Bemerkenswert

Russland, China, Iran: Front gegen den Westen

  • Dokumentarfilm
  • Dienstag 28.5.
  • 20:15 – 21:50
  • ARTE

Das dürfte interessant sein. Immerhin sind die Länder, die bspw. die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützen weltweit nicht in der Mehrheit und folgen nicht den USA.

Deutschland steht so gesehen mit der gesamten Nato isoliert da.

Wahrscheinlich wird jedoch diese Arte Doku parteiisch sein, „mal schaun“, sagen die Bayern:-). Was ist mit der Rolle Afrikas? Viele Länder erinnern sich noch an die Kolonialzeit, besonders Russland jedoch, bemüht sich daran zu erinnern, oder… oder nicht….

Bemerkenswert

Bücher

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Taschenbücher von Harald Timm, veröffentlicht bei amazon self publishing, nicht Mitglied irgendeines „Literaturbetriebs“, Hobbyautor und Rentner mit Katze.

Bürger eines verschwundenen Landes im Exil,  ohne Heimat, jedoch gut versorgt mit allem, was es braucht zum Leben.

Franz Summer, ein Pseudonym nur für dieses Blog, sucht keine Anhänger und ist nie selbst Anhänger von wem oder was auch immer.

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Der alte Mann und das Mädchen 13

Der alte Mann wacht pünktlich nach drei Stunden auf, in seinem Mund ist ein schaler Geschmack, als hätte er die Tränen einer vergangenen Liebe in einem Zug ausgetrunken.getrunken. Er ist wie ein verwundeter Drachen, der sich in seiner Höhle verkrochen hat und fällt wieder in einen tiefen Schlaf, als stürze er in den Abgrund des ewigen Vergessens.

Die Gegenwart vermischt sich mit der Vergangenheit, mal ein unkenntliches Bild, mal ein schillerndes Kaleidoskop, vergangenes Glück wird zu existenzierendem Betrug der Erinnerungen.
Als er erneut erwacht, ist es taghell. Er dreht sich auf den Rücken und fühlt einen ziehenden Schmerz in der Brust, seine Seele ist ein dehnbares Seil und in seinem Herzen befestigt. Es ist, als wolle sie für immer seinen Körper verlassen.
Er liegt eine Stunde völlig reglos und wartet auf den Tod, den guten Freund. Seine Hand liegt auf der Brust, und sein Atem rasselt etwas. Er denkt an nichts, nur Warten, geduldiges Warten. Der Tod zieht an das Seil und lässt immer wieder los, um auszuruhen. Das Leben ist zäh. Schließlich ist der Tod ermattet und verlässt ihn für dieses Mal. Ächzend schlägt der alte Mann die Bettdecke beiseite und steht mühevoll auf. Er fühlt sich zerschlagen wie nach einer verlorenen Schlacht.

Zwei Stunden später sitzt er angezogen in der Stube im Sessel, in dem er sterben möchte und schaut nach draußen. Er ist unrasiert, weil er den Anblick seines Gesichts nicht im Spiegel erträgt, aschfahl und zerfurcht wie ein Kraterlandschaft ist sein Leben geworden.
Seine recht Hand liegt in der linken Hand reglos, als übe sie schon für die ewige Starre. Stück für Stück taucht des Mädchens auf aus einem dunklen schmutzigen Teich, als ein unversehrtes Bild der Schönheit und Reinheit.
Es ist etwas geschehen, was nicht hätte geschehen dürfen, denkt er, sein Mund klebt trocken, als wäre er voller Leim, zähflüssiger Leim.. Langsam steht er auf und schlurft in die Küche. Er füllt sich ein Glas voll klarem Wasser, das aus der Leitung rauscht, wie ein Wildbach im Dschungel Thailands. In gierigen Zügen trinkt er das Glas aus und füllt es neu. Er verspürt einen Durst nach dem klaren Wasser, als wäre es das Wasser des Lebens. Der Schmerz in der Brust lässt nach.

Er geht zurück in die Stube. Im Sessel baut er langsam die Erinnerung an die vergangene Nacht zusammen, als lege er ein Puzzle. Das Mädchen ist nackt und schaut ihn traurig an, es hebt den Bademantel auf und bedeckt seine Blöße und dreht sich um. Der geschwungene Bogen seines Rückens glänzt im Halbdunkel wie Elfenbein… das Bild verschwimmt und Judith, seine erste Liebe taucht auf und lächelt wie hinter Schleiern… als eine Täuschung.

Der Junge Hans Kohn bringt trockenes Brot und Möhren in den Keller. Hinter dem Verschlag taucht im schummrigen Licht der langhaarige Großvater auf. Er ist alt wie Methusalem und hat Schläfenlocken, auf seinem Kopf trohnt ein besticktes Samtkäppchen, seine gichtigen Finger greifen nach der Nahrung. Gott wird dich segnen, Junge, murmelt er zahnlos, und der Junge riecht seinen Atem wie saures Brot.
Wo ist Judith, stammelt er.

Da schlüpft sie schon aus dem Verschlag wie ein ängstliches Mäuschen. Hans reicht ihr eine Jacke und weist auf den gelben Stern ihrer Jacke, der im Dunklen gelblich schimmert wie ein schmutziger Makel, der verdächtige Orden des auserwählten Volkes.

Zieh die hier an, sagt er, und sein Herz schlägt schnell wie ein Trommelwirbel.

Geh nur Mädelchen, geh nur, hört er die Stimme der Mutter, als würde sie ein Lied singen, trink vom Leben, wer weiß, wie lange es dauert.

Wenig später saust Hans mit dem Fahrrad durch die Stadt vorbei an bimmelnde Straßenbahnen und hupende Lastkraftwagen, auf denen Milchkannen scheppern. Hinter ihm sitzt Judith auf dem Gepäckständer und hält sich an ihm fest. Ihr Lachen steigt in den blauen Himmel wie der Gesang einer Lerche…

Der alte Mann starrt dumpf vor sich hin. Er sieht Judith deutlich vor sich, deutlicher als das Mädchen der vergangenen Nacht. Die Bilder verschwimmen zu eins, als wären es farbige Lösungen in eine Wasserglas. Er riecht den Duft Judiths, und es ist der Duft des Mädchens wie in Milch und Honig, wie tausende Orchideen, nicht verblüht…
Die Brüste sind klein und straff, und die schmalen Finger des Jungen greifen das kühle feste Fleisch, bis die Wollust über ihn schlägt wie Wogen des Meeres…

Seine alten Finger suchen in der Nacht die Erinnerungen lebendig zu machen, aber sie sind gichtig wie dies des alten jüdischen Großvaters im Keller und ohne Gefühl.

Der alte Mann starrt dumpf vor sich hin. Er hat das Mädchen verletzt. Wenn er weinen könnte, würde er weinen. Nichts wird sein wie zuvor. Und er ist ein alter Elefant mit Haut wie dickes Leder…

Hans, sagt der Vater am Küchentisch, er ist dick und trägt breite Hosenträger wie die Riemen einer Rüstung, du gehst nicht mehr in den Nachbarkeller. Der Vater ist der Blockwart und ein strammer Nazi.

Ich habe dich als Flakhelfer angemeldet, sagt er und grinst fett wie eine Schmeißfliege auf dem Plumpsklo.

Am nächsten Tage regnet es, und ein großes graues Auto steht auf der Straße wie eine Hinrichtungsstätte. Hans schiebt die Gardine beiseite, die Uniformmänner sind Henker, und sie führen Judith und die Familie in das Auto. Der Zahnarzt, der sie versteckte, wird in eine wartende Limousine dahinter gebracht, er trägt Handschellen und Figuren in schwarzen Ledermänteln stoßen ihn in die Kabine wie einen Sack Kartoffeln.
Die Uniformmänner tragen Stahlhelme und über die Schultern die Riemen der Maschinenpistolen, die sie wie Lanzen in den Händen halten.
Judith hebt den Blick, bevor sie auf den Lastwagen steigt, Hans lässt die Gardine fallen und seine Augen füllen sich mit Tränen, als wolle er ein Meer füllen.

Was uns nicht umhaut, macht uns nur stark, dröhnt hinter ihm die fette Stimme des Vaters. Und sein Lachen grollt wie der Donner des aufziehenden Gewitters. Über den Dächern heulen Sirenen…

Der alte Mann kann nicht mehr weinen, seine Augen sind vertrocknete Salzseen in der heißen Sonne der verschwundenen Jahre. Er stöhnt etwas und fasst sich an die Brust, in der das Herz ungleichmäßig klopft wie ein Uhr, die bald abgelaufen ist… er hat nur einmal wirklich geliebt im Leben.

Der alte Mann und das Mädchen 12

Nuu sitzt im Sessel des halbdunklen Schlafzimmers. Sie fühlt sich unwirklich wie in einem Traum, in dem sich ihre Seele verirrt hat.

Der alte Mann ist ein großer Schatten im Spiegel, und sie fühlt sich seltsam benommen, als liege sie inmitten eines Feldes von wilden Orchideen.
Auf dem Tisch liegen zweihundert Euro, vier Scheine wie der Schmutz auf der Straße nach einem langen Regen als Pfützen im Halbdunkel falsch zwinkern und locken.

Geht es dir gut, fragt der alte Mann.

Ja, antwortet Nuu, und ihr Herz sagt lautlos, weil ich wieder hier bei dir bin.

Ich habe dich für zwei Stunden bestellt, sagt er, und seine Stimme klingt rau, als wäre er ein Zauberer. Nicht mehr, denkt sie, das soll ich mir einprägen, wer wird denn weinen…

Ich weiß.
Nuu lächelt, sie behält die Fassung.
Es geht so lala, antwortet Nuu.

Hast du immer noch Probleme mit deinem Freund?

Soll ich mich von ihm trennen?, fragt Nuu.
Der alte Mann lehnt sich zurück und schaut sie lange an.

