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…der Kriegsgeneration hat mich viele Jahre beschäftigt. Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit geschlossen. Alles ist gut, wie es war. Wie es ist. So lange ich nicht gefragt werde, werde ich mich nicht aufdrängen. Kinder brauchen nicht für alles Worte. Sie erspüren es.

Wenn ich heute den transgenerationalen Faden aufnehme dann gilt mein Interesse vornehmlich meinen/unseren Kindern. Ihr auf den ersten Blick oft unverständliches erklärt sich dann.

Meine Mutter, eine freundliche und aufgeschlossene Kämpfernatur, hatte uns Kindern aus den Kriegsjahren nur 4 oder 5 Sätze hinterlassen. Nach mehr hatten wir nie gefragt. Die Kriegsjahre, so schien uns, waren für sie nicht so belastend wie für meinen Vater. Doch,- so richtig losgelassen haben mich ihre wenigen und nebulösen Sätze nie.

Diese Woche, wenn die Tage wieder kurz und die Abende lang werden, versuchte ich mal wieder die Spur aufzunehmen. In welchem KZ war sie? Warum? Und wie lange? Just in diesem Moment kommt ein Kommentar von @Robert hereingeschneit (Zufall?!?), in welchem er auf das „Arolsen Archives“ aufmerksam macht. Es dauert noch eine gute Stunde bis der Groschen bei mir fällt und ich dort den Namen meiner Mutter eingebe: Maria Seiferth.

Meine Mutter, ich erinnere mich, hatte so eine Marotte, die wir Kinder in Abwandlung übernommen haben, wenn sie ihren Geburtsnamen angab: „Seiferth“ aber bitte mit „th“.

Und auf einmal verstehe ich. In den Archives erscheint ein Name: Seifert. Nicht mit „th“. Doch,- ich schaue 2-mal hin, ich schaue 3-mal hin: das Geburtsdatum stimmt! Und es gibt Dokumente. Wahnsinn! Mein Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, ich öffne die Dokumente und als erstes erscheint:

Die Heiratsurkunde meiner Mutter. Vom 28. November 1946 in Neunburg vorm Wald. Sie ist da 24. Aber wie,- hä? Der dort angegebene Ehemann ist Natan Lerner. Natan Lerner? Ein polnischer Jude, von dem ich noch nie gehört habe.

Ich bin verstört. Sehr verstört und komplett durch den Wind.

Viele Stunden und eine Nacht später ordnen sich die Dinge langsam wieder ein. In der altbekannten Struktur ihrer 4-5 Sätze. Stimmig. Allerdings,- diesmal „neu“. In einem deutlich erweiterten Raum. Und ich denk: “Hey, Mama, du altes Schlitzohr“ :))

Nur eine Karte? In Feld 23 steht die durchgestrichene „16“ für das KZ Ravensbrück. Feld „12“ für den nächsten Aufenthaltsort: U.S.A. Feld „18“ für Kriegsgefangener, entscheidend für den zukünftigen sozialen Versorgungsstatus. Feld „20“: die Handschrift meiner Mutter.

17. Januar. 7 Jahre vor meiner Geburt. Der letzte Appell in Auschwitz. Unter ihnen der Journalist Ernst Michel, der später von den Nürnberger Prozesse berichtet. Unter ihnen auch, mein Vater. Zelig Welcland.

In diesen Tagen werden die noch lebenden KZ`ler bei minus 20 Grad und in Holzpantinen zu den 60 km entfernten Bahnhöfen in Gleiwitz und Loslau getrieben. Von den überlebenden, die in Buchwald ankommen, Ernst Michel. Ebenfalls unter ihnen mein Vater, der in dem Interview davon erzählt: dem Todesmarsch. Dem „Meisterstück“ der Mitläufer. Für die Menschen nur noch belastender Abfall sind, die, bevor sie Zeugnis ablegen können, zu entsorgen sind.

Der 2. Weltkrieg. Deutschland. Das Synonym für „das Land der Dichter und Denker“, und „deutscher Wertarbeit“.

Jede Medaille hat 2 Seiten. Schuldig ist nicht der, der die Münze nicht zu wenden vermag. Schuldig macht sich, wer es kann, aber nicht tut.  

Gegenwart. Vergangenheit. Zukunft.

