Jennifer lief zur Haustür und schloss sie ab. Während sie zurück durch den Flur, die Diele und vorbei an den Arbeitszimmern ging, hörte sie oben ihre Mutter nach ihr rufen, doch sie ignorierte es und schloss auch die Hintertür ab. Jenny blickte durch das Oberlicht, auf den Zehenspitzen stehend. Nichts zu sehen. Nichts zu sehen.
Dann drehte sie sich mit geschlossenen Augen und einem Seufzen um und machte sich auf den Weg nach oben ins Schlafzimmer.
„Mutter. Was ist denn.“
Ihre Mutter versuchte, sich im Bett aufzurichten, was ihr in letzter Zeit nicht mehr gut gelang. Das rosaseidene Nachthemd war, wie Jenny sehen konnte, nicht mehr ganz sauber. Was hatte die Frau vom Pflegedienst eigentlich gemacht?
„Ich habe nichts mehr zu trinken. Bringst du mir bitte ein Glas Wasser?“
Das Keuchen war schlimmer geworden. Jenny spürte, wie Panik in ihr aufstieg: Ihre Mutter würde sterben. Sie würde ersticken, vielleicht nicht heute, aber mit Sicherheit irgendwann demnächst, und es gab nichts, das Jenny tun konnte, um es zu verhindern.
Sie ging hinunter in die Küche, füllte ein großes Glas mit Mineralwasser aus dem Kühlschrank und ging wieder hinauf, vorbei an den Familienporträts im Treppenaufgang – die meisten Fotos, einige davon aber auch Ölgemälde, wie im neunzehnten Jahrhundert.
„Mama, dein Wasser. Ist sonst alles gut? Brauchst du deinen Sauerstoff?“
Sie fragte das, obwohl ihre Mutter sich den Schlauch, der an der Sauerstoffflasche neben dem Bett befestigt war, jederzeit selbst vom Nachttisch nehmen und in die Nasenlöcher einführen konnte.
„Danke, Kind. Alles in Ordnung.“
Dann trat ein Funkeln in die Augen ihrer Mutter, in dem Jenny mittlerweile eine Warnung zu erkennen wusste.
„Freust du dich, wenn ich demnächst den Löffel abgebe?“
„Mama! Wie kannst du so etwas sagen? Wie soll ich mich über so etwas freuen?“ Ihre Stimme brach.
„Nein, Kind, schon gut, schon gut. Du solltest dich freuen. Ich bin eine gehässige alte Schachtel.“ Das Keuchen. „Ich bin eine Belastung für dich, du gehörst unter junge Leute in deinem Alter.“
„Ich will aber nicht unter junge Leute.“
Das stimmte. Das war schon immer so gewesen. Schon im Kindergarten hatte Jenny nicht gerne mit den anderen Kindern gespielt. Sie war gern für sich, las Bücher, hörte Musik – R. E. M. war ihre Lieblingsband – und hing ihren Gedanken nach. In Gruppen, vor allem in Gruppen Gleichaltriger, fühlte sie sich unwohl.
„Und wie lange warst du schon nicht mehr an der Uni? Du studierst doch noch, oder? Denk auch mal an deine Zukunft, ich kann dir später kein Zeugnis dafür ausstellen, dass du mich totgepflegt hast!“
„Mama!“ Nun brach Jenny tatsächlich in Tränen aus, ihre Mutter hatte es wieder einmal geschafft. Sie wusste, dass ihre Mutter den Gedanken hasste, auf sie angewiesen zu sein, deshalb schikanierte sie Jenny so, doch das machte es im Augenblick nicht besser.
Jenny wandte sich um und rannte aus dem Zimmer.
„Gute Nacht, Kind!“, rief ihre Mutter ihr hinterher. Auf dem Weg durch das große leere Haus, das in Stille getaucht war, wischte Jenny sich die Tränen von den Wangen. Ihr Zimmer war das einzige im Haus ihrer Eltern, das nicht mit dem Vermögen ihres Vaters zu prahlen schien: Jenny hatte vor Jahren darauf bestanden, zwei einander gegenüberliegende Wände schwarz zu streichen und die übrigen beiden weiß zu lassen. Zwei riesige R. E. M.-Poster hatte sie hier aufgehängt, es gab eine Musikanlage mit CD-Player, Plattenspieler, Radio und Tuner, ein CD-Regal und vier große, bis zum Rand gefüllte Bücherregale von Ikea aus weißlackierten Holzbrettern, die von den zwei schwarzen Wänden abstachen. Das Doppelbett, das an der Wand gegenüber der Tür stand, eine mit einem schwarzweißen Karobezug verkleidete Bettdecke lag zusammengeknüllt am Fußende. Ein Schreibtisch am Fenster neben dem Bett. Hier nahm Jenny Platz, um den Kopf in die Hände zu stützen. Als ihr Blick aus dem Fenster fiel, sah sie den stillen Mann.
