bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit o.

Frieden, den ich meine

Es ist Winter geworden im Zweistromland. Die Flusspegel sind zum Seufzen niedrig, seit Wochen fiel kein segensreicher Regen. Nun ein wenig Schnee und Eiseskälte. Mein inneres Winterkind jubiliert und triumphiert kurzzeitig über das Hadern an den derzeitigen Weltenlenkern. Weltenhenker könnte man sie auch benennen. Mein Winterkind gibt mir einen Schneeflockenkuss auf die Nasenspitze und lockt mich hinaus. Ich bastele begeistert eisfreie Vogeltränken aus einem uralten Zwiebeltopf oder einem bemerkenswert hässlichen Adventskranzfabrikat. Freue mich murmeligkringelig, daß die Vögelchen sie akzeptieren. Futter liegt ohnehin mehrfach aus.

Die eisige Kälte kriecht durch die molligen Schuhe und macht mir Wangenröte. Ich denke an das Rotwangenwintereismädchen, das ich einst war und prompt ruft der große Bruder an, um mir von seinem Winter zu erzählen. Wärme durchflutet mich, im Zuhause haben wir uns es wonniglich gemacht. Ein ruhiges und erholsames Weihnachten und ein friedvoller Jahreswechsel begleitete uns. Möge der eigene innere Frieden anhalten, das wünsche ich auch allen Silbenballerinen und Wortgesellen.

Was man schaffen kann

Es ist ein Anblick, der Freude, Begeisterung und Stolz zu diesem einen besonderen Gefühl zusammenfügt: Ehrliche harte Arbeit in Verbundenheit mit phantasievoller Kompetenz. Das habe ich getan. Dieses kleine Stückchen Land habe ich so erschaffen. Und es jemandem geschenkt, der dieses Wissen nicht besaß. Der aber gerne Ratschläge annahm und sich vor allem nicht zu schade war, Kopf und Knie zu beugen vor den kleinen Wundern der Welt. Wir arbeiten gemeinsam weiter und erst ein höchst willkommener Regenguss treibt uns unter ein schützendes Hausdach. Kannste Dir das Angießen sparen. So lautet mein Abschiedsgruß für diesen Abend an die angehende Gärtnerin und glücklich fahre ich nach Hause.

Zugehaust wurden meine Heimaten immer erst, nachdem sie mich in die Freiheit entließen. Frei zu sein, bedeutet ein Bleiben in den eigenen Sinnen. Konnte ich das spüren, war ich für ein Zeitchen zuhause. Schlief gut in der Hängematte unterm roten Ahorn, hortete den wenigen Besitz in gestapelten Pappkartons. Oder fuhr in diversen Automobilen durch das wunderschöne Land, um morgens die Nebel steigen zu sehen. So schlief ich an diversen Seen, an der Isar, am Neckar, an der Elbe soundso. An der Nagold, an der Jagst, am Kocher und immer wieder am Kindheitsstrom der Erinnerung. Weißer Schöps. Der immer kleiner wurde im Laufe der Zeit. Verfloss. Verblasste. Mein Schlaf war seit jeher traumatös.

Zuhause. Albträume habe ich noch immer bisweilen. Aber sie schrecken mich nicht. Vielleicht, weil ich im Zweistromland meine derzeitige Heimat fand. Eher, weil Du mich gefunden hast. Du schliefst mit mir in einem Blumenladen. Die Nacht an einem Havelknie ist mir zutiefst heimatlich eingebunden. Wir schliefen in der Neiße und in der Elbe. Natürlich nur in Behausungen mittendrin. Nun sind wir zwostromig behaust und haben gemeinsam alte Schrecken gebannt. Auch die vom Weißen Schöps. Vielleicht viel mehr, als wir ahnen. Das Haus, der Garten, die viele harte Arbeit. Gern gebe ich einen Teil dieses Schatzes weiter. 5 Gärten habe ich in diesem Jahr geplant und mit den Besitzern realisiert. Hier im Zweistromland. Ich schlage langsam Wurzeln. Und fühle mich wohl.

