Die Kunst, eine Flaschenpost zu gestalten.

Hier geht es um das Schreiben und Basteln von Flaschenpost. 🙂 Damit meine ich nicht ein stilvoll verpacktes Geldgeschenk, einen Hochzeitsglückwunsch oder eine Einladung zu einem Kinder-Piratengeburtstag, sondern eine echte seetüchtige Briefbuddel, die wie in alten Tagen eine persönliche Botschaft über das Meer oder den Fluss hinunter trägt.

Für alle, die nach solchen Basteltips suchen, klebe ich diese Anleitung hier auf die Startseite, damit es gleich losgehen kann. (Eine Kurzfassung für Kinder  gibt es =>hier.)

Aber auf diesem Blog gibt es natürlich viel mehr Flaschenpostgeschichten zu entdecken. Ich lade deshalb herzlich dazu ein, mal in den „neuesten Beiträgen“ oder in den „Artikeln nach Themen“ in der rechten Spalte zu stöbern! (Dazu evtl. ein bischen nach unten scrollen. Bei Handys ganz nach unten!) Oder auch mal einen Suchbegriff in das Textfeld darüber einzugeben und zu gucken, was dann kommt. Alle unterstrichenen oder blauen Begriffe, auch in den Texten, sind Verknüpfungen („links“) zum weitersurfen. Viel Freude dabei!

Aber nun gehts los:

Flasche her, Zettel rein, Deckel drauf, – und tschüß!

Maritime Romantik, in Glas gefüllt.

Flaschenpost: maritime Romantik, in Glas gefüllt.

Das ist simpel, dafür braucht man keine Anleitung. Die allermeisten Flaschenposten entstehen so. Manch einer  stopft einfach eine Visitenkarte in die Buddel*. Okay, so kanns gehen. Gegen solche Spontanflaschenposten ist auch gar nichts einzuwenden, oft sind gerade sie für besondere Überraschungen gut. Aber wenn man etwas Zeit hat, darf eine Flaschenpost schon etwas mehr Mühe wert sein, finde ich. Immerhin geht es darum, ein Stück maritime Romantik in das technische Zeitalter zu retten, einem Menschen eine Freude zu machen oder auch zum Nachdenken anzuregen. Deswegen hier ein paar Impulse zum Herstellen von richtig stilvollen Flaschenposten.

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Ein Brief nach sieben Jahren. Oder: Wie ich den Löffel abgab.

„Das muss mit einer Flaschenpost zu tun haben“, schoss es mir durch den Kopf. „Eine Fundmeldung, was sonst!“ Aus dem Briefkasten war mir ein Umschlag mit einem unbekannten Absender entgegengepurzelt. Aus einem Ort an der Eckernförder Bucht. Was konnte das anderes sein als die Nachricht von jemandem, der eine meiner Flaschenposten gefunden hatte!

Meistens kommen Fundmeldungen per E-Mail. Manche kurz und knapp, andere mit ausführlichen Schilderungen. Viele mit Fotos vom Fundort, von der Flasche und ihrem Inhalt, der manchmal Spuren der Seereise zeigt. Gelegentlich sind auch Postkarten gekommen. Aber seit einer Brieffreundschaft aus Teeniezeiten hatte ich noch nie einen Brief als Antwort auf meine Seeflaschen bekommen. Dieses war der erste.

Ich machte mir erstmal einen Kakao, holte den Brieföffner aus dem Sekretär und machte es mir dann in meinem Lieblingssessel bequem. Den Brieföffner hatte ich als Elfjähriger aus dem Kontor meines Großvaters geklaut, als nach seinem Tod sein Geschäft aufgelöst wurde. Das Stück sieht wie ein altertümlicher Dolch aus, dachte ich damals in meiner Jungenphantasie. Und deshalb schien er mir jetzt für dieses kleine Zeremoniell gut geeignet.

Handgeschrieben auf stilvollem Papier, – ich liebe sowas!

