit vom 25. November bis zum 1. Dezember fällt. In diesem Jahr war es, wie in der römischen Kirche, der 30. November. Doch gefastet wird heute nur noch die letzten sieben Tage.

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Die Nonnen von Goldenstein
 oder
Das mißverstandene Kirchenrecht

Die Geschichte der Nonnen von Goldenstein ist in den letzten Wochen allgemein bekannt geworden.
Propst und katholisch.de schäumen: die Nonnen hätten gegen das Kirchenrecht verstoßen, das Gehorsamsgelübde gebrochen.
Schäumen sie zu Recht?

Freitag, 3. Oktober 2025

Klerikalismus

«Ich darf sie zu diesem Gottesdienst begrüßen», so höre ich oft einen Priester sagen.
Aber, gleichsam zum Trost: ein Jugendchor singt wahre geistliche Musik, straft alle Vorurteile Lügen, die man gegen Jugendensembles haben mag.

Der „Trickle-Down“-Effekt und das Evangelium

In der Wirtschaftspolitik vertraut man gerne dem „Trickle-Down“-Effekt: wenn man die Reichen oder wenn man die großen Unternehmen begünstigt, etwa durch Steuersenkungen, werde etwas „trickle down – nach unten durchtröpfeln“, so daß letztlich alle etwas davon hätten, auch die Armen.
Der Ausdruck stammt aus der Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Ronald Reagan (die von George Bush, seinem späteren Vizepräsidenten und Nachfolger, als „Voodoo-economics“ bezeichnet wurde). Die Anhänger dieser Wirtschaftspolitik ziehen heute die Bezeichnung „Angebotspolitik“ vor. Wissenschaftlich ist dieser Effekt widerlegt, aber wirtschaftspolitisch spielt er nach wie vor eine Rolle.
Bemerkenswert ist, daß dieser Effekt schon im Evangelium besprochen wird, im Evangelium vom letzten Sonntag (NOM): Luc. 16, 19-21; ebenso im Evangelium vom Sonntag zwei Wochen zuvor: Luc. 15, 14-16.

Samstag, 27. September 2025

Nachbemerkungen zum Marsch für das Leben

Der Marsch für das Leben, der am 20. September in Berlin und Köln stattgefunden hat, „macht“, so die offizielle Pressemitteilung des Veranstalters BvL,„öffentlich auf die universelle Menschenwürde aufmerksam, die jedem Menschen von seiner Entstehung an zusteht – unabhängig von Alter, Herkunft, Zustand, Autonomie oder gesellschaftlicher Anerkennung.“ Ein Anliegen, das etliche Gegendemonstranten auf den Plan rief. Sehr viele waren es in Berlin zwar nicht, dafür aber waren sie um so lautstärker – während der Marsch selbst, abgesehen von einer Beschallung, die aber nicht überall sonderlich laut zu hören war, in Ruhe verlief. Durch ihr ständiges Schreien demonstrierten die Gegendemonstranten, daß Gespräch oder gar Verständigung unerwünscht waren.
Eindrucksvoll war, daß beim Marsch Menschen aller Hautfarben beteiligt waren (und ebennso am nächsten Morgen bei der Messe in St. Afra), während unter den Gegendemonstranten ich nur Weiße gesehen habe.
Zum Schlußsegen trug der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich eine Fürbitte ausdrücklich für die Flüchtlinge vor, die in Europa Schutz suchen.

Samstag, 6. September 2025

Konzelebration ohne wirkliche Teilnahme der Konzelebranten

Ein Pontifikalamt, zu dem die ganze Großpfarrei eingeladen ist (alle Messen in der Stadt am Sonntagmorgen fallen aus).
Ein Erzbischof und einige Priester konzelebrieren.
Die Messe beginnt ganz vorschriftsgemäß. Doch „vorschriftsmäßig“ reicht nicht immer aus, wenn der Sinn des Ritus nicht beachtet wird. Obwohl es ganz vorschriftsgemäß ist, ist der Gottesdienst zu einem großen Teil so gestaltet, daß die Konzelebranten nicht wirklich daran teilnehmen.
Der Chronist von Orietur Occidens stellt das Problem dar.

Samstag, 16. August 2025

Wenn am Sonntag kein Priester da ist

Vor zwei Wochen: in der syrisch-orthodoxen Kirche St. Maria und St. Shmuni ist der Priester zusammen mit Angehörigen der Pfarrei auf einer Reise. Kein Problem: am Sonntag fährt man zur Nachbarkirche, St. Dimet. Sie ist etwa 14 km entfernt, mit Bus und Bahn braucht man etwa 40 Minuten.
Eine Woche später: in St. Joseph ist kein Priester zu haben. Allerdings ist zur gleichen Zeit eine Messe in St. Johannes Nepomuk. Diese Kirche ist etwa 3 km entfernt, mit Bus und Bahn braucht man etwas weniger als eine halbe Stunde. Doch diesen Weg zur Eucharistiefeier will man der Gemeinde nicht zumuten; so gibt es in St. Joseph statt der Messe eine „Wort-Gottes-Feier“.
«Sine dominico non possumus – ohne das Herren[opfer] können wir nicht», erklärte der Sprecher von 49 Christen, die im Jahr 304, während der diokletianischen Verfolgung, in Abitene in Africa proconsularis ergriffen wurden, als sie sich an einem Sonntag morgens zur Feier der Eucharistie versammelt hatten; sie wurden dann in Karthago gefoltert und hingerichtet.