Du allein weißt, was du tust, antwortet er dann, und du allein hast Macht über dich selbst, niemand sonst.

Sie fühlt ihr heißes Herz, djai ron. Der alte Mann beugt sich vor und gießt ihr ein neues Glas Sekt ein, auch dieses stürzt sie in einem Zug herunter. Sie hat jede Vorsicht vergessen.

Der alte Mann lächelt, betrinke dich nicht, Nuu.

Sie schaut ihn an, ihre Augen brennen wie glühende Kohlen. Wenn er diesen Namen kennt, dann hat er das letzte Mal gar nicht geschlafen, oder er kann im Schlaf hören wie ein Dämon. Sie spürt eine kleine Angst, wie die Maus, wenn oben am Himmel der Adler kreist. Oder ein Geier?
Er sieht gut aus mit seinem weißen Haar und in seiner großen Gestalt.

Wir reden erst ein Stündchen, sagt der alte Mann, und ich rauche eine Zigarre. Er lächelt, du hast mich ja verführt, Nuu. Zum Rauchen, er lacht etwas heiser.

Wieder klingt ihr Namen durch den Raum, und in ihr die Saite eines Musikinstruments, das ihre Seele ist. Er besitzt meine Seele, denkt sie bestürzt.
Aus der Wohnstube dröhnt das laute Geräusch eines fahrenden Autos. Nuu dreht sich um.

Ich habe die Balkontüren offen gelassen, weil es so warm geworden ist, sagt der alte Mann.

Soll ich sie schließen, fragt er dann.

Nein, nein, sagt Nuu, es ist so schöne Luft.

Aber in Wahrheit weiß sie gar nicht , was sie sagt. Die Worte sind wie bunte Kieselsteine an einem langen Strand. Das Meer rauscht in ihren Ohren, und sie sieht, wie der alte Mann sich vorbeugt und ihr wieder Sekt einschenkt.

Aber trinke langsam, Nuu, sagt er.

Sie hat sich an das Halbdunkel gewöhnt und erkennt deutlich die lächelnden Augen des alten Verführers.
Er hat sich nach hinten gelehnt und die Beine übereinander geschlagen. Langsam pafft er seine Zigarre. Er lächelt ein wenig verworfen.

Hast du mich vermisst, Nuu?

Sie lacht heiser und sucht nach den Zigaretten.
Nein, antwortet sie, du bist nur einer von vielen. Und die lautlose Stimme des Herzens spricht, wie soll ich dich vermissen, wenn man atmet, vermisst man doch nicht die Luft.

Der alte Mann schweigt und schaut sie an. Er pafft.
Die Rauchringe steigen empor wie Zauberzeichen. Nuu lächelt, und es ist ein schiefes Grinsen.

Soll ich mich ausziehen, fragt sie.

Warte noch, sagt der alte Mann.

Sie schlägt die Augen nieder und wartet.

Als er seine Zigarre zu zwei Drittel aufgeraucht hat, legt er sie in den Aschenbecher.

Ich habe dir wie immer im Bad ein frisches Handtuch hingelegt.

Ja, antwortet Nuu und zieht sich aus, und es ist so, als wenn seine Blicke ihre Hände lenken. Sie streichelt sich ein wenig und hört seinen schweren Atem.

Sie kommt aus dem Bad, und der alte Mann steht auf.
Nuu legt ihren Kopf an seine Brust. Sie stehen genau vor dem Spiegel, und sie schaut sich selbst in die Augen. Sie sieht, wie der alte Mann seinen Kopf auf ihr Haar senkt und atmet. Langsam streift sie seinen Bademantel ab. Sie stehen beide nackt da…

Und unversehens geschieht eine Verwandlung: ihr Körper scheint auszutrocknen und schrumpft. Ihr blauschwarzes Haar wird brüchig und weiß, ihre Haut ist wie die abgezogene Haut eines Krokodils, die Monate lang in der Sonne lag. Ihre Brüste sind welk, und der Hintern hängt herab wie ein Stoffbeutel, weil das Fleisch verschwunden ist. Ihrer Arme und Beine sind Knochen, an denen die Haut in Fetzen schlappert. Nuu ist zur Greisin geworden. Ihr Gesicht ist klein und faltig wie zerknittertes Papier. Sie sieht den alten Mann atmen über ihren Kopf, und er verwandelt sich mit jedem Atemzug und wird jünger. Seine welke Haut strafft sich und wird glatt, seine Haltung wird stolzer, die Muskeln treten hervor, sein Haar verfärbt sich schwarz und wird lockig.
Er ist ein junger Mann.

Wie heißt du wirklich, Nuu, fragt er.

Sontaya, flüstert sie, und in diesem Moment hat sie sich selbst geopfert.

Der alte Mann schaut in den Spiegel und lächelt sie als junger Mann an. Er beugt sich etwas und nimmt den schwarzen Bademantel hoch und hängt ihn über den Spiegel.
Hab keine Angst, Sontaya, sagt er und führt sie zum Bett. Sie schaut an sich herunter und ist wieder jung und schön.

Er legt sich auf die Seite und streichelt ihr junge Haut über dem festen Fleisch.
Wenig später hört sie seinen gleichmäßigen Atem.
Während sie auf den Wecker schaut, spürt sie plötzlich, dass er eine Erektion hat. Und langsam öffnet sie sich ihm. Er schläft, und sie bewegt sich nicht, aber er ist ihn ihr.
Die Lust sind kleine Wellen des Ozeans, immer wieder – endlich klingelt der Wecker. Sie stellt ihn aus.
Dann steht sie auf und beugt sich über ihn, aber sie schreckt sie zurück, seine Stirn ist faltig, der Kopf eines Greises. Er röchelt etwas.
Sie geht zum Sessel und zieht sich an. Als sie das Zimmer verlassen möchte, hört sie seine Stimme aus dem Dunkeln.

Vergiss dein Geld nicht, Mädchen.

Hastig steckt sie die Scheine ein und verlässt die Wohnung.

Wie wars ?, fragt der Fahrer.
Wie immer, sagt Nuu.

Das Auto fährt an. Für heute ist Feierabend, sagt der Fahrer.
Ja, zum Glück, bemerkt Nuu, sie sieht sich im Rückspiegel grinsen. Um den Zauber zu zerstören, musste sie dem Drachen in die Höhle folgen. Sie fühlt sich wieder stark.
Im Auto klingt ein leises Schnarchen. Nuu schaut verwundert den Fahrer an. Er lacht, und macht eine kurze Kopfbewegung nach hinten. Sie dreht sich um.
Jane liegt auf der Rückbank und schläft und schnarcht leise. Nuu stimmt in das Lachen des Fahrers ein. Sie ist zurück in der Wahrheit des Lebens und hat endlich das Gefühl, wach zu sein. So müssen sich Menschen fühlen, wenn sie einen Krieg überleben, denkt sie.

Der alte Mann und das Mädchen 11

Er sitzt in der Nacht reglos, wie ein alter Elefant im Dschungel abseits der Herde dasteht und auf das Sterben wartet. Die Einsamkeit ist ihm ein vertrauter Freund geworden. Niemand weiß, ob er überhaupt noch wartet, auf den Tod wahrscheinlich, etwas anderes kann gar nicht mehr kommen.

Seine Erinnerungen sind keine Filme mit einem Anfang und einem Ende, es sind einzelne Szenen, manchmal nur Bilder und Ausschnitte davon. Eine Hand, die nach ihm tastet, eine Haarsträhne, die im Wind am Meer flattert wie ein ungezogenes Fähnchen, ein verlegenes Lächeln.
Die Festigkeit des Fleisches, geheimnisvolle Rundungen, der Zauber der Nacktheit, Musik in einer warmen Nacht, die voll ist von Lachen, Mondlicht. Die Silhouette eines Mädchens, das sich über ihn beugt. Keuchen vor Lust, Atmen und Stöhnen, dann wieder die Ruhe der Erschöpfung… die Linie von Rücken und Hüfte, die Wölbung einer Brust, ihr Geschlecht, der Hintern, Weiblichkeit pur, die sich nicht mehr versteckt…

Der alte Mann verliert sich in den ersten Nächten seiner Trennung von dem Mädchen in versonnene Träume, in Erinnerungsschnipseln des Lebens, seines Lebens, flüchtige zärtliche Momente, bis dann plötzlich doch das Mädchen auftaucht, als ein ganzes Bild der Vollkommenheit. Im Traum fühlt er das Haar unter seiner Hand wie Seide, kühle Seide, wenn es den Kopf an seine Brust legt zur Begrüßung und er es streichelt.
Hans Kohn versucht das Mädchen aus seinen Gedanken zu verdrängen. Schlimmer als die Sehnsucht, die nicht gestillt werden kann, ist die Sehnsucht, die es kann, aber deren Stillung man sich selbst versagt. Jede Liebe ist die Liebe zum Leben, nicht zum Tod.

Als die ersten warmen Tage aufkommen wie das Geschenk eines Gottes der Fruchtbarkeit, riecht er den Duft der früh blühenden Pflanzen und lässt auch Nachts das Fenster offen stehen. Vor dem Frühstück macht er gymnastische Übungen. Er hat keine Krankheiten und ist toppfit. Wie ein chinesischer Schattenboxer oder ein japanischer Bogenschütze vollzieht er langsame Dehnübungen und begrüßt die aufgehende Sonne.

Als eine Woche ohne das Mädchen vergangen ist, verspürt er den leichten Schmerz der Sehnsucht, die wie ein seidener Faden ist, der ihn am Leben hält.

Er ruft nicht an.
Dafür sucht er am Tage ein Modegeschäft auf, in dem er seit Jahren Stammkunde ist. Die Verkäuferin ist gleichzeitig die Chefin, eine ältere und freundliche Dame, die in ihrem Lächeln ein Wissen versteckt, ein Wissen von seinem Hang zu jungen Mädchen.

