Das Spiegelschränkchen

In meinem Bad hängt ein altes Spiegelschränkchen.

Jeden Tag kann ich mich beim Rasieren, Zähneputzen oder wenn ich zwischendurch Zeit und das Bedürfnis habe, in zwei Flügeltüren spiegeln.

Das Spiegelschränkchen gehört nicht mir, es hing schon dort, als ich in meine derzeitige Wohnung einzog, die früher als Hotelzimmer vermietet wurde und daher einen hohen Besucherdurchlauf hatte. Aus diesem Grund wurde das Spiegelschränkchen wohl nicht immer gut gepflegt; im Laufe der Jahre ist es verstaubt.

Die Staubpartikel haben sich auf der Oberfläche und in den Ritzen der Scharniere abgesetzt. Auch hartnäckiges Wischen und gute Pflege meinerseits können dem Schränkchen nicht mehr den alten Glanz zurückgeben, den es einmal hatte, so sehr ich es auch versuche.

Noch schlimmer ist allerdings, dass durch Feuchtigkeit und allgemeine Abnutzung die beiden Spiegelscheiben angelaufen sind und sich verzogen haben. Stehe ich jetzt vor dem Spiegelschränkchen, um mich zu betrachten, wirft die Oberfläche nur noch ein verschwommenes und verzerrtes Bild zurück.

Das war früher anders.

Kürzlich haben mein Freund und ich dann ein neues Spiegelschränkchen gekauft, um das alte zu ersetzen. Entschieden haben wir uns natürlich für das allerneuste Modell auf der Höhe der Zeit.

Der Verkäufer sagte, nicht viele Menschen entschieden sich freiwillig für so ein modernes Spiegelschränkchen. Außer den üblichen zwei Flügeltüren besitzt es noch einen dritten Spiegel, der in komplizierten Winkeln zu den beiden übrigen verstellt werden kann, so dass man sich darin aus völlig neuen Perspektiven betrachtet.

Die glatten Oberflächen des neuen Modells werfen zugegebenermaßen ein gestochen scharfes Bild zurück, mit dem die Spiegel des alten Schränkchens in ihrer stumpfen Begrenztheit nicht mithalten können. Beim Rasieren, Zähneputzen oder wenn ich zwischendurch das Bedürfnis habe, kann ich mich jetzt überdeutlich darin erkennen.

Allerdings bin ich nach einiger Zeit auf ein neues Problem gestoßen, das mit dem alten Spiegelschränkchen nicht aufkommen konnte. Der dritte, verstellbare Spiegel wirft das gestochen scharfe Bild der Flügeltüren hundertfach und mehr auf sich selbst zurück. Nicht nur betrachte ich mich somit aus ungewohnten, neuen Winkeln – ich sehe mich auch ins Unendliche gespiegelt, noch dazu von hinten und im Profil, was mich mitunter arg verwirrt.

Das Spiegelschränkchen, das mir doch eigentlich beim Rasieren und Zähneputzen helfen soll, stattdessen aber sein eigenes Bild hin und her spiegelt, behindert mich schließlich bei diesen Tätigkeiten, weil ich mich in der Ergründung der immer kleiner werdenden Reflexionen verliere, während mein Hals unrasiert und die Zähne ungeputzt bleiben.

Das alte Spiegelschränkchen mit seinen stumpfen, verzerrten und durch den Staub der Jahre abgenutzten Scheiben hat kein klares Bild erzeugt, das neue zeigt anhand der Verwendung und seriellen Reproduktion meines Abbilds letztendlich nur ein klares Bild seiner eigenen kalten, glatten Oberfläche.

Mein Freund hatte schließlich eine Idee. Zusammen hängten wir das neue Spiegelschränkchen ab und das alte wieder an seinen Platz. Die zwei neuen Spiegelscheiben der Flügeltüren bauten wir in die Scharniere des alten Schränkchens ein, das natürlich keine Halterung für den im Winkel verstellbaren dritten Spiegel besaß.

Die Klarheit der neuen Oberfläche ist nun also mit der Einfachheit des alten Rahmens verbunden.

Das neue, geplünderte Spiegelschränkchen warfen wir zusammen mit den stumpfen alten Spiegelscheiben und dem seltsamen Winkelspiegel in den Abstellraum meiner Wohnung, wo die Einzelteile jetzt geduldig auf eine angemessene Verwendung warten.

In meinem Bad hängt ein altes Spiegelschränkchen.

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Was man wollen muss, was man müssen will, und was am Ende davon übrig bleibt

Während einer schlaflosen Nacht mitten in den Semesterferien wälze ich die üblichen pädagogischen Fragen – und erhalte von meinem durch Insomnia aufgerauten Unbewussten ein paar interessante neue Antworten. Wie üblich treibt mich in erster Linie um, warum der durchschnittliche Student so wenig Initiative zeigt und nur geringes Interesse für das Studienfach seiner Wahl – heißt hier: Germanistik bzw. Literaturwissenschaft – aufbringt und im Seminar vor allem durch seine passive Grundhaltung bis hin zur Leistungsverweigerung auffällt. Eine Haltung übrigens, die sich in gesteigerter Form fortsetzt via Einreichen von aus dem Internet zusammenkopierten Hausarbeiten oder dem Abhalten von nicht verstandenen Referaten aus zweiter Hand. Schlimmstenfalls gleicht dann auch die Abschluss-Thesis einem Puzzle von aus Wikipedia und dubiosen Internetquellen übernommenen Fragmenten. Natürlich unter Anwendung einer dürftigen Verschleierungstaktik.
Nicht dass man mich falsch versteht: Es geht hier weder darum, alle Studis unter Generalverdacht zu stellen, noch will ich mir über studentische Unzulänglichkeiten Luft machen (was ich sonst ja nur zu gern tue). Nein, es geht um etwas anderes: Ich will einfach nur das Phänomen verstehen.
Warum ist die durchschnittliche Hausarbeit so gänzlich uninspiriert, abgekupfert und frei von jeder genuinen Idee oder Perspektive? Warum ist die akademische Schreibe so vieler junger Leute offenbar bereits pränatal verendet, um nur noch als Totgeburt auf die Welt zu kommen, wenn der Gegenstand, über den geschrieben wird, so ein lebendiges Phänomen wie Literatur ist? Warum fühlen Seminardiskussionen zu literarischen Texten sich oft für beide Parteien an wie das vergebliche Fischen in gekippten Gewässern?
Für uns Dozenten ist es nur allzu leicht, langatmige, aber kurzbeinige Theorien aufzustellen über den schädlichen Einfluss von Smartphones, Reality-Shows, Internet, Spaßgesellschaft und die aus alldem resultierende passive Grundhaltung, die besagt: Ich will alles, aber leisten will ich dafür nichts. Das Problem mit diesen Theorien ist bloß: Sie stimmen nicht.
Seit Jahrhunderten beklagen sich Lehrer über die wuchernde Dummheit und schrumpfende Initiative junger Menschen. Hätten sie recht, wir schwämmen längst wieder in der Ursuppe, mit weniger als einem rudimentären Reptiliengehirn in unseren nichtexistenten Köpfen. Abgesehen davon glaube ich nicht – um ins Hier und Heute zurückzukehren – dass der Umgang mit den sogenannten neuen Medien zwangsläufig zur Verdummung ihrer Nutzer führen muss; man schaue sich zum Vergleich die historische Hysterie bezüglich „gefährlicher Vielleserei“ nach Etablierung des Buchdrucks an. Allenfalls grenzwertig konservative Eltern und Erzieher finden alles Neue bedrohlich.
Während ich letzte Nacht vergeblich auf den Schlaf wartete, der nicht kam (das Smartphone blieb aus, ich habe nicht ferngesehen, im Internet war ich auch nicht, und der gefährlichen Vielleserei habe ich standhaft entsagt), stellte sich stattdessen etwas viel Besseres ein: Die alternative Antwort auf die eingangs gestellten Fragen. Na, wenn sich das nicht lohnt; Müdigkeit hin oder her.
Statt technische Neuerungen und mediale Ablenkung verantwortlich zu machen, sollten wir lieber schauen, was für eine Perspektive aufs Leben jungen Menschen in unserer Gesellschaft eröffnet wird. Ich stelle mir vor, meine Studenten – besonders die Lehrämter – kommen aus wenigstens einigermaßen wohlsituierten, vermögenden Elternhäusern (was ja erst mal kein Nachteil ist). Meistens werden beide Elternteile einen Job ausüben, in selteneren Fällen nur ein Elternteil (oft wohl immer noch der Vater). Diese Eltern mussten sich ihren moderaten Wohlstand, der zum Besitz von Wohnung oder Haus, Auto, Flachbildfernseher und Familiencouch etc. führt sowie zur Ermöglichung eines größeren gemeinsamen Jahresurlaubs, im Laufe langer Arbeitsjahre auf der Baustelle, am Lehrerpult, im Maklerbüro, hinter dem Sparkassen-Tresen hart erkämpfen. Den Kindern soll´s schließlich einmal besser gehen, und dafür wurden die materiellen Voraussetzungen geschaffen. „Besser gehen“, Definition: Mehr vom Gleichen und Bekannten.
Nähert sich das Kind dem Abitur (denn solches ist ja heute Standard), heißt es dann vielleicht: „Du kannst alles werden, was du willst“. Gemeint ist damit: „Ergreife einen Prestige-Beruf deiner Wahl; von Arzt über Banker bis Lehrer steht dir alles offen. Und enttäusch uns bloß nicht.“
Aus Perspektive des angehenden Abiturienten, soweit ich aus eigener Erfahrung noch in Erinnerung habe, erscheint das aber möglicherweise wie die freie Wahl zwischen elektrischem Stuhl, eiserner Jungfrau und Streckbank; und die Studenten in meinen Seminaren haben mehrheitlich die letzte Option, also Streckbank, äh, Lehrer, gewählt. Und zwar nicht, weil das der für sie einzig denkbare Beruf (im Sinne der Berufung) ist, sondern weil sie den irgendwie schon in der Schule kennengelernt haben und insofern wenigstens ungefähr zu wissen glauben, wie die Zumutung, auf die sie sich da schweren Herzens einlassen, letztlich aussieht. Better the devil you know… Außerdem hat man da wenigstens mittags noch seine Freiheiten (und nein, ausnahmsweise ist das mal keine typische Doktor-Pause-Ironie).
Wollten wir in der elften Klasse noch den Welthunger bekämpfen, in einer Rockband spielen, Independent-Filme drehen oder die kommunistische Revolution anzetteln? Wollten wir irgendwie sein, nur nicht so wie unsere Eltern, die sich für eine neue Inneneinrichtung abrackern und voraussichtlich in einem frühen Grab enden (natürlich vollmöbliert)? Derlei „Spinnereien“ wurden uns schnell wieder ausgeredet. Viele von uns (und die haben jetzt beim Lesen bestimmt schon sehr gelacht) verlernen dadurch, ihre ursprünglichen Wünsche und Vorstellungen überhaupt noch wahrzunehmen.
Was übrigbleibt, ist die unbewusste Strategie des passiv-aggressiven Widerstands: Weil die Alternative nicht nur nicht gelebt, sondern auch schon nicht mehr gedacht werden kann, wähle ich ein mir nun recht trostlos erscheinendes Studienfach als Vorbereitung auf einen noch trostloser erscheinenden Beruf, um bei der späteren Ausübung desselben meinen Frust über das ungelebte Andere an der nachfolgenden Generation auszulassen und den Kollateralschaden auf diese Art weiterzugeben.
So kommt es dann zum oben beschriebenen Phänomen: Studierende, die in Seminaren sitzen, die sie eigentlich nicht belegen wollen, weil sie darin auf Berufe vorbereitet werden, die sie nicht ausüben möchten, integriert in Leben, die sie nicht leben mögen.
Kein Wunder, dass man dann für an sich interessante Inhalte nur noch ein müdes Lächeln erntet – soll der Dozent, der auch zur restriktiven Elterngeneration gehört, sich hinsichtlich der Leistungsanforderungen mal nicht so anstellen, wenn man ihm schon den Gefallen tut, sich auf die ganze Chose einzulassen. Die große Freiheit, mit der man eigentlich die Welt revolutionieren wollte (was zwischen zwei Werbeblöcken aber gerade nicht so ins kapitalistische Konzept passt) schnurrt demgegenüber zusammen auf den Party-Exzess am Wochenende – Ausrasten im abgesteckten Gehege, und montags geht´s schön brav wieder an die Uni. Bloß nicht die Eltern enttäuschen. Aber Mann, hatte ich einen Filmriss.
Was bleibt also zu tun?
Statt jungen Menschen das Gefühl zu geben, die Welt drehe sich nur um beruflichen Erfolg, Materialismus und bürgerliche Anerkennung, sollten wir halbwegs Erwachsenen uns vielleicht bald mal ein paar Gedanken machen um die Eröffnung einer tatsächlich attraktiven Perspektive, wenn wir gewährleisten wollen, dass Schüler und Studierende sich wirklich auf unsere Themen (wie z. B. Literatur) einlassen. Erst, wenn der Eindruck entsteht, Fontane habe „Effi Briest“ nicht nur geschrieben, um Deutschlehrern verwertbares Unterrichtsmaterial zu liefern, wird ein solcher Text wieder mit Interesse gelesen werden. Erst, wenn ein Wirtschaftsstudium nicht bloß als langweiliges Präludium zu einem anerkannten, gutbezahlten, letztlich aber langweiligen Job dient, erzeugt man bei Lernenden genuine Ideen anstelle des derzeit obligaten ironischen Lächelns und der Aufkündigung von Denk- und innerer Arbeitsleistung, bei gleichzeitiger Wahrung des äußeren Scheins.
Wie diese neuen Perspektiven aussehen? Tja, darüber kann einen utopischen Roman schreiben, wem guter Rat teuer ist. Würde man aus dem hier Gesagten radikale Konsequenzen ziehen, bräche morgen jedenfalls das gesamte Gesellschaftssystem, wie wir es kennen, komplett zusammen. Auch kein verlockender Gedanke. Oder etwa doch?
Okay, ich geb´s ja zu – so neu sind meine Erkenntnisse dann doch nicht. Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Gesamtzustand haben schon viel bessere Denker als Doktor Pause auf viel höherem Niveau konstatiert. Allerdings habe ich damit mal die Studenten, denen ich ja sonst so gerne jede Schuld in die Schuhe schiebe, entlastet – die jetzt vermutlich denken: “Versuch bloß nicht, dich in uns reinzuversetzen; das geht immer schief.“
Zu meiner Entschuldigung führe ich an, dass ich ja bisher auch nur EINE schlaflose Nacht zum Nachdenken hatte. Womöglich, wenn ich heute abend viel Kaffee trinke und noch ein paar Wachmacher einwerfe, komme ich des Rätsels Lösung weiter auf die Spur. Bis dahin aber sage ich unserem traumhaften Erziehungs- und Sozialisationskonzept vorläufig gute Nacht.

