Ach, wie die Zeit vergeht: Inga Humpe wurde gestern 70

Da spielen im wilden Mauerberlin-West der frühen 1980er Jahre die „Neonbabies“, eine Wave-Punk-Band, darin Inga mit ihrer älteren Schwester Annette singt und musiziert. Aus dem Rheinland Ende der 1970er nach Berlin gestoßen, dorthin, ins Chaotische, kreativ Gärende verschlagen, wo es schon damals manchen illustre aber auch verlorene Gestalt aus Westdeutschland – und das meint für den Berliner alles, was zur BRD gehört – hinzog. Wo Kunst und Punk sich koppelten. Dichter, Texter, Sänger, Musiker. Die neuen Wilden, Expressivität und Avantgarde. Berlin in Randlage, Kreuzberg von drei Seiten von einer Mauer umgeben.

Die „Neonbabies“ machten Songs, die an der Neuen Deutschen Welle orientiert waren, einprägsamer als der doch raue Berlin-Punk, wie etwa der von PVC, eine der ersten Berliner Punk-Bands. Diese auch am Erfolg ausgerichtete Musik nun wieder brachte ihnen die Verachtung etwa der Einstürzenden Neubauten, wie man Jürgen Teipels Oral History dieser wilden Punk-Wave-Jahre in dem wunderbaren mit vielen Details, mit Tratsch und Klatsch versehenen Buch „Verschwende Deine Jugend“ entnehmen kann. Das war ein ungerechter Vorwurf, aber sicherlich wirkte diese Musik von den Neonbabies „mundgerechter“ als das, was diverse Berliner Avantgarde-Bands musikalisch trieben. Zugleich jedoch sollte man bei dieser Band sehen, daß Frauen in den frühen 1980er Jahren auch in einer eher links sich gerierenden Musikszene keinen leichten Stand hatten. Sie waren meist nur als Groupies vorgesehen oder als Beiwerk, um erlesenen Männerdiskursen über Musik, das Leben und die Kunst still zu lauschen. Kaum aber als eigenständige Musikerinnen. Die „Neonbabies“, der Name bereits weist auf die Wave-Ästhetik, brachten neben einer ersten Version von „Blaue Augen“, jenem späteren Hit von „Ideal“, auch eine großartige Coveversionr von „Jumpin Jack Flash“: treibend, ein Rausch von Berlin, einer dieser kriminellen Ausgehabende in einer neuen Gestalt von Rock, nämlich auf Wave gebürstet. Und diesen neuen Sound zeigten die Neonbabies auch in „Spaß muß sein“. Ein bis heute feiner Song, aus einer lange vergangenen Zeit. Emanzipation war nicht mehr bloß das Klagen, was einem alles vorenthalten wird, sondern es ging ums Machen: Gründe eine Band, sing, spiel Gitarre oder Baß oder trommele!

Was mich an Inga Humpe interessiert, ist weniger ihr gesamter musikalischer Weg, den habe ich bei ihren Bands „Humpe & Humpe“ und bei DÖF nicht wirklich verfolgt und diese Codo-Sauseschritt-Liebemitbring-Phase hat mich so ganz und gar nicht interessiert, sondern vielmehr der Umstand, daß sie und ihre älteres Schwester Annette Anfang der 1980er Jahre in Berlin begriffen, was ging und daß sie sich in diese Wellen warfen und daß beide eine Musik zu genau jener Zeit schufen. Sie ließen sich nicht abbringen – das ist eine ziemliche Leistung.

Lange aber war es nach den 1980ern um Inga Humpe ruhig, nach jenen Wave-Jahren, die dann schnell auch wieder in der Versenkung verschwanden und allenfalls bei sentimentalen Revivals und Klassentreffen zuweilen ausgegraben werden. („Ideal“ und Joachim Witt allerdings und teils auch die frühen Songs von „Trio“, das bleibt in meine Sicht, bis heute bestehen und hat Bedeutung. Das prägte, erzeugte einen Rausch des Augenblicks, besaß Ausdrucksqualität und das heißt also jene Intensität, wo Musik und Lebensgefühl junger Menschen auf eine bestimmte und einmalige Weise zusammenschießen. Davon gibt es nicht viele Phasen im eh kurzen und irgendwie dann doch langen Menschenleben und wenn man 70 geworden ist.)

Dialektik der Zeit, daß Annette Humpe mit „Ideal“ die frühen 1980er prägte und Inga Humpe dann mit „2raumwohnung“ die 2000er Jahre – samt diesem Zeitenwechsel, in den diese Musik fiel und der bis heute uns bewegt, vor allem politisch. (Daß beide Schwestern auch als Produzentinnen wirkten, sei nur am Rande erwähnt.) In den 1990er Jahren fiel mir Inga Humpe nicht weiter auf, was freilich wenig besagen muß, denn meine 1990er Jahren waren sowieso weniger von Musik als von Texten aus Philosophie und Literatur geprägt. Dazu Kino und Theater. Es war die Bernhard-Zeit, es war die Derrida-Zeit, es war die Luhmann-Zeit, es war die Zeit der literarischen Postmoderne. Es war die Celan-Zeit und die Zeit Hölderlins und Kleists. Tief in Texte verweht. Eine Art Zauberreich. Lesen. Nicht schreiben. Brinkmann-Zeit mit Mondlicht und mit Novalisʼ „Fichte-Studien“ und seinen Fragmenten. Und irgendwann waren diese wunderbaren Jahre, diese schöne Zeit des Studierens und Lesens zu ihrem Ende gelangt. Es begann die Zeit der Arbeitswelt: 1999 der Umzug nach Berlin.

Und dann dieser Kairos um 2000 bzw. 2001, daß Inga Humpe zusammen mit Tommi Eckart in ihrer Band „2raumwohnung“ den Sound, den Ton, die Musik für einen bestimmten Zeitgeist und vor allem auch den Song-Text für das Lebensgefühl genau dieser unbeschwerten Jahre traf, dieser letzten Monate im Sommer vorm Herbst im September 2001, dieses Gartenlied, diese besondere Stimmung im Berlin der frühen 2000er Jahre als vieles noch möglich schien. Der Song zu einer neuen Pop- und Clubkultur. Das vielleicht, was man melancholische Unbeschwertheit nennen könnte. (Den szenigen Leuten sicherlich ein Graus, weil Ausverkauf, wie ihnen dünkte.)

Es platzte dieser Song in jene sich ihrem Ende neigende Phase, die letzten Zuckungen anarchischer Unordnung und Wildheit der 1990er der nun endlich ungeteilten Stadt, zu der die vielen Bars, Cafés und Clubs, vor allem aber in Sachen Kunst auch Frank Castorfs Volksbühne gehörte, aber auch die Kunst-Werke Berlin in der Auguststraße. Anything goes. Dazu ein Ostwort als Bandname. Eine Spanne von zehn Jahren, die im Übergang zu jenen Nullerjahren ihr Ende fand, ein Zeitenwechsel, für den dieser Song adäquater und vor allem spielerischer Ausdruck war, aber zugleich doch weiter sich bewegte und einen kreativen neuen Rhythmus ausbildete, der vielleicht noch weitere zehn Jahre in einer Art Schwundform und im Residuum anhalten sollte und dann endgültig verglühte. Als Ende der 1990er, Anfang der 00er Jahre auch die Medien und ebenso die Werbung die Stadt Berlin entdeckten. Das Ende liegt immer im Anfang. Die Volksbühne war etablierte Avantgarde. „Ist das Leben wie ein Spielfilm oder geht’s um igendwas?“ Noch war das alles Spiel. Aber zugleich auch ließ sich aus diesem Song auch eine Art existentielle Langeweile herauslesen:vielleicht auch eine Boomer-Hymne und derer aus der Gen X, die nun erwachsen wurden.

Wie die Zeit vergeht, als dieser wunderbare Song 2001 herauskam. Eines der Stücke aus der ersten LP von 2raumwohnung und das wurde schnell zum Sommerhit der Stadt. Eine Art traurigschönes Liebeslied, vom Sound schon auch melancholisch-verhangen. Auf eine bezaubernde Weise: „Denn das viele An-dich-Denken, das bekommt mir nicht.“ Das ist bald 25 Jahre her. (Wenn ich von meiner Geburt 25 Jahre zurückdenke, schreiben wir das Jahr 1939 – soviel zu den Dimensionen der Zeit.) Das war Sommer in Berlin, das war ein wunderbares und noch deutlich anderes, offenes Berlin.

Populär wurde dieser Garten-Song durch die Karo-Zigarettenwerbung – eine Ostmarke muß man für die jüngeren Leser hinzufügen. Als die Menschen noch rauchten, so auch ich. Wenn ich Geld hatte eine Luky Strike im Mundwinkel (natürlich ohne Filter!) und ein Rieslingglas in der anderen Hand und wenn ich weniger Geld hatte (oder der Wein schlecht war) eine Selbstgedrehte und Bier. Vor allem aber war diese Musik eine Sommerhymne, obgleich in einer der Zeilen auch Schnee vorkommt („es hat seit Tagen nicht geschneit“). Mit dem roten Toyota-Starlet durch eine noch autofreundliche Stadt cruisen, ich erinnere mich sogar noch, 1999 durchs Brandenburger Tor gefahren zu sein. Ausflüge mit dem Toyota ins unentdeckte Oberschweineöde, nach Weißensee, nach Friedrichshagen in diesen seltsamen Osten, in Lichtenberg gab es noch die Nazi-Kieze mit jungen Rechtsextremisten, spazieren zu Heiner Müllers Hochhaus, „Fickzellen mit Fernheizung“, in Friedrichsfelde dicht beim Tierpark. Auch und vor allem Musik prägt Erinnerungen, die sich zuweilen mit einer gewissen Sentimentalität mischen.

Und da waren 2001 beim Flanieren noch die letzten Reste des alten Prenzlauer Bergs, Nähe Kollwitzplatz, Wasserturm, mit der Bar „Anita Wronski“, die die Betreiber, da bin ich mir sehr sicher, nach der Bedienung im Café des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg benannten. Diese schon alte bzw. in unseren Augen alte Frau war ein Unikum, die Frikadellen in der kleinen Mensa waren selbstgemacht. Sie konnte schluffige Pädagogik-Studenten böse anranzen, sie pfiff jene, die ihr Tablett nicht wegbrachten scharf zurecht, sie war nie unfreundlich, aber wen sie nicht mochte, den ließ sie es spüren, und sie konnte zugleich, wenn man sie zu nehmen wußte, liebenswürdig sein. Was Anita Wronski haßte, war studentische Überheblichkeit. Wiede eine dieser Reminiszenzen an eine vergangene Zeit, die sich im Namen eines Cafés bewahrte. Dazu beim Spazieren Anfang der 2000er eine Oranienburger Straße und eine Auguststraße, die noch nicht glattgebügelt waren.

