Maduro in der Luft und Kuba in der Schwebe

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Havanna zögerte nicht lange um zu reagieren, folgte dabei aber fast automatisch einem bekannten Drehbuch.

Die Allianz des kubanischen Regimes mit Nicolas Maduro beruht nicht nur auf Ideologie, sondern vor allem auf Energie und Überleben. / EFE

Am frühen Samstagmorgen, als große Teile der Insel noch in Dunkelheit lagen, wurde das politische Spielbrett des wichtigsten Verbündeten des kubanischen Regimes abgeräumt. Die Vereinigten Staaten starteten einen Angriff auf militärische Einrichtungen in Venezuela, und wenig später verkündete Präsident Donald Trump, man habe Nicolás Maduro gefangen genommen und außer Land gebracht.

 Havanna zögerte nicht lange um zu reagieren, folgte dabei aber fast automatisch einem bekannten Drehbuch. Auf seiner Plattform  X verurteilte der Regierende Miguel Díaz-Canel  den “kriminellen Angriff der Vereinigten Staaten auf Venezuela“ und forderte eine “dringende“ Reaktion der internationalen Gemeinschaft. “ Unsere friedliche Zone wird brutal angegriffen“, versicherte er, und “es handelt sich um Terrorismus eines Staates gegen das tapfere venezolanische Volk und gegen unser Amerika“, fügte er der übereilten Nachricht noch hinzu. Dabei verwendete er ein rhetorisches Repertoire, das in Kuba immer dann aktiviert wird, wenn Washington einen Spielstein auf diesem Kontinent  bewegt. Die biologische Uhr der kubanischen Macht war so kalibriert, dass sie schon vor Sonnenaufgang reagierte, ehe unbequeme Fragen aufkamen.      

Die Eile der Verlautbarung steht im Gegensatz zum Fehlen von Details.  Für Havanna  war die Sache von Anfang an klar: Es handelt sich um eine imperialistische Aggression und eine Verletzung der Souveränität. Der alte Reflex, die Reihen mit Caracas zu schließen, hat sich erneut durchgesetzt, obwohl der regionale und globale Kontext heute ein ganz anderer ist als vor einem Jahrzehnt.

Während die kubanische Regierung ihre Verurteilung präzisiert, ist die Reaktion in den sozialen Netzwerken weniger förmlich und eher bodenständig. Kaum dass sich die Nachricht verbreitet hat, beginnt es in Telegram-und WhatsApp-Gruppen zu brodeln. “Schluss und Ende mit dem venezolanischen Öl!”, schreibt eine junge Frau an ihre Familie, unverblümt und ohne die üblichen Losungen, und legt dabei den Finger in die offene Wunde der Insel. In einem Land mit tagtäglichen Stromausfällen, in dem man die Energiekrise mit Stunden ohne Strom oder demnächst verderbenden Lebensmitteln misst, beurteilt man die Gefangennahme von Maduro hinsichtlich ihrer Folgen für Kuba: Was wird aus dem Treibstoff, der das kubanische Stromnetz – mehr schlecht als recht –  am Laufen hält?

Diese populäre Lesart sagt mehr über die kubanische Aktualität aus, als irgendeine offizielle Erklärung. Das Bündnis mit Caracas betrifft nicht nur Ideologie, sondern vor allem Energie und Überleben. Deshalb klingt die aggressive Rhetorik von Havanna zunehmend defensiv, so, als würde jemand schreien, um die eigenen Angst zu unterdrücken.

 Bei den Telefonaten mit Freunden, die am frühen Morgen einsetzten,  wiederholte sich auch eine andere Bemerkung: “Jetzt ist Kuba an der Reihe.“ Das sagte im Tonfall der Überzeugung auch ein Rentner in einem Audio, das von Messenger gesendet wurde. Er lebt im Osten der Insel und hofft seit Jahrzehnten  auf den Fall des Castroismus. Seit Beginn des Jahrhunderts ist die diplomatische und politische Allianz zwischen den beiden Regimen sehr eng; somit lässt die “ Extraktion“ von Maduro das Regime in Havanna allein in einem regionalen Szenario zurück, in dem Havanna in den letzten Jahren viel an Einfluss verloren hat. Was in den nächsten Stunden geschieht, ist für beide Nationen entscheidend, aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass der prahlerische und arrogante Nicolás Maduro Geschichte ist. Die kubanische Diktatur  wird ihn bei seinen nächsten Auftritten genau beobachten, vergleichbar mit jemanden, der in den Spiegel schaut.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Eine Version dieses Textes wurde von der Deutschen Welle publiziert.

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Der Teufel trägt nicht Prada sondern olivgrün

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Jedes Mal wenn ein Wirbelsturm über Kuba fegt oder die Lage schwierig wird, beeilen sie sich, sich als Avocados zu verkleiden. / Screenshot

CUBA Y LA NOCHE

Die  Kleidung von Führern ist niemals unschuldig. Die Kleidung pflegt genauso viel oder mehr zu sagen, als die Reden. Und wir Kubaner, die wir seit mehr als sechzig Jahren Erfahrung darin haben uns zu verkleiden, wissen nur zu gut, dass Uniformen für die Macht auf dieser Insel ein Fetisch sind.   

Fidel Castro verbrachte den größten Teil seines Lebens eingeklemmt in olivgrün, so, als ob dieser schwere Stoff ein untrennbarer Teil seiner Haut wäre und vor allem seines Mythos. Nur bei außergewöhnlichen Anlässen erlaubte er sich, auf den Dresscode eines  Kommandanten zu verzichten, um als “kreolischer Führer“ zu erscheinen. Aber am Ende seines Lebens, als die Uniform unvereinbar mit seiner Gebrechlichkeit wurde, trug er Sandalen von Adidas, eine Art von geriatrischer Parodie seiner früheren Autorität. Diese sportlichen Teile, manchmal kombiniert mit karierten Hemden und wirren Vorträgen über den kubanischen Meerrettichbaum, trugen dazu bei, seinen irreversiblen Verfall zu betonen. 

Die Bürokraten des “ weiter so” versuchen jenem Libretto zu folgen und es als einen Spaß hinzustellen. Jedes Mal wenn ein Wirbelsturm über die Insel fegt oder die Lage ernst wird, beeilen sie sich, sich als Avocados zu verkleiden. Aber die Militärmontur gestattet keine Improvisationen, und die neuen Schneider finden nie die richtigen Größen. Das Ergebnis ist peinlich; es zeigt dickbäuchige Funktionäre, eingezwängt in Anzügen, die sich nicht zuknöpfen lassen. Es gibt keinen Gürtel, der das Übergewicht verbergen könnte und auch keine kriegerische Pose, die kompensieren würde, dass sie Jahrzehnte in klimatisierten Büros gesessen haben. Die Uniform, statt Respekt einzuflößen, verrät sie.   

Abgesehen vom unvermeidbaren Spott, das Thema ist ernst. Studien über political clothing weisen seit vielen Jahren darauf hin, dass  Kleidung eine politische Sprache ist, genauso mächtig wie ein Dekret. Die Forscherin Nazli Ekici behauptet, dass Bekleidung “das am häufigsten sichtbare materielle Element“ der Macht ist, und die Historikerin Katrina Navickas bewies, dass die Kleidung im England des 18.Jahrhunderts wie ein “rechtsstaatlicher Dekor“ funktionierte, um Bündnisse, Befürchtungen und Loyalitäten zu bekunden. Lateinamerika hat das wiederholt gesehen. Als Hugo Chavez seine Absichten rechtfertigte Venezuela “ neu zu gründen“, wurde seine rote Mütze und seine Uniform zu einer Art tragbarer Bühne. Jeder seiner öffentlichen Auftritte war ‘designed‘, um an seine militärische Herkunft und an sein Versprechen der immerwährenden Revolution zu erinnern. Das Schlimme daran war, dass er vor den Kameras eine Soldatenuniform trug, während sich viele tausend echte Soldaten in Ministerien, Unternehmen und Verwaltungen häuslich einrichteten, in der Absicht, die chavistische Diktatur zu konsolidieren.   

Auch Vladimir Putin, der Präsident Russlands, ist dem Zauber der Uniform erlegen. Früher prägte die gefühlte Kälte von Anzug und Krawatte sein Bild in der Öffentlichkeit, ein Stil, der Technokratie und Kontrolle verbreitete. Aber als er sich in das ukrainische Abenteuer verwickelt hatte, begann er in unterirdischen Befehlsständen sich in Tarnuniform zu präsentieren, wo er auf Karten schaute, umgeben von Generälen die ihm zustimmten. Bis Oktober hatte er nur zweimal die Uniform des Höchstkommandierenden getragen, seit Beginn der “Speziellen Militäroperation“. Seitdem kommen nur noch zwei Auftritte hinzu, jeder aussichtsloser als der vorherige. 

Dieser Wechsel ist eine Antwort auf die wachsende Müdigkeit des russischen Volkes. Der Krieg, den man als schnell vorbei und effektiv angekündigt hatte, wurde zu einem lang andauernden Konflikt, der hunderttausende Leben gekostet und Ressourcen verschlungen hat. Experten haben darauf hingewiesen, dass mit Beginn Januar die russischen Streitkräfte so lange gekämpft haben, wie die ‘Rote Armee‘ im ‘Großen Vaterländischen Krieg‘.    

Inzwischen navigiert Lateinamerika durchs eigene Ungewisse. Zwischen Besorgnis und Skepsis beobachtet die Region die zunehmenden Spannungen um Venezuela. Niemand weiß, ob Donald Trump eine militärische Invasion ernsthaft in Betracht zieht, oder ob seine Drohungen nur ein großer Bluff sind. Es ist möglich, dass die Verlagerung von Marine in die Karibik nur versucht, den Niedergang des Chavismus zu provozieren, ohne die Notwendigkeit auch nur einen Marinesoldaten an Land zu bringen. Aber die Ausweitung der Bedrohung könnte sich als ein Bumerang erweisen, wenn die treuesten republikanischen Wähler – eingeschlossen die MAGA-Bewegung – es vorziehen, dass sich die Vereinigten Staaten “um sich selbst kümmern sollten“, und sie somit aufhören, sich in fremde Kriege einzumischen. Wenn denn der Moment gekommen ist, dann wären sie vielleicht nicht mehr bereit, einen realen Einmarsch in Venezuela  zu unterstützen.         

Es gibt ein dramaturgisches Prinzip, bekannt als “die Waffe bei Tschechow“. Es sagt: „ Wenn du im ersten Akt gesagt hast, dass ein Gewehr an der Wand hängt, dann ist es unvermeidlich, dass es jemand im zweiten oder dritten Akt abfeuert. Wenn es nicht abgefeuert wurde, wozu hätte man es dann dort aufhängen sollen“. Diese Überlegung passt gut zu der Verlagerung von Marine in die Karibik, vor allem zu einer Welt, in der man die Realität auf Bildschirmen verfolgt.   

Kurios ist, dass inmitten von so vielen Spannungen die lateinamerikanischen Autokraten nicht aufhören von Frieden zu sprechen; dieselben Autokraten, die sich jahrelang als Guerilleros, Kämpfer oder Befreier tarnten. Sie vergessen –  oder wollen, dass wir vergessen –  dass “Revolution“ im politischen Wörterbuch der Region immer ein Synonym für den bewaffneten Kampf war. Sie vergessen, dass das kubanische Regime den Urwald mit Guerilla-Kämpfern überschwemmte, Aufständische trainierte und Gewalt mit demselben Enthusiasmus exportierte, mit dem es heute Spione und Sklaven in weißen Kitteln exportiert.  

Letztlich hängt alles mit der Kleidung zusammen. Bei der vergangenen Internationalen Messe in Havanna habe ich viel gelacht, als ich sah, wie  alle sich beeilten ihre Militäruniformen gegen das Outfit von “caballeros“ zu tauschen, um wie Geschäftsleute auszusehen.  Auf dem offiziellen Messefoto hat nur Liván Izquierdo  –  erster Sekretär der Kommunistischen Partei von Havanna –  vergessen, sich für die Gelegenheit passend umzuziehen. Als er sich dann wie eine Avocado in Kleidern vorkam, inmitten von Anzügen und Krawatten, wurde er vor den Kameras kleiner, wie jemand dem klar wurde, dass er in Badekleidung an einer Veranstaltung teilnahm, bei der Etikette gefragt war.   

Wenn es in Venezuela schließlich doch zu einem bewaffneten Konflikt kommt, werden wir sehen, wie viele jener Uniformierten den Gürtel enger schnallen werden, und wie viele Anzüge nur Teil der Dekoration waren. Wir wissen bereits, dass der Habit noch keinen Mönch macht und dass der Teufel auch nicht immer Prada trägt…meistens tut es auch olivgrün.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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„Chikungunya“ ist in Kuba das Wort des Jahres

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In den Bestattungsinstituten von Havanna hat in den letzten Wochen die Zahl der Totenwachen zugenommen. / 14ymedio

Noch vor ein paar Monaten war “chikungunya“ ein Wort, das die meisten Kubaner nicht aussprechen konnten. Es klang wie ein ferner  Begriff für exotische Krankheiten, die in internationalen Nachrichten auftauchen. Heute aber dominiert dieses seltsame Wort die Gespräche in den Warteschlangen, es dominiert die sozialen Medien, und am schlimmsten  sind die Sorgen, die sich Millionen von Kubanern machen. Keine Frage, “chikunguya“ wurde in Kuba zum Wort des Jahres.       

Überall hört man: ”den hat das Fieber umgehauen“, “schon seit einer Woche kann er die Beine nicht mehr bewegen“, “alle Kinder in diesem Gebäude haben entzündete Gelenke“, oder “die Nachbarin kann nur noch Flüssiges schlucken“. Diese Krankheit hat nichts mehr mit Statistik zu tun, sie hat ein Gesicht, eine Stimme und sie verbreitet Schwäche. In den Häusern riecht es nach Insektiziden, mit denen die Familien versuchen die Moskitos abzuwehren, die mit sirrenden Flügeln über die Fenster hereinkommen.   

Aktuellen Daten zufolge wurden in der letzten Woche mehr als 50.000 Kubaner ins Krankenhaus eingewiesen, aufgrund viraler Infektionen, bei denen es auch  Dengue und Oropouche gibt. Das Ausmaß des Problems lässt sich nicht länger verschleiern. In Provinzen wie Villa Clara, Camagüey und Holguín kommen die Krankenhäuser ans Limit, und in vielen Gemeinden geben die Hausärzte unterschwellig zu, dass “das außer Kontrolle ist“. Während Chikungunya vorankommt, haben sich die Behörden entschlossen vorsichtig damit umzugehen. Zunächst galt es, die Präsenz des Virus klein zu reden, danach beschränkte man sich auf vage Hinweise, dass es sich bei der Übertragung um “einheimische Arten“ handle. Ungeachtet eines zweideutigen Kommuniqués und einer weiteren konfusen Verlautbarung wird das Land von Fieberausbrüchen, Hautausschlägen und schmerzenden Knien heimgesucht.      

Niemanden überrascht die Verschlechterung der epidemiologischen Situation, und sie wird wie ein untrennbarer Schatten von einem Kollaps der grundlegenden Dienstleistungen begleitet. In zahlreichen Städten ist das Sammeln von Müll keine tägliche Aufgabe mehr, es wurde zu einem sporadischen Tun.  Berge von Abfall verrotten unter der Sonne. Zu diesem sichtbaren Prozess kommen noch die Stromsperren, die dazu zwingen Türen und Fenster zu öffnen, um die Hitze in der Nacht zu ertragen, wenn Aedes aegypti seine Hauptmahlzeit einnimmt.    

Dann ist da das Wasser:  Entweder kommt es verschmutzt aus den Rohren, oft nur einmal in der Woche, oder es fließt mit so wenig Druck, dass man es in allen zur Verfügung stehenden Gefäßen speichern muss. In unserem empfindlichen Ökosystem gibt es immer mehr Brutplätze für Moskitos, während das frühere Programm zur Bekämpfung von Krankheitserregern – jenes Heer von Schädlingsbekämpfern und Inspektoren – mit den Jahren verschwunden ist. Man hörte nicht mehr das Geräusch von einer Ausräucherung, bis vor ein paar Tagen ein Gesundheitsalarm dazu zwang, einen winzigen Teil der  früheren gigantischen Kampagne zu reaktivieren.   

Die Straßen wissen mehr als die offiziellen Berichte. Sie wissen, dass ein alter Mann zehn Tage im Fieber lag, ohne dass man ihn in ein Krankenhaus eingewiesen hätte, “wegen fehlender Betten“.  Die Straßen kennen eine Mutter, die, angesichts des Mangels an staatlichen Insektiziden, einem privaten Unternehmen 1.200 Pesos für eine Ausräucherung bezahlte, ein Viertel ihres Gelds für den Monat. Sie kennen auch einen jungen Mann, der trotz seiner Körperkraft von Schmerzen so sehr geschüttelt wurde, als wäre jeder Knochen in seinem Körper ein rostiges Eisenteil. Und sie kennen die Berichte von überlasteten Bestattungsunternehmen, die in aller gebotenen Eile arbeiten;  immer schneller als die offizielle Presse, und immer glaubwürdiger als eine Abteilung des Gesundheitsministeriums.    

Deshalb, wenn jemand ”chikungunya” sagt, dann fragt niemand mehr “was heißt denn das“.  Es heißt, dass ein Land sich kaum noch bewegen kann und der Gnade der Moskitos ausgeliefert ist. Ein gestern unaussprechliches Wort ist heute alltäglich. Ein Wort, das besser als jedes andere das Kuba von 2025 zusammenfasst – leider!

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Wie man die öffentliche Steinigung überlebt und dabei nicht das Lächeln verliert

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Ein Gemälde des kubanischen Malers César Leal, der im Dezember 2024 starb.. / César Leal

Eines Tages erschien das Gesicht des Dichters Armado Valladeras auf dem Bildschirm; dann folgten, zur besten Sendezeit am Abend,  Attacken auf Martha Beatriz Roque, Elizardo Sánchez und Dagoberto Valdés; und schließlich kam der Moment, wo ich meinen eigenen Namen in den Nachrichten sah, umgeben von schlimmsten Adjektiven; und jetzt hat es die Herausgeber von El Toque und den Ökonomen Pavel Vidal getroffen. Das Feuer der medialen Steinigung und der  Vernichtung der Reputation, das das Regime am Brennen halten muss, braucht  dringend Holz; neues Holz, um das Feuer und die Flammen der offiziellen Opferrolle anzufachen, und um zu versuchen, anderen die Schuld am Scheitern des kubanischen Modells zu geben.  

Jeder einzelne von uns, der auf der Insel geboren wurde, ist ein potentieller Kandidat für eine jener Sendungen, in denen man versucht,  eine Person moralisch und gesellschaftlich zu vernichten; es blieb auch mir nicht erspart. Von Hohn und Spott wurden auch die Verurteilten des Schwarzen Frühlings 1)  und die Damen in Weiß2)  nicht verschont, ohne dass sie ein Recht auf eine Gegendarstellung gehabt hätten; und auch du, der du diese Zeilen liest, wirst dich nicht davor retten können. Es genügt, dass du in einem unbedachten Augenblick etwas sagst oder veröffentlichst, was einigen intoleranten Individuen nicht gefällt, die diese Nation in Besitz genommen haben und in völliger Straffreiheit handeln, damit das volle Gewicht einer Staatsmacht auf dich fällt. Außerdem besitzen sie das Monopol für Fernsehen, sie kontrollieren die Justiz und leider stehen immer noch viele hunderttausend gedankenlose Bürger unter ihrer Fuchtel. 

Wir können nicht die Art und Weise ändern, wie einige wenige in olivgrün uns betrachten, von oben, in ihrer abgeschotteten Festung in die sie sich eingesperrt haben. Somit bleibt uns bei Schmähungen nur übrig zu entscheiden, welche Haltung wir einnehmen wollen, angesichts ihrer Absicht und zu zermalmen. Hier folgen meine bescheidenen Ratschläge, die nicht beanspruchen allgemeingültig zu sein, die mir aber geholfen haben Besonnenheit, inneren Frieden und ein Lächeln zu bewahren.  

  • Antworte auf Beleidigungen nur wenig oder gar nicht, denn eine ihrer Absichten ist, dich von deinen täglichen Aufgaben abzuhalten und dich in ein schwarzes Loch von Rechtfertigung und Widerspruch zu versenken. Glaube nicht dem Spruch “Schweigen bedeutet Zustimmung“; wähle eher eine weniger neurotische Version, wie auf Beleidigungen reagieren; „mit knappen Worten und verschlossenen Ohren“.
  • Konzentriere dich auf deine Arbeit. Arbeit heilt alles, fast alles, sogar die Wunden, die entstanden sind, weil du keinen Zugang zu den Mikrophonen hast, mit denen sie versuchen dich zu beschädigen.      
  • Greife nicht den persönlich an, der dich verunglimpft. Übernimm nicht die schmutzigen Spielregeln von jenen, die dich beschimpfen.  Lass es nicht zu, dass sie dich in den Sumpf von Schimpfwörtern hineinziehen.  
  • Glaube niemals, dass es um deine Person geht. Du bist nur die neue Zielscheibe für ihre Infamie, denn du solltest wissen, dass die offizielle Propaganda immer einen Schuldigen braucht. Sie können ihre Maschinerie von Indoktrination und Unterwerfung nicht am Laufen halten, wenn sie  kein Gesicht oder keinen Namen haben, dem sie die Verantwortung für die nationale Katastrophe anlasten können.     
  • Verfalle nicht in Selbstmitleid. Betrachte es so, als hätten sie dir einen Preis verliehen, die „begehrte Prämie“ eines schäbigen Autoritarismus, der dich verabscheut.
  • Betrachte es als ein Kommen und Gehen. Heute warst du an der Reihe, morgen beleidigen sie einen anderen. Rechne damit, dass dieser „andere“ dich eventuell im Stich lässt, wenn er sich die Verleumdungen angeschaut hat; allerdings wird er versichern, dass er zu den Vertrauenswürdigen und den „Revolutionären“ gehöre, und wahrscheinlich benutzen sie sogar sein Gesicht und seine Stimme, um dich  weiter herabzuwürdigen. Was „er“ aber nicht weiß, ist, dass er der nächste sein kann, den ein unersättliches Regime an den Pranger stellt, wenn es denn  einen Gegner braucht.   
  • Such dir ein Hobby, wenn du keines hast. Betrachte eine Blüte: den Kelch, die Blütenblätter, die Staubgefäße und den Stempel; es wird dir ein Gefühl für die Größe des Universums geben, in dem wir nur ein Staubkorn sind, und eine Vorstellung vom dem, was von Bedeutung ist und was nicht. Glaube mir, im Verlauf der kubanischen und menschlichen Geschichte ist der Castroismus eine vergängliche Erscheinung. Es genügt, wenn du eine Weile die Sternbilder am Firmament betrachtest, damit die offiziellen Sprecher in all ihrer Kleinheit eher ein Lächeln als Zorn, eher Mitleid als Verärgerung auslösen.  
  • Lass dich nicht in deinem öffentlichen Leben einschränken, aus Angst, von einem Regimetreuen angegriffen zu werden. Du wirst überrascht sein, wie viele Leute dir helfen werden, wie viel Bekundung von Solidarität und von komplizenhaftem Augenzwinkern es für dich geben wird, sogar von jenen, die du bis gestern für extremistisch gehalten hast.
  • Lass dir nicht von einem Soldaten den Schlaf rauben, der sich als Journalisten verkleidet hat und Bilder, Zahlen und falsche Daten miteinander vermischt. Auch die werden kommen und gehen, werden aufbereitet, fallen  in Ungnade und tauchen anderswo wieder auf, wie ausgetauschte Marionetten in einem dekadenten Puppenspiel. Erinnere dich an die vielen, die jene bedauernswerte Rolle spielten ….und heute in Miami sind. 
  • Vermeide, dass die ätzende Säure eines Pamphlets dein Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Du bist nicht die Person, die sie in  ihren Schmähschriften darstellen, und du gleichst auch nicht der bösartigen Karikatur, die sie vor dir zeichnen.
  • Denke daran, dass es eher Kubaner sind, die diese Art von Fernsehprogramm kennen, Landsleute, die auf der Insel leben oder  die hunderttausenden in der Diaspora. Bedenke auch, dass in Kalkutta niemand die Namen der Moderatoren kennt, dass es in Sydney belanglos ist, was der jeweilige Nachrichtensprecher sagt und dass sie in Buenos Aires eine solche Sendung womöglich für eine Comedy-Show halten.
  • Empfinde Dankbarkeit dafür, dass sie dich für die öffentliche Demütigung ausgewählt haben. Das Leben hat dir eine Lektion erteilt, die dich als Kenner der menschlichen Seele stärker machen wird. Wenn du das emotional überlebst, kannst du allem anderen die Stirn bieten, fast allem. Baue auf jene psychologischen Ressourcen,  die du für Trauerfälle, eine Krankheit oder eine zerbrochene Liebesbeziehung zurückgelegt hast. Nutze diese Verunglimpfungen als „Sportstudio“, in dem du deine geistige Gesundheit trainierst.     
  • Die schwierigste Übung wird vielleicht die sein, jeden Tag Mitgefühl für die zu haben, die dich beleidigen. Stelle sie dir verlassen und krank auf der Straße vor, wie einen Hund, den sein Besitzer an einer Straßenecke entsorgt hat, weil nicht mehr gebraucht. Entschließe dich, nähere dich, versorge ihre Wunden und frage: “Wie kann ich Ihnen helfen?“
  • Wenn es dir immer noch nicht gelingt, Mitleid mit diesen Heckenschützen zu empfinden, die von der Macht immer geschützt werden, dann stelle sie dir in alltäglichen oder auch lächerlichen Situationen vor. Ein Bild, das einen von ihnen auf der Toilette sitzend zeigt, wird alles Geschehene verblassen lassen.
  • Halte in diesen Tagen Abstand von den sozialen Netzwerken oder verbringe weniger Zeit mit ihnen. Diese rechnen nämlich mit einer Verstärkung des Spotts, den tausende von Nutzern provozieren, indem sie die Attacken gegen dich teilen und diskutieren. Mach Schluss damit und gönne dir eine gute Dosis „virtuelle Auszeit“.
  • Wenn du Kinder, Haustiere oder Freunde hast, widme ihnen in diesen Tagen mehr Zeit. Glaube mir, die Augen eines Babys, das weiche Fell einer Katze und die Umarmung eines alten Schulfreunds bewirken, dass irgendwelches audio-visuelles Material gegen dich nur noch fernes Echo ist, unbedeutend…..vergänglich.