Mittwoch, 14. Mai 2025

„Disruption“

Seit einiger Zeit wabert der Begriff „Disruption“ durch die Medien, die von düsteren Gestalten wie dem neuen argentinischen und dem neuen US-amerikanischen Präsidenten gebraucht wird.
Schon der Begriff weckt Vorbehalte: sprachlich wäre natürlich „Diruption“ die deutlich bessere Form (man sagt ja auch nicht „Disrigent“).
Bisher ich habe ihn eher für eine bedeutungsarme Floskel gehalten. Nun aber bin ich auf einen Artikel von Lukas Franke gestoßen: „Lustvolle Zerstörung“. In ihm wird aufgezeigt, daß dahinter eine Ideologie steckt, die die Macht des Staates und die Bedeutung öffentlich-rechtlicher Einrichtungen letztlich auslöschen will zugunsten des Rechtes des Stärkeren, und das heißt vor allem: des wirtschaftlich Stärkeren. So wird ein anarchistischer Immoralismus gefordert, dessen höchstes Prinzip der Egoismus ist.
Die Begründung: «alle Versuche, die ungestüme kapitalistische Dynamik einzuhegen, seien zum Scheitern verurteilt, weswegen es besser sei, sich der Beschleunigung der Marktkräfte hinzugeben.» Die Rechte des wirtschaftlich Schwächeren werden abgetan, indem sie «als „schlurfende Untote“ verächtlich gemacht» werden.
Der Autor bezeichnet diese „dark enlightment – dunkle Aufklärung“ genannte Ideologie als «eine bizarre Mischung aus Science-Fiction und Popkultur»; sie stellt somit eine Kulmination der Moderne dar.
Danach allerdings baut der Artikel leider ab: er findet plötzlich, daß diese Ideen «auf eine grundsätzliche Ablehnung der Moderne, der Aufklärung und der Ideen der Französischen Revolution hinauslaufen» – ein Gegensatz, den es nicht gibt: als hätten «Science-Fiction und Popkultur» nichts mit Moderne zu tun. Er spricht davon, diese Strömung sei «angereichert mit misanthropisch-elitären Theoriefetzen, die an Ernst Jünger, Oswald Spengler oder auch Julius Evola erinnern» – was auch immer man über Ernst Jünger und Oswald Spengler sagen mag: Anarchisten waren sie nicht.
Oswald Spengler allerdings hat etwas von der Art der „Disruption“ geschrieben: «Die Welt als Beute» war seine Prognose. Doch die hat er erst für das übernächste Jahrhundert gestellt; für unser und das nächste Jahrhundert «Sieg der Gewaltpolitik über das Geld» – das ist ja nicht die Richtung der „Disruption“. Wenn er dann aber hinzufügt: «Zunehmend primitiver Charakter der politischen Formen», kann man ins Nachdenken kommen.
Für Christen und Humanisten entsteht so ein Dilemma, das sich etwa bei den letzten US-Wahlen gezeigt hat: zwei Immoralismen stehen einander gegenüber, der der „Disruption“ und der der Gegenseite mit Abtreibung und ähnlichem Gedankengut. Und es stimmt, daß Präsident Trump politische Gefangene aus der Zeit seines Vorgängers befreit hat. Und natürlich macht das die Idee der „Disruption“ nicht erträglich.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Ad multos annos!

Kurz zuvor hatte ich gesagt, ich wünsche mir Papst Pius XIII. oder Papst Leo XIV. oder Papst Benedikt XVII.; auch Papst Innozenz XIV. wäre schön, etwas süffisant.
Mein Wunsch ist erfüllt worden; so dürfen wir auf einen gesegneten Pontifikat hoffen.
Er ist Augustiner-Eremit; möge er so eifrig für den rechten Glauben sein wie der heilige Augustinus.

Dienstag, 6. Mai 2025

Konklave

Fast genau zwanzig Jahre ist es her, daß eingetreten ist, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte: Kardinal Ratzinger wurde zum Papst gewählt.
Möge der Herr in den nächsten Tagen Seiner Kirche wieder eine ähnliche Freude gewähren!

Samstag, 3. Mai 2025

Fast vergessen: Christen im Gazastreifen

Die Zeitungen und E-Kanäle sind voll von Nachrichten aus dem Gazastreifen. Doch von den Christen dort ist kaum etwas zu lesen. Dank darum der „tageszeitung“, die sich sonst meistens sehr antiklerikal zeigt, die aber, nachdem sie kürzlich über die Christen im Westjordanland berichtet hatte, nun denen im Gazastreifen einen langen Artikel widmet.
«Etwa 1.000 christliche Familien hätten vor dem Krieg im Gazastreifen gelebt», wird berichtet. «Ungefähr die Hälfte, schätzt Ayad [ein orthodoxer Christ], habe den Gazastreifen seit Kriegsbeginn verlassen. Wer eine zweite Staatsbürgerschaft hat, wurde evakuiert, andere zahlten viel Geld für die Ausreise nach Ägypten.»
Sie werden von der Hamas geduldet, leiden aber seit langem, wohl mehr noch als viele Muslime, unter deren Terror; sie leiden jetzt wie alle Menschen im Gazastreifen unter dem Bombardement, unter dem Mangel an Nahrung, an Wasser. «„Nach so langer Zeit, in der die Grenzen geschlossen sind und keinerlei humanitäre Hilfe hereingelassen wird, ist die Lage in vielen Gegenden absolut kritisch“, berichtet Romanelli», der katholische Pfarrer.
Es gibt noch zwei Kirchen in Gaza: die orthodoxe Sankt Porphyrius-Kirche und die katholische Kirche der heiligen Familie (bei der zu Lebzeiten Papst Franziskus täglich angerufen hat). Das Gelände der Kirchen wird nicht bombardiert; so wurde das Kirchgelände zur Notunterkunft für christliche Familien, deren Häuser ja ebenso bombardiert wurden wie die aller anderen Palästinenser. Und natürlich werden auch ausgebombte muslimische Familien aufgenommen.
Das Gelände der Kirchen wird eigentlich nicht bombardiert – aber bei einem israelischen Luftangriff wurde doch einmal das Gelände der orthodoxen Kirche getroffen. Es starben mindestens 17 Menschen, eine ganze Großfamilie.
Den Christen im Gazastreifen, so sagt einer von ihnen, bleibe zu Ostern «nur die traditionelle Liturgie und das Gebet.»

