Fundstücke von Julien Green

Es liegt etwas Entsetzliches in diesen Provinzexistenzen, in denen sich nichts zu verändern scheint, alles dasselbe Aussehen bewahrt, wie tief die Umwälzungen in der Seele auch sein mögen. Nichts ist äußerlich wahrzunehmen von der Angst, der Hoffnung und der Liebe, und das Herz schlägt geheimnisvoll weiter bis zum Tod, ohne daß man es einmal gewagt hätte, die Geranien an einem Freitag statt samstags zu pflücken oder eher um elf Uhr morgens durch die Stadt zu spazieren als nachmittags um fünf. (S.73)

So ist nun einmal das Menschenherz. Es läßt lange Jahre verstreichen und denkt keine Minute daran, gegen sein Schicksal aufzubegehren, aber dann kommt ein Augenblick, in dem es mit einem Schlage spürt, daß es nicht mehr weiterkann und daß sich noch in derselben Stunde alles verändern muß, und es fürchtet, alles zu verlieren, wenn dieses Vorhaben, von dem es noch einen Tag zuvor nicht die leiseste Ahnung hatte, sich auch nur um einen einzigen Tag verzögert. (S. 94)

aus: Julien Green: Adrienne Mesurat, Hanser Verlag, München Wien 2000

Die französische Originalausgabe erschien 1927.

Fundstücke von Ilse Aichinger

Auch wenn man spricht, die Währung müsste gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. (S. 43)

Man ertappt sich oft selbst dabei, Banalitäten zu sagen. Es ist schon falsch, zu jemandem zu sagen: ‚Wie geht es Ihnen?‘, wenn  man es nicht wirklich wissen will. Und wer will wirklich wissen, wie es dem anderen genau geht? Und wer will wirklich sagen, wie es ihm genau geht, oder wer kann es? (S. 44)

Die äußerste Liebe ist die äußerste Einsamkeit … (S. 47)

Ilse Aichinger, aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015

Erle Stanley Gardner: The Bigger They Come (1939)

In der letzten Zeit wurde mir mehrmals der amerikanische Autor Erle Stanley Gardner (1889 – 1970) in die Timeline gespült, der erst lange für die damaligen Pulp-Magazine schrieb und schließlich unter verschiedenen Pseudonymen so erfolgreich Krimis schrieb (allein Dutzende Romane um den Strafverteidiger Perry Mason), dass er seinen Job als Anwalt an den Nagel hängen konnte. Gardner kokettierte gern mit der Selbststilisierung als „fiction factory“, die er mit eiserner Disziplin aufgebaut hatte. Zu seinen besten – oder sagen wir lieber zu seinen schnellsten Zeiten konnte er einen Krimi in sechs Wochen beenden, er stand sehr früh auf und schließlich beschäftigte er sechs Sekretärinnen, denen er seine Bücher diktierte.

Unter dem Namen A. A. Fair veröffentlichte er zwischen 1939 und 1970 30 Krimis um den Detektiv Donald Lam und seine Chefin Bertha Cool.

The Bigger They come von 1939 ist nun der erste der Krimis, in denen dieses ungleiche Duo seinen Auftritt hat. Donald Lam – vor kurzem wegen unethischen Verhaltens aus der Anwaltskammer ausgeschlossen – ist ziemlich erleichtert, als er endlich einen Job ergattert, und zwar bei Bertha Cool, der älteren Betreiberin einer Detektei. Sein erster Auftrag besteht darin, einem untergetauchten Ganoven die Scheidungspapiere zukommen zu lassen. Wie zu erwarten, geht das nicht so ganz reibungslos vonstatten, einschließlich attraktiver Frauen, fürchterlicher Prügel für Donald, wenig zimperlichen Gangstern, einer filmreifen Verfolgungsjagd und einem Toten, dessen Ermordung gleich von zwei – dummerweise unschuldigen – Personen gestanden wird. Mehr muss hier zum Inhalt gar nicht gesagt werden.

Liest man ab und an ganz gern einen solchen Krimi, ist man vermutlich entweder Anhänger der Rex Stout-Partei oder der Erle Stanley Gardner-Fraktion. Und da ist ganz klar Nero Wolfe mein Favorit. Ich bin überhaupt überrascht über die ähnliche Ausgangslage in beiden Krimireihen, in denen jeweils der Sidekick des in beiden Fällen schwergewichtigen Chefs uns die Geschichte erzählt: 

Bei Rex Stout haben wir Nero Wolfe, den übergewichtigen Gentleman-Detektiv und feinsinnigen Orchideenfreund, der sich gern verbale und oft zitierwürdige Scharmützel mit seinem Angestellten Archie Goodwin liefert, der wiederum die ganze gefährliche Ermittlungsarbeit außer Haus erledigen muss, während Nero Wolfe hauptsächlich hinter seinem Schreibtisch sitzt und seine grauen Zellen betätigt.

Wolfe lifted his head. I mention that, because his head was so big that lifting it struck you as being quite a job. It was probably really bigger than it looked, for the rest of him was so huge that any head on top of it but his own would have escaped your notice entirely. (Fer-De-Lance, S. 2)

Gardner, der seinen ersten Krimi um Cool und Lam fünf Jahre NACH dem ersten Auftritt von Nero Wolfe veröffentlicht, hat mit Bertha Cool ebenfalls eine raumgreifende Hauptfigur geschaffen, während Lam sich hauptsächlich um die gefährliche Arbeit außerhalb des Büros kümmern muss.

Mrs. Cool, perfectly at ease, continued to hold down the desk with her elbows. She had that motionless immobility which characterizes the very fat. Thin people are constantly making jerky motions to alleviate the nervous pressure which possesses them. Mrs. Cool didn‘t have a fidget in her system. When she sat down, she was placed. She had the majesty of a snow-capped mountain, the assurance of a steam roller. (S. 11)

Allein der Output von Gardner zeigt schon, dass literarischer Anspruch und die Charakterzeichnungen nicht an erster Stelle standen. Seine zahlreichen Fans wollten spannende, leicht verdauliche und schnelle Unterhaltung und das bekamen sie, einschließlich eines korrekten juristisches Backgrounds. Zum Zeitpunkt seines Todes war Gardner – laut Albin Krebs in einem Artikel der New York Times -, was Verkaufszahlen anging, der erfolgreichste Schriftsteller Amerikas.

His paperback publishers alone, in the mid‐1960’s, were selling 2,000 Gardner books an hour, eight hours a day, 365 days a year. Translated into 30 languages and dialects, Gardner novels sold at a rate of about 20,000 a day abroad.

Gardner hat oft betont, dass er nicht wirklich ein Schriftsteller sei. Die Kritiker waren da geteilter Meinung:

Book critics who specialized in crime stories, such as Anthony Boucher, writing in The New York Times Book Review, consistently praised Mr. Gardner for his intricate plotting and his simple narrative style. Other critics, however, dismissed his novels as “mere entertainments” or “pap.”

Allerdings war Gardner die Ansicht der Kritiker herzlich egal, er schrieb für seine Leser, die ihm ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichten.

 

“I write to make money, and I write to give the reader sheer fun,” he said. “People derive moral satisfaction from reading a story in which the innocent victim of fate triumphs over evil. They enjoy the stimulation of an exciting detective story.

“Most readers are beset with a lot of problems they can’t solve. When they try to relax, their minds keep gnawing over these problems and there is no solution. They pick up a mys tery story, become completely absorbed in the problem, see the problem worked out to final and just conclusion, turn out the light and go to sleep. If I have given millions that sort of relaxation, it is reward enough.”

Fazit: Unterhaltsam und als Vergleichslektüre zu Rex Stout gern gelesen, aber dennoch empfehle ich stattdessen den ersten Krimi um Nero Wolfe und Archie Goodwin mit wesentlich schlagfertigeren Protagonisten, hübscherem Orchideenbackground und guter Küche.

Mein 14. Rückblick auf‘s vergangene Lesejahr

Nachdem ich momentan anscheinend zu unkonzentriert bin für die überbordend belesene Erzählfreude von The Hakawati – den neuesten Roman von Rabih Alameddine – und die Lektüre auf irgendwann verschoben habe, werde ich das Jahr mit Heute bedeckt und kühl von Michael Maar beenden, ein anregender Streifzug durch berühmte und auch weniger bekannte Tagebücher. Da geht‘s querbeet und kunterbunt und mit unzähligen Zitaten versehen um die Fragen, warum Menschen Tagebücher schreiben und lesen.

Tagebücher, wenn sie nicht heucheln, zeigen uns, wie wir als Sündensäcke doch alle Brüder und Schwestern sind. (S. 227)

Manchmal sind mir die Abschnitte über einzelne Autorinnen und Autoren allerdings zu kurz: Die acht Tagebücher Viktor Klemperers werden auf gerade einmal zwei Seiten abgefrühstückt, davon entfällt allein schon über eine Seite auf ein Zitat. Dennoch möchte man sich nach Maars Buch natürlich gleich einige weitere Titel auf die unendliche Wunschliste setzen.

Weiter in den Tagebüchern von Pepys. Der Vormarsch der Türken in Ungarn, die Pest in London. Ich las die ganze Nacht. Die Alltäglichkeiten sind es, die diese Aufzeichnungen so interessant machen. „Kaufte mir heute eine grüne Brille.“ Das ist es. Das macht unser Leben aus. (Zitat aus dem Tagebuch Walter Kempowskis, S. 205)

Passend zum Jahresende scheint mir der Beitrag auf Buch-Haltung, dessen Gedanken zu KI-Slop und der Wichtigkeit von Literaturblogs ich alle nur unterschreiben kann. Und Letusreadsomebooks stellt die hoffnungsvolle Frage, ob der Trend zum bewussteren Medienkonsum vielleicht auch den Buchblogs zugute kommen könnte. So ganz kann ich diesen Optimismus nicht teilen, hier auf dem Blog gehen jedenfalls die Zugriffszahlen weiterhin sanft nach unten. Und für eine bessere Sichtbarmachung, z. B. über Instagram, fehlt mir einfach die Zeit, aber wir werden sehen …

Ich weiß, I’m late to the party, dennoch: Meine Lieblingsentdeckung in den unendlichen Weiten der Blogs ist Buddenbohm & Söhne. Allein für den Post am 6. Dezember möchte ich am liebsten sofort ein Schreibseminar bei ihm buchen.

Nun aber zum schon traditionellen kurzen Rückblick auf die Bücher der letzten zwölf Monate, bevor mich dann wieder spontan und unsortiert frage, was ich als nächstes aus den diversen Bücherstapeln hier im Haus fische. 

Briefe

  • Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter – Nicht weggeschmissene Briefe I (2005)

Krimis

Die folgenden englischsprachigen Krimis haben mir einfach Spaß gemacht und der Ausflug nach Japan mit Inspector Imanishi war eine besondere Entdeckung.

Zur Geschichte des britischen Sklavenhandels

  • Paula Byrne: Belle – The True Story of Dido Belle (2014)

Reisen

Witzige Fantasy über Aliens und ihre seltsamen Pläne

Freundliche Bücher

Romane über Einsamkeit, Liebe und Illusionen

Noch lange nach der Lektüre hat mich The Hopkins Manuscript (1939) von R. C. Sherriff beschäftigt. Große Empfehlung. Hat sich möglicherweise Ian McEwan für seinen Roman What we can know von der großen Katastrophe bei Sherriff inspirieren lassen? 

(Auto-)Biografien und Erinnerungen

Wiedergelesen und nicht enttäuscht gewesen

  • Mary O‘Hara: My Friend Flicka (1941) – kann man auch lesen, wenn man dem Alter für Pferdebücher seit Jahrzehnten entwachsen ist. 

Ließ mich ratlos zurück

  • Matias Faldbakken: The Hills (OA 2017) handelt von einem Kellner, dem allmählich alles zu entgleiten droht. 

Sachbuch, das mir und euch gleich vier Beiträge abforderte

  • Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – dieser Einblick in längst obsolete gesellschaftliche Spielregeln (und Rezepte) hat mir viel Freude gemacht.

Lieblingscover

Bleibt mir noch, euch Dankeschön zu sagen für alle Besuche, Likes und Kommentare und selbstredend auch für all eure Anregungen und Empfehlungen, denen ich nur zu gern nachgehe. Euch allen einen hoffnungsvollen Jahresanfang und natürlich immer das passende Buch anbei.

J. C. Masterman: An Oxford Tragedy (1933)

Für Krimileserinnen und -leser ist An Oxford Tragedy (1933) vielleicht schon deshalb interessant, weil mit diesem Buch Sir John Cecil Masterman (1891 – 1977) das Genre der Krimis begründete, die im akademischen Milieu der Oxford Colleges spielen. J. C. Masterman wusste, wovon er redete, war er doch selbst „senior tutor“ und Vize-Präsident der Universität – so wie auch sein Ich-Erzähler. 

Der Doerlemann Verlag hat 2025 unter dem Titel Die Oxford-Tragödie eine Neuauflage der ehemals im ECON Verlag erschienenen Übersetzung von Antje Kaiser herausgebracht.

Insgesamt fand ich das Buch nicht wirklich rund. Zwar gefiel mir, wie uns der Erzähler Francis Wheatley Winn auf den ersten Seiten als eine glaubwürdige, selbstzufriedene und etwas umständliche Watson-Figur vorgestellt wird.

… es liegt in der Natur der Sache, dass Sie alles mit meinen Augen – beziehungsweise genauer gesagt durch meine Brille – sehen müssen. Und hier liegt auch schon, bevor wir überhaupt begonnen haben, eine Schwierigkeit. Denn Sie müssen es entweder durch diese Brille sehen oder ganz darauf verzichten, und zweifellos ist der Blick durch meine Brille ein wenig verschwommen aufgrund von Vorurteilen und getrübt durch meine altmodische Sentimentalität. […] und Sie müssen Sie sich Ihrerseits damit zufriedengeben, diese [Wahrheit] durch eine Brille zu sehen, die Sie weder putzen noch abnehmen können. 

Ich bin Universitätslehrer, sechzig Jahre alt und bilde mir ein, weltoffen und mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz begnadet zu sein, wobei ich vermute, dass ich eher ein Kritiker als schöpferisch veranlagt bin. Mitunter, in Augenblicken der Selbstreflexion, gestehe ich, zu Hektik und Handlungsunfähigkeit zu neigen. Ich bekenne, dass ich selbst für mich einen Gegenstand größten Interesses darstelle, denn die Erforschung meiner eigenen Gedankengänge ist für mich eine nie versiegende Quelle unendlichen Genusses. […]

Vielleicht wird meine eigene Person im Laufe der Erzählung deutlicher, als wenn ich ein ganzes Kapitel mit der Beschreibung derselben verbrächte. Vielleicht wird sie sogar deutlicher, als mir lieb ist. (S. 7 – 9)

Francis sieht zunächst dem College-Gast Ernst Brendel, einem Anwalt aus Österreich, mit etwas Unbehagen entgegen, da er schon einige Langweiler aus dieser Richtung erlebt hat, die zu seinem Leidwesen noch nicht einmal immer des Englischen mächtig waren.

Brendel soll einige Vorlesungen halten und entpuppt sich zu Francis’ großer Erleichterung als sympathischer Amateurdetektiv, mit dem die Dozenten nach einem guten Abendessen noch ein wenig ins Plaudern kommen. 

Kurz nach 22 Uhr sind Francis und Brendel die einzigen, die noch im Klubzimmer sind. Die übrigen Dozenten sind entweder nach Hause, noch mal ins Labor oder in ihre College-Wohnungen entschwunden. Doch dann stürmt der Dekan Maurice Hargreaves herein und berichtet, dass er Shirley, einen allseits unbeliebten, ja geradezu verhassten Kollegen, mit dem Hargreaves noch verabredet war, in seinem eigenen Büro tot aufgefunden habe. Erschossen mit der Waffe, die einem aufmüpfigen Studenten am Tag zuvor abgenommen worden war. 

Relativ rasch ist klar, dass höchstwahrscheinlich nur einer der Dozenten, die an dem Abendessen teilgenommen haben, als Täter in Frage kommt. 

Was mich an diesem Krimi gestört hat, war, dass hier quasi gar nicht ermittelt wurde. Brendel ahnt schon sehr früh, wer der Täter sein müsse, und sammelt dann noch einige Indizien, die er auch nicht immer mit Francis erörtert, und am Ende gibt es ein langes schriftliches Geständnis. 

Manche Figuren blieben so blass, dass ich mich ab und an vergewissern musste, von wem da gerade die Rede war. Und wichtige Protagonisten waren so schrecklich einseitig gezeichnet, dass ich wenig Interesse an ihrem Ergehen aufbringen konnte. Als einziger greifbarer Charakter tritt Francis hervor, der am Ende erkennt, dass dieser Mord sein geliebtes College verändert und seine behagliche Junggesellenruhe für immer zerstört hat. 

Meine Freunde sind alle weg, und ich bin einsam. … Wie wenig sich das Leben an einem großen College wie diesem doch um jeden Einzelnen kümmert und wie einfach es ohne ihn weitermacht! Würde es ihnen überhaupt etwas ausmachen, wenn ich morgen ginge? Wie lange würden sie sich an mich erinnern? Der Einzelne ist vergänglich, doch das College macht weiter … Aber ich kann mich nicht mit neuen Gedanken beschäftigen. Ich muss immer nur an die unheilvolle Vergangenheit denken. Sie ist vollkommen falsch, vollkommen tragisch, und das Leben ist voller Sinnlosigkeit und Versagen und Enttäuschungen … (S. 237)

Der Great British Book Club hat weitere Empfehlungen zum Krimi-Schauplatz Oxford.

Fundstück von Iris Radisch

Das Lebensende erzwingt einen Wechsel der Blickrichtung. Während man sich bislang im Fortschrittsmodus bewegt und nur nach vorne gestarrt hat, sieht man jetzt zurück. Das Vorsorgeprinzip hat seinen Sinn verloren. Man kann nicht mehr darauf bauen, demnächst mit dem Leben anzufangen, wenn man gerade damit aufhören muss. […] Wozu die kostbare Lebenszeit an Überflüssiges verschwenden? Wozu Kompromisse machen? […] Martin Heidegger, dessen Philosophie ihre existenzielle Kompromisslosigkeit aus dem Nachdenken über das Lebensende bezieht, nennt diese letzte Klarsicht eine ‚von den Illusionen des Man gelöste, ihrer selbst gewisse Freiheit zum Tode.‘ Daraus folgt: Verzettele dich nicht in den zahllosen Nebenumständen deines Daseins, sondern kümmere dich um den ‚Grund‘, um die ‚Eigentlichkeit‘ deiner Existenz. 

aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015, S. 10

Mignon G. Eberhart: Murder by an Aristocrat (1932)

In der letzten Zeit gab es einige Flops im Cozy Crime-Bereich.

Da gab es beispielsweise Murder at Mistletoe Manor (2025) von F. L. Everetts, das eigentlich ganz vielversprechend anfing. Der frischgebackene Vater Nick Caldwell, der als Journalist arbeitet, entschließt sich auf dem Heimweg zu seiner kleinen Familie in letzter Minute, doch lieber den Wagen im Schneesturm am Straßenrand stehen zu lassen. Er findet – obwohl es nur noch wenige Tage bis Heiligabend ist – ein Zimmerchen in der Herberge Mistletoe Manor. Hier trifft er auf die übrigen acht Gäste, zwei Angestellte und eine junge Frau, die ebenfalls ungeplant, leicht verpeilt und nur mit Hausschuhen an den Füßen um eine Notunterkunft bittet. Es dauert nicht lange, da wird der erste Gast mit dem goldenen Stern, der eigentlich die Spitze des Weihnachtsbaums schmücken sollte, erstochen. Nick versucht nun mehr schlecht als recht herauszufinden, wer der Täter ist. Doch schon nach der Hälfte der Seiten war mir der größte Teil der an den Haaren herbeigezogenen Auflösung klar und zu viele Tote gab es außerdem. Vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass aktuelle Cosy Crime-Bücher für mich funktionieren, die versuchen, einen auf Agatha Christie zu machen, doch eher gering.

Dann lieber gleich ein wirklich altes Schätzchen zur Hand nehmen, wie zum Beispiel Murder by an Aristocrat (1932) von Mignon G. Eberhart. Insgesamt schrieb die sehr sehr erfolgreiche amerikanische Krimi-Schriftstellerin Eberhart (1899 – 1996) sieben Bände um die alleinstehende Krankenschwester Sarah Keate, die auch alle schon mal ins Deutsche übersetzt worden sind. 

Murder by an Aristocrat wurde 1936 verfilmt und erschien in Deutsch unter den Titeln In einer kühlen Sommernacht oder auch Keiner will‘s gewesen sein.

Krankenschwester Sarah wird von Dr. Bouligny nachts um halb drei aus dem Schlaf geschreckt, mit der Bitte, sofort zu einem Patienten zu kommen, der sich vor einer halben Stunde beim Reinigen seines Revolvers versehentlich selbst angeschossen habe. 

I resisted an impulse to tell him I would far rather get my sleep out, scrambled some things into a bag, caught a suburban train, and was presently walking along the turf path, raised a little, and so velvety thick with close-cropped grass that my feet made no sound at all, which led diagonally from the crossroads across the spacious lawns surrounding the Thatcher house. It was that cool, lovely gray hour before the sun, and I recall very clearly but with some incredulity the feeling of peace and tranquility and serenity induced in me by the wide green lawn, spreading into misty gray, the dim outlines of the shrubbery, the sleepy twitter of the birds in the great old trees, and the house itself, which loomed half clear, half shadowy ahead of me. (S. 4)

Sarahs Patient ist der Unsympath Bayard Thatcher, der zu Gast bei seinen reichen Verwandten weilt. Die Wunde ist nicht schlimm, aber Sarah fragt sich schon, wie man auf die Idee kommen kann, mitten in der Nacht seinen Revolver zu reinigen. Auch zeigt sich Bayard eher belustigt über das, was man der Krankenschwester erzählt hat.

Schließlich vertraut er ihr an, dass man versucht habe, ihn umzubringen. Etwas, was die bodenständige Sarah reichlich absurd findet, zumal Bayard sich weigert, das Haus zu verlassen. Allerdings zweifelt sie nur so lange an seinen Anschuldigungen, bis Bayard tatsächlich erschossen aufgefunden wird.

Sarah bemerkt nun einige Ungereimtheiten, die sich nicht mit dem decken, was die ihr eigentlich sympathische Familie als offizielle Lesart der Polizei verkauft, dass nämlich Bayard einen Einbrecher dabei ertappt habe, wie dieser den Safe mit den Familienjuwelen ausgeplündert habe, und deshalb vom Täter erschossen worden sei. 

Nach einem kleinen Durchhänger nimmt dann der Roman richtig Fahrt auf und Eberhart schickt ihre Leserinnen und Leser ganz wunderbar in ein Familien-Labyrinth mit immer neuen Wendungen. Das war spannend und außerdem von einer Ich-Erzählerin mit Wiedererkennungswert erzählt, von der ich gern noch mehr lesen möchte.

But I couldn‘t sleep. I turned and twisted. I took off my cap, and the hairpins out of my hair, but the cushion under my head was just as hard. I was too cool and fumbled for and drew over my feet a soft eiderdown. I was too warm and tossed it off again. I was thirsty and tiptoed to the bathroom, turning on the faucet with care so as not to wake my patient, but the drink did not satisfy me. I tried counting sheep, I tried making my vision a blank. I tried thinking of the virtues of my family, as someone advised me to do as a cure for insomnia. The latter expedient was almost my undoing. My accumulating rage reached a small climax with the thought of my cousin‘s gift to me last Christmas – six pairs of gray woolen bed socks, knitted and inexpressibly spinsterish – and I found myself farther from sleep than ever. 

Dass sich diese Schlaflosigkeit für Sarah auszahlen wird, versteht sich von selbst.

Arthur Miller: Zeitkurven (1987)

Nach den ersten 360 Seiten verließ mich leider der Schwung und nun werde ich nie erfahren, was der amerikanische Dramatiker Arthur Miller (1915 – 2005) in den noch verbleibenden 450 Seiten seiner Autobiografie Zeitkurven von 1987 noch zu erzählen hatte. Das Original erschien unter dem Titel Timebends und wurde von Manfred Ohl und Hans Sartorius ins Deutsche übertragen.

Dabei fand ich durchaus einige Aspekte interessant: Arthur Asher Millers Vater und seine Großeltern mütterlicherseits waren polnische Einwanderer, deren Identität durch ihr Judentum geprägt war. Was für eine Katastrophe dann später, als Arthur Miller eine Katholikin heiratete, deren Verwandte geradezu schockgefroren waren, plötzlich einen Juden in der Familie zu haben. Antisemitismus und Rassismus sind Motive, die sich da durch seine Erinnerungen ziehen.

Anfang der vierziger Jahre wußte die Welt, daß die Juden von den Deutschen in Massen verfolgt, und spätestens 1942, daß sie vergast und verbrannt wurden. Aber so groß war die antisemitische Scheinheiligkeit im amerikanischen und im englischen Außenministerium, daß selbst die offiziellen Einwanderungsquoten, so klein sie auch waren, durch die man zumindest einige tausend Juden hätte retten können, nie voll ausgeschöpft werden durften. Und die Bahnlinien, die in die Vernichtungslager führten, wurden nie bombardiert.[…] Die amerikanische jüdische Gemeinde wagte aus Furcht, die Feindseligkeit der Amerikaner nicht nur gegenüber den Juden, sondern den Ausländern im allgemeinen zu verschärfen, nicht, Rettungsaktionen zu fordern. (S. 88)

Auch Millers pro-kommunistische Sympathien und Aktivitäten, seine lange Weigerung, die Verbrechen im stalinistischen Russland zur Kenntnis zu nehmen, sowie die Tatsache, dass er dadurch – wie so viele andere auch – in die Mühlen der Bespitzelung und anti-kommunistischen Hetze unter Senator McCarthy geriet, gehören zu seiner Geschichte.

Ebenso seine Erfahrungen als Arbeiter in verschiedensten Branchen und Fabriken, zunächst, weil er einfach Geld brauchte, später dann auch, um den Kontakt zum „einfachen Volk“ nicht zu verlieren. Um seinem Anspruch, mit seiner Kunst die Gesellschaft zu verändern, besucht er u. a. monatelang ein Gefängnis, um mit den dortigen Insassen ins Gespräch zu kommen.

Das Jackson State Penitentiary stand im Ruf, das progressivste Gefängnis im ganzen Land zu sein, aber wenn ich von dort nach Ann Arbor zurückkehrte, konnte ich nie einschlafen. Ich mußte zuerst diese Stadt der eingesperrten Männer aus meinen Gedanken verbannen: den dumpfen, scharfen Zoogeruch der heißen, feuchten Zellen, in denen Menschen saßen, insgesamt mehr als achttausend, den Widerhall des hohlen, tiefen Dröhnens, das nie verstummte; das wilde, irre Gelächter und das bedrohliche Lärmen, das in regelmäßigen Abständen ausbrach. Kein Wärter wagte es, in Armeslänge vor den Zellen vorbeizugehen, weil er fürchten mußte, von Händen erwürgt zu werden, die blitzartig zwischen den Gitterstäben hervorschossen. Das Schlimmste war für mich das Wissen, daß ich unfähig gewesen wäre, die Situation zu verändern, wenn man mir die Verantwortung für das Gefängnis übertragen hätte. (S. 125)

Und geradezu unglaublich lesen sich beispielsweise seine Rechercheergebnisse, als er nachforscht, warum ein mutiger junger Hafenarbeiter 1939 in New York plötzlich verschwunden, d. h. ermordet wurde. Dieser Peter Panto hatte es gewagt, gegen die mafiösen Strukturen, die inzwischen in der Gewerkschaft der Hafenarbeiter herrschten, aufzubegehren. Wie auf einem mittelalterlichen Tagelöhnermarkt werden die Arbeitslosen Tag für Tag für anstehende Arbeiten angeheuert.

[Beim Auftauchen des Heuerbosses morgens um vier Uhr dreißig liefen die Hafenarbeiter] herbei und stellten sich in einem Halbkreis um ihn auf. Sie hofften, seinen Finger auf sich zu lenken und die nummerierten Messingmarken zu bekommen, die ihnen Arbeit für diesen Tag garantierten. Der Boss verteilte die Marken an seine Günstlinge, die ihn insgeheim bestachen. Oft blieben ein paar Marken übrig, und die warf er gönnerhaft über der Gruppe in die Luft. Es entstand eine wilde Balgerei; die Männer rissen sich die Marken aus den Händen, und manchmal kam es zu schlimmen Schlägereien. Ich empfand es als eine Schande, daß sie alle diese demütigende Prozedur wie Vieh akzeptierten. (S. 195)

Doch spätestens nach seinem Erfolg mit dem Stück Alle meine Söhne viele Jahre später wird Millers Identifikation mit der Arbeiterklasse eine Farce. 

Es kann lange dauern, ehe man sich damit abfindet, daß Berühmtheit nur eine andere Form von Einsamkeit ist. […] ich wollte zunächst nicht wahrhaben, daß sich an meinem Leben überhaupt etwas ändern könnte. Deshalb nahm ich ein oder zwei Monate nach der Broadwaypremiere von Alle meine Söhne eine Arbeit in der Fabrik in Long Island City an, als könnte ich dadurch die Kontinuität mit der Vergangenheit aufrechterhalten. […] Mein Stück spielte pro Woche etwa zweitausend Dollar ein, und hier bekam ich den Mindestlohn – vierzig Cent in der Stunde. Nach wenigen Tagen hatte die Irrealität meiner Flucht vor mir und zu mir meine Energie völlig erschöpft, und ich kündigte. Ich kann nur vermuten, daß ich damals […] versuchte, Teil einer Gemeinschaft zu sein, anstatt die Isolation zu akzeptieren, die der Ruhm mit sich zu bringen schien. Aber es gab auch dort eigentlich keine Gemeinschaft: die Arbeiter waren noch nie im Leben in einem Theater gewesen und würden vermutlich auch nie eines betreten. Wenn ich auf irgendeiner hehren Ebene glaubte, für sie zu sprechen, dann war das eine reine Illusion, und sie hätten mich wohl auch kaum verstanden. (S. 364/365) 

Was meinem Interesse dann allmählich den Garaus machte, war zum einen eine wachsende Ungeduld mit den ständigen Zeitsprüngen. Nachdem eher beiläufig seine erste Ehefrau erwähnt wurde, befindet man sich plötzlich in einem Kapitel, in dem er von seiner Frau Marilyn Monroe spricht.

Nur wenn das Gespräch um Marilyn kreiste, vergaß [Clifford Odets] seine abwehrende Haltung, und seine natürliche Wärme kam zum Vorschein. Er stellte seine Fragen, die Fragen eines Fans, mit großen staunenden Augen. ‚Sie liest, nicht wahr?‘, als wäre Marilyn eine preisgekrönte Gazelle oder ein genialer Schimpanse. Ich bestätigte, daß sie las und ließ es dabei bewenden. Mit der möglichen Ausnahme von Colettes Chéri und einigen Kurzgeschichten hatte ich jedoch bisher noch nicht erlebt, daß sie etwas von Anfang bis zum Ende gelesen hätte. Das mußte sie auch nicht: sie glaubte, das Wesentliche eines Buches nach ein paar Seiten erfaßt zu haben, was oft auch der Fall war. Die meisten Bücher, die sie aufschlug, hielt sie für unnötig oder nach ihrer Erfahrung für unwahr. (S. 318)

Dann liest man von Millers phänomenalen Theatererfolgen, nur um wieder zu seinen Anfängen als Arbeiter auf einer Schiffswerft zurückkatapultiert zu werden. Dieses assoziative Erzählen machte es mir oft schwer, den chronologischen Faden nicht völlig zu verlieren.

Darüber hinaus setzt Miller inhaltliche Schwerpunkte, die seiner Arbeit als Theaterautor geschuldet sind, da erfahren wir über viele Seiten hinweg, unter welchen Umständen und mit welchen Intentionen seine Stücke entstanden, wie sich die Zusammenarbeit mit (berühmten) Regisseuren und Schauspielern entfaltete und wie er die Entwicklung des amerikanischen Theaters beurteilt.

Wie bei manchen späteren Vorstellungen gab es bei der ersten Aufführung [des Handlungsreisenden] nach dem Schlußvorhang keinen Applaus. Unter den Zuschauern ereigneten sich merkwürdige Dinge. Als der Vorhang fiel, standen einige auf, zogen ihre Mäntel an und setzten sich wieder; andere, besonders Männer, saßen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den Händen, einige weinten unverhohlen. Zuschauer gingen quer durch das Theater, um sich mit jemandem leise zu unterhalten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe jemand daran dachte zu applaudieren. (S. 253)

Aber – abgesehen von den wunderbar anschaulichen Szenen aus seiner Kindheit – erfahren wir in den ersten 360 Seiten wenig über sein Privatleben und seine Ehen.

Man kaufte nicht einfach ein Huhn, sondern ging zum Metzger und betrachtete prüfend die lebenden Tiere in den Lattenkäfigen und deutete auf ein unglückliches Opfer. Wenn der Metzger dann in die gefiederte Hysterie griff, das Huhn mit einer Hand an beiden Beinen herauszog, ihm mit dem Messer blitzschnell die Halsschlagader aufschnitt und es zum Rupfen aufhängte, war das für einen kleinen Jungen eine fesselnde Unterhaltung. […] Abgesehen von den Lichtschaltern funktionierte nichts auf Knopfdruck. Das Grammophon mußte aufgezogen werden; bei vielen Autos gehörte zum Anlassen das Ankurbeln; Kaffee wurde in der Kaffeemühle gemahlen, und es gab noch andere Verwendungsmöglichkeiten für die Hände, als den richtigen Geldschein aus der Geldbörse zu ziehen und auf etwas zu zeigen. Es grenzte immer ans Wunderbare, etwas von Hand zu verwandeln. Ich verbrachte in der Schule Monate damit, Zigarrenkisten mit dem amerikanischen Adler zu verschönern, den ich vom Wappen auf der Titelseite der Hearst-Zeitung abpauste. […] Und als Sechsjähriger baute ich mir einen Wagen, indem ich die Räder eines Kinderwagens unter einer hölzernen Seifenkiste befestigte. Mit diesem Wagen konnte ich fahren, wenn auch nicht steuern. (S. 90/91)

Allerdings widmet er sich im zweiten Teil des Buches, wie ich beim Querlesen festgestellt habe, ausführlich der Beziehung zu Marilyn, deren Schönheit immer dafür sorgte, dass sie von Männern als beliebig verfügbar angesehen wurde und deren Heirat mit einem „Kommunisten“ wie Miller ausgesprochen ungnädig aufgenommen wurde. Schon damals war die Klatschpresse brutal und weder die Paparazzi noch wildfremde Menschen kannten da Skrupel. Es gab Männer, die nur wenige Meter von ihr onanierten.

Als sie nach ein paar Wochen nach unserer Ankunft [in Großbritannien] Marks and Spencer besuchte, mußten alle Kunden das Kaufhaus verlassen, und die Eingänge wurden geschlossen, da man einen unkontrollierbaren Menschenauflauf fürchtete, weil alle versuchten, sie wenigstens einmal zu sehen. Marilyn zerstörte tausend Jahre englischen Gleichmuts. (S. 546)

In der ersten Hälfte seiner Autobiografie ist es jedoch oft eher ein essayistisches Erzählen, bei dem Miller versucht, sich über bestimmte Fragestellungen Klarheit zu verschaffen. 

Sein Sohn Daniel (*1966 oder nach anderen Quellen *1967), der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, wird in der kompletten Autobiografie nicht ein einziges Mal erwähnt. Er wurde damals – auf das zeittypische Anraten der Ärzte – in der Nähe in einem Heim untergebracht und wohl eher von seiner Mutter, der Fotografin Inge Morath, besucht.

Vermutlich sollte ich jetzt einfach mal zu Arthur Millers Theaterstücken greifen. Und falls jemand von euch diesen Ziegelstein von Autobiografie zu Ende gelesen hat: Was habe ich versäumt?‘

‚Ich hab das Gefühl, als wär mein Leben immer noch – irgendwie provisorisch‘, sagt Willy Loman zu seinem Bruder Ben. Ich lächelte, als ich diesen Satz im Frühjahr 1948 schrieb, denn ich begriff noch nicht, daß er mein Dasein damals und mein ganzes Leben zusammenfaßte. Das Hier und Jetzt zerrann immer vor einem Traum, dessen Anfang auf mich zukam oder dessen Ende gerade entschwand. Ich mußte zwanzig oder dreißig werden, ehe ich lernte, fünfzehn zu sein, dreißig, ehe ich wußte, was es heißt, zwanzig zu sein, und heute, mit zweiundsiebzig, muß ich mich zwingen aufzuhören, wie ein Mann von fünfzig zu denken, der noch viele Jahre vor sich hat. (S. 93)

Kjersti Anfinnsen: Letzte zärtliche Augenblicke (OA 2019/2021)

Um ehrlich zu sein, mich hat der Roman der Norwegerin Kjersti Anfinnsen (*1975) – von Hause aus Zahnärztin -, um eine bissige einsame alte Dame nicht besonders beeindruckt.

Die Leute hören gar nicht zu, wenn alte Leute ihnen etwas erzählen, sondern sie nicken, setzen eine empathische Miene auf und tun so, als ob, während sie dabei an ganz andere Dinge denken. Ich habe es satt, für sie unsichtbar zu sein und unterschätzt zu werden. Ich habe es satt, dass niemand mehr auf mich hört. Ich habe auch keine Lust mehr, noch länger so allein zu sein. Ich spreche es laut aus und merke, dass es stimmt. (S. 36)

Die knapp 180 Seiten des Romans Letzte zärtliche Augenblicke wurden im Norwegischen ursprünglich in zwei Bänden veröffentlicht (2019/2021), von denen der erste Teil 2019 mit dem Havmannpreis für das beste nordnorwegische Buch ausgezeichnet wurde.

Die Ich-Erzählerin Brigitte Solheim, eine ehemals erfolgreiche Herzchirurgin in den USA, schaut nun einsam in ihrer Pariser Wohnung sich und den wenigen Bekannten, die ihr noch bleiben, beim Älter- und Gebrechlichwerden zu. Sie giftet in den regelmäßigen Videoanrufen ihre ebenfalls betagte Schwester an und ist schockiert, als der Besitzer ihres Lieblingscafés stirbt und dort ein Beerdigungsinstitut einzieht. Brigitte erinnert sich an ihre berufliche Karriere, die gläserne Decke, die sie als Frau immer wieder in einer Männerdomäne zu spüren bekam. An ihre lieblose Kindheit. 

Ich werde älter, mein Leben beginnt, den Wänden eines verlassenen Zimmers zu gleichen, in dem die Bilder entfernt worden sind, eines nach dem anderen. Ihre aufdringliche Abwesenheit verblasst und spricht deutlich von den Bildern, die dort gehangen haben, von der Liebe, die ein Ende nahm, von bekannten Gesichtern, die verschwanden, und von Zimmern, in die einmal andere einziehen und Namen rufen werden, die weder dir noch mir gehören. (Zitat von Stein Mehren, S. 103)

Aber in einer letzten Liebe zu Javier, einem ehemaligen Architekten, erlebt sie noch einmal schöne Momente der Zweisamkeit, doch auch Javier wird den Heimsuchungen des Alters nicht entgehen.

Mir war das alles ein bisschen dünn, ein bisschen aufgesetzt, zu sehr ausgedacht und auf grelle Effekte getrimmt, allein die seltsamen Telefonate mit ihrer Schwester … 

Wir riechen alle nach Sterblichkeit und können es nicht abwaschen. Wir können nichts dagegen tun, außer vielleicht ein Lied anzustimmen. (Zitat von Siri Hustvedt, S. 165)

Und die ständigen Erwähnungen ihrer vielen Perücken, nun gut. Aber die Lebensfreude ihres Friseurs Michel gefiel mir. Doch selbst er wirkte eher wie eine klischeebeladene Figur aus einem Hollywoodfilm.

Das schönste Zitat findet sich übrigens ganz am Ende:

Der unmögliche Augenblick

Ich möchte am liebsten in den Armen eines anderen Menschen sterben. Ich möchte am liebsten allein sterben. Ich möchte am liebsten nicht so viel mitbekommen. Ich möchte, dass mein letzter Gedanke wahrhaftig ist – und das scheint schier unmöglich. […] Ich möchte kein Drama, keine Atemnot, blutiges Blubbern in meinem Mund, keine Herzprobleme oder Sirenen. […] Und ich möchte definitiv keine Schmerzen oder eine alles umfassende Angst.

Nein.

Ich möchte in der Welt bleiben. Ich möchte Teil des Geruchs, der Töne und des Geschmacks in der Welt sein. Ich möchte, dass Mohnblumen über mich gehäuft werden. Ich möchte von Magnolien umgeben sein, ich möchte in einen unerwarteten Platzregen geraten. Ich möchte den Duft englischer Rosen und des ersten frischen Herbstlaubs einatmen. Ich möchte Austern hinunterschlucken und Karamellbonbons lutschen. Ich möchte jemanden umarmen und umarmt werden. 

Ich möchte.

Doch es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Bald ist alles vorbei und dann hoffe ich, das Ende gleicht einem stillen Augenblick, in dem ich erlösche – ganz behutsam, ganz zärtlich.

Wie viel verdichteter waren da beispielsweise An Unnecessary Woman von Rabih Alameddine oder auch Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an von Mely Kiyak.

Die Skulptur Metamorphose stammt von dem Künstler Arne Ranslet (1983) und steht vor der Kirche in Allinge auf Bornholm.

Robert Cedric Sherriff: The Hopkins Manuscript (1939)

R. C. Sherriff, dessen menschenfreundliche Geschichte A Fortnight in September von 1931 um einen Familienurlaub Kritiker, Schriftsteller und Leserinnen und Leser gleichermaßen überzeugte, schrieb mit The Hopkins Manuscript einen geradezu verstörend anderen Roman, der mich aber trotzdem wieder völlig in seinen Bann gezogen hat. 

Die deutsche Übersetzung von Maria von Schweinitz erschien 1955 unter dem Titel Der Mond fällt auf Europa.

Der Roman beginnt mit einem Vorwort, in dem der Leser erfährt, dass die Royal Society of Abyssinia vor zwei Jahren – also ungefähr im Jahr 2743 – zufällig ein Manuskript aus den feuchten und nahezu unbewohnten Ruinen Notting Hills gefunden hat, aus dem man sich Aufschluss über die letzten Tage Londons während der großen, fast alles zerstörenden Katastrophe erhofft hatte. 

But a careful study of the manuscript has proved these hopes to have been raised in vain. Edgar Hopkins, its author, was a man of such unquenchable self-esteem and limited vision that his narrative becomes almost valueless to the scientist and historian … 

The damp British climate has not attracted the peoples of the East, and for nearly a thousand years, since its last wretched inhabitants starved to death amidst the ruins of their once noble cities, the Island has remained a deserted, ghost-haunted waste, its towns and villages buried ever deeper beneath encroaching forests and swamp.

Wir wissen also von Anfang an, dass eine geradezu unvorstellbare Katastrophe den westlichen, „weißen“ Kulturkreis hinwegfegen wird, und Edgar Hopkins, dieser absolute Durchschnittstyp, wird durch seine Aufzeichnungen der letzte Zeuge dessen, was geschehen ist, denn die wenigen Artefakte, die von seiner Kultur noch geborgen werden konnten, haben für die Historiker der Zukunft eine doch eher geringe Aussagekraft.

An extremely rusted iron tablet was found twelve miles south-west of London. Its inscription has been deciphered by Dr Shangul of Aduwa University as ‘KEEP OFF THE GRASS‘ and is now lodged in the Royal Collection of Addis Ababa. 

Hopkins findet ein letztes bisschen Glück in dem Plan, seine Geschichte aufzuschreiben.

I alone, of all these hopeless people, shall die with the knowledge that I leave something behind that one day may be found and valued as highly as the Rosetta Stone or the priceless manuscripts of Egypt. (S. 3)

Er, ein 53-jähriger Junggeselle, hat 23 Jahre als Mathematiklehrer gearbeitet, bis ihm eine Erbschaft 1940 ermöglichte, der Schule den Rücken zu kehren und in einem Dorf in Hampshire ein kleines Anwesen zu kaufen, um dort seiner großen Leidenschaft, der Geflügelzucht, nachzugehen.

Keine Frage, er ist ein Snob, der seiner Umgebung mit seinen Hühnern vermutlich schrecklich auf die Nerven fällt, dennoch mag man ihn, weil seine Selbstzufriedenheit und -täuschungen uns so fremd vielleicht doch nicht sind. Und gleichzeitig nimmt er auf andere Rücksicht und geht dem älteren Briefträger entgegen, um ihm den steilen Weg zu seiner Haustür zu ersparen.

Nature has provided me with a happy gift for friendship, a witty but not unkind tongue and, I think, a restful, pleasant personality. I soon became well acquainted with my neighbours, from whom I selected Dr Perceval and Colonel John Harrison as my most intimate friends. I spent many happy evenings with these two gentlemen, discussing my poultry until long past midnight, and it was a great regret to me when both of them decided to go and live farther away. (S. 5)

Dr Perceval ist es, der Hopkins an die Astronomie heranführt. Und schon nach einigen Monaten wird er Mitglied der British Lunar Society, einer Vereinigung von interessierten Laien und Fachleuten, die sich der Erforschung des Mondes verschrieben haben. Sie treffen sich einmal im Monat in London, um zu debattieren, Erkenntnisse auszutauschen, Vorträge zu hören und um leckere Hühnchen-Sandwiches zu essen.

Upon one occasion I engaged Professor Rolleston-Mills of Greenwich Observatory in conversation for nearly twenty minutes. I explained to him that the unusual whiteness of the chicken meat in the sandwiches and their exceptionally delicate flavour was due to a deliberate inbreeding of a selected strain of Wyandotte. (S. 6)

Doch 1945, also sieben Jahre, bevor Hopkins mit seiner Niederschrift beginnt, mischen sich die ersten Misstöne in die Idylle. Ihm und auch anderen fällt auf, dass der Sonnenuntergang eine andere Färbung angenommen hat. 

There was no difference in the actual appearance of the sun, nor in the shape of the little clouds that surrounded it as it sank gently behind the trees. But, as it passed, it left a great sombre tarnish in the sky, a feverish glow of poisoned blood that had no beauty in it – that oppressed and disturbed me. (S. 8)

Sein besorgter Leserbrief an die Times wird nicht abgedruckt, doch die Himmelsphänomene werden immer merkwürdiger. Schließlich lädt die Royal Lunar Society ihre Mitglieder zu einem Treffen ein, bei dem alle zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet werden. Sie werden von Professor Hartley darüber informiert, dass der Mond seine Umlaufbahn verlassen hat und sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinde. Es blieben der Menschheit noch sieben Monate. Hartley erläutert den Plan der Regierung:

‘It was recognized by all that the publication of what could only mean the destruction of the world would lead to a condition of affairs to horrible to contemplate. The number of people in the world with the strength of character to accept the news with calmness and philosophy would be in the minority, and the last months of human existence would become a welter of anarchy, debauchery and famine. It was of vital importance to keep the truth a secret until the last possible moment and only then to publish the facts by means best calculated to allay panic.‘ (S. 32)

Und nun öffnen sich vor den Leserinnen und Lesern verschiedene Fragen: Wie gehen die Mitglieder der Mondgesellschaft mit ihrem Wissen um, das sie nicht weitergeben dürfen? Was wird passieren, wenn die bevorstehende Kollision mit dem Mond nicht länger geheimgehalten werden kann? Wie werden sich Menschen und unser Geflügelzüchter auf das Ende vorbereiten? Wie unterschiedlich und in welchen Phasen gehen Menschen mit ihrer Endlichkeit um? Mit welchen Selbsttäuschungen gehen sie der Wahrheit aus dem Weg? Und ist das Ende tatsächlich das Ende?

Der Kritiker John Clute schreibt in der SF-Encyclopedia:

The science of The Hopkins Manuscript is derisory, and Sherriff’s failure to anticipate the nature of the real world war about to break out materially lessened the impact of his tale on publication; but its elegy for a world that was in truth disappearing as Sherriff wrote his tale remains potent.

Du liebe Güte, es war doch offensichtlich, dass es hier kaum um nachvollziehbare oder wissenschaftliche Theorien ging, sondern um die Frage, wie Menschen sich angesichts existenzieller Fragen verhalten, sowohl als Individuen als auch als Gemeinschaften.

It took me a long time to get to sleep. The bigness of the whole thing ahead of us was bewildering. It prevented one applying normal common sense to anything. (S. 206)

Und wenn man an die Klimakatastrophe denkt, kann ich mir kaum eine aktuellere Stelle denken als die folgende:

My belief that the whole ‘moon business‘ was nothing but an absurd scare upon the part of a few super-clever ‘experts‘ was growing firmer every day. I called to mind the numberless ‘experts‘ who had predicted hard winters that had turned out warm: ‘experts‘ who had predicted Stock Exchange slumps which turned out to be booms. I despised the ‘experts‘: I snapped my fingers at them. Fur the future I would trust my own common sense that told me the moon was temporarily misplaced and would find its proper course again without trouble. (S. 72)

Muss ich noch extra erwähnen, dass ich das Buch – trotz kleinerer Längen bei seinen immerhin über 400 Seiten – spannend, witzig, psychologisch fein und bitter und außerordentlich nachdenkenswert fand? Mir jedenfalls ist Edgar Hopkins ein geschätzter Regalmitbewohner geworden, dieser eitle Hühnerzüchter, der, als alle Dorfbewohner beim Bau eines Schutzbunkers mithelfen, sich dagegen entscheidet, dem Schreiner das Du anzubieten.

I decided upon reflection not to do so, for if nothing fatal happened on the 3rd of May he might fail to appreciate his duty to call me ‘sir‘ again. (S. 136)

Gleichzeitig ist Hopkins so einsam, dass er auf einem weihnachtlich überfüllten Bahnsteig so tut, als ob er nach jemandem Ausschau hält, damit die anderen um ihn herum glauben, dass er auch einen Sohn, eine Nichte oder eine Tochter hat, die nun zu Weihnachten heimkommt. Und der dann in der Katastrophe doch über sich selbst hinauswächst … 

Und was das Buch mit der Europäischen Union zu tun hat, muss man sich dann noch selbst erlesen. Sherriff jedenfalls verblüfft seine Leserinnen und Leser mit einem Ende, das man nicht hat kommen sehen und dessen Bezüge zur Gegenwart frappierender nicht sein könnten.

It is remarkable how quickly a fine sunlit day can dissolve one‘s cares. As the morning drew on and the sun grew warmer, and the bracing wind blew away the remnants of my headache, I found the trouble about the moon receding right into the background. For ten minutes at a time I completely  forgot about it, as a man working in the sunlight of a garden around a haunted house might forget the ghost within until the shadows lengthen across the lawn. (S. 56)

Seicho Matsumoto: Mord am Amagi-Paß (OA 1960)

Erzählungen lese ich eher selten, aber nach Inspector Imanishi Investigates, dem 1989 erschienenen Kriminalroman von Matsumoto Seichō, habe ich doch ein bisschen gestöbert, was von diesem Autor noch so greifbar ist. Dabei bin ich auf den nur noch antiquarisch erhältlichen Band Mord am Amagi-Paß gestoßen, der vier Kriminalerzählungen aus einem ursprünglich 1960 erschienenen Band enthält. Ins Deutsche wurden die Geschichten von Heinz Haase und Barbara Sparing übertragen.

Die Erzählungen sind zwischen 32 und 90 Seiten lang und haben mich nicht alle gleichermaßen in den Bann gezogen. Matsumoto erzählt kühl, ohne große Innensichten, aber wir sind sofort in der Geschichte.

Schon dreißig Jahre ist es her, daß ich das erstemal über den Amagi-Paß gewandert bin. ‚Ich war zwanzig Jahre alt, trug die Schildmütze eines Obergymnasiums, über dem gemusterten, dunkelblauen Kimono eine Hakama-Rockhose und über meiner Schulter an einem breiten Band die übliche Schulmappe aus grobem Leinen. Die erste Nacht hatte ich in Bad Shuzenji übernachtet, die beiden folgenden Nächte in Bad Yugashima, und nun bestieg ich auf hohen Holzschuhen den Amagi.‘ So heißt es in Yasunari Kawabatas bekannter Novelle ‚Die Tänzerin von Izu‘ aus dem Jahre 1926.

Zu ebenjener Zeit wanderte auch ich über den Amagi, nur daß ich nicht der Schüler einer höheren Schule, sondern der sechzehnjährige Sohn eines Schmiedes war. (S. 5)

Die Auflösung der meisten Fälle erfolgt fast lakonisch und nicht immer kann der Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

In der ersten Geschichte, die der Sammlung den Namen gab, erzählt uns ein Druckereibesitzer von seinem letzten Auftrag, alte Polizeiberichte zu ungeklärten Mordfällen zu drucken. Mehr aus Langeweile fängt er an, ein wenig darin zu lesen. In einem der Berichte geht es um einen ermordeten Erdarbeiter, den man vor 30 Jahren auf einem einsamen Bergpass gefunden hatte. Die letzten, die ihn gesehen haben, sind ein Teenager, der von zu Hause ausgebüxt ist, und eine Prostituierte, die aus guten Gründen rasch in Verdacht gerät.

In der zweiten Geschichte Die Tatwaffe ist der 61-jährige Rokuemon das Opfer. Er wird erschlagen auf einem Feld gefunden. Am Tag zuvor hatte er noch Geschäfte im Dorf gemacht. Als Kreditgeber und Zwischenhändler, der den armen Dorfleuten ihre Waren abkaufte, war er ein eher unbeliebter Zeitgenosse. Dass er der über 30 Jahre jüngeren Witwe Shimako nachstellte, war ein offenes Geheimnis. Diese war in dem Zwiespalt, ihn nicht zu sehr verärgern zu dürfen, da sie auf sein Entgegenkommen in geschäftlichen Dingen angewiesen war, und ihn gleichzeitig möglichst auf Distanz zu halten, denn als Mann war er ihr zuwider. Shimako wird dann auch schnell verdächtigt, den alten Mann umgebracht zu haben, da sie die einzige ist, bei der ein Motiv auf der Hand liegt. Doch weder Tatwaffe noch Beweise sind zu finden.

In der längsten Geschichte Die Nylonschnur ahnt man lange vor der Auflösung wie die Dinge zusammenhängen könnten.

Die letzte Erzählung hingegen Der Unfall – sie wurde wohl aus dem Tschechischen übersetzt – fand ich unglaublich spannend und wunderbar in den japanischen Alpen in Szene gesetzt. Ein stellvertretender Filialleiter lädt zwei Arbeitskollegen zu einer Bergtour ein. Einer der beiden hat schon etwas Klettererfahrung, der andere ist ein absoluter Neuling. Dabei kommt es zu einem Unglück, wie es in den Bergen bei schlechten Wetterverhältnissen ja durchaus passieren kann. Oder war hier mehr im Spiel als Nebel und sich ein wenig zu verlaufen?

Und erst das Cover der Ausgabe aus dem Jahr 1983 vom Verlag Volk und Welt, das von Hannelore Teutsch gestaltet wurde.

Das möchte man sich doch glatt einrahmen. Ganz weit weg von tristen und komplett ununterscheidbaren KI-Plastikbildchen (siehe auch Bettina Schnerrs Artikel auf dem Blog Bleisatz).

Bill Steigerwald: Dogging Steinbeck (2013)

Der amerikanische Journalist Bill Steigerwald (*1947) reiste 2010 auf den Spuren John Steinbecks entlang der Route, die Steinbeck in seinem Werk Travels with Charley (1962) beschrieben hatte. Arg vollmundig lautet denn auch der Untertitel seines im Selbstverlag erschienenen Buches Discovering America and Exposing The Truth About ‘Travels with Charley‘.

Steigerwald nimmt sich als Protagonist seines Reiseberichtes sehr sehr wichtig, dabei interessiert es mich wahrlich wenig, wo er wie lange im Stau gestanden hat, von wildgewordenen Trucks bedrängt wird oder dass er gern auf den hellbeleuchteten Parkplätzen der Walmart-Supermärkte nächtigt. Erst im vierten Kapitel nennt er einige Zahlen, Fakten und Daten zu Amerika in den Sechzigern, die ich ganz interessant fand: 

Despite the ideals of the Declaration of Independence and protections of the U.S. Constitution, about 18 million black Americans were humiliated, dehumanized or blatantly or subtly denied their civil rights by law or custom above and below the Mason Dixon line. Almost all black women who worked were domestics. Only 20 percent of blacks graduated from high school, compared to 43 percent for whites. One in a thousand marriages was between a white and black, compared to 1 in 60 today. […]

1 percent of drivers used seat belts. America‘s highways were criminally lethal. About 36,000 of the country‘s 180 million people were killed in or by cars in 1960. In 2010, when there were three times as many autos and trucks on the road and 310 million Americans riding around in them, the annual death toll had fallen to 32,708. (S. 35/36)

Hin und wieder verliert er sich in Erbsenzählerei, beispielsweise wenn er moniert, dass Steinbecks Zeit- und Streckenangaben nicht immer mit der Realität übereinstimmten. 

Angesichts des um sich greifenden Irrsinns in der amerikanischen Politik scheint mir Steinbecks Skepsis bezüglich seines Landes wesentlich weitsichtiger als der seltsam verklärende Ton, den Steigerwald ab und an anschlägt, wenn er über die Vereinigten Staaten schreibt (in der inzwischen mehr Jugendliche durch Schusswaffengewalt als durch Autounfälle sterben):

… I also didn‘t get shot in the boondocks or mugged in the cities. Of course, I never expected to have any trouble from my fellow countrymen and didn‘t plan for it. Long after I was home, someone asked what I had taken with me for protection. […] It was a shocking question. Maybe it was I had traveled around the USA so much. Maybe it was because as a journalist I was used to being among strangers in strange rural and urban places. Maybe it was because I knew how badly the news media sensationalize and distort reality, exaggerating the level and scope of crime and making an incredibly safe country seem much more dangerous than it really is. (S. 215)

Entscheidender ist da sicherlich Steigerwalds Behauptung, dass viele Begegnungen, von denen Steinbeck erzählt – so sie nicht gleich erfunden seien, wie die mit dem Shakespeare-Rezitator in der tiefsten Provinz oder die mit dem gemeinen Tierarzt – zu den angegebenen Zeitpunkten gar nicht hätten stattfinden können. Zumal er für viele Personen, die im Buch ihren Auftritt haben, weder Belege noch Zeitzeugen habe ausfindig machen können. 

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass aus der Endfassung von Travels with Charley alle Stellen entfernt wurden, die zeigen, dass Steinbeck keineswegs als einsamer Held drei Monate lang durchs Land gereist sei.

Steinbeck being alone all the time is the most laughable part of the Charley myth. […] Steinbeck traveled with and slept with his beloved wife on about 43 days of his 75-day trip. They stayed together in hotels, motels, resorts, family homes, Adlai Stevenson‘s house and a fancy Texas cattle ranch. (S. 239)

Der Qualität des Buches war die Streichung der Stellen, in denen Elaine erwähnt wurde, vermutlich nicht abträglich, aber die Leserschaft hätte es vielleicht doch gutgeheißen, wenn auf diese massiven Änderungen hingewiesen worden wäre … 

Steigerwald stellt Steinbeck schon fast in die Betrügerecke, wenn er Greg Mortenson und dessen erfundenen Geschichten in dem Bestseller Three Cups for Tea zum Vergleich heranzieht.

Switching two nights around or combining two nights into one, which Steinbeck also did later in Charley, are petty literary crimes in a nonfiction book. So is inventing a character – or two. So is creating a composite character from two real people. Honest journalists never want to see facts fiddled with for any reason. But fudging reality for the sake of drama is not rare and it‘s not new. […] And it‘s been done in nonfiction books since they were invented. Most of the time these fictional tricks don‘t matter. But at some point they can squeeze reality and truth from a nonfiction book, leaving readers deceived or forced to guess which ‘facts‘  to believe and which to discount. And at some point ‘literary fraud‘ can escalate into charges of actual legal fraud. (S. 61)

Wie vermutlich die meisten Leserinnen und Leser, so empfindet auch Steigerwald die Kapitel, in denen Steinbeck seine Erfahrungen in New Orleans beschreibt, als gelungenen Höhepunkt des Buches, als den einzigen Teil, in dem Steinbeck aus journalistischer Perspektive geschrieben habe.

Im ersten Entwurf hatte Steinbeck die Rassisten, die vor der William Frantz Elementary School herumgepöbelt hatten, noch wörtlich zitiert, doch er habe von Anfang an nicht damit gerechnet, dass es diese Stellen in die Druckausgabe schaffen würden:

I don‘t know how the sick sadness of this morning can be felt without these words. I am going to write down the exact expressions screamed in a banshee voice, a voice in which hysteria was very near the surface. These words will go to the publisher on the manuscript and there is not a chance in the world that my readers will see them. But the texture of the morning can not be expressed without them. (S. 206)

Dass die Gespräche, die Steinbeck rund um die abgrundtief hässlichen Vorfälle in New Orleans geführt haben will, vermutlich seiner Fantasie entsprungen sind, sieht Steigerwald zu Recht kritisch.

Even more improbable are the four stock characters Steinbeck conveniently bumps into as he flees New Orleans. The men – two whites, two blacks – just happen to represent a full spectrum of the Jom Crow South‘s positions on integration. […] Knowing Steinbeck‘s modus operandi, the likelihood that he actually met the four Southerners in 24 hours in somewhere between pretty slim and no way in hell. (S. 209)

Übrigens schrieb Steinbecks eigener Sohn:

Thom and I are convinced that he never talked to any of those people in Travels with Charley. He just sat in his camper and wrote all that shit. He was too shy. He was really frightened of people who saw through him. He couldn‘t have handled that amount of interaction. So, the book is actually a great novel. (S. 238)

Im Anschluss zeigt Steigerwald, wie die Geschichte der schulischen Integration weitergegangen ist.

Whites in New Orleans lost their fight to preserve the Jim Crow public school system, but they ducked the bullet of integration. They quickly resegregated their children‘s education and themselves. They started their own private schools, sent their kids to Catholic schools or abandoned white city neighborhoods like the Ninth Ward and fled to the suburbs.

New Orleans, a city of 630,000 in 1960, was transformed. William Frantz Elementary quickly became an all-black school. Within 10 years, as the city hemorrhaged people, almost three-fourths of the students in New Orleans public schools were African American. By 2010, the population […] had flipped, switching from 63 percent white in 1960 to 60 percent black. In 2010 the city‘s integrated public school system was almost as black – more than 90 percent – as its segregated system was white in 1960. (S. 206)

Erhellend fand ich noch, wie Steigerwalds Recherche in den Medien und bei den universitären Steinbeck-Expertinnen und Experten aufgenommen wurde: Sie reagierten ausgesprochen ungnädig, als sie erfuhren – was sie ja längst selbst hätten wissen können und müssen -, dass vieles bei Travels with Charley erfunden war und somit keineswegs in den Bereich der non-fiction gehört. Auch die begeisterten zeitgenössischen Rezensionen haben seltsamerweise nie den Wahrheitsgehalt von Steinbecks Buch in Frage gestellt. Und als die Fakten längst auf der Hand lagen, hat man so getan, als ob der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion ganz unerheblich sei.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass mir Steigerwalds Buch zwar einige Hintergrundinformationen geliefert hat, doch mit seinem Anliegen, Steinbecks Klassiker zu entzaubern, ist der Autor – zumindest bei mir – gescheitert.

Trouble was, his [trip] was largely a 50 mph blur interrupted by luxurious vacations with his wife. And when his journey ended, he had to sit down and make up a nonfiction book about a real country he never found, never really looked for and didn‘t like much. (S. 229) 

Steinbeck selbst hat schon in Travels with Charley ganz entspannt festgestellt:

[I’ve] always admired those reporters who can descend on an area, talk to key people, ask key questions, take samplings of opinions, and then set down an orderly report very like a road map. I envy this technique and at the same time do not trust it as a mirror of reality. I feel. That there are too many realities. What I set down here is true until someone else passes that way and rearranges the world in his own style. (S. 247)

John Steinbeck: Travels with Charley (1962) – Teil 3/3

Der bedrückendste und für mich eindrücklichste Teil seiner Reise steht Steinbeck in New Orleans bevor.

While I was still in Texas, late in 1960, the incident most reported and pictured in the newspapers was the matriculation of a couple of tiny Negro children in a New Orleans school. Behind these small dark mites were the law‘s majesty and the law‘s power to enforce – both the scales and the sword were allied with the infants – while against them were three hundred years of fear and anger and terror of change in a changing world. I had seen photographs in the papers every day and motion pictures on the television screen. What made the newsmen love the story was a group of stout middle-aged women who, by some curious definition of the word ‘mother‘, gathered every day to scream invectives at children. Further, a small group of them had become so expert that  they were known as the Cheerleaders, and a crowd gathered every day to enjoy and to applaud their performance. This strange drama seemed so improbable that I felt I had to see it. (S. 194)

Er ist sich im Klaren darüber, dass er – als jemand, der als Rassist kläglich scheitern würde – dort keineswegs erwünscht ist. Der Taxifahrer möchte die New Yorker Reporter, die ja sowieso alle jüdisch seien, am liebsten lynchen, denn nur die würden die Schwarzen aufhetzen. Ohne Einmischung von außen wäre eigentlich alles in bester Ordnung.

When people are engaged in something they are not proud of, they do not welcome witnesses. I fact, they come to believe the witness causes the trouble. (S. 192)

Steinbeck beschreibt mit großer Anteilnahme die Ankunft der kleinen Ruby Bridges, deren Namen er nicht einmal erwähnt, am Schulgebäude.

The show opened on time. Sounds of sirens. Motorcycle cops. Then two big black cars filled with big men in blond felt hats pulled up in front of the school. The crowd seemed to hold its breath. Four big marshals got out of each car and from somewhere in the automobiles they extracted the littlest Negro girl you ever saw, dressed in shining starchy white, with new white shoes on feet so little they were almost round. Her face and little legs were very black against the white. (S. 199)

Im Gegensatz dazu die brüllende und geifernde Anführerin der Cheerleader, „heavily powdered, which made the line of her double chin look very dark.“ (S. 199) Die verbalen Attacken und Obszönitäten des Publikums werden noch schlimmer, als der weiße Vater, der sich nicht an den Schulboycott der anderen weißen Eltern hält, seinen kleinen Sohn zum Schuleingang begleitet.

No newspaper had printed the words these women shouted. It was indicated they they were indelicate, some even said obscene. On television the sound track was made to blur or had crowd noises cut in to cover. But now I heard the words, bestial and filthy and degenerate. In a long and unprotected life I have seen and heard the vomitings of demoniac humans before. Why then did these screams fill me with a shocked and sickened sorrow?

The words written down are dirty, carefully and selectedly filthy. But there was something far worse here than dirt, a kind of frightening witches‘ sabbath. Here was no spontaneous cry of anger, of insane rage. Perhaps that is what made me sick with weary nausea. […] These blowzy women with their little hats and their clippings hungered for attention. They wanted to be admired. They simpered in happy, almost innocent triumph when they were applauded. Theirs was the demented cruelty of egocentric children, and somehow this made their insensate beastliness much more heartbreaking. These were not mothers, not even women. They were crazy actors playing to a crazy audience. (S. 200)

Was Steinbeck zusätzlich verstört, ist das Fehlen all der anderen Menschen aus New Orleans, von denen er weiß (oder nur behauptet?), dass es sie gibt. Die freundlichen Menschen, dessen Sympathien eher dem mutigen Vater gegolten hätten statt den geifernden Frauen und ihrem Publikum. Die freundlichen Menschen, „the ones whose arms would ache to gather up the small, scared black mite?“ (S. 201)

I don‘t know where they were. Perhaps they felt as helpless as I did, but they left New Orleans misrepresented to the world. The crowd, no doubt, rushed home to see themselves on television, and what they saw went out all over the world, unchallenged by the other things I know are there. (S. 201)

Steinbeck glaubt, dass langfristig nur der gleichberechtigte Zugang zu Bildung den Schmerz, den Haß, die Furcht und Verwirrung überwinden können, die vom Süden aus im Grunde in die gesamten USA ausstrahlen. – Übrigens war Ruby Bridges für ein Jahr lang die einzige Schülerin in ihrer Klasse, unterrichtet von Barbara Henry, der einzigen weißen Lehrerin, die bereit war, sie zu unterrichten.

Ich habe es so empfunden, dass er die Rassisten unter seinen damaligen Gesprächspartnern und späteren Lesern nicht unbedingt vor den Kopf stoßen will, auch wenn er einen Anhalter dann doch wieder rauswirft, als der so begeistert von den Cheerleadern schwärmt und rumtönt, eher im Kampf sterben zu wollen, bevor er seine Kinder auf eine Schule mit Schwarzen gehen lasse.

Stattdessen sind Steinbecks Trauer und sein Entsetzen, die aus jeder Zeile fließen, eine Einladung, sich auf unser gemeinsames Menschsein zu besinnen und eben nicht besinnungslos mit jedem Pöbel mitzubrüllen.

Später unterhält sich Steinbeck noch mit einem alten „Southerner“, der so gar nicht vom Rassenwahn infiziert ist und dessen Gedanken in einem angeblich spontanen Gespräch eher klingen, als hätte hier der Autor seine Gedanken einer ausgedachten Figur in den Mund gelegt:

If by force you make a creature live and work like a beast, you must think of him as a beast, else empathy would drive you mad. Once you have classified him in your mind, your feelings are safe. […] And if your heart has human vestiges of courage and anger, which in a man are virtues, then you have fear of a dangerous beast, and since your heart has intelligence and inventiveness and the ability to conceal them, you live with terror. Then you must crush his manlike tendencies and make of him the docile beast you want. And if you can teach your child from the beginning about the beast, he will not share your bewilderment. (S. 206)

Beim Wiederlesen der Kapitel über seine Erlebnisse in New Orleans, nach denen er dann zügig – und desillusioniert – die Heimreise antritt, frage ich mich allerdings auch, wie es sein kann, dass all die Gespräche, in die er die Menschen verwickelt, ziemlich genau die verschiedensten Facetten der „Rassenfrage“ abdecken. Wobei es mich tatsächlich nicht besonders stören würde, falls Steinbeck von seiner dichterischen Freiheit sehr großzügig Gebrauch gemacht haben sollte, schreibt er doch selbst in einem Brief an seine Agentin Elizabeth Otis, dass sein Ziel eben nicht sei

a little trip of reporting, but a frantic last attempt to save my life and the integrity of my creative pulse. (Bill Steigerwald: Dogging Steinbeck 2013, S. 32)

Allerdings hätte dann das Buch von Anfang an nicht als „non-fiction“ vermarktet werden dürfen …

Bin also gespannt, ob die Lektüre von Bill Steigerwalds Buch Dogging Steinbeck: How I went in search of John Steinbeck’s America, found my own America, and exposed the truth about ‚Travels With Charley‘ von 2013 meinen positiven Blick auf Travels with Charley noch ändern wird.

Hier der Link für alle, die sich noch einmal die unglaubliche Geschichte der Ruby Bridges vergegenwärtigen wollen. Lohnt sich.

John Steinbeck: Travels with Charley (1962) – Teil 2/3

Heute reisen wir weiter mit John Steinbeck und seinem großen Pudel Charley.  

Er regt sich beim versuchten Grenzübertritt nach Kanada über bürokratische Beamte auf, denkt darüber nach, ob Wurzeln, also das Wissen, wo man herkommt und hingehört, wirklich so wichtig sind, besucht einen evangelikalen Gottesdienst und spottet über die Jagdleidenschaft vieler Amerikaner, bei der es mehr um die eigene Männlichkeit gehe als darum, etwas Essbares nach Hause zu bringen.

And every fall a great number of men set out to prove that without talent, training, knowledge, or practice they are dead shots with rifle or shotgun. […] I know there are any number of good and efficient hunters who know what they are doing; but many more are overweight gentlemen, primed with whisky and armed with high-powered rifles. They shoot at anything that moves or looks as though it might, and their success in killing one another may well prevent  a population explosion. (S. 49)

Als er ziemlich rüde gebeten wird, mit seinem Camper weiterzufahren, weil er illegal auf einem Privatgrundstück parke, ist er nicht in der Stimmung, dagegenzuhalten und verspricht, sich in Bälde aufzumachen, lädt aber den rabiaten jungen Aufseher vorher auf einen Kaffee ein, mit dem schönen Ergebnis, dass er doch dort übernachten darf und beide am nächsten Tag gemeinsam angeln gehen.

Dann wieder genießt er das Alleinsein.

Having a companion fixes you in time and that the present, but when the quality of aloneness settles down, past, present, and future all flow together. A memory, a present event, and a forecast all equally present. (S. 110)

Oft lässt Steinbeck Aussagen seiner Gesprächspartner einfach unkommentiert im Raum stehen, er traut seinen Leserinnen und Lesern zu, selbst die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, so zum Beispiel als er sich daran erinnert, was ein früherer Nachbar, Charles Erskine Scott Wood, der als Soldat an dem Feldzug gegen Chief Joseph teilgenommen hatte, über die Tapferkeit der Nez Percés gesagt hat. 

Die Indianer seien so tapfere Kämpfer, ja wahre Männer gewesen. 

It was the saddest duty he had ever performed. (S. 126)

Was den Erzähler fasziniert und bei allen Aufregungen immer wieder erdet, ist die Natur, für deren Schönheit er immer empfänglich ist.

I have demonstrated that I can‘t describe Deer Isle. There is something about it that opens no door to words. But it stays with you afterward, and more than that, things you didn‘t know you saw come back to you after you have left. One thing I remember very clearly. It might have been caused by the season with a quality of light, or the autumn clarity. Everything stood out separate from everything else, a rock, a rounded lump of sea-polished driftwood on a beach, a roof line. Each pine tree was itself and separate even if it was part of a forest. (S. 47)

Immer wieder wird Steinbeck bei der Beschreibung von Natur geradezu lyrisch, was ihm bei den menschlichen Errungenschaften kein einziges Mal in den Sinn kommt. So heißt es über die Wüste:

At night in this waterless air the stars come down just out of reach of your fingers. In such a place lived the hermits of the early church piercing to infinity with unlittered minds. The great concepts of oneness and of majestic order seem always to be born in the desert. (S. 167)

Auch die – inzwischen massiv gefährdeten – Mammutbäume beeindrucken ihn, wie wohl jeden, der das Glück hat, sie einmal zu sehen.

The redwoods, once seen, leave a mark or create a vision that stays with you always. No one has ever successfully painted or photographed a redwood tree. The feeling they produce is not transferable. From them comes silence and awe. It‘s not only their unbelievable stature, nor the color which seems to shift and vary under your eyes, no, they are not like any trees we know, they are ambassadors from another time. […] Respect – that‘s the word. One feels the need to bow to unquestioned sovereigns. (S. 147)

Schon damals trauert Steinbeck dem Verlust lokaler Dialekte nach und konstatiert eine Verflachung und Gleichmacherei in der Kultur – eine Entwicklung, die mit dem Fernsehen begann und schon längst nicht mehr aufzuhalten ist. Und gleichzeitig ahnt er, dass diese Trauer auch seinem Alter geschuldet sein könnte.

Even while I protest the assembly-line production of our food, our songs, our language, and eventually our souls, I know that it was a rare home that baked good bread in the old days. […] It is the nature of a man as he grows older, a small bridge in time, to protest against change, particularly change for the better. But it is true that we have exchanged corpulence for starvation, and either one will kill us. (S. 87)

Er trifft sich zwischendurch mit seiner Frau, um bei Bekannten Thanksgiving zu feiern, und besucht ehemalige Freunde, nur um festzustellen, dass man aus derlei Treffen trotz anfänglicher Wiedersehensfreude meist ernüchtert wieder auftaucht.

Now returning, as changed to my friend as my town was to me, I distorted his picture, muddied his memory. When I went away I had died, and so became fixed and unchangeable. My return caused only confusion and uneasiness. Although they could not say it, my old friends wanted me gone so that I could take my proper place in the pattern of remembrance – and I wanted to go for the same reason. Tom Wolfe was right. You can‘t go home again because home has ceased to exist except in the mothballs of memory. (S. 160/161)

Im dritten und abschließenden Teil der kleinen Reihe geht es um den traurigen Höhepunkt auf der Reise: New Orleans im November 1960.

John Steinbeck: Travels with Charley (1962) – Teil 1/3

Sabine aka Bingereader hat mich auf Travels with Charley neugierig gemacht, und was soll ich sagen, die Reise hat sich gelohnt. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika.

1960 unternimmt der da schon längst berühmte amerikanische Schriftsteller John Steinbeck (1902 – 1968) mit einem umgerüsteten Pick-up-Truck namens Rocinante eine dreimonatige Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika.

Als weltbekannter Autor, der in New York lebe, habe er den Kontakt zum Land und den einfachen Menschen verloren.

Thus, I discovered that I did not know my own country. I, an American writer, writing about America, was working from memory, and the memory is at best a faulty, warpy reservoir. I had not heard the speech of America, smelled the grass and trees and sewage, seen its hills and water, its color and quality of light. I knew the changes only from books and newspapers. But more than this, I had not felt the country for twenty-five years. In short, I was writing of something I did not know about, and it seems to me that in a so-called writer this is criminal. My memories were distorted by twenty-five intervening years. (S. 9)

Nach mehreren Schlaganfällen will er sich noch einmal unerkannt seines eigenen Landes vergewissern und dabei seiner lebenslangen Wanderlust frönen.

Sein Sohn Thom told the New York Times, ‘The book was his farewell. My dad knew he was dying, and he had been accused of having lost touch with the rest of the country.‘ (Bill Steigerwald: Dogging Steinbeck 2013, S. 32)

Erkannt worden sei er auf der über 10.000 Meilen langen Reise kein einziges Mal, da die Menschen Dinge halt oft nur in dem ihnen bekannten Kontext erkennen würden.

Steinbecks einziger Begleiter ist der französische Pudel Charley seiner Frau Elaine, mit dem er sich gepflegt unterhält und dem er mehr Vernunft zuspricht als mancher seiner Reisebekanntschaften.

Und so beginnt sein Bericht, den man sicherlich nicht zu wörtlich nehmen sollte, mit Spaß und Selbstironie. Welche reisenden Leser oder lesenden Reisenden kennen das nicht:

I thought I might do some writing along the way, perhaps essays, surely notes, certainly letters. I took paper, carbon, typewriter, pencils, notebooks, and not only those but dictionaries, a compact encyclopedia, and a dozen other reference books, heavy ones. I suppose our capacity for self-delusion is boundless. […] Also I laid in a hundred and fifty pounds of those books one hasn‘t got around to reading – and of course those are the books one isn‘t ever going to get around to reading. (S. 14)

Kurz vor der Abreise stürzt er sich dann noch so richtig heldenhaft, also eigentlich eher komplett bescheuert, ins Meer, um sein kleines Boot Eleyne vor dem Hurrikan Donna zu schützen. Kurz vor der Abreise möchte er am liebsten alles abblasen.

In long-range planning for a trip, I think there is a private conviction that it won‘t happen. As the day approached, my warm bed and comfortable house grew increasingly desirable and my dear wife incalculably precious. To give these up for three months for the terrors of the uncomfortable and unknown seemed crazy. I didn‘t want to go. (S. 21)

Aber letztlich macht sich unser männlicher Held doch auf den Weg, vielleicht auch, um sich selbst zu beweisen, dass er so alt und gebrechlich nun doch noch nicht sei. Allen Herzinfarkten zum Trotz.

A kind of second childhood falls on so many men. They trade their violence for the promise of a small increase of life span. In effect, the head of the house becomes the youngest child. And I have searched myself for this possibility with a kind of horror. For I have always lived violently, drunk hugely, eaten too much or not at all, slept around the clock or missed two nights of sleeping, worked too hard and too long in glory, or slobbed for a time in utter laziness. I‘ve lifted, pulled, chopped, climbed, made love with joy and taken my hangovers as a consequence, not as a punishment. I did not want to surrender fierceness for a small gain in yardage. My wife married a man; I saw no reason why she should inherit a baby. (S. 22)

Die genaue Route kann nun, wer mag, auf Wikipedia nachlesen. Im Grunde kann man in drei Monaten ja wirklich nur an der Oberfläche eines so großen Landes kratzen. Sein Wunsch, sich über Amerika und das Identitätsgefühl der Amerikaner klarzuwerden, im Grunde von vornherein überambitioniert. Zumal er irgendwann feststellt, dass auch seine Aufnahmefähigkeit für neue Eindrücke und neue Menschen erschöpft ist.

Und so fand ich nicht alle seine Beobachtungen und Begegnungen gleichermaßen interessant. Aber mitgereist bin ich sehr, sehr gern. Da macht Steinbeck sich beispielsweise über die Antiquitätenläden in den Ferienorten lustig, die so viel Krimskrams verkaufen.

I believe the population of the thirteen colonies was less than four million souls, and every one of them must have been frantically turning out tables, chairs, china, glass, candle molds, and oddly shaped bits of iron, copper, and brass for future sale to twentieth-century tourists. (S. 39)

Man erschrickt, wenn er schon 1960 den Müll und die Verschwendung als Kennzeichen des amerikanischen Lebensstils anprangert:

American cities are like badger holes, ringed with trash – all of them – surrounded by piles of wrecked and rusting automobiles, and almost smothered with rubbish. Everything we use comes in boxes, cartons, bins, the so-called packaging we love so much. The mountains of things we throw away are much greater than the things we use. In this, if in no other way, we can see the wild and reckless exuberance of our production, and waste seems to be the index. […] I do wonder whether there will come a time when we can no longer afford our wastefulness – chemical wastes in the rivers, metal wastes everywhere, and atomic wastes buried deep in the earth or sunk in the sea. (S. 26)

In Seattle ist er entsetzt, weil er quasi nichts von der Stadt wiedererkennt:

Everywhere frantic growth, a carcinomatous growth. Bulldozers rolled up the green forests and heaped the resulting trash for burning. […] I wonder why progress looks so much like destruction. (S. 142)

Steinbeck erzählt von Begegnungen in Cafés, Motels und Geschäften, trifft auf Trucker, Jäger und Erntearbeiter, die aus Kanada kommen, um sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen, und ist begeistert, wenn sich ihm die Möglichkeit bietet, Neues kennenzulernen. So verwickelt er nicht nur die Erntehelfer aus Kanada – mit Hilfe guten französischen Cognacs – in lange Gespräche, sondern auch Menschen, die einen festen Wohnort gegen einen Trailer eingetauscht haben und in sogenannten Trailerparks campen, bis ein Jobwechsel oder andere Umstände sie zwingen, weiterzuziehen.

Jetzt ist erst einmal Pause, in den nächsten Tagen reisen wir weiter.

Und wem das hier alles zu lang ist: Kurz und knackig gibt es das auch bei Birgit aka Büro für Text & Literatur, was ich hier sehr gern verlinke.

Pamela Sydney Wilson: Home was a Grand Hotel (2008) – Teil 2/2

Weiter geht’s mit dem zweiten Teil zu Home was a Grand Hotel:

Der Krieg hat begonnen.

The Grand wird von der Armee beschlagnahmt, die Familie zieht zunächst nach London, wo der Vater ein anderes Hotel der gleichen Hotelgruppe leitet und Pamela eine Stelle bei Harrods antritt. Die Londoner erleben die Hölle des Blitz – gerade als Deutsche liest man von den Angriffen der Deutschen Luftwaffe auf Großbritannien und besonders auf London mit Grausen. Im Hotel werden alle Betten in die Flure gebracht, in der Hoffnung, so etwas sicherer vor herumfliegenden Trümmer- und Glassplittern zu sein.

We staggered up from our beds (by then we always went to bed fully dressed), surprised to find we were still alive. The air was so thick with dust it was hard to breathe. I have hated fireworks ever since … (S. 88)

Da die Angriffe immer heftiger werden, wird Pamela von den Eltern zu ihrer Freundin nach Hove geschickt. Erst als der Vater an ein Hotel in Lynton, North Devon, versetzt wird, ist die Familie wieder vereint und kann sich von den Schrecken des Blitz erholen. Pamela entdeckt ihre Begeisterung fürs Reiten, erlebt ihren ersten Liebeskummer und findet neue Freunde.

1941, als Pamela 18 Jahre alt ist, tritt sie in die WAAF – Women‘s Auxiliary Air Force – ein, um die Luftstreitkräfte zu unterstützen.

Auch wenn ich hier nicht alle einzelnen Stationen nachzeichnen will, auf denen Sydney Wilson während der nächsten vier Jahre tätig ist, habe ich das mit großem Interesse gelesen. Wie viele Opfer diese Frauen gebracht haben, um ihr Land vor Nazi-Deutschland zu schützen. Da weckte einen morgens kein Dienstmädchen mehr mit einer Tasse Tee, stattdessen krabbelten nachts auch mal Mäuse über die zu dünne Decke und man war ständig hungrig. Gegen die elendige Kälte in den Nissenhütten behalf man sich mit Zeitungspapier, das man zwischen die Matratzenschichten packte. Wie viele Lebenswege durch den Krieg gestört oder zerstört wurden, kann man sich ja gar nicht vorstellen.

Dennoch:

… it was a great adventure which I could not have enjoyed more! It was like nothing I had ever experienced before […] I had had a fascinating career, with spells in both Fighter Command and Bomber command. (S. 99/100)

Die Frauen lernen durch ihre Einsätze neue Landesteile kennen, übernehmen Verantwortung, schließen Freundschaften und kommen mit ganz anderen gesellschaftlichen Schichten, als das bisher der Fall war, in Berührung. Dabei werden anscheinend auch von der 85-jährigen Erzählerin die rassistisch motivierten Ängste nicht hinterfragt, als sie zum ersten Mal einen Truck voller schwarzer amerikanischer GIs sieht und sich mit ihrer Freundin ins nächste Gestrüpp wirft, um nicht entdeckt zu werden …

Was mich beeindruckt hat, war der Wille, trotz des Krieges so viel Freude wie möglich zu erleben, jede Tanzveranstaltung mitzunehmen, auch mal Verbote zu umgehen, wenn man abends zu spät ins Lager zurückkam. Und die jungen Frauen lernten, dass sich nicht jeder junge Mann auf einsamen Spaziergängen an die Regeln des Anstands und Respekts zu halten gewillt war.

I think that we were very well cared for by the welfare side of the RAF (except for the mice, the difficulties of keeping warm, tedious food, and long, erratic working hours). During the first weeks […] we were shown excellent and explicit American films on hygiene. I well remember those concerning childbirth, details of how a baby ‘was made‘, how it grew inside and details of the results of unprotected and indiscriminate sex. As my mother, like many of her generation, was quite unable to explain the facts of life, I was both relieved and pleased to be told how it all happened! (S. 101)

Ab Juni 1944 wurde London verstärkt von den deutschen „buzz bombs“ in Angst und Schrecken versetzt (wobei es schon eine abenteuerlich anmutende Verdrehung der Tatsachen ist, dass diese Marschflugkörper in Deutschland auch „Vergeltungswaffen“ genannt wurden).

… a type of unmanned missile which flew across the city, very low, making an unpleasant very loud buzzing noise; when the noise stopped, the missile suddenly turned downwards, dropping at random into the city, causing tremendous damage to buildings and much loss of life. Sometimes they were shot down over the sea by the RAF, but not very often, because there was no warning of their approach until the ‘buzz‘ was heard and people didn‘t have time to take cover in shelters … (S. 114)

Im letzten Teil ihrer Erinnerungen, in dem sie auch auf ihre zwei Ehen eingeht, schlägt sie noch einmal den Bogen zum Grand Hotel, das im Herbst 1945 den Eigentümern zurückgegeben wurde. Hochrangige Armeeoffiziere überreichten dabei die Schlüssel feierlich an Pamelas Vater, der angesichts des Schadens fassungslos war, den die dort stationierten australischen Soldaten mit ihrem Vandalismus angerichtet hatten.

The Australians who had been stationed there seemed to have been hell-bent on causing as much mindless destruction as possible. Sadly, the beautiful stairwell had been horribly misused by drunken soldiers who, in the early days, threw their ‘mates‘ over the balustrade from the upper floors and who fell over a hundred feet and were killed immediately. As soon as possible the army authorities had heavy wire netting put across from one side to the other at all six levels.

[…] Before finally leaving they deliberately destroyed all they could, pulling out fittings – basins, baths, toilets, taps, pipes, curtain rails and even doors off hinges – and doing as much damage as they were able. (S. 145)

Sydney Wilson versucht sich dieses Verhalten mit der Tatsache zu erklären, dass es sich bei den Soldaten ja um Nachfahren der ehemaligen nach Australien verschickten Straffälligen gehandelt habe, die aus „deep-seated anger towards the country of their origin“ gehandelt hätten. Das ist sicherlich Küchenpsychologie. Ich musste jedenfalls an Stellen aus The Long Weekend von Adrian Tinniswood denken, der diesen Vandalismus ebenfalls erwähnt:

It has been estimated that more than 1,000 country houses were demolished in the decade after 1945 as a direct result of wartime mistreatment. (S. 373)

Pamela Sydney Wilson, von ihren Kindern und Enkelkindern zu diesem Erinnerungsband ermutigt, hat hier tatsächlich ein Stück unprätentiöse Zeitzeugenschaft geleistet, die ich gern gelesen habe und die weit über die zunächst erwarteten Kindheitserinnerungen hinausging. Mehr als passend also, dass die alte Dame 2003 ihren achtzigsten Geburtstag im Grand Hotel feiert, auch wenn sie angesichts der Kosten die Zahl der Gäste auf ca. 30 begrenzt. Und wie man das von einer Großmutter erwartet, freut sie sich unbändig, dass ihre drei Großneffen, wenn vielleicht auch nicht ganz freiwillig, zu diesem Anlass ihre Jeans und Turnschuhe gegen schicke Anzüge und schwarze Schuhe getauscht haben.

Pamela Sydney Wilson: Home was a Grand Hotel (2008) – Teil 1/2

Ich gebe zu, das Buch ist ein Stück weit eine Mogelpackung, was sich aber im Nachhinein sogar ausgezahlt hat: Ursprünglich hatte ich hauptsächlich Erinnerungen von Pamela Sydney Wilson (*1923) an ihre Kindheit im Grand Hotel in Brighton erwartet, in dem ihr Vater im Laufe von vier Jahrzehnten eine beeindruckende Karriere gemacht und lange als Hotel Manager in leitender Position gearbeitet hatte. 

Pamela war das erste Baby, das im 1864 erbauten Luxushotel an der Seepromenade geboren wurde.

Today when I pass the Grand on the Brighton seafront and the sun is shining on the gleaming white façade, I still have the same love/hate relationship for the old hotel has been with me for most of my eighty-five years. It is like a gaudy wedding cake, laced with black wrought-iron railings on six levels of balconies, many of the windows staring blankly out to the English Channel. Perhaps the old lady looks her best at night when she is the largest jewel twinkling among all the lights along the seafront. (S. 2)

Wir erfahren zunächst ein wenig über markante geschichtliche Eckdaten des Hotels. So war The Grand das erste Hotel außerhalb Londons, das über Aufzüge verfügte, während des Zweiten Weltkrieges ganz fürchterlich von den dort stationierten australischen Soldaten verwüstet und im Oktober 1984 von der IRA bombardiert wurde. Der Anschlag hatte Maggie Thatcher gegolten, die allerdings überlebte. Fünf Menschen starben bei dem Angriff und 34 wurden zum Teil schwer verletzt.

Da Pamelas Vater im Hotel arbeitete, wohnte die Familie zunächst auch dort, doch weil Pamela ein Schreikind war, mussten sie ausziehen und erst ca. sieben Jahre später zog die ganze Familie, einschließlich des kleinen Peter, Pamelas Bruder, zurück ins Hotel.

We had coal fires because there was no central heating and the wind would whistle through our rooms. Our rooms were not self-contained, so there was no front door like a flat would have had. This was mainly, I suppose, because above us on the eighth floor there were the dormitories where the chambermaids slept, which they reached by walking along ‘our‘ part of the corridor to a staircase next to our WC. This bizarre arrangement must have been somewhat of an embarrassment to them and to my parents. In those days there were no en-suite rooms in hotels as there are today (apart from the luxurious suites of rooms often occupied by permanent guests […]). There would have been only 3 or 4 separate toilets to each floor and only 3 or 4 bathrooms – so it was quite usual to see guests in their dressing gowns walking along the corridors, carrying towels and toiletries! (S. 25)

So beginnt durchaus eine ungewöhnliche Kindheit. Die Mutter musste ihre Abende meist in Gesellschaft der älteren reichen und alleinstehenden Witwen verbringen, die ihren Lebensabend im Hotel verbrachten und die man schließlich bei Laune halten wollte.

Gegessen wurde zusammen mit den Gästen im großen Speisesaal. Die Schuhe wurden vom Hotelpersonal geputzt. Kurzum, man lebte selbst ein bisschen wie die wohlhabenden Gäste, ohne sich dabei um Angelegenheiten des Haushalts kümmern zu müssen. Gleichzeitig vermissten die Kinder und wohl auch die Mutter ein bisschen Freiheit, einen Garten oder die Möglichkeit, wenigstens ein paar Haustiere halten zu können.

Pamela und Peter wurden streng dazu angehalten, sich immer vorbildlich benehmen, nach dem Motto “Children should be seen, but not heard“. 

Was die Geschwister aber nicht daran hinderte, in unbeobachteten Momenten aus den höheren Stockwerken ins Treppenhaus zu spucken oder sich unerlaubterweise auf der ungesicherten Feuertreppe aufzuhalten. Pamela erzählt von ihren Schulen, in denen sie immer das Schulessen den reichhaltigen Mahlzeiten im Hotel vorgezogen habe, von Freundschaften und ihren Freizeitvergnügungen, von Familie und dem ihr selbstverständlich erscheinenden Luxus, dass ihre Kindergeburtstage in großem Stil im Hotel gefeiert wurden oder man dort immer auf wieder berühmte Menschen, Politiker, Entertainer, Sänger und Schauspieler traf.

Living in the hotel, the routine of my school days began when I was woken by the chambermaid with a cup of tea. (S. 35)

Gleichwohl hat sie durch die engen Kontakte mit den Angestellten und Dienstmädchen im Hotel oder den Anblick einer Obdachlosen auf einer Parkbank früh das Gefühl, dass Reichtum doch sehr ungleich verteilt ist und anscheinend nichts mit harter Arbeit zu tun hat. Denn dass die Hotelangestellten hart und lange arbeiten, das ist ihr sehr wohl bewusst.

As the hotel manager‘s family we were neither kith nor kin. We had a very unsettled and strange position – we didn‘t really ‘belong‘ to either group – staff or guests. This was illustrated when another of my ambitions was thwarted. I was about fourteen and I wanted to join the Girl Guides who met in the church hall of St Margaret‘s Church just around the corner in Cannon Place. I was told very firmly by Pa that I could not do so, because several of the waiters had daughters there and it would not have been ‘proper‘ for me to join them. (S. 44)

Unfassbar ist es für die Eltern auch, dass sie als Siebzehnjährige nach einem Ausflug mit einem jungen Mann erst abends um 10 Uhr nach Hause kommt. 

Both families must have been on the terrace watching for our return because as we drove into the garage, there they all were, standing in a line at the top of the steps in front of the double doors. There was the most dreadful scene; my mother weeping – almost hysterical – and my father, absolutely furious (probably more concerned about losing such wealthy, regular clients) [der junge Mann war Sohn wohlbetuchter Gäste]. My mother was implying I could have lost my virginity and/or we could both have been killed in a car accident. Kenneth‘s mother Gladys didn‘t say much, probably furious that her perfect son could be accused, it only indirectly, of ungentlemanly behaviour on both counts. (S. 79)

Die Erinnerungen an ihre Kindheit nehmen ungefähr die Hälfte des Buches ein, doch dann beginnt der Zweite Weltkrieg, darum soll es dann im zweiten Teil des Beitrags gehen.

Seichō Matsumoto: Inspector Imanishi Investigates (1989)

Einen spannenden japanischen Krimi von 1989, das liest man ja auch nicht alle Tage, und was soll ich sagen, der von Beth Cary ins Englische übersetzte Roman lohnt sich ohne Frage, auch wenn man gut daran tut, sich von Anfang an eine kleine Namensliste anzulegen.

Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Matsumoto (1909 – 1992) lässt sein Buch damit beginnen, dass Eisenbahnangestellte in Tokio gegen drei Uhr morgens auf den Gleisen eine männliche Leiche finden, deren Gesicht übel zugerichtet ist. Doch schon die Identität des Toten zu klären, erweist sich als schwieriges Unterfangen, da ihn niemand zu vermissen scheint. 

Inspector Imanishi und sein Team gehen den wenigen Spuren nach, doch nach einigen Wochen haben sich keine verwertbaren Hinweise ergeben, die Ermittlungskommission wird aufgelöst, aber Imanishi lässt der ungeklärte Fall keine Ruhe. Er geht den kleinsten Indizien nach, sammelt Informationen und trägt so nach und nach verschiedene Mosaikteile zusammen, die sehr behutsam ein Bild entstehen lassen. Dabei werden Umwege, Rückschläge und falsche Rückschlüsse miteinbezogen, sodass sich geradezu eine entschleunigte Lektüreerfahrung ergibt. 

Ein zusätzlicher Reiz entsteht durch die Einbettung in das Japan der sechziger Jahre, in ein Land, in dem noch jede Auskunft telefonisch oder per Brief angefordert werden musste, in dem Reich und Arm, Land und Stadt, Moderne und Rückständigkeit wie auf verschiedenen Kontinenten liegen. Ein Land, in dem sowohl Lepra und Raketenforschung gegenwärtig sind und Umgangsformen und Höflichkeitsregeln streng beachtet werden. 

‘Sorry to have had to drag  you all the way out to a place like this,‘ Imanishi said to Yoshimura. Apologizing for inconveniencing even a younger colleague was natural to Imanishi. (S. 163)

Als Imanishi und sein Kollege Yoshimura in einem Fischerdorf am Japanischen Meer auf Hinweise hoffen, heißt es:

A boy from the fishing village walked past them, carrying a large fish basket. 

‘Coming to a place like that makes you realize how hectic Tokyo is,‘ Yoshimura said.

‘This is relaxing.‘

‘I suppose you‘d feel washed clean if you spent several days in a place like this. I feel like our hearts are full of grime.‘ (S. 33)

… und der ermittelnde Inspector ist wie selbstverständlich ein großer Haiku-Fan, der auch selbst welche verfasst, die er ab und an seinem jüngeren Untergebenen vorliest.

Fazit: Sehr gern gelesen, auch wenn ich immer etwas damit hadere, wenn es in einem Krimi Opfer gibt, die ich sympathisch fand.

Margaret Laurence: A Jest of God (1966)

Auf mehreren englischsprachigen Blogs werden passend zum #spinsterseptember Romane über ledige Frauen gelesen und besprochen. Diese Idee kam von Nora, die auf Instagram als pear.jelly unterwegs ist. Da gibt‘s jedes Mal tolle Anregungen. Und ich wüsste jetzt, was ich posten könnte, wenn es denn nicht schon Oktober wäre, denn die kanadische Autorin Margaret Laurence (1926 – 1987), die mich schon in Vorblog-Zeiten mit The Stone Angel (1964) beeindruckt hatte, wäre mit ihrem Roman A Jest of God eine ideale Kandidatin für #spinsterseptember gewesen. Das Buch wurde 1968 mit dem Governor General’s Award for English-language fiction ausgezeichnet und von Paul Newman unter dem Titel Rachel, Rachel verfilmt. 2022 erschien die deutsche Übersetzung Eine Laune Gottes von Monika Baark.

Die 34-jährige Rachel Cameron, die als junge Frau ihr Studium abgebrochen hat, um zurück zu ihrer frisch verwitweten Mutter zu ziehen, arbeitet nun seit 14 Jahren in der kleinen Stadt Manawaka als Grundschullehrerin. Ihre Situation wird immer bedrückender. Sie merkt, dass sie für manche ihrer Schützlinge mehr empfindet, als sie sollte, und ihre Mutter, die gern ihr schwaches Herz vorschiebt, um immer ihren Willen zu bekommen, ist keine angemessene Gesprächspartnerin. Ganz im Gegenteil, die alte Dame ist egoistisch, sieht nur das, was sie sehen will, und versteht es meisterhaft, ihrer erwachsenen Tochter ständig ein schlechtes Gewissen einzureden, Rachel für ihren Gesundheitszustand verantwortlich zu machen, sie zu manipulieren, zu kontrollieren und einzuengen. Natürlich alles unter dem Deckmantel einer geradezu erstickenden Freundlichkeit. Rachels Schwester Stacey hat dem Elternhaus schon vor vielen Jahren den Rücken gekehrt und hält den Kontakt nur durch Briefe aufrecht.

Rachels einzige Freundin ist ihre Kollegin Calla, die immer wieder versucht, Rachel in ihre Freikirche einzuladen. Doch auch dieser Kontakt hat seine Tücken und Fallstricke.

None of this should be, not this way. How can I be steadier? To be nonchalant would be the best thing in the world, if I knew how. (S. 111)

Kurz gesagt, Rachel ist einsam und hat Angst, ihre Gedanken und Sehnsüchte irgendwann nicht mehr im Griff zu haben.

… Stupid thought. Morbid. I mustn‘t give houseroom in my skull to that sort of thing. It‘s dangerous. I know that. […]

Whenever I find myself thinking in a brooding way, I must simply turn it off and think of something else. God forbid that I should turn into an eccentric. This isn‘t just imagination. I‘ve seen it happen. Not only teachers, of course, and not only women who haven‘t married. Widows can become extremely odd as well, but at least they have the excuse of grief. I don‘t have to concern myself yet of a while, surely. Thirty-four is still quite young. But now is the time to watch out for it. (S. 2)

Doch dann begegnet sie zu Beginn der Sommerferien zufällig dem ehemaligen Schulkameraden Nick Kazlik, beginnt mit ihm eine Affäre und entdeckt, wenn auch zögernd, ängstlich und unsicher, ihre Körperlichkeit.

I don‘t know how it is that I can want him, want him specifically, and yet can‘t lose sight of myself and still worry whether I‘m doing well, and so don‘t. I am fine only in dreams. (S. 161)

Sie hat nicht länger das Gefühl, vor einer Wand zu stehen und wird im Grunde erwachsener, als sie das jemals vorher war.

If I had to choose between feelings, I know which it would be. But that would be a disaster, from every point of view, except the most inner one, and if you chose that side, you would really be on your own, now and forever, and that couldn‘t, I think, be borne, not by me. (S. 150)

Dabei verzichtet Laurence zum Glück auf ein Happy End, das nicht glaubwürdig gewesen wäre. 

I talk to him, when he is not here, and tell him everything I can think of, everything that has ever happened, and how I feel and for a while it seems to me that I am completely known to him, and then I remember I‘ve only talked to him like that when I‘m alone. He hasn‘t heard and doesn‘t know. (S. 155)

Trotz einiger Längen, wenn Rachel sich komplett in ihren Gedanken zu verlieren droht – besonders Rachels Besuch in der Freikirche hätte gern etwas kürzer abgehandelt werden dürfen -, war Laurence so dicht dran an ihrer unauffälligen Hauptperson mit ihrem dichten Innenleben, die am Ende dieses Sommers nicht mehr die ist, die noch vor wenigen Wochen beinahe an ihren Gedanken, Gewohnheiten und ihrer Prägung erstickt wäre. Und die ihrer Mutter aus falsch verstandenem Pflichtgefühl das eigene Wohlergehen geopfert hätte.

Where I‘m going, anything may happen. Nothing may happen. Maybe I will marry a middle-aged widower, or a long-shoreman, or a cattle-hoof-trimmer, or a barrister or a thief. And have my children in time. Or maybe not. Most of the chances are against it. But not, I think, quite all. What will happen? What will happen. It may be that my children will always be temporary, never to be held. But so are everyone‘s.

I may become, in time, slightly more eccentric all the time. I may begin to wear outlandish hats, feathered and sequinned and rosetted, and dangling necklaces […] I will be light and straight as a feather. The wind will bear me, and I will drift and settle, and drift and settle. Anything may happen, where I‘m going. 

I will be different. I will remain the same. I will still go parchment-faced with embarrassment […] I will frequently push the doors marked Pull and pull the ones marked Push. I will be lonely, almost certainly. I will get annoyed at my sister. Her children will call me Aunt Rachel, and I will resent it and find then that I‘ve grown attached to them after all. I will walk by myself on the shore of the sea and look at the freegulls flying. I will grow too orderly, plumping up the Chesterfield cushions just-so before I go to bed. […] I will take care to remember a vitamin pill each morning with my breakfast. I will be afraid. Sometimes I will feel light-hearted, sometimes light-headed. I may sing aloud, even in the dark. I will ask myself if I‘m going mad, but if I do, I won‘t know it.

God‘s mercy on reluctant jesters. God‘s grace on fools. (S. 227)

Michael Finkel: The Stranger in the Woods – The Extraordinary Story of the Last True Hermit (2017)

1986 verschwindet der erst zwanzigjährige Christopher Knight. Was niemand weiß, er ist mit dem Auto seines Bruders in die Wälder Maines gefahren und als die Wege unpassierbar wurden, hat er den Autoschlüssel aufs Armaturenbrett gelegt und ist mit Zelt und Rucksack einfach weitergelaufen. Sein Lager schlägt er – was die reinen Entfernungen angeht – gar nicht weit von seinem Zuhause auf, kaum 30 Meilen von Albion entfernt, in der Nähe des North Pond. Einem beliebten Urlaubsgebiet, in dem zumindest im Sommer viele der ca. 300 verstreut liegenden cabins (rustikale Ferienhäuschen) bewohnt sind.

Dort, versteckt zwischen großen Felsbrocken und dichtem Gehölz, verbringt Knight die nächsten 27 Jahre. Nur zweimal trifft er dabei auf Wanderer, mit denen er aber nur wenige Sätze oder bloß ein „Hi“ wechselt. Erst 2013 wird er bei einem Einbruch in einem Sommercamp für behinderte Menschen erwischt und anschließend vor Gericht gestellt. Für seine zahllosen Einbrüche in das Camp und die Urlaubshütten – Knight schätzt, dass er in den 27 Jahren ungefähr 1000 Einbrüche verübt hat – wird er zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Anschließend muss er sich wöchentlich melden und eine Therapie machen (auch wegen Alkoholproblemen). Alles Auflagen, die er gewissenhaft erfüllen wird, um eine mehrjährige Gefängnisstrafe zu vermeiden. Dabei voller Angst, wieder eine Welt betreten zu müssen, deren Spielregeln er nicht mehr kennt und die ihm unattraktiv und hohl erscheint. Finkel, dem er so viel erzählt hat, verabschiedet er mit den Worten, dass er ihn endlich in Ruhe lassen solle. Er werde ihn nicht vermissen.

Die Geschichte dieses Einsiedlers erzählt nun Finkel – spannend und dabei durchaus grundsätzliche Fragen aufwerfend.

Nach Knights Festnahme wollen viele die Story vermarkten. Selbst die großen Zeitungen berichten.

The jail was inundated with letters and phone calls and visitors; “a circus,“ Chief Deputy Sheriff Ryan Reardon called it. A carpenter from Georgia volunteered to repair any cabin Knight had damaged. A woman wanted to propose marriage. One person offered Knight land to live on, rent-free […] People sent checks and cash. A poet sought biographical details. (S. 30)

Knight himself, the hub of the commotion, resumed his silence. He did not issue a single word publicly. He accepted no offers – no bail, no wife, no poem, no cash. (S. 32)

Wenig überraschend, dass Hunderte von Journalisten versuchen, ein Interview zu bekommen, aber nur der Journalist Finkel, immer auf der Suche nach einer besonderen Story, bekommt eine kurze Antwort auf seinen handgeschriebenen Brief. Daraus entwickelt sich – zögerlich – so etwas wie ein Kontakt.

Finkel reist neunmal nach Maine, um Knight im Gefängnis zu besuchen, und interviewt Polizisten, Terry Hughes, den Jagdaufseher, der Knight schließlich stellte, sowie wütende und verunsicherte Hüttenbesitzer und zahlreiche Ärzte, Evolutionsbiologen und Psychologen zu Autismus und der Rolle, die Schweigen und Stille bei unserer mentalen Gesundheit spielen.

Dabei schälen sich in dieser Lebensgeschichte verschiedene Hauptmotive heraus: Da wäre zum einen die Unsichtbarkeit dieses Einsiedlers, der allen Versuchen der staatlichen Stellen, ihn zu fassen, 27 Jahre lang ein Schnippchen schlug, und das keineswegs fernab der Zivilisation. Die nächste Sommerhütte war nur ca. drei Minuten Fußmarsch von Knights Lager entfernt. Aber Knight bewegte sich vor allem nachts, hinterließ bei seinen Einbrüchen so gut wie keine Spuren, zertrümmerte nicht ein einziges Fenster, stahl niemals neuwertige Dinge und hatte dabei angeblich immer ein massiv schlechtes Gewissen. Aber auch in der Natur bewegte er sich, ohne dabei kaputte Zweige oder andere Spuren zu hinterlassen. Selbst die Polizisten, die er nach seiner Festnahme zu seinem verborgenen Lager führt, sind fassungslos, wie sich Knight geradezu traumwandlerisch sicher seinen Weg durch das unwegsame Gelände sucht.

