Der Schnee war schmutzig

Adaption eines Simenon-Krimis: Frank Friedmaier wächst im Bordell seiner Mutter auf. Aus Langeweile wird er zum Mörder und verrät die Frau, die ihn liebt. Doch sein Handeln hat Folgen. In einer namenlosen, besetzten Stadt erzählt Simenon eine düstere Geschichte von Schuld und Verlorenheit. Zeichner Yslaire setzt den existenzialistischen Noir-Krimi eindrucksvoll in Szene – mit intensiven Farben und bedrückender Atmosphäre. (Verlagstext)

Fans von Yslaire (Der XX. Himmel, Mademoiselle Baudelaire) warten seit rund sieben Jahren auf die Fortsetzung und den Abschluss (das wäre dann Band 9) seiner Kultreihe Sambre – Krieg der Augen. Ende 2026, Anfang 2027 soll er in zwei Einzelbänden in Frankreich erscheinen. Falls das klappt, will Finix beide Bände hierzulande als Integral publizieren – irgendwann 2027. Das ist zwar eine quälend lange Zeit, aber immer gut, wenn man etwas hat, worauf man sich freuen kann.

Bis dahin kann man sich mit diesem rabenschwarzen Krimi trösten – vorausgesetzt, man mag Geschichten, in denen die Protagonisten wissen, dass ohnehin alles sinnlos ist, weshalb man nicht nach Sinn suchen muss und tun kann, was einem beliebt. Ist ja egal. Nun war Simenon noch nie mein Fall, und auch mit dieser Story kann ich nicht viel anfangen. Aber: Sie ist von Yslaire gezeichnet! Das allein ist für Fans ein Kaufargument, und Yslaire enttäuscht nicht.

Die Zeichnungen sind nicht so edel wie in Sambre. Das können sie auch nicht sein, denn die Gestalten, die hier über die Seiten taumeln, stammen aus einem völlig anderen Milieu. Hier geht es nicht um alten Adel – Killer, Schieber, Prostituierte und Zuhälter bevölkern die Szene. Und die sehen selten gut aus. Schon gar nicht, wenn sie alt und betrunken sind. Das alles überwiegend in schwarz/grau, mit starken Rot- und gelegentlichen Grüntönen – die Atmosphäre von Zeit und Milieu hat Yslaire auch hier wieder super eingefangen.

Yslaire, Fromental, Simenon: Der Schnee war schmutzig
Aus dem Französischen von Christoph Haas
104 Seiten, HC, 24,- €, Carlsen, ISBN 978-3-551-80637-6
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Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Eines Tages entdeckt Mister Fotheringay, ein gewöhnlicher Büroangestellter ohne besonderen Ehrgeiz, dass er Wunder vollbringen kann. Er muss einfach nur den Wunsch danach äußern! Von seiner außergewöhnlichen Fantasielosigkeit geleitet, verändert er mit dieser Gabe jedoch nicht die Welt, sondern begnügt sich zunächst mit kleinen, unbedeutenden Wundern und ungläubigem Staunen. In Panik sucht er Hilfe bei einem Pastor, der die unbegrenzten Möglichkeiten dieser Macht auf Anhieb erkennt und Fotheringay nicht eben uneigennützig helfen will, diese Gabe zum Wohle seiner Mitmenschen zu gebrauchen. Dass die beiden Heilsbringer dabei nicht sonderlich überlegt vorgehen, gleichen sie durch Übereifer aus. Und so führen ihre Taten letztlich zu einer Katastrophe von wahrhaft biblischem Ausmaß… (Verlagstext)

Mal wieder ein schönes Album von Munuera (Das Rennen des Jahrhunderts, Bartleby, der Schreiber, Das Zeichen des Mondes). Es handelt sich um die Adaption einer Geschichte von H. G. Wells, der darin auslotet, wie weit Wünschen gehen kann, und wo die Grenzen sind. Denn was würde man sich wünschen, wenn man könnte? Etwas für sich selber? Etwas für Freunde? Etwas, um die Welt zu retten? Und wenn man durch seinen Wunsch eine Situation verändert – welche Wirkung hätte das auf die Dinge, die mit dieser Situation verknüpft sind? Ändern die sich auch?