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

  1. Der Begriff Schwarzer Frühling (la Primavera Negra) bezeichnet die Welle staatlicher Gewalt im März und April 2003, bei der rund 80 Regimekritiker, darunter 27 Journalisten, inhaftiert und zu hohen Gefängnis verurteilt wurden. (Wikipedia)
  • Die Damen in Weiß (las Damas de Blanco) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen. (Wikipedia)

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Der Markt mit Medikamenten in den Straßen von Havanna

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Der Mangel an Medikamenten macht die Hauptstadt zu einer Apotheke unter freiem Himmel.

Offiziellen Zahlen zufolge sind mehr als 200 der 627 Medikamente des offiziellen Basiskorbs derzeit nicht verfügbar. / 14ymedio

Der Pappkarton auf dem Gehsteig der Tulipán-Straße sieht aus wie eine Insel in der vorbeilaufenden Menschenmenge. Die Blister-Streifen mit Paracetamol, Duralgin und Aspirin sind voll im Blick der Passanten und einige nähern sich und fragen nach dem Preis. Ein Händler verscheucht  die Moskitos mit einem Fächer; denn das Chikungunya-Fieber hat Havanna fest im Griff.  

“Alles Qualität”, sagt einer der Händler mit heiserer Stimme und hält mehrere Tabletten-Blister hoch. „Es sind 400 Pesos für Paracetamol und 500 für Duralgin; wenn du zwei nimmst, gebe ich sie dir für 900“. Er muss nicht viel Werbung für sich machen; seine Kunden kommen auch so. Sie folgen der Mund zu Mund Propaganda, die die leeren Ladentheken in den staatlichen Apotheken ersetzt hat.

Mitten in diesem gesundheitlichen Notfall ist es ein alltägliches und notwendiges Szenario. Die meisten der Medikamente auf dem Karton sind  dieselben, die auch Ärzte empfehlen, um die Fieberschmerzen, die Kopfschmerzen und die Gelenkentzündungen zu lindern, verbreitet vom Chikungunya-Virus, der die Stadt in Atem hält. Die Straße wurde zu einer Apotheke unter freiem Himmel, in einer Stadt, in der sich die Menschen mit „der Virus hat mich noch nicht erwischt“ begrüßen, oder mit „ich habe noch nichts, aber in meinem Haus sind alle infiziert“. 

“Haben Sie keine Salbe, die meinen Knien hilft, die sind so stark entzündet“, fragt ein älterer Mann, der dann drei Blister Aspirin kauft. „Letztendlich, wenn man nicht hierher kommt, muss man das Fiber ohne etwas durchstehen, was es senken könnte“, sagt er noch und geht weiter. Neben ihm kalkuliert eine junge Frau die Preise; sie hat tiefe Augenringe und offensichtlich Gelenkschmerzen, weil sie wie ein Roboter läuft; sie entscheidet sich schnell: “Zwei Paracetamol und ein Acetaminophen“. Der Verkäufer steckt das Geld in seine Gürteltasche und gibt ihr die Ware. Würde die Polizei jetzt vorbeikommen, wäre der improvisierte Verkaufsstand in Sekunden abgebaut.   

Mit den offiziellen Erklärungen werden die Beschwerden nicht weniger. Die Behörden bestehen darauf, dass der Mangel an Medikamenten eine Folge von „Problemen mit Rohstoffen und Finanzierung ist“, so, wie es der Gesundheitsminister José Ángel Portal Miranda vor einer Woche eingeräumt hat. Nach offiziellen Angaben sind mehr als 200 der 627 Medikamente, die auf der nationalen Basisliste stehen, derzeit nicht verfügbar.  Auf dem Schwarzmarkt verwandeln sich diese Zahlen in bares Geld, das man hinlegen muss, will man die schlimmsten Symptome lindern. 

Die Nachmittagssonne fällt auf den Karton und die Pillen leuchten für einen Moment auf als wären es Münzen. Die Menschen laufen weiter durch die Straße und jemand fragt nach Antihistamin. Ein Frau mit einer Tüte mit Brot und einem Kind an der Hand steht vor dem Verkäufer und sagt: “Hier gibt es alles, was in den Apotheken fehlt“. In der Tulipán-Straße hat sich das Geschäft mit dem Schmerz mit einem eigenen Ladentisch etabliert.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Hurrikan Melissa und die Zerbrechlichkeit Kubas

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Vielen Geschädigten wird der Hurrikan Melissa einen Tritt verpassen, der sie ins Elend stößt. / EFE

Der Hurrikan Melissa hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen  können. Die Insel, die in einer langen wirtschaftlichen Krise steckt, hat in den letzten Jahren auch einen Zusammenbruch der Energieversorgung und eine Verschlechterung der epidemiologischen Situation erlebt. An diesem Mittwoch, in den frühen Morgenstunden, als die Winde und die Regenfälle des Wirbelsturms den östlichen Teil der Insel erreichten, hätte man sich die Frage stellen können: Wird dies der Fußtritt sein, der die ohnehin schon düsteren Aussichten noch mehr verschlimmert?  

Jahrzehnte lang hat das kubanische Regime seine Muskeln spielen lassen, wenn es um die Bewältigung von Naturkatastrophen ging. In einer militarisierten Gesellschaft, die jeden Aspekt des täglichen Lebens kontrolliert, gehörten die Mobilisierung von Rettungskräften, die Evakuierung von Personen und die Vorbereitung zeitlich begrenzter Unterkünfte zu den wenigen Dingen, in denen das Regime seine Effizient zeigte. Diktaturen sind bei Notmaßnahmen beweglich und im Normalbereich schwerfällig. Früher verkündete Fidel Castro höchst-selbst meteorologische Details, wenn sich irgendein mächtiger Wirbelsturm der Insel näherte, und er überwachte in seinen Stiefeln, in seiner Uniform und einem Poncho gegen den Regen die Arbeiten des Zivilschutzes.

An jene Jahre, als die sowjetischen Subventionen und die venezolanischen Öllieferungen es möglich machten, den von Wirbelstürmen Geschädigten schnelle Hilfe zu leisten,…an jene Jahre erinnert sich kaum noch jemand. Im Oktober, vor dem Eintreffen von Melissa, haben die vorbereitenden Maßnahmen gezeigt, wie eng der Handlungsspielraum eines wirtschaftlich und finanziell gescheiterten Systems ist, wegen seiner wenigen Kapazitäten, um der Bevölkerung zu helfen. Von den 700.000 Personen, die im Osten Kubas evakuiert wurden, taten dies die meisten auf eigene Rechnung und fanden in Häusern von Freunden, Nachbarn oder Familienangehörigen Unterschlupf.

In den Tagen, die Melissa vorausgingen, versuchten die Menschen sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen, in einem Land, das von der Inflation hart betroffen ist. Jenen mit  Dollars in der Tasche gelang es Produkte in Dosen zu kaufen, Milchpulver, Kerzen und Batterien, aber für viele Kubaner in den östlichen Regionen begann die Woche mit nur geringen Vorräten. Bei vielen Läden des rationierten Versorgungssystems waren kaum Waren angekommen, und die langen Stromausfälle in den Tagen davor, beeinträchtigten die Vorbereitungen im häuslichen Umfeld.    

Hinzu kam der schlechte Zustand der Wohnungen, heruntergekommen wegen mangelnder Instandhaltung und fehlender Geldmittel. Viele der Häuser, die der Hurrikan auf seinem Weg getroffen hat, wurden in Leichtbauweise errichtet, sie haben Konstruktionsschäden, sie liegen in Überschwemmungsgebieten oder in Zonen mit Gefahr von Murenabgängen. Der Schauplatz dieser Naturkatastrophe war die ärmste Region Kubas. Dazu kommen die schlechten wirtschaftlichen Entscheidungen und die Sturheit eines Regimes, das das gescheiterte Staatsmodell aufrecht zu erhalten will.  

Nach dem infernalischen Morgen hat man begonnen die Schäden zu sichten, sie zu bewerten und die Bewohner zu befragen, die die Katastrophe selbst erlebt haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass internationale Hilfe zu jenen gelangt, die ihre Häuser ganz oder teilweise verloren haben, sowie all ihr Hab und Gut. Aber das Hauptproblem ist, dass Melissa die Insel traf, als alle Indikatoren in fast allen Sektoren übereinstimmend negativ waren. Viele Geschädigte wird der Hurrikan ins Elend stürzen.

Der Sturm wird sich legen, die Flüsse werden in ihr Bett zurückkehren und die Behörden werden aus diesem Ereignis politisches Kapital schlagen, ganz sicher, um zu beweisen, dass sie als Einzige in der Lage sind, ein solches schreckliches Naturereignis zu managen. Allerdings ist die Realität hartnäckig. Noch heute gibt es im Osten Kubas Menschen, die ihr Haus bei dem Durchzug von Wirbelsturm Sandy verloren haben, im Jahr 2012, und die noch nicht einmal einen Teil davon wieder aufbauen konnten. Melissa könnte unserem Land eine weitere Verwundung zugefügt haben.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich auf der Webseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Wie lange noch so viel Leid?

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Es ist nicht der Virus, der Kuba krank macht, es ist das System.

In einem Land ohne trinkbares Wasser, ohne Strom, ohne Müllanfuhr, ohne Medikamente oder funktionierende Krankenhäuser ist alles möglich, ausgenommen ein menschenwürdiges Leben. / 14ymedio

Vor ein paar Tagen sah sich der Gesundheitsminister José Ángel Portal gezwungen, das Schweigen zu brechen und eine minder grobe Erklärung zu dem abzugeben, was vermutlich die größte epidemiologische Krise ist, die die Insel in letzter Zeit erlebt hat.

Genau genommen sagte er: “ Die Situation ist unter Kontrolle“, und dann weiter „wir müssen den Menschen klar machen, dass wir die Probleme nicht vergessen haben, aber alles tun, um Leben zu retten“. Mit diesen Worten brach der Minister zwar das Schweigen, aber er weigerte sich weiterhin, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Das ist übliche Praxis eines Regimes, das sich mit allen Mitteln jeder  Verantwortung entzieht.  Wenn man das Ausmaß der Tragödie leugnet, bremst man die Überprüfung des Sachverhalts.

Heute zirkulieren in Kuba 3 Varianten von Fieberviren: Dengue, Chikungunya und Oropouche; dazu kommen 9 Atemviren, eine alarmierende Zunahme von akuten Durchfallerkrankungen und Fälle von Hepatitis A. Vermutlich sind viele Familien infiziert, angefangen bei den Kindern bis zu den älteren Personen; sie alle haben keine finanziellen Ressourcen und erfahren keine angemessene Unterstützung.

Von den 15 Provinzen des Landes sind die Viren in 12 von ihnen nachweisbar, wie es Doktor Durán García, der Direktor des Nationalen Instituts für Epidemiologie kürzlich einräumte; ein seit Covid-19 bei Kubanern gut bekanntes Gesicht. Folgt man den offiziellen Zahlen, so wären derzeit 80% des Staatsterritoriums infiziert.

Was die Zahl der Todesfälle betrifft, so erklärte Doktor Durán am vergangenen 8.Oktober, dass es weder 11Todesfälle pro Tag gäbe, noch dass, wie kommentiert, die Krankenhäuser kollabiert seien. Eine weitere Äußerung, die bestreitet, leugnet und verschleiert, die aber niemand mehr glaubt. 

Diese Verleugnung spüren vor allem die Kubaner am eigenen Leib, die selbst erkrankt sind. Viele prangern das Fehlen von Reagenzien an, um die Viren zu identifizieren, beklagen sich über den Mangel an Seren und Medikamenten, sowie über den Kollaps der Krankenhäuser.

Angesichts der fehlenden offiziellen Transparenz und dem Schweigen der Behörden, waren es  Bürger, die es übernommen haben zu warnen, Anzeige zu erstatten und die Wahrheit zu sagen, was sich  gerade ereignet. Die Bürger sind die Leidtragenden eines Regimes, das versagt und das statt selbst Verantwortung zu übernehmen, die Last auf das Volk abwälzt. Inmitten von endlosen Stromausfällen, Mangel an Trinkwasser und Müllbergen an jeder Straßenecke verlangt man von den Bürgern, dass sie unmögliche Maßnahmen ergreifen.  

Wieder einmal sind wir Kubaner abhängig von Hilfe, die vom Exil kommt; eine Hilfe, die das Regime vermutlich annehmen muss, dies aber nie zugibt.

Die Gesundheitskrise ist kein isoliertes Ereignis: sie zeigt einen gescheiterten Staat, eine strukturelle und mehrdimensionale Krise, aus der herauszukommen es nur einen Ausweg gibt. Es ist nicht der Virus, der Kuba krank macht, es ist das System. In einem Land ohne Trinkwasser, ohne Strom, ohne Müllabfuhr, ohne Medikamente und ohne funktionierende Hospitäler,…in einem solchen Land ist alles möglich, ausgenommen ein menschenwürdiges Leben.

Wie lange noch so viel  Leid? Wie lange noch dieses aufgezwungene Durchhalten, bei dem es immer dieselben sind, die bezahlen: das kubanische Volk. Kuba braucht einen Systemwechsel, es braucht weder Schmerzmittel noch leere Versprechungen. Denn nur wenn das System wechselt, wird man Leben retten können.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein, uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus in Kuba zu verändern.

María Corina Machado, der Nobelpreis für Beharrlichkeit

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Man kommt nicht in eine solche Position, in der Machado jetzt ist, ohne dass man auf dem Weg dahin persönliche Verluste erlitten hat. / EFE

Der Freitag hätte nicht besser beginnen können. Die Schwedische Akademie verlieh den Friedensnobelpreis 2025  an María Corina Machado „für ihre unermüdliche Arbeit zur Förderung der demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes“. Diese Anerkennung rückt Lateinamerika in dem Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, wo, wie in Caracas, Havanna und Managua, drei gealterte Machthaber dabei sind zu glauben, dass die Straffreiheit und das internationale Schweigen ihnen ermöglichen würde, ihre Nationen bis ans Ende aller Tage zu kontrollieren.   

In mehreren Regierungspalästen muss der Morgenkaffee heute sehr bitter geschmeckt haben. Die verzögerten Reaktionen von Maduro und Díaz-Canel, die sich bis jetzt, wo ich diesen Text schreibe, noch nicht dazu geäußert haben, verraten ihre Betroffenheit nach der Ankündigung. Ratlos und verärgert, die Pressesprecher der beiden autoritären Regime wirken wie versteinert und warteten darauf, dass ihre Chefs ihnen ein Drehbuch diktieren, dem sie bei ihren Verlautbarungen folgen müssen, worüber sich aber niemand wundert. Der Nobelpreis für Machado ist für sie alle wie Salz in ihren Wunden.

Mit fast 58 Jahren hat die venezolanische Oppositionelle noch einen langen Weg vor sich, um mit ihrem gewachsenen Prestige, das ihr diese Auszeichnung verliehen hat, viel für ihr Land und für den ganzen Kontinent zu tun. Vor ihr liegt nicht nur eine demokratische Öffnung in Venezuela, die unvermeidlich kommen wird und mit der Maduro rechnen muss. Machado kann auch helfen, den politischen Wechsel in anderen Ländern der Region anzustoßen. Seit langer Zeit hätten es auch andere Völker verdient, die von einem vermutlich linken Totalitarismus unterjocht  und von Reden mit „ die Bescheidenen für Bescheidene“  eingelullt wurden, dass man ihre Anliegen als gleichberechtigt ansieht. Die Situation von mehr als 40 Millionen Menschen, die unter der Fuchtel der drei Machthaber stehen, wird erneut die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient.

In besonderem Maße ist es aber eine persönliche Belohnung. Man kommt nicht in eine solche Position, ohne dass man auf dem Weg dahin persönliche Verluste erlitten hat. Es gab harte emotionale Prüfungen, den ständigen Druck ins Exil zu gehen und einen intensiven Boykott ihres politischen Handelns. Gegen sie wurde zu einer Kampagne aufgerufen, die ihre Reputation vernichten sollte. Man versuchte, sie als Terroristin hinzustellen, die die Gesellschaft zu Konfrontation aufruft. Ihre Aktionen vor, während und nach den Wahlen vor mehr als einem Jahr widersprechen diesem Bild von ihr, das die offizielle venezolanische Propaganda in die Köpfe der Wähler einschmuggeln und den internationalen Medien vermitteln wollte. Gelassen, ernsthaft und  beständig hat Machado dazu aufgerufen Ruhe zu bewahren und friedlich zu handeln und wurde so zu einer Leitfigur für Gewaltfreiheit.

Die Beständigkeit hat sich als ihre größte Tugend erwiesen. Während viele Weggefährten müde wurden, blieb Machado  weiterhin aktiv. Als das Exil an viele Türen klopfte, blieb sie im Land. Wenn sie sich im Miraflores-Palast in Petro-Dollars badeten und die  Welt wegschaute, dann hat diese Ingenieurin für Produktionstechnik nie die Hoffnung verloren, dass der Chavismus zu Ende gehen wird. Ihr Preis ist nicht nur eine Medaille aus glänzendem Metall, er ist die Auszeichnung für ihre Hartnäckigkeit. Die Beharrlichkeit von María Corina Machado ist ein Hoffnungsschimmer für uns alle, die wir in der langen Nacht einer Diktatur leben.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle publiziert.

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Wenn nichts geschieht, dann wird etwas geschehen müssen

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Dass jeder der Gesellschaft so viel gibt, wie er vermag und von ihr entsprechend seiner Arbeit entlohnt wird, das hat noch nie funktioniert / 14ymedio

Wir alle bemühen uns, jenen finalen Text zu schreiben, der diesem Pseudosozialismus seinen Platz zuweist, den einer Kakerlake auf der Stecknadel eines Entomologen, denn der kubanische Sozialismus befindet sich im Endstadium und wird anfällig für therapeutischen Missbrauch.

Ich gebe zu, dass dies nicht dieser Text ist, obwohl es meine Absicht war ihn zu schreiben.

Ich habe mit Pseudosozialismus das bezeichnet, was wir ertragen müssen. Ich tue es nicht, um die ungeliebte Republik zu rächen, sondern weil im April 1961 der “Geißelnehmer der Revolution“, ohne Rücksicht auf den des Volkswillen, den sozialistischen Charakter der Revolution verkündet hat, obwohl seitdem nicht einmal die wichtigsten Maxime realisiert wurden, die dieses System in Fachbüchern kennzeichnen.

Dass jeder der Gesellschaft so viel gibt, wie er vermag und von ihr entsprechend seiner Arbeit entlohnt wird, das hat nie funktioniert. Noch viel weniger befriedigte man die Bedürfnisse einer ständig wachsenden  Bevölkerung, ein ambitioniertes Ziel, das man als fundamental für den Sozialismus betrachtet. Nicht einmal in den Jahren mit sowjetischen Subventionen erfüllte man die Fünfjahrespläne vollständig, die am Ende der Kongresse der Kommunistischen Partei mit großem Tamtam verkündet wurden,…wer erinnert sich noch daran?  Alles war ein Fata Morgana, ein Betrug, ein Schwindel.

Es erschien ihnen konsequent, ausländische Investoren einzuladen, kleine und mittlere Unternehmen zu genehmigen und jetzt stehen sie vor der Dollarisierung des Marktes.  

Wie bei einem langweiligen Striptease begannen sie Arbeit auf eigene Rechnung zu akzeptierten. Es erschien ihnen konsequent ausländische Investoren einzuladen, bei den kleinen und mittleren Unternehmen gaben sie schließlich nach und jetzt stehen sie kurz der Dollarisierung des Marktes.

Zum Striptease fehlen nur noch die Dessous.

Ich habe auch gesagt, dass das System anfällig für therapeutischen Missbrauch ist, weil sich im Endstadium die Agonie verlängert.  

Wenn diejenigen, die immer noch in Kuba regieren, wirklich von der Theorie des Sozialismus überzeugt gewesen wären, dann hätten sie diesem noch eine Chance gegeben, zu einer anderen Zeit. Und das wäre weder eine Niederlage gewesen noch eine Kapitulation, sondern ein Rückzug auf Zeit. Aber alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es ihre erklärte Absicht ist, eine tote Kuh weiter zu melken, also mehr oder weniger an der Macht zu bleiben, um obszöne Privilegien zu genießen, die ihnen ihre Ämter gewähren.

Hoffnung ist für uns Kubaner ein hin und her schwingendes  Pendel und im Augenblick scheint es niemanden zu geben, der diese Schwingungen reguliert oder anhält. Und ohne dass jemand darauf hofft kursieren Gerüchte, dass ein Neunzigjähriger (Raúl Castro) demnächst stirbt oder dass „dort oben“ Brüche sichtbar werden.  

Also sieht es so aus, als warteten wir darauf, dass ein Kind schreit „aber der König hat ja gar keine Kleider an“, als ob es so schwierig wäre zu verstehen, dass der dialektische wie auch der philosophische Materialismus weder die Quantentheorie noch die Künstliche Intelligenz kannten und dass beide auch keine Beziehung zum Klassenkampf hatten.  

Wenn uns die Unsterblichkeit keinen üblen Streich spielt, wenn die Performance der „unerschütterlichen Einheit“ keine weitere Fiktion ist, dann wird etwas geschehen müssen, denn es gibt niemanden der es erträgt.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Rücktritt der Ministerin, aber die Regierung will die Armut in Kuba nicht anerkennen

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Ein Mann mit einer Behinderung sucht nach etwas zum Essen in einer Mülltonne in Havanna. / 14ymedio

Die Stromsperren, die Inflation und die Krise der Wirtschaft sind nicht mehr die vorrangigen Gesprächsthemen auf den kubanischen Straßen, wenigstens für ein paar Tage. Maria Elena Feitó, die Ministerin für Arbeit und soziale Sicherheit, geriet in den Mittelpunkt der Empörung, als sie am vergangenen Montag eine gallige Schmährede gegen Personen hielt, die öffentlich um Geld betteln oder in Mülltonnen wühlen, um etwas zum Essen zu finden. Die Entrüstung hat ein solches Ausmaß erreicht, dass sich die Funktionärin entschloss, auf ihr Amt zu verzichten; eine kosmetische Maßnahme eines Regimes, das die Verbreitung und die Dramatik der Armut auf der Insel nicht zur Kenntnis nehmen will.

Im Parlament verunglimpfte Feitó jene Personen, die „als Obdachlose kostümiert“ die Hand aufhalten und um Geld betteln; auch jene, die vor einer Ampel für einen elenden Betrag die Frontscheiben säubern; und die, die mit ihren Händen in Müllcontainern wühlen, um sich dann ein Stück Brot oder eine schon fast verfaulte Frucht in den Mund zu stecken. Allen Kubanern in extrem schwierigen Verhältnissen und den vielen anderen, die zum Schlafen kein Dach über dem Kopf haben, warf die Ministerin vor, dass sie Trunkenbolde, Simulanten oder Illegale wären. Sie rasselte ihre Beleidigungen vor Abgeordneten herunter, ohne dass sie jemand kritisiert hätte, ohne dass jemand die Hand hob, um ans Wort zu kommen und ihr zu widersprechen.

Zum Glück haben wir die sozialen Netzwerke. Unmittelbar nach diesem üblen Redebeitrag verbreiteten sich die wenigen Minuten viral im Internet, in denen Feitó vor dem Mikrophon stand. Niemand verteidigte ihre Worte, nicht einmal das Regime, das üblicherweise die Reihen schließt, wenn einer ihrer Führungspersonen Unsinn redet. Für ein System, das sich damit brüstet „bescheiden für Bescheidene“ zu sein, war der abfällige Ton nicht mehr zu vertreten, mit dem sich die Amtsträgerin für Arbeit und Soziales an die ärmsten der Armen wandte. Es begann eine strategische Schadensbegrenzung, die für Feitó mit dem Rücktritt als Ministerin endete.  Aber die Gründe, die sie veranlassten zu versichern, dass es sich bei den „Herumlaufenden“ um Personen handle, „die ein bequemes Leben für sich entdeckt hätten“, bestehen weiterhin.

