…der Kriegsgeneration hat mich viele Jahre beschäftigt. Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit geschlossen. Alles ist gut, wie es war. Wie es ist. So lange ich nicht gefragt werde, werde ich mich nicht aufdrängen. Kinder brauchen nicht für alles Worte. Sie erspüren es.
Wenn ich heute den transgenerationalen Faden aufnehme dann gilt mein Interesse vornehmlich meinen/unseren Kindern. Ihr auf den ersten Blick oft unverständliches erklärt sich dann.
Meine Mutter, eine freundliche und aufgeschlossene Kämpfernatur, hatte uns Kindern aus den Kriegsjahren nur 4 oder 5 Sätze hinterlassen. Nach mehr hatten wir nie gefragt. Die Kriegsjahre, so schien uns, waren für sie nicht so belastend wie für meinen Vater. Doch,- so richtig losgelassen haben mich ihre wenigen und nebulösen Sätze nie.
Diese Woche, wenn die Tage wieder kurz und die Abende lang werden, versuchte ich mal wieder die Spur aufzunehmen. In welchem KZ war sie? Warum? Und wie lange? Just in diesem Moment kommt ein Kommentar von @Robert hereingeschneit (Zufall?!?), in welchem er auf das „Arolsen Archives“ aufmerksam macht. Es dauert noch eine gute Stunde bis der Groschen bei mir fällt und ich dort den Namen meiner Mutter eingebe: Maria Seiferth.
Meine Mutter, ich erinnere mich, hatte so eine Marotte, die wir Kinder in Abwandlung übernommen haben, wenn sie ihren Geburtsnamen angab: „Seiferth“ aber bitte mit „th“.
Und auf einmal verstehe ich. In den Archives erscheint ein Name: Seifert. Nicht mit „th“. Doch,- ich schaue 2-mal hin, ich schaue 3-mal hin: das Geburtsdatum stimmt! Und es gibt Dokumente. Wahnsinn! Mein Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, ich öffne die Dokumente und als erstes erscheint:
Die Heiratsurkunde meiner Mutter. Vom 28. November 1946 in Neunburg vorm Wald. Sie ist da 24. Aber wie,- hä? Der dort angegebene Ehemann ist Natan Lerner. Natan Lerner? Ein polnischer Jude, von dem ich noch nie gehört habe.
Ich bin verstört. Sehr verstört und komplett durch den Wind.
Viele Stunden und eine Nacht später ordnen sich die Dinge langsam wieder ein. In der altbekannten Struktur ihrer 4-5 Sätze. Stimmig. Allerdings,- diesmal „neu“. In einem deutlich erweiterten Raum. Und ich denk: “Hey, Mama, du altes Schlitzohr“ :))

Nur eine Karte? In Feld 23 steht die durchgestrichene „16“ für das KZ Ravensbrück. Feld „12“ für den nächsten Aufenthaltsort: U.S.A. Feld „18“ für Kriegsgefangener, entscheidend für den zukünftigen sozialen Versorgungsstatus. Feld „20“: die Handschrift meiner Mutter.