Herr Kohn, das ist aber eine Freude, Sie wieder zu sehen, und immer noch der alte Schwerenöter, sie droht ein wenig mit dem Finger.

Er schenkt ihr sein verworfenes Lächeln eines alten Wüstlings.
Was haben Sie im Angebot für den Sommer, fragt er und lässt sich in einen separaten Raum führen.
Er stützt sich auf sein Stöckchen, während er behaglich im Sessel sitzt. Er liebt es, bevorzugt behandelt zu werden. Und er zahlt gut.
Die vielleicht fünfzigjährige Frau bringt mehrere Anzüge herbei. Sie ist von einer emsigen Geschäftigkeit wie ein Käferchen auf einer Sommerwiese.

Wissen Sie, sagt sie, Sie erinnern mich immer wieder an meinen Großvater, er war so ein Gentleman, ein Frauenschwarm bis ins hohe Alter.

Hans Kohn verlässt die Umkleidekabine in einem beige farbigen Anzug, das Hemd ist dunkelgrau, und der Schlips weiß.

Na, was meinen Sie, Chefin, fragt er und betrachtet sich selbst im Spiegelbild. Er hat sich noch nie nach ihrem Namen erkundigt.

Perfekt, antwortet sie, und steckt ihm ein weißes Einstecktuch in die äußere Brusttasche.

Sie geht einen Schritt zurück und klatscht vor Begeisterung in die Hände. Sie ist aufgeregt wie ein verliebtes junges Mädchen vor dem ersten Tanz, ich hole ihn noch einen Hut. Ein besonderer Hut, sie kichert etwas albern und kommt mit einem weichen Hut mit langer Krempe zurück, den habe ich extra für Sie bestellt, sagt sie.
Hans Kohn setzt den Hut auf.
Nun, fragt er und zieht ihn etwas ins Gesicht.

Sie machen damit die jungen Frauen verrückt, die Chefin lächelt verschwörerisch.

Hans Kohn verlässt das Geschäft mit dem schalen Geschmack des Triumphs im Mund. Er ist es doch schon lange müde, ein Sieger zu sein.
Anschließend besucht er ein Tabakgeschäft und kauft sich eine ganze Schachtel kubanische Zigarren für zweihundert Euro. Es sind fünfundzwanzig Stück, genug für fünfundzwanzig Tage. Auch im Tabakgeschäft verkauft eine ältere Dame, und er erwidert das Funkeln ihrer Augen mit seinem verworfenen Lächeln. Aber er fühlt sich selbst dabei wie eine Gestalt mit einer toten Maske.

Zu Hause geht ihm das Mädchen nicht aus dem Sinn, und er schleicht durch die Räume seiner Wohnung wie ein ruheloser Wolf.
Jeden Abend raucht er nun eine Zigarre.

In der zweiten Woche sucht er eine andere Telefonnummer in den Inseraten der Zeitung und erkundigt sich nach einem jungen Mädchen.

Natürlich, sagt der Mann am Telefon und schnalzt mit der Zunge, jung, knackig und geil, wann und wo.

Hans Kohn legt auf ohne zu antworten. Er hat das Gefühl einer Enttäuschung entronnen zu sein wie einem gefährlichen Sumpf.

Tagsüber unternimmt er lange Spaziergänge durch die Parks der Stadt. Er sitzt in Cafés und beobachtet Kinder, die Enten füttern. Wenn sein Sohn nicht damals mit seiner Mutter tödlich verunglückt wäre, wäre er heute ein Großvater, der von Tag zu Tag kindischer würde. So aber kreist er wie ein alter grauer Geier über den Park auf der Suche nach Aas. Scheu betrachten ihn die Menschen, ihn, der aussieht wie ein fremder Lord aus einem fremden Film.

In der dritten Woche denkt er kaum noch an das Mädchen.
Der alte Mann raucht am Abend seine Zigarre und hat sich mit seiner Einsamkeit abgefunden, weil das Schicksal unabänderlich ist
In der vierten Woche kehrt die Sehnsucht überraschend zurück, als hätte jemand eine schon verschorfte Wunde aufgekratzt. Der Schmerz trifft ihn tief und überraschend. Er sieht das Mädchen vor sich in all seiner Anmut, wenn er die Augen schließt.

Und er greift zum Telefonhörer. Er kann nichts dagegen tun.

’s nicht

  • Philipp Michaelis

MeinungVon Philipp Michaelis

08.11.2024 – 16:23 UhrLesedauer: 3 Min.

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Tief gefallen, aber die Ampel-Köpfe fühlen sich weiter zu höherem berufen. (Quelle: IMAGO/Frederic Kern/imago)

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Robert Habeck will Kanzler werden. Olaf Scholz will Kanzler bleiben. Christian Lindner will ins Finanzministerium zurückkehren. Das Scheitern der Ampel hat dem Selbstbewusstsein ihrer Köpfe nicht geschadet.

Der eine macht es brachial: Olaf Scholz wirft Christian Lindner „Verantwortungslosigkeit“ und „Egoismus“ vor und stellt den FDP-Chef öffentlich bloß. Es dient dem Zweck, sich als „Gerne-auch-weiter-Kanzler“ zu inszenieren. Der Zweite, Lindner, bemüht Pathos: Er (Subtext: nur er) stehe für Stabilität, Steuer- und Generationengerechtigkeit und habe sich deshalb im Finanzministerium mit „Auf Wiedersehen“ verabschiedet. Und Robert Habeck, der Dritte im Bunde, gab bei X im verschmitzten Video den hippen Typen: Hey, guckt mal, auf meinem coolen Swiftie-Armbändchen steht „Kanzler-Era“.

Ihre Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen war vor drei Jahren als progressiver Riese gestartet. Geendet ist sie am Mittwoch als zänkischer Zwerg. Mit welcher Chuzpe sich ihre Köpfe nun um eine Weiterbeschäftigung (Scholz, Lindner) oder gar eine Beförderung (Habeck) bewerben, lässt genau zwei Schlüsse zu: Entweder sind die drei Gescheiterten von der Realität entrückt, oder ihre Dreistigkeit kennt keine Grenzen mehr.

Alle drei sind krachend gescheitert

Denn gescheitert sind sie krachend alle drei. Robert Habeck gab den „Erklärbär“, der den Bürgern freundlich, aber bestimmt vordachte, warum das große grüne Ganze mehr Bedeutung habe als die alltäglichen Probleme in ihrer kleinen Welt. Der Erfolg: Die Wärmepumpe heizte vor allem die Unzufriedenheit der Deutschen über ihre Bundesregierung an. Das Interesse an Elektromobilität erlahmte so sehr, dass die deutsche Automobilindustrie von einer Schreckensmeldung zur anderen tuckert. Und das Bewusstsein der Bevölkerung, dass der Klimawandel eine drängende Frage der Politik sein sollte, hat sich laut Umfragen in den vergangenen drei Jahren mehr als halbiert.

Christian Lindner kann sich seit Mittwochabend ans Revers heften, dass er schon zum zweiten Mal eine Regierungskonstellation hat platzen lassen, weil er angeblich lieber nicht regieren will als schlecht. Umso erstaunlicher, wie schlecht er drei Jahre lang sehr wohl regiert hat. Denn der Qualitätsmaßstab für einen Koalitionär ist auch, ob er intern nach Kompromissen sucht, statt öffentlich zu streiten. Und dass ein Finanzminister einen guten Job macht, der die Einhaltung der Schuldenbremse über alle Leuchtturmprojekte seiner Koalitionspartner stellt, die eigenen aber auf Teufel-komm-raus durchprügeln will, darf man auch bezweifeln.

Von Führung keine Spur

Und der Kanzler? Olaf Scholz hat der irrlichternden Kommunikation seines grünen Wirtschaftsministers drei Jahre lang tatenlos zugesehen, ebenso wie Christian Lindners politischer Beziehungsunfähigkeit. Er hätte seine Koalitionspartner mit seiner Richtlinienkompetenz an die Kandare nehmen müssen, die von Anfang an weder politisch zusammenpassten noch bereit waren, die Handlungsfähigkeit der Regierung über ihre eigenen Klientelinteressen zu stellen.

Nach innen moderierte der Bundeskanzler offenkundig erfolglos, nach außen überhaupt nicht. „Wer bei mir Führung bestellt, muss wissen, dass er sie auch bekommt“, hat Scholz vor vielen Jahren einmal gesagt. Von seinen drei Kanzlerjahren bleibt eher die Gewissheit übrig, dass Scholz mit vielen wie mit wenigen Worten gleichermaßen nichts sagen kann.

Wenn sich die drei Steuerleute der Ampel zwei Tage nach dem Schiffbruch ihres Bündnisses allen Ernstes um politische Führungsaufgaben in Deutschland bewerben, dann kann man sich fragen, auf welchem Planeten sie leben. Ihre persönlichen Zustimmungswerte befinden sich im Sinkflug. Die Umfrageergebnisse ihrer Parteien stecken im Keller, wenn auch in unterschiedlichen Etagen des Souterrains. Zum Ende ihrer Zusammenarbeit ist die Liste der drängendsten Aufgaben, denen das Land sich stellen muss, ohne die nötigen finanziellen Mittel dafür zu haben, nicht kürzer geworden, sondern länger.

Stand jetzt haben die Deutschen im kommenden März die Chance, den Dreien (und ihren Parteien) Feedback für ihre (nicht-)geleistete Arbeit zu geben. Sie werden ihnen dann auch zeigen können, was sie von ihren jeweiligen Bewerbungen halten. Man muss kein Pessimist sein, um zu befürchten, dass dieses Feedback ein Kreuz bei der AfD sein könnte. Dass Donald Trump wieder ins Weiße Haus einzieht, hatte viel zu tun mit der Unzufriedenheit der Amerikaner mit Joe Bidens Regierung. Wer glaubt, so ein Effekt sei in Deutschland undenkbar, der ist nicht nur sorglos, sondern fahrlässig.