Ja, Briefe öffnen und lesen, richtige Schreibebriefe von lieben Menschen und nicht das Zeug vom Finanzamt oder die Abrechnung der Hausverwaltung, das muss man zelebrieren und genießen. Der Blick auf den Absender und die Briefmarke, das Auseinanderfalten und Glattstreichen des Papiers, das Betrachten der Handschrift beim Lesen, vielleicht auch das Verweilen bei einer schwer zu entziffernden Passage, – ich liebe das. Eine Textnachricht auf dem Handy ist dagegen Fast Food im Vergleich zu einem Vier-Gänge-Menü. Schade, dass das immer seltener wird. Die Dänen schaffen analoge Post zum Jahreswechsel fast ganz ab. Die malerischen roten Briefkästen der Postgesellschaft wandern ins Heimatmuseum oder werden an Liebhaber verhökert. Na ja, die Portokosten waren bisher schon horrend, wohl deshalb hatte ich nie eine Karte von dort bekommen. Okay, in der Digitalisierung sind uns die Skandinavier voraus. Aber die Meister der Hygge¹ nehmen sich was, finde ich.

Ich schlitzte also den Umschlag auf und erlebte eine faustdicke Überraschung. Es war tatsächlich eine Fundmeldung. Aber die Briefbuddel, um die es hier ging, war schon vor sieben Jahren aus dem Wasser gezogen worden! – Ich musste mein Logbuch zu Rate ziehen, um alle Details zusammen zu bekommen.

Die „Rollo“ in Holtnau.

Damals, am 25. Juni 2018, hatte ich mich mit meinem Freund und Flaschenpostkollegen, dem Künstler Wolf Schindler im Jachthafen an der Holtenauer Kanalschleuse getroffen. Er und seine Freunde waren dabei, die „Rollo“ für einen Törn in die dänische Südsee klar zu machen. Die „Rollo“ ist eine nach dem Vorbild der legendären von Colin Archer entworfenen norwegischen Rettungskutter gebaute Gaffelketsch, ein noch richtig „handwerklich“ zu segelndes Schiff. Von daher war sie für das romantisch angehauchte Geschäft der Flaschenposterei das optimale Fahrzeug. Wolf hatte drei Flaschenposten dabei und ich gab ihm weitere drei mit auf die Reise. Gegen Mittag wurden die Leinen losgeworfen, ich wünschte guten Wind und winkte hinterher.

Die „Rollo“ wird zur Postkutsche. Die blau versiegelte Flaschenpost ist die Nr. 96, um die es hier geht.

Am gleichen Tag kam schon eine Meldung von Bord:

Flaschenpost 96 ausgesetzt um 14:45 Uhr, Position Ansteuerungstonne Kieler Förde, 54°29.06‘ N, 10°16.48‘ E.

Damals war Ostwind, so erinnere ich mich. Besonders weit konnte die Driftflasche also nicht kommen. Aber eine Antwort bekam ich in den nächsten Wochen trotzdem nicht. Also Flaschenbruch an einer der vielen Buhnen?

Der 25. Juni war just der Geburtstag des Sohnes von S., der Verfasserin des Briefes. Gefeiert wurde von den Kindern wenig später am Strand von Schnellmark, nicht weit von Eckernförde. Mit Übernachtung im Freien und Lagerfeuer, so ganz nach dem Geschmack richtiger Pfadfinder. Und bei diesem Abenteuer wurde den Kids meine Flaschenpost vor die Füße gespült, so erzählte S. in ihrem Brief. Tja, wenn ich das gewusst hätte, dann hätten sie bestimmt eine Piraten- oder Geistergeschichte in der Buddel gefunden, aber das kann ja niemand vorhersehen.

