Gott allein die Ehre! Andacht zum 30.1.2026

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Ich will den Namen des HERRN preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist der Fels. Seine Werke sind vollkommen. Ja, alle seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er. (Deuteronomium 32, 3-4)

Das ganze Buch Deuteronomium ist als eine Art Testament von Mose gestaltet: Das Volk Israel steht nach 40 Jahren in der Wüste Sinai kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land. Und Mose, ihr Anführer, der steht kurz seinem Einzug in ein anderes Gelobtes Land: aus seinem Erdenleben heraus in die Hände des Ewigen.

Mose hält Rückblick. Und er erinnert das Volk ausführlich an den Bundesschluss am Berg Horeb (er wird sonst meist Sinai genannt) und an all die Gebote. Und nun, kurz vor dem Finale seines Lebens und des Buches Deuteronomium, nun das „Lied des Mose“ in Kapitel 32. „Gebt unserm Gott allein die Ehre!“

Szenenwechsel. Meine Forensische Klinik in Hörstel. Ich treffe mich regelmäßig mit Herrn – nennen wir ihn: Schulze. Der ist in philosophischen und theologischen Dingen belesen. So reden wir auch über Dinge, für die wir beide sonst keine Gesprächspartner haben. Zum Beispiel: „Die Aufgabe der Kirche“. Herr Schulze meint: Die Aufgabe der Kirche ist es, aus den Leuten bessere Menschen zu machen. Er meint das im moralischen Sinn: Mehr Gutes tun, mehr Schlechtes lassen.

Ich widerspreche ihm: Für mich ist Kirche zuerst die Gemeinschaft von Glaubenden: Miteinander Glauben teilen, Anteil aneinander nehmen und Anteil geben, füreinander da sein, gemeinschaftlich Bibel und Gebet. Kurz und knapp sagt das Lukas in seiner Apostelgeschichte über die erste Gemeinde in Jerusalem so:

Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. (Apostelgeschichte 2, 42)

Miteinander den Glauben leben und das Leben teilen – vielleicht werde ich dadurch hier und da tatsächlich ein etwas besserer Mensch. Aber das wäre ein schöner Kollateral-Nutzen, ein Neben-Effekt. Aber nicht der Haupt-Sinn christlicher Gemeinschaft. Also Gemeinde als Weg-Gemeinschaft, als Lebens-Gemeinschaft. Und nicht Erziehungs-Anstalt. So meine Gegen-Position zu Herrn Schulze.

Und was wäre Ihre Antwort? Wozu ist christliche Gemeinschaft da? Wozu Kirche? Vielleicht gehören Sie ja selbst zu einer christlichen Kirche. – Also: Warum? Und warum sind Sie nicht ausgetreten?

Mir fallen als weitere mögliche Aufgaben ein: Als Gemeinschaft und als Organisation zusammen „Gutes tun“, Menschen in Not und Krisen unterstützen – ganz in der Nähe und weltweit. Bildungs-Arbeit. Kinder- und Jugendarbeit. Altenarbeit. Kultur-Arbeit. Freizeitgestaltung. Für Demokratie, Ökologie und Tierwohl eintreten. Mission. Spirituelle Räume, geistliche Angebote.

Vielleicht fallen Ihnen noch ein paar weitere Punkte ein. Und vielleicht denken Sie wie ich: Am besten: Alles!

Nur leider: „Alles“ geht nicht. Jedenfalls nicht alles, was Geld kostet und Personal bindet. Das haben wir ganz aktuell in beiden großen Kirchen: Das Geld wird sehr rasch sehr viel weniger. Das Personal – mittelfristig – auch. Siehe Autor. Die Kirchen müssen sich aus bestimmten Arbeitsfeldern zurückziehen. Preisfrage: Aus welchen?

So, und nun kommt Mose noch mit einem weiteren „Arbeitsfeld“: „Gebt unserm Gott allein die Ehre!“ Nun lebt Mose ja vor Christus und vor jeder Kirche. Er sagt das also keiner Kirche, sondern Israel, dem Gottesvolk des Sinai-Bundes. Aber keine Frage: Mose hätte es den Christinnen und Christen auch gesagt. Und tatsächlich: Gottes Ehre kommt in jedem Gottesdienst ausdrücklich vor. Zum Beispiel gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe / und auf Erden Fried‘ …“ Oder: „Ehr‘ sei dem Vater und dem Sohn / und dem Heiligen Geist! Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar / und von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ OK, man kann es mitsingen, ohne es zu denken oder die Ehr-Erbietung zu spüren, ich spreche aus Erfahrung.

Gott die Ehre geben! Gesungen und gebetet. Miteinander – im Gottesdienst oder im Bibelkreis, auf dem Festival und am Lagerfeuer. Oder für mich in der Stille – nur mit Gott. Bei Tagesanbruch oder zum Tagesausklang. Und immer mal zwischendrin.

Bei Mose allerdings wäre „Gott die Ehre geben!“ nicht eine Aufgabe neben zwanzig, sondern: Gottes Ehre ist die Mitte! Darum dreht es sich! Wie die Mitte beim Kettenkarussell.

Oder ein anderes Bild: eine Quelle in der Mitte. Von ihr aus fließen verschiedene Bächlein in unterschiedliche Richtungen. Ja, so muss das sein: Gott die Ehre geben, das bleibt nicht isoliert. Das fließt in unterschiedliche Richtungen, das zieht etwas nach sich, das wirkt sich aus auf mein ganzes Denken, Fühlen, Tun und Lassen. Also:

„Gott die Ehre!“     –>      Denken, Fühlen, Tun, Lassen

Und umgekehrt? Der Pfeil in die andere Richtung? Führt das, was ich Gutes denke, fühle, was ich tue oder auch nicht, dazu, dass ich Gott die Ehre gebe? Antwort: Nein! Oder nur gelegentlich und zufällig.

Also: Ich kann manche Meinung haben und manche Dinge tun, die zweifellos gut, wünschenswert, genussvoll, erhebend sind, und über die Gott sich bestimmt freut. Aber ich gebe damit nicht automatisch Gott die Ehre. Wenn ein Atheist der Oma über die Straße hilft, den Plastikabfall aufhebt, gegen den Faschismus die Stimme erhebt und genussvoll in einen gesunden roten Apfel beißt, und wenn ich ihm dann sagen würde: „Schön! Damit gibst Du Gott die Ehre!“, dann würde er mir vermutlich einen Vogel zeigen und das als Vereinnahmung zurückweisen. Recht hat er.

Wenn Sie aber nicht Atheist oder Atheistin sind, sondern dieses Mose-Wort für sich annehmen wollen, dann heißt das: Gottes Ehre ins Zentrum! Das ist eine Sache des Gebets. Und eine Frage des Bewusstseins: Gott mitnehmen auf meinem Weg durch den Tag. Oder besser noch: mich von Gott mitnehmen lassen.

Und noch eine gute Nachricht für Herrn Schulze: Gottes Ehre in die Mitte zu rücken, das kann mir durchaus dabei helfen, moralisch ein bisschen besser zu werden. Denn: Mit allem, was mich oder andere freut, was mir oder anderen hilft, was mein Leben intensiviert und das Leben meiner Mitgeschöpfe achtet, auch damit kann ich Gott ehren. Wenn ich aber mir selbst schade, ausraste, meine Verachtung anderen gegenüber auslebe – also ich müsste mich schon sehr belügen und sehr fanatisch drauf sein, um zu glauben, mit so etwas Gott zu ehren.

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Neue Wege. Andacht zum 23.1.2026

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Schuldig oder nicht schuldig? Wenn Sie mit jemandem streiten, geht es wahrscheinlich oft darum: Wer ist schuld?

Schuldig oder nicht schuldig? Wenn Sie für sich allein darüber nachdenken, ob Sie denn an etwas schuld sind, dann behaupte ich: Sie gehören einem der beiden folgenden Typen an:

  • Der Schuld-Typ. Sie neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben. Sie haben sich sowieso oft in Verdacht, etwas falsch gemacht zu haben.
  • Der Unschulds-Typ. Es sind meistens die anderen. Sie selbst können nichts dafür.

Schuldig oder nicht schuldig? Zwei Psalmen in der Bibel, 25 und 26. Sie stehen also direkt hintereinander.

Psalm 25 ist von einem Schuld-Typ. Hier ein paar Zitate aus seinem längeren Gebet:

An meine Vergehen sollst du nicht denken – auch nicht an die Sünden aus meinen Jugendtagen! (…)

Gut und gerecht ist der Herr. Darum weist er den Sündern den Weg. (…)

Bleib deinem Namen treu, Herr, und vergib mir meine Schuld – sie ist so groß! (…)

Nimm mein Unglück und Leid von mir! Schaff alle meine Sünden aus der Welt! (…)

Es ist noch von vielem anderen die Rede, was unseren Beter bedrückt: Zahlreiche Feinde. Einsamkeit. Unglück. Angst. Bedrängnis. Unser Beter bittet Gott, ihn in aller Güte und Treue aus all dem rauszuholen – trotz seiner Schuld.