Verwendete Quellen

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Der alte Mann und das Mädchen 10

Seit zwei Wochen hat Nuu nichts mehr von dem alten Mann gehört.
Es kommen sonnige Tage über die deutsche Stadt, doch in ihrer Seele verfinstert sich die Nacht zur einer undurchdringlichen Schwärze. Nuu trägt ihre Seele nicht in einem Tablett vor sich hin, niemand bemerkt ihre Trauer. Wenn sie schläft, weint sie in ihren Träumen, als wäre sie die Göttin des Regens, doch am Tage vergisst sie ihre eigenen Träume, wie jeder Regen vorüber zieht. Sie lacht und lächelt, und in ihrer Sanftheit erträgt sie das Leben mit stoischem Gleichmut. Das Leben muss man annehmen, wie es daher kommt, sie beschließt den altem Mann zu vergessen.
Im Schlaf sieht sie ihn mit anderen Mädchen, wenn er den Anblick der Schönheit sucht, und in ihr nagt Nuu, die Maus, in der Eifersucht wie an faulen Früchten, welche Übelkeit erzeugen.

Der Junge Sven beklagt sich täglich bei ihr, dass sie nicht mehr zu ihm kommt. Er kann es auch nicht verstehen, dass sie nur mit Kondom Sex betreibt, er wäre doch schließlich kein Freier, doch noch schlimmer ist ihre Lustlosigkeit. Was sollte sie ihm antworten, sie lehnt die Pille ab und nichts wäre schlimmer, als schwanger zu werden. Das hat das Leben nicht für sie vorgesehen, nicht hier in Deutschland.
Natürlich weiß sie, dass die höchste Form der Liebe das Mitleid ist, doch auch das Mitleid mit Sven hält sich in Grenzen. Jeder bekommt auf der anderen Seite das, was er verdient.
Sag Sven zu mir, bettelt er als wenn er eine Trommel schlüge, sag nicht immer Junge zu mir.

Namen, antwortet Nuu und denkt plötzlich an den alten Mann, Namen sind unwichtig, mit unseren Namen verraten wir uns.

Heißt du überhaupt Nuu, fragt der Junge und seine Augen werden zu gefährlichen Schlitzen.

So nennen mich alle, die mich kennen.

Auch in Thailand, fragt der Junge.

Auch da, Nuu lächelt sanft, und er öffnet wieder die Augen.

Jeden Freitag geht sie zur Bank und zahlt das verdiente Bargeld aufs Konto. Am Ende werden die fünf Jahre wie ein flüchtiger Hauch gewesen sein, und eines Tages wird sie das Leben einer angesehenen Frau in Thailand führen. Nuu, weiß genau, was sie will und beharrlich wie eine Maus nagt sie sich den Weg frei…

In Bangkok sagte ihr die Freundin damals, hier bekommst du für einen Freier fünf Euro und wirst behandelt wie ein schmutziger Lappen, mit dem man auf den Fußboden der Bar eine Bierlache aufwischt. In Deutschland bekommst du vierzig Euro, und die Freier sehen in dir eine Königin. Sie vermittelte ihr den Kontakt zu einem kleinen Mann, der wie eine Ratte aus der Dunkelheit des Dschungels auftauchte. Im Hinterzimmer einer Bar unterzeichnete Nuu einen Vertrag, in dem sie diesem Mann fünftausend Euro schuldete. Offiziell arbeitet sie nun als Sekretärin einer thailändischen Firma in Deutschland mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Die Firma existiert nur auf dem Papier und ist ein Gespenst.

Als sie Weihnachten zu Besuch in Thailand war, lächelte ihre Mutter über die Geschenke für sie und die Geschwister. Sie hatte sich entschlossen an das Gespenst zu glauben. Nur der Vater fuhr mit dem Boot zum Fischen und hüllte sich ins Schweigen. Das Schweigen des Meeres brachte er mit, als er zurück kam. Und die Fische, die er im Netz hatte, konnten auch nicht reden, denn Fische sind stumm. Der Vater sah Nuu nicht in die Augen.

Inzwischen hat sie in zwei Jahren die Fünftausend an den Mann abbezahlt, der wie eine Ratte aussieht. Wenn sie in fünf Jahren heimkommt, wird sie für die Familie ein Haus erwerben und dem Vater ein gutes Alter bescheren.
Nuu ist voller Zuversicht, eines Tages wird er sie wieder ansehen, wie er es getan hatte, als sie ein Kind war. Heiter und voller Liebe, denn er ist Buddhist und weiß, dass die Zeit ist wie ein fließendes Wasser, was jeden Schmutz abwäscht.
In ihrer Zukunft ist kein Platz für den Jungen, und es ist unwichtig für sie, dass er Sven heißt…

Am frühen Abend treffen sie sich im Club. In den vorderen Räumen befindet sich ein Bordell. Wenn sich dort die Mädchen einen Freier geangelt haben, huschen sie wie scheue Rehe mit ihm über den Flur in eines der Zimmer.
Einmal ging Nuu auf die Toilette, und sie hörte durch die dünne Wand das Schreien des Freiers wie einen Hirsch in der Brunst.
Von da an, achtet sie darauf, wann sie auf die Toilette geht. Es darf zuvor keine Tür klappern. Es ist besser in dieser zwielichtigen Welt, man weiß nicht, was gerade geschieht. Man fragt nicht, wenn die Antworten gefährlich sein können wie ein zweischneidiges Schwert.
Im Club sitzen die Mädchen für sich, und die Männer, die Zuhälter stehen am Tisch in einer Ecke. Der Fernsehapparat befindet sich an der Decke, meist läuft Fußball, Boxen oder Wrestling, der Ton ist abgestellt. Die Männer trinken Rum mit Cola und Eis, einige Bier. Diejenigen, die zum Fahren eingeteilt sind, trinken kein Alkohol. Sven betrinkt sich regelmäßig, er wird von den anderen behandelt, wie ein lästiges Insekt. Ein- oder zweimal fuhr er auch, natürlich nicht auf Nuus Route, doch er stellte sich zu dumm an wie ein verspieltes Äffchen und fand die Adressen der Freier nicht. Seitdem lungert er nur herum, manchmal findet er einen, der mit ihm Billard spielt.
Die Mädchen sitzen für sich und trinken meist Cola, sie schwatzen oder träumen. Nuu ist eine der auffälligsten Träumerinnen, weil sie die schönste von allen ist. Sie bemüht sich zu allen freundlich zu sein, aber wittert die Feindschaften der anderen wie böse Geister, die ihre Seele verletzen wollen.
Sie wird am meisten bestellt, und das erzeugt Neid wie ein Gift. So hat sie gar nicht so viel Kontakt mit den anderen Mädchen, weil sie auf Tour ist.

Auch in der dritten und vierten Woche bestellt sie der alte Mann nicht mehr. Inzwischen ist sie in einer tiefen Meditation auf die Antwort gestoßen, warum er sie nicht mehr bestellt. Sie hätte ihm die Zigarre nicht schenken dürfen.
Das war ihm zu intim.
Der alte Mann lebt wie ein alter Elefant im Dschungel, der sich seinen Platz allein sucht. Er vermeidet jeden Kontakt, jede Nähe zu den anderen Elefanten und wartet auf den Tod.
Nuu fragte sich selbst, ob sie einen Fehler begangen hätte. Nein, entschied sie, ihr Geschenk kam aus dem reinen Herzen der Zuneigung, nam djai.
Wenn er sie von nun an meidet, ist das eine Entscheidung des unveränderlichen Schicksals, dem er und sie unterworfen sind, wie alle Menschen in einem Schiff sitzen und doch ist ein jeder in seinem eigenen Boot. Der alte Mann aber ist nicht der Herr des Schicksals, und er weiß selbst nichts von den Gesetzen, nach denen er handelt.
Auch Nuu ist noch am Anfang des Weges der Erkenntnis, für sie ist der Buddhismus noch ein Spiel, sie ist nur eine Maus, ein kleines Mädchen.

Einmal fragt sie in der dritten Woche einen Fahrer, der am freundlichsten ist wie ein älterer Bruder, ob der alte Mann andere Mädchen bestelle.

Kohn, fragt er, der Alte, der Kohn heißt?
Ja, Nuu schaut möglichst unbeteiligt nach draußen in die endlose Nacht.

Nicht das ich wüsste, sagt der Fahre, aber das hat nichts zu sagen, wir sind ja nicht die einzigen, die das hier machen in der großen Stadt.

Ja, sagt Nuu, dieses mal ganz leise und irgendwie traurig.

Sie denkt, wir sind wie Fischer auf dem Meer und unsere Fische sind die Männer in ihrer Sehnsucht nach Liebe.

Ja, sagt sie noch einmal, der Fahrer schaut sie nachdenklich an.

In der vierten Woche winkt er ihr im Club zu.

Komm Nuu, es geht los.

Jane ist wie fast immer die zweite im Auto.
Gleich nach dem Losfahren sagt der Fahrer fröhlich, da hat einer angerufen, ob das Mädchen Lena noch bei uns arbeitet. Ja, fragt Nuu und gähnt, wer denn?

Der Kohn, dein alter Mann, er hat dich wohl nicht vergessen, ob du um elf kommen kannst…

Nuu schaut scheinbar ungerührt nach draußen, es regnet schon wieder, aber der Regen ist warm. Ihr Herz singt vor Freude. Sie fühlt die Hand Janes auf der Schulter. Der Fahrer dreht am Radio. Keiner sagt ein einziges Wort.

