„Das muss mit einer Flaschenpost zu tun haben“, schoss es mir durch den Kopf. „Eine Fundmeldung, was sonst!“ Aus dem Briefkasten war mir ein Umschlag mit einem unbekannten Absender entgegengepurzelt. Aus einem Ort an der Eckernförder Bucht. Was konnte das anderes sein als die Nachricht von jemandem, der eine meiner Flaschenposten gefunden hatte!
Meistens kommen Fundmeldungen per E-Mail. Manche kurz und knapp, andere mit ausführlichen Schilderungen. Viele mit Fotos vom Fundort, von der Flasche und ihrem Inhalt, der manchmal Spuren der Seereise zeigt. Gelegentlich sind auch Postkarten gekommen. Aber seit einer Brieffreundschaft aus Teeniezeiten hatte ich noch nie einen Brief als Antwort auf meine Seeflaschen bekommen. Dieses war der erste.
Ich machte mir erstmal einen Kakao, holte den Brieföffner aus dem Sekretär und machte es mir dann in meinem Lieblingssessel bequem. Den Brieföffner hatte ich als Elfjähriger aus dem Kontor meines Großvaters geklaut, als nach seinem Tod sein Geschäft aufgelöst wurde. Das Stück sieht wie ein altertümlicher Dolch aus, dachte ich damals in meiner Jungenphantasie. Und deshalb schien er mir jetzt für dieses kleine Zeremoniell gut geeignet.

Handgeschrieben auf stilvollem Papier, – ich liebe sowas!
Ja, Briefe öffnen und lesen, richtige Schreibebriefe von lieben Menschen und nicht das Zeug vom Finanzamt oder die Abrechnung der Hausverwaltung, das muss man zelebrieren und genießen. Der Blick auf den Absender und die Briefmarke, das Auseinanderfalten und Glattstreichen des Papiers, das Betrachten der Handschrift beim Lesen, vielleicht auch das Verweilen bei einer schwer zu entziffernden Passage, – ich liebe das. Eine Textnachricht auf dem Handy ist dagegen Fast Food im Vergleich zu einem Vier-Gänge-Menü. Schade, dass das immer seltener wird. Die Dänen schaffen analoge Post zum Jahreswechsel fast ganz ab. Die malerischen roten Briefkästen der Postgesellschaft wandern ins Heimatmuseum oder werden an Liebhaber verhökert. Na ja, die Portokosten waren bisher schon horrend, wohl deshalb hatte ich nie eine Karte von dort bekommen. Okay, in der Digitalisierung sind uns die Skandinavier voraus. Aber die Meister der Hygge¹ nehmen sich was, finde ich.
Ich schlitzte also den Umschlag auf und erlebte eine faustdicke Überraschung. Es war tatsächlich eine Fundmeldung. Aber die Briefbuddel, um die es hier ging, war schon vor sieben Jahren aus dem Wasser gezogen worden! – Ich musste mein Logbuch zu Rate ziehen, um alle Details zusammen zu bekommen.

Die „Rollo“ in Holtnau.
Damals, am 25. Juni 2018, hatte ich mich mit meinem Freund und Flaschenpostkollegen, dem Künstler Wolf Schindler im Jachthafen an der Holtenauer Kanalschleuse getroffen. Er und seine Freunde waren dabei, die „Rollo“ für einen Törn in die dänische Südsee klar zu machen. Die „Rollo“ ist eine nach dem Vorbild der legendären von Colin Archer entworfenen norwegischen Rettungskutter gebaute Gaffelketsch, ein noch richtig „handwerklich“ zu segelndes Schiff. Von daher war sie für das romantisch angehauchte Geschäft der Flaschenposterei das optimale Fahrzeug. Wolf hatte drei Flaschenposten dabei und ich gab ihm weitere drei mit auf die Reise. Gegen Mittag wurden die Leinen losgeworfen, ich wünschte guten Wind und winkte hinterher.