Hughes sagt:

This guy would never step anywhere that would leave a track. He wouldn’t break a twig, flatten a fern, kick a mushroom. He avoided all snow. I was beside myself – I couldn’t even fathom it. I was in shock. I probably could have blindfolded him and he wouldn‘t have missed a beat. He moves like a cat. (S. 58)

Buchstäblich alles, was er zum Leben brauchte, hat er gestohlen. Gasflaschen, Radios – zeitweise hatte er sogar einen kleinen Fernsehapparat -, Kleidung, Nahrung, Videospiele, Shampoo, Batterien, Rasiermesser, Bücher und Zeitschriften, Decken, Schlafsäcke. Sein Lager war klar strukturiert und die Tage verbrachte er meist mit Aufräumarbeiten, Nichtstun, Vor-sich-hin-Träumen und Denken, Lesen und Musikhören – besonders haben es ihm Klassik und Rockmusik, vor allem von Lynyrd Skynyrd, angetan. Das für ihn wichtigste literarische Werk: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch von Dostojewski.

Die Einbrüche, grundsätzlich gewaltlos und bis auf eine Ausnahme immer dann, wenn niemand zu Hause war, haben die Hüttenbesitzer zutiefst verunsichert. Sie fingen an, einander oder sogar die eigenen Familienmitglieder zu verdächtigen. Vielen wurde die Freude an ihren Sommeraufenthalten am See über viele Jahre nachhaltig verleidet. Dementsprechend groß die Erleichterung nach Knights Gefangennahme. Danach schieden sich die Geister, einige waren für eine milde Bestrafung, andere hätten ihn gern ein Leben lang weggesperrt gesehen. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass Knight in all den Jahren keine Hilfe gehabt haben sollte, denn ein Überleben in den harschen Wintern Maines sei anders nicht möglich. Doch die Polizei – und auch Finkel – sind sich sicher, dass Knight weder Hilfe hatte noch im Winter überhaupt ein Feuer entzündet hat, das ihn hätte verraten können. Und Knight gibt zu, dass er sicherlich mehrmals kurz davor war zu sterben, wenn der Winter lang war und die Vorräte zur Neige gingen.

Das ist sozusagen der Teil, der glatt als Abenteuergeschichte durchgeht. Ein anderer Strang beschäftigt sich mit seiner familiären Herkunft.

Seine Kindheit beschreibt Knight als gut und ehemalige Klassenkameraden erinnern sich an ihn als einen extrem aufgeweckten, stillen, nerdy Typen mit viel Humor.

Chris described his family as “obsessed with privacy“. He begged that they not be contacted or disturbed, at least while he was still in jail. The Knights socialized with a small group of friends and relatives, and virtually no one else. (S. 69)

Ihr nächster Nachbar, der seit 14 Jahren neben ihnen wohnt, gibt an, noch nie mit jemandem in der Familie ein Wort gewechselt zu haben.

Die Familie hat 1986 noch nicht einmal eine Vermisstenanzeige aufgegeben, man ist sich selbst genug und staatliche Stellen werden wohl prinzipiell gemieden und Interviewanfragen nach dem Wiederauftauchen von Knight werden von sämtlichen Familienangehörigen, wie nicht anders zu erwarten war, rabiat und ausnahmslos abgelehnt.

Und dann wäre da die große Frage nach dem Warum: Warum taucht ein kluger junger Mann dermaßen ab und möchte eigentlich nichts anderes als ein Leben lang mit keinem Menschen mehr reden zu müssen? Trotz der autistischen Anleihen kommen auch die beauftragten Fachleute zu keiner eindeutigen Diagnose.

Die Frage nach der Motivation nimmt Finkel zudem als Ausgangspunkt für Exkurse in die Geschichte und Literatur des freiwilligen und unfreiwilligen Alleinseins, vom chinesischen Eremiten Laozi des 6. vorchristlichen Jahrhundert bis zu den Hikikomori des heutigen Japans, von den frommen Wüstenvätern und Anachoreten bis zu Thoreau, von den Schmuckeremiten in englischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts bis hin zu Menschen, die zu jahre- manchmal jahrzehntelanger Einzelhaft verurteilt wurden, sodass man – sofern man mag – weiteren Literaturhinweisen nachgehen kann.

Die offenen Fragen, das Unabgeschlossene, aber auch das Verletzliche in Knight wie auch in den Familien der Hüttenbesitzer machen vielleicht gerade den Reiz dieses Buches aus. Wir überlegen, wie wir selbst das Verhalten Knights deuten wollen und welche Rolle das Alleinsein, das Schweigen in unserem Leben einnimmt bzw. einnehmen darf.

What happened to him in the woods, Knight claimed, was inexplicable. But he agreed to set aside his fear of phony wisdom and koans and give it a try. […] “Solitude bestows an increase in something valuable. I can‘t dismiss that idea. Solitude increased my perception. But here‘s the tricky thing: when I applied my increased perception to myself, I lost my identity. There was no audience, no one to perform for. There was no need to define myself. I became irrelevant. […] My desires dropped away. I didn‘t long for anything. I didn‘t even have a name. To put it romantically, I was completely free.“ (S. 143)

The French Catholic priest Charles de Foucauld, who spent fifteen years living in the Sahara Desert, said that in solitude “one empties completely the small house of one‘s soul.“ (S. 143)

Josephine Tey: The Franchise Affair (1948)

Nein, The Franchise Affair aus dem Jahr 1948 hat so gar nichts mit Coca Cola oder McDonald‘s zu tun. In dem Krimi der schottischen Autorin und Theaterschriftstellerin Elizabeth MacKintosh (1896 – 1952), eher bekannt unter ihrem Pseudonym Josephine Tey, geht es um die Frage, wem wir eher glauben, wenn zwei Aussagen einander gegenüberstehen. Die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel Nur der Mond war Zeuge. 

Robert Blair, Anwalt in einem beschaulichen Landstädtchen, bekommt eines Tages einen Anruf von Marion Sharpe, einer ihm nur vom Sehen bekannten Frau, die ihn bittet, unverzüglich zu ihr und ihrer Mutter zu kommen, da sie einen rechtlich bewanderten Menschen brauchen, dem sie vertrauen können. Die beiden Frauen haben nämlich unerwarteten Besuch von der Polizei bekommen. 

Marion Sharpe und ihre Mutter bewohnen das große, etwas heruntergekommene Haus The Franchise, das sie vor einiger Zeit geerbt haben. Sie leben dort sehr zurückgezogen, sind knapp bei Kasse und pflegen weder Freundschaften oder nähere Bekanntschaften im Ort.

Der eingefleischte Junggeselle Blair ist nicht besonders glücklich über die Unterbrechung seiner gepflegten Routine, in der man höchstens mal ein Testament aufsetzen muss, um danach eine Runde Golf zu spielen. Er mag‘s behaglich und wohnt zusammen mit seinem jungen Cousin Nevil Bennet bei seiner Tante Lin, die die beiden von vorn bis hinten bekocht und betüdelt. 

Until the last year or so he had found no fault with certainty or placidity. He had never wanted any other life but this: this quiet, friendly life in the place where he had grown up. He still did not want any other. But once or twice lately an odd, alien thought had crossed his mind, irrelevant and unbidden. As nearly as it could be put into words it was: ‘This is all you are ever going to have.‘ And with the thought would come that moment‘s constriction in his chest. (S. 3)

Perhaps, he thought, sitting staring at the blue plate where the biscuits had been, it was just that childhood‘s attitude of something-wonderful-to-morrow persisted subconsciously in a man as long as it was capable of realization, and it was only after forty, when it became unlikely of fulfilment, that it obtruded itself into conscious thought, a lost piece of childhood crying for attention. (S. 4)

Im Franchise angekommen trifft er zum ersten Mal die Sharpes und Inspector Allen Grant – der in diesem Krimi aber nur eine Nebenrolle spielt – und erfährt, welche ungeheuerlichen Anschuldigungen gegen die beiden Frauen erhoben werden: Ein fünfzehnjähriges Schulmädchen names Betty Kane war nach dem Ferienbesuch bei ihrer Tante nicht nach Hause zurückgekehrt und taucht erst Wochen später – schwer verprügelt und nur mit einem Kleidchen bekleidet – wieder zu Hause auf. Sie behauptet, von den Sharpes an einer Bushaltestelle unter falschen Versprechungen in deren Auto gelockt und dann bei ihnen im Haus in einem Raum unter dem Dach gefangen gehalten, entkleidet, geschlagen und zur Arbeit gezwungen worden zu sein. 

So unwahrscheinlich das auch anmutet, Betty kann die beiden Frauen und den Ausblick aus der Dachluke beschreiben, ja sogar den Teppich auf der Treppe, die Koffer der Frauen und eine Besonderheit ihres Wagens benennen. All das spricht in höchstem Maße gegen die beiden Frauen, denn das Haus selbst ist von einer hohen Mauer umgeben. Woher sollte also Betty sonst ihre Informationen haben? Dazu kommt, dass die Pflegefamilie, in der Betty aufgewachsen ist, und auch die Lehrerinnen das Kind als ausgesprochen brav, unauffällig und absolut wahrheitsliebend schildern. Sie sieht schon aus wie die personifizierte Kinderunschuld, was die Medien sofort auf ihre Seite zieht.

Die Polizei hält – zumindest bis die Presse von dem Fall erfährt – zunächst die Füße still, weil kein Motiv bei den Sharpes zu erkennen ist und es keinen wirklich handfesten Beweis für ihre Schuld gibt. Doch Blair will sich damit nicht zufriedengeben, denn er ahnt, dass, wenn der Fall nicht aufgeklärt wird, die Sharpes ihr Leben lang unter dem Schatten dieses Verdachts werden leben müssen. Er ist nämlich, im Gegensatz zu den Medien, von der Unschuld der beiden Frauen von Anfang an überzeugt, wobei die Attraktivität Marions sicherlich eine gewisse Rolle spielt.

Und so verfolgen wir Blairs Bemühungen herauszufinden, wo Betty Kane in diesen Wochen wirklich gewesen ist. Das ist spannend – und auch ungewöhnlich, denn der Krimi kommt völlig ohne Mord und Totschlag aus – und zum Teil erschreckend, weil sich besonders die Medienschelte so unglaublich aktuell liest. Wie Boulevardmedien ohne die geringsten Skrupel jemanden an den Pranger stellen, alles für eine Profit versprechende Schlagzeile opfern, wie sie Stimmung machen und der Pöbel sich begeistert aufhetzen und aufpeitschen lässt. Wie man an den Leserbriefen sehen kann, die der Polizei Unfähigkeit und Vertuschung vorwerfen, anstatt der armen Betty Kane zur Gerechtigkeit zu verhelfen.

… and he [Robert] marvelled all over again at the vernom that these unknown women [Marion and her mother] had roused in the writers‘ minds. Rage and hatred spilled over on to the paper; malice ran unchecked through the largely illiterate sentences. It was an amazing exhibition. And one of the oddities of it was that the dearest wish of so many of those indignant protesters against violence was to flog the said women within an inch of their lives. (S. 142)

Gleichzeitig sorgen Tante Lin und Cousin Nevil, der mit seinem schrillen Geschmack in Kleiderfragen die Kleinstadtgemüter erhitzt, noch für ein bisschen Komik in ihren Anleihen beim eher unterhaltsamen Cozy Crime.

Mir hat auch Robert Blair als Hauptperson richtig gut gefallen. Er hätte gern mehr Fälle lösen dürfen statt nur diesen einen.

The less he knows about a thing the more strongly he feels about it. (S. 185)

Hier geht‘s lang zur Besprechung bei der Kulturbowle.

Fundstück von Tony Davidson

This time I camped on one of the lonely white beaches that scatter the north coast and fell asleep with the smell of salt in my nose and the not-too-distant crashing of waves. This is all that is needed, I thought – the drumming of rain on canvas and bare feet on cold sand. It is not much, but it is difficult to find and even harder to keep.

aus: Tony Davidson: Confessions of a Highland Art Dealer, Woodwose Books 2022, S. 86

Paula Byrne: Belle – The True Story of Dido Belle (2014)

Also, falls jemand denkt, hier wird nur noch Wohlfühllektüre gelesen; weit gefehlt. Im Schottland-Urlaub besichtigten wir u. a. den ehemaligen Krönungsort der schottischen Könige, Scone Palace, in der Nähe von Perth, eines dieser bescheidenen kleinen Anwesen. Ihr wisst schon. 

Dort jedenfalls hängt, gar nicht mal an besonders hervorgehobener Stelle, ein inzwischen berühmtes Gemälde, das man aber, wie überhaupt das Innere des Schlosses, nicht fotografieren durfte. Weiß der Geier, warum. Hier die gemeinfreie Wikipedia-Version:

David Martin artist QS:P170,Q2915164 (previously attributed to Johann Zoffany), Dido Elizabeth Belle, Details auf Wikimedia Commons

Das Doppelporträt war im Auftrag des kinderlosen Richters und Politikers William Murray, 1. Earl of Mansfield (1705 – 1793) entstanden, der zusammen mit seiner Frau Lady Elizabeth die zwei Mädchen (fast) wie seine eigenen Kinder aufzog. 

Paula Byrne, deren Biografie zu Barbara Pym so eine vergnügliche Lektüre war, geht nun allen Spuren nach, um die Lebensgeschichte der Dido Belle, der schönen, dunkelhäutigen Frau, die man in dem Gemälde sieht, zu erzählen.

Ihr Ziehvater William Murray, geboren im Scone Palace, machte in London eine beispiellose Karriere und bewohnte schließlich den luxuriösen Landsitz Kenwood House. Das Gemälde wurde nach dem Tod des Earls rasch ins Lager verbracht und erst 1920 wieder – nach dem Umzug der Nachkommen von London zurück nach Schottland – hervorgeholt. Man ging über ein Jahrhundert lang davon aus, dass man hier eine weiße Frau mit ihrer Zofe sah. Erst seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die Unwissenheit, die das Bild umgab, ein wenig gelichtet:

Im Vordergrund sitzt da zunächst einmal ein wenig steif die mutterlose Nichte des Richters, Elizabeth, und – das ist das Ungewöhnliche – im Hintergrund ihre Cousine, die farbige Dido Belle (1761 – 1804), die hier nicht als Bedienstete oder gar Sklavin der weißen Elizabeth gemalt ist, sondern als ebenbürtige junge Frau, in teurem Gewand, wenn auch mit exotischen Attributen wie dem Turban und dem Teller mit Weintrauben versehen. 

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Leseeindruck, denn in gewisser Weise ist das Buch eine Mogelpackung: Dido Belle hat – soweit man weiß – keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen und es gibt nur sehr, sehr wenige Erwähnungen ihrer Zeitgenossen, denen die farbige Ziehtochter der Murrays vermutlich eher suspekt war und die ganz sicher nicht wussten, dass es sich bei Dido um eine Verwandte der adligen Familie handelte. 

Denn Dido war nicht nur die uneheliche Tochter ihres Neffen, des Kapitäns John Lindsays, sondern Tochter einer bei der Geburt gerade mal 15-jährigen Sklavin, die wohl kaum freiwillig mit Kapitän Lindsay geschlafen haben dürfte. 

Wir wissen nicht, ob Dido etwas über den späteren Verbleib ihrer Mutter wusste (Lindsay hat ihrer Mutter später Land in Amerika gekauft und sie offiziell aus dem Sklavenstand befreit), ob ihr Vater sie je in Kenwood besucht hat oder ob sie grundsätzlich oder nur manchmal nicht mit der Familie zusammen gegessen hat, wenn Gäste zugegen waren. Wir wissen nicht, ob ihr Ziehvater, der Richter, zu Hause etwas von den Prozessen erzählt hat, in denen es auch um die Sklavenfrage ging. Aber man kann davon ausgehen, dass sie – obwohl sie unterrichtet wurde in allem, was junge adlige Frauen damals halt so lernten – immer eine seltsam untergeordnete Stellung in diesem Haushalt inne hatte. Sie wird bei Bällen nicht erwähnt, ist nicht dabei, wenn Murray zusammen mit Elizabeth zu den Nachbarn reitet, und kümmert sich um die Hühner, etwas, das von Elizabeth nicht überliefert ist.

Und nur dürftig kann der weitere Lebensweg der schönen Frau nach dem Tod ihrer Gönner verfolgt werden. Sie wird im Testament des Earls mit einem – im Vergleich zu ihrer Cousine Elizabeth – sehr bescheidenen Erbe ausgestattet, sicherheitshalber aber auch schriftlich aus dem Sklavenstand befreit und heiratet nach dem Tod des Earls einen französischen Hausdiener, mit dem sie mehrere Kinder hat, und stirbt bereits in ihren frühen Vierzigern.

Gerade die angebliche Hauptperson dieses Buches bleibt also eine Leerstelle.

Byrnes Buch ist dafür aber in anderer Hinsicht aufschlussreich – und bedrückend. Sie präsentiert uns den zeitgeschichtlichen Hintergrund, auf dem ein Leben wie das von Dido Belle gesehen werden muss. Da wären beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken zu nennen, die 1780 während der Gordon Riots fast 300 Menschen das Leben kosteten und von denen auch der Earl of Mansfield bedroht wurde. Viele Kunstwerke und fast seine gesamte Bibliothek fiel den Flammen des Mobs zum Opfer. Er selbst sollte gehängt werden und erst im letzten Moment gelang ihm die Flucht.

Aber vor allem geht es um die elendige Sklaverei, mit der ein Großteil des britischen Reichtums im 18. Jahrhunderts erwirtschaftet wird. Byrne nennt Zahlen und manchmal nur schwer auszuhaltende Fakten, macht die Dimensionen deutlich, in denen der Dreieckshandel Waren nach Afrika – Sklaven auf die Plantagen – Zucker und Baumwolle nach Großbritannien – funktionierte, schildert wichtige Prozesse, wie z. B. den Prozess um das Massaker auf der Zong, als Meilensteine der Sklavenbefreiung und zeigt anhand erschütternder zeitgenössischer Berichte, unter welchen Bedingungen der Sklavenhandel ablief und wie dieses große Verbrechen wider die Menschlichkeit schön weit weg passierte, sodass viele das sehr gut verdrängen konnten und eher peinlich berührt waren, falls jemand doch die Sprache darauf brachte. 

Der Earl of Mansfield muss bei den Prozessen, bei denen er den Vorsitz hat, vor allem rechtsstaatliche und versicherungsrechtliche Fragen einer eventuellen Sklavenbefreiung entscheiden, wobei er die reichen Plantagenbesitzer nicht vor den Kopf stoßen will, auch wenn er selbst die Tochter einer Sklavin zu Hause wie seine eigene Tochter achtet, die Worte in seinem Testament seine Wertschätzung zweifelsfrei zum Ausdruck bringen und er öffentlich die Sklaverei als ein Verbrechen brandmarkt.

Gleichzeitig skizziert Byrne den allgegenwärtigen Rassismus, der wie selbstverständlich davon ausging, dass es sich bei Sklaven um Eigentum wie Gegenstände oder Tiere handelte und nicht um Menschen.

Dem gegenüber stand die erstarkende Abolionistenbewegung, bei der sich damals gerade die evangelikalen Christen hervorgetan haben, und die Menschen, die den Zusammenhang zwischen ihrem Konsum, vor allem von Zucker, und dem Sklavenhandel gesehen haben und deshalb bereit waren, auf allen Zucker zu verzichten, um diesem Unrecht nicht noch weiteren Vorschub zu leisen.

Wenn man so in die Welt guckt, hat die Haltung, die der Vertreter des Generalstaatsanwalts verkörpert, immer noch weltweit Anhänger:

‚What is this claim that human people have been thrown overboard? This is a case of chattels or goods. Blacks are goods and property … ‚ (S. 200)

Während sich die Einstellung des Anwalts, der im Prozess um die Morde auf der Zong die Versicherungsgesellschaft vertrat, immer noch nicht durchgesetzt hat:

‘The life of one Man is like the life of another Man whatever the Complexion is, whatever the colour.‘ (S. 198)

Bliebe dann nur noch zu anzumerken, dass Buchcover, auf denen Bilder der Verfilmung zu sehen sind, verboten gehören …

Hier der Link zu dem Beitrag zu Dido Belle auf English Heritage.

Tony Davidson: Confessions of a Highland Art Dealer – a journey in art, a glen and changing times (2022)

Dedicated to lovers, seekers and followers of crooked paths.

Mit dieser Widmung beginnt ein Buch, das ein absoluter Zufallsfund war: Im Urlaub in den schottischen Highlands ungeplant und zufällig an einer Kirche mit einer riesigen Echse auf der Wand vorbeigefahren, rasch gegoogelt und festgestellt, dass die Kirche inzwischen eine Galerie ist. Sind dann reinspaziert und ich habe nur noch gestaunt. 

Der Besitzer Tony Davidson hat als 27-Jähriger mit begrenzten Mitteln 1995 mal eben eine seit über 20 Jahren leerstehende Kirche gekauft und allen konservativen Bedenken einiger Einheimischer und allen Unkenrufen zum Trotz zwei Jahre später eine Galerie eröffnet. Selbst gute Freunde gaben ihm für sein Vorhaben ungefähr ein Jahr. Doch nun, 2025, gibt es die Kilmorack Gallery immer noch, und ich hoffe, das bleibt auch noch sehr lange so.

Genau davon, wie man so verrückt sein kann, mitten in einer nicht gerade dicht besiedelten Gegend in den Highlands eine Galerie aufzubauen und damit, obwohl man sich einigen Spielregeln des Kunstmarkts verweigert, Erfolg zu haben, handelt sein Buch Confessions of a Highland Art Dealer.

Der Mann hat in wahnsinniger Eigenarbeit die Kirche elektrifiziert, renoviert, das Dach ausgebessert und dabei die bestehende Architektur genutzt, um einen wunderschönen Ausstellungsraum zu schaffen. Die Mittel waren begrenzt, der erste Schreibtisch bestand aus zwei mit Jute verhängten Türplatten und er hatte keine Ahnung, wie man Gemälde professionell verpackt, ohne sich dabei die Finger am Klebebandspender blutig zu hauen. Zwischenzeitlich hat er ganz in der Kirche – versteckt auf der Empore – gewohnt, eine alte Quelle freigelegt und – nach den ersten finanziellen Erfolgen – einen beeindruckenden Ofen installiert.

Von Anfang an gibt er sich seine eigenen Regeln. Eine davon ist, nur (schottische) Künstlerinnen und Künstler auszustellen, die zur ersten Riege gehören. Da hilft es zu Beginn sicherlich, dass er Unterstützung von Gerald Laing bekommt, den er Jahre zuvor in Amerika kennengelernt hatte.

Ein großer Teil des Buches schildert Davidsons Besuche bei „seinen“ Künstlern in deren Studios, Werkstätten, Schlössern und Gartenhäuschen. Manchmal liest sich das Ganze wie ein Crashkurs in moderner schottischer Kunst. Und obwohl ich kaum einen der Namen kannte, springt etwas über von dem, was diese Menschen umtreibt, antreibt und bewegt. Dabei reicht die Spannbreite der Kunst von Surrealismus, reduzierter Landschaftsmalerei, Fotografie und Getöpfertem bis hin zu üppigen Blumenarrangements oder Metallskulpturen von der Größe eines Frosches bis zu der einer ausgewachsenen Kuh.

Wir erfahren, dass er sich in Großstädten nicht wohl fühlt, Veranstaltungen und „art fairs“, bei denen man sich in unbequeme Kleidung zwängt und nutzlosen Smalltalk mit potenziellen Konkurrenten führt, nicht ausstehen kann und sich so etwas nach ein oder zwei Mal nicht mehr antut. 

In seiner Galerie, bei der wir zu unseren zwei Besuchen die einzigen Besucher waren und so alles in Ruhe auf uns wirken lassen konnten, trifft er auf die unterschiedlichsten Menschen: Die Mutter, die allen Ernstes glaubt, er würde die Bilder ihrer vierjährigen Tochter ausstellen wollen, den russischen Oligarchen, der mit Bodyguards und großer Entourage auftaucht und dann noch einen 50-prozentigen Preisnachlass fordert (und nicht bekommt), Adlige und reiche Geschäftsleute, die auch die höherpreisigen Werke kaufen, Todkranke, die vor ihrem Tod unbedingt noch ein Werk kaufen möchten, Touristen, die über die Preise meckern, Mittagessen wollen und ihm mit der Lebensgeschichte ihrer Vierbeiner auf die Nerven gehen. Stammkunden, die fast jeden Monat ein kleines Werk erstehen. Künstler, die sehr genaue Vorstellungen darüber haben, wie er ihre Werke zu präsentieren hat. 

Die Finanzkrise und die Zeit der Pandemie hat er dank seiner Stammkunden und dank seiner exzellenten Homepage überstanden – dort kann man nicht nur einen virtuellen Rundgang unternehmen, sondern sich durch eine Liste aller Künstlerinnen und Künstler und ihrer Werke klicken.

I survived by never being rich. I took no holidays and did vast amounts of specialized work myself. (S. 159)

Davidson hat nicht nur ein spannendes Buch über die Entstehung einer sehenswerten Galerie geschrieben, sondern indirekt auch über das Wesen der Kunst. Warum schaffen Künstler ihre Werke? Was mag man daran? Was haben sie einem zu sagen? 

Was leider fehlt, sind ein paar Bilder, und was nur sehr kurz abgehandelt wird, ist die Frage, was die Antriebsfedern für den Traum waren, eine Galerie zu eröffnen. Da ahnt man manches nur zwischen den Zeilen: Er hätte wohl gern selbst Kunst studiert, doch das wurde von den Eltern nicht akzeptiert.  Also hat er etwas anderes studiert. Davidson nimmt sich selbst nicht so wichtig. 

Als Kinder ihn nach seiner Motivation fragen, ist er ein bisschen ratlos:

‘The gallery just happened. It was like catching three balls: the building, art and me. And so far it has worked. It‘s nice being here. Beautiful things and interesting people: what could be better?‘ (S. 75)

Nur ab und an blitzen Witz und Selbstironie durch, so z. B. als er im Vorübergehen seine Partnerin erwähnt:

It is ten years since I first saw her at the side of the road picking berries. ‘Do you dance?‘ she‘d asked. ‘No, I have two left feet, but I can pick a few brambles with you.‘ (S. 205)

Seine Philosophie ist eine der Bescheidenheit, des sich Selbst-Zurücknehmens. Trifft man ihn in seiner Galerie, wird er vermutlich Jeans, Baumfällerhemd und Arbeitsschuhe tragen, da er entweder gerade handwerklich beschäftigt ist oder neue Werke professionell in Szene setzt. 

We drive on, through winter and onto spring. A very different spring. As the world rotates, art navigates. I am an art dealer. Like a beekeeper, I build a hive for their work. (S. 262)

Das Buch hat es sehr verdient auf mehrere Shortlists geschafft. 

It was, I decided, a good day for a thinking walk. There is something about the rhythm of a walk that clears vision … (S. 171)

I am small in this landscape, very small, but here, like the golden eagle. I am held upright by the confidence of each leap from stone to stone. It is good to be invisible – but now seen, I should do what I like. (S. 173)

Eine Warnung zum Schluss: Ich kann nicht versprechen, dass diejenigen, die die Galerie vor Ort besuchen oder der ausgezeichneten Homepage einen Besuch abstatten, am Ende ohne Kunstwerk von dannen ziehen 😎. 

Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter – Nicht weggeschmissene Briefe I (2005)

Die Biografie von Alexander Solloch hatte mir Lust auf die Briefe Rowohlts gemacht, und was soll ich sagen, Harry Rowohlt war wirklich ein begeisterter, respektloser, arroganter, wortbegabter und witziger Briefeschreiber. Er erzählt und erzählt, beobachtet, hört zu, sammelt – und erfindet – Pointen wie andere Leute Bierdeckel und schöpft aus dem Vollen: Da bekommen alle ihr Fett weg, seien es empfindliche Leserbriefschreiber, Veranstalter*innen, Freunde, Verlegerinnen und Verleger sowie Autoren, deren Bücher er übersetzt und denen er dann seitenlange „lists of incompetence“ schickt, also Fragen zu bestimmten Stellen, die ihm im englischen Original nicht ganz klar sind. 

Zudem bekommt man einen Einblick, für welche möglichen und unmöglichen Werbeaktionen man ihn, als er immer bekannter wurde, einspannen wollte. Er wird von angehenden Nachwuchsübersetzern um Rat gefragt. Man will mit ihm ein katholisches Jugendtreffen aufmotzen, fragt ihn an für Talkshows und Benefizveranstaltungen. Hübsch auch die Anfrage der Zeitschrift Feinschmecker. Der erklärt er auf anderthalb Seiten, weshalb er ihnen nicht auch noch einen Text zu den Trinkgewohnheiten in Irland liefern könne. Die Zeitschrift druckt dann stattdessen seine ellenlange Absage.

Richtig fuchtig macht ihn die Anfrage von McKinsey & Company, die ihn anscheinend als Programmpunkt für ihre Weihnachtsfeier buchen wollten.

Lieber Herr Förster: Wenn Sie glauben, ich würde mich bei einer Weihnachtsfeier der Firma McKinsey gegen Geld zum Affen machen wollen, habe ich in meinem Leben gründlich etwas falsch gemacht. Die Firma McKinsey möge sich bitte freundlichst und gründlichst gehackt legen. 

Mit freundlichen Grüßen (S. 443)

Reagiert jemand auf seine Kolumnen in der ZEIT für seinen Geschmack zu dünnhäutig, setzt er gerade noch einen drauf. Doch wer ihm ebenbürtig erscheint und sich zur Wehr zu setzen weiß, dem gibt er eine zweite Chance auf nähere Bekanntschaft. So wagte es der Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach seine Übersetzung In Schwimmen-zwei-Vögel zu kritisieren, was ihm eine geharnischte Kampfansage Rowohlts einbrachte. Laederach bleibt cool, macht ihm Komplimente und nennt ihn dennoch einen eitlen Pfau

der auf jede seiner luftwärts gespreizten spitzen Federn aufpasst. (S. 136)

Rowohlt mäkelt in seiner Antwort wieder an dem Bild des Pfaus rum und dann:

Nein, nein, lieber Jürg Laederach, ich bin gar nicht eitel; ich bin nur sehr, sehr gut. (S. 137)

Aber neben dieser Unverblümtheit gibt es auch eine andere Seite. So schreibt er 1990 einen Brief an Hans Sahl, den er vor 20 Jahren wohl im New Yorker Goethe-Institut beleidigt hatte. 

… Seitdem leide ich darunter. […] denn für mich gibt es Dinge, die nicht verjähren, schon gar nicht eigene Dummheit. Meinen Sie, Sie nähmen unter Umständen meine Entschuldigung an? Das wäre schön. (S. 164)

Sahl antwortet sogar, kann sich an die Beleidigung überhaupt nicht mehr erinnern, findet aber Rowohlts Brief so nett, dass er ihn gern kennenlernen würde.

Briefe an seine Frau oder Freundinnen finden sich nicht, nur einmal klingt etwas Zärtliches an, als er schreibt:

Draußen stürmt es wie einst, als ich im Eingang der Parfumerie Douglas stand und Anna in Augenhöhe vor mir vorbeigetrieben kam. Ich habe sie frisch aus der Luft gepflückt, abgeklopft und hingestellt, und da keimte in ihr wohl bereits der zage Gedanke: ‚Wir müssen mal einen Briefband zusammen machen.‘ (S. 451)

Manches ist auch einfach nur sehr, sehr witzig, so als er z. B. der Verlegerin Gertraud Middelhauve auf eine ihrer Rückfragen zu einer Übersetzung antwortet:

S. 83: Habe ich im Original auch besser verstanden. (S. 118)

Für Rowohlt ist der endgültige Beweis, dass 85 bis 90 Prozent der Menschen strunzdumm sind, die Tatsache, dass ihm – der ja jahrelang den Penner in der Lindenstraße gespielt hatte – immer wieder Menschen am Bahnhof ein paar Euro geben. Eine Dame bietet ihm, sofern er kein Alkoholiker sei, sogar eine Wohngelegenheit an, gegen kleinere Hilfen im Haushalt, wohlgemerkt.

Rowohlt hat weitestgehend versucht, nur das zu machen, was ihm Spaß macht, und so zieht er 2003 nach zwei Tagen einer Fundraising-Veranstaltung das Fazit, dass er darauf keinen Bock mehr hat. 

denn 2 Tage Lebenszeit fand ich ausreichend. Kennen Sie das Gefühl? Plötzlich wird einem sonnenklar: ‚All dies hat nicht den geringsten Zweck. Wie komm ich hier wieder raus?‘ (S. 358)

Bei manchen Briefen fehlte mir der Zusammenhang und natürlich kann man fragen, warum man diese Briefe überhaupt lesen sollte. Sie sind kein zeitgeschichtlich bedeutsames Dokument, doch sie zeigen einen interessanten, schlagfertigen, schroffen und vermutlich nicht immer einfachen Menschen, der mit Menschen, die nicht so schnell dachten oder seinen Humor nicht mochten, nichts anzufangen wusste und tatsächlich „sehr, sehr gut“ war in dem, was er tat. Und dazu gehörte nicht nur das Übersetzen, sondern auch das Briefeschreiben.

Vielleicht meine Lieblingsstelle: der Brief, mit dem er sich 1990 für seine Geburtstagsgeschenke bedankt: 

Liebe Freund(inn)e(n), Genoss(inn)en und Brüder(innen): Soviele Geschenke … Ich komme mir vor wie Nicolae Ceausescu in seinen besten Zeiten. 

Eigentlich wollte ich nur ein Geschenk pro Tag aufmachen, so daß ich, wenn alle ausgepackt sind, schon wieder Geburtstag habe, aber die Neugier war dann doch stärker, und nun sind alle Geschenke ausgepackt, ausgetrunken, aufgegessen, angelesen, ins Wasser gestellt, angehört, justiert und abgefeuert, aufgeblasen, angespitzt, eingeklebt, herumgezeigt und weggeschlossen, deutlich sichtbar aufgehängt, auf der Veranda abgestellt, im Korridor verlegt, im Badezimmer eingedübelt, angezogen, ausgezogen, gewaschen, an die Wand genagelt, ins Tierheim gebracht, gestimmt, geraucht, befeuchtet, entschlüsselt, eingerieben, untergelegt, vorsichtig wieder zugeschraubt, in wuchtig vorgetragenem Angriff über den grünen Rasen getrieben, belacht, beweint und in gute Hände abgegeben. 

Ich ergreife die Gegebenheit dieses Rundschreibens, um mich bei all denen zu entschuldigen, denen die Musik zu laut war; bei all denen, denen sie zu leise war, ebenfalls. Mir hat das Fest gefallen, und darauf kommt es schließlich an. 

Danke. Verdammt, die Rührung. Danke. Ich muss jetzt schließen. Danke. (S. 168) 

Chris Broad: Abroad in Japan (2023) – Teil 2/2

Der zweite Teil meiner Vorstellung zu Abroad in Japan von Chris Broad beginnt mit der Schilderung einer für Broad zunächst wirklich demütigenden Nacht, deren Komik sich ihm erst im Nachhinein erschlossen hat. Auf einer kleinen Reise nach Osaka lernt er eine junge Frau kennen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und beschließen, die Nacht durchzumachen, bevor Broad dann am nächsten Morgen  zurück nach Sakata fährt. Doch irgendwann sind die beiden müde und so unattraktiv ist der Gedanke, mit der Frau eine gemeinsame Nacht im Bett zu verbringen, dann auch nicht. Also entscheiden sie sich, eines der sogenannten love hotels aufzusuchen. Die sind keineswegs nur für Affären und One-Night-Stands gedacht, auch Ehepaare nutzen sie, um der Enge und Hellhörigkeit ihrer Wohnungen, in denen oft mehrere Generationen eng beieinander leben, zu entfliehen.

 … they take discretion seriously, with concealed car parks and entrances, and licence-plate covers to mask the identity of the clientele within. (S. 139)

… and a large wall covered in small screens showed images of the accommodation available. […] It felt very unnatural, especially as there wasn‘t a single visible member of staff. In love hotels, customers aren‘t expected to interact with a single human being from start to finish. At least, that was the expectation. (S. 140)

Aber plötzlich kommt doch ein Mitarbeiter aus einem Nebenraum gestürmt und wirft sie raus. Chris Broad, der unschwer als Nicht-Japaner zu erkennen ist, wird als „foreigner“ nicht als Kunde akzeptiert. Das ist das erste Mal, dass er derlei offene Diskriminierung erlebt.

Die beiden lassen sich nicht entmutigen und probieren ihr Glück ein zweites Mal in einem anderen Hotel. Dieses Mal schaffen sie es bis in das kleine gebuchte Apartment. Während seine Begleiterin sich schon begeistert für den Whirlpool entblättert, will Broad die Bezahlung anhand der in der Wand eingebauten Vorrichtung regeln. Doch seine britische Kreditkarte wird nicht akzeptiert. Mit Schrecken stellt er fest, dass er nach der Kneipentour nicht mehr genügend Bargeld dabei hat. Auch Mei, die junge Frau, die inzwischen komplett eingeseift ist, hat kaum noch Geld anbei. Die Angestellte des Hotels, mit der er dann per Intercom Kontakt aufnimmt, ist not amused und wirft sie ebenfalls raus.

Nachdem er dann sein Bankkonto geplündert hat, buchen sie tatsächlich ein Zimmer in einem dritten Hotel.

But we were so tired after our long night of rejection we crashed on the bed almost immediately, waking groggily three hours later, just in time for my train. ‚‘Three love hotels in one night. Gosh, what a night,‘ Mei giggled. I tried not to die of embarrassment as I headed off to the station. (S. 145)

Die zweite sehr japanische Übernachtungsmöglichkeit erkundet er dann mit seinem britischen Freund George, die sogenannten Kapselhotels, die normalerweise nur Männern offenstehen. Der Architekt Kisho Kurokawa entwickelte die erste dieser Unterkünfte 1979 in Osaka. Diese preisgünstige Hotelvariante wird nicht nur von abenteuerlustigen Touristen, sondern zudem von Geschäftsreisenden und Männern genutzt, die einen über den Durst getrunken haben. Die Besteigung des Fuji mit George entpuppt sich dann am nächsten Tag auch eher als eine so mittelprächtige Idee zweier schlecht ausgerüsteter und viel zu dünn gekleideter Touristen.

The summit was even busier. There was only one public toilet in a smelly stone building with a lengthy queue outside. I eventually reached the front and ventured inside, to discover half a dozen foreign climbers sleeping shoulder to shoulder, squeezed between the warm pipes beneath the sink. So exhausted were the sleeping climbers, the splashes of water from the sink above failed to stir them from their slumber and, despite the horrendous conditions, the toilet provided the only shelter from the cold. I couldn‘t blame them from making use of it. (S. 165)

In dieser Zeit nimmt Broad ja bereits seine YouTube-Videos auf. Großen Anklang findet beispielsweise ein Video, in dem er seinen höflichen japanischen Freunden Schimpfwörter beibringt, die ihnen helfen, ausländische Filme zu verstehen. Alle haben Spaß dabei, bis auf einige Ausländer, die vehement protestieren angesichts derlei Respektlosigkeiten, die sich Broad dem japanischen Volk gegenüber erlaube.

I‘d started to encounter a creepy community of Japanese-obsessed foreigners online who felt a great sense of importance as the self-appointed gatekeepers of Japan. (S. 196)

People around the world feel a sense of entitlement when it comes to protecting Japan‘s culture, even if they‘ve never set foot in the country. (S. 197)

Als er gegärte Bienenlarven – in einem japanischen Geschäft gekauft – vor laufender Kamera probiert und sowohl ihm als auch seinem japanischen Freund übel davon wird, gibt es einen regelrechten Shitstorm unter den ausländischen (!) Zuschauern:

‚Why live in Japan if you hate it? Go home.‘ (S. 197)

Dabei unternimmt Japan auch selbst so einiges, um seine Kultur mit westlichen Einflüssen anzureichern. So ist es inzwischen für Japaner gang und gäbe, an Weihnachten bei Kentucky Fried Chicken für bis zu 50 Dollar das große Weihnachtsmenü zu verputzen. 

Im letzten Drittel seines Buches erzählt Broad, wie er schließlich mit seinem Lehrerdasein abschließt und nach Sendai umzieht, um sich dort – nach durchaus schwierigem Beginn und mancherlei Rückschlägen – als hauptberuflicher YouTuber einen Namen zu machen. Da sein Japanisch inzwischen alltagstauglich ist und er auf einen stets wachsenden Kreis an Freunden und beruflichen Kontakten zurückgreifen kann, geht seine Themenpalette allmählich über das rein Private und Halbtouristische hinaus. Er nimmt nun wirklich das Land, seine Bewohner und die Herausforderungen, mit denen sie umgehen müssen, in den Blick. Sei es die Bedrohung durch Nordkorea, seien es die Erdbeben, bei dem auch er einmal um sein Leben fürchtet, oder seien es die Menschen, die nach der Katastrophe von Fukushima versuchen, wieder Fuß zu fassen. Sein Kanal hat – Stand Juli 2025 – 3,2 Millionen Abonnenten und ist damit einer der größten ausländischen YouTube-Kanäle in Japan.

Abschließend würde ich sagen, es ist kein Buch, das man irgendwann noch einmal zur Hand nimmt, aber ich habe es gern und mit Gewinn gelesen, auch wenn ich es schade fand, dass er kaum etwas zu den Literaten, Musiker:innen oder bildenden Künstlern Japans geschrieben hat. Und meine Vermutung hat sich bestätigt, dass ich zwar gern mal nach Japan reisen möchte, aber nie Japanisch lernen lernen werde. 😎

Chris Broad: Abroad in Japan (2023) – Teil 1/2

Der 1990 geborene Engländer Chris Broad hatte nach seinem Studium die Idee, sich auf einen Job als English Language Assistant in Japan zu bewerben. Dafür waren keine guten Japanisch-Kenntnisse notwendig, denn es sollte ja nur darum gehen, den heimischen Englischlehrkräften hilfreich zur Seite zu stehen und den japanischen Schülerinnen und Schülern eine Möglichkeit zu bieten, mit einem Muttersprachler Englisch zu üben.

I‘d later discover that of the eleven Japanese teachers I was to work with, only one had lived overseas longer than three months, and at least three couldn‘t speak or comprehend English at all. As pleasant as most of my colleagues would be, it seemed that being able to speak English wasn‘t necessarily a qualification required to become an English teacher in Japan. (S. 16)

Und so begann 2012 für Broad eine Reise, die auch zehn Jahre später anscheinend noch lange nicht zu Ende ist.

Nach drei Jahren als Englisch-Aushilfslehrer in Sakata, in denen er bereits Videos über seine Erlebnisse auf YouTube postete, hängt er den Job an den Nagel und schlägt die für mich immer noch ungewohnt anmutende berufliche Laufbahn als Vollzeit-YouTuber mit seinem Kanal Abroad in Japan ein, in dem er seinen englischsprachigen Zuschauern alles Mögliche und Unmögliche aus und über Japan zeigt und erklärt.

Nun hat er zu allem Überfluss noch ein Buch über seinen Weg vom ahnungslosen Englischlehrer, der so gut wie kein Japanisch konnte, bis hin zu einem erfolgreichen YouTuber geschrieben. Das Buch verkauft sich wie geschnitten Brot und ist inzwischen auch ins Deutsche übersetzt worden. Zwar ist er kein zweiter Bill Bryson, dennoch gewährt Broad uns aus seiner ganz und gar subjektiven Sicht tatsächlich einen immer wieder interessanten und oft genug auch amüsanten Einblick in eine fremde Sprache, heftige Winter und eine andere Kultur.

Zu Beginn wundert er sich noch über die fehlenden Gras- und Rasenflächen, den ungewohnten Geruch der Tatamimatten in seiner winzigen und ausgesprochen spartanisch eingerichteten Wohnung, die langen Pausen in einem Gespräch oder darüber, dass alle Schüler und Kollegen beim Betreten der Schule ihre Straßenschuhe ausziehen müssen.

Every single person who sets foot in the building has to remove their shoes, place them on a rack and switch to a pair of indoor-only trainers. […] You must always remove your shoes before entering a Japanese home and even before entering some public spaces. God help you if you step on a tatami straw-mat floor in your trainers. (S. 21)

Natürlich erzählt Board auch von seinem Schulalltag in einem System, das weniger an der Ausbildung und Förderung des Individuums interessiert scheint, sondern eher daran, dass sich niemand in der Gruppe in irgendeiner Weise besonders hervortut. Begabte Schülerinnen oder Schüler stellen sich absichtlich unwissend, um so nicht aus der Gruppe auszuscheren und dann womöglich gemobbt zu werden. Mobbing stellt ein ernstzunehmendes Problem in japanischen Schulen dar, das oft genug noch von Lehrkräften ignoriert wird. Selbst bei körperliche Attacken würden Lehrer nicht unbedingt einschreiten oder sogar noch mit den Tätern lachen.

Fehler, die beim Sprachenlernen ja einfach dazugehören, können ebenfalls zu Spott und monatelangen Sticheleien durch die Mitschüler führen. Abweichungen werden ungern gesehen. Das gilt auch für Übergewichtige, wie Broad am eigenen Leib erfährt. Wenig Bewegung im eiskalten Schneewinter, viel ungesundes Kneipenessen und zu viele alkoholische Abende mit seinem Freund haben ihm erkennbar zugesetzt. Kolleginnen und Schülerinnen kommentieren sein Übergewicht.

While I knew colleagues and students meant well, it certainly blew a hole through my perfect image of Japanese politeness. For the first time, I‘d been subjected to Japan‘s unique brand of collectivist bullying. The comments I’d received would have been unthinkable back home in the UK, where people would likely to be fired for making such crass remarks. (S. 116)

Doch wie so oft, ist hier der Hintergrund aufschlussreich: 2008 erließ Japan ein Gesetz, nach dem Behörden und Firmen tatsächlich den Taillenumfang ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwischen 40 und 75 kontrollieren sollten. Menschen, die dann als zu dick galten, bekamen dann Angebote und Hinweise zum Abnehmen. Selbst Bußgelder konnten verhängt werden. Das Gesetz wurde in Japan – laut Board – sehr positiv aufgenommen. Damit wollte man die Gesundheitskosten in einer rasch alternden Gesellschaft halbwegs unter Kontrolle halten. Und Japans Zahl an Übergewichtigen ist tatsächlich um ein Vielfaches niedriger als in den USA oder Großbritannien.

Aber trotz aller (Sprach-)Barrieren gibt es herzliche und witzige Momente:

After I jokingly mentioned in class that I‘d wanted to be James Bond as a child but had never achieved my dream, a few days later a poster for Skyfall appeared on my desk. ‘Don‘t give up your dream. To never forget – Rina.‘ I laughed as I read her note. It was a wonderful moment: a Japanese schoolgirl encouraging her teacher to become a British spy. I hope to make her proud one day. (S. 77)

Broad lernt das daikou-System kennen: Wer nach einem durchzechten Abend nicht mehr selbst nach Hause fahren will, bestellt sich zwei Fahrer, von denen der eine den Angetrunkenen in dessen Auto heimfährt, während der zweite Fahrer hinterherfährt und seinen Kollegen an der Adresse des Kunden dann wieder einsammelt.

While in most countries the idea of letting a stranger drive your vehicle as you lie drunkenly on the back seat seems bizarre at best and dangerous at worst, in Japan there‘s a level of societal trust that makes honour-based systems like this work. (S. 86)

Nach mehreren Monaten ist er allerdings immer noch nicht in der Lage, sich ohne Hilfe in Alltagssituationen zu verständigen, und versteht meist nicht, was ihm seine Schülerinnen und Schüler im Schulflur zurufen. Aber für die Situationen, in denen man um eine Karaoke-Darbietung einfach nicht herumkommt, hat er immerhin den Sukiyaki-Song von Sakamoto Kyu parat.

Two thousand kanji. Three writing systems. Three thousand basic everyday words to memorize. I‘d begun to realize how screwed I was as I embarked on my journey to learn one of the world‘s hardest languages. Even setting aside the sheer amount there was to put to memory, the grammar structure was so alien I suspected that the Japanese language had been specially designed to cripple an English speaker‘s brain. (S. 93)

As if the Japanese language isn‘t already a nightmare, to make matters worse, there‘s keigo – a system of honorific speech. In Japan, who you‘re talking to determines how you talk, and this explains why, in most ice-breaking interactions, the conversation seldom deviates from a formal fixed pattern. (S. 181)

So entscheidet vor allem das Alter, aber auch die gesellschaftliche Stellung, welche Sprachform dem Gegenüber angemessen ist.

In Osaka gerät er in eine Kneipe, die Japanern anscheinend vermitteln soll, wie so ein britischer Pub aussieht. Broad fühlt sich zwar eher an ein Piratenschiff erinnert, hat aber viel Spaß an den ausliegenden Info-Flyern:

‘Every Sunday, the people of England go to church. After church service they will visit the pub, which is often built into the church itself.‘ Ah yes. Pub church. God how I missed those. (S. 137)

Im nächsten Beitrag lernen wir, was man beim Besuch eines sogenannten love hotels alles falsch machen kann.

Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management Teil (1861) – Teil 4/4

Im letzten Teil meiner Buchvorstellung zu Mrs Beeton’s Household Management geht es u. a. um die Frage, wie man Kranke versorgt und welche Gefahren den Kindern bei einem verantwortungslosen Kindermädchen drohen.

Doch zunächst schauen wir uns an, wie man eine Küche zweckmäßig gestaltet. Beeton nennt dafür folgende Kriterien:

  • Convenience of distribution in its parts, with largeness of dimension
  • Excellence of light, height of ceiling, and good ventilation
  • Easiness of access, without passing through the house
  • Sufficiently remote from the principal apartments of the house (um Lärm- und Geruchsbelästigung zu vermeiden)
  • Plenty of fuel and water

Manche der Hinweise sind heute allgemein bekannt, wie der, dass die Dosen, in denen man Gewürze, Gebäck und Zucker aufbewahrt, gut verschlossen sein sollten.

The covers of these should fit tightly, in order to exclude air, and if necessary, be lettered in front, to distinguish them. (S. 31)

Der Hauptteil des Buches – Hunderte von Seiten – besteht aus einer systematisch angelegten Rezeptsammlung (Suppen, Fisch, Fleisch je nach Tierart, Gemüse, Nachspeisen, Milchprodukte, Kaffeezubereitung, Einkochen, Vorratshaltung, Brot, Kuchen und Rezepte für Bettlägerige). Wir erfahren, wo sich welches Fleischstück am Tier befindet und wie man es korrekt zerlegt, wie man seine eigenen Reinigungsmittel herstellt und gepflückte Blumen möglichst lange ansehnlich hält.

Beetons Mischung aus viktorianischem Fortschrittsglauben, Biologie, praktischen Haushaltstipps und Theologie klingt beispielsweise so:

The divisions of birds are founded principally on their habits of life, and the natural resemblance which their external parts, especially their bills, bear to each other. According to Mr Vigors, there are five orders, each of which occupies its peculiar place on the surface of the globe; so that the air, the forest, the land, the marsh, and the water, has each its appropriate  kind of inhabitants. These are respectively designated as Birds of Prey, Perchers, Walkers, Waders and Swimmers; and, in contemplating their variety, lightness, beauty, and wonderful adaptation to the regions they severally inhabit, and the functions they are destined to perform in the grand scheme of creation, our hearts are lifted with admiration at the exhaustless ingenuity, power, and wisdom of Him who has, in producing them, so strikingly ‘manifested is handiwork.‘ (S. 412)

Daran anschließend bekommt die Leserinnen Hinweise zur Hühneraufzucht und dann natürlich Rezepte zur Zubereitung.

Und worauf sollte man achten, wenn man Kranke und Bettlägrige zu versorgen hat?

Nun, alle Gerätschaften müssen blitzblank sauber sein, man sollte dem Kranken nur kleine, aber sehr appetitlich aussehende Portionen anbieten und auf keinem Fall, darauf habe schon Florence Nightingale hingewiesen, dürfe man Speisen im Krankenzimmer stehenlassen, in der Hoffnung, der Kranke würde dann zwischendurch vielleicht doch danach greifen. Im Gegenteil, der Patient würde so eher vom Essen abgehalten. Und ganz wichtig:

If the patient be allowed to eat vegetables, never send them up undercooked, or half raw … (S. 838)

Geschichtlich finde ich den Einblick in eine vergangene Zeit, den uns Beeton hier ermöglicht, faszinierend, z. B. wenn junge Mütter gewarnt werden, dass es bekannterweise immer wieder Ammen gäbe, die dem ihnen anvertraute Baby bei Beschwerden einfach Rizinusöl geben, anstatt einen Arzt rufen zu lassen. Oder die gar, um sich selbst eine ruhige Nacht zu verschaffen, das Baby mit Godfrey‘s Cordial, einer syrupartigen Opiumtinktur ruhigstellten.

Mothers, in the fullness of their affection, believe there is no harbour, sleeping or awake, where their infants can be so secure from all possible or probable danger as in their own arms … (S. 993)

Beeton allerdings spricht sich gegen das Schlafen des Babys im Ehebett aufs Schärfste aus: Dabei bekäme das Kind viel zu wenig Sauerstoff, denn Türen und Fenster seien geschlossen und dazu käme noch der Vorhang, der damals wohl die meisten Betten einschloss. Außerdem warnt sie davor, dass Baby mit ins Bett zu nehmen, weil so die Gefahr des „accidentally overlaying“ niemals ausgeschlossen werden könne, bei der man das Kind unabsichtlich im Schlaf erstickt. Beim Stillen solle man darauf achten, dem Baby nicht direkt nach körperlicher Anstrengung die Brust zu reichen, da die Milch dann zu sehr erwärmt sei.

Sollte das Kind stottern, wird folgendermaßen Abhilfe empfohlen, wobei einem die Kinder noch im Nachhinein leidtun:

… stammering may be remedied by reading aloud with the teeth closed. This should be practised for two hours a day, for three or four months. (S. 1048)

Um euch und mich vor der endgültigen Überdosis dieses Ratgebers zu bewahren, verzichte ich – wenn auch schweren Herzens – darauf, euch noch mitzuteilen, welche Aufgaben die Stallburschen zu erfüllen hatten und wie man am besten das Pferdegeschirr reinigt. Das müsst ihr dann selbst nachlesen 😎.

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Kompendium, das ich mit mit großem Vergnügen durchstöbert habe, unterschwellig von der überheblichen – und ignoranten – Gewissheit getragen wird, einer höheren Entwicklungsstufe der Menschheit anzugehören.

It is equally true that some races of men do not dine any more than the tiger or the vulture. It is not a dinner at which sits the aboriginal Australian, who gnaws his bone half bare and then flings it behind to his squaw. And the native of Terra-del-Fuego does not dine when he gets his morsel of red clay. Dining is the privilege of civilization. The rank which a people occupy in the grand scale may be measured by their way of taking their meals, as well as by their way of treating their women. The nation which knows how to dine has learnt the leading lesson of progress. It implies both the will and the skill to reduce to order, and surround with idealisms and graces, the more material conditions of human existence … (S. 849)

Eigenes Foto, mit freundlicher Genehmigung des Dortmunder Museums für Kunst und Kulturgeschichte 

Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – Teil 3/4

Im vorletzten Teil dieser kleinen Reihe zu Mrs Beeton’s Household Management aus dem Jahr 1861 soll es noch einmal um die Bediensteten der gehobenen Schichten im viktorianischen England gehen, auch wenn ich beim Durchblättern dieser 1000 Seiten über das Potpourri staune, das Isabella Beeton zusammengetragen hat. Hier finden sich Seite an Seite:

  • Exkurse zu Architektur, Geschichte, Biologie, Küchenausstattung oder der Art und Weise, wie auf dem Kontinent die Schweine morgens in Hutewälder getrieben werden
  • Tipps zu Finanzen, Wohnungssuche und der Frage, wo und wie man die besten Dienstboten findet
  • Exkurse zur naturwissenschaftlichen Einteilung der Lebewesen
  • Saisonale Rezeptvorschläge
  • Listen, z. B. zu notwendigen Küchenutensilien, gastronomischen Fachbegriffen oder zu Dingen, die man für ein Picknick für 40 Personen benötigt
  • Hinweise auf Regeln der Etikette
  • Fromme Zitate
  • Mehrere Hundert Seiten Rezepte und noch mehr Rezepte
  • Anweisungen zur Reinigung, zur Wäschepflege, zum Einkochen, zur Kinderpflege oder zum Verhalten im Krankenzimmer
  • Behandlung von Kinderkrankheiten und Erste Hilfe
  • Juristische Informationen zu Immobilienerwerb, Miete, Pacht, Ehe, Scheidung oder Testamenten

The last proof of affection which we can give to those left behind, is to leave their worldly affairs in such a state as to excite neither jealousy, nor anger, nor heart-rending of any kind, at least for the immediate future. […] and we counsel no man to use words in making his will of which he does not perfectly understand the meaning and import. (S. 1067)

Beeton führt uns damit auch die Lebensumstände der gehobenen Schichten vor Augen, die sich Köchin, Küchenmädchen, Kammerdiener, Zofe, Butler, Lakaien, Gärtner und Stallknechte leisten konnten und nie im Leben auf die Idee gekommen wären, selbst ihre Kleidung oder gar ihre Schuhe von Schmutz und Schlamm zu säubern.

The footman is expected to rise early, in order to get through all his dirty work before the family are stirring. Boots and shoes, and knives and forks, should be cleaned, lamps in use trimmed, his master‘s clothes brushed, the furniture rubbed over; so that he may put aside his working dress, tidy himself, and appear in a clean jean jacket to lay the cloth and prepare breakfast for the family.

He hast to […] answer the visitors who call, the drawing-room and parlour bells; and do all the errands. His life is no sinecure; and a methodical arrangement of his time will be necessary, in order to perform his many duties with any satisfaction to himself or his master. (S. 921)

Wir sehen die gängigen Rollenklischees und bekommen darüberhinaus eine Ahnung, wie viel harte Arbeit von den Dienstboten unter zum Teil kärglichen Bedingungen geleistet wurde.

Whilst the cook is engaged with her morning duties, the kitchen-maid is also occupied with hers. Her first duty, after the fire is lighted, is to sweep and clean the kitchen, and the various offices belonging to it. This she does every morning, besides cleaning the stone steps at the entrance of the house, the halls, the passages, and the stairs which lead to the kitchen. Her general duties, besides these, are to wash and scour all these places twice a week, with the tables, shelves and cupboards. She has also to dress the nursery and servants‘s-hall dinners, to prepare all fish, poultry, and vegetables, trim meat joints and cutlets, and do all such duties as may be considered to enter into the cook‘s department in a subordinate degree. (S. 43)

Beeton geht davon aus, dass die gegenseitige Abhängigkeit von Hausherrschaft und Dienerschaft halbwegs in Balance gehalten werden könne, wobei sie die doch sehr einseitigen Machtverhältnisse geflissentlich ignoriert.

The sensible master and the kind mistress know, that if servants depend on them for their means of living, in their turn are dependent on their servants for very many of the comforts of life; and that, with a proper amount of care in choosing servants, and treating them like reasonable being, and making slight excuses for the shortcomings of human nature, they will, save in some exceptional case, be tolerably well served, and, in most instances, surround themselves with attached domestics. (S. 917)

Allerdings wird bei den Kapiteln über den Butler, die Köchin oder die Kammerzofe auch deutlich, dass das Berufe waren, bei denen man sich bei entsprechender Fachkompetenz auch ehrliche Achtung und Anerkennung verdiente. Dennoch:

A servant is not to be seated, or wear a hat in the house, in his master‘s or mistress‘s presence; nor offer any opinion, unless asked for it; nor even to say ‘good night‘, or ‘good morning‘, except in reply to that salutation. (S. 947)

Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – Teil 2/4

Beeton schreibt im Vorwort zu ihrem geradezu enzyklopädisch daherkommenden Mammutwerk zu idealer Haushaltsführung:

I must frankly own, that if I had known, beforehand, that this book would have cost me the labour which it has, I should never have been courageous enough to commence it. What moved me, in the first instance, to attempt a work like this, was the discomfort and suffering which I had seen brought upon men and women by household mismanagement. I have always thought that there is no more fruitful source of family discontent than a housewife‘s badly-cooked dinners and untidy ways.

Das ist natürlich putzig, wenn man bedenkt, dass nur ein einziges Rezept in dem 1.000-Seiten-Ziegelstein von ihr stammt und sie selbst wohl nie mehr als zwei Bedienstete hatte. Was sie aber nicht daran hindert, akribisch den durchschnittlichen Jahresverdienst für House Steward, Valet, Butler, Cook, Gardener, Footman, Underbutler, Coachman, Groom, Under Footman, Footboy und Stableboy samt weiblicher Entsprechungen aufzulisten.

Nachdem im ersten Teil das Hauptaugenmerk auf den charakterlichen Anforderungen an die Hausfrau lag, geht es nun weiter: Nach der morgendlichen Kontrolle und Einweisung der Dienstboten folgt das Frühstück, anschließend widmet sich die tugendsame Frau dem Unterricht der jüngeren Kinder. Danach bleibt ihr Zeit für etwas Lektüre oder andere erbauliche Erholung. Sei es im Garten, sei es mit Musik oder ein wenig Zeichnen.

Der Abend, der im Kreise der Familie verbracht wird, muss ebenfalls sorgsam bedacht werden:

Where there are young people forming a part of the evening circle, interesting and agreeable pastime should especially be promoted. It is of incalculable benefit to them that their homes should possess all the attractions of healthful amusement, comfort, and happiness; for if they do not find pleasure there, they will seek it elsewhere. It ought, therefore, to enter into the domestic policy of every parent, to make her children feel that home is the happiest place in the world…

Empfohlen werden Backgammon, Schach, Nadelarbeiten für die Frauen und:

It has often been remarked, too, that nothing is more delightful to the feminine members of a family, than the reading aloud of some good standard work or amusing publication. (S. 17)

Auch über die korrekte Art, Besuche zu absolvieren, werden wir nicht im Unklaren gelassen: Diese ritualisierten Abläufe (und die Fettnäpfchen, in die man dabei treten kann) kennt man ebenfalls aus den zeitgenössischen Romanen.

Dabei unterscheidet Beeton drei Arten, bei denen man aber für den Fall, dass man von der Dienerschaft mit den Worten „Not at home“ abgewimmelt wird, immer Visitenkarten mitführen solle, die man dann überreiche könne.

a)    Kondolenzbesuche, die man entsprechend dunkel gekleidet innerhalb der ersten Trauerwoche absolvieren solle

b) Besuche aus förmlichem Anlass, beispielsweise um sich nach einer Feierlichkeit zu bedanken: Hierbei dürfe man sich keinesfalls länger als 15 oder 20 Minuten aufhalten. Sollten andere Gäste gemeldet werden, solle man freundlich, aber nicht überstürzt den Besuch beenden.

c)  Besuche freundschaftlicher Natur, bei denen man der Aufforderung, Hut oder Schal abzulegen, durchaus Folge leisten dürfe, vorausgesetzt, man bleibe nicht zu lange und störe keine anderweitigen Planungen der Hausherrin

During these visits, the manners should be easy and cheerful, and the subjects of conversation such as may be readily terminated. Serious discussions or arguments are to be altogether avoided […] It is not advisable, at any time, to take favourite dogs into another lady‘s drawing room, for many persons have an absolute dislike to such animals; and besides this, there is always a chance of a breakage of some article occurring, through their leaping and bounding here and there, sometimes very much to the fear and annoyance of the hostess. Her children, also, unless they are particularly well-trained and orderly, and she is on exceedingly friendly terms with the hostess, should not accompany a lady in making morning calls. (S. 10)

Erhalte man selbst Besuch, sind die Beschäftigungen wie Zeichnen, Musizieren oder Lesen zu beenden, leichte Handarbeiten dürfen aber gern fortgeführt werden.

Die letzte halbe Stunde vor einem Essen, zu dem man Gäste erwarte, sei für eine Hausfrau besonders nervenaufreibend:

The anxiety to receive her guests – her hope that all will be present in due time – her trust in the skill of her cook, and the attention of the other domestics, all tend to make these few minutes a trying time. The mistress, however, must display no kind of agitation, but show her tact in suggesting light and cheerful subjects of conversation, which will be much aided by the introduction of any particular new book, curiosity of art, or article of vertu, which may pleasantly engage the attention of the company. (S. 12)

Dabei gelten selbstredend auch für die Sitzordnung bestimmte Regeln:

Dinner being announced, the host offers his arm to, and places on his right hand at the dinner-table, the lady to whom he desires to pay most respect, either on account of her age, position, or from being the greatest stranger in the party. (S. 13)

Überhaupt werden Paare dabei möglichst getrennt gesetzt, auch Vertreter des gleichen Berufsstandes sollten nicht nebeneinander sitzen.

Die Hausherrin sei verantwortlich für die Blumendekoration und die Qualität des Kaffees, der Hausherr hingegen verantworte die alkoholischen Getränke. An anderer Stelle schreibt Beeton allerdings, dass der Butler – zu dessen Aufgaben nicht nur der Kauf der Spirituosen, das Abfüllen und Verschließen der Weinflaschen, sondern auch die Kontrolle über die richtige Lagertemperatur im Weinkeller gehören – so kompetent sein solle, dass er seinen Herrn bei der Frage der Alkoholika entsprechend beraten könne.

Hat man das Essen unfallfrei hinter sich gebracht, taucht man idealerweise die Fingerspitzen nur kurz in die mit Wasser gefüllten „finger-glasses“ und tupft sie an der Serviette trocken. Anschließend ziehen sich die Damen diskret zurück.

An anderer Stelle wird noch einmal die Bedeutung der Gastgeber unterstrichen:

To invite a person to your house is to take charge of his happiness so long as he is beneath your roof. (S. 853)

Wichtig wäre dann vielleicht noch der Hinweis, dass man als Frau einen Tanzpartner, der einem auf einem privaten Ball vorgestellt wurde, am nächsten Tag auf der Straße getrost ohne ein Zeichen des Wiedererkennens ignorieren dürfe.

Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – Teil 1/4

Wer schon immer mal wissen wollte, wie man seine Schuhcreme selbst zusammenrührt, was man von seinen Dienstboten erwarten darf und wann man welche Lebensmittel sinnvollerweise im Laufe eines Jahres verarbeitet, welche Speisenfolge bei größeren Empfängen gereicht werden kann und welche moralischen Ansprüche an die Hausherrin zu stellen sind, ist bei Isabella Mary Beeton (1836 – 1865) und ihrem phänomenal erfolgreichen Haushaltsratgeber, den sie mit nur 25 Jahren veröffentlichte, genau richtig. Und alle anderen können diesen viktorianischen Knigge, der sich oft wie ein Handbuch zu den Romanen von Jane Austen lesen lässt, trotzdem mit Vergnügen lesen, auch wenn ich die vielen Kapitel mit den Kochrezepten großzügig übersprungen habe.

Zum Lebenslauf der Autorin

Nachdem Isabellas Mutter Elizabeth früh Witwe wurde, heiratete sie den wohlhabenden Witwer Henry Dorling, der wie sie auch vier Kinder mit in die Ehe brachte. Mit diesem Mann bekam Elizabeth 13 weitere Kinder, sodass Isabella sicherlich einen gewissen Einblick in Haushaltsorganisation erhielt.

Im Juli 1856 heiratete Isabella den Verleger Samuel Orchart Beeton und kaum ein Jahr später begann sie für The Englishwoman’s Domestic Magazine, eine der Zeitschriften ihres Mannes, Beiträge zu Mode, Haushaltsführung und Kochen zu verfassen.

1859 startete dann eine monatliche Beilage, die 48 Seiten mit Rezepten und Hinweisen zu idealer Haushaltsführung umfasste. Die 24 Beilagen wurden dann 1861 als Mrs Beeton‘s Book of Household Management veröffentlicht, von dem schon im ersten Jahr 60.000 Exemplare verkauft wurden. Das Buch wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher des 19. Jahrhunderts.

Allerdings hat sich erst im 20. Jahrhundert herausgestellt, in welchem Umfang sich die ja erst 23-jährige Autorin hier eher als Herausgeberin betätigt hat. Ganze Textpassagen und nahezu alle Rezepte stammen aus Werken anderer Verfasser oder aus Leserinnenzuschriften. Selbstredend ohne Quellenangaben, was angesichts der laschen Copyright-Regelungen der damaligen Zeit aber auch kein Problem darstellte.

Noch während Beeton an einer gekürzten Ausgabe arbeitete, starb sie nach diversen Fehlgeburten und vier Geburten mit 28 Jahren am Kindbettfieber. Allerdings gibt es auch Biografen, die die Hypothese vertreten, dass ihr Ehemann sie mit Syphilis infiziert und dies zu ihrem frühen Tod beigetragen habe.

Die englischsprachige Wikipedia schreibt:

Her name has become associated with knowledge and authority on Victorian cooking and home management, and the Oxford English Dictionary states that by 1891 the term Mrs Beeton had become used as a generic name for a domestic authority. She is also considered a strong influence in the building or shaping of a middle-class identity of the Victorian era.

Zum Buch

Neben einer umfangreichen Rezeptsammlung enthält das Buch Kapitel zu der Verantwortung der Hausherrin, der Rolle der Haushälterin, der Aufteilung der Küche, den zahlreichen Aufgaben des Butlers – besonders bei Wein sollte er sich hervorragend auskennen und seinen Herrn beraten können – und Kapitel zum angemessenen Umgang mit Dienstpersonal und Händlern. Aber auch Kindererziehung, Kinderkrankheiten und der Empfang und die Bewirtung von Gästen werden systematisch abgearbeitet. Selbst juristischen Rat bleibt uns das Buch nicht schuldig.

Isabella Beeton selbst arbeitete gleichberechtigt neben ihrem Mann und fuhr täglich ins Büro, doch in ihrem Ratgeber wird die Frau ausschließlich als treusorgende Hausfrau dargestellt, die auch über die moralischen Werte wache, mit der Haushalt und Familie geführt werden sollen.

As with the commander of an army, or the leader of any enterprise, so is it with the mistress of a house. Her spirit will be seen through the whole establishment; and just in proportion as she performs her duties intelligently and thoroughly, so will her domestics follow in her path. Of all those acquirements, which more particularly belong to the feminine character, there are none which take a higher rank, in our estimation, than such as enter into a knowledge of household duties; for on these are perpetually dependent the happiness, comfort, and well-being of a family. (S. 1)

Erfreulicherweise dürfe die Hausfrau aber auch – in angemessener Weise – an anderen Dingen Gefallen finden.

… we may add, that to be a good housewife does not necessarily imply an abandonment of proper pleasures or amusing recreation; and we think it the more necessary to express this, as the performance of the duties of a mistress may, to some minds, perhaps seem to be incompatible with the enjoyment of life. (S. 1)

Neben Sauberkeit, Sparsamkeit, dem Führen eines Haushaltsbuchs und praktizierter Wohltätigkeit – einschließlich der Besuche bei den Armen – sei aber besonders ein früher Start in den Tag entscheidend:

Early rising is one of the most essential qualities which enter into good Household Management, as it is not only the parent of health, but of innumerable other advantages. Indeed, when a mistress is an early riser, it is almost certain that her house will be orderly and well-managed. (S. 1)

Außerdem werden wir darüber belehrt, welche Bekanntschaften wir (nicht) kultivieren sollten.

The choice of acquaintances is very important to the happiness of a mistress and her family. A gossiping acquaintance, who indulges in the scandal and ridicule of her neighbours, should be avoided as a pestilence. […] If the duties of a family do not sufficiently occupy the time of a mistress, society should be formed of such a kind as will tend to the mutual interchange of general and interesting information. Friendships should not be hastily formed, nor the heart given, at once, to every new-comer. There are ladies who uniformly smile at, and approve everything and everybody […] They imagine that every one who has any penetration is ill-natured, and look coldly on a discriminating judgement. (S. 2)

Gastfreundschaft dürfe nicht in Vergnügungssucht ausarten und bei Gesprächen sei darauf zu achten, dass nicht alles wirklich erwähnenswert sei:

In conversation, trifling occurrences, such as small disappointments, petty annoyances, and other every-day incidents, should never be mentioned to your friends. The extreme injudiciousness of repeating these will be at once apparent, when we reflect on the unsatisfactory discussions which they too frequently  occasion, and on the load of advice which they are the cause of being tendered, and which is, too often, of a kind neither to be useful nor agreeable. (S. 3)

Selbstverständlich sei auch gute Laune bzw. ein ausgeglichenes Gemüt zu kultivieren:

Good temper should be cultivated by every mistress, as upon it the welfare of the household may be said to turn. […] Every head of a household should strive to be cheerful, and should never fail to show a deep interest in all that appertains to the wellbeing of those who claim the protection of her roof. Gentleness, not partial and temporary, but universal and regular, should pervade her conduct; for where such a spirit is habitually manifested, it not only delights her children, but makes her domestics attentive and respectful; her visitors are also pleased by it, and their happiness is increased. (S. 4)

Wer denkt da nicht an die Frauengestalten, die sich Charles Dickens in seinen Romanen erträumte …

Wenn wir in gebührender Weise über die uns noch fehlenden hausfraulichen Tugenden nachgedacht haben, geht es weiter mit Teil  2.

Josephine Tey: Brat Farrar (1949)

Die schottische Kriminalschriftstellerin und Theaterautorin Elizabeth Mackintosh (1896 – 1952) ist uns heute eher unter ihrem Pseudonym Josephine Tey bekannt, unter dem sie ihre sechs Krimis um Inspector Alan Grant veröffentlichte. 

Doch sie hat auch Einzelromane – wie z. B. Brat Farrar – geschrieben, die ich eher dem Bereich der Spannungsschmöker zuordnen würde, in der Stimmung vielleicht vergleichbar mit Rebecca von Daphne du Maurier, wenn auch schlichter gestrickt.

Schon auf den ersten Seiten erfahren wir, dass der junge Mann Brat Farrar, der als Findelkind im Waisenhaus aufwuchs und dann sein Glück in Amerika gesucht hat, nun doch nach England zurückgekehrt ist. Auf der Suche nach Arbeit wird er auf der Straße plötzlich von einem Mann names Alec Loding angesprochen, der ihm einen veritablen Betrug vorschlägt. 

Brat soll sich als Patrick Ashby, den seit acht Jahren totgeglaubten Erben des Gestüts Latchett, ausgeben. Patrick hatte als Dreizehnjähriger Suizid begangen, kurz nachdem seine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Dessen Zwillingsbruder Simon ist Patricks Nachfolger in der Erbreihenfolge und wird in wenigen Wochen mit 21 volljährig und damit auch der Erbe eines nicht unbeträchtlichen Vermögens.

Alec Loding als ehemaliger Nachbar der Ashbys schult nun Brat über Wochen, damit dieser seinen Betrug glaubwürdig durchziehen kann. Und tatsächlich, alle drei Schwestern und Tante Bee halten Brat aufgrund seiner unglaublichen Familienähnlichkeit und des eingetrichterten Wissens von Alec für den totgeglaubten Patrick. Auch dass er sich wunderbar in die Familie einfügt und ebenfalls pferdeverrückt ist, scheint dafür zu sprechen. Doch dann sieht sich Brat – neben seiner wachsenden Zuneigung zu seiner „Schwester“ Eleanor und seinem schlechten Gewissen, das ihn von Anfang an plagt – noch einem ganz anderen Problem gegenüber: Simon, der ihm seinen Schwindel keine Sekunde lang abnimmt. 

Das Ganze liest sich fluffig und auch spannend, denn man weiß ja von Anfang an um den Betrug und spürt, dass die Gefahren woanders lauern. Alle Charaktere sind für einen Unterhaltungsroman, der wohl in Teilen auf dem realen Tichborne Case beruht, prima ausgearbeitet, doch leider, leider weiß die Leserschaft ziemlich schnell, auf was das Ganze hinauslaufen wird. Der dramatische Showdown gerät außerdem arg unglaubwürdig und insgesamt kann man sagen, dem Werk hätten ein oder zwei oder drei unerwartete Wendungen sehr gutgetan.

Schon vor über 60 Jahren erschien eine deutsche Übersetzung von Harry Kahn unter dem öden Titel Der Erbe von Latchetts. Im September gibt’s davon eine Neuauflage unter dem Titel Der falsche Erbe. 

Dass eine angebliche Frieda Sieg über Amazon Taschenbuchversionen auf den Markt wirft, die ganz offensichtlich von einer KI übersetzt wurden, und damit Geld verdient, könnte man allerdings als ganz neue Definition des Schauerromans betrachten …

Lucy Mangan: Bookish – How Reading Shapes Our Lives (2025)

Da die britische Kolumnistin und Schriftstellerin Lucy Mangan (*1974) mit ihrem Buch Bookworm: A Childhood Memoir of Reading (2018) viele begeisterte, musste ein Nachfolgeband her, in dem sie – lose an ihre Biografie angelehnt – erzählt, wie das mit ihr und den Büchern so weitergegangen ist. Und auch ich bin auf irgendeine Besprechung hereingefallen und meinte,  Bookish – How Reading Shapes Our Lives lesen zu müssen.

Nun, da erzählt eine angeblich sehr introvertierte erfolgreiche Guardian-Kolumnistin beispielsweise, wie sie unter der abzuarbeitenden Bücherliste in Schule und Studium fast zusammengebrochen sei.

The forced march through the English curriculum was continuing apace, and I regret to inform you that we had hit Shakespeare. What, after 400 years of bardolatry, expert and tender analysis, discussion, explanation, devotion, interpretation and re-interpretation by some of the greatest academics, philosophers […] is there left to say about Shakespeare, the greatest writer of this or any age, the man who held up a mirror to nature and showed man himself in every aspect in ways that would never stale or wither? We did A Midsummer Night‘s Dream, Macbeth and King Lear and were bored shitless. We didn‘t understand a word, we didn‘t understand the form, we didn‘t understand the context or know the period. […] It was simply too hard. It felt more like solving a maths puzzle than anything else. (S. 45/46)

Auch die universitäre Beschäftigung mit Literatur ist nicht nach ihrem Geschmack:

We diligently dissected [Pride and Prejudice] over many weeks and learned to lay out the correct component parts of what was once a living text instead of a dismembered corpse, depending on what mock-exam question was presented to us. (S. 58)

Sie lernt ihren ebenfalls bücherverrückten späteren Mann kennen, mit dem sie alle Urlaube in Norfolk verbringt, weil es dort wenig Menschen, aber viele Secondhandbuchläden gibt.

When we got home, a newly married couple, Christopher once again asked the question he had been asking every few years ever since we met. Was I ready to merge our book collections yet? […]  The answer remains the same. […] An unnecessary intrusion – nay, a borderline act of violence. ‘I just don‘t think we‘re that close,‘ I said. I agreed to have a baby instead. (S. 186)

Mangan erzählt, dass sie es nur ihren ca. 10.000 Büchern verdanke, sowohl die ersten Jahre ihres Sohnes, die Pandemie als auch den Tod ihres 81-jährigen Vaters verkraftet zu haben. Das liest sich streckenweise nett und sicherlich erkennt man sich als Vielleserin oder Vielleser in der ein oder anderen Verhaltensweise wieder, z. B. plötzlich zu meinen, ein Buch unbedingt haben zu müssen, von dem man vor einer Viertelstunde noch gar nicht wusste, dass es existiert. Oder in der Selbstvergessenheit, mit der man seine Bücherbestände umräumt und neu ordnet. Oder in der Freude an der individuellen Zusammenstellung der eigenen Bibliothek, in der bei Mangan – wenig originell – Jane Austen neben Maeve Binchy steht, deren Bücher so „straightforwardly, unapologetically about women“ seien. So wie sie auch eine Lanze bricht für Forever Amber von Kathleen Winsor, Norah Lofts und die Bücher von Laura Ingalls Wilder.

Aber insgesamt gibt es anregendere Bücher über Bücher; ich fand es nicht besonders aufregend zu erfahren, dass sie eine Thrillerphase hatte oder für sich irgendwann das Genre der Romance entdeckt hat. Und – du liebe Güte – wer braucht denn noch den Hinweis, dass wir – schon aus der Begrenzung unseres Lebens heraus – nichts lesen sollten, um uns oder andere zu beeindrucken, sondern ausschließlich das, auf was wir Lust haben?

Längere Abschnitte beschäftigen sich mit ihren (Wieder-)Entdeckungen im Kinderbuchbereich. Aber auch wenn mir manches neu war, brauche ich keine seitenlangen Einführungen zu Astrid Lindgren und J. K. Rowling. Und dass sie die erschreckende Aktualität von Nineteen Eighty-Four von Orwell erkennt, ist ebenfalls nicht wirklich bahnbrechend. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass sie im Nachhinein findet, mit zehn möglicherweise doch einen Hauch zu jung für Orwell gewesen zu sein. Das hatte ihr Vater, selbst ein großer Leser, vielleicht nicht ganz auf dem Schirm.

Kurz, mir war ihre Lesebiografie oft zu glatt, zu wenig abseitig und ihre Überlegungen oft oberflächlich. Das Gute daran: Meine Wunschliste ist kaum gewachsen. Wie viel witziger, origineller und entschieden großartiger war da doch The Book of Forgotten Authors von Christopher Fowler.

Even a few years ago, during an early and ultimately futile attempt at a cull, I hadn‘t been able to imagine that I could have enough books. But it‘s true: you can. You reach a certain stage of life and a certain number of books, and the numbers no longer add up. It is an equation whose answer is simply, ‘Enough.‘ […] More than the mortality maths, it was the fact that I started to feel like I‘d lost control of my collection that spurred me on to start looking at things in a different way. The sheer number of options, of unread responsibilities, started to oppress rather than thrill me. (S. 230)

Dorothy Erskine Muir: In Memory of Charles (1941)

In Memory of Charles, 1941 erschienen, war der dritte – und letzte – Krimi von Dorothy Erskine Muir.

Muir (1889 – 1977), eine gebildete Frau, die zwar aufgrund eines Stipendiums in Oxford studieren konnte, jedoch – weil sie eine Frau war – nie den ihr eigentlich zustehenden Abschluss zuerkannt bekam, war eines von 17 Kindern des Bischofs von Norwich und schrieb, nach dem frühen Tod ihres Mannes, vor allem geschichtliche Werke, um sich und ihre zwei Kinder finanziell durchzubringen. Sie arbeitete außerdem als Nachhilfelehrerin für Studenten und nahm schulische Abschlussprüfungen ab.

Doch nun zu ihrem letzten Krimi, der mich so gar nicht überzeugt hat. Der titelgebende Charles Courtley ist ein 60-jähriges steinreiches Scheusal, verheiratet mit einer über zwanzig Jahre jüngeren Frau und Vater zweier Töchter. Nachdem er in London als Finanzier sein Geld gemacht hat, beschließt er, seinen Ruhestand auf seinem vor wenigen Jahren gekauften Landsitz auf dem Land in East Anglia zu verbringen. Seine Frau Anne will aber nicht auf dem Land versauern und sieht sich nun von allen Kontakten und allem Kulturellen abgeschnitten, zumal ihr Charles nicht einmal eine kleine Stadtwohnung in London zugesteht.

Returning to her home brought with it the familiar feeling of imprisonment, of resentment, of irritation deepening almost to hate. The mere aspect of the place, the knowledge that once across the threshold all her problems and difficulties would rise up and confront her, filled her with bitterness. (S. 17)

Für seine Töchter hat Charles entweder Gleichgültigkeit oder Verachtung übrig. So zwingt er die 13-jährige Prudence im Schwimmteich zu tauchen, obwohl das Kind panische Angst davor hat. Also wirft er sie einfach ins Wasser. Doch niemand kann dem Familientyrann, der entschlossen ist, bei jedem und in jeder Situation seinen Willen durchzusetzen, Einhalt gebieten. Eine Scheidung kommt für Anne allerdings nicht in Frage, da Charles dann dafür sorgen würde, dass sie keinen Zugang mehr zu ihren Töchtern hätte.

Charles ist aber genauso bei seiner Schwiegermutter, seinem Sekretär, den Farmangestellten und den Einheimischen verhasst. Der Sohn des Vorbesitzers führt ihm zwar noch die Farmgeschäfte, ist aber entsetzt, weil Charles die Rodung eines alten Waldstücks mit besonderen Bäumen angeordnet hat. Den Einheimischen will er in Zukunft die Nutzung der alten öffentlichen Fußwege über sein Land verbieten, kurzum:

The odious Charles spends the first third of the novel virtually begging to be murdered by someone. (Curtis Evans in seinem Vorwort, 2021)

Keine Überraschung also, als man ihn eines Morgens erschossen in eben jenem Waldstück auffindet. Nun erst kommt Inspector Simon Sturt von Scotland Yard ins Spiel, der wegen eines anderes Falls ohnehin in der Gegend war. Er gibt sich zwar allergrößte Mühe, doch überall trifft er auf eine Mauer des Verschweigens und der Halbwahrheiten, nicht nur in der Familie des Toten, sondern auch bei den Einheimischen, die den zugezogenen Millionär, der keinen Respekt vor ihren ländlichen Traditionen zeigte, ohnehin verabscheuten und seinen Tod kein bisschen bedauern.

He had come, a townsman, with his city-made wealth, and had tried to settle himself down in one of the most conservative and exclusive societies possible, that of a remote countryside. His ways were not the ways of the local people, and he had antagonized all sections. Yet he had been brought into constant contact with them. He had, in a way which was typical, taken an old rural building which in itself represented the life of the agricultural eastern counties, and had transformed it into a rich man‘s home, but he could not remove it from its rural surroundings. (S. 92)

Was mich bei diesem Krimi gestört hat, war nicht nur die Farblosigkeit des Inspectors, der erst einmal nicht viel Neues zutage fördert, da wir im ersten Drittel des Romans ja bereits einen unerfreulich langen Einblick in die kaputte Familienstruktur der Courtleys gewonnen haben. Auch die Lösung des Falls fällt Simon Sturt dann leider auch sehr unvermittelt und komplett unwahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße.

Nein, muss man nicht lesen.

Fundstücke von Truman Capote

She sat down on one of the rickety red-velvet chairs, curved her legs underneath her, and glanced round the room, her eyes puckering more pronouncedly. ‘How can you bear it? It‘s a chamber of horrors.‘

‘Oh, you get used to anything,‘ I said, annoyed with myself, for actually I was proud of the place.

‘I don‘t. I‘ll never get used to anything. Anybody that does, they might as well be dead.‘ (S. 22)

… I loved her enough to forget myself, my self-pitying despairs, and be content that something she thought happy was going to happen. (S. 102)

I‘m very scared, Buster. Yes, at last. Because it could go on for ever. Not knowing what‘s yours until you‘ve thrown it away. (S. 128)

aus: Truman Capote: Breakfast at Tiffany’s  (1958), Penguin Classics

Alexander Solloch: Harry Rowohlt – ein freies Leben (2025)

Mit dem Namen Harry Rowohlt (1945 – 2015) verband ich nicht besonders viel, außer dem Namen des Rowohlt-Verlags und die Tatsache, dass Harry Rowohlt diverse englischsprachige Literatur ins Deutsche übersetzt hatte. Zum Kauf dieser Biografie – ich muss es gestehen – brachte mich das Cover. Doch zu meinem Glück hatte das Buch dann doch wesentlich mehr zu bieten als das Foto eines unhipstermäßig aussehenden Rauchers mit Wallebart und Nickelbrille … Sollochs Buch liest sich unterhaltsam und gleichzeitig informativ und die vielen Zitate von Interviewpartnern und aus Briefen von Rowohlt machen das Ganze zu einer fluffigen Lektüre, auch wenn nicht jedem Aspekt bis ins letzte Detail nachgegangen wird. Kritik findet sich keine (siehe die Rezension von Andreas Platthaus in der FAZ) und die Liebesgeschichten oder die letzten Krankheitsjahre Rowohlts werden diskret gerafft, aber vielleicht ist das auch in Ordnung so.

Wenn es etwas zu erzählen, etwas zu formulieren gab, ging es ihm gut. Harry Rowohlt hat sich sein Leben so eingerichtet, dass es ihm meistens gut ging. […] Harry Rowohlt hat einen Weg gefunden, frei zu sein und das zu tun, was er tun wollte. […] es war ein schönes Leben, so schön, dass er auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit Pu dem Bären antwortete: ‚Wir sind beide dumm, kommen aber sehr gut zurecht.‘ (S. 8)

Solloch schreibt, dass man Rowohlts autobiografische Schriften nicht immer allzu ernst nehmen dürfe, im Zweifelsfall sei Harry die gute Pointe immer wichtiger gewesen als die nüchterne Wahrheit.

Die exaltierte Mutter Maria, ehemals Schauspielerin, macht dem kleinen Harry das Leben oft schwer. Hausangestellte werden gefeuert, aus Angst,

sie könnten mit Harry anbandeln, wo doch die Mutter den Jungen ganz für sich allein haben wollte, in jeder Hinsicht nur für sich, was sie ihm offenbar auch aufs Erdrückendste klargemacht hat … (S. 53)

Wir lesen also von Harrys keineswegs unproblematischer Kindheit mit einem strengen und lieblosen Verlegervater, der – zusammen mit Harrys 37 Jahre älterem Stiefbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt – stets davon ausging, dass Harry eines Tages den Verlag übernehmen würde. Dabei erfährt man einiges über die Geschichte des Verlags, der aufgrund der Zeitläufe 1946 seine dritte Neugründung erlebte.

1960 stirbt Ernst Rowohlt und Harry erbt 49 % der Verlagsanteile. Ledig-Rowohlt bekommt 51 % und leitet dann den Verlag noch bis 1982. Jahrelang sind alle der Meinung, dass Harry in die Leitung einsteigen würde, sobald es für Ledig an der Zeit sei, den Staffelstab zu übergeben und Harry alt und erfahren genug wäre, die Leitung eines solches Hauses zu übernehmen.

Doch bereits als 16-Jähriger zeigt Harry „linke“ und antikapitalistische Tendenzen, die den ein oder anderen an seiner Eignung und seinen Ambitionen zweifeln ließen, je solch ein Haus führen zu können oder führen zu wollen.

Auf die Frage nach seinem ‚Kindheitstraum‘ antwortete Harry Jahre später: ‚Vollwaise werden.‘ Sprüche wie diese halfen ihm dabei, den Kummer der Kindheit nicht zu verdrängen und damit übermächtig werden zu lassen. So hat er sich immer wieder selbst daran erinnert, dass und warum er einen ganz eigenen Weg gegangen ist, frei und unbelastet von den Erwartungen des Elternhauses und mithilfe der ganz eigenen Stärken, die aus ihm selbst kamen. (S. 55)

Nach dem Abitur folgt aber erst einmal ganz klassisch eine Lehre als Verlagsbuchhändler beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt und ab Mai 1968 ein neunmonatiges Volontariat im Hause Rowohlt, das er eher als genervter Beobachter hinter sich bringt. Mit dem Cheflektor Fritz J. Raddatz versteht er sich von Anfang an überhaupt nicht.

Schon in dieser Zeit zeigt sich in Briefen an Freunde, Bekannte oder Kunden Harry Rowohlts Begeisterung fürs Schreiben und witzig-punktgenaue Formulieren. Gleichzeitig ist er ein Telefonierer, der seine Gesprächspartner hemmungslos zutextet.

…. keiner derer, die sich erst einmal höflich erkundigten, ob es jetzt gerade passt und wie es denn so geht; er fing gleich an zu quatschen und vorzulesen, zwischendurch, erzählt der Maler Nikolaus Heidelbach, der eine Zeit lang zu seinen Lieblingstelefonopfern bzw. -profiteuren gehörte, kam man vielleicht noch dazu, ihn zu fragen: ‚Sag mal, Harry, bist du eigentlich ganz sicher, dass du mich zum Telefonieren brauchst?‘ – jedenfalls konnte das dauern, so ein monologisches Gespräch … (S. 69)

1966 lernt Harry seine spätere Frau Ursula Hoyer kennen, mit der er bis zu seinem Tod zusammen sein wird, allen Widrigkeiten und aller Untreue zum Trotz. Ulla muss sich allerdings schon von Anfang an damit abfinden, dass es da noch einen zweiten wichtigen Menschen in Harrys Leben gibt, nämlich seinen Freund Gerd Stroucken.

In einem Online-Fragebogen wurde Harry Rowohlt fünf Jahre vor seinem Tod gefragt, ob er einen besten Freund habe. Lakonisch antwortete er: ‚Ja.‘ Bei der Nachfrage, woran er das erkenne, atmete er mit einem tiefen Seufzer seinen Zigarettenrausch aus und sagte: ‚Ich weiß es nicht.‘ […] Einmal fragte Ulla, was die beiden, die so unbändig viel Zeit miteinander verbrachten, sich denn eigentlich zu erzählen hätten. Harry antwortete: ‚Wir haben uns nichts zu erzählen. Wir sind einer Meinung.‘ (S. 109)

Das Kennenlernen Ullas soll Harry seinem Freund gegenüber mit den  Worten beschrieben haben:

‘Es hat gestern ganz schön lange gedauert, bis ich die Frau meines Lebens kennengelernt habe.‘ (S. 109)

Harry Rowohlt liebt‘s einfach und unglamourös; als ein Freund ihn am Bahnhof in Koblenz abholen will, findet er ihn in der Bahnhofskneipe, umringt von fünf oder sechs „Pennern“, die Harry auf ein Bier eingeladen hat und die sich über seine Geschichten kaputtlachen.

Als der zukünftige Firmenerbe soll Harry auch ein bisschen Auslandserfahrung in Amerika sammeln. Damit auch Ulla ein Einreisevisum für ein Jahr erhält, heiraten sie noch rasch. Die eigene Hochzeitsparty hätte Harry allerdings beinahe verpasst, da er mit heftigen Nachwirkungen einer Pockenimpfung zu kämpfen hatte und der Standesbeamte für die sogenannte Nottrauung sogar ins Haus kommen musste. 

Nach der Rückkehr aus Amerika folgt ein kurzer Abstecher in die Werbebranche. Spätestens nach der sogenannten Ballonaffäre im Sommer 1969 wird ihm immer klarer, dass er absolut keine Lust dazu hat, den väterlichen Verlag zu übernehmen. Ab 1971 arbeitet Harry Rowohlt als freiberuflicher Übersetzer aus dem Englischen. Und das mit zunehmendem Erfolg. Der Wind in den Weiden von Kenneth Grahame, Die grüne Wolke von A. S. Neill (ja, genau der Reformpädagoge), Die Asche meiner Mutter von Frank McCourt und Werke von Flann O’Brien sind nur einige der Bücher, die wir in seiner Übersetzung lesen können.

1973, als der Druck, endlich bei Rowohlt einzusteigen, übermächtig wird, erkrankt Harry und wird in eine Fachklinik für Psychotherapie eingewiesen. Nach seiner Entlassung schafft er endlich Fakten und teilt unmissverständlich mit, dass er nicht gedenke, in den väterlichen Verlag einzusteigen. Seine Mutter bezeichnet ihn in der Folgezeit zwar als Mörder, der ihre ganzen Opfer, die sie für ihn gebracht habe, nicht zu schätzen wisse, aber das ändert nichts mehr an seiner Entscheidung.

1985 wird Rowohlt schließlich gefragt, ob er sich vorstellen könne, Winnie-the-Pooh von A. A. Milne neu ins Deutsche zu übertragen. 

Solloch stellt dabei Fassungen verschiedener Übersetzer nebeneinander und veranschaulicht damit erschreckend deutlich, wie sehr wir Leser*innen bei einer Übersetzung immer auch die Interpretation des Übersetzenden lesen, denn die Varianten unterscheiden sich in Stimmung und Tonfall doch oft erheblich.

Die Hörbuchversion, von Rowohlt selbst eingelesen, 

wurde mit mehr als 600000 verkauften Tonträgern ein gigantischer Erfolg. Harry gewann die ‚Goldene Schallplatte‘ und, viel wichtiger, die Zuneigung und Bewunderung unzähliger Kinder, Eltern und dahergelaufener Zufallshörer, die eine Prägung fürs Leben erfuhren. (S. 261)

Seine Übersetzerkarriere nimmt Fahrt auf, er wird einer der ganz Großen der Zunft, der sich auch für die Rechte und die überfällige Anerkennung der Kolleg*innen einsetzt. Er war es, der forderte, dass der Name des Übersetzers nicht im Impressum versteckt wird, sondern endlich unter dem Namen des Autors erscheint. 

Das Comiczeichnerduo Hauck & Bauer widmete ihm sogar eine ihrer Karikaturen mit der Sprechblase: „Das Buch mußt du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren.“

Schlaues oder schlau tuendes Geschwätz über Bücher war ihm zuwider, man soll sie halt lesen, fand er, da steht ja schon alles drin, wenn sie gut sind. (S. 178)

Wichtige Stationen in seinem „Unübersetzer“-Leben sind schließlich noch die Bücher von Philip Ardagh und Andy Stanton. Doch damit nicht genug, er geht auf legendäre Lesereisen – wie unglaublich schade, dass ich nicht eine einzige davon erlebt habe -, bei denen er sein Publikum mindestens vier Stunden, oft auch länger unterhalten hat, mit dem Vorlesen, dem Erzählen, dem Abschweifen und – man kann es nicht anders sagen – dem Schausaufen. Irgendwann mussten die Veranstalter bei den Lesungen pro Abend ein paar Flaschen einheimisches Bier und eine Flasche Whiskey bereitstellen. Beim Übersetzen am heimischen Schreibtisch habe er allerdings wirklich immer nur Tee getrunken.

Am 18. November 1989 erscheint die erste seiner Kolumnen Pooh’s Corner in der ZEIT.

Im Juni 2007 diagnostizieren die Ärzte bei ihm Polyneuropathie, eine Nervenerkrankung. Daraufhin verordnet er sich strenge Alkoholabstinenz und die Leseabende wurden wesentlich kürzer. 

Von 1994 bis 2013 spielt er außerdem den Penner in der Lindenstraße. 2015 stirbt Harry Rowohlt an Lungenkrebs.

Und seitdem gibt es einen Menschen weniger, der genau das sagen und schreiben konnte, was er dachte und wollte. Als ein alter Pausenhoffreund von ihm stirbt, schreibt Harry der Witwe in seinem Kondolenzbrief, dass die Mutter des Verstorbenen ihm einst den Umgang mit Hermann verboten habe.

‘Jetzt ist er tot, und sie lebt immer noch. Schöne Scheiße.‘ (S. 115)

Zum Glück liegt der erste Band seiner gesammelten Briefe schon auf dem Tisch.

Fundstück von Orhan Pamuk

Löst man sich von dem Gedanken, man müsse andere an seinen Phantasiegebilden teilhaben lassen und sie davon überzeugen, kommt man in den Genuss schöpferischen Glücks. Bei einigen von mir bewunderten Schriftstellern und bildenden Künstlern kommt es mir so vor, als hätten sie gerade deswegen so einsam vor sich hingelebt, und nicht etwa, weil sie unstet und streitsüchtig gewesen wären. Daher entwickeln sich neue Gedanken auch oft nicht in den Zentren von Literatur und Kunst, sondern eher in Randgebieten.

aus: Orhan PamukDie Unschuld der Dinge – Das Museum der Unschuld in Istanbul, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Carl Hanser Verlag, München 2012, S. 22

Joan Coggin: Who killed the Curate (1944)

Ich überrasche mich selbst damit, aber zurzeit finde ich habe ich großes Vergnügen an alten Krimi-Schätzchen mit Wortwitz, die mindestens so viel Wert auf Ironie und Humor wie auf die Auflösung des Kriminalfalls legen.

Die Hauptfigur bei Joan Coggins vier Krimis ist die reizende, aber auch sehr verpeilte Lady Lupin Lorrimer, Tochter eines Earls, und bisher eher mit Fuchsjagden, Bällen, Nachtclubs, Kino, Mode und Tennis befasst.

Das ändert sich aber schon in der ersten Geschichte, die 1937 spielt, schlagartig, als die 21-Jährige bei einer Party beim Essen im Nobelhotel Savoy zu ihrem Leidwesen neben einem Pfarrer platziert wird.

Andrew Hastings ist 43, sieht gut aus und ist gleich auf einer Wellenlänge mit der hübschen jungen Frau, die immer genau das sagt, was ihr gerade durch den Kopf geht, ungefiltert, unsortiert und das Wichtige mit dem Nebensächlichen auflösbar verwoben, dabei von entwaffnender Ehrlichkeit und Freundlichkeit.

By the time the speeches had started, she and Andrew felt that they had known each other all their lives.  […] she and Andrew exchanged glances [during the speeches] and tried to keep serious faces. She did not try to catch the eye of any of her other friends. She had forgotten that she had any other friends. She and Andrew might have been alone on an island of aborigenes. (S. 14)

Pamela‘s birthday entirely changed the lives of Andrew Hastings and Lupin Lorrimer. Coming together for one moment from entirely different worlds, it would have been natural for them to have met and passend on, but instead they remained together regardless of the surprise of their friends. By the end of the season their engagement was announced and in September they were married in the little Norman church at Lorrimer. (S. 15)

Zunächst begleiten wir die naive und Lady Lupin bei ihren ersten Schritten in ein aktives Gemeindeleben mit dem Hilfspriester Mr. Young, Sonntagsschule, Chor und Pfadfinderinnengruppen, deren Leiterinnen alle so ihre Vorstellungen davon haben, wie sich die neue Pfarrersgattin zu verhalten habe.

Mrs. Grey [the forceful President of the Mother‘s Union] was evidently determined to take her under her wing. With a bachelor vicar she had had a pretty free hand during the last ten years. Luckily this new wife did not look as if she were likely to give much trouble and Mrs. Grey was quite ready to run her as well as the parish. The thing to do was to treat her quite kindly but firmly from the start. (S. 18)

‘It is very nice to have a vicar‘s wife at last.‘ Lupin felt that she had been rather remiss in not becoming one sooner. (S. 18)

Der Witz in diesen Geschichten resultiert zum einen aus überdrehten Missverständnissen, aus Lupins (anfänglicher) Ahnungslosigkeit und Sprachwitz, aber auch aus fein beobachteten menschlichen Verhaltensweisen, die uns allen schon irgendwo begegnet sind und hier veralbert werden.

Als Lupin nach ihren Flitterwochen in der Bretagne gefragt wird, antwortet sie:

‘Yes, we had a perfectly radiant time, motoring about and bathing and – er – well, just playing the fool generally, and then we spent a few days in Paris on the way back. I‘d like to have a honeymoon every year. And there was the most wonderful food, you know, in the tiniest places, and wine that cost nothing and made you feel like a bird with two tails, and then there was the scenery of course and all that.‘

Die Arztgattin, die dieser Lebensfreude wenig abgewinnen kann, steht uns mit ihrer Antwort sofort vor Augen:

‘We spent our honeymoon in Devonshire,‘ said Mrs. Brown, ‘but it rained all the time and the doctor got an awful cold, and the cream made us both sick.‘ (S. 21)

Auch ihre erste Teilnahme bei einem Treffen der Pfadfinder-Leiterinnen verlangt Lupin alles ab.

‘Never again … never again,‘ said Lupin, as she drained her whiskey and soda. ‘If I have to take  part in a bullfight I hope I shall behave like a well-bred English gentlewoman. If you put me down in the jungle, surrounded by wolves, I may prove worthy of my ancestors … but a meeting of Girl Guiders – no, it simply can‘t be done.‘

‘Wait until you have met the Parochial Church Council,‘ replied Andrew grimly. (S. 36)

Aber zum Glück wäre da noch die Kinderbuchautorin Diana und ihre jüngere Mitbewohnerin June, mit denen sich Lupin auf Anhieb versteht.

Während der Weihnachtstage bekommen Lupin und Andrew Besuch von ihren Freunden Duds und Tommy Lethridge. Doch die Zeit wird überschattet vom Mord am 27-jährigen Hilfspriester Charles Young. Und nun müssen die verwickelten Beziehungen im Dorf entwirrt werden, auch um Diana, die aus nachvollziehbaren Gründen plötzlich unter Mordverdacht gerät, zu entlasten.

Joan Coggin (1898 – 1980) gelingt es, den Ton, den sie im ersten Drittel des Buches angeschlagen hat, beizubehalten, ohne dass die Auflösung des Kriminalfalls dadurch albern wird. Auch wenn Lupin dabei das ein oder andere Mal ihren Mann und ihre Freunde dabei auf eine harte Probe stellt:

‘I haven‘t the vaguest notion what you are talking about,‘ remarked Tommy. ‘But, what with finding strange young women in my arms before I have finished my breakfast, and things being found on the floor which one doesn‘t usually expect to see in mixed company, not to mention murders and whatnots, I am not really feeling myself; and in any case we ought to be starting if we are to be in London in time for lunch. …‘ (S. 104)

Lupin wird ausdrücklich als nicht besonders intelligent oder gebildet geschildert – sie wirft ‚the guides‘ und ‚the guys‘, ‚Jews’ und ‚Jesuits’, Edgar Allan Poe und Alexander Pope und alles Mögliche ständig durcheinander -, doch sie verfügt über eine gute Beobachtungsgabe und ein Gespür für Menschen, auf das sie sich verlassen kann:

A severe-looking maid ushered her [Lupin] into a grim drawing room and turned on an electric radiator. The sofa and chairs were all set at right angles; the ornaments on the mantelpiece were placed symmetrically, the books, chiefly volumes of sermons, were arranged on their shelves according to their authors, not one was out of place. ‘No one has ever read a book in this room,‘ thought Lupin, ‚‘nor done a piece of knitting, nor made love, nor played a game of cards, nor eaten, nor drunk nor smoked. They have just come in to view the corpse,‘ she decided, ‘and gone straight out again.‘ She shivered and drew near the radiator. (S. 138)

Inzwischen habe ich drei der insgesamt vier Bände gelesen und finde es ausgesprochen betrüblich, dass die Autorin es dabei hat bewenden lassen und in den letzten 30 Jahren ihres Lebens nichts mehr veröffentlicht hat. Man würde gern mehr Zeit mit dieser adligen Plaudertasche verbringen.

Im Vorwort zu meiner Ausgabe schreiben Tom & Enid Schantz:

Her [Coggin’s] contribution to crime fiction was slight but memorable. Who killed the Curate? is arguably one of the funniest mysteries you‘ll ever read, with a belly laugh on virtually every page … [Lady Lupin] is that rarity in cozy crime fiction – in spite of her many eccentricities  she seems more real than most of the people we encounter in real life.

Die weiteren drei Bände:

  • The Mystery of Orchard House (1946) spielt 1937.
  • Why did she die? (1946) spielt nach dem Krieg.
  • Dancing with Death (1947) spielt ebenfalls nach dem Krieg.

Matias Faldbakken: The Hills (OA 2017)

Harry Rowohlts Biograf Alexander Solloch zitiert Rowohlt mit den Worten:

Ein gutes Buch braucht keine Handlung. Wer Action will, soll zum Catchen gehen. (S. 6)

Nun, der Roman The Hills, von Maximilian Stadler aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt, wäre zumindest für mich der Beweis, dass auch das Gegenteil gilt: Eine fehlende Handlung macht noch lange kein gutes Buch aus.

Obwohl ich die Grundidee wunderbar fand: Ein Kellner, von dem wir weder Name noch Alter erfahren werden, erzählt uns von seinem Arbeitsalltag in einem altehrwürdigen und leicht in die Jahre gekommenen Restaurant in Oslo, das – abgesehen von einer kurzen Zeitspanne – seit fast 150 Jahren im Besitz der Familie Hill ist. Es gibt tatsächlich noch einen Garderobier und den alten Hauspianisten Johansen, der unsichtbar von einer Empore aus angenehme klassische Klänge spielt.

Hier wird edel gespeist, die Stammgäste in teurem Zwirn haben ihre festen Tische und Bestellrituale, die Kellner haben die Anweisung, weder zu lächeln noch zu nicken.

Ich stehe hier stramm, in meiner Kellnertracht, und könnte so genauso gut vor hundert Jahren oder mehr gestanden haben. Jeden Tag vollbringen erwachsene Menschen extreme Taten, aber ich nicht. Ich warte. Ich bin zu Diensten. Ich bewege mich im Raum umher und nehme Bestellungen auf, schenke ein und räume ab. Im Hills können die Menschen mit einem traditionsreichen Umfeld verschmelzen. Sie sollen sich willkommen fühlen, aber nicht so zu Hause, dass sie vergessen, wo sie sind. (S. 9)

Die Leser*innen haben das Edelrestaurant irgendwann plastisch vor Augen, so detailliert werden uns die Anordnung der Tische, die Empore des Pianisten, die Umkleideecke der Bediensteten, die Küche und der labyrinthartige Keller geschildert. Die Wände sind geschmückt mit Aufklebern und Gemälden, mit denen Künstler einst ihre Zeche bezahlt haben.