Der alte Mann und das Mädchen 9

Um drei Uhr wacht der alte Mann auf. Das Mädchen hat seinen Geruch zurück gelassen, ein Aroma aus Vanille und Orange, und er lächelt selig benommen. Drei Stunden guter Schlaf mit dem Traum von einem schlanken Mädchenkörper ohne Makel eines körperlichen Verfalls, als hätte ihn ein Engel behütet. Auf der Stirn fühlt er den Abschiedskuss des Mädchens, ein Hauch nur wie die Berührung eines Schmetterlings an einem warmen Sommertag.
Wohlig ächzend schiebt er die seidene Bettdecke beiseite, es ist kalt geworden, obwohl er doch die Heizung angedreht hatte. Irgendwann in der Nacht stellen sie anscheinend die Heizung aus. Aber so richtig friert er nicht, seit Jahren kennt er schon kein Schwitzen und kein Frieren mehr. Er fühlt nur die Starre in den Knochen, die auch schon der Verbote seines Todes sein könnte.

Hans Kohn zieht sich den Bademantel an, er schaltet das Deckenlicht ein und geht dann ins Wohnzimmer. Durch die geöffnete Tür fällt das Licht aus dem Schlafzimmer herüber und schlägt eine Schneise in die Dunkelheit. Hier in der Dämmerung setzt er sich in den großen Sessel und wartet, dass die Nacht an ihm vorüber geht. Manchmal denkt er, in diesen langen Nächten bewacht er alle Schlafenden der großen Stadt. Aber meist verliert er sich in Träumen aus seiner Jugendzeit. Die Bilder werden um so klarer, je länger sie zurück liegen…

Mit fünfzehn Jahren erlebte er das erste Mal die körperliche Liebe mit einem Mädchen.
Er sieht es völlig gegenwärtig vor sich: Es ist schwarzhaarig und glutäugig und hat die lange Nase der Juden. Es ist wunderschön. In seiner Leidenschaft wird auch die Angst vor dem Entdecktwerden deutlich…

Das allererste Mal geschah in einem Schilf, eine kleine Insel auf einer Waldwiese.
Zwei Jahre zuvor hatte er noch mit einer Gruppe von Pimpfen nach einer Kriegsübung dort gelagert und dicke Schmalzstullen gegessen und Malzkaffee getrunken. Der Geruch schien immer noch zu existieren wie die Erinnerung an die erste Liebe des Lebens.
Durch seinen Orgasmus, den er mit der schönen Judith erlebte, fiel die Ideologie der Nationalsozialisten von ihm ab wie eine verschmutzte Kleidung, derer man sich entledigt, um sie in die Wäsche zu geben. Die Nacktheit mit Judith machte ihn rein.

Ein Zahnarzt in der Nachbarschaft hatte ihre ganze Familie in seinem Keller versteckt. Der Junge Hans Kohn hatte sie entdeckt beim Räuber- und Gendarmenspiel…

Der alte Mann erinnert sich: Menschen in Todesangst erleben die Hingabe ekstatisch wie der Ertrinkende auftaucht und nach Luft ringt, als letzte rettende Hand des Lebens.

Er sitzt schon mindestens eine Stunde im Halbdunkel seiner achtzig Jahre. Da fällt ihm etwas ein. Auf dem kleinen Tischchen im Schlafzimmer lag etwas, was vorher nicht da war. Wie ein alter Dinosaurier besitzt ein alter Mann eine verzögerte Reaktionszeit. Über die Jahre stapeln sich die Erinnerungen und machen das Heute unwichtig und klein wie ein Stecknadelkopf.
Als er das Licht eingeschaltet hatte, hatte er diesen Gegenstand gesehen. Er steht auf, um nachzuschauen.

Auf dem Tischchen liegt eine Schachtel, länglich und schmal, vielleicht fünfzehn Zentimeter lag und zwei Zentimeter breit und hoch. Sie ist braun und gelb gemasert wie tropisches Holz. Er nimmt sie in die Hand und liest die Schrift darauf, Habano, Zigarre Bolivar Petit Corona…
Hans Kohn schaut ungläubig, das Mädchen muss die Schachtel hingelegt haben, vorsichtig zerreißt er das Papier des langen Deckels, die Zigarre ruht darin wartend wie ein Seele in einem Sarg in der Hoffnung geweckt zu werden. Er nimmt sie heraus. In Jamaika hat er mit einem alten Mann von der Insel manchmal eine Zigarre geraucht. Die Farbe dieser ist claro, gelbbraun oder milchkaffeefarben. Er zieht sie unter der Nase entlang und tief den Geruch ein. Sie hat ein mittleres Aroma, vielleicht ein wenig in Whisky getränkt. Auf ihrer Bauchbinde ist das schwarzweiße Bildnis eines stolzes Mannes in einem Ruhmeskranz zu sehen. Er trägt eine Uniformjacke und Epauletten auf den Schultern. In Jamaika hat Hans Kohn einst auch ein Standbild Simón Bolivars besichtigt, und seine Geliebte Grace erzählte ihm flüsternd in ihrem gebrochen Deutsch, dass der Held Südamerikas, der die spanischen Kolonialherren verjagte, für einige Zeit nach Jamaika geflüchtet war. Eine Frau hatte ihm das Leben gerettet, als man ein Attentat in Bogota auf ihn verübt hatte. Sie hat sich für die Geschichte den Ehrennamen La Libertadora del Libertador, die Befreierin des Befreiers erworben…

Der alte Mann geht in die Küche und kocht sich einen schwarzen Kaffee, den er nicht süßt.
Zehn Minuten später sitzt er wieder im halbdunklen Wohnzimmer. Das Mädchen hat auch sein Gasfeuerzeug da gelassen. Er hat die Zigarre mit einer kleinen Schere angeschnitten und hält sie nun einige Millimeter über die offene Flamme und saugt behutsam, bis sie sich entzündet, dann wartet er eine halbe Minute.
Anschließend beginnt er genussvoll zu paffen, natürlich inhaliert er nicht, sondern lässt den Geschmack in der Mundhöhle verweilen. Ab und an trinkt er einen winzigen Schluck vom Kaffee, um den Genuss zu verfeinern wie, um ihm eine Krone aufzusetzen. Der Mann aus Jamaika hatte ihm damals erzählt, dass die besten Zigarren auf den Schenkeln von schönen Mulattinnen gerollt werden. Nur so entsteht der Zauber des Aromas. Die Zigarre ist von einer milden Stärke und versetzt ihn in Träume. So viele schöne Frauen tauchen auf im Nebel der Vergangenheit, wie seltene Blumen in einem verwunschenen Garten der Tropen…

Nach genau fünfundvierzig Minuten ist die Zigarre zu zwei Drittel aufgeraucht, und er lässt sie im Aschenbecher ausbrennen. Der ungewohnt süßliche Geruch hat ihn müde gemacht und seltsam benommen.
Der alte Mann geht wieder ins Bett und schläft, bis es hell ist, Die Sonne scheint durchs Fenster.
Er verspürt einen leichten Kopfschmerz, der durchaus angenehm ist. Doch wenn die erste große Liebe gestorben ist, gibt es keinen Platz mehr für eine weitere.
Dann nimmt er ein warmes Bad.

Langsam kehren die Erinnerung der vergangen Nacht zurück, auch der Genuss der Zigarre. Das Mädchen hat zwei Fehler gemacht. Es hat eine Grenze überschritten. Nicht nur, dass es ihm zu verstehen gab, dass es die Bemerkung des Kellners Guiseppe verstanden hatte, dass es ihn, Hans Kohn, im Café wiedererkannt hatte wie einen nahen Verwandten. Das macht eine gute Hure nicht.
Es ging sogar noch einen Schritt weiter, es schenkte ihm eine wirklich gute Zigarre. Eine gute Hure schenkt dem Freier nichts, nichts weiter als ihren Körper für eine vereinbarte Zeit für ein vereinbartes Geld, und den verkauft sie.
Seufzend trocknet sich Hans Kohn sorgfältig ab. Wie immer folgt nach dem Genuss der Katzenjammer. Er hatte nicht damit gerechnet, in seinem Alter noch einmal diese Erfahrung erleben zu müssen.
Das Mädchen zeigte offenbar Anzeichen einer verwirrten Verliebtheit. Ein junges Mädchen, das sich in einen alten Mann verliebt, ist nun mal eine verwirrte Person Er kann es nicht wieder bestellen.

Der alte Mann und das Mädchen 8

Manchmal hatte Nuu schon als Kind in Thailand einen Traum gehabt, den sie nicht verstand.

So träumte sie oft, sie schliefe tagsüber im Schatten am Strand. Aber sie schlief tatsächlich am Strand.

Der Traum jedoch war in Wahrheit eine Erinnerung aus einem vergangenen Leben. Sie könnte noch nicht einmal sagen, ob es sich um den gleichen Strand handelt, das gleiche Meer, nur die ewig wiederkehrenden Rufe des Meeres ähnelten sich, im Traum war ein junger Mann bei ihr, das war aber der alte Mann in einem vergangenen Leben, als er jung war. Er war kein guter Mann zu den Frauen gewesen, weil er nichts wusste von der Liebe. Oder gab es doch eine einzige, die er jetzt in Gestalt Nuus im Arm hielt?
Und im Traum wurde sie wach, aber sie konnte sich nicht rühren. Eine Riesenkrake stieg aus dem grünen Meer und lief auf sie zu, die Augen glotzten sie an und Nuu konnte nicht sagen, wie. Später in Deutschland hat sie die Antwort gefunden, als sie die Scheinwerfer von Autos im Winter das erste Mal sah. Es war in der Nacht und Schneeschauer legten sich wie weiße Stoffe über die Straße, die Scheinwerfer der entgegen kommenden Autos tauchten auf wie diese Augen der Riesenkrake, sie schnitten ihr ins Herz. Da wusste Nuu erst, was der Traum in Thailand bedeutet hatte…

Damals war die Krake wie eine Spinne auf sie zugelaufen und legte sich auf ihren schlafenden Körper. Die nasse Krake verströmte die Kälte, die sie aus den Tiefen des Ozeans mitgebracht hatte, und Nuu fühlte wie ihre Knochen zu Eis erstarrten. Sie wachte nun wirklich auf und weinte.
Der Großvater war neben ihr gesessen im weißen Sand mit gekreuzten Beinen und flickte ein Fischernetz. Er lächelte sie gütig an, weil er das nam djai hatte, das Wasser des Herzen, er verstand alles von der Welt, auch von der Welt der Toten und Geister.