Die Behörden der Insel stecken in einem Dilemma, das nur schwer aufzulösen ist. Soll man das Elend, in dem ein beachtlicher Teil der Bevölkerung lebt, zur Kenntnis nehmen, um zu versuchen Abhilfe zu schaffen, oder sich weiterhin damit brüsten, dass in den  66 Jahren nach jenem Januar 1959 die Geißel der  Armut ausgerottet worden ist, und dass unser politisches und wirtschaftliches  Modell dem des Erzfeinds überlegen ist. Würde man den Schutzlosen und Bedürftigen eine Zahl geben, müsste man zugeben, dass das System an einem seiner ursprünglichen Ziele gescheitert ist, und dass es nicht wert war, die bürgerlichen und individuellen Freiheiten zu verlieren, wenn man nicht einmal erreicht hat, die Zahl der Obdachlosen zu reduzieren.

In Kuba hat niemand das Recht von seinem Amt zurückzutreten. In Ungnade zu fallen und eine Amtsenthebung kommen immer von „oben“. Es handelt sich dabei um einen Befehl, der von der  Führungsriege nach unten weitergereicht wird, denn die ist in der Lage einen Parteigänger zu opfern, um sich selbst zu schützen. Solches ist gerade geschehen. Die Regierung versucht jetzt mit den Worten des Regierenden Díaz-Canel gegenzusteuern, der Stunden nach dem Fehltritt der Ministerin, ohne dabei ihren Namen zu nennen, versicherte: „Die Revolution kann niemanden zurücklassen“. Aber die Quintessenz der Sozialpolitik bleibt offensichtlich. Für den Castroismus sind die Armen ärgerlich, weil diese sie an ihr Versagen erinnern.

Vielleicht ist es das erste Mal im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts, dass ein kubanischer Minister sein Amt niederlegt, weil der öffentliche Druck nach Berichten in der unabhängigen Presse und den Posts in den sozialen Netzwerken zu groß wurde. Das Regime folgt nicht mehr der öffentlichen Meinung; wir sehen immer mehr die Fehltritte, die Stolpersteine und das zutiefst reaktionäre Wesen des Systems.

         Übersetzung Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle publiziert und steht hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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Nach den Protesten des 11J begann das kubanische Regime dreist zu werden

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In diesem Moment gingen Jahrzehnte zu Ende, in denen man der internationalen Gemeinschaft ein freundliches Gesicht zeigte und repressive Maßnahmen gegen die Bevölkerung bestritt.

Die Bilder zeigen klar und deutlich, dass sie weder mit einer umwerfenden Unterstützung von Seiten der Bevölkerung rechneten, noch dass ihre Hand gezittert hätte, eine Waffe gegen die Dissidenten zu ergreifen. / EFE

Wie bei einem Datum, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt, so weiß jeder Kubaner, was er tat, als er  von den Protesten am 11.Juli 2021 (11J) erfuhr. Es gibt jene, die die Demonstrationen auf ihren Mobiltelefonen verfolgten, oft viele tausend Kilometer entfernt von der Insel; es gibt andere, die sich der Menschenmasse anschlossen, die die Straßen füllte und „Freiheit!“ schrie; und es gibt auch die, die sich in ihren militärischen Einheiten bereit machten um auszurücken, um zu verprügeln und um die Menschenmenge in Schach zu halten. Jeder hat eine eigene Erzählung von diesem Tag und viele Einzelheiten werden aus Angst verschwiegen.

 Zusammen mit den mehr als 2000 Kubanern, die wegen des 11J strafrechtlich verfolgt wurden, und von denen noch 421 im Gefängnis sind, eines der Resultate dieses historischen Tags war die Weiterentwicklung des Regimes, die auf eine neue Stufe führte. Wenn der Platz der Revolution vorher bemüht war, sich das Image eines Systems „von Bescheidenen für Bescheidene“ zu verschaffen, dann fiel an jenem Sonntag vor vier Jahren die Maske. Die Augen der Welt sahen verzweifelte Menschen, die einen politischen Wandel forderten; sahen aber auch Bereitschaftstruppen, die mit Schlägen antworteten und in manchen Stadtvierteln sogar mit Schüssen.

Selbst der Regierende Miguel Díaz-Canel schüttelte jeden Anflug von Anstand von sich ab und sagte vor den Kameras des nationalen Fernsehens jenen unheilvollen Satz, der in die Geschichte eingehen wird: „Der Befehl zum Kampf ist erteilt“. In diesem Augenblick gingen Jahrzehnte zu Ende, in denen man der internationalen Gemeinschaft ein freundliches Gesicht zeigte und mit viel Pathos bestritt, dass es irgendwelche repressive Maßnahmen gegen die Bevölkerung gäbe. Für viele war es ein Wendepunkt, weil sie trotz der vielen Denunzierungen von Aktivisten und unabhängigen Journalisten weiter daran fest hielten, dass das kubanische Regime nicht fähig wäre, eine öffentliche und mehrheitlich friedliche Demonstration mit Gewalt niederzuschlagen.     

Viele Kubaner haben auch die Vorstellung von einem Land geschluckt, in dem sich mit Zustimmung aller eine einheitliche Ideologie etabliert hatte, und in dem die Kommunistische Partei uneingeschränkte Zustimmung genoss. Jetzt erkannten sie, dass seit mehr als einem halben Jahrhundert die sozialen Übel ständig zugenommen hatten, verborgen hinter Losungen und Masken. Seit jenem Tag stimmte etwas nicht mehr in der offiziellen Erzählung. Die geschickten Ideologen des Castroismus hatten diese im Januar 1959 kreiert und seitdem ständig aufpoliert. Die Bilder von damals zeigen klar und deutlich, dass sie weder mit einer umwerfenden Unterstützung von Seiten der Bevölkerung rechneten, noch dass ihre Hand gezittert hätte, eine Waffe gegen die Dissidenten zu ergreifen.  

Seit damals leben wir Kubaner in einer Epoche mit repressiver Dreistigkeit. Der Zwang ist öffentlich geworden, man verbirgt ihn nicht mehr und er hat sich so verbreitet, dass ihn sogar die spüren, die versichern, dass sie sich aus der Politik heraushielten. Díaz-Canel will nicht mehr vorgeben, dass er der Regierende für alle wäre, und auch offizielle Sprecher schämen sich nicht mehr, den Dissidenten offen mit Gefängnis oder Exil zu drohen. Die Schamlosigkeit hat ein solches Niveau erreicht, dass einige Figuren des Regimes in den sozialen Netzwerken unverhohlene Drohungen an Internetnutzer richten, wenn diese die teilweise Dollarisierung des privaten Einzelhandels und die Probleme der Müllabfuhr öffentlich verurteilen. Sie simulieren nicht mehr wenn sie die Zähne zeigen, den Gürtel enger schnallen und mit einem Aufenthalt hinter Gittern drohen.  

Der 11.Juli 2021 hat uns ein revolutionäres Vermächtnis hinterlassen und eine beklagenswerte Zahl von politischen Gefangenen, hat aber auch die Dreistigkeit eines Systems gezeigt, das nicht zögern wird, sein eigenes Volk noch einmal niederzutreten.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle publiziert und steht hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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Nach Jahrzehnten der Knebelung wacht die kubanische Universität auf

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Die Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität von Havanna / 14ymedio

Das kubanische Regime hält den Atem an. Es fehlen noch eine paar Tage, bis in allen Fakultäten der Insel das Semester zu Ende geht, eine Vorlesungszeit, die für die Regierung in diesem Jahr zu einer harten Konfrontation werden wird. In den Hörsälen der Hochschulen hat sich die Entrüstung über die Preissteigerung vervielfacht, die die ‚Etecsa‘, das staatliche Monopol für Telekommunikation am Ende des vergangenen Monats eingeführt hat. Nach Jahrzehnten der Knebelung scheinen die Studenten ihre Stimme wiedergefunden zu haben. 

Der Protest gegen die umgangssprachlich ‚tarifazo‘ genannte Tariferhöhung hat in Kuba alle sozialen Schichten erfasst, aber es waren die Studenten, die am heftigsten darauf reagierten. Die Notwendigkeit, ständig im Internet auf der Suche nach Fachliteratur zu sein, um im gewählten  Studienfach voran zu kommen; der Wunsch, der erstickenden Realität mit Hilfe der sozialen Netzwerke zu entkommen und die vielen emigrierten Verwandten und Freunde, mit denen man in Kontakt bleiben möchte, machen altersbedingt das World Wide Web genauso unverzichtbar wie essen, sich bewegen oder ein Dach über dem Kopf zu haben.  

Trotzdem, noch vor wenigen Tagen, als gegen die ‚Etecsa‘ gerichtete Verlautbarungen aufflammten, hätte niemand vorrausehen können, dass die Universität ihre Rebellion wieder aufnehmen würde. Während der kolonialen und republikanischen Epoche war unsere Alma Mater das maßgebliche Epizentrum für Veränderungen, die die Politik in Kuba erschütterten; später schien es, als würde die Universität vollständig von der Kommunistische Partei kontrolliert und domestiziert werden. Jahre der Säuberung, manipulierte Wahlen, Repressalien und die Entlassung von unbequemen Professoren haben es geschafft, dass aus altersgemäßem jugendlichem Ungehorsam blinder Gehorsam wurde. Bis zu einem bestimmten Tag.

Mit dem Slogan “Die Universität gehört den Revolutionären“ führte der Castroismus ideologische Kriterien ein und zwang die Studenten zu heucheln und eine ideologische Maske zu tragen, wollten sie denn zu einem Abschluss an der Uni kommen. Die Sitzungen von Gremien der Universität, die vormals Keimzellen für Revolten und für soziale Aufstände waren, wurden zu Veranstaltungen, in denen man der Regierungspolitik Beifall spendete, und in Kuba verbreitete sich der Personenkult für Führer in olivgrün. Die Studentenvertretung wurde zu einem Sprachrohr der Mächtigen, das sich an die Studierenden richtete, und in den Hörsälen lehrten nur noch linientreue Professoren.

Dennoch genügte die Ankündigung einer Tariferhöhung, sodass man einen akademischen Aufschrei in vielen Fakultäten hörte, deren Studenten Unterschriften sammelten, Erklärungen verabschiedeten und sich gegen die Rektoren stellten. Mehr als zwei Wochen nach Beginn des ‘tarifazo‘ publizieren Studenten in mehreren Provinzen weiterhin Protestbriefe, äußern ihre Kritik in Versammlungen und werden dafür bedroht. Das Image einer Hochschulbildung, die zu 100%  mit dem Platz der Revolution abgestimmt ist, ist unwiderruflich zu Bruch gegangen.

Die politische Polizei hat versucht, die Protestierenden zu spalten; sie hat die Wohnungen von Studenten durchsucht, die Vorreiter bei der Forderung waren, die Tariferhöhung für das große weltweite Netz zurückzunehmen; und sie hat jene vor kurzfristigen Konsequenzen gewarnt, die darauf bestehen sich öffentlich zu beklagen.

Die jungen Leute ihrerseits reagieren darauf, indem sie in mehreren Bildungseinrichtungen zum Streik aufrufen und sich in ihren Versammlungen weiterhin gegen die Schulleitung und die Funktionäre stellen. In einem Audio-Mitschnitt, der vor ein paar Stunden durchgesickert ist, hört man die Rektorin der Universität von Havanna sagen, „wenn es ein Streik ist, dann handelt es sich um eine  Konterrevolution“. Damit spielt sie auf Konsequenzen für diejenigen Studenten an, die den Hörsälen fern bleiben. Aber ihre Stimme klingt nicht mehr so autoritär und überzeugt wie früher, man bemerkt einen Unterton von Angst. Es ist die Angst einer politischen Klasse die spürt, dass die so lange eingeschläferte akademische Jugend gerade aufwacht.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle publiziert und steht hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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Die gigantische Tariferhöhung der ‚Etecsa‘ macht die Kubaner wütend

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Dank des Internets haben die Kubaner das Gefühl Weltbürger zu sein / 14ymedio

Noch nie gab es in Kuba so viel öffentliche Entrüstung, wie nach dem Wirtschaftspaket 2021, das den konvertiblen Peso beerdigte, die Preise für Lebensmittel in die Höhe trieb und das Lohnniveau absenkte.  Seit dem vergangenen Freitag und der Preiserhöhung für den Internetzugang, ist der soziale Aufschrei zurückgekehrt; dieses Mal richtet er sich gegen die Etecsa, dem staatlichen Monopol für Telekommunikation. In einem Land mit Hunger und Dunkelheit, aufgrund der langen Stromsperren, nahmen es die Menschen übel, dass man ihren “Fluchtweg“ verteuerte, nämlich den Zugang zu den sozialen Netzwerken.

Die Unzufriedenheit kennt kein Alter und keine wirtschaftlichen Schichten. Jugendliche und ‘Digitale Natives‘, die sich in WhatsApp-Gruppen treffen, beklagen sich, dass es ihnen schwerfällt soziale  Kontakte zu finden, wenn es in den Nächten keinen Strom gibt und die Freizeiteinrichtungen überteuert sind. Die Wut klopft an die Tür von Studenten, die zum größten Teil mit Fachliteratur aus dem Internet arbeiten müssen, weil das Angebot der Bibliotheken veraltet ist. Dieses  Unbehagen gibt es auch bei Erwachsenen im erwerbsfähigem Alter, die im Home-Office eine Möglichkeit gefunden haben etwas zur klammen Familienkasse beizutragen, und die via Internet Stipendien, Kurse und Visa beantragen können, um die Insel zu verlassen. Und auch die Rentner haben ihre Unzufriedenheit kundgetan, weil viele von ihnen gezwungen sind, mit wöchentlichen Videokonferenzen den Kontakt mit ihren emigrierten Kindern und Enkeln aufrecht zu erhalten. 

Niemand ist von den Auswirkungen auf den Geldbeutel verschont geblieben, die die Reduzierung der Dienstleistung und die Verteuerung der Gigabytes mit sich bringen, vor allem, wenn man mit der Landeswährung im Internet unterwegs ist. Weder die Erklärungen der Etecsa-Funktionäre, noch ihre Rufe nach Verständnis für die infrastrukturelle Krise des Staatsmonopols haben dazu beigetragen, die Kritiker zum Schweigen zu bringen. Das Unternehmen gehört zu denjenigen Körperschaften, die von den Kubanern am schlechtesten beurteilt werden; ein trauriges Privileg, das sich die Etecsa mit der Gewerkschaft der Elektro-Union, der Staatssicherheit und dem Ministerium für Transport und Binnenhandel teilt. Es genügt die sechs Buchstaben der Telefongesellschaft zu erwähnen, damit sich das Gesicht ihrer Kunden zu einer Grimasse aus Missfallen und Ablehnung verzieht.   

Die offizielle Erklärung der Etecsa für eine Preiserhöhung um sage und schreibe 1229% pro Gigabyte, oder anders gesagt, für eine Multiplikation mit dem Faktor 13, appelliert an die Notwendigkeit Devisen zu generieren, um diese in die katastrophale Infrastruktur der Telekommunikation zu investieren. Mittels Aufladungen, die im Ausland bezahlt werden, versucht das Unternehmen Dollars zu erwerben, die es ihm ermöglichen sollen Kabel, neue Verteilerstationen und Stromspeicher zu kaufen, um Dienstleistungen auch dann aufrecht zu erhalten, wenn der Strom ausfällt. Dieses Argument hätte man noch vor ein paar Jahren gelten lassen, aber heute haben die Kubaner mehrere Dinge satt; ihre wertlose Währung; die Privilegien, die denen gewährt werden, die Greenbacks mit dem Bild von Washington oder Lincoln im Geldbeutel haben; und einen Staat, der nichts mehr von jenen wissen will, die nur über den nationalen Peso verfügen.

„Bald werden sie einen Teil der Stromrechnung von Emigrierten bezahlen lassen“, liest man auf Facebook ganz unten auf einem Post. Es ist einer der vielen tausend Kommentare zu Etecsa, von denen die meisten das ablehnen, was auf den kubanischen Straßen „tarifazo“ heißt, eine gigantische Tariferhöhung. „All das ist passiert, weil sie ihre Einnahmen nicht in den Telefondienst investiert haben, sondern in repressive Maßnahmen“, bemerkt ein anderer Internetnutzer, der sich darüber beklagt, dass er in seinem kleinen Dorf in der Provinz Pinar del Rio am frühen Morgen auf sein Hausdach steigen muss, um eine unsicherere Internetverbindung zu bekommen. „Neue Autos für die Polizei, aber kein Geld, um die Verbindungen zu verbessern“, fügt er verärgert hinzu.

Ein Beobachter, der die Situation in Kuba mit Distanz betrachtet, könnte sich fragen, wie es die Preiserhöhung für den Internetzugang  geschafft hat, die Bürger derart zu mobilisieren, und warum es die langen Stromausfälle und extrem niedrigen Löhne nicht vermocht haben. In einem Land, in dem die offizielle Propaganda weiterhin erstickend ist und  das Regime versucht, jeden Winkel des alltäglichen Lebens zu kontrollieren, ist der Zugang ins Internet zu Balsam und auch zu einer Möglichkeit geworden, der täglichen Krise zu entkommen. Dank des Internets haben die Kubaner das Gefühl Weltbürger zu sein. Die sozialen Netzwerke sind für die Kubaner ein Fenster; blicken sie hindurch, dann sehen sie, dass es etwas gibt, was über leere Märkte und Überwachung durch die politische Polizei hinausgeht. Das hilft ihnen daran zu glauben, dass es Hoffnung gibt.  

Am 11.Juli 2021, einige Monate nachdem das “Dekret zur Aufrechterhaltung der Ordnung“ erlassen wurde, füllten sich die Straßen der Insel mit tausenden von Menschen, die „Freiheit!“ schrien. Jetzt sollten wir  aufmerksam die Auswirkungen verfolgen, die die aktuelle Eskapade der Etecsa auf kurze Sicht haben könnte, weil sie so viel Empörung hervorruft.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle publiziert und steht hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein, uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus in Kuba zu verändern.

Der Sommer naht und das Unbehagen unter den Kubanern wächst

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Viele Familien haben das Gefühl, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, weil sie schon am Boden angekommen sind.

Proteste in Caibarién, Villa Clara, im Jahr 2022, aufgrund von Stromausfällen. / Screenshot

Der Sommer war schon immer die Jahreszeit, die von kubanischen Behörden am meisten gefürchtet wurde. Zu den Temperaturen, die auf der Insel mit Frühlingsbeginn ansteigen, gesellen sich die leidigen Stromsperren und die Schulferien, die das häusliche Leben aus dem Gleichgewicht bringen. In diesem Jahr ist die Lage besonders schwierig, weil die nationale Energieversorgung fragil ist und es zudem an Treibstoff fehlt, sodass die Stromsperren in vielen Teilen des Landes mehr als 15 Stunden am Tag andauern. Juli und August kommen näher, und der Zorn in der Gesellschaft wächst.

In den letzten Tagen gab es Straßenproteste in Bayamo, Granma und Santiago de Cuba. Auf Bildern in den sozialen Netzen sieht und hört man wie viele Menschen eine unmissverständliche Forderung schreien: „Wir wollen Strom, wir wollen Essen!“ In der Dunkelheit schlagen einige auf mitgebrachte Töpfe und andere schreien aus voller Kehle; die Demonstranten bilden nur die Vorhut  eines Volksaufstands, den manche schon hinter der nächsten Straßenecke vermuten. Eine Ahnung, dass die Menschen auf die Straßen gehen werden, taucht in jeden Sommer auf, aber dieses Mal ist es anders. Viele Familien haben das Gefühl, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, weil sie schon am Boden angekommen sind.  

„Freiheit verlangen sie nicht“, kritisierten viele Internetnutzer, als sie die Aufzeichnungen von den Protesten sahen; mehrheitlich waren es Kubaner, die im Ausland leben. Von außen gesehen erscheinen die Forderungen elementar, dass die Stromsperren enden und mehr  Lebensmittel in die Läden des rationierten Markts kommen müssen; aber  im Land selbst haben sie einen hoch-politischen Stellenwert. In einer Nation, in der Wärmekraftwerke, Ölimporte und die Versorgung von Haushalten mit Strom in den Händen eines Staates sind, der für Energie ein Monopol besitzt, erfordert es viel Mut, wenn man von der Regierung die Wiederherstellung einer gesicherten Versorgung mit Strom verlangt.  

Es handelt sich dabei um dieselbe staatliche Behörde, die die Belieferung der Läden im rationierten Markt koordiniert, die sich auf dem internationalen Markt um den Kauf von Produkten kümmert, die über den Basiskorb verteilt werden, und die für die meisten wirtschaftlichen Entscheidungen verantwortlich ist, die dann dazu führen, dass mehr oder weniger Devisen zur Verfügung stehen um einzukaufen, von Reis angefangen bis zu Eiern. Jede öffentliche laut vorgetragene Forderung, nach einer Verbesserung der Dienstleistungen und einer Erhöhung der Lebensmittelquote, wird vom Regime als eine Herausforderung betrachtet.  Für eine Regierung, die nicht die geringste Kritik toleriert, sind solche Petitionen eine Form von Rebellion, die man nicht dulden kann.

In dem Maß wie das Thermometer steigt und sich die Dunkelheit wegen der Stromsperren über die kubanische Geographie ausbreitet, bereiten sich die Ordnungskräfte der Polizei darauf vor, sich den Protesten im  Sommer entgegen zu stellen. Die Erinnerung an die soziale Explosion vom 11.Juli 2021 ist im Gedächtnis der Regierung und der staatlichen Institutionen noch sehr präsent; und deren Mitarbeiter wurden schon darauf hingewiesen, dass sie auf die Straße gehen müssen, um die “Revolution zu verteidigen“. Dabei handelt es sich um das gleiche repressive Drehbuch, auf das man jedes Jahr um diese Zeit zurückgreift, weil man bei der politischen Polizei, angesichts von möglichen Volksaufständen, eine erhöhte Nervosität konstatiert.      

Auf der einen Seite positionieren sich das Militär, die Polizei und eine gut geölte Propaganda-Maschinerie, die Dissidenten als Feinde diffamiert; auf der anderen Seite gibt es die verzweifelten und hungrigen Menschen, angespornt vom “General Sommer“, der auf dem Rücken von Hitze und Verzweiflung reitet.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch publiziert.

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Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein, uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus in Kuba zu verändern.

Pepe Mujica ist gestorben, der Revolutionär, der autoritäre Exzesse kritisierte

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José Mujica, der ex-Präsident von Uruguay und Symbolfigur der lateinamerikanischen Linken, ist im Alter von 89 Jahren gestorben / EFE / Gaston Britos

Ein Nachruf

An diesem Dienstag ist einer der wenigen lateinamerikanischen Staatschefs gestorben, der nach seiner Zeit im Amt sein regionales Ansehen bewahrt hat, frei von Anschuldigungen und Skandalen. Ein Mann ist von uns gegangen, ein vorbildlicher Diener des Staates, einer von jenen, die unser Kontinent so dringend braucht. José Pepe Mujica, der ex-Staatschef von Uruguay, war eine emblematische Figur für die lateinamerikanischen Linken; er starb im Alter von 89 Jahren. Als ich von seinem Ableben erfuhr, konnte ich nicht anders, als mich daran zu erinnern wie nahe ich ihm kam, um ihm die Hand zu schütteln, aber die Dämonen der politischen Intoleranz haben es verhindert.

Es war im Jahr 2015 und ich war zu Besuch in Montevideo, eingeladen von einem Gremium lokaler Journalisten. Auf dem Programm stand eine Rundreise, Besuche bei Pressemedien, Gespräche mit Reportern und graphisch arbeitenden Künstlern, und außerdem gab es ein umfangreiches kulturelles Programm, das bis spät in die Nachtstunden ging. Als einen Höhepunkt meines Besuchs in Uruguay hatte man ein Treffen mit Mujica vorgesehen, einem respektierten politischen Orakel, das mit großer Lockerheit und genügend Authentizität Vorhersagen machte und Ratschläge gab. Es wäre außerdem ein magischer Moment gewesen.

In Kuba erreichten in jenem Jahr die Hoffnungen auf einen demokratischen Übergang einen Höhepunkt. Wenige Monate vorher, im Dezember 2014, hatte ein diplomatisches Tauwetter zwischen Washington und Havanna eingesetzt, und die Augen der Welt richteten sich auf das, was sich auf der Insel ereignete. Fidel Castro, der sich von einer Krankheit erholte, die ihm 2006 die Macht gekostet hatte, empfing kaum noch Besucher, und Mujica war einer der wenigen mit Zugang zu der streng bewachten Finca Punto Cero, auf der Castro seine letzten Jahre verbrachte. Der Mann aus Uruguay blieb danach sehr wortkarg, was diese Treffen anbelangt, aber er hatte schon begonnen den autoritären Charakter des kubanischen Modells zu kritisieren.

Mit Mujica zu reden wäre für mich eine Gelegenheit gewesen, die Meinung eines aufrichtigen und politisch informierten Akteurs zu hören, der mein Land gut kannte und der eine Vision von allem hatte, was sich in unserer Region ereignete. Aber dieses Gespräch kam nie zustande. Am Tag vor dem geplanten Termin, bei dem wir Meinungen und Ansichten auszutauschen wollten, teilte Pepe dem Organisator der Veranstaltung mit, dass er in den nächsten Wochen nach Kuba reisen müsse, für eine Ehrung, die er in Havanna in der Casa de las Américas entgegennehmen würde. „Du weißt doch, wie die Kubaner sind; und ich will keine Probleme haben“. So entschuldigte er sich für das abgesagte Treffen und verwies auf die traditionelle Intoleranz des kubanischen Regimes bei jedem Anzeichen von Dissens. Ein Journalist, der diese Rechtfertigung mithörte, erzählte mir später, dass der ex-Präsident verlegen und verärgert war, weil er sich an diese Empfindlichkeiten des Castrismus anpassen musste.

