
Liebe Verwandte schenkten mir ein „Blind date with a book“-Buch aus der Wagner’schen Buchhandlung in Innsbruck. Auf dem Packpapier stand nur eine ungefähre Beschreibung dessen darauf, was den Leser erwarten würde. Es reichte aber, um ein für mich sehr passendes Buch auszuwählen, nämlich einen historischen Roman, der in der Renaissance spielt.
Der Autor, Gymnasiallehrer in Augsburg, schrieb noch eine Reihe weiterer historischer Romane, von denen einige ebenfalls die Fugger im Titel führen.
Rettung durch den Scharfrichter
Der Roman setzt gleich mit einem Paukenschlag ein: Zimmermann Joss Neher liegt mit einer lebensbedrohlichen Entzündung am Arm darnieder, der Bader der Stadt kann ihm nicht mehr helfen. Seine Frau Eva greift in ihrer Verzweiflung zu einem verpönten Rettungsanker: Sie bittet den heilkundigen Scharfrichter der Stadt um Hilfe. Dieser verlangt von ihr im Gegenzug, dass sie ihn, sollte er sterben, begraben solle. Eva muss es versprechen und rettet damit Joss das Leben, denn der Scharfrichter weiß tatsächlich Abhilfe, sodass Joss nach einigen Wochen wieder arbeiten kann. Ganz geheim ist die Hilfe von verbotener Seite aber leider nicht geblieben, der Bader ahnt etwas davon.
Bald darauf stirbt der Henker tatsächlich. Offenbar war es damals Brauch, den Henker, der als unehrenhafter Mensch galt, nicht zu begraben, sondern Aasfressern zu überlassen. Als Eva vom Tod des Mannes erfährt, beichtet sie Joss ihr Versprechen, und die beiden machen sich bei Nacht daran, den Henker von seiner Unfallstelle weg und in ein selbst geschaufeltes Grab an der Friedhofsmauer zu schaffen. Auch das bleibt nicht unbemerkt.
Unheilvoller Sturz eines Betrunkenen
Ein Wächter auf der Stadtmauer, der Tunichtgut Marx Köllin, hört etwas, will die Stiege vom Wehrgang hinuntersteigen, ist dafür aber zu betrunken und stürzt hinunter. Er kann aber genug wahrnehmen, um später den Handwagen von Joss und Eva wiederzuerkennen und sich zusammenzureimen, was sie gemacht haben. Er bricht sich bei dem Sturz das Bein, das nicht heilen will und ihm vom Bader amputiert werden muss. Auf Joss und Eva, denen er die Schuld an seinem Unglück zuschiebt, entwickelt er einen unbändigen Hass. Er ist entschlossen, die Familie Neher zugrunde zu richten.
Joss wird, als bekannt wird, dass er den Henker begraben hat, aus der Zimmermannsgilde ausgeschlossen. Damit steht er vor dem Ruin. Eva kann zum Glück erreichen, dass die Familie in der neu gebauten Fugger’schen Siedlung, der „Fuggerei“ (die die erste Sozialsiedlung Deutschlands war und bis heute besteht), eine Wohn- und Arbeitsgelegenheit bekommt. Die beiden werden die „Holzeltern“: Jakob Fugger lässt nämlich in seiner Siedlung ein kleines Krankenhaus für an der „Franzosenkrankheit“ leidende Menschen errichten, in dem die Kranken mit einem speziellen tropischen Holz, dem Guajak-Holz, behandelt werden. Die „Holzeltern“ stehen dem Haus vor und bereiten die Trünke, Räuchereien, etc. vor, die den Kranken verabreicht werden. Eva erkennt jedoch bald, dass die Behandlungen mit dem Guajakholz nicht wirken, was aber weder Jakob Fugger noch der Arzt der Stadt, der für die Kranken ebenfalls zuständig ist, noch der überhebliche Pfarrer Finn eingestehen wollen, da sie alle von der Guajak-Behandlung profitieren.
Marx stiehlt Guajakholz aus dem Lagerhaus der Fugger und verkauft es teuer an einen Quacksalber. Der Diebstahlsverdacht soll natürlich auf Joss und Eva fallen.
Gute und böse Menschen
Der Roman ist über weite Strecken dann ein „Wettlauf“ zwischen Marx, der sich immer neue Wege einfallen lässt, um Joss und Eva zu schaden, und diesen beiden, die allmählich durchschauen, wer es da auf abgefeimte Weise auf sie abgesehen hat. Das ist manchmal nicht allzu spannend, aber gegen Ende steigert sich die Spannung doch so sehr, dass man von einem wahren Showdown sprechen kann. Hineinverwickelt sind auch die Kinder von Eva und Joss, Els und Barthlen (woher Dempf diese kuriosen Namen hat, wüsste ich gern), aber auch die hinterlistige Tochter Aennlie von Marx und dessen zweite Frau Marie. Auf Seiten der Fugger gibt es neben Jakob Fugger zwei gute Menschen, Jakobs Frau Sibylla und den Baumeister Krebs, den Eva immer im Verdacht hat, er wolle sich seine Güte ihnen gegenüber irgendwann durch „Liebesdienste“ bezahlen lassen, was aber bis zum Ende nicht der Fall ist. Der Jude Aaron erweist sich ebenfalls als ein herzensguter Mann, der die Familie Neher mehrmals aus schwierigen Lagen rettet.
In der damaligen Zeit spielt natürlich auch der sich ausbreitende Protestantismus eine Rolle. Bewohner der Fuggerei müssen katholisch sein. Dennoch hält ein protestantischer Prediger in einem abgelegenen Schuppen geheime Lehrstunden, Bibellesungen und Gottesdienste ab, bis der Schuppen niedergebrannt wird. Joss und Barthlen nehmen teil, genauso Sibylle Fugger.
Gerechtigkeit
Jakob Fugger stirbt, seine Söhne Anton und Raymund folgen ihm nach, aber wie sie sich den Nehers gegenüber verhalten werden, ist lange offen. Als Joss des Mordes an verstorbenen Kranken bezichtigt wird, gibt Anton Fugger Eva die Gelegenheit, die Unschuld der Familie nachzuweisen. Das gelingt schließlich.
Der Roman hat ein Happy End: Marx Köllins böse Machenschaften und Verbrechen werden aufgedeckt, seine mitschuldige Tochter vergiftet sich selbst und den Vater mit Schierling, seine Frau Marie sucht das Weite. Joss und Eva werden rehabilitiert und dürfen weiterhin das „Holzhaus“ betreiben. Was daraus angesichts der von Eva den Fuggers bekannt gemachten Unwirksamkeit der Behandlung werden wird, bleibt offen.
Der Roman ist gut geschrieben, ohne sprachliche Peinlichkeiten, wie man sich das von einem guten historischen Roman erwarten darf. Man lernt auch einiges daraus, ohne dass diese Belehrung je aufdringlich wäre. Sie könnte sogar manchmal ausführlicher sein, sodass man zum Beispiel den hinter der Ablehnung des Henkers stehenden Aberglauben und seine Folgen besser versteht.
Dempf, Peter: Das Haus der Fugger. Historischer Roman. Lübbe, Köln, 2021. 495 Seiten.
Bild: Wolfgang Krisai: „Wehrgänge in der Burg Gratzen“, Aquarell, 2006.









