Anästhesie ist doch total langweilig, da sitzt man doch nur rum und guckt auf Monitore! Ist doch so, oder? Viele Studenten würden jetzt mit Kopf nicken, aus der Einleitung passiert da doch echt nicht viel. Ich habe das auch mal so gesehen. Nach meiner Famulatur. Nettes Fach, lustige Leute, familienfreundlich – aber das jeden Tag machen?
Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich noch keinen einzigen Tag als fertige Ärztin so gedacht habe. Um die Gründe vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer zu machen, hier einmal eine typische Narkose zu einer großen Bauchoperation, wie ich sie über ein halbes Jahr täglich betreut habe.
7:10 Uhr. Blick auf den OP-Plan – ah, Vollverkabelung. Die Frühbesprechung schenke ich mir, ich muss gleich runter, damit wir mit großen Einleitung rechtzeitig fertig sind. 8 Minuten später stehe ich in meinem Einleitungsraum, ach zum Glück Pfleger Steffen ist da. Alter Intensivpfleger, fachlich top, menschlich auch. Auch die Patientin ist schon da, Frau Müller. 86 Jahre jung, schnarcht mit einer Sauerstoffsättigung um die 88% vor sich hin. Protokoll zur Hand, erstmal gucken. Aha, internistisches Polytrauma, alles was man an Herz und Lunge so haben kann, Diabetes, Nierenfunktion dadurch eingeschränkt, Adipositas per magna. Die Sättingung geht auf 86%, die Prämed des jungen Kollegen aus der Ambulanz funktioniert schon einmal blendend. Blutdruck 180/110 mmHG. Ich wecke die Dame um mich vorzustellen und für die übliche Fragerunde, sie erschrickt kurz, lächelt dann. Sättigung steigt auf 93%, na immerhin. So, nun aber mal fix hingestzt, es muss erst der Schmerzkatheter im Rücken gemacht werden. Während Steffen und Frau Müller akrobatische Künststückchen zur korrekten Lagerung anstellen, suche ich den Laborzettel zwecks Gerinnung. Gibts nicht.
„Bin mal am PC, Gerinnung gucken.“
Beim Rausgehen hören ich noch Steffen die schwerhörige Frau Müller anbrüllen, dass es nun kalt am Rücken wird. Gerinnung gecheckt, ist ok, ASS 100 nimmt sie zwar weiter, aber Clexane wurde ausgestzt und (oh Wunder!) sogar ein Anti-Xa-Wert abgenommen wegen der Niereninsuffizienz. Wenn es jetzt noch Blutkonserven und ein Intensivbett gibt, bin ich jetzt schon schwer beeindruckt. Und es ist erst halb 8. Ich gehe zurück, ziehe mich steril an, bereite alles für den Periduralkatheter vor. Frau Müller sitzt kerzengerade vor mir, die Wirbelsäule lässt sich aufgrund des Körpergewichts nur erahnen. Steffen erklärt ihr wie sie sich hinsetzen muss, rückt sie ein paar mal richtig hin bis er sie schließlich verzweifelt in den Schwitzkasten nimmt, damit der Rücken wenigstens ein bisschen krum wird. Ich taste mich mit der Lokalen schon einmal vor: aha – Knochen, Knochen, Knochen. Irgendwann ist etwas wie ein Weg gefunden und ich beginne mit der Nadel+Kochsalzspritze langsam vorzustechen, wissend, dass bei jedem ruckartigen Vorschieben das Ding schon im Thorakalmark stecken könnte. Aber ich bin vorsichtig, das ist jeder dabei. Weil man die Hosen so voll hat. Mein Oberarzt schneit zur Tür rein.
„Na, bist du schon vor Ort?“ – „Nein, überalle Knochen!“ Ich suche noch ein bisschen, während ich im Augenwinkel sehe wie er sich steril anzieht. Und da ist er, der Loss of Resistence. Auf einmal gehts ganz leicht zu spritzen, wie in eine Viggo. Spritze abgedreht, bisschen NaCl läuft zurück. Aber wird weniger. „NOCHMAL KURZ NICHT BEWEGEN, FRAU MÜLLER!“ brüllt Steffen. „Waaas, ich darf mich wieder bewegen?“ „NEIN!!! SITZEN BLEIBEN!“ brüllen wir drei wie aus einem Mund. Katheter rein, kurz einatmen lassen, läuft wie durch Butter, Nadel raus. Festkleben, hinlegen, und weiter. Ist ja schon viertel vor 8.