Psalm 26 ist von einem Unschuld-Typ. Ich wollte Ihnen an dieser Stelle dazu ebenfalls ein paar Zitate bringen. Aber dann hätte ich fast den ganzen Psalm zitieren müssen. Unser Psalmbeter hat in seiner Lebensweise und in seiner Beziehung zu Gott alles richtig gemacht. Ich selbst neige ja ebenfalls manchmal dazu, die anderen zuerst im Verdacht zu haben und erst dann mich selbst, aber das im Psalm ist mir too much. Es wirkt auf mich arrogant, überheblich, uneinsichtig. Auch dieser Beter bittet Gott um Beistand in Not – nicht trotz seiner Schuld, sondern wegen seiner Un­schuld.

Zwei Psalmbeter. Sehr unterschiedliche Typen. Aber ein identischer Anfang: „Von David“. Na ja, viele Psalmen werden David zugeschrieben, dem singenden und Harfe spielenden großen König. Es gibt gute Gründe, warum sie häufig nicht von ihm selbst stammen können. Außerdem steht da wörtlich: „dem David“. Der Kölner versteht das sofort: „dem David sein Psalm“, also hochdeutsch: von David. Aber „dem David“ kann auch bedeutet: „dem David gewidmet“.

Jedenfalls: Diese beiden Psalmen hintereinander – und dem einen David zugeordnet, das zeigt mir: Mal kann ich mich für schuldig halten. Und mal für unschuldig. Wahrscheinlich bin ich meistens was dazwischen: Mitverantwortlich, mitschuldig.

Und: Ich darf mich in jeder Not an Gott wenden. Meine Schuld soll kein Hinderungsgrund sein, ganz im Gegenteil! Und meine Unschuld ist keine Vorbedingung! Allerdings auch kein Argument für Gottes Beistand – das sehe ich dann anders als der Beter von Psalm 26.

Ich möchte aber nochmal auf Psalm 25 zurückkommen, das Gebet eines Schuldigen. Wenn Sie schuldig geworden sind und das auch einsehen, was wäre Ihre erste Bitte im Gebet? Meine Vermutung: Ihre Bitte um Vergebung. Umso interessanter: Die Vergebungs-Bitte kommt in Psalm 25 eher am Rande und indirekt vor. Nur einmal ganz direkt: „Vergib mir meine Schuld – sie ist so groß!“

Stattdessen nimmt ein anderes Stichwort großen Raum ein: der Weg

Zeige mir deine Wege, Herr, und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen! Lass mich nach deiner Wahrheit leben und lehre mich! …

… Darum weist er (Gott) den Sündern den Weg. (…) Er lehrt die Unterdrückten seinen Weg. Alle Wege, die der Herr bestimmt, sind geprägt von Güte und Wahrheit.

Ihm (dem Gottesfürchtigen) zeigt Gott den Weg, den er nehmen soll. (…) Seinen Bund macht Gott ihnen bekannt.

Einen guten Weg gezeigt bekommen. Wenn Gott mir, dem Schuldigen, einen guten Weg zeigen soll, dann kann das nicht unverändert der alte Weg sein. Denn der alte Weg, den kenne ich ja schon, den muss Gott mir nicht erst zeigen. Außerdem: Der alte Weg war der falsche Weg, sonst wäre ich ja damit ja nicht schuldig geworden.

Wenn in meinem Leben dies und das nicht passt, dann mache ich mir schon mal Gedanken, was andere bessermachen sollten. Das ist aber fruchtlos, denn ich kann andere nicht ändern. Ich mache mir auch Gedanken, welche neuen Wege ich beschreiten könnte. Das bleibt – oft – auch fruchtlos, denn ich ändere dann doch nichts. Außer Spesen nichts gewesen.

In meiner Klinik mache ich mir oft auch mit jemand anderem zusammen Gedanken, welche neuen Wege er oder sie beschreiten könnte. Das ist weiter nicht verwunderlich, denn eine psychiatrische Klinik kommt oft in Umbruch-Situationen ins Spiel. Oder andersrum: Die Impulse aus der Klinik führen in Umbrüche hinein, sie stoßen Veränderungen an.

Nur: Bei meinem Nachdenken über neue Wege in meinem Leben und beim gemeinschaftlichen Nachdenken über neue Wege im Leben anderer kommt schon mal eines zu kurz: Gott. Und das unterscheidet mich im problematischer Weise von unserem Psalmbeter. Denn der Psalmbeter bittet zu allererst Gott um Weg-Weisung, um Orientierung. Und er hat auch schon eine Ahnung, was diesen neuen Weg ausmacht: „Alle Wege, die der Herr bestimmt, sind geprägt von Güte und Wahrheit.“

Jetzt werden Sie vielleicht fragen: „Wie zeigt denn Gott seine guten Wege für mich? Und wie mache ich das, dass ich seine Hinweise erkenne?“ Da gäbe es jetzt 99 gute oder weniger gute Antworten – und die Auflistung wäre trotzdem nicht vollständig. Unser Psalm gibt uns, soweit ich sehe, von den 99 Antworten keine. Außer vielleicht die Antwort mit dem Bund: „Seinen Bund macht Gott ihnen bekannt“. Denn davon ist ja was in der Bibel zu lesen: Der Noah-Bund; der Abraham-Bund; der Sinai-Bund; der Neue Bund in Christus.

Jedenfalls: Nur für mich nachzudenken über meine Wege, das ist etwas deutlich anderes als: zu allererst und immer wieder Gott im Gebet um seine Weg-Weisung zu bitten. Und dann vielleicht auch: Gott zu bitten um Mut zum Entscheiden. Und um Kraft und Durchhaltevermögen für den neuen Weg.

Darum: Schneiden Sie sich in dem Punkt „Gott um Wegweisung bitten“ keine Scheibe von mir ab. Aber von „David“ aus Psalm 25!

Gebet: Zeige mir Deine Wege, Herr, und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen! Lass mich nach deiner Wahrheit leben und lehre mich!

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Wieder auf die Beine kommen. Andacht zum 16.1.2026

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Bitten Sie manchmal um Hilfe? Können Sie das – um Hilfe bitten? Wahrscheinlich schon. Sie haben ja schließlich einen Mund. Und ein Telefon.

Wenn Sie trotzdem sagen: „Ich kann schlecht um Hilfe bitten!“, dann ist das eigentlich das falsche Wort: Sie können schon, aber Sie wollen nicht. Was dahinter steckt: Vielleicht wollen Sie niemandem „zur Last fallen“. Oder Sie „müssen“ alles allein schaffen. Oder Sie wollen nicht „in der Schuld“ von jemandem stehen und es „wieder gutmachen müssen“. Oder Sie finden, dass Sie es nicht wert sind, dass sich jemand um Sie kümmert. Na ja. „Eigentlich“ finde ich ja, dass das alles Quatsch ist. Auf der anderen Seite bin ich in einer fremden Gegend auch nicht der Erste, der nach dem Weg fragt.

Ein Positiv-Beispiel für „um Hilfe bitten“ aus der Bibel ist ein blinder Bettler namens Bartimäus. Als der am Wegesrand mitbekommt, dass Jesus in der Nähe ist, fängt er an, lautstark nach ihm zu schreien. Und als die Leute ihn zur Ruhe bringen wollen, da schreit er nur noch mehr – bis Jesus ihn zu sich holen lässt. Als Jesus ihn dann fragt, was er denn will, da sagt er es ganz klar: Er will sehen! Das passiert dann auch: Er sieht! Und er folgt Jesus auf seinem weiteren Weg.

Es gibt aber auch noch ein Kontrast-Beispiel: Jesus kommt nach Jerusalem und geht zum Teich Bethesda – eine Art Kurbad mit Säulengängen drumherum. Dort liegen Scharen von Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgemergelten. – Wieso? Manchmal bewegt sich das Wasser. Und wer dann zuerst im Teich ist, wird geheilt. So sagt man es jedenfalls.

Einer liegt dort, der ist schon 38 Jahre lang gelähmt. Und lange, lange liegt er nun schon jeden Tag an diesem Teich. Anders als in der Bartimäus-Geschichte scheint der Gelähmte aber nichts von Jesus mitzubekommen, als der dort zu Besuch ist. Es läuft andersrum:

Als Jesus diesen daliegen sah und wusste, dass es schon lange Zeit so mit ihm steht, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Also kein Bartimäus, der nach Jesus schreit, kaum dass der auftaucht. Nein, Jesus „entdeckt“ den Gelähmten, spricht ihn an. Die Frage ist ein bisschen wie bei Bartimäus. Hier: „Willst Du gesund werden?“ Na, was meinen Sie? Was antwortet dieser Gelähmte nach 38 Jahren?

Genau diese Frage habe ich vor einiger Zeit bei einer Gesprächsrunde in meiner forensischen Klinik gestellt. Nur zwei Teilnehmer waren da, beide schon mehrere Jahre hinter Gittern. Beide, sehr spontan: „Nein!“ In dem Moment wurde mir klar: Nach mehreren Jahren Forensik „kennt“ man den so lange Gelähmten ziemlich gut. So direkt sagt der zwar nicht „Nein!“ zu Jesus, aber es geht in dieselbe Richtung:

„Herr, ich habe keinen Menschen, dass er mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich werfe. Während ich aber komme, steigt ein anderer vor mir hinab.“

Ja, die soziale Kälte. Keiner kümmert sich um den armen Kerl. Aber ich glaube ihm die Nummer nicht so ganz. Hätte er wirklich niemanden, er hätte vor Hunger, Durst und Dreck nicht mal ein Jahr geschafft, jedenfalls keinesfalls 38 Jahre. Und: Er kann zum Wasser kommen, nur eben langsam. Wieso ist er in 38 Jahren nicht auf die Idee gekommen, sich direkt ans Wasser zu legen? Und sich hineinplumpsen zu lassen, kaum dass es sich bewegt?