Statt dessen war ein kleiner gedrechselter Olivenholzlöffel in der Flasche und natürlich die Geschichte dazu. Ich hatte ihn in einer Schublade gefunden, als ich den Haushalt meiner Eltern auflösen musste. Er war nie benutzt worden. Meine Mutter besuchte gerne Handwerkermärkte und konnte es dann nicht lassen, irgendeine Kleinigkeit zu kaufen, egal ob es eine Verwendung dafür gab oder ob es einfach nur liebevoll gearbeitet und hübsch anzusehen war. Das lag wohl daran, dass ihr das glatte Industriedesign der 60er und 70er Jahre zum Hals heraushing, einer Zeit, die uns stilistisch nicht viel mehr als stapelbares Kantinengeschirr und stapelbare Saalbestuhlung eingebracht hat: praktisch und pflegeleicht, aber geistlos. So geistlos, dass die Kunsthistoriker es nicht für nötig hielten, dieser Epoche einen Namen zu geben².

Im Haushalt meiner Mutter sammelte sich also das eine oder andere  Handgetöpferte oder Gedrechselte an, für das ich selbst keine Verwendung hatte, was ich aber auch nicht einfach so wegwerfen wollte. Darunter dieser kleine Holzlöffel, bestens geeignet für Salz, gemahlenen Zimt oder sonstwas.

So ein Holzlöffelchen schickte ich mit.

Der passte prima durch den Hals meiner Seebuddel. Ich schlug dem Finder vor, ihn in den eigenen Haushalt zu adoptieren und ihn in der Küche Dienst tun zu lassen. Das ist dann ganz offensichtlich auch geschehen. Und ich stelle mir vor, dass immer, wenn es zum Geburtstag Pfannkuchen oder Waffeln mit Zimt und Zucker gibt, die Geschichte von damals wieder aufgewärmt wird. So muss es gekommen sein, dass der Familie meiner Briefschreiberin bei der diesjährigen Feier ihres Sprösslings einfiel, dass sie mir ja noch nicht geantwortet hätten.

Das hat S. nun nachgeholt. Und ich freue mich riesig. Über einen handgeschriebenen Brief. Darüber, dass meine Flaschenpost die ganze Länge der Eckernförder Bucht längsgesegelt ist und in guten Händen landete. Und darüber, dass die kleine Geschichte des Holzlöffelchens so lange lebendig geblieben ist.

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¹Hygge: „Behaglichkeit“, gelassener und geselliger Lebensstil besonders der Dänen mit Sinn fürs Gemütliche.

²Inzwischen habe ich dafür den Begriff „midcentury“ gehört, was der Sache aber auch nicht mehr Esprit verleiht.

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„Sowas gibt’s doch nur im Film!“ – Fundmeldung von einer Weltenbummlerin für Flaschenpost Nr. 189

Über manche Fundmeldungen freut man sich ganz besonders. Zum Beispiel wenn ein besonderer Mensch die Flaschenpost gefunden hat oder weil sie für den Finder eine ganz besondere Überraschung war. Beides trifft auf Jeorgia zu.

Jeorgia Bluck radelt im Winter auf einem schlammigen Weg an einer historischen Kirche in Georgien vorbei.

So geht Abenteuer: Jeorgia in Georgia.

Die junge Frau hat mit dem Fahrrad die halbe Welt umrundet und fast am Ende der unglaublichen Tour meine Flaschenpost Nr. 189 vom Strand gepickt. Die Buddel hatte ich am 4. Mai 2025 am Bülker Huk (siehe Titelbild oben)  in die Kieler Förde geworfen.

Über sich und den Fund lasse ich sie lieber selbst erzählen:

Hello Peter!

Die glückliche Finderin: Jeorgia Bluck.

I found your message in a bottle.

My name’s Jeorgia, I found it on the southern tip of Langeland, Denmark, on the 11th of June 2025. Sorry for the long wait for this email 😅

The reason it took so long for me to write this is because I was finishing my bicycle tour. I cycled from New Zealand to Wales (I’m in Swansea at my friends house as I’m writing this. I rode New Zealand, South East Asia, China, Kazakhstan and Uzbekistan, Georgia and Turkey, through Europe to Oslo, back down to Swansea) 20,000km in total.