Der Kronleuchter ist nicht sonderlich groß, nicht größer als ein durchschnittlicher Futterbeutel für Pferde, aber schwer und er hängt wie ein Sack aus Kristall von der niedrigen gewölbten Decke über dem runden Tisch in der Mitte des Raumes. (S. 11)

Der Ich-Erzähler, dessen Leben hauptsächlich in diesem Restaurant stattfindet, beobachtet aufmerksam die Gäste, ihren Verzehr, ihre Gespräche und leichten Unstimmigkeiten, ihre Kleidung:

Der Nacken ist jungenhaft, trotz seines Alters, der Blick wach. Der schön gefaltete Kragen seines Hemds ist angenehme sechs bis sieben Millimeter von der Haut seines Nackens entfernt. (S. 18)

Über einen anderen Stammgast heißt es:

Er sieht aus wie ein Leonberger, der hundert Jahre lang Schnaps getrunken hat. (S. 46)

Der Kellner eilt herbei, um ihnen den Stuhl zurechtzuschieben und im passenden Moment ihre Bestellungen entgegenzunehmen. Dabei fällt auf, dass er die Uhren oder die teure Kleidung der Gäste – darunter Schauspieler oder Kunstexperten – meist mühelos den entsprechenden Marken zuordnen kann, die klassischen Stücke des Pianisten erkennt und auch sonst scheint immer wieder eine Bildung durch, die vermutlich nicht typisch für einen Kellner ist.

Dass im Leben dieses Pedanten, der in Panik gerät, wenn einer der Gäste ein privates Wort an ihn richtet und der sich selbst ironisch als hochsensibel kennzeichnet, etwas gründlich schiefgegangen ist, verrät er uns. Doch darüber mag er nicht nachdenken, also erfahren wir auch keine Details. Leider.

Regelmäßigkeit und Dienstleistung bilden ein Bollwerk gegen inneren Lärm. Ich arbeite, so viel ich kann. (S. 35)

Sein einziger Freund Edgar kommt ab und zu  mit seiner kleinen Tochter Anna ins Restaurant.

Einer der wichtigsten Eigenschaften eines modernen Menschen, sofern dieser Begriff existiert, ist es, den Überfluss zu meistern, sagt Edgar. Was ist, wenn man diese Eigenschaft nicht besitzt? Dann sitzt man fein in der Tinte. Ich bin nicht immer so gut darin, die ständige Flut von Dingen zu filtern und zu sortieren, mit diesem Druck umzugehen. (S. 215)

Als unser Ich-Erzähler einmal einen Nachmittag lang auf Anna im Restaurant aufpassen soll, da Edgar unterwegs ist, bringt ihn das völlig aus dem Tritt. Wir ahnen, Abweichungen von der Routine, spontane Änderungen im Tagesablauf oder im Verhalten der Gäste sind nichts, mit dem er gut umgehen kann.

Gewohnheit ist eine Decke, die sich über das Wesen der Dinge legt, wie man so schön sagt. Die Stadt ist farblos, trotz der strahlenden Herbstsonne, immer dieselbe, banal. (S. 27)

Stattdessen denkt er über das Wesen der Globalisierung nach, von woher wohl all die Speisen kommen, die die Gäste verzehren, oder der Marmor der Tischplatten, auf denen man dann die Getränke serviert.

Dieses Lokal oder diese Einrichtung, in der ich jetzt und immer in meiner Kellnerjacke stehe, ist ein komplexes Geflecht aus herbeigeschafften Dingen, und mir wird manchmal ganz übel bei dem Gedanken, dass dieser so stabile, beständige, sogenannte traditionelle und unveränderliche Ort ein Mosaik aus Gegenständen ist, die herbeigeschleppt und herbeigeschafft wurden.

Er ereifert sich über die allgegenwärtigen Handys oder sinniert über die aussterbende Tätigkeit, eine Zeitung noch in Papierform zu lesen:

Sich seitenraschelnd durch eine Vollformatzeitung zu arbeiten, ist eine Aktivität, die aus ästhetischer Sicht mit der Schneiderei oder dem Saxofonspiel verwandt ist. Anders ausgedrückt: aus einer anderen Zeit stammt. Völlig passé, vorbei. Nur für Liebhaber. (S. 39)

Als sich dann noch eine sehr schöne junge Frau zu den verschiedenen Gruppen der Stammgäste gesellt, sind alle aus dem Häuschen und unserem Kellner unterlaufen plötzlich die seltsamsten Missgeschicke.

Ich wünschte, ich hätte dir ein anderes Gesicht zu bieten, eine andere Visage, die ich dir präsentieren könnte. Ich würde dir gern das Gesicht bieten, das ich vor, sagen wir, 12-14 Jahren hatte. Aber dieses Gesicht ist weg. Es existiert nicht mehr. Das einzige Gesicht, das ich habe, ist dieses hier. (S. 166)

Zwar gibt es unter der feinen Oberfläche kleine Irritationen: Die neunjährige Anna wird irgendwann von der Runde der Stammgäste zurückgerufen, da diese übergriffig „onkelhafte“ Andeutungen machen, Wörter wie „deflorieren“ fallen, und doch: Eigentlich passiert nichts.

Christine Dössel geht in ihrem Artikel in der Süddeutschen Zeitung auch auf die früheren Werke des Künstlers Faldbakken ein, die offensichtlich sehr sehr anders als The Hills waren.

Man spürt: Hier ist etwas auf der Kippe. Und wenn es vielleicht auch nur die Vorstellung eines alten Europas ist, wie sie in diesem Traditionsrestaurant noch ganz klassisch gepflegt wird.

Ich denke allerdings, dass es hier nicht gleich um Europa, sondern eher um einen Menschen geht, der allmählich in den Zusammenbruch rutscht und dem das Geländer, an dem er sich glaubte festhalten zu können, langsam abhandenkommt.

Es hängt so viel in der Luft. Hängt irgendwann mal nichts in der Luft? (S. 128)

Doch trotz all der bedenkenswerten Sätze, die ich mir angestrichen und hier zitiert habe, fehlte mir etwas. Gewünscht hätte ich mir etwas mehr Handlung, etwas weniger Leerstellen, etwas mehr Kazuo Ishiguro.

Da stehe ich, innerlich ein totales Wrack, steif und vorgebeugt da, krümme mich unter der Last eigener Fehler und Lücken, mit nie verheilenden inneren Wunden, die bei der geringsten Unregelmäßigkeit oder Erinnerung wieder aufreißen. Völlig kalt stehe ich dann manchmal da und ärgere mich über einen erbärmlichen Mitmenschen, über dessen Mängel, Lücken und Gebeugtheit. (S. 180)

Mary O‘Hara: My Friend Flicka (1941)

Nun ist das ja immer so eine Sache, wenn man ein Buch liest, das man als Kind oder Jugendliche besonders gemocht hat. Jonathan Yardley, der 1981 den Pulitzer-Preis für Kritik bekommen hat, schrieb 2003:

The books of one’s childhood rarely age well into one’s late adulthood, no matter how affectionate (and dim) one’s memories may be. […] mostly the literary pleasures of childhood and adolescence are best left undisturbed in later years.

Aber My Friend Flicka von Mary O’Hara (1885 – 1980) hat den Test der Zeit bestanden, und das, obwohl ich immer noch nichts mit Pferden am Hut habe. Das Buch und die zwei Folgebände wurden verfilmt und in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche, übersetzt.

High up on the long hill they called the Saddle Back, behind the ranch and the county road, the boy sat his horse, facing east, his eyes dazzled by the rising sun. It seemed like a personage come to visit; appearing all of a sudden over the dark bank of clouds in the east, coming up over the edge of it smiling; bowing right and left; lighting up the whole world so that everything smiled back. 

Mit diesen Sätzen beginnt die Geschichte um den zehnjährigen Ken McLaughlin, der gerade – zusammen mit seinem etwas älteren und immer leicht schadenfrohen Bruder Howard – aus dem Internat in Laramie zurückgekehrt ist, um die langen Sommerferien auf Goose Bar Ranch, dem elterlichen Gestüt in Wyoming, zu verbringen. Das Schuljahr hatte nicht gut geendet: In der Englischprüfung hätte Ken einen kleinen Aufsatz schreiben sollen, doch stattdessen hat er die ganze Zeit nur über das Thema nachgedacht und kein einziges Wort zu Papier gebracht. Auch die übrigen Noten sind nicht gut. Ken hat deshalb die Versetzung nicht geschafft. Dass er damit dem Vater zusätzliche 300 Dollar Schulgebühren aufbürdet, obwohl sich der Betrieb seit längerem in finanzieller Schieflage befindet, ist ihm nicht bewusst. 

Ken ist ein guter Reiter, wie alle in der Familie, doch ständig verliert er Dinge oder es geht ihm etwas kaputt, etwas das seinen Vater Rob, der Ordnung, Verantwortungsbewusstsein und Realitätssinn von seinen Söhnen erwartet, zur Weißglut treibt.

He and Howard had to say Yes, sir, and No, sir, to their father because he had been an Army officer before he had the ranch, and believed in respect and discipline. (S. 3)

Der Kleine ist so verträumt und verpeilt, dass er sich sogar in einem Bild oder mitten in einer wichtigen Arbeit dermaßen in seinen Gedanken verlieren kann, dass er sich und andere in gefährliche Situationen bringt.

It was one of the most exciting things, to get into another world than your own regular world, especially at a time when the regular world or the things you had to do in it bored you. Like now. (S. 23)

Nur seine Mutter Nell hat Verständnis für Kens kindliche Nöte und setzt durch, dass Kens größter Wunsch in Erfüllung geht: Er darf sich ein Fohlen aussuchen, das ganz allein ihm gehören wird. Sie ist sich sicher, dass er durch diese Aufgabe in der realen Welt reifen wird.

Allerdings hat keiner damit gerechnet, dass Ken sich ausgerechnet das Fohlen einer Mustang-Stute aussucht, die niemand hatte zähmen können und die ihren Freiheitsdrang mit dem Leben bezahlt hat. Auch ihr Fohlen, das Ken auf den Namen Flicka tauft, bricht mehrmals aus und verletzt sich dabei schwer. Ken, der sein kleines schönes und unglaublich schnelles Fohlen über alles liebt, ist tief betrübt, dass er Flicka die Freiheit genommen hat und deshalb, wenn auch ungewollt, dafür verantwortlich ist, dass Flicka lebensbedrohliche Verletzungen davongetragen hat. Und lange bleibt offen, ob Flicka sich überhaupt auf den Kontakt mit Menschen einlassen oder wie ihre wilde Mutter das Leben in Freiheit allem anderen vorziehen wird.

Mehr möchte ich gar nicht zur Handlung schreiben. 

Die Verantwortung, die die Menschen für die Natur haben, wird im Vorübergehen ebenso thematisiert wie die Armut, in die man ganz schnell rutschen kann. Während der Fahrt in die nächstgelegene Stadt sieht Ken verarmte und hoffnungslose Familien in 

a sample of the type of conveyance which is to  be seen on every mile of the western highways. It was a Ford sedan, bulging and sagging like an old washerwoman. The top of it was piled with mattresses, chairs, tables, bedding. The rear end was festooned with bundles and boxes tied on with knotted lengths of clothes line; an old rusty stove, half covered by a bed quilt, was roped to one fender. Humanity of all ages packed it from floor to roof, and poured out when the door opened. Their faces were dry and wind-beaten and strained. Girls and boys alike wore faded, soiled denim pants. The small children and the baby looked both sick and sad. Their eyes were drawn up, there were deep lines on each side of the colorless mouths. One small youngster was bawling, not with fret or anger, but with a persistent despair. (S. 87)

Es ist ein feines Buch, ganz weit weg von Pferdekitsch und Kinderliteratur. Hier geht es um das allmähliche Erwachsenwerden eines Jungen in einer sehr konservativen Familienkonstellation, in der niemand dem letzten Wort des Vaters widersprechen darf (trotz der Liebe, die diese Familie zusammenhält). Das Farmleben, bei dem auch die beiden Kinder täglich verantwortungsvolle Aufgaben zu erledigen haben, wird nicht glorifiziert. Da droht ein Puma die Fohlen zu reißen, da verheddert sich eine Kuh im Draht und es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, wie tierfreundlich das Zureiten der Jungpferde vonstattengehen sollte. Als Ken das erste Mal bei der Kastration der Hengste dabei ist, wird ihm elend und er möchte am liebsten mit derlei Grausamkeiten nichts zu tun haben. 

McLaughlin never allowed anyone to show, or even to feel any grief about the death of the animals. It was an unwritten law to take death as the animals take it, all in the day‘s work, something natural and not too important; forget it. Close as they were to the animals, making such friends of them, if they let themselves mourn them, there would be too much mourning. Death was all around them – they did not shed tears. (S. 102)

Aber vor allem besingt der Roman die Schönheit einer Landschaft und die starke Heimatverbundenheit der McLaughlins und My Friend Flicka ist, man kann es nicht anders sagen, eine fesselnde Geschichte der Liebe zwischen Ken und seinem Fohlen, die den Jungen reifen und schließlich über sich selbst hinauswachsen lässt.

Fun Fact: In der Wikipedia findet man eine List of fictional horses.

Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld (2008)

Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal. Doch hätte ich es gewusst, wäre dann alles ganz anders gekommen und mein Glück mir erhalten worden? Ja, denn wenn ich begriffen hätte, dass ich nie wieder so glücklich sein würde, dann hätte ich dieses Glück doch nicht ziehen lassen! Jener einzigartige Augenblick, in dem mich eine tiefe innere Ruhe überkam, mag wenige Sekunden gedauert haben, und doch erschien mir dieses Glück wie Stunden, wie Jahre. (S. 9)

Orhan Pamuk (*1952), der bislang als einziger türkischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur (2006) ausgezeichnet wurde, hat mich mit seinem Ziegelstein von Roman Das Museum der Unschuld – ins Deutsche von Gerhard Meier übersetzt – mehr als einmal an den Rand der Ungeduld gebracht. Und dennoch, weiterlesen musste ich unbedingt. Wie würde diese „Liebesgeschichte“ wohl ausgehen? Auf welche Nebenpfade würde der Erzähler noch geraten, welche Abschweifungen dem Leser, der Leserin zumuten?

Doch von vorn:

Die Geschichte wird uns von Kemal erzählt, einem reichen Fabrikantensohn aus Istanbul. Dass die eigentlichen Geschehnisse schon über 30 Jahre zurückliegen, als Kemal 30 war, erschließt sich erst allmählich.

Begonnen hatte alles am 27. April 1975. Da begegnet Kemal zufällig seiner jungen Verwandten Füsun, gerade 18 geworden, die in dem Geschäft arbeitet, in dem Kemal für seine zukünftige Verlobte Sibel eine teure Handtasche kaufen will. Füsun ist wunderschön und schon einen Monat später schlafen die beiden miteinander in einer als Abstellkammer genutzten Wohnung von Kemals Familie. Von diesen nachmittäglichen Treffen, notdürftig kaschiert als Mathematiknachhilfe für Füsuns Aufnahmeprüfung an der Universität, können beide nicht lassen, obwohl Füsun weiß, dass Kemals Verlobung mit der reichen und schönen Sibel unmittelbar bevorsteht. Schon zu diesem Zeitpunkt beginnt Kemal Dinge einzubehalten, die Füsun verloren hat oder ihr gehören, sei es ein Haargummi, ein Ohrring oder Bleistift, ein benutztes Teeglas, selbst Zigarettenstummel werden irgendwann zu kostbaren Objekten, einfach, weil Füsun sie berührt hat.

In meinen acht Jahren bei den Keskins habe ich ingesamt 4213 Zigarettenkippen Füsuns gesammelt. Diese Kippen, denen Enden Füsuns Lippen berührt hatten, in ihren Mund gedrungen waren, von ihrer Zunge angefeuchtet und meist von ihrem Lippenstift herrlich rote Spuren trugen, stellten für mich – wie leicht vorzustellen ist – ganz besonders intime Gegenstände dar. (S. 422)

Diese Obsession wird später zu seinem Museum der Unschuld führen.

Später aber, wenn wir spüren, dass unser Leben so wie ein Roman in seiner letzten Fassung vor uns liegt, können wir, so wie ich jetzt, rückblickend wählen, was nun wirklich unser glücklichster Augenblick war. Um zu erläutern, warum wir aus so unendlich vielen Momenten gerade  jenen einen hervorheben, müssen wir unsere Geschichte erzählen wie einen Roman. Dann wissen wir aber, dass jener gekennzeichnete Moment unwiderruflich vergangen ist, und das lässt uns leiden. Erträglich wird dieses Leiden einzig und allein, wenn uns von jenem goldenen Augenblick irgendein Gegenstand erhalten ist. Greifbare Überbleibsel glücklicher Momente rufen uns die Erinnerungen daran, die Farben, die Freuden am Berühren und am Sehen, viel treuer zurück, als die Menschen dies könnten, die uns den Augenblick verschafft haben. (S. 82)

Kemal sieht keinen Grund, die Verlobung abzusagen; eine Heirat mit der mittellosen Füsun kommt ihm gar nicht in den Sinn und er glaubt, sein Leben wie auch andere Männer der reichen Oberschicht einrichten zu können: eine standesgemäße Ehefrau, die er durchaus mag, und daneben die bezaubernde Geliebte, die weiter keine Ansprüche an ihn stellen wird. Was es in der Türkei für ein Mädchen bedeuten konnte, sich vor der Ehe „hingegeben“ zu haben, ist Kemal nicht einen einzigen Gedanken wert. Überhaupt interessiert sich Kemal erschreckend wenig für das, was Füsun möchte. Dass sie genauso viel Freude am Sex mit ihm hat wie umgekehrt, erscheint ihm völlig ausreichend.

Mir erging es wie den meisten türkischen Männern aus meinem Milieu und in meiner Situation, die sich über die Frau, in die sie verliebt sind, in den phantastischsten Vorstellungen ergehen, ohne sich je zu fragen, was sie selbst wohl empfinden mag. (S. 277)

Um Füsun in seiner Nähe zu haben, lädt Kemal sie und ihre Familie sogar zu seiner rauschenden Verlobungsfeier ein. Doch danach bekommt seine Welt Risse, zum ersten Mal bekommt er nicht das, was er will, denn nach der Verlobung erscheint Füsun nicht mehr zu ihren heimlichen Treffen und sie zieht mit ihrer Familie weg. Kemal weiß kaum, wie er mit diesem Schmerz weiterleben kann, und erkennt, dass er Füsun liebt und mit ihr zusammen sein möchte. Seine Beziehung zu Sibel, die unglaublich liebevoll versucht, ihn von seiner Fixierung auf Füsun zu lösen, wird immer unaufrichtiger. Seine Verlobte durchschaut ihn:

‚Du konntest so leicht eine Beziehung mit ihr eingehen, weil das Mädchen arm und ehrgeizig ist. Wenn sie keine Verkäuferin wäre, würdest du dich nicht schämen und sie vermutlich heiraten. Und genau das macht dich krank. Dass du dich nicht traust, sie zu heiraten.‘

Ich war ihr böse, weil ich überzeugt war, dass sie das nur gesagt hatte, um mich zu ärgern. Und erst recht war ich ihr böse, weil ich irgendwie doch ahnte, dass sie recht hatte. (S. 239/240)

Dennoch schläft er ohne schlechtes Gewissen mit seiner Verlobten, da Sibel, die in Paris studiert hat, ja modern sei. Dass aber die türkische Gesellschaft insgesamt keineswegs so modern ist, dass man über außerehelichen Geschlechtsverkehr einer jungen Frau hinwegsieht, blendet Kemal aus. Konnte doch schon die Teilnahme eines Mädchens an einem Schönheitswettbewerb dafür sorgen, dass Verwandte nichts mehr mit der Familie des Mädchens zu tun haben wollten.

Kemal ist aber nicht gewillt, dauerhaft auf Füsun zu verzichten. Und so nimmt die Geschichte noch weitere entscheidende Wendungen, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Für den großen Bogen, den Pamuk hier aufspannt, braucht man schon Zeit, Geduld und einen langen Atem. Da werden nicht nur Alltäglichkeiten seitenlang und sprachgewaltig beschrieben, die allein deshalb bedeutsam sind, weil sie in einem Zusammenhang mit Füsun stehen, sondern auch der körperlich-seelische Schmerz, als Kemal erkennt, dass Füsun nicht mehr zu ihrem Stelldicheins erscheinen wird.

Das echte Liebesleid nistet sich an der Basis unserer Existenz ein, erwischt uns unerbittlich an unserem schwächsten Punkt, greift von da auf alles andere über und verteilt sich unaufhaltsam über unseren ganzen Körper und unser ganzes Leben. Wenn wir unglücklich verliebt sind, dienen unsere sämtlichen Leiden und Sorgen, vom Tod des Vaters bis hin zum banalsten Missgeschick, wie zum Beispiel einem verlegten Schlüssel, als neuerlicher Auslöser für den Urschmerz, der stets bereit ist, wieder anzuschwellen. Wessen Leben durch die Liebe auf den Kopf gestellt ist, so wie meines, der meint immer, zusammen mit dem Liebesleid würden auch alle anderen Sorgen ein Ende finden, und so rührt er unwillkürlich immer wieder an der Wunde in sich drinnen. (S. 250)

Das liest sich nicht nur faszinierend, es lohnt auch ungemein, nicht nur für den Blick auf eine Gesellschaftsschicht und Generation, die sich irgendwie zwischen im westlichen Ausland kennengelernten Freiheiten und heimischen Traditionen verorten muss. Auch Istanbul wird als Schauplatz wunderbar inszeniert, in dem sich Kemal von seinem treuen Familienchauffeur zu Kinos, Stelldicheins, Stränden, Restaurants und Freunden kutschieren lässt. Politische Unruhen, Bombenanschläge oder der Militärputsch von 1980 mit seinen Ausgangssperren werden nur als Hintergrundrauschen wahrgenommen. Armenviertel wecken in Kemal kein politisches Interesse oder soziales Verantwortungsgefühl, es dient ihm einfach alles als Kulisse für seine überwältigende Liebeserfahrung.

Als ich eines Abends im Yani Füsun gegenübersaß, entdeckte ich das ungeheuer schlichte Glücksrezept, das jedermann kennen sollte, und murmelte es sogar vor mich hin: Glück ist nichts anderes, als dem geliebten Menschen nahe zu sein (man braucht ihn nicht gleich zu besitzen). (S. 280)

War ich fern von Füsun, erschien die Welt mir wie ein Puzzle, dessen Teile ganz durcheinander waren. Beim Anblick von Füsun fanden alle Teile wieder an ihren Platz, und ich erinnerte mich wieder, dass die Welt sinnvoll und schön war. (S. 343)

Und wenn wir die Entstehung seines Museums der Unschuld mitverfolgen, so lässt es sich der Erzähler nicht nehmen, über das Wesen einer Sammlung zu sinnieren und uns mit in die entlegensten Museen der Welt zu nehmen.

Ein Rezensent fühlte sich ab und zu an Adalbert Stifters ermüdenden Stil erinnert, ich hingegen dachte eher an Wuthering Heights. Die Moore Yorkshires werden hier durch die Stadtviertel Istanbuls ersetzt, wir bekommen – neben vielen weiteren Personen, die alle ihren Auftritt haben – näheren Einblick in zwei Familiensysteme und vor allem steht am Ende die Erkenntnis, dass menschliche Liebe doch sehr durchsetzt sein kann von Gleichgültigkeit den Bedürfnissen des anderen gegenüber. Von Illusionen, Selbstmitleid, Besitzstreben, Eitelkeit und Gier sowie einer immerwährenden Suche nach dem Glück und einer großen Erlösungsbedürftigkeit. Ob Kemal am Ende verstanden hat, was er mit seiner Liebe angerichtet hat? Oder war alles doch nur eine gigantische Selbstinszenierung?

PS: 2012 wurde das Museum der Unschuld in Istanbul eröffnet, „das erste Museum der Welt, das einen Roman visualisiert“ (TAZ) und schon zwei Jahre später als Museum des Jahres ausgezeichnet wurde. Hier ein schöner Bericht dazu. Auch zum Museum erschien ein Buch von Orhan Pamuk: Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul.

Fundstück von Anthony Rolls

Whether it is fortunate to be intelligent is perhaps doubtful; but there can be no doubt of the blessings of a comfortable income.

aus: Anthony Rolls: Family Matters, British Library Crime Classics, 2017, S. 53

Die Originalausgabe dieses Kriminalromans erschien 1933. Hier haben wir es nicht mit einem der harmlosen, aber unterhaltsamen Cozy Crime Novels zu tun, sondern eher mit einer viel moderner wirkenden düsteren und pessimistischen Farce, in der das Gute längst nicht mehr siegt, vielleicht auch gar nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist. Es geht, wie Dorothy Sayers schrieb, um Robert, einen arbeitslosen und sich in Esoterikfantasien verlierenden Endvierziger,

one of the most futile and exasperating men who ever, by his character and habits, asked to be murdered. (S. 7)

Doch sowohl die Versuche seiner Frau und als auch seines Arztes, ihn ins Jenseits zu befördern, verlaufen etwas anders als erwartet.

Mir hat der Krimi mit seinem durch die Bank weg unsympathischen Personal leider keinen Spaß gemacht.

Dorothy Sayers hingegen gefiel der Roman mit seinem Ende „pregnant with poetical injustice“ und seinem illusionslosen Erzähler sehr.

I am quite ready to accept anything that is told me by so convincing an author. (S. 7)

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Elizabeth Fair: The Marble Staircase (2022)

Elizabeth Fair (1908 – 1997) veröffentlichte zwischen 1952 und 1960 sechs durchaus erfolgreiche Romane, die ihr sogar Vergleiche mit Trollope, Angela Thirkell oder Jane Austen einbrachten. Doch in den sechziger Jahren bekam sie – wie auch Barbara Pym – den sich rasant verändernden Verleger- und Publikumsgeschmack zu spüren. Zeitgleich nahm das Geschäft mit den sogenannten circulating libraries (Leihbibliotheken) ab, bei denen man gegen eine Gebühr Bücher ausleihen konnte und die zuvor einer der Hauptabnehmer für diese Frauenromane waren.

2022 dann die große Überraschung: Bei Dean Street Press erschien The Marble Staircase, ein bisher unveröffentlichter Roman, den Fair vermutlich Ende der fünfziger Jahre geschrieben hatte und den ihr Literaturagent Innes Rose bei keinem Verleger mehr hatte unterbringen können.

The typescript was then destined to lie undisturbed in a black tin trunk for another 60 years until Elizabeth‘s heir, intrigued by the interest generated by the reissue of her six published novels by Dean Street Press, thought to take it out and read the story of Mrs Charlotte Moley, her Italian holidays, taken in the 1930s, and the house at Nything that she had, as a result, 25 years later inherited. (Vorwort von Elizabeth Crawford)

Doch zurück zu The Marble Staircase:

Charlotte Moley, eine Witwe in den Vierzigern, erbt überraschend eine ziemlich heruntergekommene Doppelhaushälfte in dem fiktiven Seestädtchen Nything. Das Haus ist das Vermächtnis ihrer verstorbenen Freundin, Mrs. Gamalion, die Charlotte als junge Frau am Comer See kennengelernt und mit der sie dann viele weitere wunderbare Ferien in Italien verbracht hat. Charlotte war damals Anfang zwanzig, gerade Mutter geworden, ihr 18 Jahre älterer Ehemann kürzlich an einer Lungenentzündung verstorben.

Sie blüht in diesen Urlauben regelrecht auf und kann für kurze Zeit den Erwartungen der Gesellschaft und besonders den Erwartungen ihrer eigenen Mutter entfliehen. Diese kann sich für Charlotte nun nichts anderes mehr vorstellen als die Rolle einer fürsorglichen Mutter, einer fügsamen Tochter und ewig trauernden Witwe.

As a young widow it had positively expected of her that she should cherish the past; her own mother would have thought her very heartless if she had thrown away the things that had belonged to Gabriel [Charlotte‘s husband who had died of pneunomia]. […] And she looked back at the young Charlotte, so blinkered and obedient and timid, and thought that but for Mrs. Gamalion she would be like that today, only more so. She would be encased in a shell harder than any glass, and by now she wouldn‘t even know it was there. (S. 4)

Nun, fast 25 Jahre später, bietet die unverhoffte Erbschaft des Hauses Charlotte die Möglichkeit, sich in Ruhe darüber klarzuwerden, ob sie auch weiterhin mit ihrer inzwischen erwachsenen und berufstätigen Tochter Alison in einer zu kleinen Wohnung weiterleben und ihr den Haushalt führen will.

Charlotte erinnert sich vergnügt und dankbar an die Urlaube in Florenz, die zupackende Freundlichkeit und Lebenslust ihrer älteren Freundin Mrs. Gamalion.

Waves of energy radiated from her, waves of enjoyment of life, enthusiasm, absurd but endearing skittishness. They beat on the glass shell and it splintered into fragments. (S. 29)

An ihrem ersten Abend in Nything lernt sie auf einem Spaziergang die ältere Mrs. Bateman kennen, die ihr später zu einer guten Freundin werden wird.

Außerdem versucht Charlotte allmählich etwas Ordnung in das renovierungsbedürftige Häuschen zu bringen, das mit Erinnerungsstücken an die Vergangenheit und an Italien zum Bersten vollgestopft ist.

The world of English ladies abroad; of English ladies escaping from dull winter loneliness and hurrying south to the sun; the world of English ladies living in pensiones, meeting one another annually in Bordighera or Alassio, discussing the rate of exchange and the churchmanship of the new British chaplain, frequenting the tea-rooms run by other, more adroit English ladies and the library run by a genial but uncommendable lady who had taken to drink. The world in which English ladies were allowed, and even expected, to be cultured, to have at least a smattering of knowledge about the Guelphs and Ghibellines and to know the great names of the Renaissance and where the masterpieces were to be seen. (S. 35)

Und so begleiten wir Charlotte auf dieser Reise zu einem neuen Selbstverständnis und einer neuen Unabhängigkeit.

Das ist zwar keine Weltliteratur, kommt aber gleichzeitig so freundlich, unverbittert und sympathisch daher, dass man Charlotte gern in ihrem neuen Alltag folgt, was auch daran liegt, dass Charlotte hinter ihrer bescheidenen und unsicheren Art durchaus einen Blick für das Witzige und Absurde hat und mehr durchschaut, als ihre Mitmenschen ihr zutrauen.

Auch A Winter Away (1957) von Fair hat mir gut gefallen.

Das Einzige, mit dem ich mich nicht mehr anfreunden werde, ist die Covergestaltung bei DSP, aber das tut dem Lesevergnügen ja keinen Abbruch.

Fundstück von Norbert Davis

Forenoons in Southern California are wonderful, except when they‘re not, and in that case there‘s no use in discussing the matter at all. This one was ordinarily wonderful. The sun was shining and soft breezes were slithering, and there were some small, shy, freshly washed clouds, distributed where they would do the least good.

Mit diesen Sätzen beginnt das neunte Kapitel in Sally’s in the Alley (1943) von Norbert Davis.

Dolores Hitchens: The Cat saw Murder (1939)

Julia Clara Catherine Maria Dolores Robins Norton Birk Olsen Hitchens (1907 – 1973), bekannt als Dolores Hitchens, schrieb von 1938 bis zu ihrem Tod unter verschiedenen Namen Dutzende von Krimis

Unter dem Pseudonym D. B. Olsen veröffentlichte sie zwölf Krimis um die 70-jährige Miss Rachel Murdock, die zusammen mit ihrer Schwester Jennifer und Katze Samantha in ihrem viel zu großen Elternhaus in Los Angeles lebt, das sie aus finanziellen Gründen nicht angemessen heizen können.

In the bleak spaciousness of their white breakfast room the little table looked woefully astray, as though it had wandered out of a kitchenette apartment somewhere and didn‘t know how to get back. The Misses Murdock themselves seemed somewhat lost. They were tiny and gray and very old, two quaint figures in gingham, wrapped in woolen shawls against the cold of the large unheated house and perched upon their chairs at the little table, munching their toast and sipping milk.  (S. 2)

Und wie eine amerikanische Miss Marple wird Miss Rachel immer wieder in Mord und Verbrechen verwickelt.

Hitchens‘ Dialoge sind vielleicht nicht ganz so lebendig wie die von Christie, aber der erste Krimi um Rachel Murdock hat mir dennoch gut gefallen. Auch bei ihr hat man rasch ein Bild nicht nur vom schäbigen Schauplatz im Kopf, sondern auch von den Protagonisten, die eigenständige – wenn auch mitunter etwas schwarzweiß gezeichnete – Charaktere sind und nicht nur Nummern in einem Whodunnit.

In The Cat saw Murder bittet Rachels vierzigjährige Nichte Lily ihre Tante um einen Besuch, da sie in Schwierigkeiten sei. Rachel, erfreut über die Abwechslung, nimmt gern die einstündige Fahrt mit dem Zug zum Strand auf sich. Weshalb sie Katze Samantha mitnimmt, erfahren wir erst später. Am Zielort angekommen, stellt sie überrascht und ein bisschen angewidert fest, dass Lily in einer heruntergekommenen Strandherberge wohnt und auf einmal doch nicht so recht mit der Sprache herausrücken will. Nur so viel ist klar: Lily schuldet jemandem Geld, viel Geld. Rachel weiß aus leidvoller Erfahrung, dass Lily nicht nur unansehnlich und faul, sondern leider auch ausgesprochen dumm und leichtgläubig ist. 

Doch bevor Lily alles erzählen kann, wird Rachel mit Morphium, das man ihr in ihr Schlafpulver gemischt hat, fast umgebracht. Währenddessen wird Lily ermordet. Auftritt Inspector Mayhew, der sich nicht nur in eine der verdächtigen Gäste dieser Pension verliebt, sondern durchaus Sympathie für die kleine, resolute Tante des Opfers entwickelt, die entschlossen ist, allen Hinweisen nachzugehen und den Mord aufzuklären. Dabei schreckt sie auch vor etwas unkonventionellen Methoden nicht zurück.

Under her couch Miss Rachel started to tremble. There was a Saint-somebody-or-other who was supposed to look after thieves, she had read somewhere, and she considered that he might perhaps also be interested  in people who were guilty of unlawful entry. (S. 199)

Selbstverständlich lösen die beiden den Fall mit entsprechend dramatischem Showdown am Ende. Doch vorher machen wir die Bekanntschaft mit den unterschiedlichsten Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Herberge, denn rasch ist klar, der Täter muss sich von innen Zutritt zu Lilys Zimmer verschafft haben. 

Und erleichtert kann ich vermelden, dass Katze Samantha keine übersinnlichen Fähigkeiten besitzt und sich die ganze Geschichte über einfach wie eine normale, wenn auch sehr hübsche schwarze Katze verhält. 

Der Band macht durchaus Lust auf die Folgebände und wo bitte ist mein erster Miss Marple-Band? Ich möchte die beiden Damen mal so rein optisch miteinander vergleichen.

Even at the age of seventy some traces of what had been Miss Rachel‘s stunning beauty remained. The hairline – though the hair was white and thinned – was a perfect widow‘s peak and set her small face off into the shape of a heart. Her eyes regarded Miss Jennifer with a dark aliveness, like the movement of water in a little pool which feels the current of the stream. Her hands broke her toast with definite grace. (S. 3)

Nachtrag Nr. 1

Im ersten Miss Marple-Band Murder at the Vicarage (1930) heißt es:

Miss Marple is a white-haired old lady with a gentle, appealing manner – Miss Wetherby is a mixture of vinegar and gush. Of the two Miss Marple is much more the dangerous.

Nachtrag Nr. 2.

Der zweite Band um Miss Rachel Murdoch, The Alarm of the Black Cat (1942), war leider – man kann es nicht anders sagen – eine einzige Katastrophe. Nicht nur dass Katze Samantha auf einmal nicht mehr schwarz, sondern marmeladenfarben war, nein, man musste auch akzeptieren, dass dort, wo Miss Rachel für einen Monat ein Haus gemietet hat, drei miteinander in albernem Hass verbundene Familien ständig heimlich beieinander ein- und ausgehen. Nachbarn und Täter schaffen es, obwohl doch immer alle Türen verriegelt sind, im Keller der armen Miss Rachel wichtige Beweisstücke und auch gleich noch zwei Leichen zu deponieren. Miss Rachel hat dann nichts Dringenderes zu tun, als entweder selbst in den Nachbarhäusern herumzuspionieren oder sofort so unbesorgt im Keller herumzugeistern, als ob sie dort nach Einmachgläsern suchen würde. Dass sie dabei auch – obwohl doch alle Türen verschlossen sind – überrascht wird, wen wundert‘s. Also, das war erschütternd hanebüchen …

Catspaw for Murder (1943), der dritte Band, bot allerdings wieder solidere Krimikost.

Fundstück von Alexander McCall Smith

The sky was a dark, black velvet, rich and deep, studded here and there with small points of starlight, one or two of which seemed to burn with great intensity. […]

‚Whenever I look up there,‘ he [Matthew] said, ‚I think the same thing. I think of how small we are and how all our concerns, our anxieties and all the rest of it, are so irrelevant, so tiny. Not that we think they are – but they are, aren‘t they?‘

Aus: The World according to Bertie, dem vierten Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2007, S. 148

Frank B. Gilbreth, Jr. & Ernestine Gilbreth Carey: Cheaper by the Dozen (1948) – Teil 2/2

Im zweiten Teil meines Beitrags zu Cheaper by the Dozen soll die Mutter im Mittelpunkt stehen, auch wenn sie im Buch eher den bescheidenen Ruhepol für ihren extrovertierten Mann darstellt, der immer alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste.

Letztendlich ist es die ihrem Mann ergebene Lillian, die dafür sorgt, dass das Familienleben funktioniert. Sie braucht dafür weder Drohungen noch körperlichen Strafmaßnahmen; sie sieht ihre Kinder als eigenständige Persönlichkeiten, während ihr aufbrausender und ständig mit Ideen übersprudelnder Mann die Kinderschar als eine Einheit betrachtet, die geformt, belehrt und kontrolliert werden müsse. Er erklärt ihnen auf ihren Ausflügen die Funktionsweise einer Ameisenkolonie oder die Konstruktion einer Brücke. Er ist es auch, der ihnen einbläut, den Picknickplatz sauber zu hinterlassen. Die Kinder müssen selbstredend auch den Müll aufsammeln, der gar nicht von ihnen stammt.

The day the United States entered the First World War, Dad sent President Wilson a telegram which read: ‘Arriving Washington 7:03 P.M. by train. If you don‘t know how to use me, I‘ll tell you how.‘ Whether or not this heartening intelligence took some of the weight off Mr. Wilson‘s troubled shoulders, Dad never made entirely plain. But he was met at the train and taken over to the War Department. The next time we saw him, he was in uniform, assigned to motion study training in assembling and disassembling the Lewis machine gun and other automatic weapons.

Beide Eltern sind unwahrscheinlich stolz auf ihre Kinder und besonders Frank genießt das Aufsehen, wenn er mit seiner kompletten Familie einen Ausflug im Auto unternimmt und beispielsweise an einer Kreuzung angesprochen wird.

‘How do you feed all those kids, Mister?‘

Dad would ponder for a minute. Then, rearing back so those on the outskirts could hear, he‘d say as if he had just thought it up:

‘Well, they come cheaper by the dozen, you know.‘ This was designed to bring down the house, and usually it did.

Während Lillian, die ebenfalls mit acht Geschwistern aufgewachsen war, am liebsten vor Scham im Boden versinken würde, als sie einmal sogar für die Aufseher eines Waisenausflugs gehalten werden, findet Frank das einfach nur zum Brüllen komisch.

Eines Tages erlaubt sich eine gute Freundin der Mutter, die „nur“ neun Kinder hat, den Scherz, eine Aktivistin, die sich für Geburtenkontrolle engagiert, zu Lillian zu schicken. Diese Mrs. Mebane sucht dringend organisationsbegabte und durchsetzungsfreudige Frauen, um sie für ihren guten Kampf zu rekrutieren.

‘Yes, there‘s work to be done, Mrs. Gilbreth, and that‘s why I‘m here.‘

‘What sort of work?‘

‘We‘d like you to be the moving spirit behind a Montclair birth control chapter.‘

Mother decided at this point that the situation was too ludicrous for Dad to miss, and that he‘d never forgive her if she didn‘t deal him in. ‘I‘ll have to ask my husband,‘ she said. ‘Excuse me while I call him.‘

Nachdem sie ihren Mann eingeweiht hat, veralbern sie Mrs. Mebane noch ein bisschen, bis Frank schließlich seinen Pfiff loslässt und mal wieder die Zeit stoppt, bis alle im Wohnzimmer versammelt sind.

Seinen Kindern etwas beizubringen war für Frank anscheinend eine der größten Befriedigungen. Seine Lehrmethoden waren eine wilde Mischung aus Neugier wecken, Strafen, Drill und Kreativität. In den Badezimmern müssen fremdsprachige Platten laufen und alle Kinder, die älter als sechs Jahre alt sind, (und Lillian) lernen innerhalb von nur zwei Wochen das Zehnfingersystem auf der Schreibmaschine. Und beim Abendessen wird so lange Kopfrechnen geübt, dass eines Tages der dreijährige Jack die eigentlich an seinen Bruder gerichtete Frage, was 15 x 15 ergibt, spontan beantwortet, woraufhin Frank seine Frau anstrahlt:

‘Lillie,‘ he said, ‘we‘d better keep that boy, too.‘

Since Dad thought eating was a source of unavoidable delay, he utilized the dinner hour as an instruction period. His primary rule was that no one could talk unless the subject was of general interest. Dad was the one who decided what subjects were of general interest. Since he was convinced that everything he uttered was interesting, the rest of the family had trouble getting a word in edgewise.

In den Ferien, die er ihnen als komplett unterrichtsfrei in Aussicht gestellt hatte, lernen sie das Morse-Alphabet, indem sie zunächst das Alphabet abschreiben, das er an die Wand der Toilette gemalt hat, und anschließend von Neugier getrieben die Zeichen entschlüsseln, die der Vater auf die Wände ihres Ferienhäuschens gepinselt hat. Anschließend nutzt er die Wände für Astronomieunterricht oder die Veranschaulichung von Mengen- und Längenangaben.

By this time, all of us had begun to suspect that Dad had his points as a teacher, and that he knew what he was talking about.

Mit spätestens fünf Jahren können alle Kinder schwimmen. Nur Mutter Lillian war Franks einzige Schwimmschülerin, bei der er kläglich versagte.

Mother‘s swims consisted of testing the water with the tip of a black bathing shoe, wading cautiously out to her knees, making some tentative dabs in the water with her hands, splashing a few drops on her shoulders, and finally, in a moment of supreme courage, pinching her nose and squatting down until the water reached her chest. The nose-pinch was an unnecessary precaution, because her nose never came within a foot of the water. […]

‘But, Lillie, if the children can do it, you, a grown woman, should be able to. Come on now. You can‘t help but float, because the human body, when inflated with air, is lighter than water.‘

‘You know I always sink.‘

‘That was last year. Try it now. I won‘t let anything happen to you.‘

‘I don‘t want to.‘

‘You don‘t want to show the white feather in front of all the kids.‘

‘I don‘t care if I show the whole albatross,‘ Mother said. ‚‘But I don’t suppose I‘ll have another minute‘s peace until I try it. So here goes. And remember, I‘m counting on you not to let anything happen to me.‘ […]

Mother took a deep breath, stretched herself out on the surface, and sank like a stone. Dad waited awhile, still convinced that under the law of physics she must ultimately rise. When she didn‘t, he finally reached down in disgust and fished her up.

Neben dem hemdsärmeligen Humor bietet das Buch aber auch einige dezente Hinweise auf das Frauen- und Männerbild der damaligen Zeit.

When Mother and Dad were married, the Oakland paper said: ‘Although a graduate of the University of California, the bride is nonetheless an extremely attractive young woman.‘

Die Töchter haben später einen schweren Stand, als sie kürzere Kleider tragen wollen und gar an Make-up, High Heels oder erste Dates mit dem anderen Geschlecht denken. Als die älteste Tochter Anne sich irgendwann selbst die obligatorischen langen Haare abschneidet, löst das zunächst eine veritable Krise am Abendbrottisch aus mit Tränen auf allen Seiten. Was aber nichts daran ändert, dass die Mutter ein paar Tage später alle Töchter zum Friseur schickt, um ihnen einen modernen Bob zu verpassen.

Darüberhinaus sind diese schon sehr auf die Anekdoten angelegten Erinnerungen, die chronologisch ungeordnet vor sich hinmäandern, aber auch eine große Liebesgeschichte, die mit dem Tod Franks im Jahr 1924 ein viel zu frühes Ende fand. Hier haben sich – soweit man dem Buch Glauben schenken darf – zwei Menschen vorbehaltlos vertraut und wunderbar ergänzt.

There was a change in Mother after Dad died. A change in looks and a change in manner. Before her marriage, all Mother’s decisions had been made by her parents. After the marriage, the decisions were made by Dad. It was Dad who suggested having a dozen children, and that both of them become efficiency experts. If his interests had been in basket weaving or phrenology, she would have followed him just as readily.

While Dad lived, Mother was afraid of fast driving, of airplanes, of walking alone at night. When there was lightning, she went in a dark closet and held her ears. When things went wrong at dinner, she sometimes burst into tears and had to leave the table. She made public speeches, but she dreaded them. Now, suddenly, she wasn‘t afraid anymore, because there was nothing to be afraid of. Now nothing could upset her because the thing that mattered most had been upset. None of us ever saw her crying again.

Und die weitere Laufbahn Lillians, die sich beruflich in einer männerdominierten Welt durchsetzte und als erste (und bisher einzige) Frau 1966 die renommierte Hoover-Medal für „outstanding extra-career services by engineers to humanity“ bekam, ist zweifelsohne eine weitere Geschichte wert, weshalb ich gar nicht anders kann, als jetzt die Biografie von Jane Lancaster Making Time: Lillian Moller Gilbreth, A Life Beyond „Cheaper by the Dozen“ zu bestellen.

Die Erlöse aus den zwei sehr erfolgreichen Erinnerungsbänden, die in -zig Sprachen übersetzt wurden, und den Filmtantiemen haben Frank, Jr. und Ernestine übrigens unter allen Familienmitgliedern aufgeteilt.

Der Kritiker Jonathan Yardley (*1939), der 1981 den Pulitzer-Preis für Kritik erhalten hat, schrieb 2003 über Cheaper by the Dozen:

My memories of “Cheaper by the Dozen“ remained happy over the years, but it was with a measure of apprehension that I opened the book recently. The books of one’s childhood rarely age well into one’s late adulthood, no matter how affectionate (and dim) one’s memories may be. […] mostly the literary pleasures of childhood and adolescence are best left undisturbed in later years.

So it is a joy to report that „Cheaper by the Dozen“ still reads remarkably well. It is not a work of literature and no claims will be made for it as such. […]

The prose in „Cheaper by the Dozen“ is unadorned and matter of fact, and its organizational structure is a bit difficult to detect, but what matters most is that it is a touching family portrait that also happens to be very, very funny. Paterfamilias Gilbreth is, to paraphrase the Reader’s Digest, one of the most unforgettable characters you’ll ever meet.

Frank B. Gilbreth, Jr. & Ernestine Gilbreth Carey: Cheaper by the Dozen (1948) – Teil 1/2

Die beiden Geschwister Frank und Ernestine, die hier auf sehr lustige Weise von ihrer ungewöhnlichen Kindheit im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts mit zehn weiteren Geschwistern in New Jersey erzählen, hatten auch ungewöhnliche Eltern, von denen ich bis zu diesem Buch natürlich noch nie gehört hatte. 

One reason he had so many children – there were twelve of us – was that he was convinced anything he and Mother teamed up on was sure to be a success. (1. Kapitel)

Vater Frank Bunker Gilbreth (1868 – 1924), der sein Arbeitsleben als Gehilfe eines Maurers begonnen hatte, und seine Frau, die promovierte Psychologin Lillian Moller Gilbreth (1878 – 1972), waren beide Pioniere, was die Frage anging, in welche Bewegungen (Therbligs) sich bestimmte Arbeitsabläufe in Fabriken oder auf Baustellen zerlegen ließen, um darauf aufbauend festzulegen, auf welche Bewegungen der Arbeiter in Zukunft verzichten solle, um Ermüdungserscheinungen vorzubeugen und die Effektivität zu steigern. Frank war es auch, der ein Gerüstsystem entwickelte, bei dem Maurer ihre Ziegeln nicht mehr vom Boden aufheben mussten, sondern sie bequem, ohne sich zu bücken, greifen und verarbeiten konnten. Beide arbeiteten später sehr erfolgreich als Unternehmensberater.

Lillian machte sich u. a. einen Namen durch Gedanken zu einer ergonomisch eingerichteten Küche, die einem überflüssige Bewegungen und Schritte ersparen sollte, indem man beispielsweise rollbare Tische integrierte. Sie wollte auch, dass Kücheneinrichtungen und Schränke sich an der Kundinnengröße bemessen sollten. Eine natürlich sinnvolle Idee, die sich dank des Widerstands der Industrie bis heute nicht durchgesetzt hat. Auf mehr Gegenliebe stießen hingegen ihre Vorschläge, mit denen man das Alltagsleben von behinderten Menschen vereinfachen konnte.

Zusammen mit den Überlegungen Frederick Winslow Taylors (1856 – 1915), dem es vor allem um Zeitersparnisse bei der Produktion ging, läuteten Gilbreth und Taylor das Zeitalter des Scientific Management ein, im Deutschen vielleicht eher unter dem Begriff des Taylorismus geläufig.

Wer mag, kann da gern näher in die Materie einsteigen. Hier noch ein wirklich informatives Video zu den Arbeiten und Biografien der beiden.

Doch in dem unterhaltsamen Buch von Frank (1911 – 2001) und Ernestine (1908 – 2006) geht es, wie gesagt, um ihre Erinnerungen an das Aufwachsen in einem 13-Personen-Haushalt (Tochter Mary starb, als sie fünf Jahre alt war und einige Geschwister noch gar nicht geboren waren) unter der Leitung eines Vaters, der der Meinung war, dass sich seine Erkenntnisse aus der möglichst effizienten Herangehensweise an eine Tätigkeit auch auf seine Familie übertragen lassen müssten.

Dad took moving pictures of us children washing dishes, so that he could figure out how we could reduce our motions and thus hurry through the task. Irregular jobs, such as painting the back porch or removing a stump from the front lawn, were awarded on a low-bid basis. Each child who wanted extra pocket money submitted a sealed bid saying what he would do the job for. The lowest bidder got the contract. 

When Lill [who was saving for a pair of roller skates] was eight, she submitted a bid of forty-seven cents to paint a long, high fence in the back yard. Of course it was the lowest bid, and she got the job.

Eigentlich ist sie für diese Aufgabe viel zu jung, doch der Vater besteht darauf, dass einmal eingegangene Verpflichtungen eingehalten werden müssen. Sie würde so auch den Wert des erarbeiteten Geldes besonders zu schätzen wissen.

It took Lill ten days to finish the job, working every day after school and all day weekends. Her hands blistered, and some nights she was so tired she couldn‘t sleep. It worried Dad so that some nights he didn‘t sleep very well either. But he made her live up to her contract. 

Als Lill nach zehn Tagen und einem fertig gestrichenen Zaun in Tränen aufgelöst zu ihrem Papa kommt, bekommt sie nicht nur das Geld. Die Rollschuhe hat er in ihrem Bett versteckt.

Dad installed process and work charts in the bathrooms. Every child old enough to write – and Dad expected his offspring to start writing at a tender age – was required to initial the charts in the morning after he had brushed his teeth, taken a bath, combed his hair, and made his bed. At night, each child had to weigh himself, plot the figure on a graph, and initial the process charts again after he had done his homework, washed his hands and face, and brushed his teeth. Mother wanted to have a place on the charts for saying prayers, but Dad said as far as he was concerned prayers were voluntary. 

Noch eine weitere Idee aus der Arbeitswelt überträgt der Vater auf seine Familie.

He had found out that the best way to get cooperation out of employees in a factory was to set up a joint employer-employee board, which would make work assignments on a basis of personal choice and aptitude. He and Mother set  up a Family Council, patterned after an employer-employee board. The Council met every Sunday afternoon, immediately after dinner. 

Das läuft zu Beginn nicht ganz nach Plan, da die Kinder keine Vorschläge einbringen, wie sie die Aufgaben im Haushalt aufteilen wollen. Erst als die Mutter vom völlig entnervten Vater den Vorsitz übertragen bekommt, können sinnvolle Lösungen erarbeitet werden. Die Kinder sind jedoch gewitzt und lernen schnell, diese Debatten auch zu ihren Gunsten zu führen. So legen sie Veto gegen einen geplanten Teppichkauf ihrer Mutter ein, erlauben ihr, einen günstigeren Teppich zu kaufen, und setzen durch, mit dem gesparten Geld einen Collie anzuschaffen.

Doch nicht nur beim Abwasch filmt Frank seine Kinder, die sich dann manchmal dem Gespött der Klassenkameraden ausgesetzt sahen, da die Filme auch in irgendwelchen Newsreels (Wochenschauen) auftauchen konnten. Selbst als den Kindern die Mandeln entfernt werden sollten, überredet Frank den Arzt, die Operationen im Haus durchzuführen, sodass der hauseigene Fotograf alles gut aufnehmen könne. Dabei passiert dem Fotografen ein dummes Missgeschick, die Kamera läuft nicht. Anschließend muss sich der Fotograf einen neuen Job suchen.

Da Frank das Jammern der Kinder nach der Mandeloperation für pure Wehleidigkeit hält, das eines Spartaners unwürdig sei, beschließt er, sich selbst die Mandeln nicht unter Vollnarkose, sondern nur unter örtlicher Betäubung entfernen zu lassen. 

Two hours later, a taxicab stopped in front of the house, and the driver jumped out and opened the door for his passengers. Then Mother  emerged, pale and red-eyed. She and the driver helped a crumpled mass of moaning blue serge to alight. His face was grey and sagging. He wasn‘t crying, but his eyes were watering. He couldn‘t speak and he couldn‘t smile. […] Dad spent two weeks in bed, and it was the first time any of us remembered his being sick. He couldn‘t smoke, eat, or talk. But he could glare, and he glared at Bill for two full minutes when Bill asked him one afternoon if he had his tonsils taken out like the Spartans used to have theirs removed.

Das liest sich oft unglaublich witzig und manchmal ist es auch einfach nur zum Haareraufen, denn diese Familie wäre mit „patriarchalisch“ noch sehr milde beschrieben. Da gibt es einen Pfeifton, bei dem alle alles stehen und liegen lassen mussten und sich schleunigst zu versammeln hatten. Das war immer nervenaufreibend, da man nie wusste, ob der Schnellste eine Belohnung bekommen würde, ob es Süßigkeiten oder Schelte geben würde, aber an dem Tag, als ein Feuer im Garten außer Kontrolle zu geraten drohte,  war es doch auch hilfreich:

Dad whistled, and the house was evacuated in fourteen seconds – eight seconds off the all-time record. 

Nachdem er zweimal eines seiner Kinder irgendwo auf einer Fahrt bei einem Zwischenstopp vergessen hatte, ist ein Anwesenheitsappell vor und nach dem Einsteigen ins Auto oder in den Zug obligatorisch. Selbstverständlich gibt es auch eine klare Regelung, auf welches jüngere Geschwisterkind die älteren aufzupassen hatten. Die mittleren Kinder mussten sich quasi selbst verwalten und die älteste Tochter Anne wurde zur Rechenschaft gezogen, wenn das Benehmen der Gruppe insgesamt zu väterlichen Beschwerden Anlass gab.  

Im zweiten Teil meiner Besprechung soll der Fokus etwas mehr auf der Mutter, Ehefrau und Wissenschaftlerin Lillian Gilbreth liegen.

Norbert Davis: The Mouse in the Mountain (1943)

Auf der Suche nach unterhaltsamer Lektüre, die mein erkältungsgeplagtes Hirn nicht überstrapazieren sollte, kam mir die Besprechung auf CrossExaminingCrime zu dem kleinen amerikanischen Krimi von Norbert Davis aus dem Jahr 1943 gerade recht:

The girl looked at him uncertainly. ‘My name? It’s Janet Martin.‘

‘Mine’s Doan,‘ said Doan. ‘I’m a detective.‘

‘A-a detective?‘ Janet Martin repeated, fumbling a little over the word. ‘You don‘t look like one.‘

‘Of course not,‘ Doan told her. ‘I‘m in disguise. I’m pretending to be a tourist.‘

‘Oh,‘ said Janet, still uncertain. ‘But – do you go around telling everybody about it?‘

‘Certainly,‘ said Doan. ‘My disguise is so perfect no one would know I was a detective if I didn‘t tell them, so naturally I do.‘ (S. 2)

Doan macht – wie so einige seiner literarischen Brüder – optisch erst mal nicht viel her:

He was short and a little on the plump side, and he had a chubby, pink face and a smile as innocent and appealing as a baby‘s. He looked like a very nice, pleasant sort of person, and on rare occasions he was. (S. 2)

Sein Sidekick ist dafür umso imposanter; eine Deutsche Dogge namens Carstairs. 

Carstairs was a fawn-colored Great Dane about as big as a medium-sized Shetland pony, only Shetland ponies at least make a try at looking amiable most of the time and Carstairs never did. He looked mean. […] Carstairs was so big that the first sight of him was liable to be a considerable shock. It was as though something had suddenly gone wrong with your perspective. (aus dem 2. Band Sally‘s in the Alley)

Doan und Carstais sind aus Gründen, die wir später erfahren, in einem mexikanischen Hotel abgestiegen und unternehmen zusammen mit anderen Gästen einen kleinen Busausflug in das malerisch gelegene Bergdorf Los Altos. Und so lernen wir im ersten, schon ziemlich albernen Kapitel die übrigen Teilnehmer dieser Exkursion kennen, als da wären Patricia Van Osdel, eine reiche junge Schönheit, ihr männlicher Begleiter Greg, Patricias alte Zofe, der Badezimmerverkäufer Mr Henshaw mit seiner fürchterlichen Frau und seinem noch viel fürchterlicheren Sohn Mortimer und natürlich Janet Martin, eine junge romantische Frau auf der Suche nach dem Abenteuer. Nicht zu vergessen, Bartolome, der Busfahrer, der sein Englisch in einer Fernschule gelernt hat und damit die Leser, wenn auch nicht unbedingt die Reisegruppe entzückt, wenn er ihnen beispielsweise nahelegen will, was auf der Fahrt bewunderungswürdig sei und was nicht.

‘Kindly do not waste the astonishment. […] This is not yet the magnificence. […] The scenery here is only ordinarily wonderful.‘ (S. 14)

Es stellt sich später heraus, dass der Hotelbesitzer eigentlich den Ausflug hatte absagen wollen, doch Patricia hat ihn bestochen. 

‚Because I was determined to see Los Altos, of course. You‘ve surely read about it, or you wouldn‘t be going there. A peaceful, picturesque village of stalwart peasants isolated deep in the mountains – happy in their primitive and peaceful way – unspoiled by the brutalizing forces of civilization. Why, until just recently, since the new military highroad was opened, there was no way to get there except by mule back. The village is famous for its peaceful, archaic atmosphere.‘ (S. 11)

Das zweite Kapitel bringt dann einen ganz anderen Ton hinein. Ein mit Soldaten besetzter Checkpoint verwehrt ihnen zunächst die Weiterfahrt, da es politische und militärische Verwicklungen gäbe, bei denen man ihre Sicherheit nicht garantieren könne. Doch schließlich erreichen sie das Dorf, das sie, anders als erwartet, auf dem Marktplatz nicht mit dem üblichen Touristennepp empfängt. Stattdessen eine unheimliche Stille, dann eine Verfolgungsjagd, der erste Tote, erschossen von Doan in Notwehr. 

Und ab da muss man wirklich einfach selbst weiterlesen. Das Ganze ist so dermaßen überdreht, dass man entscheiden muss, ob man das Buch in die Ecke pfeffert, weil es so voller Unwahrscheinlichkeiten und wilder Zufälle ist, weil es die Einheimischen in schlimmsten Stereotypen zeichnet (aber genauso alle anderen auch), weil selbst ein Erdbeben im genau entscheidenden Moment passiert, weil es Geheimgänge, diverse Tote und Charakterzeichnungen von der Tiefe einer Briefmarke gibt. Weil fürchterlich viel passiert, was über die fehlende Stringenz des Plots hinwegtäuschen soll. Ermittelt im eigentlichen Sinne wird hier auch eher weniger. Also komplett „over the top“ in jeglicher Hinsicht.

Oder aber man lehnt sich – nach dem ersten Schreck, wo man denn hier gelandet ist – gemütlich zurück, holt sich einen Kaffee und hat einfach richtig viel Spaß an diesem Unsinn und den schrägen Dialogen. Ist das ernsthaft nie verfilmt worden? Ich brauche jetzt jedenfalls auch die übrigen zwei Bände um den Privatdetektiv Doan und seine Dogge Carstairs.

‘Are you sober now?‘ Janet asked him suspiciously. Doan nodded. ‘Just about.‘

‘Well, do you feel awfully bad?‘

‘No,‘ said Doan.

‘I thought people always felt bad after they got drunk.‘

‘You have to have brains to get a hangover,‘ Doan told her. ‘I‘m never troubled.‘

‘You were very drunk, you know. You sang questionable songs and beat on the table and told jokes that had no point and spilled three drinks.‘

‘That‘s me,‘ Doan agreed. ‘That‘s your old pal, Drunken Doan, when he gets curled.‘

‘Carstairs was very angry with you.‘

‘He‘s an evil-tempered brute,‘ Doan said. ‘He‘s always mad at something.‘ (S. 89)

Norbert Davis (1909 – 1949) schrieb vor allem Storys für Pulp Magazine. Der endgültige Durchbruch war ihm leider nicht vergönnt. Die Pulp Magazine kamen aus der Mode, viele Schriftsteller wechselten nach Hollywood oder wurden mit ihren Romanen erfolgreich. Beides Wege, die sich Davis nicht eröffneten.

Dabei hatte Davis große Fans, Wittgenstein soll ein begeisterter Verehrer gewesen sein und selbst Raymond Chandler studierte seine Geschichten, bevor er seine ersten Storys Black Mask zur Veröffentlichung anbot. Chandler war es auch, der Davis 1949, also in dem Jahr, in dem Davis Suizid beging, 200 Dollar lieh.

Chandler erwähnt das in einem Brief vom 18. April 1949:

Who am I to judge another man‘s needs or deserts? […] He says he has sold one out of fifteen this last year. Say it‘s his fault, say he got big-headed or drunk and lazy or what have you – what difference does it make? You suffer just as much when you‘re wrong. More. Write it off, call it waste, forget it, and hope the guy won‘t hate you for helping him, or rather for having to ask you to help him. (Frank MacShane: Selected Letters of Raymond Chandler, 1981, S. 167)

PS: Ich rate jedem dringend davon ab, The Mouse in the Mountain bei Amazon zu bestellen. Man bekäme dann nur die billig gemachte, eklige Amazon-Ausgabe, die sich zwar mit dem Cover der ursprünglichen Hardcover-Ausgabe schmückt, aber eine schier unleserliche Schriftgröße von 8 oder 9 Font hat. 

Fundstück von Alexander McCall Smith

For most of us a discussion about the things that really matter – the fundamental questions of how we are to live our lives and, just as important, how we are to make sense of the lives we live – is a rare event. We do think about such matters, but our contemplation of them tends to be sporadic and darting. And when it comes to talking about them with friends, embarrassment often prevents us from anything but the most superficial discussion. Or life gets in the way: we are too busy, too preoccupied to ask each other what we think about these most essential and profound matters. For most of us, life is lived with the philosophical volume turned half down. […] yes, our every act may involve finely nuanced decisions that have to be made; but we have a bus to catch, but we have a bill to pay, but we have to collect the children from school, but …

Aus: Sunshine on Scotland Street, dem achten Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2012, S. 239

Tommie Goerz: Im Schnee (2025)

Der letzte Abschnitt im Leben eines einfachen alten Mannes, in dem Rückschau und Einkehr gehalten wird, das hatten wir bereits in Ein ganzes Leben (2014) von Robert Seethaler und in dem wunderbaren Tage mit Felice (2018) von Fabio Andina. 

In diese Reihe passt auch der ruhig dahinfließende Roman Im Schnee von Tommie Goerz (*1954), den mir Barbara auf die Leseliste gesetzt hat und von dem Bernd Noack in der NZZ schreibt, dass er eine „ungemein fein gesponnene Momentaufnahme vom Ende der vormodernen Zeiten“ sei.

Unter den Apfelbäumen lag Schnee. Der Max stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Es war längst Vormittag. Er hatte seinen Küchenherd eingeschürt, sich einen Kaffee gemacht – und jetzt war nichts mehr zu tun. Es schneite, und er musste nicht nach draußen. Er hatte alles, und niemand wartete auf ihn. Es hätte ein so schöner Tag werden können. (S. 9)

[Max hatte] dem Fallen des Schnees zugesehen. Lange. Immer wieder, seit dem Morgen schon. Wie der Schnee, wenn er hochschaute in das unendliche Grau des Himmels, aus schwarzen Punkten bestand, und wie diese Punkte unaufhörlich auf ihn zuströmten. Bis ihn dieser Sog erfasste, den er immer spürte, wenn er das länger tat. Das war als Kind schon so gewesen. Als ob die Flocken nicht auf ihn zuschwebten, sondern er zu den Flocken hinauf. […] Nichts machte die Welt so ruhig wie der fallende Schnee. Und so friedlich, so sanft. (S. 10)

Schon auf der ersten Seite erfahren wir, warum es dann doch kein schöner Tag werden konnte. Der Schorsch, der beste Freund des alten Max, ist gestorben. Auch wenn Max mit dem Begriff ‚Freund‘ nicht viel anzufangen weiß.

Der Schorsch hat alles reparieren gekonnt. Aber ein Freund? Der war halt immer da gewesen. Und jetzt war er weg. Gestorben. Tot. Da würden sie vieles zu erzählen haben nachher bei der Wacht. (S. 29/30)

Der Schorsch war immer gerne zu ihm gekommen, und er hatte es gern gehabt, wenn der Schorsch kam. Der große Schorsch mit den breiten Schultern, den so warmen Augen und dem freundlichen Blick unter seinen wilden Brauen. […] Wie oft hatten sie zusammen gearbeitet, der Max und der Schorsch. Waren in den Wald zum Holzmachen oder hatten den alten Fendt repariert, Meterholz gespaltet und geschnitten, ein Sägeblatt geschliffen oder Dachziegel ausgetauscht. Wie oft hatten sie auf dem Bänkchen im Hof gesessen und nichts gemacht. Vielleicht eine Flasche Bier getrunken, die Katze gestreichelt, den Spatzen zugesehen, die im Sand badeten, und nur aufs alte Scheunenholz geschaut. Oder im Winter hier beim Max auf dem Chaiselongue, wo es schön warm war. Und manchmal auch gelegen, nebeneinander, und ein Schläfchen gemacht, das Chaiselongue war ja breit genug. Über Jahrzehnte war das so gegangen. Es war etwas zwischen ihnen gewesen. Auch wenn sie schwiegen. (S. 15)

Max ist erleichtert, dass Maicherd, die Frau vom Schorsch, noch eine traditionelle Totenwache abhalten lässt. In dieser Nacht ist dann Raum für viele Geschichten und gemeinsames Trauern, Nachsinnen und Abschiednehmen.

Bei den letzten dreien, die gestorben waren, hatte es keine Totenwacht gegeben. Da haben sie die Verstorbenen noch am selben Tag abholen lassen. […] Aber so kann man doch nicht richtig Abschied nehmen. Bei der Totenwacht war das viel schöner. Da hatte man eine ganze Nacht Zeit zum Plaudern und zum Weinen, und es gab was zum Trinken, einen Schnaps oder zwei, das ein oder andere Bier. Was immer half. Auch dass man zu mehreren war und nicht allein. (S. 18)

Und so werden uns nun aus der Sicht von Max diese Nacht und die Tage bis zur Trauerfeier erzählt.

Der alte Mann zieht dabei Bilanz und verliert sich – zusammen mit den anderen Wachenden – in Vignetten und Erinnerungen, nicht nur an seinen Freund, sondern an ganze Familien, an Bigotterie und Hilfsbereitschaft, an harte Arbeit, an Züchtigungen in der Kindheit, aber auch an den Stammtisch im Gasthaus, an dem Zugezogene aus dem Neubaugebiet selbst nach vielen Jahren noch unerwünscht sind.

Und dazu kommen die zahlreichen Veränderungen, die das Dorf im Laufe der Jahre durchgemacht hat.  

Max lachte leicht auf. ‚Hier? Hier gibt es gar nichts mehr. Keinen Laden, keinen Bäcker, keinen Metzger. Haben wir früher alles gehabt. Sogar mal einen Schmied, einen Schuster, drei Wirtshäuser, einen Wagner, einen Daubner und einen Korbflechter ganz früher und was weiß ich. […] Ein einziges Wirtshaus ist noch da, der Stangl. Der macht aber nur zweimal die Woche auf… ‘ (S. 28)

Er erinnert sich an die Verstorbenen des Dorfes und die verwandtschaftlichen Beziehungen, bei denen ich allerdings irgendwann den Überblick verloren habe.

Goerz gelingt eine wunderbar zwiespältige Balance. Da ist auf der einen Seite die Verwurzelung in einer engen Gemeinschaft, in der man, wenn man das wollte, früher alles finden konnte, einen Ehepartner, Arbeit, Tradition und klare Regeln, Geschäfte, Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der handwerklich Versierten, die die Besen fürs Dorf herstellten oder Maschinen reparierten. Autoritäten wurden nicht hinterfragt. Das Ganze eingebettet in einen einfachen, wir würden heute sagen einen nachhaltigen Lebensstil. Da ist man wahrlich geerdet und pflückt die Kräuter für den Tee noch selbst, von denen der Städter noch nie gehört hat.

Sein Blick wanderte vom Herd rüber zum doppelten Spülbecken, wo der Wasserhahn über dem Rost tropfte, weiter zum wackeligen Tisch an der Wand, zum Küchenbüfett, von dem der vergilbte Lack überall abplatzte oder schon abgestoßen war, über das Fenster mit dem Stuhl davor, hinüber zu den Spinnweben im Herrgottswinkel und dem verstaubten Blumenbuschen, zur tickenden Pendeluhr an der Wand, dem gerahmten Alpenbildkunstdruck auf der gemusterten Tapete … (S. 27)

Aber gleichzeitig hält man auch den Mund, wo man ihn mal hätte aufmachen sollen. Wo man nichts gesagt hat, wenn eine Bäuerin schon wieder blaue Flecken hatte, weil sie „die Treppe heruntergefallen war“.

Je weiter man in der Zeit zurückging, desto mehr Verbindungen fanden sich zwischen den Höfen. Da war der eine mit der anderen verheiratet worden und die mit dem, der hatte die verstoßen oder Streit mit denen gehabt, die ein Kind von dem bekommen, der hatte dorthin verkauft und weiß der Himmel was. Besser, man rührte dort nicht hinein und ließ alles, wie es war. (S. 19)

Zusätzlich zu oder unter dieser engen Idylle gibt es immer noch etwas anderes; halsstarrige Patriarchen, die ihren Kindern vorschreiben, wen sie heiraten dürfen, Aberglaube, Tratsch und soziale Kontrolle, festgefügte Rollenbilder und eine Abneigung und Verachtung gegenüber Zugezogenen und dann gar der Aufruhr, als das Gerücht umgeht, dass in der ehemaligen Schule Flüchtlinge aus Afrika untergebracht werden sollen. Da wird dann einfach mal das Schulgebäude in einer nächtlichen Aktion von den alten Bauern demoliert und die Pläne sind vom Tisch.  – Die Sinneswandlung, die die alten Dörfler später dann angeblich durchmachen, wurde vom Autor leider nur behauptet, glaubwürdig fand ich sie nicht. 

Ein großes Schweigen über wesentliche Fragen deckt viele Wunden und eine ungemein zarte Liebesgeschichte.

Die weißen Rauchfahnen über den Kaminen kündeten von Wärme, von Heimeligkeit, von Wohligkeit. Und von vielen Geschichten. Doch auch von manchem Winkel, der im Zwielicht lag. (S. 162)

Man sprach nur über die Arbeit und das Vieh. Über die Liebe? Die war ein Teufelszeug, schon immer gewesen. Ein Leben lang hatte der Max dagegen angekämpft und sie verborgen. Nur im Verschweigen und Vergessen lag das Heil. (S. 163)

Max schafft es am Ende, diese Doppelbödigkeit seiner Heimat auszuhalten und anzunehmen.

Der Max nahm einen Schluck, längst schneite es heftiger. Das Dorf, ein ruhiger See, eine Idylle? Es war ein Rattennest. Wohin man sah, stieß man auf Komisches und Fragen, manchmal auf Dreck und Müll, so bei beim Höflers Adde. Und trotzdem war es schön da. (S. 164)

Um noch einmal Noack zu zitieren:

Kein Heimatroman, weil Heimat auch hier ein auslaufendes Lebensmodell ist. Goerz’ Liebe zu den Menschen, deren letzte Geheimnisse er nie aufstöbert, die er diskret verschweigt, ist zart und in einem poetischen Sinn aufrichtig.

Fundstück von Alexander McCall Smith

It was true, she thought; that was what our lives were – a quest for beauty. We might not know it – we might never actually express it that way – but that was what we were doing. We yearned after beauty, which we could find in so many different ways, not just in the obvious ones.

aus: Bertie‘s Guide to Life & Mothers, dem neunten Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2013, S. 83

Alice Childress: Like one of the family (1956)

Diese Sammlung von 62 Geschichten, die uns von der schwarzen Haushaltshilfe Mildred erzählt werden, habe ich quasi inhaliert. Sie sind meist nicht länger als zwei Seiten und spielen allesamt im New York der fünfziger Jahre. Die deutsche Übersetzung mit dem Titel Sie gehört ganz zur Familie erschien 1958 im Dietz Verlag.

Mildred arbeitet bei diversen weißen Mittelstandsfamilien. Abends erzählt sie ihrer Freundin Marge von den alltäglichen Vorkommnissen an ihrer Arbeit. Freundin Marge wird uns in der Geschichte All about my job im typischen Stil der Storys näher vorgestellt:

Marge, I sure am glad that you are my friend. … No, I do not want to borrow anything or ask any favors and I wish you’d stop bein‘ suspicious everytime somebody pays you a compliment It’s a sure sign of a distrustful nature.

I’m glad that you are my friend because everybody needs a friend but I guess I need one more than most people … Well, in the first place I’m colored and in the second place I do housework for a livin‘ and so you can see that I don’t need a third place because the first two ought to be enough reason for anybody to need a friend.

You are not only a good friend but you are also a convenient friend and fill the bill in every other way. … Well, we are both thirty-two years old; both live in the same building; we each have a three room apartment for which we pay too devilish much, but at the same time we got better sense than to try and live together. And there are other things, too. We both come from the South and we also do the same kinda work: housework.

Marge selbst kommt dabei gar nicht zu Wort, doch können wir uns ihre Kommentare anhand der Reaktionen Mildreds lebhaft vorstellen.

Mildred erzählt mit Witz, Charme und Menschenkenntnis – und gleichzeitig völlig illusionslos – nicht nur von der Stellung, die sie als schwarze Frau und Haushaltshilfe in einer weiß dominierten Gesellschaft hat, sondern auch von den Freuden und Ärgernissen des Alltags. Sei es, dass der kleine Sohn einer Arbeitgeberin wissen will, wo Musik denn nun eigentlich wirklich herkomme, oder dass sie sich damit herumschlägt, wie sie am besten einem unsympathischen Angeberpaar klarmachen kann, dass sie keinerlei Lust auf eine Fortsetzung der Bekanntschaft hat.

Aber genauso wird in der Geschichte Got to go someplace das Entsetzen thematisiert, dass Weiße quasi nie für Verbrechen an Schwarzen zur Rechenschaft gezogen werden. Dieses Wissen, diese Angst ist bei jedem Ausflug dabei.

Don‘t it give you the goose pimples when you realize that white people can kill us and get away with it? Just think of it! We are walkin‘ targets everywhere we go – on the subway, in the street, everywhere. (S. 25)

In der Geschichte Like one of the Family, die mir vor vielen Jahren zunächst in einer Anthologie für den Schulunterricht begegnete und der ganzen Sammlung den Namen gegeben hat, geht es um Mrs. C., eine ihrer weißen Arbeitgeberinnen. Als Mrs. C. Besuch hat, lobt sie ihre Haushaltshilfe Mildred über den grünen Klee und betont dabei, wie sehr doch die ganze Familie Mildred zu schätzen wisse:

We just love her! She’s like one of the family and she just adores our little Carol! We don’t know what we’d do without her! We don’t think of her as a servant!

Doch Mildred entlarvt die scheinbar netten Worte als das, was sie sind, als gedankenlose Herablassung.

Höflich, aber unmissverständlich bittet sie ihre Arbeitgeberin zu einem Gespräch und öffnet ihr die Augen dafür, was es bedeuten würde, wäre sie tatsächlich ein Teil der Familie:

Mrs. C …, you are a pretty nice person to work for, but I wish you would please stop talkin‘ about me like I was a cocker spaniel or a poll parrot or a kitten …. Now you just sit there and hear me out. In the first place, you do not love me; you may be fond of me, but that is all. … In the second place, I am not just like one of the family at all! The family eats in the dining room and I eat in the kitchen. Your mama borrows your lace tablecloth for her company and your son entertains his friends in your parlour, your daughter takes her afternoon nap on the living room couch and the puppy sleeps on your satin spread …

Wäre Mildred tatsächlich ein Teil der Familie, würde sie sich weder die Unverschämtheiten des Kindes gefallen lassen noch so hart arbeiten müssen und außerdem anständig bezahlt werden.

Am Ende der Geschichte triumphieren – utopisch und wünschenswert – Einsicht und Menschlichkeit:

Marge! She was almost speechless but she apologized and said she’d talk to her husband about the raise….

Dabei wird der Ton nie sentimental. Schließlich rügt sie Marge, weil die vor lauter Zuhören ein Knopfloch ganz unordentlich genäht hat.

Die Schauspielerin und Schriftstellerin Alice Childress (1916 – 1994) ist in diesen Geschichten viel mehr als „nur“ die Chronistin der Rassendiskriminierung in den fünfziger Jahren in New York. Obwohl auch das ihr schon beeindruckend gelingt. Sie löst ihren eigenen literarischen Anspruch ein:

I attempt to write about characters without condescension, without making them into an image which some may deem more useful, inspirational, profitable, or suitable.

Die Hauptfigur Mildred tritt für ihre Würde ein. Dies tut sie klug, witzig, ironisch, lebhaft, anschaulich, direkt und zutiefst menschlich, sodass die meisten Geschichten ein gutes Ende nehmen, was in der damaligen Zeit vermutlich entweder utopisch oder aber mutmachend gewirkt haben muss. So schreibt Trudier Harris in der Einleitung auch etwas einschränkend:

In all her adventures with her white employers, Mildred the maid is a combination of lady in shining armor charging off to attack insensitive racist infidels and the black woman of flesh and blood who knows that a direct confrontation with her white employers could lead to physical violence against her as quickly as it could lead to her dismissal.

Childress hat hier eine Erzählerin geschaffen, die sich weigert, sich durch die Umstände korrumpieren und beschädigen zu lassen.  Die Geschichten sind – trotz der Verankerung in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Umfeld – zeitlos gültig und befragen uns auch heute – nach unseren Fassaden, Hochnäsigkeiten und den alltäglichen, vor allem unbewussten rassistischen Vorurteilen.

Und Roxana Gay hebt in ihrem Vorwort zur Neuauflage von 2017 hervor, dass es genau solcher Bücher bedürfe, um marginalisierte und diskriminierte Menschen in ihrer Würde und ihrer Verletzlichkeit sichtbar zu machen.

By the end of Like one of the Family , the power of Childress‘s writing and Mildred‘s story are undeniable, a clarion call that endures. This is a gorgeous novel that is political without trying to manipulate readers‘ sensibilities, without ever forgetting that a novel, political or not, must first and foremost entertain.

Women‘s Weekly schrieb:

A novel that proves that humor can be the deadliest of weapons …. If power were based on worth, Mildred would be running the nation, not cleaning someone else‘s house.

Anmerkung zur Übersetzung

Die deutsche Übersetzung von Rose Gromulat von 1958 tut sich allerdings etwas schwer mit der Übertragung der mündlichen Sprache des Originals.

Die Geschichte Like one of the Family beginnt im Original mit den Sätzen:

Hi Marge! I have had me one hectic day …. Well, I had to take out my crystal ball and give Mrs. C… a thorough reading. She‘s the woman that I took over from Naomi after Naomi got married. … Well, she‘s a pretty nice woman as they go and I have never had too much trouble with her, but from time to time she really gripes me with her ways.

Die Übersetzung liest sich folgendermaßen:

Hallo Marge! War das ein toller Tag heute… Also, Mrs. C… habe ich ganz schön die Meinung gesagt. Du weißt doch, die Frau, die ich von Naomi übernommen habe, damals, als Naomi geheiratet hat… Na ja, sie ist ja so ganz nett, und ich habe nie viel Theater mit ihr gehabt, aber manchmal kann sie einem mit ihren Touren mächtig auf die Nerven fallen.

Fundstück von Alexander McCall Smith

People who live in small, neat houses may be big-hearted and large-souled – few people can afford large houses, the sorts of houses in which high-ceilinged and spacious thoughts might be imagined to flourish; we may, after all, have to live in some small town in central Scotland rather than Paris but that does not mean that the inner Parisian cannot flourish wherever we are. The danger, of course, is that we spend time imagining that we would be happier elsewhere, and forget to cultivate happiness where fate has placed us. Auden‘s image of the child, scolded in France, wishing he were crying on the Italian side of the Alps came to his mind, and he thought: we are all that scolded child.

Aus: Sunshine on Scotland Street, dem achten Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2012, S. 150

Fundstück von Alexander McCall Smith

The one we admired so much for his litheness, for a smile, for amusing opinions and sense of fun, has become thickset, dour, and dull. Time – and gravity – have done their work and we wonder how we could possibly have been so admiring, so taken with the person we now see before us. Of course we ourselves have changed – we, too, are thickset, dour, and dull – but do not see ourselves as such. Eighteen or nineteen is the age at which most of us are permanently stuck – at least in our own eyes. And why the world should not see us thus is a mystery.

Aus: Sunshine on Scotland Street, dem achten Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2012, S. 91

Fundstück von Theodor Fontane

Da fallen mir doch glatt mehrere Menschen ein, die sich das mal zu Herzen nehmen dürften:

Er [der Vater] sagte das meiste davon mehr zu sich selbst als zu mir, wie er denn, sein ganzes Leben lang, seine Konversation immer mehr nach seinem persönlichen Bedürfnis als nach der Beschaffenheit seiner Zuhörer einrichtete.

Aus: Theodor Fontane: Meine Kinderjahre, Aufbau Taschenbuch, OA 1893, S. 38

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Connie Willis: The Road to Roswell (2023)

Connie Willis (*1945), eigentlich Constance Elaine Trimmer Willis, hat für ihre Science Fiction- und Fantasyromane und Erzählungen schon zahlreiche Preise und Ehrungen eingeheimst, darunter elf Hugo Awards und sieben Nebula Awards

Eigentlich sind Science Fiction und Fantasy eher dünn besiedelte Landstriche auf meiner Landkarte, aber Willis witziger Roman The Road to Roswell hat beim Lesen schon Spaß gemacht. Mal ganz abgesehen davon, dass man so einiges über die abseitigen Verschwörungstheorien der Ufologen und die Schauplätze rund um die angeblichen Sichtungen der Außerirdischen erfährt.

The surest sign that intelligent life exists elsewhere in the universe is that it has never tried to contact us. (Bill Waterson)

Francie Driscoll folgt – wenn auch eher widerwillig – der Einladung ihrer College-Freundin Serena, um bei deren Hochzeit Brautjungfer zu sein. Francie weiß, dass Serena sich immer in die falschen Männer verliebt und sie dann versuchen muss, Serena vor dem Schlimmsten zu bewahren.

And she has terrible taste in men, Frances added silently. Worse than terrible. When Francie first met her, Serena had been dating a kamikaze BASE jumper who‘d wanted her to dive headfirst into the Grand Canyon with him, and her taste hadn‘t improved since then. She‘d dated a gun-stockpiling survivalist and a breatharian, who believed you could survive on air and positive thinking, and been engaged to a soul shaman and a stormchaser. (S. 5)

Auch Serenas neuer Partner reiht sich in diese Riege trauriger Gestalten ein: Russell ist absolut überzeugter Ufologe und dementsprechend soll die Hochzeit im UFO-Museum in Roswell in New Mexico, dem Hotspot aller Aliengläubigen und Ufo-Anhänger, stattfinden. Natürlich zeitgleich mit dem UFO-Festival, das seit 1995 jährlich gefeiert wird.

Leider versucht Serena auch immer wieder, für Francie einen passenden Mann zu finden: Beim letzten Versuch, Francie zu verkuppeln, kam Serena mit einem Geisterjäger an, der in Geisterstädten nach dem Ektoplasma verstorbener Outlaws suchte, also dem Stoff, der angeblich aus den Körperöffnungen eines Mediums tritt.

Bereits bei ihrer Ankunft am Flughafen in Albuquerque bekommt Francie einen Vorgeschmack, wie ernsthaft die Ufo nut jobs ihre Verschwörungstheorien nehmen. Schon in der Warteschlange beim Autoverleih wird sie über die verschiedenen Arten von Aliens belehrt, bekommt Verhaltenstipps (Aliens würden Menschen furchbar gern nachts in ihren Autos überfallen und dann entführen) und die ersten Infos, dass angeblich wieder ein Ufo – wie schon 1947 – in der Nähe von Roswell gesichtet worden sei. Alle seien in heller Aufregung.

Aber natürlich geht alles gut und Francie kommt wohlbehalten im UFO-Museum in Roswell an. Allerdings ist Serena arg im Stress, da ihr Verlobter Russell die UFO-Sichtung verifizieren müsse, um eine neuerliche Vertuschung des Vorfalls durch die Regierung zu verhindern. Dabei wäre noch einiges für die Hochzeit zu organisieren. Francie will ihrer Freundin helfen und bietet an, rasch kleine Lichterketten für die Dekoration aus Serenas Auto zu holen.

Doch daraus wird nichts, denn Francie wird im Auto von einem Alien, der einem Tumbleweed zum Verwechseln ähnlich sieht, mit Hilfe seiner Tentakeln, die so schnell wie Blitze sind, entführt, genauer gesagt, Francie muss losfahren, mit unbekanntem Ziel, obwohl sie weiß:

All the self-defence classes said never go with a kidnapper – they just wanted you to get you to some isolated spot, far from help. Which in this case might mean a flying saucer. Or another planet. (S. 33)

Doch der Alien ist unerbittlich und so nimmt eine irre Fahrt ihren Lauf. Um sein Ziel zu erreichen, werden noch weitere Menschen von den Tentakeln zu der unfreiwilligen Fahrgemeinschaft verdonnert, als da wären ein charmanter Betrüger namens Wade, der nach einer Autopanne eigentlich nur als Anhalter am Straßenrand stand, und Eula Mae, eine zierliche ältere Dame mit erstaunlichen Fähigkeiten. Auch Lyle, ein aggressiver und egozentrischer Verschwörungstheoretiker, muss wohl oder übel einsteigen und ist sicher, dass Indy, wie sie den Alien inzwischen getauft haben, sie alle wahlweise sezieren, töten oder schwängern wird, um anschließend die Weltherrschaft aufzurichten. Als es in Serenas Wagen langsam zu eng wird, entführt Indy kurzerhand ein komfortables Wohnmobil samt Joseph, der eigentlich nur alle Stätten sämtlicher Westerndrehs abfahren wollte. 

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade. Auch wenn es bei 399 Seiten einige Längen und überflüssige Wiederholungen gab und die Liebesgeschichte ein bisschen platt war: Es macht Laune, diesem oft auch screwballmäßigen Roadmovie zu folgen und zu erfahren, wie die Erdlinge und Indy allmählich einen Modus der Kommunikation finden und was Indy überhaupt mit seinen menschlichen Geiseln bezweckt. 

Hier lang zu einem – wenn auch schon etwas älteren – Interview mit der Autorin.

Fundstück von Alexander McCall Smith

And it did not matter who or what it was that we loved. Auden said that when he was a boy he loved a pumping engine and thought it every bit as beautiful as the ‘you‘ whom he later addressed. We loved people because they were beautiful or witty or smiled in a way that made us smile; we loved them because they spoke or walked in a certain way or because they had a dimple in exactly the right place; we loved them because they loved us or, sadly, because they did not love us; we loved them because they had a way of looking at things, or because there was a certain light in their eyes that reminded us of the sunlight you saw caught in a rock pool on a Hebridean island; or because they wore a kilt or black jeans or a Shetland sweater or could recite Burns or play the guitar or knew how to make bread or were kind to us and tolerated us and our ways and our stubborn refusal to stop loving them. There were so many reasons for loving somebody else; so many; and it made no sense to sit about and think about whether it was a good idea or not because love was like a bolt of lightning that came from a great cumulonimbus cloud that was far too great for us to blow it away; and it struck and we just had to accept it and get on with the business of trying to exist while all the time there was this great wave of longing within us like a swell in the sea, one of those great rolling waves that comes in off the Atlantic and hits Ardnamurchan and cannot be fought against, because fighting love like that is hopeless and you should just go under and let it wash over you and hope that when you come out from under the wave you will still be breathing and that you will not have drowned, as people could – they could drown in love, just drown.

aus: Bertie‘s Guide to Life & Mothers, dem neunten Band der Reihe 44 Scotland Street  von Alexander McCall Smith, 2013, S. 172/173

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Mein 13. Rückblick auf‘s vergangene Lesejahr

Wie schon in den vergangenen Jahren möchte ich auch am Ende dieses Jahres einen kurzen Blick auf meine persönliche Bestenliste werfen, bevor ich mir dann die immer neue Frage stelle, was ich als nächstes aus den diversen Bücherstapeln hier im Haus fische. Aus den Vorsätzen, was das (Nicht-)Kaufen von Büchern angeht, ist folgender Plan geworden: Hier kommen nur so viele neue Bücher rein, wie auch das Haus verlassen. Andernfalls mache ich mir Sorgen um die Statik und das Abwedeln der Bücher ist ja auch eher so eine spaßfreie Angelegenheit …

Krimis

Verrückte Geschichte

Tagebuch

Freundliche Bücher

Romane, die im Gedächtnis bleiben

(Auto-)Biografien und Erinnerungen

Schmöker

Sachbuch, das mir und euch gleich sechs Beiträge abverlangte 😎

Für mich unerwartet: Das Werk, das mich dieses Jahr vermutlich mehr als alle anderen Bücher beeindruckt und beschäftigt hat, ist ein Comic über einen Überlebenden des Holocaust:

Die letzten Tage habe ich mich durch Sörensen macht Urlaub, den fünften Band der Sörensen-Krimis, gefräst. Der hat mir gut gefallen, nachdem ich den vierten als etwas bemüht in Erinnerung hatte. Auch wenn ich hoffe, dass der sechste Band vielleicht wieder etwas ruhiger und ja, auch wieder witziger wird. Als Sörensen-Fan imponieren mir gestiegene Opferzahlen kein bisschen. Aber wie Sörensen seinen Urlaub verbringt, ist natürlich großes Kino. Nicht zur Nachahmung empfohlen.

Ich weiß ja nicht, wie ihr so eure Bücher aussucht. Manche scheinen das streng nach Leseprojekten und -vorlieben steuern zu können. Mir laufen die ja immer so zu, keine Ahnung wo, wie und warum.

Bleibt mir, euch ein kräftiges Dankeschön zu sagen für alle Besuche, Likes und Kommentare und – selbstredend zähneknirschend – auch für all eure Anregungen und Empfehlungen, denen ich nur zu gern nachgebe und nachgehe. Euch allen immer das passende Buch anbei!

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Fundstück von Ennio Flaiano

Ehrlich gesagt, ich reise nicht gerade gern. Alle meine Reisen habe ich widerwillig angetreten; die Realität der neuen Länder ist nicht mehr wert als die der alten. Die nie gesehenen Städte beunruhigen mich, wenn ich dort ankomme, wie wirkliche Menschen, die man zuerst einmal aufmerksam kennen lernen muß […] Der Verkehr, die Bewohner, gewisse Sätze, die man zufällig auffängt, die Antworten des Burschen am Buffet, die Schattierungen des neuen Dialekts, sie interessieren mich nicht mehr, sie machen mich nun traurig. […] Und was mich in meiner gewohnten Umgebung nur selten berührt, daß nämlich das Leben mit jedem Tag verrinnt, ein für allemal, enthüllt sich mir anderswo als unabänderlich wahr.

aus: Ennio Flaiano: Nächtliches Tagebuch, Ammann Verlag, Zürich 1988, S. 7

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Zum neuen Jahr ein Fundstück von Alexander McCall Smith

Most of us, he thought, led lives that happened to us. We drifted into what we did; we fumbled our way past the challenges and obstacles we encountered; we took up one thing, dropped another; and then, rather too suddenly  for most of us, the realisation came that it was almost over, and what exactly had we done with our time? 

Aus: Bertie plays the Blues, dem 7. Band der Reihe 44 Scotland Street von Alexander McCall Smith, 2011, S. 147 

Der inzwischen schon obligatorische Jahresrückblick auf buchpost erfolgt ein bisschen später, doch egal, ob ihr gerade Party macht oder mit McCall Smith darüber nachsinnt, was ihr so mit eurer Zeit getan habt, egal, ob ihr eher frohen Mutes oder eher betrübt ins neue Jahr geht, ich wünsche euch allen einen behüteten Beginn des Jahres 2025, immer das richtige Buch anbei, genügend Glitzer und uns allen weiterhin viel Freude mit den Büchern, dem Bloggen und dem Lesen der Bücher und Blogs.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen (2024)

Ein neues Buch von Joachim Meyerhoff. Wie schön. Mit Man kann auch in die Höhe fallen – der Titel entstammt einem Hölderlin-Zitat – liegt inzwischen der sechste Teil seiner stark autobiografisch geprägten Reihe Alle Toten fliegen hoch vor.

Der Inhalt ist vermutlich vielen schon halbwegs bekannt: Meyerhoff (*1967) geht es nach seinem Schlaganfall – unbedingt nachzulesen in seinem Hamster im hinteren Stromgebiet – und dem Umzug von Wien nach Berlin nicht besonders gut.

Angst und Langeweile vertrugen sich ganz ausgezeichnet. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass man wochenlang auf der faulen Haut liegen und derart entspannt vor sich hin implodieren konnte. Die auf dem Sofa verbrachten Stunden nahmen bizarre Formen an, und oft wusste ich nicht mehr, wo ich aufhörte und die Couch begann. (S. 11)

Er hat seine Gereiztheit und Antriebslosigkeit nicht mehr im Griff, rastet auf dem Geburtstag seines kleinen Sohnes aus, erschrickt vor sich selbst und verordnet sich eine Auszeit bei seiner 86-jährigen Mutter auf dem Land. Zu seinem 56-Geburtstag wünscht er sich von ihr, der gelernten Krankengymnastin, eine Fußreflexzonenmassage.

Niemand außer meiner Mutter fasste derart selbstverständlich meine Füße an. Meine Füße waren Eremiten und fristeten ihr Dasein weltabgewandt in Einsiedeleien von Adidas. (S. 31)

Dort schuftet er im Garten, geht mit seiner eigensinnig-sturen und manchmal auch durchaus unliebenswürdigen Mutter, die meiner Klischeevorstellung von einer 86-Jährigen zum Glück so gar kein bisschen entspricht, schwimmen, versucht, wieder Geschichten zu Papier zu bringen, körperlich in Form zu kommen und sich überhaupt klar über das zu werden, was war und was er nun eigentlich will. Das liest sich – wie alles von Meyerhoff – hinreißend.

Wieder folge ich leicht fassungslos den komischen, harten und melancholisch-bizarren Geschichten dieses Ausnahmeerzählers, bei dem ich es so mag, wie er mit Sprache spielt und wie sich abstrus alberne und auch witzige Episoden, bei denen der Erzähler weder sich selbst noch seine Figuren schont, mit Anrührendem und zutiefst Menschlichem die Klinke in die Hand geben. Dabei gibt es drei Hauptlinien: einmal Erinnerungen an die Kindheit, für die man im Hause Meyerhoff anscheinend schon ziemlich tough sein musste, dann Geschichten und Anekdoten von denkwürdigen Theater-Aufführungen und Rollen, die er spielen musste, und dann Szenen aus Berlin, die erklären, warum er sich dort so noch gar nicht heimisch fühlt. Zusammengehalten wird das durch die vielen Tage mit seiner Mutter auf dem Land, der er abends vorliest, was er tagsüber geschrieben hat, die ihm Aufträge für die Gartenarbeit gibt und auch selbst eine resolute und lebensfrohe Persönlichkeit ist, mit der so etwas wie Langeweile oder gar vorhersehbare Reaktionen gänzlich ausgeschlossen sind. Und die eines Abends unvermittelt für Joachim bei einer Lesung in Lübeck einspringen muss, da ihr Sohn es nicht schafft, vor das Publikum zu treten.

Zu Beginn seines Landaufenthalts macht sie beim Zubettgehen folgende Ansage:

‚So mein lieber Sohn, ich werde jetzt noch lesen. Du musst dich alleine beschäftigen. Bekommst du das hin? […] Ich muss für meinen Literaturkreis noch ein Buch durchbekommen. Gefällt mir gar nicht. Eigentlich wollen alle immer nur noch Kitsch. Kitsch und Krimis. […] Nebenher lese ich deshalb noch etwas von Knut Hamsum: August Weltumsegler. Das ist ganz hervorragend. Ich liebe lange Sätze. Du könntest auch mal versuchen, etwas längere Sätze zu schreiben. So wie Thomas Mann. Oder lies Doderer, das würde deinem Wortschatz wirklich guttun. Morgen erzählst du mir bitte ausführlich, warum es dir nicht gut geht und was da in Berlin vorgefallen ist, dass du mir jetzt hier die Ehre erweist.‘ […] Meine Mutter musterte mich mit ratloser Freundlichkeit. ‚Wenn man dich anguckt, wird man schlagartig unglücklich. Aber jetzt komm erst mal an und schlaf gut. Dein Bett habe ich dir frisch bezogen… (S. 34)

Was mich diesmal besonders hat innehalten lassen, waren die abgedruckten Seiten aus einem Grundschulheft, das seine Mutter über all die Jahrzehnte aufbewahrt hat. In der vierten Klasse hat sich Meyerhoff von seiner – damals vermutlich nicht diagnostizierten – Legasthenie nicht davon abhalten lassen, eine zauberhaft fantasievolle Geschichte aufzuschreiben. Und ja, als Lehrerin möchte ich angesichts dieser unendlichen Fehlerfülle schmerzerfüllt aufstöhnen, und gleichzeitig ist es so berührend zu sehen, was für eine schöne Geschichte er sich da über viele Seiten hin ausgedacht hat.

Und ich denke an all die Schülerinnen und Schüler, die aufgrund dieser Qual in den ersten Schuljahren möglicherweise alle Freude an Geschichten, am Schreiben und am Lesen verloren haben. Und nun ist so jemand, der von sich behauptet, immer nur knapp die Versetzungen geschafft zu haben, ein gefeierter Schriftsteller und Schauspieler. Wenn das nicht Mut machend ist und einem den (Lehrerinnen-)Horizont weitet, dann weiß ich auch nicht.

Hier lang zu einer Lesung mit Meyerhoff.

Hier geht’s lang zu weiteren Meyerhoff-Besprechungen:

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Molly Thynne: The Crime at the Noah‘s Ark (1931)

Molly Thynne (1881 – 1950), die aus einer vermögenden Familie mit adligen Vorfahren stammte, veröffentlichte zwischen 1928 und 1933 insgesamt sechs Kriminalromane, die – nachdem sie Jahrzehnte in Vergessenheit geraten waren – von Dean Street Press neu aufgelegt wurden. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Eingeschneit mit einem Mörder.

In The Crime at the Noah‘s Ark handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten einer bekannten Cozy Crime-Anordnung: Eine Reihe Reisender strandet kurz vor Weihnachten in einem großen Landgasthaus namens Noah‘s Ark, nachdem die Straßen nach tagelangen Schneefällen endgültig unpassierbar geworden sind.

Die zusammengewürfelte Gästeschar besteht u. a. aus Angus Stuart, der als Schriftsteller gerade zum ersten Mal einen Bestseller geschrieben hat und eigentlich auf dem Weg in ein richtig teures Ferienressort war, zwei älteren hilflosen Damen, denen Angus freundlicherweise eine Mitfahrgelegenheit anbietet, nachdem ihr Auto im Schnee steckengeblieben ist, dem bodenständigen Handelsvertreter Soames und den adligen Romneys. Dann gibt es noch eine unausstehliche Pseudo-Amerikanerin, die sich weigert, ihren teuren Schmuck im Safe einzuschließen, den gut aussehenden Eintänzer Melnotte und ein dem Alkohol zugeneigter Major, der alle Frauen belästigt, die das Pech haben, sich im gleichen Raum wie er zu befinden. Nicht zu vergessen Mrs Orkney Claude, die gar schrecklich erblasst, als sie der anderen Gestrandeten ansichtig wird, sowie den brillanten Schachspieler Dr. Constantine, der noch in zwei weiteren Krimis der Autorin eine entscheidende Rolle spielt. Und so verwirren sich die Handlungsfäden erst mal ordentlich, da wird gestohlen, das Diebesgut gesucht und Wachen organisiert. Es werden zarte Bande geknüpft und heimliche Stelldicheins belauscht. Wenig überraschend: Einer der Gäste wird den unfreiwilligen Aufenthalt in Noah‘s Ark nicht überleben.

Das ist zunächst nett und unterhaltsam.

He [Angus] managed to spend a fair portion of the rest of the day in the company of Angela Ford, and was even introduced to her sister, with whom he held a short and devastatingly banal conversation, in the course of which he discovered, to his astonishment, that her only interest in life was in gramophone records, of which she possessed an incredible number. (S. 47)

Aber irgendwann wurde mir das planlose Hin und Hergelaufe der verschiedenen Gäste, die entweder den Übeltäter auf frischer Tat ertappen wollten oder selbst Übles im Schilde führten, auf den nächtlichen Gängen des recht unübersichtlichen Hauses mit seinen endlosen Fluren und mindestens zwei Treppenaufgängen des Guten zu viel und damit leider auch sehr eintönig.

Also kein Vergleich mit dem wesentlich besseren The Draycott Murder Mystery, das 1928 erschienen ist.

Nachtrag: Dass sich Menschen trotz Wetterwarnungen auf den Weg machen und dann in einem eingeschneiten Pub festsitzen, kommt übrigens anscheinend gar nicht so selten vor, wie man hier nachlesen kann.

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Alexander McCall Smith: 44 Scotland Street (2005)

Bereits 2010 erklärte Charlotte Philby in einem Artikel des Independent:

In the past 10 years or so, McCall Smith has become – in his own words – ‘one of the biggest literary enterprises in the world‘; his is now a brand involving 50 publishers across the globe. His books – which are translated into 46 languages, with particularly high readerships in Sweden, Singapore and the United States – have sold more than 40,000,000 copies to date. Maintaining this position involves a mind-boggling schedule of literary events, dinners, talks, signings and social events both here and abroad, while responding to a constant barrage of readers‘ letters. And all that alongside the small matter of churning out an average of four to five books a year.

Ganz offensichtlich hat der vielfach ausgezeichnete, mit Preisen und Ehrendoktorwürden bedachte Rodney Alexander Alasdair McCall Smith (*1948 im heutigen Zimbabwe) in Deutschland nicht die Anerkennung erfahren, die ihm in anderen Ländern zuteil wurde. 2005 hängte er seine akademische Karriere als Professor der Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Medizinrecht und Ethik an den Nagel. Seitdem hat er selbst längst den Überblick darüber verloren, wie viele Bücher er ingesamt geschrieben oder an denen er mitgewirkt hat; seine Verleger sagen, es seien inzwischen über 110.

Der britische Autor, der mit 17 zum Studium nach Schottland kam, lebt seit 1984 in Edinburgh, in direkter Nachbarschaft zu Ian Rankin. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht, aber anscheinend braucht McCall Smith nicht so viel Schlaf. Jedenfalls hat er bisher sieben Romanserien, diverse Einzelbände, Anthologien und unzählige Kinderbücher veröffentlicht. Er reist ganz furchtbar viel, hat das mir außerordentlich sympathische Really Terrible Orchestra mitbegründet, gibt Lesungen und Interviews und erfreut sich an maßgeschneiderten Anzügen und edlen Schuhen aus Straußenleder. Und die Idee zu dem Gemeinschaftsprojekt The Great Tapestry of Scotland, dem Wandteppich, der die Geschichte Schottlands zeigt, stammt ebenfalls von ihm. McCall Smith engagiert sich für mehrere wohltätige Einrichtungen und hat nebenher noch eine Insel gekauft, um sie vor dem Einfluss des Menschen zu bewahren. Im Sommer 2024 wurde er von King Charles für seine Verdienste um Literatur, Lehre und Wohltätigkeit zum Ritter ernannt.

Am bekanntesten sind vermutlich seine Bücher um die Detektivin Mma Precious Ramotswe, die inzwischen auch verfilmt wurden. Seit 1998 sind 25 Bände um die sympathische Hauptfigur, die ihre kleine Detektei in Botswana betreibt, erschienen, die allein in der englischen Fassung über 20.000.000 Mal verkauft wurden.

Ebenfalls sehr erfolgreich ist seine Reihe 44 Scotland Street (benannt nach dem ersten Band der Reihe), die inzwischen auch schon 17 Bücher umfasst und wahlweise als „Saga“, „Soap Opera“ oder als „work of art“ bezeichnet wird. Die Meinungen gehen also weit auseinander. Mindestens vier davon gibt es inzwischen auf Deutsch. Die ersten Bände erschienen zunächst als Fortsetzungsromane in der Zeitung The Sotsman. In einem Interview erklärt der Autor, wie es zu diesem Projekt  gekommen ist:

The series arose from a conversation I had in San Francisco last July [2005]. Amy Tan had a party for me – it was very nice, very generous of her – and I bumped into Armistead Maupin there and talked to him about his Tales of the City, which I thought was a very entertaining book.

When I got back to Scotland, one of the papers asked me to write about this trip to San Francisco and Los Angeles, and I mentioned the conversation. I said, ‘What a pity that newspapers are no longer doing serial novels.‘ This was a 19th century thing with Dickens, and indeed Flaubert did Madame Bovary in a similar fashion. The editor of the Scotsman read this and asked me to lunch. He said, ‘You’re on.‘ It had been a very generous lunch, so I said yes.

Ihren geografischen Ursprung hat die Reihe in der fiktiven Adresse 44 Scotland Street in Edinburgh. In diesem Mehrparteienhaus leben die rüstige Anthropologin Domenica MacDonald, der attraktive, aber völlig narzisstische Endzwanziger Bruce Anderson und seine Untermieterin, die zwanzigjährige (und leider etwas fad geratene) Pat, die einen Job in einer kleinen Kunstgalerie annimmt. Die Galerie wiederum gehört Matthew, dem geschäftlich hoffnungslos unterambitionierten, aber freundlichen Sohn eines reichen Edinburgher Geschäftsmannes.

To love that which one cannot attain. It‘s terribly sad, really. But people persist in doing it. (S. 76)

Weitere wichtige Orte sind noch Big Lou‘s Café, in dem insbesondere Matthew gern seine ausgedehnten Pausen verbringt, und die Cumberland Bar, in der sich einige der Protagonisten abends treffen, so zum Beispiel der Porträtmaler Angus Lordie. Lordie ist jemand, der davon träumt, diejenigen Reinigungskräfte zu rehabilitieren,

who threw expensive installations out in the belief that they were rubbish. (Band 5, S. 21)

Angus erscheint stets in Begleitung seines Border Collies Cyril und erteilt – als eingefleischter Junggeselle – Pat Ratschläge in Sachen Liebeskummer:

‘Oh yes, you can,‘ said Angus Lordie, his voice raised slightly. ‘You can stop yourself from loving somebody perfectly well. You simply change the way you look at them. People do it all the time.‘ Domenica now joined in. ‘[…] I feel that I must agree with Angus. Of course you can change the way you feel about something or somebody. But it requires an effort of the will – a conscious decision to recognise what you have missed.‘ ‘Precisely,‘ said Angus. ‘And this is exactly what the Professor of Aesthetics at Harvard did. She decided that she found palm trees beautiful – before that she thought them an unattractive sort of tree. Then she discovered that she liked the way that their fronds made striped light. And after that, palm trees were beautiful.‘ (S. 269)

Dieses Zitat zeigt, wie Alexander McCall Smith vorgeht: Eigentlich erkunden Angus, Domenica und Pat gerade einen der unterirdischen Gänge, die unterhalb ihrer Straße verlaufen. Und eher nebenbei wird in dem Rat für Pat, die sich dummerweise in ihren WG-Partner Bruce verliebt hat, eine Harvard Professorin erwähnt. Googelt man ein bisschen, stellt man fest, dass sich die Anspielung auf Elaine Scarry bezieht, die sich in ihrem Essay On Beauty and Being Just mit Fragen der Schönheit beschäftigt. Wer McCall Smiths Bücher liest, sollte also gerade diesen lohnenden Nebenwegen, Abzweigungen und scheinbaren Nebensächlichkeiten folgen.