Den roten Toyota parken, aussteigen, flanieren. Weinbergpark. Spazieren an der Spree, trinken im Schleusenkrug. Berlin war zu dieser Zeit noch relativ günstig. Das alte Westberlin war ein wenig out. Die schönen Teile des Osten riß sich schon die neue Berlinjournaille und die Irgendwas-mit-Medien-Generation untern Nagel.

Durch die Kieze streifen und im Sommer 2001 im Ohr diese wunderbare Hymne. Melancholisch, schön, verspielt. Ein wenig verdreht. Irgendwas von Liebe. „Später gehn wir in den Zoo“. „Wie ein Fuchs in einem Zeichentrick“, Versatzstücke und Lebenssound auch, nach der Erwerbsarbeit. „Am nächsten Tag bin ich so müde …“ Es war eine Unbeschwertheit in dieser Musik, aber auch etwas Zweifelndes, und es klang aus diesem Sound im Jahre 2001 und 2002 schon heraus, daß es nicht immer derart weitergehen würde. Party und Leichtigkeit waren ein Spiel auf Zeit. Also lebte man den Moment. Ich weit ab vom Schuß, im ruhigen St. Eglitz, um dafür von dem einen oder der anderen belächelt zu werden in einem doch sehr langweiligen Kiez zu wohnen. Ich wußte sehr wohl damals schon, weshalb es gut war, in die wohlbehütete Altbauregion am Rand zu ziehen. Und ich ließ die Leute und lasse sie bis heute in genau diesem Glauben, daß es hier langweilig und öde ist.

Unvergessen bleiben jene Sommermonate zu dieser halb unbeschwerten, halb melancholischen und doch auch gut tanzbaren Musik, darin sich der Körper wiegt. Doch im September 2001 gab es noch einen weiteren Einschlag, der die Zeit wenden und drehen sollte. Politisch würden wir wohl nie wieder in solchen unbeschwerten Jahren wie den 1990ern und jenem Sommer 2000 und 2001 leben. Wenngleich sich manches Verhängnis im Rückblick bereits abzeichnete.

Sicherlich ist diese Art von Popmusik gut werbekompatibel. Weil in der Tonart weich. Aus Leichtigkeit freilich kann schnell auch Nachlässigkeit werden. Aber in diesem Musikstück paßte alles: die Stimmung, die Melancholie und auch eine gewisse Verunsicherung, von der man sich aber doch nicht verdrießen ließ. Daß ausgerechnet eine Zigarettenmarke sich eine Musik herauspickte, die genau das Lebensgefühl dieser Zeit, in Kombination mit Videobildern, auf den Ton brachte, dürfte von gutem Instinkt zeugen. Zigaretten verkauften damals vor allem Image und Haltung. Berlin war nun auch als Partystadt für breitere Schichten auserkoren. Der Easy-Jet-Tourismus began und leider auch die Mär von „arm, aber sexy“, die sich einige Jahre später als Verhängnis erweisen sollte. Und doch brachte dieser Song neben dem Werbeerfolg für eine Zigarettenmarke vor allem eine Lebenshaltung zum Ausdruck.

Einen ähnlichen Hit schaffte „2raumwohnung“ noch einmal mit „36 Grad“ dann zu den ausgehenden 2000ern und ein echter Hitzesommerhit. All dieses Feiern an der Spree und an den Ufern, gleichsam Tanz auf dem Vulkan und noch einmal durchstarten. Es war die Zeit der Berlin-Hymnen, federführend sicherlich „Seeed“.

Der Song „36 Grad“ traf von Musik und Text immer noch jenes Lebensgefühl in Berlin – und im Grunde auch schon im aufstrebenden Leipzig, das eigentlich das bessere, weil unerkannte Berlin damals war – der Clemens Meyer wußte schon sehr genau, warum er von dort nach Berlin nicht hinwollte. Als sich im Osten die Wessis breitmachten und die Westjournaille und Medienfuzzis samt Kunstleuten sich die besten Wohnungen unter den Nagel rissen, im Bötzow- und im Winskiez; und rund um den Kollwitzplatz war es lange tot, aber es gab eben immer noch all die Seitenstraßen im Prenzlauer Berg. Mit den nun immer mehr und schön sanierten Altbauten.

Es war dieses Lied von jenem Garten und das vom 36-Grad-Sommer zugleich auch ein Abgesang. Es waren jene Mittedreißiger und Anfangvierziger, die immer weiter feiern wollten: die Furcht erwachsen zu werden, ist kein so ganz neues Phänomen. Doch bei aller Nostalgie mancher: Das Berlin der 1990er Jahre war endgültig vorbei und verweht. Und mit der neuen Mediaspree dann in den 2010er Jahren verschwanden die letzten Refugien von Wildwuchs am Ufer, die ich 2013 bei einer Spreerundfahrt noch betrachten durfte: Das alles ist nicht mehr. Musik ist Bewußtsein einer Epoche oder aber einer bestimmten Lebensphase. Sie ist in Ton und Text geronnene Zeit – wie eben jenes „Wir trafen uns in einem Garten“. Jene wunderbaren Jahre einmal wieder.

Das Wort zum Jahresbeginn – unter anderem von Harald Lesch gesprochen – samt einem veritablen Stromausfall in Berlin

Hohoho, wie witzig Harald, Pausenclown des öffentlich-rechtlichen Bezahlfernsehens und sicherlich gut alimentiert, so daß bei Stromausfall über sechs Tage das beste Hotel vor Ort für Harald gerade gut genug ist. Aber sorgen Sie auf keinen Fall vor! Im besten Deutschland seit es Deutschland gibt, kann es zu Stromausfällen gar nicht kommen. Spätestens seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine und im Blick auf seinen Hybridkrieg gegen Deutschland sollten wir wissen, daß es auch anders zugehen kann. Bei dem Angriff aufs Stromnetz von Berlin handelt es sich in diesem Fall um einen Anschlag von Linksextremisten. Genausogut aber sind für die Zukunft auch russische Sabotageakte denkbar. Berlin ist hierfür schlecht gewappnet.

Putin wird sehr genau hinsehen, wie Deutschland diese Tage seit Samstag bewältigt. Auch im Blick auf eine bereits im Vorfeld erfolgende Abwehr von Terror, auch im Blick darauf, wie zentrale Knoten unserer Infrastruktur gesichert sind – anscheinend sehr schlecht, wie sich seit diesem Samstag und auch schon nach den linksextremistischen Anschlägen in den letzten Jahren gezeigt hat. Putin muß nach Deutschland keine Truppen schicken, um im Land ein maximales Chaos zu erzeugen. Es reichen ein paar gedungene Saboteure aus, und auch die Verbindungen von Linksextremisten und Moskau ist ja keine ganz neue Angelegenheit, wenn wir an die 1980er Jahre denken. Waldemar Alexander Pabst formulierte es derart:

„In Zeiten des Kalten Krieges gab es in der Bundesrepublik sowjetische Sabotageeinheiten für den Kriegsfall, die als Schläfer völlig integriert unter uns lebten. Rekrutiert wurden diese Landesverräter im Dunstkreis der DKP, sie waren Überzeugungstäter. Von Sprengungen bis zum gezielten Mord waren Aufträge möglich. Im Überschwang der schönen 90er mit der Wiederverenigung, hat man selbst die Enttarnten nicht verfolgt, der Mantel des Vergessens breitete sich auch über dieses Kapitel menschlicher Niedertracht.

Die engen Verbindungen des sogenannten palästinensischen Terrorismus mit dem KGB sind so bekannt, wie die daraus hervorgegangene Hilfestellung der Stasi für die Baader Meinhof Bande, die ja letztlich ein Ableger dieses weltweiten nahöstlichen Mordgesindels war. Die Lubjanka mischte überall führend mit und wusste alles.

Linker Sabotageterrorismus, wie gestern in Berlin, macht uns bereits seit Jahren zu schaffen, wenn ich mir die Ziele ansehe, Energieinfrastruktur und Eisenbahn, scheint es, als wären es Testläufe. Es ist überaus naiv, zu glauben, dass der Kremlstrolch, der einen Krieg zur Erlangung der Hegemonie über Europa gegen uns als Möglichkeit in Vorbereitung hat, diese Neuzeitterroristen nicht seit langem im Fokus hat. Nicht jeder von diesen Freizeittätern mag sich dessen bewusst sein, das spielt aber gar keine Rolle.“

Und auch der Militär-Blogger U.M. schreibt es im Blick auf Rußland treffend:

„Wer glaubt, Aufrüstung sei Unfug, weil die NATO Russland eh überlegen sei, sollte aufmerksam verfolgen, was derzeit in Berlin abgeht.
Denn da meinte jemand, man sollte eine Wehrübung zur Resilienz der Energie-Infrastruktur durchführen.
Das Ergebnis eines Brandes an einem neuralgischen Punkt. Das schafft eine Shaheed Drohne leicht.
Davon hat Russland im vergangenen Jahr etwa 170 auf die Ukraine gefeuert. Pro Tag. 5100 pro Monat. Im Durchschnitt. Bei Angriffen ging die Zahl bis 800+ in wenigen Stunden.


Und Russland weiß, wo unsere Kabel sind.
Und unsere Flughäfen.
Unsere Bahnhöfe, Bank-Server, Postverteilzenten, Verkehrssteuerungen, Kraftwerke, Raffinerien und Tankstellen, Autobahnen, Stadien, Logistikzentren, Krankenhäuser…


Ihr wollt über Pazifismus diskutieren?
Dann werdet erwachsen und hört auf mit Eurem infantil-naivem Scheiß.
Oder geht aus dem Weg.
Niemanden interessiert, ob Ihr „an die Front“ müsst.
Die Front kommt zu Euch.“

Und auch im Blick auf die Berichterstattung in den ÖRR-Bezahlmedien hinsichtlich des Terroranschlages aufs Berliner Stromnetz liegt manches im argen. Sie ist, freundlich gesprochen, dreist. Bei der rbb-Abendschau vom Sonntag (4.1.2026) eine debil-dauergrinsende Moderatorin und natürlich kein einziges Wort davon, daß es sich um einen linksextremistischen Terroranschlag handelt – was seit Samstagabend bzw. Sonntagmorgen allgemein bekannt ist. Ein Terroranschlag wird zum Stromausfall umgelabelt. Kein Wort davon, daß es sich um Terroristen handelt, die den Tod von Menschenleben in Kauf nehmen. Als sei diese entsetzliche Lage für rund 30.000 Menschen irgendein Naturschicksal, das die Stadt ereilt und welches  wie ein unabwendbares Fatum über die Bewohner Berlins hereinbricht. Was wäre gleich als Auftakt in der rbb-Abendschau los, wenn der Anschlag von Rechtsextremen begangen worden wäre? Es gäbe Krisengespräche und Alarmnachrichten noch und nöcher. Und das ganz zu recht! Und immer wieder würde von der rbb-Moderatorin Leonie Schwarzer betont worden, wie gefährlich rechter Terror ist.