Ein Konzert syrischer Christen

In einer evangelischen Kirche singt ein Chor syrischer Christen. Vor allem geistliche Gesänge, zum Schluß auch Volkslieder.
Hörenswerte Musik; und dankenswerterweise sind viele Einheimische gekommen, sie erfahren so etwas von der syrischen Christenheit. In der Pause ist auch ein Vortrag mit Bildern von syrischen Klöstern eingefügt (die sehr unter dem IS gelitten haben).
Was aber mich besonders beeindruckt: bevor die Sänger zu singen beginnen, machen sie ein Kreuzzeichen, nicht organisiert, jeder für sich.

Dienstag, 22. April 2025

Fastenzeit in der syrisch-orthodoxen Kirche

Eigentlich kein Thema an Ostern; aber beim Osteranruf mit meinen syrisch-orthodoxen Angehörigen (dankenswerterweise haben wir dieses Jahr denselben Ostertermin; es gibt Überlegungen, das für die Zukunft zur Regel zu machen) habe ich, wieder einmal, davon gehört.
Syrisch-orthodoxe Priester müssen in der Regel außerhalb der Kirche ihr Brot verdienen. Der Priester der Pfarrei meiner Angehörigen – ein hochgebildeter Mann – arbeitet als Arbeiter im Mehrschichtensystem.
Nichtsdestoweniger: jeden Abend ein Gottesdienst, der bei besonderer Gelegenheit drei Stunden dauern konnte; und an den entsprechenden Tagen auch zwei Gottesdienste.

Franciscus PP. I. – R. I. P.

Gestorben am Ostermontag, am Tag gleich nach dem hohen Feiertag – es läßt an Johannes XXIII. denken, der am Pfingstmontag gestorben ist.
Sicher überwiegen die schlechten Erinnerungen an seinen Pontifikat; doch darf das nicht seine großen Leistungen vergessen lassen: den Beichten und den Eheschließungen der Piusbruderschaft hat er kanonische Gültigkeit gewährt. Und die Abwegigkeiten des Synodalen Wegs hat er zurückgewiesen.
Und unter seinem Pontifikat wurde angeordnet, die Mißbräuche beim Friedensgruß abzustellen – in Deutschland leider wirkungslos.
Gestern ist er gestorben, morgen ist sein Namenstag. So sei er der Fürbitte des heiligen Georg anvertraut.

Freitag, 18. April 2025

«.. zu meinem Gedächtnis»

Gestern war in der Epistel wieder der Satz zu hören: «Tut dies zu meinem Gedächtnis!» Dieser Satz wurde von den Reformatoren benutzt, das Altarssakrament umzudeuten. Seither klingt die Formulierung «.. zu meinem Gedächtnis» für deutsche Ohren verwirrend. Anlaß genug, darzulegen, was diese Formulierung wirklich bedeutet.

Montag, 24. März 2025

Automatische Übersetzung?

Wer das monastische Stundengebet mitsingen oder auch nur anhören möchte, findet eine schöne Gelegenheit dazu vom Kloster in Le Barroux. Nun wurde eine technische Finesse eingeführt: wenn man vom deutschen Sprachraum aus die Seiten des Klosters aufschlägt, wird man automatisch auf eine deutsche Version dieser Seite umgeleitet. Sind die Texte automatisch übersetzt worden? Oder hat ein Mönch sein altes Wörterbuch gezückt?
(Man lösche in der Netz-Adresse das „de.“, dann hat man wieder die französische Seite.)
Es gibt jedenfalls schöne Ergebnisse:
Offices de chaque jour —
 Tägliche Büros
Horaires des offices —
 Sprechzeiten
Horaires pour aujourd'hui et les jours suivants —
 Fahrpläne für heute und die folgenden Tage
Pour suivre les offices : texte en latin-français —
 Folgen Sie den Büros: Text in Latein-Französisch
Horaires et Écoute des offices —
 Gottesdienste planen und anhören
Retraites individuelles —
 Individuelle Renten
Spiritualité —
 Geistigkeit

Mittwoch, 12. März 2025

Drei Wunder im Garten der Kirche

«Drei Wunder blühen ohne Unterlaß im Garten der Braut Christi: die Weisheit ihrer Lehrer, der Heroismus ihrer Heiligen und ihrer Märtyrer, der Glanz ihrer Liturgie. Und diese drei sind eins!»
(Dom Gérard, Abbaye Sainte-Madeleine du Barroux: La Sainte Liturgie)

Montag, 24. Februar 2025

Aufgabe des Priesters und Usus in Gemeindekirchen

In unserem letzten Heft zu Ehren der heiligen Ewald & Ewald (28/2023) war die Heilige Eucharistie ein zentrales Thema und darunter besonders auch „Die Einheit des Sakraments – Die Austeilung der Kommunion“ (S. 15), die dem Wesen des Sakraments gemäß Aufgabe des Priesters ist.
Und nun erlebe ich am Sonntag in der Kirche in unserem Gründerzeitviertel: Ein Priester ist zu Gast, er konzelebriert. Aber zur Austeilung der Kommunion nimmt er Platz, legt die geweihten Hände in den Schoß und überläßt die Kommunionausteilung dem Hauptzelebranten und einer Laiin.

