Nuu sitzt im Sessel des halbdunklen Schlafzimmers. Sie fühlt sich unwirklich wie in einem Traum, in dem sich ihre Seele verirrt hat.
Der alte Mann ist ein großer Schatten im Spiegel, und sie fühlt sich seltsam benommen, als liege sie inmitten eines Feldes von wilden Orchideen.
Auf dem Tisch liegen zweihundert Euro, vier Scheine wie der Schmutz auf der Straße nach einem langen Regen als Pfützen im Halbdunkel falsch zwinkern und locken.
Geht es dir gut, fragt der alte Mann.
Ja, antwortet Nuu, und ihr Herz sagt lautlos, weil ich wieder hier bei dir bin.
Ich habe dich für zwei Stunden bestellt, sagt er, und seine Stimme klingt rau, als wäre er ein Zauberer. Nicht mehr, denkt sie, das soll ich mir einprägen, wer wird denn weinen…
Ich weiß.
Nuu lächelt, sie behält die Fassung.
Es geht so lala, antwortet Nuu.
Hast du immer noch Probleme mit deinem Freund?
Soll ich mich von ihm trennen?, fragt Nuu.
Der alte Mann lehnt sich zurück und schaut sie lange an.
Du allein weißt, was du tust, antwortet er dann, und du allein hast Macht über dich selbst, niemand sonst.
Sie fühlt ihr heißes Herz, djai ron. Der alte Mann beugt sich vor und gießt ihr ein neues Glas Sekt ein, auch dieses stürzt sie in einem Zug herunter. Sie hat jede Vorsicht vergessen.
Der alte Mann lächelt, betrinke dich nicht, Nuu.
Sie schaut ihn an, ihre Augen brennen wie glühende Kohlen. Wenn er diesen Namen kennt, dann hat er das letzte Mal gar nicht geschlafen, oder er kann im Schlaf hören wie ein Dämon. Sie spürt eine kleine Angst, wie die Maus, wenn oben am Himmel der Adler kreist. Oder ein Geier?
Er sieht gut aus mit seinem weißen Haar und in seiner großen Gestalt.
Wir reden erst ein Stündchen, sagt der alte Mann, und ich rauche eine Zigarre. Er lächelt, du hast mich ja verführt, Nuu. Zum Rauchen, er lacht etwas heiser.
Wieder klingt ihr Namen durch den Raum, und in ihr die Saite eines Musikinstruments, das ihre Seele ist. Er besitzt meine Seele, denkt sie bestürzt.
Aus der Wohnstube dröhnt das laute Geräusch eines fahrenden Autos. Nuu dreht sich um.
Ich habe die Balkontüren offen gelassen, weil es so warm geworden ist, sagt der alte Mann.
Soll ich sie schließen, fragt er dann.
Nein, nein, sagt Nuu, es ist so schöne Luft.
Aber in Wahrheit weiß sie gar nicht , was sie sagt. Die Worte sind wie bunte Kieselsteine an einem langen Strand. Das Meer rauscht in ihren Ohren, und sie sieht, wie der alte Mann sich vorbeugt und ihr wieder Sekt einschenkt.
Aber trinke langsam, Nuu, sagt er.
Sie hat sich an das Halbdunkel gewöhnt und erkennt deutlich die lächelnden Augen des alten Verführers.
Er hat sich nach hinten gelehnt und die Beine übereinander geschlagen. Langsam pafft er seine Zigarre. Er lächelt ein wenig verworfen.
Hast du mich vermisst, Nuu?
Sie lacht heiser und sucht nach den Zigaretten.
Nein, antwortet sie, du bist nur einer von vielen. Und die lautlose Stimme des Herzens spricht, wie soll ich dich vermissen, wenn man atmet, vermisst man doch nicht die Luft.
Der alte Mann schweigt und schaut sie an. Er pafft.
Die Rauchringe steigen empor wie Zauberzeichen. Nuu lächelt, und es ist ein schiefes Grinsen.
Soll ich mich ausziehen, fragt sie.
Warte noch, sagt der alte Mann.
Sie schlägt die Augen nieder und wartet.