Und nicht minder dreist die Tagesschau, die in der Manier der Aktuellen Kamera die Botschaft verbreitet: Alles gar nicht so schlimm, wir stellen jetzt das Positive heraus und lassen Leute erzählen, wie gut sie betreut sind. Daß Alte und Pflegebedürftige völlig unzureichend versorgt wurden, wie immerhin noch die rbb-Abendschau zeigte: Kein Wort davon. Daß ein Patient mit Pflegstufe 5 völlig unversorgt in einer Sammelunterkunft saß, ohne Essen, ohne zureichendes Trinken: kein Wort davon. Die Tagesschau lügt, indem sie wegläßt. Dieses Medium braucht niemand. Für die Betroffenen ist es ein Hohn. Immerhin dürfen sie 70 Euro pro Nacht für ein Hotel selbst bezahlen. Die Bürger werden sich merken, wie man mit ihnen umgeht.

Diese Art von „Journalismus“ hat System, wie der Journalist Ulli Kulke auf Facebook ganz richtig schreibt.

„In BERLIN werden VIELE ZEHNTAUSENDE Einwohner eine knappe Woche OHNE STROM und ohne Heizung sein bei der klirrenden Kälte, viele Alte, Familien usw. Ursache: ein TERRORANSCHLAG von LINKSEXTREMEN auf das Stromnetz. In der Abendschau aber, ÖRR-Nachrichtensendung des regionalen TV-Senders RBB, wird das Ganze wie eine NATURKATASTROPHE behandelt. Eine gute Viertelstunde lang die Lage der Menschen, Reparaturen, Abhilfe, teilweise Wut – über mangelnde Flexibilität der Behörden.

LINKSRADIKALITÄT dagegen – KEIN THEMA. Nur im Interview mit dem Regierenden Bürgermeister kurz angesprochen. Und der hat es nötig gefunden, wörtlich darauf hinzuweisen: Das war Terrorismus, und: „das muss man ganz klar sagen“. In einem Tonfall quasi: man müsse das wohl so akzeptieren. An wen hat sich der Christdemokrat wohl gerichtet?

Auch die Innensenatorin kam zu Wort, allerdings zum Thema Einbindung der Feuerwehr und Polizei. Linksradikalität, ihre Zuständigkeit – null angesprochen.

Anwohner, die sauer auf die Terroristen waren, hat man offenbar nicht getroffen. Merkwürdig.

Man stelle sich nur mal ganz kurz vor: Rechtsradikale hätten das verursacht. Hätte Wegner da auch daran erinnert, das müsse man „ganz klar sagen“, quasi entschuldigend? Nein. Es wäre das Hauptthema gewesen, nicht die Lage. Innenpolitiker, innenpolitische Sprecher aller Parteien wären zu Wort gekommen, Parteienverbote thematisiert worden. Die Innensenatorin hätte konsequenteres Vorgehen gegen rechts angemahnt.

Diese Schieflage ist derart schräg, wie allerdings auch erwartbar.

Übrigens eben die Tagesschau: Dito, genau dasselbe. Es hat System.“

Und all das wird sich vermutlich auch 2026 nicht ändern.

Zu den Rauhnächten die Mixkassettentage: „den Daumen in der Veddel- Hose“

„Wir sangen mit zu jedem Lied
Von Abba, Bowie, Kiss und Sweet
Und ich war nie mehr so bekloppt verliebt
Wie damals in dich
Als wir am Weserufer lagen
In unsern Mixkassettentagen“

Musik, die vermutlich nur Boomer verstehen: aber genau so war es – nur daß der Weserstrand bei uns in Hamburg die Elbe war. Und zuweilen die Alster oder einfach nur das Wandsbeker Gehölz samt dem Eiscafé Jakobs und einem Ententeich.

„Dann fingen wir zu knutschen an
Du warst an meinem t-shirt dran“

Ein wunderbarer und geiler Mitsingsong, der den Geist und den Ton dieser Zeit trifft: Mixkassettentage aus den 1970er Jahren und später, aus Liebe, aus Lust und aus eitelschöner Jugend heraus gemacht, damals vor dem Radio hockend („Musik für junge Leute“), Musik aufnehmend, auf dem Schulhof nach Mädchen schauend, imaginierend, wünschend, Monas sichtbare Sliplinie unter der Jeans, das was man die ausgehende Kindheit und den Beginn der Jugendzeit nennt. Die Klassenreise nach Bad Harzburg mit 14, Carola, die mich in eines der leeren Zimmer mit den Doppelstockbetten zog, auf eines der Betten warf und Knopf samt Reißverschluß der Wrangler-Jeans (natürlich!) öffnete. Direktheiten, kein Herumgerede, wie es später dann beim verkopften Körper geschah, um der Sache doch wenigstens einen intellektuellen Anstrich zu geben: „Also, den Übergang vom Menschen zum Übermenschen bei Nietzsche, das ist doch eigentlich bis heute, auch für die Kunst, ein schwer lösbares Problem.“

Mit dem Fahrrad, das selten nur ein Bonanza-Rad war, weil zu teuer, durch Hamburg-Horn und Billstedt gurkend.

Wie ich auf solche Musik komme? Ich hörte sie durch einen Zufall. Als ich vorgestern abend, winters und Frost im Anflug, mit dem Auto von Hamburg nach Berlin aufbrach, kurz vorm Eidelstedter Markt durch die Radioprogramme streifte und bei NDR Schleswig-Holstein wegen der Verkehrsnachrichten und den Wetterwarnungen hängenblieb. Und da kam dann das! Was für eine Wucht, dachte ich. Sofort den Sound lauter drehend und mit Begeisterung. Mitsingend und mich ins Herz treffendes! Sentimental, direkt und schön eine Epoche in Musik gebracht. Ina Müller kannte ich eigentlich eher aus ihrer Abendshow und von wenigen Liedern her. Ich mag ihre freche, norddeutsche Art. Das Unverblümte.

Schöner Song auch für Zwischen-den-Jahren in den Zeiten der Rauhnächte, da die alte Zeit wiederkehrt. Ob das Kitsch ist? Ja. Bester Art. Mixkassettentage, das war unsere Zeit!

Es lassen sich Geschichten erzählen. Wir sangen mit zu jedem Lied!

Im Fotoalbum ist noch Platz
Ich kleb‘ euch alle darin ein
Und dann kommt ihr ins Regal
Und vielleicht staubt die Zeit euch ein
Vielleicht staubt die Zeit euch ein

Sie tut es nicht, wenn wir diese Szenen des Lebens bewahren und als Augenblick und Vergangenheit festhalten.

Kommen Sie gut ins neue Jahr, liebe Leserinnen und Leser!

Kleine Weihnachtsgabe: Rolf Schulten „A 100“. Samt einem Bericht zu Chat GPT

Rolf Schultens’ Fotobildband „A 100“ ist ein Buch über eine Autobahn, die mitten durch Berlin führt. Die A 100 und ihre Abzweigungen sind die Verkehrsadern der Stadt und ein Ausbund an Beton und Schauerlichkeit, aber sie bieten zugleich Mobilität. Bleibt die Frage, wie man einem solchen funktionalem Netz mit den Mitteln der Photographie dennoch ein Maß an Schönheit entlocken kann. Schulten gelingt das, indem er zeigt, was ist. Er vermeidet explizite Kritik, und im Grauen des Grau-in-Grau-Betons verstecken sich zuweilen Anflüge von Schönheit. Darin liegt die Stärke des Buches, es wedelt mit keinem Zeigefinger und der Ästhetiker kann noch diesem kalten Klotz Stadtautobahn einiges an Ausdruck, aber auch skurrile Momente ablauschen – so etwa den Luisenkirchfriedhof nahe der Anschlußstelle Spandauer Damm: Menschengräber und ein Ort der Stille an einer der verkehrsreichsten und am dichtesten befahrenen Straßen Deutschlands. Schultens Photographien sind kühl, schon qua Sujet, aber sie klagen nicht unmittelbar an. Dennoch springen auch die schlimmen Momente ins Auge, etwa jene Wohnhäuser direkt an der Autobahn Ecke Kaiserdamm und Messedamm Nord – der Blick auf die Autobahn und eine Geräuschpegel, der niemals abreißt -, samt den Unwirtlichkeiten von Beton und Asphalt.

Unter diesem Pflaster liegt sicherlich nicht der Strand, sondern vielfach nur kaputte Erde und Überbleibsel aus dem letzten Krieg, aber doch gebiert dieses Asphalts- und Betonszenario eine eigene Form von Schönheit, etwa die 70er Jahre-Ästhetik des Tunnels unter dem Innsbrucker Platz, wenn Kacheln und Fliesen schimmern, dazu die Architektur des Betonbrutalismus. Faszinierend auch die Durchfahrt unter dem Degewo-Hochhaus in der Schlangenbader Straße, der A 104, die inzwischen wegen Tunnelschäden auf unabsehbare Zeit gesperrt ist. Wer Berlin kennt, liest aus solchen Photographien zugleich die Berlin-Misere und die Dysfunktionalität dieser Stadt heraus: ein Teilstück der Autobahn, das auf unabsehbare Zeit in genau diesem Zustand bleibt, in dem es gerade ist und was mit den Jahren sich also zu einer Ruine entwickeln wird. Eine Ruinie immerhin unter staatlicher Beobachtung.

Fast nie sind Menschen auf den Bildern zu sehen. Und auch jene Objekte, für welche die A 100 eigentlich gemacht wurde, fehlen komplett: nämlich die Autos. Wir blicken auf eine Autobahn ohne Automobilität, kein Fahrzeug nirgends – fast wie 1973 zur Zeit der Ölkrise und der Fahrverbote. Diese Leere gerade macht den Reiz der Photographien aus.