Sonntag, 9. Februar 2025

Die Riten der Kirche und die Fassungskraft der Gläubigen

«Ritus ... sint fidelium captui accommodati – Die Riten seien der Fassungskraft der Gläubigen angepaßt», so heißt es in Sacrosanctum Concilium, der Liturgiekonstitution des II. Vaticanum (34). Da steht nicht, daß die Gläubigen geistig beschränkt seien und die Riten dieser Beschränktheit angepaßt werden sollten.
Doch offenbar wurde es manchmal so verstanden.
Kürzlich schon haben wir Norbert Lohfink (Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis. I. Probleme beim „Ordo lectionum Missae“) zitiert. Er schreibt da über «eine Diskussion, die auf der entscheidenden Sitzung des nachkonziliaren „Coetus XI de lectionibus“ in Klosterneuburg einen ganzen Tag beanspruchte.» Dort wurde gesagt: «Der moderne Mensch habe keine Zeit mehr und vertrage keine langen Texte.» Wenn der „Coetus“ auch letzte Konsequenzen daraus vermied, so stellt der Autor doch fest, «daß die dadurch entstandene Sensibilität für die angebliche Unfähigkeit des modernen Menschen, einer Sache mehr als einige wenige Minuten zuzuhören, wesentlich dazu beitrug, daß der „Coetus“ mit eiserner Härte an seinen gekürzten und verstümmelten Bibelperikopen festhielt – gegen alle Einwände, und die gab es bald in Menge.»
Wer den Laien nicht zutraut, Lesungen zu verstehen, wird ihnen ebensowenig zutrauen, Riten zu verstehen. Und so mußte ich wieder und wieder erleben, daß während des Gottesdienstes der Ritus erklärt wird, daß etwa während einer Taufe ein Priester – ein ausdeutender Priester also – den Gläubigen erklärt, Chrisamsalbung, Taufkleid und Taufkerze seien «ausdeutende Zeichen». Abgesehen davon, daß die Chrisamsalbung eine hochrangige Segnung darstellt, also nicht einfach ein «ausdeutendes Zeichen» ist: meint der Priester, das könnten die Laien nicht selber verstehen?
Erklären lädt ein, sich dem rationalem Verstehen zu widmen. Aber Liturgie heißt, sich der Begegnung mit dem Herrn zu widmen. Insofern ist die Forderung, die Riten seien «fidelium captui accommodati», eher sinnvoll als das Erklären (dessen wirklicher Platz die Katechese ist).
Aber die Riten der Kirche sind von alters her «fidelium captui accommodati», sie sind von großer Ausdruckskraft. Natürlich versteht von ihnen ein kleines Kind nur ganz begrenzt etwas – aber doch mehr als nichts. Und der Königsweg zum Verstehen ist das Mitfeiern. Laien, die regelmäßig die Liturgie mitfeiern, verstehen sehr viel mehr, als so mancher Priester erwartet.
Zum Beispliel:
Was etwa bei der Taufe ein neues Kleid, was ein weißes Kleid, was eine brennende Kerze bedeutet, wird der gläubige Laie verstehen; und das eigentliche Verstehen geht über das hinaus, was mit Worten erklärt werden kann. Das in der Messe das Kreuzesopfer des Herrn wirklich gegenwärtig wir, hatte er in der Katechese zu lernen; was Teilnahme (participatio actuosa) an diesem Opfer ist, können Worte nicht erklären, das wird er durch ebendiese Teilnahme mehr und mehr verstehen.
«Ritus ... sint fidelium captui accommodati», das kann nur heißen, daß in der Liturgie Christen ständig etwas erleben, was ihre geistlichen Sinne weiter schärft, was all das, was bereits geklärt und einfach erscheint, übersteigt.
Doch wird dem Menschen nur das vorgesetzt, was er leicht versteht, wird ihm alles Verständnis vorgekaut, so entwickelt er sich nicht weiter. Und schließlich wird er sich dabei langweilen – Stimmen säkularer Autoren sind da sehr deutlich: «Was ich verstehe, interessiert mich nicht» (Günther Eich); «Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine» (Theodor Adorno).
Es ist zu befürchten, daß so in den letzten Jahrzehnten Scharen liturgieblinder und -tauber Christen herangezogen wurden.
Ein Versehen, ein Irrweg. Oder? Karl-Rahner schrieb eint einen Aufsatz über das Thema: «Der mündige Christ». Doch was er wirklich von mündigen Christen hielt, zeigt sein und Herbert Vorgrimlers „Kleines Konzilskompendium“: «.. jene Schichten des viel zitierten und vielfach überschätzten „gläubigen Volkes“ [(die folgenden Relativsätze bieten Injurien gegen eigenständige mündige Gläubige)]. Es handelt sich um jene Schichten, denen die Heilssorge der Kirche zwar immer zu gelten hat, die aber keinesfalls zum Maßstab kirchlichen Selbstvollzugs gemacht werden dürfen … diese Wortstarken und teilweise Einflußreichen, aber in der Humanität gescheiterten Randfiguren der Kirche». Erwünscht waren also «mündige» Christen, die sich das vorbehaltlos zu eigen machten, was ihnen von der theologischen Prominenz vorgegeben wurde. Dazu eignet sich eine Liturgie, in der erklärt wird und alles vermieden wird, was zur Entwicklung eigenen geistlichen Verständnisses führen könnte.