„Arterie wach?“ fragt Steffen. Blutdruck ist auf 195/120 angestiegen. „Nein, macht mal schlafend.“ sagt mein Oberarzt. „Ich bin mal drüben.“
Gut, Maske vor, tief atmen, ist nur frische Luft, gibt jetzt das erste Medikament, das macht schwummrig im Kopf. Sobald Frau Müller etwas merkt, fängt Steffen an zu spritzen. Wir müssen ja fertig werden.
„Mach bloß langsam!“ – „Ja, ist ok. 100 sind drin.“ – „Frau Müller? Holen sie noch einmal kräftig Luft!“ Macht sie nicht mehr. Aber schläft nach Herzfrequenz und Lidreflex nach auch noch nicht. „Gib nochmal 30.“ Maskenbeatmung geht einigermaßen, pfeift etwas an den Wangen, weil das Gebiss draußen ist. Steffen lagert schon den Arm für die Arterie.
„Willst du Rocuronium?“ – „Nee, lass mal Cis nehmen, wegen der Niere.“ Steffen legt eine Arterie während ich auf das Anschlagen des Muskelrelexans warte. Mir tut schon die Hand weh, fühlt sich an wie 10 Minuten. Die Stoppuhr am Beatmungsgerät sagt 2 Minuten. Hrmpf. Wir intubieren nachdem Steffen die Arterie angeschlossen und verpflastert hat. Blutdruck ist nun 70/47. Höchste Zeit mal zu intubieren. Steffen gibt trotzdem etwas Akrinor. Und nochmals 30mg Propofol. Intubieren geht easy, festkleben, draufhören, Gerät an, Gastopf aufdrehen. Ich lagere Kopf tief und bereite den ZVK vor, während Steffen eine Magensonde legt und sich dann an den Blasenkatheter macht. Die Arterie zeigt nun nach guten Drücken plötzlich 60/40 an. 55/35. Fuck.
„Die sieht gar nicht so aus als hätte sie den Druck.“ – „Nee, finde ich auch.“ -„Hast du da drüben nen Puls?“
„Omi, mach kein Scheiß!!!“ murmelt Steffen während er am Handgelenk tastet. „Doch die hat mehr.“ – „Mach mal die NIBP wieder dran.“ Ah, 110/84 mmHg. Na also, Arterie gespült, ein Stück zrückgezogen. Lag an der Gefäßwand an. Passiert. Oberarzt kommt wieder. Zum OP hin guckt ein OP-Pfleger durchs Fenster wie weit wir sind.
„Ihr seid ja noch nicht drin?!“ Jetzt kommt auch eine OP-Schwester, um die Akte nach Aufklebern und Checkliste zu durchwühlen. Ich bereite mich vor zur ZVK-Anlage bei der recht halslosen Patientin. Mein Oberarzt versenkt noch zwei dicke Zugänge, während Steffen sein vorbereitetes Noradrenalin in eine Perfusorspritze aufzieht und das Antibiotikum anhängt. Mit Ultraschall und viel Geduld bastele ich irgendwie den Draht in die Vena jugularis interna, als die Tür zum OP wieder aufgeht. Allgemeinchirurgische Oberärztin.
„Kommt ihr jetzt rein, es ist zehn nach!“ – „In 2 Minuten!“ gibt mein Oberarzt zurück. Aha, ich habe also 120 Sekunden Zeit, zum Aufdehnen, ZVK schieben, alle 3 Lumen testen und annähen. Danke auch, du fette Chirurgen-Kuh, wie oft warten wir auf euch? (Eigentlich ist die voll nett, aber das interessiert einen in der Situation nicht). Er macht eine Blutgasanalyse, ich frage beim Reinfahren per Telefon die Blutbak, ob es Konserven für die Dame gibt. Es gibt zwei, ich lasse auf 4 hochkreuzen. Während ich noch Beatmung einstelle und wir das Monitoring wieder anschließen, ziehen gefühlte 100 Menschen von der operativen Seite an Frau Müller, wollen dass ich auf den Tubus aufpasse. Mache ich natürlich. Steffen lagert die Arme, klebt eine Wärmedecke auf, ich schließe weiteres Monitoring an und lasse das Noradrenalin über den ZVK anlaufen. Der Bauch wird schon steril abgewaschen, die Operateure waschen sich ein, es werden Tücher geklebt. Alles was jetzt nicht an der Patientin ist, kommt auch nicht mehr dran. Ich gebe zum Schnitt Schmerzmittel nach, der Oberarzt bringt die BGA. Während ich drübergucke, geht die OP-Schwester, die nicht am Tisch steht die Checkliste durch. Wie automatisch spule ich meinen Part dazu ab.
