Havanna zögerte nicht lange um zu reagieren, folgte dabei aber fast automatisch einem bekannten Drehbuch.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 3.Januar 2026
Am frühen Samstagmorgen, als große Teile der Insel noch in Dunkelheit lagen, wurde das politische Spielbrett des wichtigsten Verbündeten des kubanischen Regimes abgeräumt. Die Vereinigten Staaten starteten einen Angriff auf militärische Einrichtungen in Venezuela, und wenig später verkündete Präsident Donald Trump, man habe Nicolás Maduro gefangen genommen und außer Land gebracht.
Havanna zögerte nicht lange um zu reagieren, folgte dabei aber fast automatisch einem bekannten Drehbuch. Auf seiner Plattform X verurteilte der Regierende Miguel Díaz-Canel den “kriminellen Angriff der Vereinigten Staaten auf Venezuela“ und forderte eine “dringende“ Reaktion der internationalen Gemeinschaft. “ Unsere friedliche Zone wird brutal angegriffen“, versicherte er, und “es handelt sich um Terrorismus eines Staates gegen das tapfere venezolanische Volk und gegen unser Amerika“, fügte er der übereilten Nachricht noch hinzu. Dabei verwendete er ein rhetorisches Repertoire, das in Kuba immer dann aktiviert wird, wenn Washington einen Spielstein auf diesem Kontinent bewegt. Die biologische Uhr der kubanischen Macht war so kalibriert, dass sie schon vor Sonnenaufgang reagierte, ehe unbequeme Fragen aufkamen.
Die Eile der Verlautbarung steht im Gegensatz zum Fehlen von Details. Für Havanna war die Sache von Anfang an klar: Es handelt sich um eine imperialistische Aggression und eine Verletzung der Souveränität. Der alte Reflex, die Reihen mit Caracas zu schließen, hat sich erneut durchgesetzt, obwohl der regionale und globale Kontext heute ein ganz anderer ist als vor einem Jahrzehnt.
Während die kubanische Regierung ihre Verurteilung präzisiert, ist die Reaktion in den sozialen Netzwerken weniger förmlich und eher bodenständig.
Während die kubanische Regierung ihre Verurteilung präzisiert, ist die Reaktion in den sozialen Netzwerken weniger förmlich und eher bodenständig. Kaum dass sich die Nachricht verbreitet hat, beginnt es in Telegram-und WhatsApp-Gruppen zu brodeln. “Schluss und Ende mit dem venezolanischen Öl!”, schreibt eine junge Frau an ihre Familie, unverblümt und ohne die üblichen Losungen, und legt dabei den Finger in die offene Wunde der Insel. In einem Land mit tagtäglichen Stromausfällen, in dem man die Energiekrise mit Stunden ohne Strom oder demnächst verderbenden Lebensmitteln misst, beurteilt man die Gefangennahme von Maduro hinsichtlich ihrer Folgen für Kuba: Was wird aus dem Treibstoff, der das kubanische Stromnetz – mehr schlecht als recht – am Laufen hält?
Diese populäre Lesart sagt mehr über die kubanische Aktualität aus, als irgendeine offizielle Erklärung. Das Bündnis mit Caracas betrifft nicht nur Ideologie, sondern vor allem Energie und Überleben. Deshalb klingt die aggressive Rhetorik von Havanna zunehmend defensiv, so, als würde jemand schreien, um die eigenen Angst zu unterdrücken.
Bei den Telefonaten mit Freunden, die am frühen Morgen einsetzten, wiederholte sich auch eine andere Bemerkung: “Jetzt ist Kuba an der Reihe.“ Das sagte im Tonfall der Überzeugung auch ein Rentner in einem Audio, das von Messenger gesendet wurde. Er lebt im Osten der Insel und hofft seit Jahrzehnten auf den Fall des Castroismus. Seit Beginn des Jahrhunderts ist die diplomatische und politische Allianz zwischen den beiden Regimen sehr eng; somit lässt die “ Extraktion“ von Maduro das Regime in Havanna allein in einem regionalen Szenario zurück, in dem Havanna in den letzten Jahren viel an Einfluss verloren hat. Was in den nächsten Stunden geschieht, ist für beide Nationen entscheidend, aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass der prahlerische und arrogante Nicolás Maduro Geschichte ist. Die kubanische Diktatur wird ihn bei seinen nächsten Auftritten genau beobachten, vergleichbar mit jemanden, der in den Spiegel schaut.
Übersetzung: Dieter Schubert
Eine Version dieses Textes wurde von der Deutschen Welle publiziert.
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