Montag, 3. Februar 2025

Bolschewismus und Neoliberalismus – äußerliche Gegensätze, ähnliche Heilslehre

Sigmund Freud erzählte Ernest Jones im September 1919: „Der Mann, mit dem ich mich unterhielt, hat gesagt, der Bolschewismus wird zu einigen Jahren der Not und des Chaos führen, worauf dann der Weltfrieden, Wohlstand und Glück Einzug halten werden.“
(Freud anekdotisch. Herausgegeben von Jörg Drews. München 1970, S. 85)
Vor einigen Wochen war von einem gewissen Hartmood zu lesen: „Die Reduktion des Sozialstaats befreit die Wirtschaft von bürokratischer Last, während die Marktfreiheit und nicht der Staat Wohlstand schaffen sollte. Durch die Senkung der Staatsverschuldung mittels weniger Subventionen und Privatisierung wird eine nachhaltige wirtschaftliche Basis gelegt. ... Die kurzfristigen Härten sind notwendig für langfristiges Wachstum und Stabilität.“
(Hartmood auf taz.de)
Das eine Mal Bolschewismus, das andere Mal Reduktion des Sozialstaats und Marktfreiheit, ansonsten ganz ähnlich. Damals kommentierte das Sigmund Freud: „Ich sagte ihm, die erste Hälfte glaube ich ihm.“ Ich schließe mich seinem Kommentar an, für beide oben zitierte Aussagen.
Wer noch der Phraseologie der „Alt-Achtundsechziger“ mächtig ist, findet die innere Übereinstimmung geschildert in: Die Revolution in L

Samstag, 1. Februar 2025

Die erste Frau auf einem Lehrstuhl in Deutschland – die erste Frau auf einem Lehrstuhl weltweit

Vor gut hundert Jahren, 1923, so war gerade zu lesen, erhielt Mathilde Vaerting als erste Frau in Deutschland einen Lehrstuhl an einer Universität, in Jena.
Die erste Frau, die überhaupt einen Lehrstuhl an einer Universität erhielt, war Laura Bassi, 1732 in Bologna, im Kirchenstaat, gefördert von Kardinal Prospero Lambertini. Dieser, nunmehr Papst Benedikt XIV., bot 1750 auch der Mathematikerin Maria Gaetana Agnesi einen Lehrstuhl in Bologna an; die aber zog es vor, sich fortan der tätigen Nächstenliebe und geistlichen Studien zu widmen.

Montag, 13. Januar 2025

Das Evangelium vom Feste der Taufe des Herrn

In älteren Leseordnung bestanden die Lesungen in der Regel aus einem zusammenhängenden Stück eines biblischen Buches. Daß ein Stück gelesen wurde, bei dem Sätze oder auch größere Textstücke ausgelassen sind, war selten; und es gab das nur bei alttestamentlichen Lesungen und Lesungen aus der Apostelgeschichte. In der neuen Leseordnung ist das häufiger geworden, kommt nun auch bei Evangelien vor.
So auch beim Evangelium vom Feste der Taufe des Herrn im Lukas-Jahr (Lk. 3, 15-16. 21-22). Daß die Verse 19-20 ausgelassen werden, hat einen einleuchtenden Grund: sie bilden einen Exkurs, handeln von der Gefangennahme des Täufers, die erst später geschehen ist, darum auch bei Matthäus und Markus erst später berichtet wird.
Die Verse 17-18 aber gehören wirklich hierher; es gibt keinen vernünftigen Grund, sie auszulassen:
«Schon hält er die Schaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen und den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk und verkündete die frohe Botschaft.»
Diese Verse fallen nicht ganz weg, am III. Adventssonntag erscheinen sie und auch im Matthäus-Jahr ihre Parallele; nichtsdestoweniger ein Mangel an Respekt vor dem Evangelisten.
Eine Erklärung weiß Norbert Lohfink (Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis. Heiliger Dienst 55 (2001) 37-57; I. Probleme beim "Ordo lectionum Missae"):
«5. Dann – was nicht allgemein bekannt ist – gibt es eine Gesamtsumme der Minuten, die alle drei Lesungen zusammen dauern dürfen. Ist eine Lesung ungewöhnlich lang, müssen die andern kürzer sein. Entsprechend sind viele biblische Texte am Rande gestutzt und auch im Innern zusammengestrichen.»
«(Zu 5.) Hinter der festen Zeitregel steht vermutlich vor allem eine Diskussion, die auf der entscheidenden Sitzung des nachkonziliaren "Coetus XI de lectionibus" in Klosterneuburg einen ganzen Tag beanspruchte. Dort schlug nämlich jemand vor, das alte System eigentlicher Lesungen aufzugeben. Der moderne Mensch habe keine Zeit mehr und vertrage keine langen Texte. Außerdem habe die Exegese nachgewiesen, daß in den Evangelien nicht alle Jesusworte wirklich vom historischen Jesus stammten. Deshalb sei es am besten, ähnlich wie in der modernen Produktwerbung mit griffigen Slogans zu arbeiten. Man könne sich dafür kurze und historisch vertrauenswürdige Jesusworte aussuchen. Jedem Sonntag ein knappes, aber eindrucksvoll proklamiertes echtes Jesuswort – das genüge und sei wirksamer als lange Texte.
Nach heftiger Diskussion wurde dieser Vorschlag dann doch nicht angenommen. Aber es scheint, daß die dadurch entstandene Sensibilität für die angebliche Unfähigkeit des modernen Menschen, einer Sache mehr als einige wenige Minuten zuzuhören, wesentlich dazu beitrug, daß der "Coetus" mit eiserner Härte an seinen gekürzten und verstümmelten Bibelperikopen festhielt – gegen alle Einwände, und die gab es bald in Menge.» (Es lohnt sich, weiterzulesen.)
Weiterzulesen – an einer Stelle jedenfalls hat Norbert Lohfink Unrecht: «(Zu 4.) Die Dreizahl der Lesejahre ist erstaunlich reibungslos akzeptiert worden, obwohl es dafür eigentlich keinerlei Tradition gab, zumindest keine christliche» – die Zürcher und Peterlinger Messbuch-Fragmente aus dem Beneventanischen Ritus, der eng mit dem römischen verwandt ist, bezeugen das Gegenteil.
Also eine Art theologisch zensierter Reader’s Digest-Version kirchlicher Lesungen. Was aber die «Gesamtsumme der Minuten» angeht, so ist meistens die Predigt länger als alle drei Lesungen zusammen – hier lohnte es sich, Minuten zu sparen.