Die Fotografien zeigen zudem, was sonst nicht zu sehen ist, wenn der Fahrer mit seinen 90 km/h über die Autobahn braust und sich auf den Verkehr konzentrieren muß, ohne Sinn für die Ästhetik dieses langgestreckten sich über Kilomenter hinziehenden Bauwerks, ohne Blick für die Architektur und all die Details, die eine solche Autostraße ausmachen: Brückenpfeiler, Lärmschutzwände, Vegetationsreste, Lichtflächen, Kacheln, Wände, Beton, Häuser. Schultens’ Kamera bleibt dort haften, wo der Blick des Autofahrers zwangsläufigerweise längst weitergezogen ist. Die Autobahn, derart festgehalten, erscheint als eine Landschaft eigener Ordnung, als eine Art negatives Stadtzentrum, ja, im Sinne des Ethnologen Marc Augé als ein Nicht-Ort von ganz eigener Ordnung, nach der Logik von Beschleunigung und Transport, am Modus von Reise und Fortbewegung ausgerichtet. Auf der A 100 existieren keine Räume zum Verweilen, weil es keine Raststätten dort gibt. Außer vielleicht im Auto selbst, wenn der Pendler einmal wieder in einem der vielen Staus festhängt und genügend Muße haben könnte, die eigene Umgebung mit dem Augen eines Fremden, eines Ethnologen gar, zu studieren.

Was dem normalen Betrachter in seinem flüchtigen Blick zunächst als bloßes Phänomen der Infrastruktur scheint, verwandelt sich Seite für Seite in eine Zone des Schwebens: ohne Autos steht plötzlich die Zeit plötzlich. Die A 100 ist bei Schultens kein Ort des Ankommens, sondern ein Zwischen-Ort, eben im Sinne Augés auch. Durch den Blick der Kamera sehen wir Betrachter die Stadt und ihre Verkehrsachsen und Schneisen plötzlich mit einem anderen Auge. Schultens Bilder verweigern den spektakulären Gestus der urbanen Fotografie ebenso wie die nostalgische Verklärung. Stattdessen operieren sie mit Distanz, mit Wiederholung, mit dem leichten Versatz des Blicks. Es sind stille und ruhige, zuweilen fast meditative Photographien, die in ihrer Zurückhaltung diesem Bildband seine Intensität verleihen.

Daß bisher niemand auf die eigentlich naheliegende und geniale Idee gekommen ist, die Berliner Stadtautobahn und ihre Abzweigungen und Zubringerstraßen zum Photo-Sujet zu machen und in eine Serie bzw. in ein Buch zu bringen, verwundert. Um so besser, daß Rolf Schulten auf diese Idee verfiel und uns einen schönen Bildband fertigte.

Rolf Schulten: A 100, Kettler Verlag März 2025, 32,00 € (leider vergriffen, aber Restbestände sind noch beim Photographien bestellbar)
Weitere Photographien sind auf der Verlagshomepage an dieser Stelle zu sehen.

Hinweis: Ich habe mir den kleinen Vorweihnachtsspaß gemacht, bei Chat GPT eine Anfrage zu starten: „Schreibe mir eine positive Rezension von Rolf Schultens Fotobildband A 100. Im Stil eines intellektuellen Blogartikels wie etwa dem Blog AISTHESIS von Bersarin.“ Ganz zufrieden war ich allerdings mit dem Text, den Chat GPT auswarf, leider nicht. Ich habe ihn erheblich überarbeitet und nur wenige Sätze und Formulierungen direkt übernommen. Insofern tat ich mit meinem „eigenen“ Artikel genau das, was eigentlich Redakteure machen: nämlich redigiert und komplett umgeschrieben, wenn ein Redakteur mit seinem Autor nicht zufrieden ist..

Was mir allzu waghalsig oder in den Formulierungen zu steil schien, habe ich herausgenommen. So diese Passage:

„In der scheinbar nüchternen Dokumentation der Berliner Stadtautobahn entfaltet sich ein leiser, insistierender Essay über Zeit, Blick und die eigentümliche Ästhetik der funktionalen Moderne. Man könnte sagen: Schultens fotografiert nicht die A 100 – er denkt sie.“

Irgend etwas stört mich an diesem Satz, vielleicht die Aufladung, auch wenn ich die Tendenz nicht ganz falsch finde. Und auch mit diesem Satz bin ich nicht wirklich zufrieden:

„‚A 100‘ ist damit ein Fotobuch, das sich der schnellen Konsumierbarkeit entzieht. Es verlangt Langsamkeit, Wiederlektüre, das geduldige Verweilen beim scheinbar Nebensächlichen. Ganz im Sinne eines Blogs wie AISTHESIS ist Schultens’ Arbeit weniger eine visuelle Aussage als ein Denkraum: ein Angebot, die Autobahn nicht nur zu sehen, sondern sie wahrzunehmen – und sich dabei selbst ein Stück weit zu verlieren.“

Denn das, was Chat GPT mir vorschlägt, sollte eigentlich für jeden Bildband gelten. Photographien wollen langsam, sehr langsam zuweilen, erschlossen werden, selbst jene die in schrillem, wilden Sound von Bewegtheit und Aktion daherkommen, wie etwa William Kleins sehr genialen Photographien aus dem New York der 1950er Jahre. Erst beim intensiven Sehen erschließt sich jegliche (gelungene) Photographie: der Blick fällt auf Details und wir entdecken bei solchem Schauen Weiteres, was unserem Auge beim ersten Betrachten entging. Die Idee mit dem Denkraum aber hat mir zugleich auch wieder gut gefallen. Der Bezug freilich weniger: den jeder Bildband ist trivialerweise eine visuelle Aussage, mag sie auch ausfallen, wie sie will.

Und auch hinsichtlich der philosophischen Aufladung war diese Passage mir ein wenig zu viel überschießende Interpretation:

„Dabei liegt dem Band eine eigentümliche Zeitlichkeit zugrunde. Die Bilder scheinen aus der Zeit gefallen, ohne ins Historische zu kippen. Sie erinnern an Benjamins Idee des dialektischen Bildes: ein Moment, in dem sich Gegenwart und Geschichte kurzschließen, ohne sich aufzulösen. Die A 100 wird zum Archiv einer Moderne, die nie ganz neu war und nie ganz veraltet sein wird.“

Die Überlegung zum Archiv ist in der Tat gut, aber Archiv – im Sinne des Alltagsverständnisses – und Gedächtnis sind Photographien fast immer und insofern erscheint mir diese Formulierung als Allgemeinplatz. Richtig ist allerdings, daß wir in solchen Bildern die (Auto-)Moderne der 1960er Jahre wiedererwecken und zur Anschauung bringen: Der kalte Funktionalismus, die autogerechte Stadt, auch auf Kosten der Natur. Ein wenig wie in den 1970er Jahren jene bunten Bildserien-Drucke, die wir im Kindergarten zu sehen bekamen und darauf erst das gemütliche kleine Dorf mit den schönen Bäumen, den alten Häusern, dem Dorfweiher, den Enten und Tieren zu sehen war, dann die ersten Erweiterungen, eine neue Straße, neue Häuser, immer ein Stück mehr Moderne und im letzten Bild schließlich ein Betonklotzeinkaufszentrum samt einer Autobahn sehen, über die ein unendlicher Verkehr sich ergeht. Kritik des Fortschrittsparadigmas. Schultens Buch macht das freilich subtil, denn man kann diese Bilder auch rein ästhetisch betrachten, so wie ich es tue. Chat GPT sieht das derart:

„In dieser Geste der Ausstellung liegt eine subtile Form der Reflexion: Die Bilder laden dazu ein, die eigene Beziehung zu urbanen Räumen, zu Mobilität und zu Wahrnehmungsroutinen zu befragen. Man liest – oder besser: betrachtet – den Band wie einen stillen Kommentar zur spätmodernen Stadt, in der Funktionalität zur zweiten Natur geworden ist.“

Das ist nicht falsch und eigentlich schön formuliert. Das hätte ich ruhig in die Rezension aufnehmen können. Auch wenn es nicht von mir stammt.

Bondi Beach (Australien), Dingolfing (Niederbayern) und was das mit dem Islam zu tun hat

Unter den Ermordeten von Bondi Beach war auch der aus der Ukraine stammende Holocaust-Überlebende Alex Kleytman. Er wollte seine Frau schützen und starb durch die Kugeln der muslimischen Terroristen.

Es ist immer das gleiche Muster. Henry M. Broder brachte es in einem Streitgespräch mit Eva Marie Kogel bereits 2016 auf den Punkt, und zwar im Blick auf Zuwanderung aus muslimischen Ländern:

„Es ist völlig irrelevant, wie viele der 1,6 Milliarden Muslime sich in die Luft gesprengt haben. So, wie es irrelevant ist, wie viele Deutsche ein Parteibuch der NSDAP hatten. Oder wie viele als IM der Stasi zugearbeitet haben. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass so gut wie alle, die sich in die Luft gesprengt haben und dabei andere mitgenommen haben, es mit dem Ruf „Allahu akbar!“ taten. Oder fällt Ihnen einer ein, der „Gelobt sei Jesus Christus!“ oder „Baruch ha’Schem!“ gerufen hat, während er die Leine zog?

Es ist mir übrigens völlig egal, seit wann in islamischen Ländern gesteinigt wird. Es zählt nur, dass es heute gemacht wird, in Anwesenheit von Menschen, die mit einem Bein in der Barbarei und mit dem anderen in der Moderne stehen und die Steinigungen mit ihren Handys filmen.

Ich verweigere jede Art von Verständnis für diese Art von Kultur. Ich will sie auch nicht importieren. Ich will keine Debatten führen über Kopftücher im öffentlichen Dienst, über Schwimmunterricht für Mädchen, über Männer, die Frauen keine Hand geben wollen, über Schweinefleisch in Kantinen und „kultursensible Pflege“ in Krankenhäusern. Und auch nicht darüber, wie viel Islam im Islamismus steckt.

Ich will auch nicht genötigt werden, mich mit dem Koran zu beschäftigen, weder von weiß gewandeten Salafisten in der Wilmersdorfer Straße noch von Ihnen.

Bleiben Sie bei Ihrer Wertschätzung für das „klassische islamische Recht“, das offenbar von den Kolonialherren versaut wurde.