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Richtig klicken mit Drachen

Eigentlich wollte ich mich in den Semesterferien ja uneingeschränkt auf meine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren und zu diesem Zweck den Unterricht vorübergehend vergessen. Das würde normalerweise auch gut funktionieren: Ausgerüstet mit den benötigten Büchern und idealistischem Eifer wende ich mich der Forschung zu, was während der Unterrichts- bzw. Vorlesungszeit nur sehr eingeschränkt möglich ist. Doch was wäre die universitäre Bürokratie, wenn sie ihren Bediensteten nicht regelmäßig mit den haarsträubendsten Pseudo-Problemen einen Strich durch die Rechnung machen würde?
Für das sachgerechte Aufbauschen belangloser Nichtigkeiten ist bei uns ja in erster Linie das Prüfungsamt zuständig. Während ich im Büro vor dem Rechner sitze und versuche, konzentriert an meinem wissenschaftlichen Buchprojekt zu arbeiten, klingelt das Telefon. Nichts Böses ahnend, hebt Doktor Pause geistesabwesend den Hörer ab.
„Pause?“
„Schön wär´s!“
Haha, ich lach mich tot. Regel: Witze über Eigennamen hat der Namensträger immer alle schon tausendmal gehört.
„Äh, Doktor Pause hier, wer ist denn da?“
Dabei habe ich Frau Gräuel, meine liebste verwaltungsfachangestellte Freundin, längst an der wie immer einen äußerst übellaunigen Tonfall anschlagenden Stimme erkannt.
„Guten Tag, Herr Doktor Pause, Gräuel hier!“
„Was gibt´s denn, Frau Gräuel?“
Natürlich wie immer nichts Gutes, aber ich versuche trotzdem, einigermaßen höflich zu klingen – bloß nicht den Bürodrachen reizen!
„Also, wir haben hier ein Problem!“
Hätte ich jetzt nicht gedacht.
„Ja?“
„Ja. Es geht um eine Studentin aus Ihrem Einführungskurs, um Frau Schwenzel.“
Baustellenwechsel – beim Versuch, das Karussell meiner Gedanken, das sich noch um die Frühe Neuzeit und meine Habil dreht, abrupt in die Gegenrichtung – Unterrichts-Country – herumzureißen, knirscht protestierend das Räderwerk.
„Okay – und was ist mit dieser Frau Schwenzel?“
„Also, die hat die zentrale Klausur am Semesterende nicht mitgeschrieben und dann fristgerecht ein ärztliches Attest eingereicht.“
„Na, dann ist doch alles in bester Ordnung, oder? Dann schreibt sie also die Wiederholungsklausur mit“, gebe ich unschuldig zurück, denn immerhin scheint ja eine attestierte Krankheit vorzuliegen – ein schwerer Fehler, wie sich sofort herausstellt.
„Also, ich muss schon sagen, Herr Doktor Pause“ – unangenehme Betonung des akademischen Titels bei nun deutlich erhöhter Lautstärke – „das ist ein Skandal. Die Studierende hat nämlich Ihr Seminar gar nicht oft genug besucht und ist deswegen auch nicht prüfungsberechtigt, wie ich soeben aus verlässlicher Quelle erfahren durfte.“
Ich frage lieber erst gar nicht, welchem Informations-Leck dieser Wissensfluss entströmt und konzentriere mich aufs Kernproblem.
„Tja, vielleicht hat sie deshalb ja auch die Klausur nicht geschrieben?“ Unter meinen Schreibtischstuhl schauend, hebe ich, den Hörer mit der tobenden Frau Gräuel am Ohr, alle verfügbaren Füße – vielleicht stehe ich ja auf dem einen oder anderen Schlauch. So ganz vermittelt sich mir das Problem nämlich noch nicht.
„Aber wie können Sie es dann zulassen, dass Frau Schwenzel ein Attest einreicht, als sei sie eben doch prüfungsberechtigt?“
Ich kann jetzt förmlich sehen, wie sie im Dreieck springt. Dafür ist in ihrem Großraumbüro bestimmt schon extra ein Feld eingezeichnet.
„Äh – da kann ich doch eigentlich nichts für, wenn die Frau einfach fristgerecht ein Attest einreicht, oder? Es tut mir leid, aber über die Aktivitäten der Studierenden, sobald sie den Seminarraum verlassen, habe ich keine Kontrolle.“
„Scheint mir auch so“, kommt es säuerlich und ohne auf mein feines Ironieangebot einzugehen zurück, „dass Sie keine Kontrolle haben. Sie hätten am Semesterende die Anwesenheitslisten kontrollieren müssen. Jeder, der mehr als zweimal nicht da war, bekommt nach Verordnung §$&%xy§§&§24 [= unverständliches Bürokratendeutsch] im Online-System einen entsprechenden Eintrag. Dieser Eintrag allerdings war bei Frau Schwenzel nicht vermerkt! Sonst hätten wir das Attest gar nicht erst angenommen.“
„Tja.“ Ich bin ratlos. „Tut mir leid, das hab ich dann wohl versäumt – das war absolut mein Fehler, ich geb´s zu. Aber was wollen Sie jetzt von mir, wenn Sie doch sowieso schon wissen, dass das Attest damit ungültig ist?“
Huch – da schäumt ja plötzlich eine grüne Flüssigkeit aus der Hörmuschel! Ist bestimmt hochgiftig, so wie mir das entgegenzischt…
„Herr Doktor Pause“ – unangenehme Betonung diesmal auf dem ersten Wort – „ich möchte, dass Sie bitte umgehend im Online-Konto der Studierenden Frau Schwenzel den fehlenden Eintrag vornehmen und damit bestätigen, dass die besagte Studierende Frau Schwenzel nicht oft genug an Ihrer Veranstaltung teilgenommen hat. Vorher kann ich sie nämlich nicht von der Wiederholungsprüfung ausschließen! Auf Wiederhören!“
Mit den letzten Worten knallt Frau Gräuel empört den Hörer auf die Gabel. Mir klingeln die Ohren.
Jetzt bloß keine Zeit verlieren. In Windeseile rufe ich das Online-Programm zum Noteneintrag auf und klicke auf das entsprechende Feld. Puh! Gerade nochmal geschafft! Damit dürfte für die nächsten Stunden Smaugs Einöde drachensicher sein.
Erleichtert schließe ich den Browser und vertiefe mich wieder in das vertrackte neueste Kapitel meiner Habil, das sich nur schleppend entfalten will – doch da klingelt das Telefon schon wieder.
„Pause?“
„Ja – hier nochmal Gräuel!“
Freut mich, lange nichts von Ihnen gehört!
„Frau Gräuel, ich hab den Eintrag eben gerade erledigt und…“
„Ja, das hab ich hier allerdings gesehen! Sinnvoller wär´s aber gewesen, wenn Sie auch noch die richtige Option angeklickt hätten!“
„Äh – also, ich hab doch `Nicht bestanden wegen Abwesenheit´ angewählt!“
„Ja, hab ich gesehen – Sie müssen in einem Fall wie dem von Frau Schwenzel aber die Option direkt darunter benutzen! Also `Nicht bestanden wegen Nichtteilnahme´, und nicht `Nicht bestanden wegen Abwesenheit´! Das ist zwingend zu beachten. Sollten Sie mittlerweile wissen! Auf Wiederhören!“
Rumms, wieder kracht der Hörer auf die Gabel. Unterdessen setzt bei mir ein mittelschwerer Tinnitus ein, und auch ein leichter Kopfschmerz macht sich unangenehm bemerkbar. Das ist ja schlimmer als im Überwachungsstaat! Langsam frage ich mich, ob bei der Erfindung von Frau Gräuel und ihren Verwaltungsmethoden womöglich Franz Kafka die Finger im Spiel hatte – doch wie ich befürchte, ist die Dame leider keine Fiktion, sondern höchst real.
Entnervt öffne ich noch einmal das Online-System und korrigiere die falsche Angabe. Dann packe ich schleunigst meine Sachen zusammen, bevor das Telefon sich wieder melden kann, und fliehe aus dem Institut für selbstbezügliche Verwaltungsvorgänge, an dem man nebenbei, wenn man sich Mühe gibt, auch noch Literatur unterrichten und studieren kann, was aber mittlerweile eher nicht mehr so zentral ist und sowieso nur das reibungslose Funktionieren des bürokratischen Räderwerks behindert.