Die anderen sind schuld. Und so umschifft er die Frage: „Willst Du gesund werden?“ Er hat es sich im Laufe der Jahre ganz gut arrangiert auf seiner Matte; mit den Almosen; mit seiner festen Über­zeugung, gelähmt zu sein; mit seiner Gewissheit: die herzlosen anderen sind schuld!

Sie merken: Der Typ ist mir nicht sympathisch. Ich kenne das, wie anstrengend, wie nervend es sein kann, wenn einem jede Ermutigung und jede konstruktive Idee aus der Hand geschlagen wird. Der Gelähmte am Teich Bethesda auf seiner Matte sitzt – nein: er liegt – am längeren Hebel. Es gibt da so Joker, die sind unschlagbar: „Ich kann aber nicht!“; „Ach, es hat sowieso alles keinen Sinn!“; „Sie kennen meinen Mann / meine Frau / meine Eltern / meine Kinder nicht!“

Was denke ich mir dann? „Wer nicht will, der hat schon! Dem geht’s wohl noch zu gut! Das muss er selbst wissen, ist ja schließlich mehr als 3×7 Jahre alt!“ Vielleicht melde ich ihm noch das Spielchen zurück, das er da gerade mit sich und mit mir veranstaltet. – Jesus reagiert anders:

„Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher!“

Der Volksmund nennt so etwas: „Jemandem Beine machen“. Jesus fordert den Gelähmten heraus zu etwas auf, wovon der doch seit Jahrzehnten „weiß“: „Das geht nicht!“ Da hat der Gelähmte doch jetzt sicher ein „Aber“ als Entgegnung, oder? Nein, hat er nicht! O Wunder:

Sofort wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging umher.  (alles: Johannes 5, 1 ff.)

Da hört einer auf, darauf zu warten, dass andere ihn an sein Ziel tragen. Da fängt einer an, sich etwas zuzutrauen und sich auf seine Beine zu stellen. Da wickelt einer die Matte, sein „Bett“, zusammen, auf der er es sich so lange bequem gemacht hatte. Da fängt einer von jetzt auf gleich ein neues Leben auf zwei Beinen an, obwohl das doch mit vielen Fragezeichen und Unsicher­heiten behaftet sein muss. Und all das, weil Jesus ihm das sagt. DAS ist das Wunder.

Zurück in die Bartimäus-Geschichte: Als der blinde Bartimäus sieht, da folgt er Jesus auf seinem Weg. Als unser Gelähmter plötzlich läuft, folgt er Jesus nicht. Gibt es Hinweise auf Euphorie? Worte des Dankes? Fehlanzeige. Stattdessen zeigt der Fortgang der Geschichte: Der Geheilte weiß noch nicht mal, wer das denn war, der ihn da geheilt hat. Aber immerhin: Er liegt nicht mehr am Boden!

Wieso hat Jesus ausgerechnet diesen Menschen unter all den Patienten am Teich Bethesda „gesehen“? Wieso ihn angesprochen? Wieso gerade ihm Beine gemacht?

Dazu steht kein Wort im Text. Meine Vermutung: Jesus sieht vielleicht gerade solche Menschen, die nicht nur an den Beinen, sondern auch in der Seele gelähmt sind, die für sich keine Hoffnung haben, die sich mit ihrem Elend arrangiert haben und anderen dafür die Schuld in die Schuhe schieben. Jesus ist mit seiner „Zu-Mutung“ sogar noch für diejenigen da, die mich mit ihrer Hoffnungslosigkeit gehörig angesteckt oder genervt hätten. Und so kommt es dann: Einer, der sich selbst nichts Gutes, aber den Mitmenschen alles Schlechte zutraut, kommt jetzt auf die Beine. Einfach weil er es sich von Jesus sagen lässt.

Seine Matte soll der bis dahin Gelähmte nehmen und gehen. – Wieso? Er braucht die Matte doch nun nicht mehr! Die kann doch ein anderer Sieche erben! Oder?

Falsch! Er selbst wird sie brauchen! Auch als geheilter, als gesunder Mensch wird er immer wieder zu Boden gehen und alle Viere von sich strecken. Die meisten tun das jede Nacht. Und er wird vielleicht nochmal für längere Zeit wieder auf der Matte landen. – Auch geheilte Gelähmte können eine Grippe kriegen. Zeit dafür ist vonnöten, man kann sie nicht straflos abkürzen. Aber: 38 Jahre müssen es ja nicht wieder werden …

Was ich aus dieser Geschichte lernen möchte?

  1. Mich nicht so leicht von der lähmenden Hoffnungslosigkeit anderer anstecken zu lassen.
  2. Immer mal wieder der Blick auf „meine“ Matte: Was ist, wenn ich wie gelähmt bin? Wenn mich die nächsten Schritte überfordern? Wo darf ich dann sein? Wo ausruhen? Was trägt mich und meine Last?
  3. Die Frage: Ist diese Matte die richtige? Erlaube ich mir, noch zu bleiben, wenn es nötig ist?
  4. Wem schiebe ich vielleicht mein Unglück als Ausrede für’s Liegenbleiben in die Schuhe?
  5. Ist es – schon – Zeit, mich wieder auf die eigenen Beine zu stellen und einen ersten Schritt zu tun?
  6. Ich will nicht ausblenden: Es ist Jesus, der mich in meiner Lage sieht. Fragt. Ruft.
  7. Die Frage von Jesus möchte ich mitnehmen: „Willst Du gesund werden?“
  8. Und schließlich Jesu klare Ansage: „Steh auf!“

Christus, den anderen kann ich vieles vormachen. Mir auch. Aber Dir nicht. Danke, dass Du mir nicht alles durchgehen lässt! Dass Du mich hinterfragst, mir Beine machst! Amen.

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Die Raben, Gott und ich. Andacht zum 9.1.2026

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Was halten Sie von Raben? Für mich sind das sehr schöne Tiere, andere finden sie unheimlich. Ein bisschen wie Mitmenschen. Die können ja auch mal so, mal so für einen sein.

Da gibt es eine Bibel-Raben-Geschichte. Mit dem Propheten Elia. Er lebte so um 860 vor Christus im „Nordreich Israel“.

Im Nordreich hatte sich religiös manches verändert, ein bisschen wie heute. Man glaubte und verehrte nicht mehr den Gott Israels, sondern man hielt sich neuerdings zu den Gottheiten der benach­barten Völker. Alles andere musste in einer globalisierten Welt als provinziell gelten. Und diejenigen, die sich unbeirrt zum Gott Israels hielten, wurden verfolgt, teilweise getö­tet. Nun aber die Raben-Geschichte:

Elia sprach (…) zu König Ahab: „So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, bis ich es sage!“

Da kam das Wort des HERRN zu Elia: „Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.“ Elia aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt.

Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends und er trank aus dem Bach. (1. Könige 17, 1-6)

Elia muss sich verstecken, weil ihm Verfolgung droht. Und doch hat dieses Bild etwas Schönes: Elia in seinem Versteck am Bach, von allen Men­schen und allen guten Geistern verlassen, aber die Raben halten zu ihm, sie ernähren ihn. Geradezu mütterlich. Und dahinter: Gottes Güte, die für seinen Propheten in Angst und Not sorgt.

Aber Halt! Gibt es da nicht so eine Bibel-Stelle, dass Raben kultisch „un­reine“ Tiere sind? Muss das dem frommen Gottesmann nicht den Magen umdrehen, wenn er die Speise aus ihren Schnäbeln essen soll? Tatsächlich, da gibt es zwei Stellen über die „Unreinheit“ der Raben. Eine davon lautet so:

Diese sollt ihr verabscheuen unter den Vögeln, dass ihr sie nicht esst, denn ein Gräuel sind sie: den Adler, den Habicht, den Fischaar, den Geier, die Weihe (…) und alle Raben (…), den Strauß, die Nachteule, den Kuckuck, den Sperber (…), das Käuzchen, den Schwan, den Uhu, die Fledermaus, die Rohrdommel, den Storch, den Reiher, den Häher (…), den Wiedehopf und die Schwalbe. (Leviticus 11, 13-19)

Liest sich ein bisschen wie das „Who is Who“ des Vogelschutzbundes. Und das alles soll ein Gräuel sein? Sieht so eine freundliche, bewahrende Haltung zur Schöpfung aus?

Bei späteren Propheten wird diese befremdliche Haltung zu den Vögeln aufgegriffen: In zwei Unheilsbotschaften schildern Jesaja und Zephanja kommende Zerstörungen. In den Trümmern nisten dann nur noch Vögel. Ein paar kultisch „unreine“ werden namentlich genannt, darunter die Raben (Jesaja 34,11; Zephanja 2,7).

Schon ganz vorn der Bibel kommt der Rabe unvorteilhaft weg: Als das Wasser der Erde bis zum Hals steht, lässt Noah einen Raben aus der Arche fliegen: Vielleicht findet der Rabe Land. Der fliegt aber immer nur hin und her. Erst später die Taube bringt den Ölzweig als Zeichen für trocknes Land von ihrem Flug mit (Genesis 8,6 ff.).