I was going for a walk with two danish people I met (we met at a campground while cycling the length of New Zealand) and when I got to their part of the world I stayed with them for a few days.
I looked down at the beach and saw your bottle with notes in it, and my mind was blown. It’s something that only happens in movies!!

I’m from Kalgoorlie in Western Australia, which is 400km north and 600km east from the coast, so I definitely feel superior to my friends for having found a message in a bottle.
I resealed it with wax (made sure it was water tight!) and put it back in the ocean, because I didn’t feel like it had travelled far enough, and I didn’t have any space to keep it in my bike.

Jeorgine Bluck mit ihrem schwer bepackten Fahrrad.

Nach 20.000 km (sic!) durch Neuseeland, Asien und Europa in England angekommen!

I attached two photos of me with the bottle, a photo of me when I got to England, and a photo of me cycling in Georgia, cause it looks cool 😎

Cheers, Jeorgia!

Da freut sich aber jemand! Jeorgia beim Auspacken der Flaschenpost.

Ist es nicht verrückt? – Nach all deinen Abenteuern und Erlebnissen begeistert dich ein bisschen Altglas mit Papier darin!

Danke, liebe Jeorgia, für deine frohe Fundmeldung und auch dafür, dass du die Flaschenpost wieder wohlverschlossen auf die Reise geschickt hast! Und natürlich auch dafür, dass ich deine E-Mail und deine Fotos hier zeigen darf. Die Freude springt über!

Komm heil und gesund wieder nach Hause! =)

Allen, die mehr Eindrücke von Jeorgias Weltreise haben möchten, sei ihr Instagram-Kanal empfohlen.

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Eingekellert. Meine erste Flaschenpost in einem lost place.

Ich war schon häufiger an diesem unscheinbaren kleinen Gebäude vorbeigekommen: ein simpler Quader aus Ziegelsteinen, halb in der Erde versenkt, mit einem Eingang an der Vorderseite. Etwas abseits im Wald versteckt, nicht weit von einem jener Landgüter, von denen es bei uns im Norden viele gibt.

Was mochte das sein? Zunächst dachte ich an einen dieser behelfsmäßigen Schutzräume, die während des Krieges überall gebaut worden waren. Mein Vater und meine Oma hatten in so einem notdürftigen Bunker den Bombenangriff überlebt, bei dem das Haus, in dem sie damals wohnten, in Schutt und Asche sank. Als Kind und als Teenager hatte ich öfters mit Freunden solche Bunker ausgekundschaftet. Unsere „Abenteuerspielplätze“ von damals sind heute aber alle zugeschüttet, zugemauert oder abgerissen und zugebaut worden.

Ein alter Eiskeller mit Briefbuddel.

Nicht nur diese Hinterlassenschaften des Krieges sind verschwunden, sondern auch die Jungs, die überall auf der Suche nach Abenteuern herumstromerten und jeden Winkel im Stadtviertel erkundeten. Vor einiger Zeit hatte ich mir an anderer Stelle darüber Gedanken gemacht. Ich selbst bin im Herzen ein neugieriger Junge geblieben. Hoffe ich jedenfalls.

Und dieser Backsteinkasten da im Wald forderte geradezu von mir, hineinzukriechen und nachzuforschen, was das denn sei. Schnell kam ich dahinter, dass es kein Behelfsbunker sein konnte. Es fehlte die Betondecke, die bei solchen Splitterschutzräumen obligatorisch war. Auch der Eingang war ungeschützt und für einen solchen Zweck viel zu groß. Überhaupt war er zu weit von den nächsten Gebäuden entfernt, um bei Gefahr schnell dorthin rennen zu können. Aber was war es dann?