Und sobald Sie den Islam gefunden haben, der mit Demokratie kompatibel ist, sagen Sie mir bitte Bescheid.“

All of old. Bereits vor neun Jahren und auch vor 25 Jahren schon lagen diese Probleme mit dem politischen Islam offen zutage. Es gab eine Zeit, da mußten sich Juden in Deutschland vor Rechtsextremisten fürchten. Das ist lange her – was nicht bedeutet, daß es keinen rechtsextremistischen Antisemitismus gäbe. Im Augenblick geht für Juden aber – in Deutschland und weltweit – die Gefahr für Leib und Leben von Muslimen aus, die von Linken klammheimlich oder aber auch offen unterstützt werden. Und diese Linke reicht qua Kultur- sowie Universitätsbetrieb und qua Israelberichterstattung der ÖRR-Medien weit bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

In La La Land aber werden auch nach dem xten Attentat durch Muslime wie immer die üblichen Phrasen des Bedauerns abgesondert, ohne daß irgend etwas geschieht oder daß solches wie in Dingolfing irgendwelche Konsequenzen nach sich zöge. Und auch nach wiederholten Straftaten arabischer Antisemiten auf einer ihrer Demonstrationen hat es keinerlei Konsequenzen: nämlich den Entzug des Aufenthaltstitels in Deutschland und die sofortige Abschiebung nach rechtskräftiger Verurteilung. Das Gegenteil geschieht vielmehr: so jene aus Tunesien stammende Frau, die auf dem Steindamm – einer Hochburg des Islams in Hamburg – am 10. Oktober 2023 für eine NDR-Reportage nach ihrer Ansicht zum Massaker der Hamas an Israelis gefragt wurde und antwortete: „Das ist gut, sehr gut sogar. Ich freu mich, daß die so etwas geschafft haben. […] Wir haben gefeiert zu Hause!“ Statt den Aufenthalt dieser Frau in Deutschland zu beenden und sie wieder nach Tunesien zurückzuschicken, gab es eine Geldstrafe auf Bewährung. Ein Rechtssystem, das Antisemiten Rosen auf den Weg streut. Am entlarvensten ist freilich dieser Satz dann gewesen: „Der Frau sei nicht bewusst gewesen, dass es sich um einen Fernsehbeitrag gehandelt habe, der ausgestrahlt werden sollte.“ Na, dann ist ja alles in Ordnung!

Treffend bringt es Ulf Poschardt in seinem heutigen WELT-Artikel mit der Überschrift „Die Verantwortung der Migrationsverklärer“ auf den Punkt:

„Die Zukunft des Westens steht auf dem Spiel. Die Feinde Israels sind die Feinde jüdischen Lebens, und die Feinde jüdischen Lebens sind die Feinde eines freiheitlichen, fortschrittlichen und aufgeklärten Westens. Die ungesteuerte Migration aus muslimisch geprägten Kulturen hat Antisemitismus in einer Weise normalisiert, die ebenso skandalös wie erschreckend ist. Noch übler sind die Allianzen zwischen Linken und Islamo-Faschisten – oder auch rechten Ekelpaketen wie Tucker Carlson, der seinen antisemitischen Mist mit Linken wie der UN-Antisemitin Francesca Albanese teilt.

Warnungen davor, dass ungezügelte Einwanderung aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und Pakistan, aber auch aus Nordafrika die Sicherheit und sogar das Überleben der jüdischen Gemeinden im Westen gefährdet, wurden immer wieder kalkuliert als „Islamophobie“ und „Rassismus“ diffamiert. Die „Refugees Welcome“-Euphorie ignorierte in ihrer stumpfen Zuversicht, was offenkundig war. Karl Lagerfeld sagte es 2017: „Wir können nicht Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.“

Viele Migrations-Akteure sparen ihre befreundeten Milieus im Kulturbetrieb bis heute von vernichtender Kritik aus. Die berühmte „Man-wird-ja-noch-sagen-dürfen“-Fraktion ist längst nicht nur ganz rechts zu finden, sondern vor allem in der Mitte und links der Mitte – wenn es um die Akzeptanz antisemitischer Israelkritik geht, als postkolonialer Aktivismus umlackiert.

Der Terroranschlag auf eine Chanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney steht sinnbildlich für die Wehrlosigkeit des Westens, der in Gestalt der beiden Attentäter mit dem Scheitern der eigenen Integrationspolitik konfrontiert wird. Man akzeptiert, dass eine antiwestliche, unaufgeklärte, in Teilen mittelalterliche und gegen Juden, Schwule und Frauen gerichtete Moral einwandert. Sonntagsreden, in denen die Mehrheitsgesellschaft dazu aufgerufen wird, noch liebevoller mit jenen umzugehen, die ihre Werte mit Füßen treten, sind zu einem Schauerstück der Realitätsverleugnung geworden.

[…]

In den sozialen Medien lässt sich längst der O-Ton jener islamistischen Influencer studieren, die den Deutschen als „Beutegesellschaft“ den Kampf ansagen, sie als Schweinefleischesser denunzieren und als Ungläubige verachten. Dazu passt, dass Ditib nun einen Erdogan-treuen Vorsitzenden hat, der den Antisemitismus aus türkischen Moscheen nach Deutschland bringt. Und an den Universitäten hat sich das „postkoloniale“ Ressentiment breitgemacht. Wie das konkret aussieht, konnte man an der TU und der FU Berlin beobachten. Die Rückgratlosigkeit der Hochschulpräsidenten ist ebenso erbärmlich wie die Hilflosigkeit der Politik. Studenten, die antisemitische Aggressionen an deutschen Hochschulen ausleben, müssten konsequent exmatrikuliert werden.

Durch die Verklärung der Migration verliert das linksliberale, bürgerliche Milieu die politische Mitte. Diese hält seine Protagonisten längst für arrogante Realitätsverweigerer, die sich zu fein sind, ihr realitätsfremdes Gejubel über „Diversität“ zu korrigieren. Weihnachtsmärkte gleichen Hochsicherheitstrakten, und vereitelte Terroranschläge wie jener von Dingolfing sprechen eine deutliche Sprache. Der Hass der islamistischen Täter meint nicht nur Juden, sondern auch Christen. Doch die Kirchen schweigen. Sie haben sich in die Geiselhaft des linken Zeitgeists begeben.

Wer Deutscher werden will, muss sich glaubhaft zum christlich-jüdischen Abendland bekennen – nicht im Sinne einer Konversion, sondern im Sinne einer Verteidigung von dessen Werten. Jeder Antisemit ohne deutschen Pass sollte das Land verlassen. Jeder Antisemit mit doppelter Staatsangehörigkeit sollte den deutschen Pass verlieren und gehen. Wir brauchen harte, unmissverständliche Zeichen dafür, dass es ein freiheitliches Deutschland nur gibt, wenn dort jüdisches Leben existiert – und zwar nicht eingesperrt in einen von israelischen Sicherheitskräften und Dutzenden von BKA-Beamten geschützten Safe Space.

Deutschland ist ohne jüdisches Leben nicht vorstellbar. Es ist aber sehr gut vorstellbar ohne jedes Spurenelement des Islamismus. Und ebenso ohne jene zynischen, saturierten intellektuellen Verlierer, die sich in den „radikalen Verlierern“ (Enzensberger) des Islamismus ein Double ihres Hasses auf den Westen gesucht haben.

Nur wer konsequent Antisemiten abschiebt, darf auch Sonntagsreden vor den Chanukka-Leuchtern halten. Wer das nicht will, sollte besser schweigen.“

Zum Tod von Martin Parr

Der britische Photograph Martin Parr ist gestorben. Alt wurde er leider nicht – geboren am 23. Mai 1952 im der englischen Stadt Epsom und gestorben am 6. Dezember 2025 in Bristol.

Bekannt wurde Parr vor allem mit seinen Strandphotographien. Teils absurde Bilder, die es in dieser Art wohl nur in England geben konnte, gerade auch aufgrund der Klassenlage dort und dem immer stolzen Bewußtsein für die eigene Herkunft. Einerseits. Aber zugleich zog es Parr mit seinem Thema „Strand, Meer und Menschen“ auch in andere Regionen, so an die Copacabana, nach Punta del Este in Uruguay, nach Cartagena und Valparaiso in Chile, Mar del Plata in Argentinien, ins indische Goa: da sehen wir einen jungen nordeuropäisch-bleichen Mann im Sand liegen, von links spazieren zwei Inder in voller Bekleidung am Meer, rechts beim Mann eine junge Frau in einem roten Badeanzug, Kleidung liegt verstreut im Sand und in der Mitte des Bildes steht seelenruhig und ungestört ein helles Rindsvieh direkt vorm Wasser.

Strände der Welt in China, in Belgien, Spanien und der Ukraine, Strand, Meer und Palmen sogar in einer Halle, nämlich in Japan der absurde Ocean Dome in Miyazaki, wo Strandleben im Studio simuliert wird. Menschen, die sich am Meer sonnen, Frauen und Männer, die vor sich hinschnarchen, eine ältere Frau, die auf einer Bank an der Strandpromenade in Weymouth den „Sunday Mirror“ liest. Aber auch „The sun“ ist am englischen Strand beliebte Lektüre. Dazwischen immer wieder Absurdes. Der Mann mit graubehaarter Brust, der einen gelben Plastikball an seinen murmelrunden Bauch hält. Strandspaziergänger in Bikini und Badehose, ausgestreckt daliegende Sonnenhungrige, die da mit gespreizten oder verschränkten Beinen lungern. Man weiß nicht, was die Menschen zum Wasser ans Meer zum Sonnenbaden zieht, aber eine Antwort darauf ist vielleicht zu finden in dem Buch mit dem sinnigen Titel „Life’s a Beach“.

Gehalten sind die Photographien in einem kühlen, sachlichen Licht. Die spezielle Atmosphäre dieser Bilder entstand durch den Einsatz eines besonderen, im Freien und bei Tageslicht eingesetzten Blitzes, der ein kaltes Licht produzierte, dazu satte Farben, manchmal ins Blau- oder ins Rotstichige tendierend. Klar konturiert, scharf. Parr portraitierte die englische Gesellschaft, oftmals die unteren Schichten, so wie in der Serie „New Brighton, Merseyside“ aus „The Last Resort“ (1983–86). Parr hält Häßliches wie auch Entstelltes fest, die englische Unterschicht und ihre Art des Konsums, und verschafft Entstelltem und Häßlichen doch mittels solcher Photographien einen ganz eigenen Reiz. Seine Bilder denunzieren nicht. Sie sind schrecklich und schön in einem.

Man machte ihm den Vorwurf des Voyeurismus – mag sein. Aber jeder gute Photograph ist ein Voyeur, der seine Objekte in dieser oder in jener Weise in Szene setzt. Zudem hängt es vom Blickwinkel ab, ob wir mit Eiscreme beschmierte Kinder oder eine Mutter, die sich am Strand vor einem Bagger sonnt, während das Mädchen dort spielt, Eimer und Schaufel im Vordergrund, als Zurschaustellung von Peinlichkeiten oder aber als unverstelltes Leben interpretieren. Nicht Klassismuskrams, sondern klare Klassenkontur. Parr zeigt, was ist und er spitzt es mittels Licht und Film zu. Eine großartige Photographie.