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Doktor Pause empfiehlt: “Fahrenheit 451” von Ray Bradbury (USA 1953)

Zum Glück entdeckt man auch als Literaturdozent noch immer Bücher, die einen so positiv überraschen, dass man sich fragt, wie man bisher ohne sie durchs Leben gehen konnte – besonders wenn es, wie in diesem Fall, ein „moderner Klassiker“ ist. So geschehen in den letzten Tagen, in denen ich Ray Bradburys Dystopie „Fahrenheit 451“ gelesen und dabei meinen Bezug zur Literatur von Grund auf erneuert habe.
Die Handlung von „Fahrenheit 451“ – der Titel bezeichnet die Temperatur, bei der Bücherpapier zu brennen beginnt – spielt in einer nahen Zukunft, in der jede Absonderung von Anderen (wie einsames Spazierengehen, Nachdenken, Philosophieren, untätiges Herumsitzen und natürlich Bücher lesen) verboten ist. Die Hauptfigur Guy Montag arbeitet bei der Feuerwehr; die aber ist nicht mehr zuständig für die Verhinderung, sondern für das Legen von Bränden, und zwar in allen Haushalten, die entgegen gesetzlicher Vorschrift noch Bücher beherbergen. Montags Ausrüstung besteht unter anderem aus einem Feuerwehrschlauch, der statt Wasser Kerosin verspritzt; dann wird ein Streichholz angerissen und die lästige, uneinsichtige Besitzerin und Leserin, wenn sie nicht ins Zuchthaus abgeführt werden möchte, wird gleich mit abgefackelt.
Was also tut der Mensch der Zukunft, der nicht lesen, nachdenken oder spazieren darf? Er sitzt, wie Montags Frau Mildred, zwischen drei fast den gesamten Raum umspannenden „Fernsehwänden“, die die Bewohner von früh bis spät mit Seifenopern bespaßen und mit flimmernden Farbexplosionen bombardieren, bis sie – wie Millie – aufgrund einer Überdosis Entertainment und der sich darunter verbergenden inneren Leere mit Schlaftabletten Suizid begehen.
Währenddessen lernt der Feuerwehrmann Guy das Schulmädchen Clarisse McClellan aus dem Nachbarhaus kennen, aus dem immer angeregte Gespräche, Gelächter und Diskussionsfetzen herüberschallen, wenn Montag sich vom Dienst in der Feuerwache zurück nach Hause begibt. Clarisse wird von der peer group in der Schule für verrückt, wenn nicht sogar gefährlich gehalten: Sie geht mitten in der Nacht spazieren, kann mit den Altersgenossen nichts anfangen – und sie stellt Menschen wie Guy Montag unangenehme Warum-Fragen. Zum Beispiel, warum er immer so traurig aussieht, obwohl er doch ständig mechanisch lächelt.
Selbstverständlich ist Clarisse schon bald spurlos verschwunden. Und auch Guy beginnt sich zu fürchten, denn in der Lüftungsklappe über einer Tür seines Hauses bewahrt er brandgefährliches Material auf – Bücher, die er bei seinen Einsätzen entwendet, weil er endlich aus erster Hand wissen will, was es mit dem gefährlichen Druckwerk auf sich hat. Auf der Feuerwache steht er längst unter Beobachtung. Der achtbeinige elektronische Hund, ein metallenes Ungetüm, das auf die Körperchemie von Verdächtigen programmiert werden kann, um diese mit einer im stählernen Maul befindlichen Giftnadel zu töten, reagiert plötzlich äußerst aggressiv auf Guys Anwesenheit. Schließlich nimmt Montag Kontakt auf zu einem arbeitslosen ehemaligen Literaturprofessor, weil er feststellt, dass sein Verstand verlernt hat, den Inhalt der entwendeten Bücher angemessen aufzunehmen und zu verarbeiten. Währenddessen zieht sich die Schlinge um seinen Hals bedrohlich zu…
Schon beim Lesen der ersten zwanzig Seiten wurde mir schlagartig klar, dass Bradbury mit „Fahrenheit 451“ ein großartiges, zeitloses Werk geschaffen hat, das völlig zurecht in einem Atemzug mit anderen großen Dystopien wie George Orwells „1984“ und „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley genannt wird. In einem Aspekt hebt Bradbury sich jedoch von seinen Kollegen ab: Er ist eindeutig der größte Stilist unter den dreien. Orwell finde ich genial aufgrund seiner visionären Fähigkeiten, die er zur Schaffung einer düsteren und beklemmenden Zukunftswelt nutzt; Huxley zeigt mir das Paradox einer unglücklichen Gesellschaft, in der alle zwanghaft glücklich sind – aber Bradbury zeigt mir (neben der düsteren Zukunft) auch die Magie der Sprache, was bei einem Roman über den Wert der Literatur ja auch nicht unwichtig erscheint.
Während Huxley mit „Schöne neue Welt“ aus einer genialen Idee einen etwas unbeholfenen, wenn auch wirkungsvollen Holzschnitt anfertigt, funktioniert bei Bradbury beides; die Idee und die sprachliche Eloquenz bzw. der Stil: „Es war eine besondere Lust zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde. Das Messingrohr in der Hand, die Mündung dieser mächtigen Schlange, die Kerosin in die Welt hinausspie, fühlte er das Blut in seinen Schläfen pochen, und seine Hände waren die eines phantastischen Dirigenten, der eine Symphonie des Brennens und Sengens aufführte, um die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends auszutilgen.“ Derlei sprachliche Bilder, Metaphern und Vergleiche verwandeln Bradburys Dystopie in ein poetisches Werk, das in dieser Beziehung Orwells und Huxleys (natürlich ebenfalls hervorragende) Visionen übertrifft. Irgendwie lese ich das deshalb dann auch viel leichter und lieber als den Rest.
Gesellschaftlich aktuell ist „Fahrenheit 451“ in einer Zeit ökonomischer Studienreformen und Einkürzungen auf dem kulturellen Sektor wie nie zuvor. Das Bücherverbot in Bradburys Roman ist nämlich Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die allzu großes Unbehagen entwickelt an der unbequemen, nicht auf Faktenwissen oder objektive Wahrheiten reduzierbaren Mehrdeutigkeit literarischer Werke. Abgesehen davon sieht man in Büchern, die subjektive Ansichten propagieren, einen unzulässigen Verstoß gegen die über allem stehende political correctness: Kein Buch, dessen Inhalt nicht der einen oder anderen Minderheit und Randgruppe gegen den Strich geht, und so werden schließlich einfach alle Bücher verbrannt, wie Montags Gegenspieler, der Feuerwehrhauptmann Beatty, erklärt: “Ein Buch im Haus nebenan ist wie eine scharf geladene Waffe. Man vernichte es. Man reiße den Geist ab. Wer weiß, wen sich der Belesene als Zielscheibe aussuchen könnte!” Wem fällt da nicht die jüngste Medienkontroverse zu Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ein?
Doch nicht nur in der Gesamtidee, auch im Detail beeindruckt Bradbury mit visionärer Hellsichtigkeit. So zum Beispiel, wenn Montags Frau Millie allabendlich mit wie Bienen summenden Minilautsprechern in den Ohrmuscheln zu Bett geht, die sie die ganze Nacht mit Musik beschallen, womit der Autor die erst geraume Zeit später entwickelten Kopfhörer für MP3-Player und die Headsets der Handys vorwegnimmt. Angesichts der omnipräsenten Technikberieselung vermisst in Bradburys Romanwelt nur eine (bald ausgerottete) Minderheit den Umgang mit Büchern, den Aufenthalt in Bibliotheken und das Lesen.
Solltet ihr also jemals nicht mehr so genau wissen, warum ihr euch mit Literatur beschäftigt – sei es, sie zu lesen, sie zu schreiben, sie zu studieren oder sie zu unterrichten – könnt ihr euch wie ich jederzeit von Ray Bradbury auf die angenehmste Weise daran erinnern lassen. Und ganz nebenbei vielleicht euren Lieblings-Zukunftsroman entdecken.