Jeder Traum hat etwas zu bedeuten, hatte er gesagt, aber wenn wir aufwachen flüchten die Geister vor der Wirklichkeit.

Nuu hatte ihre Tränen getrocknet, und sie fühlte eine zärtliche Liebe zu dem alten Mann hier in Germany, sein djai dee, gutes Herz war immer sanft und rücksichtsvoll. Und sie erzählte ihm nichts von dem Traum, sie erzählte niemand je diesen Traum…

Nun in Deutschland wusste sie, der Traum war eine Voraussage gewesen, die sich erfüllen musste, sie war dagegen machtlos. Sie war eine Dienerin der Riesenkrake und hatte sich ihr zu unterwerfen. Unser Schicksal steht in einem großen Buch, und wir können uns nicht dagegen auflehnen, weil alle Seiten schon voll geschrieben sind bis zum letzten Wort.

Nuu heißt Maus. Niemand kennt ihren wahren Namen, nur ihre Mutter, alle anderen hatten ihn vergessen. Der Großvater hatte ihn auch gekannt, aber er war gestorben ein Jahr, bevor Nuu nach Deutschland flog.

Als der Fahrer zu ihr sagt, dass der alte Mann sie bestellt, freut sich Nuu.
Sie kann es selbst nicht sagen, warum. Aber sie beginnt sofort an ihren Großvater zu denken. Der alte Mann ist der einzige von den Stammfreiern, der auch das Wasser des Herzens besitzt. Es bedeutet Respekt und Rücksicht vor jeden, egal was er ist oder tut. Der alte Mann behandelt sie als einziger so. Und er allein ist in der Lage, ihre Schönheit zu würdigen. Seine Augen sind wie Spiegel, wenn er sie nackt sieht und Nuu erkennt sich in seinem Blick selbst wieder. Jede Linie ihres Leibes ist wie mit einem dünnen Tuschpinsel gezeichnet. Dieser alte Mann sieht in ihr ein Kunstwerk, Nuu gibt sich ihm hin, auch weil er nie wirklich in sie eindringt, als wolle er das Kunstwerk nicht zerstören. Er weiß nicht, dass er seine Erinnerung noch einmal sieht.

Nuu träumt in die Dunkelheit hinaus, sie hört wie aus der Ferne den Fahrer und die Afrikanerin Jane reden und lachen. Sie reden englisch miteinander, und das versteht sie nicht. Sie taucht aus ihren Träumen auf, als hätte sie im Meer gebadet und lächelt und schaut den Fahrer an.
Warum lacht ihr, fragt Nuu.
Der Freier von Jane hat sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde, er hat sich in sie verliebt. Auch Nuu lacht und dreht sich zu Jane um.
Nix heiraten, fragt sie.
No, no, er seien armer Mann, antwortet Jane und lacht immer ausgelassener.
And what do you say, und was hast du noch gesagt, sagt der Fahrer.

Er seien white Mann, Jane gluckst vor Vergnügen.

Nuu lacht mit ihr, und der Fahrer lacht mit ihr, sie sind eine fröhliche und übermütige Fuhre in dieser grauen Stadt.
Dann beruhigt sich Nuu. Sie hat das oft genug erlebt, dass Freier ihr einen Heiratsantrag machten. Die deutschen Männer sind seltsam, einsam und traurig, sie wünschen sich ein Freudenmädchen an ihrer Seite, aber sie darf dann nicht mehr als Hure arbeiten.
Nuu lächelt. Sie wird noch fünf Jahre in Deutschland bleiben. Für jeden Freier darf sie vierzig Euro behalten. Und Monat für Monat geht sie zur Bank und zahlt Geld ein.

Sie kennt die Straße, in welcher der alte Mann wohnt, als wäre sie ein Stück Heimat in ihr. Der Fahrer beugt sich über das Lenkrad, er versucht einen Parkplatz zu entdecken. Der Regen benetzt die Windschutzscheibe, und der Scheibenwischer quietscht wie immer. Die Beatles singen aus dem Radio all your need is love. Der Fahrer hält an.

Steig hier aus, sagt er, ich muss noch einen Platz suchen.

Nuu tastet gerade in ihrer Handtasche nach einer kleinen Schachtel und schließt schnell die Tasche.
Okay, sagt sie und öffnet die Tür, ich rufe dann an.

Sie zwinkert noch Jane zu und läuft dann rasch über die Straße, der kalte Regen greift nach ihr wie die Arme der Krake.

Nuu rennt die Treppe hoch, die Krake ist verschwunden. An der offenen Tür steht der Alte und erwartet sie, er trägt seinen schwarzen Bademantel. Er steht da groß und gütig lächelnd, das lange weiße Haar fällt bis auf seine Schultern.
Nuu lacht und ringt nach Luft.

Na du, sagte der alte Mann und nimmt sie in die Arme, bist so gerannt?

Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss, und er streicht ihr behutsam über das glänzende Haar. Nuu legt ihren Kopf an seine weiße behaarte Brust. Sie fühlt seine Kraft, obwohl er dünn und knochig ist.
Im Schlafzimmer leuchtet warm die kleine Lampe.

Heute habe ich keinen Sekt, sagt der alte Mann, möchtest du Saft?

Ja, gern, sie setzt sich hin und greift nach dem Handy. Der alte Mann verschwindet in der Küche. Während sie telefoniert wandert ihr Blick im Schlafzimmer umher.
Ihr Blick verharrt im Stehspiegel. Sie kann sich undeutlich sehen, wie sie im Sessel sitzt, als einen Schattenriss im Reich der Träume.
Jetzt kommt der große Schatten des Alten, er stellt ihr ein Glas Saft auf das Tischchen und einen Aschenbecher daneben.
Bitte schön sagt er und setzt sich ihr gegenüber in den zweiten Sessel.
Nuu klappt das Handy zu und antwortet, danke. Sie zündet sich eine Zigarette an.
Hans Kohn lehnt sich zurück. Er schlägt die Beine übereinander und schaut sie an.

Geht es dir gut?

Da verwandelt sich die Frau wieder in ein Mädchen.
Das Mädchen neigt etwas den Kopf.

Es geht schon, sagt es.

Er runzelt die Stirn.
Probleme mit deinem… er macht eine kleine Pause… Freund?

Es hebt seinen Blick, er lässt sich so gehen, sagt Nuu, er soll die Wohnung schön malen, aber er tut es nicht.
Der alte Mann lächelt nachsichtig.
Dann ist er nicht der richtige für dich, sagt er jedes Wort vorsichtig vor das Mädchen hin legend.
Mag sein, antwortet das Mädchen. Aus irgend einem Grund schlägt sein Herz schneller.

Der alte Mann schweigt. Das Mädchen drückt seine Zigarette aus, steht langsam auf und legt seine Kleidung ab wie in einem geheimnisvollen Tanz. Im Spiegel sieht es, wie der alte Mann zuschaut.

Als das Mädchen im später Bett liegt, bettet es seinen Kopf in die Armkuhle des Mannes wie ein kleines Vögelchen sein Nest sucht.
Die Hand des alten Mannes streichelt die Seite des Mädchen und ruht dann auf seinem Hintern, ganz leicht, als berühre sie eine seltene Kostbarkeit.

Du hast mich noch nie nach meinen Namen gefragt, flüstert das Mädchen.

Namen sind nicht wichtig, mit unserem Namen verraten wir uns, antwortet er und gähnt, wie nennst du dich denn bei den Männern?

Lena, sagt das Mädchen, es wartet einen Moment, aber ich heiße Nuu.

Da bemerkt es an seinem gleichmäßigen Atem, dass er eingeschlafen ist.
Es schaut auf den Wecker und beginnt zu träumen, dabei summt es Kinderlieder aus Thailand…

Der alte Mann und das Mädchen 7

Kapitel 7

Der alte Mann weiß, dass er heute Nacht das Mädchen wieder bestellen wird. Er weiß es seit dem Kaffee, das ist dieser Rest von Unruhe, die ihm das Leben gelassen hat. Erwartung und Neugierde. Mit diesem Mädchen hat es etwas auf sich, was er heraus bekommen wollte. Sie ist so jung, und er fühlt sich selbst wie eine fette Spinne, die ihr Netz knüpft, um die kleine Fliege zu fangen.

Er ist weitaus davon enfernt, verliebt zu sein. Dafür ist er zu alt. Er könnte die Anziehung nicht benennen. Sie ist eine Hure, und seit er aufgestanden, fühlt er den Drang sie zu berühren. Das möchte er nicht analysieren, er bezahlt sie dafür. So ist die Welt halt, er kann bezahlen und wenn es nur eine Berührung ist.
Wenn er allein in der Wohnung ist, trägt er einen weichen Hausanzug aus violettem Samt. Da es kühl geworden ist, hat er sich eine schwarzen Morgenmantel über die Schultern gelegt. Er steht am Fenster und schaut auf die Straße in die Dämmerung. Die Umrisse der Möbel werden undeutlich, ein gutes Licht für einen alten Mann.
In der Nähe befindet sich ein großer Spielplatz. Kinder sind auf dem Heimweg, die Kleinen werden von ihren Eltern begleitet. Junge Mütter gehen für die geschlechtliche Liebe verloren, wenn sie sich um kleine Kinder kümmern. Die Väter haben es zu ertragen. Er lächelt versonnen. Je älter er wird, um so mehr zieht es ihn zu den Mädchen hin, die noch nicht Mütter sind.

Fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau und des Jungen, hatte er einen längeren Urlaub in Jamaika gemacht. Der alte Mann war damals noch ein junger Mann, fünfundfünfzig Jahre alt. Er arbeitete als Elektroingenieur in einem großen Kraftwerk. Der Energiekonzern des Westens der geteilten Stadt zeigte sich seinen Angestellten großzügig wie ein reicher Vater seinen Kindern gegenüber. Ihm verdankt Hans Kohn heute auch eine beträchtlich hohe Betriebspension zusätzlich zur staatlichen Rente. Und damals gab es die Regelung, dass man sich Urlaub aufsparen konnte. Mit fünfundfünfzig Jahren, hatte er zwei Jahre keinen Urlaub gemacht und flog für drei Monate nach Jamaika. Den ersten Monat hatte er jeden Tag eine neue Geliebte, er fühlte sich wie im Paradies. Abends trank er Rum mit Cola und Eis, rauchte Pfeife. Er saß unter Palmen ein wenig abseits von den Kurzzeittouristen, das Meer brachte ein kühle Luft herüber, und die Mädchen tanzten bei Trommelmusik. Auf den Tischen standen flackernde Kerzen, als wären die Sterne vom Himmel gefallen. Er hatte einen kleine, aber komfortable Hütte für sich, die ein Schilfdach aufgesetzt hatte wie einen runden Hut.
Die Mädchen liebten ihn in der Nacht, wenn das Mondlicht sich herein stahl, ihre schwarze Haut glänzte vor Schweißperlen, sie fühlten sich an wie Schlangen, ihre Augen leuchteten weiß, sie keuchten vor Lust und rochen nach Kokosmilch und Ananas.

Der alte Mann träumt am Fenster.

Nach einem Monat hatte er sich plötzlich in eine verliebt, die Grace hieß, wie Grace Kelly. Nur war sie genau das Gegenteil von Grace Kelly, schwarze Haut, schwarz glänzende Haare in Rastazöpfen wie hundert kleine Schlangen geflochten, sie besaß große dunkelbraune Augen, die aufleuchteten, wenn sie ihn sah und ihr Lachen war die reine Freunde am Leben. Wenn er ein Wort für sie nur finden sollte, dann würde er diese Grace als edel bezeichnet haben. Ihr Gang war lässig und geschmeidig zugleich, ihre Haltung stolz wie eine Königin der Insel. Sie war die erste von vielen, die er als Person wahrnahm und nicht nur als ekstatischen Körper für nächtliche Lustspiele.
Grace wich auch am Tage die restlichen zwei Monate nicht von seiner Seite. Sie führte ihn ins Landesinnere, er besuchte ihre Eltern. Einmal nahm sie ihn sogar zu einem Konzert mit, auf dem die Musiker des verstorbenen Bob Marley spielten, Hans Kohn war der einzige Tourist unter lauten gläubigen Rastafaris und tanzte zum Reggae, als gehöre er zur Gemeinde.
Als er wieder nach Berlin zurückkehrte, führte ihn sein erster Weg zur Ausländerbehörde, und er füllte eine Einladung aus für Grace. Drei Monate später kam sie in Deutschland an. Hans Kohn erlebte den ersten Monat mit ihr so etwas wie eine Liebe unter dem Honigmond.
Von einem Tag zum anderen starb diese Liebe, als wenn man eine Blume knickt. Grace fühlte sich einsam im kalten Deutschland. Und sie langweilte ihn, weil sie nicht mehr lachte.
Irgendwann, Hans Kohn erinnert sich nicht mehr genau, trafen sie sich mit seinen Arbeitskollegen. Ein Schichtmeister aus dem Kraftwerk verliebte sich Hals über Kopf in Grace.
Hans Kohn war müde zu Hause täglich die Frage zu hören, ob er sie heiraten würde. Eines Abends ging er mit dem Schichtmeister auf ein Bier in die Kneipe, der ihm schon betrunken unter Tränen gestand, dass er sich unsterblich in die schöne Jamaikanerin verliebt hatte.

Würdest du sie heiraten wollen?
Der etwas dickliche und untersetzte Schichtmeister nickte und schluchzte. Hans Kohn gab ihm sein sauberes Taschentuch, das Grace gebügelt hatte…

Der alte Mann schmunzelt versonnen.

Er regelte damals die Angelegenheit und sprach mit Grace. Als sie seine Wohnung verließ, der Arbeitskollege wartete im Auto vor der Tür, weinte Grace.

Hans Kohn gab ihr auch ein Taschentuch, es wird schon werden, sagte er.

Grace antwortete, du bist kalt wie ein Fisch, Hans.

Sie ging mit ihren Koffern die Treppe hinunter und sah sich nicht um, ihre Haltung blieb königlich. Aber sie ging, als würde man sie aufs Schafott führen.
Hans Kohn war erleichtert. Er sah sie nie wieder, und im Betrieb grüßte der Schaltmeister ihn nur noch kühl und mit Abstand. Der Mann schaute nach einem Jahr nicht unbedingt glücklich darein. Später hörte Hans Kohn von anderen, dass sich Grace nach drei Jahren hatte scheiden lassen. Es hieß, sie würde als Hure arbeiten, da sie ja nun die Aufenthaltsberechtigung besaß.
Hans Kohn hatte mit ungefähr sechzig begonnen, sich Prostituierte als Hausbesuche zu bestellen. Nachdem er von Graces Werdegang erfahren hatte, vermied er es, sich eine Jamaikanerin zu bestellen. Das Leben kann sich manchmal Scherze ausdenken wie ein Teufel im Übermut…
Der alte Mann atmet ruhig, inzwischen ist es dunkel geworden.

Genau genommen war Grace sein letzter Versuch zu einer bürgerlichen Beziehung, vielleicht seine letzte Liebe, ab dann verkehrte er nur noch mit Huren. Grace wird wohl jetzt wieder in Jamaika leben, dachte er, vielleicht ist es ihr gelungen genug Geld zu sparen für ein gutes Leben dort im Paradies. In dieser Welt braucht man auch im Paradies Geld für ein gutes Leben, das ist die Wahrheit.

Aber das Mädchen aus Thailand… ? seit Wochen bestellt er nur noch dieses eine.
Warum soll er sich Gedanken machen, Grace hatte ihn noch geliebt, das Mädchen kann ihn gar nicht lieben, so groß wie der Altersunterschied ist. Er lächelt, geht ins Bad und bereitet sich vor.

Der Mann im Auto hält das Handy ans Ohr.

Ja, sagt er, wie immer, in einer halben Stunde können wir da sein.

Er dreht sich zu Nuu um. Der alte Mann wünscht dich. Nuu lächelt und zieht die Schultern etwas hoch, um nicht zu verraten, dass sie sich freut.
Das Auto ist auf dem Weg.

Piet 4

Piet und ich waren vielleicht Mitte fünfzig Jahre alt, als wir uns das letzte Mal sahen von Angesicht zu Angesicht und das war gar nicht so einfach. Die Mauer in Berlin war schon ein paar Jahre Geschichte und ich erhielt von meiner ehemaligen Kinder- und Jugendliebe einen Brief, die immer noch in dieser Kleinstadt lebte, dass Piet schon einige Zeit im Krankenhaus liegt. Dort gibt es nur ein Krankenhaus, das schon in DDR-Zeiten Kreiskrankenhaus hieß. Weiß der Teufel warum, ich beschloss nicht nur die Stadt nach Jahrzehnten zu besuchen, sondern auch die damalige große Liebe.

Wir unterhielten uns und ich erschrak etwas über die Stadt und die Frau und die Vergänglichkeit von allem. Piet, so erfuhr ich, lebte inzwischen in einem abgelegenen Dorf auf einem ziemlich verwahrlosten Gehöft mit einer alten Alkoholikerin und deren Sohn zusammen, sie lebten von der „Stütze“, wie die Unterstützung schon in der DDR des Staates hieß.

„Erschreck` dich nicht“, sagte die frühere Liebe, als ich mich auf den Weg zum Kreiskrankenhaus machte. Ich liefe durch diese kleine Stadt an mindestens fünf verfallenen Kneipen vorbei, die es schon damals gab. Mein kürzlich verstorbener drei Jahre älterer Bruder, der in Dresden Physik studiert hatte erzählte mir einst, dass unsere Stadt den höchsten Alkoholverbrauch in der DDR und den geringsten Bücherverbrauch aller DDR-Städte vorzeigen konnte.

Das erzählte er mir damals in der Blüte seiner Jahre unter Lachen, er hatte es in einer Statistik entdeckt.

Die Krankenschwester erstaunte, als ich mich zum Besuch anmeldete: „Oh Piet, er schläft wohl, ob er Sie erkennt, weiß ich nicht, er liegt im Delirium“.

Ich öffnete die Tür und hinein.

Das Zimmer war voller Betten, in denen die Patienten schliefen, schmutzig und voller Gestank. Irgendwo in der zweiten Reihe drehte ein weißhaariger Greis, den man auf einen Hundertjährigen schätzen könnte und blinzelte neugierig mit seinen verklebten Augen, in denen so was wie Erstaunen auftauchte…

Piet riss sich mit einer freien Hand den Tropf aus den Arm, drehte seinen dürren Leib langsam bis er saß, er grinste sein altes Grinsen:

„Komm, wir gehen aufs Dach eine rauchen.“

Oben schien die Sonne und es standen paar Stühle herum.

Ich sagte:

„Früher sagten wir: Wenn wir uns im Alter treffen, gehen wir in die Kneipe auf ein Bier.“

„Das ist nun vorbei“,hustete und röchelte Piet, „aber ich hatte dich immer beneidet, wie viel du verträgst.“

Das ist schon ungefähr zwanzig Jahre her. So viele Menschen sind gestorben.