Es ist, wie es ist. Zeigen, was ist, so das Motto des Phänomenologen. Freilich bestimmen Filmwahl, Zeit, Blende, Licht sowie Ausschnitt und Weglassen von Kontext zugleich auch die Sicht auf das Phänomen. Das Faktische ist, wenn wir es vom Lateinischen nehmen, immer auch das Gemachte.

Man sollte freilich nicht den Fehler begehen, nur an Parrs Strandbildern festzuhängen. Parrs Photographien sind auch in seinem Frühwerk ästhetisch innovativ und zugleich immer auch ein Stück Sozialreportage und ästhetische Inszenierung in einem – so etwa seine bereits 1974 in Farbe gehaltene Arbeit „Home Sweet Home“, seiner Abschlußarbeit an der Kunsthochschule in Manchester. Nicht bloß Photographien zeigte Parr, sondern eine Intallation, darin mit der Referenzialität des Mediums Photographie wie auch mit bestimmten Lebenswelten gespielt wurde, Mitte der 1970er Jahre eine für die Photographie schwer avancierte Darbietung. Parrs Photos hingen in einem Photo, welches ein Wohnzimmer zeigte, darin eben seine Photos hingen, real präsentiert, als Environment, wiederum in einem kleinbürgerlichen englischen Wohnzimmer. Lebenswelt des englischen Kleinbürgertums. „Kunstforum“ schreibt anläßlich der Parr-Ausstellung samt Rekonstruktion dieser Installation 2004 in den Hamburger Deichtorhallen: „Dies ist nicht nur die Welt, die Parr fotografisch erforscht (vergleichbar zu John Waters in den USA). Es ist eine Welt, die ihre eigenen Bilder generiert, deren formale Varianten Parr mit eigenen Bildinhalten koppelt. Publizistischer Nachkömmling dieses Verfahrens sind zahlreiche seiner konzeptuellen Bücher. Die Urlaubspostkarte und das Fotoalbum sind die Inkunablen dieser Bildwelt …“

Und konsequenterweise gibt es im „Neuen Museum Nürnberg“ die Ausstellung „GRAND HOTEL PARR. Fotobücher von Martin Parr“ (noch bis zum 22. Februar 2026). Bilder sind Medien, die nicht nur bloß Gegenstände, Landschaften, Menschen oder andere Lebenwesen zeigen und repräsentieren, sondern zugleich auch auf einen Repräsentationsraum angewiesen sind. Und das eben erzeugt Blickachsen und bezieht auch die Betrachter in solche visuellen Prozesse von Wirklichkeitsfindung mit ein.

Auch Parrs frühen Schwarzweiß-Photographien zeigen bereits seinen Faible fürs Szenische, aus der klassischen Streetphotography, aus der Dokumentarphotographie kommend und doch waren diese Photographien immer auch perfekt komponiert. Insofern ist es konsequent, daß er der Photoagentur Magnum angehörte. Aber auch in diesen frühen, genialen Bildern in Schwarzweiß finden sich der für Parr typische, wohl sehr britische Humor und auch sein Sinn für besondere Szenen.

Bei seinem Wechsel zur Farbphotographie Mitte der 1980er Jahre schärfte er diesen Blick und transformierte ihn ins Fahrwasser der neuen, technischen Moderne. Jene 50er-Jahre, die wir uns, wie aus der Zeit gefallen, immer ein bißchen noch in Schwarzweiß vorstellen oder allenfalls in den üblichen, hübschplüschigen Pastellfarben – obgleich Parrs s/w-Aufnahmen allesamt in den 1970er Jahren entstanden -, wurde bunter. A new England, ein neues England scheint auf: das nämlich der Konsumwelt und der Freizeit. Während wir in seinen frühen Photographien aus den 1970er Jahren immer noch jenes (scheinbar) traditionelle England in Schwarzweiß vor uns glauben, wie wir in Deutschland es uns aus alten Filmen vergegenwärtigen – promient sicherlich das inszenierte England in den Edgar-Wallace-Filmen -, schreiben wir mit den Farbdokumentationen eine andere Zeit, die zugleich aber auch schon wieder historisch ist, wenn wir diese Photographien von der Gegenwart betrachten.

Parrs Sujet sind vor allem die Menschen in ihrer Umgebung und ihrem (nicht immer natürlichen) Habitat. Ich habe mir immer gewünscht, derart Menschen ablichten zu können. Aber dafür muß man vielleicht Menschen mögen. Oder sie eben doch ganz besonders hassen. Und da sehe ich dann doch wieder eine Chance für mich, mehr solcher Reportagen mit Menschen zu fertigen – wobei das heute im Zeichen des Internets und der unerwünschen Zirkulation von Photographien schwieriger geworden ist. Menschen lassen sich nur noch ungerne zufällig photographieren. Das ist die neue Wirklichkeit der photographischen Situation. Auch auf diese – oftmals unerwünsche – Ubiqiotät des Bildes und daß einer sich jederzeit irgendwo in den Weiten des Internets als Schnappschuß wiederfinden kann und mit einer Gesichtserkennung sogar identifizierbar ist, muß Photographie in irgend einer Weise reagieren. Parrs Wirklichkeit war damals noch eine andere. Spielerischer.

Mit Parrs Farbbildern wird die Wirklichkeit zwar gezeigt, aber doch zugespitzt. Als soziale Wirklichkeit. Auf ihre Widersprüche hin und ihr immer auch Absurdes. Sind Parrs Photos politisch? Ja und nein. Wir sehen aus den 1980er Jahren nicht das England des radikalen gesellschaftlichen Umbau unter Margarete Thatcher, berittene Polizei und kämpfende Gewerkschafter, weg von Schwerindustrie und Bergbau hin zu einer Diensleistungsgesellschaft. Wir sehen nicht die Kämpfe jener Jahre: Streiks und Straßenschlachten, aber sehr wohl weisen uns diese Photographien auf das Entstehen einer postindustriellen Gesellschaft. Und zugleich sehen wir diesen Umbau bei Parr auf eine subtile Art eben doch, wenn wir denn in der Lage sind, überhaupt noch geschichtlich zu denken und Bilder auf diese Weise zu betrachten und vor allem zu interpretieren.

Mit seinen späteren Photographien, oftmals quietsch- und bonbonbunt wie in „Cherry Blossom Time in Tokyo“ von 2000, aber auch mit der Gestaltung des „Life’s a Beach“-Buches konnte ich weniger anfangen. Aber gerade weil es die klassische Sicht brach und sich dem Kitsch der Konsumkultur stellte und ihr einen visuellen Ausdruck verschaffte, waren auch diese Photos gelungen. Daido Moriyama in Farbe vielleicht, gemildert um alle Härten. Man müßte in einer Ausstellung vielleicht einmal beide Photographien zusammenbringen.

Anfangs, als ich mir die ersten Photos von Parr irgendwann vor Jahrzehnten betrachtete, hielt ich ihn zunächst für einen strengen, kalten Photographen. Doch dieses Urteil änderte sich, wenn man weitere Photographien sah: oftmals war da ein Witz eingebaut. Unbedingt zu erwähnen ist insofern Parrs Humor, der viele seiner Arbeiten trägt. Die Lage der arbeitenden Klasse im Konsumkapitalismus gleichsam. Böse, gewitzt.

Nun ist einer der großen Photokünstler gestorben. So viel Schönes wäre an neuen Ideen und Kompositionen noch zu erwarten gewesen, denn 73 ist kein Alter. Viel zu früh also. Das schreibt sich so dahin und ist eine Phrase, die uns leicht über die Lippen geht. Parr war der Photograph, der solche Phrasen wie auch die Normalität unserer Tage in witzigen wie auch zugleich traurig-melancholischen Photographien aufspießte: War das, was Parrs Bilder uns zeigen, nun die kalte Kritik am Common c’est der Warenwirtschaft oder aber zugleich auch das sich dazugesellende Schmunzeln übers Absurde unseres Alltags, was wiederum ins Traurigtragische umschlägt? Das kleine Menschenbürgerlein an der Supermarktkasse beim Konsum, wenn es das Schnäppchen gibt. Der Mensch am Strand, mit nichts als seiner roten oder bleichen oder dunklen Haut. Am Ende ist alles Kulisse und Inszenierung und Bühne. Wir treten ab und letzter Vorhang, Applaus und Licht aus.

„Deutschland im November 1938 war ein blühendes Land“. Wenn Aktivisten sich als Journalisten labeln: Sophie von der Tann

Gegen die ARD-Israelkorrespondentin Sophie von der Tann regt sich erheblicher und berechtigter Protest, daß sie heute in Köln den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhält. Ein Preis, benannt nach einem renommierten ARD-Journalisten, der Nachricht und Meinung strikt trennte. Alte Schule des Journalismus und nicht der Aktivistenstall, aus dem sich zunehmend das Personal der öffentlich-rechtlichen Medien rekrutiert. Ein Preis mithin, der von der Tann nicht zusteht, weil sie weder intellektuell in der Lage noch politische willens ist, Nachricht und Meinung auseinanderzuhalten. Ihre Art der Berichterstattung ist mehr als kritikwürdig, wie man etwa in der FAZ bei Esther Schapira (ehemals HR), in der Jüdischen Allgemeinen bei Sarah Maria Sander (empfehlenswerter Youtube-Kanal auch) und in der WELT bei Christoph Lemmer nachlesen kann. Vor dem 7. Oktober wurde die Terrororganisation Hamas von ihr als Widerstand bezeichnet oder aber als „militante palästinensische Organisation“ beschönigt. (Ist der NSU für Sophie von der Tann dann auch eine militante deutsche Organisation, die Widerstand leistet? Mal so in den Raum gefragt. Wie groß wäre der „Aufstand der Anständigen“, wenn das irgend ein Journalist in ARD zu prominenter Stunde derart nonchalant in den Raum werfen würde.)

Diese Relativierungen von Terror und Gewalt geschah nicht nur einmal, sondern in fast jedem Bericht wird von der Tanns private Gaza- und Paläsina-Agenda eingeschmuggelt. Keiner im Kulturbetrieb und im Journalismus würde es unkommentiert hinnehmen, wenn Ken Jebsen, Albrecht Müller oder das Team der Nachdenkseiten den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhielten, nur weil in der Jury jene Sympathisanten hocken, die deren politische Agenda durchziehen wollen. Oder wenn Sahra Wagenknecht den Sacharow-Preis bekäme, weil sie sich so sehr für Frieden in der Ukraine einsetzt.