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Achtung Schranke

Ferienzeit – Forschungszeit! Jetzt ist er da, der langersehnte unterrichtsfreie Block, gemeinhin genannt Semesterferien. Mein zerebraler Rennwagen steht auf Hochglanz poliert und vollgetankt in den Startboxen. Die letzten Seminarstunden sind abgehalten, die Bachelor-Thesen begutachtet, die Studenten haben die Stadt zwecks Elternbesuch und Hausarbeiten-Prokrastination verlassen – losgehen kann die wilde Fahrt. Ich bin fest entschlossen, mich unverzüglich und mit Höchstgeschwindigkeit meiner Habilitationsschrift zu widmen.
Am ersten „freien“ Tag sitze ich morgens um neun pflichtgemäß an meinem Schreibtisch, an den mich so früh primär die Angst vor Jobverlust bei nicht fristgerechter Abgabe treibt (im tiefsten Innern bleiben Dozenten auch mit nahezu vierzig Jahren noch Studierende, die sich vor Sanktionen fürchten, obwohl sie statt grün schon ein bisschen grau hinter den Ohren sind). Neben dem Bildschirm stapeln sich alle benötigten (und einige überflüssige) Bücher, manche eigens per Sonderbestellung aus Bibliotheken fernab des hiesigen Bundeslands entliehen. Das Ideen-Notizbuch mit dem Snoopy-Cover quillt über vor geistreichen Entwürfen und Gedankenblitzen. Erwartungsvoll blinkt mich der Cursor des Schreibprogramms an – doch die Seite bleibt, obwohl ich sitze und sitze, weiß; ich schreibe nichts.
Ich schreibe und schreibe nichts. Später schreibe ich dann noch ein bisschen mehr nichts, und anschließend gebe ich mir echt Mühe und schreibe unglaublich konzentriert und mit größtmöglicher Effizienz gar nichts. Wenn ich dann doch was schreibe, wirkt das Geschriebene, das als Notiz noch so frisch und spritzig schien, plötzlich schal und abgestanden; Jesus nahm den Wein und machte daraus Wasser – haben nicht schon vor mir zwanzig andere verzweifelte Habilitanden dasselbe laue Gebräu über die Literatur der Frühen Neuzeit verzapft? Kann man wirklich noch was Neues denken, was frühes Neues?
Das ist die Stelle, an der mein Antiblockiersystem versagt. Ungünstig, denn die Zeit läuft mir davon, während ich ihr hinterherrenne und dabei so außer Atem komme, dass es mir die Wissenschaftssprache verschlägt. Dabei muss ich jetzt unbedingt mal was Geniales zu Papier bringen (wo war noch mal der Schalter dafür?).
Doch sobald meine Hände sich der Tastatur nähern, klopfen ungebetene Gedankengäste an die Tür meines Hirnstübchens: Welches drakonische Urteil wird die gnadenlose Kommission altehrwürdiger Wissenschaftler wohl sprechen, die schon bald mein Meisterwerk vorgelegt bekommt? Was, wenn denen mein Zeug nicht gefällt? Wenn ich mal wieder kein Sternchen kriege, nicht über Los ziehe und der Lehrer mich zum Nachsitzen verdonnert?
Klar, die Promotion habe ich damals auch überstanden, aber wenn sich nun herausstellt, dass das alles nur ein Irrtum war und der alte Zaubertrick in der zweiten Runde grauenerregend schiefläuft? „Magier außerstande, zersägte Assistentin wieder zusammenzusetzen“, ich sehe die Schlagzeile schon vor mir. Plötzlich kommt es mir vor, als wäre ich, was ich auch tue, bereits so gut wie raus aus dem Showgeschäft.
Na, wenn das tatsächlich der Fall ist, kann ich ja auch gleich schreiben, was ich wirklich denke über die Frühe Neuzeit, sage ich mir; schließlich ist das doch der Sinn der Wissenschaft, oder? Hier sollte es um meine ureigenen Erkenntnisse gehen statt ums Bravsein und Eindruckschinden. Da gibt´s bloß ein Problem: Was ich denke, weiß ich mittlerweile gar nicht mehr; zu viele Schranken habe ich schon im Kopf und falle, vor dem weißen Bildschirm sitzend, regelmäßig in das Loch, das mal mein Gehirn war – cross the border, mind the gap.
Nichts ist schlimmer als Angst, außer: Angst vor der Angst. Man stelle sich vor, dass ich für alle Zeiten so blockiert bleibe. Fataler Gedanke, denn jetzt kommt zur Angst davor, als Verfasser der schlechtesten Habil aller Frühen Neuzeiten in die Annalen meiner Uni einzugehen, auch noch die Angst, nicht die schlechteste, sondern gar keine Arbeit einzureichen und mich demnächst von hämischen Jobvermittlern zum Spargelstechen mit Doktortitel aufs Feld schicken zu lassen.
Huch, höre ich da etwas im Getriebe knirschen? Brennt der Motor? Mit solchen zu Feedbackschleifen verschlungenen Ängsten steuere ich jedenfalls im ersten Gang bei hundert km/h auf genau die Katastrophe zu, der ich davonzurasen versuche. Obwohl ich verbissen hinter dem Lenkrad sitzend Vollgas gebe, röhrt die Maschine protestierend; die Kupplung klemmt, und der wissenschaftliche Trabi, der gern ein Porsche wäre, holpert im Schneckentempo über den intellektuellen Standstreifen. Kann bitte mal jemand den akademischen Pannendienst rufen? Winkend stehe ich neben dem Totalschaden am Straßenrand, während die Konkurrenz kurvenschneidend an mir vorbeirauscht, und Superteacher hat anscheinend gerade seinen freien Tag.
Was meine Lehrtätigkeit betrifft, ereilen mich dadurch allerdings ganz neue Erkenntnisse. Darf ich überhaupt noch streng sein und die Einhaltung von Abgabefristen fordern, wenn ich selbst nicht in der Lage bin, meinen wissenschaftlichen Karren auf die Überholspur zu ziehen? Muss ich wohl trotzdem, Job ist Job. Eins weiß ich aber bestimmt: Die Studenten des gerade beendeten Romantik-Seminars würden sich sehr wundern, ahnten sie, dass es mir oft genauso geht wie ihnen. Termindruck, Abgabefristen, intellektuelle Unsicherheit, Existenzängste – damit sind sie durchaus nicht allein auf der Schnellstraße zum Erfolg. Am Ende sitzen wir eben doch wieder alle im selben Unfallauto.

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Pralinenschachtel und Blumenstrauß