Der Schock fuhr ihr wie ein glühender Draht durch den Magen. Noch vor wenigen Minuten war sie auf alles vorbereitet gewesen, als sie die Türen verschlossen hatte, doch durch die Szene mit ihrer Mutter war sie abgelenkt worden und hatte die… Gestalten… zumindest vorübergehend vergessen. Umso heftiger traf der Schock sie nun, als sie wie zufällig aus dem Fenster hinunter auf die Straße sah.
Der Mann trug grauschwarze Kleidung und sah völlig normal aus, in einer Menschenmenge wäre er nicht weiter aufgefallen. Ein glattrasiertes Gesicht mit Zügen, die man übersehen konnte, weder hübsch noch hässlich. So ein Mann wäre Jennifer nicht weiter aufgefallen – stünde er nicht auf der Straße vor ihrem Schlafzimmerfenster und starrte er nicht direkt in ihr Gesicht, den Kopf leicht erhoben.
Aber das war noch nicht das Unheimlichste: der Mann bewegte sich nicht. Nichts an ihm bewegte sich, keine Falte seiner Kleidung, keine seiner rötlichbraunen Haarsträhnen flatterte im Wind, während Jenny doch sah, wie die Blätter der Bäume am Straßenrand in der Brise des Herbstabends erzitterten. Der Mann wirkte nicht lebendig, er war wie ein Standbild, das jemand aus einem Film heraus und in ihre Wirklichkeit montiert hatte.
Jenny blieb die Luft weg. So musste ihre Mutter sich fühlen, dachte sie. Als sie vom Schreibtisch aufstand und zum Bett ging – rückwärts, ohne den Mann aus den Augen zu lassen – fühlten ihre Knie sich wie Pudding an. Jenny warf sich auf das ungemachte Bett und zog die Decke über den Kopf.
„Geh weg. Geh weg. Geh weg. Du bist nicht real, bitte geh weg“, dachte sie und kniff die Augen zusammen.
Zum ersten Mal waren ihr die stillen Menschen vor etwa einem halben Jahr aufgefallen, ungefähr zu der Zeit, als ihre Mutter ihr eines Morgens sachlich erklärt hatte, sie sei zu schwach, um aufzustehen, der Krebs habe sie nun endgültig überwältigt. In einer Art Schocklähmung war Jennifer aus dem Haus gestolpert, ihr Inneres hatte sich angefühlt wie mit Watte ausgefüllt, ganz taub war sie, den schwarzen Uni-Rucksack an einem Gurt über die rechte Schulter geschlungen, zur U-Bahn-Station getappt, um wie immer zur Universität zu fahren. In der Bahn war ihr jedoch plötzlich die Vorstellung, inmitten ihrer Kommilitonen in muffigen Seminarräumen und Vorlesungssälen zu sitzen und sich anzuhören, wie sie prätentiös über Kafka und Joyce Carol Oates diskutierten, unerträglich geworden, und sie war in der Innenstadt ausgestiegen, hatte sich in der Einkaufszeile, die mehrheitlich von Touristen bevölkert wurde, mittreiben lassen, während der Schock wie ein kantiger Kasten in ihrem Magen auf und ab fuhr, ohne einen Weg ins Freie zu finden.
Sie hatte natürlich gewusst, dass ihre Mutter Lungenkrebs hatte, doch bisher hatte Mutter es in der für sie typischen dickköpfigen Entschiedenheit abgelehnt, sich von der Krankheit einschränken zu lassen. Die wiederkehrenden Anfälle von Atemnot hatte sie ignoriert, die Sauerstoffflasche stand unberührt neben dem Schlafzimmernachttisch. Bis zu diesem Morgen, und nun wurde Jennifer klar, dass auch sie selbst sich geweigert hatte, die Krankheit ihrer Mutter anzuerkennen als das, was sie war: irreversibel, inoperabel, tödlich.
Während sie sich durch Einkaufspassagen und Konsumtempel schieben ließ, über Rolltreppen durch Gänge einer Mall und wieder ins Freie, versuchte sie verzweifelt, ihre Gedanken zu ordnen und musste feststellen, dass sie an gar nichts denken konnte – ihr Kopf war leer und dumpf, als habe jemand mit einem riesigen Apfelentkerner ihr Gehirn entfernt.