Der Hb ist 8,8. -.- Wir lassen schon einmal 2 Erythrozytenkonzentrate (EKs) von der Blutbank kommen und im speziellen OP-Kühlschrank bunkern. Wird ja nicht besser durch die OP, vor allem da die Dame eher ausgetrocknet ist.Der reale Hb ist also unter Umständen noch niedriger.
„Anästhesie, wir fangen an!“ – „Jaaa, gerne!“ Immer für gute Stimmung sorgen, wird sonst auch nicht besser das ganze. „Ist die relaxiert? ICH BRAUCHE DIE TOP DURCHRELAXIERT!!!“ Die macht doch gar nichts. Gedanklicher Mittelfinger.
„Hast du den PDK aufgespritzt?“ fragt mein Oberarzt. „Nee, wollte erstmal den Druck einpendeln mit Noradrenalin.“ Wir relaxieren nach, spritzen dann den PDK auf, in der Hoffnung dass wir dann kein Relaxans mehr brauchen. Wer am Bauch nicht autscht, presst für Gewöhnlich auch nicht. Nun da alle Schreihälse beschäftigt sind, kann ich mich ordnen und mein Protokoll vervollständigen, außerdem den PDK online anmelden, damit der Schmerzdienst auch von der Patientin weiß.
Soweit läuft es gut, ich musste nur das Noradrenalin anpassen, denn der Schmerzkatheter erweitertet durch Sympathikolyse alle Bauchgefäße und führt zu einem weiterem Blutdruckabfall. Aber das kennt man ja, mehr oder weniger haben das alle nach dem Aufspritzen. Mein Oberarzt löst mich kurz ab, damit ich einen Kaffee trinken kann. Ich merke erst jetzt, das ich Durst habe. Und Hunger. Nach der Stärkung geht es weiter, mein Oberarzt hat inzwischen ein Medikament gegen postoperative Übelkeit gegeben, eine zweite Infusion an an den ZVK angehängt und ein EK einlaufen lassen. Beim Vorpräparieren hatte es offenbar schon geblutet. Danach mache ich erst einmal eine BGA, um den Effekt zu sehen. Der Bauch ist inzwischen schon eine knappe Stunde offen, man sieht es an der Körpertemperatur. 35,6 °C – Tendenz fallend. Ich rufe Steffen an, er solle mir ein Infusionswärmesystem (Hotline(R)) anbauen, vor allem falls ich noch weitere EKs benötige. Die kommen schließlich aus dem Kühlschrank. Und eine gute Gerinnung erzielt man nur bei Temperaturen >36°C, unter 35,0°C extubiert man nicht. Auch für die Wundheilung und den Gesamtverlauf ist es schlecht, wenn Patienten auskühlen. Doch durch die Narkose (weite Gefäße) und den offenen Bauch lässt sich das anfangs nur bedingt verhindern.
In der nächsten BGA ist der Hb 9,1 – kann man erstmal so lassen. Dafür ist das Kalium zu niedrig, kann Herzrhytmusstörungen machen. Ich spritze 20mval in eine Infusion und lasse sie langsam tropfen (Kalium als Bolus oder im Schuss macht einen schwer bis nicht zu reanimierenden Herzstillstand). Das Calcium ist auch mau, vom EK. Blutprodukte sind mit Citrat antikoagliert, sonst würden sie ja in der Tüte schon Klumpen bilden. Vor allem gilt das für Frischplasma, das die ganzen Gerinnungsfaktoren enthält. Also beschäftige ich mich damit langsam fraktioniert Calciumgluconat zu geben (selbes Spiel, zu schnell = Herzstillstand). Immer ein Auge über dem Tuch, schätze ich gleichzeitig den Blutverlust über Tücher und Tüpfer. Während den eher unkritischen OP-Schritten, bilanziere ich meine Patientin schnell auf einem Schmierzettel. Flüssigkeitsdefizit durch Nüchterheit, Urinausscheidung, was wohl verdunstet ist über die Darmschlingen (viel weniger als man immer dachte). Im Moment bin ich noch gut im Rahmen mit der dritten und vierten RingerAcetat.