Halb versenkt im Erdboden konnte es sich nur um einen Kühlraum aus der Zeit vor der Erfindung elektrischer Kühlgeräte handeln, folgerte ich. Damals hat man aus zugefrorenen Seen Eistafeln herausgesägt, in Eiskellern aufgestapelt und Lebensmittel dazwischen gelagert. Es dauerte dann bis in den Sommer, bis das Eis weggetaut war. Solange konnte man die Sachen darin frisch halten. Damit machte auch die Lage im schattigen Wald Sinn.

Warum sollte ich da nicht eine Flaschenpost einkellern, als einen Gruß für jemanden, der wie ich überall herumschnüffelt? Vielleicht gibt es solche Menschen ja doch noch!

Flaschenpost in einem verlassenen historischen Eiskeller.

Also bastelte ich eine terrestrische Flaschenpost. Da die Buddel dort ein Dach über dem Kopf hat, konnte ich mit Füller und edler Eisengallustinte schreiben. Ich schreibe nämlich am liebsten ganz altmodisch mit Füllfederhalter. Bei seegehenden Flaschenposten nehme ich lieber ganz normalen Bleistift oder dokumentenechten Kopierstift, damit die Schrift nicht ausbleichen und nicht verlaufen kann, falls doch etwas Wasser eindringt. Den Verschluss musste ich jetzt auch nicht übersorgfältig abdichten. Trotzdem schmolz ich korallenroten Siegellack in einer leeren Tomatenmarkdose und tauchte ich die Mündung hinein, einfach des malerischen Aussehens willen. Ansonsten war die Flasche unscheinbar grün. Sie passte gut in die dunkelste Ecke des Gemäuers. Also wirklich Post für jemanden, der nicht nur einen flüchtigen Blick in das Loch wirft.

Klar, dass ich bei meinem nächsten Ausflug in die Gegend nachgucken muss, ob die Briefbuddel da noch steht. Ich bin gespannt!

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Die Rekord-Flaschenpost von Corson’s Inlet

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Und der frühe Strandjutter pickt die Flaschenpost vom Ufer, die im Laufe der Nacht an- oder in diesem Falle wohl freigespült (oder freigeweht?) wurde. So geschehen am 3. Juli diesen Jahres (2024), als Amy Smyth Murphy morgens um sechs Uhr im Corson’s Inlet State Park unterwegs war. Die Buddel, die sie dort entdeckte, hatte es in sich: einen Zettel, der sie als die Flaschenpost mit der bislang längsten „Reise“-Zeit ausweist.

Aber der Reihe nach! Und, um die Sache etwas spannend zu machen, erst ein wenig Geograpie. In welcher Weltgegend befinden wir uns mit dieser Geschichte? An der Ostküste der USA im Staate New Jersey, rund 165 km südlich von New York. Dort liegt Ocean City. Ein treffender Name, denn die gut 15.000 Einwohner zählende Stadt liegt nicht nur am, sondern gewissermaßen schon im Atlantik. Genauer gesagt, auf einer Nehrung, also quasi einer langgestreckten Sandbank. Zwischen der Nehrung und dem Festland befindet sich, durchzogen von einem Netz aus Prielen und Flussläufen, eine rund zweieinhalb Kilometer breite Watt- und Marschlandschaft, – ein El Dorado für Wasservögel aller Art.

Diese Nehrungen, die über Hunderte von Kilometern fast die gesamte Küste von New Jersey und Maryland begleiten, werden von breiten Flussmündungen, beispielsweise des Delaware, oder von kleineren „Inlets“, – in Norddeutschland würde man dazu „Seegatt“ sagen -, durchbrochen. Dort enden die Nehrungen in Strandhaken. Die Nehrungen wachsen normalerweise in die Länge, weil sich Sand, der mit starken Strömungen parallel zu Küste verdriftet wird, an den Enden ablagert. Aber auch die Gezeitenströme spielen mit, die vom Festland kommenden Flüsse, der Wind und die Wellen tragen auch immer wieder Sediment ab. Wenn ich die Nachrichten der letzten Jahre richtig erinnere, wird die Gegend gelegentlich auch von Ausläufern der Hurrikane erreicht, wenn diese sich in der Karibik nicht genug ausgetobt haben. Da ist geologisch also was los!