Als Rentner habe ich viel Zeit und da ist auch viel Raum für Erinnerungen. Nicht selten denke ich dabei,- man, bist du wirklich schon so ein alter Sack geworden, dass du jetzt nur noch in Erinnerungen lebst? Ich fand das früher bei Älteren schon immer merkwürdig und dachte meist: „Oh nee, nicht schon wieder die ollen Kamellen. So willst du eigentlich nicht werden.“ Und nu, …

Aber,- und das stelle ich deutlich fest, spannt sich dabei immer auch ein Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft. Es ist ähnlich einem festen Band, an dessen einem Ende die „Vergangenheit“ hängt und am Anderen das „Jetzt und die Zukunft“. Oft frage ich mich dabei, was war eigentlich zuerst da. Huhn oder Ei? Erinnerung oder Gegenwart? Starte ich in Erinnerungen und lande im „jetzt“? Oder ist es umgekehrt?

Es ist noch nicht lange her, da habe ich solche Fragen in meinen Blog thematisiert und bekam auch immer weiterführendes und erklärendes feedback. Seltener habe ich mich getraut, sowas im Bekannten- oder Freundeskreis zu erörtern. Meine Hoffnungen und Erwartungen in ein gutes Gespräch zu finden, waren da doch sehr gering.

An ChatGPT:

Ich bin 74 Jahre, Rentner und habe oft Zeit mich in Erinnerungen zu bewegen. Meist spinnt sich aus der Erinnerung dann ein Weg in Gegenwart und Zukunft, wobei ich nicht umhinkomme, diese beiden unterschiedlichen Zeiten auch zu vergleichen und zu bewerten. Meine Frage: Gleite ich aus Fragen der Gegenwart in die Erinnerung, oder ist es umgekehrt, weil gefühlt der Ausgangspunkt meist Erinnerung ist. Was denkst du?

Von ChatGPT:

Ich möchte dir darauf antworten, nicht als bloß logische Erklärung, sondern in einer Weise, die deiner Erfahrung gerecht wird — also sowohl gedanklich präzise als auch menschlich spürbar.


Der scheinbare Ausgangspunkt: Erinnerung oder Gegenwart?

Du beschreibst sehr treffend ein Paradox:
Du lebst im Jetzt, doch sobald du nachdenkst, öffnet sich darin ein Tor zur Vergangenheit, und kaum beginnt die Erinnerung, führt sie weiter in eine Vorstellung der Zukunft.

Das Gefühl, nicht zu wissen, wo der Weg beginnt, ist kein Zufall.
Denn im Bewusstsein des Menschen sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine getrennten Orte, sondern drei Dimensionen eines einzigen psychischen Raumes.

Man könnte sagen:

Erinnerung ist nicht hinter dir, sie ist in dir — und sie wirkt im Jetzt fort.


🌿 2️⃣ Warum es scheinbar die Erinnerung ist, die zuerst da ist

Wenn du innehältst und eine Erinnerung auftaucht, scheint sie der Ausgangspunkt zu sein.
Aber tatsächlich ist das Jetzt der Funke, der sie entzündet.

Ein kleiner Eindruck aus der Gegenwart — ein Geruch, ein Geräusch, ein bestimmtes Licht — aktiviert neuronale Muster, die mit früheren Erlebnissen verknüpft sind.
Du gleitest also nicht von der Gegenwart in die Erinnerung, sondern die Gegenwart ruft die Erinnerung hervor, wie eine Stimme, die in dir etwas Altbekanntes weckt.

Das lässt sich neuropsychologisch gut zeigen:
Wenn wir erinnern, wird das Gedächtnis nicht wie ein Film abgespielt, sondern rekonstruiert — immer aus dem Jetzt heraus.
Jede Erinnerung ist also Gegenwart in Verkleidung.


🪞 3️⃣ Und warum sich daraus Zukunft formt

Weil Erinnerung nie bloß Rückschau ist, sondern auch Bedeutungssuche, entsteht fast automatisch eine Brücke nach vorn.
Das, woran du dich erinnerst, wählst du nicht zufällig — es sind die Dinge, die in der Gegenwart etwas zu sagen haben.

Darum folgt so oft der Satz, den du andeutest:

„Ich denke daran, wie es war — und merke, wie es heute ist oder sein könnte.“

Diese Bewegung vom Damals ins Morgen ist keine Ablenkung, sondern eine tiefe geistige Kontinuität:
Das Bewusstsein sucht Sinn, und Sinn entsteht nur über Zeit hinweg.