Der letzte Tag des auslaufenden Semesters. Bei uns Dozenten geht da eigentlich immer ein Aufatmen durch die Reihen: Endlich entspannen; nicht mehr ständig die Sorge, wie man irgendeinen Stoff vermittelt, ohne zu langweilen oder unterkomplex oder überkomplex zu sein oder Komplexe zu haben oder die Bedürfnisse der BA-Studenten gegenüber jenen der Lehrer in spe zu vernachlässigen bzw. umgekehrt, und so weiter, und so fort. Das ist jetzt erst mal für ein paar Wochen vorbei, in denen wir uns unserer Forschungsarbeit widmen können (bevor auf halbem Weg die ersten Hausarbeiten eingehen). Ich hätte also Grund zur Erleichterung.
Aber Mann, war das ein Scheißtag, denke ich mir abends auf dem Nachhauseweg durch die akademische Peripherie. Kein Wunder: ein Freitag der Dreizehnte. Eigentlich fehlt jetzt nur noch, dass ich an einem Schild vorbeikomme, auf dem in blutigen Lettern „Camp(us) Crystal Lake“ geschrieben steht, um mich plötzlich einem deformierten Wicht mit Hockeymaske und Säbel gegenüber zu sehen, der aus dem Gebüsch springt in Absicht, mich niederzumähen – der Campus des Grauens. Sh-sh-sh-sh-kill-kill-kill-kill… Huah, hilfe! Metzel-metzel-urrgghh…
Was ist wirklich passiert an diesem Dreizehnten? Nun, heute morgen verteilte ich in meinem Seminar zur Lyrik der Romantik in aller Unschuld den üblichen Evaluationsbogen. Offiziell ist der ja dazu da, den Studenten die Möglichkeit zu konstruktiver Kritik zu geben. So verkaufe ich die Sache natürlich auch immer, dabei die professionellste Miene aufsetzend, derer ich fähig bin. In Wahrheit will ich aber wieder mal nur über alle Maßen bedingungslos gelobt werden. Ich weiß, das ist weder Sinn und Zweck der Aktion, noch professionell, noch sagt es Vorteilhaftes über meine mentale Konstitution aus, aber ich kann´s nicht ändern: Regelmäßig fällt mir spätestens am Semesterende ein, wie ich wochenlang Stunde um Stunde damit verbracht habe, mir Wissen anzulesen, Aufgaben für die Studierenden zu erstellen, Unterrichtsverläufe zu tippen (O-Ton fauler Büro-Kollege: „Bereitest du schon wieder so akribisch dein Seminar vor?“), intertextuelle Querverweise zu notieren, hilfreiche Handouts zu basteln, dem Ganzen durch punktuellen Einbezug fachfremder Theorien einen modisch-neckischen Cultural Studies-Touch zu verleihen, im Unterricht selbst den Coolen zu spielen, als würde ich mir all das Zeug ganz mühelos und beiläufig aus dem linken Jackett-Ärmel schütteln – ja, all das und mehr investiere ich in den mir bestmöglichen Unterricht. Am Tag vor dem Lyrik-der-Romantik-Seminar bin ich meistens nicht vor zwanzig Uhr aus dem Büro gekommen. Also bitte, meine Damen und Herren Studierende, standing ovations, Rosensträuße und Bonbonregen, Konfetti und herzzerreißender Abschiedsschmerz in der letzten Sitzung!
Na ja, träumen darf ich ja wohl noch, oder?
Wie auch immer, ich teile jedenfalls die Evaluationsbögen aus und leiere mein pädagogisches Sprüchlein her, á la „nehmen Sie die Chance wahr, konstruktive Kritik zu üben, überlegen Sie, wie man das Seminar aus Ihrer Sicht verbessern könnte…“ (Zu übersetzen ins Deutsche mit „Lobt mich lobt mich lobt mich, ich hab mir solche Mühe mit euch gegeben, jetzt bin ich ausgelaugt wie ein durstiger Wüstenwanderer, der seit Wochen ohne Wasser auskommen musste“).
Während die Studenten schreiben und ankreuzen („Der Stoff wurde angemessen vermittelt. Trifft voll und ganz zu, trifft teilweise zu, trifft eher weniger zu, trifft gar nicht zu“ usw.), sehe ich aus der Ferne mit Beunruhigung, wie Miroslav G. in der letzten Reihe auf die Rückseite des Evaluationsbogens, die bei den meisten Studis schneeweiß bleibt, offenbar einen Roman verfasst. Das kann nichts Gutes bedeuten. Als überdurchschnittlich interessierter und intelligenter Teilnehmer begann Miroslav den Kurs mit einem Maximum an Motivation und Wortbeteiligung, nur um auf halber Strecke plötzlich für den Rest der Veranstaltung konsequent zu verstummen und bloß noch mit ironischem Lächeln dazusitzen. Jetzt scheint er auf dem Evaluationsbogen ein mittellanges Werk zu verewigen, und ich ahne, dass es sich dabei nicht um romantische Liebeslyrik handelt.
Nachdem ich mit den Studenten, die eine Hausarbeit einreichen wollen, meine als Handout verteilte Anleitung mit den wichtigsten Hinweisen zum guten Gelingen durchgegangen bin und die Teilnehmer verabschiedet habe (hallo standing ovations?), stürze ich mich im Büro sofort auf Miroslavs Bogen, der fatalerweise unschwer zu erkennen ist, weil es auf ihm als einzigem kein weißes Fleckchen mehr gibt. Unter der Rubrik: „Was gibt es zu verbessern? (Hier bitte eintragen: Nichts! Sie sind wunderbar!)“ steht Folgendes:
„Sie müssten die Seminarteilnehmer viel mehr zum Nachdenken zwingen!“ Zwingen ist zweimal unterstrichen. „Während des Unterrichts wurde mir nach und nach gegenüber des Plenums immer unbehaglicher zumute. Ich hatte das starke Gefühl, die Mehrheit der Teilnehmer war ausschließlich hinter Faktenwissen her; Definitionen romantischer Literatur, die nur auswendiggelernt und ohne Nachdenken auf die Gedichte projiziert wurden. Damit haben wir die literarischen Texte einer reduktiven Theorie prostituiert. Ich wette, Sie hätten den Kommilitonen auch ein Gedicht aus einer ganz anderen Epoche vorlegen können, und trotzdem hätte ein Großteil Ihnen das als romantische Lyrik interpretiert, weil sowieso niemand eine andere Theorie kannte. Ich hatte den Eindruck, die meisten haben gar nichts wirklich verstanden, nur auswendiggelernt, ohne das Einstudierte zu reflektieren. Ein Beispiel: Als wir die schriftliche Aufgabe zur romantischen Ironie bei Heine bearbeiteten, bekam ich zufällig mit, wie meine Sitznachbarin ihre Freundin fragte: „Sag mal, was is´n eigentlich Ironie?“ Die Freundin antwortete daraufhin: „Ei, ich glaub, wenn´s so komisch lustig is´.“ Da fehlt es meiner Meinung nach einfach an Bezug zur Basis und an kritischer Reflexion. Die theoretischen Begriffe, die wir uns zu Beginn des Seminars als Merkmale romantischer Lyrik erarbeitet haben, hätten mal problematisiert und kritisch hinterfragt werden müssen, statt sie nur anzuwenden – stattdessen ging es hier nur um Input und anschließende direkte Applikation. Die Frage, was uns da von der Forschung an Theorie-Input eigentlich untergeschoben wurde und wie diese Theorie über romantische Lyrik sich konstituiert hat, blieb völlig ausgespart. Damit sind die literarischen Texte lediglich zur Illustration vorab besprochener abstrakter Merkmale verkommen. Abgesehen davon frage ich mich auch noch, warum man romantische Lyrik Ihrer Ansicht nach offenbar nur begreifen kann, wenn man dazu Kants und Schellings ästhetische Theorien liest oder sich die sozialen Gegebenheiten der Epoche ansieht. Ist die Germanistik jetzt nur noch eine Referenzwissenschaft der Philosophie, der Soziologie und der Psychologie? Mir hat dagegen die intensivere Analyse textueller Strukturen, Motive und Metaphern gefehlt. Wenn das, was wir in Ihrem Seminar gemacht haben, repräsentativ ist für die Literaturwissenschaft, dann habe ich daran etwas völlig falsch verstanden und das gesamte Fach interessiert mich überhaupt nicht mehr.“
Hit me, baby, one more time! Selten habe ich einen verheerenderen Kommentar gelesen: „Nachdem ich Ihr Seminar besucht habe, war mir das gesamte Fach verleidet“ – ist das nicht irgendwie das Äquivalent zu „Nach der Beziehung mit dir bin ich lesbisch geworden“?
Um zu verhindern, dass die Wellen über ihm zusammenschlagen, sucht mein gekränktes Ego auf dem mentalen Evaluationsbogen nach billigen Lösungen:
1)Miroslav ist doch einfach nur dumm.
Trifft gar nicht zu; denn wie sich in der ersten Hälfte des Seminars gezeigt hat, ist Miroslav ziemlich intelligent, interessiert und diskussionsbereit. Nur doof, dass das bei fast keinem anderen im Seminar der Fall war und er deswegen nie ein Echo bekam – abgesehen von mir und von genervtem Augenrollen.
2)Miroslav ist ein arroganter Pinsel.
Trifft eher weniger zu; denn der handelsübliche arrogante Pinsel gibt in vergleichbarer Lage während des Seminars mimisch und verbal seine vermeintliche Überlegenheit deutlich zu erkennen: Grinsen, Augenrollen, Kopfschütteln. Nichts davon jedoch beim alten Miroslav.
3)Miroslav hat von gutem Unterricht so viel Ahnung wie Jasons Mutter Mrs. Vorhees von guter Kindererziehung.
Trifft eher weniger zu; Miroslav weiß meiner Ansicht nach genau, wie der Unterricht mehr Sinn machen würde – in einer idealen Welt voller Studis, die wie er bereitwillig alles kritisch auseinandernehmen und das insgesamt mitvollziehen.
4)Miroslav ist voll gemein, ich will zu meiner Mama.
Trifft teilweise zu (nämlich der Part nach dem Komma). Gemein wäre Miroslav, hätte er all das, was auf dem Evaluationsbogen steht, während des Unterrichts vor versammelter Mannschaft herausposaunt, statt es mir unter vier Augen (und auch noch auf meine ausdrückliche Aufforderung hin) mitzuteilen.
Nach eingehender Inspektion leckgeschlagener Rettungsboote säuft mein Ego ohne Schwimmring sang- und klanglos ab, während die Passagiere des studentischen Vergnügungsdampfers an der Reling stehen und zum Abschied nicht mal leise „Servus“ sagen.
Nein, das einzige Problem mit Miroslavs Kritik ist, dass sie genau ins Schwarze trifft. In der Gestaltung meines Unterrichts habe ich mich im Lauf der Jahre an die pragmatischen Bedürfnisse der (Lehramt)studierenden angepasst, und die wollen absolute Eindeutigkeit, abprüfbares Faktenwissen, applizierbare Schlagworte und literarische Texte, die nicht unbedingt gründlich gelesen werden müssen, um verstanden zu sein oder im Unterricht zur Anwendung zu kommen. Theoretisches Wissen wird bei mir mittlerweile nicht mehr in Form von Heimlektüre vermittelt, die dann keiner liest (geschweige denn versteht), sondern auf übersichtlichen Folien kompakt zusammengefasst und im Unterricht mundgerecht serviert, weil sonst die Hälfte des Kurses den Anschluss verliert. Diskussionen, kritische Reflexion oder ergebnisoffene inhaltliche Auseinandersetzung mit textuellen Tiefenstrukturen empfindet der Nicht-Miroslav-Durchschnittsstudent eher als bedrohlich. Die häufigste Forderung auf allen übrigen Evaluationsbögen spricht in dieser Hinsicht Bände: „Mehr Vermittlung von fertig ausgearbeiteten Unterrichtsmodellen, die ich später direkt anwenden kann“ – gleich gefolgt von: „Noch mehr Vermittlung von Faktenwissen, weniger Diskussion über Texte.“ Eine Teilnehmerin schreibt noch: „Ich habe mich nie gemeldet, weil ich nur etwas sage, wenn ich hundertprozentig weiß, dass es genau das ist, was der Dozent gerade hören will.“ Was aber, wenn der Dozent gar nichts Bestimmtes hören will, bis auf eben das, was die Studierende zu der Frage wirklich denkt? Dann kommt, wie dieses Semester, eher keine Diskussion zustande, und das hat auch Miroslav gemerkt.
Doch für mich ist das alles kein Problem, ich muss nur schnell mit links die Quadratur des Kreises bewerkstelligen, während ich mit der anderen Hand die Tafel abwische: Das durchaus nachvollziehbare Bedürfnis angehender Lehrer bedienen, praktisch umsetzbare, kompakte Inhalte für den Unterricht mitzunehmen (was eine artifizielle Reduktion komplexer Zusammenhänge verlangt) – und gleichzeitig den Wunsch ideell und intrinsisch motivierter Freidenker nach kritischer Reflexion erfüllen. Hex hex! Traurig irgendwie, dass mir selbst schon nicht mehr auffällt, wie sehr ich mich hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung bereits der Mehrheit sich zurücklehnender, auswendiglernender Faktenjäger angepasst habe, die das Wort Polyvalenz als Synonym für „Antichrist“ benutzen.
Aber eigentlich geht es hier ja um etwas ganz anderes, nämlich mein abgesoffenes Ego. Das hatte das starke Bedürfnis nach ein bisschen Ei-ei-ei und Kuscheln, wurde aber nicht gefüttert, sondern vom bösen Miroslav zur Strafe in die Ecke gestellt. Och Männo, dabei hab ich mir soooooo Mühe gegeben! Und doch wieder kein Sternchen gekriegt. Wie heißt es so schön? Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, und an diesem dreizehnten Freitag bekomme ich, Mühe hin oder her, nur einen Eimer altes Putzwasser übergeschüttet statt Blumenstrauß und Pralinenschachtel. Und schlimmer noch: Der ganze Dreck im Wasser ist mein eigener.
Superteacher mit seinem roten Cape erscheint vor mir wie aus dem Nichts; ich freue mich schon auf ein bisschen sekundären Trost aus der Heldenliga, doch zu früh gefreut: Sein erhobener pädagogischer Zeigefinger ermahnt mich strengstens, niemals die Lernenden für die narzisstischen Bedürfnisse des Lehrenden zu missbrauchen.
„Doktor Pause“, spricht er mit Donnerstimme, „wann wirst du lernen, dich nicht vom Lob der von dir Abhängigen abhängig zu machen? Dein Ego ist deine Sache, dafür ist kein Student verantwortlich. Und außerdem: Mit konstruktiver Kritik geht man gefälligst auch konstruktiv um.“
Superteacher hat vollkommen recht.
Superteacher ist ein Blödmann.