Pats Vater kann den Kummer seiner Tochter über den schönen, aber eitlen Gecken Bruce nachvollziehen und tröstet sie:

Falling out of love is every bit as painful as falling out of a tree – and the pain lasts far longer. (S. 297)

Der heimliche Held und Liebling der Serie ist für viele Leserinnen und Leser aber zweifellos der sechsjährige Bertie Pollock. Er lebt mit seinem phlegmatischen Vater Stuart und seiner unerträglich verblendeten Mutter Irene ebenfalls in 44 Scotland Street. Irene geht mit ihrer Obsession für die Schriften der Psychoanalytikerin Melanie Klein allen auf die Nerven und sie streicht Berties Kinderzimmer immer wieder rosa, um seine weibliche Seite zu fördern. Die anderen Mitbewohner hören Bertie oft Saxophon spielen, der Junge ist hochbegabt und wird von Mutter Irene nicht nur zum Musizieren gedrängt, er muss auch Italienisch lernen und Kinderyoga besuchen. Darüberhinaus wird Bertie nach einigen Vorkommnissen zu regelmäßigen Therapiestunden bei Psychoanalytiker Hugo Fairbairn verdonnert. Berties unerschütterliche Freundlichkeit und seine gleichzeitigen Versuche, nicht nur der Knute seiner Mutter zu entkommen, sondern auch seinen Platz zwischen den rabiaten Mitschülern in der Rudolf Steiner Schule zu finden, haben ihn – zur Überraschung des Autors – zum absoluten Sympathieträger gemacht, an dessen Wohlergehen Menschen weltweit Anteil nehmen. So erklärt es sich wohl auch, dass Bertie in den ersten Bänden gar nicht älter wird, während für andere Protagonisten mehrere Jahre vergangen sind.

Im Vorwort zum sechsten Band der Reihe schreibt McCall Smith:

Bertie‘s situation is as difficult as ever; his is a hearth from which freedom seems for ever excluded. And that, alas, is true for so many of us. How many of us are really free of our past, of the things we have to do that we do not want to do, of the furniture of our life that is never really in quite the right place? Perhaps that is why Bertie is so popular. He reminds us of a yearning that many of us instinctively recognise within ourselves.

In kurzen Kapiteln, die ständig zwischen den Hauptpersonen wechseln, erfahren wir, was sie den ganzen Tag über so tun, mit welchen Ärgernissen, Sorgen, Sehnsüchten, Fragen und Freuden beruflicher oder privater Art sie sich herumschlagen.

The prosaic, the quotidian are infused with a new gentleness, a new loveliness, by the fact that one senses that there is love in the world and that one has glimpsed it; been given one‘s share. (Band 5, S. 37)

Das ist manchmal dezent humorvoll, manchmal langweilig und manchmal schüttelt man den Kopf – es gab Kapitel, die habe ich nur quergelesen -, und manchmal anrührend und dabei ausnahmslos menschenfreundlich.

For a few moments neither spoke, as each felt sympathy for the other, as the same conclusion – quite remarkably – occurred to each: here is a person, another, who is so important to himself, to herself, and so weak, and ordinary, and human as we all are. (S. 210)

Hin und wieder erlaubt sich der Erzähler aber auch kleine Spitzen, die das Ganze vor dem Abdriften ins allzu Süßliche bewahren:

The trouble with The Prophet [by Kahil Gibran] was that it all sounded so profound when you first encountered it, and yet it was the sort of thing that one grew out of – just as one grew out of Jack Kerouac. It was entirely appropriate to have The Prophet on one‘s shelves in one‘s early twenties, but not, he thought, in one‘s forties, or beyond. One must be prepared to let go of The Prophet. (Band 2, S. 5)

There are many women whose lives would be immeasurably improved by widowhood, but one should not always point that out. (Band 2, S. 6)

McCall Smith gibt seinen Figuren sicherlich viel von sich mit, wenn er Aggression, Hetze und Uniformität sowie die Gleichförmigkeit der Geschäfte und Bars beklagt, die infolge der Globalisierung ihre Individualität verlieren. Und wenn seine Figuren plötzlich innehalten, weil ihnen in einem besonderen Moment die Schönheit Edinburghs deutlich wird, dann wird die Verbundenheit des Autors mit seiner Stadt deutlich. Sein Credo der gegenseitigen Rücksichtnahme, der Toleranz und der Freundlichkeit hat fast etwas aus der Zeit Gefallenes, was McCall Smith natürlich bewusst ist, aber seine Leserinnen und Leser mögen genau das. In einem Interview aus dem Jahr 2006 heißt es:

I was discouraged in the past in that I didn’t meet with a great deal of success. My children’s books were moderately successful as were some of my short stories, but I really felt frustrated, as many writers do. I’m old fashioned. I may as well admit it. Certainly my writing didn’t fit the received notions of what Scottish literature in the eighties and nineties was at all. I was regarded as a bourgeois writer when everybody was being very aggressive, in-your-face. That was clear to me. I was resigned to that. People had said to me, „Your writing is probably too gentle, too whimsical, to fit the zeitgeist.“ What gave me confidence was this confirmation from readers.

Das Hässliche, wie die maroden Hochhäuser der Randgebiete, taucht in 44 Scotland Street nur ganz am Rande auf. Soziale Probleme werden zwar in den Gesprächen erwähnt, in der Handlung aber weitgehend ausgeblendet oder sie tauchen höchstens in Form des aus Glasgow stammenden Kriminellen Lard O‘Connor auf, dessen Sympathie für Bertie später sogar sinnvoll genutzt werden kann, um Big Lou, der Café-Besitzerin, aus der Patsche zu helfen.

What is that corny line from the musical? I let my golden chances pass me by. Yes, that was it; sentimental, but absolutely true. We all let our golden chances pass us by – all the time. (Band 2, S. 169)

Das mag mancher als betulich oder weichgespült empfinden, so wird Alexander McCall Smith von der deutschen Kritik ja auch weitgehend ignoriert. In anderen Ländern sieht das anders aus. Stellvertretend für viele andere sei hier ein Zitat aus der Times genannt:

… with a mastery of comic understatement and a powerfully evident sympathy for his subjects and their milieu, Alexander McCall Smith sets out a world where the old rituals of politeness and respect hold sway. His unassuming, carefully voiced tour of the small things that make life worth loving is a quiet delight.

Die Stärke dieser Bücher liegt sicherlich nicht in ausgereiften Charakterschilderungen, aber insgesamt sind sie ein unterhaltsamer und liebenswürdiger Kosmos mit interessanten und leicht schrulligen Charakteren. Und was mich immer wieder an McCall Smith fasziniert, das sind diese vielen kleinen und treffenden Beobachtungen und die unzähligen in die Dialoge eingesponnenen Anspielungen auf Geschichte, Ethik, Psychologie, Kunst, Malerei und Dichter wie Robert Garioch. Selbst obskure Wissenschaftler werden gestreift, wie z. B. Rupert Sheldrake. Und selbstverständlich warte auch ich, wie alle, die diese Reihe lesen, auf den endgültigen Befreiungsschlag des kleinen Bertie.

We‘re all looking for something, of course, even if we don‘t know what it is. And most of us don‘t know, do we? (Band 6, S. 179)

Jedenfalls würde ich jetzt gern nach Edinburgh reisen, die Buchläden unsicher machen und alle Museen und Galerien besuchen, mich zu W. H. Auden belesen und die Gemälde von Henry Raeburn, Elizabeth Blackadder, S. J. Peploe, Francis Cadell und all den anderen Malerinnen und Maler anschauen, die da so im Vorübergehen gestreift werden.

Hier noch einige Autoren und Titel, die Alexander McCall Smith selbst gern liest:

  • Somerset Maugham
  • E. F. Benson: Mapp and Lucia
  • John Murray:  A Few Short Notes on Tropical Butterflies
  • Marcel Proust
  • Brian Moore
  • Gustave Flaubert: Madame Bovary
  • William Dalrymple: From the Holy Mountain

Und hier noch ein Interview mit ihm aus dem Jahr 2008.

Komplett nebensächliche Fußnote: Mccall Smiths Lektoren haben nicht bemerkt, dass der Autor im vierten Band Antonin Artaud und Alphonse Allais verwechselt. 🤓 Und dabei verdanken wir Allais so beeindruckend betitelte Werke wie das das komplett in Weiß gehaltene Erstkommunion chlorotischer (bleicher) Mädchen bei Schneefall (1883) und das rote Werk Tomatenernte durch apoplektische Kardinäle am Roten Meer (1884).

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Peter Bichsel: Die schöne Schwester Langeweile (2023)

Wie vermutlich bei vielen meiner Generation kam die Deutschlehrerin in der Oberstufe mit Texten aus Peter Bichsels Sammlung Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen (1964) um die Ecke. Ich war milde verwundert, warum die meisten anderen diese Geschichten, in denen man in jedem dieser herrlich lakonischen Sätze eine Bedeutung finden konnte, nicht ausstehen konnten.

Und dann Anfang der neunziger Jahre war ich zufällig bei einer Lesung, als Bichsel (1935 – 2025) auf Lesereise in London an der dortigen Deutschen Schule war. Und das ist ja nun schon drei Tage her, aber ich meine mich noch genau zu erinnern, wie da so ein lässiger Typ mit zerknitterten Jeans und wuscheligen Haaren aufs Podium kam und all die anderen in ihren Anzügen und ordentlichen Frisuren doch ein wenig steif und albern daneben wirkten. Und auf all die mühsam vorbereiteten und höchst intellektuell klingenden Fragen gab er so bodenständige, aber doch durchdachte Antworten, weit entfernt vom schlauen Wortgeklingel, dass es einfach eine Freude war.

Ich mag Peter Bichsel und seine unaufgeregten und alltagstauglichen Texte, in denen er über Scheinaktualität und unsere angebliche Zeitzeugenschaft nachdenkt, immer noch.

Ich bin jedenfalls überzeugt, daß breitgetretene Langeweile und Angeödetheit zu einem Kriegsgrund werden könnten. (S. 21)

Aktuell ist das, was unsere dauernden Langeweile unterbricht. Oder anders: seit wir uns nicht mehr gemütlich langweilen können, sind wir empfänglich geworden für Scheinaktualitäten. Die Frage ist nur, ob die wirkliche Aktualität – ein bißchen Tschernobyl zum Beispiel – unsere Langeweile noch zu unterbrechen vermag. (S. 40)

Im Tagebuch von Ennio Flaiano steht der wunderschöne und bitterböse Satz: ‚Und meine Reisen in China haben wahrhaftig wenig Bedeutung, verglichen mit den tastenden Schritten im Dunkeln vom Bett zur Küche, auf der Suche nach einem Glas Wasser.‘ (S. 56)

… und ihre sanfte Schwester, die Langeweile. Jene Langeweile, die die Zeit lang macht, das Leben lang macht, jene lange Weile, die mir Zeit gibt, die mir ‚lange Zeit‘ gibt, auf Schweizerdeutsch ‚Längi Zyt‘, ein wunderschönes Wort für Sehnsucht. (S. 67)

Ich habe mich schon als Kind für das ‚lange‘ Leben entschieden, für ein Leben mit Buchstaben, die man aneinanderreihen muß, einen nach dem anderen, täglich Tausende […] Ob das gescheit ist? Nein, das ist wohl nicht sehr gescheit, und ich bin überzeugt, daß nicht nur Drogensüchtige, sondern auch Leser soziale Kosten verursachen, sie verträumen das Leben, sie stolpern mit ihrem Tolstoi im Kopf über die Straße und gefährden sich und den Verkehr, sie schneiden sich in die Finger, sie bewegen sich zuwenig. Trotzdem, mein Leben wäre mir zu kurz gewesen ohne Buchstaben. (S. 71)

Aus: Peter Bichsel: Die schöne Schwester Langeweile, Insel Verlag, Berlin 2023

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Fundstücke von Simone de Beauvoir

So wie ich bei Petra (1966 – 2021), deren Beiträge mir immer noch sehr fehlen, immer ihre Gabe bewundert habe, auf Philea‘s Blog in wenigen wohlgewählten Sätzen die Quintessenz eines Buches herauszuarbeiten (und meine Leseliste charmant, aber beharrlich zu verlängern), so hat der Kaffeehaussitzer die Fähigkeit, Romane und einzelne Textbausteine mit Momenten seines Lebens zu verbinden, ohne dass dies je geschwätzig wirkt. Stattdessen eher wie eine Einladung, auch mal zu überlegen, wie das bei einem selbst so war und ist. Und es war auch Uwe, der „schuld“ daran war, dass ich Alle Menschen sind sterblich von Simone de Beauvoir (1908 – 1986) nun doch mal lesen wollte.

Leider war spätestens nach dem ersten Teil des Romans klar: Das Buch und ich, wir passen nicht zusammen. Ich fing irgendwann an, die vielen „sagte“s zu zählen und fand keinerlei Zugang zu den Personen. Was bleibt, sind einige Zitate, mit denen man nicht so ohne Weiteres zurande kommt. 

Wenn Leute um mich her leben, lieben und glücklich sind, habe ich das Gefühl, daß sie an mir einen Mord begehen. (S. 13)

Wieder rief sie ihn leise an: ‚Raymond Fosca! Hören Sie mich?‘
‚Ja‘, sagte er.
‚Ich nämlich langweile mich‘, sagte sie.
‚Wie alt sind Sie?‘ fragte Fosca.
‚Achtundzwanzig Jahre.‘
‚Da haben Sie höchstens noch fünfzig Jahre zu leben‘, sagte er. ‚Das geht doch schnell vorbei.‘ (S. 26)

‚Ich liebe das Leben, verstehen Sie mich?‘ ‚Schade‘, sagte er. ‚Wieso?‘  ‚Es geht so schnell vorbei.‘ ‚Fangen Sie schon wieder damit an?‘ ‚Schon wieder. Immer wieder.‘

‚Können Sie gar nicht mal von etwas anderem reden?‘

‚Aber wie können Sie denn an etwas anderes denken?‘ fragte er. ‚Wie bringen Sie es fertig, zu denken, Sie hätten sich auf einer Welt häuslich eingerichtet, die Sie doch in wenigen Jahren wieder verlassen werden, nachdem Sie kaum angekommen sind?‘ (S. 38)

Noch einmal bog sie rechts ein. So viele Männer, so viele Frauen hatten mit gleicher Leidenschaftlichkeit die Süße der Frühlingsnächte gespürt, und nun war die Welt für sie ausgelöscht! Gab es wirklich kein Mittel gegen den Tod? Konnte man sie nicht für eine Stunde wieder auferwecken? Ich habe meinen Namen vergessen, meine Vergangenheit, mein Gesicht: nur der Himmel ist da und der feuchte Wind, und die vage Bitterkeit in dieser Abendsüße; ich bin es nicht, und nicht sie; sie sind es so gut wie ich. Regine wendete sich links. Ich bin es. Der gleiche Mond am Himmel, doch in jedem Herzen besteht er für sich, unteilbar mit anderen. (S. 69)

‚Man braucht viel Kraft‘, sagte er, ‚viel Stolz oder sehr viel Liebe, um zu glauben, daß die Handlungen eines Menschen wichtig sind oder daß das Leben stärker ist als der Tod.‘ (S. 84)

‚Kann man denn ohne Hoffnung leben?‘ ‚Ja, wenn man irgendeine Sicherheit besitzt.‘ Ich sagte: ‚Ich habe keine.‘

‚In meinen Augen ist es eine große Sache, ein Mensch unter Menschen zu sein.‘

‚Ein Mensch unter Menschen‘, sagte ich.  ‚Ja‘, sagte er. ‚Das genügt. Das ist es wert, daß man lebt und sogar daß man stirbt.‘ (S. 435/436)

Doch diese „große Sache“, die hier doch sehr allgemein bleibt, beantwortet eben nicht die zeitlose Frage, die Beauvoir ebenfalls stellt:

Doch voll ernster Sorge sagte ich mir: Man kann den Hunger besiegen, man kann die Pest überwinden: aber wie wird man der Menschen Herr? (S. 255)

Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner (2024)

Sie erscheinen auf der Oktoberheide, auf einem Rücken der Ebene, hinter dem es nichts zu geben scheint als immerzu treibende Wolkenmaserung: zwei Hundeschemen, dann der Hirte. Den Stecken in der Rechten, bleibt er im Gegenlicht, seine Gestalt so gebeugt, dass man ihn für einen alten Mann halten könnte. Erst als er einen Schritt macht, wird sein Gesicht erkennbar. Er hat glatte gerötete Wangen, leicht abstehende, ebenso gerötete Ohren, eine Böe scheitelt haferfarbene Strähnen. Im Nacken ist sein Haar flusig und dunkler, in der gleichen Farbe wie seine Augen, die auf den Boden gerichtet bleiben. Hinter ihm formiert sich sein Vieh, Hunderte Tiere. Er geht voran, und nach und nach bildet die Herde in seinem Rücken eine breite graue Schleppe.

Von Norden rollt ein Donner und verhallt. Blitzlos. Keines der Tiere zuckt, auch der Hirte nicht. Er schaut nicht einmal auf, trottet weiter.

Mit diesen Sätzen beginnt Markus Thielemann (*1992) seinen zweiten Roman Von Norden rollt ein Donner, der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024 nominiert wurde.

Wir folgen hier dem 19-jährigen Jannes Kohlmeyer, in dritter Generation Schäfer in der Region Südheide. Und die Heidelandschaft hat in diesem Buch einen wahrlich grandiosen Auftritt.

Oben beschreibt die Sonne ihren Bogen hinter Wetter und Dunst, unten zaust der Wind Wolle, Fell und Haar, fegt das letzte Laub von den Birken, die an den Rändern der Heide wachsen. Wie Goldsprenkel leuchtet es auf den Sandwegen. In ein paar Tagen wird es sich den Farben des Landes fügen und ebenfalls zu Braun faulen. (S. 12)

Doch Jannes, dem ahnungslos winkende Touristen, denen die Heide nur als Kulisse für einen netten Tagesausflug und als Hintergrund ein paar Selfies dient, ziemlich auf die Nerven gehen, hat anderes im Kopf als die herbe Schönheit der Landschaft. Er macht sich Sorgen um seinen Vater Friedrich, der zunehmend vergesslich wird.

Oma Erika ist bereits im Heim und ihre Demenz schreitet erbarmungslos fort. Dabei will niemand wissen, wer diese Rose ist, nach der seine Oma so verzweifelt ruft. Doch auch Jannes hat auf einmal schlimme Aussetzer, Alpträume, Erscheinungen, in denen er von einer nicht zu identifizierenden Frau abwechselnd gelockt und bedroht wird. Er befürchtet, selbst krank zu sein, und verschweigt das, um seine Familie nicht noch zusätzlich zu belasten.

Und über die langsam zuwuchernden Steinfundamente im Wald wird schon gleich gar nicht geredet. Weder in der Schule, der Familie noch im Dorf selbst.

Viele im Dorf treibt die Sorge um, wo die sich ausbreitenden Wolfsrudel wohl als nächstes ein Tier reißen oder die Schafherden in Panik versetzen werden. Wie soll man darauf reagieren?

‚Der Wolf gehört eben nicht hier her, Punkt‘, ruft einer, ‚sondern in die Vergangenheit oder in andere Länder. Einfach gesagt, passt er eben nicht in unsere deutsche Kulturlandschaft.‘ Viele stimmen dem Mann zu. Man habe Angst um Kinder und Hunde, Kaninchen und Hühner. Im Ganzen: um seine Lebensart. (S. 176)

Und dann gibt es da noch ganz andere „Wölfe“, die sich unter dem Deckmantel der Heimatliebe wieder unters Volk mischen, Höfe kaufen, einen auf männlich-kernige Nachbarschaftshilfe machen und nichts anderes wollen, als die „guten, alten“ Zeiten ohne Ausländer, ohne Juden, ohne Wölfe und ohne diesen ganzen neumodischen Firlefanz wieder aufleben zu lassen.

Dabei beruft man sich dann natürlich gern auf den „Heidedichter“ Hermann Löns (1866 – 1914), dem die Nationalsozialisten posthum noch ein feierliches Begräbnis in Walsrode ausrichteten.

Zunächst ging mir die gekünstelte Sprache auf die Nerven:

Und dann schweift er [Jannes] ab; er hat seinen eigenen dunklen Wanderer, einen Gedanken, der seit Tagen kommt und geht auf elliptischer Bahn, dessen Gravitation drückt und lähmt und Jannes in die Leere schauen lässt, bis ihn die Fliehkraft einmal mehr zurück in die Nacht schleudert: Papa geht zum Arzt. (S. 8)

Er betrachtet eine herabhängende Ecke seines Der Herr der Ringe – Die zwei Türme-Posters. Der von Staub stumpfte Tesastreifen tänzelt im Nichts. (S. 22)

Das Smartphone schwärzt sich. (S. 87)

Dann wieder so behäbige Sätze wie dieser, als Jannes über den Hof geht:

Während er auf den Bildschirm [seines Handys] schaut, fällt ihm auf, dass er sich im WLAN befindet, Whatsapp-Benachrichtigungen ploppen auf, Spam-Mails. (S. 15)

Ich bin sicher, dass Jannes ziemlich genau weiß, wo auf dem Hof er sich im WLAN befindet und wo nicht.

Und diese Überflüssigkeiten:

Jannes nimmt sich ein Ei, klopft es an der Tischkante an, beginnt es zu schälen. Sibylle schenkt ihm Apfelschorle in sein Glas. Sie schäumt, wird leise, bitzelt. (S. 19)

Manchmal schrammen personale und auktoriale Erzählperspektive unschön ineinander, wenn wir beispielsweise während der Autofahrt zur dementen Oma erzählt bekommen, welche Touristenziele alle gerade von der Straße aus zu sehen sind.

Aber irgendwann hatte mich Thielemann dann doch am Haken. Die Sprache passte besser und es wurde spannend, obwohl äußerlich gar nicht so viel passiert, aber ich wollte wissen, wie der Erzähler die Handlungsstränge um Jannes‘ seltsame Ohnmachtsanfälle, die Sorgen bezüglich der zunehmenden Wolfspopulation und um den zwielichtigen neuen Nachbarn aufdröselt.

Dazu ist der Roman ein gelungenes Porträt einer Familie, bei der drei Generationen unter einem Dach zusammen leben und arbeiten und dabei zwangsläufig unterschiedliche Vorstellungen entwickeln. Und nicht immer ist es einfach, mit den Macken und eingefahrenen Verhaltensweisen der anderen zurechtzukommen.

Die demente Oma Erika, die im Heim nur immer dieselben Sätze rufen kann, bleibt in ihrer Not, dass sie der Menschlichkeit nicht zum Recht verhelfen konnte, ungehört. Während ihr Mann, Opa Wilhelm, sich mit der Vergangenheit ganz anders arrangiert, was auch zeigt, wie es um diese Ehe bestellt gewesen sein muss.

Gleichzeitig streift der Roman auch die Tatsache, dass das Geld eigentlich schon längst nicht mehr mit reiner Schafzucht erwirtschaftet wird. Die Kohlmeyers tragen ihre traditionellen Hirtengewänder nur noch bei Touristenführungen und Ferienwohnungen im alten Hofgebäude wären eine prima Idee, wenn man denn das Geld für die Renovierung hätte.

Am Ende bleibt mir als einzigem Kritikpunkt bei diesem Mix aus Schauerheimatmärchen und Fragen, die erfreulicherweise offen bleiben, dass ich mir die Linien, die diese Landschaft mit der Vergangenheit verknüpfen, etwas deutlicher herausgearbeitet gewünscht hätte. Allerdings würde das dem Verschweigen, dem Wegsehen und Nicht-wahrhaben-Wollen der Protagonisten natürlich auch wieder nicht gerecht. Also muss man selbst recherchieren, wird aber bei Wikipedia und dem Blog Heimatforschung im Landkreis Celle problemlos fündig.

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Adrian Tinniswood: The Long Weekend – the English Country House between the Wars (2016) – Teil 6/6

Im letzten Teil meiner Reihe zu Adrian Tinniswoods „elegant, encyclopedic and entertaining history“ (The Times) zum englischen Country House zwischen den Weltkriegen geht es zunächst um die Jagd als eine der sogenannten „field sports“, die für manch einen Angehörigen der Oberschicht quasi den Lebensinhalt darstellte. Das liest sich durchaus unerquicklich. Da gab es Adlige, die sich allein dafür 50 Pferde hielten, und an einem einzigen Jagdtag dabei Tausende von Vögeln töteten.

Between 1867 and 1900 [Marquess of] Ripon killed 370.728 creatures. The list included 142.343 pheasants; nearly 100.000 partridges … (S. 291)

Als doch eher sinnfreie Adelsbelustigung hatte die Jagd auch ganz handfeste Nachteile, da sie die Nutzung der Ländereien für den Anbau von Getreide massiv einschränkte, und die Pächter mussten es hinnehmen, wenn ihnen die Vögel die Felder plünderten. Zwar durften sie ab 1908 Entschädigung fordern, aber aus leicht nachvollziehbaren Gründen schreckten die meisten vor einer Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber zurück.

On the famous 23,000-acre Elveden estate in Suffolk, the Earl of Iveagh employed seventy men, and farming was subordinate to the all-important cultivation of birds. By 1911 there were around 25,000 keepers employed on estates in England, Wales and Scotland; and the disadvantages to the tenant farmer of so much countryside – perhaps as much as 50 per cent of all agricultural land – being devoted to game conservation was causing disquiet in official circles. (S. 292)

Friedlicher ging es da schon beim Golf zu, das nicht zuletzt dank des Prince of Wales und späteren Monarchen zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung der Oberschicht wurde, sodass die Nähe zu einem Golfplatz – oder besser noch gleich ein eigener Golfplatz – ein wichtiges Kriterium bei der Suche nach einem passenden Anwesen werden konnte.

When he came to the throne in 1936, headlines in the foreign press announced that ‘Golf is Favourite Sport of Ruler.‘ (S. 301)

Ein Kapitel widmet sich dem „Political House“, den Besitzern all dieser mal bescheideneren und dann wieder hochherrschaftlichen Anwesen, die natürlich auch politisch verortet waren. Da gab es beispielsweise – auch wenn er sicherlich eine Ausnahme darstellte – den sozialistischen Sir Charles Trevelyan, (1870 – 1958), der sein Erbe Wallington Hall durchaus als Besitz der Allgemeinheit ansah, seinen Arbeitern Kindergeld zusagte, seinen Sohn George, einem der Vordenker des New Age, kurzerhand enterbte und 1936 bei einer Gartenparty für seine Arbeiter und deren Familien bekannt gab, dass er das Anwesen, dessen Einrichtung und seine Ländereien dem National Trust vermachen werde. 

You are all aware that I am no friend of the system which by pure chance makes me rich and a thousand others poor for life … I want you to know that I regard myself not as the owner of Wallington and the people of Wallington, but as a trustee of property which under wiser and humaner laws would belong to the community. (S. 340)

Dabei spielten sicherlich mehrere Motive eine Rolle. Er war davon überzeugt, dass er als Privatperson kein Land besitzen und Wallington Hall der Allgemeinheit zugänglich sein sollte. Gleichzeitig sah er, dass die hohe Besteuerung solcher Anwesen eine zukünftige private Bewirtschaftung ohnehin erschweren würde. Gleichzeitig wollte er aber auch die Tradition wahren, indem er verfügte, dass seine Nachkommen dort weiter als Mieter leben dürften. Seit 1942 ist Wallington Hall tatsächlich im Besitz des National Trust. 

With a stroke of the pen, he had made the best of both worlds. (S. 342)

Als Fußnote fügt Tinniswood an:

Sir Charles Trevelyan was a visionary, but he was no saint. His refusal to consult with his eldest son over the disposal of Wallington led to disquiet in the family, as did his close relationship with some of his tenants (he fathered a child by one of them when he was in his seventies), and his habit of walking naked on the Northumberland moors. (S. 342)

Auch wenn es nach dem Ersten Weltkrieg einzelnen Männern, die eben nicht aus der Schicht des Adels und der Country House-Besitzer kamen, gelang, bis in die höchsten politischen Ämter aufzusteigen, blieb das Country House doch ein angenehmes Refugium der einflussreichen Netzwerker. Sir Philip Sassoon, dem wir bereits im dritten Teil dieser Reihe begegnet sind, stellte sein Anwesen Port Lympne beispielsweise mehrmals dem englischen Premierminister David Lloyd George für wichtige, auch internationale Treffen zur Verfügung. Dieser ließ sich dann auch selbst einen Landsitz bauen, von dem aus er viele Amtsgeschäfte erledigte.  

Winston Churchill ließ Chartwell House für sich herrichten. 

As Chartwell grew – at one stage the plan was for six reception rooms, twenty-two bedrooms, seven bathrooms and a servants‘ wing – so did the cost. Like many architects‘ clients before and since, Churchill‘s reaction to burgeoning bills was to look for reasons not to pay them. And he found them. After the family moved in just after Christmas 1923, they discovered that their new home was still plagued by dry rot and leaking roofs. There was damp, and plaster fell of the ceilings. The windows let in water. The timber was unseasoned. The newly installed electrical system was dangerously faulty. In September 1926 a glass chandelier fell down in the drawing room, ‘fortunately not killing anyone‘, reported Churchill. (S. 351)

Chequers, der Landsitz des jeweiligen britischen Premierministers, war ein Geschenk des Ehepaares Arthur und Ruth Lee, die sicherstellen wollten, dass auch diejenigen Premierminister später ein würdiges Refugium auf dem Land haben würden, die vielleicht nicht länger aus der Schicht der Landbesitzer kämen.

Nicht unerwähnt bleiben darf der Cliveden Set um Nancy Astor. Auf dem Anwesen der Astors trafen sich die unterschiedlichsten Menschen, von denen man mehreren unterstellte, maßgeblich die Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland zu befürworten. Tinniswood hält den Einfluss dieser Gruppe für politisch unbedeutend, erwähnt aber auch, dass

Nancy Astor and others of their friends were pro-German and remained so long after it was obvious that Hitler was a very bad thing indeed. Nancy was an outspoken and bigoted anti-Semite. (S. 362)

In seinem letzten Kapitel beschäftigt sich Tinniswood mit der Umwidmung vieler Anwesen zu Lazaretten, Schulen und Kasernen während des Zweiten Weltkrieges. Und auch wenn das englische Country House von der britischen Regierung als Symbol der Lebensweise und der Traditionen propagiert wurde, die man im Krieg verteidigen wollte, hielt das viele Rekruten nicht davon ab, die Landsitze, auf denen sie stationiert waren, so hemmungslos zu verwüsten, dass an einen Wiederaufbau nach dem Krieg nicht mehr gedacht werden konnte. Auch setzten Vernachlässigung und aufgeschobene Reparaturen während der sechs Kriegsjahre vielen Häusern massiv zu.

It has been estimated that more than 1,000 country houses were demolished in the decade after 1945 as a direct result of wartime mistreatment. (S. 373)

Fazit nach fast 400 Seiten: Auch wenn ich manches nur quergelesen habe, ist Tinniswood ein beeindruckender Geschichtsschmöker gelungen, bei dem man auf jeder Seite fündig werden und etwas lernen kann zu Architektur, Geschichte, gesellschaftlichen Veränderungen, britischer Politik, den Reichen und Schönen (und ihren Skandalen), zu wichtigen Persönlichkeiten, unverdienten Privilegien (die nur von den wenigsten hinterfragt wurden) und Kunstschätzen und den Veränderungen, denen nicht nur die Häuser der Oberschicht unterworfen sind.

Dazu ist das Ganze enorm kurzweilig, hin und wieder dezent ironisch und eine Fundgrube an Anekdoten. Noch mehr Fotos wären schön gewesen, aber das hätte den Rahmen des Bandes dann vermutlich endgültig gesprengt. Was für mich offen bleibt, ist die Frage, wie man als Adliger überhaupt so unfassbar und ungerecht reich werden konnte. Nur bei reichen Amerikanern gab es Hinweise auf deren Geschäfte und ererbte Vermögen. Einzelne britische Familien verdankten ihren Reichtum dem früheren Handel mit Sklaven oder Opium. Aber vermutlich muss ich, wenn ich das genauer wissen will, dafür noch Tinniswoods Buch The Power and the Glory: The Country House before the Great War (2024) lesen …

Im Übrigen ist The Long Weekend natürlich auch eine wunderbare Hintergrundlektüre für alle Romane, in denen sogenannte Herrensitze vorkommen, und das sind ja nun so einige. Der Telegraph listet dankenswerterweise auch gleich einige entsprechende Reiseziele auf.

Und hier noch ein interessanter Artikel aus dem Guardian zu der weiteren gruseligen architektonischen Entwicklung in den britischen Innenstädten unter der Flagge des Brutalismus.

Fundstück von Theodor Fontane

In Irrungen, Wirrungen von Theodor Fontane verliebt sich Baron Botho von Rienäcker im Frühjahr 1878 in Lene Nimptsch, eine kleinbürgerliche Wäschestickerin und Schneidermamsell. Die ist sich von Anfang an im Klaren darüber, dass Botho sie verlassen wird.

’Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das seh’ ich klar und gewiß. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig.’ (S. 34)

Nach einem glücklichen Sommer – der zum blanken Entsetzen der damaligen Leser sogar eine gemeinsame Nacht beinhaltete – teilt Botho ihr eines Tages mit, dass heute ihre letzte Begegnung sei, da er sich dem mütterlichen und gesellschaftlichen Druck beugen und eine reiche Cousine heiraten werde. Lene reagiert daraufhin folgendermaßen:

Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: ‘Und daß mir so leicht ums Herz ist, das will ich nicht vorübergehn lassen und will dir alles sagen. Eigentlich ist es das Alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir daußen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns trennten. Ich hab’ es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.’

’Glaubst du’s? Und wenn nicht? Was dann?’

’Dann lebt man ohne Glück.’ (S.99)

aus: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, Goldmann, 1987 (Originalausgabe 1888)

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Ann Schlee: Rhine Journey (1981)

Nora, auf Instagram als @pearjelly unterwegs, hatte den SpinsterSeptember ausgerufen, es sollte bei ihren Followern also einen Monat lang um Bücher gehen, in denen unverheiratete Frauen die Hauptrolle spielen. Tolle Idee, und wie immer, wenn man da ein bisschen mitliest, hätte man am Ende mehr Bücherempfehlungen notiert, als man überhaupt je lesen kann. Ein Buch aber wurde beim SpinsterSeptember in den englischsprachigen Blogs immer wieder erwähnt und machte mich neugierig, nämlich das bereits 1981 erschienene Rhine Journey von Ann Schlee, das bislang komplett an mir vorbeigegangen war.

Schlee (1934 – 2023) schaffte es mit diesem Roman sogar bis auf die Shortlist des Booker Prize, doch den bekam dann Salman Rushdie für Midnight Children zugesprochen. War überhaupt ein starker Jahrgang, auch Ian McEwan, Doris Lessing, Muriel Spark und Molly Keane mit ihrem fantastischen Good Behaviour standen auf der Shortlist.

Nun aber zu Rhine Journey. Im Sommer 1851 begleitet die ledige Charlotte Morrison ihren Bruder Charles, einen streng protestantischen Prediger und dessen Frau Marion und deren 17-jährige Tochter Ellie auf einer längeren Deutschlandreise. Charles drängt während der Schiffsreise anderen Passagieren religiöse Traktate auf und verbietet den Frauen, den Kölner Dom zu betreten, da dieser katholische Götzendienst ganz böse Auswirkungen zeitigen könne, vor denen er sie zu schützen habe.

He is afraid, Charlotte had thought in the grey rain – light reflecting off the white cloth. He is afraid his own emotions will be moved. (S. 167)

Die ca. 40-jährige Charlotte ist nach außen hin genau das, was die anderen von ihr erwarten, eine fügsame Reisebegleiterin, die sich um das Gepäck zu kümmern hat, ein bisschen Laufbursche und ein bisschen Krankenschwester für die angeblich kränkelnde Marion und Anstandsdame für Ellie. Alle gehen davon aus, dass Charlotte, die sowohl von Charles als auch von Marion gar arg bevormundet wird, ein sehr dankbarer Mensch sein müsse, denn schließlich hat der gute Charles ihr diese Reise bezahlt.

Green mountains hovered above the approaching town. Now the crowd had clustered at the far rail craning their necks and extending their arms in gestures that seemed to lay claim as much as to identify. Charlotte watched a stout gentleman stride up and down the brief deck with his glass to his eye and swell with importance as he acquired the landscape. She heard exclamations from ladies at the rail laying similar claims to awareness of the beauty that confronted them. […] Carefully schooled in what she should feel and see, Charlotte found herself […] feeling nothing. This emptiness of spirit seemed lately to have been lowered over her head. (S. 80)

Rasch wird deutlich, wie verunsichert und einsam Charlotte eigentlich ist, denn aus ihrer Beobachterposition durchschaut sie zwar die Spiele und die Schwächen der anderen Familienmitglieder und registriert noch die kleinsten Stimmungsschwankungen in ihrer Umwelt:

Shyness which assailed her in those very moments when she wished to please made her look down at the dusty gravel of the terrace and deadened that animation of voice that invites an answer. People‘s attention is captured or lost in a moment and she was aware of a sudden vagueness in the Englishwoman‘s eye, an imperceptible movement along the rail. She could think of nothing to say to recall her. (S. 93)

Allerdings hat Charlotte niemandem, mit dem sie ihre Eindrücke teilen kann. Und Humor ist Charles und der egoistisch-manipulativen Marion auch eher wesensfremd. Nur mit ihrer Nichte Ellie versteht sie sich deutlich besser.

Als das Schiff in Koblenz anlegt, glaubt sie einen Moment lang, einen Mann wiederzuerkennen, den sie seit 20 Jahren nicht gesehen hat.

She gripped the rail in an astonishment of pain. In recent years, reaching in moments of self-pity for her broken heart, she had felt little or no sensation, and now without warning the long bandaging years were cruelly stripped away at the sight of a black coat, a tall hat, a heavy handsome face staring up, it appeared, at her. Of course it was not he. She had known this at once. This man was her own age, forty-five at the most. Desmond Fermer would be by now sixty, ageing, stout, grey, perhaps dead after all. (S. 5)

Als junge Frau hatte sie sich verliebt, doch der Mann wurde von dem wesentlich älteren Charles und seiner Frau abgelehnt, da er nicht standesgemäß gewesen sei. Alles natürlich nur zum Besten von Charlotte. Daraufhin mußte Charlotte – auf Geheiß von Charles und Marion – ihren Heimatort verlassen und hat sich zwanzig Jahre um den Haushalt eines altes Pfarrers gekümmert. Dieser – kürzlich verstorben – hat sie in seinem Testament mit einem bescheidenen Erbe bedacht, das es ihr erlauben würde, in Zukunft auch allein leben zu können.

Who she was to be and where she was to live had somehow to be agreed upon. (S. 16)

Die Morrisons schließen Bekanntschaft mit der Familie des Mannes, der Charlotte für einen kurzen Moment an den ehemals Geliebten erinnert hat. So teilen die Morrisons noch einige Reiseetappen mit der Familie Newman und Ellie muss vor den Aufmerksamkeiten eines deutschen Offiziers beschützt werden. Nur mit großer Mühe stellt Charlotte während dieser Reise ihr Selbstbild als unselbstständige Frau, die alle wichtigen Entscheidungen ihrem Bruder überlässt, allmählich in Frage.

It is one of the chief consolations of family life that such thoughts never penetrate to their conclusions. Always there is an interruption, or how quickly the whole structure of things would be undermined. (S. 17)

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade.

Schlee gelingt es unfassbar gut zu zeigen, wie diese Frau, die nie zu sich selbst stehen durfte, ein neues Verhältnis zu sich, ihrer Familie und ihrer Umwelt gewinnt, ohne dass man das Gefühl hat, eine Frau des 21. oder 20. Jahrhunderts vor sich zu haben. Und während Charlotte um mehr Klarheit ringt, bricht sich lang Verdrängtes und heimlich Ersehntes in Träumen, aufrührerischen Gedanken und unerwartetem Verhalten Bahn. 

Lauren Groff schreibt in ihrem Vorwort zur Neuauflage von 2024:

Rhine Journey is graceful, economical, and emotionally acute, but, to me, the most astonishing aspect of this novel is the precision with which Schlee replicates the customs, language, and atmosphere of 1851 …

In dem feinen Post zu Rhine Journey heißt es auf dem Blog Radhika’s Reading Retreat:

Stunning, exquisitely crafted, and reverberating with tension, Rhine Journey, then, is a layered, richly visualised tale exploring the themes of confinement and freedom, desire, memory, family, and female independence.

Und hier noch ein Artikel zu Rhine Journey von Lucy Scholes.

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Adrian Tinniswood: The Long Weekend – the English Country House between the Wars (2016) – Teil 5/6

Versprochen, das ist heute der vorletzte Teil meiner kleinen Reihe zu Tinniswoods Buch, das vom Literary Review als „almost indecently enjoyable … Erudite, funny and oddly poignant“ gefeiert wurde.

Es widmet sich in einem eigenen Kapitel der Diskriminierung und Kriminalisierung der Homosexuellen, die ihre Neigungen im bohemehaften Künstler- und Theatermilieu Londons und im Freundeskreis noch halbwegs unbeschadet ausleben konnten, vor allem wenn sie sich dabei als exzentrische, aber harmlose Paradiesvögel gaben. Doch es war ein Balancieren auf sehr dünnem Eis.

Section 11 of the 1885 Criminal Law Amendment Act […] introduced a maximum penalty of two years in prison with hard labour for a man who procured, ‘any act of gross indecency with another male person‘. Section 11, which sent Oscar Wilde to Reading Gaol in 1895, criminalised any homosexual behaviour and in its vagueness it allowed considerable discretion to the police and the magistrates in deciding exactly what constituted an offence. Prosecutions averaged around thirty a year, although the country-house-owning classes rarely figured. When they did, the consequences could be devastating. (S. 256)

Wurden die Gerüchte um homosexuelle Neigungen zu laut oder hatte man (politische) Feinde, war man als Adliger, was die gesellschaftliche Reputation anging, erledigt. Man trieb die Männer in den Selbstmord oder stellte sie (während des Zweiten Weltkrieges) vor das Kriegsgericht. William Lygon, 7th Earl Beauchamp, wurde von seinem eifersüchtigen und intriganten Schwager vor dem König geoutet und musste das Land fluchtartig verlassen. Lygon diente dann wiederum Evelyn Waugh als Inspiration, der mit Lygons Sohn befreundet war.

Die Beispiele, die Tinniswood aufführt, lassen zumindest den Eindruck entstehen, dass man Pädophilie hingegen schon eher unter den Teppich kehrte und seltener zur Anzeige brachte, besonders wenn der Täter der oberen Schicht angehörte.

Ebenfalls unerquicklich lesen sich Tinniswoods Ausführungen um die Jagd als eine der sogenannten „field sports“, die für manch einen Angehörigen der Oberschicht quasi den Lebensinhalt darstellte. Da gab es Adlige, die sich nur dafür 50 Pferde hielten. Und an einem einzigen Tag konnten dabei Tausende von Vögeln getötet werden.

Between 1867 and 1900 [Marquess of] Ripon killed 370.728 creatures. The list included 142.343 pheasants; nearly 100.000 partridges … (S. 291)

Dabei hatte die Jagd als eher sinnfreie Adelsbelustigung aber auch ganz handfeste Nachteile, da sie die Nutzung der Ländereien für den Anbau von Getreide massiv einschränkte, und die Pächter mussten es hinnehmen, wenn ihnen die Vögel die Felder plünderten. Zwar durften sie ab 1908 Entschädigung fordern, aber aus leicht nachvollziehbaren Gründen schreckten die meisten vor einer Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber zurück.

On the famous 23,000-acre Elveden estate in Suffolk, the Earl of Iveagh employed seventy men, and farming was subordinate to the all-important cultivation of birds. By 1911 there were around 25,000 keepers employed on estates in England, Wales and Scotland; and the disadvantages to the tenant farmer of so much countryside – perhaps as much as 50 per cent of all agricultural land – being devoted to game conservation was causing disquiet in official circles. (S. 292)

Friedlicher ging es da schon beim Golfsport zu, der nicht zuletzt dank des Prince of Wales und späteren Monarchen zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung der Oberschicht wurde, sodass die Nähe zu einem Golfplatz – oder besser noch gleich ein eigener Golfplatz – ein wichtiges Kriterium bei der Suche nach einem passenden Anwesen werden konnte.

When he came to the throne in 1936, headlines in the foreign press announced that ‘Golf is Favourite Sport of Ruler.‘ (S. 301)

Vermutlich hat sich der ein oder die andere schon gefragt, ob Tinniswood denn nichts zu den Bediensteten schreibt, die das Leben auf den herrschaftlichen Landsitzen überhaupt am Laufen hielten. Na klar, hat er. 

Nach dem Ersten Weltkrieg musste sich die Oberschicht zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie sie die drohenden Personalengpässe kompensieren könnte. Dabei wurde die Personalnot der Reichen so drängend, dass die Regierung 1918 ein Komitee mit einer Untersuchung des Problems beauftragte. Man fand heraus, dass viele Frauen durch ihre Arbeitserfahrungen im Krieg an Tätigkeiten Gefallen gefunden hatten, die nicht ganz so reglementiert waren wie die als Hausangestellte, bei der man kaum Freizeit hatte und zum Teil noch nicht einmal mit seinem richtigen Vornamen angeredet wurde. Und die Arbeit als Dienstmädchen wurde immer verpönter, auch in der Arbeiterklasse selbst.

Die Kommission unterbreitete verschiedene Vorschläge, wie man den Personalengpässen begegnen könne: Die Arbeitgeber sollten nicht länger auf den typischen Kopfbedeckungen für Dienstmädchen bestehen, sie mit ihrem richtigen Nachnamen ansprechen, die Arbeitszeiten drastisch verkürzen, arbeitsfreie Tage und Abende festlegen, zwei bis zweieinhalb Stunden Freizeit pro Tag gestatten und zwei Wochen Urlaub im Jahr bewilligen. Auch die Höhe der Bezahlung würde sich ändern müssen.

Der Vorschlag, gar Überstunden zu bezahlen, stieß aber selbst innerhalb der Untersuchungskommission auf zum Teil rabiate Ablehnung. Die Marchioness of Londonderry, Kommissionsmitglied, die zwar an keiner einzigen Sitzung teilgenommen hatte, sah sehr wohl, wo die gesellschaftliche Entwicklung hinging und lehnte den drohenden Verlust herrschaftlicher Machtansprüche kategorisch ab:

I regard any possibility of the introduction into the conditions of domestic service of the type of relations now obtainable between employers and workers in industrial life as extremely undesirable und liable to react in a disastrous manner on the whole foundation of home life. (S. 306)

Dabei war der Bedarf an Bediensteten natürlich abhängig von der Größe des Hauses. 

Nearly one in twenty families employed at least one servant. (S. 330)

Doch daneben gab es Familien wie die Astors, die neben einem Stadthaus, einem Haus in Plymouth, einem Jagdhaus auf der Insel Jura und einem „fourteen-bedroom ‘cottage’“ noch einen regelrechten Palast bewohnten, anders kann man das Herrenhaus Cliveden kaum nennen. Die Astors benötigten „a small army of servants“ (S. 312), um so ein Anwesen wie Cliveden, das mühelos 40 Gäste gleichzeitig beherbergen konnte, am Laufen zu halten. In den zwanziger Jahren arbeiteten 33 Bedienstete allein im Haus selbst:

a butler, an under-butler and three footmen; a valet for the viscount and two lady‘s maids for his wife and daughter; a housekeeper, four housemaids, two still-room maids and two women who came in daily but lived out; a chef, three kitchen-maids, a scullery maid and another daily who helped in the kitchens; four laundry maids; two odd men and a hall boy; and a telephonist, a house carpenter and a nightwatchman. (S. 312)

Je nach Bedarf vergrößerte sich der Haushalt um Kindermädchen und Gouvernanten. Dazu kamen um die 70 weitere Personen, die auf dem Anwesen arbeiteten, beispielsweise über 20 Gärtner, Elektriker, Chauffeure, Betriebsleiter, Pferdeknechte, Wildhüter und Mechaniker, die sich um die Autos und die Rasenmäher zu kümmern hatten, etc. 

Aber ab den späten Dreißigern machte sich auch bei solch angesehenen Familien wie den Astors bemerkbar, dass die Bediensteten häufiger wechselten und es schwieriger wurde, jungen Nachwuchs zu rekrutieren, der noch bereit gewesen wäre, alle Bedingungen zu erfüllen, die die ältere Generation nicht gewagt hatte zu hinterfragen.

Immer mehr wurde auch die Beschäftigung als „servant“ als eine Tätigkeit gesehen, die dem eigenen Fortkommen zu dienen hatte, zumal viele direkt nach ihrem Schulabschluss mit 13 Jahren in Stellung gingen und in dieser niederen Anfangstätigkeit nicht verharren wollten. Besonders die männlichen Angestellten bemühten sich, die Karriereleiter bis zum „valet“ oder gar zum Butler hochzusteigen, auch wenn das häufiger einen Stellenwechsel erforderte. Die weiblichen Bediensteten strebten zwar auch danach, die Stufen bis „cook“ oder „lady’s maid“ zu erklimmen, aber oft sahen sie ihre Tätigkeit nur als eine notwendige Überbrückung bis zur ihrer eigenen Heirat. Auf der obersten Hierarchiestufe wurde die Arbeit entsprechend vergütet, man sah etwas von der Welt, nahm an den Reisen der „Herrschaften“ teil und hatte eigene, zum Teil sehr angenehme Privaträume. Das alles galt für all die namenlosen Küchenmädchen und andere niedere Bedienstete selbstredend nicht. 

The domestic staff at Cliveden seem to have been quite content with their lot, although most of the recollections of below-stairs life with the Astors come from the upper servants, who carved out careers at Cliveden and came to identify quite strongly with their employers and their employers’ values. Not much is known about the attitudes of the more lowly members of the team, the kitchen maids and scullery maids and odd men. (S. 324)

Tinniswood weiß, dass der Paternalismus in diesen Dienstverhältnissen bei heutigen Leserinnen und Lesern einen unguten Beigeschmack hinterlässt, weist aber auch darauf hin, dass in den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern die allermeisten die Arbeit für Familien wie die Astors dem Anstehen in der Warteschlange der Arbeitslosen vorgezogen hätten.

Zum Weiterlesen:

Adrian Tinniswood: The Long Weekend – The English Country House between the Wars (2016) – Teil 4/6

Habe ich jetzt alle meine Leserinnen und Leser erfolgreich vergrault oder gibt es ein paar Unerschrockene, die sich auch noch den vierten Teil meiner Reihe zu Professor Tinniswoods Buch antun? 

Am Ende meines dritten Beitrags ging es ja um die Reisegewohnheiten der reichen und schwerreichen britischen Oberschicht. Falls aber den Adligen das Geld für ihren Lebensstil auszugehen drohte, kam immer noch die Heirat mit einer sagenhaft reichen amerikanischen Erbin in Betracht;

an unholy alliance between the socially ambitious mothers of heiresses from New York or Chicago and unscrupulous but impoverished English aristocrats who were happy to offer a title in exchange for a hefty dollar dowry to save an estate encumbered with accumulated debt. (S. 222)

Dabei liest sich die Geschichte von Consuelo Vanderbilt besonders bitter. Die Tochter des schwerreichen Eisenbahnmoguls William Kissam Vanderbilt wurde von ihrer Mutter Alva, die unbedingt einen britischen Titel zur Aufhübschung ihres gesellschaftlichen Ansehens haben wollte, dermaßen unter Druck gesetzt, dass man wirklich kaum glauben mag, dass Mutter Alva sich für Frauenrechte und die Suffragetten stark gemacht hat.

Consuelo […] had been coerced into marrying Sunny [Churchill, 9th Duke of Marlborough] in 1895 by her manipulative mother, Alva, who was determined to bag a duke. When Consuelo refused to go along with these plans, she reacted badly. In fact, she swore to shoot the girl’s preferred suitor dead, then locked her daughter up in the family’s Newport mansion, Marble House, while feigning a heart attack which was caused, Consuelo was told, ‘by my callous indifference to her feelings’. […] Consuelo cried all the way to the wedding. (S. 222)

Tinniswood weist allerdings auch darauf hin, dass langwierige Mitgiftverhandlungen in der britischen Oberschicht gang und gäbe waren, die einer glücklichen Ehe nicht notwendigerweise im Wege standen. Und nach dem Ersten Weltkrieg brachte eine amerikanische Braut nicht nur Geld, sondern auch ein bisschen Glamour nach England.

Gleichzeitig bewunderten und beneideten reiche Amerikaner “the Old Country” um seine Kultur. So verdienten Antiquitätenhändler viel Geld mit der Vermittlung britischen Mobiliars, ja ganzer Räume, an amerikanische Kunden.

When Cassiobury House in Hertfordshire, ancestral seat of the earls of Essex, was demolished in 1927 after the 7th earl’s marriage to an American heiress had failed to restore the family fortunes, Edward Pearce’s Restoration staircase was acquired by the Metropolitan Museum of Art; it is still there today, exquisitely beautiful but purposeless, leading up to nowhere. (S. 228)

Es gab Amerikaner, die gleich ein ganzes Original Country House aus England orderten.

The timer-framed Tudor Agecroft Hall in Lancashire was dismantled in 1926 and re-erected beside the James River in Virginia. ‘There seems to be a craze in the United States at the moment for that kind of thing,’ said the bewildered secretary of the Ancient Monuments Society. ‘No building of decent age and character is safe from the danger of kidnapping,’ roared the Manchester Guardian. (S. 230)

On balance, a country house is best left where it is. Fortunately, that was the line taken by most American purchasers. They bought. They rented. Very occasionally, they built. (S. 232)

Harry Gordon Selfridge, Kaufmann aus den USA, der seit 1906 in Großbritannien lebte, ließ ein wahres Wunderschloss von Philip Tilden planen, das so dermaßen fantastische Ausmaße annahm, dass Tinnison amüsiert feststellt:

It was all bonkers, of course. A country house this size would take decades to build. (S. 236)

Ein weiterer bekannter Amerikaner kaufte 1925 Donat’s Castle in Wales und ließ für seine Modernisierung und Anbauten Schätze aus anderen Baudenkmälern herbeischaffen. Die Burg diente William Randolph Hearst, dem schwerreichen Zeitungsmogul, der bis 1938 öffentlich Sympathien für die Nazis äußerte und Hitler und Göring in seinen Blättern publizieren ließ, nicht nur als Refugium für sich und seine Geliebte, sondern vor allem als ein Ort, an dem er seine ständig wachsende Sammlung an Kunstschätzen angemessen präsentieren konnte.

Ein anderes Kapitel beschreibt, wie so eine „house party“ ablief. Das konnte von intimen Zusammenkünften im engsten Freundeskreis bis hin zu Treffen Dutzender VIPs reichen. Dabei lud man üblicherweise zu „Saturday-to-Monday parties“ und NICHT zu Wochenendpartys ein, denn das hätte ja bedeutet, dass die Gäste der bedauernswerten Sorte Mensch angehört hätten, die Montagmorgen wieder irgendwo im Büro hätten erscheinen müssen.

Man aß viel und gut, kleidete sich ständig um, besuchte nachbarliche Anwesen, ging auf die Jagd, um Tausende von Vögeln zu meucheln, spielte Tennis oder unternahm Ausflüge mit dem Auto.

Early evening was taken up by the rituals of bathing, although the number and modernity of bathrooms varied wildly from one house to the next. The Earl of Strathmore‘s St Paul‘s Walden Bury in Hertfordshire […] had two bathrooms for twenty-five bedrooms. […] Other owners adhered to the Victorian principle that bathrooms were an unnecessary luxury when there were housemaids to carry up brass cans of hot water. At the other end of the spectrum there was William Randoph Hearst‘s St Donat Castle, which was fitted with thirty bathrooms … (S. 284)

Würde man den zeitgenössischen Theaterstücken Glauben schenken, widmete man die Nächte bei solchen house parties vor allem den One-Night-Stands.

In the early hours, the bedroom corridors of England‘s stately homes were apparently filled with house guests padding along in their dressing gowns, intent on committing some act of adultery or fornication or betrayal. Exaggerations, no doubt; but it is certainly true that in some circles a Saturday-to-Monday was seen as a good opportunity for infidelity. […] One August night in 1933, a nursemaid at the Earl of Rosebery‘s Dalmeny House in Scotland bumped into a young man carrying an electric torch and creeping down one of the corridors. Assuming he was a bed-hopping guest, she didn‘t challenge him. In fact, he was a burglar and he got away with a pearl necklace worth £ 4,000. (S. 284)

Tinniswood weist darauf hin, dass es bei diesem Treiben auch eine sehr dunkle Seite gegeben hat. Vermutlich gab es hunderte von Fällen, in denen Hausherren und deren Söhne die Machtlosigkeit der weiblichen Bediensteten hemmungslos ausgenutzt haben. 

Am Ende der house party stand dann noch die Frage, wem man auf welche Art den passenden Betrag als Trinkgeld zukommen lassen musste. Besonders stilvoll war es, wenn auch die Gäste eine Aufmerksamkeit zum Abschied bekamen: Zigarren oder Zigaretten für die Heimreise oder ein hübsch angerichtetes Lunchpaket.

Hier die ersten drei Beiträge:

Muss ich noch darauf hinweisen, dass es einen fünften und sechsten Beitrag geben wird? 😎

Adrian Tinniswood: The Long Weekend – The English Country House between the Wars (2016) – Teil 3/6

Hier also der dritte Teil zu Tinniswoods faszinierendem Geschichtsschmöker, der sich auch für alle Leserinnen und Leser der Kriminalromane des sogenannten Golden Age eignet, die ja bekanntlich gern auf den Landsitzen der Schönen und Reichen gespielt haben. Und die wiederum sind auch bei Tinniswood für die ein oder andere Klatschgeschichte gut.

So erfahren wir, dass es schon damals unglücklich verlaufende Schönheitsoperationen gab: Gladys Marie Deacon, Ehefrau des 9. Duke of Marlborough, ließ sich, obwohl sie als wunderschön galt und unzähligen Männern den Kopf verdrehen sollte, als 16-Jährige Paraffinwachs in die Nase einführen, das sich im Laufe der Jahre zersetzte, im Gesicht nach unten wanderte und ihren Kiefer massiv verbreiterte.

Die LeserInnen lernen den enorm einflussreichen Architekten Sir Edwin Lutyens kennen, der nicht nur für den Bau von Castle Drogo, einer tatsächlich modernen Burg, verantwortlich zeichnete, sondern auch 1921 bis 1924 das Puppenhaus für Queen Mary entwarf, das 1924 bei der British Empire Exhibition mehr als 1,6 Millionen Zuschauer begeisterte. Lutyens wirkte ebenfalls bei der Gestaltung Neu-Dehlis mit und entwarf für die Opfer des Ersten Weltkrieges zahlreiche Gefallenendenkmale.

Sir Philip Sassoon ist eine weitere schillernde Persönlichkeit. Er stammte aus einer jüdischen Bankiersdynastie, deren Reichtum sich auch enormen Gewinnen aus dem Opiumhandel verdankte. Sassoon ließ Port Lympne, einen seiner drei Landsitze, mit eher ungewöhnlichen Wandbildern ausstaffieren, beherbergte die Berühmtheiten seiner Zeit, auch wenn die Vorbehalte gegenüber seiner jüdischen Herkunft, vermutlich verstärkt durch seine Diskretion bezüglich seiner sexuellen Vorlieben, nie ganz verstummten. Trent Park, das ebenfalls Philip Sassoon gehört hatte, diente im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangenenlager für deutsche Offiziere und Generäle, die dort belauscht wurden, in der Hoffnung, so an kriegsrelevante Informationen zu gelangen.

Tinniswood beleuchtet beispielsweise den kometenhaften Aufstieg der Interior Designer. 1913 nannte das Post Office London Directory, ein Vorläufer der Gelben Seiten, vier Inneneinrichter; nur acht Jahre später waren bereits 122 gelistet, von denen viele nun ihre Geschäfte in den nobelsten Londoner Stadtteilen hatten. Vermutlich war der Hauptgrund für diesen Anstieg, dass sich neue Hausbesitzer ihres eigenen Geschmacks nicht sicher waren, auch wenn böse Zungen das eher auf die steigenden Scheidungszahlen zurückführen wollten. Vogue schrieb:

Someone once said that a woman is either happily married or an Interior Decorator. Whether the rise of the Society decorator can be attributed to the present slump in married felicity, it is certain that it is as fashionable now to be doing up the house of one’s acquaintances as it was to open a hat-shop in pre-war days. (S. 155)

Ein anderes Kapitel widmet sich dem Wunsch nach Modernisierung der Anwesen. Immer mehr (neue) Besitzer dieser ja zum Teil Jahrhunderte alten Gebäude wussten zwar die architektonischen Schönheiten ihrer Landsitze zu würdigen, wollten aber trotzdem nicht länger auf moderne Annehmlichkeiten verzichten.

By the 1920s light, sun and air were prized in a way that medieval and Tudor forebears would have found incomprehensible. So were bathrooms. (S. 137)

Die Küchen sollten nicht mehr so furchtbar weit weg vom Esszimmer sein, man hatte überhaupt weniger Personal zur Verfügung, sodass die Arbeit leichter zu erledigen sein musste. Und eine der wichtigsten Fragen bei der Modernisierung war, welche Funktion der ehemalige Rittersaal, die great hall in Zukunft erfüllen sollte. Eine ganze Reihe der Landhäuser konnte schließlich sogar mit einem neu gebauten Swimmingpool aufwarten. Doch vor allem stellte die Elektrifizierung der alten Häuser die Besitzer oft genug vor Probleme. Nicht nur waren die Herrenhäuser oft zu weit weg von den lokalen Stromnetzen, schon die Verlegung der Kabel in den alten Häusern war ein mühseliges Unterfangen.

The guides at Stanford Hall in Leicestershire used to tell the story of how in the 1920s Lord and Lady Braye were baffled by the prospect of having to run cables through their long ballroom without wrecking its delicate eighteenth-century stuccowork. Then someone had a bright idea: they prised up a floorboard at one end and dropped a dead rabbit into the void; then they prised up a floorboard at the other end and unleashed a ferret, with a string tied to his collar. When the ferret had managed to negotiate the joists and reach the rabbit, the string was used to pull through a cable and hey presto! the problem was solved. (S. 152)

Genauso gibt es Kapitel über die Anwesen der königlichen Familie oder über die Fortbewegungsmittel der Reichen beim Reisen. Und wenn Tinniswood erzählt, wie die Jachten der Superreichen so ausgestattet und eingerichtet waren, wird einem angesichts dieses Luxus ganz schwindlig. Dass da dem ein oder anderen menschlich die Bodenhaftung verloren ging, verwundert dann auch nicht wirklich. 

1937 gab es mehr als 70 Landsitze, die über einen eigenen kleinen Landeplatz für Flugzeuge verfügten, dabei war das Fliegen noch alles andere als ein sicheres Verkehrsmittel. Besonders Italien und Frankreich, die Mittelmeerküste mit Sonnengarantie, Spieltischen und luxuriösen Hotels waren beliebte Destinationen. 

The 11th Duke of Bedford kept four cars and eight chauffeurs in London […]. Guests invited to stay at the duke’s country seat, Woburn Abbey, were picked up in town by a chauffeur, who arrived with a footman. Suitcases were carried in a second car, driven by another chauffeur accompanied by another footman. (‘You never travelled with your suitcase,’ recalled his grandson, ‘this was not the thing to do.’) On the outskirts of London this little entourage would be met by a third and fourth chauffeur-driven car, both also equipped with footmen. Guests and luggage were transferred, and then they set off on the second leg of their journey. This odyssey, involving four cars and eight servants, took two or three hours: Woburn was less than fifty miles  from central London. (S. 209)

Hier geht’s lang zum ersten und hier zum zweiten Beitrag der Reihe. Und Teil 4 ist inzwischen auch erschienen.

Adrian Tinniswood: The Long Weekend – Life in the English Country House between the Wars (2016) – Teil 2/6

Ich hatte ja angedroht, dass es einen zweiten Teil zu Tinniswoods Buch über die britischen Country Houses geben könnte, da das Buch so voller Geschichten und Geschichte steckt, sodass ich am Ende meines ersten Beitrags ja noch nicht einmal bis Seite 100 (von 378) gekommen war. Also, keine Schwäche zeigen, Augen zu und durch:

Tinniswood geht in seinem reich illustrierten Band u. a. folgender Frage nach:

Why did politicians and heiresses and clergymen sink their fortunes and their fortunes into refurbishing ruins? (S. 92)

Diese Begeisterung, bei der viele Jahre an Zeit, Nerven und unfassbare Summen an Geld in die Renovierung zum Teil ziemlich baufälliger Anwesen flossen, lässt sich laut Tinniswood nicht nur mit den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges erklären, die den Briten gezeigt hatten, welche (auch immateriellen) Werte da bedroht worden waren.

But many of the great restaurations […] had been started before 1914. They are best seen as part of an anti-urban, anti-industrial and anti-modern tradition with a pedigree reaching back to nineteenth-century Romanticism and its offspring, the Arts and Crafts Movement. Yet the war certainly honed this sensibility. The sense of reconnection with something profound […] There was also a heightened awareness of what was being lost, and of what was and was not being done to save it. (S. 92)

Interessant ist beispielsweise, wie es zu dem Ancient Monument Act (hier ein informativer Abriss der BBC) von 1913 kam, der der Regierung zum ersten Mal umfassende Befugnisse gab, bei historischer Bausubstanz einzuschreiten, falls diese von ihren Eigentümern der Verwahrlosung, der Gefahr des Abrisses oder der Fledderei ausgesetzt wurden. So hatte schon ein reicher Amerikaner die aus dem Mittelalter stammenden Kamine aus Tattershall Castle ausbauen lassen, um sie nach Amerika zu verschiffen. Nur dem energischen Eingreifen des Imperialismusverfechters und ehemaligen Vizekönigs von Indien, Lord Curzon of Kedleston, war es zu verdanken, dass die Kamine wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückgebracht werden konnten.

Dann wieder widmet sich Tinniswood den durchaus gegensätzlichen architektonischen Strömungen, die von den verschiedenen Architekten und Bauherren bevorzugt wurden. Da gab es beispielsweise Claud Biddulph, dessen von ihm beauftragter Architekt Ernest Barnsley noch 1909 verlangte, dass beim Bau von Rodmarton Manor alles in traditioneller Handarbeit gefertigt werden müsse. Da war die Kreissäge verpönt, stattdessen mussten alle Balken von jeweils zwei Männern mit der Handsäge bearbeitet werden, damit der Arbeiter nicht das Gefühl für seine eigene Handarbeit verlöre. Das bedeutete, dass Rodmarton Manor erst 1929 fertiggestellt wurde, drei Jahre nach Barnsleys Tod.

There was a serious point to all this. Rodmarton was an educational enterprise, a quiet attempt to change the world. If traditional crafts were dying out they must be revived; and their revival depended not on city-bred reformers like Barnsley and the Biddulphs, but on people like the Biddulphs‘ estate workers, and on the women who lived in the surrounding villages. Give them the skills and the confidence to make beautiful things, and they would pass their knowledge on to others. (S. 111)

Diese Häuser und Anwesen, die nach den Überlegungen der Arts and Crafts-Bewegung entstanden, zeugten mit ihren anachronistisch anmutenden Strohdächern und bleiverglasten Fenstern durchaus von einer gewissen Rückwärtsgewandtheit, während die Generatoren in fachwerkverzierten Garagen standen. Doch es gab auch die Gegenströmung.

A scattering of Modern Movement country houses sprang up between the wars, their gleaming white walls, flat roofs and horizontal bands of glass meeting with a public response that was always amazed, often downright hostile. Local councils were reluctant to grant planning permission for these experiments, while the older generation of architects condemned the style as inappropriate, foreign, out of step with tradition. (S. 113)

Besonders die Flachdächer wurden als furchtbar unenglisch verdammt. Und schon die Namen der Architekten wie Walter Gropius, Eric Mendelssohn, Ernö Goldfinger, Serge Chermayeff und Berthold Lubetkin klangen für viele verdächtig ausländisch, jüdisch, ja geradezu kommunistisch.

Als ein mir bisher auch völlig unbekanntes Beispiel sei hier das von Thomas S. Tait entworfene Silver End genannt – ein Modelldorf für die Arbeiter des Industriellen Francis Crittall.

Joldwynds [arguably the greatest modernist country house of all] came with all the trimmings: twelve bedrooms, six bathrooms, five sitting rooms, domestic offices, garage and stables with three flats, a swimming pool, a hard tennis court and twenty acres of woodland to explore in the unlikely event that the fifteen acres of beautiful gardens lost their charm. (S. 118)

Doch auch Joldwynds, das heute als Filmkulisse gebucht werden kann, oder High and Over, das ein damals gänzlich unbekannter Neuseeländer names Amyas Connell für den jungen Professor Bernard Ashmole plante, muten unglaublich modern an und entsprechen so gar nicht dem Klischeebild eines britischen Country House. High and Over entstand 1931. Das schmeckte dem (architektonischen) Establishment viel zu sehr nach Weltbürgertum. Und der Architekt Sir Reginald Blomfield verkündete denn auch:

as an Englishman and proud of his country, I detest and despise cosmopolitanism. (S. 117)

Hier geht‘s weiter zum dritten Teil der Reihe.

Fundstück von Earlene Fowler

Throw yourself a pity-party and you‘ll be the only guest is what Dove would say and she‘d be right.

Aus: Earlene Fowler: Fool‘s Puzzle, 1994, S. 20

Mit Fool‘s Puzzle erschien Earlene Fowlers (*1954) erster Krimi um die frisch verwitwete Mittdreißigerin Bennie Harper, die nach dem Unfalltod ihres Mannes den schlechtbezahlten Job als Leiterin eines Volkskundemuseums in der kalifornischen Stadt San Celina übernimmt. 2011 wurde Spider‘s Web, der fünfzehnte und bislang letzte Krimi aus der Reihe, veröffentlicht.

Adrian Tinniswood: The Long Weekend – Life in the English Country House between the Wars (2016) – Teil 1/6

Der britische Professor Adrian Tinniswood (*1954) hat drei dicke Bände über das English Country House geschrieben und muss dafür unfassbar viel gelesen, recherchiert und herumgereist sein. Der zweite Band The Long Weekend (2026), der sich mit der Geschichte der englischen Paläste, Landhäuser und Manors der britischen Adelsschicht zwischen den Zwei Weltkriegen beschäftigt, geht – überbordend vollgestopft mit Informationen und gleichzeitig supergut lesbar – in faszinierenden Geschichten und Vignetten sowohl familiären Katastrophen, gesellschaftlichen Veränderungen als auch architektonischen Seitenwegen nach. Rachel Cooke beschreibt die fast 400 Seiten im Guardian als ein

fantastically readable and endlessly fascinating book about life in the English country house between the wars …

Unter anderem erklärt Tinniswood, wie viele Anwesen in einem einzigen Jahr so abbrannten, sei es durch Brandstiftung, ein nicht abgeschaltetes Bügeleisen oder durch Gardinen, die sich durch einen Windstoß über eine Öllampe legten. Dazu kam, dass die Wasserversorgung bei der Brandbekämpfung meist mangelhaft war.

Dann wieder widmet sich Tinniswood den Gründen, aus denen viele Adlige nach dem Ersten Weltkrieg gezwungen waren, ihre Häuser, ihre Anwesen, Dörfer und Ländereien zu verkaufen. Da war zum einen die Tatsache, dass viele Adlige oder deren Söhne im Ersten Weltkrieg umgekommen waren. Damit fehlten die Erben, die den kostspieligen Unterhalt der Landsitze hätten stemmen können, zudem verschlang die Erbschaftssteuer so ungeheure Summen, dass viele sich gezwungen sahen, ihre Anwesen zu verkaufen. Gleichzeitig waren die landwirtschaftlichen Erträge oft nicht hoch genug.

Wenn man mal ausblendet, wie einige dieser Herren und Damen an ihre zum Teil sagenhaften Vermögen gekommen waren, tut es doch ein wenig weh, wenn man liest, dass da auch Jahrhunderte alte Architekturschätze unter den Hammer kamen oder unwiederbringlich zerstört wurden. Nicht selten wurden die Häuser vor dem Verkauf „gefleddert“, Holzpaneele, Möbel, Bibliotheken und ganze Treppenhäuser verkauft, nach Amerika verschifft oder woanders wieder eingebaut. Manchmal fand sich auch gar kein Käufer, da die Häuser oft so renovierungsbedürftig waren, dass sich verständlicherweise niemand die Folgekosten antun wollte.

Das galt beispielsweise auch für Nuthall Temple, ein architektonisches Kleinod aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, einer von nur fünf Landsitzen,

inspired by the Villa Rotunda, the domed place of entertainment on a hill outside Vicenza, built by Andrea Palladio. (S. 29)

1929 versteigerte man die Möbel, einen Shakespeare Folio, 24 Kaminsimse, 130 Türen und diverse Rokokoverzierungen aus Nuthall Temple.

The denuded carcase went to a local demolition contractor for £800, and at the end of July, in the presence of the local press and a crowd of onlookers, he set fire to it. ‚A wonderful sight‘, reported the Nottingham Evening News the next day. ‚What took only a few minutes to demolish by fire might have taken by the pick and shovel method a month or two.‘ (S. 29)

Heute führt irgendeine Autobahn über das ehemalige Anwesen.

Tinniswood ordnet die Berge an Material zu Biografien, Architekten, Baustilen und Innenausstattungen mit leichter Hand und hatte vermutlich beim Schreiben hin und wieder so viel Spaß und Erkenntnisgewinn wie seine Leserinnen und Leser. Man lernt, welche Architekten welche Landsitze renovierten (und wie lange das so dauern konnte) und dass die Scheidungsrate auch in der Schicht der Adligen allmählich zunahm. 

In the minds of the general public, divorce and remarriage went hand in hand with fast cars, cocaine and jazz. But the ancient families who inhabited the stately homes of England were expected to set an example to their social inferiors; they were supposed to adhere to the respectable bourgeois values established in the previous century, to stand up for God, their country and the sanctity of family life. Their infidelities were their own affair; but when they behaved as though marriage were a social habit rather than a sacrament, the public disapproved, even as they rushed to read the salacious details in their daily papers. (S. 62)

Da erfahren wir, dass der 21-jährige William John Arthur Charles James Cavendish-Bentinck zwar wusste, dass er nach dem Tod seines entfernten Cousins, des fünften Duke of Portland, dessen Besitztümer und Titel erben würde, dennoch kannte Cavendish-Bentinck den Stammsitz der Familie, Welbeck Abbey in Nottinghamshire, überhaupt nicht. Entsprechend konsterniert muss er gewesen sein, als er 1879 sein Erbe antrat. Die einzigen funktionsfähigen Räume, die sein Vorgänger bewohnt hatte, waren allesamt in Rosa gehalten und enthielten kaum Mobiliar.

Each room had a lavatory in the corner, and brass letter boxes in the door so that he could exchange messages with his staff. (S. 53)

The 5th duke‘s projects included the second largest riding-school in the world, connected to the house by a tunnel about 1,000 yards long […]. Another skylit tunnel stretching for more than a mile and a half allowed the eccentric duke to ride in his carriage to Worksop railway station unobserved, where the carriage would be lifted onto a flatbed truck so that he could travel to London. (S. 52)

Doch nicht nur Tunnel, sondern auch riesige unterirdische Räume, von denen einer mal eine Kapelle hätte werden sollen, fanden sich in der Nähe des Haupthauses.

Once he had got over the shock of coming into his curious inheritance, the 6th duke set to work on the repair and restoration of Welbeck Abbey, helped along by the successful racing stud he established. He had two Derby winners, and the progeny of one horse alone, St Simon, won nearly £250,000 in prize money: a group of almshouses at Welbeck, built with some of the proceeds of racing, were called The Winnings. (S. 53)

Im Winter 1913 besuchte sogar Erzherzog Franz Ferdinand den 6. Duke of Portland, der sich später in seinen Memoiren Men, Women and Things (1937) an den Jagdausflug mit dem Erzherzog erinnert: 

One of the loaders fell down. This caused both barrels of the gun he was carrying to be discharged, the shot passing within a few feet of the archduke and myself. I have often wondered whether the Great War might not have been averted, or at least postponed, had the archduke met his death there and not at Sarajevo the following year.

Auch wenn nach dem Ersten Weltkrieg zarte Einsparungen erfolgten – man musste sich von einem der zwei Chauffeure trennen, verkaufte überflüssiges Mobiliar und Bücher, von denen man mehrere Exemplare besaß, sowie einige teure Weine -, im Grunde ging das Leben der Superreichen auf Welbeck Abbey und anderen großen Landsitzen einfach erst mal weiter, selbst wenn man nun mit weniger Bediensteten auskommen musste. 1929, zum 50. Jahrestag als Duke of Portland, lud der Hausherr jeweils 1000 Gäste zu zwei Bällen ein. Und noch in der Jagdsaison 1934-35 wurden 5.148 Fasane getötet und über 3.000 Rebhuhnpaare. 

Leider überliefert uns Tinniswood nicht, was die Duchess of Portland von diesem adligen Treiben hielt. Sie war als Vegetarierin große Tierliebhaberin und über fünfzig Jahre die Vorsitzende der Royal Society for the Protection of Birds.

In dieser Gesellschaftsschicht war ein tiefsitzender Abscheu gegenüber Neuerungen nichts Ungewöhnliches. Der elfte Duke of Bedford (1858 – 1940) weigerte sich, auf Woburn Abbey Zentralheizung installieren zu lassen,

so in Winter his fifty-odd indoor servants kept seventy or eighty open wood fires burning in the rooms, including the bathrooms. His housemaids all had to be five feet ten inches tall; dinner guests were assigned a personal footman, who stood behind their chair while they ate. When electricity was eventually and grudgingly installed at Woburn, each bedroom was still equipped with a single candle so that house guests could seal their letters with wax, in addition to an electric light. After an elderly guest complained that one candle didn‘t provide him with enough light, the duke ordered that large enamel plaques must be fitted above the switches with the words ‚Electric Light‘. (S. 57)

Du liebe Güte, ich habe noch einige hundert Seiten vor mir. Vielleicht gibt‘s eine Fortsetzung, aber für heute soll dieser Einblick in ein Buch, in dem man sich garantiert festschmökert, genügen.

Hier geht’s weiter:

Wilfried Meichtry: Nach oben sinken (2023)

Wilfried Meichtrys Roman Nach oben sinken (2023) – mit stark autobiografischen Anleihen – um einen fantasievollen Jungen, der im streng katholischen Wallis der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts aufwächst, immer wieder gegen das Schweigen, die Heuchelei und die engen Grenzen der Familie und Gesellschaft aufbegehrt, seine Zuflucht in Büchern und schließlich im Erzählen und Aufdecken eines Familiengeheimnisses findet, hat mich nicht zur Gänze überzeugt.

Besonders die Art und Weise, in der der Ich-Erzähler schließlich das Geheimnis um seinen verschollenen Onkel lüftet, schrammte verdächtig nahe am Kitsch entlang und die Sprache war oft hölzern.

Um wie viel bewegender lasen sich da Joachim Meyerhoffs Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013) oder Die Königin von Troisdorf (2021) von Andreas Fischer. Dennoch, einige Zitate sollen bleiben.

Die Erwachsenen waren mir ein Rätsel. Sie machten ernste Gesichter und sprachen wenig. Wenn sie miteinander redeten, sprachen sie von den Rabattaktionen im Konsum, vom Fernsehprogramm oder den Fussballresultaten. Sie zählten auf, wer an welcher Krankheit gestorben war und wer eine gute Partie gemacht hatte. Wer ein uneheliches Kind geboren oder wer ein zweites Auto gekauft hatte. Wenn alle Themen erschöpft waren, kam das Wetter dran, und dann begann alles wieder von vorn. (S. 16)

Von einem Tag auf den andern stellte das Lesen mein gesamtes Leben auf den Kopf. Die Zeit, die ich an der Seite von Winnetou und Old Shatterhand durch den Wilden Westen ritt, war der Höhepunkt des Tages. Gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte, stürmte ich am Ende von Winnetou 1 zu Frau Matter in die Schulbibliothek, wo ich erfuhr, dass es keine weiteren Karl-May-Bücher gab. Das knappe Budget erlaube leider keine weiteren Ankäufe, erklärte die Schulhausbibliothekarin. Ich war verzweifelt. Schliesslich gab es für mich nichts Wichtigeres, als zu erfahren, ob Winnetou und Old Shatterhand den hinterhältigen Schurken Santer, der Winnetous Vater Intschu tschuna und seine Schwester Nscho tschi erschossen hatte, fassen konnten. Was sollte ich tun? Es gab nur einen Weg: Ich musste mir die Bücher selbst kaufen. Wie aber sollte ich zu Geld kommen? Die Lösung war schnell in Sicht. Ich liess mich auf die Liste der Freiwilligen setzen, die bereit waren, an den Beerdigungen Trauerkränze zu tragen. (S. 38) 

Daran, wie viele Tote ich als Primarschüler auf ihrem letzten Gang begleitet habe, kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiss genau, dass meine Karl-May-Bibliothek am Ende der sechsten Klasse an die zwanzig Bände umfasste. Lesen war der Höhepunkt meines Tages, der nur dann ein guter Tag war, wenn ich genügend Zeit dafür hatte. Eines wurde mir dabei klar: Das Leben musste so organisiert werden, dass mir möglichst viel Zeit zum Lesen blieb. Das war vielleicht das Wichtigste überhaupt. (S. 41)

Schweigen ist ein Notverband, der die Blutung stillt, nicht aber die Wunde heilt. (S. 243)

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May Sarton: The House by the Sea (1977)

An einer Stelle zitiert die amerikanische Schriftstellerin May Sarton (1912 – 1995) einen Kritiker, der in einem Verriss ihres Buch Crucial Conversations Folgendes über sie schreibt:

‚May Sarton is an American lady of 63 who has been writing novels for 36 years without anyone paying very much attention.‘ This is the truth; yet it made me laugh, it is such a caricature of how I see myself. (S. 193)

Sarton, hierzulande tatsächlich eher unbekannt, veröffentlichte Duzende Bücher, darunter Romane und Gedichtbände, doch vor allem mit ihren Tagebüchern sicherte sie sich eine vorwiegend weibliche Leserschaft. Da sich ihre Bücher – obwohl durchaus mit Preisen bedacht – keineswegs wie geschnitten Brot verkauften, besserte sie ihre Einkünfte durch Vorlesungsreihen und Seminare auf, was sie keineswegs so toll fand, musste sie doch für ihre Reisen immer wieder ihre zurückgezogene Lebensweise unterbrechen.

Auch das Tagebuch The House by the Sea, das von November 1974 bis August 1976 reicht, war von Anfang an für eine Veröffentlichung vorgesehen. Sarton hatte 1973 ein großes Haus an der Küste von Maine von Freundinnen gemietet, von dem aus sie das Meer sehen konnte. Gesellschaft leisten ihr Tamas, ein Sheltie, und Bramble, eine Katze. Sarton bekommt oft Besuch, besucht ihrerseits Freunde und Freundinnen. Menschen, mit denen sie sich über das ihr Wesentliche austauschen kann, sind ihr enorm wichtig. Dazu zitiert sie die letzte Strophe des Gedichts The Lost Tribe von Ruth Pitters:

I know not why I am alone, / Nor where my wandering tribe is gone, / But be they few, or be they far, / Would I were where my people are! (S. 173)

Mindestens einmal im Monat holt sie Judith Matlack, eine ehemalige langjährige Lebensgefährtin, für ein paar Tage zu sich. Allerdings leidet Judith an fortschreitender Demenz und lebt ansonsten in einem Pflegeheim. Dort, in ihrem „House by the Sea“ lebt Sarton bis zu ihrem Tod 1995. Sie liebt den großen Garten und arbeitet unzählige Stunden in ihm.

Doch besonders wichtig ist Sarton das Alleinsein, die „solitude“, für die man schon etwas erlebt und gelebt haben müsse und die sie vehement verteidigt. Nichts macht sie ärgerlicher und bockiger, als wenn unangemeldet irgendwelche Frauen an der Tür klingeln, die ihre Bücher gelesen haben und gerade „in der Gegend waren“ und sie so in ihrer Erholung oder gar in ihrer Arbeit stören, der sich doch schließlich alles andere unterzuordnen habe.

Without long periods here alone, especially in winter, when visits are rare, I would have nothing to give, and would be less open to the gifts offered me. […] Solitude, like a long love, deepens with time, and, I trust, will not fail me if my own powers of creation diminish. For growing into solitude is one way of growing to the end. (S. 14)

Aber sie sieht auch der Kehrseite dieses Alleinseins ins Gesicht:

When I am depressed I realize very well that everything I do, such as tending the flowers, talking to the animals, walking with them, is a kind of wall against woe. A substitute, for what? For one person who would focus this beautiful world for me … and I think that that will not happen again. In some ways I do not want it to happen. I am beginning a new phase. Perhaps one must always feel absolutely naked and abandoned and desolate to be ready for the inner world to open again. Perhaps one has to dare that. This morning I feel better for having let the woe in, for admitting what I have tried for weeks to refuse to admit – loneliness like starvation. (S. 203)

Sie hütet sich, plumpe Antworten zu geben auf die Fragen, die uns alle irgendwann umtreiben. Wie mit der Sorge umgehen, was passieren würde, wenn man im Haus stürzt und niemand da wäre, der Hilfe holen könnte? Was mit der Erkenntnis tun, dass nicht nur die geliebte Katze stirbt, sondern dass man von immer mehr Freunden Abschied nehmen muss? Dass der Zustand der Welt kein tröstlicher ist.

In what do we believe? Can we believe? On what to stand firm? There has to be something greater than each individual – greater, yet something that gives him the sense that his life is vital to the whole, that what he does affects the whole, has meaning. (S. 168)

Sarton schreibt, beispielsweise kurze Porträts anderer schöpferisch tätiger Frauen, erinnert sich an ihre Eltern, ehemalige Liebhaber*innen und erkennt:

Because I am thinking so much about the past these days I have come to see that the past is always changing, is never static, never ‘placed‘ forever like a book on a shelf. As we grow and change, we understand things and the people who have influenced us in new ways. (S. 95)

The people we love are built into us. Every day I am suddenly aware of something someone taught me long ago – or just yesterday … (S. 135)

Es stimmt sie hoffnungsvoll, dass immer mehr berufstätige oder künstlerisch tätige Frauen ihre Tätigkeit mit einem erfüllten Familienleben vereinbaren können und wollen, indem sie eben nicht einfach die alten Rollenzuschreibungen fortsetzen, sondern mit den Männern um die ihnen zustehenden Räume kämpfen. Gleichzeitig hat sie wenig Verständnis für Jody, eine Zufallsbekanntschaft, die sich „finden will“, indem sie plan- und ziellos nur den eigenen Wünschen und Impulsen nachgeht.

One does not ‘find oneself‘ by pursuing one‘s self, but on the contrary by pursuing something else and learning through some discipline or routine (even the routine of making beds) who one is and wants to be. (S. 180)

Sarton erfreut sich an Büchern, an Sprache, z. B. an der wörtlichen Bedeutung der Redewendung „growing old“, da sie die Möglichkeit beinhalte, in das Altern hineinzuwachsen, aber vor allem an der Natur, die sie umgibt. An den Spaziergängen mit ihrem Hund, an den frischen Blumen im Haus, am Anblick des Meeres. An der Stille des Schnees, wenn man gänzlich eingeschneit ist. Überhaupt, das Wetter wird nahezu in jedem Eintrag akribisch protokolliert.

… and what opens out is the inner world […] How beautiful the white field is in its blur of falling snow, with the delicate black pencil strokes of trees and bushes seen through it! And, of course, the silence, the snow silence, becomes hypnotic if one stops to listen. (S. 52)

Dabei ignoriert sie keineswegs ihre Umwelt oder die Hungerkatastrophen in der Welt. Besonders erschütternd findet sie die Jugendgewalt in den amerikanischen Innenstädten, bei der sie überlegt, ob die amerikanische Gesellschaft mit ihrem Verhalten, beispielsweise im Vietnamkrieg, sich nicht gerade selbst ihre eigenen Monster heranzieht.  Die Untätigkeit der Regierung, die nichts unternehme, um die Situation in den Innenstädten zu verbessern, macht sie fassungslos. Sie zitiert aus einem Bericht des The Listener vom  26. Juni 1975:

Crime in the American schools begins at about the age of eight. Last year, there were over 8,000 rapes: young women teachers are often the targets; nearly 12,000 armed robberies; a quarter-of-a-million burglaries and 200,000 major assaults on teachers and pupils. Drugs, alcohol, extortation rackets, prostitution are all found in today‘s American classroom. And knives, clubs, pistols and sawn-off shotguns are more often taken to school these days, either for attack or self-defense, than an apple for the teacher. […] And in Los Angeles where there are 150 recognized school gangs, the biggest call themselves the Cripps because they are dedicated to crippling their victims. There are also girl Crippettes and the junior Cripps for eight- to eleven-year-olds. (S. 125/126)

Manchmal findet sie ihre Gedanken tiefer und bedeutender, als ich das tue, z. B. wenn sie schreibt, dass sie nachts nicht schlafen könne, denn

there is so much that is happening again in my head. (S. 136)

Doch dann erfahren wir nur, wer gestern zu Besuch gekommen ist und dass sie mit den Essensvorbereitungen zum Glück rechtzeitig fertig war.

Ich überlege noch, ob Sarton ihren eigenen Anspruch an ein Tagebuch selbst eingelöst hat, und finde es auch eine sehr verengte Sichtweise, wenn sie einfach mal so verallgemeinert, dass junge Menschen zum Führen eines Tagebuchs quasi ungeeignet seien.

I do not believe that keeping a journal is for the young. There is always the danger of bending over oneself like Narcissus and drowning in self-indulgence. If a journal is to have any value either for the writer or any potential reader, the writer must be able to be objective about what he experiences on the pulse. For the whole point of a journal is this seizing events on the wing. Yet the substance will come not from narration but from the examination of experience, and an attempt, at least, to reduce it to essence. Secondly – and this is curious – what delights the reader in a journal is often minute particulars. Very few young people observe anything except themselves very closely. (S. 79)

Doch vor allem fehlt mir etwas von der erfrischenden Selbstironie und dem Humor, den beispielsweise Alec Guinness in seinen Tagebüchern so wunderbar einsetzen konnte. Dafür nahm sie sich möglicherweise auch zu wichtig. Ihre ehemalige Friseurin berichtet jedenfalls, dass Sarton einmal ohne Voranmeldung in den Salon gekommen sei und verlangt habe, sofort bedient zu werden. Als die  Friseurin sagte, sie komme so rasch wie möglich zu ihr, habe Sarton herumgetobt, ob die Friseurin denn nicht wisse, wer sie sei, ob sie denn nicht wisse, wie wichtig sie sei.

Das Haus, das diesem Tagebuch seinen Namen gab, wurde übrigens inzwischen abgerissen, da das Grundstück, auf dem es stand, einer gemeinnützigen Organisation vererbt wurde, die entsprechend dem Vermächtnis der Vorbesitzerin dort ein Refugium für Künstler eingerichtet hat. Diese Organisation sah sich finanziell nicht in der Lage, die Kosten für die Renovierung des über 100 Jahre alten Gebäudes zu stemmen.

Hier geht‘s lang zu einem Artikel über May Sarton, der auch ihre arrogante und aufbrausende Art nicht verschweigt.

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Amanda Vaill: Everybody was so young – Gerald and Sara Murphy (1998)

Wer einmal angestubst durch die Biografien zu Dorothy Parker, Maeve Brennan und den Fitzgeralds im New York der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gelandet ist, kommt schwerlich an diesem Ehepaar vorbei. Nach der Biografie von Calvin Tomkins (*1925) mit dem Titel Living Well is the Best Revenge von 1971 widmet sich auch Amanda Vaill in ihrer anregenden Biografie den berühmten Ehepartnern Sara und Gerald Murphy.

Sara Sherman Wiborg (1883 – 1975), wohlhabende Erbin, heiratet mit 32 Jahren gegen den erklärten Willen ihrer Mutter den fünf Jahre jüngeren Gerald Murphy (1888 – 1964).

Sie bekommen drei Kinder, Patrick, Baoth und Honoria, widmen sich der Innenausstattung ihres Häuschens und Gerald arbeitet in der ungeliebten Firma seines Vaters. Während viele ihrer Freunde die Diskriminierung der Schwarzen komplett ausblenden, sieht Sara sehr wohl, dass deren Emanzipationsbestrebungen unterstützt werden müssen. Sie hat – im Gegensatz zu ihrer Familie – keine Bedenken, nach den Rassenunruhen 1919 in Washington D. C. die schwarze Bürgerrechtlerin Mary McLeod Bethune im Hause ihrer Eltern für eine Spendengala zu empfangen; Bethune eine Übernachtungsmöglichkeit  im Haus anzubieten, scheitert allerdings an den rassistischen Ansichten ihrer Schwester.

They had lunch in the enormous baronial dining room – the Irish maids frostily handing around the peas – and discussed the Washington riots. Bethune‘s comments were ‘frightfully interesting,‘ thought Sara. Earlier she had proudly showed off Honoria and Baoth to her visitor. ‘Has she ever seen a Negro before?‘ Bethune inquired about Honoria and, when Sara admitted that she hadn‘t, remarked, ‘Oh, then she will be afraid of me.‘ Said Sara to Gerald later, ‘I was so glad that she wasn‘t.‘ (S. 92)

Sie haben genügend Geld, um 1921 Amerika, der Bigotterie, der Prohibition und den eher unerfreulichen Eltern zu entfleuchen.

During the years since the war increasing numbers of Americans had left the United States for Europe: in 1921 there were six thousand Americans in Paris; by 1924, thirty thousand. (S. 96)

Sie machen sich, man kann es nicht anders sagen, in Europa ein schönes Leben, lieben Kunst, Malerei, Gedichte und selbstgemixte Cocktails. Gerald kann endlich – fern von den Kommentaren des herabsetzenden Kaufmannsvaters – seine künstlerische Ader ausleben, entwirft Bühnenbilder und Kostüme fürs Ballett. Man richtet sich modern und stilvoll ein, entdeckt die französische Riviera, die bis dahin im Sommer völlig unbeachtet war, als wunderbaren Rückzugsraum und knüpft nach und nach ein unglaubliches Netzwerk an Freunden und Künstlern. Da treffen sich u. a. der damals noch unbekannte Picasso, die Fitzgeralds, John Dos Passos, Dorothy Parker, Cole Porter und Hemingway mit ihren Frauen und Kindern. Man feiert Partys, genießt den Strand, gutes Essen, ist geschmackvoll (und teuer) gekleidet, diskutiert über die Künste und auch Gerald fängt an zu malen. Picasso stichelt zwar, dass Gerald nie ein erstklassiger Künstler werde, doch schon damals ist er mit seinen modernen Gemälden bei Ausstellungen erfolgreich und heute hängen die wenigen noch erhaltenen Werke (sieben oder acht an der Zahl) in wichtigen amerikanischen Galerien.

Sarah und Gerald haben ein besonderes Talent für Freundschaften, die sie über viele Jahre und Kontinente hinweg entweder durch Besuche oder Briefe pflegen, deswegen wäre es viel zu kurz gegriffen, sie ausschließlich als Mäzene zu beschreiben. Ihre Geschenke und finanziellen Zuwendungen galten immer ihren Freunden, auch dann, als sich ihre eigene finanzielle Situation nicht mehr ganz so unbeschwert ausnahm. Einige ihrer Freunde haben ihnen ihre Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit allerdings miserabel vergolten. Fitzgerald brachte sie, wenn er betrunken war, in die peinlichsten Situationen oder zertrümmerte auch schon mal Saras kostbare Gläser. Hemingway beschimpfte sie – neidisch und bösartig – noch in seinen posthum erschienenen Erinnerungen A Moveable Feast (1964) und weidete sich an ihrem späteren Unglück.

Die Tragik dieses Ehepaares, das so fest auf der Sonnenseite des Lebens verwurzelt schien, begann zum einen 1929 mit der Tuberkulose-Diagnose ihres Sohnes Patrick, für den sie jahrelang alles Menschenmögliche getan haben, um ihm Heilung zu ermöglichen. Sie verlagern ihr ganzes Familienleben in die Schweiz, um ihm dort im Sanatorium nahe zu sein. Als sich Patricks Zustand bessert, kehren sie in die USA zurück. Doch noch während sie sich um Patrick sorgen, stirbt 1935 nach einer Meningitis als Folge einer Masernerkrankung ihr gesunder Sohn Baoth. Zwei Jahre später stirbt Patrick, gerade einmal 16 Jahre alt.

Gerald wird nie wieder malen, kehrt aber für über 20 Jahre widerwillig in die väterliche Lederfirma Mark Cross Company zurück, um sie aus den roten Zahlen zu holen. Er engagiert sich für einen Kriegseintritt der USA gegen Hitler-Deutschland auf seine Weise: 1941 nimmt er alle Luxuswaren aus den Schaufenstern auf der Fifth Avenue und stellt stattdessen Plakate mit der Aufschrift „Give me liberty or give me death“ oder Fotos der europäischen Produktionsstätten aus: Luftschutzbunker, in denen die britischen Arbeiter vor den deutschen Bomben flüchten, verdunkelte Fabriken.

The displays were a sensation. An average of three thousand people a day stopped to read every word; sometimes there were seventy to eighty people clustered at a window at one time, and foreign-language speakers were overheard translating them for those who couldn‘t read English. (S. 310)

Die Murphys bleiben auch im Alter kulturell interessiert – den Enkeln wird die erste Beatles-Platte vorgespielt, weil Gerald sofort weiß, dass hier etwas Neues beginnt. Sie bleiben ihren Freunden verbunden und geben, das berichten ganz unterschiedliche Menschen, jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Gleichgültig, ob es sich dabei um alte Freunde, Nachbarn, Berühmtheiten oder  Kinder, Enkel oder um die Kinder und Enkel ihrer Freunde handelt, jedem wird die gleiche ungeheuchelte Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft zuteil.

1964 stirbt Gerald. 1975 folgt ihm seine Frau Sara. Das Ende einer langen Ehe und einer großen Liebesgeschichte. Als Gerald das erste Mal wegen seiner Krebs-Erkrankung im Krankenhaus ist, schreibt ihm Sara:

Dearest Gerald –

Here I am ‚at home‘ – ‚without you,‘ – and it is no longer a home, just a place I live – You must know that without you – nothing makes any sense – I am only half a person, – and you are the other half – it is so, however I may try – and always will be be – Please please get well soon – and come back to me.

With love – all I have –

Sara (S. 353)

Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland (2024)

Also, wenn dieser Schmöker – von Claudia Feldmann ins Deutsche übertragen – nicht nach einer Verfilmung ruft, dann weiß ich auch nicht. Schon 2019 wurde Sarah Brooks dafür mit dem Lucy Cavendish Fiction Prize ausgezeichnet.

Der Titel, erfreulicherweise endlich mal eng an den Originaltitel The Cautious Traveller’s Guide to the Wastelands angelehnt, bezieht sich auf den (fiktiven) Reiseführer eines Valentin Rostow, der 1880 ein Handbuch für all diejenigen Reisenden veröffentlicht hatte, die wagemutig, verzweifelt oder leichtsinnig genug sind, eine Fahrt mit dem Transsibirien-Express von Moskau nach Peking oder umgekehrt durch das sagenumwobene und höchst gefährliche Ödland unternehmen zu wollen. Merkwürdig nur, dass sich die Spuren Rostows im Dunkel der Gerüchte verlieren und niemand weiß, was aus ihm geworden ist.

‚Vor allem unternehmen Sie diese Reise nicht, wenn Sie nicht über ein ausgeglichenes Gemüt verfügen. […] Es heißt, jeder Reisende durch das Ödland hat einen Preis zu zahlen. Einen Preis, der über die Kosten für die Zugfahrkarte hinausgeht.‘ (S. 22)

Und viel mehr Informationen haben weder die Crew noch die Reisenden, denn die Kompanie, die die Strecke betreibt, ist eher an der Ausbeutung des nahezu unerforschten Landes interessiert als an der Erkundung und Bewahrung des Ödlands. Das ist problematisch, denn die vermehrten Durchquerungen des Ödlands sorgen für immer größere Risiken. Man munkelt, dass bei der letzten Fahrt Menschen ums Leben gekommen seien, da das Glas der Fensterscheiben dem Ödland nicht standgehalten habe und dadurch namenloses Unheil in den Zug habe eindringen können. Die Kompanie jedenfalls lässt jeden Passagier schon mal vorsichtshalber unterschreiben:

Der Passagier ist sich der Risiken der Reise bewusst. Es ist seine Pflicht, den Zugarzt zu informieren, falls er sich zu irgendeinem Zeitpunkt unwohl fühlt. Die Transsibirien-Kompanie übernimmt keinerlei Verantwortung für Krankheit, Verletzungen oder den Verlust des Lebens während des Aufenthalts im Zug. (S. 60)

Das Leben im Ödland funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten, es gibt merkwürdige Tiere und Pflanzen dort, Lebewesen, die unseren seltsamsten Träumen entsprungen zu sein scheinen und den Zug und seine Reisenden bedrohen. Nicht umsonst wird der Zug bei der Abfahrt streng verschlossen, niemand darf ihn verlassen, ein Scharfschütze hält Wache und vor der Ankunft in Moskau wird er in einer Art überdimensionalem Überwachungsraum auf Spuren fremden Lebens überprüft. Sollte man dort etwas finden, würde der komplette Zug versiegelt. Kein Passagier würde den Zug verlassen können. Oder wie Rostow schreibt:

Alle darin müssen sich zum Wohle des Reiches opfern. (S. 64)

Die 6000 Kilometer lange Reise beginnt in Peking. Es steigen ein: Eine junge Frau names Maria Petrowna, von der wir aber gleich erfahren, dass dies nicht ihr richtiger Name ist und sie offensichtlich etwas zu verbergen sucht. Eine fröhlich herrschsüchtige Gräfin samt Zofe, ein alter Professor, ein Naturwissenschaftlicher names Henry Grey, der geradezu fanatisch seine wissenschaftliche Reputation durch neue Erkenntnisse über das Ödland wieder herstellen will, selbst wenn er damit alle Mitfahrenden in größte Gefahr bringen sollte. Außerdem wären da noch ein übellauniger Priester und ein reiches französisches Ehepaar, das sich mit dieser Reise einen neuen Nervenkitzel gönnen will.

Vergnügungsreisende, denkt Grey mit leiser Verachtung. Dieser elende Rostow und sein verdammtes Buch! Ohne ihn wäre der Zug den ernsthaften, zielstrebigen Reisenden vorbehalten geblieben, nicht diesen törichten Sensationslustigen, die einen derartigen Überfluss an Zeit und Geld haben, dass sie bewusst die Gefahr suchen müssen. Sie fahren nur mit dem Zug, um eine Erfahrung zu sammeln, wie ein hübsches Souvenir, das sie sich zu Hause an die Wand hängen und mit dem sie gegenüber ihren Freunden prahlen können. Sie werden in ihr komfortables Leben zurückkehren, zu ihren Salons und Kaffeehäusern, kaum berührt von den Wundern, die sie gesehen haben. Er bemitleidet sie und stellt fest, dass es ein angenehmes Gefühl ist. (S. 35)

Dazu kommt die Besatzung: Allen voran die 16-jährige Zhang Weiwei, das sogenannte Zugkind, da sie im Zug geboren wurde und der Zug ihr einziges Zuhause, die Crew ihre Familie ist. Als Kind war sie quasi der Talisman, doch inzwischen muss sie – wie alle anderen – ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie ist Mädchen für alles, erledigt Botengänge, hilft überall dort, wo sie bei der Bedienung der Gäste in der ersten und dritten Klasse (eine zweite Klasse gibt es nicht) gebraucht wird.

Weitere Auftritte haben ein junger Bord-Ingenieur namens Alexei sowie der relativ funktionslose Captain, der Chef des Zuges, der sich irgendwann als Frau zu erkennen gegeben hat, und Suzuki, der Kartograph, nebst weiterem Personal wie Köchinnen und Stewarts. Zu erwähnen wären noch die zwei „Krähen“, die Vertreter der Kompanie, die, wo immer sie im Zug auftauchen, in ihrer schwarzen Kleidung eine Atmosphäre der Überwachung, Bedrohung und Einschüchterung um sich verbreiten.

Ihre Ankunft wird durch das Klirren ihrer Schuhe angekündigt, glänzend schwarz und im europäischen Stil, mit Schnallen. Es ist ihre einzige Eitelkeit; oberhalb der Füße sind sie mit ihren dunklen Anzügen, den Drahtgestellbrillen und dem humorlosen Lächeln ebenso unscheinbar wie die übrigen Angestellten der Kompanie. (S. 45)

Mehr zur Handlung zu sagen, wäre schade, vielleicht nur so viel: Die Protagonisten müssen sich alle in irgendeiner Form zu diesem sie umgebenden Ödland mit seinen Schrecken, aber auch mit seinen Schönheiten verhalten: Können sie staunen und wollen sie es schützen? Wollen sie möglichst viel Profit machen, obwohl das unabsehbare Gefahren heraufbeschwört? Wollen sie es erforschen und sezieren? Lassen sie die Jalousien herab oder schließen sie – wie dringend empfohlen wird – die Augen, um sich vor einem Anblick zu schützen, der zu Halluzinationen, Gedächtnisverlust oder Verfolgungswahn führen und Schwachen sogar dauerhaft den Verstand rauben kann? (Die Besatzung hat Beruhigungs- bzw. Betäubungsmittel für diesen Fall an Bord, der von der Ödlandkrankheit Befallene wird dann auf der Krankenstation isoliert. Heilung ungewiss.) Lassen sie gar das Ödland in den Zug hinein? Streng verboten! Oder erweisen sie der ohnehin mächtigeren Natur den nötigen Respekt und lassen sich auf das Besondere ein? Jedenfalls werden alle Entscheidungen die Handlung vorantreiben und uns auch auf buchstäbliche, jahrelang nicht gewartete Nebengleise führen.

Kurzum, keine Weltliteratur, aber eine durchaus unterhaltsame Mischung aus Reisebericht, Abenteuerroman und Fantasy, aber auch „a steampunk climate fiction eco-fable, with a dash of romantasy and an anti-capitalist bent. It could just as easily be a young adult novel as one for older readers“, wie Suzie Feay in ihrer Besprechung im Guardian schreibt.

Ich bin dieser Zugreise gern gefolgt, auch wenn ich mir mehr handfeste Handlungsstränge gewünscht hätte. Die Stärke des Buches liegt in der Beschreibung der fantastischen Ödland-Welt und in der Einladung, über unsere eigene Haltung der Welt gegenüber nachzudenken, weniger in der eher schablonenhaften Charakterisierung der Protagonisten und dem schwachbrüstigen Plot. Manches bleibt sehr in der Schwebe, hätte unterfüttert und ausgemalt werden müssen, wie beispielsweise die Rolle des geheimnisvollen Artemis. Gleichzeitig vermeidet Brooks aber alles übermäßig Belehrende und lässt uns genügend Leerstellen, über die man am Ende nachdenken könnte.