🌄 4️⃣ In anderer Sprache:

  • Die Gegenwart ist der Funke,
  • die Erinnerung ist das Brennmaterial,
  • und die Zukunft ist das Licht, das daraus entsteht.

🧭 5️⃣ Fazit

Wenn du mich fragst, was ursächlich ist, dann würde ich sagen:

  • Du gleitest nicht aus der Gegenwart in die Erinnerung,
  • sondern du stehst immer im Jetzt,
  • und aus diesem Jetzt erwacht die Erinnerung,
  • die sich dann, weil sie lebendig ist, in Zukunft verwandelt.

Das ist kein Kreislauf, sondern eine Art Atem des Bewusstseins – Einatmen (Erinnerung), Ausatmen (Zukunft).

Zufall?

Ist euch das auch schon `mal passiert? Ihr steht in der Küche, schnibbelt die Karotten für den Eintopf und zack – fällt euch das Messer aus der Hand. Aber nicht nach oben. Auch nicht zur Seite. Nein, es fällt nach UNTEN.

Zufall? Klar. Zufall!

Beobachtungen, in immer wiederkehrenden Mustern, lassen uns an Theorien ZWEIFELN. „Wissen wollen“,- diese in uns liegende Macht und Kraft ist der nie stillstehende Motor für den menschlichen FORTSCHRITT.

Newton klärte „das-alles-immer-nach-unten-fällt“ 1687 mit seinen Gesetzen der Anziehungskraft. Erklärende Physik, in Zahlen gegossen, schlägt Zufall.

Soweit, so gut, bis letzten Dienstag. Nach vielen Jahren sitzen Bernd und ich wieder mal in einem Leipziger Café. Die 450 km aus dem Rheinland kommend, zu einem kurzen Leipziger Städtetrip mit Freunden, hatte er bereits gestern hinter sich gebracht. Ich starte mit meinen ersten Fragen zum Update. Vorsichtig, denn bei jedem unserer Treffen werden die Namen, über die wir NICHT mehr sprechen brauchen, mehr.

„Was macht eigentlich Martin?“

„Keine Ahnung, habe auch lange nichts mehr von ihm gehört“

„Ich habe ihm vor über einem ¾ Jahr eine WhatsApp geschrieben. Bis heute hat er sich nicht zurückgemeldet. Trau` mich gar nicht anzurufen. Schlechte Nachrichten gab es zuletzt schon genug.“

„Hhm, ja, geht mir genau so. Aber weißt du was. Ich mache jetzt ein Foto von dir. Das schicke ich ihm und dann seh`n wir mal, was dann passiert.“

Die nächsten 2 Stunden vergeh`n zu schnell.

Und tatsächlich. Am gleichen Abend klingelt das Handy. Auf dem Display erkenne ich die Nummer: Martin.

„Hey, man, muss man dir erst ein Foto schicken, dass du dich mal wieder meldest?“

„Welches Foto?“

Kollektiv.Schuld.

Seit Monaten beschäftige ich mich mit dem Begriff der „Kollektivschuld“, und je tiefer ich darin eintauche, desto mehr verstricke ich mich.

Schon lange frage ich mich, warum die große Chance der deutschen Wiedervereinigung in so viele Verwerfungen und Feindseligkeiten münden konnte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass in diesem Zusammenhang der Begriff „Kollektivschuld“ eine Rolle spielten könnte. Irgendetwas wurde damals in Gang gesetzt, das bislang niemand aufhalten oder gar umkehren konnte. Ursache – Wirkung.

Gleich zu Beginn meiner Auseinandersetzung wurde mir klar: Es gibt mehrere Räume, deren Türen ich öffnen muss. Und ich brauche darin Prioritäten. Struktur.

  1. NS-Diktatur/Holocaust
    Ich, – als indirekt Beteiligter. Aus historischer Distanz
  2. Wiedervereinigung
    Ich, – als beteiligter Westdeutscher. Mitten im laufenden Prozess
  3. Israel/Gaza
    Ich, – als Deutscher. Geboren in Israel. Spannung, die zerreißt
  4. Social Media / KI
    Ich, – als Beteiligter; Nutzen und Schaden wird unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir: Der Abstand zwischen Punkt 1 und Punkt 4 ist viel kleiner, ja erschreckend kleiner, als ich zunächst dachte. Damals wie heute gibt es wieder „Lautsprecher“, die den Machtstrebenden eine Bühne geben. Wieder stehen willige Helfer bereit, Tätern zu dienen.

