Ein neuer Anlauf [abc.etüden 03.04.22]
Das Jahr ist gerade mal eine gute Woche alt, ich sitze auf dem Sofa und höre das Feuer knistern. Draußen nur Dunkelheit und Kälte. Minusgrade. Dann ein Geräusch. Freundlich klopft der Herr Kater an der Terrassentür an, ich möge ihn hereinlassen. Es dauert, bis ich mich aus der wärmenden Decke geschält, den weihnachtsgestärkten Körper in die Senkrechte und einen Fuß vor den anderen gebracht habe. Ich öffne die Tür, aber nur einen Spalt, der Weihnachtsbaum ist im Weg, zudem diese unerbittliche Kälte, die sich schneller als die kleine Raubkatze ihren Weg in die Wärme und durch mich hindurch schneidet. Bevor sich erste Frostbeulen ihren Landeplatz suchen, fällt die Tür laut in ihre derzeitige Sollstellung, das bereits gespülte, aber noch nicht aufgeräumte auf dem Tisch gestapelte Geschirr klappert auffällig und erinnert mich wenig schmeichelnd an diese dekadente Unbeweglichkeit, körperlich wie geistig, die sich meiner bemächtigt hat und tonnenschwer an mir festgekettet ist. Bis ich mich wieder in die Decke eingearbeitet habe, gehen Minuten vorbei. Im TV läuft irgendetwas, ich erinnere mich kaum noch, aber der Kater hat noch Hunger. Wieder stehe ich auf. Schüsse aus der Flimmerkiste. Dem Eigenbrötler hinterher trabend erinnere ich mich an den Herbst 2019, als sich meine Beine ähnlich anfühlten wie in diesem Moment. Eben mit dem Unterschied, dass ich eben einen Weg von vielleicht zehn Metern zurücklege, seinerzeit waren es stolze 42,2 km. Der Wackelpudding in den Beinen verrichtet unzweifelhaft seine Arbeit, das Katzenfutterlager wird zum Marathon-Zielbereich, niemals mehr wollte ich mir das antun, doch jetzt habe ich dieselbe Situation durch Nichtstun erreicht, das unbewusst angestrebte und auch erreichte Ziel. In der Ecke lungern die Laufschuhe und schauen mich an. Vor der Tür dunkle Nacht. Langsam drehe ich mich um, hole die Laufuntensilien aus dem Schrank, schnüre die Schuhe und öffne unverdrossen die Türe in die sibirische Kälte.
Besser fühlen beim Samba tanzen
Wer gut aufgepasst hat, dem wird es aufgefallen sein: ich bin auf den Vinylzug aufgesprungen. Ob dies Sinn ergibt? Das liegt vielleicht an der individuellen Betrachtung. Die Vinylfraktion ist ein guter Kundenkreis, da bereit, den ein oder anderen Euro für die ein oder andere Platte liegen zu lassen, gerade da es das alles für weniger Geld ebenfalls zu kaufen gibt, zudem gibt es die alten Klassiker ohnehin auf den gängigen Streaming-Medien. Aber, mein Retrogen in mir möchte die „music in my hands“ halten.
Mit Abraxas von Santana (*1970) habe ich meinen Klangkosmos rückwärts aufgefrischt, diese Platte hatte tatsächlich noch nicht in meinen Haushalt gefunden. Im Dunstkreis einer kleinen Großstadt gibt es nun durchaus gute Adressen für altes und neues Vinyl und die Chancen stehen gut, mich da in einem Plattenladen beim Stöbern zu erwischen. In diesem Fall habe ich mich für die Neuausgabe entschieden, kein Fehler, wie sich hören lässt.
Ein Klassiker nach dem anderen ziert diese Platte, nebenbei ein Poster, das meine Mitbewohner zittern ließ, ob ich es wohl aufhängen würde. Gefahr gebannt, kein Reißnagel und kein Tesa wird das Poster verunstalten. Es ist kaum zu glauben, wie frisch Abraxas in der Neuausgabe klingt, alleine die Dynamik, dann ein klarer Klang, die Band spielt fast vor mir im Raum. Ja, manchmal muss man es einfach krachen lassen. In dieser Fassung eine Platte, die mich in eine andere Welt mitnimmt, mich den ganzen Alltags-Schwachsinn vergessen lässt und mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder entlässt.
Klar, die üblichen Verdächtigen finden sich auf Abraxas, sei es Black Magic Woman, Oye Como Va oder auch Samba Pa Ti, letzteres wunderbar druckvoll auf diese Platte gepresst. Und klar, „Hope You’re Feeling Better“ ist hier Programm!
Und jetzt nochmal von vorn. Play it loud.
Wer suchet, wird finden
Wer gut aufgepasst hat, dem wird es aufgefallen sein: ich bin auf den Vinylzug aufgesprungen. Ob dies Sinn ergibt? Das liegt vielleicht an der individuellen Betrachtung.
Schon vor Jahren ist mir in meinem musikalischen Kosmos der US-Amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau begegnet, manchmal sperrig, manchmal umwerfend, zunächst jedoch schwierig. Ich überwand die Schwelle, als er einige Lieder meiner Haus- und Hofmusikgruppe Radiohead coverte und diesen ein fulminantes Jazzkleid überzog. Umwerfend. Vor einigen Jahren konnte ich ihn dann tatsächlich live bewundern. Umwerfender. Bereits 2019 veröffentlichte er „Finding Gabriel“, ein Album mit Liedern, benannt nach Bibelstellen. Das irritierende Cover und auch der Bibelbezug ließen mich zögern, nun dreht sich jedoch das feine Vinyl mit kristallklarem Klang auf meinem Plattenteller. Eine knappe Stunde Spielzeit, verteilt auf zwei schwarze Scheiben, Seiten A, B, C und D.
Was Herr Mehldau hier entworfen und umgesetzt hat, ist schlichtweg großartig. Hier finden sich Jazz, Pop, Electro, Ambient, Drum & Bass, ein wilder Mix, gepaart mit Sprechgesang, Unterhaltungen, Gesang und Chören und zahlreichen nicht minder großartigen Gastmusikern. Diese Platte geht nie ins Extrem, hat aber viele Gesichter, wenn man so will, eine moderate Achterbahnfahrt. Ein Jahr im Leben mit den vier Jahreszeiten. Wer mit den unterschiedlichen Musikstilen etwas anzufangen weiß, findet seine Freude, auch weil sich dennoch ein roter Faden durch die Musik zieht, alles scheint zusammengehörig. Ich weiß heute nicht mehr, welche Platten 2019 erschienen sind, aber diese hier ist seit heute der Topfavorit, sie öffnet die Sinne und lässt die Gedanken fliegen. Schwerelos.
Rock ’n‘ Roll
Weekly Photo Challenge: Depth
The four Horsemen
opened the first seal,
I saw the first Horse.
[…]
the second Horse is red,
the third one is a black,
the last one is a green.
[…]
opened the fourth seal,
I saw the fourth Horse.
The Horseman was the Pest.