Aber es gibt auch einen anderen Blick auf die Raben. In Psalm 147 heißt es, dass Gott …

„… dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm rufen.“ (Psalm 147, 9)

Hier also: Gott kümmert sich höchst persönlich um die hungrigen Raben. Und: Die Raben sind ganz fromme Tiere: Sie rufen – anders als viele Menschen – zu Gott, sie erwarten alles, was sie zum Leben brauchen, von ihm.

Ganz ähnlich heißt es im Buch Hiob in einer rhetorischen Frage:

Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irre fliegen, weil sie nichts zu essen haben? (Hiob 38, 41)

Die Antwort ist klar: Gott bereitet den Raben die Speise.

Und schließlich: In den Liebes­liedern des Hohenliedes nimmt eine Sängerin in den erotischen Schilderungen ihres Geliebten einen schmeichelhaften Vergleich vor:

Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe.  (Hoheslied 5, 11)

Aber warum sollen nun die frommen Leute ausgerechnet diese schönen, frommen Vögel, die zu Gott rufen und um die sich Gott kümmert, „verabscheuen“ und als „Gräuel“ betrach­ten? Meine Vermutung: Eben weil Gott diese Tiere so mag! Es kann den Tieren nichts Besseres passie­ren, als dass Menschen sie als Nahrungsmittel verabscheuen, dass Menschen den Lebensraum dieser Tiere als tabu betrachten!

Und wenn das Bild von zerstörten, menschenleeren Städten, in denen überall unreine Vögel nisten, für Menschen ein Schreckensbild ist: Für die Vögel ist es ein Paradies! Schade für Gottes geliebte Schöpfung, dass den meisten Menschen heute kaum mehr Tiere als Nahrungsmittel als „unrein“ gelten. Besonders schade, dass dem Menschen keine Lebensräume der Tiere mehr „tabu“ sind.

Nicht nur schade für die Tiere, sondern auch für die Menschen selbst: Hätte damals Elia mit seinem hungrigen Magen die „unreinen“ Raben gleich bei ihrem ersten Anflug geschlachtet, wäre er zwar erstmal satt geworden, aber er wäre anschließend verhungert. Jener Teil Schöpfung, der ihn mütterlich genährt hätte, er wäre unwiederbringlich weg gewesen. Man sägt halt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt … Elia kannte ein Tabu. Wir heutzutage nicht …

Aber wir haben etwas mit den Raben gemeinsam, und das ist etwas sehr Schönes. Jesus ist es, der uns mit ihnen vergleicht (Lukas 12, 24):

Seht die Raben an: Sie säen nicht, sie ernten auch nicht, sie haben auch keinen Keller und kei­ne Scheune, und Gott ernährt sie doch. Wie viel besser seid ihr als die Vögel!

Wieder wie in Psalm 147 oder bei Hiob: Gott kümmert sich um die Raben. Deswegen dürfen sie so sorglos leben. Sozusagen „frei wie die Vögel im Wind“ und: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Und Jesus sagt: „So auch ihr! Gott kümmert sich schon um Euch! Ihr liegt ihm doch mehr am Herzen als die Raben!“ Wie befreiend, wenn Ihnen dieser Zuspruch bis ins Herz rutscht und dort Wurzeln schlägt!

Und wenn ich Jesu Vergleich mit den Raben vielleicht noch etwas strapazieren darf: Wenn es einzelne Mitmenschen geben sollte, die mich für ein Gräuel halten, für die ich tabu bin und die mich nicht mal mit ganz spitzen Fingern anfassen – na, vielleicht muss mich das nicht ganz so tief erschüttern Denn es ist gar nicht nötig, dass mich alle Menschen auf der Welt mögen. Manchmal ist es vielleicht sogar eine besondere Güte Gottes, wenn bestimmte Menschen Distanz zu mir wahren – wie bei den Raben.

Gebet (aus dem Gesangbuch; leicht geändert)

Freie Zeit – mein Gott, wie schön! Ich kann mich entspannen, Atem holen, zur Besinnung kommen. Ich kann mich freuen an Mit-Menschen, die mir lieb sind, am Licht der Sonne, an Blumen und Bäumen, am Singen der Vögel, wer weiß, woran noch …

Ich kann Dein Wort hören und Deine Liebe feiern mit allen, die an Dich glauben. Ich danke Dir, Gott. Ich bitte Dich um Deinen Segen für diesen Tag. Im Licht Deines Segens will ich leben. Amen.

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Alles neu?? Die Jahreslosung 2026

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„Siehe, ich mache alles neu!“ So lautet die Jahreslosung aus dem vorletzten Kapitel der Bibel. Der Seher Johannes hat eine atemberaubende Vision vom Ende der Zeit:

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein! Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 1-4)

Dann, genau danach, kommt vom himmlischen Thron her dieser Satz: „Siehe, ich mache alles neu!“ Gott ist es, der alles neu macht. Das kann Johannes nun nicht mehr überraschen. Schließlich hat er den neuen Himmel und die neue Erde schon vor Augen.

Szenenwechsel. Eine Hochzeitsfeier zu vorgerückter Stunde. Anders als zur Jahreswende: eine lauschige Sommernacht. Und da stimmen die Gäste dieses Lied an: „So ein Tag, so wunder­schön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn!“ Na klar: Dieser Tag und dieser Moment, die sollen bleiben! Für immer!“ Klappt natürlich nicht. Aber der Wunsch ist da: „Es soll so bleiben!“  Das Gegenteil von „Ich mache alles neu!“

Nochmal Szenenwechsel. Ein trüber Herbsttag. Wieder eine Familienfeier. Aber diesmal Beerdigung. Da gibt es völlig andere Lieder. Und an­schließend beim Kaffee wird gar nicht gesungen. Die Gedanken wandern zurück. Erinnerungen. Schlimme und schöne. Sogar schöne Erinnerungen tun jetzt weh: Das ist ja alles Vergangenheit! Und jetzt ist es anders. „Ich mache alles neu!“, das ist wieder am falschen Platz. Der Wunsch ist jetzt: „Es soll so sein wie früher!“ In manchen nächtlichen Träumen wird es auch so sein wie früher. Umso brutaler dann das Erwachen, der Absturz ins „Heute“.

Wenn also auf der Hochzeiten und bei der Beerdigung dieses „Ich mache alles neu!“ nicht gut passt, weil entweder der Augenblick jetzt so schön ist, oder weil die unwiederbringliche Vergangenheit so schön war – tja, wann, bitteschön, kann denn „Ich mache alles neu!“ auf offene Ohren treffen?

Meine Antwort: Wenn der Augenblick schlimm ist. Und wenn zugleich das Vergangene schlimm war. Selten ist eine Vergangenheit ausschließlich schlimm. Aber manchmal fühlt es sich so an. Weil die schönen Momente zu lange her sind und zu sehr im Hintergrund abgelegt sind. Oder weil schlimme Erinnerungen sich mächtig in den Vordergrund drängen. Oder weil ich meine Vergangenheit durch die dunkle Brille der Depression betrachte, und dann ist eben alles grau in schwarz.

Also: Wenn der Augenblick für mich schlimm ist und sich meine Vergangenheit schlimm darstellt, dann käme dieses „Ich mache alles neu!“ richtig. Der Haken ist nur: Unter diesen Voraussetzungen kann ich das gar nicht glauben. Nicht, dass überhaupt etwas neu wird. Und schon gar nicht, dass alles neu wird. Und wenn schon neu, dass es dann auch gut wird.

Unsere Jahreslosung 2026 ist also aus der Zeit gefallen. „Alles neu“ ist entweder nicht gewünscht. Oder es erscheint unmöglich.

Aber vielleicht ist es Ihnen schon mal passiert, dass Sie selbst gesagt haben: „Ich mache alles neu!“ So eine Frühjahrsputz-Stimmung. Alte Zöpfe radikal abschneiden! Eine Trennung. Ein neuer Ort. Neue Wohnung. Neue Liebe, diesmal ganz anders. Neuer Job, neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, neue Erkenntnisse, neue spirituelle Erfahrungen, neue und so ganz andere Klamotten, ein völlig neues Lebensgefühl, ein neues Fahrrad, vielleicht sogar ein neuer Name. Eine neue Identität – und wenn es nur im Internet ist.

Meine Prognose: Das Hochgefühl zu Ihrem „Ich mache alles neu!“ wird mit der Zeit leicht sinken. Es muss keine Bruchlandung geben, aber Ihr Höhenflug bleibt kein Dauerzustand. Und: Manches aus Ihrem „alten“ Leben wird Ihnen nachschleichen – als Last, als Kostbarkeit, als beides. Ich sage Leuten, die auswandern oder ins Kloster gehen möchten, ganz unromantisch: „Man nimmt sich selbst immer mit.“

Dieses „Ich mache alles neu!“ haben Sie öfters auch in der Politik. Speziell dann, wenn Leute an die Macht kommen, die nicht vor demokratischer Gesinnung strotzen. „Ab jetzt wird alles anders!“, das begeistert viele Menschen. Und es wird auch anders: schlechter nämlich. Für viele sofort, für die meisten mittelfristig. Halten Sie mal die Aufbruchstimmung vom Frühjahr 1933 gegen Europas Trümmerlandschaften und Toten-Berge 1945.