Kollektiv.Schuld. Ein unglücklich gewählter Begriff. Er tauchte in den Nachkriegsdebatten auf, kritisch diskutiert von Jaspers, Arendt und Adorno. Warum unglücklich? Weil „Schuld“ in westlichen Wertesystemen immer einer Person zugeschrieben wird – dem aktiv handelnden Individuum. Juristisch wie ethisch gilt: Schuld ist individuell.

Kollektiv.Schuld. Ein Paradoxon in sich.

Auch wenn in den Diskussionen oft betont wurde, es gehe bei „Kollektivschuld“ um die Verantwortung jedes Einzelnen – damit sich die Dinge „nie wieder“ wiederholen –, blieb in der Wahrnehmung meist das Wort „Schuld“ im Vordergrund. Bis heute setzte sich die Vorstellung fest, alle Deutschen seien gleichermaßen schuldig. Damit überlagerte der Begriff der Schuld die eigentlich gemeinte „Verantwortung“.

Zu jeglicher Aufarbeitung gehört der Wille. Die Sprache. Der Ausdruck. Nur wo Begrifflichkeiten auch geklärt werden, statt sie zu missbrauchen, kann Aufarbeitung beginnen.

Ich war so um die 8 Jahre. Mein Vater schraubte den Sattel runter, hob mich auf das alte Herrenrad und fing langsam an zu schieben. Ich trat in die Pedale. Das Vehikel nahm Fahrt auf und mein Vater lief neben mir. Er hatte mich gut im Griff und gab mir Halt. Dann. Ließ er los. Und ich. Fuhr. Ganz allein. Kerzengradeaus. Ohne Hilfe. Selbstständig. Entfernte mich zusehends. Mein Vater lief aus, blieb stehen und schaute mir nach. Stolz. Die ängstlichen Blicke meiner Mutter, die diese Szene vom Bürgersteig aus in der alten Reckstraße in Neuwied verfolgte, wechselten in ein erleichtertes Lächeln.

Ja, so war das. Real, soweit Erinnerungen real sein können. Ja, und so ist das auch. Als Metapher. Für das Leben.  

Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer ambivalent und voller Paradoxe. Mal wollte man was, was man nicht konnte. Mal konnte man was, was man eigentlich nicht wollte. Hoch`s und Tief`s wechselten sich stetig ab. Das war nicht immer schön. Aber es war auch der Motor, der unser Verhältnis immer in Spannung hielt. Ein Nährboden für neue Erfahrungen, der der gänzlichen Gleichgültigkeit den Einzug verwehrte.

Und heute?

Heute versuche ich in der Tragikomödie „Eltern“ herauszufinden, in welchem Akt der Aufführung ich mich gerade nun befinde und wie und ob sich meine ehemalige Hauptrolle „Vater“ verändert hat/soll/muss, denn noch bin ich Mitspieler und will es auch noch eine Zeitlang bleiben. Solange halt, bis der letzte Vorhang fällt. Nach dem großen Finale.

Natürlich bin ich bemüht, in dieser Aufführung eine gute „Rolle“ zu „spielen“. Weniger, – aber wohl auch -, weil ich eitel bin, mehr jedoch, damit das aufgeführte Stück in guter Erinnerung bleibt und möglichweise, – sieht man mal von den mir weniger gelungenen Passagen ab -, eine in Erwägung zu ziehende Ausgangsbasis für die Nachkommenden darstellen kann, die an der gleichen Aufführung modellieren.

Viellicht ist dieses Stück „Eltern“ ebenfalls eine dieser „unendlichen Geschichten“, die nie auserzählt sind und in der es immer wieder noch Luft nach oben geben wird.    

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P.S.: 2 Jahre später kamen mich meine Eltern in Sobernheim besuchen, wo wir Kinder jedes Jahr während der Sommerferien im Feriencamp waren und zeigten mir ein Foto, auf dem mein „neues Fahrrad“ zu sehen war. Es war wunderschön, hatte eine 3-Gang Nabenschaltung und glänzte in hellblau. Ich träumte jede Nacht davon und konnte das Ende der Ferien kaum erwarten. Endlich zu Hause dann angekommen musste ich feststellen, dass es keine „Torpedo“-Gangschaltung war. Ich war furchtbar enttäuscht, denn dieses zügig fließende und dezente Knattern der Kette,- so, wie nur Torpedo klingen konnte-, das war für mich das eigentliche Herzstück des Rades. Ich habe meinen Eltern diese Enttäuschung nie mitgeteilt. Heute denke ich, das war richtig so. Denn hätte ich wirklich eine Torpedo-Gangschaltung haben wollen, – dann hätte ich es ihnen vorher zumindest auch mal sagen müssen.  