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Idealismus und Unverschämtheit

Wieder einmal einer dieser schwarzen Montage. Ich sitze in der zweiten Unterrichtsstunde am Pult und traue kaum meinen von der Bildschirmarbeit entzündeten Augen: Mitten im Studentenpulk sitzt eine braungelockte Schönheit, die graziös und mit hochnäsigem Gesichtsausdruck ausgewählte Leckerbissen aus einer durchsichtigen Plastik-Salatschüssel gabelt, während ich über Fontane rede, den anscheinend außer mir keiner gelesen hat.
Vermutlich gibt es Dozenten oder pädagogisch versierte Lehrer, die in solchen Situationen souverän und angemessen reagieren, um die äsende Kommilitonin mit einem flotten Spruch, der ironisch, aber nicht verletzend ist, elegant auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen und dieses damit abzustellen. Schade, dass ich als ehemaliger Magisterstudent keine pädagogische Ausbildung genossen habe und deshalb in diesen Angelegenheiten regelmäßig an mir selbst scheitere.
„…und so sieht man an dieser Stelle, dass die Protagonistin Effi… Also, wenn Sie im Unterricht Salat essen, bringen Sie mich damit irgendwie aus dem Konzept!“
Viel zu zahm und unentschieden, Doktor Pause! Die statuenhafte Brünette mit den Locken zieht, eine weiße Plastikgabel in der Hand, überrascht die Augenbrauen in die Höhe und die Mundwinkel nach unten. Wer stört da beim Snacken? Einige Minuten später wiederholt sich der Vorgang; sie greift zur Plastikgabel, spießt darauf ein grünes Schmankerl mit viel Dressing und befördert das Ganze mit genießerisch geschlossenen Augen in den Mund. Ich sage nichts mehr, koche innerlich aber vor gerechtem Zorn.
Eine halbe Stunde später, ich habe mich gerade wieder beruhigt, zeigt sich jedoch: schlimmer geht immer. Ein vermutlich schwuler (oder auch nur maßlos exzentrischer) Theaterwissenschaftler, der mit Wickelrock und aufgesteckter Langhaarfrisur erschienen ist, greift unter seinen Stuhl und zieht eine Bierflasche hervor, um sich daraus einen tiefen Zug zu genehmigen. Aahh, das tut gut! Gott sei Dank trage ich nur ein T-Shirt mit V-Ausschnitt, denn hätte ich Anzug und Krawatte an, würde mir jetzt der Kragen platzen.
„Sagen Sie mal, Sie trinken doch wohl kein Bier im Unterricht??“
„Doch!“
„Ich glaub, ich spinne! Stellen Sie sofort die Flasche weg! Hier wird gearbeitet, nicht gesoffen! Oder gehen Sie von mir aus runter an den Kiosk zu den Obdachlosen!“
Falscher Ansatz. An den Gesichtern der Kursteilnehmer sehe ich: Damit habe ich mich wieder mal in die Spießerecke gestellt. Doktor Pause, der verkniffene Spielverderber.
Natürlich darf ich Biertrinken im Unterricht nicht dulden, aber hätte ich nicht besser sagen sollen: „Wissen Sie was, setzen Sie sich doch neben die Frau mit dem gemischten Salat; vielleicht hat noch jemand Brot dabei, dann haben Sie schon ein richtiges Picknick!“ Doch leider sind meine Studierenden durch leise Ironie nurmehr selten zu beeindrucken. Bemerkungen dieser couleur bestätigen sie noch in ihrem Verhalten, denn alles, was lustig klingt, macht Spaß und kann daher keine Kritik beinhalten. Bye bye, du Zeit der feinen Zwischentöne.
Auf unterschwellige Unverschämtheiten aufmerksam zu werden ist übrigens ein Teufelskreis: Fühlt man sich erst mal in der Position der beleidigten Leberwurst, sammelt man fortan Kränkungen ein wie Ostereier. So wundert es mich gar nicht, als nach der Stunde eine dickliche Rothaarige mitten im Semester ihre Hausarbeit einreicht, begleitet von den Worten: „Die Note brauche ich ein bisschen früher als sonst. Zwei Wochen haben Sie noch.“
Danke, wie großzügig; möchten Sie Pommes dazu und ein Stück Kuchen? Passende Antworten auf patzige Dreistigkeiten fallen mir leider immer erst hinterher ein. Oft ist es die von der Taktlosigkeit spontan getriggerte Wut, die mein Denken blockiert. Das ist ungünstig, denn diese Wut staut sich auf und wird von Stunde zu Stunde mitgeschleppt. Heute zum Beispiel bin ich schon geladen wie Schießgewehr ins Seminar gekommen; schreckliches Semester, doofer Kurs und blablabla – kein Wunder, dass ein solches Vorurteil sich dann wie eine self fulfilling prophecy bestätigt. Ich will es ja nicht anders.
Wie dem auch sei, nächstes Semester, das nehme ich mir mal wieder vor, weht in Doktor Pauses Seminaren ein anderer Wind. Ich weiß genau, warum es heuer mit der Lehre nicht funktioniert: Schuld ist nur mein Idealismus.
Des Doktors Ideal von Literaturunterricht ist der freie Austausch über die literarischen Texte. Ich will via Lektüre und Gespräch einen Funken im Studentenhirn schlagen; das Buch ein Hammer, ein Amboss der Kopf. Da Prüfungsstress, Zwang und Termindruck sich selten mit mentalem Funkenregen vereinbaren lassen, habe ich dieses Semester ein Experiment gewagt und auf Anwesenheitskontrollen verzichtet. Was anscheinend zur Folge hat, dass weder ich noch der Stoff ernst genommen werden und Doktor Pause, kurz gesagt, als der letzte Luschi gilt. Meine Autorität hat Forschungsfreisemester.
Spontan beschließe ich: Die Sache mit der antiautoritären Erziehung ist der letzte Hippie-Scheiß. Nur wer sich vor versiebten Klausuren und nicht bestandenen Seminaren fürchtet, lernt etwas; und sei es nur, stillzusitzen und den Salat in der Mensa zu lassen. Dieses Semester kann ich das natürlich knicken, aber wartet mal ab bis zur nächsten Runde. Ach was, nächste Runde – ihr kriegt zur Strafe für meine Anti-Autorität einfach alle schlechte Noten auf eure Hausarbeiten.
Kurz darauf rege ich mich wieder ab und vergesse die wüsten Rachephantasien. Folgende E-Mail hat mein Dozentenherz besänftigt und den Tag gerettet. Sie stammt von einem ehemaligen Studenten, der die Uni schon vor einigen Semestern verlassen hat.

Sehr geehrter Herr Doktor Pause,

vielen Dank, dass Sie damals den Roman „Herr der Fliegen“ in Ihrem Seminar behandelt haben. Ich stehe kurz vor dem zweiten Staatsexamen und habe durch die Lektüre des Werks bzw. die emphatische Seminardiskussion Anregungen bekommen für eine mögliche Unterrichtseinheit, die ich meinem Mentor im Referendariat unterbreitete. Sie wurde mit Begeisterung angenommen und die Umsetzung in einem Unterrichtsbesuch mit „sehr gut“ benotet. Dafür, wie gesagt, noch einmal vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,
Sebastian Kleinschmidt

Leider verbinde ich mit Herrn Kleinschmidt kein Gesicht mehr. Ob auch er im Unterricht Salat gegessen oder Bier getrunken hat? Egal, denn sollte das der Fall gewesen sein, hat ihn das offenbar nicht daran gehindert, etwas aus dem Kurs mitzunehmen, das ihm bei den ersten Schritten im Berufsleben nützlich war.

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Zeit ist Geldverschwendung

Montagnachmittag, viertel vor vier – nassgeschwitzt verlasse ich den Seminarraum des Ilse-Aichinger-Kurses. Feierabend, zumindest, was den Unterricht betrifft.
Doch was ist das, warum fällt das Laufen so schwer? Wieso komme ich kaum vom Fleck? Verwundert drehe ich mich um und sehe der unschönen Wahrheit ins Gesicht: Hinter mir her ziehe ich mühsam ein schlechtes Gewissen, das sich am Jackett-Saum festklammert und träge die Beine über den Boden schleifen lässt. So sehr ich auch zerre, das schlechte Gewissen lässt sich nicht abschütteln.
„Hallo Schuldgefühl, wo kommst du denn her?“
„Ich komme aus dem Unterricht“, sagt das Gewissen und fletscht fies die messerscharfen Zähnchen, „ist dir eigentlich aufgefallen, dass in der Sitzung heute keiner was gelernt hat?“
„Doch, ist mir aufgefallen. Furchtbar träge Stunde, keiner wollte mit mir über den Roman reden. Aber ist es meine Schuld, wenn die Studenten sich nicht durch Lektüre auf den Unterricht vorbereiten?“, verteidige ich mich und versuche dabei verzweifelt, das Jackett freizubekommen, um mich vor dem Gewissen ins Büro zu retten. Doch das Gewissen lässt nicht locker.
„Das ist alles deine Schuld. Wärst du zu Beginn des Semesters streng gewesen, hätten die Teilnehmer ihre Arbeit ordentlich erledigt und die Gespräche wären produktiv.“
„Aber das sind doch keine Kindergartenkinder! Ich setze eine erwachsene Grundhaltung voraus und gehe davon aus, dass die was lernen wollen und in der Lage sind, sich eigenständig zu motivieren!“
Das Gewissen hat derweil einen ausgefransten Halbkreis in den Jackett-Rücken genagt. „Im modularisierten Studiensystem funktioniert ohne Druck gar nichts mehr, das müsstest du doch langsam gemerkt haben. Außerdem ist Aichinger viel zu kompliziert für Studenten im dritten Semester, und der Roman ist sowieso zu lang. Die Studenten haben zu viel zu tun, als dass sie noch dreihundertseitige Texte lesen könnten. Die müssen Schlüsselqualifikationen erwerben, Praktika machen und haben ja auch noch ein Privatleben!“
Ich gebe mich geschlagen. Statt weiter um ein Freikommen zu rangeln, ziehe ich kurzerhand einfach das Jackett aus und sehe gerade noch, wie es im Maul des gierigen Gewissens verschwindet, dann bin ich auch schon im Flur und renne ohne Jacke die Treppe hinunter ins Freie.
Im Büro angekommen, überlege ich, ob es stimmt, was das Gewissen da von sich gegeben hat. Überfordere ich meine Studenten mit der Quantität und dem Schwierigkeitsgrad des Lesestoffs? In der Frühe hat mich jedenfalls folgende E-Mail erreicht:

Sehr geehrter Dr. Pause,

hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich Ihr Seminar nicht mehr besuchen werde. Der Grund meiner Nicht-Teilnahme besteht darin, dass ich mich aus zeitlichen Gründen nicht mit dem Thema beschäftigen kann.

Ich bitte Sie um Verständnis und Entschuldigung.