Sonntag, 5. Januar 2025

Publicatio festorum mobilium

Die Kirche veröffentlicht heute die beweglichen Feste und liturgischen Zeiten dieses Jahres. Nach nun schon altem Brauch veröffentlichen wir nun wieder die Ostertermine der drei Kalender. Dieses Jahr stimmen endlich wieder einmal Ost und West, julianischer und gregorianischer Kalender überein.
Der erste Frühlingsvollmond ist, wie der gregorianische Kalender richtig berechnet, am Sonntag, den 13. April. Darum ist der 19. April der nächstfolgende Samstag, also die Osternacht.
Doch dieser Frühlingsvollmond hat in Europa und in Vorderasien kurz nach Mitternacht statt. Die jüdische Kalenderrechnung nun setzt ihn schon am Samstag an; darum feiern die Juden schon am 12. April Pascha.

Samstag, 28. Dezember 2024

Kirchliche Feiertage

Von der orthodoxen Kirche kenne ich es, daß an jedem höheren Feiertag, auch wenn es kein staatlicher Feiertag ist (wie es dort ja meistens der Fall ist), die Göttliche Liturgie gefeiert wird (lang!) und am Vorabend die Nachtwache (noch länger!). Priester und Sänger (wenn auch deutlich weniger als an Sonntagen) sind immer vorhanden – obwohl orthodoxe Priester hierzulande meistens noch einem profanen Beruf nachgehen müssen.
Das Fest des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes hat den gleichen liturgischen Rang wie das des heiligen Stephanus. Aber während in unserem Großstädtchen beim Fest des heiligen Stephanus Messen in ähnlicher Zahl wie an Sonntagen gefeiert wurden, herrschte an dem des heiligen Johannes Werktagsordnung: in der Propstei gar keine Messe, in der Kirche in unserem Gründerzeitviertel in der kleinen Seitenkapelle eine Messe mit minimaler Festlichkeit.
Der Priestermangel schlägt bei uns noch nicht allzusehr durch, daran kann es nicht liegen. Und wahrscheinlich wären auch Organist, Kantor und Ministranten zu haben gewesen.
Warum also wird hier uns dieses hohe Fest vorenthalten?

Freitag, 27. Dezember 2024

Die Menschwerdung des Herrn

Der Weihnachtstag selbst, der dies sanctus, galt ganz der Freude über die Menschwerdung des Herrn. Nun, unter der Oktav, ist auch Gelegenheit, sich zu erinnern, was „Menschwerdung“ eigentlich bedeutet, die philosophischen Grundlagen in den Blick zu nehmen.
Zunächst der Mensch:
Der Mensch ist zusammengesetzt aus vernünftiger Seele und Leib. Die Seele ist die Form des Leibes, durch sie wird die Materie zum Leib geformt (Conc. Vienn., Constit. Fidei Catholicæ, D 481 / DS 902).
Dies ist eine Lehre, die in der Katechese kaum erwähnt wird, da es für den, der der aristotelischen Philosophie nicht kundig ist, nicht verstanden werden kann. Dennoch hat das Konzil sie aus gutem Grund zum Dogma der Kirche erhoben.
Eine gute Einführung ist: S. Thomas Aqu.: De ente et essentia.
Darum ist ein Körper ohne Seele – wenn der Mensch gestorben ist – kein menschlicher Leib, sondern nur ein Leichnam; er hat zwar noch die Anatomie eines Menschen, aber es finden in ihm keine Lebensprozesse mehr statt. Darum ist ein Embryo, auch wenn er noch nicht die Anatomie eines Menschen zeigt, doch schon ein Mensch; in ihm finden die Lebensprozesse statt, die ihn zum Kind und dann zum erwachsenen Menschen machen.
«Anima rationalis – vernünftige Seele» hieß es – ist der Embryo schon vernünftig? Jedenfalls ist die Vernunft in ihm schon als Potenz angelegt. Was aber ein Embryo schon geistig leistet, um sich mehr und mehr auf die Begegnung mit der äußeren Welt vorzubereiten, läßt sich von außen kaum sagen; die Beobachtung mit Mitteln der modernen Technik zeigt aber, daß er schon intensiv lernt.
«Sicut anima rationalis et caro unus est homo: ita Deus et homo unus est Christus – so wie vernünftige Seele und Fleisch ein Mensch sind, so sind Gott und Mensch der eine Christus», so lehrt das Symbolum Quicumque.
So also, wie die Seele die Form des Leibes und überhaupt des Menschen ist, so ist die Gottheit Christi die Form Jesu Christi, der aus Gottheit und Menschheit zusammengesetzt ist. Das ist nicht etwa so zu verstehen, daß gleichsam der Mensch Jesus die Materie wäre, aus der durch die Gottheit als Form der gottmenschliche Christus würde, denn ein Mensch ist schon nicht mehr nur Materie, ist schon geformt. Vielmehr wird durch das göttliche Wesen in einem Schöpfungsakt der Mensch Jesus Christus geschaffen, Leib und Seele «simul», zugleich, «unitas», vereint; die Gottheit Christi ist die Form seiner gottmenschlichen Person (Constit. Fidei Catholicæ, D 480 / DS 900). Der Mensch Jesus ist also von seiner Erschaffung an untrennbar mit der Gottheit Christi zu der einen Person Jesus Christus vereinigt.
«Unus omnino non confusione substantiae, sed unitate personae – einer ganz und gar, nicht durch die Vermischung der Substanz, sondern durch die Einheit der Person» (Symbolum Quicumque). In dieser Person Christi bestehen die Enérgiai, Actus, Seinsvollzüge beider Substanzen unvermischt fort, Er ist zugleich im vollen Sinne Gott und Mensch, Mensch mit Leib und vernünftiger Seele. Darum gibt es in Ihm «dýo physikàs theléseis – duas naturales voluntates – zwei Willen der [jeweiligen] Natur» (Conc. Constantinopol. III, Sessio 18, D 291 / DS 556) – den göttlichen Willen, natürlich eins mit dem des Vaters, und den menschlichen, dem Willen des Vaters gehorsam (vgl. Phil. 2, 8).