Wer `ne Meise hat, hat nicht nur einen Vogel

Das Piepsen im Nistkasten war stetig lauter geworden, melodischer zugleich. Die einfachen HierHierHier-Rufe wandelten sich in eine Art Sprache, von den Meiseneltern vorgezwitschert. Und auch wir profitierten von den ständigen Wiederholungen. Unsere ohnehin verlangsamten Bewegungen im Garten erfuhren bisweilen fraulotsche Erstarrungen, wenn Herr Meiserich seine Brut schrill bepfiff. Für einen Moment schien tatsächlich die Zeit mit uns still zu stehen. Erst ein vergnügtes Isjagut-Trillern ließ uns ausathmen und unbesorgt weitergehen. Aus dem Nistkasten erklangen weitere Hungerarien. Nach und nach auch für Menschenohren als mehrstimmig zu erkennen.

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Auch das verschiedene Angehen der Fütterung verblüffte uns bei längerer Beobachtung. Frau Meiserine flog ohne Umwege an. Emsig, schnabelvoll mit Gewürm, Räupchen und Gelaus direkt in den Nistkasten. Die von uns vorsorglich angebotenen Mehlwürmer und Fliegenlarven ignorierte sie vollkommen. Herr Meiserich probierte überall sein und seines Nachwuchses Glück, fand aber unsere Trockenware auch unappetitlich. Sein Fütterungsanflug war ein einziges Täuschen und Tarnen. Ebenso Wachen und Warnen. Unsere Meisenassimilation vollzog sich rasch: Vorerst keine Ungezieferbekämpfung im Garten, selbst das Teebaumöl blieb im Schrank. Wenn man erstmal mehr als eine Meise hat…

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Vorgestern saßen wir zur Abendämmerung noch staunend in unserem Meisenkino. Etliche Minuten kleinen Glücks. Geschenke, die man sich nicht wünschen kann. Und gestern fiel der große Vorhang zum Meisenkinoknaller: Vormittags schon ein Fiepen außerhalb, die Meiserichs flogen wilde Bögen und derlei Töne mußten wir erst neu einordnen. Dabei erneut zur Salzsäule erstarren und nur im stillen Stehen: Sehen und Verstehen. Das war das Schönste von diesem Tag. Mögen wir es uns behalten. Staunen alleine reicht manchmal nicht.

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Heute vermissten wir schon in der Morgendämmerung das Gefiepe aus dem Nistkasten. Ungewohnte Stille lag über dem Garten. Scheinbar nur. Unsere Sehnsucht dämpfte alle anderen Maiengeräusche mit Melancholie. Bis die gesamte Meisenfamilie in unseren Garten einfiel und lautstark auf sich aufmerksam machte…

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Schlehenkirschefliederschrittchen

Erschöpfend gestaltet sich das Tagewerk bisweilen. Es dehnt sich nächtend aus. Auffallend erschöpfend, bemerken wir es manchmal doch nur durch wohlfeile Achtsamkeitshinweise. Glauben trägt hingegen nur eine wissende sanfte Warnung. Wie die unsrer schönen Nachbarin: Passt auf! Das geht so doch nicht ~~~~

Sonntagnachmittag. Unsere Dreivierstundenfreiheit! Die Grundversorgung ist erledigt, wir wollen raus. Müssen raus. Wohin? Rheinhessische Sanfthügeligkeit muß uns mal wieder die Pupillen behospizen und das Denken bewildern. Und wo genau? Egal, wir halten einfach an und laufen los ~~~~

Mit dem Automobil über den großen Strom, ein kurzer Neid nur den Velocepisten; uns fehlen Kraft und Zeit für solche Touren. Ab an den Alten Strom und irgendwann hinauf in die lockenden Hänge. Erste Kirchtürme wachsen aus flirrenden Rebenstreifen und dann ein Halt und die Gewißheit: Hier erlaufen wir uns heute Seelenheil ~~~

Steil hinauf, der kalte Wind drückt uns in schlehende Dickichte. Zwischen den Reben ringelreihen Gänseblümchen mit Löwenzahn. Geduckt zwar, aber sie tanzen! Wir tun es ihnen gleich. Da, die Meise mazurkat mit! Und wie die blühenden Kirschen sich wiegen! Noch und noch ein Schritt ~~~