Als er seine Zigarre zu zwei Drittel aufgeraucht hat, legt er sie in den Aschenbecher.
Ich habe dir wie immer im Bad ein frisches Handtuch hingelegt.
Ja, antwortet Nuu und zieht sich aus, und es ist so, als wenn seine Blicke ihre Hände lenken. Sie streichelt sich ein wenig und hört seinen schweren Atem.
Sie kommt aus dem Bad, und der alte Mann steht auf.
Nuu legt ihren Kopf an seine Brust. Sie stehen genau vor dem Spiegel, und sie schaut sich selbst in die Augen. Sie sieht, wie der alte Mann seinen Kopf auf ihr Haar senkt und atmet. Langsam streift sie seinen Bademantel ab. Sie stehen beide nackt da…
Und unversehens geschieht eine Verwandlung: ihr Körper scheint auszutrocknen und schrumpft. Ihr blauschwarzes Haar wird brüchig und weiß, ihre Haut ist wie die abgezogene Haut eines Krokodils, die Monate lang in der Sonne lag. Ihre Brüste sind welk, und der Hintern hängt herab wie ein Stoffbeutel, weil das Fleisch verschwunden ist. Ihrer Arme und Beine sind Knochen, an denen die Haut in Fetzen schlappert. Nuu ist zur Greisin geworden. Ihr Gesicht ist klein und faltig wie zerknittertes Papier. Sie sieht den alten Mann atmen über ihren Kopf, und er verwandelt sich mit jedem Atemzug und wird jünger. Seine welke Haut strafft sich und wird glatt, seine Haltung wird stolzer, die Muskeln treten hervor, sein Haar verfärbt sich schwarz und wird lockig.
Er ist ein junger Mann.
Wie heißt du wirklich, Nuu, fragt er.
Sontaya, flüstert sie, und in diesem Moment hat sie sich selbst geopfert.
Der alte Mann schaut in den Spiegel und lächelt sie als junger Mann an. Er beugt sich etwas und nimmt den schwarzen Bademantel hoch und hängt ihn über den Spiegel.
Hab keine Angst, Sontaya, sagt er und führt sie zum Bett. Sie schaut an sich herunter und ist wieder jung und schön.
Er legt sich auf die Seite und streichelt ihr junge Haut über dem festen Fleisch.
Wenig später hört sie seinen gleichmäßigen Atem.
Während sie auf den Wecker schaut, spürt sie plötzlich, dass er eine Erektion hat. Und langsam öffnet sie sich ihm. Er schläft, und sie bewegt sich nicht, aber er ist ihn ihr.
Die Lust sind kleine Wellen des Ozeans, immer wieder – endlich klingelt der Wecker. Sie stellt ihn aus.
Dann steht sie auf und beugt sich über ihn, aber sie schreckt sie zurück, seine Stirn ist faltig, der Kopf eines Greises. Er röchelt etwas.
Sie geht zum Sessel und zieht sich an. Als sie das Zimmer verlassen möchte, hört sie seine Stimme aus dem Dunkeln.
Vergiss dein Geld nicht, Mädchen.
Hastig steckt sie die Scheine ein und verlässt die Wohnung.
Wie wars ?, fragt der Fahrer.
Wie immer, sagt Nuu.
Das Auto fährt an. Für heute ist Feierabend, sagt der Fahrer.
Ja, zum Glück, bemerkt Nuu, sie sieht sich im Rückspiegel grinsen. Um den Zauber zu zerstören, musste sie dem Drachen in die Höhle folgen. Sie fühlt sich wieder stark.
Im Auto klingt ein leises Schnarchen. Nuu schaut verwundert den Fahrer an. Er lacht, und macht eine kurze Kopfbewegung nach hinten. Sie dreht sich um.
Jane liegt auf der Rückbank und schläft und schnarcht leise. Nuu stimmt in das Lachen des Fahrers ein. Sie ist zurück in der Wahrheit des Lebens und hat endlich das Gefühl, wach zu sein. So müssen sich Menschen fühlen, wenn sie einen Krieg überleben, denkt sie.