Ein solcher Strandhaken befindet sich unmittelbar südlich von Ocean City: ein Naturreservat mit Dünen, breitem Strand und vorgelagerten Platen, 1.5 km lang und 0,5 km breit. Ein Brut- und Rastgebiet für Regenpfeifer, Strandläufer, Seeschwalben und andere Vögel, aber zugänglich für Badefreunde und Spaziergänger. Zu letzteren gehörte vor vier Wochen, wie schon gesagt, Amy Smyth Murphy. An diesem Tag gehörte sie zu den ersten, die dort am Spülsaum entlangstromerten. Denn niemand vor ihr hatte die kleine blassgrüne und leicht satinierte Flasche am Wasserrand entdeckt. Die Buddel hatte eine altmodisch wirkende Form, einen relativ langen Hals und zeigte in erhabenem Profil eine Aufschrift: „Barr & Brothers PHILADA“. In der Mündung steckte ein unversehrter Korken. Und in der Flasche steckte… Weiterlesen

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Wie sich ein Kindheitstraum erfüllte: Flaschenpost Nr. 136

Mit Strandausflügen gehe ich antizyklisch vor. Das kennt man von Börsenspekulanten. Wenn der Kurs einer Aktie in den Keller geht, dann kaufen sie günstig, was Andere loswerden wollen. Wenn die Kurve nach oben geht, machen sie die Papiere zu Geld. Mein Finanzstatus übersteigt den Pegel von Normalnull nur selten, um es hydrographisch auszudrücken. Deshalb könnte ich mir solche Erörterungen sparen. Trotzdem, auch ich handle gerne antizyklisch. Immer dann, wenn ich frei habe und Unternehmungen plane. Das geht so:

Stellen wir uns einen Sommertag vor. Vom wolkenlosen Himmel brennt die Sonne. Die Luft über dem Strand flimmert. Man spürt die Hitze nicht nur auf der Haut, man riecht sie förmlich. Im Sand liegen Menschenleiber, rot oder braungebrannt, dicht an dicht wie die Seelöwen an der Galapagosküste. Die ganze Stadt scheint dort zu braten, so viele sind es.

Und wo bin ich? – In der Kunsthalle. Menschenleer ist es dort, weil niemand sonst bei diesem „schönen“ Wetter ins Museum geht. – Fast meditative Stille. – Niemanden stört es, dass ich die Sandalen ausziehe und barfuß über den kühlen Marmorboden schlendere. Weiße Baumwollvorhänge an den Fenstern schützen vor dem gleißenden Licht da draußen. Es ist angenehm temperiert. Sogar die Luftfeuchtigkeit ist zum Schutze der Alten Meister, wie man Besucher in meinem Lebensabschnitt dort liebevoll nennt, weder zu hoch noch zu niedrig.

Szenenwechsel. Derselbe Strand wie eben, aber Mitte Februar. Ein atlantischer Tiefausläufer zieht durch, am Vormittag passiert die Kaltfront. Der Wind dreht langsam von West auf Südwest und legt ordentlich zu. Strandwetter also. – Mein Strandwetter!

Strandwetter!

Nein, noch bin ich nicht da draußen. Den ganzen Vormittag noch prasselt der Regen horizontal gegen die Wohnzimmerscheibe. Da habe ich Zeit, noch ein wenig zu schreiben und zu basteln. Flaschenpost natürlich, was sonst!

Eine Olivenölflasche wird mit dem Üblichen ausgestattet: Weiterlesen

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Zu-Fall, – oder wenn eine Flaschenpost die Finder aussucht. Eine Fundmeldung.