Die offizielle Ehrung fand statt und Mujica glänzte vor den Anwesenden mit seiner Eloquenz; aber in den darauf folgenden Jahren distanzierte er sich zunehmend von der kubanischen Regierung. In einem Interview verwies er auf die Kluft zwischen seiner Pluralität und der kubanischen Einheitspartei, die Castro dem Land aufgezwungen hatte. „Taugt nichts, das taugt zu nichts“, urteilte er mit der ihm eigenen Offenheit. Als ich diese seine Worte las, hatte ich das Gefühl ihm zuzuhören, als wäre das vereitelte Treffen tatsächlich zustande gekommen, und dass wir in Montevideo und Havanna miteinander gesprochen hätten: über das Leben, über die Freiheit und über die Zukunft. Gute Reise, Pepe!

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch veröffentlicht.

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Neben Erdöl schicken Mexiko und Venezuela ihre Schulschiffe der Marine nach Kuba

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Ausländische Schiffe besichtigen, ist für viele kubanische Familien zu einem Freizeitvergnügen geworden.

Ein Aufenthalt an Deck der „Cuauhtémoc“, wenn auch nur für ein paar Minuten, lässt die Besucher Kuba vergessen. / 14ymedio.com

An diesem Dienstag fand im Hafen von Havanna ein seltenes Treffen von zwei Segelschiffen statt. Die Masten des mexikanischen Schulschiffs „Cuauhtémac“ und die der venezolanischen „Simón Bolívar“ schmückten die sonst Masten-freie Bucht der Hauptstadt, symbolhaft für die Allianzen, mit denen das kubanische Regime zu überleben hofft.

Beide Schiffe legen von Zeit zu Zeit auf der  Insel an, in deren Terminals mehrere Öltanker mit mexikanischem oder venezolanischem Erdöl ihre Fracht löschen. Was  die Segelschiffe aber in dieser Woche mitbringen, ist eine Flut von Kadetten in weißer Uniform, 141 sind es, so der Kapitän, neugierig bestaunt von den Habaneros, die Schlange stehen um an Bord der Cuauhtérmac zu kommen.

Das mexikanische Schulschiff zeigt eine höfliche Geste, die auf der Insel wohltuend ankommt: man erlaubt uns nämlich, das Schiff von oben bis unten zu besichtigen. Hierbei handelt sich nicht um die metallisch-bedrückende  russische Perekop, und auch nicht um die spanische Juan Sebastián Elcano mit ihrem europäischen Flair, wenngleich alles was fremd ist auf einhellige Neugierde stößt.

Eine Kubanerin beobachtet die Kadetten mit autoritärer Haltung . / 14ymedio

Selbstredend,… um auf die Cuauhtémac zu kommen, muss man warten, und zwar nicht wenig. Ohne in einer ‚guten‘ Warteschlange hängen zu bleiben, kommt man in der Stadt nirgendwo hin, und wenn man die Füße auf dieses  „schwimmende fremde Holz“ setzen will, dann ist das keine Ausnahme. Gelangweilt beobachtet die Polizei eine Gruppe, die darauf wartet an Bord zu gehen. Als eine Frau mit ihrer Tochter im Arm beginnt hin und her zu schwanken, offensichtlich unter dem Einfluss von Drogen, werden die Agenten aktiv.  Wendig und ohne zu zögern setzen sie Mutter und Tochter in einen Streifenwagen, der sich dann von der Bucht entfernt.

Es ist Mittag. Ein kubanischer Soldat schreit etwas in den Bauch der Cuauhtémac. Ein anderer Kubaner in Marineuniform antwortet, dass nichts wäre. Nach einer Weile, als die Wartenden schon dehydriert und hungrig sind, geht eine Gruppe Kadetten von Bord, bereit, in die Stadt zu gehen. Das Schulschiff leert sich etwas..

Jetzt kommen die Besucher an Bord; sie lachen und betatschen das Steuerruder und die Taue der Cuauhtémac. Eine Habanera in fortgeschrittenem Alter trägt ein rotes T-Shirt und eine kurze blaue Jeans-Hose; sie lehnt sich an die Reling und stemmt die Hände in die Hüften. Eine Gruppe Kadetten beobachtet sie; mit ihren vom Wind zerzausten Haaren sieht sie aus wie der Kapitän des Schiffs.

“Viel zu lange gewartet”, bemerkt ein Rentner, etwas verärgert. Er stützt sich auf die Reling  und zählt auf, wer alles sich vor ihm durchgemogelt hat: „Angehörige der Streitkräfte, Schüler von Militärschulen, Spezialeinheiten, Ausländer…also, lauter solche Leute“. „Das  gehört sich nicht“, sagt ein anderer und versichert, dass er schon  heute Morgen um 9 Uhr ein Ticket für die Cuauhtémac abgeholt hat.  „Ein schönes Schiff“, sagt ein Mädchen, „zwar nicht spanisch, aber gut“.

Das Deck der „Cuauhtémac“, als es die kubanischen Besucher betreten. / 14ymedio

Auf dem Deck der Cuauhtémac zu sein, wenigstens für ein paar Minuten, bedeutet Kuba vergessen. Das glänzend polierte Holz des Decks, die lächelnden Kadetten, die Lautsprecher mit Anweisungen für die Besucher, die salzhaltige Luft und das blaue Meer an Back-und Steuerbord…man könnte glauben auf hoher See zu sein, weit entfernt von Problemen.

Die Simón Bolívar, das daneben liegende Schiff,  kommt häufiger nach Havanna. Ihr Kapitän hat sich gefreut, die Cuauhtémac im Hafen anzutreffen. Laut offizieller Presse sind sich die beiden Crews begegnet, um Erfahrungen auszutauschen.  

Auch die Simón Bolívar, mit Beinahmen „Botschafter der Meere“, wird diese Woche erlauben, dass Kubaner an Bord gehen. Jedoch repräsentiert dieses Schiff ein Land, das bei Kubanern weder „schön noch beliebt“ ist, anders als Mexiko; allerdings ist Venezuela nicht so  exotisch und gefährlich wie Russland, aber auch nicht so überraschend und vielversprechend wie Spanien. Auf die Simón Bolívar zu steigen, bedeutet nach Venezuela zu kommen, und das ist fast so, wie weiter in Kuba zu bleiben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Das Gipfeltreffen der CELAC in Honduras: eine weitere verpasste Gelegenheit

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Eine Gruppe von Teilnehmern unterzeichnete die ‚Erklärung von Tegucigalpa‘, die von 30 Mitgliedsstaaten angenommen wurde / EFE

Allianzen beweisen sich in Krisenzeiten. In schwierigen Situationen geraten die Beziehungen zwischen den Nationen unter Spannung, die zu einem Bruch der Beziehungen oder zu ihrer Erneuerung führen kann. Das 9.Gipfeltreffen der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), das am Mittwoch in Tegucigalpa, Honduras, stattfand, hat gezeigt, dass es Lateinamerika weiterhin an diplomatischer Reife fehlt, um als ein Block schwierige Sachlagen zu bewältigen.

Mitten in einem Zollkrieg, den Washington vom Zaun gebrochen hat, beschränkte sich die regionale CELAC darauf, bei kriegerischer Rhetorik zu bleiben, anstatt  praktikable Vorschläge zu unterbreiten.

.Das regionale Treffen der 33 Länder hat klar und deutlich gezeigt, dass es angesichts des neuen wirtschaftlichen Drucks und der massiven Abschiebungen von Migranten keine gemeinsame Strategie gibt.  Nichts davon überrascht dabei wirklich bei einer CELAC, die sich um jeweilige politische Interessen und ideologische Besonderheiten gruppiert hat, und somit keine Organisation ist, die die vielen tausend Bewohner in diesem Teil der Welt repräsentiert.  Vor die Wahl gestellt, mit einer gemeinsamen Aktion die Harmonisierung von Handelszöllen auf die Tagesordnung zu setzen, oder die bekannten leeren Verlautbarungen zu wiederholen, hat man sich für Letzteres entschieden.    

Eine Gruppe von Teilnehmern unterzeichnete die Erklärung von Tegucigalpa, die somit von 30 der 33 Mitgliedsstaaten angenommen wurde; allerdings wird diese Erklärung so schnell in Vergessenheit geraten, wie sich die Kondensstreifen der Flugzeuge auflösen, mit denen die Präsidenten Honduras verlassen. Geschmacklos ist, dass der Text  der Erklärung „die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit“ unterstützt, wie auch „ die Zusammenarbeit mehrerer Länder und den Schutz und die Förderung aller Menschenrechte“, wenngleich auch Kuba, Nicaragua und Venezuela Mitgliedsstaaten sind, die drei Länder mit den schlimmsten Diktaturen in der Hemisphäre.

Während man in Europa zusammenkommt, um sich abzustimmen, wie man auf die neuen wirtschaftlichen Herausforderungen reagieren könnte, haben es die lateinamerikanische Staatschefs vorgezogen, für ein Familienfoto zu posieren und sich unnachgiebig und wortstark zu präsentieren, obwohl viele von ihnen schon klammheimlich mit dem Weißen Haus verhandeln. Dem Treffen in Honduras fehlte auch ein regionaler Plan, der die Lebensqualität  jener jungen Leute verbessern könnte, die versuchen, auf der anderen Seite des Rio Grande ihre Träume zu verwirklichen, weil sie in der Mehrzahl dafür in ihren Heimatländern keine Perspektiven sehen.

Das Treffen war auch ein Laufsteg für politisches Gehabe. Zeitweise hatte man den Eindruck, dass jeder Präsident, der ans Mikrofon trat, seine Vorredner an Standvermögen und Streitbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten übertreffen wollte.

 Diese Exzesse von streitsüchtigen Posen brachten den kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel dazu, die Verhaftung von Migranten auf US-Territorium zu verurteilen, weil erteilt, so Díaz-Canel, „ohne Rücksicht auf ein ordnungsgemäßes Verfahren, ohne Beweise für die Schuld und unter repressiven Bedingungen“.    

Das sagte der Mann, der am 11.Juli 2021 vor laufenden Kameras des nationalen Fernsehens versicherte, dass “der Befehl zum Kampf gegen die Demonstrierenden erteilt wäre“; heute zeigt er sich besorgt über die möglichen, willkürlichen Verhaftungen von Kubanern, die wegen seiner eigenen repressiven Exzesse von der Insel geflohen sind.

Das Stirnrunzeln vor den Kameras hat aufgehört, die abgedroschenen Losungen wurden hinreichend wiederholt und die Abschlusserklärung ist unterzeichnet. Das 9.Gipfeltreffen der CELAC ist zu Ende gegangen und eine weitere Gelegenheit wurde verpasst, die x-te Möglichkeit, denn die CELAC hat bewiesen, dass sie unfähig ist, die Nöte und die Träume eines ganzen Kontinents zu verkörpern.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Wenn ein Präsident auf Wiedersehen sagt

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In einer Region mit einem Lacalle Pou und einem Boric werden Maduro, Ortega und Díaz-Canel zu verachtenswerten Personen / EFE

Im nächsten Jahr wird sich Gabriel Boric, der chilenische Präsident, von seinem Amt verabschieden und es wird eine neue Etappe in seinem privaten und politischen Leben beginnen. In diesem Jahr 2025 hat Luis Lacalle Pou das höchste Amt in Uruguay niedergelegt; er hat den Weg für einen neuen Staatschef freigemacht und so die demokratische Tradition des südamerikanischen Landes bewahrt. In einer Region, in der zahlreiche Autokraten an der Macht kleben, ist es aller Ehren wert, wenn ein Würdenträger von sich aus den Regierungspalast verlässt und die Regel der sich abwechselnden Parteien respektiert.

In Lateinamerika mit seiner langen Historie von Caudillos, ist es immer noch überraschend, wenn Führer nicht beabsichtigt, für alle Zeit auf dem Präsidentenstuhl zu bleiben. So Nicolás Maduro, der sein Mandat in Venezuela für immer verlängern will; so Daniel Ortega, der alle legalen Möglichkeiten blockiert hat, um nicht in Nicaragua die Kontrolle über die Macht zu verlieren, und so Miguel Díaz-Canel, von Raúl Castros Gnaden, der am Ruder des kubanischen Staatsschiffs steht. Man sollte sich bei denjenigen Regierenden zweimal bedanken, die ihre Amtszeit regulär beenden, die die Schärpe des Präsidenten an einen Nachfolger weitergeben und das Land nicht mit ihrer Rhetorik der ihnen aufgezwungenen Kontinuität in Brand setzen.   

Abgesehen von Kompetenz und Erfolgen,…man sollte jeden Politiker positiv bewerten, der, angekommen im Präsidenten-Büro, nicht die öffentliche Meinung manipuliert hätte, um seine Zeit im Amt zu verlängern; der nicht seine Widersacher ins Gefängnis gesteckt hätte, um Parlamentswahlen zu verhindern und sich seine Präsenz im höchsten Amt ad infinitum zu sichern. Auf diesem Kontinent mit  langlebigen Statthaltern und Diktatoren, müsste man einen Regierenden nach seinen Fähigkeiten bewerten, dem Amt adiós sagen zu können, und es sollte auf einer Liste mit Bewertungen seiner Amtsführung ganz oben stehen.

Die Integrität eines Politikers, einem neuen Amtsträger Platz zu machen, selbst wenn er dem gegnerischen Lager angehörte, sagt viel über den Charakter einer Person aus, die einmal über den Staathaushalt entschied, ein Kabinett  zusammen stellte und anlässlich der wichtigsten nationalen Feiertage Reden hielt. Den Kommandostab aus der Hand zu geben, ist ein Zeichen von Größe. Um sich von der Sucht zu befreien, die höchste Autorität einer Nation zu bleiben, bedarf es einer tiefen und soliden staatsbürgerlichen Überzeugung. Im Fall von Lateinamerika ist es zudem eine bewundernswerte Haltung von menschlicher Größe.  

Jedes Mal, wenn wir an einer Amtseinführung teilnehmen, bei der ein scheidender Präsident sein Amt an einen Neuankömmling übergibt, handelt es sich um eine Inszenierung, ebenso geplant wie unverzichtbar, um die staatsbürgerliche Gesundheit eines Landes zu bewahren. Von solchen Anlässen profitiert nicht nur die jeweilige Gesellschaft, sondern auch der ganze Kontinent. In dem Maße, in dem Amtswechsel beibehalten werden, sich politische Gruppierungen zurückziehen und anderen erlauben aufzusteigen, kommen die Marotten von jenen Tyrannen ans Tageslicht, die nicht abtreten wollen.

In einer Weltregion, mit einem Lacalle Pou und einem Boric, werden Leute wie Maduro, Ortega und Díaz-Canel zu verachtenswerten Personen. Die Koffer packen, die persönlichen Habseligkeiten in Kisten verstauen und das Präsidentenbüro als einfacher Bürger verlassen, das  ist der größte Dienst, den ein Regierenden seinem Volk erweisen kann,  wenn denn die Zeit abgelaufen ist, die ihm die Urnen gaben. Wenn ein Präsident geht, dann sollten wir an jeder Ecke ein Straßenfest feiern, und in jedem Haus eine Party.

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch veröffentlicht.

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Sind es schwierige Zeiten für den Journalismus, oder ist es der Moment um zu wachsen

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Jetzt, wo viele Reporter keine Arbeit mehr haben, lohnt sich die Frage, was ein Teil der lateinamerikanischen Presse falsch gemacht hat.

Die ‚Stimme Amerikas‘ ist eines der Medien, die von der Schließung der Usaid betroffen sind. / VOA

Schlecht ist es um die Presse bestellt, wenn Zeitungen nur noch Tagesnachrichten verbreiten. In den letzten Wochen erlebten wir eine  Flut von Schlagzeilen zur Kürzung von Geldmitteln, wovon viele lateinamerikanische Pressemedien betroffen waren, die mit ihrer informellen Arbeit Leserschaft und Ansehen gewonnen hatten. Die Blockade der Aktivitäten der USAID, der Agentur der Vereinigten Staaten  für Internationale Entwicklung, hat in der gesamten Region die Arbeit von vielen tausend Reportern, Verlegern und audiovisuellen Fachleuten in Frage gestellt.   

Angefangen mit El Salvador, weiter mit Mexiko und bis nach Kuba,… die Titelseiten zahlreicher Tageszeitungen waren praktisch gelähmt, wegen fehlender Ressourcen für journalistische Arbeit. Sich deswegen die Kleider vom Leib zu reißen, bringt nicht viel, angesichts der aktuellen Lage. Trotzdem, die Situation könnte noch viel schlimmer sein, als es zunächst danach aussieht. Häufig sind es Krisen und gefährliche Momente, die zu nachhaltigen Lösungen führen. Eine der Lektionen, die wir aufgrund dieser Situation lernen müssen, ist die: Wenn man nur auf eine einzige Finanzierungsquelle setzt, dann ist die Presse zum Untergang verurteilt, wenn besagter Mäzen oder Geldgeber den Geldhahn zudreht. 

Die Notwendigkeit, die Einnahmen zu streuen, sollte für jede journalistische Redaktion vorrangig sein. Werbung, Mitgliedschaften, gesponserte Texte, Vereinbarungen mit Universitäten, Stiftungen und internationale Organisationen könnten dazu beitragen, die Abhängigkeit von Budgetposten zu verringern, bei denen Geldmittel von Entscheidungen, von Sympathie oder Antipathie der jeweils  Regierenden abhängen. Wenn wir die Möglichkeit nicht wahrnehmen, Ressourcen aus dem Sektor  Wirtschaft einzubeziehen, dann setzen wir unsere Informanten dem Risiko aus, dass eine Etat-Kürzung im Büro eines Regierenden unsere journalistische Arbeit mit Stumpf und Stiel ausrottet. Hauptsächlich auf eine einzige Einnahmequelle zu setzen, ist unverantwortlich und fahrlässig.

Die Blockade der Aktivitäten der USAID hat in Lateinamerika die Arbeit von vielen tausend Reportern, Verlegern und anderen audiovisuellen Fachleuten in Frage gestellt.

Jetzt, wo viele Reporter kein Geld mehr bekommen, um ihre Rechnungen zu bezahlen oder um ihre Familien zu unterstützen, muss man sich fragen, warum ein Teil der lateinamerikanischen Presse dabei  gescheitert ist, ein breiteres und solideres System der Presse- Finanzierung zu etablieren. Abgesehen von der Kritik an der aktuellen  US-Administration und der Verzweiflung über das Ende eines bestimmten Budgets, müssen wir einsehen, dass wir unsere Journalisten und unsere Leserschaft im Stich gelassen haben, indem wir uns von einer einzigen Geldquelle abhängig machten.  

Aber Druck zwingt uns dazu zu wachsen, und das wird keine Ausnahme bleiben. Die Presse wird aus dem augenblicklichen Tief gestärkt und geläutert herauskommen. Wahrscheinlich werden wir einige Träume aufgeben und manche Projekte hintanstellen müssen; die Belegschaften werden sich verkleinern; die Aktualisierungen von vielen Webseiten werden länger dauern; aber die heute angeschlagenen Pressemedien werden sich erholen und man wird eine harte Lektion gelernt haben: Die Presse kann nicht überleben, wenn sie der Geschäftsleitung den Rücken kehrt. Gewinn zu erwirtschaften, um bestimmte Sparten unserer Arbeit zu unterstützen, sollte die in Stein gemeißelte Prämisse  jeder Redaktion sein. Dazu gehört auch, die  journalistischen Quellen zu prüfen; stets auf Wahrheitsgehalt und auf  Genauigkeit zu achten, als Maxime unserer Arbeit; und wir sollten ständig auf der Suche nach Professionalität sein, im informativen Dienst an der Gesellschaft.       

Das bedeutet nicht, dass wir zu Bankern oder zu Maklern werden sollten; es handelt sich nur darum, dass wir verstehen müssen, dass das Geld in unseren Kassen genauso wichtig ist, wie die Qualität unserer Publikationen.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien ursprünglich bei der Deutschen Welle auf Spanisch.

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Als Havanna auf den Tournee-Plakaten der großen Musiker stand

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Joaquín Sabina gibt ein Konzert in Mexiko Anfang Februar 2025 / jsabinaoficial / Instagram

Miami, am vergangenen Samstag. Tausende seiner Anhänger  waren zu einem Konzert von Joaquín Sabina gekommen und sangen mit ihm seine bekanntesten Lieder. In der Florida-Stadt gab der spanische Komponist das Konzert im Rahmen seiner Abschiedstournee. Viele seiner kubanischen Fans waren im Publikum, die früher einmal seine Fans in Havanna waren. Heute sind sie Migranten in einem fremden Land, und es ist wenig wahrscheinlich, dass man dem Autor von Hola y adios (Hallo und auf Wiedersehen)  eine Einreise nach Kuba wieder gestatten würde.

Im Jahr 2022 hat der Mann aus Úbeda klar und deutlich Stellung bezogen:  „Ich war ein Freund der kubanischen Revolution und auch von Fidel Castro. Aber ich bin es nicht mehr, ich kann es nicht mehr sein“. Diese Worte brachten ihn und andere Künstler auf eine Liste, die vom Regime ständig aktualisiert wurde. Es handelte sich dabei um Personen, die es gewagt hatten, das politische Model, die Vorgehensweise führender Personen sowie die Kommunistische Partei zu kritisieren.  Die Beziehung ‘Künstler und Staat‘ gibt es schon  lange; sie hat sich aber mit den Jahren verändert. Sie betrifft nicht mehr nur kubanische Musiker im Exil, sondern auch Personen wie José Feliciano, Roberto Carlos, Julio Iglesias, Raphael, seit kurzem auch Fito Páez, und sogar die Beatles.

Die Zensur hat auch  Lieder vom Joan Manuel Serrat, Mercedes Sosa und Miguel Rios heimgesucht. Manchmal kam diese Schere zum Einsatz wegen der öffentlichen Haltung der Interpreten, manchmal auch wegen des Texts ihrer Lieder, der den sturen kubanischen  Kommandanten und Generälen nicht gefiel. Dennoch und trotz der vielen Kontrollen und Verdächtigungen,… in Havanna, Varadero oder in Santiago de Cuba aufzutreten, hatte für viele internationale Musiker einen besonderen Reiz;  von solchen Konzerten ausgeschlossen zu werden, betrachtete man als Strafe.  

Trotzdem, Zeit ist vergangen und alles hat sich geändert. Heute hat die Mehrzahl der angesagten Künstler hat kaum noch Interesse daran, in unserem Land aufzutreten. Shakira, die kolumbianische Sängerin ist gerade mit ‘Las mujeres ya no lloran‘ (Frauen weinen nicht mehr) auf Welttournee, aber die kubanische Hauptstadt bleibt dabei außen vor. Bad Bunny hat noch kein Zeichen gegeben, dass er über kurz oder lang das ‘Karl Marx‘ Theater oder das ‘Theater der Sportstadt‘ zum Rocken bringen wird. Auch die Stimme von Rosalia, Ed Sheeran, Lady Gaga oder Taylor Swift wird man nicht live hören können, in keinem der Musiksäle der Insel.

Gründe für ihr Fernbleiben sind nicht nur politische Erwägungen von Seiten des Regimes.  Es gibt auch eine wirtschaftliche Seite. Kuba kann mit dem vielfältigen Angebot von Musikstätten mit Weltrang nicht mehr konkurrieren. Die Insel ist nicht mehr attraktiv. Mit welcher Währung würde man Tickets verkaufen, so, dass der Künstler Einnahmen für seine Show generieren könnte?  Die Insel ist auch nicht mehr attraktiv, um am Beginn einer Karriere bekannt zu werden oder sich einen Namen zu machen; es ist eher das Gegenteil der Fall. Ein Auftritt im ‘Nationaltheater‘ oder im ‘Martí‘ könnte heute als eine Art von Blindheit gegenüber den Auswüchsen einer Diktatur angesehen werden, oder als plumpe Komplizenschaft mit einer Regierung mit mehr als tausend politischen Gefangenen.   

Deswegen und aus vielen anderen Gründen hat Joaquín Sabina am vergangenen Samstag in Miami gesungen und nicht in Havanna: nicht nur deshalb, weil sie ihn vielleicht nicht hätten einreisen lassen, sondern weil der größte Teil seines Publikums schon dort ist, im Ausland.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert.

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Das kubanische Regime tut sich schwer mit dem neuen Wind, der aus Washington bläst

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Marco Rubio, der Sohn kubanischer Einwanderer und neuer Außenminister der Vereinigten Staaten, ist eine bittere Pille für Havanna. / EFE

Kaum sechs Tage war Kuba von einer Liste gestrichen, die die Vereinigten Staaten für Länder erstellten, die den Terrorismus unterstützen. Am Montag, nach der Amtsübernahme von Donald Trump, ist die Insel auf die Liste zurückgekehrt, was ernste diplomatische und finanzielle Einschränkungen mit sich bringt. Havanna hatte kaum Zeit, um auf das Hin und Her zu reagieren; jetzt, nach weniger als einer Woche, sind die offiziellen Sprecher von ihrem anfänglichen Siegesgeschrei dazu übergingen Washington erneut zu verdammen.  