Wie immer setzt Munuera die Geschichte in gewohnt schöne Bilder um und hat auch seinen Koloristen Sedyas (Sergio Román) wieder mit an Bord. Der kann vor allem mit Licht umgehen und zaubert damit wunderhübsche Farbeffekte auf die Seiten. Das einzige, was an diesem Album nervt, ist das Vorwort von Véronique Béghain. Die Professorin von der Uni Bordeaux erklärt zwei Seiten lang, was in der Geschichte weshalb toll ist, was Wells mit welcher Szene sagen wollte, und verrät damit fast die komplette Story. Wenn man es erst hinterher liest, bietet dieses Album für alle Munuera-Fans und Liebhaber fantasievoller und leicht poetischer Geschichten Spannung und Lesevergnügen bis zur letzten Seite.

José-Luis Munuera, H. G. Wells: Der Mann, der Wunder vollbringen konnte
Aus dem Französischen von Harald Sachse
72 Seiten, HC, 19,80 €, Splitter, ISBN 978-3-68950-139-6
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Maler & Modell + Die Versuchung

Kunst trifft Erotik: Es gibt keinen Künstler ohne Muse. Von Fillide, die auf dem einzigen weiblichen Porträt Caravaggios zu sehen ist, bis zu La Fornarina, die den frommen Raffael um den Verstand brachte – auch der größte Maler ist nur so gut wie sein Modell. In diesem Band würdigt Milo Manara die Künstler, die ihn inspirierten. In 100 atemberaubenden Bildern, die jeweils von einem Text begleitet werden, erzählt Manara, der wie kein zweiter die Schönheit des Weiblichen zeichnen konnte, in aller Bescheidenheit von den Meistern, die ihn prägten, und den Frauen, die ihre Modelle waren. (Verlagstext)

Manara kann durchaus atemberaubende Bilder malen. In diesem Album macht er das weniger. Der laszive Gesichtsausdruck, der so typisch für seine Frauenbilder ist, fehlt allerdings auch hier nur selten. Er übernimmt Motive aus klassischen Frauenakten (wie Caravaggios Magdalena, Rodins Kuss oder Courbets Ursprung der Welt), und packt sie zusammen mit dem Maler in ein neues Gemälde – von denen viele recht leblos wirken, weil selten Kommunikation zwischen Maler und Modell stattfindet. Dazu kommen kurze Texte, die die (oft erotische) Beziehung zwischen beiden beschreiben. Das ist teilweise recht interessant und regt dazu an, sich mit dem ein oder anderen alten Meister mal wieder genauer zu beschäftigen. Im Grunde eher ein Album für Kunstliebhaber, als für Manara-Fans.

Milo Manara: Maler und Modell
Aus dem Französischen von Monja Reichert
128 Seiten, HC, 29,80 €, Splitter, ISBN 978-3-68950-138-9
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Gérard und Françoise, ein Paar in den Fünfzigern, gönnen sich ein paar Tage Urlaub an der Mittelmeerküste. Dort lernen sie eine junge Frau namens Fred und ihren Freund Mathieu kennen. Das jüngere Liebespaar lebt seine Sexualität freizügig aus und genießt sie in vollen Zügen – und die beiden verändern Gérards und Françoises Blick auf ihr eigenes Liebesleben: Sie machen erste Erfahrungen mit Voyeurismus, und schließlich erliegen sie der Versuchung des Swingings. Aber die sexuelle Auszeit kommt nicht ohne Preis. Der französische Comickünstler Axel hat sich einer authentischen Form der Erotik abseits pornografischer Übertreibung verschrieben. Seine Graphic Novel »Die Versuchung« erkundet Fragen über Altersunterschiede in der Liebe, über den Preis von Treue und nach der Möglichkeit, eine alte Liebe wieder zu entfachen. (Verlagstext)

Nein, ehrlich: Er erkundet überhaupt nichts, sondern reiht eine Szene an die andere, ohne die Entwicklung zu beschreiben, die ihnen zugrunde liegt. Und der Preis für Untreue ist natürlich die Trennung. Das pure Klischee. Wieso muss man sich vom bisherigen Partner trennen, wenn man vorher auch zu viert selbst im Bett harmoniert hat? Kann man nicht an Alternativen überlegen? Dabei sind die Zeichnungen nicht schlecht. Keine Models mit bis in die Fußnägel durchgestylten Bodys, sondern Körper, die halbwegs dem Alter entsprechen (na – zumindest die Gesichter). Für einen reinen Erotik-Comic okay. Wer sich am fehlenden Tiefgang nicht stört: Für die kommenden Monate sind bei Splitter weitere Alben von Axel angekündigt.

Axel: Die Versuchung
Aus dem Französischen von Hanna Reininger
64 Seiten, HC, 18,80 €, Splitter, ISBN 978-3-68950-160-0
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