Also: Wenn Sie selbst „Ich mache alles neu!“ denken, rechnen Sie mit der Möglichkeit, dass der Höhenflug nicht chronisch wird. Und: Machen Sie – wenn schon nicht alles, so doch etwas neu. Statt es bei Absichtserklärungen bewenden zu lassen. Denn: Große Sprüche, das allein ist gar nichts Neues.

Wenn andere „alles neu“ machen wollen, lassen Sie sich nicht begeistern und mitreißen – nicht von dem neuen starken Menschen in der Politik. Und nicht von Ihrem schwierigen Mitmenschen mit seinen Beteuerungen: „Ab heute wird alles anders!“ Jesus sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Und nicht: „An ihren Sprüchen …“

Sie finden, dass ich hier gegen die Jahreslosung predige, statt sie auszulegen? Keineswegs! Denn dieses „Ich mache alles neu!“ steht nicht nur am Ende der Bibel, sondern auch am Ende der Zeiten. Und das zu wissen, finde ich super wichtig: Am Ende macht es Gott gut – mit dem Universum, mit der Welt, mit meinem kleinen Leben.

Nicht erst am Ende der Bibel, sondern ziemlich genau in der Mitte, steht allerdings ein ähnlicher Satz – Jesaja 43, 18-19:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen! Jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Es geht da um ein großes Neues. Allerdings nicht um einen neuen Himmel und eine neue Erde, sondern um die bevorstehende Möglichkeit für die Juden in Babylonien, nach Jahrzehnten der Verbannung in die Heimat zurückzukehren. Kein neues Jerusalem, sondern das alte Jerusalem, aber neu zu entdecken und neu aufzubauen.

Vielleicht sollte Ihr und mein Leben so sein wie die Bibel: Am Ende Gottes große Verheißung „Ich mache alles neu!“ Und mittendrin: Die etwas kleineren Neuerungen, die erkennbar aufwachsen. Neues, das Gott wirkt und das ich ergreifen soll. Oder: Neuerungen, die ich wage. Und für die ich Gott bitte, dass er mitgeht. Auch in 2026.

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Weihnachten abschaffen? Ein Briefwechsel mit OKR Olivia Obermüller zu Weihnachten 2025

Briefwechsel hören: https://c.gmx.net/@842115613865285676/xYGKiN4t0ZhIH15yK3ywCA

Weihnachten. Alle Jahre wieder. – Heinz Rudolf Kunze kommt mir da in den Sinn:

Dass ich dich liebe / mehr als mein Leben / Tag für Tag neu / und so wie du bist –
Dass ich dich brauche / weil du mir Kraft gibst / weil du mich auffängst / und mich verstehst: Alles gelogen / all diese Jahre. Und jetzt ist es so weit, jetzt kann ich nicht mehr …

„All diese Jahre“ – Weihnachten. Meine Beziehung zu Weihnachten. Ihre lange, wechselvolle Geschichte. Mit einer persönlichen und mit einer beruflichen Seite.

Und jetzt ist es so weit, jetzt kann ich nicht mehr. Ich habe einen Brief an die Kirchenleitung geschrieben. Nicht in echt, alles fiktiv. Eine Trennung steht im Raum. Die Abschaffung von Weihnachten.

Liebe Leitung der Evangelischen Kirche von Westfalen,

hiermit möchte ich die Abschaffung von Weihnachten beantragen.

Besonders für die Pfarr-Kolleginnen und -Kollegen in den Gemeinden bedeutet die Advents- und Weihnachtszeit eine hohe Belastung durch Vorbereitungen, Termine, Dominosteine und Glühwein. Weihnachten ist eben alle Jahre wieder nicht ruhig und besinnlich, wie man es sich zu wünschen pflegt.

Weiter: Für viele Menschen sind speziell die Weihnachtstage eine Zeit partnerschaftlicher und familiärer Spannungen sowie enttäuschter Maximal-Erwartungen. Andere leiden mehr als sonst unter Einsamkeit, Trostlosigkeit, schweren Erinnerungen, Trauer, Alkohol-Rückfällen und Suizidalität. Zudem ist die Ernährung in der Advents- und Weihnachtszeit meistens ungesund und häufig auch nicht im Sinne des Tierwohls. Das ausufernde Schenken dient zwar dem Bruttosozialprodukt, nicht aber der spirituellen Reifung und dem geistlichen Wachstum, wie wir es als Kirche seit Jahrzehnter erfolglos beklagen.

Selbst die vollen Heiligabend-Gottesdienste sind keine gute Gelegenheit, auch solche Menschen mit der christlichen Botschaft in Verbindung zu bringen, die sonst keinen nennenswerten Bezug zum Glauben bzw. zu unseren Kirchen haben. Die leeren Kirchenbänke am 25. und 26.12. zeigen: Heiligabend ist ein Strohfeuer ohne geistliche Langzeitwirkung. Der Gottesdienst gehört halt dazu wie Baum, Gans und neue Krawatte.

Weiter: Weihnachten ist erst im vierten Jahrhundert in den christ­lichen Festkalender gekommen, viel später als Karfreitag, Ostern, Pfingsten. Es ging also lange auch ohne Weihnachten ganz gut. Dass Weihnachten heute deutlich mehr angesagt ist als all die anderen christlichen Feste zusammen, das verstellt den Kern des christlichen Glaubens.

Und schließlich: Sie finden in allen vier Evangelien die Geschichten von Jesu Hinrichtung sowie von seiner Auferweckung. Aber nur in zwei Evangelien gibt es Geburtsgeschichten. Noch dazu sehr unterschiedlich und wohl auch ziemlich verklärt.

Deshalb bitte ich Sie, im Rahmen der kirchlichen Streich- und Kürzungsdebatten auch das Weihnachtsfest zu streichen und sich stattdessen auf das christliche Kerngeschäft zu konzentrieren: Passion, Ostern, Pfingsten.

Mit freundlichen Grüßen: Dirk Klute, LWL-Kliniken Lengerich und Dreierwalde

Darauf hat meine Kirchenleitung – ebenfalls nicht echt, aber in meiner Phantasie – in der Person von Oberkirchenrätin Olivia Obermüller folgendermaßen geantwortet:

Lieber Bruder Klute,

zunächst einmal freue ich mich, dass Sie mit Ihrem Vorschlag in Zeiten notwendiger Veränderungen kein plattes „Weiter so!“ vertreten. Sie haben den Mut, im Blick auf die Mitte des christlichen Glaubens, nämlich Jesus Christus, auch problematische Seiten christlich geprägter Frömmigkeit ehrlich in den Blick nehmen und alte Zöpfe abzuschneiden.

Doch es macht mich betroffen, dass Sie Ihren Bezug zum Geburtstag Jesu Christi anscheinend verloren haben. Schließlich geht es ja darum: Gott ist in einzigartiger Weise seinen Menschen und seiner ganzen Schöpfung nahegekommen – als Mensch! Einer von ihnen! Und das fängt nicht erst damit an, dass Gott in Jesus Ihren und meinen Tod gestorben ist (Karfreitag). Auch nicht damit, dass er uns vorangegangen ist in vollendetes, ewiges Leben (Ostern). Sondern: Das fängt mit seiner Geburt an: Weihnachten!

Ihnen sind die Weihnachtserzählungen bei Lukas und Matthäus zu verklärt? Na, dann nehmen Sie doch den nüchterneren Apostel Paulus:

Als die Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn. Er wurde von einer Frau geboren und war dem Gesetz unterstellt. Dadurch wollte Gott alle freikaufen, die dem Gesetz unterworfen waren. Auf diese Weise wollte Gott uns als seine Kinder annehmen.

Weil ihr nun seine Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt. Der ruft: »Abba, Vater«!

Du bist also kein Sklave mehr, sondern ein mündiges Kind. Wenn du aber Kind bist, dann bist du auch Erbe. Dazu hat Gott dich bestimmt. (Galater 4, 4-7)

„Von einer Frau geboren“. Keine Jungfrauengeburt, keine Engel, kein Gold, kein Weihrauch, keine Myrrhe. Einfach nur: Gottes Sohn – von einer Frau geboren. Damit Sie, lieber Bruder Klute, kein Sklave mehr sind – kein Sklave Ihrer Lebens-Umstände, Ihrer Biographie, eines frommen Gesetzes, des Todes. Sondern: Gottes freies und geliebtes Kind. Das, lieber Kollege, sollte unbedingt auch für Sie ein Grund zum Feiern sein und bleiben!!!

Noch zwei kritische Anmerkungen. Das eine: Ich bin Leserin Ihrer Andachten und weiß, dass Sie immer mal wieder die Christus-Verehrung hochhalten. Wie um alles in der Welt können Sie dann dafür eintreten, seinen Geburtstag einfach zu übergehen? Ihnen würde es vielleicht passen, Weihnachten abzuschaffen. Aber wie würde Christus das finden??