Kurz darauf hatte eine subtile Veränderung, eine ungewisse Verschiebung der Umgebung ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es dauerte eine Weile, bis Jennifer kapiert hatte, was an Hamburgs Einkaufsmeile plötzlich nicht mehr stimmte: Mitten in der Tüten schleppenden, Pommes Frites essenden, Pappbecher tragenden Paare und Familien standen einzelne Gestalten völlig still – was Jenny angesichts des Betriebs fast unmöglich erschien. Etwa zwanzig Meter von sich entfernt sah sie einen grauschwarz gekleideten Mann mit rötlichbraunen Haaren. Er sah sie über die Köpfe der Menschen hinweg direkt an. Nichts an dem Mann bewegte sich, er rührte sich nicht, und seine Kleidung warf keine einzige Falte. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel.
Jennifer blieb nicht stehen, plötzlich war sie aus ihrer dumpfen Gedankenlosigkeit gerissen worden. Sie war schnell an dem Mann vorübergegangen, ohne ihn weiter zu beachten. Doch schon nach kurzer Zeit fiel ihr Blick auf eine Frau, die in der Nähe des Eingangs der Boutique Zara an der Häuserfassade lehnte. Sie trug ein neutrales graues Kostüm, das auch die Uniform einer sozialistischen Gruppe hätte sein können, verzog keine Miene ihres glatten, schwer zu fassenden Gesichts – ein Gesicht, dachte Jennifer, das man sofort vergessen konnte – und verharrte ebenso bewegungslos wie der Mann vor ein paar Sekunden. Die Frau sah Jennifer direkt in die Augen, und diesmal sah Jennifer genauer hin. Die Nackenhaare stellten sich ihr auf, als ihr bewusst wurde, dass die Frau nicht blinzelte.
Jenny war versucht, sich nach Kameras umzusehen, war sie in einen Filmdreh geraten?
Das war den ganzen Tag so weitergegangen. Nachdem sie erst einmal auf die stillen Menschen, wie sie sie nannte, aufmerksam geworden war, hatte sie sie an jeder Ecke gesehen, auf der Einkaufszeile, in Cafés, Nebenstraßen, Waschsalons, Telefonzellen und Umkleidekabinen von Kaufhäusern. Die stillen Menschen waren überall, und es kam Jenny vor, als seien sie schon immer da gewesen. Nur waren sie so leicht zu übersehen, dachte sie, als seien sie Signale eines Senders, der auf einer anderen Frequenz funkte als der Rest der Menschheit.
In einem Café hatte sie eine stille Frau gesehen – blonde, hochtoupierte Haare, blaugraues Kostüm, eine Frau wie aus einem Hitchcock-Film – die stundenlang bewegungslos und ohne ihre Haltung auch nur im Geringsten zu verändern an einem der kleinen Tische saß. Niemand hatte sie bedient, und sie hatte auch keine Tasse vor sich, kein Kellner wandte sich ihr zu, und niemand sah sie auch nur an – doch es setzte sich auch niemand an ihren Tisch, der in den Augen der übrigen Gäste und der Belegschaft offenbar frei war. Irgendwann wurde Jenny klar, dass nur sie selbst die stillen Menschen sehen konnte. Die anderen wichen ihnen instinktiv aus, mieden Plätze, wo die stillen Menschen standen oder saßen, nie kamen sie ihnen in die Quere, doch sie sahen sie nicht, wie Jenny sie sah. Was die Sache nicht einfacher machte.
Sie hatte einen Kaffee bestellt, ein Buch aus ihrem Rucksack geholt und es geschafft, sich eine Weile in die Geschichte zu vertiefen – etwas, das sie für ihr Komparatistik-Studium lesen sollte. Als sie aufschaute, durchfuhr sie ein kalter Schrecken: Hatte die stille Frau zuvor in Richtung des Eingangs geblickt, so war ihr Kopf nun plötzlich in Jennifers Richtung gewandt. Jenny hatte die Bewegung, die sie vollzogen haben musste, nicht wahrgenommen, die Frau saß ebenso regungslos auf ihrem Platz wie zuvor, doch nun blickte sie Jennifer direkt an, der Mund ein schmaler Schlitz, die eisgrauen Augen in Jennifers Augen versenkt. Es war Jennifer, als pralle ihr eigener Blick an der vereisten Fläche eines gefrorenen Winterteichs ab; im Blick dieser Frau gab es keine Wärme oder Tiefe, als verkörpere sie die reine Oberfläche.
Hastig hatte Jenny gezahlt und war zurück auf die Straße gestolpert. Zum ersten Mal seit Stunden fiel ihr unvermittelt ihre kranke Mutter ein.
So hatte es also angefangen. An diesem Tag, und seither kein einziges Mal, war sie nicht zur Uni gefahren. Sie hatte die nächste S-Bahn nach Hause genommen und sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Am Abend, als ihr klar wurde, dass offenbar weiter nichts passierte, hatte sie nach ihrer Mutter gesehen, ihren Vater in Wien angerufen und mit ihm über die vielleicht bald notwendig werdende Bestellung eines Pflegedienstes verhandelt. Ihr Vater hatte sich einverstanden erklärt.