Wir stehen oben am Steinernen Kreuz. Lesen Jahrhunderte alte Botschaften und athmen tief durch. Hier am Südhang, geschützt und geborgen, wärmt uns die Sonne die winternen Knochen. Du nimmst die Mütze ab und ich lege meine wunde Hand auf den Sandstein. Dann setzen wir uns für ein Weilchen ~~~

Ruhe kehrt ein. Ein brummender Wollschweber fordert unsere Aufmerksamkeit. Wir lauschen und beobachten ihn, nein, sie. Was wissen wir schon von Vielfalt und Zusammenhängen! Langsam hebt sich unser Wimpernvorhang gen Tal. Ein Dorf liegt zu unseren Füßen ~~~

Weiterlaufend besprechen wir leise unsere Wahrnehmung. Fallen bisweilen zurück in eigene Verzweiflungen, jedoch sowohl Fasanengockel als auch der rüttelnde Falke holen uns in die Gegenwart zurück. Und wir bestaunen außerdem Himmelschlüsselchen und Flieder; zur gleichen Zeit blühend ~~~

Du legst Deine Hand auf meinen sich schüttelnden Hinterkopf und bändigts damit jedes aufwallende Entsetzen. Es ist, wie es ist. Wir tragen dazu bei, diese Welt zu erhalten. Wir laufen weiter, von Kirschbäumen kathedralt und von Schmetterlingen umtanzt. Aus dem Dorf tönt ein Glockenschlag herauf ~~~

Es ist Zeit, zurückzukehren.

Abends ein inniges Dankeschön am Zaun, die schöne Nachbarin lacht wissend. Sie hat viele Täler durchschritten. Es mögen andere gewesen sein, aber der Aufstieg bleibt gleich. Immer beginnt er mit dem ersten Schritt ~~~

 

 

 

 

Kind, du musst nicht noch den Kakao trinken, durch den du gezogen wirst!

Ominkel spruch wundervolle Wahrheiten gelassen aus. Als Kind bewunderte ich ihre würdevollen Frechheiten und vor allem die gradlinige Haltung, mit der sie diesen Worten entsprach. So pflegte sie sich elegant auf den unteren Teil ihres krumm gearbeiteten Rückens zu klopfen, während sie weise lächelnd verkündete, daß der eigenen Arsch einem doch wohl am nähesten sei. Wenn mir voller Angst vor einer scheinbar unmöglich lösbaren Aufgabe die Schnatter ging, stellte sie einen frisch gekochten noch dampfenden Grießbrei oder Milchreis auf den Tisch und meinte: Pusten nicht vergessen, denn nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

 

Ich denke in letzter Zeit viel an Ominkel, diese schlichte bauernschlaue Herzensfrau und so starke Kämpferin. Im letzten größenwahnsinnigen Krieg zogen Mann und ältester Sohn los und verblieben ungewisse Zeit in der Ferne. Sie allein brachte zwei Mädchen und den kleinen Bauernhof durch. Einmal Flucht und zurück, dann der Zwang in die Kollektivierung mit der kleinen Hoffnung auf ein besseres Leben. Mann und Sohn kamen zwar vorher zurück, aber beide gebrochen und nicht nur des Krieges müde, sondern auch des Lebens.

 

Was würde sie jetzt tun, meine Ominkel? Ich kann mein Spiegelbild befragen, denn je älter ich werde, umso mehr gleiche ich ihr. Hoffentlich nicht nur äußerlich. Und während sie mir seitenverkehrt zurückzwinkert, begreife ich: Haste was, kannste was; aber tuste was, biste was!

 

Zeitchen später entdecke ich ein Lied:

 

 

Und folge dankbar dem Aufruf zur digitalen Unabhängigkeit.

 

Manche Argumente vertrete ich sofort, andere bleiben schon begrifflich unverständlich. Ich will sie hier nicht benennen, sondern einfach weiter geben. Ominkel zwinkert mir wissend zu und wispert: Kind, du kannst nicht alles wissen, aber versuche möglichst viel zu verstehen.

 

 

 

 

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