Das Noradrenalin muss ich noch etwas höher nehmen, ich möchte für Frau Müller einen Mitteldruck von mindestens 80mmHg, da sie hohe Blutdrücke gewöhnt zu sein scheint. Sonst kommt im Kopf nämlich oft nicht viel an und gerade ältere Herrschaften sind dann nach der Narkose sehr durcheinander. Intraoperative Herzinfarkte oder Schlaganfälle durch Minderdurchblutung sind natürlich bei sowas unsere große Angst, zum Glück aber sehr selten, wenn es sich um kurze Blutdruckabfälle handelt. Der Mensch ist ziemlich zäh, das lernt man schnell.^^
Nächster Blick geht zum Urinbeutel. Komisch, ist ja nicht gerade viel gekommen in der letzten Zeit. Doch zu wenig Volumen? Das Noradrenalin musste ich ja auch höher nehmen. Maskiere ich mir hier gerade mit Katecholaminen einen Volumenmangel? Die arterielle Blutdruckkurve hat gar nicht so viel „Swing“ (Schlagvolumenvarianz, die Kurve unduliert insgesamt bei Volumenmangel). Hmm. Neue Blutgasanalyse. Anfangs ist mir der Hb nämlich trotz OP mit Blutverlust oft angestiegen – ein no-go, denn „eindicken“ heisst man ist zu restriktiv mit der intravenösen Flüssigkeit. Während die meisten jungen Kollegen bei uns die Bauchpatienten meist überwässern (das Wasser zieht in den Darm, lässt die Schlingen aufquellen und kann eine Anastomoseninsuffizienz machen, also eine Undichtigkeit der End-zu-End-Darmnaht) und sich die Intensivoberärzte dann tierisch aufregen, weil sie das Wasser wieder raushämofiltrieren müssen, bin ich als anderes Extrem gestartet, sodass mein Oberarzt im OP am Ende oft noch nachgeschüttet hat.
Der Hb ist aber 9,0, also gleich geblieben. Flüssigkeit scheint nicht zu fehlen. Direkte Wirkung der Katecholamine auf das Vas afferens der Niere? So hoch läuft das Noradrenalin aber nicht, bisher kenne ich das nur bei höheren Dosen.
„Könnt ihr mal nach den Harnleitern gucken? Die pinkelt nicht mehr!“ „Ist alles frei. Die Blase ist auch leer, an uns liegt es nicht.“
Das wäre das naheliegenste gewesen. Und die anderen sind ja auch so oft schuld.^^ Hmm. Ich bespreche mich mit Steffen, vielleicht hat er ja eine Idee. „Hast du mal nach dem Dauerkatheter geguckt? Vielleicht haben die den am Tisch abgeklemmt oder umgeknickt.“ Gute Idee. Gucken geht bloß nicht, weil sämtliche Tischchen der OP-Pflege mit sterilem Instrumentarium im Weg sind. Und die kann ich ja schlecht wegschieben. Ich frage, ob ich mal nach dem DK gucken kann. „Nicht jetzt! Wenn wir die Anastomosen fertig haben!“ Hrmpf. Ja, ist ja gut. Heisst ja wenigstens, dass sie gut vorankommen. Toll finde ich es trotzdem nicht. Ich will halt jetzt gucken, weil Geduld in der Anästhesie eher spärlich verteilt ist. Wir mögen Sachen die schnell wirken, Medikamente die schnell ankommen und gut funktionieren.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, guckt die Springerschwester dann nach dem DK – und stellt fest, dass er an der Konnektionsstelle abgefallen ist. Am ehesten weil einer der Operateure wortwörtlich „auf dem Schlauch stand“. Heisst, der Urin hat sich die ganze Zeit auf dem Boden ergossen. Und in die Schuhe der operierenden Oberärztin. Diese ist schon sauer genug und tritt zeitig ab, um sich neue Schuhe zu besorgen. Die Frage nach der Sockenfarbe (hellgelb oder eher dunkel) zur Bilanzierung erspare ich mir, die Arme ist schon „angepisst“ genug.^^
So übergebe ich am Ende eine wache, extubierte, schmerzfreie Patientin ohne Katecholamine an die operative Intensivstation und habe die Lacher auf meiner Seite, als ich zwar die Einfuhr weiß, aber zur Ausfuhr nur grobe Angaben machen kann aus oben genannten Gründen. Bei meiner Nachvisite auf der Intensiv ist noch immer alles in Ordnung, Frau Müller sei die erste Verlegungsoption für die Nacht, habe keine EKs oder Frischplasmen mehr gebracht, keine Schmerzen (Jihaa, PDK sitzt!) und komme spätestens morgen früh hoch auf die IMC. Sie selber ist wach und freut sich mich zu sehen. Die Intensivärzte haben immernoch Spaß an der Geschichte mit dem Dauerkatheter und ich bin sehr froh, am nächsten Morgen nicht bei der chirurgischen Visite dabei sein zu müssen.