Mit freundlichen Grüßen,
Chantal Berger

Nur zu gerne würde ich Obenstehendes als faule Ausrede abtun, aber würde das aus Frau Bergers Perspektive Sinn machen? Schließlich hätte sie einfach weiter im Seminar rumsitzen können, ohne dass es aufgefallen wäre. Zumindest einen Teilnahmeschein hätte sie bekommen. Stattdessen meldet sie sich ab, weil sie es offenbar zeitlich nicht mehr schafft, einen Roman und drei Kurzgeschichten zu lesen – oder zumindest das Gefühl hat, es sich nicht leisten zu können. Wo habe ich neulich eigentlich mal den Spruch „Zeit ist Geldverschwendung“ gelesen?
Chantal tut mir leid. Das modularisierte Semester geht dem Ende entgegen, und ich kann mir vorstellen, wie das ist: Wahrscheinlich muss sie sich auf mehrere Klausuren durch intensives Auswendiglernen des Unterrichtsstoffs vorbereiten. Linguistik, Mediävistik und Didaktik fahren abprüfbares Faktenwissen auf, das zwei Tage vor der Klausur gelernt und nach dem Hinschreiben schnellstmöglich wieder vergessen werden muss. Kein Wunder, dass da keine Zeit für die Lektüre und das umständliche (und unökonomische) Nachdenken über verwirrende Romane bleibt.
Alles Gute euch allen, die ihr zu viel lernen müsst, um noch denken zu dürfen.

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Doktor Pause hat genug gelästert und schreibt jetzt mal was ganz anderes:

Jennifer lief zur Haustür und schloss sie ab. Während sie zurück durch den Flur, die Diele und vorbei an den Arbeitszimmern ging, hörte sie oben ihre Mutter nach ihr rufen, doch sie ignorierte es und schloss auch die Hintertür ab. Jenny blickte durch das Oberlicht, auf den Zehenspitzen stehend. Nichts zu sehen. Nichts zu sehen.
Dann drehte sie sich mit geschlossenen Augen und einem Seufzen um und machte sich auf den Weg nach oben ins Schlafzimmer.
„Mutter. Was ist denn.“
Ihre Mutter versuchte, sich im Bett aufzurichten, was ihr in letzter Zeit nicht mehr gut gelang. Das rosaseidene Nachthemd war, wie Jenny sehen konnte, nicht mehr ganz sauber. Was hatte die Frau vom Pflegedienst eigentlich gemacht?
„Ich habe nichts mehr zu trinken. Bringst du mir bitte ein Glas Wasser?“
Das Keuchen war schlimmer geworden. Jenny spürte, wie Panik in ihr aufstieg: Ihre Mutter würde sterben. Sie würde ersticken, vielleicht nicht heute, aber mit Sicherheit irgendwann demnächst, und es gab nichts, das Jenny tun konnte, um es zu verhindern.
Sie ging hinunter in die Küche, füllte ein großes Glas mit Mineralwasser aus dem Kühlschrank und ging wieder hinauf, vorbei an den Familienporträts im Treppenaufgang – die meisten Fotos, einige davon aber auch Ölgemälde, wie im neunzehnten Jahrhundert.
„Mama, dein Wasser. Ist sonst alles gut? Brauchst du deinen Sauerstoff?“
Sie fragte das, obwohl ihre Mutter sich den Schlauch, der an der Sauerstoffflasche neben dem Bett befestigt war, jederzeit selbst vom Nachttisch nehmen und in die Nasenlöcher einführen konnte.
„Danke, Kind. Alles in Ordnung.“
Dann trat ein Funkeln in die Augen ihrer Mutter, in dem Jenny mittlerweile eine Warnung zu erkennen wusste.
„Freust du dich, wenn ich demnächst den Löffel abgebe?“
„Mama! Wie kannst du so etwas sagen? Wie soll ich mich über so etwas freuen?“ Ihre Stimme brach.
„Nein, Kind, schon gut, schon gut. Du solltest dich freuen. Ich bin eine gehässige alte Schachtel.“ Das Keuchen. „Ich bin eine Belastung für dich, du gehörst unter junge Leute in deinem Alter.“
„Ich will aber nicht unter junge Leute.“
Das stimmte. Das war schon immer so gewesen. Schon im Kindergarten hatte Jenny nicht gerne mit den anderen Kindern gespielt. Sie war gern für sich, las Bücher, hörte Musik – R. E. M. war ihre Lieblingsband – und hing ihren Gedanken nach. In Gruppen, vor allem in Gruppen Gleichaltriger, fühlte sie sich unwohl.
„Und wie lange warst du schon nicht mehr an der Uni? Du studierst doch noch, oder? Denk auch mal an deine Zukunft, ich kann dir später kein Zeugnis dafür ausstellen, dass du mich totgepflegt hast!“
„Mama!“ Nun brach Jenny tatsächlich in Tränen aus, ihre Mutter hatte es wieder einmal geschafft. Sie wusste, dass ihre Mutter den Gedanken hasste, auf sie angewiesen zu sein, deshalb schikanierte sie Jenny so, doch das machte es im Augenblick nicht besser.
Jenny wandte sich um und rannte aus dem Zimmer.
„Gute Nacht, Kind!“, rief ihre Mutter ihr hinterher. Auf dem Weg durch das große leere Haus, das in Stille getaucht war, wischte Jenny sich die Tränen von den Wangen. Ihr Zimmer war das einzige im Haus ihrer Eltern, das nicht mit dem Vermögen ihres Vaters zu prahlen schien: Jenny hatte vor Jahren darauf bestanden, zwei einander gegenüberliegende Wände schwarz zu streichen und die übrigen beiden weiß zu lassen. Zwei riesige R. E. M.-Poster hatte sie hier aufgehängt, es gab eine Musikanlage mit CD-Player, Plattenspieler, Radio und Tuner, ein CD-Regal und vier große, bis zum Rand gefüllte Bücherregale von Ikea aus weißlackierten Holzbrettern, die von den zwei schwarzen Wänden abstachen. Das Doppelbett, das an der Wand gegenüber der Tür stand, eine mit einem schwarzweißen Karobezug verkleidete Bettdecke lag zusammengeknüllt am Fußende. Ein Schreibtisch am Fenster neben dem Bett. Hier nahm Jenny Platz, um den Kopf in die Hände zu stützen. Als ihr Blick aus dem Fenster fiel, sah sie den stillen Mann.
Der Schock fuhr ihr wie ein glühender Draht durch den Magen. Noch vor wenigen Minuten war sie auf alles vorbereitet gewesen, als sie die Türen verschlossen hatte, doch durch die Szene mit ihrer Mutter war sie abgelenkt worden und hatte die… Gestalten… zumindest vorübergehend vergessen. Umso heftiger traf der Schock sie nun, als sie wie zufällig aus dem Fenster hinunter auf die Straße sah.
Der Mann trug grauschwarze Kleidung und sah völlig normal aus, in einer Menschenmenge wäre er nicht weiter aufgefallen. Ein glattrasiertes Gesicht mit Zügen, die man übersehen konnte, weder hübsch noch hässlich. So ein Mann wäre Jennifer nicht weiter aufgefallen – stünde er nicht auf der Straße vor ihrem Schlafzimmerfenster und starrte er nicht direkt in ihr Gesicht, den Kopf leicht erhoben.
Aber das war noch nicht das Unheimlichste: der Mann bewegte sich nicht. Nichts an ihm bewegte sich, keine Falte seiner Kleidung, keine seiner rötlichbraunen Haarsträhnen flatterte im Wind, während Jenny doch sah, wie die Blätter der Bäume am Straßenrand in der Brise des Herbstabends erzitterten. Der Mann wirkte nicht lebendig, er war wie ein Standbild, das jemand aus einem Film heraus und in ihre Wirklichkeit montiert hatte.
Jenny blieb die Luft weg. So musste ihre Mutter sich fühlen, dachte sie. Als sie vom Schreibtisch aufstand und zum Bett ging – rückwärts, ohne den Mann aus den Augen zu lassen – fühlten ihre Knie sich wie Pudding an. Jenny warf sich auf das ungemachte Bett und zog die Decke über den Kopf.
„Geh weg. Geh weg. Geh weg. Du bist nicht real, bitte geh weg“, dachte sie und kniff die Augen zusammen.