Montag, 23. Dezember 2024

Macht hoch die Tür

Als in den frühen siebziger Jahren das (damals) neue Gotteslob zusammengestellt wurde, hat, so war zu hören, die zuständige Kommission das Lied „Macht hoch die Tür“ nur ungern, nur weil es im Volk so beliebt war, aufgenommen.
Mein Beichtvater hat es mir nun als Buße aufgegeben. Als ich es langsam, sehr bewußt, gebetet habe, als ich so über die (durchaus liebevolle) Gewohnheit, mit der man es gerne singt, hinausgegangen bin, wurde ich gewahr, wieviel tiefe Bedeutung dieses Lied in sich trägt.

Samstag, 14. Dezember 2024

Kleines Propädeutikum zu den liturgischen Gesten

Die Liturgie lebt von den Gesten. An ihnen zeigt sich, daß die, die mitfeiern, wirklich die Liturgie, die Begegnung mit dem Herrn erleben.
Darum hat auch die Konstitution des II. Vaticanum über die heilige Liturgie Sacrosanctum concilium angeordnet (31.), daß bei der Überprüfung der liturgischen Bücher sorgfältig darauf zu achten sei, daß die Rubriken auch die Anteile der Gläubigen, also auch deren Gesten, vorsehen – in den älteren liturgischen Büchern waren nur die Anteile des Zelebranten, der Ministranten und der Chorassistenz dargestellt worden.
Die Gesten des Volks einzubeziehen ist jedoch in den neuen liturgischen Büchern nur ganz wenig geschehen. Allerdings ordnet Sacrosanctum concilium (28.) auch an, daß in den liturgischen Feiern jeder das tun soll, was ihm der Natur der Sache nach und den liturgischen Normen nach zukommt. Liturgische Normen sind natürlich nicht nur die geschriebenen Normen, sondern auch die, die sich im Laufe der Zeit aus „der Natur der Sache“, aus dem Erleben der Liturgie heraus ausgebildet haben und im Klerus und im Volk, oft stillschweigend, überliefert worden sind.
Alle liturgischen Gesten sind Ausdruck, Ausdruck der Ergriffenheit, der Verehrung – Verneigungen, Kniebeugen –, der demütigen Verbundenheit – Kreuzzeichen. Sie müssen in ihrer Ausführung dieser Haltung, diesem Erleben entsprechen.
Der Altar ist es, auf dem wieder und wieder das Opfer des Herrn Wirklichkeit wird; darum kommt ihm höchste Verehrung zu. Gute Tradition ist es, daß der Priester im Ornat jedesmal (jedesmal!), wenn er an ihn tritt oder an ihm vorbeigeht, sich verneigt. Die Grundordnung des Römischen Messbuchs (122.) hat diese Beschränkung auf eine tiefe Verneigung ausgedehnt auf all die, die mit ihm an den Altar treten; jeder andere (also auch ein Priester, der nicht zelebriert) macht statt dessen eine Kniebeuge. Ähnlich ist es vor einem Kreuz, das Symbol jenes Opfers ist.
Es ist zumindest eine tiefe Verneigung, wie die Grundordnung ausdrücklich anordnet, nicht nur ein Kopfnicken, dabei still stehend, nicht etwa nur im Vorübergehen – eben ein Ausdruck der Ergriffenheit, der Verehrung. Was aber, wenn der Priester, der Ministrant, der Lektor oder der schlichte Gläubige im Kirchenschiff diese Ergriffenheit, diese Verehrung nicht spürt? Er halte inne, vergegenwärtige sich, vor welchem Mysterium tremendum (so Rudolf Otto) er steht, und vollziehe dann diese Geste mit besonderer Achtsamkeit – die achtsam ausgeführte Geste kann etwas an Empfinden mit sich ziehen.
Dem Altar gilt (zusammen mit dem Tabernakel, solange nicht das Allerheiligste anderswo ist, etwa bei der Kommunionausteilung oder einer Prozession) die größte Verehrung; er steht im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Tritt jemand während des Gottesdienstes oder auch davor oder danach zu irgendeinem Dienst aus dem Kirchenschiff in den Altarraum, so wird er zuerst dem Altar seine Verehrung erweisen, bevor er dann an eine andere Stelle geht, ans Lesepult etwa oder an den Kredenztisch. Zurückgehen mag er danach auf direktem Weg.
Das priesterliche Amt bezieht sein Wesen aus dem Opfer des Herrn, dessen Ort der Altar ist. Darum achte der Priester bei allen liturgischen Funktionen, die am Altar stattfinden, daß er nahe am Altar steht, sich so ihm eng verbunden erweist; ein, zwei Schritte wegzutreten und ungerührt einfach mit der Liturgie fortzufahren oder gleich, nach den Vermeldungen, vom Lesepult aus den Segen zu geben macht diese Verbindung unklar. Und natürlich blickt der Priester, wenn er sich nicht gerade, etwa bei einem liturgischen Gruß, der Gemeinde zuwendet, auf den Altar und auf die Opfergaben, wenn sie bereits darauf liegen. Er kann nicht, um ein Gemeindelied mitzusingen, zum Sanctus etwa, das Gotteslob über den Altar halten, um dahinein zu schauen. Das klingt nach einer Quisquilie; doch man sieht es, daß da etwas schräg ist, daß es nicht zusammenpaßt.
„Andacht“ heißt es; alle liturgischen Gesten müssen im Gedenken an das, was da geschieht, an den, um den es in der Liturgie geht, ausgeführt werden. Nur andeutungsweise oder hastig ausgeführte Gesten sind verheerend.
Aber auch das Gegenteil kann der Liturgie abträglich sein. Einmal habe ich eine junge Frau beobachtet, die die ganze Zeit des Gottesdienstes hindurch ständig wechselnde Gebetsgesten vollzieht: sie faltet die Hände, erhebt sie in verschiedener Weise – durchaus nicht ausladend oder ostentativ –, bekreuzigt sich, verneigt sich. Das mag exzentrisch erscheinen oder auch zwanghaft, aber es ist echt, Ausdruck ihrer persönlichen Frömmigkeit. Wenn aber ein Priester am Altar liturgische Gesten, Kreuzzeichen, Verneigungen, das Erheben oder Ausbreiten der Hände, in ganz betont ausgeprägter Form, weit ausladend, ausführt, so kann es sein, daß es geradezu demonstrativ erscheint. Und so mag es auch gemeint seien. Das zeigt, daß er dabei nicht innerlich dem Herrn zugewandt ist, sondern beim Volk ist, ihm etwas demonstrieren will. Und so ist das, was er demonstriert, eben nicht die Hinwendung zum Herrn, sondern nur sein eigener Wunsch, Vorbild oder Lehrmeister zu sein.