Die „Rollo“ wird zur Postkutsche. Die blau versiegelte Flaschenpost ist die Nr. 96, um die es hier geht.
Am gleichen Tag kam schon eine Meldung von Bord:
Flaschenpost 96 ausgesetzt um 14:45 Uhr, Position Ansteuerungstonne Kieler Förde, 54°29.06‘ N, 10°16.48‘ E.
Damals war Ostwind, so erinnere ich mich. Besonders weit konnte die Driftflasche also nicht kommen. Aber eine Antwort bekam ich in den nächsten Wochen trotzdem nicht. Also Flaschenbruch an einer der vielen Buhnen?
Der 25. Juni war just der Geburtstag des Sohnes von S., der Verfasserin des Briefes. Gefeiert wurde von den Kindern wenig später am Strand von Schnellmark, nicht weit von Eckernförde. Mit Übernachtung im Freien und Lagerfeuer, so ganz nach dem Geschmack richtiger Pfadfinder. Und bei diesem Abenteuer wurde den Kids meine Flaschenpost vor die Füße gespült, so erzählte S. in ihrem Brief. Tja, wenn ich das gewusst hätte, dann hätten sie bestimmt eine Piraten- oder Geistergeschichte in der Buddel gefunden, aber das kann ja niemand vorhersehen.
Statt dessen war ein kleiner gedrechselter Olivenholzlöffel in der Flasche und natürlich die Geschichte dazu. Ich hatte ihn in einer Schublade gefunden, als ich den Haushalt meiner Eltern auflösen musste. Er war nie benutzt worden. Meine Mutter besuchte gerne Handwerkermärkte und konnte es dann nicht lassen, irgendeine Kleinigkeit zu kaufen, egal ob es eine Verwendung dafür gab oder ob es einfach nur liebevoll gearbeitet und hübsch anzusehen war. Das lag wohl daran, dass ihr das glatte Industriedesign der 60er und 70er Jahre zum Hals heraushing, einer Zeit, die uns stilistisch nicht viel mehr als stapelbares Kantinengeschirr und stapelbare Saalbestuhlung eingebracht hat: praktisch und pflegeleicht, aber geistlos. So geistlos, dass die Kunsthistoriker es nicht für nötig hielten, dieser Epoche einen Namen zu geben².
Im Haushalt meiner Mutter sammelte sich also das eine oder andere Handgetöpferte oder Gedrechselte an, für das ich selbst keine Verwendung hatte, was ich aber auch nicht einfach so wegwerfen wollte. Darunter dieser kleine Holzlöffel, bestens geeignet für Salz, gemahlenen Zimt oder sonstwas.

So ein Holzlöffelchen schickte ich mit.
Der passte prima durch den Hals meiner Seebuddel. Ich schlug dem Finder vor, ihn in den eigenen Haushalt zu adoptieren und ihn in der Küche Dienst tun zu lassen. Das ist dann ganz offensichtlich auch geschehen. Und ich stelle mir vor, dass immer, wenn es zum Geburtstag Pfannkuchen oder Waffeln mit Zimt und Zucker gibt, die Geschichte von damals wieder aufgewärmt wird. So muss es gekommen sein, dass der Familie meiner Briefschreiberin bei der diesjährigen Feier ihres Sprösslings einfiel, dass sie mir ja noch nicht geantwortet hätten.
Das hat S. nun nachgeholt. Und ich freue mich riesig. Über einen handgeschriebenen Brief. Darüber, dass meine Flaschenpost die ganze Länge der Eckernförder Bucht längsgesegelt ist und in guten Händen landete. Und darüber, dass die kleine Geschichte des Holzlöffelchens so lange lebendig geblieben ist.
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¹Hygge: „Behaglichkeit“, gelassener und geselliger Lebensstil besonders der Dänen mit Sinn fürs Gemütliche.
²Inzwischen habe ich dafür den Begriff „midcentury“ gehört, was der Sache aber auch nicht mehr Esprit verleiht.