Zum ersten Mal waren ihr die stillen Menschen vor etwa einem halben Jahr aufgefallen, ungefähr zu der Zeit, als ihre Mutter ihr eines Morgens sachlich erklärt hatte, sie sei zu schwach, um aufzustehen, der Krebs habe sie nun endgültig überwältigt. In einer Art Schocklähmung war Jennifer aus dem Haus gestolpert, ihr Inneres hatte sich angefühlt wie mit Watte ausgefüllt, ganz taub war sie, den schwarzen Uni-Rucksack an einem Gurt über die rechte Schulter geschlungen, zur U-Bahn-Station getappt, um wie immer zur Universität zu fahren. In der Bahn war ihr jedoch plötzlich die Vorstellung, inmitten ihrer Kommilitonen in muffigen Seminarräumen und Vorlesungssälen zu sitzen und sich anzuhören, wie sie prätentiös über Kafka und Joyce Carol Oates diskutierten, unerträglich geworden, und sie war in der Innenstadt ausgestiegen, hatte sich in der Einkaufszeile, die mehrheitlich von Touristen bevölkert wurde, mittreiben lassen, während der Schock wie ein kantiger Kasten in ihrem Magen auf und ab fuhr, ohne einen Weg ins Freie zu finden.
Sie hatte natürlich gewusst, dass ihre Mutter Lungenkrebs hatte, doch bisher hatte Mutter es in der für sie typischen dickköpfigen Entschiedenheit abgelehnt, sich von der Krankheit einschränken zu lassen. Die wiederkehrenden Anfälle von Atemnot hatte sie ignoriert, die Sauerstoffflasche stand unberührt neben dem Schlafzimmernachttisch. Bis zu diesem Morgen, und nun wurde Jennifer klar, dass auch sie selbst sich geweigert hatte, die Krankheit ihrer Mutter anzuerkennen als das, was sie war: irreversibel, inoperabel, tödlich.
Während sie sich durch Einkaufspassagen und Konsumtempel schieben ließ, über Rolltreppen durch Gänge einer Mall und wieder ins Freie, versuchte sie verzweifelt, ihre Gedanken zu ordnen und musste feststellen, dass sie an gar nichts denken konnte – ihr Kopf war leer und dumpf, als habe jemand mit einem riesigen Apfelentkerner ihr Gehirn entfernt.
Kurz darauf hatte eine subtile Veränderung, eine ungewisse Verschiebung der Umgebung ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es dauerte eine Weile, bis Jennifer kapiert hatte, was an Hamburgs Einkaufsmeile plötzlich nicht mehr stimmte: Mitten in der Tüten schleppenden, Pommes Frites essenden, Pappbecher tragenden Paare und Familien standen einzelne Gestalten völlig still – was Jenny angesichts des Betriebs fast unmöglich erschien. Etwa zwanzig Meter von sich entfernt sah sie einen grauschwarz gekleideten Mann mit rötlichbraunen Haaren. Er sah sie über die Köpfe der Menschen hinweg direkt an. Nichts an dem Mann bewegte sich, er rührte sich nicht, und seine Kleidung warf keine einzige Falte. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel.
Jennifer blieb nicht stehen, plötzlich war sie aus ihrer dumpfen Gedankenlosigkeit gerissen worden. Sie war schnell an dem Mann vorübergegangen, ohne ihn weiter zu beachten. Doch schon nach kurzer Zeit fiel ihr Blick auf eine Frau, die in der Nähe des Eingangs der Boutique Zara an der Häuserfassade lehnte. Sie trug ein neutrales graues Kostüm, das auch die Uniform einer sozialistischen Gruppe hätte sein können, verzog keine Miene ihres glatten, schwer zu fassenden Gesichts – ein Gesicht, dachte Jennifer, das man sofort vergessen konnte – und verharrte ebenso bewegungslos wie der Mann vor ein paar Sekunden. Die Frau sah Jennifer direkt in die Augen, und diesmal sah Jennifer genauer hin. Die Nackenhaare stellten sich ihr auf, als ihr bewusst wurde, dass die Frau nicht blinzelte.
Jenny war versucht, sich nach Kameras umzusehen, war sie in einen Filmdreh geraten?
Das war den ganzen Tag so weitergegangen. Nachdem sie erst einmal auf die stillen Menschen, wie sie sie nannte, aufmerksam geworden war, hatte sie sie an jeder Ecke gesehen, auf der Einkaufszeile, in Cafés, Nebenstraßen, Waschsalons, Telefonzellen und Umkleidekabinen von Kaufhäusern. Die stillen Menschen waren überall, und es kam Jenny vor, als seien sie schon immer da gewesen. Nur waren sie so leicht zu übersehen, dachte sie, als seien sie Signale eines Senders, der auf einer anderen Frequenz funkte als der Rest der Menschheit.
In einem Café hatte sie eine stille Frau gesehen – blonde, hochtoupierte Haare, blaugraues Kostüm, eine Frau wie aus einem Hitchcock-Film – die stundenlang bewegungslos und ohne ihre Haltung auch nur im Geringsten zu verändern an einem der kleinen Tische saß. Niemand hatte sie bedient, und sie hatte auch keine Tasse vor sich, kein Kellner wandte sich ihr zu, und niemand sah sie auch nur an – doch es setzte sich auch niemand an ihren Tisch, der in den Augen der übrigen Gäste und der Belegschaft offenbar frei war. Irgendwann wurde Jenny klar, dass nur sie selbst die stillen Menschen sehen konnte. Die anderen wichen ihnen instinktiv aus, mieden Plätze, wo die stillen Menschen standen oder saßen, nie kamen sie ihnen in die Quere, doch sie sahen sie nicht, wie Jenny sie sah. Was die Sache nicht einfacher machte.
Sie hatte einen Kaffee bestellt, ein Buch aus ihrem Rucksack geholt und es geschafft, sich eine Weile in die Geschichte zu vertiefen – etwas, das sie für ihr Komparatistik-Studium lesen sollte. Als sie aufschaute, durchfuhr sie ein kalter Schrecken: Hatte die stille Frau zuvor in Richtung des Eingangs geblickt, so war ihr Kopf nun plötzlich in Jennifers Richtung gewandt. Jenny hatte die Bewegung, die sie vollzogen haben musste, nicht wahrgenommen, die Frau saß ebenso regungslos auf ihrem Platz wie zuvor, doch nun blickte sie Jennifer direkt an, der Mund ein schmaler Schlitz, die eisgrauen Augen in Jennifers Augen versenkt. Es war Jennifer, als pralle ihr eigener Blick an der vereisten Fläche eines gefrorenen Winterteichs ab; im Blick dieser Frau gab es keine Wärme oder Tiefe, als verkörpere sie die reine Oberfläche.
Hastig hatte Jenny gezahlt und war zurück auf die Straße gestolpert. Zum ersten Mal seit Stunden fiel ihr unvermittelt ihre kranke Mutter ein.
So hatte es also angefangen. An diesem Tag, und seither kein einziges Mal, war sie nicht zur Uni gefahren. Sie hatte die nächste S-Bahn nach Hause genommen und sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Am Abend, als ihr klar wurde, dass offenbar weiter nichts passierte, hatte sie nach ihrer Mutter gesehen, ihren Vater in Wien angerufen und mit ihm über die vielleicht bald notwendig werdende Bestellung eines Pflegedienstes verhandelt. Ihr Vater hatte sich einverstanden erklärt.

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Lektüre genießen in vollen Zügen

Die Semesterferien zur Erholung zu nutzen, wäre einfach zu viel verlangt; da geht es dem Dozenten nicht anders als seinen Seminarteilnehmern. Die Arbeiten, die letztere schreiben, müssen von ersterem korrigiert werden, und so erhält ein jeder, was er verdient. Außerdem steht dozentenseitig natürlich wieder eine Tagung inklusive Vortrag an, und die Abschluss-Thesen stapeln sich auf dem Schreibtisch. Die wissenschaftliche Weiterqualifizierung, also das Schreiben an der Habilitation, darf ebenfalls nicht zu kurz kommen und nimmt außer den Wochentagen auch die Samstage und Sonntage in Anspruch.
Weil ich mit alldem aber scheinbar noch nicht ganz ausgelastet bin, melde ich mich todesmutig für eine Weiterbildung, die mit meinem Wissenschaftsfeld in Verbindung steht, in einer nahegelegenen Großstadt an. Das heißt: eine Woche lang jeden Tag um fünf Uhr dreißig aufstehen, um den Zug zu erwischen; dann gilt es von morgens bis abends Vorträge anzuhören. Wenn in aller Herrgottsfrühe der Wecker klingelt, fluche ich und frage mich, wozu ich mir dieses Gehetze eigentlich antue. Doch die Vorträge sind fast alle sehr interessant und entschädigen für die verfrühte Weckung.
Da ich, mit einem dicken Stephen King-Roman getarnt, inkognito unterwegs und als Dozent nicht zu erkennen bin, kann ich im Zug die Gespräche meiner studentischen Mitreisenden ungestört verfolgen – als Lehrer ist man natürlich neugierig, was die so über den Unterricht erzählen, wenn sie sich vom parentalen Advisorium unbelästigt in offener Wildbahn frei entfalten können. Diese Chance ergibt sich für mich nur allzu selten, daher spitze ich eines Morgens im Zug gehörig die Ohren, als die zwei jungen Männer Mitte zwanzig auf den Plätzen mir gegenüber sich indirekt als Anglistik-Lehramtsstudenten zu erkennen geben. Bald schon dreht ihr Gespräch sich um den angemessenen Umgang mit verpflichtender Seminarlektüre.
„Also, eigentlich liest man ja nur Zusammenfassungen, ist doch klar.“
„Logisch. Zusammenfassungen lesen reicht total. Checkst du mal so, um was es grob geht in dem Buch, alles andere dauert zu lang.“
Oh nein, denke ich verzweifelt, selbst wenn Dr. Pause sich vornimmt, in zivil mit öffentlichen Verkehrsmitteln dem Problem der Literaturvermittlung an Studierende zu entkommen, kann er wie Ödipus seinem Schicksal offenbar nicht entweichen. Irgendwo in meinen Sternbildern muss es so verzeichnet sein: Dr. Pause ist auserkoren, den Lernwiderstand und die Lesefaulheit junger Lehrer und Bachelor in spe aus erster Hand zu bezeugen. Während der Zug vor sich hin rattert, pocht mir plötzlich das Herz bis zum Hals und der kalte Schweiß bricht mir aus – bloß nicht aufregen jetzt, es sind Ferien! Panisch frage ich mich, ob ich meine Blutdrucktabletten im Gepäck habe. Fehlanzeige. Da Ohrstöpsel ebenfalls nicht mit von der Partie sind, bin ich dem Gespräch der beiden Junglehrer hilflos ausgeliefert. Lauschaktionen, die sich gegen den Lauscher wenden, das hab ich jetzt davon!
„Ich hab eigentlich immer nur Zusammenfassungen von allen Büchern gelesen, reicht total.“
„Klar, ich auch!“
„Ach nee, wart mal, ein Buch hab ich doch gelesen!“
Am liebsten würde ich jetzt dazwischenfragen, was er mit „ein Buch“ denn nun genau meint – ein Buch im ganzen Studium? Dazu möchte ich gratulieren, ein Buch gelesen zu haben hilft Mr. Zusammenfassung sicher ungemein weiter, wenn er in absehbarer Zeit als Englischlehrer arbeitet und Literatur unterrichten muss. Ein Buch ist besser als keins, ein Buch muss man gelesen haben, ein Buch ist klein und handlich und versperrt noch nicht mal allzu viel Platz im Regal (es sei denn, man lädt es sich aufs Smartphone, aber dann hat man nichts zum Drunterlegen, wenn der Tisch wackelt), ein Buch ist leicht und belastet nicht, ein Buch pro Literaturstudium ist, kurz gesagt, genau die richtige Dosis.
„Was war denn das für´n Buch?“
„Das hieß Brave New World, kennst du das? Autor hab ich jetzt vergessen. Da geht´s um so´n Zukunftsstaat, in dem alle total gleichgeschaltet sind und so. Hat mich echt mal mitgenommen, das hab ich dann auch gelesen.“
„Ja klar, wenn´s einen abholt, liest man´s auch mal durch.“
„Ja, aber sonst liest man echt nur Zusammenfassungen.“
„Ja, klar. Hat ja sonst auch keinen Sinn.“
„Man muss ja ökonomisch denken.“
„Ich will fertigwerden mit dem Studium. Hat sowieso nichts mit dem Job zu tun.“
„Klar, da heißt´s jetzt einfach, alles in den Kopf hauen, durch die Klausuren und dann ex und amen! Endlich Kohle verdienen!“
Was Aldous Huxley wohl zum Urteil von Mr. Zusammenfassung gesagt hätte? Brave New World indeed. Mir wird angesichts eines solch allumfassenden Pragmatismus ganz schwummerig zumute; ein bisschen neidisch bin ich aber schon auf diese nüchterne Grundhaltung, die einen vermutlich reibungslos durchs Leben führt. Die beiden Jungs strahlen eine Abgeklärtheit und eine sachliche Distanz zu ihrem Fach, dem angestrebten Beruf und der Welt im Allgemeinen aus, die ich als rund fünfzehn Jahre älterer Mensch noch nicht erlangt habe und wohl auch nicht erwerben werde, wenn ich noch dreimal so lange auf diesem Planeten meine Zeit mit unökonomischer Romanlektüre und dem Nachdenken und Schreiben über Literatur verbringe.
An der nächsten Station steigt einer der beiden Literaturpragmatiker aus. Seufzend vertiefe ich mich wieder in meine Stephen King-Lektüre, die mich Gott sei Dank voll abholt. Dann liest man das wenigstens auch mal durch, wenn´s nicht zu dick ist, gerne in einem Zug!

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