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Ich will den Namen des HERRN preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist der Fels. Seine Werke sind vollkommen. Ja, alle seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er. (Deuteronomium 32, 3-4)
Das ganze Buch Deuteronomium ist als eine Art Testament von Mose gestaltet: Das Volk Israel steht nach 40 Jahren in der Wüste Sinai kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land. Und Mose, ihr Anführer, der steht kurz seinem Einzug in ein anderes Gelobtes Land: aus seinem Erdenleben heraus in die Hände des Ewigen.
Mose hält Rückblick. Und er erinnert das Volk ausführlich an den Bundesschluss am Berg Horeb (er wird sonst meist Sinai genannt) und an all die Gebote. Und nun, kurz vor dem Finale seines Lebens und des Buches Deuteronomium, nun das „Lied des Mose“ in Kapitel 32. „Gebt unserm Gott allein die Ehre!“
Szenenwechsel. Meine Forensische Klinik in Hörstel. Ich treffe mich regelmäßig mit Herrn – nennen wir ihn: Schulze. Der ist in philosophischen und theologischen Dingen belesen. So reden wir auch über Dinge, für die wir beide sonst keine Gesprächspartner haben. Zum Beispiel: „Die Aufgabe der Kirche“. Herr Schulze meint: Die Aufgabe der Kirche ist es, aus den Leuten bessere Menschen zu machen. Er meint das im moralischen Sinn: Mehr Gutes tun, mehr Schlechtes lassen.
Ich widerspreche ihm: Für mich ist Kirche zuerst die Gemeinschaft von Glaubenden: Miteinander Glauben teilen, Anteil aneinander nehmen und Anteil geben, füreinander da sein, gemeinschaftlich Bibel und Gebet. Kurz und knapp sagt das Lukas in seiner Apostelgeschichte über die erste Gemeinde in Jerusalem so:
Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. (Apostelgeschichte 2, 42)
Miteinander den Glauben leben und das Leben teilen – vielleicht werde ich dadurch hier und da tatsächlich ein etwas besserer Mensch. Aber das wäre ein schöner Kollateral-Nutzen, ein Neben-Effekt. Aber nicht der Haupt-Sinn christlicher Gemeinschaft. Also Gemeinde als Weg-Gemeinschaft, als Lebens-Gemeinschaft. Und nicht Erziehungs-Anstalt. So meine Gegen-Position zu Herrn Schulze.
Und was wäre Ihre Antwort? Wozu ist christliche Gemeinschaft da? Wozu Kirche? Vielleicht gehören Sie ja selbst zu einer christlichen Kirche. – Also: Warum? Und warum sind Sie nicht ausgetreten?
Mir fallen als weitere mögliche Aufgaben ein: Als Gemeinschaft und als Organisation zusammen „Gutes tun“, Menschen in Not und Krisen unterstützen – ganz in der Nähe und weltweit. Bildungs-Arbeit. Kinder- und Jugendarbeit. Altenarbeit. Kultur-Arbeit. Freizeitgestaltung. Für Demokratie, Ökologie und Tierwohl eintreten. Mission. Spirituelle Räume, geistliche Angebote.
Vielleicht fallen Ihnen noch ein paar weitere Punkte ein. Und vielleicht denken Sie wie ich: Am besten: Alles!
Nur leider: „Alles“ geht nicht. Jedenfalls nicht alles, was Geld kostet und Personal bindet. Das haben wir ganz aktuell in beiden großen Kirchen: Das Geld wird sehr rasch sehr viel weniger. Das Personal – mittelfristig – auch. Siehe Autor. Die Kirchen müssen sich aus bestimmten Arbeitsfeldern zurückziehen. Preisfrage: Aus welchen?
So, und nun kommt Mose noch mit einem weiteren „Arbeitsfeld“: „Gebt unserm Gott allein die Ehre!“ Nun lebt Mose ja vor Christus und vor jeder Kirche. Er sagt das also keiner Kirche, sondern Israel, dem Gottesvolk des Sinai-Bundes. Aber keine Frage: Mose hätte es den Christinnen und Christen auch gesagt. Und tatsächlich: Gottes Ehre kommt in jedem Gottesdienst ausdrücklich vor. Zum Beispiel gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe / und auf Erden Fried‘ …“ Oder: „Ehr‘ sei dem Vater und dem Sohn / und dem Heiligen Geist! Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar / und von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ OK, man kann es mitsingen, ohne es zu denken oder die Ehr-Erbietung zu spüren, ich spreche aus Erfahrung.
Gott die Ehre geben! Gesungen und gebetet. Miteinander – im Gottesdienst oder im Bibelkreis, auf dem Festival und am Lagerfeuer. Oder für mich in der Stille – nur mit Gott. Bei Tagesanbruch oder zum Tagesausklang. Und immer mal zwischendrin.
Bei Mose allerdings wäre „Gott die Ehre geben!“ nicht eine Aufgabe neben zwanzig, sondern: Gottes Ehre ist die Mitte! Darum dreht es sich! Wie die Mitte beim Kettenkarussell.
Oder ein anderes Bild: eine Quelle in der Mitte. Von ihr aus fließen verschiedene Bächlein in unterschiedliche Richtungen. Ja, so muss das sein: Gott die Ehre geben, das bleibt nicht isoliert. Das fließt in unterschiedliche Richtungen, das zieht etwas nach sich, das wirkt sich aus auf mein ganzes Denken, Fühlen, Tun und Lassen. Also:
„Gott die Ehre!“ –> Denken, Fühlen, Tun, Lassen
Und umgekehrt? Der Pfeil in die andere Richtung? Führt das, was ich Gutes denke, fühle, was ich tue oder auch nicht, dazu, dass ich Gott die Ehre gebe? Antwort: Nein! Oder nur gelegentlich und zufällig.
Also: Ich kann manche Meinung haben und manche Dinge tun, die zweifellos gut, wünschenswert, genussvoll, erhebend sind, und über die Gott sich bestimmt freut. Aber ich gebe damit nicht automatisch Gott die Ehre. Wenn ein Atheist der Oma über die Straße hilft, den Plastikabfall aufhebt, gegen den Faschismus die Stimme erhebt und genussvoll in einen gesunden roten Apfel beißt, und wenn ich ihm dann sagen würde: „Schön! Damit gibst Du Gott die Ehre!“, dann würde er mir vermutlich einen Vogel zeigen und das als Vereinnahmung zurückweisen. Recht hat er.
Wenn Sie aber nicht Atheist oder Atheistin sind, sondern dieses Mose-Wort für sich annehmen wollen, dann heißt das: Gottes Ehre ins Zentrum! Das ist eine Sache des Gebets. Und eine Frage des Bewusstseins: Gott mitnehmen auf meinem Weg durch den Tag. Oder besser noch: mich von Gott mitnehmen lassen.
Und noch eine gute Nachricht für Herrn Schulze: Gottes Ehre in die Mitte zu rücken, das kann mir durchaus dabei helfen, moralisch ein bisschen besser zu werden. Denn: Mit allem, was mich oder andere freut, was mir oder anderen hilft, was mein Leben intensiviert und das Leben meiner Mitgeschöpfe achtet, auch damit kann ich Gott ehren. Wenn ich aber mir selbst schade, ausraste, meine Verachtung anderen gegenüber auslebe – also ich müsste mich schon sehr belügen und sehr fanatisch drauf sein, um zu glauben, mit so etwas Gott zu ehren.