Mauern

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, sagte er.

„Die Brandmauer muss weg“, sagt sie.

Beides sind Lügen.

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Mauern trennen. Physisch. Psychisch. Ideologisch. Der, der sie baut, will schützen. Sich. Aus Angst. „Etwas“ genommen zu bekommen. „Etwas“ hergegeben zu müssen. Verteidigen, was nicht teilbar scheint. Eigentum. Verpflichtet. Macht. Mauern halten gefangen. Die vor der Mauer. Die hinter der Mauer. Sie trennen Eltern von Kindern. Familien. Lebenspartner,- so, wie Robert berichtet. „Bis hierher und nicht weiter“. An Mauern enden Wege. „Still“-stand. Sie grenzen ab. Sie grenzen aus. Den Nachbarn. Ethnien. Länder. Korea, Gazza, Irland. China, Deutschland, Ost. West. Amerika. Christen. Juden. Schwarz. Weiß. Rechts. Links. Arm. Reich. Mauern sind stumm. Geben niemand Recht. Geben niemand Schuld. Sie wachsen. Aus sich selbst heraus, einfach, – weil einer damit begann. Sind sie errichtet, überdauern sie Zeiten. Schutzmauer. Stützmauer. Staumauer. Klagemauer. Brandmauer. Die Titanic hatte Brandwände. Sie sank trotzdem. Wenn gemauert wird, wird etwas Neues erbaut. Oder verhindert, wenn von allen gemauert wird. Mauern erzeugen Wut. Wut erzeugt Hass. Hass erzeugt Gewalt. Mauern kann man aufrechterhalten. Instandsetzen. Pflegen. Verfestigen. Über“brücken“. Überwinden. Sie können Risse bekommen. Löcher. Bröckeln. Fallen. Sie können nicht: einen.

Morgen wird gewählt

Als ich mir heute nochmals diesen fast 5 Jahre alten Clip anhörte bin ich zutiefst erschrocken. Erschrocken über mich selbst und darüber, wie tief das doch alles in meinen Knochen sitzt. In einem, der immer gerne und überall aus tiefstem Herzen und Überzeugung seine Dankbarkeit geäußert hat, im friedlichsten Deutschland und Europa der neuen Geschichte gelebt zu haben. Der immer geglaubt hat, das Geschehene soweit überwunden zu haben, dass es dem Neuanfang nicht den Weg versperrt.

Und dann schreibe ich so einen Text. Erstmals. Und das mit fast 70. Mein Gott,- 70 Jahre lang liegt dieser Text schon in mir und ich habe ihn nie richtig sehen – können – müssen – wollen. Und mir wird klar, dass wir alle unsere eigenen Texte haben.

Morgen, morgen………. morgen können wir wählen.

Darf ich vorstellen:

Maria

Meine Mutter. Von ihr habe ich bisher sehr wenig erzählt (meist dafür von meinem Vater), was wohl daran liegt, dass sich vor wenigen Wochen ihr Todestag zum 30sten mal jährte. Lang ist`s her. Sie wurde 72. Die konkreten Erinnerungen sind verblasst. Die gefühlten verlieren nichts.

Ich frage mich oft, wieso es so lange brauchte, bis sie hier, in diesem Blog, auch ihren Platz fand. Für mein schlechtes Gewissen zu diesem Umstand finde ich bis heute keine Erklärung, keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, denn sie war mir ein wichtiger Mensch. Nee, stimmt nicht ganz. Der Wichtigste. Bis heute.

Groß geworden war sie in der Wertewelt der alten SPD, für dessen Kampf ihr Vater die Familie verließ und sie 1943 ins Lager ging. Gesprochen haben wir nie darüber. Geprägt hat es mich trotzdem.

Unser Verhältnis war von außen her betrachtet eher oberflächlich. Für Kinder, insbesondere für heranwachsende Jugendliche, sind Eltern ja oft nur eine störende Notwendigkeit. Aber,- nichts muss so sein, wie es scheint.