Jedes Mal wenn ein neuer Präsident ins Oval Office einzieht, werden Wetten über seine Rolle abgeschlossen, die er beim Fall des Castroismus spielen wird. Was Trump anbelangt, so gibt es reichlich Übereinstimmung darin, dass seine  vierjährige Amtszeit sehr unangenehm für  Miguel Díaz-Canel werden wird. Inmitten der größten wirtschaftlichen Krise in diesem Jahrhundert, ist seine Diktatur in einem extrem fragilen Zustand. Marco Rubio, ein Sohn kubanischer Auswanderer und Außenminister der Vereinigten Staaten, ist eine bittere Pille für den Platz der Revolution.

Für das kubanische  Regime, das die Insel seit 66 Jahren kontrolliert, wird Rubio bei internationalen Treffen ein unangenehmer Widersacher sein. Allerdings verfügt Havanna auf solchen Bühnen über eine langjährige Erfahrung in Manipulation, auch im Kauf von Gefolgschaft, sowie im  Schweigen im Austausch gegen diplomatische Gefälligkeiten, um sich als  David gegen den übermächtigen Goliath im Norden zu präsentieren. Die Abneigung des neuen Chefs im US-Außenministerium gegen Nicolás Maduro wird sich auch auf die Insel  auswirken, die nicht nur von venezolanischem Erdöl abhängt, sondern auch von der politischen Unterstützung, die der Miraflores-Palast dem kubanischen Regime gewährt.  

In einer Region, in der  Einheitsversuche mehr von der jeweiligen Ideologie gekennzeichnet sind, als vom Bemühen um das Wohlergehen der Bürger, könnte eine US-Administration, die sich mehr um Lateinamerika kümmert, die hiesigen Allianzen und Loyalitäten beträchtlich aus dem Gleichgewicht bringen. Der seit Jahren voranschreitende Prozess, bei dem Havanna in unserer Hemisphäre an Einfluss verliert, könnte sich ab diesem Januar beschleunigen. Es verwundert also nicht,  dass einige aktuelle Verbündete des kubanischen Regimes es vorziehen, möglichst bald auf ein Foto mit Trump zu kommen, als weiterhin einem gescheiterten System den Hof zu machen, und in Bankrott  mit den Absichten des neunzigjährigen Raúl Castro verbunden zu bleiben.

Die Eile, mit der Trump Joe Bidens Entscheidung widerrufen hat, Kuba von besagter Liste zu streichen, scheint darauf hinzudeuten, dass in den nächsten Wochen noch weitere Strafmaßnahmen auf uns herunterregen werden. Hier, auf der Insel, reden die einfachen Leute darüber, wie man sich gegen den Druck wehren kann, der auf uns zukommen wird.  Die älteren unter uns erinnern sich, dass eine in die Enge getriebene Diktatur die Reihen schließt und dann noch gefährlicher wird. Allerdings, unter denen, die noch keine grauen Haare haben, überwiegt die Illusion, dass der Verschleiß des kubanischen Modells soweit fortgeschritten ist, dass ein kleiner Stoß genügen sollte, um es  wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.

Niemand weiß, was passieren wird, aber die Karten auf dem Tisch wurden neu gemischt. Anders gesagt, im politischen Wettstreit hat die eine Seite einen Satz neuer Karten erhalten, während der anderen Seite die alten, abgenutzten Karten geblieben sind: Repression, Willkür und diplomatisches Gezeter.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Gefängnis in Kuba verlassen, bedeutet nicht in Freiheit zu sein

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Daniel Cruz García zusammen mit seiner Mutter, an diesem Mittwoch, nach seiner Entlassung aus einem Gefängnis in Havanna./ EFE / Ernesto Mastrascusa

In den letzten Stunden konnten mehr als 30 politische Gefangene das Gefängnis verlassen. Ihre Zahl ist nur ein kleiner Teil der 503 Personen, die freikommen sollen, nachdem zwischen dem Regime in Havanna und dem Vatikan ein Abkommen zustande kam,  das die Vereinigten Staaten dazu bewog, Kuba von der Liste der ‘Terror unterstützenden Länder‘ zu streichen. Außerhalb der Gefängnismauern wurden die Gefangenen von ihren Familien erwartet; es erwartet sie aber auch ein Land, in dem anderer Meinung zu sein eine Straftat ist.

Unter denen, die den Kerker verlassen konnten, gibt es international anerkannte  Oppositionelle wie José Daniel Ferrer, den Führer der Patriotischen Union Kubas;  auch Bürger wie Luis Robles, der “Mann mit dem Transparent“, der friedlich auf der Straße protestierte; sowie sehr arme Leute aus ‘La Güinera‘, einem Stadtteil von Havanna, die am 11.Juli 2021 (11J) protestierten, den politischen Wechsel forderten und  ‘Freiheit‘ skandierten. Hoffen wir, dass in den nächsten Tagen noch mehr Riegel zurückgeschoben werden und sich noch weitere Gefängnistüren öffnen.

Allerdings hält sich die Freude in Grenzen.  Organisationen, die  seit Jahren an einer Datenbank zu politischen Gefangenen arbeiten, weisen darauf hin, dass es mehr als 1000 Personen sind, die auf der Insel wegen bestimmter “Delikte“ verurteilt wurden. Zu dieser alarmierenden Zahl muss man hinzufügen, dass die aktuellen  Freisetzungen keine völlige Freiheit bedeuten, sondern nur eine teilweise, verbunden  mit gravierenden Einschränkungen der Rechte. Wenn sich einer der nun Begünstigten  auch nur eine “Disziplinlosigkeit“ zu Schulden kommen lässt, riskiert er wieder ins Gefängnis zu kommen. Über ihm hängt das Damoklesschwert der Rückkehr hinter Schloss und Riegel, mit mageren Essensrationen und Misshandlungen durch die Aufseher. 

 Das Leben dieser Gefangenen wird auch dadurch schwieriger, dass die Nation  in den letzten Jahren verschärfte  Kontrollen und eine zunehmende offizielle Intoleranz erlebt hat. Als Folgeerscheinung einer wirtschaftlichen Krise, die nicht enden will, eines massiven Exodus, der weiter anhält, und einer Führungsriege, die sich an den Fortbestand ihrer Ideologie klammert,  ist Gehen auf kubanischen Straßen nicht weit davon entfernt, einige Tage im Gefängnis zu verbringen. „Sie haben das kleine Gefängnis verlassen, um in ein größeres zu kommen“, sagte an diesem Donnerstag eine ältere Frau, die in einer endlosen Warteschlange stand, um Lebensmittel zu kaufen. Die übrigen Wartenden stimmten schweigend zu.    

Für die weniger Bekannten und  international somit kaum Geschützten, wird alles schwieriger. Das betrifft z.B. Yaquelín Cruz García, die Mutter von Dariel Cruz García, die mir an diesem Donnerstag erzählte, wie sie die ersten 24 Stunden nach der Freilassung ihres Sohns verbracht hat, der wegen seiner Teilnahme an  11J verurteilt wurde. Die Mutter versicherte mir, wie glücklich sie ist, dass  ihr ‘Bolo‘ endlich wieder bei ihr ist -̶  auch seine Freunde nennen ihn so  ̶  aber sie fürchtet auch, dass „irgendetwas passiert und sie ihn dann wieder ins Gefängnis stecken“.   

Die Mutter spürt, dass ihre innere Unruhe anhält. „Er ist auf Bewährung frei gekommen und er muss sich an die Regeln halten“, sagt sie. „Wenn sie meinem Sohn uneingeschränkte Freiheit gewährt hätten und er das Land verlassen könnte, dann würde ich alles tun, damit er sobald wie möglich aus Kuba heraus kommt, auch wenn es dann Haiti wäre“.  Ihre Angst ist nicht übertrieben, denn alle Freigelassenen tragen eine unsichtbare Fußfessel.

         Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch publiziert.

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Eine Schärpe auf der Brust macht Nicolás Maduro nicht zu einem Präsidenten

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Pomp reicht nicht aus, um jemanden zum legitim Regierenden zu machen / EFE

Überblickt man die jüngere Geschichte Lateinamerikas, so hat Nicolás Maduro  an diesem Freitag einen der übelsten Fälle von Beschlagnahme des  Präsidentenamts in Szene gesetzt.  Die Schärpe um seine Brust, die Vereidigung durch den Präsidenten der Nationalversammlung und die wenigen Staatsoberhäupter, die an der Zeremonie der Amtseinführung teilnahmen, gehörten zu einem ausgeklügelten Drehbuch, das der Miraflores-Palast für diesen Anlass entworfen hatte. Aber der Pomp der Veranstaltung reicht nicht aus, um jemanden zum  legitim Regierenden einer Nation zu machen. Stattdessen sind es Wählerstimmen, die man auf legalem Weg gewinnt,  aber mit solchen rechnete der Bewohner des Miraflores-Palast nicht. Sein neues Mandat ist illegitim, genauso wie die Amtseinführung, die am 10 Januar stattfand.

Was  als Lüge zur Welt kommt,  kann nie Wahrheit werden, das sollte man unterstreichen. An einem 10.Januar, wenn auch im Jahr 2013, war die venezolanische Propaganda darauf bedacht, der nationalen und internationalen  öffentlichen Meinung glaubhaft zu machen,  dass Hugo Chávez sich in Havanna von einer Krebserkrankung erholen würde und bald nach Venezuela zurückkäme, um das Präsidentenamt anzutreten. Man sprach davon, dass er in einer „stationären“ Phase seiner Rekonvaleszenz wäre, nachdem er einen postoperativen  Atemstillstand erlitten hätte, der seine Genesung erschweren würde. Dennoch, die Zeugenaussagen und Hinweise, die im Nachhinein auftauchten, deuten darauf hin, dass Chávez an besagtem 10.Januar schon gestorben war,  oder dass sein gesundheitlicher Zustand es ihm unmöglich gemacht hätte, als Präsident vereidigt zu werden. Die dann folgende Pantomime, mit der er angeblich lebend zurück nach Caracas gebracht  wurde, sowie sein offizieller Tod im März 2013 sind Dinge, die immer unglaubwürdiger werden.

Ich erinnere mich daran, dass  das kubanische Regime in jenen Tagen eine fanatische Medienkampagne startete, um die These zu unterstützen, dass Chávez, im Vollbesitz seiner Kräfte, bereit wäre das Land zu führen.  Für uns, die wir  die verbalen Fallen des Regimes  gut kennen, roch es dabei überall  nach Verschleierung. Die Rolle von Maduro, als Führer der venezolanischen Nation,  tauchte genau mit dieser Posse auf;  ist also die direkte Folge eines riesigen Schwindels, dem auf den Grund zu gehen die großen internationalen Medien lange Zeit zu faul waren; die meisten dieser Medien haben die frisierte Geschichte als wahr akzeptiert. 

Als Frucht dieses Betrugs kam ein Mann ins höchste Staatsamt, der  das Land in eine wirtschaftliche Krise versenkte, der Millionen seiner Bürger ins Exil trieb und der zuließ, dass sich im ganzen Land  Korruption und Vetternwirtschaft ausbreiteten, dabei ist Venezuela das Land mit den größten Vorräten an Erdöl, weltweit. Im Januar hat sich ein lächelnder Maduro  mit einer gelben, blauen und roten Schärpe um die Brust fotografieren lassen, er genießt Straflosigkeit, eine Folge der  Geschichtsverfälschung zu Beginn. Als geschickter Schwindler glaubt er, dass auch dieser Betrug gut ausgehen wird, und er noch für wesentlich längere Zeit an der Macht bleiben kann.

Um ihm zu helfen die Lüge zu komplettieren, durfte Miguel Díaz-Canel nicht fehlen, denn genau genommen  gehörten Fidel und Raúl Castro zu denen, die die Geschichtsverfälschung verbreiteten und Maduro auf den Präsidentenstuhl brachten. Díaz-Canel ist von der Insel abgereist, und tat dies inmitten einer extrem schwierigen Situation, bei der jeder  andere Präsident darauf verzichtet hätte, sein Land zu verlassen.  In der Provinz Holguín bleiben 13 Angehörige des Militärs verschollen, unter ihnen sind neun junge Rekruten, die ihren Militärdienst ableisten, nachdem am  vergangenen Dienstag mehrere Explosionen das dortige Waffen-und Munitionslager erschütterten. Die aktuelle Situation hätte die ständige Anwesenheit des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei erfordert, aber die Verabredung in Caracas war wohl nicht zu umgehen.

Díaz-Canel durfte bei der Inszenierung dieser Krönung nicht fehlen, denn er ist Teil des Theaters.  Havanna stützte eine Fiktion, die Maduro schon einmal die Präsidentschaft brachte und wird auch  weiterhin alles was in seiner Macht steht tun, um Maduro in diesem Amt zu halten. Hier geht es dem Castroismus nicht nur um Lieferungen von Erdöl, die man benötigt, sondern vermutlich auch um die eigene Existenz.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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Sie wollen nicht, dass die Tragödie die Feiern zum 66. Jahrestag der Revolution beeinträchtigt .

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In jedem Januar wiederholt sich in Kuba die gleiche ermüdende Abfolge von Gedenkfeiern, ‚Freiheitskarawanen‘ und offiziellen Beschwörungen / 14ymedio

Eine Vorbemerkung des Übersetzers:

„La Caravana de la Libertad“, die ‚Freiheitskarawane‘, war der Siegeszug der Rebellenarmee von Fidel Castro, die am 2.Januar 1959 in Santiago de Cuba aufbrach und am 8.Januar 1959, nach mehr als 1000 Kilometern, bis nach Havanna kam. Da der diktatorisch regierende Fulgencio Batista am Jahreswechsel Kuba fluchtartig verlassen hatte, war Castro de facto de neue Regierungschef.

Diktaturen lieben Rituale und symbolträchtige Aktionen, also kümmern sie sich bei anstehenden Feierlichkeiten, öffentlichen Veranstaltungen und deren mediale Berichterstattung rechtzeitig um ein rigoroses Drehbuch, zumal wenn es sich um Jubiläen oder wichtige Gründungsereignisse handelt. Nichts kann sie von einem solchen Vorhaben abbringen, das dazu dient, ihre Macht zu verherrlichen und sie als ewigwährend zu präsentieren. Jedes Jahr im Januar wiederholt sich in Kuba dieselbe ermüdende Abfolge von Gedenkfeiern, ‚Freiheitskarawanen‘ und offiziellen Beschwörungen, die die Erinnerung an den Januar 1959 neu beleben sollen, als Fidel Castro auf der Insel an die Macht kam. Aber zu Beginn des Jahres 2025 hat sich eine Tragödie diesem ganzen Drum und Dran in den Weg gestellt.

Am Dienstag haben wir Kubaner einen Tag lang auf Nachrichten gewartet, die uns nur tröpfchenweise vom Waffen-und Munitionslager in Holguín erreichten. Im dortigen militärischen Sperrgebiet gab es eine Reihe von Explosionen, die die Anwohnen in Angst und Schrecken versetzen, und die das zuständige Ministerium für die Streitkräfte zwangen, eine Note zu veröffentlichen, die sich aber darauf beschränkte, nur kurz über die Explosionen zu informieren. Im Laufe des Tages, als es Zeugenberichte gab und als Bilder von Anwohnern in den sozialen Medien auftauchten, wuchs die Befürchtung, dass der Vorfall weitaus schwerwiegenden war, als die Behörden zugaben, und dass die Lage vor Ort noch nicht unter Kontrolle wäre.

Wenig später mussten die Anwohner damit klar kommen, dass in der Militärbasis 13 Personen unauffindbar waren; die offizielle Presse blieb jedoch weiterhin dabei, den Veranstaltungen zur Erinnerung an den Januar 1959 Priorität einzuräumen. Nichts sollte das unterbrechen, was man für diesen Tag geplant hatte: einen lächelnden Miguel Díaz-Canel in La Plata, umgeben von jungen Kommunisten; ein Echo der Zeremonie zum Jahrestag der Nationalen Revolutionspolizei; und die Route der peinlichen ‚Karawane‘, die durch die Provinzen fährt und dem Weg folgt, den die Bärtigen in olivgrün vor 66 Jahren nahmen.

In diesem Konzept von Selbstzufriedenheit gab es für das Drama in Holguín keinen Platz. Die möglichen Opfer der Explosionen passten nicht zu einer Operette, aufgeführt, um sich zu brüsten, dass man ein Land und seine Millionen Bewohner seit mehr als sechs Jahrzehnten kontrolliert, dass man die Wirtschaft einer Nation völlig zerstört hat und hunderttausende seiner Bewohner ins Exil zwang. Nichts sollte die Festivitäten trüben. Deshalb wurde eine aktuelle Informationen über das Unglück und über die Zahl der vermissten Offiziere und Soldaten ans Ende der wichtigsten Nachrichtensendung verbannt, und Díaz-Canel brauchte fast 24 Stunden, um das Ereignis in den sozialen Medien zu erwähnen.

Aber eine Tragödie wählt sich keine bestimmte Zeit und keinen bestimmten Ort, obwohl es so aussieht, als ob sich Tragödien in Kuba verabredet hätten. Ähnliche Ereignisse sind unvermeidlich. Der Schmerz jener Tage, als die Supertanker im Hafen von Matanzas brannten, wird sich wiederholen; ebenso die kollektive Trauer nach der Explosion des Hotels in Saratoga, und auch die schrecklichen Bilder vom Absturz eines Flugzeugs in der Nähe des Flughafens von Havanna, der 112 Menschen das Leben kostete. Jetzt kommt erneut Leid in kubanische Häuser, wenngleich die Geheimniskrämerei versucht, das Unglück klein zu reden und es auf einen bloßen Vorfall zu reduzieren, der weder die Titelseiten der Zeitungen noch die ersten Minuten in den Nachrichtensendungen verdienen würde.

Diktaturen ertragen es nicht, dass Trostlosigkeit ihr Fest ruiniert, und dass fremdes Leid sie nötigt, auf lange geplante Festivitäten zu verzichten.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Wenn du siehst, wie ein Diktator fällt, dann stelle deine eigene Tyrannei in Frage

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Für einen Neunzigjährigen wie Raul Castro muss es besonders schwierig sein, mit dem Geschehenen fertig zu werden. / Prensa Latina

Die wichtigste Nachricht am Ende dieses Jahres ist zweifelsohne die, dass der syrische Diktator Baschar al-Assad nach Moskau geflohen ist. Der Zusammenbruch seines Regimes, der für die politische Zukunft von Damaskus ebenso viele Möglichkeiten eröffnet wie er Ängste auslöst, erinnert uns auch an Lektionen über Tyrannen, die zwar bekannt sind, deren Inhalt aber nicht wiederholt geschweige denn berücksichtigt werden sollte. Der grausame syrische Machthaber verschwand wie ein Papiertiger, zusammen mit seiner Familie; er ließ seine Funktionäre in Stich, genauso wie seine Armee. Seitdem wird in unserem Teil der Welt mehr als nur ein autoritärer Herrscher Alpträume haben.

Der Mann, vom dem man annehmen darf, dass er bis vor wenigen Wochen die Macht noch fest in Händen hielt, der einen langen Bürgerkrieg überstanden hatte und allmählich wieder in internationale Organisationen wie die Arabische Liga integriert wurde, derselbe Mann verschwand in kaum ein paar Tagen aus seinen Palästen, bestieg mit seiner Familie ein Flugzeug und landete Moskau. Seine Soldaten zogen in aller Eile die Uniformen aus und warfen sie auf die Straße; die Wärter in dem fürchterlichen Sednaja-Gefängnis flohen, und die politisch führende Baath-Partei stellte „bis auf weiteres“ ihre Aktivitäten ein. Der gesamte Kontroll-und Zwangsapparat des Regimes brach zusammen, wenngleich die Bevölkerung mit der Unterstützung Russlands rechnete und Angst davor hatte.

Wir sahen wie das syrische Volk in Assads reich ausgestattete Wohnräume eindrang, und wie sich die Gefängniszellen voller Gegner des Regimes öffneten; auf dieser Seite des Atlantiks werden diese Bilder mehr als nur eine Person um den Schlaf gebracht haben. Seit einiger Zeit haben sich die nicht vorzeigbaren Regime von Nicaragua, Venezuela und Kuba abgemüht, ihre Nähe mit dem Kreml zu zeigen. Man sieht sie auf Fotos, gemeinsam mit Funktionären, Ministern und Militärs in Putins Diensten, die die Botschaft verbreiten sollen, dass hinter den Regimen der russische Bär steht. Gleichermaßen benützen sie die Nähe und die politische Übereinstimmung mit Moskau, um ihre Unverwundbarkeit und Stärke zu zeigen.

Trotzdem, zusammen mit Assad ist Russland der große Verlierer in Syrien, weil Putin, festgefahren durch die Invasion in der Ukraine, seinem Kumpan in Damaskus nicht zu Hilfe eilen konnte. Weder die Marinebasis in Tartus noch die Piloten in den Flugzeugen, die Putin schickte, konnten den Sturz einer Dynastie verhindern, die seit mehr als einem halben Jahrhundert dem syrischen Volk die Freiheit geraubt hat. Auch die diplomatische Komplizenschaft, die Moskau und Damaskus bei internationalen Tagungen zur Schau stellten, schützte Assad nicht mehr. Binnen weniger Tagen verwandelte sich alles in leere Worte, Gesten und Vergangenheit.

Für einen neunzigjährigen wie Raul Castro, der zunächst mit Hafez al-Assad und später mit seinem Sohn Baschar in Zusammenarbeit und Komplizenschaft verbunden war, muss es besonders schwierig sein, das Geschehene zu verarbeiten. Die Welt, die er kannte, existiert nicht mehr: das sozialistische Lager brach in sich zusammen, die Berliner Mauer fiel, die politischen Alliierten haben im Laufe der Zeit die Macht verloren, oder sie starben einer nach dem anderen in Vergessenheit, und mehr als einer seiner ihm nahen „Caudillos“ wurde von der eigenen Bevölkerung hinweggefegt. Vor allem aber, von Moskau geht auch nicht mehr die Angst von ehemals aus; es ist nicht mehr in der Lage seinen Parteigängern den Rücken frei zu halten. Putins autoritären Mitläufern bleibt jetzt nur noch, in Russland Zuflucht zu suchen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Texte wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert.

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Nicht daran gewöhnt, aber domestiziert

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Manche glauben, dass es einen kühl kalkulierten Plan gibt, wie man die Bevölkerung im Zaum hält, indem man sie in Warteschlangen zu beschäftigt / 14ymedio

Unter kubanischen Oppositionellen gibt es die gängige Überzeugung, die der Diktatur eine perverse Absicht unterstellt, was den Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, die Mängel der öffentlichen Verkehrsmittel und natürlich auch die Stromausfälle betrifft.

So gesehen, folgt man dieser Analyse der aktuellen Situation mitten im dritten nationalen Blackout, dann sind alle unsere Entbehrungen nicht auf die Unfähigkeit von Personen zurückzuführen, die im Auftrag der Regierung handeln, sondern beruhen auf einem kühl kalkulierten Plan, der die Bevölkerung in Schach halten soll, indem man diese in Warteschlangen festhält, sie mit Überlebensstrategien beschäftigt und sie so daran hindert, sich in die Politik einzumischen.

Bei einem Erwachsenen verändert sich etwas, wenn er die Verantwortung für seine Familie übernimmt (zumal, wenn es nur ihn betrifft), und er seinen Lebensrhythmus ändern muss. Dann kontrolliert das Unterbewusstsein die tagtägliche Routine, um den elementaren Bedürfnissen des Alltags nachkommen zu können als da sind: für Nahrungsmittel zu sorgen, diese sicher aufzubewahren und sie rechtzeitig zu verarbeiten. Hinzu kommen Arbeiten wie die Wartung und die Reinigung des Hauses.

Es würde reichen, den riesigen Aufwand zu erwähnen, um den Schülern ein Pausenbrot zu garantieren, die Windeln von Babys zu waschen, oder um hygienische Bedingungen für einen alten und bettlägerigen Menschen aufrechtzuhalten.

Für alle diese Tätigkeiten müssen wir Kubaner viele wesentliche Dinge in Betracht ziehen, wie zum Beispiel die täglichen Mitteilungen der Union Eléctrica, die über die Kapazität und die Ausfälle bei der Stromerzeugung informieren und auch über die Stadtviertel, die von einer Stromsperre betroffen sind und zu welcher Zeit. Man muss in diesem Zusammenhang wissen, in welche Gemeinde die Zuteilung von Eiern, Reis, Zucker oder Waschmitteln erfolgt und ob etwas dort angekommen ist.

Um zu überleben, muss man sich an solche Dinge gewöhnen, und die Gewöhnung bedeutet eine Domestizierung. Man muss früh aufstehen, muss auf Besuche bei Freunden verzichten und schon länger getragene Kleidung erneut anziehen, um so Zeit, Waschmittel, Wasser und elektrische Energie zu sparen. Und man muss sich einer ständigen Selbsttherapie unterziehen, um die Wut zu unterdrücken, die die Entbehrungen in der Summe hervorrufen. Es ist jene Wut, die uns ins Gefängnis bringen oder einen Herzinfarkt auslösen kann.