„Deutschland im November 1938 war ein blühendes Land.“

„Und da ist der Turnklub für die deutsche Jugend in Hamburg im August 1943. Ich weiß noch wie er 1938 vor dem Krieg aussah!“

Ersetze Deutschland bzw. Hamburg durch Gaza und Turnclub durch Boxklub für Mädchen und dann hat man Sophie von der Tann. Diese Sätze werden in der ARD im MoMa geäußert. („Ihre Gebühren bei der Arbeit!“ Hohoho!) Daß in Gaza kein Sportverein, keine Institution ohne die Hamas geht, hat uns diese Spitzenkraft des öffentlich-rechtlichen „Journalismus“ leider vorenthalten.

Aus jeder Pore der unsäglichen Person trieft ihre politische Haltung. Man kann sicherlich auch Israel kritisieren (ich tue es nicht, weil ich das Vorgehen Israels für richtig halte). Wer aber, wie von der Tann in Gaza niemals die Hintergründe erwähnt, der betreibt keinen Journalismus, sondern will für deutsche Zuschauer ein Agenda-Setting und ein Framing betreiben. Im Auftrag des ÖRR, zu prominenter Stunde, etwa bei der „Macht um acht“.

Das eigentliche Problem ist aber nicht von der Tann. Sondern es sind die ÖRR-Gebührenmedien.

Im Blick auf guten Journalismus, darin in klassischer und redlicher Manier Nachricht von Meinung bzw. Kommentar getrennt wird, zitiere ich den Beitrag eines Facbook-Freund. Da er sein Posting auf „privat“ gestellt hat, mache ich es ohne Namen:

„Guter Journalismus ist diszipliniert darin, strikt zwischen Bericht und Kommentar zu trennen. Wenn ein Journalist berichtet, dann hat er das, was er berichtet, nicht zu kommentieren. Das meinte Hajo Friedrichs, als er forderte, Journalismus dürfe sich nicht gemein mit einer Sache machen, auch nicht mit einer guten.

Ein Beispiel, wie die Trennung zwischen Bericht und Kommentar funktioniert, ist Rainer Munz (Bild), der u.a. für rtl und n-tv aus Moskau berichtet. Schalten mit ihm zeigen ihn immer unaufgeregt und nüchtern. Persönliche Anmerkungen, auch nur kleinste Andeutungen verhindert Munz immer. Er ist nah dran an den Wahrheiten, von denen er berichtet, ohne selbst Teil derer zu sein.

Die Kritik an Sophie von der Tann beginnt an diesem Punkt: Sie berichtet nicht, sondern kommentiert. Für wen oder gegen was sie dabei nun Stellung bezieht, ist zunächst irrelevant, entscheidend ist, dass sie in ihrer Berichterstattung Teil des Berichtswesens wird. Das darf einer guten Journalistin / einem guten Journalisten nicht passieren. Dass sie dabei in der Horn der unzähligen Meinungsmachenden bläst, die im Grunde die Propaganda der Hamas verbreiten, und dass sie dabei nicht müde wird, ihr „Gerücht über die Juden“ (Adorno) ins Mikrofon zu plärren, macht es schlimmer, ist aber erst der zweite Kritikpunkt. Zuvorderst agiert von der Tann schlicht jounalistisch ungenau.

Die Aggressivität, mit der User sie in Social Media nun meinen verteidigen zu müssen, ist mir unverständlich: Wer Wahrheiten zu Meinungen verschwurbelt, der muss eben damit rechnen, dass andere Meinungen sich dazu zu Wort melden. Dabei hätten Berichte über Wahrheiten doch vollkommen gereicht.“

Diese Kritik an von der Tann muß zudem eine Debatte nach sich ziehen, was Aktivisten, die sich als Journalisten tarnen – mit Helm sogar!, soviel Häme muß sein! – in einem der wichtigsten Nachrichtenmedien in Deutschland zu suchen haben.

Immer wieder wird der Ton der Kritik beklagt. Mag sein, daß mancher übers Ziel hinausschießt, wenngleich ich bisher noch keinen einzigen solchen Beitrag gelesen habe.

Wer etwa den Ausdruck „Pressesprecherin der Hamas“ kritisierst, den ich als polemische Zuspitzung für zutreffend halte, der sollte besser auch einmal in den Blick nehmen, was derartige nicht nur mehr bloß antiisraelische Propaganda für Auswirkungen hat: Propaganda, die von der Tann mittels eines Mediums verbreitet, das in Deutschland Millionen Menschen sehen. Daß in dieser Gesellschaft der Antisemitismus und der Haß auf Israel massiv angewachsen ist. Nicht nur bei migrantischen Muslimen, was hier in Berlin und anderen deutschen Städten tagtäglich zu erleben ist, sondern auch bei Biodeutschen. Und im Verhältnis dazu, was Juden in Deutschland inzwischen zu erdulden haben, scheint mir der Ausdruck „Pressesprecherin der Hamas“ freundlich. Ich würde das sogar auf die These zuspitzen, daß auch die ÖRR-Bezahlmedien zu einem erheblichen Teil für die antiisraelische und damit leider auch oftmals im Konnex stehenden immer weiter grassierenden Antisemitismus mit verantwortlich sind. Der sich in Deutschland immer weiter ausbreitende Antisemitismus, inzwischen nicht mehr nur bei muslimischen Migranten, ist nicht vom Himmel gefallen. Akteure und Aktivisten wie Sophie von der Tann sind ganz wesentlich für diese Stimmung im Land mitverantwortlich.

Von linken Lebenslügen, die wir lebten, und den darin enthaltenen Wahrheiten. „Daß das bloß solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann …“

Es ist eine feine Sache, sich auf eine Rezension vorzubereiten, darin es um die Vita eines Alt68ers geht, die zugleich auch – nachwirkend – den Zeit- und Polithorizont des eigenen Lebens umfaßt. Jene Jahre, die prägten, zwischen 15 und vielleicht 25, zwischen 1979 und 1989. Nämlich sich die Tage mit Texten, Musik, Photographien und Impressionen auf die im Klostermann Verlag vor einigen Monaten erschienene KD Wolff-Biographie vorzubereiten: linker, roter Verleger, Aktivist, Vorsitzender des SDS in Freiburg – oder war es Frankfurt? Neue undogmatische Linke. Ein anderer Wind, der da plötzlich im Vermufften wehte und der zugleich doch auch neue Verwerfungen und Probleme brachte. Eine andere Zeit, die auf die eigene Vita noch zehn, fünfzehn Jahre später abfärbte und den Sound der Jugend brachte: der letzte Boomer oder der erste der Generation X, die von diesem Zeitgeist bestimmt wurden. Wer zieht schon Linien? Außer beim Koks und der Schiedsrichter beim Freistoß.

Jene 68er, die uns Ende der 1970er, Anfang der 80er als Lehrer auf dem Gymnasium prägen sollten: der linke Lehrer, die linke Lehrerin, in der Mittel- und Oberstufe, mein Weg ins harte Denken und damit also in die Philosophie, wegen eines klugen Philosophielehrers. Und in der Oberstufe die schöne Tanja mit dem langen, glatten, blonden Haar, ihrer lila Latzhose und den weitgeschnittenen Sweatshirts, die beim Vorbeugen beste Einblicke gaben – was sie gut wußte. Das gefiel mir: kleine, feste, aber doch gut sich bewegende, ja in richtiger Position gar auch schaukelnde Brüste. Musik von Neil Young von der LP „Rust never sleeps“: „Hey Hey, My My (Into the Black)“.

Bob Dylan mit „All along the Watchtower“ in der Version des „Live at Budoka“-Albums: eine der besten Versionen, wie ich finde. Vor allem aber Pink Floyd und der Song „Wish You Were Here“, Erinnerungen heraufzubeschwören.

Sehr sinnlos. Die große Friedensdemo in Hamburg, wo unsere gesamte Schule teilnahm. Mit Lehrern. Tanjas weiß geschminktes Gesicht: Schüler als Atomtod verkleidet. Rückblickend seltsam. Aber jede Jugend hat das Recht auf ihr eigenes Drama. Photographien aus jenen Jahren und von jenen Demos sichten. (Aus Gründen der Persönlichkeitsrechte zeige ich sie nicht.)

Zusammen den ersten Joint bei ihr in der Etagenwohnung in HH-Horn, als die Eltern im Ferienhaus in Fallingbostel das Wochenende verbrachten. Anders als vorgestellt aber lief der Abend: kein „Petting statt Pershing“, kein Fummeln zu Pink Floyd, jenseits des Frotteeschlüpferrandes, keine Finger, kein sonstiges hinein in die feuchte Innenwelt, wo das Politische privat wurde, sondern eine leider kotzende Tanja und ein junger Mann, der die Kotze wegmachte und für die Nacht an ihrem Bett saß, daß sie nicht erstickt oder daß sonstwas passiert.

Und es fügt sich in der Erinnerung manches aus der Schulzeit. 1982/83: die vielen Demos für den Frieden, der natürlich genau deshalb nur erhalten blieb, weil die NATO-Staaten – genauer geschrieben die USA und Großbritannien – gut gerüstet waren und weil es einen harten Kerl namens Ronald Reagan gab, der vor den Sowjets keineswegs einknickte. Junge Menschen hegen Illusionen. Und das ist auch gut so und muß so sein. Illusionsmaschinen. Mit Politkram Mädchen herumkriegen. Immer das alte Spiel: „Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!“, schrieb Franz Kafka im Juli 1912 an seinen Freund Max Brod.

Schulfreundschaften, die für ewig schienen und die am Ende nur für eine Zeitspanne gemacht waren, denn das Abitur brachte uns auf sehr verschiedene Wege. „Alles hat seine Zeit“, Prediger, Kapitel 3, Vers 1. Aber solches Wissen mußte man sich bei der bereits in den 1980er Jahren grassierenden Bildungsmisere schon selber beibringen. Lesen, lesen, lesen. Tagelang. Das an Lektüre aufholen, was in der Schule niemals gelehrt wurde. Angespornt durch den so klugen Philosophie- und Deutschlehrer. Und das Wissen um die Endlichkeit aller Dinge lehrt den Schüler irgendwann das Leben. So wie die DDR-Band Karussell es in ihrem Lied „Als ich fortging“ sang, das im Laufe der Zeit auch als Abgesang auf die DDR gedeutet wurde: „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein / Ich weiß, du willst unendlich sein – schwach und klein / Feuer brennt nieder, wennʼs keiner mehr nährt / Kenn ja selber, was dir heut widerfährt“. Damals im Westen kannte kaum einer dieses Stück ud ich hörte inzwischen auch ganz andere Musik.