Der große Zug ist stehen geblieben. Mit dem letzten Dampfstoß scheint sich alle Kraft, die sie zu haben glaubten, in Luft aufzulösen. Die Passagiere rühren sich nicht, als fürchteten sie, jede Bewegung könnte die Aufmerksamkeit all der neugierigen, wachsamen, hungrigen Dinge da draußen auf sie lenken. Die Crew lässt die Vorhänge geschlossen. Lieber nichts sehen und nicht gesehen werden. Lieber nicht daran denken, wie klein sie sind und dass der Zug hier draußen in dieser Weite nicht so groß und stark ist, wie sie sich selbst einreden und den Passagieren gegenüber behaupten. Alle Prahlerei ist hier bedeutungslos. (S. 250)

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Elke Heidenreich: Altern (2024)

Ach ja, die Jugend wäre schön, wenn sie etwas später käme und wir schon etwas klüger wären, oder? An die Jungen ist sie ja geradezu verschwendet! (S. 19)

Ob man auch einer anderen Autorin diesen schmalen Band (111 Seiten für 20 Euro) so hätte durchgehen lassen? Zugegeben, Elke Heidenreichs Büchlein mit dem uns irgendwann alle angehenden Thema „Altern“ liest sich locker weg, das Adjektiv „schnoddrig“ wird ja nicht umsonst in mindestens jeder zweiten Besprechung für ihren Stil verwendet.

Man erkennt in dem komplett unsortierten Gedankenstrom sicherlich das ein oder andere von sich selbst wieder: Man sucht seine Brille, schläft nachts schlechter und wo bitte kommen so plötzlich die Falten am Hals her? Wieso sterben auf einmal Menschen, die man doch kannte? Wie gestaltet sich der Abschied von den eigenen Eltern? Was macht man mit all dem Krempel, den man in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat und den vermutlich später niemand mehr haben will?

Die Bücher, tausende von Büchern, auf drei Etagen, und der Keller ist auch noch voll. Dabei schenke ich so viele Bücher weg, aber es kommen immer neue. Will die irgendwann irgendwer haben? […] Wird jemand die Schönheit meiner über hundert Jahre alten Gläser begreifen, oder kommt das alles in die Entrümpelung? (S. 47)

Doch schaut man genauer, bleibt so vieles an der Oberfläche. Kein Gedanke wird ausgeführt, in die Tiefe gedacht. Ist es wirklich so aufregend oder hilfreich, wenn sie feststellt, dass eine finanzielle Absicherung im Alter die Angelegenheit doch wesentlich angenehmer gestalte? Dass es sinnvoll sei, so lange wie möglich das zu tun, was man liebt? Dass man einer eventuellen Vereinsamung vorbeugen müsse? Dass viele Ältere von und bei der Digitalisierung abgehängt werden? Man könne ja nicht einmal mehr ein Ticket für das Van Gogh Museum in Amsterdam ohne Handy erstehen.

Heidenreich ist natürlich bewusst, dass sie aus einer privilegierten Stellung heraus schreibt: finanziell sorgenfrei, körperlich keine wesentlichen Einschränkungen, noch klar im Kopf, mit einem fast 30 Jahre jüngeren Partner, sich oft Jahrzehnte jünger fühlend, als sie eigentlich ist. Doch ob ihre Überlegungen deshalb zu verallgemeinern wären, bezweifele ich. Dazu stellt sie unbelegt Behauptungen auf:

Alten Menschen werden […] Führerscheine vorsichtshalber schon mal abgenommen, als wären wir Idioten (S. 71)

Es gibt Vereinfachungen, die manchmal schon an Wunschdenken grenzen:

Ich bin davon überzeugt, dass unser Bewusstsein, unser Denken unseren Alterungsprozess beeinflusst. Das Bewusstsein altert ja nicht, nur der Körper. Und wenn ich geistig beweglich bleibe, kann ich damit ganz gut fertigwerden. (S. 38)

Schön, dass Heidenreich anscheinend noch nie ehemals kluge und geistig bewegliche Menschen hat dahinsiechen sehen.

Dass sie das Tabu „Ältere Frau liebt wesentlich jüngeren Mann“ abschaffen möchte und dazu just Macron und seine Frau oder eine brasilianische Komponistin anführt, die sich mit 52 Jahren in einen 16-Jährigen verliebt und mit ihm bis zu ihrem Tod zusammenlebt, ist vielleicht auch noch nicht ganz durchdacht, aber bitte schön.

Sie hat keinerlei Probleme damit, kluge Worte zu zitieren, die einander widersprechen. Fanny Ardant antwortete beispielsweise auf die Frage, ob sie das Altwerden als schwierig empfinde:

‚Ja, wir sind zum Tode verurteilt. Aber wir wollen uns doch nicht zur Guillotine hinschleppen lassen. Sondern stolz und aufrecht hingehen.‘ (S. 30)

Zwei Seiten später zitiert Heidenreich aus Hugo von Hofmannsthals Der Tor und der Tod:

‚Wirf dies ererbte Graun von dir. / Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe, / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.‘

Der Satz von Voltaire, der beschlossen habe, glücklich zu sein, weil es der Gesundheit sehr förderlich sei, findet sich auf derselben Seite wie ein Zitat aus Warten auf Godot:

Die Tränen der Welt sind eine konstante Größe: für jeden, der aufhört zu weinen, fängt woanders jemand an. (S. 54)

Was kann man aus dem Potpourri mitnehmen? Vielleicht Heidenreichs Mahnung, sich nicht in Passivität und Selbstmitleid einzugraben, sondern dankbar zu sein und über Verpasstes und Nicht-mehr-zu-Änderndes nicht zu verbittern, stattdessen zu tun, zu leben und das Glas Wein zu genießen, solange man noch die Möglichkeit dazu hat, denn:

Wir werden geboren, wir werden sterben, und lange verorten wir dieses Sterben in unendlich weiter Ferne, wir sind viel zu beschäftigt, um wahrzunehmen, wie es immer näher rückt. Wie wir immer älter werden. […] Plötzlich ist Sommer, plötzlich ist man alt, plötzlich stirbt man. Alles kommt letztlich unerwartet. […] Im Roman Die Reinheit des Mörders von Amélie Nothomb fand ich diesen Satz: ‚Man wird nicht jeden Tag älter. Es können zehn, zwanzig Jahre vergehen, ohne dass man älter wird, und dann treffen einen die zwanzig Jahre mit einem Schlag in zwei Stunden.‘ (S. 55)

Allerdings ist das ansonsten furchtbar sprunghafte Buch eine schöne Fundgrube an bedenkenswerten Zitaten, doch die fehlenden Quellenangaben machen mich ganz wuschig. Soll ich jetzt etwa den ganzen Tolstoi lesen, um folgende Stelle zu finden?

Lesen Sie lieber Tolstoi, der geschrieben hat: ‚Wirf deine Seele wie edle Samenkörner hinter dich ins Erdreich, wo es auch sei, und blicke dich nicht ängstlich um, ob es auch aufgehe.‘ (S. 25)

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Fundstück von Paul Quenon

To live in solitude, to be specific, is one of the most difficult things for a person to endure. ‚Man‘s unhappiness,‘ as Pascal said, ‚springs from one thing alone, his incapacity to stay quietly in one room.‘ […]  

But this outward solitude is not enough. Vacating means a personal emptying out of clutter within the mind and heart, certainly a clearing of the nonessential and even some essential furniture to make room for God. […]

Radically, there must be an interior journey into a wilderness to be alone, free of the world and at rest in God.

aus: Paul Quenon: In Praise of the Useless Life – A Monk‘s Memoir, 2018, S. 1

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Fundstück von Christian Wicklein

Wenn die Hoffnung stirbt, sollte man sie einfach begraben. Ansonsten verlängert man nur die Qual […].

So lautet der erste Satz des kleinen Romans Und die Spitalbesucher kamen in Engelskostümen, den Christian Wicklein 2018 im Selbstverlag veröffentlicht hat. Dem Werk hätte ein Lektorat sicherlich gut getan, das außer Rand und Band geratene Sätze und Metaphern wieder eingefangen und die Zeichensetzung nicht ganz so dem Zufall überlassen hätte. Leider bin ich über die ersten Seiten nicht hinausgekommen. 

Zelda und F. Scott Fitzgerald oder schuld ist Michaela Karl

Wer seine Buchkäufe halbwegs unter Kontrolle halten will, dem würde ich von So etwas würde ich nie ohne Lippenstift lesen, Michaela Karls Biografie zu Maeve Brennan, dringend abraten, denn diese war bei mir der Anlass, gleich das nächste Buch von Karl in Angriff zu nehmen. In Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber (2015) geht es um Dorothy Parker, die legendäre Kurzgeschichtenschreiberin und Autorin des New Yorker, ebenfalls lohnend, auch wenn die Ähnlichkeiten in den Lebensläufen der beiden berühmten Frauen frappierend sind und der Alkoholkonsum im Kreise ihrer ebenfalls heute weltbekannten Freunde wie F. Scott Fitzgerald, Edna Ferber, Hemingway etc. einen ganz schwindelig macht. Da hat ja kaum einer unbeschadet das 50. Lebensjahr erreicht.

Wir erfahren u. a. viel über die illustre Runde im Alongquin Hotel, in dem sich Journalisten, Schriftstellerinnen, Kolumnisten,  Schauspielerinnen, AutorInnen und Drehbuchschreiber trafen. Die englische Wikipedia schreibt:

The Algonquin Round Table was a group of New York City writers, critics, actors, and wits. Gathering initially as part of a practical joke, members of ‚The Vicious Circle‘, as they dubbed themselves, met for lunch each day at the Algonquin Hotel from 1919 until roughly 1929. At these luncheons they engaged in wisecracks, wordplay, and witticisms that, through the newspaper columns of Round Table members, were disseminated across the country.

Dann musste natürlich auch noch Michaela Karls Biografie zu Zelda und F. Scott Fitzgerald her, die 2012 unter dem Titel erschien Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals. 

Das Leben der Fitzgeralds ist selbst ein Roman, vom vermutlich berühmtesten feierwütigen Party-Pärchen im New York der Zwanziger, dessen zum Teil auch einfach dämliche Eskapaden sie mit schöner Regelmäßigkeit in die Klatschpresse brachten, über Fitzgeralds Romane, die heute zur Weltliteratur gezählt werden, bis hin zum verheerenden Abstieg.

Doch zu Beginn der zwanziger Jahre läuft erst mal alles wunderbar. Man feiert Partys, u. a. auf dem legendären Anwesen von Herbert Bayard Swope, einem Journalisten und Pokerspieler, dem gleich dreimal der Pulitzer Prize für Journalismus verliehen wurde. Dort traf man Harpo Marx, Einstein, Laurence Olivier, Vivian Leigh, Dorothy Parker oder Churchill.

Zelda Fitzgerald (1900 – 1948) wurde zum Inbegriff des neuen modernen Frauentyps, des Flapper Girls. Sie selbst erklärt im Metropolitan Magazine, was sie darunter versteht:

Das Flapper Girl erwachte aus seiner Lethargie des Debütantinnentums und ließ sich einen Bubikopf schneiden. Sie legte ihre schicksten Ohrringe an und eine ganze Menge Dreistigkeit und Rouge auf und zog in die Schlacht. Sie flirtete, weil es Spaß machte zu flirten, und trug einen einteiligen Badeanzug, weil sie eine gute Figur hatte. Sie legte Puder auf und Make-up, weil sie es nicht nötig hatte, und sie weigerte sich, sich hauptsächlich zu langweilen, weil sie eben nicht langweilig war. Sie war sich dessen bewusst, dass die Dinge, die sie tat, die Dinge waren, die sie schon immer tun wollte. (S. 90)

Doch ihre eigene Kreativität darf Zelda nur in Bereichen ausleben, die ihr ihr Ehemann gestattet. Immer wieder übernimmt F. Sott Fitzgerald (1896 – 1940) ohne Erlaubnis oder Rücksprache persönliche Tagebucheintragungen oder Briefausschnitte seiner Frau für seine Romane und Kurzgeschichten. In einer Art Generalabrechnung, nachdem Zelda bereits mit Schizophrenie diagnostiziert worden war und sich kurzzeitig zu Hause befindet, stellt ihr Mann in Gegenwart des behandelnden Arztes unmissverständlich klar:

‚Alles, was wir erlebt haben, gehört mir – und wenn wir einen beruflichen Trip nach Panama machen und dort herumgehen – ich bin der Berufsschriftsteller und ich bezahle alles. Das ist alles mein Material. Nichts davon gehört dir.‘ (S. 196)

Zelda verbringt Jahre in irgendwelchen psychiatrischen Kliniken, die trotz ihrer luxuriösen Ausstattung „schwierige“ Frauen dennoch entwürdigen, mit Elektroschocks und Medikamenten ruhigstellen oder auch mit Insulinschocks ins Koma versetzen, sodass Zelda nach ihren Behandlungen in ihrer Persönlichkeit dauerhaft verändert und beeinträchtigt bleibt. Ihr berühmter Schriftsteller-Gatte hingegen weigert sich, seine Alkoholsucht einzugestehen, und verfällt mehr und mehr. Er kann nicht mit Geld umgehen, sodass Hotelrechnungen unbezahlt bleiben und immer wieder Verleger und Freunde um hohe Summen angebettelt werden. 

Die Geschichte dieses Paares liest sich sehr bewegend; sie machen sich gegenseitig das Leben zum Elend, ringen sich jedoch niemals zu einer Scheidung durch. Zelda muss sich von ihrem Mann anhören, dass sie eine drittklassige Schriftstellerin und eine drittklassige Balletttänzerin sei. Nur ihre Malerei, wo sie ihm keine Konkurrentin hätte sein können, hat er ihr nicht verwehrt.

Überhaupt wären noch Anmerkungen zur rechtlichen Stellung der Frau wünschenswert gewesen; Zelda konnte die Kliniken nach Besserung ihres Zustandes nämlich nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes verlassen. Auch ihre spätere Beschäftigung, das Malen, wurde nicht besonders gewürdigt. Selbst ihre eigene Mutter hat noch Bilder ihrer Tochter verbrannt, weil sie ihr nicht besonders gefielen. Keines von Zeldas Bildern findet sich im Bildteil des Buches, dabei haben ihre Gemälde längst eine neue Wertschätzung erfahren.

Zelda starb bei einem Klinikbrand mit nur 47 Jahren. F. Scott Fitzgerald wurde 44 Jahre alt.

Alle drei Biografien verweben flott, interessant und anschaulich den zeitgeschichtlichen Hintergrund im New York der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts mit den Lebensläufen der AutorInnen. Kino und Theater erlebten einen schier unfassbaren Aufstieg.

Diejenigen, die „in“ sein wollten, fanden mit Leichtigkeit Wege und Möglichkeiten, das Alkoholverbot während der Prohibition zu umgehen. Allein in New York, dem damaligen kulturellen Zentrum, gab es gegen Ende der Zwanziger Jahre mindestens 30.000 Speakeasies, sogenannte Flüsterkneipen, in denen man problemlos Alkohol erstehen konnte.

Bitter ist, dass die Harlem Renaissance, die ja schließlich auch in New York ihren Anfang nahm, sowie die allgegenwärtige Rassentrennung für die Mitglieder dieses weißen Freundeskreises anscheinend überhaupt keine Rolle spielten.

Zum Weiterstöbern hier lang:

Nach dieser Biografie musste ich natürlich The Great Gatsby (1925) wiederlesen. Was für eine Abrechnung mit den Schönen und Reichen und dem amerikanischen Traum.

As I went over to say good-bye I saw that the expression of bewilderment had come back into Gatsby‘s face, as though a faint doubt had occurred to him as to the quality of his present happiness. […] There must have been moments even that afternoon when Daisy  tumbled short of his dreams – not through her own fault, but because of the colossal vitality of his illusion. It had gone beyond her, beyond everything. He had thrown himself into it with a creative passion, adding to it all the time, decking it out with every bright feather that drifted his way. No amount of fire or freshness can challenge what a man can store up in his ghostly heart. 

Was soll ich sagen: Everybody was so young, die Biografie von Amanda Vaill zu Gerald und Sara Murphy, den reichen und lebenslustigen Gönnern so vieler Künstler und Schriftsteller, einschließlich der Fitzgeralds, ist bestellt. 

The Ladies of the Corridor von Dorothy Parker und Arnaud D‘Usseau sowie The Springs of Affection (1953) von Maeve Brennan stehen schon im Regal. Und es gibt sogar einen Krimi mit dem Titel Mordfall für Dorothy Parker (1985) von George Baxt. Der liest sich in seinem Bemühen, die Handlung dem Stil Parkers anzupassen, leider gar nicht gut. Hektisch, mit viel zu vielen Protagonisten. 

Wer aber ebenfalls in diese Zeit gehört, sind die Knopfs, Gründer einer der renommiertesten Verlage in Amerika.  Die Biografie zu Blanche Knopf habe ich hier besprochen.

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Catherine O‘Flynn: What was lost (2007)

2007 schaffte es Catherine O‘Flynn (*1970) mit ihrem Debüt What was lost auf die Long List des Man Booker Prize und wurde dann u. a. mit dem Costa Book Award for First Novel ausgezeichnet, und das, nachdem zunächst 14 Literaturagenten ihr Buch abgelehnt hatten. Der Guardian schrieb zu dem Roman, der auf Deutsch 2011 unter dem Titel Was mit Kate geschah erschien:

The judges described What Was Lost, based around the endless corridors and CCTV world of a city shopping centre, as ‚an extraordinary book‘. It is, they said: ‘A formidable novel blending humour and pathos in a cleverly constructed and absorbing mystery.‘

Hätte der Verlag eine für den Plot bedeutsame Logiklücke und einige auf extreme Dramatik gebürstete Trivialromandrehungen verhindert, wäre O‘Flynns Erstling noch wesentlich überzeugender gewesen. Auch das Cover meiner Ausgabe lässt einen zunächst – fälschlicherweise – an einen blumigen Kitschroman denken. Dennoch:

Der Roman hat – der Klappentext führt einen da ziemlich in die Irre – die anrührendste Kinderfigur, von der ich seit langem gelesen habe: Die zehnjährige Kate Meaney wächst nach dem Tod ihres Vaters in den achtziger Jahren bei ihrer nicht sonderlich interessierten Großmutter in Birmingham auf. Sie ist klug und liebenswert und fürchtet sich vor ihrer strengen Lehrerin Mrs Finnigan und den aggressiven Hunden in ihrer Wohnsiedlung.

It was another barely breathing afternoon in Junior Three. Kate was looking out of the window at the maisonettes opposite where three mad dogs were terrorizing anyone who tried to walk across the scrappy patch of green and litter. Kate was frightened of dogs, though as she’d been bitten eleven times she couldn’t see that it was an irrational fear. The estate was full of dogs – people bought them to make their lives safer, but it didn’t work out that way. All the dogs had psychological problems: hatred of children, hatred of bikes, hatred of paperboys, hatred of black kids, hatred of white kids, hatred of fast-moving objects; some hated the sky and barked and leapt at it all day. The happy thing for the dogs was that there was always another dog who shared their psychosis and who they could join in a gang. The estate was patrolled by these packs of like-minded dogs … (S. 36)

Ihre Einsamkeit und mangelnde Anregung zu Hause nimmt sie hin wie Regenwetter. Mit Fantasie und Kreativität hat sie sich ein Alter Ego gebastelt. Anhand eines Kinderbuchs für angehende Detektive beobachtet sie nahezu täglich – zusammen mit ihrem Stoffäffchen Mickey – verdächtig aussehende Gestalten im riesigen Einkaufszentrum Green Oaks und hofft, so irgendwann einen Bankraub zu vereiteln. Ihre Beobachtungen notiert sie akribisch – und für die LeserInnen oft durchaus witzig – in ihren Heften.

Wednesday 25th April

Middle-aged man in tatty coat lost something in one of the bins. Saw him put his arm in pull stuff out. Thought security guards were coming to help him, but instead they just led him off the premises. Noticed he had got confused and put an old hamburger that someone had thrown away in his pocket. Decided against continuing search myself. (S. 19)

Der einzige Erwachsene, der das aufgeweckte Kind ernst nimmt, ist der 22-jährige Adrian, Sohn des Kioskbetreibers in der Nachbarschaft, der ihr Mut zuspricht:

You‘re ten and you‘re a little hive of industry, always running about, always with some project or scheme, always with stuff to do. You make the adults look dead. It doesn‘t matter how old you are. (S. 50)

Die ersten 80 Seiten, und damit ein Drittel des Buches, drehen sich hauptsächlich um Kate. Danach springt die Handlung in das Jahr 2003 und ganz andere Personen, die aber alle im Einkaufszentrum Green Oaks arbeiten, stehen nun im Mittelpunkt, wie zum Beispiel der 30-jährige Kurt, Sicherheitsmann mit Schlafproblemen, oder Lisa und ihre Kollegen, die massiv mit ihren Jobs – und den nervtötenden Kunden – bei einem großen Musikladen hadern. 

Nur ganz allmählich schälen sich die Verbindungen zwischen den zwei Zeitebenen heraus, wobei alle Fäden in Green Oaks zusammenlaufen. Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade. Muss man wirklich selbst lesen. Selbst Tage später vermisse ich Kate und der englische Titel passt so viel besser als der deutsche …

Nach diesem Buch und seinen unzähligen kleinen Geschichten zu all den vielen Menschen, die dort einkaufen, ihre Zeit totschlagen oder hinter den Einkaufstresen oder in den der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bereichen schlecht bezahlte Arbeit unter miesen Rahmenbedingungen verrichten, sieht man die mit Springbrunnen und künstlichen Palmen verzierten Einkaufszentren vermutlich mit anderen Augen. Hier lassen sich Einsamkeit, ein außer Rand und Band geratener Konsumzwang und die sozialen Probleme der Gesellschaft wie unter einem Brennglas beobachten. 

Lisa stopped listening and looked out at the blue sky. She kept looking until she felt the urge to scream go away. She knew she always did this, always got into a state on her days off. She idealized time away from work to such an extent that it could never live up to her expectations. She scrutinized every minute, trying to evaluate if it represented the optimal use of her time, until she became paralysed with indecision and anxiety. She couldn‘t sit still. She got up and tried to think of something good to do, but there was nothing left, she‘d been on every day trip in a fifty-mile radius. She‘d tried day trips to other cities, long walks in the hills, rainy afternoons in dismal market towns, safari parks, art galleries … and Ed would always say, ‚Why is that less of a waste of time than relaxing at home?‘ and she never had an answer. (S. 114)

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Fundstück von Margery Allingham

As he walked alone between the yew hedges it occurred to him that in an age when all the deepest emotions can be successfully laughed out of existence by any decently educated person, the sanctity and importance of sudden death was a comforting and salutary thing, a last little rock, as it were, in the shifty sands of one‘s own standards and desires.

aus: Margery Allingham: Dancers in Mourning, Vintage, OA 1937, S. 75

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Michaela Karl: Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen – Maeve Brennan (2019)

Nur kurz war ich angesichts der nervigen Leserinnenansprache im Prolog skeptisch, ob das mit Michaela Karls Biografie zu Maeve Brennan und mir was werden kann, doch es dauerte nicht lange, da hatte mich Karl am Wickel und ich mindestens drei neue Titel auf meiner Wunschliste.

Maeve Brennan, die 1917 in Dublin geboren wurde, beginnt ihre Karriere als Modejournalistin bei Harper‘s Bazaar, bis sie schließlich zu den wichtigsten literarischen Stimmen bei der legendären Zeitschrift The New Yorker zählt. 

Ihre Eltern kämpften aktiv für die irische Unabhängigkeit und dementsprechend unruhig verlief Brennans Kindheit. Doch 1934 wird ihr Vater als Legationsrat der irischen Gesandtschaft nach Washington D.C. berufen. Die ganze Familie siedelt nach Amerika über, als Maeve 17 Jahre alt ist. Sie wird nie wieder dauerhaft in Irland leben. Trotz Schuldgefühlen ihrer Familie gegenüber wird sie sich von den einengenden katholischen Wertvorstellungen ihrer Familie und der irischen Gesellschaft lossagen. Noch 1937 heißt es in Artikel 41.2 der irischen Verfassung:

Der Staat anerkennt insbesondere, dass die Frau dem Staat durch ihr Leben in der häuslichen Gemeinschaft eine Stütze verleiht, ohne die das allgemeine Wohl nicht erlangt werden kann. […] Der Staat wird sich daher auch bemühen sicherzustellen, dass Mütter nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit gezwungen werden, zum Schaden ihrer häuslichen Pflichten Arbeit aufzunehmen. (S. 73)

Für eine ihre Unabhängigkeit streng verteidigende Frau wie Brennan, die ihre Arbeit liebt, sicherlich keine verlockende Perspektive, stattdessen nutzt sie ihre Privilegien in Amerika und studiert englische Literatur und Bibliothekswesen. Doch während ihres Masterstudiums verlässt sie wegen Walter Kerr, der sie bereits während ihrer Verlobungszeit mit seiner späteren Frau betrügt, die Universität ohne Abschluss. Und so flüchtet Brennan Anfang der vierziger Jahre nach New York, Manhattan. Dort arbeitet sie zunächst als Bibliothekarin.

Maeve besinnt sich ihres großen Schreibtalents, das sich schon in Schule und Universität zeigte. Heimlich beginnt sie an einer Geschichte zu schreiben, zu kurz für einen Roman, zu lang für eine Kurzgeschichte. Zu ihren Lebzeiten wird niemand von dieser ersten großartigen Novelle erfahren, die erst nach ihrem Tod veröffentlicht wird. 1997 wird Die Besucherin in den Archiven der University of Notre Dame gefunden. (S. 66)

1943 beginnt sie als Werbetexterin bei Harper‘s Bazaar, der 1867 erstmalig erschienenen Modezeitschrift, die unter der Leitung von Carmel Snow zu einer führenden Kulturzeitschrift wird. Autorinnen und Autoren wie Carson McCullers, John Dos Passos, Evelyn Waugh und Truman Capote veröffentlichen dort ihre Texte, berühmte Fotografen und Maler zeigen ihre Fotos und Gemälde. Zielgruppe: die urbane, unabhängige und berufstätige Single-Frau. Bereits 1945 arbeitet sie als Trendscout – heute würde man Influencerin sagen – und im Mai 1945 erscheint in der Zeitschrift Life eine ganze Fotostrecke über sie und ihre Arbeit als „shopping sleuth“.

1949 dann das unwiderstehliche Angebot von William Shawn, der ihr als Chefredakteur eine Festanstellung bei der 1925 gegründeten Zeitschrift The New Yorker anbietet, in der 1963 Hannah Arendt ihren Text Eichmann in Jerusalem in fünf aufeinander folgenden Ausgaben veröffentlichte, bevor das Werk als Buch erschien.

Nach einigen Startschwierigkeiten wird der New Yorker mit seinen Kurzgeschichten, Essays, Kritiken, Kolumnen und Cartoons ein sagenhafter Erfolg. Schriftsteller wie J. D. Salinger, Vladimir Nabokov, John Updike, Philip Roth oder Richard Yates veröffentlichen hier, die Karikaturen von James Thurber erlangen Weltruhm. Zudem wird der New Yorker mit den Jahren zu einer Plattform für politischen Journalismus. (S. 111)

Zunächst verfasst Brennan hier kurze und boshafte Buchbesprechungen.

1954 erscheint ihre erste Kolumne bei Talk of the Town, einem der Aushängeschilder des New Yorker. Ihr Alter Ego wird „The Long-Winded Lady“, die durch Manhattan flaniert, in Cafés und Restaurants die Gäste belauscht und immer auf der Suche nach dem einen zufälligen Moment ist, den es sich festzuhalten lohnt. 

Dank ihrer Scharfzüngigkeit und ihres zynischen Humors wird Maeve von ihren Kollegen bald als legitime Nachfolgerin Dorothy Parkers gesehen. (S. 142)

Brennan wird so über die Jahre und Jahrzehnte zu einer

Chronistin des Alltags in New York, auf den sie wie auf eine alte Fotografie manchmal auch einen nostalgischen Blick wirft. (S. 151)

Schon früh erkennt sie, dass der Modernisierungswahn, bei dem komplette, historisch gewachsene Stadtteile plattgemacht werden, um Platz für Hochhäuser, Geschäftshäuser und mehrspurige Autobahnen zu machen, das Gesicht der Stadt unwiderruflich verändern und veroberflächlichen wird. Das Heimatgefühl unzähliger Menschen wird einfach weggebaggert.

1969 erscheint nicht nur eine von der Autorin zusammengestellte Sammlung ausgewählter Kolumnen der „long-winded lady“, sondern auch ein Band mit 22 Kurzgeschichten und Maeve Brennan wird endgültig zum Star.

Gleichzeitig genießt sie ihr Leben, sie wird Affären – vorzugsweise mit verheirateten Männern – haben und 1954 ihren Kollegen St. Clair McKelway heiraten. Über die Eheschließung sagt William Maxwell:

Es war vielleicht nicht die schlimmste aller möglichen Verbindungen, aber es war eine, in die man nicht viel Hoffnung setzen konnte. Er war einer der talentiertesten Reporter des New Yorkers, und falls es jemanden gegeben hat, der ihn nicht mochte, bin ich dieser Person niemals begegnet. Aber er war ein schwerer Trinker, manisch-depressiv, geplagt von Aussetzern […], in denen er nicht einmal mehr wusste, wer er war. […] Sein Geld warf er mit beiden Händen zum Fenster hinaus, und Rechnungen zu begleichen verstieß offenbar gegen seine Prinzipien. Alle seine Ehefrauen waren wunderschön und charmant, doch seine Ehen neigten dazu, eher von kurzer Dauer zu sein. (S. 205)

Ende 1959 trennen sich die beiden, bleiben aber freundschaftlich verbunden. Maeve raucht wie ein Schlot, trinkt und pflegt ihre Freundschaften, hängt an ihrem Labrador Bluebell und ihren Katzen und lebt in ständig wechselnden Hotels, kleinen Apartments oder in den Ferienhäusern ihrer Freunde. 

Immer stilvoll gekleidet, meist über ihre finanziellen Verhältnisse lebend, mehr als einmal müssen ihre Vorgesetzten beim New Yorker drohende Gehaltspfändungen durch diskrete Geldzuwendungen abwenden.

1972, nach der Veröffentlichung ihrer berühmten Geschichte The Springs of Affection, erleidet Brennan einen Nervenzusammenbruch und lässt sich das erste Mal stationär einweisen. 1973 folgt der nächste Krankenhausaufenthalt. Karl schreibt, dass es zu Maeve keine Krankenakte gebe, doch man vermute, dass Brennan an Schizophrenie erkrankt gewesen sei. Die Schübe werden schlimmer, besonders weil Brennan, sobald es ihr wieder besser geht, sofort ihre Medikamente absetzt. Die guten Phasen werden kürzer, sie beginnt allmählich zu verwahrlosen, sich abends nicht mehr abzuschminken, morgens einfach das neue Make-up auf die Schminke des Vortages aufzutragen, Geldscheine an Passanten zu verteilen und sich in den Räumen des New Yorker im Raum hinter der Damentoilette häuslich niederzulassen, bis man ihr schließlich Hausverbot erteilt. Der einst gefeierte Star lehnt jegliche Hilfe ab, wird dement und obdachlos. Die letzten drei Jahre ihres Lebens verbringt sie in einem Heim. 1993 stirbt sie im Alter von 76 Jahren an Herzversagen.

Die Biografie von Michaela Karl liest sich samt ihren Verästelungen zu Freunden, Kollegen, Zeitschriften und Architektur wunderbar und macht unerhört Lust auf die Literatur von Maeve Brennan und neugierig auf all die vielen Fotografen, Autoren, Mäzene und Herausgeber, von denen hier die Rede ist. Dauernd musste ich das Lesen unterbrechen, weil ich noch mehr wissen wollte, sei es über den New Yorker, über Manhattan, Modetrends, die Künstlerkolonie MacDowell, Hotels, in denen Brennan gewohnt hat, über berühmte oder auch inzwischen in Vergessenheit geratene Schriftstellerkollegen. Eine wahre Fundgrube. 

Später kam mir in den Sinn, dass wir uns, um es vereinfacht auszudrücken, wenn wir uns schaden wollen, normalerweise nur nach einer Sache wirklich sehnen; nehmen wir hingegen die Anstrengung auf uns, etwas Tugendhaftes oder etwas Gutes zu tun, ist die Auswahl so groß, dass wir im Grunde schon erschöpft sind, noch bevor wir uns dafür entscheiden, was wir denn nun tun wollen. Damit will ich sagen, dass der Antrieb zum Guten eine freie Wahl voraussetzt und hoch kompliziert ist, der Antrieb zum Bösen dagegen abscheulich einfach und leicht. (S. 114, zitiert nach: Eine schmerzliche Entscheidung, in: New Yorker Geschichten, S. 393)

Anmerkungen

  • Hier ein längerer Text zu Maeve Brennan und ihrer Zeit bei Harper‘s Bazaar von Ellen McWilliams.
  • Hier ein Text aus dem Guardian von Anne Enright über die Schriftstellerin.

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Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein „dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.“ Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen (siehe auch den Artikel der GfdS).

Für mich ist der Begriff „Schmöker“ nicht negativ besetzt: Ein Schmöker muss spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärts eilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und wenn das Buch zu Ende ist, hätte man gern noch weitergelesen anstatt sich wieder im Alltag einzufinden.

Dabei – und das ist das Entscheidende für mich – darf das Buch keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Auch wenn ich mit meinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht – wie bei einem anspruchsvolleren Werk – wesentlich in Frage gestellt werde, möchte ich mich nicht für dumm verkauft fühlen oder meine Zeit dabei vergeuden. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen gleichzeitig ein Klassiker und am anderen Ende der Skala bereits Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Hier einige Schmökerempfehlungen von mir:

Die schönste Erklärung, der nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Kurt Erich Ohser), der in der Nacht vor seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof 1944 Suizid beging. Seine Bildergeschichte (inzwischen gemeinfrei) trägt den Titel Der Schmöker.

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Fundstücke von Werner Finck

Der Kabarettist Werner Finck, der mir bis zu Hackes Buch Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte unbekannt war, erzählt in seinen Erinnerungen auch ein wenig von den sechs Wochen, die er 1935 im KZ Esterwegen verbringen musste, bevor er auf Anordnung Görings entlassen wurde:

Kahlgeschoren und in Häftlingskleidung gesteckt, ohne Verbindung mit Daheim, einem brutalen Kommandoton ausgeliefert, stupider Willkür ausgeliefert, glaubten wir von jedem Tage, daß er unser letzter werden würde. Und hofften es manchmal sogar. (S. 69)

Eine grauenhafte Welt, aber nicht ohne Komik. Am gespenstischsten war der in diese Zeit fallende erste Pfingstfeiertag. Da mußten wir Kabarettisten unter freiem Himmel einen Kabarettnachmittag veranstalten: ein Einfall der sich langweilenden Lagerleitung.

‚Kameraden‘, begann ich – heiter, wie mein Beruf es verlangt -, ‚Kameraden, wir wollen versuchen, euch heute etwas zu erheitern. Unser Humor wird uns dabei helfen. Obwohl wir Humor und Galgen noch nie so dicht beieinander erlebt haben. Die äußeren Umstände kommen unserem Vorhaben nicht gerade entgegen. Wir brauchen nur auf die hohen Stacheldrahtzäune zu blicken, elektrisch geladen und hochgespannt. Wie eure Erwartungen. […]‘

Und an einer anderen Stelle: ‚Ihr werdet euch bestimmt wundern, wieso wir so munter und fröhlich sind. Nun, Kameraden, das hat seine Gründe: In Berlin waren wir es schon lange nicht mehr. Im Gegenteil. Immer, wenn wir da aufgetreten sind, hatten wir ein unangenehmes Gefühl im Rücken. Das war die Furcht, ins KZ zu kommen. Und seht ihr, jetzt brauchen wir keine Angst mehr zu haben: Wir sind ja drin!‘ (S. 70)

Er schreibt 1945, nach dem Ende des Krieges, über sich selbst:

Es trifft auch nicht zu, daß ich ein aktiver Gegner des dutzendjährigen Reiches war, sonst wäre es mir wahrscheinlich auch nicht mehr möglich, das Gerücht meines Todes zu dementieren. Der passive Widerstand hat mir schon Unannehmlichkeiten genug gebracht. […] War ich nun ein zaghafter Held? Oder ein mutiger Angsthase? Auf alle Fälle ging ich niemals weiter als bis zur äußersten Grenze des gerade noch Erlaubten. […] Nie war die Kunst der geschliffenen politischen Spitze lebensgefährlicher als damals, niemals aber auch so reizvoll. (S. 182)

Aus: Werner Finck: Alter Narr – was nun? Die Geschichte meiner Zeit, Bertelsmann Verlag, Gütersloh, o. J.

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Margaret Forster: Diary of an Ordinary Woman (2003)

Nach The Seduction of Mrs Pendlebury und der Biografie zu Daphne du Maurier war klar, dass ich mehr von Margaret Forster (1938 – 2016) lesen würde. 

Forsters zwanzigster Roman Diary of an Ordinary Woman schildert das Leben der Millicent King, die im November 1914 als Dreizehnjährige beginnt, Tagebuch zu führen. Auf Deutsch erschien der Roman unter dem Titel Ich warte darauf, daß etwas geschieht (2005).

Father said if I want to keep a diary I must begin it on New Year‘s Day. He said no one starts a diary in November. But New Year‘s Day is five weeks away and I do not want to wait. I don‘t see why I should either. Why should diaries have to start on 1st January. It is tidy, I admit, and I am a tidy person, but that is all. (S. 9)

Die Angewohnheit des Tagebuchschreibens behält sie bis 1995 bei. Für viele Leserinnen war das fiktive Tagebuch der Millicent King aus London so real, dass sie Forster lange ihre Herausgeberfiktion glaubten, dass diese nämlich ein echtes Tagebuch editiert habe. Tatsächlich hatte Forster kurzzeitig Kontakt zur Tochter einer alten Dame, die über Jahrzehnte Tagebuch geführt hatte, doch letztendlich widersetzte sich die Enkelin der alten Frau dem Vorhaben, die Tagebücher der Autorin anzuvertrauen.

Gleichzeitig gibt Forster ihrer Hauptfigur einiges aus ihrer eigenen Biografie mit. Auch Forster war in ihrer Jugend überzeugt davon, niemals heiraten zu wollen, da ihr ein Leben als Hausfrau und Mutter als viel zu einengend erschien, und arbeitete zeitweilig als Lehrerin.

Millicent, diese keineswegs besondere oder gar besonders sympathische Hauptfigur, kommt einem immer näher, ihre Stacheligkeiten, ihre Sturheit und Immer-wissen-was-für-andere-gut-ist, ihre jugendliche Abenteuerlust, ihre Beziehungen zu Männern. Die Geschichten ihrer sechs Geschwister, man nimmt ihr das alles ab, obwohl ihr Lebenslauf an der an oder anderen Stelle vielleicht ein bisschen zu sehr als roter Faden durch die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts angelegt ist. Bis hin zu dem Neffen, der im Korea-Krieg kämpfen muss.

Aber es stimmt ja auch. Jemand, der 1901 geboren ist, erlebt bereits bewusst die Folgen des Ersten Weltkrieges. Millicents Bruder George kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück. Ihr Wunsch nach Bildung. Die Familie spart sich die Collegekosten für Millicent vom schmalen Familienbudget ab – eine Universitätsausbildung ist jenseits der Möglichkeiten – und sie kann immerhin Grundschullehrerin werden. Ein mehrmonatiger Aufenthalt als Gouvernante in Italien, Arbeit in England, erste Freundschaften mit Männern. Doch sie wird ein Leben lang unverheiratet bleiben. 

Und der Zweite Weltkrieg wird noch einmal ihr ganzes „gewöhnliches“ Leben auf den Kopf stellen. Dabei illustriert das Tagebuch, wie Menschen eben sind, sie belügen sich, hoffen und träumen von Sinnhaftigkeit und großen und ehrenwerten Zielen. Träume zerplatzen, wir kommen nicht raus aus unserer Haut, die Ziele werden kleiner, bis man sich kaum an sie erinnert.

1 October

An awful dreariness hangs over everything. Bad luck to come back from such a wonderful holiday to cold, wet weather and so many small things which have gone wrong. […] I seem to take delight in nothing. Is this the beginning of old age? Yet I didn‘t feel it in Greece. Go back there, then, my irritable self snaps, but that isn‘t the answer. The truth is, and it must be faced, I am bored. My life seems to lack both point and pleasure. […] What all this introspection amounts to is a restlessness, a refusal to be satisfied with ordinariness. Endless expectations which aren‘t realised. Oh, I annoy myself. If this is going to be the aftermath of every holiday, I had better not take any more. (S. 342)

Die große Liebe hält dem Alltag nicht stand oder stirbt im Krieg. Und: Man wird älter, die Ansprüche bescheidener, die Sorgen ändern sich und plötzlich ist es sicherer, den Führerschein abzugeben und beim Überqueren der Straße einen Stock zu benutzen. 

What a miserable business growing very old is proving to be. […] Teeth, eyes, joints – all collapsing and the sudden heart attack I would have preferred is less likely all the time. I dread finding myself in an institution. I won‘t let that happen. Yet I know, even as I write this, that I may not have the power or means to prevent it. It agitates me to think this. I feel decisions about my future ought to be made now, and by me, before it is too late. But like most people, because it is all so painful to contemplate, I defer it. (S. 396)

Der Roman spiegelt natürlich auch die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen wider. Das volle Wahlrecht für Frauen wurde erst 1928 verabschiedet und nur sehr allmählich stellt sich überhaupt die Frage, welches Lebensmodell (Beruf, Familie, Kinder, Religion, Sex vor der Ehe) man als Frau leben will.

Der Zweite Weltkrieg, das Grauen, das die Deutschen auch über Großbritannien gebracht haben, sorgt schließlich dafür, dass Frauen in großer Zahl in bisherigen Männerdomänen Fuß fassen. Millicent fährt u. a. Krankenwagen durch das zerbombte London.

20 July 1941

Heaven knows why, well I suppose I do know why, but we are given lectures on VD [venereal diseases]. They are always at 11.30 a.m., such an unsuitable time when lunch follows them. (S. 249)

Nicht nur die Kleidung ändert sich, auch die Verhütungsmethoden und die Möglichkeiten, sich im Haushalt entlasten zu lassen. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten viele Haushalte noch mindestens ein Dienstmädchen, doch nach dem Krieg ziehen diese Frauen allmählich andere Verdienstmöglichkeiten in der Stadt vor. Millicent bekommt ihre erste Waschmaschine 1951.

Ist relativ zu Beginn des Buchs noch die Frage entscheidend, ob die Familie das Geld für die weitere Schulbildung von Millicent aufbringen kann oder will, so steht gegen Ende Connie, die Nichte Millicents, auf der Seite der Friedensaktivistinnen, die seit Beginn der achtziger Jahre gegen die Stationierung von Atomwaffen auf der Royal Air Force Station Greenham Common, einem Militärflugplatz östlich des Örtchens Greenham in Berkshire, demonstrieren.

Dabei liest sich der Roman keineswegs wie eine dröge Aneinanderreihung hervorragend recherchierter Fakten. Sondern genau wie ein Tagebuch, dessen manchmal bissiger Tonfall so unglaublich gut zu dieser Millicent King passt. 

Gleichzeitig macht das Buch das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit deutlich. Alles in uns ist gleichzeitig gegenwärtig, von der familiären Prägung über die ersten Kindheitserinnerungen bis zu den Erfahrungen im Hier und Jetzt. Wenn wir anderen gegenüberstehen, ist uns das allerdings selten genug bewusst, dass auch sie vermutlich eine ganze Geschichte zu erzählen hätten.

Am Ende der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Margaret Forster:

Indeed, I now wonder if there is any such thing as an ordinary life at all. (S. 7)

Hier geht‘s lang zu dem Nachruf auf die Schriftstellerin und Biografin im Guardian.

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Salman Rushdie: Knife (2024)

Am 12. August 2022 wurde der damals 75-jährige Salman Rushdie vor einer Podiumsdiskussion in New York, bei der es ironischerweise um die Schaffung sicherer Orte für bedrohte Schriftsteller gehen sollte, von einem jungen Islamisten, einem in Kalifornien geborenen Sohn libanesischer Einwanderer, auf der Bühne niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Die Verletzungen waren so schwerwiegend, dass die Ärzte zunächst nicht damit rechneten, ihn retten zu können. Rushdie verlor durch diesen Angriff ein Auge und die volle Funktionstüchtigkeit seiner rechten Hand. Dazu kamen diverse weitere Verletzungen am ganzen Körper, am Mund, an der Leber usw. 

Doch der Autor hat – zur Freude und Erleichterung der freiheitlich orientierten Welt – überlebt. Und darüber dann das Buch Knife geschrieben, in dem er sich mit den Folgen des Attentats und der Frage, was ihn hat überleben lassen, auseinandersetzt. Die deutsche Übersetzung stammt von Bernhard Robben.

Rushdie (*1947) hatte zunächst gar nicht vor, darüber zu schreiben und war auch alles andere als begeistert, nach über 33 Jahren nun wieder mit den direkten und indirekten Folgen der Fatwa wegen seines Buches Die Satanischen Verse (1988) konfrontiert zu werden, etwas, das er eigentlich längst abgehakt glaubte. Doch ihm wird schnell klar, dass er sich erst mit diesem „Elefanten im Raum“ auseinandersetzten muss, bevor er sich dann hoffentlich wieder anderen Projekten widmen könne. 

Auch Sprache ist ein Messer. Sie kann die Welt aufschneiden und ihre Bedeutung zeigen, ihre inneren Mechanismen, ihre Geheimnisse, ihre Wahrheit. […] Kann Bullshit offenbaren, Augen öffnen, Schönheit schaffen. Sprache war mein Messer. War ich unvermutet in einen Messerkampf geraten, war Sprache womöglich die Waffe, mit der ich mich wehren konnte. Sie könnte auch das Werkzeug sein, mit dem ich meine Welt wieder errichten und wieder einfordern konnte, sie könnte den Rahmen formen, mit dem ich mein Bild von der Welt wieder an die Wand zu hängen vermochte, mit der ich die Kontrolle über das zurückgewann, was mir geschehen war, mit dem ich es in Besitz nahm, mir aneignete. (S. 114)

Das Werk mit dem Untertitel Gedanken nach einem Mordversuch ist im Großen und Ganzen chronologisch aufgebaut. Der erste Teil ist mit Der Engel des Todes überschrieben und befasst sich mit dem Attentat, das wie jede unvorhergesehene Katastrophe zunächst einmal jegliche Vorstellung von dem, was man unter Realität versteht, zertrümmere. Rushdie beschreibt seine Verletzungen (und erspart uns dabei keine Details), die Schmerzen und Operationen während des Krankenhausaufenthaltes und die anschließende Reha. Das Kapitel, in dem er erzählt, wie er seine fünfte Ehefrau Rachel Eliza Griffiths (*1978) kennengelernt hat, fällt dabei ein bisschen aus dem Rahmen. Mit ihr ist er zum Zeitpunkt des Angriffs seit fünf Jahren zusammen. Der Autor ist sich im Klaren darüber, dass er ein Opfer im Kampf zwischen zwei unvereinbaren Weltsichten ist, und möchte deshalb so früh wie möglich sein Überleben und die damit verbundenen Gedanken festhalten. So nimmt Eliza schon im Krankenhaus die ersten Videos auf. 

Heute ist wieder ein guter Tag. Ein neuer guter Tag für uns beide. 

Das habe ich dir zu verdanken. Du machst all die Arbeit.

Aber du hast das Wichtigste geschafft, du bist nicht gestorben.

Schade um meinen Anzug von Ralph Lauren.

Wir besorgen dir einen neuen. Wir marschieren schnurstracks in den Ralph-Lauren-Laden und sagen: Geben Sie diesem Mann einen Anzug. (S. 84)

Der zweite Teil Der Engel des Lebens schildert die langsame Rückkehr in ein halbwegs normales Leben.

Neben meinem Bett stand ein Sessel. Das erste Ziel bestand darin, in diesem Sessel sitzen zu können. (S. 99)

Entscheidende Mosaiksteine waren dabei seine Familie, allen voran Eliza, – eine der berührendsten Stellen im Buch schildert ihre Reaktion, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird und sie für eine Weile in die Wohnung guter Freunde ziehen, um Ruhe vor den Paparazzi zu haben:

‘Mein Mann ist zu Hause,‘ schluchzte sie. ‚Mein Mann ist zu Hause.‘ Momente wie diesen festzuhalten, tut weh. (S. 142)

Auch sie hat einen hohen Preis zu zahlen. Neben den Sorgen um das Leben ihres Mannes muss Eliza zum ersten Mal in ihrem Leben damit zurechtkommen, plötzlich von Bodyguards umgeben zu sein und später, als Rushdie sogar wieder nach London reist, in einem gepanzerten Fahrzeug zu fahren, bei dem sie nicht einmal selbst die Türen öffnen konnte.

Aber auch seine erwachsenen Söhne, seine Schwester und gute Freunde (berühmte Schriftsteller kennen ziemlich viele andere berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller) kommen, schreiben und machen Mut. Dann natürlich zahlreiche Ärzte und Therapeutinnen. Dazu die weltweiten Solidaritätsbekundungen von Künstlern und Staatsoberhäuptern.

Wenn einem der Teufel sehr nahe kommt, weicht der Rest der Welt weit zurück, und man kann eine große Einsamkeit spüren. Freundliche Worte spenden in solchen Zeiten Trost und Kraft. Sie lassen einen spüren, dass man nicht allein ist, dass man vielleicht nicht vergebens gelebt und gearbeitet hat. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden wurde mir bewusst, wie viel Liebe in meine Richtung strömte, eine weltweite Lawine des Entsetzens, der Unterstützung und Bewunderung. (S. 76)

Wut habe er auf der Intensivstation kaum empfunden, da ihm diese wie ein sinnloser Luxus vorgekommen wäre, zu sehr waren alle Kräfte auf das Überleben und Wiederleben gerichtet. 

Man muss das Leben finden, sagte ich. Man kann nicht einfach nur rumliegen und sich davon erholen, dass man fast gestorben ist. Man muss das Leben finden. (S. 98)

Rushdie setzt sich mit dem Begriff der Freiheit auseinander und überlegt, wie er – ein eher harscher Atheist – damit zurechtkommen kann, dass er Jahrzehnte lang über wundersam Magisches in seinen Büchern geschrieben hat und nun seine Rettung als ein Wunder anerkennen muss. Eine wirklich befriedigende Auflösung gelingt ihm dabei allerdings nicht.

Ich glaube nicht an Wunder, aber mein Überleben ist ein Wunder. Okay, na gut. Soll es so sein. (S. 87) 

Eine Zeitlang überlegt Rushdie, ob eine direkte Konfrontation mit dem Attentäter ihm helfen könnte, das Geschehen besser zu verarbeiten. Dieser wird in dem ganzen Buch nicht einmal mit Namen genannt und hätte außer fundamentalistischen Allgemeinplätzen wohl nicht viel Nennenswertes von sich gegeben. In einem Interview wenige Tage nach der Tat plädierte der Täter noch auf ‚nicht schuldig‘ und gestand ein, nur wenige Seiten von Rushdie überhaupt gelesen zu haben, dafür aber einige Videos mit und über ihn gesehen zu haben. Da habe er verstanden, dass dieser Rushdie ein unredlicher Mann sei.

Wollte man einen Kriminalroman schreiben, wäre ‚Ich wollte ihn ermorden, weil er unredlich war‘ wohl kein besonders überzeugendes Motiv, und nach der Lektüre des Interviews hatte ich stark den Eindruck, dass seine Entscheidung, mich zu ermorden, untermotiviert blieb. (S. 88)

Eine Buchstelle, die mir mit ihrem trockenen Humor zunächst sehr gefiel, denn aus unserer Sicht stimmt es natürlich, dass dieser Angriff „untermotiviert“ ist, doch das ist ja gerade das Vertrackte und Gefährliche, dass sich inzwischen hier zwei Narrative gegenüberstehen, die letztlich keinen Dialog mehr miteinander führen können. In der Weltsicht der Islamisten und anderer Extremisten reicht „Unredlichsein“, was immer sie gerade darunter verstehen wollen, inzwischen als Tatmotiv nämlich völlig aus. Das ist das Beängstigende und dem kommt man mit ein bisschen Ironie oder wohlfeilen Politikerwarnungen beispielsweise angesichts der Rufe nach einem Kalifat in Deutschland längst nicht mehr bei.

Insofern fand ich das Kapitel, in dem Rushdie eine Begegnung mit dem Attentäter imaginiert, auch eher oberflächlich und wenig erhellend. Letztlich kommt Rushdie zu dem Ergebnis:

John Locke schrieb: ‚Die Handlungen der Menschen sind die besten Interpreten ihrer Gedanken.‘ Der Messerangriff hat uns alles über A.s Innenleben gesagt, was wir wissen müssen. (S. 246)

Obwohl ich das Buch gern gelesen habe, kam es mir an einigen Stellen – auch sprachlich – überraschend einfach vor. Den ihm so wichtigen Stunden bei seinem Therapeuten wurde gar kein Platz eingeräumt und es enthielt manche Wiederholungen, die nicht notwendig gewesen wären. Es ist ein bescheidenes und ehrliches und gleichzeitig humorvolles Buch, eine Liebeserklärung an Eliza, seine Familie und an die Freiheit des Wortes und des Gedankens.

Es ist schön, dass er nicht nur überlebt, sondern sein Ziel, wieder ins Leben zu finden, erreicht hat und dass er sich ungebrochen kampfeslustig – vielleicht dezidierter denn je – die Freiheit der Kunst und die Trennung zwischen Staat und Religion auf die Fahnen geschrieben hat.

Zudem erwähnt Rushdie seine Freunde, von denen einige ebenfalls todkrank waren (Paul Auster, Martin Amis und Hanif Kureishi). Man ist am Ende geneigt, den Worten Martin Amis zuzustimmen, der Rushdie in einer Mail Folgendes schrieb:

Ich gebe zu, als wir uns letztens zum ersten Mal nach der Schreckenstat wiedersahen, hatte ich erwartet, Dich verändert anzutreffen, irgendwie reduziert. Weit gefehlt: Du warst und bist intakt und ganz. Und ich habe erstaunt gedacht: Er ist dem GEWACHSEN. 

Was stimmen mag oder auch nicht, jedenfalls war es sehr lieb. (S. 164)

Übrigens wurde auch der ägyptische Schriftsteller Nagib Machfuz 1994 im Alter von 82 Jahren von einem Fundamentalisten niedergestochen.  

Das Wichtigste ist, dass Kunst jegliche Orthodoxie herausfordert. Kunst deswegen zu verschmähen oder zu verteufeln, hieße, ihr Wesen misszuverstehen. Kunst richtet die leidenschaftliche, persönliche Vision des Künstlers gegen die überkommenen Ideen seiner Zeit. […] Kunst ist kein Luxus. Sie ist die Essenz unserer Menschlichkeit, und außer dem Recht, sein zu dürfen, verlangt sie keinen besonderen Schutz. Sie akzeptiert Streit, Kritik, sogar Ablehnung – aber keine Gewalt. Und am Ende überdauert sie jene, die sie unterdrücken. (S. 205/206)

Rushdie fordert alle auf, sich in dem Kampf gegen Revisionismus, Bigotterie, Lügen und Zynismus einzubringen. Wie dies konkret aussehen könnte, bleibt jedoch offen.

Vor allem aber müssen wir begreifen, dass Geschichten im Mittelpunkt des Geschehens stehen und dass die unehrlichen Narrative der Unterdrücker großen Anklang finden. Also müssen wir uns bemühen, bessere Geschichten als die falschen Narrative der Tyrannen, Populisten und Narren zu schreiben, Geschichten, in denen die Menschen leben wollen. Das Schlachtfeld ist nicht der einzige Kriegsschauplatz. Auch die Geschichten, in denen wir leben, sind umkämpftes Terrain. (S. 221)

Hier geht es lang zu einem Interview mit Rushdie.

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Margot Bennett: Someone from the Past (1958)

Martin Edwards bringt es in seiner Einführung zu diesem gelungenen Cozy Crime aus der Reihe British Library Crime Classics auf den Punkt:

Someone from the Past, first published in 1958, is a stylish whodunit which occupies a small but unique niche in crime writing history. It is the one book to win the Crime Writers‘ Association‘s award for the best crime novel of the year, only for its author never again to write another novel in the genre. While still in her forties, Margot Bennett went out at the top. (S. 7)

Nach dem vierten Band der Reihe um Josephine Tey und Archibald Penrose von Nicola Upson, der einem das Lesen von Krimis fast verleiden könnte, hat mich Margot Bennett, die mir bisher überhaupt kein Begriff war,  wieder versöhnt und gezeigt, dass es immer noch großartige Cozy Crime Bücher zu entdecken gibt. Das Buch wurde 1998 unter dem Titel Jemand aus der Vergangenheit auch ins Deutsche übersetzt.

Erzählt wird uns die Geschichte von Nancy Graham, einer 26-jährigen Journalistin, die mit traumwandlerischer Sicherheit ständig die falschen Entscheidungen trifft und sich deshalb als Hauptverdächtige in einem Mordfall wiederfindet.

Eines Abends trifft Nancy zufällig in einem Restaurant ihre schöne Freundin und ehemalige Mitbewohnerin Sarah Lampson, die allen Männern den Kopf verdreht und kurz vor der Heirat mit einem vermögenden Mann steht. Dummerweise bekommt sie seit einiger Zeit anonyme Briefe, in denen ihr ein ehemaliger Liebhaber androht, sie umzubringen. Sarah will nicht zur Polizei, da sie ihrem reichen Verlobten nur ihren Ex-Mann gebeichtet hat. Sie bittet Nancy, möglichst zeitnah herauszufinden, welcher ihrer Verflossenen ihr womöglich nach dem Leben trachtet, denn Nancy hat all die Liebschaften Sarahs der letzten Jahre mitverfolgt.

Da wäre also zum einen Mike, ein arroganter und selbstgefälliger Schauspieler und außerdem Sarahs Ex-Mann. Zum anderen gibt es den kultivierten Laurence, der damals für Sarah seine Frau verlassen hat, doch er ist schon seit längerem wieder mit einer anderen Frau zusammen. Außerdem den Kleinkriminellen Peter, die erste große Liebe Sarahs. Zu guter Letzt ist da noch Donald, in den sich Nancy verliebt hat und von dem sie hofft, dass er ihr in den nächsten Tagen einen Heiratsantrag machen wird.

Einen Tag, nachdem Sarah Nancy um ihre Hilfe gebeten hat, ist sie tot. Erschossen. Das Problem: Donald war in der Nacht zuvor noch einmal bei Sarah in der Wohnung und Nancy hat nun Panik, dass ihr Geliebter, dessen Unschuld für sie außer Frage steht, Spuren in der Wohnung Sarahs hinterlassen haben und deshalb verdächtigt werden könnte. Also kommt sie auf die so eher semikluge Idee, selbst noch einmal in die Wohnung zu gehen, einen Schlüssel hat sie ja, um alle Spuren, die auf Donald hindeuten könnten, zu beseitigen.

Dabei wird sie gesehen und schneller, als man gucken kann, findet sich Nancy auf dem Polizeirevier wieder, wo sie den leitenden Inspector zur Verzweiflung treibt, weil sie sich um Kopf und Kragen lügt, um Donald aus allem herauszuhalten. Doch das ist alles nur der Anfang und wir verfolgen die Tätersuche gespannt und zwischendurch auch amüsiert.

Hier stimmt einfach alles: Nicht nur Nancy hat ihre ganz eigene Stimme, auch die anderen Charaktere sind rund und in sich stimmig. Der Plot passt und ich wäre Nancy noch länger gefolgt, einer Heldin, die sich – egal, ob sie lügt oder die Wahrheit sagt – von einer Schwierigkeit in die nächste manövriert und nebenbei noch herausfinden muss, wer ihre Freundin umgebracht hat.

Love is not love which alters when it is hit on the head with a hammer. (S. 83)

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Margaret Forster: The Seduction of Mrs Pendlebury (1974)

Im Nachruf des Guardian heißt es über die 1938 geborene britische Schriftstellerin und Biografin Margaret Forster, die 2016 an Krebs starb:

She had a singular gift, an ability to take ordinary lives and transform them into fiction of the highest order, sometimes to almost uncanny effect…

Das gilt ganz sicher auch für ihren Roman The Seduction of Mrs Pendlebury, der – warum auch immer – nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Die titelgebende Rose Pendlebury, 69, lebt mit ihrem Ehemann seit 26 Jahren in Islington, einem Londoner Stadtteil, in ihrem viel zu großen Haus und schimpft darüber, dass sich der Charakter der Straße und die Nachbarn immer weiter zum Schlechten wandeln würden. Kann man ihren Ärger über laute Wochenendpartys der jüngeren Nachbarn zunächst noch nachvollziehen, so stutzt man doch bereits auf den ersten Seiten, wenn es heißt, dass es Jahre gedauert habe, bis Rose wusste, wer in welchem Haus der Straße wohnt. Das freundliche Angebot einer ehemaligen Nachbarin, deren Telefon im Notfall benutzen zu dürfen, will Rose nicht einmal dann annehmen, als sie sich bei Glatteis ein Bein gebrochen hat. 

It had taken several years of delicate inquiries to establish that they [the neighbours] never had had any [children]. (S. 10)

Ihr Ehemann Stanley ist da unkomplizierter. Einmal die Woche besucht er seinen heißgeliebten Club und spielt Bingo mit seinen Freunden. Versuche, Rose dorthin mitzunehmen, hat er längst aufgegeben. In Gesellschaft fühlt sie sich unsicher und sofort herabgesetzt. Und so geht sie von vornherein in den Angriffsmodus und wittert hinter allem nur üble Motive.

Rose kann wirklich garstig sein. Die Kommunikation mit ihrem Mann besteht eigentlich nur aus Vorwürfen, Angriffen, Beleidigungen und Befehlen. 

Doch Stanley lässt das alles – meist – an sich abperlen und nur in absoluten Ausnahmefällen geht er zur Gegenwehr über. Er ist derjenige, der hinter Roses anti-sozialen Tiraden und Vermeidungsstrategien die Ängste und unüberwindlichen Hürden sieht, die menschliche Kontakte für Rose bedeuten.

He never thought of Rose as a hen-pecker or a shrew. He never even thought of her as bad-tempered because he understood her. She only shouted when she was upset or frightened and he saw it as his duty to console her by his calm. He was rock-like. She could hurl herself against him and he wouldn‘t break. (S. 16)

Anything new panicked her. Any journey, even out to Hackney to see his sister, had her in hysterics. She was timid to the point of hiding herself away rather than meet anyone. Frank had said it was an illness and that there was a name for it and that she ought to be treated, but he [Stanley] had poo-poohed the idea. There was nothing wrong in being timid. Rose liked a quiet life, that was all. (S. 28)

Doch in dieser liebevollen Akzeptanz steckt auch ein gehöriger Teil an Bequemlichkeit. Als sich Roses Zustand so verschlimmert, dass selbst das junge Nachbarspaar alarmiert ist, weigert sich Stanley in einer verknäulten Mischung aus Liebe, Fürsorglichkeit und Blindheit den Zustand seiner Frau beim Namen zu nennen. 

Der einzige Sohn Frank ist mit 19 nach Australien emigriert. Dass er so weit weg lebt, hat durchaus auch mit seiner schwierigen Mutter zu tun, auch wenn Rose das niemals erkennen würde. Inzwischen hat Frank geheiratet und drei Kinder. Er und seine Frau versuchen seit Jahren, seine Eltern von einem Besuch in Australien zu überzeugen, den er ihnen gern spendieren würde. 

Nur in ihrem Garten und in den Parks Londons kann Rose sie selbst sein, ohne von ihren Gedanken zerfressen zu werden.

She wasn‘t going to let any irritation spoil this lovely park. She was going to sit on a seat with her eyes feasting on all the greenery and the lake and the ducks and the flowers and not be bothered by anything. People were the trouble – if only there were no people, she would be happy. (S. 35)

Dieses empfindliche Alltagsgefüge kommt nun aus dem Tritt, als eine junge Familie nebenan einzieht und Rose, die kleine Kinder über alles liebt, sich allmählich mit der kleinen Amy und dann auch mit deren Mutter Alice anfreundet. Irgendwann steht Rose dann vor der Frage, ob sie ihren Vorurteilen und Angstdämonen zumindest so weit Einhalt gebieten kann, dass dieser Kontakt, der sie so sehr beglückt, nicht wieder zerbricht und sie noch einsamer als vorher zurücklässt.

Einige englische Rezensentinnen haben das Buch als zu deprimierend empfunden. Ehrlich gesagt, ich fand sowohl die Charakterisierungen als auch die Entwicklung der einzelnen Handlungsstränge unglaublich spannend – obwohl von außen betrachtet natürlich wenig passiert – und manchmal sogar komisch, wenn Stanley mit all den Tricks, die er so auf Lager hat, versucht, den Haussegen wieder geradezubiegen. 

Forster gelingt es tatsächlich, uns hier auf geradezu unheimliche Weise das Innere einer zutiefst verletzten Frau zu zeigen, die für ihre Umwelt schier unerträglich ist und bei der wir wohl alle versuchen würden, möglichst viel Abstand zwischen sie und uns zu bringen. Und die uns nach der Lektüre garantiert doch noch länger im Kopf herumspukt. Genauso wie die Frage, ob Stanley am Ende nun alles richtig oder alles falsch gemacht hat. 

Hier noch ein Interview mit Margaret Forster aus der Reihe der BBC-Interviews Desert Island Discs.

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Benjamin Stevenson: Everyone In My Family Has Killed Someone (2022)

Mit seinem dritten Roman Everyone In My Family Has Killed Someone hat der Australier Benjamin Stevenson einen wahnwitzig guten Krimi hingelegt, bei dem wirklich jedes Puzzleteil passt und bei dem sich quasi alle zwei Seiten neue Facetten ergeben. Gibt es inzwischen auch auf Deutsch unter dem Titel Die mörderischen Cunninghams. Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen

Die Geschichte wird uns von Ernest Cunningham erzählt, von Berufs wegen Verfasser nur mäßig erfolgreicher Online-Ratgeber zu dem Thema „Wie schreibe ich erfolgreich einen Krimi?“, die man auf Amazon für wenige Dollar nachgeworfen bekommt. An seinem Hintergrundwissen zu Spannungsaufbau oder den 10 Commandments of Detective Fiction von Ronald Knox von 1929 liegt es auch, dass er sich in seinem Erzählen immer wieder selbst reflektiert oder eine kleine Zwiesprache mit dem Leser hält. Diese Verschränkung der spannenden Handlung mit der Meta-Ebene macht einen großen Teil des Reizes der sympathischen Erzählerfigur aus.

Everyone in my family has killed someone. Some of us, the high achievers, have killed more than once. I‘m not trying to be dramatic, but it is the truth, and when I was faced with writing this down, difficult as it is with one hand, I realized that telling the truth was the only way to do it. It sounds obvious, but modern mystery novels forget that sometimes. […] Of course, this isn‘t a novel. All of this happened to me. But I do, after all, wind up with a murder to solve. Several, actually. Though I‘m getting ahead of myself. […]

The point is, I read a lot of crime novels. And I know most of these types of books have what‘s known as an ‘unreliable narrator‘ these days, where the person telling you the story is, in fact, lying most of the time. I also know that in recounting these events I may be typecast similarly. So I‘ll strive to do the opposite. Call me a reliable narrator. Everything I tell you will be the truth, or at least, the truth as I knew it to be at the time that I thought I knew it. Hold me to that. […] What else? My name would be useful, I suppose. I‘m Ernest Cunningham. It‘s a bit old-fashioned, so people call me Ern or Ernie. I should have started with that, but I promised to be reliable, not competent. (Prologue)

Doch kurz zur Handlung:

Zu Beginn bekommt der 38-jährige Ernest mitten in der Nacht Besuch von seinem aufgeregten Bruder Michael, der einen unbekannten Mann angefahren hat und nun Ern um Hilfe bittet. Doch anstatt auf Ern zu hören und den Mann in ein Krankenhaus zu bringen, beschließt Michael den Toten irgendwo im Wald abzulegen. Dabei landet in all der Aufregung eine Tasche mit fast 300.000 Dollar bei Ern im Haus.

Drei Jahre später: Ernest, der aus einem Grund, den wir erst später verstehen, vom Rest der Familie normalerweise geschnitten wird, wird von seiner Tante Katherine zu einem Familientreffen in einem abgelegenen australischen Ski-Ressort beordert. Normalerweise würde er sich drücken, doch er weiß, diesmal helfen keine Ausflüchte. Warum, erfahren wir ebenfalls nicht sofort.

We‘ll get to my story, I have to tell you about some others first, but I wish I‘d killed whoever decided our family reunion should be at a ski resort. (S. 19)

Und so trifft er dort auf seine Mutter Audrey, die ihn verabscheut, deren reichen zweiten Ehemann Marcel sowie auf seine Stiefschwester, seine unglückliche Schwägerin, seine resolute und pedantisch durchorganisierte Tante Katherine und ihren langweiligen Mann Andy.

That was Andy in a nutshell, wanting both a blokey alliance and to stick up for his wife: the type of guy who says, ‘Yes, honey,‘ at a dinner party but then wobbles his head and goes, ‘Pfft, women, right?‘ when she‘s in the loo. (S. 24)

Im Laufe des Wochenendes werden noch weitere Familienmitglieder dazustoßen.

Die Beziehungen innerhalb der Familie sind kompliziert, die Vergangenheit wirft lange Schatten, die wir erst nach und nach entschlüsseln können. Als wäre das für Ernest nicht anstrengend genug, findet man am nächsten Morgen eine seltsam zugerichtete Leiche im Schnee, die niemand zu kennen scheint und von niemandem vermisst wird.

Faszinierend an diesem Krimi ist nicht nur, wie die verschiedenen Ebenen ineinander spielen, wie sich hier ein Erzähler abmüht, die Regeln des goldenen Krimizeitalters zu erfüllen und dabei gleichzeitig ein Verbrechen aufzuklären. Nicht nur die einzelnen Puzzleteile müssen wir dabei immer wieder umsortieren, auch das Bild, das sich ergibt, ändert sich fortlaufend. Das ist spannend, das ist witzig, klug und verrückterweise auch berührend. Denn es ist auch die Geschichte einer versehrten und traumatisierten Familie.

Ernest hat übrigens völlig Recht, wenn er zu Beginn klarstellt:

Look, we‘re not a family of psychopaths. Some of us are good, others are bad, and some are just unfortunate. Which one am I? I haven‘t figured that out yet. (Prologue)

Nachtrag: Inzwischen sind die Folgebände Everyone on this Train is a Suspect (2023) und Everyone this Christmas has a Secret (2024) erschienen. Doch die können überhaupt nicht mit der filmwürdigen Charakterisierung mithalten, die Everyone In My Family Has Killed Someone auszeichnet. Schon deshalb, weil im ersten Band alle Figuren als unverwechselbare Individuen geschildert werden und nicht einfach austauschbare und verwechselbare Namen und Nummern in einem Puzzle sind.

Fundstück von Kenneth Grahame zum Frühjahrsputz

The Mole had been working very hard all the morning, spring-cleaning his little home. First with brooms, then with dusters; then on ladders and steps and chairs, with a brush and a pail of whitewash; till he had dust in his throat and eyes, and splashes of whitewash all over his black fur, and an aching back and weary arms. Spring was moving in the air above and in the earth below and around him, penetrating even his little house with its spirit of divine discontent and longing. It was small wonder, then, that he suddenly flung down his brush on the floor, said “Bother!“ and “O blow!“ and also “Hang spring-cleaning“ and bolted out of the house without even waiting to put on his coat. Something up above was calling him imperiously […] So he scraped and scratched and scrabbled and scrooged and then he scrooged again and scrabbled and scratched and scraped, working busily with his little paws and muttering to himself, “Up we go! Up we go!“ till at last, pop! his snout came out into the sunlight, and he found himself rolling in the warm grass of a great meadow.

So beginnt der englische Kinderbuchklassiker Wind in the Willows von Kenneth Grahame (1859 – 1932).

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Fundstück von E. M. Forster (1908)

It was unladylike. Why? Why were most big things unladylike? Charlotte had once explained to her why. It was not that ladies were inferior to men; it was that they were different. Their mission was to inspire others to achievement rather than to achieve themselves. Indirectly, by means of tact and a spotless name, a lady could accomplish much. But if she rushed into the fray herself she would first be censured, then despised, and finally ignored. Poems had been written to illustrate this point. (S. 60 der Taschenbuchausgabe im Penguin Verlag)

aus: E. M. Forster: A Room with a View, OA 1908

Fundstück von Alec Guinness

Es ist frappierend, wie man dieses Zitat jedes Jahr aufs Neue lesen kann…

The Ides of March have passed and nothing untoward has happened to our quiet lives in Hampshire. Farther afield there are horrors – starvation on every continent, ugliness in Albania and environs, Isreali/Palestinian squabbles, the madness of Northern Ireland, daily murders at the seaside, Madeleine Albright jetting around somewhere, schoolchildren committing suicide, the scandals surrounding the personal life of the President of the United States, paedophile clerics coming to the surface – and so it goes on – but here the daffodils make a fine display and ornamental cherry blossoms begin to show. (S. 120)

aus: Alec Guinness: A Positively Final Appearance1999

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Art Spiegelman: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden (1986/1991)

In der Vergangenheit hatten mich schon öfter Berichte über „book bans“, also das Aus-dem-Verkehr-Ziehen unliebsamer Bücher aus amerikanischen Schulen und Büchereien verschreckt. Hier eine entsprechende Liste. Doch nun hatte eine dieser gefährlich kleingeistigen Aktionen wenigstens etwas Gutes, denn ohne diesen „ban“ wäre möglicherweise ein Meisterwerk an mir vorübergegangen. Doch von vorn: 

Im amerikanischen McMinn County, einem Bezirk mit gerade mal 50.000 Einwohnern, stimmten 2020 alle zehn Mitglieder der Schulbehörde dafür, den preisgekrönten Comic Maus von Art Spiegelman aus dem Lehrplan der Achtklässler zu streichen. Schließlich enthalte er acht Schimpfwörter, Anspielungen auf vorehelichen Geschlechtsverkehr und die Darstellung einer Frau in einer Wanne, die keine Oberbekleidung trage…

McMinn County liegt in Tennessee, wo Trump bei der Wahl 2020 79 Prozent der Stimmen holte. So weit, so betrüblich.

Jedenfalls machte mich dieser „book ban“ auf das Werk neugierig, denn Maus war 1992 als erster Comic überhaupt mit dem renommierten Pulitzer Prize ausgezeichnet worden. Die vollständige Maus – Die Geschichte eines Überlebenden (im Original Maus – A Survivor’ Tale) besteht aus dem Teil Mein Vater kotzt Geschichte aus (My Father Bleeds History, 1986) und dem Teil Und hier begann mein Unglück (And Here My Troubles Began, 1991). Vor der Veröffentlichung in Buchform erschien das Werk in einer Comic-Zeitschrift.

Art Spiegelman zeichnet hier in Schwarzweiß die Lebensgeschichte seines Vaters Vladek nach, eines jüdischen Polen, der 1906 geboren wurde und 1937 Anja, die Erbin eines wohlhabenden Textilunternehmers, heiratet und lange nicht glauben kann, dass die Nazis auch in ganz Polen ihre Schreckensherrschaft aufrichten werden. Die Juden werden dabei als Mäuse gezeichnet, die Deutschen als Katzen.

Micky Maus ist das schändlichste Vorbild, das je erfunden wurde … Das gesunde Empfinden sagt jedem denkenden Heranwachsenden und jedem rechtschaffenen Jüngling, daß dieses ekelhafte, schmutzige Ungeziefer, dieser größte Bakterienüberträger im ganzen Tierreich niemals ein vorbildliches Tier sein kann … Schluß mit der Verrohung der Völker durch die Juden! Nieder mit Micky Maus! Tragt das Hakenkreuz! (Zeitungsartikel, Pommern, Mitte der dreißiger Jahre, S. 162)

1939 wird Vladek in die polnische Armee eingezogen, gerät in Kriegsgefangenschaft, kann sich wieder nach Hause durchschlagen, hofft das Beste, richtet sich ein, überlebt einige Zeit im Untergrund und gibt seinen erstgeborenen Sohn einer Verwandten, um so dessen Überlebenschancen zu vergrößern. Doch irgendwann ist es nicht länger möglich, sich dem Zugriff der Nazis zu entziehen, und Vladek, Anja und die ganze Familie werden deportiert, bis ihr Leidensweg sie nach Auschwitz bringt. 

Nach unfassbarer Barbarei und Qual gehören Vladek und Anja zu den wenigen Überlebenden. In Stockholm kommt ihr zweiter Sohn Art zur Welt, doch die kleine Familie entscheidet sich, nach Amerika auszuwandern, wo der einzige überlebende Bruder Anjas lebt.

Diese ausführlichen Rückblenden sind eingebettet in die Gegenwart, in der Art seinen inzwischen alt gewordenen Vater in New York besucht, ihn interviewt, mehr über dessen Geschichte wissen will und oft genug auch verzweifelt an der störrischen, rechthaberischen und unfassbar geizigen Art des alten Mannes, die er durchaus sarkastisch kommentiert. 

Die Vater-Sohn-Beziehung ist alles andere als einfach und als Leser kann man nachvollziehen, weshalb Art den Gedanken unerträglich findet, zu seinem Vater zu ziehen, als dieser von seiner zweiten Frau Mala verlassen wird – seine erste Ehefrau Anja hatte 1968 Selbstmord begangen. Gleichzeitig verneigt man sich vor dem alten Herrn, der die menschengemachte Hölle von Auschwitz überlebt hat und davon ein Leben lang gezeichnet bleibt. Dabei glorifiziert Art seinen Vater nicht. Vladek Spiegelman starb 1982, vermutlich ohne seine rassistische Einstellung gegenüber Schwarzen je revidiert zu haben. In seinem erhellenden Buch MetaMaus, das sich mit den Hintergründen zu Maus beschäftigt, konstatiert Art Spiegelman zu dem auch bei den Freunden seines Vaters weit verbreiteten Rassismus: 

This is a place where it should be noted, ‘Look, suffering doesn‘t make you better, it just makes you suffer.‘ (S. 36)

Aber man verneigt sich auch vor seinem Sohn, der mit seiner Auswahl des Erzählten und in der zeichnerischen Umsetzung eine Form gefunden hat, die selbst die Ehre der Pulitzer Prize-Auszeichnung weit hinter sich lässt. 

An einer Stelle des Buches sagt Art Spiegelman zu seinem Psychiater Pavel, ebenfalls ein Überlebender von Theresienstadt und Auschwitz:

Samuel Beckett hat mal gesagt: ‚Jedes Wort ist wie ein unnötiger Fleck auf dem Schweigen und dem Nichts.‘

In der nächsten Szene hängen Art und Pavel schweigend ihren Gedanken nach. Doch dann lässt Art den Gedanken zu:

‘Andererseits hat er‘s GESAGT.‘

Ich war nie eine Comicleserin, auch Graphic Novels schienen mir bisher immer nur vereinfachte Romanversionen zu sein, doch für dieses Werk würde ich gern die wuchtigsten Adjektive benutzen, die ich kenne. Ich tue es nicht. Die gezeichnete Geschichte von Vladek und Anja, die Geschichte dessen, wozu Menschen – sowohl auf Täter- als auch Opferseite – in der Lage sind und was das für die folgenden Generationen bedeutet, muss man selbst lesen, sehen und für sich entdecken. 

Die Schulbehörde in McMinn hat übrigens trotz aller Proteste an ihrer Entscheidung festgehalten, das Buch aus dem Curriculum zu streichen und empfahl gleich allen Schulleitern, das Buch grundsätzlich auszusortieren. Diese unsägliche Aktion, einen „nicer Holocaust“ (Art Spiegelman) zu lehren, steht natürlich im engen Zusammenhang mit den ultra-konservativen Bemühungen, Jugendliche vor „woker“ Beeinflussung, bösen Wörtern, nackten Brüsten und ein paar echten Geschichtsstunden zu bewahren. Genauso wie Lehrer*innen in vielen Counties inzwischen aufpassen müssen, ob und wie sie sich zur Sklaverei, zu Rassismus oder gar LGTBQ-Themen äußern. Amerikaweit laufen übrigens weitere Versuche, das Werk aus den Schulen zu entfernen.

‚It looks like the entire curriculum is developed to normalize sexuality, normalize nudity and normalize vulgar language,‘ said Mike Cochran, a school board member. ‚I think we need to re-look at the entire curriculum.‘

Tony Allman, a board member, noted that “Maus” described people being hanged and children being killed. ‚Why does the educational system promote this kind of stuff?‘ he asked. ‚It is not wise or healthy.‘ (aus dem lesenswerten Artikel der New York Times)

Immerhin: Nach der Entscheidung der Schulbehörde und der ganzen medialen Aufregung stand das Buch plötzlich wieder auf diversen Bestsellerlisten und viele Schüler*innen haben sich das Werk besorgt. 

Auf dem Blog habe ich bereits To Kill a Mockingbird von Harper Lee besprochen, ein Buch, das ebenfalls immer wieder auf Listen der ach so schändlichen Lektüren gerät. 

Hier kann man weiterstöbern:

Auf Arte gibt es eine Dokumentation zum Werk (abrufbar bis zum 30. April 2026).

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Fundstück von Fridtjof Nansen

Der Sternenhimmel ist der wahrste Freund im Leben, hat man ihn erst einmal kennengelernt; stets ist er da, stets gibt er Frieden, stets erinnert er dich daran, dass deine Unruhe, deine Zweifel, deine Schmerzen vorübergehender Natur sind. Das Universum existiert und wird unberührt bestehen. Unsere Meinungen, unsere Kämpfe, unsere Leiden sind nicht so wichtig und einzigartig, wenn es darauf ankommt.

Fridtjof Nansen, zitiert nach: Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser, Insel Verlag, Berlin 2017, S. 84

Alte und neue Krimischätzchen von Nicola Upson und Craig Rice

Die Krimi-Reihe von Nicola Upson (*1970) um Detective Inspector „Archie“ Penrose ist inzwischen auch in Deutschland kein Geheimtipp mehr. Fünf der inzwischen elf Bände sind bereits ins Deutsche übertragen worden, weitere werden folgen.

Im ersten Band An Expert on Murder, der im Original bereits 2008 erschien, reist Josephine Tey, die zwischen 1930 und 1952 ja tatsächlich Theaterstücke und Krimis um den Ermittler Alan Grant geschrieben hat, von Inverness nach London, um bei der Aufführung eines ihrer Stücke dabei zu sein. Auf der Zugfahrt lernt sie Elspeth Simmons, eine sympathische junge Frau, kennen, die ein großer Fan von ihr ist. In London angekommen kehrt Elsie kurz zurück in den Zug, weil sie ihre Tasche vergessen hat. Noch im Zugabteil trifft sie auf ihren Mörder, der einen seltsam inszenierten Tatort zurücklässt. Mit der Aufklärung wird Archie Penrose von Scotland Yard betraut, den Josephine schon seit Jahrzehnten kennt. Archie war der beste Freund ihres Verlobten, der jedoch im Ersten Weltkrieg in einer der grauenhaften Schlachten ums Leben kam.

Dieser erste Band ist noch nicht ganz rund. Zunächst erfahren wir seitenlang etwas über Personen am Theater, die uns zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht interessieren und deren Charakterisierung auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht wirklich an Tiefe gewinnt. Die Tatsache, dass Josephine und Archie über 20 Jahre brauchen, um mal halbwegs Klarheit in ihre Freundschaft zu bringen, wirkte auch nicht so richtig erwachsen. Teilweise tritt die Handlung auf der Stelle, zu viele Personen werden kurz ein- und dann wieder ausgeflogen und die Auflösung am Ende wird viel zu wenig vorbereitet. Der Independent bemängelte denn auch:

But the book falls down on plotting: the detective work depends on absurd coincidences, and an over-complicated back-story points up the author’s inexperience.

Aber die Idee, einen Krimi einer real existierenden Kriminalschriftstellerin auf den Leib zu schreiben, ist dennoch reizvoll. Man lernt dabei und wird im Großen und Ganzen doch gut und nicht allzu brutal unterhalten.

Jedenfalls habe ich auch den zweiten Band  Angel with Two Faces (2009) gelesen, der wesentlich ambitionierter und ausbalancierter wirkte und sowohl mit einer spannenden Handlung als auch einer glaubwürdigeren Auflösung aufwarten konnte. Und dort habe ich das erste Mal von dem Minack Theater gelesen, dem einzigartigen Freilichttheater an der Südküste Cornwalls, das einer der entscheidenden Schauplätze im Roman ist. Auf Deutsch ist er unter dem Titel Wenn die Masken fallen erschienen.

Nachtrag: Nach dem vierten Band Fear in the Sunlight ist für mich Schluss mit dieser inzwischen elf Bände umfassenden Reihe. Den dritten Band rund um das Thema des Baby Farming fand ich schon allein wegen der realen Bezüge lohnend und an der gelungenen geschichtlichen Einbettung im vierten Buch – diesmal ein Wochenende in Portmeirion mit Alfred Hitchcock, der ein Buch Josephine Teys verfilmen möchte – liegt es nicht, dass mir alle Lesefreude an Upson abhanden gekommen ist.

In Fear in the Sunlight bekommt die Leserin zunächst völlig unverbundene Puzzleteile in Form vieler Personen präsentiert, die dann – surprise, surprise – alle miteinander eng verbandelt sind. Auch die Frage der Erzählstimme ist nicht wirklich gelöst worden. Ermittelt wird hier gar nichts, die Motive der meisten Beteiligten fand ich lächerlich und Krimis über Serienmörder finde ich per se wenig attraktiv. Was mir aber endgültig den Rest gegeben hat, war die ausführliche, ja geradezu lustvolle Ausmalung der Morde, das hatte mit Cozy Crime nun gar nichts mehr zu tun. Ich wünschte, Upson hätte weniger grell gearbeitet und die Handlung nicht so dermaßen überladen. Der Versuch, dem Ganzen mit pseudo-tiefsinnigen Gesprächen noch ein bisschen intellektuellen Anspruch zu verleihen, hat dann auch nichts mehr gerettet.

Jetzt aber zu einer amerikanischen Autorin: Craig Rice hieß eigentlich Georgiana Ann Randolph Craig, lebte von 1908 bis 1957 und schrieb Krimis, Erzählungen und Drehbücher.

Im Januar 1946

she was the first crime writer to grace the cover of Time magazine. It‘s impossible to understand how much that meant back then – there‘s just no modern equivalent. As always with fame, artistic achievement was only part of the appeal. Craig Rice lived a storied life even before she was published. (Lisa Lutz in ihrer Einleitung)

Bekannt wurde Craig durch ihre Krimis um John J. Malone, einen schlampig gekleideten Chicagoer Anwalt.

John Joseph Malone did not look like a lawyer. A contractor or a barkeep, or a baseball manager, perhaps. Something like that. At first sight he was not impressive. He was short, heavy – though not fat – with thinning dark hair and a red, perspiring face that grew more red and perspiring as he talked. He was an untidy man; the press of his suits usually suggested that he had been sleeping in them, probably on the floor of a taxicab. His ties and collars never became really close friends, often not even acquaintances. (S. 42)

Malone löst die Fälle zusammen mit dem herzensguten, aber nicht immer brillanten Presseagenten Jake Justus und der hinreißend schönen Helene Brand, „a rich heiress and hard-drinking party animal par excellence“ (Wikipedia).

Im ersten Band Eight Faces at Three, der 1939 erschien, wird die gräßliche Tante von Holly und Glen Inglehart ermordet. Tante Alexandria war nicht nur reich, sondern auch reichlich herrschsüchtig und wollte Holly und Glen vorschreiben, wen – falls überhaupt – sie zu heiraten hätten. Alle wissen, dass sie für den nächsten Tag ihren Anwalt bestellt hatte, um ihr Testament zu ändern. Doch bevor sie das tun kann, wird sie mitten in der Nacht mit einem Brieföffner umgebracht. Sofort fällt der Verdacht auf ihre Nichte Holly, die tags zuvor heimlich ihre große Liebe, den unstandesgemäßen Bandleader Dick Dayton geheiratet hat. Dummerweise war sie es, die die Leiche fand und ihre Fingerabdrücke auf dem Mordwerkzeug hinterlassen hat. Doch ihre Freunde setzen alles daran, ihre Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu überführen.

Auf 250 Seiten bekommen die Leserinnen und Leser eine zwar fast stereotype Krimi-Handlung aufgetischt, dennoch macht die richtig Spaß, denn Craig mixt hier einen Krimi mit Screwball-Comedy. Zwischendurch sind die Protagonisten mindestens ebenso an ihren schlagfertigen Wortwechseln wie an der Aufklärung des Falles interessiert.

Helene sighed. ‘And finally,‘ Jake said, ‘if the long-lost papa killed Alexandria Inglehart, who killed him?‘

‘His conscience began to bother him and he committed suicide,‘ Helen suggested hopefully. ‘Stabbing himself three times to do it,‘ Jake said in disgust, ‘the last two times after he was dead.‘

‘Well anyway,‘ she said, ‘it was a good idea as far as it went.‘  ‘It didn‘t go far enough‘ ‚ Jake told her. ‘That was its only fault.‘ (S. 213)

Das hätte ein wunderbar unterhaltsamer Schwarzweißfilm werden können, wenn bloß jemand auf die Idee gekommen wäre, das Buch zu verfilmen.

There was nothing, Jake reflected, like telling the truth if you wanted to get a reputation as a wit. (aus dem zweiten Band der Reihe The Corpse Steps Out)

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Ben Macintyre: Vergessenes Vaterland – Die Spuren der Elisabeth Nietzsche (OA 1992)

Ich habe keine Ahnung, wo ich auf dieses abgedrehte und spannende Buch aufmerksam geworden bin. 1992 erschien Forgotten Fatherland: The Search for Elisabeth Nietzsche von Benedict Richard Pierce Macintyre (*1963). Die deutsche Übersetzung Vergessenes Vaterland: Die Spuren der Elisabeth Nietzsche stammt von Mabel Lesch-Rey.

In dem äußerst kurzweiligen Buch, dessen 279 Seiten mit Informationen und gut gewählten zeitgenössischen Zitaten gespickt sind, habe ich so einiges erfahren über die blutige Geschichte Paraguays, seine größenwahnsinnigen Herrscher, seine deutschen Bevölkerungsgrüppchen und über nach dem Zweiten Weltkrieg Eingewanderte, die immer noch Hitlerbilder an der Wand hängen haben, über Nietzsche, seine rührige Schwester, seine Philosophie und deren Vereinnahmung durch die Nazis. Und über den Wahn in so mancherlei Ausprägung.

Das Buch wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen. Zum einen begleiten wir Elisabeth Förster (1846 – 1935), die Schwester Friedrich Nietzsches, und ihren bis in die Haarspitzen antisemitischen Ehemann Bernhard Förster bei ihrer Ankunft 1886 in Paraguay.

Mitten im Dschungel Paraguays wollte man – zusammen mit 14 mehrheitlich armen Bauernfamilien aus Sachsen – die Reinheit der arischen Rasse und das deutsche Geisteswesen hochhalten. So ein Unterfangen schien ihnen in Deutschland nicht so richtig erfolgversprechend, zumal Förster aufgrund seiner grässlichen Hetze, die er als „Notschrei des deutschen Volksgewissens“ deklarierte, seine Lehrerstelle verloren und

seine Karriere als antisemitischer Siegfried […] eine Art toten Punkt erreicht [hatte].

Von Nueva Germania aus sollte dann die ganze Welt wieder mit deutschem Wesen beglückt werden. Um weitere deutsche Siedler anzulocken – in den ersten zwei Jahren wuchs die Zahl auf ca. 40 Familien – und die Spendenbereitschaft in Deutschland zu erhöhen, ließ man märchenhafte Berichte über das paradiesische Kolonialleben in deutschen Zeitungen drucken, in denen die Leser erfuhren, dass man als Deutscher in Paraguay quasi den ganzen Tag die Vorteile des Arierseins genießen konnte. Die farbigen Bediensteten würden einem die Arbeit immens erleichtern. Das Klima sei fantastisch und das Essen fiel sozusagen von den Bäumen.

Dies war selbstverständlich die reinste Phantasie. Die Hitze wurde nur von den unregelmäßigen, aber sintflutartigen Regenfällen unterbrochen, die Tiere ertränkten, Zäune fortrissen, sich durch Strohdächer ergossen und das Reisen schier unmöglich machten. Die Güsse brachten Schwärme fetter, mit Malaria infizierter Moskitos mit sich. Eine ständige Bedrohung war die Sandfliege; sie bohrte sich in die Füße, und die Wunde entzündete sich schnell, wenn sie nicht sofort behandelt wurde. Die Erde war fett und klebrig, praktisch nicht zu pflügen und widersetzte sich fast allen Arten der Bepflanzung. (S. 174)

1886 landete auch Reverend William Barbrooke Grubb in Paraguay, um die Eingeborenen zu missionieren. Seine Einstellung zu den indianischen Stämmen, unter denen er dann 20 Jahre lang lebte, zeugte allerdings eher weniger von christlicher Nächstenliebe:

Das Verhalten war kurz ausgedrückt folgendes: zu jeder Zeit und unter allen Umständen Überlegenheit und Autorität für sich in Anspruch zu nehmen … vielleicht illustrieren einige allgemeine Beispiele am besten, wie ich diese Strategie verfolgte. Sobald ich in einem Dorf ankam, bestand ich, soweit dies möglich war, sofort darauf, daß alle Leute sich um mein persönliches Wohl kümmerten. Ich befahl einem, meine Ruhestätte zu bereiten, einem anderen, Feuer zu machen, einem dritten, mir Wasser zu bringen, und wieder einem anderen, mir meine Kniestiefel auszuziehen. Wenn die Hitze groß oder die Fliegen lästig waren, veranlasste ich zwei, mit Fächern bei mir zu sitzen. Wenn ich zu Fuß unterwegs war und einen Sumpf durchqueren mußte, befahl ich einem, mich hinüberzutragen – alles in allem, ich tat nichts selbst, wozu ich sie überreden konnte …

Unter den gegebenen Umständen war es erstaunlich, daß niemand schon früher auf den Gedanken gekommen war, ihn zu erschießen [1891 hatte ein Indio versucht, ihn mit einem vergifteten Pfeil zu ermorden], aber sein Verhalten wurde von fast allen europäischen Reisenden im Lande nachgeahmt. (S. 63)

Wenn man liest, wie unvorbereitet und arrogant diese „Herrenrassenmenschen“ in das Unterfangen stolperten – irgendwann ließ der Geldstrom aus Deutschland nämlich nach und sie hatten keine Ahnung, was und wie sie etwas dort sinnvoll anbauen konnten – kann man nur den Kopf schütteln. Einige starben an Krankheiten; die, es sich leisten konnten, kehrten zurück, einige reisten weiter und ließen sich woanders nieder. Doch es gab auch genügend Familien, die blieben.

Währenddessen ritt Bernhard Förster auf einem Schimmel durch die Kolonie und verlangte, dass alle anderen abstiegen, wenn er ihnen begegnete. Zwei Jahre später – allmählich war die Wahrheit über die wirtschaftlich katastrophale Lage der Kolonie bis nach Deutschland gedrungen – beging Förster in einem Hotel in San Bernardino Suizid, er war finanziell ruiniert. Elisabeth hielt in ihrem edlen Haus die Fahne noch ein bisschen länger hoch, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. Die übrigen Siedler kämpften tapfer gegen die Vermischung mit den „minderwertigen“ Einheimischen (nicht immer erfolgreich) und pflegten ihr Sächsisch.

In einem weiteren Handlungsstrang unternimmt Macintyre ebenfalls diese beschwerliche Reise nach Paraguay auf den Spuren der Försters, bei der er herausfinden will, ob es noch Nachfahren der Kolonisten in Nueva Germania gibt.

Ich blätterte meine Geschichte Paraguays durch, die zum großen Teil von Schlangen handelt. […] Die, die ich am wenigsten Lust hatte zu treffen, war die cinco minutos, die Fünfminutenschlange, so genannt, weil man exakt diese Zeit zur Verfügung hat, um sich ein paar wunderbare letzte Worte auszudenken. (S. 105)

Als Macintyre tatsächlich noch Nachfahren der deutschen Siedler findet, sind bei einigen die Folgen von generationenlanger Inzucht nicht zu übersehen. Mit Ralph Ruthe möchte man da schon ausrufen: Alle bekloppt.

Die dritte Ebene hangelt sich an der Biografie Elisabeths entlang. Wir erfahren, wie sie als junge Frau an ihrem Bruder hing. Nach der Lektüre würde ich allerdings sagen, sie hing umso intensiver an ihm, je berühmter er wurde, und genoss es in vollen Zügen, durch ihn in ihrer Jugend Zugang zu den Kreisen um Richard Wagner und anderen Berühmtheiten der damaligen Zeit bekommen zu haben.

Nachdem Elisabeth 1893 aus Nueva Germania nach Deutschland zurückgekehrt ist, beginnt sie sich um ihren erkrankten Bruder und dessen Schriften zu kümmern. Sie drängt ihre Mutter sowohl aus der Pflege ihres Bruders als auch aus der Verantwortung für Nietzsches Werke hinaus und hält schließlich alle Fäden bei der wirtschaftlichen Vermarktung des immer berühmter werdenden Philosophen in der Hand, der dies – über die Diagnose gibt es unterschiedliche Sichtweisen – aufgrund seiner geistigen Umnachtung nicht mehr mitsteuern kann. 

Elisabeth zieht mit Friedrich nach Weimar und schafft dort mit der Villa Silberblick und dem von ihr gegründeten Nietzsche-Archiv eine Pilgerstätte für Nietzsche-Verehrer. Heute scheint es unstrittig zu sein, dass sie trotz kundiger Mitstreiter – sie selbst hatte keine Ahnung von Philosophie – bedenkenlos Schriften und Aussagen ihres Bruders abänderte, fälschte oder unter den Tisch fallen ließ, wenn ihr dies vorteilhaft erschien.

Sie stellt Nietzsche als Antisemiten und glühenden Nationalisten dar, was Macintyres Lesart von Nietzsches Werken diametral entgegensteht. Kritische Worte von Nietzsche über seine Schwester unterschlägt sie; in Briefen, in denen sich Nietzsche lobend über eine andere Frau geäußert hatte, setzt sie einfach ihren Namen ein.

Sie gewinnt einflussreiche Gönner und Mitarbeiter wie Harry Graf Kessler und lässt sich jahrelang von Ernest Thiel, einem schwedischen Bankier und Kunstsammler mit jüdischen Wurzeln, finanziell unterstützen. Für jemanden, der extra in den Dschungel gezogen war, um sich vor jeglichem jüdischen Einfluss zu schützen, zeigt das doch eine bemerkenswerte geistige Flexibilität. Sie verehrt Mussolini und unterhält in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen regen Briefwechsel mit ihm.

Es folgt das begeisterte Anbiedern an die Nationalsozialisten, deren „Größen“ wie Wilhelm Frick ihr allesamt ihre Bewunderung ausdrückten oder sie wie Hans Frank und Alfred Rosenberg in Weimar besuchten. Hitler, dessen Buch Mein Kampf sie in ekstatisches Gestammel ausbrechen lässt, wird von ihr im November 1933 mit Nietzsches Spazierstock beschenkt und lässt sich dort in andächtiger Pose fotografieren.

Eines Nachmittags im Jahre 1934 wurden die deutschen Schulkinder in Sand Bernadino alle gemeinsam unter viel Aufregung von ihren Lehrern auf den Friedhof geführt, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den See hatte. Auf Hitlers Veranlassung war ein großes Paket aus Deutschland hierhergeschickt worden. Es enthielt echte deutsche Erde, etwas, das nur wenige der Einwohner von Sand Bernadino jemals zu erblicken gehofft hatten. Sie wurde, während die Kinder sangen, mit großem zeremoniellem Aufwand auf Bernhard Försters Grab gestreut. (S. 250)

1935 starb Elisabeth Förster-Nietzsche im Alter von 89 Jahren. Auch Hitler kam zu ihrer Beerdigung.

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Ruth Rehmann: Der Mann auf der Kanzel – Fragen an einen Vater (1979)

Ruth Rehmann, 1922 als Tochter eines Pastors geboren, war Leserinnen und Lesern vermutlich eher in den sechziger und siebziger Jahren ein Begriff. Nach Notabitur, Besuch einer Dolmetscherschule, Musikstudium (Geige) und Arbeit als Lehrerin, Pressereferentin und nach diversen Auslandsreisen begann sie als Schriftstellerin tätig zu sein und las aus ihrem ersten Roman Illusionen (1959) vor der Gruppe 47.

Als Ruth Rehmann das erste Kapitel dieses Romans der Gruppe 47 vorlas, bei der Tagung in Saulgau, bei der Günter Grass den Preis davontrug, hatte sie zumindest verhaltenen Erfolg. Danach gehörte Ruth Rehmann zur deutschen Literatur – nicht immer sehr sichtbar, was auch an den großen zeitlichen Abständen zwischen ihren Büchern liegt, aber doch gegenwärtig. (Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung)

Sie schrieb sieben Romane, vier Bände mit Erzählungen und diverse Hörspiele. Auch politisch engagierte sie sich, u. a. in der Friedensbewegung. 2016 starb Rehmann im Alter von 93 Jahren.

In ihrem dritten Roman Der Mann auf der Kanzel – Fragen an einen Vater von 1979 setzt sich die Ich-Erzählerin, die in weiten Zügen wohl mit der Autorin gleichzusetzen ist, mit ihrer Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus zur Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Ausgelöst durch Fragen ihrer Töchter und ihres Sohnes, der im dritten Semester Geschichte studiert und erfahren möchte

wie mein Vater mit den Lebensdaten 1875-1940 sich zum Nationalsozialismus verhalten hat. Die Pfaffen hätten eine höchst fragwürdige Rolle gespielt, außer Niemöller. […] Wie hat dein Vater zu Niemöller gestanden?

‚Er war ein unpolitischer Mensch‘, sage ich. ‚Er folgte seinem Gewissen.‘ ‚Wie machte er das, wenn man fragen darf?‘

Jeden Morgen neu den Auftrag der Bibel und die Losung der Herrnhuter Brüdergemeinde als Tagesbefehl erhalten. Jeden Abend vor dem Schlafengehen die Große Kontrolle geübt, wie sie auch den Kindern empfohlen wurde: Geh in dich! Überdenke den Tag im Licht des Gottesanspruchs – nicht nur Worte und Taten, sondern auch das, was Worte und Taten hervorbringt: Gedanken, Gefühle, Wünsche, Gesinnung … Hole Versäumtes nach, berichtige Irrtum und Lüge, mache Verdorbenes gut; was du nicht gutmachen kannst, trage im Bußgebet vor IHN und vor die, gegen die du gefehlt hast. […] Thomas begreift nicht, wie so ein Supergewissen die braune Zeit überdauern konnte, ohne im KZ zu landen. (S. 14)

Und so nimmt uns Rehmann mit in ihre Erinnerungen an ihren Vater, an dem sie als Kind sehr gehangen hat, dabei auch unmerklich manipuliert von den Lobsprüchen der Eltern, dass sie ihnen viel Freude und niemals Ärger mache, im Gegensatz zu den Geschwistern.

Die Aufgabe des Pfarrers hat ihr Vater, dessen Vater und Brüder ebenfalls als Pfarrer gearbeitet haben, immer sehr ernst genommen. Wir folgen ihn in seinem Arbeitsalltag, sehen sein Arbeitsethos.

Er hat im ersten Jahr die ganze Gemeinde zu Fuß durchwandert, jeden der im Register aufgeführten Namen abgeklappert, sich vorgestellt und eingeführt als einen, der von jetzt an einen persönlichen Platz in diesem persönlichen Leben einnehmen will. (S. 92)

Zu Fürsprachen, Vermittlungen, Bittgängen meldet er sich nie an. Heiter nach allen Seiten grüßend marschiert er in gesperrte Fabrikgelände, Chefetagen, mauerumhegte Villen, so sicher, daß sein Besuch Freude bereitet, daß den Besuchten nichts übrigbleibt als Freude zu zeigen. Unbefugt fühlt er sich nirgends. (S. 93)

Er begreift seine Gemeinde immer als sein Reich, seinen Weinberg, in dem er dazu berufen ist, zu trösten, zu schlichten, Seelen zu retten; selbst als ein schwer Betrunkener, der gerade seine Arbeit verloren hatte, im Pfarrhaus randaliert und alle in Angst und Schrecken versetzt, setzt sich der Pfarrer beim Fabrikbesitzer erfolgreich für dessen Wiedereinstellung ein.

Sein Ruf als Tröster, Ratgeber, Friedensstifter hat seine Amtszeit um Jahrzehnte überdauert. Heute noch weckt sein Name freundliche Gefühle. (S. 93)

Diese Ernsthaftigkeit hindert ihn aber nicht daran, auf „Proleten“ herabzuschauen und nur ungern in Hotels abzusteigen, dessen Besitzer katholisch waren.

Als Roman fand ich das Buch streckenweise ermüdend. Manchmal auch verklärend. Da hätte ich mir eine stärkere Einbeziehung der Sichtweisen der Mutter und der Geschwister gewünscht. Die Hintergrundkenntnisse zu den innerkirchlichen Auseinandersetzungen, in denen es um den Umgang der evangelischen Kirche mit dem nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch ging, werden dem Leser als „Lektion“ des alten Dorflehrers verkauft, mit dem sich die Ich-Erzählerin einige Male trifft. Diese Vorlesung wirkt wie ein zwanghaft eingefügter Fremdkörper, bei dem die Autorin anscheinend nicht wusste, wie man sonst der Leserin die kirchlichen Querelen hätte erklären können. Seltsamerweise werden die Judenverfolgung in Auel und die Reichspogromnacht in diesem Buch völlig ausgeblendet, was bei der ursprünglichen Fragestellung doch verwundert.

Dennoch ist das Buch für denjenigen, der sich wie Sohn Thomas fragt, wie es dazu kommen konnte, dass auch in der Kirche so viele bereit waren, den Nazis Tür und Tor zu öffnen, durchaus erhellend. Man erfährt, wie für ein evangelisches Pfarrhaus schon lange vor Hitler Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, Vaterlandsliebe und Religion zusammengingen.

Gegen Verhältnisse zu kämpfen, kommt ihm nicht in den Sinn. Sie gehören zu der ersten Sorte von Lasten [an denen man nichts ändern kann], die in Geduld und Demut zu tragen sind. (S. 93)

In seinen Predigten, wenn wieder ein Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen war, sagt er:

Je größer die Lücken werden, die der Tod in unsere Reihen reißt, je größer die Lasten und Aufgaben, die der Krieg an unser Volk hier draußen und daheim stellt, um so mehr tut es not, daß wir uns mit ganzem Herzen dem Vaterland weihen, unsere Seele hineinlegen und hingeben an unseren Dienst. Das geschieht, wenn wir in der schwersten Pflicht unser höchstes Recht erkennen und begreifen. Der, der den Paulus so froh und stark, so reich und frei gemacht, ist heute noch derselbe, ist dein und mein Heiland, bereit, auch an jedem unter uns seine Herrlichkeit zu offenbaren. Ihn braucht unser Volk. Ihn brauchen wir alle. Möchten wir ihm uns alle selbst zu eigen geben. Amen. (S. 90)

Die Loyalität, die der Vater dem Kaiser entgegengebracht und mit der er im Ersten Weltkrieg in Frankreich als Kriegsgeistlicher gedient hatte, hing während der Weimarer Republik quasi heimatlos in der Luft. ‚Republik‘ war ein unanständiges Wort und die ‚Roten‘ wurden als Verräter und vaterlandslose Gesellen diffamiert, vor denen man nur in Angst und Abscheu zurückweichen konnte. Man fürchtete auch um sein Ansehen, seine Privilegien. Nicht die vielen sollten entscheiden; die Masse, der Pöbel solle sich lieber leise und unauffällig verhalten.

Vorbehalte und Ressentiments gegen Juden eingeschlossen. Im Urlaub lernt der Vater einen Mann kennen, der ihm hochsympathisch ist, und ist dann wie vom Donner gerührt, als er erfährt, dass Herr Jacobi Jude ist.

‚übrigens: Herr Jacobi ist Jude, hätte ich nie gedacht.‘ Eilig fügt er hinzu: ‚Natürlich getauft. Ein besserer Christ und Patriot als mancher Deutsche, weit herumgekommen, mit offenen Augen durch die Welt, da kann man noch was lernen, Gesichtskreis erweitern …‘ (S. 116)

Der schleichende und irgendwann ja nicht mehr zu übersehende Machtanspruch der Nationalsozialisten wird naiv und kurzsichtig kleingeredet. Als man ihn 1933 vor dem neuen SA-Bürgermeister warnt, ist er ganz erstaunt: Mit dem käme er schon zurecht. Den kenne er schließlich, sei ein bisschen beschränkt, aber kein übler Kerl. Man müsse einfach an das Gute im Menschen appellieren. Als er das erste Mal von KZs hört, ist er außer sich, weil er das nicht glauben kann, und weist den Informanten aufs Schärfste zurecht.

Sein Weltbild gerät erst da ins Wanken, als er erfährt, dass auch in seiner Gemeinde Mitglieder heimlich der Bekennenden Kirche zugehören. Er verurteilt diese Spaltung und findet, dass es dann ja kein Wunder sei, wenn der Führer nun meine, härter durchgreifen zu müssen.