So oder so, obwohl ich die Hypothese von der ‚perversen Absicht‘ nicht teile, muss ich doch zugeben, dass ‚jenen‘ unser schwieriger Alltag gelegen kommt, weil er uns mit ‚Überleben‘ beschäftigt und uns davon abhält, nach endgültigen Lösungen zu suchen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Mehr als eine Mauer, vor 35 Jahren fielen in Berlin die Masken

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Berlin, 9.November 1989; die Berliner schlagen mit Hammer und Meißel auf die Mauer / CC

In jedem November zieht man Bilanz, es kommen Erinnerungen zurück und es werden wieder Bilder veröffentlicht, auf denen die Berliner auf eine Mauer schlagen, die die Stadt und die Welt in zwei verfeindete Blöcke geteilt hat. An jedem Jahrestag lässt man die Minuten vor dem Ertönen der Hämmer und Meißel Revue passieren; man befragt Zeitzeugen, und die Medien interviewen die Protagonisten jener Tage. Man feiert − physisch und symbolisch − das Ende eines Bauwerks, und auch den Moment als die Masken fielen.

Auf den Fotos sehen wir Personen, die mit Hämmern auf den Beton der Mauer einschlagen. Wie viele von ihnen gingen in den Tagen vor dem 9.November 1989 ihrer Arbeit nach und stimmten den ideologischen Forderungen ihrer Vorgesetzten zu. Wie viele gingen gehorsam zu einer Versammlung ihrer Partei, verrieten einen Nachbarn an die gefürchtete Stasi, oder beteiligten sich an einer politischen Veranstaltung, bei der sie Lieder vom Sieg anstimmten und Losungen schrien, die dem Kommunismus ewige Überlegenheit prophezeiten. Wie viele heuchelten dem System Gehorsam, bis zum letzten Augenblick, weil sie Angst von Strafen hatten oder begierig auf eine Pfründe waren.

Will man die Mechanismen verstehen, die in autoritären Systemen aus einem politischen Trugbild eine Form von sozialem Überleben machen, dann ist es wichtig, die Lebensdauer solcher Systeme abzuschätzen und es zu wagen, ein Datum für ihren Absturz zu benennen. Solange es sicherer und einträglicher ist, dem System Zustimmung zu heucheln statt als zu opponieren, wird eine Diktatur vielen tausend oder sogar Millionen Menschen zeigen können, dass sie im offensichtlich besten aller möglichen Systeme leben. Denn die Titelseiten der Magazine und Tageszeitungen werden voll von lächelnden Arbeitern sein; Soldaten werden bereit sein, „ihrem geliebten Führer“ bis zum letzten Tropfen Blut zu folgen, und ausländische Delegationen werden kommen und den Errungenschaften des Landes Beifall spenden. So weit, bis zu einem bestimmten Tag.

Ein alter Witz über die Sowjetunion vergleicht das kommunistische System mit einem Zug vor einem Prellbock, ohne Schienen voraus, aber mit Fahrgästen, die sich schütteln und umher springen und erstaunte Gesichter beim Anblick einer Landschaft machen, die vermutlich an ihnen vorbeizieht, obwohl sich die Waggons keinen Zentimeter bewegen. Unter der Kommunistischen Partei der UdSSR war die Täuschung wichtiger als die Realität, und sich eine Maske aufzusetzen bedeutete weiterzuleben oder auf Straßen zu gehen, statt in eine finsteren Gefängniszelle eingesperrt zu werden. Einvernehmen vorzuspielen half zudem, das eine oder andere Privileg zu erhalten.

So gesehen fiel an jenem November in Deutschland nicht nur die Mauer, denn von nun an es gab auch keinen Grund mehr, politische Ansichten nur leise zu äußern, bei Kritik an Parteiführern zu heucheln, oder ohne Überzeugung Loblieder auf den Kommunismus zu singen. Worauf die Berliner einschlugen, war nicht nur ein Bollwerk, das sie von ihren Landsleuten auf der anderen Seite trennte, es war viel mehr. Denn heute können sie vor Mikrofonen und Kameras applaudieren oder sich beklagen, wie sich die Dinge seit jenen euphorischen Tagen entwickelt haben. Den Menschen steht es jetzt frei auf die Errungenschaften und die Enttäuschungen hinzuweisen, oder auf den Gewinn und auf die Irrtümer im Verlauf dieser mehr als drei Jahrzehnte. Sie haben das Recht bekommen es zu tun; und infolge der Schläge mit Hammer und Meißel, müssen sie keine Masken mehr tragen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht, mit Zustimmung der Autorin.

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Ein Löffel, ein Paar Stiefel und ein kleines Radio, persönliche Dinge von politischen Gefangenen

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Archivbild des Oppositionellen Alexej Nawalny. / EFE / EPA / Yuri Kochetkov

Ein kubanischer politischer Gefangener, der im Jahr 2003 im Verlauf des Schwarzen Frühlings verurteilt wurde, erzählte mir, dass es ihm im Gefängnis gelungen war, ein winziges Radio zu haben, das er unter seinen Sachen versteckte und mit dem hören konnte, was außerhalb der Mauern der Strafanstalt geschah. Eines Tages, als die Wärter seine Zelle gründlich durchsuchten, wurde dieser kostbare Besitz entdeckt und konfisziert. Als Strafe für den Besitz des kleinen Geräts erhielt er eine Tracht Prügel und verbrachte mehrere Tage in Isolationshaft.

Dinge, die Gefangene horten, werden Teil ihres kleinen Universums, in das man sie eingesperrt hat. Wenn es sich außerdem um jemanden handelt, der wegen seiner politischen Ansichten verurteilt wurde, dann werden diese Dinge auch zu einer emotionalen Hilfe, und manchmal unterstützen sie seine Überzeugung als Aktivist. Nicht umsonst stehen Bücher, Korrespondenz und sonstiges Gedrucktes oder Geschriebenes ganz oben auf der Liste der Sachen, die die Gefängniswärter am häufigsten beschlagnahmen. Ein Band mit historischen Anekdoten, eine Erzählung über eine weit entfernte Gegend, oder ein Kompendium mit Gedanken von Politikern, …all das hilft den Insassen mit der Einsamkeit fertig zu werden und wenigstens mental der Härte der Haft zu entkommen.

Vor kurzem publizierten mehrere Pressemedien Fragmente aus dem Tagebuch von Alexej Nawalny, das der russische Oppositionelle im Gefängnis schrieb. Nawalny, der Dissident, der im vergangenen Februar starb, berichtet tagein tagaus von seinen Ängsten und seinen Hoffnungen hinter den grauen Mauern. Auf einer Seite notiert er, wie sich die Gefangenen auf die niedrigen Temperaturen in Sibirien vorbereiten. „Es ist ein paar Wochen her, dass sie uns die vorgeschriebenen gefütterten Jacken, die Fellmützen und ein Paar Winterstiefel gegeben haben“. Wenn man das nach seinem Tod liest, dann ist es erschütternd zu sehen, in welch wehrloser und gebrechlicher Situation Nawalny war. Jedes Wort, das er niederschrieb, zeigt die Schäbigkeit eines Gefängnisses, das schließlich zu seinem Grab wurde.

Vor einem halben Jahrhundert erschien der Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch, mit dem Alexander Solschenizyn, der russische Nobelpreisträger für Literatur, einem Gefangenen in einem sowjetischen Straf-und Arbeitslager ein schockierendes Denkmal setzt. Bei Solschenizyn spielen die Habseligkeiten von Häftlingen die Hauptrolle. Isoliert und beraubt von Kontakten mit ihren Familien und herausgerissen aus ihrem beruflichen Umfeld, klammern sich die Gefangenen an Dinge, die ihnen Wärme, Mut und Kraft geben um weiterzuleben. Wenn einer von ihnen stirbt, dann werden seine Sachen an einen Neuankömmling weitergegeben, die diesem Häftling im dunklen Kerker fortan Halt geben und Mut machen. Es sind mehr als nur Mäntel, Löffel oder Wolldecken, es handelt sich um emotionale Lebensretter.

Auch heute gibt es in den zahllosen Gefängnissen auf diesem Planeten menschliche Wesen, die sich an kleine persönliche Dinge klammern, weil die sie bei Verstand halten. Sei es im El Helicoide*) in Venezuela, in der Villa Marista**) in Kuba, oder in einer weit abgelegenen Strafanstalt am Polarkreis. Ein mit unsicherer Hand bearbeitetes Stück Holz, oder ein zusammengefaltetes und verstecktes Foto; für einen politischen Gefangenen sind sie die einzige Verbindung mit der Welt auf der anderen Seite der grauen Wände. Um es poetisch zu sagen, es sind „Dinge die sprechen“, und es sind Objekte, die ein Gefangener umsichtig und mit der Hoffnung auf Freiheit verwahrt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Die Villa Marista in Havanna ist ein gefürchtetes Gefängnis für politische Gefangene.

**) El Helicoide in Caracas ist die Zentrale des venezolanischen Geheimdienstes und eine der berüchtigtsten Haftanstalten Venezuelas.

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ARBEITE MIT UNS ZUSAMMEN:

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Kuba und die Hoffnungslosigkeit

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Die wenigen Personen auf den Straßen hatten den ausdruckslosen Blick von Menschen, die nichts mehr vom Leben erwarten. / 14ymedio

Hin und wieder treffe ich Kubaner in Madrid, die gerade die Insel verlassen haben oder auf der Durchreise in der Stadt sind. Das häufigste Wort bei unseren Gesprächen ist nicht Stromsperre, nicht Hunger und auch nicht Elend, sondern ein noch düsteres Wort: Hoffnungslosigkeit. Ein Freund, der vor kurzem in Cienfuegos war, zeigte mir die Bilder, die bei seinem Aufenthalt entstanden sind. Die Straßen der Stadt waren fast menschenleer, und die wenigen Personen, die vorbei gingen, hatten einen ausdruckslosen Blick, aber nicht den von Menschen, die auf ein Wunder warten, sondern den von Menschen, die nichts mehr vom Leben erwarten. 

Andererseits, auch die sozialen Netze zeigen kein sehr mutig stimmendes Panorama. Es stimmt, dass die ‚Avenidas‘ von Facebook belebter aussehen, als ihre echten in Havanna; aber in den sozialen Netzen treffen sich alle von uns, diejenigen, die weggegangen sind, und jene, die geblieben sind. Und Surfen im Internet ist kein Segeltörn; es ist Rudern in turbulentem Wasser, wo uns die Strömung von Meinung und Gegenmeinung von einer Seite auf die andere wirft, und auch gegen Felsen. Streit unter Oppositionellen gibt es häufiger als konkrete Aktionen gegen das Regime. Disqualifizierungen, Beleidigungen und „freundliches Feuer“ sind an der Tagesordnung, anstelle von Konsens und strategischem Vorgehen.

Nichts Neues unter der Sonne, würde König Salomon sagen. Lassen wir unsere Geschichte Revue passieren, dann gibt es darin mehr als einmal Hoffnungslosigkeit. Wir alle erinnern uns an Hatuey, den ersten Helden, einen Kaziken (Stammeshäuptling) auf Hispaniola, der uns vor den Ambitionen der spanischen Eroberer warnte und den ersten Aufstand gegen die Spanier anführte. In unseren Lehrbüchern finden sich viele Hinweise auf seine letzten Worte, die er sagte, als er auf dem Scheiterhaufen stand und die ‚Eintrittskarte ins Paradies‘ ablehnte und damit zu einem beispielhaften Vorbild für Standhaftigkeit wurde. Was aber in ihm in diesem Augenblick vorging, darüber ist uns nichts überliefert. Es handelte sich bei ihm nicht nur um ein menschliches Wesen, verurteilt, auf entsetzliche Art zu sterben, sondern auch um einen enttäuschten Anführer. Einer seiner Leute war es, der ihn hinterging, seinen Aufenthaltsort an die Spanier verriet und so seine Gefangennahme erleichterte. Wahrscheinlich hatte Hatuey  nicht das geringste Bedürfnis, seinen Leuten und den Spaniern im Himmel wieder zu begegnen.

Ein weiterer Held im Lendenschurz war Guamá, der den Konquistadoren ein Jahrzehnt lang Widerstand leistete, weswegen manche Kubaner von „unserem ersten Zehnjahreskrieg“ sprechen. Und dann, später, starb der große Häuptling nicht in Händen seiner Feinde, sondern durch die Hand eines Blutsverwandten. Man sagt, es wäre  eine Angelegenheit von Röcken gewesen, besser von Unterröcken. Guamá hatte die Frau seines Bruders entführt, und der war besessen von Kain’s Rache. Während Guamá in seiner Hängematte schlief, rammte ihm sein Bruder eine Axt in den Kopf. Danach war es für die Spanier vergleichsweise einfach, das Gebiet zu befrieden.

Wir alle kennen die Geschichte, mit der Céspedes zum ‚Vater des Vaterlandes‘ wurde. Der Mann aus Bayamo nahm den Tod seines Sohnes in Kauf, um seinen Kampf fortsetzen zu können. Die Erinnerung daran war vielleicht sein letzter Gedanke, als er in San Lorenzo starb. Seit dem Schrei nach Unabhängigkeit, dem „Schrei von Yana“, verfolgte ihn der Neid von anderen Anführern. Und fünf Jahre nach Beginn des Kampfs wird er vom ‚Repräsentantenhaus der Republik in Waffen‘, dessen Präsident er war, verraten und abgesetzt. Es genügte ihnen aber nicht, ihn des Amts zu entheben, sie mussten ihn auch demütigen. Sie zwangen ihn, einen Monat lang in der Nachhut der Truppe zu marschieren, und seinen Begleitschutz zogen sie ab. Sie fälschten systematisch seine Korrespondenz; sie verweigerten es ihm nach New York zu ziehen, um dort mit seiner  Frau und den Zwillingssöhnen leben; und sie ließen ihn schließlich an einem abgelegen Ort zurück. Vielleicht werden wir nie mit Sicherheit wissen, ob er von einem ehemaligen Genossen verraten wurde, oder ob die letzte von ihm abgefeuerte Kugel ihn selbst tötete. Was ich hier schreibe könnte politisch unkorrekt sein, aber was Céspedes anbelangt, so hat die abstrakte Illusion, die wir Vaterland nennen, einen Vatermord begangen.

Ganz zu schweigen von den letzten Tagen von Martí und seinem unnötigen Tod im Kampf. Unsere Geschichte, liest man sie ohne patriotische Hysterie, so ist sie voller Hoffnungslosigkeit. Aber die Absicht dieses Artikels ist nicht, dir die Illusion zu nehmen, lieber Leser, sondern dich wach zu rütteln.

Kürzlich sprach ich mit einer Diplomatin, deren Namen und Nationalität ich nicht nennen will; sie erzählte mir Beunruhigendes. In ihrer Vision von Kuba ist der Verschleiß des Landes so weit fortgeschritten, dass der Schaden womöglich irreparabel ist. Vielleicht werden wir nicht in der Lage sein, sollte die Diktatur dann zu Ende gegangen sein, den Körper und den Geist des Landes in angemessener Zeit wieder aufzubauen. Kurz gesagt, wenn das Regime noch weitere fünf Jahre überlebt, dann wird es uns einen dauerhaft gescheiterten Staat hinterlassen, in dem es unmögliche wäre Demokratie und Fortschritt zu erreichen, und von beiden träumen wir. Und dieses Verhängnis wird noch größer, wenn wir den internationalen Zusammenhang analysieren, weil die Welt von heute nicht in der Lage ist, uns die Hilfe zu leisten, die wir bräuchten, um den angerichteten Schaden zu reparieren.

Das heißt für uns den Gürtel enger zu schnallen, die Tränen zu trocknen und erneut zu hoffen. Wir werden diesen Kampf nicht unseren Kindern überlassen. Es betrifft uns…und es muss jetzt sein.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers: Der Autor des Textes erwähnt mehrfach Kenntnisse, über die alle Kubaner verfügen; deswegen fügt sein Übersetzer kurze Hinweise zu Hatuey, Guamá, Céspedes und Martí hinzu / Wikipedia.

Guamá war ein Kazike der Taíno, der Urbevölkerung Kubas. Zwischen 1522 und 1532 führte er einen Aufstand gegen die spanischen Konquistadoren an. Guamá starb 1533, als die spanische Herrschaft auf dem Höhepunkt der Macht war.

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Wie viel schlechter kann die Situation in Kuba noch werden?

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In diesen Tagen bemerkt man eine ideologische Radikalisierung, die in demselben Maße wächst, wie es Inflation und Verzweiflung tun. / 14ymedio

Für Kubaner nehmen die schlechten Nachrichten kein Ende. Im Verlauf von kaum ein paar Tagen verlautbarten die Behörden: die Brote im rationierten Markt werden kleiner und der Mangel an Energie ist so weit eskaliert, dass die Stromsperren in vielen Provinzen länger als 12 Stunden anhalten werden; der Mangel an Wasser betrifft ohnedies viele Millionen Kubaner, überall auf der Insel. Angesichts solcher Szenarien fragen sich die Bürger, wie viel schlechter die Situation in den kommenden Monaten noch werden kann, und was die Regierung bereit ist zu tun, um den Niedergang des Landes aufzuhalten.

Von außen gesehen könnte man die Krise, die die Kubaner gerade erleben, als die letzte Etappe eines politischen und wirtschaftlichen Modells ansehen, das zusammenbrechen wird. Trotzdem hat der Castroismus seit mehr als 60 Jahren bewiesen, dass Perioden mit Hoffnungslosigkeit und größtem Mangel nicht unbedingt Szenarien sind, die seiner Macht gefährlich werden können. Es sind gerade die für einfache Leute so schwierigen Zeiten, die das Regime nutzt, um die Kontrollen zu erhöhen und seine Deutungshoheit zu festigen. In diesen Tagen bemerkt man eine ideologische Radikalisierung, die in demselben Maße wächst, wie es Inflation und Verzweiflung tun.

Die Analysten, die sich bei mehreren aufeinanderfolgenden Prognosen zur Öffnung der Gesellschaft geirrt haben, wagen es erneut zu prophezeien, dass der Platz der Revolution, in die Seile gedrängt von fehlenden Ressourcen, damit beginnen muss Reformen auf den Weg zu bringen. Aber die Signale, die die kubanischen Führer in den letzten Wochen ausgesendet haben, deuten in eine andere Richtung: auf eine Offensive gegen private Unternehmen, um sie zu Preisobergrenzen für bestimmte Produkte des täglichen Bedarfs zu zwingen, und auf ein Heer von Kontrolleuren, die Geldstrafen gegen Händler verhängen, wenn diese die neuen Vorschriften nicht akzeptieren wollen, oder nicht rechtzeitig ein elektronisches Zahlungsverfahren eingeführt haben. Das hat den privaten Sektor in Alarmbereitschaft versetzt.

Auch hinsichtlich der bürgerlichen Freiheiten gibt es keine Fortschritte. Mehr als tausend politische Gefangene sind noch in Haft; ein Gutteil von ihnen beteiligte sich an den öffentlichen Protesten des 11.Juni 2021. Die Forderungen nach einer Amnestie, die ihnen erlauben würde nach Hause zurückzukehren, treffen bei der Regierung auf taube Ohren, weil sie ein Exempel statuieren will anstelle einer versöhnlichen und großmütigen Geste. Hinzu kommt, dass demnächst das neue Kommunikationsgesetz in Kraft tritt, das den Freiraum für unabhängige Journalisten weiter einschränken und die Rügen für alle jene verschärfen wird, die in den sozialen Netzen systemkritische Inhalte publizieren.

So gesehen könnte man annehmen, dass das Festhalten an der aktuellen politischen Situation zum Selbstmord des Regimes führen wird; also schlussendlich einen neuen sozialen Aufstand provoziert, wenn das Regime weiterhin auf der sturen Kontrolle jedes Winkels im wirtschaftlichen und politischen Leben des Landes beharrt. Aber mit der festen Absicht, um jeden Preis zu überleben, hält die kubanische Führungselite die Öffnung der Gesellschaft für eine Schwäche, und auch nur einen kleinen Raum für Kritik zu erlauben, würde ihre Autorität in Frage stellen. Die Führer der Kommunistischen Partei sind entschlossen, den Ruin des Landes von ihren bequemen Sesseln aus zu verfolgen, anstatt öffentlich ihre Unfähigkeit einzugestehen, die Probleme der Insel lösen zu können, was neuen politischen Akteuren erlauben würde, auf der politischen Bühne zu erscheinen.

Der Gestank der wilden Müllkippen, die an jeder Straßenecke von Havanna entstehen, gelangt nicht bis zu den Villen der Parteibosse in olivgrün. Ihre Pools sind voll mit Wasser, aber es gibt viele tausend Familien, zu denen es nur alle zwei oder drei Wochen mit Tankwagen kommt. Auf ihren Tischen fehlt es nicht an Nahrungsmitteln, auch das Brot ist nicht kleiner geworden, und die Lampen über ihren Köpfen verlöschen nicht, obwohl es einen Treibstoffmangel gibt. Umgeben von Privilegien können sich die militärischen Hierarchien noch längere Zeit am Ruder des Staatsschiffs festhalten. Man wird sehen, wie die Menschen auf eine Verschärfung der Krise reagieren: gehen sie auf die Straße, um den Kurs des Landes zu ändern, oder gehen sie aufs Meer, um Kuba zu entkommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht und steht hier mit Genehmigung der Autorin.

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Die Unsicherheit und die Gesundheitskrise, neue Gründe für die kubanische Emigration

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Eine wilde Müllkippe und stagnierendes Wasser im Stadtteil Luyanó in Havanna / 14ymedio

Sie beschloss binnen 24 Stunden die Koffer zu packen; es war ein Dienstag. Gladys war mit einer Freundin ausgegangen und hatte ihr Haus „gut abgeschlossen, wie immer“ verlassen. Als sie wieder nach Hause kam, war die Eingangstür aufgebrochen und sie bemerkte, dass der Fernseher, ein schnurloses Telefon, einige Nahrungsmittel aus dem Kühlschrank und andere persönliche Dinge verschwunden waren. Noch an diesem Tag rief sie ihren Sohn in Miami an und sagte ihm, er möge ihr ein „parole“ besorgen, eine zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung für die Vereinigten Staaten.

Nach mehreren Wochen, in denen die Polizei ermittelte, hat die Rentnerin die Hoffnung aufgegeben, dass die Diebe gefasst werden, hat aber eine Nichte darum gebeten, bei ihr übernachten zu dürfen. „Zuhause habe ich Angst, denn das ist mir noch nie passiert, und wenn ich jetzt allein bin, dann bekomme ich Herzklopfen. So kann man nicht leben“. Diese Unsicherheit, die sich über die ganze Insel verbreitet hat, ist in den letzten Jahren zu einem weiteren Grund geworden, um die Insel zu verlassen.

Gladys hatte sich geschworen, wie andere auch, dass sie keinem anderen Land ein neues Leben beginnen wollte, weit entfernt von dem Haus, in dem sie vor 67 Jahren zur Welt kam… sie hat den Schwur gebrochen. Sie sagt: „Ich lebte angenehm, denn wenn ich meinen auf-und davongeflogenen Sohn um etwas bat, dann schickte er es mir aus Miami, es ist also keine wirtschaftliche Angelegenheit. Ich gehe weg, denn wenn ‚die‘ mich das nächste Mal in meinem Haus antreffen, denn werden sie mich töten“ Diese Woche hat sie einige Elektrogeräte versteigert, und mit einer schon bewilligten „parole“ wartet sie noch auf die Genehmigung ihrer Reise, um dann an Bord eines Flugzeugs zu gehen.

Die niedrige Kriminalitätsrate galt jahrzehntelang als eine soziale Errungenschaft des politischen Modells, das Kuba vor 65 Jahren aufgezwungen wurde. Wie in allen autoritär regierten Ländern gibt es auch hier ein ausgedehntes Netz von Kontrollen, Aupassern, Spitzeln, politischer Polizei und repressiven Organen. Das Regime von Havanna war sehr effektiv darin, kriminelle Gruppen, Banden von Verbrechern und sogar „einsame Wölfe“, die einen Raubüberfall oder eine andre Untat planten, aufzuspüren und zu neutralisieren. Die Sicherheit der Person, so ein unabhängiger Journalist, war ein „kolaterarer Erfolg“ der Diktatur.

Trotzdem, das gute Gefühl, dass man früh am Morgen durch jedes kubanische Stadtviertel gehen kann, ohne befürchten zu müssen angegriffen oder ermordet zu werden…diese Sicherheit gibt es schon lange nicht mehr. Die Türen und die Fenster sind vergittert, die Bewohner haben eine Machete im Haus, eine Eisenstange oder ein Metallrohr, um sich gegebenenfalls gegen Diebe und Plünderer wehren zu können. Man vermeidet es in der Nacht auszugehen, schaut über die Schulter, wenn man Schritte hinter sich hört und verbirgt das Mobiltelefon unter der Kleidung, damit es sicher ist.

Edwin wacht mit Körperschmerzen und Fieber auf. Er ist mehrere Tage im Haus geblieben und wurde ständig von Mücken gestochen, weil es um die Ecke einen riesigen Tümpel mit fauligem Wasser gibt, eine Brutstätte für Colex-Moskitos und anderen Stechmücken, die in Havanna durch das Stadtviertel Lawton schwirren, in dem Edwin wohnt. „Ich konnte fast einen Monat lang nicht das Bett verlassen“, sagt er.