Das andere: Mit Ihrem Pochen auf die christliche Mitte von Passion und Ostern und mit Ihren Hinweisen auf die problematischen Weihnachts-Seiten sind Sie, sehen Sie es mir nach, ein wenig kalt und unbarmherzig: Vielen Menschen bedeutet diese besondere Zeit sehr viel, auch jenseits des „Frommen“. – Das Dekorieren, die Kerzen, die Geschichten, die Spannung, die Lieder, der Weihnachtsmarkt. Und auch das Schenken kann so viel mehr und so anderes sein als Konsumterror. Ich glaube: An all dem freut sich Christus mit, selbst wenn er dabei nicht immer mitgenannt und mitbedacht wird.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen: Frohe und gesegnete Weihnachten! J

Ihre Olivia Obermüller, Oberkirchenrätin

Tja, ich würde sagen: Das war das richtige Wort, hineingesprochen in meine Weihnachts-Beziehungs-Krise. Und deshalb gebe ich den Wunsch von Olivia Obermüller gern an Sie weiter – hinein in alles Schöne und trotz allem Schweren in dieser Zeit:

Ihnen frohe, gesegnete Weihnachten!

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Brot. Andacht zum dritten Advent 2025

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Advent – Ankunft. Wer kommt da an? Christus! Heute ein weiteres der Ich-bin-Worte Jesu aus dem Johannes-Evangelium:

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern. Und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Johannes 6, 35)

Frisch Verliebte sind oft fest davon überzeugt, unmöglich ohne den anderen leben zu können. Und haben manchmal füreinander Bezeichnungen, die man zu niemandem sonst sagt. Zum Beispiel aus der Tierwelt – gern in Verkleinerungsform: Bärchen, Mäuschen, … Na ja, Bären und Mäuse können süß sein, aber kaum ein Mensch braucht sie dringend. Deshalb gibt es noch andere Wörter: „Mein Schatz!“; „Mein Ein-und-Alles!“; „Mein Herz!“ Sehr romantisch.

Und wie wäre es mit „Mein Brot“? Vielleicht haben Sie Gelegenheit, das demnächst auszuprobieren. Ich glaube, richtig romantische Gefühle kämen da nicht so schnell auf. Wenn schon vom Bäcker, dann lieber „Zuckerschnecke“, „Sahnehäubchen“ oder „Marzipan-Ecke“. Es geht alles, was süß ist, was nach Luxus klinkt, was mit (Ver-) Naschen zu tun hat.

Nein, „Brot“ geht nicht gut. Genauso wenig wie Kartoffel, Steckrübe, Boskop. Grundnahrungsmittel halt. Die sind nötig und gesund, aber unromantisch.

Genauso unromantisch und un-lecker präsentiert sich Christus mit diesem „Ich bin das Brot des Lebens!“ Kein Versprechen auf ein süßes Leben. Nichts, was für Satte „verlockend“ ist. Aber: Brot macht satt. Keiner, der Hunger hat, wird Brot ausschlagen. Auch nicht das Dunkle, auch nicht, wenn es schon ein bisschen hart ist.

Dunkel wird das Fladenbrot zu Jesu Zeiten nicht gewesen sein. Hart manchmal schon. Und: Der Wert des Brotes war mit Händen zu greifen: Es gab ja keinen Bäcker an der Ecke, man buk es in aller Regel selbst.

Würde wirklich KEINER das Brot ausschlagen, der hungert? Doch! Ich denke da an die Magersucht, eine oft lebensbedrohliche Krankheit. Der Körper braucht dringend, dringend Nahrung. Aber die oder der Betroffene spürt diesen Hunger nicht. Oder: Ablehnung, Abscheu und Ekel vor allem Essbaren sind stärker als der Hunger. Besonders Abscheu vor allem, was die Angst schürt zuzunehmen. Man kann bis auf die Knochen abgemagert sein – und „sieht“ trotzdem überall Rundungen und Fettpölsterchen.

„Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Jetzt haben wir schon zwei Gruppen Leute, die auf ein Brot-Angebot NICHT ohne weiteres zurückkommen:

  1. Die satten „Leckermäuler“, die sich lieber an den Zuckerbäcker oder auch an die Pommes-Schmiede halten, wenn sie Hunger haben. Oder an Salzgebäck und Schokolade.
  2. Die „Magersüchtigen“, die ihren Hunger, ihr Bedürfnis gar nicht spüren oder um alles in der Welt unterdrücken, aber jedenfalls nicht ihr Bedürfnis zeigen oder gar ausleben.

Mir fallen noch weitere Gruppen ein:

  • Die „Scheuklappen-Träger“: Das sind die, die das Brot übersehen oder nicht als Brot erkennen. Die verwechseln es z.B. mit einem Stein.
  • Die „Bezahler“: Diejenigen, die sich nichts schenken lassen. Die partout meinen, sie müssten für das Brot bezahlen. Und die der Überzeugung sind, sie haben dafür zu wenig auf der Tasche.

Jetzt lassen Sie sich mal probeweise auf den Gedanken ein, Sie bräuchten Christus wie Ihr täglich Brot. Welche Haltungen können Ihnen da beim Satt-Werden im Wege stehen? Ich greife die vier Möglichkeiten von oben auf:

Erste Möglichkeit: Sie sind ein geistliches Leckermaul. Sie haben eine Antenne für Spiritualität und eine Sehnsucht danach. Sie haben auch schon verschiedene Kurse und Seminare besucht, sich mit unterschiedlichen Religionen beschäftigt, Ihr Bücherregal spricht Bände. Auch die Bibel ist dazwischen. „Christlich“ haben Sie auch schon verschiedene Formen, Richtungen, Gruppen, Gemeinden durch. Es hält aber meist nicht so lange. Denn leider: Christliche Spiritualität ist vom Wesen her Schwarzbrot. Egal, ob Sie das Schwarzbrot mit Süßem bestreichen oder mit lauter Käse belegen. Und Schwarzbrot braucht Biss. – Eine schlechte Nachricht, wenn Sie es mehr mit dem Zuckerbäcker halten.

Zweite Möglichkeit: Sie sind spirituell magersüchtig: Sie haben ein ziemlich anspruchsvolles Bild, wie Sie sein möchten, oder besser: Wie Sie meinen, sein zu müssen. Sie müssen dieses Bild von sich mit aller Härte und Strenge gegen sich selbst erreichen, und Sie fühlen sich dafür ganz allein verantwortlich. So ein Lebens-Brot, das Sie nährt, das Sie stärkt, von dem Sie Ihren Hunger gestillt bekommen, das Sie satt macht und leben lässt, das passt nicht in Ihr Bild. Eher riskieren Sie es, an Ihren strengen Idealen von sich vollends zu zerbrechen.

Dritte Möglichkeit: Sie tragen geistliche Scheuklappen. Vielleicht ideologischer Art. Glaube passt z.B. nicht in Ihr fortschrittliches Weltbild, das Sie für naturwissenschaftlich halten. Vielleicht gehören Sie zu denjenigen, die sich eine Kapuze über den Kopf ziehen und dann sagen: „Ich glaube nur das, was ich sehe!“ Oder es sind Scheuklappen ganz anderer Art: Da ist Ihr Blick so sehr ausgerichtet auf andere Dinge, wovon Sie sich Satt-Werden versprechen, was gerade im Zentrum Ihrer Bemühungen, Vorfreuden, Sorgen steht, dass Sie nicht groß nach rechts und links gucken. Schon gar nicht auf Religion im Allgemeinen und Jesus Christus im Besonderen. Wozu auch? Wäre doch im Moment für rein gar nichts gut. Und es läuft ja insgesamt auch ohne so was ganz ordentlich.

Vierte Möglichkeit: Sie sind „Bezahler“. Denn: Was „umsonst“ ist, taugt auch nichts. Sie lassen sich nichts schenken. Und wenn Sie etwas bekommen, „müssen“ Sie „es wieder gut machen“. Sie „müssen“ sich alles im Leben erarbeiten, verdienen. Wenn Ihnen Gutes zuteil wird, dann sind Sie stolz, Sie haben es sich verdient. Und wenn Schlimmes in Ihr Leben kommt, fragen Sie sich betroffen: „Womit habe ich das bloß – verdient?“ Der Gedanke, dass der Grund Ihres Lebens, der Sie trägt und der Sie nährt, gänzlich geschenkt ist, der ist für Sie schwer. Und der Gedanke, dass Christus auch für Sie durch den Tod hindurch ins Leben gegangen ist, ohne dass Sie dafür auch nur einen Finger krumm machen mussten, ist für Sie eine Zumutung.

„Ich bin das Brot des Lebens.“ – Damit sagt Jesus nicht nur etwas über sich aus, sondern unausgesprochen auch über Sie und mich. Er stößt uns darauf, wie wir uns zu ihm verhalten.

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern. Und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Johannes 6, 35)

Das ist vor allem eine Einladung. Zum Essen. Den Hunger zu stillen. Kraft zu gewinnen. Satt zu werden. Auf Durststrecken nicht zu ver-dursten. Eine Einladung – allen inneren und äußeren Blockaden und Hemmschwellen zum Trotz.

Advent – die Zeit der Dominosteine, Kekse, Stollen, Leb-Kuchen. Und mehr noch: Zeit für das Brot. Das Lebens-Brot.

Gebet (aus dem Lied „Bei Dir, Jesu, will ich bleiben“):

Könnt ich’s irgend besser haben / als bei Dir, der allezeit / so viel tausend Gnadengaben / für mich Armen hat bereit? Könnt ich je getroster werden / als bei Dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden / alle Macht gegeben ist?

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Die Tür. Andacht zum zweiten Advent

Andacht hören:

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Advent – „Ankunft“. Wer kommt? Jesus! Und genauer?

Ich bin die Tür. (Johannes 10, 7.9)

Eines von sieben „Ich bin“-Worten aus dem Johannes-Evangelium. „Tür“, das klingt nach Adventskalender.