Würde mich heute jemand bitten zu erzählen, wie sie denn so war, als Mensch, als Mutter,- zu mir und meiner älteren Schwester -, würde ich folgende Geschichte erzählen:

Es ist Samstag. Am späten Nachmittag des 19. November 1994. Das Telefon klingelt und meine Schwester ist dran:

„Mutter ist im Krankenhaus.“

„Warum?“

„Ich weiß es noch nicht. Nur,- dass sie sich nicht wohl gefühlt hat, worauf Vater den Notarzt gerufen hat. Der hat sie dann auch gleich mitgenommen. Ins Krankenhaus. Nach Kirchhellen. Könnte sein, das du kommen musst“.

„Ach neee. Komm. Du weißt doch wie sie sind. Sie bauschen die Dinge mal immer gerne auf.“

Nun gut, bzw. weniger gut, denn,- obwohl ich überzeugt davon bin, meine Firma in Kaiserslautern jetzt keinen Tag alleine lassen zu können, überredet mich meine damalige Frau, dennoch zu fahren. Ich kann es um einen Tag hinaus zögern und sitze anstatt Montag erst am Dienstag im Zug. Von Kaiserslautern nach Bottrop. Ein wunderschöner sonniger Tag und ich kann die fast schon romantische Fahrt am Rhein entlang sogar genießen. Die Rheingold Strecke. Für wenige Stunden alles vergessen.

Um halb drei stehe ich vor der Tür zum Krankenzimmer. Mittlerweile liegt meine Mutter im Komma und ich habe keine Ahnung, wie mit der Situation umzugehen. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass auch Komma-Patienten das Geschehen um sich herum mitbekommen könnten, weshalb angeraten wird, mit ihnen zu sprechen. Das übernehme ich als Plan A. Klopfe an, gehe rein, setz mich an ihre Seite, nehme ihre Hand, beginne Plan A. Nach wenigen Minuten bewegt sie ihren Mund, will mir etwas sagen. Ich kann sie nicht verstehen. Nur ein ganz leises, kaum wahrnehmbares hauchen erreicht mich. Als ich sie bitte es noch einmal zu wiederholen, unterbricht uns die hereinkommende Arztvisite. Ich verlasse das Zimmer. Warte draußen.

Es kommt mir sehr lange vor bis sich die Türe wieder öffnet. Ich brauche nicht auf den Arzt zuzugehen. Er kommt zu mir.

„Sie sind Herr Welcland?“

„Ja“

„Der Sohn“

„Ja“

„Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihre Mutter soeben verstorben ist.“

Oh man….., ja so, und genau so, das war meine Mutter. Sie hätte diese Welt nicht verlassen, bevor wir voneinander Abschied genommen hätten. Daran hätte sie nichts gehindert. Selbst, wenn sie noch Jahre im Komma auf mich hätte warten müssen.

Tja, und wenn ich so darüber nachdenke meine ich, wäre es umgekehrt gewesen, es wäre genauso gewesen.

Angst –

– erzeugung, mittlerweile das bevorzugte Wahlkonzept aller Parteien. Besonders der 6 etablierten. Beliebt dabei jenes, in welchem der politische Gegner als derjenige gebrandmarkt wird, der für den zukünftigen unausweichlichen Untergang dieses Landes verantwortlich sein wird. Und ganz weit vorne mit dabei: Sarah

Diese Angstszenarien aller Couleur keimen wie eine unaufhaltsame Pandemie um sich und scheinen für die Akteure das ausschlaggebende Erfolgskonzept bei der anstehenden Wahl zu sein. Wenn jetzt noch Bildchen dazu generiert werden, wie Bomben, Krieg und Slums, möglicherweise noch in Dauerschleife platziert werden,- wie seinerzeit bei Corona die Beatmungsgeräte in überfüllten Intensivstationen,- dann werden wir hier in Deutschland bald komplett am Rädchen drehen. Dabei empfinde ich es nahezu schon als pervers, wenn Angst auch noch indirekt durch psychologische Hinterfotzigkeit suggeriert wird. „Frieden sichern“!

Angst macht mir dabei, dass ich nicht weiß, in wie weit und wie lange „ich selbst“ gegen diese Beeinflussung immun sein kann und werde. Schon bei Corona habe ich erleben müssen, wie meine Angst über meine Überzeugung siegt. Das ist und war nicht schön. Mein Problem: –  dass ich bei dieser ständigen Dauerberieselung irgendwann das Gespür dafür verliere, wann wirklich Gefahr droht.

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