„Als es mir schlechter ging, entschloss ich mich, in eine Poliklinik zu gehen, aber an diesem Tag gab es keinen diensthabenden Arzt; und nur eine Krankenschwester versuchte, sich um fast zehn Patienten mit ähnlichen Symptomen zu kümmern“. Edwin hat alles versucht, um sich nicht anzustecken. „Ich lebe zurückgezogen, ich habe eine Klimaanlage und Netze vor den Fenstern, ich gehe weder früh am Morgen noch spät am Abend aus dem Haus, also nicht zu Zeiten, wo die Moskitos angeblich am meisten stechen, denn mit meinen 71 Jahren und einer Diabetes könnte jede Infektion zu Komplikationen führen“.

Aber sein Versteckspiel hat nicht funktioniert. „Ich habe mich mit dem Oropouche-Virus angesteckt und es sah nicht gut für mich aus“. Ans Bett gefesselt und mit Schüben von Schüttelfrost ging ihm immer wieder eine Idee durch den Kopf: „In diesem Land, in dem es nicht einmal ein Aspirin gibt, kann ich nicht bleiben“. Als es ihm besser ging und der Virus ihn aufstehen ließ, fing er an einige Elektrogeräte zu verkaufen, und er versteigerte seinen Lada. „Ich habe schon genug Geld für ein Flugticket nach Spanien; vor ein paar Jahren habe ich den Pass durch meinen Vater bekommen und meine Tochter lebt in Madrid, also gehe ich weg“.

Die epidemiologischen Probleme und die Verschlechterung des Gesundheitssystems waren in seinem Fall die wichtigsten Gründe, um die Insel zu verlassen. „Der Tümpel  an der Hausecke wird dort bleiben, und ich kann mich nicht in einen Glaskasten setzen, um nicht gestochen zu werden, und, sollte ich das nächste Mal in die Poliklinik kommen, ganz entspannt, dann wird es keine Krankenschwester mehr geben, weil sie die Insel auf einem Floß verlassen hat“.

Vor einem Jahr hatten weder Gladys noch Edwin Pläne woanders leben zu wollen, aber in diesen Sommer haben sie sich dazu entschlossen. Es war nicht der Wunsch nach besseren wirtschaftlichen Bedingungen, denn beide gehörten viele Jahre zur Gruppe derer, die Überweisungen in Devisen erhielten und sich darüber freuten, in ihrem eigenen Haus zu leben. Sie packten die Koffer, um der Gewalt und dem Gesundheitsrisiko zu entkommen. Die Unsicherheit und der Schmutz sind die Gründe, dass sie demnächst in ein Flugzeug steigen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Monat nach den Wahlen in Venezuela schweigt die CELAC noch immer und macht sich mitschuldig

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Nicolás Maduro und Lula da Silva bei einem Gipfeltreffen der Organisation, die im vergangenen März stattfand / EFE

Seit dem 28. Juli 2024, an dem die Venezolaner so überwältigend zu den Wahlurnen gingen, ist ein Monat vergangen. Seit jenem Sonntag haben die Forderungen an Maduro zugenommen, alle Wahlergebnisse offen zu legen; aber in jenem gewaltigen Chor, der Transparenz fordert, fehlt die Stimme der CELAC, der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten. Zu dem, was sich während der vergangenen vier Wochen in Venezuela ereignet hat, hat dieser regionale Staatenverband noch kein Dokument veröffentlicht.

Das Schweigen der CELACist nicht überraschend. Alle Versuche unter den Mitgliedsstaaten  einen Konsens zu erzielen, für eine gemeinsame Erklärung zu Venezuela, waren von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Einerseits gibt es Staaten, die den derzeitigen Bewohner des Miraflores-Palasts bedingungslos unterstützen, mit Kuba an der Spitze; sie würden jede Resolution blockieren, die das Wahlergebnis in Frage stellt, das der Nationale Wahlrat veröffentlichte und Maduro zum Sieger der Wahl erklärt hat.

Andererseits setzten Brasilien und Kolumbien auf eine Verhandlungslösung, die Neuwahlen einschließt. Damit würde Maduro Zeit gewinnen, um die Schrauben der Repression weiter anzuziehen und so an der Macht zu bleiben. Einige Staaten, wie Chile, Uruguay und Argentinien, die den Chavismus verurteilen, sprechen sich klar und deutlich gegen das aus, was sich als der unverschämteste Wahlbetrug in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas erwiesen hat.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass von den so unterschiedlichen Teilnehmern am Konferenztisch der CELACeine Botschaft ausgeht, die das Interesse des venezolanischen Volkes für wichtiger hält, als die Streitereien zwischen den politischen Lagern. Schließlich entstand der regionale Verband vor allem aus der Initiative von Führern wie Hugo Chávez, der besessen davon war, der Organisation Amerikanischer Staaten Boden wegzunehmen. Chávez wollte eine regionale Organisation, die bei Verletzungen von Menschen-und Bürgerrechten nachsichtiger und schweigsamer mit den autoritären Präsidenten auf diesem Kontinent umgehen würde. Damit folgte er seinem politischen Lehrmeister Fidel Castro. Das ist der Knebel, der Grund für das komplizenhafte Schweigen der CELAC.

Es ist 10 Jahre her, dass die CELAC unsere Region als „Friedenszone“ proklamierte. In einer Erklärung, die alle Präsidenten der zugehörigen Länder unterzeichneten, verpflichteten sie sich unter anderem dazu, die Gleichberechtigung und „die Selbstbestimmung der Völker“ zu achten. Mit dem Dokument, das der damals 80-jährigen Raúl Castro verlas, der nie in einer freien Wahl zum Regierenden gewählt wurde, erinnerte Castro daran, dass es die Prinzipien „Frieden, Demokratie, Entwicklung und Frieden“ gewesen wären, die zur Gründung der Gemeinschaft inspiriert hätten. Tatsächlich aber handelte es sich um ein Dokument, um Forderungen von außen zu vermeiden, wenn denn in den Grenzen eines Mitgliedslands eine Partei oder eine ideologische Gruppe den übrigen Mitbürgern ein politisches Modell gewaltsam aufzwingen würde, ohne eine friedliche Möglichkeit den politischen Kurs zu ändern.

Die Befürworter der CELAC haben sich den Rücken frei gehalten. Sie sprachen von Souveränität, meinten aber nur die auf nationaler Ebene und nicht die ihrer Bürger. Sie kamen darin überein, „sich weder direkt noch indirekt in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einzumischen“; sie verpflichteten sich, bei internationalen Forderungen Schweigen zu wahren, wenn die ‚Caudillos‘ die Bürgerrechte beschneiden, die Stimme des Volkes unterdrücken und die Repräsentanz der gesamten Bevölkerung an sich reißen. Mit solchen verbalen Kunststücken erklärt sich auch das aktuelle Versäumnis der Organisation.

Die CELAC wird sich nicht dafür aussprechen, alle Wahlergebnisse von Venezuela zu veröffentlichen; sie wird auch Maduro nicht dazu drängen, auf die Stimme der Straße zu hören, den Präsidentenstuhl zu verlassen und den Weg für einen demokratischen Übergang frei zu machen. Die Organisation, die sich brüstete, zur Gründung der „Friedenszone“ beigetragen zu haben, ist stumm geblieben. Leider ist dieses Schweigen eine Form von „Öl ins Feuer des Konflikts gießen“, weil es die Opfer der staatlichen Gewalt überlässt und das Leiden von Millionen Venezolanern verlängert.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der „Deutschen Welle“ veröffentlicht und steht hier mit Genehmigung der Autorin.

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Der Oropouche-Virus, ein unerwünschter Gast in vielen tausend kubanischen Häusern

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Die Müllberge in den Straßen wachsen, weil es an Fahrzeugen und Kraftstoffen fehlt, um sie wegzuräumen / 14ymedio

Vor zwei Monaten wussten wir noch nicht einmal wie man das Wort ausspricht, aber der Oropouche-Virus ist zu einem ungebetenen Gast in den kubanischen Häusern geworden. In dem Viertel von Havanna, in dem ich wohne, hört man jeden Tag von einem Nachbarn, der die Öffentlichkeit meidet, wegen hohem Fieber und körperlicher Schwäche. Fast immer handelt es sich um hochbetagte Personen, die allein leben, weil ihre Kinder und Enkel emigriert sind, und sie gehen fast nie in ein Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen.

Nachdem die kubanischen Behörden die Fallzahlen monatelang verheimlichten, haben sie kürzlich versichert, dass bis Beginn August landesweit mehr als 400 Personen Oropouche-Fieber hatten. Allerdings wird in der offiziellen Erklärung nicht die Reisewarnung für Kuba erwähnt, die die Vereinigten Staaten herausgegeben haben. Die Verlautbarung des U.S. Zentrums für Kontrolle und Prävention von Krankheiten fordert die Besucher der Insel zu extremer Vorsicht auf.

Aber abgesehen von Statistiken und Tourismus, der Oropouche-Virus wird gerade zum entscheidenden Kriterium für die epidemiologische Situation in Kuba, die sich mit jedem Tag verschlechtert. Die Müllberge in den Straßen wachsen, weil es an Kraftstoffen und Fahrzeugen fehlt, um sie wegzuräumen, und außerdem gibt es den Wassermangel, wegen der veralteten Pumpentechnik und den zahllosen Rohbrüchen im Leitungsnetz. Dieser Hygienemangel gefällt den Ratten und den anderen Überträgern von Krankheiten, wie dem Moskito der Gattung Colex, dem Hauptüberträger des Virus auf dieser Insel.

Die meisten Personen mit Anfangssymptomen suchen kein Gesundheitszentrum auf. Unter der kubanischen Bevölkerung verbreitet sich die Ansicht, dass die Krankenhäuser nicht über die notwendigen Mittel verfügen, um spezielle Krankheiten zu behandeln; es gibt zudem immer weniger Spezialisten aufgrund des massiven Exodus, und die sanitären Einrichtungen leiden unter einem Mangel an Hygiene, der eine vermehrte Ansteckungsgefahr mit sich bringt. Viele Kranke ziehen es daher vor zu Hause zu bleiben und auf Praktiken zu vertrauen, die mehr mit Aberglauben als mit Wissenschaft zu tun haben.

Die dramatischen Effekte dieser Mischung aus Mangel und Misstrauen sind die Verschlechterung der Lebensqualität, die mögliche Zunahme der Sterblichkeitsrate und die Einnahme von Arzneimitteln, die auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind und somit nicht von den Gesundheitsbehörden kontrolliert werden. Es verbreitet sich der Glaube, dass beim Thema Gesundheit jeder eigenverantwortlich handeln sollte. Familienangehörige im Ausland bestreiten die Kosten für Nähfäden bei chirurgischen Eingriffen und sogar die für Schmerzmittel und Antibiotika. Das Regime brüstete sich damit, eines der besten öffentlichen Gesundheitssysteme zu haben, weltweit, lanciert diesbezüglich aber kaum noch Propagandakampagnen und hochtrabende Schlagzeilen, um auf internationaler Bühne den Ruf einer „Medizin-Macht“ aufrecht zu erhalten

Bei einer Nachbarin in meinem Viertel hat das Oropouche-Fieber schon nachgelassen und die Beschwerden klingen ab. Jetzt aber hat sie kein Wasser, um sich zu baden oder ihre Wäsche zu waschen. Der Virus der Krise scheint noch länger in Kuba zu bleiben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht und steht hier mit Genehmigung der Autorin.

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„Toilette ist eingetroffen“ oder wie sich Gefängnissprache ins Leben der Kubaner einschmuggelt

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So sehen die kubanischen Produkte für Körperpflege aus / 14ymedio

Ich nähere mich meinem Wohnblock und sehe eine Warteschlange vor dem Lagerhaus. Viele von denen, die an diesem Dienstag hier warten, sind hochbetagt, und sie haben das lange und fast ausdruckslose Gesicht von Menschen, die schon seit langer Zeit nicht mehr gelächelt haben und auch nicht mehr hoffen, dass ihre Lebensumstände besser werden. Ich frage nach dem Grund dieser Ansammlung, und eine Nachbarin antwortet mir kurz und knapp: „Toilette ist eingetroffen“. Drei Wörter mit vielsagender Bedeutung, aber ohne Bezug zur Menge der Produkte, die verfügbar sind.

„Toilette“…, das ist die Sprache in Gefängnissen und in Militärkasernen. Der Begriff wird in Kuba für Produkte zur Hygiene und für die Körperpflege verwendet, was aber nicht mehr Produkte sind als Seife, Zahnpasta und vielleicht etwas Waschpulver für die Wäsche. Es handelt sich um Dinge, die in eine kleine Tasche passen müssen, um sie Häftlingen oder Soldaten zu bringen, damit es in den Zellen der Gefängnisse oder den Stuben der Kasernen nicht so übel riecht. Die Familien von Häftlingen in Polizeistationen müssen die „Toilette“ zu den Verhafteten bringen, und während meiner Jahre in einer höheren Landschule unternahmen meine Eltern sogar Unmögliches, um mich mit „Toilette“ zu versorgen. Heute, in unserem größeren Gefängnis, verwendet man das Wort für das Wenige, das vom rationierten Markt zu uns kommt.

„Wenigstens können wir uns jetzt baden“, sagte dieselbe Nachbarin mit einem sarkastischen Unterton. Darauf erfolgte die prompte Antwort eines Rentners, der im Schatten saß und wartete: „Das können wir, wenn sie uns das Wasser aufdrehen“. Die Probleme mit den Pumpen, die Stromsperren und die Rohrbrüche im Leitungsnetz haben dazu geführt, dass es seit Monaten in unserem Viertel mehr Tage ohne Wasser gibt, als solche, an denen etwas aus dem Wasserhahn kommt. Die Bewohner erleben Wochen, in denen sie sich kaum waschen können, ihre Wohnung kaum sauber halten können, und ‚Hygiene‘ eine Möglichkeit ist, die es nur in der Werbung im staatlichen Fernsehens gibt.

Wie in allen Strafanstalten auf der Insel, erhalten auch wir heute die „Toilette“. Aber, wie in kubanischen Gefängnissen werden ein Stück Seife und eine Tube Zahnpasta die Härten eines Lebens hinter Gittern kaum lindern können.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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ARBEITE MIT UNS ZUSAMMEN:

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Wo sind sie? Der verzweifelte Schrei an die, die zum Schrecken beitrugen und weggingen

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Einchecken am Terminal 3 des Internationalen Flughafens ‚José Martí‘ von Havanna / 14ymedio

Nein, es handelt sich nicht um Vergeltung sondern um Aufrichtigkeit. Jeden Tag sehe ich wie sie abreisen; sie packen ihre Koffer, verleugnen still ihre Ideologie und lassen die Opfer ihres Extremismus zurück, jene Bestraften ihrer ideologischen Allmacht, und jene Toten, wegen ihres Schweigens. Nein, es ist keine Rache, es handelt sich um Gerechtigkeit, wenn sie wenigstens einmal zugeben würden, dass sie den Teufelskreis verlassen haben, in dem sie Täter waren. Jeder der Kollaboration zugeben müsste, täte es besser jetzt, so wenig es  auch ist, denn es zurückzuhalten erzeugt nur Schmerz auf beiden Seiten.

Ich habe keine Namensliste, um mit ihnen abzurechnen. Die Rechnungen hat schon das Leben ausgestellt: wir haben so viele sterben sehen, die sich aufs Meer wagten; haben tausende fallen sehen, wegen mangelnder effektiver medizinischer Versorgung; und es bleiben viele um sich zu verabschieden, als Folge mangelnder Ernährung, die in den Häusern dieser Insel um sich greift. Unser Leben hängt an einem seidenen Faden, aufgrund des gesundheitsschädlichen Ambientes, dem wir überall ausgesetzt sind. In diesem Punkt gibt es keine Sieger oder Besiegte, nur herumirrende Schatten.

Sie sollten ehrlich sein, wenigstens einmal. Sagen, dass sie sich geirrt haben, dass sie ein System stützten, das uns in den nationalen, menschlichen und familiären Ruin getrieben hat. Sie gehen und hinterlassen uns ihre Gleichgültigkeit. Sie gehen und nehmen andere Namen an, schreiben ihre Vergangenheit um, wollen tolerant gewesen sein, dort, wo es nur Extremismus gab. Sie legen ein Make-up auf, unterziehen sich ästhetisch-mentalen Operationen, sagen nicht mehr „Compañero“ sondern „Mister“, haben sich aber nicht einer notwendigen Revision unterzogen, die viel Überwindung erfordert und ein Schritt nach vorne wäre.

Sie haben uns ihre Toten und ihre Gespenster hinterlassen, ihre leeren Häuser, ihre politischen Worthülsen, ihre Lügen, die niemand mehr aufrecht erhält…oder fast niemand. Sie gehen und nehmen weiter an den Treffen teil, die in kubanischen Botschaften überall auf der Welt stattfinden, um ihre Solidarität mit dem Castrismus zu zeigen, um dem Regime Beifall zu spenden, um die Repression gut zu heißen und um uns eine Fußfesseln anzupassen, damit wir hier weitermachen, jeden neuen Tag auf dieser Insel. Sie gehen und bleiben unsere Henker. Einen Kopf kann man auf viele Arten abschlagen: eine Axt schwingen, oder schweigen, wenn es ein anderer tut.

Wenn wir von 2020 bis 2023 etwa 10% der Bewohner dieser Insel  verloren haben, dann können es nicht nur Personen gewesen sein, die „sauber“ geblieben sind, sich also nicht an „Schmähaktionen“ (sp. acto de repudio) beteiligt haben , niemanden bei den Komites zu Verteidigung der Revolution „angeschwärzt“ haben, im Zusammenhang mit deren perfiden Machenschaften. Es kann nicht sein, dass es die 10% gewesen sind, die völlig unschuldig an der Barbarei sind, die diese Insel seit mehr als einem halben Jahrzehnt erlebt. Wo also bleiben ihre Schreie, ihre Fragen, ihre Gedanken an das Drama, das sie weit hinter sich gelassen haben, um Überweisungen an die Familie zu senden oder zu versuchen, sie von der Insel herunter zu bringen? Wo bleibt ihr Bürgersinn?

Ist es vielleicht das Vergessen, was ihnen letztlich bleibt? Die Gleichgültigkeit? Das „Rette sich wer kann“? Ich bin hier und sehe die schlimmsten Szenarien. Ich erlebe sie. Aber ohne Beteiligung derjenigen, die Teil der Maschinerie waren, die uns erstickt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir da herauskommen sollen. Wenn wir herauskommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Abstimmen mit den Füßen, die Emigration zeigt die Ablehnung des kubanischen Modells

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Eibe Gruppe Kubaner auf dem Weg in die Vereinigten Staaten / 14ymedio

Sie konnten es nicht mehr verbergen. Fast leere Straßen am Wochenende, in Hörsälen fehlen Studenten und volle Lounges an den Flughäfen sprachen für sich. In der vergangenen Woche musste die Nationalversammlung zugeben, dass die Einwohnerzahl der Insel weniger als 10Millionen beträgt, ein Rückgang um 10,1%, bezogen auf das Jahr 2020.

Diese Zahl könnte noch alarmierenden sein, wenn man in Betracht zieht, dass die in den letzten Monaten Emigrierten immer noch als Bewohner des Landes gewertet werden. Das Alter und die berufliche Ausbildung von denen, die gegangen sind, ist auch ein schwerer Schlag für die gealterte und abgewertete Arbeiterklasse. In den wichtigsten Sektoren fehlen Ingenieure, Ärzte, Lehrer und Fachkräfte, die auf kurze oder mittlere Sicht nicht ersetzt werden können.

Immer häufiger kommt es vor, dass man in ein Krankenhaus geht und erfährt, dass der Chirurg mit einer Einreise auf Bewährung (sp. el parole humanitario) emigriert ist, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, die die Vereinigten Staaten seit Beginn letzten Jahres erteilen. Ebenso oft erfährt man aus erster Hand von den vielen offenen Stellen bei der kubanischen Union Electrica, weil viele ihrer Techniker dank dem Gesetz der Historischen Erinnerung (sp. La Ley de la Memoria Histórica) spanische Bürger geworden sind. Diese Situation wiederholt sich in Universitäten, in der Industrie, in Forschungszentren und im Hotelgewerbe.

Abgesehen vom Exodus, der Bevölkerungsrückgang wurde auch von der niedrigen Geburtenrate beeinflusst, zum Teil bedingt durch die Entscheidung und die Hoffnung vieler junger Paare, die Insel verlassen zu können, um dann eine Familie zu gründen. Einer unabhängigen Studie des renommierten kubanischen Ökonomen und Demographen Carlos Albizu-Campos zufolge, veröffentlicht von der spanischen Agentur EFE, würde die Einwohnerzahl von Kuba aktuell 8,62 Millionen betragen. Diese Zahl scheint näher an der Realität zu sein, zählt man die verbliebenen Haushalte und registriert die zunehmende Leere auf öffentlichen Plätzen; Orte, die dem Leben einen Sinn geben.

In denselben Sitzungen des Parlaments, bei denen über den Bevölkerungsrückgang informiert wurde, kam auch eine Liste der Desaster, der Vertragsverletzungen und der negativen kubanischen Wirtschaftszahlen zur Sprache. Diejenigen, die diese langweiligen Sitzungen zu Hause verfolgten, mit Abgeordneten, die Gesetze, die vom Zentrum der Macht auf sie „herunterkommen“, immer einstimmig passieren lassen, ohne die zuständigen Minister zu hinterfragen,… diese Litanei von Mängeln übersetzen Kubaner in den lapidaren Satz: „wir müssen weg von hier, und zwar je früher desto besser“.

Kein Abgeordneter, kein Funktionär hat es geschafft, so etwas wie Hoffnung zu verbreiten, dass es dem Land in den kommenden Monaten oder Jahren besser gehen würde. Keine von der Nationalversammlung verabschiedete Verordnung deutet drauf hin, dass Kuba auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Öffnung wäre und zu einer Politik, die die Krise im Land lindern und seinen Bewohnern ein würdigeres Leben bescheren würde. Stattdessen wiederholten die obersten Parteiführer ihre abgedroschenen Reden vom „Feind im Norden“, drohten mit einer restriktiveren Justiz und attackierten die kleinen und mittleren Unternehmer (sp. mipymes), dies sich vom Gesetz von Angebot und Nachfrage haben „hinreißen“ lassen und ihre Produkte zu entsprechenden Preise vermarkten.

Alle Zeichen, die aus dem Parlament kamen, waren ein mehr an Kontrolle, der Fortbestand der sozialistischen Marktwirtschaft als Kernelement der kubanischen Wirtschaft, und null ideologische Toleranz. Es wird also niemand überraschen, wenn in den nächsten Wochen und Monaten die Zahl der Emigranten wächst und viele Unternehmer ihre Betriebe schließen, die Koffer packen und mit ihren Talenten woanders hingehen. Man kann eine Bevölkerung nicht zum Bleiben überzeugen, wenn das Land abdriftet.

Wenn das 21.Jahrhundert zu Ende geht, wird Kuba noch etwa 5 Millionen Einwohner haben, 50% weniger als heute; so steht es in einem Bericht der UNO über die demographischen Aussichten der Insel. Das Fehlen von Perspektiven zur Entwicklung des Landes und die politische Sturheit einiger weniger werden dazu führen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht und steht hier mit Genehmigung der Autorin.

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Drei Jahre später, was ist aus den Unterdrückern des 11J geworden?

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„11.Juli 2021, die unterdrückte Demonstration in Villa Clara / Screenshot / Archiv

Drei Jahre sind seit dem 11.Juli 2021 (kurz 11J genannt) vergangen, dem Tag mit den historischen Demonstrationen, die die kubanischen Straßen erbeben ließen; aber es scheint mehr Zeit vergangen zu sein. Der Sinneswandel, der sich bei vielen Tauend Kubanern vollzogen hat, war so tiefgreifend und beschleunigt, dass es unter anderen Umständen mehrere Jahrzehnte gebraucht hätte, um einen solchen Effekt zu erzielen. Wenngleich das, was die Demonstranten, ihre Familien und vor allem die Inhaftierten erlebt haben, von ihnen schnell und signifikant verarbeitet wurde, so haben diese Ereignisse auch in den Reihen der Unterdrücker ein Umdenken bewirkt.

An diesem 11.Juli war Ángela 76 Jahre alt, als sie das erste Echo der Demonstrationen hörte. Sie ging vor die Tür und wollte sich mit einem Stock in der Hand den jungen Leuten entgegenstellen, die in den Straßen von Camagüey ihre Unzufriedenheit herausschrien. Als Aktivistin der Kommunistischen Partei und erbitterte Unterstützerin jeder offiziellen Kampagne, war ihr Leben geprägt von freiwilligen Arbeitseinsätzen und Missionen im Ausland. Für diese „undankbaren jungen Leute“, die die „Revolution zu Fall bringen wollten“, hatte sie nur Verachtung übrig. Heute 36 Monate später, verflucht sie jeden Tag mit einem Stromausfall, hat den Ton ihrer Kritik an Miguel Díaz verschärft, verlangt, aus den Reihen der PCC entlassen zu werden und ist gerade dabei ihre Koffer zu packen, nachdem sie einen asturischen Großvater „entstaubt“ hat, der ihr dank des „Gesetzes der Historischen Erinnerung*)“ die Übersiedlung nach Spanien ermöglicht.