Rehmanns Vater war kein glühender Hitler-Anhänger. Möglicherweise fand er ihn zu laut, zu proletenhaft. Er sieht weder einen „göttlichen Funken“ in ihm noch will er „Mein Kampf“ im Hause haben. Dennoch:

Stellung zu beziehen, auch gegen die „von Gott eingesetzte“ Obrigkeit, und vielleicht nicht länger die Respektsperson sein, die niemand zu hinterfragen wagt, das sind Aspekte, die in diesem Welt- und Glaubensbild nicht vorgesehen sind. Als die SA vermutlich aus Versehen einen ihrer eigenen Kameraden erschossen hat und dennoch ein ‚Roter‘ dafür verurteilt wird, schweigt der Pfarrer.

Wenn wir zusammen gingen, mein Vater und ich, dann sagten wir unseren Spruch. Er hieß: „Wir zwei beide!“ und drückte aus, daß wir zusammengehörten, der Älteste und die Jüngste der Familie, und daß nichts auf der Welt uns dazwischenkommen könnte. Auf die letzte Silbe von „beide“ setzten wir einen Akzent. Wenn wir links angefangen hatten, traf er auf den rechten Fuß, der dabei heftig aufstampfte. So zogen wir flüsternd und stampfend durch die Straßen von Auel, wo mein Vater Pfarrer war … (S. 9.)

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Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser (OA 2016)

Der 1963 geborene Anwalt, Extremsportler, Verleger und Kunstsammler Erling Kagge hatte den richtigen, wenngleich nicht wirklich bahnbrechenden Gedanken, dass wir modernen Menschen ein wenig mehr der Stille bedürfen. Also hat er dann 2016 einen kleinen Wegweiser mit „dreiunddreißig Versuche[n] einer Antwort“ zu diesem Thema veröffentlicht. Übersetzt wurde das schmale Werk – knapp 100 großzügig gesetzte Seiten – von Ulrich Sonnenberg.

Caroline Fink schrieb in der NZZ:

Elegant geschriebene Texte, die ein Gesamtbild entstehen lassen, das am Ende mehr als die Summe seiner Teile ist. Und die gerade mit dem Verzicht, die Stille in ihrem innersten Kern zu ergründen, der Unergründlichkeit des Betrachtungsgegenstandes gerecht werden.

Auch die anderen mir bekannten Besprechungen äußerten sich wohlwollend bis begeistert, ja andächtig. Doch mir blieb das alles viel zu sehr an der Oberfläche. Nichts fand ich falsch. Alle Ansätze bedenkenswert, wenn sie denn mehr in die Tiefe gegangen wären. Name Dropping, das mich unbeeindruckt gelassen hat. Zitate, von denen man schon einige kannte. 

Es gibt eine Menge Dinge im Leben, über die sich staunen lässt. Es ist eine der reinsten Freuden, die ich mir vorstellen kann. Ich mag dieses Gefühl. Ich staune oft, ja, ich staune nahezu überall: Auf Reisen, wenn ich lese, wenn ich Menschen begegne, wenn ich schreibe, wenn ich spüre, wie mein Herz schlägt, oder sehe, wie die Sonne aufgeht. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. Und gleichzeitig ist es eine der schönsten Fähigkeiten, die es gibt. (S. 19)

Ja, reden, genau das soll die Stille tun. Sie soll reden, und du sollst mit ihr reden und das Potenzial nutzen, das darin liegt. […] ‘sie trägt auch eine Art Macht in sich […]. Und derjenige, der nicht über diese Macht staunt, fürchtet sich vor ihr. Und das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak).‘

Ich erkenne die Angst wieder, über die Fosse schreibt. Eine vage Angst vor etwas, von dem ich im Grunde nicht weiß, was es ist. Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mich irgendwie, vermeide die Stille […]. Ich glaube, die Angst, die Fosse nicht benennt, ist die Furcht, sich besser kennenzulernen. (S. 20/21)

Ein Überfluss von Erlebnissen kann ebenfalls zu Erlebnisarmut führen. […] Es wird zu viel. Das Problem ist laut Svendsen, dass wir ‚ständig intensivere Erlebnisse‘ wollen, statt ein paar Mal tief durchzuatmen, die Welt auszusperren und die Zeit aufzubringen, uns selbst zu erleben. Die Idee, der Langeweile zu entgehen, indem wir ständig etwas Neues tun, immer erreichbar sind, Nachrichten versenden, weitertippen und etwas sehen wollen, was wir noch nicht gesehen haben, ist naiv. (S. 66)

Die Stille kann überall und jederzeit auftauchen – direkt vor unserer Nase. […] Ja, wir alle sind Teil eines Kontinents, doch das potentielle Vermögen, eine Insel für uns selbst zu sein, tragen wir ständig mit uns herum. (S. 78/79)

Ich hatte im Stillen wohl so etwas erhofft, wie es Gabriele von Arnim mit ihrem Buch über den Trost der Schönheit und Axel Hacke mit seinen Gedanken zur Heiterkeit geglückt war. Dagegen ist das Werk von Kagge nur ein besserer Einkaufszettel.

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Nele Pollatschek: Kleine Probleme (2023)

Alle Kritiker und Kritikerinnen sind voll des Lobes und ich stimme da umstandslos und ohne Umwege einfach mit ein. Sollte also jemand Kleine Probleme von Nele Pollatschek noch nicht kennen, so möge er – im Gegensatz zu Pollatscheks Hauptfigur Lars – nicht länger herumtrödeln und die Lektüre des Romans unverzüglich in Angriff nehmen.

Lars Messerschmitt ist 49 und lebt mit Johanna zusammen, die beiden haben zwei Kinder, Lina und Yannis. Johanna ist Lehrerin, allerdings für ein paar Monate in den Auslandschuldienst gewechselt, weil sie nicht weiß, ob sie ein Zusammenleben mit dem ewigen Prokrastinierer, Haushaltsmuffel und Möchtegern-Autor Lars noch länger aushält.

Es ist Lars, der uns in einem ununterbrochenen und ausgesprochen unterhaltsamen Gedankenstrom die Geschichte erzählt. Er ist der total verpeilte Typ, der, wenn es gut lief, seine Kinder zu irgendwelchen Terminen brachte, dann aber garantiert vergaß, sie auch wieder abzuholen. Er hofft seit Jahren (vergeblich) auf die Inspiration für sein Meisterwerk. Haushalt, Spülmaschine, Einkaufen und Saubermachen sind auch eher nicht so sein Ding, weil immer irgendetwas dazwischenkommt oder schlicht dagegen spricht. Dass er in seiner Lage als privilegierter Westeuropäer ohne existenzielle Sorgen da natürlich auf sehr hohem Niveau jammert, ist ihm bewusst, hilft ihm aber auch nicht weiter.

Wie beschissen ist es bitte, wenn einem alle Türen offenstehen und man trotzdem stehen bleibt. Wenn man keinen Grund dafür hat, so zu sein, aber man ist halt trotzdem so. Wenn alles einfach ist und einfach ist viel zu schwer. Das ist doch wirklich schlimm, grundlos scheitern ist doch wirklich scheitern, und dafür bemitleidet einen keiner. Ach, egal. (S. 20)

Alle behaupten immer, sie wollen einem helfen, aber einfach mal zur Handfeuerwaffe greifen, das will dann wieder keiner. Und dabei könnte es doch so einfach sein, wenn es nur viel schwerer wäre. Wenn es hart auf hart kommt, kann man alles schaffen, aber meistens kommt es weich auf weich, und da bleibt man besser liegen. (S. 63)

Seit einigen Monaten lebt er allein im Haus – Johanna im Ausland, Sohn Yannis ausgezogen und Tochter Lina im Schüleraustausch -, doch jetzt an Silvester will sich die gesamte Familie bei Yannis treffen und feiern. Eigentlich toll, gäbe es da nicht das kleine Problem, dass Lars in der letzten Woche des Jahres eigentlich seine To-do-Liste hätte abarbeiten wollen. Da er das natürlich auch wieder aufgeschoben hat, bleibt ihm jetzt nur noch der 31. Dezember, um alles zu erledigen. Denn er will Johanna nicht verlieren und er befürchtet, dass wenn er sich nicht endlich etwas Mühe gibt, sie vielleicht nicht mehr zu ihm zurückkommen wird.

Es war Freitag, der 31. Dezember, und ich musste noch was erledigen. Also alles. Und wenn ich das so schreibe, habe ich gleich Linas Papa, übertreib nicht immer so im Kopf und wie sie dann nachdrücklich nicht mit den Augen rollt, weil das pubertär sei, und mit sechzehn findet sich das Kind zu alt für pubertär. Ohne zu übertreiben, war es natürlich nicht wirklich alles, was ich noch erledigen musste. Ukraine zum Beispiel, eindeutig nicht meine Aufgabe. Geldpolitik des Europäischen Wirtschaftsraums. Kohleausstieg. Seenotrettung. Wobei Yannis sagen würde, das sei sehr wohl meine Aufgabe, weil es unser aller Aufgabe sei, und damit hat er irgendwie recht, wie man mit zwanzig immer irgendwie recht hat, aber halt nur irgendwie.

Also musste ich vielleicht nicht wirklich alles erledigen, aber eben doch alles, was nicht nur irgendwie meine Aufgabe war, sondern eben auch wirklich. Alles, was ich in dieser Woche nicht geschafft hatte, oder in diesem Monat, in diesem Winter, in diesem Jahr, in diesem ganzen verdammten Leben. In neunundvierzig Jahren sammelt sich eine ganze Menge alles an. (S. 13)

Hier sehen wir schon, wie Lars von Hölzchen auf Stöckchen kommt, witzig, sympathisch, vom Oberflächlichen zum Grundsätzlichen, vom Kleinen bis ins Unendliche und wieder zurück. Kein Wunder, dass er da – stellvertretend für uns – immer wieder an den alltäglichen Aufgaben scheitert bzw. sie alle auf morgen verschiebt.

Doch nun ist die Lage ernst und tapfer erstellt Lars eine Liste, die er bis um Mitternacht abgearbeitet haben will. Darauf stehen Dinge, wie ein IKEA-Bett für seine Tochter aufzubauen, das Haus putzen, die Steuererklärung (nein, nicht die vom letzten Jahr), Geschenke einpacken, Vater anrufen, das Feuerwerk einpacken und einen Nudelsalat machen (durchaus schwierig, wenn man die Zutaten dafür nicht eingekauft hat), die Regenrinne reinigen, sein Lebenswerk schreiben und last but not least „Es gut machen“.

Das klingt alles erst mal unspektakulär, aber bei Pollatschek wird das Abarbeiten dieser Liste zum ganz großen Kino. Die Überforderung, die der moderne Alltag für jemanden bedeuten kann, der lieber mit Sprache umgeht, diskutiert, die Sinnfrage stellt und der so furchtbar ungern öde Dinge tut, dann aber unter seinem eigenen Zaudern und Prokrastinieren leidet, spätestens wenn es einen die geliebte Frau kosten könnte.

Lars, konzentrier dich. Ich würde mich ja gerne konzentrieren, ich vergesse es nur immer. Eigentlich bräuchte man jemanden, der den ganzen Tag mit einer Klangschale hinter einem herläuft und einen immer, wenn man das Konzentrieren vergisst, lautstark daran erinnert. Dong. (S. 89)

Das ist so witzig, spannend und unfassbar sympathisch; ich würde sofort mit Lars ein Bierchen trinken gehen und seinem klugen, abgedrehten Sprachwitz lauschen. Und natürlich will ich wissen, wie er so mit seiner Liste zurande kommt.

Jedenfalls werde ich mich die nächste Zeit immer freuen, falls jemand Nudelsalat erwähnen sollte (Nachkochen nicht zu empfehlen). Gleichzeitig erkenne ich mich in ihm wieder und am liebsten hätte ich sofort auch alles erledigt, aufgeräumt, das Arbeitszimmer tipptopp und alle Schubladen und Schränke, alle Mails beantwortet und Sport und die Sinnfrage sowieso … ihr wisst schon.

ich muss mich noch bei allen melden, zu denen ich mal ich melde mich dann gesagt habe, ich muss noch aus der Kirche austreten, ich muss Gott finden, ich muss verdammt nochmal endlich den Müll runterbringen, ich muss noch herausfinden, warum mein Knie seit einigen Jahren so komisch klackert und ob der Schmerz in der Brust vielleicht doch nur Angina ist, ich muss den Kindern noch ein Erbe erarbeiten, die Regenrinne muss ich noch vom Vorjahresherbst befreien […], ich muss noch mein Lebenswerk verfassen. Die meisten meiner guten Taten muss ich noch vollbringen, ich muss noch schnell mein Potenzial ausschöpfen, […] ich muss so vieles noch erledigen, Dringendes, Unangenehmes, eigentlich Schönes, ein paar Lappalien, sehr viel Entscheidendes, diesen ganzen Kram, dieses ganze Alles, dieses einzige Leben. Ich habe es noch nicht mal richtig angefangen, und es ist doch schon so spät. (S. 14/15)

Ich könnte mich jetzt schon wieder in diesem Buch mit dem so schön geprägten Schutzumschlag festlesen.

und eh man es sich versieht, sieht man, wenn man jetzt tatsächlich hinsähe, dann müsste man das ganze Leben aufräumen. Also sieht man besser nicht hin. Und die Welt denkt dann vielleicht, man sei faul, dabei ist man den ganzen Tag schwer damit beschäftigt, nicht hinzusehen. Und das wissen die wenigsten, wie anstrengend es ist, nicht hinzusehen … (S. 53)

Hier geht es lang zu einem Interview mit der Autorin in der ARD Audiothek.

Und wer dann immer noch Lust auf To-do-Listen und Leben-Aufräumen hat, dem sei das Buch The To-Do List von Mike Gayle von 2009 empfohlen.

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Camille Fouillard: Precious Little (2022)

Ich habe mich ganz ohne Vorkenntnisse in diesen bewegenden und wahrlich Augen öffnenden Roman über die Utshimassiu Innu in Labrador gestürzt, aber während der Lektüre wird man schon aus Interesse unweigerlich einiges nachschlagen, das kanadischen Leserinnen und Lesern bereits aus den Nachrichten bekannt sein dürfte.

Die Autorin Camille Fouillard verarbeitet in diesem Buch ihre jahrzehntelangen Erfahrungen in der Arbeit mit den Innu.

I know precious little, but I do know that I‘ve been called to bear witness with the Innu to loss and grief, trauma, story, resistance and joy. Why tell, and how to tell? What is it like to tell? This is my story, flawed and incomplete, and only mine – an attempt to weave together some kind of whole from many separate and disparate bits and pieces, fragments of experiences, emotions, intuitions and knowledge, including the gaps and the unknowable of the Innu world. (S. VII)

Fouillard wählt als Ausgangssituation für ihre weiße Ich-Erzählerin Anna, dass diese 1992 von den Innu gebeten wird, ein „people‘s inquiry“ zu moderieren. Dabei soll es darum gehen, dass die Innu selbst – und eben nicht irgendwelche Experten und Bürokraten von außen – die tiefer liegenden Gründe dafür suchen, weshalb bei einem Wohnungsbrand in ihrem Dorf sechs Kinder ums Leben kamen, während sich ihre Eltern bei einer Feier zum Valentinstag betrunken haben. Dieses tragische Ereignis, das sich 1992 tatsächlich so zugetragen hat, steht aber nicht isoliert in der Innu-Gemeinschaft auf der Insel am Davis Inlet, wohin die Regierung die Innu in den sechziger Jahren zwangsangesiedelt hatte, um ihnen das Nomadenhafte endgültig auszutreiben. Unfassbar viele im Dorf sind alkoholabhängig, die Männer verprügeln ihre Frauen, viele Kinder verwahrlosen und schnüffeln Benzin. Die Ergebnisse dieses „Geschichtensammelns“ sollen der Regierung übergeben werden in der Hoffnung, dadurch Druck in der Öffentlichkeit zu erzeugen, der vielleicht sogar darin mündet, von der Insel wegziehen und sich woanders neu ansiedeln zu können.

Anna wird als weiße Akademikerin auf der einen Seite gebraucht, um diesen Prozess zu begleiten und die Ergebnisse in eine entsprechende Form zu bringen, gleichzeitig wird sie misstrauisch beäugt, manchmal auch feindselig angegangen, spricht sie doch die Sprache der Innu trotz größter Anstrengungen nur sehr bruchstückhaft und muss sich also in Englisch, der Sprache der Unterdrücker und Ausbeuter, verständlich machen. Auch sie wird beinahe Opfer männlicher Gewalt, als zu viel Alkohol geflossen ist, und es ist nicht immer einfach für sie zu akzeptieren, dass Dinge in der Innu-Welt anders verhandelt werden und sich außer ihr keiner einen Kopf darum macht, was alles an Bedeutungsnuancen bei den diversen Übersetzungsschritten ins Englische, dann wieder zurück in die Sprache der Innu verlorengehen kann.

Man einigt sich in einem Team darauf, welche Fragen man allen Dorfbewohnern stellen will und die Interviewer ziehen dann von Haus zu Haus und lassen sich beispielsweise erzählen, welche Rolle die katholische Kirche oder die Schule in den letzten Jahrzehnten gespielt haben. In der Schule unterrichten nur Weiße hauptamtlich, bei dem Curriculum spielen weder die Sprache noch die Kultur der Innu eine Rolle. Es gibt keine Toiletten in der Schule und den Kindern ist es aufgrund der Schulpflicht verboten, die Eltern bei längeren Jagdaufenthalten zu begleiten. Vom sexuellen Missbrauch ganz zu schweigen.

First the kakeshauts [white English speaking] take our land, then our language, then our kids, he goes on. They take our kids and do whatever they want. That‘s how the school change us. I don‘t know how to respond. My mind is still rushing around. I want to say I‘m sorry. (S. 99)

Das Besondere ist nun, dass wir als Leserinnen und Leser quasi mit Anna für die nächsten Monate in diesem Dorf leben. Die Gastfreundschaft erfahren. Einblick in verschiedene Familien, Häuser und Zelte gewinnen. Uns mit Anna auch fremd fühlen.

She asked me once why I was so useless with an axe. A grown woman.

When I was a kid and our house got cold, I turned a dial on a small box on the wall, I said. I‘d shown her how, a gesture, a twist of the hand.

That explains everything, she‘d said. (S. 23)

Die Not. Die beschädigten Leben, die aber nie vorgeführt werden. Satellitenfernsehen. Die Folgen des strukturellen Rassismus. Man hat den Innu in Davis Inlet ein ganzes Dorf mit einigen Häusern gebaut, doch ohne fließendes Wasser, überhaupt ohne Abwassersysteme. Dann kommen Sozialarbeiterinnen und bemängeln, dass die Kinder nicht sauber genug seien. Also wird ein Kurs in Haushaltsführung angeordnet, der bei den Innu – Überraschung – nicht auf besonders große Gegenliebe stößt.

Die Regierung bewilligt Gelder, doch die Ursachen der Probleme geht man nicht an. Der Schulunterricht findet ausschließlich in Englisch statt, die Insellage ermöglicht nur im Winter, auf Jagd zu gehen. Die Kinder verlieren allmählich den Kontakt zu den Traditionen der Jagd und Selbstversorgung. Die Dorfbewohner werden zu eifrigen Sozialhilfe-Empfängern, denn es gibt kaum Arbeit. Das Geld wird versoffen. Das Dorf hat schließlich eine der höchsten Selbstmordraten weltweit. Und die Zahl derjenigen, die noch die alten Überlieferungen kennen und in der alten Spiritualität zuhause sind, nimmt unaufhaltsam ab. Wird einer der Innu-Männer bei der illegalen Jagd erwischt, nehmen ihm die Gesetzeshüter seine Jagdausrüstung ab. Und damit die Möglichkeit, seine Familie zu ernähren.

Und die Wurzel allen Übels: der weiße Kolonialismus, bei dem man völlig ignorierte, dass da bereits Menschen lebten, die natürlich störten bei der Aneignung des Landes und seiner Bodenschätze. Die kanadische Luftwaffe übt Tiefflüge direkt über dem Dorf der Innu, weil das Gebiet ja quasi unbewohnt sei. Man errichtet Stauseen, wo die Innu Jahrhunderte lang gejagt haben. Alles ohne Mitsprache der Ureinwohner.

Anna macht diese Zwiespältigkeit oft genug zu schaffen. Sie ist sich als Weiße und als Nachfahre der weißen Ausbeuter dieser geschichtlichen Verwerfungen bewusst und möchte doch so gern helfen und ist sich über ihre Motive selbst oft nicht im Klaren.

Wanting things to be perfect is one of the most annoying afflictions of being white. (S. 112)

Invited guest or not doesn‘t mean I‘m actually wanted here. (S. 124)

Eine der Höhepunkte des Buches ist die Schilderung eines Jagdausfluges im Winter, bei dem Anna mit den Frauen einen Tag auf die Jagd geht und miterlebt, was es wirklich bedeutet, auf Schneeschuhen und bei fiesen Minustemperaturen seine Nahrung zu jagen, zuzubereiten und nicht versehentlich sein Zelt abzufackeln.

The wild beauty of this walk feels safe and tranquil, but this land is scary, fierce and austere, uninhabitable, not a place to be alone. So bloody cold. (S. 161)

Am Ende des Buches kehrt Anna samt fertigem Bericht zurück in die „Zivilisation“ samt Badewanne und Schaumbad. Eine vorsichtige Hoffnung auf eine bessere Zukunft für das Dorf zeichnet sich ab.

Bei weiterer Recherche findet man heraus, dass das Dorf 2002 tatsächlich unter irrem finanziellen Aufwand von der Insel aufs Festland umgesiedelt worden ist, so wie sich das diejenigen gewünscht hatten, die für ihre Kinder eine bessere Zukunft erhofft haben. Doch die Probleme mit drogenabhängigen Jugendlichen, fehlender Schulbildung, Alkoholismus und Kriminalität sind damit nicht einfach aus der Welt, zumal viele Kinder bereits vor der Umsiedlung mit Fetalen Alkoholspektrum-Störungen geboren wurden, die sie ihr ganzes weiteres Leben beeinträchtigen werden.

Ich fand das Buch unbedingt lesenswert. Man lernt so viel. Es macht einen traurig, wütend, ratlos und gleichzeitig ist es nicht ohne Komik – ich habe regelrecht mitgelitten, als Anna an der Kompliziertheit der Sprache schier verzweifelt.

Auch dass Anna sich ihres eigenen Überheblichkeitsgefühls bewusst ist und immer wieder dagegen angehen muss, fand ich sehr ehrlich und nahbar.

I do it too, even with my best of intentions: talk down or like they are ‚other‘ or they just don‘t know how things work, make pronouncements on ‚the Innu‘, like they are all the same. Wishing they were just a little more predictable, or cooperative. Meaning what? Those thoughts seem impossible to intercept. Like changing your DNA. So much for trying. (S. 144)

Der Roman lässt die Innu selbst zu Wort kommen und erweist ihnen Respekt – ohne sie dabei zu verklären oder ihre Eigenverantwortung zu leugnen -, die ganz anders leben möchten, als ich das kenne, die über eine so reiche Kultur verfüg(t)en und selbstredend der Erde wesentlich weniger Schaden zufügen würden, als wir das tun. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Weißen immer meinten, die Innu könnten und müssten von ihnen lernen, statt umgekehrt, erscheint einem am Ende reichlich absurd.

Anna hat jedenfalls am Ende ein ganz klein bisschen besser verstanden, wie sie ihre Frage beantworten kann:

Where have I been all my life? (S. 181)

Die kleinen Schwächen, wie dass die Autorin ihre Hauptfigur Anna mit eigenen Problemen regelrecht überfrachtet hat, ich nicht jeden Satz und jede Nuance in jedem Gespräch gebraucht hätte und ich es irgendwann aufgab, den Überblick über all die vielen, vielen Namen zu behalten, fallen da nicht wirklich ins Gewicht.

This place has wrecked me, its grief, and it keeps hitting me over and over as ugly as I feel inside. Heartbreak is not respectable in our culture. We celebrate winners, or at least bravery and resilience, but we run from broken people. Their suffering is painful to watch. Do the broken need to make such a spectacle of themselves […]? There is also the small point that maybe we should do something about this mess? […] I‘ve done stupid things and I‘ve made mistakes. The nerve of this is raw and maybe it will always be raw, but somewhere there is kindness and generosity. I want to be in that place […]. Contrition can sting us into a kind of surrendering, awkward, discomfiting love. (S. 183)

Wer sich einmal an der Sprache ausprobieren möchte, der kann ja schon mal in dem Kurs für Anfänger die Aussprache einiger Alltagsvokabeln üben.

Hier noch zwei Hintergrundartikel:

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Fundstücke von Helga Schubert über den Winter

Im Winter wird mein Leben klar und durchsichtig. Ich liebe den Winter. Das Schönste am Winter ist eigentlich, dass die Bäume keine Blätter haben. Ich werde nicht abgelenkt von ihrer wahren Gestalt. Von ihren Verwachsungen, ihren nach innen gerichteten Ästen, dem Versuch ihrer Kronen, das Gleichgewicht zu halten. Nackt, würdig, schutzbedürftig und verletzlich stehen sie vor mir. Kein Baum ist in den Himmel gewachsen. (S. 83)

Wenn ich von der Kälte oder dem Sturm draußen in die Wärme der Wohnung komme, die angewärmten Hausschuhe anziehe, einen Tee aufbrühe, mich in eine Decke wickele, es muss eine rotgemusterte Wolldecke sein, dann ist der Winter mein Alibi: Ich darf mich nur mit meinen Gedanken beschäftigen, mich erinnern an lange Vergangenes, an Zusammensein mit Menschen, die nicht mehr auf dieser Erde sind, aber das macht nichts, denn sie sind mir so vertraut, als ob sie gerade nur aus dem Zimmer ins Nachbarzimmer gingen. Im Winter leisten sie mir in der Wärme Gesellschaft. Hellsichtig wird mein Leben im Winter. (S. 85)

Aus: Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten, dtv, München 2021

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Jon Fosse: Morgen und Abend (2000)

Nachdem der Norweger Jon Fosse (*1959) 2023 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, schien mir das eine gute Gelegenheit, mit dem schmalen Buch Morgen und Abend diesen Autor kennenzulernen. Die Originalausgabe, die von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Jahr 2000.

In der Frankfurter Rundschau charakterisierte Hermann Wallmann dieses Werk als „ein wunderbares kurzes Buch über Geburt und Tod“. Doch um was oder wen geht es genau?

Auf den ersten 18 Seiten erfahren wir, wie der Fischer Olai darauf wartet, dass die Geburt seines sehnlichst erwarteten Sohnes Johannes gut verläuft. Die Zeitebene ist bewusst offen gehalten, die alte Amme Anna muss per Ruderboot zur kleinen Insel der Familie geholt werden und erklärt, dass Männer nichts bei der Geburt verloren hätten, das würde nur Unglück bringen. Die unzähligen Wiederholungen sollen vermutlich archaisch, heimat- und eindrucksvoll klingen, den Moment dehnen und verwurzeln, doch ich bleibe skeptisch:

Wenn es ein Junge wird, soll er Johannes heißen, sagt Olai.

Abwarten, sagt die Hebamme Anna

Ja Johannes, sagt Olai

Wie mein Vater, sagt er.

Ja ein guter Name, nichts gegen zu sagen, sagt die alte Anna (S. 12)

… aber wenn der Kleine gesund zur Welt kam, dann gab es keinen Zweifel, wie er heißen würde, schon vor langem hatte er zu Marta gesagt, dass das Kind, mit dem sie schwanger war, Johannes heißen sollte wie sein, Olais, Vater und sie hatte ihm nicht widersprochen, ja das passt doch gut, hatte sie gesagt, dass der Junge Johannes heißen soll wie sein Vater, denkt Olai … (S. 16)

Die übrigen neunzig Seiten schildern den Übergang des alt gewordenen und inzwischen verwitweten Johannes aus dem Leben in das, was danach kommt. Dieser Übergang vollzieht sich anhand Erinnerungen, die zwischen den Zeitebenen hin und her fließen, und durchaus einigen Schreckmomenten angesichts des eigenen Alters und der damit einhergehenden Gebrechlichkeit, aber doch im Wesentlichen friedvoll und lebenssatt. Hier ist einer, der trotz harter Arbeit als Fischer zufrieden und einverstanden mit seinem Leben war. Die Ehe war gut, er hatte Freunde und die sieben Kinder mit den Enkelkindern leben allesamt noch auf derselben Insel – seine engere Heimat hat Johannes vermutlich niemals verlassen. Sein bereits verstorbener Freund Peter ist dann auch derjenige, der beauftragt wurde, ihn auf seinem Weg in die Weite dessen, wo sich Himmel und Meer ineinander auflösen, zu begleiten.

… und Johannes steht da und sieht zu den Hügeln und Wiesen und Bergen und Häusern dort an Land, zum Anleger und seinem eigenen kleinen Ruderboot, das an einer Boje liegt und an Land befestigt ist, und er schaut zu den Bootshäusern und er sieht die Häuser oben an der Straße und ein so großes Gefühl für all das erfüllt ihn, für das Heidekraut, für alles zusammen, all das kennt er, all das ist sein Ort auf der Welt, es ist seins, alles zusammen, die Hügel, die Bootshäuser, die Ufersteine, und dann hat er ein Gefühl, als sollte er all das nie wieder sehen, aber es würde ja in ihm bleiben als das, was er ist, wie ein Laut, ja fast wie ein Laut in ihm, denkt Johannes und er hebt die Hände zu den Augen und reibt sie sich und er sieht, dass alles schimmert, vom Himmel da hinten, von jeder Wand, von jedem Stein, von jedem Boot schimmert es zu ihm herüber und jetzt begreift er gar nichts mehr, denn heute ist alles anders als jemals zuvor, es muss etwas passiert sein, aber was kann das sein?, denkt Johannes und er versteht es einfach nicht, denn alles ist so wie immer, anders ist nur …. (S. 69)

Nun gut, die einen Kritiker priesen das Buch als raffiniertes und gleichzeitig weises Meisterwerk über Tod und Leben, Andreas Breitenstein in der NZZ hingegen sprach von einem „allzu sentimentalen Trostbüchlein“, dessen einziges Geheimnis seine nicht nachvollziehbare Kommasetzung sei. Wieder mal ein schönes Beispiel dafür, dass sich auch die Berufskritiker und Rezensentinnen keineswegs immer einig sind in der Frage, welche Kriterien bei der Bewertung eines Romans denn nun anzulegen wären.

Ich werde diesen großzügig gesetzten 112 Seiten über die reine Lesezeit hinaus nicht allzu viel Zeit widmen. Interessant wäre für mich gerade eher die Frage, wie ich nachvollziehbar und begründet Kitsch definieren würde, denn daran schrammt das Buch für mein Dafürhalten doch oft entlang.

In dem Zitat von S. 69 verdichten sich die Probleme, die ich mit diesem Stil habe. So, wie das Fosse schreibt, kann ich mir dieses Abschied von Leben-Nehmen einfach nicht vorstellen. Wenn dieses „Hinübergleiten“ aber nur bei einem alten Fischer, der aber doch schon Telefon in der Wohnung hat, funktioniert, dann funktioniert für mich die Geschichte über „Tod und Leben“ nur bedingt. Da wimmelt es vom Ungefähren und beliebig Austauschbaren, das aber nichts in mir berührt, nur das Heidekraut, das ist konkret.

Ich bezweifle, dass ein Leben tatsächlich so eindimensional sein kann, mir fehlen hier die Brüche, das Individuelle, eine Tiefe, die auch jemand hätte, der seinen Heimatort nie verlassen hat. Ich fand das weder märchenhaft noch schlicht, sondern simpel und sich um alle Fragen herummogelnd.

ABER, und deshalb erwähne ich das Buch auch hier, es hat mich mit seinem Aufbau auf anderer Ebene erschreckt. Auf so wenigen Seiten wird trotz aller Vorbehalte, die ich habe, sehr eindrücklich etwas vorgeführt, das wir zwar alle wissen, aber dennoch verdrängen: wie rasch ein Leben vorbei ist. Die Erwartungen – und Ängste, die vielleicht an unsere Geburt geknüpft waren, und dann schon – quasi auf der nächsten Seite – das Abschiednehmen. Die Welt ohne uns. Darüber nachzudenken, dem nachzusinnen, ist sicherlich nicht das Schlechteste, zu dem uns Literatur bewegen und einladen kann. Und das wiederum ist nun überhaupt nicht simpel.

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Rückblick aufs Lesejahr 2023 – verbunden mit einem Wunsch an euch

Wie schon in den vergangenen Jahren gibt es auch am Ende dieses Jahres einen kurzen Rückblick auf meine persönliche Bestenliste 2023, bevor ich mir dann die immer neue Frage stelle, was ich als nächstes aus den Regalen hier im Haus fische.

Krimis

Die Krimis um Nero Wolfe, ich lese gerade den siebten, machen leider süchtig und ich finde es unerhört, dass es keine schönen Gesamtausgabe auf Englisch gibt. Und dann die Verfilmungen, diejenige mit Maury Chaykin – großes Kino.

Sachbücher

Bücher über Bücher

Fowler zeigt, wie man überbordend begeisternd und völlig uneitel über Bücher schreiben kann. Kann das jemand in Deutschland?

Biografien

Freundliche Bücher

Bücher, die im Gedächtnis bleiben

Ich habe in den letzten Wochen mal ALLE meine Fensterbänke, Regale und Hocker leergeräumt, gewischt, viele Bücher aussortiert und GEORDNET wieder eingeräumt. Das gab nicht nur großartig Platz, ich finde jetzt alles auch auf Anhieb wieder – einfach toll. Ich wäre euch also sehr verbunden, wenn ihr euch in den nächsten Monaten ein klitzekleinwenig zurückhalten würdet mit anregenden Buchbesprechungen, denen ich dann wieder nur so schlecht widerstehen kann. 😎

Wie wäre es beispielsweise mit Büchern über die neuesten Handarbeitstrends, KI-Tools, Traktoren und Trump, Biografien zu Friedrich Merz und seinem Weihnachtsbaum, 25-jährigen Comedians oder mir gänzlich unbekannten Influencerinnen? Vielleicht gar über Insekten und Moose? Zahngesundheit und Lichterketten, Fitzek-Thriller, Vampire Romance und Hamsterhaltung? Gleitschirmfliegen, Hobby Horses – selbst gedrechselt, Achtsamkeit im Kindergarten und die hundertdreiundfünfzigste Methode, sein Leben zu entrümpeln? Da müsste doch nun wirklich für jeden etwas dabei sein! Für weitere entsprechende Vorschläge bin ich jederzeit offen.

Nichtsdestotrotz euch allen einen entspannten Jahreswechsel, immer ein lesenswertes Buch anbei und ein behütetes und heiteres – siehe Axel Hacke – Jahr 2024.

Axel Hacke: Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte (2023)

Gabriele von Arnim hat sich auf die Suche nach dem Trost der Schönheit begeben; Axel Hackes Buch flaniert auf den Spuren der Heiterkeit. Schön, wie sich die Bücher ergänzen. Auch Hacke beginnt mit der Frage, ob der Begriff, über den er da nachdenkt, in der heutigen Zeit nicht etwas frivol anmute angesichts der Kriegen, Katastrophen und der um sich greifenden Idiotie und Rechthaberei.

Vielleicht kann man festhalten: Wenn man die Sache ernsthaft betrachtet, ist unser Leben ohne Heiterkeit nicht möglich. (S. 42)

Hacke nimmt verschiedene Mosaiksteine näher in den Blick und tut dies u. a. mit wunderbar zusammenpassenden und anregenden Zitaten aus vielerlei Quellen. Da wäre zum einen das Lachen, das eine so wichtige Rolle in Der Name der Rose von Umberto Eco spielt. Zum anderen unsere Fähigkeit, jedenfalls wäre es wünschenswert, sie zu pflegen, auch über uns selbst lachen zu können. Und so in unseren Schwächen die Verbundenheit mit all denen zu finden, die sich manchmal genauso tapsig verhalten wie wir.

Humor sei – laut dem österreichischen Philosophen Robert Pfaller – die Fähigkeit des Menschen,

auf sich selbst aus einer erhöhten Position herunterzublicken und über sich – d. h. über die eigenen Dummheiten, Drolligkeiten, Ungeschicklichkeiten, Verfehlungen, Geschmacklosigkeiten und andere Verletzungen der eigenen Prinzipien – liebevoll zu  lächeln‘, aus der Perspektive des Über-Ichs nämlich. Und weil die Menschen das bei sich selbst nicht mehr so recht könnten, gelingt es ihnen schon gar nicht bei anderen. (S. 97)

Erheiternd kommt seine Schilderung eines Lach-Yoga-Workshops daher, der anscheinend sehr skurril, sehr deutsch und auch ein bisschen bescheuert war. Wir erfahren, was Freud über den Witz zu sagen wusste, und finden uns dann bei Woody Allens Filmen wieder. Doch Heiterkeit reiche tiefer und sei kein flüchtiges Wohlfühlmittel wie der bloße Witz, dem man ja nicht pausenlos ausgesetzt sein möchte.

Heiterkeit habe die unabwendbaren Zumutungen des Lebens durchaus im Blick.

Es gibt eine Art von Heiterkeit, die den Ernst des Lebens bloß überspielen will, verdrängen, wegschieben. (S. 92)

Doch der wahrhaft heitere Mensch mache sich einen Spaß daraus, dass das Leben nun mal ist, wie es ist. Man erspare sich all die üblen Gefühle, zu denen die Situation Anlass genug gäbe – und lächle stattdessen, fündig geworden auf der Suche nach einer Euphorie, einer reinen Freude (S. 89). Es sei, so schrieb […] Wilhelm Schmid,  

eine phänomenale Erfahrung, dass sich die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt. Gerade dann, wenn das Leben schwer wird, ist die Heiterkeit als Erleichterung zu entdecken, die sich dadurch auszeichnet, die zugrunde liegende Tragik nicht zu leugnen. (S. 188/189)

Dann wieder macht Hacke sich Gedanken um die Rolle der Medien, um Loriot, humorbefreite Kindergartenleiter, das Theaterstück Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben, depressive Komiker und Schauspieler und um die Notwendigkeit, sein eigenes Wissen und Wesen als begrenzt und unvollkommen wahrzunehmen.

Man müsse einander zuhören statt vorschnell „gute Ratschläge“ auszuteilen.

Erst wenn dir jemand zuhört, kannst du, was du erlebt hast und was in dir rumort, zu einer Geschichte formen, und erst, wenn du es zur Geschichte geformt hast, kannst du es ablegen, und erst, wenn du es abgelegt hast, bist du frei, dich für etwas Neues zu entscheiden, weil du kein Gefangener der alten Geschichte mehr bist. (S. 122)

Axel Hacke kommt, wie schon Gabriele von Arnim, zu dem Schluss, dass niemand dem Leben mit Heiterkeit begegnen könne, der vor der Einsicht in unsere Vergänglichkeit weglaufe.

Wir waren vom Trost ausgegangen. Und ich meine: Man kann diesen Trost nur haben, wenn man alles, weswegen man getröstet werden möchte, auch präsent lässt, nicht wegschiebt oder in seiner Seele versenkt, sondern auf den Tisch legt, akzeptiert und nicht darüber hinweggeht. (S. 143)

Und so erzählt Hacke von der Krankheit und dem Tod seines Freundes, der Figur des Hans Waldmann im Werk Ror Wolfs und der Trauerfeier für Graham Chapman, einem Mitglied der Monty Pythons.

Liegt nicht hinter dem Kult, den wir heute um das Leben treiben, hinter all den Schönheitsfarmen und hautstraffenden Operationen, den Rauchverboten und Ernährungsanweisungen, liegt also hinter all dem nichts die blanke und durch nichts mehr – keine Religion und keine Komödie – eingehegte Todesangst? […] Denn was ist der Tod anderes als ein ganz persönlicher, privater Weltuntergang? Für jeden von uns geht eines Tages die Welt unter, nichts ist sicherer als das. Und vermutlich ist es besser, diesem Datum mit Heiterkeit entgegenzusehen, statt es angstvoll zu erwarten. (S. 134/135)

Hacke mäandert durch die Begriffsgeschichte, überlegt, was Heiterkeit in der Kunst, z. B. bei Goethe oder Schiller bedeute, und landet schließlich bei Thomas Manns Begriff von der souveränen „Heiterkeit der Kunst“ und dem Abschiedsbrief Heinrich von Kleists an seine Schwester, in dem es – durchaus erstaunlich – um die Heiterkeit geht. Die Diktatoren werden – wie auch bei Gabriele von Arnim – in ihrer Selbstgefälligkeit und völligen Humorlosigkeit gestreift und die Philosophen kurz erwähnt.

Adornos Haltung fand allerdings später wiederum den Widerspruch anderer Philosophen, Odo Marquands zum Beispiel, auch Peter Sloterdijks. Aber als ich mir im Lesesessel deren Werke vornehme, ereilt mich über all den Texten, die über den Rand meiner intellektuellen Möglichkeiten schwappen, ein heiteres philosophisches Schläfchen, und ich verschnarche machtlos den Nachmittag. (S. 155)

Ebenfalls anregend fand ich die Hinweise zu dem mir bis dahin unbekannten Werner Finck, einem Kabarettisten der dreißiger Jahre, der das Kabarett Die Katakombe in Berlin mitbegründete und Worte und Andeutungen setzen konnte wie ein Chirurg das Skalpell.

Als die Nazis schon an der Macht waren, saßen regelmäßig die Spitzel im Publikum und notierten, was sie hörten. Finck schrieb in Alter Narr, was nun?, seinen 1972 veröffentlichten Erinnerungen: ‚Einmal fragte ich einen, der so unauffällig wie möglich mitschrieb: ‚Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? – Oder  – muß ich mitkommen?‘ (S. 176)

Nach einem Verhör im Gestapo-Hauptquartier wird Finck verhaftet und ins Gefängnis gebracht.

Bei meinem Eintritt sprang ein baumlanger SS-Mann auf mich zu und fragte: ‚Haben Sie Waffen?‘. ‘Wieso?‘, fragte ich. ‚Braucht man hier welche?‘ (S. 179)

Derlei renitente Umtriebe brachten ihn für sechs Wochen ins KZ Esterwegen und vermutlich war seine Entlassung am 1. Juli 1935 nur der Intervention einer mit Göring gut befreundeten Schauspielerin zu verdanken. 

Zur Heiterkeit gehöre natürlich ebenfalls die Fähigkeit, innezuhalten, auch scheinbar Kleines und Unbedeutendes aufmerksam anzuschauen, eine ordentliche Portion Neugier auf die Welt und eine gewisse Selbstvergessenheit und das schöne Wort der Seelenruhe.

Um heiter oder zumindest heiterer leben zu können, sei es aber unerlässlich, sich von seinem geistigen Schlendrian zu befreien, denn – wie schon Seneca festgestellt habe -, lebten viele Menschen ihre Tage 

nicht eigentlich, wie sie wollen, sondern wie sie einmal angefangen haben … (S. 192)

Hacke kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass der Versuch, ein heiterer Mensch zu sein, eben auch Folgendes beinhalte:

Es bedeutet eine tägliche Arbeit an sich selbst, eine immerwährende Aufmerksamkeit für die Art, wie man der Welt gegenübertritt, den Versuch einer geduldigen Selbsterziehung. (S. 210)

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Alec Guinness: A Positively Final Appearance (1999)

Auch wenn mich diesmal die Aufzeichnungen des Schauspielers Alec Guinness (1914 – 2000) nicht ganz so begeistern konnten wie der Vorgängerband My Name Escapes me (1996), so finden sich doch reichlich Stellen, für die sich die Lektüre lohnt.

Inhaltlich ist auch dieses Tagebuch – vom Sommer 1996 bis 1998 – eine Mischung aus Erinnerungen an längst verstorbene oder dem Alkohol verfallene Weggefährten, Urlaubsschilderungen (Glaswände in Hotelbadezimmern nerven ihn kolossal) oder Einträgen zu Verabredungen mit noch lebenden Freunden und Bekannten. Versetzt mit Rückblicken auf seine lange Theater- und Filmkarriere, bei der er zwischen 1934 und seinem sehr bewussten Rückzug von der Bühne 1989 77 Rollen am Theater und 55 Rollen im Kino verkörperte.

So erinnert er sich immer noch an den Moment, als ihm bewusst wurde, dass Theaterspielen etwas mit Kunst zu tun hat. Während eines Workshops zum Kirschgarten von Tschechow bemängelte Michel St.-Denis, der Regisseur, bei demjenigen, der die Rolle des Epichodows spielte, dass man das Knarren seiner Stiefel gar nicht höre. Der Schauspieler murrte, dass das nicht verwunderlich sei, schließe trage er Schuhe mit Gummisohle. St.-Denis spielte dann selbst die Szene so vor, wie er sie sich vorstellte.

With great concentration and concern, his head on one side, he listened to a shoe as he bent his instep up and down. I could swear we all heard a squeak though naturally it was only in our imagination. From then on I was in love with the idea of trying to exercise a touch of magic on an audience, of persuading people to see and hear what wasn‘t there. […] The results have not been exactly world-shattering; indeed I cheerfully concede that they have been humdrum; but the hope of realizing a sort of magical moment has remained with me from 1935 until my present retirement. A fond but foolish hope, it now seems. (S. 67)

Es gibt wache Gedanken zum Tode von Prinzessin Diana, zu den Gräueln in der Welt und Beobachtungen zum aktuellen politischen Geschehen in Großbritannien, die leider ab und an ein wenig ausuferten, aber es gibt auch Stellen, die zeitlos sind.

I pray God we shall never be beguiled again into ghastly xenophobia. Dear Anthony Trollope, one of the most English of great Englishman, wrote in a letter to Kate Field in 1862, ‚One‘s country has no right to demand everything. There is much that is higher and better  and grander than one‘s own country. One is patriotic only because one is too small and weak to be cosmopolitan.‘ Eurosceptics, please note. (S. 58)

Dann wieder wird munter parliert, in Kunstausstellungen und Theateraufführungen gegangen (und die Kolleginnen und Kollegen anschließend einer kritischen Bewertung unterzogen) und darüber gestöhnt, dass keine vernünftigen Wasserkocher aus Metall mehr zu bekommen seien. Er besucht Beerdigungen alter Freunde, lässt kranke Bäume im Garten fällen, freut sich am Enkelkind und nimmt Arzttermine wahr. Das Gehör und die Augen machen Probleme. Verdacht auf Prostatakrebs.

The humiliations of age are not always easy to accept. (S. 6)

Guinness hat die Gabe, auch dasjenige, was alltäglich ist, so schön knochentrocken auf den Punkt zu bringen. Nachdem er wegen Grauen Stars operiert worden ist, heißt es beispielsweise:

… and the world is brighter than I have known it for about forty years. […] The Daily Telegraph and the Independent  have been much better printed since last Friday; they appear to be using a more solid black ink and white paper. […] The only disadvantage is that I can see my own face only too clearly; and some other faces have aged somewhat during the week. I am astonished at how much detail I have been missing. (S. 52/53)

Auch in diesem Band schimmert seine Übellaunigkeit durch, falls es jemand wagt, ihn auf seine Rolle als Obi-Wan Kenobi in Star Wars anzusprechen. Die törichten Dialoge taten ihm inzwischen einfach zu weh und einem jungen Fan, der ihm anvertraut, schon dutzende Male die Star Wars-Filme gesehen zu haben, will er das Versprechen abnehmen, nie wieder einen einzigen dieser Filme anzuschauen. Ahnungslose Kritiker finden ebenfalls keine Gnade vor seinen Augen:

No one is obliged to admire a truly superb play but a lack of awareness, a failure of appreciation and a blindness to great dramatic poetry should be kept under wraps and not flaunted. (S. 200)

Guinness liest viel, seine Lieblingsautoren wie Shakespeare, Dickens und Montaigne, aber auch neuere Autoren und Thriller, überlegt, was er seiner Frau Merula zum Hochzeitsjubiläum schenken könnte und fragt sich, von welchen guten Geistern die dämlichen Journalisten verlassen sind, die ihm und anderen traumhafte Vermögen andichten, sodass er dann wieder wochenlang von Bettelbriefen belästigt wird.

An seinem Geburtstag schreibt er:

Eighty-four today: that is 30,660 days, mostly wasted. If I had been told when I was eleven, say, that I would live to such an age I think I would have fainted with nausea. (S. 124)

Nun, Guinness verrät uns nicht, was genau er unter einem Leben verstünde, dessen Tage nicht als verschwendet gelten würden, aber allein schon die folgenden Überlegungen, die er nach einem Fußballspiel angestellt hat, sind doch wahrlich großes Kino.

The World Cup has held me, so far, for four evenings more or less glued to the box and I must admit that there were times when I was aware of my heart thumping. […] Also the enthusiastic piling up on top of team mates to congratulate, embrace, fondle and ruffle the hair of a goal scorer has now reached a new height of almost orgasmic absurdity. After watching some of these acrobatic, loving scrambles it struck me that actors might be encouraged to attempt the same sort of thing during performances. 

After a round of applause, awarded by a simple-minded audience to the actor […] the actor should clench his fists aggressively, bend his knees and spring round the stage, mouth wide open, screaming and punching the air. This would be the cue for the rest of the cast to tumble him to the ground, sit on his face, derange his wig and generally knock the wind out of him. (S. 148)

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Rex Stout: Fer-de-Lance (1934)

Fer-De-Lance ist der erste der insgesamt 33 Kriminalromane von Rex Todhunter Stout (1886 – 1975) um den im wahrsten Sinne schwergewichtigen Nero Wolfe und seinen Sidekick Archie Goodwin. Das Buch wurde erstmals 1934 veröffentlicht und macht auch heute noch beim Lesen Laune.

Der Ich-Erzähler Archie Goodwin, Buchhalter und die rechte Hand Wolfes, lebt seit sieben Jahren mit dem 130-Kilo-Mann Nero Wolfe, seines Zeichens Privatermittler, in einem luxuriösen Brownstone in New York City.

Wolfe lifted his head. I mention that, because his head was so big that lifting it struck you as being quite a job. It was probably really bigger than it looked, for the rest of him was so huge that any head on top of it but his own would have escaped your notice entirely. (S. 2)

Archie stilisiert sich dabei manchmal als kulturlose Nuss, ja als explosives Pulverfass, das dringend auf Betätigung und Einsatz wartet, während er sich in Wahrheit sein Lieblingsgetränk Milch selbst aus der Küche holt, um Fritz, dem Koch, ein bisschen Arbeit abzunehmen.

I do read books, but I never yet got any real satisfaction out of one; I always have a feeling there‘s nothing alive about it, it‘s all dead and gone, what‘s the use, you might as well try to enjoy yourself on a picnic in a graveyard. (The League of the Frightened Men, S. 1)

Wolfe fällt dabei die Rolle des feingeistigen, aber täglich literweise Bier trinkenden Sherlock Holmes zu, der aus all den Informationen, die ihm Archie liefert, die richtigen Schlüsse zieht und die nächsten Ermittlungsschritte plant.

Sometimes, when he felt patient, he explained to me and it seemed to make sense, but I realized afterward that that was only because the proof had come and so I could accept it. I said to Saul Panzer once that it was like being with him in a dark room which neither of you has ever seen before, and he describes all of its contents to you, and then when the light is turned on his explanation of how he did it seems sensible because you see everything there before you just as he described it. (S. 5)

Vervollständigt wird der Männerhaushalt von Fritz Brenner, einem Schweizer Edelkoch, der auch mal die Aufgaben eines Butlers übernimmt, und Theodore Horstmann, der sich um die obere Etage mit 10.000 Orchideen kümmert, die große Liebhaberei des Detektivs, der er täglich mehrere Stunden widmet.

Sollte es der jeweils zu lösende Fall erfordern, können Wolfe und Archie noch auf die Dienste von Fred Durkin, Saul Panzer und Orrie Cather, drei weiteren Detektiven bzw. Beschattern, zurückgreifen.

Eines Tages bittet Durkin Nero Wolfe darum, sich einmal mit Maria Maffei, einer italienischen Haushaltshilfe, zu unterhalten. Maria vermisst seit zwei Tagen ihren Bruder Carlo, einen Metallfacharbeiter. Dieser Vermisstenfall nimmt rasch Dimensionen an, die keiner der Beteiligten hätte ahnen können, und führt bis in die besten Universitätskreise.

Das liest sich spannend, witzig, fetzig und an einigen Stellen zumindest grenzwertig, weil auch Archie nicht frei von den damals in Krimis so häufig anzutreffenden ausländerfeindlichen Stereotypen und großmäuligen Witzen ist. Allerdings würden Archies Vorurteile ihn niemals davon abhalten, einem Menschen in Not zu helfen, gleichgültig, woher der käme.

… but I had long since learned from Wolfe that the corner the light doesn‘t reach is the one the dime rolled to. (S. 141)

Die Handlung schlägt natürlich so mancherlei Haken und wird auch mal gefährlich, vor allem für Archie, der die ganze Lauf- und Ermittlungsarbeit erledigen muss, denn Nero Wolfe hasst nichts mehr, als sich außer Haus zu begeben. Wahrscheinlich würde er nicht mal immer die Aufträge annehmen, wenn nicht Archie darauf drängen und der Kontostand das erfordern würde. Meist ist es ihm schon zu anstrengend, sich zur Begrüßung von Gästen aus seinem Stuhl hochzuwuchten. Sein Tagesablauf ist streng strukturiert und Abweichungen davon werden nur bei allerhöchster Gefahrenstufe geduldet. Ansonsten gilt, dass Nero Wolfe sich vormittags zwei Stunden und nachmittags zwei Stunden um seine Orchideensammlung kümmert, auf gute Küche Wert legt und Archie erklärt, was dieser außer Haus herausfinden und wen er treffen und interviewen muss.

Es stimmt tatsächlich, was Loren D. Estleman im Vorwort schreibt:

Under the present technocracy, when even the nine-to-five ethic is threatened, we can find peace in the almost Edwardian order of life in the old brownstone: Plant-rooms, nine to eleven A.M. and four to six P.M.; office, eleven A.M. to 1:15 P.M., six P.M. to dinnertime and after dinner if necessary, day in and out (except Sunday). […] Nothing short of a major catastrophe […] can persuade him to alter that comfortable routine, or worse, leave home on business.

So pendeln wir ebenfalls zwischen den beruhigenden Ritualen des Hauses und der aufregenden Ermittlungsarbeit vor Ort hin und her. Und ich freue mich schon auf den nächsten Besuch beim Orchideenliebhaber Wolfe und auf die verbalen Scharmützel zwischen Archie Goodwin und seinem Chef.

‘Some day, Archie, when I decide you are no longer worth tolerating, you will have to marry a woman of very modest mental capacity to get an appropriate audience for your wretched sarcasms. (S. 54)

Die New York Times Book Review schrieb einmal

It is always a treat to read a Nero Wolfe mystery. The man has entered our folklore.

Fundstücke aus den Wahlverwandtschaften von Goethe

Es ist eine so angenehme Empfindung, sich mit etwas zu beschäftigen, was man nur halb kann, daß niemand den Dilettanten schelten sollte, wenn er sich mit einer Kunst abgibt, die er nie lernen wird, noch den Künstler tadeln dürfte, wenn er über die Grenze seiner Kunst hinaus in einem benachbarten Felde sich zu ergehen Lust hat.

Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußern Betragens.

Manchmal, wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder mit andern Wundern in lebendiger, alltäglicher Verbindung sieht. Aber auch er wird ein anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.

Aus: Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften (1809)

Florian Illies: Zauber der Stille (2023)

Von allen Seiten bejubelt, das neue Buch von Florian Illies Zauber der Stille über – so der Untertitel – Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten.

In vier großen Kapiteln Feuer, Wasser, Erde und Luft forscht Illies sowohl dem Lebensweg des Künstlers (1774 – 1840), seiner Reputation als auch den Gemälden nach. Das ist oft hochspannend und gleichzeitig ernüchternd, ja erschreckend, wenn man begreift, dass das, was heute mehr oder weniger unbezahlbar in den großen Museen hängt, quasi nur der Rest dessen ist, was vom Zufall, von Feuerkatastrophen und politischen Wirrnissen verschont geblieben ist.

Vorab sei gesagt, dass Illies für mich hier einen Rekord aufgestellt hat, was die Anzahl der Zeitsprünge angeht. Ich kam mir – je länger, je mehr – wie eine Flipperkugel vor, die hin und her kullert. Von der Biografie Friedrichs, der sehr früh Geschwister und Mutter verlor, zeitlebens von Melancholieschüben heimgesucht und während der Befreiungskriege zu einem großen Franzosenhasser wurde, bis hin zu den Nationalsozialisten, die 1943 Soldaten mit einem Büchlein „Caspar David Friedrich und seine Heimat“ Richtung Ostfront schickten.

Da sind wir gerade am Anfang des 20. Jahrhunderts und ohne Vorwarnung plötzlich am Ende des Zweiten Weltkrieges, um unversehens den Maler Johan Christian Clausen Dahl (1788- 1857) auf seinen Abendspaziergängen mit dem Künstler zu begleiten. Wir erfahren, dass der norwegische Kunstkritiker Andreas Aubert (1851 – 1913) alles getan hat, um den Deutschen ihren Friedrich wieder schmackhaft zu machen. Nur um wenige Seiten später die Schicksale einzelner Gemälde nachzuverfolgen.

Wir reiben uns die Augen bei dem dramatischen Auf und Ab im Renommee des Künstlers, der mit seiner Familie manchmal hungern musste, obwohl seine Gemälde vom preußischen König angekauft wurden und dann wieder bei irgendwelchen Flohmarktfunden oder in adligen Damenstiften auftauchten.

Schon 1901 war das Geburtshaus von Caspar David Friedrich abgebrannt, dabei waren neun Bilder des Malers, die sich noch in Familienbesitz  befanden, zerstört worden. Eines dieser Gemälde, bei dem Restauratoren so lange die Brandblasen mit Farbe aufgefüllt haben, landet nach Umwegen

passenderweise bei Wolfgang Gurlitt, einem schillernden Kunsthändler, der selbst fast ständig pleite ist und dessen Liebesverhältnisse den goldenen zwanziger Jahren alle Ehre machen. Sein Charme wedelt welpenhaft in alle Richtungen. Und so lebt Gurlitt fröhlich mit seiner Exfrau, seiner ihm ebenfalls sehr zugewandten Exschwägerin, seiner neuen Ehefrau, ihren gemeinsamen Töchtern und seiner großen Liebe Lilly Agoston zusammen. Muss man erst mal hinbekommen. (S. 27)

Illies springt von der Disney-Verfilmung des Romans Bambi von Felix Salten, bei dem der Zeichner Tyrus Wong angeblich von Friedrichs Gemälden beeinflusst worden sei, bis zur Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, bei denen Felix Salten zu den verfemten jüdischen Autoren gehörte, dessen Bücher auf den Scheiterhaufen landeten.

Nach vierjähriger Produktionszeit kommt Walt Disneys Film Bambi in die Kinos, und Adolf Hitler gehört 1942 zu den Ersten, die ihn in Europa sehen. Er schaut Bambis Flucht vor dem Feuer inmitten des Krieges in seinem privaten Kino auf dem Berghof an und ist gerührt. (S. 32)

Wir erfahren, dass sich in Murnaus Film Nosferatu von 1922 Anleihen an Friedrich finden, und werden daran erinnert, dass am 7. Dezember 1996 zwei Einbrecher Ansicht eines Hafens aus dem Schloss Charlottenhof stahlen und staunen über die Auflösung dieses Diebstahls. Und laut Beckett sei Friedrich sogar die Quelle für Warten auf Godot gewesen.

Goethe wiederum konnte zum Leidwesen des Künstlers so gar nichts mit Friedrich anfangen, reagierte immer aggressiver auf dessen Gemälde und war nicht in der Lage, das radikal Neue, ja Moderne zu erkennen, als er Den Mönch am Meer auf der Staffelei in Friedrichs Atelier betrachtete.

Keine Frage, das liest sich süffig, ja spannend, man reibt sich die Augen ob all der herbeigetragenen Mosaikstückchen. Kein bisschen angestaubt. Und oft genug Augen öffnend für die Launen und Vorlieben der jeweiligen Zeit. Und für die Gefahren, denen Kunstwerke im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt sind. Was für eine Vorstellung, dass wir viele der Werke Caspar David Friedrichs nie kennenlernen werden, weil sie längst Feuer oder Krieg zum Opfer gefallen sind.

Dennoch frage ich mich, wieso uns das in solchen Edutainment-Schnipseln – ein Rezensent sprach freundlicher von „Miniaturen“ – präsentiert werden muss. Soll das sicherstellen, dass ich „dranbleibe“? Mich nicht zu sehr konzentrieren muss? Bin ich zu alt für diese schnellen Schnitte? Warum darf‘s nicht ein bisschen stringenter sein? Ein bisschen mehr Tiefgang haben? Das Buch heißt Zauber der Stille. Nun, das gilt sicherlich für die Gemälde, doch den Aufbau des Buches fand ich laut und mir wurde beim Lesen manchmal ein bisschen seekrank.

Den Stil mochte ich nicht durchgehend und hätte mir noch viel mehr Zitate aus zeitgenössischen Briefen und von Friedrich selbst gewünscht.

Gleich im ersten Kapitel Feuer geht es um den Brand vom 6. Juni 1931, als im Münchner Glaspalast neun Werke des Malers verbrennen, die Teil der 110 Gemälde umfassenden Sonderausstellung Werke deutscher Romantiker von Caspar David Friedrich bis Moritz von Schwind waren.

Gierig verschlingen die Flammen das trockene Holz der Keilrahmen und lassen die Reste der Leinwände als kleine schwarze Aschefetzen in den verschlafenen Himmel hinaufwirbeln, immer wieder aufs Neue werden sie von den heißen Wogen der Flammen in die Höhe geweht, immer und immer wieder, bis das Auge sie irgendwann nicht mehr sehen kann. (S. 14)

Ich kann ja mit diesen nachempfundenen Szenen nicht so viel anfangen, genauso wenig mit spekulativen Antworten:

Und wie hat wohl Thomas Mann dieses verstörend leuchtende München, diesen verheerenden Brand am frühen Morgen des 6. Juni erlebt, der ausgerechnet sein 56. Geburtstag ist? Ob er sich bei seiner Frau Katja beschwert hat über den unnötigen Lärm der Feuerwehr? Oder über den unerfreulichen Brandgeruch, der seine Nase ‚affiziere‘? Ob er sich die Brandstätte angeschaut hat? Wir wissen es nicht. (S. 17)

Hier noch eine interessante Besprechung von Tilman Krause aus der WELT. In der Kunsthalle Hamburg läuft bis zum 1. April 2024 eine große Friedrich-Ausstellung.

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Fundstück von R. F. Kuang

Ich kenne kein schöneres Zitat zu Scones als das aus dem Roman Babel von Rebecca F. Kuang:

He and Mrs Piper quickly bonded over a deep love of scones. She made them every which way – plain, served with a bit of clotted cream and raspberry jam; savoury and studded with cheese and garlic chives; or dotted through with bits of dried fruit. Robin liked them best plain – why ruin what was, in his opinion, perfect from conception? (S. 35)

Fundstück aus den Wahlverwandtschaften von Goethe

Charlotte, als sie erfährt, dass der von ihr geliebte Hauptmann eine weit entfernte Stelle angeboten bekommen hat:

Sie wiederholte sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, daß auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte Zeit, wo sie würden gelindert sein. (S. 81)

Aus: Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften (1809)

Cay Rademacher: Die Passage nach Maskat (2022)

Wie salzig die Luft schmeckte, wenn der Sturm den Schaum von den Kämmen blies. (S. 10)

Neben all den alten Krimi-Schätzchen, die ich normalerweise lese, habe ich auf die begeisterte Empfehlung vom Kaffeehaussitzer hin mir Die Passage nach Maskat (2022) von Cay Rademacher (*1965) besorgt. Nun, mein Fazit ist eher gemischt, aber zunächst zum Inhalt.

1929. Der widerliche Hamburger Kaufmann und Familienpatriarch Hugo Rosterg – „glatzköpfig, der Stiernacken quoll über den Hemdkragen, sein Gesicht war gerötet“ (S. 22) – reist samt Gattin Marthe, nichtsnutzigem Nazi-Sohn, Tochter Dora und derem Mann Theodor Jung auf dem Passagierschiff Champollion höchst luxuriös von Marseille über Port Said und Aden nach Maskat, um dort neue und noch viel einträglichere Geschäfte anzubahnen. Tochter Dora verantwortet die Geschäfte der Sippe in Berlin und ihr Mann Theodor arbeitet als Fotoreporter der Berliner Illustrirten.

Doch Jung wollte Dora nicht allein in die Ferne ziehen lassen, weil er spürte, dass er sie für immer verlieren würde; um ihre Ehe stand es schon lange schlecht. (S. 15)

Nebenbei bemerkt: Weshalb Jung, der immerhin 30 Jahre alt ist und im Ersten Weltkrieg auf einem U-Boot gedient hat, erst jetzt den Eindruck hat, seine Jugend hinter sich zu lassen, bleibt das Geheimnis des Erzählers.

und irgendwie wusste er in diesem Moment [des Ablegens], dass er nicht bloß von Marseille und von Europa Abschied nahm, sondern auch von seiner Jugend. (S. 36)

Außerdem an Bord: der ebenfalls ausschließlich unsympathisch gezeichnete Prokurist der Firma Rosterg, Bertold Lüttgen, der Jung als Rivalen in der Gunst Doras ausstechen und eine noch wichtigere Position in der Firma ergattern will.

Daneben spielen natürlich noch weitere Gäste auf dem Luxusdampfer wichtige und zunächst undurchsichtige Rollen, wie z. B. die angeblich so exzentrische Lady Agatha Westmacott (übrigens ein Pseudonym, unter dem Agatha Christie einige Bücher schrieb) samt ihrer armenischen Gesellschafterin, die Nackttänzerin Anita Berber sowie der italienische Anwalt Marinetti, der Marthe Rosterg schöne Augen macht und sich so auffallend oft in der Nähe der Familienkabinen herumtreibt. Und was macht Max Totzke, ehemaliger Preisboxer und Schuldeneintreiber des kriminellen Berliner Ringvereins Immertreu, auf einem Schiff, das so gar nichts mit seiner sonstigen Klientel zu tun hat? Und wie könnte es anders sein: Nicht alle Reisenden werden ihr Ziel lebend erreichen.

Jung liebt seine Frau Dora ja angeblich sehr, hat mit ihr in den elf Jahren ihrer Ehe aber nie über das Trauma gesprochen, das ihm als bitteres Andenken an seinen U-Boot-Einsatz im Weltkrieg geblieben ist, seine Angst, auf dem Meer zu sterben.

Aber er hatte mit seiner Frau niemals über das Meer und die Furcht, die es in ihm auslöste, geredet, und er würde jetzt nicht damit anfangen. (S. 24)

Seine Abhängigkeit von Schlaftabletten, ebenfalls großes Ehetabu.

Er schluckte die [Schlaf]Tablette, versteckte das Gläschen wieder, Dora wusste auch nach beinahe elf Ehejahren nichts davon. (S. 55)

Dass er vermutet, dass Dora ihrer Mutter Marthe Kokain besorgt, hat er natürlich nie angesprochen. 

Jung hatte es nie gewagt, mit Dora darüber zu sprechen, doch er ahnte, dass seine Frau das Medikament [Kokain] in Berlin besorgte und es per Post zur Mutter schickte. (S. 49)

Also, immer noch große Liebe. Zumindest von seiner Seite. An Bord wirkt Dora dann auch viel gelöster, gesteht ihm, dass sie schwanger sei, beide freuen sich sehr und verbringen nach langem wieder mal eine leidenschaftliche Nacht zusammen.

Dann der Schock, sie verschwindet spurlos, auch ihr Gepäck ist nicht mehr auffindbar. Und was Jung anschließend fast in den Wahnsinn treibt: Die Familie, Prokurist Lüttgen und sogar der Erste Offizier, der seit Jahren Geschäfte mit Rosterg Senior macht, sie alle behaupten, dass Dora nie an Bord gewesen sei, sondern sich ja wohl, wie abgesprochen, zu Hause um die Geschäfte kümmere. Ihr Name steht nicht auf der Passagierliste, sogar ein angebliches Telegramm von ihr wird ihm gezeigt. Als ihm endlich einfällt, dass er sie auf dem Schiff fotografiert hat, sind seine Filmrollen verschwunden.

Wem kann er jetzt noch trauen? Jung wird klar, dass er nur noch neun Tage hat, um das Geheimnis aufzuklären, andernfalls wäre es der Familie ein Leichtes, ihn des Gattinnenmordes zu bezichtigen, wurde Dora doch das letzte Mal mit ihm zusammen in Marseille gesehen.

Und wenn man bis hierhin den Eindruck gewonnen hat, dass ich die Schwarz-Weiß-Charakterzeichnung und Sprache dieses Krimis kaum überzeugend finde, so wäre das korrekt. Doch es gibt ein großes, ein entscheidenden Aber:

Die Geschichte ruft geradezu danach, verfilmt zu werden. All die vielen geschichtlichen Details, die so nett in die Handlung integriert werden, und die süffigen Ortsbeschreibungen – die Reisegruppe kraxelt sogar, was inzwischen verboten ist, die Pyramiden in Gizeh hoch und stattet Howard Carter einen Besuch im Tal der Könige ab – machen beim Lesen einfach Spaß. Wir laufen mit Jung durch das große Luxusschiff, vom mondänen Speisesaal der ersten Klasse bis hinunter zu den Decks der Dritten Klasse. Wir sind im Suq dabei, als Prokurist Lüttgen heftig verprügelt wird, und durchqueren mit den Gästen den Suezkanal, schmecken sehr viel Salz und erfreuen uns am Himmel. 

Dazu kommt, dass die Geschichte spannend ist, natürlich will man unbedingt wissen, was und warum mit Dora passiert ist. Immer wieder sorgen unerwartete Wendungen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. 

Dass die Auflösung sehr abrupt kommt und die Motive des Täters bizarr und unglaubwürdig sind, das steht dann schon wieder auf einem anderen Blatt. 

Also, ich fühlte mich an einem völlig verregneten Wochenende gut unterhalten, auch wenn man bei manchem nicht zu genau hinschauen sollte und die Luft gar häufig nach Salz geschmeckt hat.

die Luft schmeckte nach Salz (S. 33)

Die Luft schmeckte nach Salz und Rauch. (S. 36)

Die Luft schmeckte nach Seetang (S. 51)

und die Luft schmeckte nach Salz. (S. 57)

… und glaubte, dass die Luft nach Orangen und Zitronen schmeckte. (S. 83)

Die Idee, dass eine Reisende einfach verschwindet und niemand sie gesehen haben will, ist übrigens nicht neu. Man lese beispielsweise den empfehlenswerten Kriminalroman The Lady Vanishes von Ethel Lina White aus dem Jahr 1936.

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Fundstück von Goethe (1809)

Wie schwer ist es, daß der Mensch recht abwäge, was man aufopfern muß gegen das, was zu gewinnen ist, wie schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmähen! Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im Auge zu behalten. Jedes Übel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum Vorschein kommt, und man bekümmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen, besonders mit der Menge, die im Täglichen ganz verständig ist, aber selten weiter sieht als auf morgen. Kommt nun gar dazu, daß der eine bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten. Alles eigentlich gemeinsame Gute muß durch das unumschränkte Majestätsrecht gefördert werden.

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften, Goldmann Verlag, München, S. 48

Anita Brookner: Hotel du Lac (1984)

Für ihren vierten Roman Hotel du Lac wurde Anita Brookner 1984 mit dem Booker Prize ausgezeichnet, was viele Kritiker gegen sie aufbrachte, da deren Meinung nach unbedingt Empire of the Sun von James Graham Ballard diese Auszeichnung hätte bekommen müssen. Die deutsche Übersetzung des Romans stammt von Dora Winkler.

Anita Brookner (1928 – 2016), Tochter polnischer Einwanderer – der Nachname lautete ursprünglich Bruckner -, promovierte Kunsthistorikerin, zeitlebens unverheiratet, veröffentlichte ihren ersten Roman 1981 im Alter von 53 Jahren. Brookners Bücher sind das Gegenteil dessen, was Edith Hope, die Protagonistin in Hotel du Lac schreibt. Hope ist nämlich Verfasserin anspruchsloser Romanzen.

Die Enddreißigerin Edith erklärt ihrem Verleger, warum sich ihre Trivialromane gut verkaufen.

It‘s because they [die Leserinnen] prefer the old myths, when it comes to the crunch. They want to believe they are going to be discovered, looking their best, behind closed doors, just when they thought that all was lost, by a man who has battled across continents, abandoning whatever he may have had in his in-tray, to reclaim them. (S. 27)

Nach einem Mini-Skandal hatten ihre Freunde Edith dringend eine Auszeit angeraten, in der sie sich sortieren und Gras über die Sache wachsen könne. Am Genfer See, einquartiert im titelgebenden Hotel du Lac, versucht Edith Hope, sich nun also darüber klarzuwerden, wie sie ihr weiteres Leben leben möchte. Als brave Ehefrau eines langweiligen und ungeliebten Mannes? Oder als ewige Affäre des verheirateten Davids, der ihretwegen ganz sicher nicht seine Familie aufgeben würde?

They were sensible people. No one was to be hurt. She prided herself on giving nothing away, so that he never knew of her empty Sundays, the long eventless evenings, the holidays cancelled at the last minute. (S. 61)

Äußerlich passiert nicht viel in diesen 184 Seiten, doch es macht durchaus Freude, den tapferen und auch manchmal verwirrten Bemühungen Ediths zu folgen, ihr kurzzeitiges Hotelexil zu gestalten, ihre vor allem weiblichen Mitgäste zu entschlüsseln und sich einen Reim auf den zynischen Mr Neville zu machen.

Der Traurigkeit und Einsamkeit muss dabei immer wieder Paroli geboten werden, weil es sonst einfach nicht zum Aushalten wäre.

And, sitting in the deserted salon, the first to arrive from the dining room, the felt her precarious dignity hard-pressed and about to succumb in the light of her earlier sadness. The pianist, sitting down to play, gave her a brief nod. She nodded back, and thought how limited her means of expression had become: nodding to the pianist or to Mme Bonneuil, listening to Mrs Pusey, using a disguised voice in the novel she was writing, and with all of this, waiting for a voice that remained silent, hearing very little that meant anything to her at all. The dread implications of this condition made her blink her eyes and vow to be brave, to do better, not to give way. But it was not easy. (S. 62)

Der ironische Blick bewahrt dabei das Buch vor dem Abkippen ins gar zu Melancholische. Doch der Blick der Erzählerin auf die Beschädigungen aufgrund der Geschlechterrollen, die hier vor allem die Frauen davontragen, ist zutiefst pessimistisch. Die Spielregeln werden von den Männern bestimmt. Und fast immer spielen die Frauen mit.

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit – Eine Suche (2023)

Gabriele von Arnim (*1946), weitgereist, belesen, sprachgewandt, mäandert in ihrem neuesten Werk in allerschönster, manchmal schon meditativer Weise dem Begriff der Schönheit nach. Assoziativ ihren Erinnerungen folgend, unaufdringlich Zitate von klugen Menschen und Freundinnen einbindend, streift sie wie in einem Garten umher.

… dann brauchen wir die Zumutung, die Anfechtung, um Trost finden zu können […] Dann brauchen wir Chaos, Krankheit, Angst, Liebeskummer oder eine Pandemie, um aufgescheucht, um herausgeworfen zu werden aus dem Einerlei der dressierten Gefühle. Dann dann kratzen alte und neue Zweifel an unsere scheinbar soliden Lebenstüren, werden wir heimgesucht von Dämonen, die uns belagern und benagen. […] Vielleicht ist es falsch, schon wieder Kraft zu stecken in die Abschiebung der Vergangenheit. Ich könnte den Dämonen auch guten Tag sagen und sie bitten um ein Gespräch. (S. 51)

Dabei geht es um viel mehr als nur darum, was ein Gesicht schön mache (es sei keinesfalls die langweilige Makellosigkeit), warum Diktatoren und Städteplaner die Schönheit hassen und zerstören müssen oder welche Versehrungen aus von Arnims eigener Kindheit in einer gefühlskalten hanseatischen Bankiersfamilie erst heilen mussten, bevor Schönheit für sie überhaupt erfahrbar wurde. Genauso geht die Autorin aber auch den Momenten nach, in denen wir wie taub und stumpf nichts mit der Schönheit anzufangen wissen.

Dann heißt es wieder einmal: […] die schnappenden Krokodile freilassen, die Bruchstellen bloßlegen, vielleicht die Augen leerweinen – und sich vom heilenden Sein der Schönheit in ihrem Jubel und ihrer Traurigkeit, ihrer Stille und eventuellen Widersprüchlichkeit umfangen zu lassen. (S. 70)

Wir erfahren, wo Gabriele von Arnim Schönheit findet. Beim Schwimmen im See, in Bäumen, schöner und wild gemischter Tischdekoration, Wolken und Reisemitbringseln, in Menschen, Gesprächen und Musik. Oder in ihren Vorbildern wie jener alten Frau, die kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag das Singen für sich entdeckt habe. Überhaupt sei das Schöne am Alter:

Wir verändern uns nicht nur mit den Falten, die sich eingraben, sondern auch mit den Fragen, die wir stellen. Wir verstecken uns weniger hinter Antworten. Das Alter ist eine Fahrt aufs offene Meer der radikalen Ehrlichkeit. (S. 38)

Gesten, ein Blumenstrauß, die Amsel im Garten, ein besonderer Steine können Trost sein in einer Welt, in der

Bilderfetzen, Gedankenfragmente, Phantasien, Wirbel, Entsetzen und Hast als Flimmergestöber im Kopf durcheinanderstürzen. (S. 8)

Eine Welt, in der diejenigen, die keine Fragen und komplexen Gedanken ertragen, sich lautstark radikalisieren, in der Sprache und Handlungen verrohen, in der Sexisten, Rassisten und Terroristen ihrer Menschenverachtung freien Lauf lassen.

Ich bin verletzt und fürchte mich, bin beunruhigt und heiter, lebe gern. Alles auf einmal. Alles durcheinander. Suche Trost im Wort, im Bild, im Klang, im Wald. Will Wärme, Nähe, Schönheit, quecksilbrige Gefühle […] Trost dringt ein in tiefere Schichten, in den Raum der Stille in uns, in den wir hineinatmen, bis uns Flügel wachsen. (S. 15)

Jede und jeder wird in diesem Buch andere Stellen anstreichen oder abschreiben, und ich würde sie am liebsten alle hier zitieren:

Man braucht innere Freiheit und die eigene innere Zeit, um jenseits von Klischees und herkömmlichen Normen sehen zu können. Um Schönheit zu finden und zu empfinden. Man braucht den Mut zur Leere in sich. Muss Wahrnehmungsballast abwerfen, der Unrast entkommen sein… (S. 188)

Vielleicht liegt ja wirklich die Schönheit der Zuwendung auch in der Freiheit, die sie dem Gebenden schenkt. (S. 154)

Sie wartete, bis sich der Sturm in ihrem Inneren legte. Als es so weit war, pflanzte sie an den verwundeten Stellen Sonnenblumen. Deborah Levy (geb. 1959)

Mir hat vor allem die implizite Aufforderung gefallen, doch endlich die Augen aufzumachen. Sich seine höchst privaten Ängste einmal freundlich anzuschauen. Sie auszuhalten. Ihnen ihre Masken zu nehmen. Undress your fears. Die Schönheit in der Gegenwart wahrzunehmen und ihren Trost zuzulassen, nicht nur Vor- sondern auch Nachfreude zu empfinden, sich sozusagen Vorräte an Schönheit für schlechte Zeiten anzulegen.

Das Fühlen zu erkunden, ist ein Wagnis und die vielleicht einzige Chance, die wir haben, die Welt zu erkennen und uns darin. (S. 41)

Immer der Tatsache eingedenk, dass Schönheit – und unsere Freude an ihr – vergänglich ist und uns immer auch an unsere Endlichkeit gemahnt.

Wenn ich mich der Schönheit hingebe, kann ich nur getröstet werden, wenn ich auch bereit bin, meine Verletzungen zu fühlen und mich als Sterbliche zu begreifen. So vergänglich zu sein wie die Schönheit: Das ist das Wagnis. Die innere Lebendigkeit macht empfindlich. Dann ist Schönheit Trost und Zumutung. […] Wer Schönheit zu sehen vermag, bleibt nicht unergriffen. […] Sie gibt nicht nur, sie fordert auch, fragt uns, wer wir sind. Oder wer wir sein könnten. (S. 78)

Denn:

Beruhigung und Gefahr kichern gemeinsam, wenn Schönheit uns überfällt. (S. 155)

Alle brauchen wir Trost. Aber so ehrlich sind nicht viele. […] Schönheit erfüllt uns, macht uns demütig, selig, ängstlich, liebend und traurig angesichts der überwältigenden und vergänglichen Fülle. Das wollen viele nicht. (S. 84)

Trost heißt nicht, dass alles gut wird. Trost heißt am Schmerzfluss Ufer bauen, Liegeplätze, an denen man den Kahn anbinden, aussteigen und sich ausruhen kann. (S. 78)

Schönheit erleben heißt Abschied nehmen. (S. 192)

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Fundstück von Ross Thomas

Ich packte meine Tasche aus und mixte mir dann einen Drink. Ich trank ihn auf einem Stuhl, der mit limonengrünem Plastik bezogen war. Es muss auf der Welt noch viel einsamere Plätze geben als ein billiges Motelzimmer nach Mitternacht, aber mir fiel keiner ein. 

Aus: Ross Thomas: Keine weiteren Fragen, Alexander Verlag, Berlin 2021,  S. 134

Die Originalausgabe dieses Krimis von Ross Thomas (1926 – 1995) erschien 1976 unter dem Titel No Questions Asked und wurde für den Alexander Verlag erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt von Henner Löffler und Gisbert Haefs.

Ein spannend und schnörkellos erzählter Noir-Krimi um Philip St. Ives, den professionellen Vermittler zwischen Unterwelt und Gesetz. Dennoch: Vielleicht sind es gerade die Schnörkel, die mir hier fehlen und mir die Charaktere irgendwie bedeutsam oder interessant hätten machen können. Dafür sind dann 247 Seiten doch zu kurz, oder anders ausgedrückt: Es geht einfach wirklich nichts über einen Marlowe-Krimi von Chandler

R. F. Kuang: Babel – An Arcane History (2022)

Doch, doch, hier wird hier noch gelesen, auch wenn das manchmal nicht so aussieht …

Zum Beispiel den historischen Fantasy-Roman Babel, or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators‘ Revolution (2022) von Rebecca F. Kuang. Die enorm erfolgreiche und bereits mit Preisen überhäufte junge amerikanische Autorin wurde 1996 in China geboren. Als sie vier Jahre alt war, wanderte die Familie nach Amerika aus.

Die englische Wikipedia fasst das Wesentliche dieses Ziegelsteins mit über 500 Seiten, den es inzwischen auch in deutscher Übersetzung gibt, kurz und knackig zusammen:

Babel is set in an alternate-reality 1830s England in which Britain’s global economic and colonial supremacy are fueled by the use of magical silver bars. Their power comes from capturing what is „lost in translation“ between words in different languages that have similar, but not identical, meanings. Silver bars inscribed with such ‚match-pairs‘ can increase industrial and agricultural production, improve the accuracy of bullets, heal injuries, and more. To create and harness this power, Oxford University created the Royal Institute of Translation, nicknamed „Babel“, where scholars work to find match-pairs. The plot is focused on four new students at the institute, their growing awareness that their academic efforts maintain Britain’s imperialist supremacy, their debate over how to prevent the Opium War, and the use of violence.

Der undurchsichtige und eiskalte Professor Lovell holt einen kleinen chinesischen Waisenjungen aus Kanton nach Großbritannien. Dieser gibt sich selbst den Namen Robin Swift. Robin soll unter der rigiden Fuchtel des Professors, der sich als sein Vater entpuppt, Griechisch, Latein und Mandarin lernen, um schließlich an dem Oxforder Royal Institute of Translation – von allen nur Babel genannt – zu studieren und zu arbeiten, wobei Babel für die Aufrechterhaltung und Ausweitung des britischen Empire von höchster Bedeutung ist. Das ruft natürlich auch eine geheime Widerstandsorganisation auf den Plan.

Wer mehr zum Inhalt dieser mit Fantasy-Elementen und unzähligen belehrenden (und streckenweise auch ermüdenden) Fußnoten versehenen Harry-Potter-Geschichte wissen möchte, würde ebenfalls auf der englischen Wikipedia fündig.

Viele Kritiker und Kritikerinnen waren hin und weg von dieser in Romanform gegossenen Imperialismuskritik, die man so tatsächlich noch nie gelesen hat. Wie hängen Imperialismus und Rassismus, Sprache und Übersetzung zusammen? Was macht das mit Robin, dem jugendlichen Protagonisten, mit chinesischer Mutter und britischem Vater, der zwischen den Welten balancieren muss, in der neuen „Heimat“ Großbritannien schikaniert und diskriminiert wird, genau dort aber Chancen und Bildungsmöglichkeiten vorfindet, von denen er in China nicht mal hätte träumen können; diese Bildung dann aber wieder zum Schaden seines Herkunftslandes einsetzen soll.

Auf der einen Seite gefiel mir, wie die schiere Begeisterung der Autorin für Sprache, Geschichte, Etymologie und Fragen der Übersetzung geradezu alle Dämme überflutete und ich immer wieder neugierig Namen, Wörter und geschichtliche Begebenheiten recherchierte. Und doch: Einige Wochen nach der Lektüre kann ich mich kaum an die Namen der vier Hauptpersonen erinnern. Der Plot dünn, das Ende fragwürdig, der Bösewicht nur böse, die übrigen Charaktere blass und eher als Variablen in einer Versuchsanordnung angelegt. Unzählige bildungsbeflissene Details, die manchmal nur funktionsloses Name Dropping darstellen. Der didaktische Zeigefinger gegen Rassismus und imperialistische Bestrebungen überdeutlich. Ein Buch ausschließlich für den Kopf. Oder anders ausgedrückt: Vorbildlich recherchierte Details allein machen eine Geschichte nicht lebendig.

Bit by bit London grew to feel less overwhelming, less like a belching, contorted pit of monsters that might swallow him up at every corner and more like a navigable maze whose tricks and turns he could anticipate. He [Robin] read the city. London in the 1830s was exploding with print. Newspapers, magazines, journals, quarterlies, weeklies, monthlies, and books of every genre were flying off the shelves, tossed on doorsteps, and hawked from the corners of nearly every street. He pored over newsstand copies of The Times, the Standard, and the Morning Post; he read, though did not fully comprehend, articles in academic journals like Edinburgh Review and Quarterly Review; he read penny satirical papers like Figaro in London, melodramatic pseudo-news like colourful crime reports and a series on the dying confessions of condemned prisoners. For cheaper stuff, he entertained himself with the Bawbee Bagpipe. He stumbled on a series called The Pickwick Papers by someone named Charles Dickens, who was very funny but seemed to hate very much anyone who was not white. He discovered Fleet Street, the heart of London publishing, where newspapers came off the printing presses still hot. He went back there time and time again, bringing home stacks of yesterday‘s papers for free from piles that were dumped on the corner.

He didn‘t understand half of what he read, even if he could decipher all the individual words. The texts were packed with political allusions, inside jokes, slang, and conventions that he‘d never learned. In lieu of a childhood spent absorbing it all in London, he tried devouring the corpus instead, tried to plough through references to things like Tories, Whigs, Chartists, and Reformers and memorize what they were. He learned what the Corn Laws were and what they had to do with a Frenchman named Napoleon. He learned who the Catholics and Protestants were, and how the (he thought, at least) small doctrinal differences between the two were apparently a matter of great and bloody importance. […]

He read the city, and he learned its language. New words in English were a game to him, for in understanding the word he always came to understand something about English history or culture itself. He delighted when common words were, unexpectedly, formed from other words he knew.  Hussy was a compound  of house and wife. Holiday was a compound of holy and day. Bedlam came, implausibly, from Bethlehem. Goodbye was, incredibly, a shortened version of God be with you. In London‘s East End he encountered Cockney rhyming slang, which initially presented a great mystery … (S. 31/32)

Ilse Helbich: Anderswohin (2022)

Der Droschl Verlag schreibt über den schmalen Band Anderswohin der 1923 geborenen Publizistin Ilse Helbich, der den Untertitel trägt Vom Träumen, Suchen und Finden:

In Anderswohin, verbindet die 98-jährige Ilse Helbich persönliche Erinnerungen, Selbstreflexionen, philosophische Sequenzen sowie protokollierte Gedankengänge.

Mir ging es beim Lesen so wie schon bei der Lektüre ihres autobiografisch gefärbten Werks Das Haus. Damals schrieb ich, dass es eher einzelne Sätze und Abschnitte waren, die mich weiterlesen ließen, weniger der Gesamtzusammenhang, weniger die einzelnen Erinnerungen.

Auch in Anderswohin gibt es Stellen, in denen die 1923 in Wien geborene Publizistin ihre Gedanken zum Altsein, zum Schreiben, zum Einverstanden-Sein oder zum Suchen und Finden eines Sinns so fein und zart und klar und auf den Punkt benennt, dass ich diese am liebsten alle hier zitieren würde.

Protokoll: Die Fragen, auf die ich jetzt keine Antworten habe – oder mir die alten Antworten weggeschmolzen sind. Warum bin ich noch da? So ohne Zweck, ohne Aufgaben, so ohne die Helligkeit von hohen Stunden zwischen den Trübseligkeiten der allstündlichen Mühsal. (S. 5)

Protokoll: Immer, wenn ich über das Gehen, oder über das Träumen, oder das Suchen und Finden schreibe, bin ich zuhause in einer Zone durchsichtiger Klarheit, eine Stunde selbstverständliches Tätig-Sein, ohne Beschränkung, ohne Angst, bei mir zuhause. (S. 9)

Protokoll: In der Frage leben, ohne sie zu lösen. Ein Selbstzitat. Es gibt jedoch bei Rainer Maria Rilke eine Stelle, die lautet: ‚Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.‘ (S. 88)

Protokoll: Sich überlassen? Sich überlassen. (S. 89)

Und die für mich schönste Stelle:

Was habe ich gesucht? Ich weiß es nicht mehr.

Wenn ich die Gefundene sein werde. (S. 73)

Hier ein Interview aus dem Jahr 2021 und hier eine Veranstaltung mit der Autorin anlässlich ihres Buchs Anderswohin, die im Oktober ihren 100. Geburtstag feiert.

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Ernest J. Gaines: A Lesson before Dying (1993)

Schon in der Geschichte A long Day in November (1964) um einen kleinen Jungen und seine Nöte hatte es mir die Menschenfreundlichkeit des mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichneten Autors sehr angetan. Und der Roman A Lesson before Dying (1993) hat mir nun endgültig Ernest J. Gaines auf den Radar geholt, von dem ich jetzt noch mehr lesen möchte. 1994 erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Jeffersons Würde. Das Buch, das mit dem National Book Critics Circle Award for fiction ausgezeichnet wurde, verkaufte sich bisher mehr als zwei Millionen Mal und wurde 1999 verfilmt.

Der in Louisiana aufgewachsene Ernest J. Gaines (1933 – 2019) erzählt hier aus der Ich-Perspektive des jungen schwarzen Lehrers Grant Wiggins, der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts eher widerwillig zurück auf die Plantage gekommen ist, wo schon seine Vorfahren als Erntearbeiter oder Haushaltshilfen der reichen weißen Plantagenbesitzer geschuftet haben. Er unterrichtet an der kleinen Schule für die schwarzen Kinder, die notdürftig in der Kirche der Gemeinde untergebracht ist, und wohnt wieder bei seiner resoluten, aber wortkargen Tante Lou und wartet darauf, dass sich seine Geliebte endlich von ihrem Mann scheiden lassen kann, um mit ihr ein Leben woanders, fernab des alltäglichen Rassismus der Südstaaten führen zu können.

Die Geschichte beginnt damit, dass ein junger Schwarzer namens Jefferson, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, unschuldig zum Tode verurteilt wird, weil er dummerweise zeitgleich mit zwei schwarzen Kleinkriminellen unterwegs war, die einen Laden überfallen und dabei den weißen Ladenbesitzer erschossen haben. Eigentlich wissen alle, dass bei diesem Urteil einer rein weißen Jury kein Recht gesprochen wird, so hatte der Verteidiger auch erst gar nicht versucht, die Unschuld Jeffersons zu beweisen, sondern eher darauf abgezielt, dass Jefferson für einen Raubüberfall viel zu dumm, phlegmatisch und naiv sei. Er könne auf dem Feld arbeiten, Wasser holen, Zuckerrohr schneiden, doch keinen Überfall planen. Ein hirn- und harmloses Schwein würde man doch auch nicht zum Tode verurteilen. Umsonst, die Jury verurteilt ihn einstimmig zur Todesstrafe. Der Zeitpunkt der Vollstreckung werde dann noch mitgeteilt.

Tante Lou und Emma, die Patentante des Verurteilten, kommen ohne viele Diskussionen zu dem Ergebnis, dass Grant als der Gebildetste in der schwarzen Community derjenige sei, der dem zum Tode Verurteilten in den letzten Wochen oder Monaten seines Lebens etwas von seiner Würde zurückgeben und ihn davon überzeugen müsse, eben kein dumpfes Tier zu sein, sondern ein Mann. Davon ist Grant aus später nachvollziehbaren Gründen zunächst wenig begeistert. Seine ersten Besuche im Gefängnis sind wenig Erfolg versprechend, da Jefferson sich bereits aufgegeben hat. Philosophische Gespräche sind auch nicht unbedingt das Mittel der Wahl, um einen Kontakt zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern herzustellen.

Und so muss Grant einen Weg finden zwischen seinem Widerwillen gegen die Aufgabe, seinen eigenen blinden Flecken und der Verzweiflung des Verurteilen. Gleichzeitig muss er zwischen dem rassistischen Sheriff, der nur auf einen Vorwand wartet, Grant die Besuche im Gefängnis verbieten zu können, und dem schwarzen tiefgläubigen Pfarrer lavieren, der entsetzt ist, dass Grant eben nicht vorhat, dem Verurteilten in den letzten Wochen Gott als einzigen Tröster und Helfer anzupreisen.

Mehr zum Inhalt zu sagen, wäre falsch. Das ist ein Leseerlebnis, das man für sich selbst entdecken muss. Nur so viel: Klingt die Thematik bedrückend – und wer bei diesem Buch nicht auch mal schlucken muss, der wäre mir suspekt -, so habe ich die Lektüre insgesamt doch nicht als bedrückend empfunden, dafür sind die Charakterzeichnungen zu menschlich, warmherzig und witzig und unfassbar emphatisch. Die Dialoge lakonisch. Der Roman muss Rassismus und rassistische Strukturen (und die Todesstrafe) nicht laut anprangern und anklagen. Das passiert hier quasi im Vorbeigehen, zwischen und hinter den Zeilen. Und wirkt dadurch umso ergreifender und dringlicher.

Als Grant Geld bei seinen Freunden sammelt, um dem Verurteilten ein kleines Radio kaufen zu können, gibt ihm auch die Café-Betreiberin Thelma zehn Dollar mit den Worten „Here.“

It was the kind of ‚here‘ your mother or your big sister or your great-aunt or your grandmother would have said. It was the kind of ‚here‘ that let you know this was hard-earned money but, also, that you needed it more than she did, and the kind of ‚here‘ that said she wished you had it and didn‘t have to borrow it from her, but since you did not have it, and she did, then ‚here‘ it was, with a kind of love. It was the kind of ‚here‘ that asked the question, When will all this end? When will a man not have to struggle to have money to get what he needs ‚here‘? […] I took the money without looking at her. I didn‘t say thanks. I knew she didn‘t want to hear it. (S. 174)

Hier und hier gibt es weitere Informationen zum Autor, der 2019 im Alter von 86 Jahren verstarb. Teilweise ist der Roman vermutlich von dem Prozess inspiriert wurden, in dem der junge Schwarze Willie Francis 1945 zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet wurde.

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Michael Frank: One Hundred Saturdays (2022)

Michael Frank, selbst preisgekrönter Schriftsteller und Publizist, hatte 2015 das Glück, die damals 92-jährige Stella Levi bei einem Vortrag an der New York University kennenzulernen, bei dem es um Fragen der Erinnerungskultur ging.

Aus diesem Zufallskontakt entstand Jahre später dieses Buch, das auf Deutsch 2023 unter dem Titel Einhundert Samstage – Stella Levi und die Suche nach einer verlorenen Welt erschienen ist, übersetzt von Brigitte Jakobeit.

In den folgenden sechs Jahren trifft Michael Frank die alte Dame an einhundert Samstagen in ihrer New Yorker Wohnung und taucht mit ihr ein in deren Lebensgeschichte. Manchmal dauert es, bis Levi besondere oder besonders schmerzhafte Erinnerungen mitzuteilen bereit ist, die oft genug nicht einmal ihr eigener Sohn kennt. Irgendwann treffen Frank und Levi sich sogar auf Rhodos, wo Stella Levi mit ihrer Familie im jüdischen Viertel aufgewachsen ist.

Lange hat sich Levi, die 1923 geboren wurde, geweigert, ihre Geschichte zu erzählen, da sie sich niemals ausschließlich über ihr Leiden während der Zeit des Nationalsozialismus hatte definieren wollen. Sie wollte gerade nicht von Schulklasse zu Schulklasse tingeln, um dort Vorträge zu halten, da sie ihr langes Leben schließlich auch vor Auschwitz und nach Auschwitz  gelebt habe.

Doch sie erkennt, dass sie allmählich zu den letzten Überlebenden gehört, die überhaupt noch die Geschichte ihrer Herkunft, die Geschichte einer untergegangenen, nein, sinnlos vernichteten Welt erzählen können. Aus diesem Grund wird der Kindheit und der Jugend Stellas ein Drittel des Buches eingeräumt, und das ist wahrlich faszinierend.

Stella Levi wuchs in La Juderia auf, dem alten jüdischen Viertel im Ostteil der Altstadt von Rhodos. Dort lebten sie als die Nachfahren sephardischer Juden, die Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben worden waren. Es ist eine lärmige, eine enge, aber auch liebevolle Welt zwischen Aberglaube, alten Wundermittelchen, strenger Nachbarschaftskontrolle, jüdischen Traditionen und Feiertagen, den ersten Anzeichen der Moderne, zwischen relativer Armut und reichen Verwandten, engen Familienbindungen, Bildungshunger und dem meist friedlichen Neben- und Miteinander verschiedener Sprachen, Religionen und Milieus.

… Stella reminds me that the Rhodes of her youth was undergoing a multifaceted transition toward modernity. While her grandmothers‘ generation was still alive, yes, they continued to respect their beliefs and embrace their treatments, but even then there was an understanding that other choices, other ways, might be called for. (S. 26)

So wird nach dem Tod ihrer Großmutter Sara ihre Tante Tia Rachel rüde von ihrem Bruder zurück ins Haus beordert, als diese den traditionellen Klagegesang vor dem Haus anstimmen wollte.

… it wasn‘t fitting, it was almost unseemly, Mazliah whispered, to have the dead woman‘s daughter standing outside, ululating in public. ‚Not today,‘ Mazliah told his sister. ‚We‘ve moved beyond this sort of thing now.‘ Tia Rachel turned around and sat down, quietly humiliated, and that was the end of los lloros in Stella‘s family … (S. 35)

Ganz selbstverständlich gehen die Frauen der Familie einmal die Woche ins türkische Bad, man picknickt mit griechischen Freunden, zu denen man sein eigenes kosheres Essen mitbringt, und die Kinder sprechen Judäo-Spanisch, Griechisch und lernen Französisch und später auch Italienisch in der Schule. Stella hat zwei Brüder und vier Schwestern, von denen besonders Felicie als intellektuell gilt. Sie liest Thomas Mann und Freud und schämt sich für althergebrachte Heilmethoden und abergläubische Praktiken, doch Levi erklärt, dass vieles davon funktioniert habe bzw. früher einen ganz praktischen Sinn erfüllt habe. Wenn die Großmutter mit dem Kind, das auf der Straße gefallen und sich wehgetan hat, zu genau der Stelle ging und dort Salz auf die Straße streute, dann sei das nicht einfach dumpfes Mittelalter gewesen:

The salt or sugar being thrown down into the street where people fell, or were afraid to fall, and the prayer recited afterwards? This, Stella points out, is connected to the topography of the Juderia and its history. Before the Italians came, before there was electricity, after nightfall, the narrow streets of the Juderia were indeed verifiably dangerous, and people were afraid of falling and not being found until morning, so someone devised a response using the tools at hand (salt, sugar, a prayer). (S. 26)

Schwester Renée hingegen geht noch ganz in den alten Traditionen auf und bestickt mit Hingabe ihre Aussteuer für die Hochzeit mit einem Bräutigam, den sie sich nicht selbst aussuchen wird.

Doch vor allem ist es eine bunte, eine menschliche und quicklebendige Welt.

The Juderia was such an alive place. It was alive with scent, color, taste, movement, sound – so much sound, for so many hours of the day. When Stella wasn‘t sleeping over at Nisso‘s house she would often be awakened even earlier, by the first call to prayer in the morning, which boomed out from the minaret that towered over the mosque nearby. If she drifted back to sleep, and even if she didn‘t, the next thing Stella would hear was the gurgle of coffee being put up downstairs, which was quickly followed by the whisking and mixing and kneading and banging about that started as her mother, or her neighbors‘ mothers, with all their windows and doors flung open to the bright morning light, would get an early start on the day‘s cooking. Next came the housemaids – for those who had them – who while they worked would sing to, and with, one another across the kortijos in Judeo-Spanish […] in a call-and-response that seemed to stand out of time. As the morning advanced, along came the broom-maker hawking his wares, the Turkish vendors with the vegetables and their yogurt. […] Next: the men reciting the morning prayers from the courtyard of the synagogue. After that, and threaded all through the day, singing: as children walked to school and back, as babies were put down for their naps, as young people gathered, and as women cooked or, later, as they embroidered deep into the night. (S. 30-31)

Stella erzählt nicht nur vom Frauen- und Männerbild, von der Nahrungszubereitung, ihren ersten Freundschaften zu Männern, den sich ändernden Trauerritualen, sondern auch vom nachbarschaftlichen Zusammenhang und den verwandtschaftlichen Beziehungen (bei denen ich schon früh den Überblick verloren habe).

Bemerkenswert fand ich dabei, dass es schon immer Verwandte und Bekannte gab, die außerhalb Europas ihr Glück gesucht haben. Stellas Bruder Morris wanderte zwei Jahre vor Stellas Geburt mit Verwandten nach Amerika aus. Über einen Heiratsvermittler wird Selma, ihre ältere Schwester, mit einem Mann in New York verheiratet, der ihr gerade einmal bis zur Schulter reichte. Und ihr Bruder Victor verließ Rhodos 1939, um nach Belgisch-Kongo auszuwandern. Schwester Felicie schafft es 1940, mit dem letzten Dampfer von Rhodos aus nach Amerika zu flüchten.

Noch unter italienischer Besatzung nimmt die antisemitische Gesetzgebung Fahrt auf. Stellas Vater, der als Kaufmann gearbeitet hat, wird quasi enteignet und De Vecchi lässt den Jahrhunderte alten jüdischen Friedhof verlegen, um Platz für einen öffentlichen Park zu schaffen. 1938, Stella ist 15 und eine Musterschülerin, wird jüdischen Kindern der Schulbesuch untersagt. Eine traumatische Erfahrung, die auf ihr ganzes weiteres Leben abfärbt. Einer Schulklasse erklärt sie später:

It would take you a lifetime to understand what that meant to your sense of who you are, what you deserve in life. I am what I am today because of what happened to me in 1938. I took it very personally. It felt like my family and I were being treated like animals – animals don’t need to work or study, do they? (S. 76)

Einige couragierte italienische Lehrer bieten noch ein paar Jahre Nachmittagsunterricht für interessierte jüdische Schüler und Schülerinnen an. Doch trotz aller Einschränkungen und selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Herbst 1943 können oder wollen sich die meisten Juden nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Im Frühjahr 1944 beginnen die britischen Bombardierungen der Insel.

Doch die Nazis halten ihre Vernichtungsmaschinerie nicht an. Am 19. Juli 1944 sollen sich die jüdischen Männer einfinden, am nächsten Tag die Frauen einschließlich all ihrer Wertgegenstände. Täten sie das nicht, würden die Männer erschossen.

‚We still – still – had no idea why they were collecting us,‘ Stella says. ‚We thought they were taking us to a camp, maybe another island, to work. And that we would need money to pay for our food. It‘s amazing how the human mind tries to make sense out of —‘. She pauses. ‚Anyway we did as we were told. We went home, and we packed our bags. (S. 115)

Am Morgen des 23. Juli, einem Sonntag, lassen die Nazis die Sirenen heulen, die vor einem Luftangriff warnen, damit sich niemand auf die Straße traut. Die über 1.700 Juden von Rhodos werden durch die Stadt getrieben, auf Boote verfrachtet und auf entsetzliche Art und Weise dann später mit Zügen nach Auschwitz gebracht. Über 90 Prozent werden die Lager nicht überleben.

Die Frage, wie es möglich war, dass innerhalb nur weniger Tage eine Handvoll SS-Offiziere die komplette jüdische Bevölkerung identifizieren, zusammentreiben und verschiffen konnte, ließ sich nach Durchsicht der Aktenberge klären, die Jahrzehnte später, nämlich 2011, in der Polizeistation von Rhodos entsorgt werden sollten, um Platz zu schaffen. Historiker konnten nach diesem Fund nachweisen, dass die italienischen Behörden nach polizeilicher Aufforderung bereits im April eine Liste aller Juden auf Rhodos angefertigt und diese Liste an die Deutschen weitergeleitet hatten. Es gab auf anderen griechischen Inseln auch Proteste und Solidarität mit den Juden, die man beispielsweise versteckte oder mit gefälschten Papieren ausstattete, doch nicht auf Rhodos.

Stella Levi erzählt auch von ihrem Erleben in Auschwitz, dem herzzerreißenden Erkennen, dass ihre Eltern, Onkel und Tante vergast worden sind, ihrem Überlebenswillen, den traumatischen Erlebnissen und dem Glück, dass sie und ihre Schwester Renée überlebt haben, dem endgültigen Verlust der Heimat und dem langen Warten auf gültige Papiere in Italien, dessen Staatsbürger sie ja noch waren, bis sie endlich zu ihren Geschwistern in die USA reisen konnten. Frank zeichnet dabei ebenfalls den beruflichen und privaten Lebensweg dieser beeindruckenden und hellwachen Frau bis ins hohe Alter nach, doch der Schwerpunkt liegt auf ihrer Jugendzeit und den Erfahrungen während des Krieges.

Ein Buch, das – das schreibt sich so leicht und ist doch so bedeutsam – den Jüdinnen und Juden auf Rhodos ein Denkmal setzt, das uns eine Welt zeigt, die die Nazis vernichtet haben, und das uns sehr schlicht und gänzlich unpathetisch mahnt.

Mich beunruhigt es zutiefst, dass wir wieder Politiker in unserem Land haben, die alles tun, um derlei Menschenverachtung und völkische Herrenmenschenfantasien wieder an die Macht zu bringen, und dass wir Wähler und Wählerinnen haben, die genau das wollen und gutheißen. Oder in Stellas Worten:

In the end we are all similar, everyone with differences and defects. What‘s essential is to value humanity. (S. 199)

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In Lärbro auf Gotland in Schweden wurden seit 1942 in einem Kriegslazarett auch Opfer des Nazi-Regimes und Überlebende aus Auschwitz behandelt. Nicht alle konnten gerettet werden. Und so finden sich – ungewöhnlich für einen christlichen Friedhof – auch neun jüdische Gräber auf dem Friedhof an der Kirche.

Robert Cedric Sherriff: The Fortnight in September (1931)

Anlässlich der neuen deutschen Übersetzung des Romans von R. C. Sherriff (1896 – 1975) von Karl-Heinz Ott, die im Juni 2023 unter dem Titel Zwei Wochen am Meer im Unionsverlag erschienen ist, gibt’s heute mal einen Post aus dem Archiv:

The Fortnight in September ist eines dieser nur auf den ersten Blick unspektakulären, ja fast biederen Bücher, die sich dann auf leisen Sohlen zu ihrem Platz im Regal der Lieblingsromane schleichen. Doch von vorn:

On rainy days, when the clouds drove across on a westerly wind, the signs of fine weather came from over the Railway Embankment at the bottom of the garden. Many a time, when Mrs. Stevens specially wanted it to clear up, she would look round the corner of the side door and search along the horizon of Railway Embankment for a streak of lighter sky.