Silvesterabend 2022, noch ein paar Stunden bis zum Jahreswechsel. Nach Jahren der Corona Beschränkungen wurde wieder gefeiert. Hier und da stiegen schon ein paar Feuerwerksraketen auf, es wurde reichlich geknallt. Ich hatte eine Flasche Rotwein bereitgestellt. Aber zum Feiern war mit nicht.

Über das alte Ziegelgebäude 500 Meter weiter wanderte gerade eine hellglühende Leuchtkugel, – bei uns an der Küste wird zum Jahreswechsel viel Signalmunition verschossen -, sie hüllte das große Walmdach für einige Augenblicke in ein fahlrotes Licht und erlosch. Dort waren Flüchtlinge untergebracht. Was wohl die Kinder dort bei dem Geballer fühlten? Kinder, die Krieg erlebt hatten?

2022, – und wir haben Krieg in Europa. Ein Krieg, den wir nicht für möglich gehalten hatten. Meinten wir doch, wenigstens in Europa hätten wir aus den Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern gelernt und nach zwei grausigen Weltkriegen endlich begriffen, dass es darum geht, Grenzen durchlässig und unwichtig zu machen, statt sie mit Gewalt zu verschieben. Aber dann kommt dieser Möchtegern-Zar in seiner unfassbaren Eitelkeit daher, um sich zum Ende seiner politischen Karriere als Einiger eines Großrussischen Reiches feiern zu lassen. Wenn der Krieg in der Ukraine so weiter geht, dachte ich, dann wird irgendwann das Land komplett in Schutt und Asche liegen und nur noch von Krüppeln, Witwen und Waisen bewohnt werden. Welch ein Elend! Hat die Welt nach der kaum überstandenen Coronapandemie nicht genügend andere Probleme? Müssen wir unsere Kraft nicht viel mehr der Klimakrise widmen? Gibt es denn nicht genügend andere Konflikte, die nur weiter weg sind, die auch endlich gelöst werden müssen?

Ich habe ein recht norddeutsches Gemüt, selbst heftige Temperamentsausbrüche können selten den Dampf über meiner Teetasse kräuseln. Aber bei diesen Gedanken kam ich in Brass. Und ich schrieb meinen Zorn nieder. Ich tat es, was vorher nur ein einziges Mal vorgekommen war, in einem Flaschenbrief. In meinem holperigen Siebtklässler-Englisch muss der Text eine wenig elegante Note bekommen haben. Aber dann fügte ich doch noch gute Wünsche für das neue Jahr an. Dass die Ukrainer standhaft bleiben und dass es ihnen gelingen möge, die Invasoren aus dem Land zu jagen. Und dass wir alle doch noch Hoffnung im Herzen behalten.

Am 10. Januar ging die Flaschenpost dann wohlverkorkt und versiegelt auf die Reise. Dieses Mal nicht vom Ende der Kieler Förde bei Bülk, sondern von einer Anlegebrücke nicht weit von Falkensteiner Leuchtturm. Es wehte zwar nur eine schwache Brise, aber sie kam aus Südwest, die Seebuddel hatte also eine gute Chance, aus dem Trichter der Meeresbucht herauszukommen.

FP 134 Ausschnitt

Die Beute auf dem Wohnzimmertisch. Bildrechte: Olya B.

Sechs Tage später bekam ich eine E-Mail von Langeland, darin einige liebe Zeilen, präzise Koordinaten des Fundortes, angehängt Fotos mit zwei strahlenden Kindern, die stolz ihren Fund in die Kamera halten. Ganz allerliebst, herzlichen Dank! Die Verfasserin, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie auf der dänischen Insel wohnt, war berührt von meinen Wünschen und meiner Solidaritätsbekundung zu dem so übel geschundenen Land am Schwarzen Meer.

Die Familie stammt aus der Ukraine.

