Das Schloß Boncourt
Ich träum‘ als Kind mich zurücke
Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang‘ ich vergessen geglaubt?
Hoch ragt aus schatt’gen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Türme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke, das Thor.
Es schauen vom Wappenschilde
Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten
Und eile den Burghof hinan.
Dort liegt die Sphinx am Brunnen
Dort grünt der Feigenbaum,
Dort, hinter diesen Fenstern,
Verträumt‘ ich den ersten Traum.
Ich tret‘ in die Burgkapelle
Und suche des Ahnherrn Grab
Dort ist’s, dort hängt vom Pfeiler
Das alte Gewaffen herab.
Noch lesen umflort die Augen
Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
Das Licht darüber auch bricht.
So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.
Sei fruchtbar, o teurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt
Und segn‘ ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.
Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen
Und singen von Land zu Land.
Den Rhythmus der ersten Zeilen dieses Gedichts habe ich für den Anfang des Gedichtes über meine wohl entscheidendste Lebensphase gewählt, ohne dass mir das sonderlich bewusst geworden wäre. Zu vertraut sind mir die Zeilen.
Vertrauter als „Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten …“, die Vergleichbares aussagen.
Das Gedicht insgesamt ist mir wenig vertraut, auch wenn es mir gefällt.
Adelbert von Chamisso war wohl der erste Lyriker, der auf Deutsch über sein Außenseitertum dichtete, ohne dass dies seine Muttersprache gewesen wäre. Er hat diesem Außenseitertum eine Gestalt gegeben, die er Peter Schlemihl nannte – nach dem jiddischen Ausdruck für Pechvogel; also ein doppeltes Außenseiterschicksal. Mit dieser Erzählung ging er in den Literaturkanon ein. Schlemihls verlorener Schatten ist auf vielerlei Art gedeutet worden, darunter ist auch der Verlust der Heimat, wie in dem zerstörten Kindheitsort unseres Gedichts.
Chamisso, der auch Louis and Adélaide hieß, woraus später Ludwig und Adelbert wurde, stammte aus einer adeligen, vielköpfigen Familie in der Champagne – das Schloss hatte wirklich den paradiesischen Namen Boncourt. Als Adelbert gerade elf Jahre alt war, musste die Familie vor der Revolution fliehen. Obwohl er sich in Deutschland nie ganz zu Hause fühlte, entschloss sich der Dichter, nicht nach Frankreich zurückkehren, als es unter Napoleon wieder möglich war. In Deutschland wurde er Schriftsteller, Botaniker, ein angesehener Naturforscher und Weltumsegler, wie auch in den letzten Versen unseres Gedichts erkennbar wird. Als Lyriker ist Chamisso heute nicht mehr sehr populär, doch manche seiner Verse sollten uns auch heute noch ansprechen.
Während Französisch Chamissos Muttersprache war, schuf er bedeutsame Werke in der deutschen Sprache. Am bekanntesten sind Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814) und das Gedicht Das Riesenspielzeug (1831) über die Burg Nideck im Elsass. Auch seine Reise um die Welt (1836) findet wieder zunehmend Beachtung.
Robert Fischer bezeichnet ihn in seiner Biografie als „frühen Bürger Europas“, der „die Gegensätze zweier Nationen erfahren und in seinem Leben zu vereinen“ gesucht habe. „Seine Hinwendung zur Natur und die Konsequenz, mit der er schließlich seine Neigung zum Beruf machte, die Erfahrungen des Weltreisenden als Teilnehmer einer russischen Entdeckungsexpedition; die liberalen Anschauungen des aus einem alten Adelsgeschlecht stammenden Dichters, der sich bis in seine letzten Jahre hinein einen Blick für soziale Missstände bewahrte und für alles Neue aufgeschlossen blieb, rücken seinen Lebensweg, der vor mehr als 150 Jahren endete, in ein verblüffend aktuelles Licht.“