Schon seit 20 Jahren – immer im September – fahren Mr und Mrs Stevens mit ihren drei Kindern für 14 Tage in die gleiche Pension ins britische Seebad Bognor. Also tägliche Spaziergänge auf der Strandpromenade, Musikpavillions, Jahrmarktsrummel, vormittägliches Baden, gutes Essen, das ganze Programm.

Und bei einem dieser Familienurlaube und den dazu notwendigen Vorbereitungen – schließlich muss der Kanarienvogel bei der Nachbarin untergebracht, die Versorgung der Katze sichergestellt und der Gepäcktransport zum Bahnhof organisiert werden – begleiten die Leserinnen und Leser die Familie.

Die ängstliche Mrs Stevens, schon eine belebte U-Bahn-Station ist ihr ein Graus, gewinnt im Laufe des Buches am wenigsten Kontur. Noch nicht einmal ihre Familie weiß, dass ihr die abendliche Stunde im Urlaub die liebste ist, die sie nach dem Abendessen allein mit ihrem – natürlich rein medizinischen – Glas Portwein und einer Handarbeit verbringt.

Und während der zehnjährige Ernie nach einem langen Strandtag schon tief und fest schläft, bummeln die beiden wesentlich älteren Geschwister Dick und Mary noch ein wenig durch den Küstenort. Die beiden sind seit kurzem berufstätig, wohnen aber noch zu Hause, doch alle ahnen, dass die Zeit der gemeinsamen Familienurlaube sich allmählich dem Ende zuneigt.

Mr Stevens, der sich vom Laufburschen zum Angestellten hochgearbeitet hat, ist ein liebevoller Familienvater, zwar ein wenig pedantisch und alles akribisch planend, dabei aber immer darauf bedacht, dass jedes Familienmitglied im Urlaub seinen Interessen nachgehen kann, und so verfügt er, dass alle zwei Tage jeder seinem eigenen Tagesprogramm folgt, damit man sich nicht gegenseitig auf die Nerven fällt und, wenn die Familie wieder zusammenkommt, auch etwas zu erzählen hat. Die Abende beschließt er mit einem Bier in seinem Lieblingspub.

Klingt das unspektakulär? Fast ein wenig hausbacken? Ja, sicherlich, und doch hat das Buch – neu aufgelegt in der elegant-grauen Reihe der Persephone Books – einen ganz eigenen Reiz.

Der Erzähler lässt seinen Figuren ihre Durchschnittlichkeit, ihre Begrenzung und manchmal ist es auch des Auktorialen ein wenig zu viel. Dennoch mochte ich sehr, wie die unbändige, fast naive Freude an 14 Tagen Urlaubsfreiheit spürbar und nachvollziehbar wurde. Wie sehr die fünf diese Zeit als Familie genossen und alle kleinen und großen Aufregungen gemeinsam gemeistert und besprochen haben.

Mr Stevens hat beispielsweise das Ritual, einen Tag im Urlaub ganz allein eine lange Wanderung zu unternehmen, in der er seine Vergangenheit, seine Ehe und im Besonderen das vergangene Jahr Revue passieren lässt. Das richtet ihn wieder aus und versöhnt ihn mit Enttäuschungen und geplatzten Hoffnungen.

Der Horizont der „kleinen Leute“ mag eng sein, so wie metaphorisch schon der Eisenbahndamm am Ende des Gartens die Sicht versperrt, und die Stevens mögen sich durchaus durch Reichtum und selbstsicheres Auftreten anderer beeindrucken und auch einschüchtern lassen; dennoch wird deutlich, dass sie Arroganz und moralische Leere durchschauen und stolz auf ihre Familie sind.

Der Haupteindruck, der von der Lektüre zurückbleibt, ist der, dass Sherriff ein freundliches Buch geschrieben hat. Das ist weder platt noch Heile-Welt-Idylle, aber ein freundliches, ein menschenfreundliches Buch.

Und letztendlich gilt es doch für uns alle, was Mr. Stevens am letzten Abend  durch den Kopf geht:

The first evening came back to him very clearly as he sat in the armchair to finish his pipe before going up to bed. He had known on that first night how quickly the holiday would slip away, and had pictured himself as he would be sitting on the last evening, looking back with mingled pleasure and sadness. (S. 319)

Das Buch war damals ein unglaublicher Überraschungserfolg, wurde auch von der Kritik begeistert aufgenommen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien 1933 in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel Badereise im September.

Walter Benjamin hat damals den Roman besprochen und sah in ihm besonders die Fähigkeit der „kleinen Leute“ verkörpert, sich ihren Alltag durch kleine Fluchten und Tagträumereien erträglich zu machen, eine recht herablassende Haltung, wie  mir scheint.

Fast 90 Jahre nach der Ersterscheinung, im Frühjahr 2020, bat der Guardian renommierte Schriftsteller und Schriftstellerinnen um Lektüretipps, mit denen man sich die Pandemie ein wenig erträglicher machen könne. Kazuo Ishiguro empfahl – wie schön – A Fortnight in September.

Hier lang zu einem Interview mit Karl-Heinz Ott, der das Buch ins Deutsche übersetzt hat, auch wenn sich darin leider kein Hinweis auf die alte deutsche Übersetzung von 1933 findet.

Hier gibt es eine Besprechung von Meike Albath auf der Seite des Deutschlandfunks.

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Nita Prose: The Maid (2022)

The Maid, das bereits millionenfach verkaufte Debüt der Lektorin Nita Prose, ist nicht der erste Krimi, der aus der Sicht einer leicht autistischen Hauptfigur erzählt wird, aber mal wieder einer, den ich kaum aus den Händen legen mochte und der inzwischen auch auf Deutsch erhältlich ist.

Die junge Molly, 25, sagt selbst über sich:

I think it‘s because I have difficulty interpreting expressions that I‘m the last person anyone invites to a party, even though I rather like parties. Apparently, I make awkward conversation, and if you believe the whispers, I have no friends my age. To be fair, this is one hundred percent accurate. I have no friends my age, few friends of any age, for that matter. (S. 9)

Molly ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, an der sie sehr gehangen hat. Gran hat alles dafür getan, dass Molly ein weitgehend normales und selbstbestimmtes Leben führen kann, hat ihr einen intakten moralischen Kompass mitgegeben und erklärt, was verschiedene Gesichtsausdrücke und Reaktionsweisen der Mitmenschen bedeuten können und ihr auch den Job im Hotel besorgt. Doch vor neun Monaten ist Gran gestorben und die junge Frau muss sich nun allein in ihrer kleinen Welt zurechtfinden. Einziger Halt dabei ist ihre Arbeit als Zimmermädchen im edlen Regency Grand Hotel. Sie liebt diese Arbeit innig, kommt sie doch ihrem schon manchmal zwanghaften Bedürfnis nach Ordnung, Sauberkeit, Routinen und klaren Abläufen entgegen. Außerdem werden Zimmermädchen quasi nie wahrgenommen und das enthebt Molly von dem Problem, dass sie selten weiß, ob ihre Reaktionen  und Kommentare angemessen wären. Gleichzeitig ist sie eine gute Beobachterin, kein Detail – und sei es eine schiefe Franse – entgeht ihr.

Doch dann passiert etwas ganz und gar Unvorhergesehenes: Molly entdeckt den unsympathischen und schwerreichen Hotelgast Mr Black, mit dessen wesentlich jüngerer Frau sie ab und an gesprochen hat, mausetot in seiner Suite. Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um den attraktiven Barkeeper, dessen oberflächlichem Charme Molly zunächst wenig entgegenzusetzen hat und der keinerlei Skrupel zeigt, Mollys Anständigkeit für seine Zwecke einzuspannen. Und wie könnte es anders sein; die Kommissarin findet Mollys Verhalten ausgesprochen verdächtig. Doch so allein in der Welt, wie Molly dachte, steht sie dann gar nicht, und mit Hilfe dieser unerwarteten Freunde geht sie daran, ihre Unschuld zu beweisen und die Grenzen ihrer Welt auszuweiten.

Manchmal möchte man gern mit und auch über Molly lachen, wenn sie anderen in ihrer ganz eigenen und unverwechselbaren Art die Leviten liest, und dann wieder bleibt einem das Lachen im Halse stecken, zum Beispiel wenn Molly sich daran erinnert, wie sie als Kind lieb und voller Vertrauen der Welt gegenüber, in der Schule gequält wurde.

Das Ganze liest sich charmant und ausgesprochen menschenfreundlich und dennoch nicht oberflächlich oder hohl. Und spannend ist es obendrein. Man könnte sagen, Molly putzt und schleicht sich unauffällig, aber unaufhaltsam in die Leser*innenherzen. Hier ein paar begeisterte Auszüge aus renommierten Rezensionen.

Und überhaupt: Wie oft nehmen wir eigentlich andere Menschen wirklich wahr?

I am your maid. I‘m the one who cleans your hotel room, who enters like a phantom when you‘re out gallivanting for the day, no care at all about what you‘ve left behind, the mess, or what I might see when you‘re gone. […] When I‘m done with my work, I leave your room pristine. Your bed is made perfectly, with four plump pillows, as though no one had ever lain there. The dust and grime you left behind has been vacuumed into oblivion. Your polished mirror reflects your face of innocence back at you. It‘s as though you were never here. It‘s as though all of your filth, all of your lies and deceits, have been erased. I am your maid. I know so much about you. But when it comes down to it: what is it that you know about me? (S. 1)

Der zweite Band um Molly soll 2023 unter dem Titel The Mystery Guest erscheinen und die Verfilmung von The Maid ist bereits geplant.

Penelope Mortimer: Bevor der letzte Zug fährt (OA 1958)

Wer einen – bedrückenden – Blick in ein vermutlich nicht so seltenes Frauenleben Mitte der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts werfen möchte, ist mit Penelope Mortimers Roman Bevor der letzte Zug fährt gut bedient. Das Buch erschien im englischen Original 1958 unter dem Titel Daddy‘s Gone A-Hunting und wurde nun in einer ansprechenden Ausgabe vom Dörlemann Verlag herausgebracht, erstmals ins Deutsche übersetzt von Kristine Kress.

Erzählt wird die Geschichte der Zahnarztgattin Ruth Whiting, die mit gerade einmal 37 Jahren spürt, dass es aus ihrem wohlsituierten Vorstadtleben im Grunde kein Entkommen mehr gibt: Ehemann Rex kommt von seiner Arbeit in London nur an den Wochenenden nach Hause, die zwei Söhne sind im Internat und Tochter Angela studiert in Oxford. Ruth geht shopping, ist dabei finanziell völlig abhängig von ihrem Mann, es gibt belanglose Treffen mit den anderen Frauen in der Nachbarschaft mit dem üblichen boshaften Klatsch und Tratsch, wirkliche Interessen hat man nicht, und falls man doch intelligent und sensibel genug ist, sich beim dem oberflächlichen Geschwätz auf den Partys zu langweilen, behält man das besser für sich oder entwickelt auf Dauer nervöse Ängste.

Wie kleine Eisberge halten alle [die Frauen] ein helles, strahlendes Gesicht über Wasser, doch unter der Oberfläche, viele Faden tief getaucht in Müßiggang, verbirgt jede ihre eigene, vereinsamte Persönlichkeit. Einige sind glücklich, einige vergiftet von Langeweile, einige trinken zu viel, und einige sind, unterhalb der Demarkationslinie, leicht verrückt; manche lieben ihre Ehemänner, und manche gehen an Lieblosigkeit ein; ein paar wenige haben Talent, so unbrauchbar für sie wie ein gelähmtes Körperglied. Ihre Freundschaften, die so offen und heiter wirken, sind glühend und kurzlebig, und verwandeln sich schnell in Bosheit. Zusammengeschlossen könnte ihre Energie eine Revolution auslösen, halb Südengland mit Strom versorgen… (S. 44)

Ruth geht es immer schlechter, die Liebe zu ihrem Mann – falls je vorhanden – ist längst weg.

Das erste Stadium des Albtraums ist der Verlust der Fähigkeit, etwas für belanglos zu halten. Das Bewusstsein ist bis zu dem Punkt geschärft, an dem nichts mehr banal ist, sondern jeder Augenblick, jedes Detail denselben unerträglichen Schrecken hat. (S. 75)

Rex vertreibt sich die Zeit mit Liebschaften, dem Aufrechterhalten der bürgerlichen Fassade und lässt seinen kalten Zorn darüber, dass er Ruth heiraten „musste“, weil diese mit 18 „trächtig“ war, zumindest verbal rücksichtslos an ihr aus. Er verachtet Ruth, so als sei die frühe Heirat aufgrund Ruths Schwangerschaft ausschließlich die Schuld seiner Frau gewesen. 

In all den Jahren ihrer Ehe – ein langer Krieg, in dem ein Angriff, so er nicht erfolgte, stets drohte – hatte sie eine meisterhafte Geschicklichkeit erworben. Verletzungen konnten vermieden, dem Unglück entkommen werden, indem man weglief. Gefühle von Schuld und Feigheit wurden überwunden mit Hilfe von Träumen, Spielen und dem sanften Klang ihrer eigenen Stimme, die sie beriet und tadelte, wenn sie im Haus herumwirtschaftete. […] Sie war immer noch jung und ihr nach außen gewöhnliches Leben erfüllt von tiefer Fantasie und voller Verstecke – unter den gleichförmigen Tagen befand sich ein Irrgarten aus Heimlichkeit und List und Hoffnung. (S. 13)

Dann droht sich Ruths Schicksal in dem ihrer 18-jährigen Tochter Angela zu wiederholen. Auch sie wird ungewollt schwanger von einem Mann, von dem man nicht so richtig weiß, warum sie überhaupt mit ihm geschlafen hat. Ruth, obwohl ihr eigentlich längst jede Eigeninitiative abhanden gekommen bzw. von Rex unterdrückt worden ist, versucht nun, Wege zu finden, damit Angela halbwegs sicher abtreiben kann, obwohl das illegal ist. Nicht nur, weil sie weiß, dass Rex, sollte er von der Schwangerschaft erfahren, ihre Tochter verstoßen würde, sondern auch, damit Angela ihren Weg finden kann, ohne vorschnell in einer lieblosen Hausfrauenehe festzustecken. 

Denk nicht darüber nach, ob du das Richtige getan hast. Nichts ist richtig. Das Schlimmste ist, zu viel zu erwarten und nicht zu wissen, nicht erklärt zu bekommen, warum man so wenig kriegt. In Liebe wahrhaftig sein, ist richtig. (S. 280)

Heimlich eine Lösung zu finden ist alles andere als einfach, zumal sie sich, stärker als Angela, bewusst ist, dass bei einer Abtreibung unwiderruflich ein Leben zerstört wird. 

Mortimer schafft es, Ruths Beklemmung, ihre Hoffnungslosigkeit, ihren unterdrückten Sinn für Humor und ihr nach außen hin unsichtbares Aufbäumen geradezu schmerzhaft zu sezieren. Die Kosten, die von dem einzelnen zu tragen sind, wenn die Gesellschaft das Einhalten bestimmter Rollenbilder – von Mann und Frau – verlangt. Kosten, die auch die nächste Generation noch spürt.

Das ganze Leben ist eine ewige Vorbereitung auf gar nichts. Steck Fähnchen in die Häppchen, inspizier die Vorratskammer, leer die Aschenbecher aus; halt alles in Ordnung, geh zur Maniküre, schick kleine Botschaften den kurzen Weg durchs Telefon. Wenn du dich bewegst, rascheln alte Einkaufslisten wie abgestorbene Blätter; wenn du still sitzt, lauert der Terror verrinnender Zeit. Du musst weitermachen. Du rennst hinter den hohen Mauern herum. (S. 87)

Gleichzeitig ertappte ich mich öfter bei dem Gedanken, ja, ich hab das jetzt verstanden, ihr Mann Rex ist ein Ekel, Ruth hat resigniert, wird ein Leben lang dafür bezahlen, dass sie mit 18 mit dem falschen Mann geschlafen hat. Für mich hätte die Story besser als Erzählung funktioniert. So war es allem Drumherum, allen Nebencharakteren und der passenden Sprache zum Trotz manchmal auch ein arg langer Weg durch diese 300 Seiten.

Sie fühlte sich besiegt und geschlagen und alt. Irgendwo jenseits dieses verrauchten Raums mit seinen Krümeln und sterbenden Pflanzen, den flotten Kleidern vollgestopft mit alternden Körpern, der Intimität und Boshaftigkeit, irgendwo da draußen war die Welt. Schiffe fuhren herum, Jollen segelten in einer Bucht, und Kanus glitten einen Fluss entlang; Schwarze nahmen am Mittagstisch Platz, und Soldaten lagen in Schützengräben, Giraffen fraßen die Wipfel von Bäumen. Waren sie vielleicht alle tot, ohne es zu wissen? (S. 60)

Aber, und es ist ein großes Aber: Hinter Ruths scheinbar zeitgebundenen Fragen lauern Fragen, die heute möglicherweise kein bisschen einfacher zu beantworten sind. 

Aber wie soll ich mit mir zurechtkommen? Was soll ich mit mir mein Leben lang anfangen? […] Aber was ist, wenn da kein anderer ist, den ich lieben, bemitleiden oder loben kann? Wenn niemand von mir weiß, sich an mich erinnert, wenn ich für niemanden wichtig bin? (S. 145)

Hier noch ein interessanter Artikel zur Autorin.

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Fundstück von Ewald Frie

Ich konnte weit vor der Einschulung lesen und schreiben. Ich verschlang alle Bücher in unserem Vitrinenschrank. Die Frakturschrift einiger Bibelausgaben betrachtete ich eher als sportliche Herausforderung denn als Hindernis. Dann nahm ich mir die Bestände der Katholischen öffentlichen Bücherei vor. Meine Mutter legte eine Obergrenze an Büchern fest, die ich pro Woche lesen durfte. Sie war in Sorge um meine Gesundheit. [… Meine Geschwister] beschwerten sich, ich würde nur deswegen so viel lesen, weil ich zu faul zum Arbeiten sei. […] Immerhin führte mein Lesepensum dazu, dass ich ohne erkennbare Anstrengung mit guten Noten durch die Schule kam. Außerdem konnte ich Theater spielen, lange Gedichte aufsagen und bei Familienfesten den Conferencier geben. In den Augen meines Vaters waren das lauter schöne und beeindruckende, aber auch völlig nutzlose Fähigkeiten. Die üblichen Haus- und Hofarbeiten machte ich nicht gut. Außerdem hatte ich Angst vor Tieren. Nach dem Abitur gab er mir den Ratschlag, reich zu heiraten. Wahrscheinlich konnte er sich einfach keinen Ort vorstellen, an dem meine Fähigkeiten gebraucht würden.

Aus: Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben, C. H. Beck 2023, S. 151

Christopher Huang: Unnatural Ends (2023)

Seit 2019, als ich von dem Kriminalroman A Gentleman‘s Murder von Christopher Huang (2018) hin und weg war, habe ich auf das nächste Buch des Autors gewartet. Und nun – nach der Lektüre von Unnatural Ends – frage ich mich, ob es nur meine Erwartungen waren, die enttäuscht wurden, oder ob sich Huang hier doch verhoben hat.

Kurz zum Inhalt: Familienpatriarch Sir Lawrence Linwood wird im April 1921 von seiner Frau ermordet aufgefunden. Die Beisetzung ruft seine drei erwachsenen Adoptivkinder zurück ins heimatliche Herrenhaus Linwood Hall in Yorkshire, als da wären Alan, seines Zeichens Archäologe, seine Schwester Caroline, Journalistin in Paris, und Roger, Autofan und Ingenieur. Bei der Testamentsverlesung dann die Überraschung: Die Kinder sollen jeweils ein Drittel des Erbteils bekommen, doch falls sein Tod auf ein Verbrechen zurückzuführen sei, solle das Kind Alleinerbe des Linwoodschen Anwesens und Vermögens sein, das den Mord aufklärt.

Besonders überrascht sind Roger, Caroline und Alan über diese Klausel nicht, denn ihr Vater hat sie von klein auf auf Konkurrenzdenken und das rücksichtslose Verfolgen ihrer Ziele getrimmt. Gefühle galten als schwächliche Sentimentalität, die es möglichst auszumerzen galt, wobei sich Rebecca Linwood, die Mutter, in die Erziehung der drei adoptierten Kinder niemals eingemischt hat.

Zunächst gehen die drei Geschwister tatsächlich getrennt voneinander verschiedenen Spuren nach, während die Polizei immer irgendwo hilflos und ziemlich funktionslos im Dunklen herumtappt.

An der Ausgangslage für diesen Krimi, der – abgesehen von den Rückblenden in die Kindheit der Geschwister – 1921 spielt, lag es trotzdem nicht, dass das mit viel Zeitkolorit angereicherte Buch nur bedingt für mich funktioniert hat.

Dass die drei jungen Menschen emotional quasi unbeschadet aus ihrer Kindheit hervorgegangen sind, ist schlicht unrealistisch. Zwar wird der alptraumhafte väterliche Einfluss auf sie, ihr Bestreben, sich selbst als Erwachsene noch seinem Diktat zu beugen und seine Werte hochzuhalten, immer wieder behauptet, doch in ihrem Tun zeigen die Geschwister, dass sie sich längst davon emanzipiert haben.

Roger, Alan und Caroline, aus deren personaler Perspektive abwechselnd erzählt wird, klingen leider alle gleich, was besonders dann ein Problem ist, wenn dreimal die gleiche Situation geschildert wird, wie beispielsweise ihre Ankunft im Dorf Linwood Hall.

There were better reasons for coming home, Alan supposed, than Father‘s funeral. Standing on the platform of the Linwood Hollow railway station, he waited until the train had chugged its way around the bend, then turned towards the village before taking a deep breath of the crisp Yorkshire air. He held it in his lungs, letting Yorkshire diffuse into his being, then expelled the air  and, with it, all his previous cares. (S. 9)

Die vielen Wiederholungen – mit denen beispielsweise das „exotische“ Aussehen von Caroline und Roger betont wird – wirken redundant und bemüht. Da hätte viel straffer erzählt werden können und müssen. Hin und wieder verliert sich Huang in langen, langen Beschreibungen. Wenn‘s tragisch wird, beginnt ein heftiger Sturm. Das wirkte hier nicht immer echt.

Und dann die logischen Löcher. Wird in einem Mordfall tatsächlich erst so spät das Konto des Opfers unter die Lupe genommen? Was macht die Polizei überhaupt? Wieso wissen die drei Geschwister nicht, wie viele Kinder der Anwalt der Familie hat, wenn dieser doch seit Jahrzehnten für alle Angelegenheiten der Linwoods zuständig ist? Woher bezieht der Mörder seine Informationen?

Der Krimi wirkt wie eine unglückliche Kombination aus einem Schauerroman und einem Golden Age-Krimi. Und auch wenn die philosophische Grundidee interessant – und äußerst beklemmend – ist und weit über dem Durchschnitt vieler anderer Krimis liegt, hier ist mir zu viel Gothic Grusel; die Auflösung habe ich lange vor dem Ende geahnt und am Ende geht mir das Leiden einer Romanfigur, verursacht vom komplett eindimensional geschilderten Schurken, näher als die ganze übrige Handlung.

Fazit: Lest A Gentleman‘s Murder. Gibt es auch auf Deutsch und ist richtig gut.

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben (2023)

Dass ich mal freiwillig und gern ein ganzes Buch über Landwirtschaft lesen würde, hätte ich auch nicht gedacht, aber Ewald Frie (*1962) hat zwei seiner biografischen Umstände einfach cool kombiniert.

Zum einen ist Frie Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen und zum anderen entstammt er einer alten münsterländischen Bauernfamilie, die sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Was lag also näher, sowohl als Wissenschaftler als auch als Bauernkind, das noch zehn Geschwister hat, dem Phänomen nachzugehen, dass uns das bäuerliche Leben mit seinen ganz eigenen Werten und Spielregeln immer fremder wird.

Ich erzähle eine Geschichte, in die ich selbst verstrickt bin. Das ist schwierig. Ich weiß mehr, als ein Fremder wissen könnte. Aber ich bin voreingenommen. Und ich werde nicht alles erzählen, was ich weiß. Schließlich will ich mit meinen Geschwistern weiterhin Feste feiern und Doppelkopf spielen. (S. 16)

Das Ergebnis Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben verkauft sich nicht nur richtig gut, sondern hat dann gleich den Sachbuchpreis 2023 gewonnen.

Und auch ich, deren einzige Verbindung zur Landwirtschaft die dürftige Tatsache ist, dass meine Oma aus einer kleinen und eher ärmlichen Bauernfamilie kam, habe die 190 Seiten, randvoll mit auf den Punkt gebrachten Informationen, mit großem Interesse gelesen. Das ausgesprochen kurzweilige Buch beleuchtet einen gesellschaftlichen Wandel, dessen Folgen uns – trotz ekliger Massentierhaltung mit seinen Auswirkungen auf Klima und Umwelt und lächerlich geringen Preisen für Lebensmittel – vermutlich noch gar nicht genügend bewusst sind; ein Wandel, der sich hier sowohl in seinen positiven als auch negativen Folgen anschaulich verfolgen lässt.

Alle meine Geschwister haben nach den Maßstäben ihrer Zeit die Schule gut überstanden und wurden beruflich erfolgreich. Mein ältester Bruder hat die Veränderung der ländlichen Welt mitgestaltet. Wir anderen haben sie verlassen, ausgestattet mit der neuen Währung, die nicht mehr Vieh und Land, sondern Bildung hieß. Die meisten von uns haben studiert. Ich bin der Einzige, der die Universität nicht hat verlassen können. Mit meiner professionellen Kompetenz als Historiker blicke ich auf meine Geschwister und mich selbst. Ich verstehe uns als Tor zu einer Geschichte der Bundesrepublik. Ich erzähle sie aus transkribierten Interviews, die ich im Sommer 2020 geführt habe. (S. 15)

Der elterliche Hof der Fries lag zwei Kilometer vom Dorf Nottuln entfernt; dort gab es Arztpraxis, Einzelhandel, Landhandel, Freibad und Wochenendkino.

All das war beeindruckend, aber nichts davon war Alltag. Um ins Dorf zu fahren, musste es Gründe geben. Soziale Verbindungen gehörten bis in die 1960er-Jahre für Bauernfamilien wie uns eher nicht dazu. Das Dorf war ein Ort der kleinen Leute, zu denen Bauernfamilien wie wir sich nicht zählten. (S. 21)

Doch spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich das Dorfgefüge durch die Ankunft vieler Flüchtlinge. Besonders die protestantischen Flüchtlinge hatten es schwer. Im Kommunionunterricht wurde vor Kontakten mit evangelischen Kindern gewarnt.

Auf dem Schulhof wurde ein Seil gespannt (vielleicht auch ein Kreidestrich gezogen, die mündliche Überlieferung ist nicht eindeutig), um Kontakte mit Andersgläubigen zu unterbinden. (S. 23)

Der Dienstleistungssektor wurde – genau wie die Orientierung an der Universitätsstadt Münster – stärker. Familien zogen zu. Hallenbad, Freibad und Tennisplätze wurden gebaut. Die Landhandwerker verschwanden, die Strumpffabrik, die es seit den 1880er-Jahren gegeben hatte, brannte ab.

Auf dem Fabrikgelände entstanden eine Bushaltestelle und ein Supermarkt. (S. 24)

Die 1950er-Jahre waren eine gute Zeit für den Hof, hatte doch der Vater als passionierter Rinderzüchter besonderen Erfolg mit einer seiner Kühe, die auf der Westfalenschau 1950 in Hamm einen Preis erhielt.

Züchter waren eine Macht im Münsterland der 1950er-Jahre. Einerseits unter den Bauern. […] Die Züchter waren aber auch gesamtwirtschaftlich wichtig. (S. 35)

Hier erläutert Frie auch das fachliche Drumherum der Männerwelt der Züchtervereine mit Stallbüchern, Milchleistungsprüfung, dem monatlichen Zuchtviehmarkt, der über Gewinn und Verlust entschied (der teuerste Bulle in der ersten Klasse wurde 1961 für 25.000 Mark verkauft), und Milchkontrolleuren wie „Onkel Schürmann“.

Er durfte in unserem Fremdenzimmer an einem richtigen Schreibtisch sitzen, auf dem auch das Telefon stand, und seine Einträge machen. Wenn er spät kam, übernachtete er bei uns und bekam morgens ein anständiges Frühstück. (S. 34)

Frie befragt seine Brüder u. a. nach dem, was für sie „richtige Maloche“ gewesen sei, z. B. dem knochenharten Job des Ställe-Ausmistens und dem anschließenden Verteilen des Mists auf den Feldern.

Zwischen 1949 und 1960 verschwanden die Hälfte aller Pferde von den westfälischen Bauernhöfen. Dafür verzehnfachte sich die Zahl der Traktoren. (S. 26)

Im Wohnhaus zogen elektrische Haushaltsgeräte ein und eine Heizung wurde eingebaut, das bedeutete das Ende der Eisblumen an den Fenstern und der

feuchtkalten Betten, in die vor dem Schlafengehen sandgefüllte Schnapsflaschen gelegt wurden, die am Herdfeuer aufgewärmt worden waren. Von diesen Kälteerfahrungen erzählen nur die vier ältesten Geschwister. (S. 28)

Der Vater arbeitete hart und ausdauernd und erwartete, dass seine Söhne da ohne groß zu murren, mithalten würden. Erklärt und diskutiert wurde nicht, auch jähzornige Ausbrüche und Handgreiflichkeiten waren, z. B. in Stresssituationen während der Ernte, nicht ungewöhnlich. Die Methoden waren  für die Kinder manchmal schwer erträglich:

Er kastrierte Ferkel mit dem Taschenmesser. Überzählige Katzenjunge ertränkte er mithilfe eines steinbeschwerten Jutesacks in einem Teich. Verendende Rinder schächtete er notfalls mit dem Brotmesser, damit wenigstens das Fleisch seinen Wert nicht verlor. (S. 28)

Von ganzem Herzen war er Bauer. Sein Wissen und Handeln gingen von dort aus. Welten jenseits der Landwirtschaft konnte er bestaunen, aber nicht gut verstehen. (S. 30)

Doch die Welt der Rinderzucht änderte sich durch die Erfindung der künstlichen Besamung.

Die Idee war aus Dänemark gekommen und ursprünglich als Mittel gegen die Weiterverbreitung von Viehseuchen gedacht gewesen. Aber ihr Veränderungspotential war enorm. […] Die Züchterverbände kämpften erbittert gegen die neue Erfindung. Aber sie konnten ihre Durchsetzung nur verzögern. 1961 wurden 42 Prozent der Kühe in Deutschland künstlich besamt, bei großen regionalen Unterschieden. (S. 42)

Frie geht natürlich auch auf die Arbeitsbelastung der Kinder und Jugendlichen ein, die auf einem Bauernhof aufwuchsen. Nur Hausaufgaben galten als akzeptable Alternative zur Arbeit auf dem Hof.

Arbeit war immer. Die weit überdurchschnittliche Arbeitsbelastung von Kindern und Jugendlichen auf dem Land war in den 1950er-Jahren bekannt und wurde vom Jugendschutz vielstimmig beklagt. Für meine älteren Geschwister war sie eine natürliche Folge der Zugehörigkeit zur Familie und damit zum Hof. Nicht-arbeiten hätte bedeutet, die anderen im Stich zu lassen. Daher wichen alle der Arbeit manchmal und ein wenig aus, lehnten sie aber nicht grundsätzlich ab. (S. 46)

Die Arbeit, die man zu tun hatte, hing dabei vom Alter, der körperlichen Leistungsfähigkeit und dem Geschlecht ab.

‘Den Schlepper selbstständig zu fahren ist für Jungen, aber auch für viele Mädchen eine Selbstverständlichkeit, sobald ihre Körpergröße und Stärke das Niedertreten des Kupplungspedals ermöglicht‘, stellte der Agrarsoziologe Julius Otto Müller 1964 fest. Auf unserem Hof wurden Holzklötze und Latten als Hilfsmittel zurechtgesägt, damit auch noch Jüngere Bremse und Kupplung bedienen konnten. (S. 47)

Während die Männer für Feld, Vieh und Pferde und später für Maschinen und Traktoren verantwortlich waren, kümmerten sich die – wohlhabenderen – Bäuerinnen mit ihren Töchtern und den angestellten „Stützen“ um Haushalt, Garten, Hühner und Schweine und das Melken der Kühe. Als jedoch die Melkmaschine Einzug auf dem Hof hielt, ging diese Arbeit an die Männer über. Nur während der Erntezeit waren auch die Frauen auf dem Feld. Und die ungeliebte Hackarbeit im Rübenfeld übernahmen ebenfalls Frauen und Kinder. Ärmere Bauersfrauen erkannte man beim Kirchgang daran, dass sie von der Feldarbeit braungebrannt waren.

Frie erzählt, dass Frauen, die im Stall arbeiten mussten, vor der Installation von Wasserleitungen enorme Mengen an Wasser zu tragen hatten.

461 Liter Wasser, hat eine zeitgenössische Untersuchung festgestellt, trug eine Bauersfrau täglich vom Brunnen Richtung Stall oder Haushalt. (S. 50)

Den Frauen war es möglich, auch selbst etwas Geld zu verdienen, da noch bis in die 1950er-Jahre regelmäßig fahrende Händler vorbeikamen und den Bäuerinnen Eier und Butter abkauften.

Das Geld ging in eine Kasse, aus der die Frauen eigenständig Ausgaben für Haushalt und Kinder tätigen konnten. (S. 48)

Doch spätestens Ende der 1960er war diese Kasse verschwunden, denn die Milch wurde – vom Eigenbedarf abgesehen – irgendwann komplett an die Molkerei geliefert, weshalb die Bäuerinnen den Anschluss an die zentrale Milchsammlung vehement ablehnten. Auch die Hühnerhaltung wurde

von einem Nebenerwerb vieler Frauen zu einem Hauptgeschäft weniger Männer. Massenställe mit Käfighaltung entstanden, die nicht mehr an fahrende Händler, sondern an den stationären Großhandel lieferten. (S. 49)

Die Schwestern des Autors hatten niemals den Wunsch, Bäuerin zu werden, da sie früh erkannten, dass es weniger anstrengende Arbeiten gibt, bei denen man nicht jedes Wochenende arbeiten muss. In diesem Bestreben sind sie auch immer von ihrer Mutter unterstützt worden.

1955 wie 1968 lehnte die Hälfte der weiblichen Landjugendlichen in Deutschland die Heirat eines Bauern rundheraus ab. […] Die Zahl der Mädchen, die unbedingt einen Bauern heiraten wollten, sank deutschlandweit zwischen 1955 und 1968 von über 25 auf unter 10 Prozent. (S. 60)

Die Ehe als Liebes-, Lebens- und Wirtschaftsentscheidung (S. 96) kam damit allmählich aus der Mode.

Ein weiterer Aspekt, den Frie beleuchtet, ist das Vereinswesen. Die „einfachen“ Dörfler gingen in die neu entstehenden Sportvereine, doch die Bauernsöhne waren im Schützen- und Reiterverein oder in der katholischen Landjugend aktiv. Fußball als Vereinssport für Jugendliche war für den Vater des Autors lange verpönt und wurde seinen Söhnen zunächst nicht gestattet.

Wilhelm kann sich noch heute darüber aufregen, dass das Geld für ein [Turnier-]Pferd reichte, für Fußballschuhe jedoch nicht. (S. 76)

Gesellschaftlich wandelte sich auch der Blick auf die „richtige“ Art, seine Kinder zu erziehen. Schließlich galten Kinder

nicht mehr nur als Investition in die Zukunft, die in der Gegenwart möglichst wenig Arbeit machen sollten, sondern als Objekt ständiger Fürsorge, ja Liebe. In den späten 1950er-Jahren fanden sich im Landwirtschaftlichen Wochenblatt vereinzelt noch Ratschläge wie dieser: ‚In der Frühzeit der Entwicklung bis zum ersten Geburtstag sollte das Kleinkind so wenig beachtet werden wie eben möglich … Je länger ein Säugling in seinem Bettchen sich selbst überlassen bleibt, um so ruhiger ist er als Kleinkind.‘ In den 1960ern wurde dagegen Zuwendung empfohlen, auch wenn sie zeitintensiv war. (S. 107)

In den 1960ern änderte sich allmählich auch das Ansehen der einst so stolzen Bauern. Mit zunehmenden Hygienestandards in der übrigen Gesellschaft fiel immer stärker auf, dass Bauernkinder oft nach Tieren und Silage rochen.

Vor allem die Schwestern bemerkten, dass Gerüche [in der Schule] darüber entschieden, wer dazugehörte und wer nicht. Und es waren die Bauern, die nicht dazugehörten. (S. 109)

Sie hatten oft auch wesentlich weniger Taschengeld zur Verfügung und besonders die Mädchen fragten sich:

Kann ich mit der Kleidung, die mir zur Verfügung steht, an einem Fest teilnehmen? Oder ist es nicht besser, gleich zu Hause zu bleiben? (S. 120)

Es stellen sich nun vermehrt Fragen nach Investitionen und die Söhne haben andere Vorstellungen von der Zukunft des Hofes als der Altbauer, ein Generationenwechsel steht an.

Sehr nachdrücklich und staubtrocken komisch auch der Abschnitt, in dem Frie darüber berichtet, was sein Vater über seinen Bücherkonsum gedacht hat. Die übrigen Brüder hielten Lesen wohl eher für „keine wirklich gute Beschäftigung“. (S. 151)

Der Mutter hingegen war bewusst, dass schulische (und universitäre) Bildung der Weg sein würde, der ihren Kindern später finanzielle Selbstständigkeit ermöglicht, denn im Gegensatz zu früheren Generationen würde der Hof die Versorgung der Geschwister nicht mehr sicherstellen. Geholfen habe dabei auch das 1971 eingeführte BAföG.

Als sein Körper schon schmerzte, hat mein Vater gesagt, er wünsche seinen Kindern Berufe, die drei Bedingungen erfüllen: ‚Warm, trocken und im Sitzen.‘ Das haben wir geschafft. Selbst Hermann, der Hoferbe, arbeitete auf Traktoren mit geschlossener Fahrerkabine und gefederten Sitzen. (S. 155)

Hier die sehenswerte und sympathische Rede des Preisträgers auf YouTube.

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Booth Tarkington: The Magnificent Ambersons (1918)

Booth Tarkington (1869 – 1946) kennt hier wohl kein Mensch mehr, dabei ist er einer von nur vier Autoren und Theaterschriftstellern, denen zweimal der Pulitzer Prize for Fiction verliehen wurde und galt in den 20. und 30. Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als einer der renommiertesten Schriftsteller Amerikas. 

Die Times nannte ihn 1922 gar einen der zwölf wichtigsten Männer Amerikas. Eine Ehrung, die er selbst ausgesprochen albern fand:

‚Yes, I got in as last on the Times list,‘ Tarkington commented. ‚What darn silliness! You can demonstrate who are the 10 fattest people in a country and who are the 27 tallest . . . but you can’t say who are the 10 greatest with any more authority than you can say who are the 13 damndest fools.` [1]

Von seinem Ruhm blieb offensichtlich nicht viel übrig und von seinem Roman The Magnificent Ambersons, der ihm 1919 den ersten Pulitzer Prize einbrachte und 1942 von Orson Welles verfilmt wurde, konnte ich nur eine lieblose Book on Demand-Ausgabe auftreiben. Auf Deutsch erschien der Roman unter dem Titel Die stolzen Ambersons (1945).

Nach den ersten Seiten war auch ich geneigt, den Autor sofort wieder in die Mottenkiste zu packen. Das wäre allerdings tatsächlich voreilig gewesen, denn trotz einiger Schwächen (wie den ersten ausgesprochen langatmigen Seiten) und einer Sentimentalität, die besonders gegen Ende an Charles Dickens erinnerte, ist diese amerikanische Version des Buddenbrook-Themas – der Verfall und Untergang einer einst tonangebenden und steinreichen Familie – spannend eingebettet in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, die Tarkington schon in The Turmoil (1915) beklagte. 

Der Roman spielt überwiegend in einem der reichen Vororte von Indianapolis. Dort haben die Ambersons das Sagen. Der Großvater, Major Amberson, hat 1873 ein Vermögen gemacht, von dem noch die nächsten Generationen glauben, bequem leben zu können. Die Söhne lernen nichts Handfestes, sind in der Politik aktiv, genießen den ererbten Luxus, ihre gesellschaftliche Vormachtstellung und ihre Pferde, um die sich die schlecht bezahlten Diener, meist Farbige, kümmern dürfen. Man ist nicht willentlich oder wissentlich böse, aber unfassbar snobistisch. Tochter Isabel heiratet eher auf den „Ruf“ ihres Zukünftigen bedacht als aus Liebe, was sich selbstredend später rächen wird. 

Als Gegenmodell fungiert Eugene, ein Jugendfreund Isabels, der sich nicht zu schade ist, die Hände bei der Arbeit schmutzig zu machen und der frühzeitig das Potenzial des Automobils erkennt und zudem eine wunderschöne und gescheite Tochter hat.

George, der Sohn Isabels, wird von der ganzen Familie verwöhnt, mit Kritik nicht behelligt und hält sich dementsprechend für den Mittelpunkt des Universums. Seine Entwicklung vom Kind bis zum jungen Mann und seine späteren Liebeswirren verfolgen wir mit fasziniertem Schrecken. George ist, was immer man von diesem Arroganzbeutel halten mag, psychologisch so glaubwürdig gezeichnet, dass man in ihm auch immer das Opfer seiner Erziehung und Schicht sieht. Er sieht keine Notwendigkeit, einen Beruf zu erlernen, und findet, es reiche aus, ein Gentleman zu sein. 

Hier wird der Roman auch zu einer überzeugenden Charakterstudie eines verzogenen Upper-Class-Schnösels und seiner schwachen Mutter – ich würde den Roman gern allen Müttern in die Hand drücken, die die Liebe zu ihren Kindern mit Blindheit und Konfliktscheu verwechseln, gepaart mit der Unfähigkeit, ihren Kindern Grenzen zu setzen; hier könnten sie sich über die schauerlichen Folgen ihres Tuns bzw. Nicht-Tuns informieren. 

Der noble Vorort, in dem die Ambersons ganze Straßenzüge besitzen und sich jahrelang fast wie auf dem offenen Land fühlen, wird immer dichter bebaut, die Stadt rückt mit ihrem Schmutz und ihrem Lärm näher. Die Art, Geld zu verdienen, ändert sich. Ein großer Name aus der Zeit des Bürgerkriegs beeindruckt immer weniger.

Immigranten verändern das Stadtbild und es entstehen, deutsche, jüdische, irische, italienische, ungarische, serbische und schwarze Viertel. Fabriken werden hochgezogen, Profitstreben und Kapitalismus nehmen an Fahrt auf und Armut, Schmutz und Ruß drängen immer stärker ins öffentliche Stadtbild.

But not the emigrants, themselves, were the almost dominant type on the streets downtown. That type was the emigrant‘s prosperous offspring: descendant of the emigrations of the Seventies and Eighties and Nineties, those great folk-journeyings in search not so directly of freedom and democracy as of more money for the same labour. A new Midlander – in fact, a new American – was beginning to emerge.

Erfindungen wie das Auto werden aufgrund ihrer technischen Kinderkrankheiten von den Ambersons als schmutzige, lärmige Geld- und Zeitverschwendung verspottet, die sich nicht länger als ein oder zwei Jahre halten werde. Doch nahezu lautlos verschwinden die Pferde aus dem Stadtbild, Ställe stehen plötzlich leer und Autos beginnen, zu einem Industriezweig zu werden, den die Ambersons zu ihrem eigenen Schaden seit Jahren ignoriert und beschimpft haben. 

Fazit: Doch gern gelesen.

‚I mean the things that we have and that we think are so solid – they‘re like smoke, and time is like the sky that the smoke disappears into. You know how wreath of smoke goes up from a chimney, and seems all thick and black and busy against the sky, as if it were going to do such important things and last forever, and you see it getting thinner and thinner – and then, in such a little while, it isn‘t there at all; nothing is left but the sky, and the sky keeps on being just the same forever‘.  

[1]  Robert Gottlieb: The Rise and Fall of Booth Tarkington, in: The New Yorker, November 4, 2019

Jóse Sánchez de Murillo: Luise Rinser – ein Leben in Widersprüchen (2011)

Jóse Sánchez de Murillo (*1943) lernte 1995 die Schriftstellerin Luise Rinser kennen und blieb mit ihr bis zu ihrem Tod eng befreundet. 2011 erschien unter Mitarbeit von Rinsers Sohn Christoph seine Biografie Luise Rinser – Ein Leben in Widersprüchen. 

Nun soll es hier keinen Abriss des ganzen Rinser’schen Lebens gehen, zumal der Ruhm der weitgereisten und bis ins hohe Alter aktiven Autorin (1911 – 2002), ihre moralische Anerkennung als Feministin und streitbare Katholikin und ihre beeindruckenden Verkaufszahlen (ca. 5 Millionen verkaufte Bücher in über 20 Sprachen) inzwischen doch eher der Vergangenheit angehören.

Nur auf drei Aspekte möchte ich eingehen.

Murillo arbeitet die Nazi-Vergangenheit von Rinser heraus, die die Autorin selbst immer konsequent verleugnete. Dabei hat sie als junge Frau Lobgedichte auf Hitler im waschechten Blut-und-Boden-Stil geschrieben, ihren jüdischen Schulleiter wegen angeblicher Unfähigkeit denunziert und war als Nazi-Ausbilderin für Lehrerinnen tätig.

So schreibt sie als Junglehrerin im Januar 1934 über den Tagesablauf in einem von ihr organisierten Ausbildungslager für Lehrerinnen u. a.:

8.25: Morgenfeier. Wir stehen im tief verwehten Garten um den Flaggenmast. Nach einigen Tagen haben wir schon gelernt, mit fröhlichen Gesichtern im Schneegestöber zu stehen und dem steifen Nordost eines unserer kräftigen H.J.-Lieder entgegenzuwerfen, während die rotweiße Flagge steigt. Dann sagt jemand einen Spruch vom Führer, von Fichte, Königin Luise, und ein Gedicht von Schirach, Anmacker oder Eckart. – Ja, das muß ein deutsches Mädel auch können: Kälte, Nässe, Schnee und Wind vergessen in Zucht und Begeisterung, und ohne sich gleich Schnupfen und Halsweh zu holen. (S. 110)

18.30: Einüben von Sprechchören oder politische Schulung. Wir lesen, sitzend vor einem großen Bild des Führers, aus D. Dietrich ‚Mit Hitler in die Macht‘, und sprechen anschließend daran über politische Begriffe. (S. 111)

Auch den Auftrag, ein Drehbuch für einen Propagandafilm über das Bild der deutschen Frau im Arbeitsdienst zu schreiben, nimmt sie an. Ihr späterer Gefängnisaufenthalt in Traunstein war keineswegs eine Folge bewussten Widerstands, sondern Strafe wegen angeblicher „Wehrkraftzersetzung“. Sie hatte einer verzweifelten Frau geraten, dass deren Mann – als der Krieg schon längst verloren war –  aus der Armee desertieren solle. Statt diesem menschlichen Rat zu folgen, zeigt das Ehepaar Luise Rinser an. Spätestens in Traunstein seien Rinser, so Murillo, dann aber die Augen über das wahre Wesen des Nationalsozialismus aufgegangen.

Später, im Nachkriegsdeutschland, spricht sie vor ehemaligen Nazi-Funktionären und setzt sich vehement für eine Erneuerung des Denkens aus. Ihre eigene Rolle verschweigt sie. Im Gegenteil, in ihren autobiografischen Texten stilisiert sie sich immer stärker als Nazi-Gegnerin im aktiven Widerstand. Als Jahrzehnte später erste Informationen an die Öffentlichkeit dringen, dass ihre eigene Weste so rein nicht gewesen sei, tobt sie und tut das als böse Gerüchteküche, gar als Sauerei ab. Auch ihrem Freund Murillo gegenüber schweigt sie sich über ihre wahre Rolle zwischen 1933 bis 1945 aus. Die ZEIT zitiert Murillo mit den Worten:

Faktisch gesehen hat sie gelogen – uns alle angelogen …

Da erschien mir – gerade im Hinblick auf ihren moralischen Impetus nach dem Zweiten Weltkrieg – die Ehrlichkeit redlicher und vor allem glaubwürdiger, mit der Eva Sternheim-Peters sich selbst in Habe ich denn allein gejubelt auf ihre Nazi-Begeisterung hin befragt hat.

Im Gefängnistagebuch schreibt Rinser:

Manchmal stehe ich mir hier selbst gegenüber, wie nie zuvor. Ich sehe mich mit meinen niederen Instinkten, mit den falschen, verlogenen Ansichten von Ehre, Moral, Standesbewußtsein und all diesen schönen, angelernten, konventionellen Ideen. Zum Schluß bleibt nichts von einem, als ein Tier, das fressen und schlafen will, sich vor Schlägen fürchtet und in die Freiheit ausbrechen will. Draußen tarnen wir das bloß mit vielen Worten. (S. 224)

Auch nach dem Krieg ist ihre politische Rolle – gelinde gesagt – widersprüchlich. Sie setzt sich für Frauenrechte ein, ist SPD-nahe, verehrt Willy Brand, solidarisiert sich mit der Friedensbewegung und wird 1984 sogar von den Grünen als (aussichtslose) Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen.

Gleichzeitig ist sie hin und weg von dem nordkoreanischen Diktator Kim Il-sung, dessen Interpretation des Sozialismus sie als Vorbild für den Westen preist. Auch der um ihn veranstaltete Personenkult sei eher für seine Anhänger wichtig. Kim Il-sung selbst in seiner warmherzig väterlichen und uneitlen Art benötige derlei gar nicht. Wie das mit der von Murillo erwähnten Rolle Rinsers als angebliche Intellektuelle zusammenpasst, erschließt sich mir nicht unbedingt.

Der dritte Aspekt, dem sich Murillo ausführlich widmet, ist Rinsers Beziehung zu künstlerisch tätigen Männern, zu denen sie auf der einen Seite immer ein enges Verhältnis sucht, denen sie aber gleichzeitig vorwirft, sie in ihrer Arbeit als Schriftstellerin zu behindern. 1942 schreibt sie:

Es ist schwer, zugleich Frau und ein schaffender Mensch zu sein. Die Spannungen, die für die Arbeit nötig sind, stören das schöne Gleichgewicht, das der Mann von der Frau erwartet. Wer eben brennend an einer Erzählung arbeitet, kann nicht sanft und anschmiegsam sein. Ach, die Männer sind oft so sonderbar: sie leiden es nicht gern (sofern sie echte Männer sind), daß eine Frau ihnen irgendwie den Rang abläuft, auch wenn die Frau gar nicht daran denkt, dies zu tun. Sie arbeitet (= schreibt) mit eben der Selbstverständlichkeit, mit der sie liebt, Kinder zur Welt bringt, und kocht und den Garten bestellt. (S. 177)

Sie führt intensive Brieffreundschaften mit Ernst Jünger, der auf ihre Annäherungsversuche allerdings nicht eingeht, und mit Hermann Hesse, dem ihr Erstlingswerk Die gläsernen Ringe (1941) ausnehmend gut gefällt:

Ich bin durch Ihre Geschichte wie durch einen Garten gegangen, jedem Bilde dankbar, mit jedem einverstanden, und es wird nicht lange dauern, bis ich es zum zweiten mal lese. (S. 166)

Sie war dreimal verheiratet und hatte zwei Söhne, Christoph und Stephan. Stephan (1941 – 1994), dem sie nie gesagt hat, wer sein tatsächlicher Vater war, wurde von ihr als kleines Kind häufig in ein Kinderheim abgeschoben. Er starb sehr früh, vermutlich auch an den Folgen seines Alkoholkonsums. Gleichwohl hat sie an seinem Grab dann darüber schwadroniert, dass ein Schmetterling auf seinem Grabstein ein Zeichen sei, dass nun alles gut und vergeben sei.

Auch das seltsame Konstrukt, einen Benediktinerabt und dann etwas später Karl Rahner verliebt zu machen und sie sich beide aufgrund des Zölibats doch immer auf Abstand halten zu können, wird ausführlich beleuchtet. Die letzte wesentliche Beziehung zu einem Mann ist dann die Freundschaft mit ihrem späteren Biografen Murillo.

Es gefiel mir, dass Murillo aus vielen, vielen Briefen zitiert. Dennoch liest sich die Biografie mit ihren über 460 Seiten streckenweise dröge, oft Entschuldigungen suchend und gar zu respektvoll. Der Autor unterstellt Rinser in ihren Werken oft eine hohe philosophische Erkenntnistiefe, während viele Kritiker sie in die vielleicht ebenso einseitige Schublade der einfachen „Erbauungsschriftstellerin“ steckten.

Nick Hornby: Stuff I‘ve been reading (2013)

Nick Hornby (*1957) ist nicht nur ein erfolgreicher Romanautor, Drehbuchschreiber, Vater eines autistischen Sohnes, musikbegeisterter Fußballfan (Arsenal London), sondern auch ein bücherverschlingender Leser. Das Fazit seiner Lektüren hält er in launigen Kolumnen fest, die dann natürlich wieder als Bücher veröffentlicht werden.

Ich mag seinen frischen, frechen Stil, der so unprätentiös und auf den Punkt daherkommt. Er begründet seine Ansichten und spricht aus, was ich mich manchmal nur zu denken traue. Und trotz Fußballignoranz, anderem Musikgeschmack und null Interesse meinerseits an der Geschichte des Fernsehens gibt es doch kein Nick-Hornby-Buch übers Lesen, das mir nicht mindestens fünf neue Titel auf die Wunschliste setzt. Anbei also einige Fundstücke aus seinem Buch Stuff I‘ve been reading (2013), in dem Kolumnen von August 2006 bis Dezember 2011 versammelt sind.

Zu Thomas Hardy

One thing I knew for sure before I started Claire Tomalin‘s biography of Thomas Hardy: I wouldn‘t  be going back to the work. Hardy‘s prose is best consumed when you‘re young, and your endless craving for misery is left unsatisfied by a diet of The Smiths and incessant parental misunderstanding. (S. 29)

Zu The Road von Cormac McCarthy – fairerweise sollte ich hier vielleicht hinzufügen, dass Hornby noch einiges mehr über diesen Roman schreibt, den er „brilliant“ findet, aber das würde hier den Rahmen sprengen…

As you probably know by now – and more than eight million of you voted for it in the Believer Book Award – The Road may well be the most miserable book ever written, and God knows there‘s some competition out there. As you probably know by now, it‘s about the end of the world. Two survivors of the apocalypse, a man and his young son, wander through the scarred grey landscape foraging for food,  and trying to avoid the feral gangs who would rather kill them and eat them than share their sandwiches with them. The man spends much of the book wondering whether he should shoot his son with their last remaining bullet, just to spare him any further pain. […] Sometimes you feel like begging the man to use his last bullet on you, rather than the boy. The boy is a fictional creation, after all, but you‘re not. You‘re really suffering. (S. 62)

Zum Vater von Charles Dickens

Pretty much all you have to do as a dad is earn some money, stay out of prison and make sure your kids go to school; John Dickens struck out on all three requirements, and is therefore directly responsible for some of the greatest fiction in the English language. (S. 244)

Zu manchen KritikerInnen

‘What we need,‘ one of those scary critics who write for the serious magazines said recently, ‘is more straight talking about bad books.‘ Well, of course we do. It‘s hard to think of anything we need more, in fact. Because then, surely, people, would stop reading bad books, and writers would stop writing them, and the only books that anyone read or wrote would be the ones that the scary critics in the serious magazines liked, and the world would be a happier place, unless you happen to enjoy reading the books that the scary critics don‘t like – in which case the world would be an unhappier place for you. Tough. (S. 21)

Tim Slessor: First Overland – Als Erste im Land Rover 18.000 Meilen von London nach Singapur (OA 1957)

Mitte der fünfziger Jahre: Fünf junge Männer, die entweder gerade in den letzten Semestern ihres Studiums in Cambridge bzw. Oxford stecken oder kürzlich ihr Studium beendet haben, sowie der Sekretär des Automobilclubs der Universität brüten einen leicht wahnsinnigen Traum aus. Obwohl sie weder über Geld, Ausrüstung noch geeignete Fahrzeuge verfügen, finden sie es eine super Idee, es als erste motorisierte Expedition über Land von London bis nach Singapur zu schaffen und nebenher noch ein paar Untersuchungen zu ihren jeweiligen Fachgebieten durchzuführen. Monatelang bereiten sie sich akribisch vor, wobei jeder der Teilnehmer für einen Bereich besonders zuständig ist, sei es die geschäftliche Seite, die Organisation von Visa und Dokumenten, die Vorratshaltung oder eben die Wartung der Fahrzeuge. 

800 Kilometer nordöstlich von Kalkutta, jenseits der Teegärten von Assam, erheben sich die verschlungenen Bergrücken des Patkai- und des Naga-Gebirges. Diese von Urwäldern überzogenen Ausläufer des Himalaya bilden eine der großen natürlichen Grenzen unserer Erde. Es gibt bis heute keine befestigte Straße, die hinüberführt. Lediglich während der Kriegszeit, im Jahr 1944, hatte man zwei Trassen durch den Urwald geschlagen, bis nach Burma, und für einen kurzen Zeitraum offen gehalten. Doch nach der Niederschlagung der Japaner waren diese strategischen Versorgungslinien überflüssig geworden. Im Laufe unserer Erkundigungen erfuhren wir, dass seit dem Ende des Krieges keine der beiden Straßen mehr in Benutzung gewesen war. Wahrscheinlich waren sie völlig zugewuchert und unpassierbar geworden, nachdem die einst planierten Straßendecken zehn Jahre lang den heftigsten Monsunregen der Welt ausgesetzt waren. Wollte man aber von Kalkutta aus auf dem Landweg weiterkommen, gab es keine andere Möglichkeit – was ein Problem war, aber zugleich auch der Grund dafür, weshalb wir Singapur als Ziel gewählt hatten. (S. 18)

Sie beschwatzen die BBC, ihnen Geld für eine Filmkamera zu geben, überzeugen Rover, ihnen zwei fabrikneue und für sie modifizierte Land Rover zur Verfügung zu stellen, und gewinnen alle möglichen und unmöglichen Firmen als Sponsoren und Ausrüster für ihre geplante Tour.  

Im September 1955 geht es schließlich los.

Eines der Ergebnisse dieser Expedition ist der launige, spannende und manchmal haarsträubende Reisebericht von Tim Slessor, der im Deutschen unter dem Titel First Overland – Als Erste im Land Rover 18.000 Meilen von London nach Singapur 2023 im Malik Verlag erschienen ist. Die Originalausgabe erschien 1957.

Die 343 Seiten sind randvoll mit Anekdoten, Landschaftsschilderungen, politischen und geschichtlichen Informationen – besonders die aberwitzigen Ausläufer des Zweiten Weltkriegs haben mich ins Nachdenken gebracht -, und mit Hinweisen auf das erst kürzlich untergegangene britische Empire. Die jungen Männer werden aufgrund ihrer Nationalität überall wie Ehrengäste bewirtet und in Indien beispielsweise von einem anglo-indischen Gastgeber oder Plantagenbesitzer an den nächsten weitergereicht. Auch den Autor selbst ficht die koloniale und ausbeuterische Vergangenheit seines Landes nicht an:

Was auch immer die Briten in Indien versäumt haben zu tun – wobei unsere Errungenschaften unendlich viel größer waren, als einige unserer Kritiker die Welt glauben lassen wollen -, wir haben drei Dinge hinterlassen, die die Menschen dort ohne uns niemals gehabt hätten. Das erste davon ist eine gemeinsame Sprache – Englisch -, die in einem Land mit so vielen unterschiedlichen Dialekten und Idiomen nach wie vor die einzige Sprache ist, die überall verstanden wird, und daher die einzige Möglichkeit darstellt, das Land zu regieren. Zweitens: Wo vorher ein uneiniger Haufen kleiner Staaten war, ließen wir eine geeinte Nation zurück. […] Und drittens hinterließen wir dem Land eine Hauptstadt, die seiner gewaltigen Größe würdig ist. (S. 181)

Sie besuchen Tee-Plantagen, verteidigen ihre Vorräte gegen gewitzte Dorfkinder, ruinieren mit ihren schweren Fahrzeugen eine Brücke, haben Unfälle und fahren lebensgefährliche Haarnadelkurvenstrecken, gehen in Lashio, einer Stadt im heutigen Myanmar, ins Kino und feuern mit den Einheimischen die Helden aus Im Schatten der Krone an und spielen ein bisschen Schatzsucher in den Rubinminen des Landes – die gefährlichen Arbeitsbedingungen werden dabei geflissentlich ignoriert – und durchqueren Rebellengebiete auf der geschichtlich bedeutsamen Stilwell Road.

Zwei Tage später erreichten wir Ledo. Das war das äußerste Ende der Assam Trunk Road, und von hier aus hatte General Stilwell seine Versorgungstrasse Richtung Süden nach Burma gebaut. Das Dorf war einst ein Kommandoposten für die Alliierten gewesen und hatte Tausende schlammgrüner Armeelaster in Richtung Japan aufbrechen sehen, neben voll beladenen Transportflugzeugen, die langsam ihre Kreise zogen, um an Höhe zu gewinnen und die Luftbrücke nach China zu bilden. […] Einst hatten wir Nachrichten gehört, in denen dieser Teil der Welt von großer Bedeutung war. Das war zwölf Jahre her. Heute findet man Ledo nur noch auf den genaueren Landkarten. Es ist in Vergessenheit geraten. (S. 238)

Hin und wieder werden die jungen Männer von ihren diversen Interviewpartnern der einheimischen Presse in die politischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Länder hineingezogen. So sollen sie mal eben die Gemeinsamkeiten zwischen Großbritannien und Thailand erörtern und in Indien erhofft man sich von ihnen gehässige Kommentare über Pakistan. Verhalten und leise klingen auch Zweifel an der westlichen Fortschrittsgläubigkeit an – oder ist es nur die europäische Hoffnung auf ein paar pittoreske Fleckchen, die man im Urlaub besuchen kann?

In Kathmandu findet man nicht das Elend und die große Armut, die sonst überall in Indien herrschen. Die Gebäude wirken malerisch, das Wetter ist perfekt; die Menschen sind bunt und fröhlich und überschlagen sich beinahe vor Freundlichkeit. […] Es gibt keine Industrie, keine Eile, keine Neonreklame, keine Kinos. Zeit ist hier nicht besonders wichtig, und obwohl Nepal eines der rückständigsten Länder Asiens ist, möchte man am liebsten hoffen, dass das so bleibt. Doch schon jetzt kommen fast mit jedem Flugzeug wohlmeinende Berater mit Plänen für den wirtschaftlichen Fortschritt Nepals an. Man muss anerkennen, dass es gewichtige Gründe für derartige Pläne gibt, fragt sich aber trotzdem, ob diese unbekümmerten Menschen nicht unermesslich viel mehr verlieren, als sie gewinnen würden, wenn sie plötzlich mit Riesenschritten auf dieser Keiner-weiß-genau-Was zusteuern, das der Westen so liebevoll Fortschritt nennt? (S. 194)

Der Nachteil bei sechs Protagonisten ist, dass einem die jungen Männer nicht wirklich vertraut werden, dazu ist das Buch dann doch zu kurz und der Schwerpunkt des Erzählers liegt einfach eher auf der Strecke an sich und den zu bewältigenden Herausforderungen, Gefahren und Begegnungen.

Nicht immer geht es um das Reisen und Entdecken an sich. Manchmal ist es auch ein Abhaken wichtiger Termine, um die Geldgeber und Sponsoren zufriedenzustellen, sodass sie nicht alles, was sie gern gesehen hätten, sehen und nicht allen Einladungen folgen können, die ihnen gastfreundlich ausgesprochen werden.

Ich finde dieses unbekümmerte Aufbrechen in etwas gänzlich Ungewisses faszinierend und habe diese Reiseerinnerungen mit einigen Abstrichen gern gelesen, auch wenn sie hin und wieder etwas hektisch und oberflächlich daherkamen und in ihrem eher hemdsärmeligen Stil dem hinreißenden Das Morgenland ist weit von Oss Kröher nicht das Wasser reichen können.

Manchmal aber sollte man nicht allzu gründlich hinschauen, bevor man einen Sprung wagt, sondern lieber etwas zuversichtlich sein und dann gleichzeitig hinschauen und losspringen. (S. 19)

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten (2021)

Allein schon die wenigen Zeilen aus den ersten Seiten von Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten -, die zeigen, wie klein, wie unscheinbar, aber doch überlebenswichtig unsere Kraftquellen sein können, und die mich darüber hinaus an meinen Opa erinnerten, haben mich für das Buch gewonnen:

Mein idealer Ort ist eine Erinnerung: An das Aufwachen nach dem Mittagsschlaf im Garten meiner Großmutter und ihres Freundes […] in der Greifswalder Obstbausiedlung am ersten Tag der Sommerferien. Immer am ersten Tag der langen wunderbaren Sommerferien. Neben mich auf einen extra dorthin geschleppten Holztisch hatte dann ihr alter Freund […] ein großes Stück warmen Streuselkuchen auf einen Porzellanteller gelegt, den er zu meiner Begrüßung gebacken hatte. (S. 7)

Und an den übrigen Ferientagen:

Nach dem Essen wusch sie alles gleich ab, ich dagegen musste nicht abtrocknen, sondern durfte mich in die Hängematte legen und lesen, bis ich einschlief und wieder aufwachte: Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute. (S. 10)

Mit den hier versammelten 29 „Geschichten“ verdichtet die 1940 geborene Autorin und Psychotherapeutin Helga Schubert wesentliche Stationen ihres Lebens auf den Kern hin. Sodass das Geschriebene durchlässig wird, das Menschliche sichtbar wird, das für uns alle gilt.

Ich bin sicher, das ist ein Buch, das ich immer mal wieder durchstöbern werde, manches geht mir näher als anderes, manches bleibt mir auch fern. Aber so viele Sätze, so viele Stellen, die ich markiert habe, die ich abschreiben und zitieren möchte. Schade nur, dass es keine Geschichte aus ihrer Tätigkeit als Psychotherapeutin gibt.

In einem Erzählstrang beschäftigt sich die Erzählerin mit der – freundlich ausgedrückt – problematischen Beziehung zu ihrer Mutter und den lebenslangen Verletzungen, die aus dem Verhalten der Mutter resultieren. An anderer Stelle reflektiert Schubert ihr Schreiben, die Bedeutung von Geschichten und erinnert sich an das Grausame, das Menschen tun, an Verbrechen.

Weitere Stellen drehen sich um den Winter, die Natur, ihre familiäre Herkunft, Heimat, den zu pflegenden Mann oder das Problem, als Studentin in der DDR an Bücher von Uwe Johnson zu kommen. Genauso geht es aber auch um das ihr gewährte Privileg der Reisefreiheit, das sie nicht nur im Westen verdächtig machte, sondern auch den Mitbürgern gegenüber, die nicht reisen durften. 

Andere mussten beim Fluchtversuch sterben oder nach ihrem Ausreiseantrag Demütigungen hinnehmen, wir Schriftsteller durften uns Gründe für unsere Anträge auf ein Dienstvisum mit Rückkehrerlaubnis am selben Abend ausdenken. (S. 28)

Dann das schreckliche Fernweh und das Lebensgefühl, sich im Osten immer schon eingemauert gefühlt zu haben, sich von der Stasi bespitzelt zu wissen und im Kopf völlig absurde Konstellationen verarbeiten zu müssen:

Ohne Aussicht auf Änderung: 1980: Ziehen Sie Ihren Antrag auf Ausreise zurück: Sie werden der Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt nicht folgen, wollen Sie etwa Reich-Ranicki vortanzen? […] ‚Durch den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb soll das derzeitig von feindlichen Kräften betriebene Weiterbestehen einer einheitlichen deutschsprachigen Literatur weiter hochgespielt werden.‘ Ich zog den Antrag nicht zurück – sie mussten es mir verbieten.

1983: Wenn Sie den Fallada-Preis annehmen, und dann noch ein Jahr nach Erich Loest, für Ihr Buch, das nur im Westen gedruckt wird, verschaffen Sie diesem Buch Aufmerksamkeit und schaden damit dem Ansehen der Kulturpolitik der DDR in den Augen fortschrittlicher Intellektueller im Westen, die dann schlussfolgern könnten, bei uns gebe es eine Zensur, denn warum durfte das Buch nicht in der DDR erscheinen, darum müssen Sie ihn ablehnen …(S. 28-29)

Die Verzweiflung 1987 nach einer Amerika-Reise, als sie sich eingesteht, sich nicht länger mit dem Leben in einem so eng begrenzten Raum zufriedengeben zu wollen.

Ich habe weder die Reife noch die Bescheidenheit, dachte ich, um die Schöpfung nur in diesem engen Umkreis zu bewundern, ich will mir mein Maß nicht vorschreiben und meine Sehnsucht nicht nehmen lassen. (S. 41)

Ein bedeutsamer Baustein für die Biografie der Autorin ist der Fall der Mauer, ein Prozess, den die Erzählerin als protestantische Zeitzeugin bewegt und aufmerksam verfolgt, wobei sie sich fragt, ob sie überhaupt literarisch vom 9. November 1989, als sie schon fast fünfzig Jahre alt war, erzählen könne. Wünschenswert wäre:

Mit Selbstironie, aus verschiedenen Blickwinkeln, mit einem ersten Satz, der die Pointe unmerklich vorbereitet, denn sie muss überraschend kommen, den Leser verblüffen, heimlich sentimental machen, aber in seine Gegenwart entlassen. Nichts Eindeutiges, Belehrendes, Aufklärerisches. Vor allem ohne Pathos. (S. 25)

Mit der letzten Geschichte, die dem Buch seinen Namen gab, gewann die 1940 geborene Autorin und Psychotherapeutin 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Was hier ist, ist überall, was nicht hier ist, ist nirgends, soll Buddha gelehrt haben. Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte. (S. 129)

Schubert spannt den Bogen von der Kindheit bis ins hohe Alter, und da würde ich am liebsten ganze Seiten zitieren. 

Habe ich die Vorhänge nicht eben zugezogen, frage  ich mich, wenn ich sie aufziehe. Und erst das Frühstück. Hab ich es nicht eben abgeräumt – und nun kommt schon die Tagesschau. Sich der Zeit demütig ergeben, las ich kürzlich. Das ist das Gute, das Sanfte, das Glückbringende am Alter: Ich muss gar nichts. Mir kann niemand etwas befehlen. Wenn ich sage, ich bin achtzig, dann habe ich sofort mildernde Umstände bei der Hotline der Nordwestmecklen-burgischen Sparkasse, nachdem mein Online-Zugang zum Push-TAN-Verfahren gesperrt wurde. (S. 166)

Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde. Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben. (S. 170)

Ein weises, freundliches, manchmal ironisches Buch, das ich eigentlich gleich wieder von vorn beginnen möchte. 

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Fundstück von Raymond Chandler über Bücher

Guter Gott, was soll ich bloß mit all den Büchern anfangen, die einmal ein großes Haus überschwemmt haben? Ich glaube, mit Besitz muß man erbarmungslos umgehen.

Aus einem Brief Raymond Chandlers an Helga Greene vom 19. Juni 1956, zitiert nach: Frank MacShane: Raymond Chandler – Eine Biografie, Diogenes, Zürich 1984, S. 394, übersetzt von Christa Hotz, Alfred Probst und Wulf Teichmann

In der Übersetzung von Hans Wollschläger klingt das folgendermaßen:

Lieber Gott, was auf Erden soll ich mit den Büchern machen, die schon ein großes Haus völlig überflutet haben? Man wird wohl gegenüber seinen Besitztümern eine gewisse Rigorosität lernen müssen.

Zitiert nach: Frank McShane (Hrsg.): Raymond Chandler: Briefe 1937 – 1959, btb 1990, S. 566

Hier die Originalstelle:

And the books! Dear God, what on earth shall I do with books that overflowed a large house? I guess you have to be ruthless about possessions.

Zitiert nach: Frank McShane: Selected Letters of Raymond Chandler, Columbia University Press, New York 1981, S. 402

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Fundstück von Jack Sheffield

At the end of school I was in my classroom, marking problem solving of a different type. The top maths group had to work out how long it took for a snail that travelled only two centimetres every ten minutes to get to the top of a sunflower that was two metres tall. Whilst I was pleased that most of the children had got it right, I was more pleased that they had asked why the snail wanted to get there in the first place. I had just finished putting red ticks on the last exercise book, which included a lovely drawing by Jennifer Jayne Tait of an exhausted snail, when I heard the first verse of ‚Climb Every Mountain‘ echoing down the corridor.

aus: Jack Sheffield: Teacher, Teacher! – The Alternative School Logbook, 1977-1978, Corgi Books, 2004, S. 42

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David M. Wallace: The Little Brudders of Miséricorde (2022)

Was schreibt man zu dem wahnsinnig guten Romandebüt The Little Brudders of Miséricorde des Kanadiers David M. Wallace, wenn man ihm viele Leser*innen wünscht, aber gleichzeitig nur wenig zum Plot sagen will, weil man unbedingt selbst die Geschichte von Lyle Spencer nachlesen und mitverfolgen muss? Vielleicht dies: Es ist ein Buch, dessen Titel alles Notwendige über uns sagt – und in dem sicherlich viel von der Biografie des Autors steckt.

There are times when we drift peacefully through life, Spence thought, and times when the daily dread of life‘s hardships makes each moment feel unbearable. And there are times when lightning strikes. A single spark sets your world ablaze and the flames consume everything in their path. (S. 124)

Lyle Spencer, von allen nur Spence genannt, 62 und ehemaliger Schauspiellehrer, ist vor kurzem von Vancouver nach Montréal gezogen. Doch der Neuanfang dort fällt ihm schwer. Einmal die Woche gießt er die Pflanzen in der Wohnung seiner Tochter, die gerade mit ihrem Verlobten in Paris weilt. Seine Fortschritte im täglichen Französischkurs sind überschaubar und da die anderen Kursteilnehmer wesentlich jünger sind als er, findet er dort keinen Anschluss. Er geht hin und wieder zur Messe und bemüht sich, mit der französischen Ausgabe des Kleinen Prinzen seine Sprachkenntnisse zu verbessern. 

Perhaps we never understand other people, at all. We simply inspect the emblems of their lives – their clothes, the books on their shelves and the pictures on their walls. We drop clues for one another and pray we will be understood. Some days, even language seems like some elaborate deception. (S. 186)

Als er eines Tages lautstark eine Maus, die sich bei ihm in der Wohnung häuslich niedergelassen hat, beschuldigt, die Josephsfigur aus seiner Weihnachtskrippe gestohlen zu haben, zetert die zurück, dass ein bisschen Rücksichtnahme ja doch nett wäre, er habe sie aufgeweckt.

His name is Thierry. After my initial shock, I feel surprisingly calm. Almost relieved. […] I understand that no one is going to believe me. I know that. But perfectly sane people believe crazier things than this. Moses talked to a burning bush, after all. (S. 34)

Der zweite Erzählstrang nimmt uns mit in Spences Vergangenheit; seine Lebensgeschichte fügt sich allmählich wie ein Puzzle zusammen, und irgendwann erkennen wir den Kern und Urgrund seiner Isolation. Seine Kindheit, seine katastrophale Ehe, seine Arbeit als Lehrer, bei der er zwar versucht hat, seinen Schülerinnen und Schülern einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie sich entfalten und Verletzungen heilen konnten. Doch spätestens nach dem Suizid einer Schülerin weiß er, dass ihm das nicht bei allen gelungen ist. 

Spence had known Sam for five years. […] Since he had been Samantha. He had watched the boy slowly and confidently transform himself from Samantha into Sam until, now, he could not remember ever thinking of him as a girl. […] Many of the teenagers in the room had some similar story of transformation. Big or small. Not from the very beginning – and not all at once – Spence‘s studio had begun to gather in the misfits. The broken kids. The boys without fathers. The girls with stories they had been forbidden to tell. […] Spence smiled at Melody […] Last year she had written and performed a powerful monologue about dealing with her mental illness. Her honesty disabused the notion that self-harm was some new fad. No one mocked Amy‘s stutter here. Or told Craig to remove his mascara and eyeliner. (S. 27-28)

Manche dieser Rückblicke wirken streckenweise wie protokolliert und emotional eingefroren, während die Kapitel in der Gegenwart, in der ihm Thierry ein guter, wenn zunächst auch rüpelhafter, Haschisch rauchender, fluchender und kleinkrimineller Macho-Hausgenosse ist, viel unmittelbarer und farbiger erscheinen.

Thierry is on the kitchen counter having a bath. His first, as far as I am aware. He is reclining in a wide mouth coffee cup. The sort you might use for a latte. The soapy water splashes over the lip of the cup and into the saucer as I add a little more hot water from the kettle. ‚Take it easy, brudder! I jes wanna bath not a scuba lesson.‘ I hand him a Q-Tip and he uses it to scratch his back. (S. 174)

Dabei geht es weder um Klamauk, Unterhaltung oder Eskapismus, auch wenn ich bei der ein oder anderen Szene überlege, mit wem man das Buch am besten verfilmen sollte.

He [Thierry] points to the illustration [bei der man den kleinen Prinzen auf seinem Asteroiden sieht]. ‚C‘est impossible. I like de lil guy an‘ all. But dat planet-‘

‚Asteroid.‘

‚-dat asteroid no bigger den dis appartement. Dat not really believable, man. You sure dis book is famous?‘ […]

‚I agree. It‘s not a very plausible premise.‘ I put the book aside and go to the kitchen. Thierry is still on my shoulder. ‚Maintenant, mon petit bonhomme, what shall we have for dinner?‘ (S. 113)

Die Existenz Thierrys wird nicht hinterfragt, er ist irgendwann da, die beiden arrangieren sich. Thierry verbessert Spences Französisch und berichtet ihm, was sonst so im Haus passiert und was der üble Vermieter Nick auf dem Kerbholz hat, während Spence dafür sorgt, dass Thierry die Toilette benutzt und schließlich sogar Lesen lernt.

Alles andere muss die Leserin, der Leser selbst entdecken. Am Ende fügt sich in diesem feinen und leisen Roman alles stimmig ineinander und man verabschiedet sich schließlich nur ungern von Spence und Thierry mit seinem losen Mundwerk. Zu beanstanden wäre nur, dass der Erzähler Spence auf seinem Weg gar zu viele Katastrophen aufgebürdet hat. Da hätte es auch weniger getan. 

I suppose we all keep much of who we truly are hidden from ourselves. We bury gifts that we secretly fear are unworthy of being offered. Efface transgressions that we cannot confess; attenuate our own suffering.  Perhaps Thierry is right, though, when he observed we are all thieves. In every transgression there is a kind of theft. Truth goes missing. Trust disappears. Innocence is lost. (S. 111)

Fundstück von Paula Fox

Ich schreibe immer neu, um die Zusammenhänge meines Lebens zu entdecken, wie es mit anderen verbunden ist. […] Und so sind die Unbescheidenheit, der Anspruch eines Romanautors ungeheuerlich; läge nicht dahinter das überwältigende Wissen, wie wenig man weiß; wie pausenlos man mit dem Stoff des eigenen Lebens und gegen die Beschränktheit des eigenen Erfahrungshorizontes zu kämpfen hat.

aus: Paula Fox‘ Dankesrede für die Newbery Medal 1974, zitiert nach:

Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox,  C.H. Beck Verlag, München, 2011, S. 316 f

Fundstück von Joseph Roth

Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Hier sitze ich am Wanderstab. Die Füße sind wund, das Herz ist müde, die Augen sind trocken. Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und gütig, der Schrecken schmettert heran und kann nicht mehr schrecken. Und dies ist eben das Trostlose.

aus: Das neue Tage-Buch, 25.6.1938 

zitiert nach: Hauke Goos: Schöner Schreiben – 50 Glanzlichter der deutschen Sprache von Adorno bis Vaterunser, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, S. 112

Christopher Fowler: Full Dark House (2003)

Nachdem schon The Book of Forgotten Authors von Christopher Fowler (1953 – 2023) eine so vergnügliche Lektüre war, war ich gespannt auf Fowlers preisgekrönte Kriminalromane um die beiden Londoner Sonderermittler Arthur Bryant und John May. Der erste Band Full Dark House erschien 2003, der letzte Band London Bridge is falling down kam 2021 heraus.

Full Dark House beginnt mit einem Paukenschlag.

It was really a hell of a blast. The explosion occurred at daybreak on the second Tuesday morning of September, its shock waves rippling through the beer-stained streets of Mornington Crescent. It dentonated car alarms, hurled house bricks across the street, blew a chimney stack forty feet into the sky, ruptured the eardrums of several tramps, denuded over two dozen pigeons, catapulted a surprised ginger tom through the window of a kebab shop and fired several roofing tiles into the forehead of the Pope, who was featuring on a poster for condoms opposite the tube station. (S. 11)

Die Explosion hat die Diensträume der Peculiar Crime Unit – spezialisiert auf äußerst merkwürdige Verbrechen, die die reguläre Polizei nicht mal mit der Feuerzange anpacken würde – pulverisiert, das Tragische dabei ist, dass Arthur Bryant, mit über 80 der dienstälteste Ermittler der Unit, sich noch im Gebäude befunden hatte, und so findet einige Tage später seine Beerdigung statt. Sein überlebender Partner John May, drei Jahre jünger als grumpy Arthur, sieht nur eine Möglichkeit, mit der Trauer um seinen Kollegen weiterleben zu können. Er muss herausfinden, wer seinen übellaunigen, für allerlei Esoterisches offenen und stets frierenden Partner umgebracht hat.

Es verdichten sich die Hinweise, dass die Spuren bis zurück in den Zweiten Weltkrieg führen. Während des Blitz, als London 1940 und 1941 von der deutschen Luftwaffe bombardiert wurde, lösen der 19-jährige John und der 22-jährige Arthur ihren ersten gemeinsamen Fall. Eine Reihe seltsamer Todesfälle gefährdet die unfassbar teure Aufführung der Oper Orpheus in the Underworld im Palace Theatre, die die Moral der kriegszermürbten Londoner heben soll.

Und so wechselt die Geschichte zwischen dem immer neue Haken schlagenden Fall, der inzwischen doch schon 60 Jahre zurückliegt, und der Gegenwart, in der John den Mord an seinem Freund und Kollegen klären muss.

Sind Zeitsprünge oft nicht mehr als ein nervtötendes Mittel, mit dem künstlich Spannung erzeugt werden soll, war das hier nicht der Fall: In beiden Zeitebenen verfolgt man die Geschehnisse quasi mit angehaltenem Atem. Unbedingt will ich wissen, wie es weitergeht, und zwar egal, in welchem Jahr der Handlung man sich gerade befindet.

Das Zweite, was diesen Krimi auszeichnet, ist die gelungene Einbettung in die zwei Zeitebenen. Hier hat ein Autor gründlich zum Blitz, zum London der Kriegsjahre und zum Theater recherchiert und die Informationen organisch in die Handlung verwoben. Die Lektüre macht neugierig und man wird vermutlich das ein oder andere noch mal nachlesen, beispielsweise zum Palace Theatre, bei dem ich am liebsten sofort eine Führung hinter den Kulissen buchen würde.

Der zweite Band der Reihe The Water Room greift ebenfalls Londoner Stadtgeschichte auf, indem die inzwischen leider nicht mehr zugänglichen bzw. übertunnelten und zubetonierten Flüsse Londons eine wesentliche Rolle spielen.

Die beiden Detektive, die die Handlung tragen, sind eigenständig genug gezeichnet, um an ihnen auch als Personen Anteil zu nehmen. Und wo bitte hat man schon mal gehört, dass die Protagonisten des ersten Bands einer Krimireihe um die 80 Jahre alt sind? Dadurch können sowohl die Transformationsprozesse, die London durchgemacht hat, als auch die Probleme der zwei Männer beim Älterwerden mit in den Blick genommen werden.

Fazit: Die ersten beiden Bände um die beiden alten Herren, die sich gerne kabbeln und selten einer Meinung sind, sehr, sehr gern gelesen.

Der dritte Band Seventy-Seven Clocks war dann allerdings eine herbe Enttäuschung, da tummelten sich viel zu viele Personen, Klischees und lieblos zusammengestümperte Charakterzeichnungen. Das Buch war stellenweise nicht nur unglaublich brutal, sondern ärgerte mich zusätzlich durch dermaßen an den Haaren herbeigezogene Verrenkungen in der Handlung, sodass ich mir den vierten Band erst einmal verkneife.

Fowler, der am 2. März 2023 starb, hat übrigens auch einen Blog betrieben. Hier die Sätze seines allerletzten Eintrags vom 18. Januar 2023:

It’s very hard to write now without falling asleep or forgetting what I was going to say. If there’s something I really need to get out I’ll put it on Twitter. So you might want to check your old  @peculiar feed once in a while. All fun things have to come to an end. I love you all. Except for that horrible old troll – are there any other kind?

There, now you have a smidgen of extra time on your hands, go have fun.

…and read a book.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf (2021)

Der Filmemacher Andreas Fischer (*1961) geht in seinem ersten Roman Die Königin von Troisdorf – Wie der Endsieg ausblieb den Themen nach, die ihn auch schon in mehreren seiner Filmprojekte beschäftigt haben: Wie sind wir zu denen geworden, die wir heute sind? Wie sah eine Kindheit in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus? Welche eigenen Traumata und Verkrüppelungen haben Eltern und Großeltern an die Kinder bzw. Enkel weitergegeben, die während der Wirtschaftswunderzeit aufgewachsen sind?

Das mag zunächst vielleicht nicht nach spannender Literatur klingen, doch ich habe dieses autobiografisch grundierte Buch regelrecht inhaliert. Es ist irritierend, dass Fischer keinen Verlag für dieses unfassbar gute Buch gefunden und es deshalb schließlich selbst verlegt hat.

Fischer schreibt nicht chronologisch, sondern reiht kurze Szenen in überraschenden Zeitsprüngen aneinander, die – wie in einem ungeordneten Kasten voller Fotos – ein Schlaglicht auf eine bestimmte Situation werfen. Und diese Form samt der unsentimentalen Sprache, die Fischer für seinen Inhalt gewählt hat, sorgen dafür, dass sich das Buch weit über das Niveau bloßer Erinnerungsbücher erhebt. Zeigt doch dieses Mosaik, dass immer alles in uns zeitgleich gegenwärtig ist, die kleinen, die großen, die hässlichen und die schönen Momente.

1969. Troisdorf. Ich bin 8 Jahre alt. 3. Schuljahr.

Viele andere Kinder haben Geschwister, Einzelkinder wie ich sind eher selten. Mich beginnt die Frage zu beschäftigen, warum ich keine Geschwister habe. Ich weiß nicht, ob ich es mir schön vorstellen soll. Müsste ich meine Spielsachen teilen? Stünde noch ein Bett für einen Bruder oder eine Schwester in meinem Zimmer? Hätte ich dann noch Platz, um mit meinen Matchboxautos auf dem Boden Zusammenstoß spielen zu können? An einem Abend frage ich meine Mutter, warum ich keine Geschwister habe. ‚Einer von deiner Sorte hat uns gereicht‘, sagt Mutter. (S. 37)

Der collagenartige Aufbau passt natürlich zu seinem familiären Hintergrund. Seine Eltern betrieben ein gut gehendes Fotogeschäft in Troisdorf. Sie arbeiteten so hart, dass der einzige Sohn da eher ein Störfaktor war und tagsüber viel Zeit bei seiner Tante Hilde und seinem Onkel verbringen musste. Die Großmutter mütterlicherseits, Oma Lena, lebte ebenfalls mit im elterlichen Haus und war, man kann es nicht anders sagen, von ausgesuchter Bösartigkeit. Die freundlichen Worte gegenüber ihrem Enkel dürften sich an einer Hand abzählen lassen.

Der Hass meiner Oma auf mich durchzieht das ganze Haus vom Keller bis zum Dach wie ein bestialischer Gestank, dessen Quelle nicht zu orten ist. Ich bin zu klein, um Überlegungen anzustellen, wo die Ursache liegen könnte. Der Gestank ist völlig normal, ganz selbstverständlich gehört er zu meiner Welt wie das Geschäft meiner Eltern, das weiße Schulgebäude und Vaters Schnapsflasche im Kühlschrank. (S. 117)

Sie hat vermutlich den Tod ihres einzigen und überaus braven Sohnes Günther nie verwunden, der sehr jung und voller Begeisterung für Hitler in den Krieg gezogen war. So schreibt der 19-jährige Günther an seine Eltern im Januar 1940 aus Königsberg, nachdem er und seine Kameraden bei 28 Grad unter Null bereits die ersten Erfrierungen davongetragen hatten:

Ich bin riesig stolz, in dieser großen Zeit Soldat sein zu dürfen. Keine Härte, keine Kälte, darf größer werden als mein Stolz. Nie werde ich klagen. (S. 99)

Also kein Zufall, wenn sich der Ich-Erzähler erinnert, wie seine Oma Lena über ihn irgendwann zu seiner Mutter gesagt hat:

‘Bei Günther hat die Saat meiner Erziehung gefruchtet. Bei dem Bengel ist alles hoffnungslos.‘ (S. 109)

Die Fischers im Troisdorf der sechziger und siebziger Jahre sind eine Familie, wie es damals unzählige gegeben haben muss, nach außen hin wird eine biedere, spießige Wohlanständigkeit mit üppiger Schrankwand, finanziellem Erfolg, Arbeitsethos und neuem Auto präsentiert; die Frauen der Familie streng katholisch.

Was jedoch nicht außen dringen durfte: Bei dieser Form des Katholizismus ging es nie um spirituelle Fragen. Der Sohn wurde auch mal zum Gottesdienst geprügelt, Hauptsache, die Fassade, die man den Nachbarn gegenüber zeigte, stimmte.

Ich habe zu gehorchen, nur ein gehorsames Kind ist ein gutes Kind. Ich habe nichts zu wollen und schon überhaupt nicht etwas nicht zu wollen. Ein Infragestellen der Befehlsgewalt bedeutet für Hindenburg und Ludendorff Hochverrat, eine Gefährdung der Herrschaftsstruktur an und für sich … (S.246)

Dann der Rassismus: Man freute sich zwar über die Gastarbeiter, die gute Kunden im Fotogeschäft der Eltern waren, doch privat sah man auf sie herab. Nie hätten Mutter und Oma Lena später mal einen Gyros aus dem neu eröffneten griechischen Restaurant probiert.

Die abendliche Sauferei des Vaters, der den Untergang des Nazi-Reiches nie verwunden hat. Das Ableugnen der deutschen Verbrechen.

Das absolute Desinteresse an dem, was ihren Sohn interessiert, oder an dem, was er kann. Jahrzehnte später ist der Vater fassungslos, als er Andreas am Telefon Englisch sprechen hört. Er hat nicht einmal gewusst, dass Englisch einer der Leistungskurse seines Sohnes gewesen war. Doch genauso gibt es die Erinnerung an den Moment, als der Vater mit dem Dreizehnjährigen, der sich sehnlichst ein Jugendlexikon gewünscht hatte, in die große Buchhandlung geht und dort das Jugendlexikon nur grob als Schund abtut und ihm stattdessen die zwanzigbändige Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie zeigt.

Eine Woche später liefert uns der Inhaber der Buchhandlung persönlich die zwanzig Bände der Enzyklopädie ins Haus.

Vater hatte recht. Der Brockhaus wird mich die Schulzeit und das Studium hindurch begleiten, mir bei unzähligen Hausaufgaben und Referaten hilfreich sein. Ich habe den Brockhaus heute noch, im Zeitalter von Wikipedia und Google, ich bin zwölfmal mit ihm umgezogen, die blauen Schutzumschläge habe ich nie entfernt, alle Bände befinden sich noch in ihren Pappschubern, das sieht nicht so gut aus, aber so wertvoll sind sie mir. (S. 317)

Nie fuhr die Familie gemeinsam in Urlaub. Und nur in anderen Familien sieht der Junge, wie Familienleben auch gelebt hätte werden können. Und nur bei seiner Tante Hilde findet Andreas Anerkennung und Wärme.

1971. Ich bin 10 Jahre alt. 5. Schuljahr.

Am nächsten Tag gehe ich in das Juweliergeschäft und kaufe die Seepferdchenbrosche. Tante Hilde freut sich sehr. ‚Wie komme ich denn dazu?‘, fragt sie […] ‚Einfach so‘, sage ich. Tante Hilde gibt mir einen Kuss auf die Backe. Dann geht sie zur Garderobe, sie holt ihren feinen Pelzmantel und befestigt die Seepferdchenbrosche am Kragen. Während der nächsten vierzig Jahre trägt sie die Brosche, bis ich das Seepferdchen vorsichtig vom Kragen ihres letzten, dunklen Wintermantels ablöse und einstecke, bevor ich den Mantel in den großen Pappkarton packe, der für die Kleiderkammer der Caritas bestimmt ist. (S. 177/178)

Durch die mosaikartige Anlage des Buches bleibt man als Leserin die fast 500 Seiten anteilnehmend dabei, erkennt mit Schrecken Dinge aus der eigenen Familiengeschichte wieder und möchte wissen, wie und ob es Andreas gelingt, sich ohne gar zu schlimme Blessuren aus dieser ungesunden Familie zu befreien. Man freut sich bei den seltenen Momenten mit, wenn Andreas etwas Schönes mit seinem Vater unternehmen kann oder ausnahmsweise von ihm den Rücken gestärkt bekommt und wenn man spürt, dass hier einer mit wachem Blick beobachtet, sich die Werte der Familie nicht einfach zu eigen macht, sich eben nicht wie Onkel Günther in blindem Gehorsam anpasst, sondern trotz aller Verletzlichkeit rebelliert und kleine und irgendwann größere Fluchten wagt.

Gleichzeitig nimmt Fischer einen weiten Blick ein. Dadurch dass er den entscheidenden Momenten auch im Leben seiner Eltern und Großeltern nachgeht, z. B. aus alten Familienbriefen zitiert, begreifen die Leser*innen, wie beispielsweise enttäuschte Hoffnungen auf nationalsozialistische „Größe“ gekoppelt mit privater Trauer die vorangegangenen Generationen seelisch verkrüppelt haben. All die nie aufgearbeiteten Erfahrungen und verdrängte Schuld haben seine Großmutter und seine Eltern zu den oftmals unerträglichen Menschen gemacht, die selbst keine Verbindung mehr zu ihren eigenen Gefühlen hatten und wohl meist nicht anders konnten, als dem Sohn und Enkel mit Enttäuschung, Lieblosigkeit, Härte und Unverständnis zu begegnen.

Daneben ist dem Autor aber auch eine kleine Sittengeschichte der Sechzigerjahre gelungen. Es geht um Cola und Gyros, um Jeans und die Frage nach der Haarlänge bei den Jungen oder die zwiespältige Haltung zu Wehrdienstverweigerern. Genauso lesen wir aber auch von der noch nicht hinterfragten Rolle der katholischen Kirche, latentem Rassismus, dem Einzug moderner Luxusgüter in die bundesdeutschen Haushalte und den technischen Neuerungen wie dem Kassettenrekorder, mit dem man die Lieblingstitel aus dem Radio mitschnitt.

Hier ein kurzes Interview mit dem Autor.

Sebastian Schoepp schreibt im Dezember 2022 in der Süddeutschen Zeitung:

Andreas ist der mangelhafte Ersatz [für den gefallenen Günther], wie diese ganze verhasste Bundesrepublik, mit der man sich hatte zufriedengeben müssen, nachdem der Endsieg ausgeblieben und die kleinbürgerlich-spießigen Träume davon ausgeträumt waren, was alles aus einem hätte werden können in diesem Reich bis hinter dem Ural. Gesprochen wird darüber natürlich nicht. Die Verluste, die uneingestandene, verdrängte, in Arbeitswut erstickte Schuld schweben nur ständig über allem. In dieser Familie geschehen keine Brutalitäten, kein sexueller Missbrauch, keine Gewalt, es ist nur eine alltägliche Kette von Mikrograusamkeiten, wie eine Tropfenfolter. […] Jeder, der so was auch nur im Ansatz selbst erlebt hat, wird von Fischers so nüchterner wie wirkungsvoller Prosa tief in der Seele angefasst.

Christopher Fowler: The Book of Forgotten Authors (2017)

Auf Christopher Fowlers Buch bin ich, so ich mich richtig erinnere, zuerst bei Magda aufmerksam geworden. Und wow, dieser Spaziergang mit dem britischen Schriftsteller zu seinen literarischen Wiederentdeckungen macht einfach unglaublichen Spaß. Fowler (1953 – 2023) stöbert, recherchiert und parliert auf seiner Suche nach halb und ganz vergessenen (meist englischsprachigen) Schriftstellerinnen und Schriftstellern, dass es nur so eine Lust ist und ich ausnahmsweise bei all den begeisterten Rezensionsschnipseln auf den ersten Seiten immer nur zustimmend nicken kann.

We tend to think that books, like cockroaches, will survive the Four Horsemen of the Apocalypse, but they won‘t. They disappear, not just in the ravages of war like the Great Library of Alexandria, but through simple neglect, and it is our duty to keep fine novels alive. (S. 182)

Fowler präsentiert uns weit mehr als die auf der Rückseite angekündigten 99 „forgotten authors“. Seine Themenpalette ist ein fröhlicher und komplett subjektiver Mischmasch, gespeist aus – auch abseitigeren – Wiederentdeckungen und seiner Lust des Suchens und Sammelns. Da geht es nicht nur um Bücher, die später u. a. von Disney verfilmt wurden, um vergessene Krimi-SchriftstellerInnen, Horror, zu Unrecht geschmähte Bestseller-Autorinnen, Gruselgeschichten, Klassiker, Booker-PreisträgerInnen, Kinderliteratur und schräge Anekdoten, sondern auch um Comics, Pulp Fiction, Detektivgeschichten, die unbekannten Werke Charles Dickens‘, ein bisschen Weltliteratur, Margaret Millar, William Melvin Kelley oder um die Frage „Where are all the BAME Writers?“.

[Georgette Heyer‘s] narratives were peppered with wicked dukes, hearty knights, feisty ladies and headstrong rakes whose amorous escapades unfurled against colourful historical backdrops. Along the way horses rear, eyes flash, bosoms heave and ladies of quality exhibit a tendency to faint. Her pages are packed with arranged marriages, desperate elopements and abductions, crimes of passion and descriptions of the prevailing fashions. No wonder, then that critics were sceptical […] The gap between popularity and peer respect was created largely by Heyer‘s worldwide readers, who lapped up the romances while failing to notice their favourite author‘s meticulous attention to period detail. (S. 155)

Was für mich dieses Buch von allen anderen mir bekannten „Leseverführern“ unterscheidet, ist dieser selbstironische Ton, diese Belesenheit und die Fähigkeit, auch kritisch auf Punkt und Pointe genau zu formulieren.

It‘s a crime to be talented and die young; the beautiful, glamorous mystery writer Pamela Branch succumbed at forty-seven after years of suffering cancer, and her work was quickly forgotten. She was born on her parents‘ tea estate in Ceylon, went to RADA, married, learned Urdu, trekked the Himalayas, trained racehorses and moved to a twelfth-century Greek monastery. As one does.

Back in post-war London she lived a chaotic existence in tiny, dark flats with a slobbery boxer dog and a husband, Newton, who failed to find his footing as a writer and became an alcoholic film censor. Yet their existence was devil-may-care and full of laughter, which explains the tone of her bizarre, deliciously funny novels. (S. 49)

Bei Fowler gibt es nichts von dieser selbstverliebten Überheblichkeit, mit der andere ihre Bücherlieblinge gleich als „Kanon“ deklarieren. Er stellt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern die Literatur, die er mag, und das auf eine sympathische Art und Weise, dass ich mich zwischendurch immer wieder streng zur Zurückhaltung ermahnen muss, denn ihm würde ich nahezu unbesehen auch die Bücher abkaufen, deren Inhalt mich eigentlich überhaupt nicht interessiert. 

Sadly, we live in a time where there is no patience for barmy British sleuths who uncover insanely complex murders, and Dickson Carr wasn‘t remotely interested in offering his readers realism or relevance. (S. 69)

Natürlich hat Fowler auch einen Blick fürs unerwartete, aber anschauliche Detail und den Aha-Effekt, wenn er uns beispielsweise erzählt, dass Peter Fleming, der Bruder des James Bond-Erfinders Ian Fleming, beschloss, Abenteurer zu werden.

… not a career category open to many […] In 1932 Fleming replied to an advertisement in the personal columns of the The Times that read: ‚Room Two More Guns – Exploring and sporting expedition under experienced guidance, leaving England June to explore rivers central Brazil, if possible ascertain fate Colonel Percy Fawcett.‘ […] The resulting travelogue, Brazilian Adventure became regarded as a classic, […]  (S. 120)

Und am Ende – und ich habe zum Glück noch einige Kapitel vor mir – weiß die geneigte Leserschaft wieder ein bisschen mehr, wie viel Spaß Literatur bedeuten kann und wie wenig wir eigentlich von diesem Paralleluniversum kennen. Und um wie viele Bücher meine Wunschliste jetzt wieder angewachsen ist, behalte ich mal lieber für mich …

When I was a child, my father guiltily read Sven Hassel‘s paperbacks, keeping them in his bedside table where the children wouldn‘t find them. Some hope. He thought I wouldn‘t find the key to the cocktail cabinet either. (S. 148)

Hier der Link zu seiner Artikelserie Invisible Ink im Independent.

Fundstücke über das Fernsehen

Ich habe mir jetzt Ihren Auftritt bei ‚Talk um Zehn‘ angeschaut […] Haben Sie denn gar keinen Respekt vor Ihrer eigenen Dummheit? Was hatten Sie in dieser Talkshow verloren? Hatten Sie ein Buch vorzustellen? Oder eine CD? Eine Talkshow ist billige Sendezeit und kein Forum der Vernunft!

aus: Stefan Schwarz: Da stimmt was nicht, Rowohlt, Berlin 2021, S. 228

Television is really what we‘ve been looking for all our lives. You don‘t have to concentrate. You don‘t have to react. You don‘t have to remember. You don‘t miss your brain because you don‘t need it. Your heart and liver and lungs continue to function normally. Apart from all that, all is peace and quiet. You are in the poor man‘s nirvana.

Raymond Chandler in einem Brief an Charles Morton vom 22. November 1950, zitiert nach: Tom Hiney: Raymond Chandler – A Biography, Grove Press 1997, S. 191

Agatha Christie: The Mysterious Affair at Styles (1920)

The Mysterious Affair at Styles, der erste Krimi um den belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot setzte die unglaubliche Karriere von Agatha Christie (1890 – 1976) in Gang. Geschrieben 1916, aber erst 1920 als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht, war der Krimi das erste Buch von Christi, das von einem Verlag angenommen wurde, alle früheren Publikationsversuche waren gescheitert.

Zu ihrem ersten Giftmord inspiriert haben Christie sowohl die belgischen Flüchtlinge in Torquay als auch ihre Arbeit als ausgebildete Apothekenhelferin während des ersten Weltkrieges.

So wird der Held bei seinem ersten Auftreten beschrieben:

He was hardly more than five feet four inches but carried himself with great dignity. His head was exactly the shape of an egg, and he always perched it a little on one side. His moustache was very stiff and military. Even if everything on his face was covered, the tips of moustache and the pink-tipped nose would be visible. The neatness of his attire was almost incredible; I believe a speck of dust would have caused him more pain than a bullet wound. Yet this quaint dandified little man who, I was sorry to see, now limped badly, had been in his time one of the most celebrated members of the Belgian police. (S. 23)

Auf dem Landsitz Styles, auf dem der zur Selbstüberschätzung neigende Captain Arthur Hastings, der uns die Geschichte erzählt, gerade zu Gast weilt, wird die vermögende Familienpatriarchin tot aufgefunden. Ein Arzt, der schon früh morgens ganz überraschend in der Nähe weilt, vermutet, dass die alte Dame vergiftet worden sei. Zum Glück kann Hastings seinen alten Freund Poirot, der zufällig in just diesem Dorf als belgischer Flüchtling – der Roman spielt während des Ersten Weltkrieges – untergebracht ist, dazu überreden, sich des Falls anzunehmen.

Christie hatte einfach eine Begabung, ihre Leser*innen sofort in das Geschehen hineinzuziehen; und auch wenn einige Figuren schon sehr holzschnittartig, manchmal auch mit leicht rassistischen Untertönen geschildert werden, bin ich der Handlung lange Zeit halbwegs vergnügt gefolgt. Die Auflösung am Ende wirkte auf mich allerdings wie eine sehr lange und sehr langweilige Vorlesung, die Poirot vortragen muss, da nicht alle Handlungsfäden organisch angelegt wurden.

Dem kleinen belgischen Detektiv kann ich immer noch nicht besonders viel abgewinnen. Das Gute daran: Ich muss jetzt nicht alle weiteren Poirot-Bände – insgesamt 33 an der Zahl – lesen, denn ich bin und bleibe Anhänger der Miss Marple-Fraktion.

Auch Agatha Christie hat im Laufe der Jahrzehnte nicht nur sehr bereut, ihn nicht von Vornherein als jüngeren Mann angelegt zu haben, sie hätte ihn auch gern selbst gemeuchelt, beugte sich jedoch dem Geschmack ihrer Leser*innen.

Mehr Spaß als an Poirot hatte ich an den Seitenhieben auf den Ich-Erzähler Hastings. So sagt Poirot einmal:

‘… But we must be more intelligent. We must be so intelligent that he [the murderer] does not suspect us of being intelligent at all.‘ I acquiesced.

‘There, mon ami, you will be of great assistance to me.‘ I was pleased with the compliment. There had been times when I hardly thought that Poirot appreciated me at my true worth. (S. 142)

Zum Weiterstöbern: Das Kapitel in Christies Autobiografie über die Entstehung von The Mysterious Affair at Styles liest sich sehr fluffig.

Kulturbowle hat, was ich sehr reizvoll fand, diesen ersten Band um Poirot gelesen und im Anschluss daran den letzten Band, in dem Poirot ermittelt.

Fundstück von Martin Boyd

Whether she was in a state of elation or of gloom from their last encounter, her heart began to beat when she knew that she was to see him again, and she always counted on the next meeting as one that would fix their relationship. Austin had no idea of the effect he was having on her, that his most casual words or absent-minded glances were flinging her from heaven to hell and back again. He was much too occupied with his own affairs and he simply thought of her as a slightly comic moody character. So the situation remained always the same, and she might have spared herself her passionate broodings. She was the only actor in the drama which was played nowhere but in her own agonised heart.

aus: Martin Boyd: The Cardboard Crown, Text Publishing Melbourne, 1952, S. 34-35

Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox (2011)

Mir geht es wie Magda, die in ihrem letzten Newsletter schrieb:

Mich fasziniert die Frage, wie Leser*innen ihre Lektüren auswählen, wie sie auf bestimmte Bücher kommen, welche manchmal sehr einleuchtenden, manchmal aber auch total überraschenden Assoziationsketten sie von Autor A zu Autorin B und von einem kanonisierten Kultklassiker zu obskuren, längst vergessenen literarischen Schätzen bringen…

Ausnahmsweise kann ich diesmal meine Assoziationskette ganz genau auffädeln:

Ich sah eine der Folgen des Literaturclubs mit Usama Al Shahmani, also las ich In der Fremde sprechen die Bäume arabisch. Das war so toll, also musste ein weiteres Buch des Autors her: Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister. Dieser Band entstand in Zusammenarbeit mit Bernadette Conrad, deren Anteil am Buch ich vernachlässigt habe, ging es mir doch vorrangig um Al Shahmani.

Dennoch nahm ich ich dabei natürlich zur Kenntnis, dass Conrad eine Biografie zu der amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox (1923 – 2017) geschrieben hat, von der ich vor Jahrzehnten zwei Bücher gelesen hatte. Also gut, dann les ich eben diese Biografie und damit wären wir bei Die vielen Leben der Paula Fox (2011) von Bernadette Conrad.

Judith Hermann spricht im Klappentext davon, dass Conrad das Leben der amerikanischen Schriftstellerin mit „großer Zärtlichkeit und Intuition“ erzähle. Mir war die Biografie, bei der uns Conrad auch nicht vorenthält, wo sie während der Recherche wohnt, wo sie sich verlaufen und was sie wo gegesessen hat, allerdings ein wenig zu gefühlig.

Ich hatte sie mir strenger vorgestellt, reservierter – und schaue nun in ein Gesicht, das – auch ernst – von innen beleuchtet scheint. (S. 14)

Conrad reist den einzelnen Lebensstationen und Wohnorten der Paula Fox mit der Andacht einer Pilgerin nach, das ist für einen Fan der Schriftstellerin, wie es Conrad ist, sicherlich reizvoll, der Erkenntnisgewinn für mich als Leserin war dabei manchmal begrenzt. Auch findet sich in dem ganzen Buch kein einziger kritischer Satz, auch nicht von Freunden oder Familienmitgliedern. Doch ein Ansporn, endlich mal wieder die Bücher von Fox aus dem Regal zu nehmen, ist die Biografie allemal.