Zufall? Jedenfalls ist ihnen die Botschaft zu-gefallen.

Manchmal suchen sich Flaschenposten ihre Finder und nicht umgekehrt.

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Wolfgang Struck, Flaschenpost. Eine Rezension

 

Wenn mich jemand einlüde, mit ihm in einer Bundesbehörde in alten, vergilbten Formularblättern zu stöbern, so würde ich wohl naserümpfend ablehnen. Aber genau das tut Wolfgang Struck in seinem jüngst erschienenen Buch „Flaschenpost“. Der Titel sagt es: es geht nicht um irgendwelche Akten. Die Papiere, die der Autor hier vorstellt, sind durch eine Seereise geadelt. Jedes Stück hat sie ausweislich zahlreicher Stockflecken, Risse und Knicke, vor allem aber durch die eingetragenen Anfangs- und Endpositionen der Ozeanfahrt, allein in einer Flasche unternommen. Es sind Flaschenposten, Zeugnisse eines Forschungsprojektes, das der Ozeanograph Georg Neumayer im 19. Jahrhundert begann, um Aufschluss über die weltweiten Meeresströmungen zu bekommen. Seine Idee: Der Absender trägt auf einer Seefahrt Datum, Position, den Namen des Schiffes in den Vordruck ein, steckt ihn in eine Flasche, verschließt sie sorgfältig und wirft sie über Bord. Der Finder soll dann seinerseits Fundort und -datum eintragen und den Zettel an die Deutsche Seewarte nach Hamburg zurücksenden oder dem nächsten deutschen Konsulat zur Weiterleitung übergeben.

662 dieser Formulare sind im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, einem Nachfolgeinstitut der Deutschen Seewarte, die Neumayer einst leitete, erhalten. Sie sind in dicke Alben eingeklebt, die zusätzliche Anmerkungen, Informationen und Korrespondenzen über die jeweilige Driftfahrt der Buddel enthalten. 15 dieser behördlichen Flaschenposten stellt Struck vor. Sie sind als Reproduktionen zusammen mit den Vermerken in den Alben abgebildet. Ein kurzer Steckbrief gibt die auf den Originalen oft kaum zu entziffernden Daten zum Schiff, von dem sie ausgesetzt wurden, zur Abwurfposition, zu Fundort und Finder wieder und erläutert die Angaben, die über die auf dem Formular eingetragenen Daten hinaus über die jeweilige Flaschenpost bekannt sind. Den Anfang macht dabei das älteste erhaltenen Exemplar der Sammlung, das Neumayers „Bediensteter“ Eduard Brinkmann 1864 in der Nähe von Kap Hoorn aussetzte und das knapp drei Jahre später an der Küste Australiens gefunden wurde.

Mal mehr, mal weniger auf die dargestellten Beispiele dieser Flaschenformulare eingehend, erzählt Struck die Geschichte dieses Forschungsprojektes, seines Urhebers und auch der Flaschenpost im Allgemeinen. „Am Anfang stehen Katastrophen“, so beginnt das erste Kapitel des Buches. Auch wenn die Assoziation der Flaschenpost mit dem auf einer einsamen Insel gestrandeten Fahrensmann in den ersten wissenschaftlichen Publikationen zu Driftkörpern auftaucht, so ist sie doch weitgehend ein Produkt der Phantasie bzw. der Literatur. Mit vielen Beispielen an mehreren Stellen des Buches entfaltet der Autor, – er lehrt Neuere deutsche Literatur an der Universität Erfurt -, neben den forschungsgeschichtlichen Fakten gewissermaßen noch ein Paralleluniversum, in dem Buddelbriefe durch die Welt der Dichter treiben. Immer wieder gibt es dabei Analogien und Berührungspunkte, z. B. wenn dem in Neuseeland gefundenen Formular Nr. 220 ein Artikel einer örtlichen Zeitung beigefügt ist, der erst ausführlich Weiterlesen

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