Freitag, 13. Dezember 2024

Monstranz und Ziborium

In unserem Diasporagroßstädtchen ist erfreulich regelmäßig Gelegenheit zur eucharistischen Anbetung. Es sind Menschen da, die anbeten wollen; und es findet sich auch immer ein Priester, der die Monstranz ausstellt und später wieder zurückstellt, die Kustodie mit der Hostie ins Tabernakel zurückstellt.
Diese Aufgabe kommt allein einem Priester zu, kein Zweifel.
Dann aber, in der Messe, ist zu sehen, wie ein Kommunionhelfer das Ziborium aus dem Tabernakel holt und nach der Kommunion wieder zurückstellt.
Wenn nur ein Priester die Hostie in die Monstranz einsetzen und wieder herausnehmen kann, nur er die Kustodie ins Tabernakel stellen kann: wie kann bei der Kommunion ein Laie das Ziborium holen und zurückstellen?
Immerhin: es ist wohltuend, zu sehen, wie, während der Kommunionhelfer das Ziborium zurückstellt, Priester und Ministranten, zum Tabernakel gewandt, niederknien.
Aber selbst das ist nicht selbstverständlich: es ist nicht selten auch zu beobachten, wie, während der Kommunionhelfer das Ziborium zurückstellt, der Priester, den Rücken zum Tabernakel und zum Allerheiligsten gewandt, einfach mit der Purifikation der heiligen Gefäße weitermacht.
Natürlich kann man auch fragen, wenn nur ein Priester die Monstranz mit dem Leib des Herrn berühren darf, wieso ein Laie den Leib des Herrn austeilen darf. Doch nach der Grundordnung des Römischen Messbuchs (2007) «kann der Priester außerordentliche Kommunionhelfer zu seiner Unterstützung hinzuziehen», wenn Priester «nicht zur Verfügung stehen und die Zahl der Kommunikanten sehr groß ist.» Die Instructio Redemptionis sacramentum Johannes Pauls II. (2004) faßt es klarer: «Tantum ubi urgeat necessitas – nur, wo eine Notlage drängt» (88), «Quod tamen ita intendatur, ut causa omnino insufficiens erit prolongatio brevis – Das ist trotzdem so zu verstehen werden, daß eine kurze Verlängerung [der Feier der Messe] ein völlig unzureichender Grund ist» (158) – also erst recht die normale allsonntägliche Dauer der Messe mit regulärer Kommunionspendung kein Grund sein kann.
Allerdings bleibt auch das hinter der theologisch gegebenen Norm zurück, wie der heilige Thomas sie darlegt (S. Th. III, q. 82, art. 3).
Siehe auch: W. H. Weyandt: Miscellanea zur Heiligen Eucharistie. E&Ewald 28 (2023), S. 6-18