Zwischen Hippiezeit, Punk, Protest und bevorstehendem Arbeits- nein, Studentenleben. Wir waren Nachgeborene jener damals jungen Wilden, die dieser Gesellschaft nun auf ihre Weise prägten. Manches Gute, manches erwies sich im Lauf der Geschichte als nicht so gelungen und es entsprang eine hochnaive Linke, wie sie es in Teilen bereits in den ausklingenden 1960er Jahren der Fall war. Ich trug schon in Schülerjahren immer beides in mir: Hanseatische streng samt Disziplin: Preußens bzw. Beethovens Gloria (und heute eine tiefe Reue, nicht zur Bundeswehr oder aber doch zur Hamburger Polizei gegangen zu sein, wie ich es kurz einmal andachte), aber auch jene Spontanität und jenes Undogmatische, die es bei einer bestimmten Linken gab. Sich keinem Dogma hingeben. Da war in Hamburg am Grindelhof – in der Nähe der alten Synagoge, die nicht mehr existiert, weil angezündet – die linke, nein linksradikale Buchhandlung „Gegenwind“, wo ich mir die politischen Bücher, von Marx bis Sartre, aber auch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ als Schüler kaufte. Kritische Theorie dazu, Adorno wesentlich, Judaica, Freud, Anti-Atom, Politinfos für die nächsten Demos: Eine Fundgrube, die zu meiner politischen Sozialisation beitrug. Zeitweise hat sich der Verfassungsschutz in einer Wohnung gegenüber eingemietet, um zu beobachten, wer in der Buchhandlung alles zu Besuch kam.

Später dann die wunderbare Heinrich-Heine Buchhandlung, die hatte damals im Universitätsviertel zwischen Schlüterstraße und Grindelallee noch vier Filialen: ein Kollektiv führte all die Buchläden. (Heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.) Eine Fundgrube und ein Großteil meiner Bücher damals stammt von dort.

Und natürlich, um den Bogen zu KD Wolff wieder hinzubekommen, jener Verlag Stroemfeld/Roter Stern, der uns in der Germanistik beim Hölderlinlesen eine irre Ausgabe schenkte, vor allem auch Klaus Theweleit nicht zu vergessen, dem ich allerdings nur bedingt etwas abgewinnen konnte, ich fand ihn zwar im Blick auf die literarischen Assoziationen anregend, aber dennoch – damals während des Studiums, im Blick auf Kafka und Benn, „Das Buch der Könige“, welches uns der Germanist Harro Segeberg empfahl – eindimensional angelegt. Ich aber war vielleicht eher doch der Jüngersche Körperpanzer, der sich freilich nicht an die Männerbünde, sondern an das Weibsvolk ranmachte. Manchmal klappte es.

So ließe sich auf den Pfaden der Erinnerungen noch lange wandeln und es mäanderte sich durchs gut Verzweigte – auch in jenen musikalischen Bestandsaufnahmen.

Egal wie aber: Beim Querfeldeindenken im Blick auf Ideen und schöne Assoziationen, um eine Rezension über KD Wolff anzureichern, fiel mir inmitten der Politträumereien jene Zeile aus einem dieser Lieder von Franz Josef Degenhardt ein, darin KD Wolff und Gaston Salvatore vorkamen und das würde ich, so dachte ich mir, unbedingt als Rezensionsauftakt nutzen wollen. Nur mußte ich dazu wissen, um welchen Song es sich handelt. Den genauen Titel hatte ich nicht mehr im Kopf, nur noch diese eine Zitatzeile schwang da vage mit.

ChatGPT zu befragen, erwies sich als sinnlos. Vielleicht habe ich falsch gefragt, aber die KI brachte in diesem Fall nur Blödsinn. Also machte ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Degenhardt. Und fand nach viel Stöbern und nach Assoziationen von Textstücken etwas in den Archiven – nämlich den Song „Daß das bloß solche Geschichten bleiben“. Von 1969, auf der Platte „Im Jahr der Schweine“:

Ich machte ihn mir auf Spotify an und ich muß sagen, auch wenn ich die politischen Inhalte seit ich 25 war, lange schon nicht mehr teile und heute wohl eher eine vage vorgestellte Konservative Revolution anstrebe, Waldgänger im Entzug, Grandhotel Abseits: Aber wie geil ist dieser Sound und auch dieser Text! (Song auf Youtube siehe unten)

Solches Liedgut müssen wir bewahren, allein aus geschichtlichen Gründen, um die Verfehlungen lesen und verstehen zu können. [Koestler, ach Koestler. Und auch „Dantons Tod“ (siehe unten und krönender Abschluß)] Solche Musik muß bleiben, egal, was man von Degenhardt politisch halten mag: sein Sound, sein Stil und seine Songtexte sind oftmals der ungeschönte Blick ins bundesrepublikanische Leben der 1960er-Saturierten: gerade dort, wo sie nicht unmittelbar politisch sind und er sich von seinem „Zwischentöne sind nur Krampf, im Klassenkampf, im Klassenkampf“ verabschiedet. Es sind nämlich gerade diese Zwischentöne, auf die es zuweilen ankommt. Ja, wenn der Senator erzählt.

Diesmal jedoch ein musikalisches Plädoyer für Revolution, nicht nur für die Revolte und auch nicht im Blick auf die Geschichte. Joß Fritz eben. Bei politischen Liedern bin ich jedoch (bis auf wenige Ausnahmen und die betreffen den deutschen Nationalsozialismus) offen. Ich singe „Giovinezza“ genauso gerne wie „Auf, auf zum Kampf!“ oder das „Entchen von Tharau“, wie ich als Kind immer verstand und weshalb ich das Lied besonders niedlich fand.

Aus diesem Grunde, um nämlich ein Bewußtsein von Geschichte und Alltag zu entwickeln, halte ich auch jene 1999 erschienene und sogleich gekaufte CD „Uns gefällt diese Welt. Lieder der jungen DDR“, herausgegeben und gesungen von dem damaligen FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller, samt Klavierbegleitung, für wichtig. Ein Stück Geschichte, ein Pflicht- und Lustprogramm, um zu verstehen, wie linke Propaganda funktioniert und wie man mit der Weltverbesserungsmasche die Jugend in den Griff bekommt. Reißmüller hat es klar gesagt: Diese Art von Liedgut muß bewahrt werden. Nur wer seine eigene Geschichte kennt, gerade auch die der noch jungen DDR, kann über sie sprechen und schreiben. Unsere Geschichte, sei es biographisch, aber auch in den historischen Mustern, hat viel mit Musik zu tun. Nicht nur im Pop-Bereich, sondern auch beim politischen Lied und seit es die Reproduktionsmedien und die Verstärker gibt, mit denen man auf Veranstaltungen solche Lieder bringt unters Volk bringt. Kommunismus, das ist Propaganda plus Elektrizität. (Und das gilt für jeglichen Totalitarismus des 20. Jahrhunderts.)

Nun also Degenhardt! Ich legte, wie man früher sagte, die Platte auf bzw. drückte bei Spotify auf „Play“. Was für ein treibender, geiler, geschlagener und gezupfter Gitarrensound!

Ein Song mit bösem und galligem Text und dieser scharfen, wie schmeichelnden, schneidenden Stimme des revolutionären Rumpelstilzchens. (Gut, daß solche nur singen, denke ich heute!) Pressend, scharf, hart, lakonisch und bestimmt. Auch das war Ende 1979 und in den frühen 80ern mein Sound der Zeit. Irrsinnsfugen. Aber so war es und das sollte auch im Heute nicht verleugnet werden: diese naiven Träumereien, scharf und bestechend das gesungene „Venceremos!“. Als ob morgen schon die Rote Garde vor der Tür stünde. (Dabei war es doch nur die Lieferung von Neckermann.) Das war damals gegen das System im ganzen gerichtet. Privileg der Jugend, die Gesellschaft umdrehen zu wollen. Aber es war genau dies auch meine Zeit – wir die Spätgeborenen, diese „1968er“, die uns noch zwölf oder dreizehn Jahre später fürs Politische und fürs Denken von Gesellschaft prägte, weil sie nun in den Schulen und anderswo wirkten. Mitzudenken dabei aber bis heute bleibt auch der linke Antisemitismus: mit toten Juden solidarisierte man sich gerne, mit lebenden Juden, die die Notwendigkeit sahen, sich in einem eigenen Staat zu schützen, schon deutlich weniger.

Die verlorenen Revolutionsträume, die schon in den 1960ern eine Kinderrevolte waren, ersetzten wir durch Punk und New Wave und eine neue „Verhaltenslehre der Kälte“: Coolsein, cool Killer und der Aufstand der Zeichen! Ästhetik und Kommunikation, samt verschobener Revolution (und das war vielleicht auch gut so). Das Venceremos! wurde zur Melancholie der Revolution als ästhetischer Reminiszenz im Phänomen Pop. Aber auch diese Haltung der linken Melancholie wird irgendwann langweilig, und vor allem provoziert sie niemanden mehr. Sie ist im Mainstream angekommen. Degenhardt aber nicht. Eher schon ist er eine Legende und eben zum Glück auch irgendwie Geschichte:

„Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Jetzt kommen schon die kälteren Tage –
Mancher bleibt da in seinem Haus
Denkt an die heißere Zeit, erzählt
Paar Geschichten daraus!
Und das läßt sich leider auch gut erzählen!
Zum Beispiel so: „Das war beim Vietnam-Kongress
Als ich zu Rudi sagte – nee wart mal, das war doch später –
In der Kommune II beim Weihnachtsfest!“

Oder wie Dany nach Frankreich sollte
Im Cello-Kasten und mit schwarzem Haar –
Im Hauptbahnhof München steht heut‘ noch ein Cello,
Weil der Geheimcode so schwierig war!
Und dabei kann man auch Dias zeigen:
Auf einer Brücke über dem Rhein,
Im Gegenlicht zehntausend rote Fahnen –
Das muss beim Sternmarsch gewesen sein!

Wenn das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann,
Hockt in der Nähe der Wodkaflasche
Ein APO-Großväterchen und hebt an:
„Also damals, als wir mit Dany nach Forbach zogen
Da hatten wir Blumen im Haar –
Und Gaston war da, und KD
Und wir sangen die Internationale, und das war wunderbar!“

Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Aber wir werden sie enttäuschen – denn:
Venceremos!
Venceremos!

„Die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine republikanisirt! Da klatschen die Galerien und die Römer reiben sich die Hände; aber sie hören das Röcheln der Opfer nicht. Geht einmal Euern Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um Euch, das Alles habt Ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung Eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind Eure lebendig gewordenen Reden. Ihr bautet Euer System, wie Bajazet seine Pyramiden, aus Menschenköpfen“ (Georg Büchner, Dantons Tod)