Ob Piet noch lebt, weiß ich nicht, ich hatte ihn nie wieder gesehen…

Der alte Mann und das Mädchen 6

Der Scheibenwischer quietscht gequält, die Stadt ist dunkel und traurig und leidet unter Depressionen, ein feiner Nieselregen legt sich schon seit Stunden wie eine eisige Decke über allem mit einer gewissen Empörung.

Im Auto ist es stickig warm. Der Mann, der Nuu fährt, raucht ohne Unterlass, ihr fehlt die Luft zum Atmen. Die Straßenlaternen sind in den Vorstädten des riesigen Molochs hunderte gelbe Monde, in der Innenstadt ragen große Bogenlampen über die Straßen. Ihr Licht ist blauweiß grell wie kleine Sonnen und manchmal werden Regenbogenfarben sichtbar, aber das verstärkte eher die Tristesse, als sie aufzuheben. Darüber herrscht die Nacht der einsamen Seelen, tote Geister durchdringen die grauen Wolken bis in die klare Dunkelheit, in der die Sterne funkeln wie Edelsteine. Hier unten gibt es keine Geister, sie frieren zu sehr…

Sie lässt das Seitenfenster einen Spalt breit nach unten gleiten, nasser Dunst streift ihr Gesicht, doch es ist frisch und sauber. In der Fahrerkabine existierte schon kein Sauerstoff mehr.
Der Mann, der Nuu fährt, liebt die Musik der Beatles, stundenlang muss sie sich das Geplärre anhören. Sie erträgt es mit der stoischen Gelassenheit einer Buddhistin und träumt meist zwischen den Terminen.
Das Auto schnurrt wie eine satte Katze. Jetzt fährt die Scheibe hoch neben ihr, Nuu schaut den Fahrer an. Er lächelt dünn und unterdrückt ein Gähnen.

Genug gelüftet, sagt er, es wird kalt. Sie lächelt und versteckt ihren Widerspruch, das hat sie gelernt.
Irgendwie ist sie erschöpft.

Der letzte Freier war anscheinend ein Sportler, und er verlangte von ihr die Akrobatik einer Turnerin. Immer mehr von diesen jungen Männern putschen sich mit Viagra auf und entwickeln eine Ausdauer, die ihr alles abverlangt. Keiner von denen denkt daran, dass sie die Nacht durch arbeiten muss. In was für einen Schlamassel würde sie eigentlich geraten, wenn einer von denen wegen dieser Tablette einen Herzinfarkt erlitte? Dabei sind die Pornos, die diese Art Männer konsumieren schon abstoßend und hässlich genug .Und es kommt immer einer danach. Sex ist doch kein Krafttraining im Fitnesssenter. Manchmal träumt sie von Männerschwänzen wie von Fischen, die der Großvater an einer dünnen Leine zwischen zwei Stöcken am Strand aufgezogen hat zum Trocknen.
Das Telefon klingelt. Der Fahrer spricht ins Handy, achtzig die Stunde, ja klar mit Kondom, was dachten Sie… er hört eine Weile zu, während er um einen Platz kurvt… in einer halben Stunde können wir da sein, geben Sie mir die genaue Adresse und Ihre Telefonnummer… er hört wieder zu… Nuu, schaut auf den schimmernden Asphalt draußen… ja, sagt der Fahrer, Sie können eine üppige Afrikanerin haben, sehr sexy oder eine kleine Thailänderin, zierlich… dann hört er wieder zu… Nuu dreht sich um und lächelt Jane aus Ghana an, die kaum deutsch kann, Jane lächelt zurück… geht in Ordnung, sagt der Fahrer und klappt das Handy zu.
Er schaut kurz zu Nuu und lächelt dünn, du bist gefragt. Sie lächeln alle, Nuu anders als Jane und der Fahrer. Der Fahrer lächelt müde und illusionslos, ein wenig zynisch, und versteckt dahinter seine Verzweiflung und Einsamkeit. Jane lächelt schüchtern wie ein Kind, dass aber am liebsten gleich laut lachen möchte, Nuu lächelt entspannt und verträumt, an sie geht das alles vobei, der alte Achtzigjährige müsste sich bald wieder mal melden, denkt sie mit einer gewissen Bangigkeit und einer kleinen Sehnsucht.
Sie lächeln wie Tiefseefische in die verlorene einsame Nacht, als schwimmen sie durch einen Ozean Tausend Meter tief.

Das Mädchen Nuu huscht durch den kalten Regen in einem Vorort zu einer kleinen Villa. Bei einem neuen Freier hat es immer dieses unbestimmte Kribbeln, hoffentlich ist er sauber, hoffentlich benimmt er sich anständig, Natürlich der Fahrer wartet vor der Tür, und es gibt immer ein vereinbartes Telefonat, wenn es eingetroffen ist. Ein Rettungsring sozusagen. Aber sicher ist es nie. Deshalb mag es so die Stammfreier, nicht aus einer Zuneigung heraus, nur wegen des Gefühls der Sicherheit. Es ist furchtbar kalt und dauert ewig, ehe der Mann den Summer drückt.
Er ist im mittleren Alter, und das Mädchen sieht mit einem Blick, dass von ihm keine Gefahr droht. Er hat mehr Angst als ich, denkt es und unterdrückt ein Kichern.
Tatsächlich empfängt er es im Nadelstreifenanzug und mit Schlips und Kragen.

Würde es dir etwas ausmachen, mich Gerhard zu nennen.

Es lächelt, ich heiße Lena. Natürlich heißt er nicht Gerhard, wie es nicht Lena heißt.

Sie spielen eben Maskentheater wie im Nang-Puppenspiel. Das Haus ist sehr komfortabel und das Mädchen Lena sieht mit einem Blick, dass hier auch eine Frau wohnt.
Der angebliche Gerhard bietet ihr Getränke an.

Ich nehme einen Saft, sagt Lena und setzt sich an den Rand eines Sessels. Er lässt sich ihm gegenüber auf die Couch fallen, als hätte er gerade einen Boxkampf verloren.
Das Mädchen fragt gleich, ehe er lange Nachdenken muss, nach dem Geld. Es ist schließlich nicht zum Vergnügen hier, aber das sagt es nicht, es ist hier um zu angeln. Achtzig Euro haben da am Haken zu sein.
Der Mann nestelt seine Brieftasche aus der Innenseite des Jacketts und zieht hundert Euro heraus, zwei Fünfziger.

Ich kann nicht herausgeben, sagt das Mädchen, hast du es nicht passend… es macht kleine Pause und lächelt, als würde es nachdenken…. Gerhard.

Ist schon in Ordnung, der Mann ist sehr verlegen.

Das Mädchen Lena greift zum Handy und ruft den Fahrer an. Alles okay, sagt es.

Der Fahrer spricht ins Telefon, ich habe hier in der Nähe eine Termin für Jane, ich hole dich aber pünktlich ab.

Ist gut, sagt das Mädchen und klappt das Handy zu.
Es schaut den Mann, der gern Gerhard heißen möchte, fragend an.

Ein Getränk, fragt er noch einmal, Juice, Wein, Kaffee?

Juice, sagt Lena, als hätte es nicht schon einmal gesagt. Gerhard muss sehr aufgeregt sein.
Der Mann verschwindet in dem riesigen Haus irgendwo und Nuu sieht sich um.
Eine sehr gediegene Sitzecke, ein Kamin, alte Schränke, schön.
Ob sie hier arbeiten sollte oder etwa im Schlafzimmer. Nuu hasst es in dem Bett der nicht anwesenden Ehefrau zu arbeiten.

Gerhard kommt zurück und Lena setzt ein möglichst unbeteiligtes Gesicht auf. Er hat ein großes Handtuch über die Schulter geworfen und trägt zwei Gläser Juice.

Nuu hat einen scharfen Blick. In seiner Hosentasche beult sich etwas Großes. Es könnte eine Pistole sein. Nuu ist wachsam wie ein Luchs im Dschungel. Ich könnte ihm den Aschenbecher an den Kopf werfen, denkt sie und spannt ihre Muskeln an.

Das Mädchen Lena aus Thailand lächelt sanft.
Gerhard stellt die Gläser ab, er steht etwas unschlüssig, dann greift er in die Hosentasche.

Nuu beugt sich vor und fasst den Aschenbecher an und zieht ihn etwas zu sich.

Gerhard holt einen mittelgroßen – Vibrator aus der Tasche.
Das Mädchen Lena macht große verwunderte Augen und lässt den Aschenbecher los.

Was ist das, will es wissen.

Gerhard schaut zum Aschenbecher, legt den Vibrator auf den Tisch und setzt sich.

Möchtest du rauchen, dann rauche nur. Danke, sagt Lena und holt Zigaretten aus der
Handtasche.

Die Geschichte ist wie so viele köstlich und absurd. Mit stockender Stimme erzählt ihm der angebliche Gerhard, dass seine Frau zur Kur gefahren sei und er jetzt ein paar Wochen allein wäre. Heute früh hätte er die Betten gemacht und da wäre der Vibrator unter der Matratze heraus gefallen.

Wie, fragt Lena und lacht belustigt.

Mit einem lauten Knall auf das Parkett, antwortet Gerhard und grinst schräg. Er überlegt, aber dann sagt er, du wirst das nicht verstehen, aber das verletzt mich tief.
Schließlich konfrontiert er das Mädchen mit dem Wunsch, es möchte sich mit diesem Vibrator selbst befriedigen, während er zuschaue und onaniere.

Das war nichts Neues für Nuu. Sie hat viele Freier, die teilweise aus großer Angst vor Ansteckung, ihr nur zuschauen möchten, wenn sie sich selbst befriedigt. Eine einfache Angelegenheit, aber sie hat einen eigenen Vibrator dazu in der Handtasche.

Das Mädchen Lena zieht an der Zigarette und trinkt einen winzigen Schluck Juice, es trinkt nie mehr als einen winzigen Schluck, es könnte ein Betäubungsmittel darin sein.

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