Türen fallen mir meist nicht besonders auf. Jedenfalls solange ich einen Schlüssel habe. Allerdings habe ich vor einigen Jahren „meine“ Türen ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit gerückt: Ich wohne seit 1987 in Münster. Und ich habe mir mal die Mühe gemacht, Eingangstüren in Münster zu fotografieren, die für mich seit 1987 bedeutsam waren oder noch sind: Hinter dieser Tür habe ich studiert, hinter jener für mich gewohnt, hinter der da meine erste WG, dort meine erste große Liebe, da die Tür, hinter der Hans-Joachim Friedrich in den Tagesthemen die Maueröffnung verkündet hat. Und, und, und …

Unsere aktuelle Haustür hatte mal ein Vorläufer-Modell. Die alte Tür klemmte manchmal, sie isolierte schlecht, sie blieb offen stehen, wenn jemand sie nicht hinter sich zuzog. Vor allem: Ein Einbrecher hätte leichtes Spiel mit ihr gehabt. Durch die neue Tür kommt man gut hindurch, sie schließt von selbst hinter einem, sie hält die Wärme drinnen, sie schließt automatisch hinter einem ab. Man kann durch das Türglas auch nicht sehen, was im Haus so passiert.

Eine Tür trennt. Drinnen und Draußen. Wärme und Kälte. Gefahren und Schutzraum. Das „Öffentliche“ und das „Private“. Geborgenheit und Weite. Man geht meist mehrfach täglich durch so eine Haustür – hinein in die große, weite Welt, – und wieder zurück „nach Hause“. Wenn jemand nicht die Haustür benutzt, dann hat er ein Problem: Ein „Stubenhocker“ vielleicht, weil ihn eine Krankheit, die Angst, die Depression, die Lustlosigkeit, die Sucht, ein zu pflegender Angehöriger ans Haus fesselt. Oder umgekehrt: eine Obdachlose. Meist auf der Straße, kein Zuhause.

Oder: Einer benutzt nicht die Haustür, weil er das Fenster nimmt. Ein Einbrecher. Oder ein heimlicher Liebhaber.

Nun vergleicht sich Jesus nicht mit irgendeiner Tür, sondern mit der Tür vom Schafstall. Und damit ist klar, was Ihr und mein Platz in diesem Bild ist: der Platz vom Schaf.

Zweimal sagt Jesus in unserem Kapitel dieses „Ich bin die Tür.“ Das erste Mal:

„Ich bin die Tür zu den Schafen.“ (Johannes 10, 7)

Da geht es um Schutz und Sicherheit für die Schafe. Denn die Schafe sind bedroht: Es gibt Schafdiebe. Schafe stehlen, Schafe schlachten. Jesus sagt nun: Die Diebe kommen nicht durch die Tür. Sondern die kommen auf anderem Wege zu mir als Schaf. Über die Mauer, über den Zaun, durch’s Fenster, wie auch immer. Aber jedenfalls nicht durch die Tür. Was heißt das für mich als Schaf? Das heißt: Der Blick zur Tür hilft mir dabei zu erkennen: Will mir der, der da zu mir kommt, Gutes? Oder geht es dem nur um sein eigenes Interesse?

Es muss zu Jesus passen, es musst sozusagen durch diese Türöffnung gehen. Was keineswegs heißt, dass jeder, der den Namen Jesus im Munde führt, mir automatisch Gutes will. Oder tatsächlich gut für mich ist, nur weil er mir Gutes will. Nein, mehr so: Ist das, was der andere für mich ist oder mir bringt, in Jesu Geist, in seinem Sinne? Deckt sich das mit dem, was Jesus mir sein und mir geben will? Kurz und knapp: An der Tür erkenne ich, wer da zu mir kommt.

Und das zweite Mal „Ich bin die Tür“:

Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich eintritt, wird er gerettet werden. Er wird ein- und ausgehen und gute Weide finden. (Johannes 10, 9)

Jetzt nicht „die anderen“, die in den Schafstall gehen, sondern die Schafe selbst, die diese Tür nutzen. Und zwar in beide Richtungen: Die Schafe gehen in den Stall. Sie finden dort „Rettung“, also Schutz vor Dieben und Raubtieren. Und sie gehen hinaus und finden „gute Weide“. Es ist bei den Schafen wie in meinem Tageslauf: Sie sind nicht immer nur auf der Weide. Und sie sind nicht immer nur im Stall. Es ist der Wechsel.

Jesus stellt sich hier als die Tür in beide Richtungen vor: Er will mir Heimat und Geborgenheit schenken. Und er will mir Weite und „gute Weide“ geben.

Das Schaf wird „ein- und ausgehen“. Immer wieder. Es geht also nicht zuerst um das große Finale am Ende meines Lebens oder am Ende der Zeit, platt gesagt: nicht um Jesus als die „Tür in den Himmel“. Das auch. Aber vor allem um mein Schaf-Sein hier in meinem kleinen Leben. Der Wechsel von Geborgenheit und Weite. Das alles mit Jesus. Er will meine Tür sein. Er will, dass dieser Wechsel gelingt – das eine wie das andere zu seiner Zeit.

Alles zu seiner Zeit – etwa so: Der Raum, der mir eigentlich Geborgenheit geben soll, er kann mir zu eng werden, zu muffig, ich bin wie eingemauert. Dann will mir Jesus die Tür in die Weite sein. Auf ihn schauen – und aufbrechen. Kleine Schritte wagen oder einen ganz großen.

Und umgekehrt: Es kann sein, dass mir die Weite zu weit geworden ist, dass ich mich und die anderen verliere, dass mich die vielen Möglichkeiten überfordern, dass es mir zu unübersichtlich ist und zu gefährlich. Dann hat der Blick auf die Schafstalltür etwas Einladendes: „Komm nach Hause! Zur Herde! Es wird etwas enger, ja. Aber auch wärmer. Kuscheliger. Sicherer!“

Jesus – die Tür. Er sagt damit etwas über sich. Aber er sagt mindestens genauso viel über mich – wer ich sein kann, wie ich leben kann als Schaf in seiner Herde.

Christus, Du bist die Tür. Ich will auf Dich sehen, auf Dich zugehen, um ins Weite zu kommen und Weide zu finden.

Du bist die Tür. Ich will auf Dich sehen, um nach Hause zu kommen, Geborgenheit zu finden. Lass mich ein- und ausgehen und durch Dich hindurch Leben finden! Amen.

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Gott in den Mund gelegt. Andacht zum 28.11.2025

Andacht hören: https://c.gmx.net/@842115613865285676/XMJcnk-o92Vx3IO91evVtA

Vorab: Was hat diese Andacht mit Advent 2025 zu tun? Die Antwort kommt am Schluss …

Heute geht’s um einen Psalm. Psalm 13. Psalmen sind Lieder. Dieser hier auch. Also: Wenn Sie den Text dieses Liedes schon nicht singen werden, dann sollten sie ihn wenigstens laut sprechen. Am besten zweimal hintereinander, dann kommt es flüssiger, dann verinnerlichen Sie ihn besser. 

Ach Herr, wie lange noch? Willst du mich etwa für immer vergessen? Wie lange noch willst du dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange muss ich mich um mein Leben sorgen? Tagaus, tagein Kummer in meinem Herzen tragen? Wie lange darf mein Feind über mich triumphieren?

Schau doch her! Antworte mir, Herr, mein Gott! Lass meine Augen in deinem Glanz leuchten, sonst wird mich der Tod in den Schlaf wiegen! Sonst sagt mein Feind: »Ich habe ihn erledigt!« Und meine Gegner können jubeln, weil ich ins Straucheln gekommen bin.

Aber ich habe fest auf deine Güte vertraut. Jetzt lacht mein Herz vor Freude, weil du mir geholfen hast. Ich will ein Lied singen für den Herrn! Denn er hat mir Gutes getan. (Psalm 13, 2 bis Ende)

Dieser Psalm ist nicht nur ein Lied, er ist auch ein Gebet. Sie sprechen damit Gott direkt an. Könnte das tatsächlich Ihr Gebet sein? Viermal dieses quälende „Wie lange???“ Gott hat Sie vergessen, Gott hat sich vor Ihnen verborgen. Sorgen und Kummer erfüllen Sie. Und auf der anderen Seite der Triumpf der Leute, die Ihnen nichts gönnen und denen Sie nichts gönnen.

Sollte das aktuell nicht Ihre Lebenslage und Ihr Gebet sein: Ich gratuliere!

Aber ich vermute: Mindestens aus Ihrer Vergangenheit kennen Sie solche nicht enden wollen­den Phasen des „Wie lange???“ – Wie genau war das damals? Haben Sie da Worte gefunden? Vielleicht so ein Klage-Lied an Gott? Haben Sie vielleicht einem anderen Menschen Ihre Not geklagt? Oder sind Sie ganz verstummt? Reden hilft. Reden schafft nicht immer die flotte Lösung, Reden löst das „Wie lange???“ nicht auf. Aber: Reden hilft.

Unser Psalm hat ein Happy End: Festes Vertrauen. Ein vor Freude lachendes Herz. Hilfe. Und noch einmal ein Lied im letzten Vers. Jetzt ein Danklied.