Paula Fox (1923 – 2017) gilt vielen als eine writer‘s writer, also als eine Schriftstellerin, die von Schriftsteller*innen geschätzt und gelesen wird, aber in der allgemeinen Wahrnehmung immer wieder unter den Radar fällt und nie auf irgendwelchen Bestsellerlisten zu finden sein wird. Dabei war sie auch eine sehr erfolgreiche und preisgekrönte Autorin von 23 Kinder- und Jugendbüchern. Ihre erste erfolgreiche Zeit war Anfang der Siebziger.

Bernadette Conrad trifft die von ihr verehrte Autorin das erste Mal persönlich im Jahre 2005 in deren Haus in Brooklyn, New York, um ein Zeitungsporträt über sie zu schreiben. Dabei entsteht irgendwann die Idee zu einem Buch und über mehrere Jahre besucht Conrad die alte Dame und ihren Ehemann Martin Greenberg in New York.

Conrads Ausgangsfrage für ihre Spurensuche lautet:

Und wie konnte es überhaupt sein, dass ein Mensch, der so früh von seinen Wurzeln abgeschnitten, ‚herausgeschnitten‘, wird aus dem, was der Zusammenhang seines Lebens hätte werden können – dass so ein Mensch schreibend, erzählend auf außergewöhnliche Weise verbindenden und zusammenhangstiftend werden konnte? (S. 12)

Nun werde ich hier die Lebensstationen von Paula Fox nicht im Detail nacherzählen, doch welche Eindrücke bleiben nach der Lektüre? Ein interessanter, nicht ungefährdeter Lebensweg, ein Aufstieg vom vernachlässigten Mädchen, mit häufigen Orts- und Wohnungswechseln und vielen verschiedenen Jobs, u. a. als Model, Lehrerin oder Journalistin, zur anerkannten Autorin.

Irgendwann ein inneres und äußeres Ankommen, das erste Buch entstand in ihren Vierzigern, später die Reise nach Jerusalem im Jahr 1996, auf der sie von einem Räuber niedergeschlagen wird, Hirnblutung, sie fällt ins Koma. Als sie langsam wieder gesundet, weiß sie, dass sie nie wieder so wird schreiben können wie zuvor. Sie hat ihre Fähigkeit, Geschichten zu erfinden, durch die Gehirnverletztung unwiderbringlich verloren. Danach entstehen ihre autobiografischen Werke.

Wer bisher dachte, er habe eine suboptimale Beziehung zur eigenen Mutter, wird das nach dieser Biografie vermutlich relativieren. Eine solche Bösartigkeit wie bei der Mutter von Paula Fox ist mir auch in der Literatur nur selten untergekommen. Die jungen Eltern der kleinen Paula geben ihr Kind wenige Tage nach der Geburt ins Findelheim. Paula wird von einem netten, liebevollen Pfarrer in Pflege genommen, bei dem sie bis zu ihrem 6. Lebensjahr sehr glücklich ist. Das Drama ist allerdings, dass ihre leibliche Familie sie aus dieser Pflege wieder herausholt und sich dann doch nicht um sie kümmert, sie zeitweise verwahrlosen lässt oder in der Obhut von Dienstboten „vergisst“. Dabei wird dem Kind gerade von Seiten der Mutter ein geradezu pathologischer Hass entgegengebracht. Als Paula dann selbst als junge Frau von einem Bekannten ungewollt schwanger wird, reagiert ihre Mutter Elsie bloß „unüberbietbar grausam“ mit der Frage:

‘Is is your father‘s? (S. 146)

Auch Paula Fox gibt ihr erstes Kind, Baby Linda, nach der Geburt zur Adoption frei. Zwar will sie diesen Entschluss zehn Tage später rückgängig machen, doch ihr Arzt, der mit den geplanten Stiefeltern befreundet ist, lügt sie an und behauptet, die Frist für einen Widerruf sei bereits verstrichen. Erst 49 Jahre später wird sie ihre leibliche Tochter Linda kennenlernen. Linda wiederum wird später die Mutter von Courtney Love.

Schließlich noch das wache Mitererleben ihrer „Wiederentdeckung“, nachdem Jonathan Franzens Essay Why bother? – später bekannt geworden unter dem Titel Harper’s Essay – im Jahr 1996 das Interesse eines jungen Verlagslektors an der Autorin geweckt  hatte. 1999 erscheint die Neuauflage von Desperate Characters mit einer Einleitung von Jonathan Franzen:

Es erschien mir so offensichtlich besser als jeder Roman ihrer Zeitgenossen John Updike, Philp Roth und Saul Bellow. […] Es erschien mir ein unabweisbar großes Buch. (S. 302)

Jonatham Lethem, David Foster Wallace und Jeffrey Eugenides outen sich als Fans. Ein Rezensent beim New Yorker Magazine ist begeistert. Eine Lawine kommt ins Rollen.

Meine Lieblingsstelle findet sich ganz am Anfang, als Conrad Paula Fox und ihren Mann Martin Greenberg fragt, ob sie ein Foto von den beiden machen dürfe.

Paula Fox setzt sich aufs Sofa. ‚Setzt du dich neben mich?‘ ‚Ich habe mich immer gern neben dich gesetzt‘, sagt er, das klingt kein bisschen routiniert und auch nicht galant. Sondern einfach entschieden zärtlich. (S. 17)

Hier noch eine Liste weiterer writer‘s writers, auf dass uns die Ideen für unsere Wunschlisten nicht ausgehen.

Und hier geht es lang zu einem langen Interview mit Paula Fox.

Usama Al Shahmani/Bernadette Conrad: Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister (2016)

Nachdem ich In der Fremde sprechen die Bäume arabisch gelesen hatte, wollte ich mehr von dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Usama Al Shahmani lesen. Und so geht es heute um den 2016 in Zusammenarbeit mit der Journalistin Bernadette Conrad (*1963) entstandenen Band Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister, der im Limmat Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch handelt schwerpunktmäßig von den Erfahrungen und Erinnerungen Al Shahmanis, der 2002 in die Schweiz flüchtete und sich seitdem dort ein Leben und ein Zuhause aufgebaut hat, auch wenn Conrad ebenfalls einige Kapitel und Interviewfragen beisteuert.

Es ist wieder ein berührendes Buch und ein wichtiges Buch. Ganz zu Beginn zitiert Conrad einen Satz von Al Shahmani:

Und manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Dich durch meine Geschichten aus dem Irak traurig mache. (S. 8)

Conrad ist sich jedoch sicher:

Ich denke, dass nicht nur nichts verkehrt daran ist, dass wir uns von denen, die Krieg, Folter, Diktatur erlebt haben, traurig machen lassen, sondern dass dies im Gegenteil wichtig ist. Nicht nur, weil Entsetzen und Trauer die angemessenen Gefühle sind, um auf menschengemachtes Grauen zu reagieren. Diese Trauer zuzulassen ist auch eine Reverenz; ein Minimum, dass man als jemand, der von diesen Erfahrungen verschont geblieben ist, beitragen kann gegen eine Spaltung der Welt. (S. 8)

Al Shahmani schildert seine Kindheit und Jugend unter einem rigiden Vater und die brutalen Schulerfahrungen, die Angst, die eine ganze Gesellschaft zermürbt, lähmt und vergiftet. Die erste Flucht – noch im Irak – in die Literatur.

Ich war kaum zwanzig, als Frischs Roman ‚Mein Name sei Gantenbein‘ auf Arabisch veröffentlicht wurde, übersetzt von einem Ägypter. Ich hatte es von meinem alten Schulfreund Riad ausleihen können. (S. 131)

Dann erzählt Al Shahmani von seinem regimekritischen Theaterstück, das der Auslöser für seine lebensgefährliche Flucht war.

Die ersten keineswegs guten Jahre in der Schweiz, die Monotonie und Einsamkeit in den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften, sein beharrliches Lernen der deutschen Sprache, Erinnerungen an Freunde und Studienkollegen, die kurzzeitige Hoffnung, nach dem Sturz Saddams wieder zurückkehren zu können. Familienangehörige, wie die Onkel und Bruder Ali, die Krieg und Diktatur zum Opfer fielen. Der gefolterte Freund, den er nach dessen Haftentlassung erst nicht erkennt.

Aber auch die Freude über das Kennenlernen seiner späteren Frau Nada, die Geburt ihrer beiden Kinder, das allmählich Heimischwerden in der Schweiz, neue Freundschaften und die Desorientierung, als er viele Jahre später zurück in den Irak reist, um seine Familie zu besuchen.

Es wäre müßig, hier noch viel zum Inhalt zu sagen. Ich möchte es so ausdrücken: Al Shahmani erzählt uns, verschont uns nicht. Er zeigt sowohl die widerwärtige Fratze des Saddam-Regimes und dessen Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft, die allmählich verroht und abstumpft, als auch die Widersprüche und Brüche und Traumata eines Menschen, der die ersten 30 Jahre in Krieg und unter dieser Diktatur gelebt hat und der die seelischen Narben nicht mit dem Grenzübertritt nach Europa hinter sich gelassen hat.

Eines Tages zeigte das irakische Fernsehen einen Vater, der seinen Sohn der Sicherheitsbehörde eigenhändig auslieferte, weil er den Waffendienst an der Front ablehnte, um anschließend zu flüchten. Nachdem der Sohn von den Sicherheitskräften verfolgt wurde, um anschließend auf der Flucht erschossen zu werden, erschien dessen Vater im Fernsehen in Begleitung von Saddam. Saddam verlieh ihm zu Ehren eine Auszeichnung und nannte ihn ‚den wahrhaftigsten und rechtschaffensten irakischen Bürger.‘ (S. 112)

Die Einblicke in seine Herkunftskultur und seine irakische Familie, die Al Shahmani uns gestattet, helfen uns ebenfalls, ein wenig besser zu verstehen. Sehr vielsagend dabei die zwei Familienfotos, die Usama mit seinen Eltern einmal in den Siebzigerjahren und einmal 1998 zeigen. Ein kompletter gesellschaftlicher Wandel, illustriert mit nur zwei Bildern.

Dennoch strahlt auch dieses Buch eine zarte Hoffnung aus, ist es doch von einem geschrieben, der seine persönliche Antworten auf das Grauen in der Flucht, der Sprache und der Literatur gefunden hat. Er hat einen Weg gefunden, fremd und doch heimisch zu sein und seine Fremdheit als neuen Raum zu begreifen, den es zu gestalten gilt. Und der nun als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer seine Erfahrungen an andere Geflüchtete weitergibt.

Al Shahmani erzählt uns das so, als säße er bei uns in der Küche, er nimmt einen quasi an die Hand und schafft etwas ganz Seltenes: Er erweitert meine mentale Landkarte um ein Land namens Irak, dessen Leid ich mir bisher gut auf Abstand halten konnte. Ein Land, für das keine Hoffnung auf Besserung besteht, solange es unter der Fuchtel religiöser Hardliner bleibt.

Dass jeder Geflüchtete eine Geschichte mitbringt, ist eine Binsenweisheit, sollte aber dennoch nachdenklich machen, auch wenn sie kaum jemand so wie Al Shahmani wird erzählen können.

Für mich ist die Sprache die einzige Sache, die ich als meine absolute Heimat bezeichne. Ich habe meine Heimat nicht verloren, weil ich meine Muttersprache behielt. (S. 37)

Ich selbst habe mich erst dann willkommen gefühlt, als ich die Sprache konnte. Diese Tür muss man selbst öffnen. (S. 150)

Fundstück von Leïla Slimani

Das, was wir nicht sagen, gehört uns für immer. Schreiben heißt, mit dem Schweigen spielen, auf Umwegen Geheimnisse aussprechen, die im wahren Leben unaussprechlich sind. Die Literatur ist eine Kunst der Zurückhaltung. (S. 29)

Das Zitat stammt aus Der Duft der Blumen bei Nacht von Leïla Slimani, das 2022 bei Luchterhand erschienen ist. Schon lange kein Buch mehr gelesen, dessen Inhalt, wenn auch nicht unsympathisch vorgetragen, so wenig Nachhall erzeugte.

Rückblick aufs Lesejahr 2022

Wie schon in den vergangenen Jahren möchte ich auch am Ende dieses Jahres einen kurzen Blick auf meine persönliche Bestenliste werfen, bevor ich mir dann die immer neue Frage stelle, was ich als nächstes aus den diversen Bücherstapeln hier im Haus fische. Auf gute Vorsätze, was das Lesen oder gar das (Nicht-)Kaufen von Büchern angeht, werde ich diesmal bescheiden verzichten. Vielleicht klappt es ja dann …

Wiedergelesen 

Prima bis großartige Krimi-Entdeckungen

Bücher, die ihren Ursprung im Krieg und mir etwas zu sagen haben

Freundliche Bücher

Romane, die mir ganz sicher im Gedächtnis bleiben

Biografien und Erinnerungen

Allen Leser*innen an dieser Stelle ein kräftiges Dankeschön für eure Besuche und Kommentare und auch für die (leider) vielen Tipps und Anregungen auf euren eigenen Blogs, denen ich oft leider kein bisschen widerstehen konnte.

Kommt alle wohlbehalten ins neue Jahr, bleibt oder werdet gesund, übt euch in heiterer Gelassenheit und habt immer genügend Bücher anbei.

Usama Al Shahmani: In der Fremde sprechen die Bäume arabisch (2018)

Usama Al Shahmani ist mir erst seit dem Literaturclub vom 31. Mai 2022 ein Begriff. Der 1971 in Bagdad geborene Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer flüchtete 2002 in die Schweiz, lebte fast zwei Jahre in Flüchtlingsheimen, brachte sich selbst Deutsch bei und lebt heute mit seiner Familie in Frauenfels. Und jetzt möchte ich jedes seiner Bücher lesen.

Doch zunächst zu dem nur 189 Seiten umfassenden zweiten Buch, das Al Shahmani auf Deutsch veröffentlicht hat, das zuerst im Limmat Verlag erschien, später auch im Unionsverlag.

Es ist ein leises, sehnsüchtiges, ein widerständiges, trauriges und hoffnungsvolles Buch über Flucht, Verlust, Bäume und Heimat von einem, der lernen musste, die aberwitzigsten Gegensätze, die ein Menschenleben ausmachen können, auszubalancieren. Dass man sich während und nach der Lektüre mit Schrecken die Eckdaten der neueren irakischen Geschichte in Erinnerung ruft, wird wohl nicht ausbleiben.

Al Shahmani erzählt schlicht, ohne die große Geste, ohne den Leser*innen eine Bewertung oder Beurteilung aufzuzwingen, vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb sein Buch so eindrücklich ist.

In der Fremde sprechen die Bäume arabisch beginnt mit einer im Nachhinein witzigen Szene kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz. Die schon seit Jahrzehnten in der Schweiz lebende Tante seines ebenfalls im Flüchtlingsheim untergebrachten Freundes fragt die beiden Männer, ob sie Lust haben, mit ihr einmal wandern zu gehen. Die beiden sind entsetzt. Wandern ist allenfalls noch als Bestandteil einer Pilgerreise vorstellbar, ansonsten fährt man lieber mit dem Auto oder bleibt daheim.

Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuß gehen – in den Wäldern, Bergen, Tälern, auf schwierigen Wegen, um einfach nur zu wandern. Ich dachte, sie erzählt uns einen Witz, als sie uns berichtete, dass sie mit ihrem Mann fast jedes Wochenende wandern gehe. (S. 7, Taschenbuchausgabe des Unionsverlages)

Nun, bei dieser reflexhaften Ablehnung wird es nicht bleiben. Al Shahmani probiert es dann doch irgendwann aus und findet, was er vermutlich nicht erwartet hat. Das Wandern, genauer gesagt die Natur und vor allem die Bäume, trösten ihn. Ihnen kann er auf Arabisch erzählen, was ihn bedrückt, besorgt, beglückt und ängstigt. Seine große Freude, als er unvoreingenommenen SchweizerInnen begegnet, die ihm vertrauen und versuchen, ihm zu helfen und Mut zu machen, aber auch die Erfahrung, fremd zu sein, ausgebeutet zu werden, seine Verzweiflung, die Probleme beim innerlichen Ankommen in einem fremden Land und vor allem sein Heimweh.

Wenn ich das Wort ‚Heimat‘ ausspreche, steht vor meinem inneren Auge eine Dattelpalme. […] Dass die Dattelpalme aus meinem Leben verschwunden ist, seit ich in der Schweiz lebe, hat bei mir eine Lücke hinterlassen. (S. 124)

Seine ersten Arbeitserfahrungen als Hilfsarbeiter in verschiedensten Jobs bis hin zu der Tätigkeit in einem Beschäftigungsprogramm, bei dem forstwirtschaftliche Arbeiten im Wald erledigt werden müssen.

Ein Tauchgang in den Wald hilft mir immer wieder, die Vergangenheit ruhen zu lassen und an einen neuen Anfang zu denken. Neige dich und schwanke, sei wie die Bäume im Wind, verhalte dich wie ein Baum und lass alles fließen, denn alles wird vergehen. Auch das, womit du dich jetzt beschäftigst, ist vergänglich, sagte ich mir und betrachtete die Knospen an den Zweigen. (S. 80)

Dann die Erinnerungen an seine Kindheit und seine Geschwister. Besonders an seinen Bruder Ali, der sich weigert, Bagdad zu verlassen, wo er Französisch studiert und seine Freunde hat. Unter anderem deshalb will er nicht zu seiner Familie zurück in den Südirak, auch wenn es dort weniger gefährlich ist. Niemand in der Familie hat das notwendige Geld, um Ali ebenfalls zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Doch dann erfährt Al Shahmani im April 2006 von Naser, seinem zweiten Bruder, dass Ali verschwunden ist. Wie so viele im Irak, vermutlich direkt von der Straße weg verhaftet, verschleppt. Ein Trauma, mit dem nun die Familie im Irak und Al Shahmani in der Schweiz umgehen müssen.

Auf einem meiner Fotos steht der junge Ali in einer unermesslichen Wüste namens hemade. Der weite Horizont verleiht dem Bild eine große Tiefe, und der Horizont zwischen dem Blau des Himmels und der hemade sieht aus wie eine Linie zwischen Traum und Wahrheit. Er war im ersten Jahr seines Studiums. Sein ganzes Wesen strahlte eine bedingungslose Liebe zum Leben aus. Er freute sich, die französische Sprache und Literatur zu studieren. Einmal im Leben wollte er nach Paris reisen. (S. 176)

Alle Versuche, das Schicksal Alis in diesem vom Bürgerkrieg zerrissenen und korrupten Land aufzuklären, scheitern. Egal, wie häufig Naser die Gefängnisse, Krankenhäuser, Polizei, den Geheimdienst oder die Leichenhäuser aufsucht, in denen Menschen nach ihren zu Tode gefolterten Angehörigen suchen. Egal, ob man wertvolles Land verkauft, um Geld für einen Scharlatan zu haben, der sich brüstet, mit seinen guten Kontakten vielleicht doch etwas über den Verbleib des Verschwundenen herauszufinden. Die Mutter Alis wird über dem ungeklärten Schicksal ihres Sohnes fast verrückt.

Nicht nur der Regen, der Schnee und die Sonne, auch die Zeit hat im Wald eine andere Dimension. Den Regen im Wald zu erleben, hat meine Seele erfüllt, ich kam wie neugeboren heraus und fühlte mich erleichtert. Viele Schichten meines Leidens hat dieser Regen weggewaschen. (S. 110)

Die vernünftige Erkenntnis, dass man als Exiliraker nicht mehr davon träumen kann, irgendwann zurück in die Heimat zu gehen, da das Land so tiefgreifend zerstört ist. Dennoch sehne sich die Seele nach der Heimat. In den Worten eines irakischen Künstlers:

Meine Beziehung zum Irak habe ich für immer beendet – wie wenn man ein Grab zuschüttet. Frag mich nicht wieso, du musst selbst dorthin gehen. Die Diktatur lebt weiter in der Politik wie im sozialen Gewebe, und der Krieg hat die Menschen bis einem Grad verstümmelt, dass selbst der Gedanke, eine Reform zu versuchen, eine Art Verrücktheit geworden ist. (S. 106)

Weder hat Al Shahmani die Angst vor dem irakischen Sicherheitsdienst oder den schwarzen Regen vergessen, der 1991 fiel, als Saddams Truppen beim Rückzug aus Kuweit die Ölquellen in Brand stecken ließ, noch den Fundamentalismus im Irak. Sein guter Freund Meran musste seine Geige immer bei den Nachbarn verstecken, da dessen Vater so religiös war, dass er weder Musik noch Instrumente duldete. Aber es geht auch um die Dankbarkeit und Hoffnung, mit der er sein Leben in der Schweiz gestaltet.

Ich bin der Fremde.
Ich habe Hoffnung
und einen Koffer voller Geheimnisse.
Beides trage ich und gehe,
wie ein Sufi, der geduldig
zu blühen versucht, wo immer
der Herr ihn hingepflanzt hat.
(S. 17)
Hier lang zu einem Interview mit Usama Al Shahmani.

Tom Hiney: Raymond Chandler. A Biography (1997)

Nachdem ich Farewell, my Lovely (1940), den zweiten Roman um den einsamen, trinkfesten und zynischen Privatdetektiv Philip Marlowe von Raymond Chandler (1888 – 1959) gelesen hatte, war klar, dass ich in den nächsten Wochen auch die anderen Marlowe-Krimis wiederlesen muss. Doch heute soll es um Tom Hineys Biografie zu diesem großen Kriminalschriftsteller gehen. 

Hiney liefert mit den ca. 300 Seiten seiner Chandler-Biografie einen knackigen und informativen Abriss, bei dem sich der Biograph nicht in den Vordergrund drängelt, bietet doch schon das Leben Chandlers genügend Stoff für mehrere Romane:

Chandler wird 1888 in Amerika geboren, sein Vater ist Alkoholiker, der die Familie früh verlässt. Als Siebenjähriger kehrt er mit seiner mittellosen Mutter zurück in deren Heimat nach Ireland. Verwandte unterstützen sie und ein Onkel finanziert, wenn auch nur mäßig begeistert, schließlich den Besuch der Privatschule Dulwich College in London, deren Direktor A. H. Gilkes einen unauslöschlichen Eindruck auf seine Schüler hinterlässt.

Gilkes‘ relentless sense of integrity could at times be excessive. P. G. Wodehouse, who left Dulwich in the year of Chandler‘s arrival, remembered the Master as the sort of man who would approach him after a good cricket performance and say ‚Fine innings, Wodehouse, but remember we all die in the end.‘ (S. 14)

Ein Studium mag der Onkel dem begabten Neffen dann doch nicht finanzieren. Allerdings unterstützt er längere Auslandsaufenthalte in Deutschland und Frankreich, sodass Raymond beide Sprachen lernt. Das wiederum hilft ihm, neben der Tatsache, dass er die britische Staatsangehörigkeit angenommen hat, 1907 den Einstellungstest für den öffentlichen Dienst als Drittbester von mehreren hundert Kandidaten zu bestehen. Doch in seiner ersten Stelle im Marineministerium hält Chandler es nur ein paar Monate aus; statt solider Tätigkeit im Staatsdienst folgt eine Phase verschiedenster Jobs, z. B. als Journalist, er mag sich nicht unterordnen und langweilt sich schnell. Vergeblich hofft er, als Dichter Anerkennung zu finden. 

Chandler‘s early poetry, with few exceptions, is most remarkable for the fact that he managed to have it published – for payment – in reputable magazines. (S. 25)

Sein Onkel, der ihm unmissverständlich klargemacht hat, dass es nun Chandlers Aufgabe sei, sich auch finanziell um seine Mutter Florence zu kümmern, borgt ihm ein letztes Mal Geld und so reist der 24-jährige Chandler 1912 nach Amerika. Während der Schiffsreise lernt er eine der reichsten Familien Los Angeles kennen, was ihm zu weiteren Kontakten und einer kulturellen Anlaufstelle für seine Freizeit verhelfen sollte. Schließlich lässt er seine Mutter nach San Francisco nachkommen, jobbt in allen möglichen Bereichen, belegt erfolgreich einen Kurs in Buchhaltung und arbeitet längere Zeit in der Buchhaltung einer Molkerei. 1913 dann der Umzug nach Los Angeles.

1917 meldet er sich zur Armee und kämpft während des Ersten Weltkrieges auf kanadischer Seite in Europa. Er erlebt, wie er als einziger aus seiner Einheit einen Angriff der Deutschen überlebt. Später wird er sich nur ganz selten zu seinen Kriegserinnerungen äußern. Nach Kriegsende beginnt er eine Affäre mit der 18 Jahre älteren Pearl Eugenie Pascal, die er immer nur Cissy nannte und die sich ihm gegenüber lange 10 Jahre jünger ausgegeben hat, als sie tatsächlich war. Cissy lässt sich für ihn von ihrem zweiten Ehemann scheiden, doch erst als Chandlers Mutter gestorben ist, ist der Weg für die Eheschließung 1924 frei. Die beiden bleiben bis zu Cissys Tod zusammen, sie war sein Halt, sein Idol, selbst seine Affären und sein Alkoholismus, dem Chandler immer nur phasenweise abschwor, änderten daran nichts. 

Ab 1922 arbeitet er sich in der rasch florierenden Ölfirma Dabney Oil Syndicate hoch und fängt an, richtig viel Geld zu verdienen. Ab den späten zwanziger Jahren läuft seine Trinkerei völlig aus dem Ruder. Er zieht in ein Hotel, da Cissy seine Affären und seine Sauferei nicht mehr erträgt. Wiederholt droht er mit Selbstmord oder verschwindet mit einer der Sekretärinnen von Dabney‘s übers Wochenende. Danach sind die beiden so durch den Wind, dass schließlich keiner von ihnen vor Mittwoch an der Arbeit erscheint. Er hat die ersten Blackouts und Gedächtnisausfälle.

Though Chandler made scant direct record of, or reference to, these lost years, it was a period in his life on which, in his later books, he would draw more heavily than any other. The age and circumstances of his fictional character, Philip Marlowe, would be very similar to those of Chandler during the last four years of his oil career. Both men were lonely drinkers working in Los Angeles. Both were good at jobs which they found distasteful and both, to some extent, were addicted to physical danger. The unique atmosphere of early 1930s Los Angeles would also figure more strongly in Chandler‘s fiction than that of any other period, for his own instability around 1930 was mirrored by the situation in which LA found itself following the Wall Street Crash of 1929. (S. 64)

Schließlich machen ihn sein ständiges Betrunkensein am Arbeitsplatz und seine daraus entstehenden Fehlzeiten für Dabney untragbar. 1932 wird er gefeuert. Mit seinen Ersparnissen kann er sich und Cissy eine Weile finanziell über Wasser halten, was hilfreich ist, denn ehemalige Freunde hat er mit seinem Verhalten längst vergrault und weder Verwandte noch eine Rückkehr nach Irland sind eine Option.

Nun kommt er – er ist inzwischen gründlich ausgenüchtert – auf die ja nicht unbedingt naheliegende Idee, sein Geld mit kurzen Geschichten verdienen zu wollen, die in preiswerten, auf raschen Konsum ausgerichteten sogenannten Pulp Magazinen veröffentlicht wurden. Das konnten Horror- und Abenteuergeschichten sein, Western oder eben auch Kriminalgeschichten. Diese erschienen ihm – trotz mancher Plumpheiten – ehrlicher, aufrichtiger und besser zur Gegenwart passend als die traditionellen britischen Krimis. 

Chandler […] was also genuinely intrigued by detective fiction and the likes of Dashiell Hammett and Gardner. American crime fiction had, since the 1920s, been throwing off the polite shackles of the genre‘s English originators. The result was a tough, ‚hard-boiled‘ and instantly popular new sub-genre. It was also a sub-genre that had found, in Black Mask, both a new platform and a mass market. (S. 75)

Sein neues berufliches Ziel geht Chandler methodisch an; er besucht einen Kurs zum Schreiben von Kurzgeschichten, kauft Bücher dazu und analysiert die Geschichten, die in Pulp Magazinen veröffentlicht wurden, z. B. von Dashiell Hammett und Erle Stanley Gardner, dem Erfinder von Perry Mason.

‚Analysieren und imitieren; eine andere Schule ist nicht nötig.‘ (Frank MacShane: Raymond Chandler – eine Biographie, Diogenes Verlag 1984, S. 81)

Doch Chandler feilt von Anfang an länger an seinen Texten, achtet mehr auf die Sprache als seine Kollegen, dafür weniger auf den Plot. 1933 wird seine erste Geschichte Blackmailers don‘t shoot in Black Mask veröffentlicht, an der er fünf Monate gearbeitet hat.

Dennoch ist das Ergebnis zunächst ernüchternd. 

It is possible to read the story half a dozen times without understanding what has taken place. This was partly arrogance on Chandler‘s part – his refusal to map out plots was largely because he considered them to be superfluous to the new realistic spirit of detective fiction. […] The plot proved to be a mess, and he was not yet sufficiently good a writer to create characters convincing enough to compensate for this. (S. 81)

Rückblickend sagt er über sein Schreiben, dass er am Anfang kaum in der Lage gewesen sei, einem Protagonisten glaubwürdig den Hut abzusetzen, ja, es habe zwei drei Jahre gedauert, bis er jemanden vernünftig einen Raum habe verlassen lassen können, und noch viel länger, bis er es geschafft habe, eine Szene mit mehreren Figuren im Griff zu behalten.

Writing was, none the less, a form of discipline that the reforming alcoholic enjoyed. Chandler grew fascinated by the mechanics of fiction, and even experimented with the physical process of typing… (S. 72)

Sein Leben lang wird er schmale, gelbe Papierstreifen in seine Schreibmaschine einsetzen, auf denen er nur 12 bis 15 Zeilen tippen kann. 

It was a trick, he discovered, which forced him to put ‚a bit of magic‘ on to each small sheet; be it an image, description or wisecrack. (S. 72)

Irgendwann ist er das Zugpferd des Black Mask Magazine, das sich immer stärker auf Detektiv- und Kriminalgeschichten konzentriert. Doch richtig viel Geld läßt sich für Chandler nicht damit verdienen. Seine finanziellen Umstände sind lange ausgesprochen drückend, weil er einfach nicht schnell genug Geschichten nachliefert. Er schreibt mehrere Monate an einem Text, während andere ihre Geschichten zum Teil in nur wenigen Tagen runterschreiben. Auch als er für mehrere Magazine schreibt, die zum Teil wesentlich besser als Black Mask bezahlen, verdient er nicht wirklich gut. Und die Konkurrenz ist riesig: Allein in New York gab es um die 300 Autoren, die für die Pulp Magazine schrieben, dazu kamen noch einmal ca 1000, die woanders lebten.

Doch 1938 wendet sich das Blatt. Ein New Yorker Literaturagent zeigt dem Verlagshaus Alfred Knopf einige Geschichten von Chandler. (Hier wird ärgerlicherweise die Rolle von Blanche Knopf wieder völlig ignoriert). Jedenfalls teilt Knopf mit, dass er Interesse daran habe, einen Roman von Chandler zu lesen.

Und so erscheint 1939 sein erster Roman The Big Sleep. Wie bei fast allen seinen Kriminalromanen hat er darin mehrere seiner alten Geschichten aus dem Black Mask Magazine recycelt. Doch der Erfolg, auf den Knopf und Chandler gehofft hatten, stellt sich nicht ein. Erst kurz vor der Veröffentlichung des vierten Marlowe-Romans Lady in the Lake 1943 erlaubt Knopf eher resigniert auch Abdrucke in Pulp Magazinen und eine Taschenbuchausgabe. Doch nun passiert, womit keiner mehr gerechnet hat. Alle Marlowe-Bücher verkaufen sich wie geschnitten Brot, selbst die Hardcover-Ausgaben sind auf einmal erfolgreich. Das Problem dabei, Chandler fängt wieder an sich zu langweilen und weiß nicht recht, was er in Zukunft tun will. 

Da kommt im Mai 1943 ein Anruf der Paramount Studios. Sie bieten ihm an, zusammen mit Billy Wilder das Drehbuch für die Verfilmung von Double Indemnity nach der Romanvorlage von James M. Cain zu schreiben. Chandler sagt zu.

Just as he had done with the oil business in the 1920s, Chandler was about to enter a booming American industry at the optimum moment. The post-Depression, pre-television 1940s would turn out to be one of Hollywood‘s greatest (and richest) decades. This had much to do with the continuing war, which was providing the American movie industry with a captive market, both at home and abroad. (S. 134)

Die enge Zusammenarbeit mit Wilder findet Chandler – nach den langen Jahren der sozialen Isolation – ausgesprochen schwierig. Er fängt wieder an zu trinken und glaubt, dass niemand das bemerkt. Dazu kommen die Probleme mit der Filmzensur, die sich die bekannteren Drehbuchschreiber bei der Romanvorlage von Cain nicht hatten antun wollen. Dennoch wird Double Indemnity ein Riesenerfolg. Chandler wird nun als fester Drehbuchschreiber engagiert und schwimmt in Geld.

Doch spätestens bei der Arbeit am Drehbuch zu The Blue Dahlia wird Chandler wieder zu einem alkoholischen Wrack. Er will die Arbeit zwischenzeitlich nicht mehr fortführen und erpresst von seinen Auftraggebern, die Angst hatten, dass ansonsten das ganze Projekt scheitern würde, schließlich Bedingungen, die noch keinem anderen Schreiber eingeräumt worden waren. Er setzt durch, dass er von zu Hause aus arbeiten kann, ständig zwei Cadillacs vor der Tür stehen, um Manuskripte zum Studio oder ihn oder Cissy zum Arzt zu bringen. Sechs Sekretärinnen würden sich jeweils in Zweierschichten bei der Arbeit ablösen. Auch ein Arzt solle bereitstehen, um ihm Vitaminspritzen zu verabreichen, da Chandler während seiner Trinkexzesse nichts aß. Chandler säuft also, schläft und schreibt. Das Drehbuch wird beendet und The Blue Dahlia wird 1946 zu einem der erfolgreichsten Kinofilme in Großbritannien. Chandler strickt dann eifrig an der Legende, dass er nur das Trinken wieder begonnen habe, um das Projekt zu einem rechtzeitigen Abschluss zu bringen. Die Zensoren bemängeln dann auch die übermäßige Erwähnung alkoholischer Getränke im Drehbuch. 

1946 wird er von Paramount gefeuert. Wieder wegen seines Alkoholmissbrauchs und der Tatsache, dass er schlicht nicht mehr zur Arbeit erscheint. Chandler und Cissy ziehen um nach La Jolla, wo sie die nächsten neun Jahre leben werden.

Ab Mitte der vierziger Jahre beginnen Kritiker zunehmend, sich ernsthaft mit den Kriminalromanen um Marlowe zu beschäftigen. Während einige befürchten, dass Chandler der Hochkultur erheblichen Schaden zufüge, weil er nun auch von intelligenten Leuten gelesen werde, sehen besonders britische Kritiker und Schriftstellerkollegen wie Stephen Spender, J. B. Priestley, William Somerset Maugham und W. H. Auden Chandler nicht länger als Vertreter billiger Unterhaltungsliteratur, sondern als ernstzunehmenden Schriftsteller an, dessen Romane als Kunstwerke gelesen werden müssten. Chandler interessiert das nur mäßig, er hält ohnehin die meisten Kritiker für Menschen, die nicht schreiben können, keinen Kontakt zum Leben der Normalsterblichen hätten und sowieso schon halb tot seien. Und um ihre eigene Daseinsberechtigung nachzuweisen, würden sie ständig Interpretationen liefern, auf die außer ihnen kein vernünftiger Mensch komme. Aber es freut ihn natürlich, dass er anscheinend sein Ziel erreicht hat: aus einem heruntergewirtschafteten Genre etwas Neues geschaffen zu haben, über das sich die Intellektuellen in die Haare kriegen. Seine eigenen Ansichten zur Literatur veröffentlicht er ab Mitte der Vierziger immer wieder auch in Aufsätzen, die beispielsweise in The Atlantic erscheinen.

1949 erscheint Little Sister, sein fünfter Marlowe-Roman. 

1950 beginnt die Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock. Sie wollen Strangers on a Train nach dem Roman von Patricia Highsmith verfilmen. Doch Chandler überwirft sich mit Hitchcock, beschimpft ihn als „fetten Bastard“ und wird mal wieder gefeuert.

1953 erscheint The Long Goodbye, sein sechster Roman um Marlowe.

Dann, 1954, die große Katastrophe, von der sich Raymond Chandler nicht mehr erholen sollte. Nach jahrelangem Leiden an einer Lungenfibrose stirbt seine geliebte Cissy im Alter von 84 Jahren, um die er sich in ihren letzten Monaten aufopfernd gekümmert hat.

For thirty years, ten months and four days, she was the light of my life, my whole ambition. Anything I did was just the fire for her to warm her hands at. That is all there is to say. (S. 214)

Mit Cissys Tod geht ihm der letzte Halt verloren. Er schafft es nicht einmal, ihre Asche zu bestatten. Er verkauft sein Haus. Es folgen Alkoholabstürze, Sanatoriumsaufenthalte, Selbstmordversuche, diverse Umzüge, lange Englandaufenthalte und zweifelhafte Versuche, sich mit anderen Frauen und Heiratsanträgen zu trösten. Seine Freunde versuchen alles, um ihn zu stützen, abzulenken und unternehmen sogar Reisen mit ihm.  

Chandler‘s self-control continued to fall away in the loneliness into which he had plunged after Cissy‘s death. He made desperate midnight phone calls to people he had only ever known by letter. He was drinking constantly. (S. 217) 

Dennoch schafft es Chandler irgendwie, Playback, seinen letzten Marlowe-Roman fertigzustellen, der 1958, ein Jahr vor seinem Tod erscheint. 1959 stimmt Helga Greene, seine fast 30 Jahre jüngere britische Literaturagentin, seinem Heiratsantrag zu. Chandler besteht darauf, bei ihrem Vater formell um ihre Hand anzuhalten, was dieser ausgesprochen ungnädig aufnimmt. Beleidigt reist er nicht mit Helga zurück nach London, sondern verkriecht sich in La Jolla und trinkt und vernachlässigt sich so lange, bis er mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wird, an der er drei Tage später stirbt. Greene wird damit – nach einem vor einem Gericht ausgetragenen Erbschaftskrieg – seine alleinige Erbin und Nachlassverwalterin.

Es war ein trister, anonymer Tod für einen Mann, der mit seinem Witz und seiner Klarsicht die Literatur so bereichert hatte. Die Zeitungen brachten lange, anerkennende Nachrufe. Die Londoner Times stellte fest: ‚Er gehört mit Sicherheit zu dem knappen Dutzend Kriminalschriftsteller, die zugleich auch Neuerer und Stilisten waren; die, in den gewöhnlichen Erzminen der Kriminalschriftstellererei arbeitend, das Gold der Literatur zutage förderten.‘ (MacShane in seiner Biografie von 1976, S. 428) 

Was die Biografie Hineys neben der Lebensgeschichte Chandlers so ansprechend vermittelt, ist der zeitgeschichtliche Hintergrund, der einen die Romane um Philip Marlowe noch einmal anders lesen lässt. Die Zeit der Prohibition (1920 – 1933), in der laut Chandler mehr getrunken wurde als je zuvor (siehe dazu auch die Seiten 66 ff), der Ölboom in Kalifornien, dann 1927 der große Korruptionsskandal um die Julian Petroleum Corporation, bei dem Tausende von Anlegern um ihre Ersparnisse gebracht wurden. 

Man versteht nach der Lektüre dieser Biografie besser, warum es in den Marlowe-Krimis von korrupten Polizisten wimmelt. Nicht nur das viel zu rasche Bevölkerungswachstum ist für die steigende Kriminalitätsrate in Los Angeles verantwortlich. Die Polizei ist für ihre Gewalttätigkeit berüchtigt und bei den rassistischen Ausschreitungen der Zoot Suit Riots von 1943 werden die Opfer bestraft, nicht aber die Täter. Das organisierte Verbrechen wird wohlwollend geduldet und gedeiht unter den Augen der Polizei ganz prächtig. 

In 1937, a federal grand jury investigation discovered that no less than 600 brothels and 18,000 unlicensed bars were operating under the noses of LAPD officers. It also confirmed in its report that ‚a portion of the underworld profits have been used in financing campaigns of city and county officials in important positions … The District Attorney‘s office, Sheriff‘s office, and the Los Angeles Police Department work in complete harmony and never interfere with … important figures in the underworld‘. (S. 89)

Selbst der oberste Polizeichef von Los Angeles, James Edgar Davis, steckte in der Tasche der einflussreichen Wirtschafts- und Unterweltbosse.

Besonders interessant fand ich die Ausführungen zur Rolle der Filmzensur in Hollywood.

Drehbücher mussten nämlich vorab eingereicht und genehmigt werden, um allen möglichen und unmöglichen Bedingungen zu genügen. Ständig mussten Szenen umgeschrieben und Details verändert werden. Unter dem Einfluss der katholischen Kirche und weiterer sittenstrenger Verbände war 1934 Schluss mit der künstlerischen Freiheit, was Gewaltszenen, nackte Haut und bestimmte Themenstellungen anging. Diese Periode in der amerikanischen Filmgeschichte bezeichnet man als Pre-Code.

Doch ab 1934 wurde der Production Code für alle amerikanischen Filmunternehmen verbindlich. Dessen Regelungen zielten darauf ab, auch Kriminalität, Sexualität und politische Inhalte moralisch einwandfrei darzustellen. Eine treibende Kraft bei der Durchsetzung des Production Code war die katholische Kirche, die andernfalls mit Boykottaufrufen drohte, was jeden Film zu einem wirtschaftlichen Reinfall gemacht hätte. So mussten die Studios nicht nur die Drehbücher vor Drehbeginn einreichen, sondern auch Fotos beilegen, die zeigen sollten, wie lang die Kostüme der Schauspielerinnen waren. Am liebsten wurde es gesehen, wenn die Filme die Möglichkeiten des Mediums nutzen, um der charakterlichen Erbauung des Zuschauers zu dienen. Auch die Wortwahl wurde überwacht, möglichst keine Flüche und so wenig Slang wie möglich. Helden durften nicht zu feminin wirken und es durfte nichts Kriminelles gezeigt werden, was man als Zuschauer vielleicht hätte nachahmen können. So wurde beispielsweise beanstandet, dass ein Verbrecher, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, im Film Handschuhe tragen sollte. Kein Wunder, dass sich da Chandlers Filme kaum werkgetreu verfilmen ließen… Erst 1967 wurde der Production Code abgeschafft.  

Das letzte Kapitel setzt sich mit Chandlers Rezeption nach seinem Tod und mit seinem angeblichen Antisemitismus und seinem Rassismus auseinander. 

Zum Abschluss meiner wieder völlig ausgeuferten Buchvorstellung ein Zitat des großen Kriminalschriftstellers:

I wish to God that Hollywood would stop trying to be significant […] because when art is significant, it is always a by-product and more or less unintentional on the part of the creator. (S. 166)

Als musikalischen Abschluss empfehle ich für diejenigen, die bis hierhin durchgehalten haben, Raymond Chandler Evening von Robyn Hitchcock and the Egyptians.

Anmerkung: Wer noch tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem lege ich die über 400-seitige Biografie von Frank MacShane ans Herz, die im Original erstmals 1976 und in der deutschen Übersetzung 1984 im Diogenes Verlag erschienen ist. MacShane geht stärker als Hiney auf die literarische Entwicklung Chandlers ein und beschäftigt sich mit den Ansprüchen des Autors, die dieser grundsätzlich an Literatur, an sein eigenes Schreiben und seinen Stil gestellt hat. Auch die Beziehungen zu seinen Verlegern, die ganze geschäftliche Seite seines Schreibens wird genauer referiert. Dazu zitiert MacShane ausführlich aus den Briefen Chandlers.

Stefan Schwarz: Bis ins Mark – Wie ich Krebs bekam und mein Leben aufräumte (2022)

Ich bin kein Jürgen von der Lippe-Fan, aber sein Programm Lippes Leselust, das er zusammen mit Torsten Sträter auf die Bühne gebracht hat, war großes Kino (problemlos auf YouTube zu finden). Ich habe vor mich hin gekichert und – bitte nicht weitersagen – die Sendung am nächsten Tag gleich noch mal angeschaut. Im Anschluss habe ich unverzüglich eines der Bücher bestellt, die Sträter und von der Lippe vorgestellt haben, nämlich Bis ins Mark – Wie ich Krebs bekam und mein Leben aufräumte von Stefan Schwarz

Der Kolumnenautor Schwarz (*1965), Sohn eines Stasi-Generals, ehemaliger Mitarbeiter der TAZ, dann von dieser als ehemaliger Informeller Mitarbeiter enttarnt, erkrankte mit Mitte 50 unheilbar an Knochenmarkkrebs und hat darüber nun ein Buch geschrieben, von dem Schwarz in einem Interview selbst sagt:

Es ist keine fiktionale Geschichte, jedoch auch kein Tatsachenbericht. Knochenmarkkrebs ist nicht heilbar, aber am Horizont erscheinen Therapien, die eine sogenannte Chronifizierung ermöglichen, sodass man ein ordentliches Alter erreichen kann. Darüber schreiben wollte ich zunächst nicht, weil das mit einer Retraumatisierung einhergeht. Aber der Verlag hat mich ermutigt, ich könnte Humor und Verzweiflung an den richtigen Stellen einsetzen. Vielleicht wird es dadurch ja auch eine Handreichung für Menschen, die ebenfalls durch so was durch müssen. Man hat viel Zeit, über sein Leben nachzudenken, und mir tut es gut, mal draufzugucken, wie unentspannt ich durch mein Leben gegangen bin. Außerdem wollte ich, dass meine Kinder einen Vater haben, der da schließlich etwas buddhistischer rausgeht.

Ich finde, man wird diesem Buch nur gerecht, indem man es liest. Wie macht der Autor das bloß? Es ist so lebensvoll, lebendig. 

Ich bin ausgeschlossen aus dem Kreis der Gesunden, der nachlässig durch ihr Leben eilenden oder schlendernden Existenzen, die eine gefühlte Unendlichkeit vor sich herschieben. (S. 33)

Außerdem ist das Buch so allgemeingültig menschlich und ständig zog ich Querverbindungen zu meinem Leben, dabei haben unsere Lebenswege so gut wie nichts gemeinsam.

Das ist ja die schlimmste Nebenwirkung der Schriftstellerei, dass man sich beim Schreiben so unvermeidlich auf die Schliche kommt. […] Man schreibt sich auf und liest sich durch und lernt sich kennen, besser, als man sich je kennenlernen wollte. (S. 111)

Daneben ist es eine knallehrliche Bestandsaufnahme, ein Blick auf die Vergangenheit mit schmerzhaften Erinnerungen an Mutter und Vater, an Katastrophen, an den jahrelangen Sorgerechtsstreit mit seiner ehemaligen Frau und Fehler in der Kindererziehung. Es geht um das Auseinanderklaffen von Ideal und Wirklichkeit, um die Verluste, die das Älterwerden mit sich bringt. Und um unsere Endlichkeit.

Genauso erlaubt das Werk aber auch ein Blick auf unser großartiges und dann wieder ganz gruseliges Gesundheitssystem und auf die Torturen und die Schmerzen bei der Chemotherapie und Stammzellenbehandlung, die Ängste, die Begrenzung des Raums und des Horizonts und die Verlangsamung, die die Krankheit einem aufnötigt.

‘Ihr Krebs ist unheilbar‘, sagt der Arzt. ‚Sie werden folglich daran sterben.‘ Gesprächseröffnung nach Dr. Doom. (S. 182)

Und jetzt, in diesem Moment vor diesem Arzt, bemerke ich gerade, dass ich von einer gewaltigen Aggressionswelle geflutet werde. Dass ich ganz neutral in mir Aggressionswellen bemerke, erkennt man bei mir übrigens daran, dass ich lächle. Sie werden auch an irgendwas sterben, denke ich lächelnd. Und weder Sie noch ich wissen, woran und wann. (S. 183)

Schließlich die Dankbarkeit, als er nach den vielen harten Krankenhauswochen zum ersten Mal wieder draußen für ein paar Minuten einfach in der Sonne sitzen kann. Prioritäten, die sich völlig verschieben.

Und uns, den Leserinnen und Lesern, wird gehörig die Brille geputzt. 

Wenn man gesund ist, weiß man ja alles besser. […] Krebs stopft einem das große Maul. (S. 132)

Das ist doch der ganze Sinn von Krebs. Dass man aufhört, sich und anderen was vorzumachen, dass man innehält und sich die Augen reibt. (S. 201)

Und vielleicht das Erstaunlichste daran: Das Werk ist alles andere als ein „Doom and Gloom“-Buch. Es ist berührend, aber nicht larmoyant, es ist bissig, sarkastisch und wütend, ein Kampf um Würde und darum, nicht zu verzweifeln – auch nicht im Angesicht hilfloser und manchmal auch komplett empathiefreier Kommentare seiner Mitmenschen.

‘Was haben Sie eigentlich für einen Krebs?‘, fragt mich ein Gartenfreund über den Zaun, der schon vorab Nachricht von meiner Frau bekommen hatte.    ‚Knochenmarkkrebs!‘    ‚Ach, das hatte ein Freund von mir auch. Vor zwei Jahren. Ist aber schon tot.‘    ‚Na, das ging ja schnell‘, sage ich freundlich. Der Gartenfreund lebt auf. Offenbar konnte er mein Interesse an diesem Fall wecken. (S. 259)

Dann wieder liest es sich liebevoll und tröstlich und an anderen Stellen auch sehr, sehr komisch, mit einem Blick fürs Absonderliche, Schräge und Allzumenschliche. Und der Begriff „Raumteiler“ ist ab sofort nicht nur für x-beliebige Regale reserviert…

Das enge Herz der Welt wird einmal weit, und blumigere Naturen als ich fragen sich an dieser Stelle, warum wir uns nicht immer wie Todgeweihte (was wir sind, ist nur eine Zeitfrage) behandeln. (S. 151)

Hier gibt es ein Interview mit dem Autor auf SWR2.

Antti Tuomainen: Der Kaninchen-Faktor (OA 2020)

Bitte, wen würde dieser Einstieg nicht neugierig machen?

Ich sehe dem Hasen tief in die Augen, als das Licht ausgeht. In der linken Hand halte ich die Tube mit dem Industriekleber, in der rechten einen Schraubenzieher. Ich lausche. (S. 8)

Und schneller, als man den Namen des erfolgreichen finnischen Autors buchstabieren kann, muss der eigenbrötlerische Ich-Erzähler Henri Koskinen, von Hause aus Versicherungsmathematiker, aber seit kurzem Besitzer eines Abenteuerparks, einen Messerangriff durch einen Unbekannten abwehren. Der Angreifer hat sich eines Nachts im Abenteuerpark DeinMeinFun versteckt, auf Henri gelauert und versucht nun, ihn umzubringen. Doch das kaputte Ohr des Riesenhasen, bei dessen Reparatur Henri gestört worden war, leistet Henri bei der Verteidigung gute Dienste und der Angreifer liegt nach einer irren Verfolgungsjagd durch den nächtlichen Park auf einmal tot am Boden. Damit fangen die Probleme dann richtig an.

Nun muss Henri erst einmal einige Informationen nachreichen, damit sich die LeserInnen zurechtfinden. Henri, steif, stets formal gekleidet, stur und mathematisch beschlagen, hat kürzlich seinen Job als Mathematiker bei einer Versicherung verloren, da er auf die neuen Werte im Unternehmen wie Teambuilding, Emotionen zeigen und Kommunikation eher allergisch und beratungsresistent reagiert.

Doch Henri bleibt nicht lange arbeitslos, denn der Anwalt seines kürzlich verstorbenen Bruders Juhani erklärt ihm bei der Testamentseröffnung, dass Juhani ihm den Abenteuerpark DeinMeinFun vererbt habe.

Nach kurzer Zeit hat Henri das Chaos im ehemaligen Büro seines Bruders unter Kontrolle gebracht und herausgefunden, dass sich der Park in einer aberwitzigen finanziellen Schieflage befindet. Hohe Kredite bei kriminellen Gestalten wurden aufgenommen, nicht zurückgezahlt, große Summen versickerten, niemand weiß, wohin. Doch die Geldeintreiber wollen ihr Geld zurück und sind, siehe das nächtliche Abenteuer mit dem Hasenohr, nicht gerade zimperlich.

Henri mag sich den ebenfalls recht eigenwilligen Mitarbeitern des Parks nicht anvertrauen, er kennt die schließlich kaum und ist ohnehin eher misanthropisch unterwegs. Sein Motto: Je mehr Menschen, desto mehr Probleme. Es hilft auch nicht, dass auch diese Mitarbeiter ihre eigenen Vorstellungen von einem gut geführten Abenteuerpark umsetzen möchten.

Schlosser Kristian beispielsweise sieht sich schon auf dem Sessel des Geschäftsführers, den ihm der verstorbene Chef Juhani anscheinend in Aussicht gestellt hatte.

…. konnte es sein, dass ich die verborgenen Talente dieses Mannes übersah? Ich musterte ihn, ließ mir durch den Kopf gehen, was ich bisher über ihn wusste. Nein. Falls man bei diesem Mann Führungskompetenzen freilegen wollte, musste man bis zum Mittelpunkt der Erde vordringen. Oder so ähnlich. (S. 65)

Was bleibt Henri also anderes übrig, als sich auf eine gefährliche Ein-Mann-Rettungsmission zu begeben, was ihn, der normalerweise nur in Statistiken, Nützlichkeitsabwägungen und Wahrscheinlichkeiten denkt, doch weit außerhalb seiner Komfortzone führt. Dass er sich immer ganz seltsam fühlt, sobald die attraktive Malerin Laura, die ebenfalls im Park arbeitet, in der Nähe ist, bereitet dem Pedanten zusätzliches Kopfzerbrechen.

‚Ich hatte keine Karriere in einem Abenteuerpark vor Augen, eigentlich bin ich Künstlerin. Ich male. Aber na ja … Dinge passieren. Sie kennen das.‘ ‚Da bin ich mir gar nicht so sicher, ehrlich gesagt‘, entgegnete ich. ‚Meiner Erfahrung nach führen pauschale Annahmen oft in die Irre.‘ (S. 49)

Seine Überlegungen, wie er sich auf einen gemeinsamen Besuch einer Kunstausstellung vorbereiten möchte, sind großes Kino. Doch die Kunstwerke entziehen sich seiner mathematischen Planung und Betrachtungsweise, was ihn schwer irritiert. Auch seine Liebeserklärungen haben ihren ganz eigenen Charme. Als Laura sich darüber wundert, dass er bereits beim ersten Date so ehrlich von sich erzählt, meint er nur:

Ach so. Damit kenne ich mich nicht so aus. Ich bin selten in einer Situation wie dieser hier. Ich finde Menschen eigentlich nicht so interessant. Aber dich finde ich interessant. (S. 162)

Dieser Krimi des preisgekrönten und international erfolgreichen Autors Tuomainen (*1971), übersetzt von Niina Katariina Wagner und Jan Costin Wagner, macht wirklich Laune. Er ist spannend und mit einer kauzigen Hauptfigur, die man in ihrer Geradlinigkeit und spießigen Korrektheit doch sehr mag.

Henri scheint nur darauf gewartet zu haben, dass statistisch ausgesprochen unwahrscheinliche Vorgänge wie Mordanschläge, finstere Gestalten und ein schauerlicher Abenteuerpark mit lauter lärmigen Kindern die wahren Stärken eines Versicherungsmathematikers zum Vorschein bringen. Witzig, schräg und mit einer immer wieder Haken schlagenden Handlung.

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Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day (1989)

The Remains of the Day – ein Buch, über das sich ein Blogeintrag eigentlich gleich aus zwei Gründen verbietet: Zum einen wünschte ich mir vor dem Schreiben einer Besprechung dringend, mich zumindest kurzzeitig zurück ins Studium zu beamen zu können, um mich einige Wochen lang nur mit diesem Buch zu befassen. Zum anderen werden die meisten ohnehin den Roman oder zumindest die kongeniale Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson (1993) kennen. Hilft aber alles nichts, wenn der Blog u. a. auch eine Gedächtnisstütze meiner gelesenen Bücher sein soll, müsst ihr da jetzt mit mir durch.

Kazuo Ishiguro (*1954), der als fünfjähriger Junge mit seinen Eltern von Japan nach Großbritannien zog und Japan erst ca. 30 Jahre später wieder besuchte, ist einer der ganz großen Namen der britischen Literatur im 20. Jahrhundert. Für The Remains of the Day – auf Deutsch erschienen unter dem Titel Was vom Tage übrigblieb – bekam er den Booker Prize und 2017 dann – er hielt die Nachricht zunächst für einen Scherz – die größte denkbare Ehrung:

The Nobel Prize in Literature for 2017 is awarded to the English author Kazuo Ishiguro “who, in novels of great emotional force, has uncovered the abyss beneath our illusory sense of connection with the world”.

Doch zurück zum Buch: Stevens, der Jahrzehnte als Butler für den inzwischen verstorbenen Lord Darlington gearbeitet hat, steht nun – Mitte der fünfziger Jahre – im Dienst des reichen Amerikaners Mr Farraday, der Darlington Hall gekauft hat. Dieser schlägt ihm eines Tages vor, einen kurzen Urlaub zu nehmen. Zögernd nimmt Stevens das Angebot an und während seiner kleinen Reise, auf der er sogar die ehemalige Haushälterin Miss Kenton besuchen will, hat er einige aufschlussreiche Begegnungen mit zufälligen Reisebekanntschaften. Doch es ist auch eine Zeit der intensiven Erinnerungen an seine Arbeit auf Darlington Hall während der zwanziger und dreißiger Jahre. 

Er entsinnt sich der Scharmützel mit der aufgeweckten Miss Kenton, die vergebens versucht, Stevens, der sich völlig hinter dem Panzer seiner Berufstätigkeit verkrochen hat, zu einem wärmeren, individuelleren und mutigeren Ausdruck seiner Persönlichkeit zu animieren.

Stevens denkt auch an seinen stocksteifen Vater zurück, der nach dem Ende seiner eigenen Butlerkarriere seine letzten Jahre auf Darlington Hall verbringt.  Geradezu zärtlich beschreibt Miss Kenton in einem Brief an Stevens ihre Erinnerung an den Moment, als der alte Mann wenige Tage nach einem Sturz vor dem Gartenhaus, der im Grunde das Ende seines Arbeitslebens bedeutet hat, im Garten hin und her wandert:

If this is a painful memory, forgive me. But I will never forget that time we both watched your father walking back and forth in front of the summerhouse, looking down at the ground as though he hoped to find some precious jewel he had dropped there. (S. 50)

Vor allem aber erinnert sich Stevens an seine Arbeit, er macht sich ausführliche Gedanken darüber, welche Charakteristika ein herausragender Butler aufweisen müsse. Dabei spielt der Begriff der dignity, der Würde, eine Schlüsselrolle. Würde wird von Stevens als ein berufliches Ethos definiert, das einem keinerlei persönliche Meinungen erlaubt. Man habe so vollständig in Loyalität, exzellenter Dienstausübung und Vertrauen zu seinem verehrten Arbeitgeber aufzugehen, dass Gefühle, eigene Sorgen oder Ansichten gänzlich unterdrückt werden – und vielleicht irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen werden können. Privatheit dürfe sich ein guter Butler grundsätzlich nur erlauben, wenn er ganz allein sei.

The great butlers are great by virtue of their ability to inhabit their professional role and inhabit it to the utmost; they will not be shaken out by external events, however surprising, alarming or vexing. They wear their professionalism as a decent gentleman will wear his suit: he will not let ruffians or circumstances tear it off him in the public gaze; he will discard it when, and only when, he wills to do so, and this will invariably be when he is entirely alone. (S. 43)

Das Problem, das Stevens erst allmählich auf seiner Reise bewusst wird, ist, dass ihn seine Ansprüche und Verblendungen vermutlich um sein Lebens- und Liebesglück gebracht haben. Entsprechend sagt Ishiguro in einem Interview über seine Hauptfigur:

He’s articulate and intelligent enough to do quite a good self-deception job.

Auch in Bezug auf seinen Dienstherrn Lord Darlington, der sich den Nazis angedient und immer wieder Darlington Hall für konspirative Treffen zur Verfügung gestellt hat, hat Stevens die Wahrheit nicht sehen und wahrhaben wollen. Selbst die von Lord Darlington angeordnete Entlassung zweier jüdischer Hausmädchen wird von Stevens vielleicht nicht gutgeheißen, aber keinesfalls offen in Frage gestellt.

Warum nun liest sich das nun so aufregend? So faszinierend?

Weil man Stevens so nahe kommt. Ishiguro schreibt so überzeugend, als könne er sich in dem Kopf seines Ich-Erzählers umschauen. Man mag kaum glauben, dass es nicht irgendwo einen Stevens gibt, gegeben hat, einfach weil wir förmlich in seine verschrobenen, rührenden und auch liebenswürdigen Gedanken hineinschauen können. Und wer wäre nicht konsterniert, wenn er liest, dass Stevens nie einen Tag frei genommen und abends stundenlang in der Halle gestanden hat, um zu warten, ob Lord Darlington oder seine Gäste noch Wünsche haben. Und dann gar der Moment, als Stevens bei einer wichtigen Gesellschaft die Tränen beim Portwein-Einschenken übers Gesicht laufen. Ich verrate hier nicht, warum er weint. Selbst diese Tränen leugnet er noch ab.

Ishiguro schafft es – keine Ahnung, wie er das macht – Stevens dabei nicht lächerlich zu machen. Im Gegenteil: Stevens Überlegungen, mit denen er in seiner Tätigkeit als Butler einen größeren Sinn geben wollte, und sein Anspruch, seine Arbeit bestmöglich zu verrichten, die Größe seiner Verblendung und seines Selbstbetruges haben auch etwas Tragisches. Genauso wie sein Bestehen darauf, dass er nur dort privat sein wolle, wo er ganz allein ist. Was für ein Gegensatz zu dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Trend, per Social Media möglichst viele Grenzen zwischen ‚privat’ und ‚öffentlich’ einzureißen. – Wozu natürlich auch das Bloggen über die von uns gelesenen Bücher gehört … 

Gleichzeitig wird neben den Klassenschranken der britischen Gesellschaft die Gefahr der blinden Loyalität, des Nicht-selbst-denken-Wollens und des Verantwortung-Abgebens verhandelt. Doch wie in einem Spiegelkabinett vermeidet Ishiguro alle platten Eindeutigkeiten, wozu sein unzuverlässiger Ich-Erzähler beiträgt, der uns zwar vieles wahrheitsgemäß berichtet, sich aber zum Schutz seines Selbstbildes sehr eigenwillige Interpretationen der Geschehnisse zurechtlegt.

Zwischendurch ist das Buch aber auch witzig, berührend und dann wieder zum Haareraufen und sprachlich natürlich sowieso ein Genuss und am Ende ist man froh, dass Mr Farraday seinen Butler Stevens, der sicherlich eine der einsamsten literarischen Figuren ist, wenigstens auf diese Reise geschickt hat, an deren Ende Stevens vermutlich abgeklärter, mit weniger Verdrängtem und Unterdrücktem und mit einer neuen, ehrlicheren „Würde“ zurückkehrt.

Peter Beech verneigt sich vor diesem Roman mit dem Fazit:

We get a picture of a man trying desperately to keep a lid on his emotions – and what a complete picture it is. The Remains of the Day does that most wonderful thing a work of literature can do: it makes you feel you hold a human life in your hands. When you reach the end, it really does seem as if you’ve lost a friend – a laughably pompous, party-hat-refusing, stick-in-the-mud friend, but a good friend nonetheless. You want to give him a hug, except he’d be outraged.

Was mich als Tom Waits-Fan gefreut hat: Der Song Ruby‘s Arms hat Ishiguro noch zu einer wichtigen Kurskorrektur seines Romans bewogen, siehe auch diesen Artikel im Guardian.

Hier eine Würdigung des Werks von Salman Rushdie.

Des Weiteren ist ein Interview mit Graham Swift im BOMB Magazine erhellend; darin erläutert Ishiguro u. a., warum er einen Butler, diesen quasi englischen Mythos, zu seiner Hauptfigur gemacht hat. Der Autor erklärt außerdem, was ihm thematisch am Herzen liegt:

I’m interested in this business of values and ideals being tested, and people having to face up to the notion that their ideals weren’t quite what they thought they were before the test came.

Zum Weiterstöbern: Hier geht es lang zur Besprechung seines vierten Romans The Unconsoled (1995). Ganz anders und doch genauso faszinierend.

Nachtrag: Ich schmökere mich gerade durch den schmalen Band Imagining Mr Stevens: Approaches to Ishiguro‘s The Remains of the Day (2022) von Peter Freienstein und Paul W. Maloney. In neun knackigen Aufsätzen auf insgesamt 115 Seiten wird der Roman unter verschiedenen inhaltlichen und stilistischen Gesichtspunkten interpretiert und analysiert. Man entdeckt dabei weitere Feinheiten des Romans und weiß die Kunstfertigkeit des Autors noch mehr zu schätzen. Gefällt mir sehr.

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Mariana Leky: Kummer aller Art (2022)

Da mich die Drolligkeit samt Okapi in Mariana Lekys Bestseller Was man von hier aus sehen kann (2017) eher verschreckt hatte, war ich zunächst skeptisch ob all der begeisterten Stimmen zu ihrem neuesten Buch.

Doch was soll ich sagen: Nachdem ich Lekys gesammelte und bearbeitete Kolumnen aus Psychologie Heute, die jetzt unter dem Titel Kummer aller Art erschienen sind, gelesen habe, gelobe ich, auch alle eventuellen Folgebände unverzüglich anzuschaffen und zu lesen.

Hier werden unsere alltäglichen Kümmernisse und Freuden in kurzen Geschichten liebevoll aufgefächert, wir haben Flugangst, der Nachbar ist ein Scheusal, der geliebte Onkel wird irgendwann sterben. Aber – selten genug –  kann es auch passieren, dass wir plötzlich jemanden treffen, von dem wir gar nicht wussten, dass wir schon immer nach ihm gesucht haben, und dann denken wir:

‚Da bist du ja wieder‘ (S. 157)

Weitere Kümmernisse, die mit Lekys Buch ein wenig kleiner werden: Wir haben eine mittelprächtige Phobie, der Teenager hat den ersten weltgroßen Liebeskummer oder wir fragen uns, was wohl ein verpasstes Leben sein könnte. Manchmal können wir auch einfach nicht einschlafen und die richtigen Antworten auf Grobheiten und Unhöflichkeit fallen uns natürlich erst Stunden oder Tage später ein.

Die unangenehmste Phase [der schlaflosen Nächte], auch da sind sich Frau Wiese und ich einig, ist die, in der die Sorgen zuschlagen. Sorgen haben in durchwachten Nächten bekanntlich sehr, sehr leichtes Spiel, wie Halbstarke, die auf dem Schulhof einen Erstklässler vermöbeln. Bei Übermüdung kommt einem die Verhältnismäßigkeit abhanden: Alles ist plötzlich gleich furchtbar, die Weltlage genauso wie die unbeglichene Rechnung der GEZ. (S. 17)

In den Texten begegnen uns Menschen, die uns lieb und wert werden, wie Onkel Ulrich, ehemals Psychoanalytiker und Onkel der Ich-Erzählerin. Die reizenden Nachbarn Frau Wiese oder Herr Pohl mit seiner ständig zitternden Zwergpinschermischung Lori. Überhaupt tummeln sich im Familienkreis der Erzählerin so einige Psychologen und Therapeut*innen.

Als ich ein Kind war, sind wir oft mit dem Auto in den Urlaub gefahren. Wenn mein Bruder und ich auf dem Rücksitz zu quengeln anfingen und meine Eltern die ewigen Benjamin-Blümchen-Kassetten nicht mehr hören konnten, sagte mein Vater oft: ‚Macht einfach die Augen zu und unterhaltet euch mit Bruder Innerlich.‘ Wir hatten keine Ahnung, wer Bruder Innerlich war, aber wir hatten sehr guten Kontakt zu ihm. (S. 19)

Der ein oder die andere Leserin mag die Geschichten möglicherweise als zu harmlos und betulich empfunden haben; Themen wie Gewalt, Krieg, Armut oder Menschenfeindlichkeit spielen hier allesamt keine Rolle. Doch es darf auch mal eine Nummer kleiner sein. Denn Leky schreibt so wunderbar emphatisch, freundlich, witzig, liebevoll, tröstlich und mit wunderschön schrägen Bildern, dass ich drohe, komplett im Kitsch zu versinken, wenn ich hier auch nur einen Satz mehr schreibe.

In der Ruhe liegt die Kraft, da liegt sie momentan nicht besonders günstig, denn die Ruhe habe ich offenbar zu Hause gelassen, deshalb habe ich auf die darin befindliche Kraft keinen Zugriff. (S. 69)

Aus aktuellem Anlass hier ein letztes Zitat:

Er [Onkel Ulrich] erzählt, dass früher, als er noch Psychoanalytiker war, die Friseurbesuche seiner Patientinnen oft mindestens eine Therapiesitzung in Anspruch nahmen. […] Für Frauen, erzählte Ulrich, spiele sich beim Friseur mitunter das Drama ihres Lebens nach. Man hat dem Friseur genau gesagt, wie man sein Haar haben möchte, aber er hat nicht zugehört oder einen nicht verstanden und hat einem etwas ganz anderes an den Kopf geschnitten, und dann läuft man unverstanden und entstellt und wie mit Pech begossen nach Hause. (S. 59)

Das Fazit von Annemarie Stoltenberg auf NDR:

Das alles ohne Kitsch, liebenswürdig, fragil. Mariana Leky hat die Gabe, uns zu vermitteln, wie es gelingen kann, jeden Menschen so wahrzunehmen, wie er ist, ohne Besserwisserei, ohne „Ich würde doch nie“-Gemurmel. Das ist schön.

Stephen Grosz: The Examined Life – How We Lose and Find Ourselves (2013)

Ich mag das, wenn sich für mich Fäden zwischen Büchern entwickeln, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Das ging mir so mit der Novelle Leutnant Burda (1887) von Ferdinand von Saar aus der Sammlung Requiem der Liebe und andere Novellen und den modernen Fallgeschichten des amerikanischen Psychoanalytikers Stephen Grosz, der schon lange in London lebt und arbeitet.

Leutnant Burda war eine der Erzählungen von Ferdinand von Saar, die mir besonders gefallen hatten. Ihr Inhalt sei hier kurz umrissen:

Der fast 30-jährige, gut aussehende, korrekte und beliebte Offizier Joseph Burda hält sehr auf seine äußere Erscheinung und sich, was seine Wirkung auf die Damenwelt angeht, für unwiderstehlich.

Für ihn und seine Heiratspläne beginnt das „weibliche Geschlecht erst bei der Baronesse“ (S. 282), das ist – abgesehen von der Arroganz dieser Haltung – auch insofern ein Problem, da er selbst aus sehr einfachen Verhältnissen kommt. Burda lässt allerdings Nachforschungen anstellen, um nachzuweisen, der Nachfahre eines altes Adelshauses zu sein. Doch diese Hoffnungen werden sich als Luftgespinste erweisen.

Das alles hindert ihn nicht, sein Augenmerk auf eine Tochter eines der wichtigsten Fürsten am Wiener Hof zu richten. Er schickt ihr Gedichte, Blumen und beobachtet sie im Theater, interpretiert die Wahl ihrer Kleiderfarbe in seinem Sinn und deutet überhaupt alles, was er aus der Ferne von ihr sieht, hört und erfährt, als Zeichen ihrer Neigung. Ein zufälliges Vorbeifahren ihrer Kutsche ist damit quasi schon ein Versprechen auf ihre unverbrüchliche Treue.

Es war erstaunlich, wie Burda sich alles und jedes zurechtlegte. Und in der Tat, wenn er sich hinsichtlich der Gefühle, die er der Prinzessin zumutete, nicht einer vollständigen Täuschung hingab, so erschienen seine Hoffnungen, so abenteuerlich sich diese ausnahmen, nicht ohne einen gewissen Haltpunkt. (S. 303)

Weder seine Freunde noch Abgesandte des Fürsten, die ihn auffordern, sein unziemliches und lästiges Betragen einzustellen, können ihn von seiner Wahnvorstellung, dass die Prinzessin ihm gewogen sei, heilen.

Und nun zu The Examined Life – How We Lose and Find Ourselves des Psychoanalytikers Stephen Grosz (*1952), der immer wieder auch literarische Figuren zur Illustration heranzieht: Seine 31 verdichteten Fallgeschichten aus seiner über 25-jährigen Arbeit als Therapeut wurden zu einem Bestseller und inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die deutsche Übertragung von Bernhard Robben erschien unter dem dämlichen Titel Die Frau, die nicht lieben wollte. 

Es geht um die Horrorszenarien, die wir uns so lebhaft ausmalen, um Ehefrauen, die sich die Untreue ihres Mannes nicht eingestehen können, um Rache, traurige Kinder und die Verdrängung nicht eingestandener Persönlichkeitsanteile, die wir dann umso rabiater bei anderen bekämpfen. Aber auch ein spätes Coming-Out sowie die langen Schatten, die unsere Kindheit auf unser erwachsenes Leben werfen kann, kommen zur Sprache oder eben – wie bei Joseph Burda – eine Form des Liebeswahns.

Grosz bezeichnet ein solches Verhalten in seinem Buch als lovesickness. Er meint damit eine auf eine andere Person gerichtete irreale Wunschvorstellung, die beispielsweise eine Frau jahrelang trotz aller anderslautenden Beweise hoffen lässt, dass sich ihr verheirateter Geliebter für sie von seiner Ehefrau trennen wird.

Dieses Kapitel How lovesickness keeps us from love zeigt exemplarisch, wie der Autor vorgeht. Er stellt sich nie über seine Klient*innen, gesteht eigenes berufliches Scheitern ein, ist unglaublich interessiert an seinen Mitmenschen und hilft geduldig, mit freundlicher Empathie und entsprechendem Sachverstand den Ursachen der jeweiligen Verhaltensweise auf den Grund zu kommen. Hier zeigt er auf, welche Konsequenzen solch eine lovesickness mit sich bringt und welche Erkenntnisschritte, welcher Schmerz ausgehalten werden müssen, damit Heilung geschehen kann.

Most of us have come down with a case of lovesickness at one time or another, suffering its fever to a greater or lesser degree. […] When we are lovesick, we feel that our emotional boundaries, the walls between us and the object of our desire, have fallen away. We feel a weighty physical longing, an ache. We believe that we are in love. (S. 110)

Doch auch das Kapitel um unsere Unwilligkeit, einen kleinen Verlust zu akzeptieren, um einer größeren Gefahr zu entgehen, illustriert anhand der Erfahrungen von Marissa Panigrosso, einer der Überlebenden des Anschlags am 11. September 2001, fand ich sehr eindrücklich. Panigrosso flüchtete sofort, nachdem klar war, dass etwas passiert war, mit dem (vorletzten) und ansonsten menschenleeren Fahrstuhl in einem der Twin Tower nach unten und brachte sich damit in Sicherheit. Andere folgten den Lautsprecheransagen, stiegen aufs Dach oder rannten zurück, um noch etwas aus ihrem Schreibtisch zu holen oder taten – gar nichts.

We don‘t want an exit if we don‘t know exactly where it is going to take us, even – or perhaps especially – in an emergency. (S. 123)

In verschiedenen Interviews erklärt Grosz, was ihn zu diesem Buch motiviert hat. Zum einen sei er erst sehr spät Vater geworden und wolle seinen Kindern etwas von seiner Sicht auf die Welt mitgeben, da er nicht wisse, wie lange er noch Zeit mit ihnen verbringen könne. Zweitens hält er Geschichten für eine viel sinnvollere Art, Erfahrungen und Einsichten aus seiner Arbeit weiterzugeben, als rein wissenschaftliche Berichte oder gar statistische Angaben. Außerdem ist ihm bewusst:

Also, psychoanalysis requires time and money, and many people won’t be able to afford it. I wanted to set down some of the important things I’ve learned in a way that may be helpful to those who are unable to have psychoanalysis or therapy.

Was könnte die Leserin, der Leser also von diesem Buch lernen?

The first […] is that change involves loss. In fact, all change involves loss, and yet life itself is change – we are always giving up something for something else. And the point is that we lose ourselves when we try to deny those changes, when we deny that life entails loss. […]

Thereafter we mend ourselves, Grosz believes, „by repairing our relationship with the lost, by acknowledging that these were losses. We can find ourselves by facing truths about our lives and about these losses, by facing the truth about how our relationships with people really are, not how we’d like them to be.“ In other words, by truly telling our stories.

Hier geht es lang zu einem Interview mit Stephen Grosz.

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Ferdinand von Saar: Requiem der Liebe und andere Novellen (1958)

Wie das so ist, da laufen einem Bücher zu und Jahre später weiß man nicht mehr, wie, woher, wann und wozu. So ging es mir auch mit der antiquarischen Ausgabe der Novellensammlung Requiem der Liebe und andere Novellen des österreichischen Dichters Ferdinand von Saar, die ich jetzt endlich mal aus dem Regal gefischt habe. Die dreizehn Erzählungen dieses Bandes erschienen ursprünglich zwischen 1865 und 1905. 

Hatte ich zunächst einfach Lust auf „alte“ Literatur und eine entsprechende Sprache, war ich zunehmend gefesselt von der Frage, welches Ehe- und Frauenbild eigentlich in diesen Novellen vermittelt wird, die oft aus der Sicht eines männlichen Ich-Erzählers überliefert werden. So viel vorweg: Glücklich wird hier kaum jemand. Es wird entsagt, gemordet, geeifert, gesehnt und fröhlich den eigenen Illusionen hinterhergerannt. Auch die Gesellschaft selbst ist dem Glück des einzelnen nicht gewogen. Ganz im Gegenteil.

Als ich um die Kirche bog, die gleichfalls geschlossen war, hatte ich den Friedhof voll schattender Weiden und Lebensbäume zur Seite. […] Ein einsamer Falter flatterte mir still über den Blumen voran, während ich hier und dort die Inschriften und Namen auf den schlichten Kreuzen las. Unter den Monumenten, deren es hier nur wenige gab, zog mich eines durch edle und ergreifende Einfachheit besonders an. Es war ein kleiner Obelisk aus weißem Marmor und stand, etwas abseits von den übrigen, unter einer breitästigen Tränenweide. Die Inschrift war in römischen Lettern, deren Vergoldung schon etwas gelitten hatte, eingehauen und lautete: Friederike Friedheim, geb. 16ten Januar 1829, gest. 30ten Mai 1846. Vor diesem Grabe stand ich lange. Wer war dieses Mädchen, das der Tod so früh gebrochen, das man vor mehr als einem Jahrzehnt hier bestattet hatte? Lebte ihr Angedenken fort im Herzen trauernder Eltern, im Geiste eines Mannes, dessen Jünglingsideal sie gewesen? Oder war sie verweht wie ein Duft, ein Klang im Gewühl und im Lärm des rastlos vorwärts drängenden Lebens, und nannte nurmehr der Marmor ihren Namen? (aus: Innocens, S. 67/68)

Immer dann, wenn ich schon mit den Augen rollen wollte angesichts scheinbar nicht hinterfragtem Chauvinismus und einengenden Frauenbildern, schafft es von Saar mit einer kleinen, aber wichtigen Wendung, manchmal sogar nur mit wenigen Worten der Geschichte eine ganz neue Bedeutungs- und Deutungsebene zu geben, die plötzlich Brücken in unsere Gegenwart schlägt und männliche Überheblichkeit und Illusionen entlarvt. Und Männer, die glauben, dass die Ehefrauen ihnen „gehören“ und keinen anderen „anzuschauen“ haben, gibt es schließlich heute wie damals.

Also, sehr gern gelesen; hier bekommt man nichts fertig serviert, sondern wird vermutlich auch beim zweiten Lesen noch Neues entdecken. Zumal die Erzählungen oft in die zeitgeschichtlichen Bedingungen eingebettet sind. Eine Novelle spielt beispielsweise unter den Steineklopfern, die das Material für eine neue Straße brechen, und unwillkürlich ist man bei Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters.

Sowohl Werkinterpretationen als auch die biografischen Angaben, die man im Internet zu dem Wiener Offizier Ferdinand von Saar (1833-1906) findet, sind erstaunlich dürftig; eine Biografie aus dem Jahr 1947 stammt von Marianne Lukas und Ein Poet aus Österreich. Ferdinand von Saar. Leben und Werk von Herbert Klauser erschien 1990. Und das, obwohl nicht nur Wien Geschichte Wiki, sondern auch die deutschsprachige Wikipedia seinen Rang als Erzähler betont, ja, ihn in seiner Bedeutung mit Ebner-Eschenbach vergleicht:

Er war einer der namhaftesten realistischen Erzähler an der Wende zum 20. Jahrhundert, ein Poet von feinster Stimmung und ein Meister novellistischer Technik. Er schilderte die k. u. k. Armee, die Wiener Gesellschaft und die Verfallserscheinungen der alten Monarchie mit psychologischem Scharfsinn. Seine von tiefer Menschlichkeit zeugenden Erzählungen sind meist autobiographisch getönt und stehen dem Stil des Wiener Impressionismus nahe.

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Krimi-Tüte mit Cozy Mysteries

In der letzten Zeit habe ich einige Cozy Mysteries gelesen, also Krimis, die mit wenig Gewalt und blutigen Details auskommen und stattdessen möglichst unterhaltsam, aber dennoch spannend daherkommen, vielleicht sogar ein bisschen Screwball Comedy enthalten und die geneigte Leserschaft dabei nicht mit schlechtem Stil oder lieblos zusammengestöppelter Handlung verärgern.

Christianna Brand: Heads you lose (1988) 

Heads you lose von Christianna Brand (1907 – 1988) spielt während des Zweiten Weltkrieges und ist der erste Band um Inspector Cockrill.

Die 38-jährige Grace Morland macht sich illusorische Hoffnungen auf einen Heiratsantrag ihres Nachbarn, den attraktiven und wohlhabenden Stephen Pendock und seines Zeichens Herrenhausbesitzer. Doch der wird sich gerade seiner Zuneigung zu der jüngeren und hübschen Francesa Hart bewusst, die er seit deren Kindheit kennt. Als an einem Dezemberabend Francesca in geradezu kindlicher Freude vor allen ein neues Hütchen präsentiert, kann Grace ihre Eifersucht nicht länger zügeln und lässt sich zu der Bemerkung hinreißen, dass sie mit einem solch liederlichen Fetzen nicht mal tot im Graben liegen möchte. Ein paar Stunden später ist Grace tot, sie liegt im Graben und trägt sogar den Hut Francescas.

Der Kreis der Tatverdächtigen ist klein, sind doch nur Francesca, ihre Schwester Venetia und deren Mann Henry Gold und die Großmutter der beiden jungen Frauen sowie James Nicholl, ein gerade zu Wohlstand gekommener Bekannter, über die Feiertage zu Besuch bei Stephen.

Alles ein bisschen düsterer als bei Agatha Christie, die unangenehmen Seiten und blinden Flecken der Beteiligten werden schärfer akzentuiert, wodurch das Erzählen moderner wirkt. Ein gelungener Auftakt, auf dessen Fortsetzung ich gespannt bin.

Lawrence Block: Burglars can‘t be Choosers (1977)

Lawrence Blocks (*1938) Krimis um den hauptberuflichen Einbrecher und Dieb Bernard G. Rodenbarr, der sich darauf versteht, unbemerkt in Wohnungen und Villen einzudringen und jedes noch so sichere Schloss zu knacken, machen Spaß, auch wenn der Aufbau der Bücher sich immer wieder ähnelt. Denn jedes Mal gerät Bernie bei seinen Beutezügen vom Regen in die Traufe und er hat auch schon einige Zeit hinter Gittern verbracht, eine Erfahrung, die er ungern wiederholen möchte.

Oft wird er von jemandem „gebucht“, in dessen Auftrag er wertvolle Gegenstände und Preziosen erbeuten soll.

I turned the knob, eased the heavy door inward half an inch or so. My blood was really up now. You never know for certain what‘s going to be on the other side of the door. That‘s one of the things that makes it exciting, but is also makes it scary, and it‘s still scary no matter how many times you‘ve done it. Once the lock‘s open, though, you can‘t do it an inch at a time like an old lady slipping into a swimming pool. So I pushed the door open and went inside. (S. 4)

Diesmal geht es um eine blaues Behältnis, nur zigarrenkistchengroß, in blaues Leder eingeschlagen, das sich im Apartment eines Mr. Flaxford, und zwar in dessen Schreibtisch, befinden soll. Dieser scheinbar kleine Auftrag soll ihm 5000 Dollar einbringen. Doch so gründlich Bernie den ganzen Schreibtisch durchsucht, es ist kein blaues Kästchen zu finden. Just als er die Wohnung unauffällig und bedauerlicherweise unverrichteter Dinge verlassen will, hört er einen Schlüssel in der Tür. Und ehe er sich versieht, stehen zwei Polizisten in der Wohnung, die von Nachbarn alarmiert worden sind, die seltsame Geräusche gehört hätten. Doch damit nicht genug des Schlamassels, als die Polizisten die Wohnung kontrollieren, entdeckt der jüngere der beiden eine Leiche im Schlafzimmer und fällt vor Schreck in Ohnmacht. In Sekundenbruchteilen entschließt sich Bernie, den zweiten Polizisten niederzuschlagen, zu flüchten und auf eigene Faust auf Mördersuche zu gehen. Was nicht unwesentlich dadurch erschwert wird, dass die ganze New Yorker Polizei nach ihm sucht und sein Konterfei am nächsten Tag die Titelseiten sämtlicher Zeitungen ziert.

Spritzige Dialoge, spannend und eine ordentliche Auflösung. Kann man mehr von lesen. Inzwischen gibt es bereits zwölf Bücher und einige Erzählungen um Bernie und seine illegalen Aktivitäten.

2020 ist eine deutsche Neuauflage der Übersetzung von Sepp Leeb unter dem Titel Ein Einbrecher zum Verlieben erschienen, bei der mir allerdings nach dem Vergleich der ersten Absätze schon nicht wohl war. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ganze Sätze und Satzteile in der Übersetzung einfach unter den Tisch fallen, Bedeutungen verändert werden oder die gehobene Ausdrucksweise Bernies sehr reduziert, ja plump wiedergegeben wird.

Richard Coles: Murder before Evensong (2022)

Der umtriebige und inzwischen pensionierte Kirchenmann Richard Coles (*1962) legt mit Murder before Evensong den ersten Band um Pfarrer Daniel Clement vor, der seit acht Jahren seinen Dienst in Champton versieht. Der Mittvierziger lebt mit seiner verwitweten, aber durchsetzungsfreudigen Mutter und zwei mäßig erzogenen Dackeln im Pfarrhaus und ab und an kommt sein jüngerer Bruder, ein Schauspieler, zu Besuch, meist dann, wenn es gar nicht passt.

Die Geschichte spielt 1988 und Coles nimmt sich viel Zeit und noch mehr Seiten, das Dorf, seine BewohnerInnen, deren Tratschereien, den Standesdünkel des örtlichen Adligen Bernard de Floures und den Streit zu schildern, den die Idee des Pfarrers, im Kirchengebäude endlich eine Toilette einzubauen, im Dorf auslöst.

Doch eines Abends wird der Cousin Bernards mit eingeschlagenem Schädel in der Kirche aufgefunden. Niemand kann sich vorstellen, wer ein Interesse daran gehabt haben könnte, diesen friedfertigen, wenn auch sehr dem Alkohol zugeneigten Heimatforscher den Garaus zu machen. Als ein weiterer Toter zu beklagen ist, steht das Dorf Kopf.

Gefielen mir zunächst der ruhige Erzählton, das Verweilen bei Details und den zahlreichen Dorfbewohnern, die alle irgendwann ihren kleinen oder größeren Auftritt haben, so fehlte mir doch irgendwann etwas Entscheidendes. Hier wird quasi gar nicht oder eher im Vorbeigehen ermittelt. Nur zaghaft werden falsche Fährten gelegt und gegen Ende fällt die Auflösung des Falls dem Pfarrer arg unvermittelt wie Schuppen von den Augen. Ein bisschen mehr Plot, ein bisschen mehr Entwicklung bei den Handlungsfäden hätte dem Buch doch sehr gut getan. Und die Verankerung des Geistlichen in seinem Glauben und der daraus resultierenden Weltsicht fand ich in den Kriminalgeschichten James Runcies um Sidney Chambers wesentlich tiefgründiger.

Fiona Veitch Smith: The Jazz Files (2015)

War Murder before Evensong mir oft zu statisch und fiel die Lösung am Ende etwas hilflos vom Himmel, begibt sich Fiona Veitch Smith mit The Jazz Files ans andere Ende des Spektrums. Handlung und Tempo satt, was wiederum etwas auf Kosten der Charakterisierung geht. Aber der erste Band um die junge Poppy Denby, die 1920 aus ihrem methodistischen Elternhaus irgendwo auf dem Lande nach London kommt, ist dafür sehr hübsch ins Zeitgeschehen eingebettet.

Poppy, die davon ausgegangen ist, dass sie ihre auf den Rollstuhl angewiesene Tante Dot im Haushalt unterstützen soll, erfährt bei ihrer Ankunft in London, dass das nur ein Vorwand war, um Poppys Eltern zu beruhigen. Tante Dot, eine ehemalige Schauspielerin, und ihre Freundin Grace Wilson, die vor dem Krieg zu einem Kreis streitbarer Suffragetten gehörten, ermuntern Poppy stattdessen, sich nach einer beruflichen Tätigkeit umzusehen und auf eigenen Füßen zu stehen. Und siehe da, sie bekommt die Stelle als Assistentin des kleinwüchsigen Chefredakteurs der Globe Mail.

Eigentlich soll Poppy das Büro des Redakteurs entrümpeln und dort endlich mal für Ordnung sorgen. Stattdessen findet sie sich, schneller als sie Hatschi sagen kann, in rasante und nicht ungefährliche Ermittlungen verwickelt, die sich um Skandale in höchsten Kreisen drehen, um korrupte Polizisten und eine adlige Tochter, die zu Unrecht in einem „mental asylum“ weggesperrt wurde.

Ist die Charakterzeichnung auch nicht gerade subtil, so machen dies Tempo und vor allem Zeitkolorit wieder wett. In einem aufregenden Jazzclub trinkt Poppy das erste Mal Champagner. Eine aufstrebende Schauspielerin am Old Vic wird bald zu Poppys bester Freundin. Und der Fotoreporter Daniel ist – wie könnte es anders sein – schon von der ersten Begegnung an ganz reizend und immer, wenn Not am Mann ist, zur Stelle.

Doch vor allem habe ich viel gelernt und nebenbei noch weiter recherchiert, was die britische Frauenbewegung Anfang des letzten Jahrhunderts anging. Allein dafür lohnt es sich schon, diesen Krimi zu lesen. Flotte Unterhaltung mit Mehrwert. Ob man nun auch die fünf Folgebände lesen muss, steht vielleicht auf einem anderen Blatt.

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Fabio Andina: Tage mit Felice (OA 2018)

Nein, hier wird keine „Hymne auf das einfache Leben“ gesungen, auch wenn der Klappentext das behauptet. Ändert allerdings nichts daran, dass der Roman des Tessiners Fabio Andina – von Karin Diemerling ins Deutsche übersetzt – unbedingt lesenswert ist und für mich Ein ganzes Leben von Seethaler um Lichtjahre hinter sich lässt.

2019 war Andina (*1972) mit diesem Buch einer der Preisträger des Terra-Nova-Preises der Schweizerischen Schillerstiftung und Theres Roth-Hunkeler hat den Roman gar eine „Komposition der Stille genannt“. Doch um was geht es überhaupt?

Der Ich-Erzähler, ein jüngerer Mann, hat in Lenontica, einem Bergdorf im Tessiner Bleniotal, als Kind immer die Ferien verbracht und ist nun nach längerem Stadtaufenthalt ins Dorf zurückgekehrt, wo er im ehemaligen Ferienhaus seiner Eltern wohnt.

Er hat den 90-jährigen Felice gebeten, ihn einige Zeit bei seinen alltäglichen Verrichtungen begleiten zu dürfen. Und genau das tut er nun acht Tage lang. Er isst und schweigt mit ihm, geht mit ihm in die Dorfbar und Pizzeria, stromert mit ihm durchs Dorf oder fährt mit dem alten Mann in dessen Suzuki hinab ins Tal. Meist müssen sie das Auto aber erst anschieben, denn die Batterie ist defekt.

Der alte Felice, der früher als Maurer gearbeitet hat, wohnt immer noch in dem Haus, in dem er geboren wurde. Jeder Morgen beginnt damit, dass der jüngere Mann irgendwann zwischen fünf und halb sechs hinüber zu Felices Haus geht.

Ich betrete den Garten, und da taucht er auf. Eingerahmt vom offenen Fenster steht er da, ein Brustbild, das Hemd offen, zwei Gläser Joghurt in der Hand und weitere auf dem Fenstersims. Ich sehe ihn an. Er sieht mich an. Es ist ein Augenblick, der sich mir wie ein Gemälde einprägt. (S. 45)

Sie frühstücken und anschließend steigen sie eine Stunde den Berg hoch, denn schon seit Jahrzehnten, seit seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem es ihn bis nach Moskau verschlagen hatte, nimmt Felice ein kurzes Bad in einer Gumpe. Ein Ritual sommers wie winters, auch bei minus 6 Grad. Da bleibt dem jungen Mann nichts anderes übrig als mitzutun.

Jeder und jede im Dorf kennt alle anderen; man weiß, wer mit wem verwandt ist und wo und wie das Schicksal schon zugeschlagen hat. Der unausstehliche Wilderer Brenno beispielsweise, der viel zu viel säuft, hat seine Seele verloren, als vor zehn Jahren seine zwei kleinen Töchter an einer Lungenentzündung gestorben sind.

Im Dorf kennt man sich, hilft einander, wenn es darauf ankommt, und geht sich auch mal kräftig auf die Nerven, akzeptiert aber auch, dass nicht jeder sein Leben nach gängigen Vorstellungen „optimieren“ kann oder will.

Hinten in der Gasse, bei der Kurve vor meinem Haus, taucht Floro auf. Fast ein Meter neunzig, Bart und Haare blond, lang und ungepflegt. Spindeldürr und ganz in Schwarz gekleidet, wie immer alles zwei oder drei Nummern zu klein. […] Gelegenheitsarbeiter, wenn es ihm passt, denn mir reicht das bisschen, was ich zum Essen und für meine Zigaretten brauche, erwidert er denen, die ihn einen Faulpelz nennen. […] Einzelkind und mit zehn Jahren Waise geworden. Seine Eltern sind bei einem Autounfall zwei Serpentinen unterhalb des Dorfes gestorben, im späten November von der vereisten Straße abgekommen. Er ist von den Großeltern und seinen Onkeln und Tanten aufgezogen worden. Junggeselle, vielseitiger Musiker, blind wie ein Maulwurf. Trägt aber keine Brille, weil er sowieso nicht gern Bücher liest, wie er sagt. (S. 35)

Ein anderes wiederkehrendes Element der Tage ist der Tauschhandel, der im Dorf betrieben wird. Man bringt der Nachbarin Pilze, tauscht ihre Gasflasche aus und bekommt dafür von ihr frische Eier. Jeder hat etwas, das einem anderen von Nutzen sein kann. Man schaut, dass man der alten Frau nebenan den Schnee schippt und Salz für sie streut, damit sie sich nicht noch einmal das Handgelenk bricht.

Das Ganze passiert oft still, manchmal bringt man etwas vorbei, isst sogar zusammen und hat hinterher kaum drei Worte miteinander gewechselt. Lauter und redseliger wird es nur in der Bar, wo auch reichlich dem Alkohol zugesprochen wird. Über die Wirtin Candida, 27, heißt es:

Eine attraktive, natürliche junge Frau mit kurz angebundener Art. Tolle Kurven und standfest wie ein Nussbaum. Anschauen aber nicht anfassen, denn sie kann mit einem Fausthieb mal eben ein Kalb niederstrecken. (S. 66)

Die Moderne mit Handys, Fitnessstudios und Einkaufsrummel liegt weiter unten im Tal oder meldet sich höchstens schon mal in Iron Maiden-Sweatshirts, die die Jugendlichen tragen, damit hat der alte Felice nichts zu schaffen. Er benötigt weder Telefon, Radio noch Fernsehgerät.

Er hat noch nicht einmal einen Briefkasten. Die Postbotin Alfonsa bringt ihm seine wenigen Briefe persönlich oder legt sie mit einem Stein beschwert auf die Bank oder bei Regen drinnen auf den Tisch, denn die Tür ist immer offen. (S. 40)

Doch auch hier ändern sich die Zeiten, hatten früher fast alle Familien Landwirtschaft, gibt es heute nur noch einen Milchbauern im Dorf. Die Gletscher schmelzen, Arbeit für die jungen Leute gibt es eher unten im Tal.

Mit der Kirche hat Felice nichts am Hut, hat Gott doch seine kindlichen Gebete nicht erhört, als sein Vater von einem tollwütigen Hund gebissen wurde und daran zugrunde ging. Als der kleine Felice das dem Priester vorgehalten hat, wurde er für seine Unbotmäßigkeit noch geohrfeigt. Seine Moral ist einfach:

Die Leute achten und akzeptieren wie sie sind und basta. (S. 56)

Die Zurückgenommenheit, mit der die Geschichte erzählt wird, ist wunderbar. Kein Kitsch, keine Verklärung eines kargen und arbeitsamen Lebens, zu dem wir nicht einfach so zurückkehren könnten – und so ein Keller voller Spinnen wie in Felices Haus wäre mein Alptraum -, aber gerade in der Schlichtheit und Nüchternheit der Schilderung ist der Roman sehr eindrücklich. Selbst der fremdländische Brief, den er bekommt und der ihn zu merkwürdigen Anschaffungen veranlasst, bringt keinerlei Unruhe in Felices Alltag.

Felice ist mit sich im Reinen. Er ist so unzersplittert, genügsam und ganz bei sich, weiß, was jeweils zu tun ist, beruhigt den kläffenden Hund, der angeleint vor einem Kaufhaus wartet, und wird dafür von der Hundebesitzerin als potenzieller Hundedieb beschimpft. Sich da auf Erwiderungen einzulassen wären verschwendete Worte. Und mit denen ist er ohnehin sparsam.

Er vergeudet nichts und erntet die Feigen in einem Garten, um den sich niemand kümmert. Selbst die Apfelreste von einem Restaurantbesuch nimmt er mit nach Hause, um sie auf den Kompost zu tun. In seinem Haus gibt es nur die allernotwendigsten Möbel, keinerlei Zierrat, keine Decke auf dem Tisch und von der Decke hängen Glühlampen und doch hat er alles, was er braucht.

Felice, sagt Duska. Warum ist immer nie was in deinem Haus hier? Felice hört auf, die Pasta umzurühren, legt die  Gabel ab, denkt kurz nach und sagt dann, wisst ihr, warum? Weil ich schon so viele Jahre hier wohne. (S. 168)

Aber aus seinem wohlbestellten Garten und seiner Speisekammer kann Felice immer eine Tüte füllen, um sie jemandem mitzubringen.

Die Besprechung im Deutschlandfunk entlässt ihre Leser*innen mit den Fragen:

Was haben die Tage mit dem Erzähler gemacht? Wir erfahren es nicht. Und was mit uns? Was ist das Wesentliche? Genug zu essen, eine warme Stube, ein wenig Gesellschaft, ein Buch?

Hier gibt es einen Artikel über den für Touristen extra angelegten Wanderweg zu Felices Gumpe und hier den Spiegel-Artikel zu Autor und Dorf.

Jörg Magenau: Christa Wolf – Eine Biografie (2013)

Diese Biografie von Magenau zu Christa Wolf ist ganz großartig, und zwar unabhängig davon, wie gut man sich im Gesamtwerk der Schriftstellerin auskennt. Manche Biografien und Autobiografien verdanken ihren Reiz zumindest u. a. den Anekdoten, den Kleinigkeiten, dem Ausleuchten der Beziehungen, die die Hauptperson mit anderen Menschen hat.

Doch Magenau hat hier einen anderen Ansatz gewählt und Wolfs Leben (1929 – 2011) konsequent im Hinblick auf ihre politische und schriftstellerische Entwicklung in der DDR und später nach dem Mauerfall beleuchtet. Es ist gleichermaßen spannend und aufschlussreich, diesen Weg zu verfolgen, der von der geradezu verblendet-unkritischen Anhängerin des Sozialismus und kurzzeitigen Tätigkeit als IM bis hin zu ihrer politischen Ernüchterung führt, dem Selbst-Bespitzelt- und Zensiertwerden und letztlich ihrer enttäuschten Hoffnung, nach dem Fall der Mauer doch noch einen menschenfreundlichen Sozialismus auf dem Boden der DDR aufzubauen.

Man erfährt nicht nur viel über die Funktionsweise der DDR, die komplizierten Zensurregelungen und das geradezu familiäre Ausloten dessen, was gerade noch öffentlich gesagt und geschrieben werden durfte, sondern auch bezüglich der sich allmählich verändernden poetischen Haltung der Autorin. Genauso wird das Geflecht an Freundschaften zu anderen Künstlern und SchriftstellerInnen aufgedröselt. Und natürlich ihre vielen, vielen Auslandsreisen, ein Privileg, das die Wolfs weidlich genutzt haben.

‘Prosa schafft Menschen, im doppelten Sinn. Sie baut tödliche Vereinfachungen ab, indem sie die Möglichkeiten vorführt, auf menschliche Weise zu existieren. (…) Prosa kann die Grenzen unseres Wissens über uns selbst weiter hinausschieben. Sie hält die Erinnerung an eine Zukunft in uns wach, von der wir uns bei Strafe unseres Untergangs nicht lossagen dürfen. Sie unterstützt die Subjektwerdung des Menschen….‘

Aus: Christa Wolf: Lesen und Schreiben, 1968; zitiert nach: Jörg Magenau: Christa Wolf: Eine Biografie, Rowohlt, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2013, S. 220

Der Wandel in der Rezeption der Autorin, die zunächst im Westen umjubelt wurde und sich nach der Wende plötzlich als angepasster DDR-Schreiberling beschimpfen lassen musste, wird ebenfalls gründlich und mit vielerlei Quellenmaterial untersucht und belegt. Mir gefiel, dass Magenau dabei auch zu eigenen Einschätzungen gekommen ist und sich nicht hinter einer Pseudo-Objektivität versteckt.

Das einzige, was ich vielleicht doch ein ganz klein wenig vermisst habe, war das Ausleuchten der jahrzehntelangen Ehe der Wolfs, das Familienleben, dessen nicht zu unterschätzende Bedeutung zwar konstatiert wird, dem aber nicht näher nachgegangen wird. Da bleibt die Biografie diskret.

Ende vom Lied: Ich habe mir – Magenaus Biografie ist schuld – vier weitere Bücher von und zu Christa Wolf bestellt.

‚… Die reine Werkkritik ist oft eine Fehlentwicklung: die Kritiker nehmen ein Buch her wie ein Objekt – so wie die Naturwissenschaftler irgendein zu untersuchendes Objekt. Aber gerade dieser Wissenschaftsbegriff ist auf Literatur ganz sicher nicht anzuwenden. Wenn also die Kritiker sich nicht entschließen können, die Subjektivität, die in dem Buch sich ausdrückt, mit in ihre Betrachtungen einzubeziehen, und sich selbst dazu in irgendein Verhältnis setzen, und zwar offen, dann wird das immer eine verklemmte Sache sein.‘

Aus: Ein Gespräch mit Christa und Gerhard Wolf, 1983, Gesammelte Werke VIII, S. 307 ff; zitiert nach: Jörg Magenau: Christa Wolf: Eine Biografie, Rowohlt, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2013, S. 70

Elizabeth Bowen: The Hotel (1923)

She frowned at her own reflection: Was this what all these people really saw when they looked at her? She was accustomed to stare at people as from a point of vantage, forgetting she too had a face. They had thoughts, too (with these she often forgot to credit them); did they also think as they looked at oneself? (S. 23)

Bei The Hotel handelt es sich um den ein wenig spröden Debütroman der irischen Schriftstellerin Elizabeth Bowen (1899-1973), die u. a. mit Virginia Woolf befreundet war.

In einem Hotel an der italienischen Riviera verbringen einige britische Touristen zum Teil mehrere Wochen, wobei wir sie bei ihren Versuchen begleiten, die Zeit gepflegt und oft genug auch gelangweilt herumzubringen. Sie spielen Tennis, zeichnen ein wenig, beobachten einander, picknicken, gehen in die nächstgelegenen Cafés, tratschen, sind auf Brautschau und pflegen ihre Illusionen, wobei der kurzzeitige Ausfall des Hotelaufzugs für einige ein Ärgernis von unfasslicher Tragweite darstellt.

Einzelne halten sich für etwas Besseres und blicken auf die italienischen Angestellten des Hotels herab, als befände man sich höchstpersönlich im Dienste des Empires. Ältere verheiratete Männer träumen davon, noch einmal mit einer ganz jungen Frau ein Glück zu erleben. Und die zwei adligen Mrs und Miss Pinkerton sind einer Ohnmacht nahe, als ein Neuankömmling, Pfarrer Milton, in Unkenntnis der hotelinternen Absprachen, es wagt, ihr Bad und sogar ihre Badeschwämme zu benutzen.

Sleep, the uneasy sleep of daylight, had today been the refuge of many, for cold rain fell ceaselessly past the windows. It was a transparent rain without mist, like summer rain in England, through which trees and buildings for a great distance could be seen distinctly in a Japanese conventionality and flatness. Leaves and long palm-fonds shone and trickled. Curtailed in this pale gloom, the Hotel seemed permeated by a sense of the rain‘s despairing persistency, against which the reasonable conviction of visitors that the sun, bound by contract with the locality, must soon appear again put up cold walls around around the inward emptiness. In many rooms the tick of the travelling clocks, the stutter of rain along the balconies, were being listened to attentively. (S. 54)

Meine ursprüngliche Hoffnung, dass gerade das Gespinst an Verbindungen, zu denen so ein längerer Hotelaufenthalt doch führen könnte, sich als interessant erweist, erfüllt sich nicht. Stattdessen geht es immer ausschließlicher um Sydney, eine kluge junge Frau, die – sicherlich im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der damaligen Zeit – studiert und nun der Einladung gefolgt ist, ihre ältere Cousine Tessa an die Riviera zu begleiten.

Sydney verbringt viel Zeit mit der von ihr verehrten, weltgewandten, ca. 40-jährigen Mrs Kerr, die sich im Laufe der Handlung als ausgesprochen manipulativ erweist. Die Freundschaft der beiden wird von den anderen Hotelgästen kritisch beäugt und als problematisch, ja als „unhealthy“ wahrgenommen. Doch als ihr 20-jähriger Sohn überraschend zu Besuch kommt, lässt Mrs Kerr Sydney schnöde fallen, vielleicht auch, weil sie sich ihrer Macht über Sydney zu sicher ist. Sydney ist daraufhin tief verletzt und desorientiert, was wiederum gravierende Folgen auch für weitere Hotelgäste hat.

Das Ganze wirkt klug beobachtet und wird nun nüchtern, distanziert und in langen Sätzen erzählt, ein wenig so, als ob man Insekten seziert. An keiner der Figuren habe ich wirklich Anteil genommen, was aber neben der Erzählweise auch daran liegen könnte, dass sich die meisten der ProtagonistInnen schon lange selbst abhanden gekommen sind, geht es doch vor allem um das Aufrechterhalten der Fassaden und darum, der Einsamkeit zu entfliehen.

As winter comes on with those long evenings one begins to feel hardly human, sitting evening after evening in an empty room. One can‘t always be going out or visiting people or inviting people to come to one. If I shut my drawing-room door, I begin to feel restless at once; it feels so unnatural shutting oneself in with nobody. If I open it, one hears the servants laughing, or something to worry one. I am fond of reading, but I always begin to feel that books are so bad; then of course I realize, well, it‘s not fair, is it, to expect a book to take the place of human society? […] Once I sat with the door open and, believe me, I could hear four different clocks ticking – I counted them – in different parts of the flat. It‘s not, of course, that I‘m nervous, but I really begin to feel – if you‘ll understand my saying anything so extraordinary – as if I didn‘t exist. If somebody does come to the door or the telephone does ring, I‘m almost surprised to find I‘m still there. One would go mad if one were not able to get abroad. (S. 63)

Die englische Wikipedia schreibt:

Bowen was greatly interested in „life with the lid on and what happens when the lid comes off“, in the innocence of orderly life, and in the eventual, irrepressible forces that transform experience.

Hier noch ein interessanter Blog-Eintrag zum Roman und Elizabeth Bowen.