Ich möchte heute aber mal den Spieß umdrehen. Besser gesagt: die Sprech-Richtung umdrehen. Ich stelle mir vor, Gott würde mir so ein Klage-Lied singen. Ich muss den Text nur hier und da etwas ändern. Hier mein Vorschlag für Gottes Klage-Lied an mich:

Ach Dirk, wie lange noch? Willst du mich etwa für immer vergessen? Wie lange noch willst Du Dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange muss ich mich um den Raum meines Lebens in Deinem Leben sorgen? Wie lange tagaus, tagein Kummer in meinem Herzen um Dich tragen? Wie lange dürfen jene Menschen und Interessen triumphieren, die mir bei Dir den Rang ablaufen?

Schau doch her! Antworte mir, mein Kind! Lass meine Augen leuchten, weil Du Dich mir zuwendest! Sonst bin ich irgendwann faktisch tot für Dich. Sonst sagt all das, was Du zu wichtig nimmst: »Ich habe Gott erledigt!« Und meine Gegner können jubeln, weil ich bei Dir ins Wanken gekommen bin.

Aber ich vertraue fest, dass Deine Liebe zu mir auf die Dauer stärker ist. Am Ende lacht mein Herz vor Freude, weil Du Dich mir zugewendet hast. Ich will ein Lied singen für mein Kind! Denn dieses Kind hat mir Gutes getan.

Ich weiß natürlich nicht, ob Gott überhaupt so sprechen würde. Aber auch da die Frage: Würde so ein „Gebet“ Gottes an Sie „passen“? Finden Sie sich da wieder, vielleicht ein bisschen ertappt in Ihrer Gottvergessenheit?

Auch dieses phantasierte „Gebet“ Gottes an mich hat ein Happy End: Irgendwann kommt Gottes „Wie lange???“ an ein gutes Ende. Irgendwann hat sich dieses gottvergessene Gotteskind doch wieder dem himmlischen Vater / der himmlischen Mutter zugewandt, und im Himmel ist großer Jubel. Um es mit Jesus zu sagen: „Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.“ (Lukas 15, 7)

In der Original-Fassung des Psalms ist Gott gefragt. Eindringlich. In meiner um­gedrehten Fassung sind Sie und ich gefragt. Auch eindringlich.

Dass wir mit Gott ins Gespräch kommen, dass wir fragen und uns in Frage stellen lassen, dass wir sprechen und singen, dazu helfe uns Gott! Amen.

Und was hat das nun mit Advent zu tun? Antwort: Nix.

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Der Pharisäer in meinem Spiegel. Anacht zum 21.11.2025

Andacht hören: https://c.gmx.net/@842115613865285676/ZAkQhoh0BctOBl9_0tN02g

Eine Geschichte, die Jesus erzählt. Sie können beim Lesen schon mal Ihre Phantasie schweifen lassen, wem Jesus diese Geschichte wohl erzählt …

Zwei Männer gingen zum Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer.

Der Pharisäer stellte sich hin und betete leise: ›Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier. An zwei Tagen in der Woche faste ich. Und ich gebe sogar den zehnten Teil von allem, was ich kaufe.‹

Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits. Er traute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich auf die Brust und sagte: ›Gott, vergib mir! Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.‹

Das sage ich euch: Der Zolleinnehmer ging nach Hause und war nun vor Gott gerecht – im Unterschied zu dem Pharisäer.

Na, wem erzählt Jesus diese Geschichte? Vermutlich haben Sie’s gewusst oder richtig geraten: Sie ist für Leute, die so drauf sind wie der Pharisäer:  

Einige der Leute waren davon überzeugt, dass sie gerecht vor Gott lebten. Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig. Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis … (Alles: Lukas 18, 9-14a)

Eine Geschichte mit erhobenem Zeigefinger gegen den, der sich besonders toll findet. Und für den, der es falsch gemacht hat und es erkennt und vor Gott bringt. Denn: Die Zöllner haben einen ziemlich schlechten Ruf: Sie machen ja gemeinsame Sache mit den Römern, der Besatzungsmacht. Außerdem stehen die Zöllner in Verdacht, die Leute finanziell auszunehmen.

Dabei sind sich der Pharisäer und der Zöllner in einem Punkt ziemlich ähnlich: Beide haben ein schwaches Selbstwertgefühl. Beim Zöllner liegt das auf der Hand: Er bleibt abseits, also auf Abstand zu den anderen. Er steht da mit gesenktem Kopf, schlägt sich schuldbewusst an die Brust. Er outet sich vor Gott als Sünder. Er trägt keine Rechtfertigungen vor, keine Erklärungen und guten Absichten, sondern bittet nur um Gnade.

Und der Pharisäer? Der wirkt total selbstbewusst. Er erzählt Gott und wohl mehr noch sich selbst, wie wunderbar er ist und dass er alles ganz prima und 150%ig macht. Mein Kommentar: Wer so massiv auf die Sahne haut damit, wie klasse er ist und wie klasse er alles macht, hat es dringend nötig. Wer sich dagegen wirklich als wertvoll und als ein geliebtes Kind Gottes betrachtet und das auch fühlt, ist da entspannter und muss sich nicht so lange auf die eigene Schulter hauen, bis es schmerzt.

Als wir uns im Bibelcafé über diese Geschichte unterhielten, meinte ein Teilnehmer: „Der Zöllner, der hatte geradezu eine Erleuchtung“! – Was mich auf eine Idee gebracht hat: Wenn wir von der Geschichte einen Film drehen würden, wann genau müsste der Scheinwerfer der Erleuchtung für den Zöllner angeknipst werden? Wo hat er seine Haupt-Erleuchtung? Hier meine Kandi­daten:

  1. Als dem Zöllner klar wird: Es ist verkehrt, wie ich bisher mein Geld verdient habe. Ich bin schuldig geworden.
  2. Als der Zöllner beschließt, in den Tempel zu gehen, um das im Gebet vor Gott zu bringen.
  3. Als der Zöllner nach dem Gebet in sein Haus zurückgeht.
  4. Als er am nächsten Montag in sein Zöllner-Büro geht und – ja, was denn jetzt genau? Seinen Job anders macht? Oder kündigt?

Ich finde: Jede dieser Antworten ist richtig. Vier Erleuchtungen. Meine Favoriten sind 1 und 2.

Antwort 1, also die Einsicht, denn: Es gehört viel dazu, in Zweifel zu ziehen, wie man bisher ganz selbstverständlich gelebt hat. Er ist womöglich schon in einem Zöllner-Haushalt groß geworden. Ihm sind dieser Beruf und die Zöllner-Werte in Fleisch und Blut übergegangen. Aber nun sieht er es auf einmal kritisch. Gab es ein einschneidendes Ereignis? Eine berührende Rückmeldung? Hat er ein gutes Buch gelesen? Oder war da ein Gedankenblitz, eine Eingebung? Wir wissen es nicht. Aber jetzt ist etwas anders, und er „muss“ was ändern.

Und dann die Antwort 2: Tempel und Gebet. Der Zöllner verbindet diesen Wende­punkt seines Lebens mit Gott. Er bittet Gott um Gnade.

Anschließend geht der Zöllner nach Hause und ist „nun vor Gott gerecht“. Ich glaube: Das ist nicht nur für Gott etwas heil geworden. Auch für den Zöllner. Aber woran merkt er das? Meine These: Veränderung! Der Zöllner denkt jetzt anders über sich und seine Vergangenheit. Er fühlt anders, denn mit der erbetenen Gnade ist er eine schwere Last los. Und er handelt anders. Davon erfahren wir zwar nichts, aber dass er genau so weitermacht wie bisher, um dann am Ende der Woche genauso zerknirscht wieder im Tempel zu stehen, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Wenn Sie auf Ihren bisherigen Lebensweg blicken, werden Sie vielleicht auch solche Weg-Gabelungen ausmachen, wo Sie einen anderen, neuen Weg einge­schlagen haben. Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten mit dem Zöllner und seinem neuen Weg.

Und was kann umgekehrt Veränderungen verhindern? Die Antwort lebt der Pharisäer: Erzählen Sie Gott und vor allem sich selbst, wie toll Sie sind, dass Sie alles richtigmachen und dass eventuelle Kritik an Ihnen an den Haaren herbeigezogen ist.

Aber was hat das Ganze nun mit Gott zu tun? Na ja, für den Pharisäer wie für den Zöllner ist Gott zentral im Spiel, denn sie beten. Allerdings, lieber Pharisäer: Sie degradieren Gott im Gebet zu Ihrem Publikum – für Ihre Großartigkeit. Oder zu Papa oder Mama, die Ihnen über den Kopf streichen und sagen: „Du braves Kind! Du bist wirklich toller als die anderen!“

Und bei Ihnen, lieber Zöllner? Sie beten ohne viele Worte. Und vielleicht denken Sie von Gottes Liebe auch zu klein, wenn Sie sich nicht mal trauen, den Blick zu erheben. Aber: Sie beten ehrlich!

Wem erzählt Jesus diese Geschichte? Den Leuten, die so drauf sind wie der Pharisäer. Jesus erzählt sie mir. Zwar: Ich bin nicht immer wie der Pharisäer. Aber manchmal. Wenn ich mir etwas einrede. Wenn ich mich vergleiche. Wenn ich so unbeweglich bin. Und dann ist es gut, ich erwische mich dabei und bin ehrlich: Zu mir selbst und zu Gott.

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