Yuri gehörte an diesem Tag zu den Schlägern rund um das Kapitol von Havanna. Jahrelang war er ein Informant der Staatssicherheit im Stadtviertel Jesús María, was ihn in die Nähe von Agenten der politischen Polizei brachte, die immer unter Pseudonymen wie „Ernesto“, „Camilo“ oder „Alejandro“ liefen. An jenem Tag informierte ihn einen von ihnen, dass „die Würmer“ beabsichtigten „den Sitz der Nationalversammlung zu stürmen und die Regierung zu stürzen“. Mit seinen 23 Jahren und einem langjährigen Training in einem Fitnessstudio, war es für ihn ein „Kinderspiel“. Später brüstete er sich damit, dass er auf Köpfe einschlug, gegen die Magengrube trat und dabei half, Demonstranten in die Käfigwagen zu bringen, in denen  mehrere hundert Verhaftete abtransportiert wurden. Vor ein paar Monaten hat er seinen Facebook-Account gelöst, auf dem er mit seinen Exzessen prahlte; es gelang ihm eine „zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis“ für die Vereinigten Statten zu erhalten, und heute in Jacksonville, Florida, versichert er, dass er „nicht einmal gefesselt“ nach Kuba zurückkehren würde.

Paloma, 19 Jahre alt, gehörte zu denen, die dazu aufgerufen wurden, am „Akt der Wiedergutmachung“ teilzunehme; eine Veranstaltung , die Regierung nach den Protesten vom 11.Juli am Strand von Havanna organisierte. Am frühen Morgen kam die junge Akademikerin dort an, passierte einen dort aufgestellten Metalldetektor und skandierte Losungen vom „immerwährenden Sieg der Revolution“. In ihrer Fakultät versprach sie, der der Brigade der Schnellen Einsatztruppe beizutreten, um zu verhindern, dass “ das Vaterland in Feindeshände fiele“. Sie hat einen Abschluss in ihrem Fachgebiet. Jetzt vergrößert sie die Zahl der Arbeitslosen, die nicht für einen Hungerlohn für den Staat arbeiten wollen; es ist ihr auch nicht gelungen, sich in ein privates mittelständiges Unternehmen (sp. el mipyme) einzuschmuggeln, das ihren Lebensunterhalt sichern würde. Ihre Eltern haben das Haus der Familie zum Kauf angeboten, ein „kapitalistischer Bau, bereit, um einzuziehen“. Mit dem Geld wollen sie drei Flugtickets nach Managua finanzieren, die sie so schnell wie möglich aus Kuba fortbringen sollen.

Drei Unterdrücker, drei Geschichten von Enttäuschten, wie es sie zu tausenden, zu hunderttausenden gibt. Niemand von ihnen ist bereit oder in der Lage auf die Straßen zurückzukehren, um das kubanische Regime zu verteidigen. Sie schwanken zwischen Ernüchterung und Emigration, ihr revolutionärer Elan ist dahin oder wurde von ihnen begraben. Einige von ihnen könnten sich in den Reihen von denen wiederfinden, die „Vaterland und Leben!“ rufen, oder „Wir haben keine Angst!“, oder „Wir wollen den Wechsel!“ − sollte denn die Empörung auf die Straßen zurückkehren. Bedeutet dies, dass ein weiterer Aufstand bevorsteht? Wenn die Enttäuschung über das politische Modell selbst in den Reihen der „Getreuen“ zugenommen hat, naht dann ein neuer 11.Juli?

In diesem Julimonat gibt es mehr Gründe für soziale Proteste als vor drei Jahren. Der Verdruss über die ausufernde wirtschaftliche Krise ist gewachsen, die Inflation ließ Millionen Kubaner in Armut versinken, das Defizit an Strom ließ uns in lange dunkle Stunden versinken, genauso wie die törichten offiziellen Lösungen, um aus der Klemme herauszukommen. Aber inzwischen hat das Regime mit legalen, polizeilichen und rechtlichen Mechanismen aufgerüstet, um einen neuen Aufstand zu verhindern. Die langen Haftstrafen gegen die Demonstranten, nicht nur vor drei Jahren sondern auch bei den späteren Protesten, haben abschreckend gewirkt und der Exodus hat die Zahl der potentiellen Dissidenten verringert.

Aber nicht alle können ein Flugzeug besteigen. Jene, die dazu verurteilt sind im Land zu bleiben, weil sei weder Geld noch Kontakte haben, sind der Treibstoff für einen weiteren möglichen 11.Juli. Auf welcher Seite werden Ángela, Yuri und Paloma stehen, wenn dieser Tag kommt und sie dann noch in Kuba sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzers: Das „Gesetz der Historischen Erinnerung“ (sp. La Ley de la Memoria Historica) anerkennt die Rechte all jener, die während des Bürgerskriegs oder in der nachfolgenden Diktatur von Franco Verfolgung und Gewalt erlitten haben.

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Ein Hochschulabschluss in Publizistik, in Kuba? Nein, danke!

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Studenten und Studentinnen der Fachrichtung Publizistik bei einem kürzlichen Besuch der offiziellen Zeitung ‚Granma‘ / Granma

Einst war es ein Wettlauf, an dem Gymnasiasten mit den besten Noten teilnahmen, aber in den letzten Jahren ist die Zahl der Immatrikulationen stark rückläufig. Ein Studium in Publizistik an der Universität von Havanna löst nicht mehr die Begeisterung von früher aus; die Zahl der potentiellen Absolventen in dieser Fachrichtung hat sich deutlich verringert. Bei der jüngsten ‚Zweiten Vollversammlung des kubanischen Journalistenverbandes‘ kam die Verzweiflung der Direktoren der offiziellen Presse zur Sprache, die über den Mangel an Nachwuchs klagten.

Der Rückgang der Studentenzahlen, der sich schon seit geraumer Zeit abzeichnete, hat sich noch verstärkt, nachdem für junge Frauen ein obligatorischer Militärdienst eingeführt wurde, als Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums im Fachbereich Journalistik, ab dem Wintersemester 2024-2025. Für Ariel Terrero, dem Dekan der Fakultät für Gesellschaftwissenschaften, ist diese Maßnahme ein „Fehlschlag“, die, so der Dekan, nur dazu diente, „diese jungen Frauen ideologisch zu erziehen und zu schulen“.

Die Entscheidung, kubanische Studentinnen zu zwingen ein Jahr als Wehrpflichtige zu absolvieren, war offensichtlich als eine weitere Form von politischer Auslese und Indoktrination gedacht. Eine militärische Ausbildung würde dazu beitragen, ihren Charakter so zu modellieren, dass sie Befehle befolgen, die Autorität ihrer Vorgesetzten nicht hinterfragen und die Unterwerfung und Fügsamkeit eines Soldaten als höher werten würden, als irgendeine Kritik am System oder die persönliche Rebellion. Das Leben in einer Kaserne würde sie auf ihre Arbeit in den Redaktionen vorbereiten, die von der Kommunistischen Partei kontrollier werden, ihnen also die Maxime vermitteln, dass jede Aufsässigkeit zugleich eine Form von Verrat ist.

Dennoch, anstatt lächelnd und selbstbewusst zu den Waffen zu greifen, haben sich die jungen Frauen entschlossen, ihre Berufung hintan zu stellen, anstatt eine olivgrüne Uniform zu tragen. Zunächst träumten sie davon, Reportagen abzufassen oder in den Abendnachrichten über ein gesellschaftliches Ereignis zu berichten. Das Ergebnis der Maßnahmen seitens der Behörden war aber nicht das, das sie sich erhofft hatten. Man hat nämlich keine Reporterinnen in spe gesehen, wie sie auf ein Ziel schießen oder getarnt auf dem Boden kriechen, um den Feind zu überraschen. Was sich stattdessen ereignete, war, dass die Anwärterinnen auf eine Journalismus-Karriere überstürzt die Flucht ergriffen.

Die Krise der Fachrichtung braut sich seit Jahrzehnten zusammen. Ein Teil jener, die sich Jahr für Jahr in Publizistik graduieren, üben den Beruf dann nicht aus; sie emigrieren oder wechseln über in den unabhängigen Journalismus. Dies ist der Fall bei Lili und Manuel, die nicht so heißen, um Repressalien gegen sie zu vermeiden. Beide waren an der Universität von Havanna in der Abschluss-Klasse für Kommunikation. Lili klammerte sich an ein gesundheitliches Problem und begann nicht einmal mit dem sozialen Dienst; Manuel arbeitete nur ein paar Monate bei einem Radiosender und bat dann um seine Entlassung.

Ihre Gründe nicht in einem Beruf zu arbeiten, für den sie so viele Opfer gebracht haben, reichen von den niedrigen Löhnen, weitergehend mit dem Wunsch zu emigrieren, bis zu der Überzeugung, dass sie in einem offiziellen Medium nicht den Journalismus praktizieren können, den sie sich vorgestellt haben. Für Manuel genügte kaum ein halbes Jahr bei einem kubanischen Radiosender, um festzustellen, dass “ man für alles um Erlaubnis fragen muss“. Einige Berichte, die er vorbereitet hatte, belegt mit Zeugenaussagen von Leuten auf der Straße, wurden nie gesendet. „Die Redakteure des Senders zögerten; aber es war offensichtlich, dass ihnen die Beschwerden der Interviewten zur Lage im Land nicht gefielen“. Sie sagten daher, dass jene Personen keine Hoffnung verbreiten würden, und dass das, was sie vorschlugen, keine konstruktiven Lösungen wären.

Jetzt publiziert der junge Mann unter einem Pseudonym für ein unabhängiges Pressemedium, während er darauf wartet, dass ihm sein Vater, der in den Vereinigten Staaten lebt, eine ‚Einreise auf Bewährung*)‘ vermittelt. „Ich will mir mit meiner Arbeit in einem offiziellen Medium keine Schwierigkeiten bereiten, denn später, für den Fall dass ich weggehe, könnte ich Probleme bekommen“. Lili, die sich von ihrer Krankheit erholt hat, schreibt wöchentlich Horoskope für eine nicht-kubanische Webseite; man bezahlt sie für ihre Arbeit im Akkord in Dollar.

Wenn man sie fragt, ob sie den Militärdienst abgeleistet hätte, um Publizistik studieren zu können, lacht sie laut auf. „Bin ich denn verrückt, eher würde ich Straßen kehren“. Lili hat eine Lücke in einer Redaktion hinterlassen. Mit den zurückgehenden Einschreibungen für Journalistik, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Lücke bestehen bleibt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzer: Die ‚Einreise auf Bewährung‘ (sp. el parole humanitario) ist eine humanitäre, zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung für die Vereinigten Staaten; sie erlaubt Personen legal einzureisen und zwei Jahre lang im Land zu leben und zu arbeiten.

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Nach einem Absturz erlebt der Dollar einen Aufschwung auf dem informellen Markt von Kuba

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Der Massenexodus, den die Insel seit mehreren Jahren erlebt, hat zur Krönung des Dollars beigetragen / EFE

Vorbemerkung des Übersetzers: Der ‚informelle Markt‘ umfasst wirtschaftliche Aktivitäten, die nicht staatlich registriert sind und sich somit der staatlichen Kontrolle entziehen. Im folgenden Text meint ‚informeller Markt‘ den Schwarzmarkt für Devisen.

Wie in jenen Filmen, in denen der Held verletzt wird, sich im Schlamm wälzt und dann aufsteht und sagt:“ Es war nichts, nur ein Kratzer“, so hat der Dollar begonnen, sich auf dem kubanischen informellen Markt zu erholen, nach einem Absturz, der einige Wochen anhielt. Auf den Straßen der Insel wächst die Überzeugung, dass er nur strauchelte, um erneut Fahrt aufzunehmen, und dass der Höhenflug der US-Währung anhalten wird.

Es war Anfang Mai, als sich in den Netzwerken im Untergrund die auch „Kleingeld“ genannte US-Währung der 400er Marke des kubanischen Pesos näherte. Eine nicht veröffentlichte Zahl, die deutlich zeigt, wie niedrig die Löhne auf dieser Insel sind, wo ein Spezialist im Gesundheitswesen, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, im Monat kaum den Gegenwert von 50 Dollar verdient. Der Wertverlust der ironisch bezeichneten „Währung des Feindes“ bedeutete jedoch keine niedrigeren Preise für die  Produkte des täglichen Bedarfs.

Diejenigen, die über Dollar aus dem Ausland verfügten, hielten den Atem an und den Geldbeutel zu, um ihre Devisen nicht in den Tagen zu verkaufen, in denen der Greenback abstürzte. Aber auch diejenigen, die von ihren Lohn in Landeswährung leben, konnten nicht von der Tatsache profitieren, dass die Banknote mit dem Bild von George Washington für weniger als 350 kubanische Pesos zu haben war. Kein einziges der privat geführten Geschäfte, die sich gerade über die Insel ausbreiten und hauptsächlich importierte Nahrungsmittel anbieten, senkte die Preise für seine Waren. Kein Fahrer eines Sammeltaxis, kein Händler für Obst und Gemüse, kein Spediteur für Agrarprodukte zog auch nur auf einen Cent von seinen Tarifen ab.

Woher kommt diese Lähmung, wenn denn der Dollar an Wert verliert? Eine Ursache dafür ist die Skepsis gegenüber dem schwachen kubanischen Peso, und die Überzeugung, dass der Dollar, abgesehen von Kursschwankungen und gelegentlichem Stolpern, eine Währung ist, die von Faktoren gestützt wird, die den Banknoten mit den Gesichtern von José Martí, Antonio Maceo und Calixto García völlig fehlen. Der Dollar hat all das, was die kubanische Landeswährung nicht hat: Vertrauen bei den Nutzern, Rückendeckung durch die Wirtschaftkraft und Unterstützung durch internationale Finanzinstitute.

Ein anderer Grund, sich vom heftigen Absturz des Greenbacks nicht mitreißen zu lassen, war der Verdacht, dass man diesen Ausrutscher für eine Folgeerscheinung der Annoncen über einen Devisenverkauf zu einem niedrigeren Preis hielt, und somit für eine trügerische Information aus der Bot-Fabrik des kubanischen Regimes. Auf den Straßen der Insel waren viele der Meinung, dass die kubanische Bürokratie mit allen Mitteln versucht hatte, den Algorithmus der unabhängigen Webseite El Toque zu manipulieren, die den Kurs von Fremdwährungen auf dem kubanischen Schwarzmarkt errechnet. Dieser Verdacht ging einher mit der Überzeugung, dass es dem Platz der Revolution nicht gelungen ist, den niedrigeren Puls des Dollars aufrecht zu halten und dabei schlussendlich verlor; wie geschehen.

Diese Woche hat der Dollar wieder die 400er Marke des kubanischen Pesos erreicht, und die kurz-und mittelfristige Prognose ist, dass die „Kurserholung“ ohne weitere Zwischenfälle andauern wird. Man muss kein Experte für Finanzen sein und auch keinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften haben, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Landeswährung tödlich verwundet ist. Die niedrige Produktivität der Industrie, des Agrarsektors und anderer wirtschaftlicher Strukturen, die Güter und Dienstleistungen erzeugen, haben dem Peso ein Grab ausgehoben. Die Restriktionen für das Abheben von Bargeld bei den Banken, zum Teil motiviert durch die Wirtschaftskrise, aber auch offiziell gewollt, um die umlaufende Geldmenge zu drosseln und so niedrigere Devisenkurs zu erzwingen, haben das Misstrauen gegenüber einer Währung erhöht, mit der die Löhne ausgezahlt werden. Die „Dollarisierung“ des Landes hat sich ausgebreitet; heute bevorzugen Unternehmer ihre Geschäfte auf Devisen-Basis zu tätigen. Die wenigen Kubaner mit Ersparnissen haben verstanden, dass es besser ist, die Greenbacks unter der Matratze zu lassen.

Der Massenexodus, den die Insel seit mehreren Jahren erlebt, hat schließlich zur Krönung des Dollars beigetragen. Die Nachfrage dieser Devise auf dem informellen Markt resultiert zu einem guten Teil aus der Notwendigkeit ein Ticket zu finanzieren, um zu emigrieren, sowie aus den Kosten für den Transfer durch Mittelamerika bis an die Grenze der Vereinigten Staaten. Auf den Banknoten der Emigranten findet man weder das Gesicht von Camilo Cienfuegos noch das von Ernesto Ché Guevara. Das Bargeld, das sie bei sich haben, zeigt den durchdringenden Blick und die herrschaftliche Haltung von Abraham Lincoln.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlich

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Mit angehaltenem Atem verfolgen wir Kubaner die Wahlen in Venezuela

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In Venezuela gibt es eine geringe Chance, Nicolás Maduro bei den anstehenden Wahlen loszuwerden

Die Nachrichten erreichen uns bruchstückhaft und verworren, aber wenn es sich um Wahlen in Venezuela handelt, dann haben die Kubaner „offene Ohren“. Mit Blick auf die alltäglichen Probleme, wie Stromsperren, die mehr und mehr die ganze Insel betreffen, oder auf die Inflation, die die Kaufkraft vieler Kubaner vernichtet, will man es kaum glauben, dass ein Ereignis in Venezuela hier in Kuba jemanden interessiert. Aber die Wahl am 28.Juli ist keine kleine Sache, und sie ist es nicht, in welchem Land auch immer.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte das Bündnis zwischen Havanna und Caracas den Anschein von Ewigkeit. Die großzügige Unterstützung mit Erdöl, die Hugo Chávez der Insel gewährte, erlaubte es dem kubanischen Regime, einen Teil der wirtschaftlichen Reformen zu stoppen, zu denen es sich wegen der Krise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gezwungen sah. Wie in jeder politischen Ehe koordinierten beide Partner nicht nur ihre wirtschaftlichen Interessen, ihre Diplomatie auf internationaler Ebene, sowie das ideologische Vorgehen, sondern sie stimmten auch ihre Methoden aufeinander ab.

Der Chavismus wurde dem Castrismus immer ähnlicher. Die Verfolgung von Oppositionellen, das Verbot von Parteien und die Vernichtung der Reputation von Gegnern, wurden in Venezuela zu alltäglichen Maßnahmen der Regierung, und somit blieb das Exil als einzige Option für jene übrig, die sich Chávez  widersetzten. Die Unterdrückung von demokratischen Institutionen, die Demontage der freien Presse, und die Wutausbrüche von regierungstreuen Vertretern bei internationalen Foren vervollständigten das Bild der Gemeinsamkeiten. Aber im Gegensatz zu Kuba, gibt es in Venezuela − dem Land von Simón Bolívar − eine kleine Chance, Nicolás Maduro auf legale Weise loszuwerden.

Jetzt, nur wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl in Venezuela, halten wir Kubaner den Atem an. Wir wissen, dass jederzeit aus dem Miraflores-Palast eine Rechtfertigung kommen kann, um die Wahlen zu annullieren; und wir kennen auch die tausend Tricks, die Autokraten aus dem Ärmel schütteln, um die Macht nicht zu verlieren. Wir schwanken zwischen Erwartung und Angst. Niemand weiß so gut wie wir, was auf dem Spiel steht.

Es handelt sich nicht nur um Wahlen, die den politischen Kurs von Venezuela ändern könnten, sondern auch um unkalkulierbare Konsequenzen für unsere Insel. Dabei geht es nicht nur um Kürzungen bei der Belieferung mit venezolanischem Erdöl, die es in den vergangenen Monaten schon gab, sondern auch um eine Botschaft an viele Landsleute, die die Hoffnung verloren haben, dass man eine Diktatur abschütteln kann.

Wenn sich Maduro dem Urnengang stellt, dann ist es wahrscheinlich, dass er deutlich an Stimmen verlieren wird; zumindest sagen dies die Umfragen. Aber vorher könnte er einen militärischen Konflikt vom Zaun brechen, der ihm erlaubte, den Ausnahmezustand zu verhängen; und ebenso könnte er die Kandidatur von González Urrutia, dem wichtigsten Kandidaten der Opposition, für gesetzeswidrig erklären lassen, weil der einen Schatten auf seine eigene Kandidatur wirft. Alles ist möglich; aber was auch geschieht, es wird Maduro noch mehr in Verruf bringen und ihm Wirtschaftssanktionen bescheren.

Unterdessen verfolgen Millionen kubanische Augen das Hin und Her in Caracas. An einem Tag stehen wir skeptisch auf und denken: „Etwas wird er tun, ganz sicher wird er die Wahlen annullieren, um nicht zu verlieren“; aber am nächsten Tag überwiegt der Optimismus und wir sagen: „Wenn jene es geschafft haben, warum dann nicht auch wir“. Es bleiben noch mehr als zwei Monate. Es gibt eine Zeit für Hoffnung und eine Zeit für Enttäuschung. Was immer geschieht, es wird diese Insel erreichen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht und erscheint hier mit Genehmigung der Autorin.

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Die Jugend im Gefängnis verbringen, so bestraft das Regime das Filmen eines Protests

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Die meisten der 13 Kubaner, angeklagt aufgrund ihrer Teilnahme an den Demonstrationen in Nuevitas, wurden verurteilt wegen Beteiligung an einem Aufstand / Mayelín Rodriguez Prado / Facebook

Sie war 21 Jahre alt, als sie ihr Smartphone nahm und von den Protesten in Nuevitas ein Video aufnahm, eine Stadt in der Provinz Camagüey, im August 2022. Erst vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass ein Gericht sie zu 15 Jahren Gefängnis verurteilte. Wenn sie die Strafe vollständig verbüßt, dann ist Mayelín Rodríguez Prado fast 40 Jahre alt, wenn sie das Gefängnis verlässt. Sie hat dann die kostbarste Zeit ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Eine Zeit, um sie mit jungen Leuten zu verbringen, um zu studieren, um Mutter zu werden oder um ein berufliches Projekt zu starten; diese Jahre verbringt sie in einer Haftanstalt.

Die meisten der 13 Kubaner, angeklagt wegen ihrer Teilnahme an den Demonstrationen in Nuevitas, wurden wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ verurteilt, ein juristisches Konstrukt, das das kubanische Regime auch gegen die Demonstranten verwendete, die an den historischen Protesten des 11.Juli 2021 teilnahmen. Im Fall von Rodríguez Prado reduzierte sich Anklage dahingehend, dass sie die Ereignisse in Nuevitas auf Facebook verbreitete und Zeugenaussagen von Kindern sammelte, die von uniformierten Truppen geschlagen wurden, als diese mehrere Teilnehmer an den Protesten festnahmen

Die Härte dieser Urteile soll eine exemplarische Botschaft an die kubanische Bevölkerung senden. Der offizielle Plan ist, die Bürger darauf hin zu weisen, dass jede regierungskritische Demonstration streng bestraft wird. Zu der Beschneidung der Bürgerrechte, die die Politik des Staates mit sich bringt, kommen noch zwei Phänomene, die zunächst zweitrangig sind, aber nicht weniger bedeutsam: Der sich verbreitende Opportunismus und der zunehmende Exodus. Statt in einer Gefängniszelle zu enden, ziehen es die Kubaner vor, sich die ideologische Maske überzustreifen, oder in ein Land zu emigrieren, in dem friedlicher Protest nicht so streng bestraft wird.

Es ist auch bezeichnend, dass man die Demonstranten wegen „Aufruhr“ verurteilt hat. Dem kubanischen Strafgesetzbuch zufolge, handelt es sich dabei um ein „Verbrechen gegen die innere Sicherheit des Staates“. Der entsprechende Paragraph wird gegen jene eingesetzt, die „aufrührerisch und mit ausdrücklicher oder stillschweigender Billigung die sozialistische Ordnung gewaltsam stören.“ Aber trotz dieser Erläuterungen ist es nicht möglich, solches Tun von seiner militärischen Konnotation zu trennen, die es mit „Meuterei“ oder „Revolte“ assoziiert, wogegen dann ein militärischer Verband zum Einsatz kommt. Diese Sicht der Dinge ist nicht weit entfernt von der Realität auf dieser Insel.

Jahrzehntelang hat die Kommunistische Partei Kubas (PCC) die Bürger wie Angehörige des Militärs behandelt, wie einfache Soldaten einer Kaserne. Für die Behörden in diesem Land sollen die Menschen auf offizielle Anweisungen schnell und ohne zu zögern reagieren, und Befehle ohne nachzufragen akzeptieren, egal wie aberwitzig sie auch sein mögen; sie sollen immer wachsam bleiben, um gegen den Feind in einer Schlacht zu kämpfen, die nie stattfinden wird; und sie sollen ihren Ärger hinunterschlucken, ohne ihren Vorgesetzten den Gehorsam zu verweigern.

Die Wirkung dieser Schreckensbotschaft wird man erst nach einiger Zeit feststellen können. Für den kommenden Sommer sieht es danach aus, dass sich die Situation wiederholen wird, die vor zwei Jahren die Bewohner von Nuevitas auf die Straße trieb: Der Mangel an elektrischer Energie nimmt in dem Maße zu, wie die Temperaturen steigen; der subventionierte Basiskorb leidet unter unsicherer Versorgung und reicht kaum für ein paar Tage im Monat, um schlecht zu essen; der soziale Überdruss hört wegen der Inflation nicht auf zu wachsen; der kubanische Peso verliert weiter an Wert; und die Unfähigkeit der PCC-Führung, die Probleme in den Griff zu bekommen, bleibt offensichtlich. Soldaten verhalten sich immer mehr wie Bürger: Sie beklagen sich lautstark und glauben, dass die Straßen ihnen gehören.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht, hier erscheint er mit Genehmigung der Autorin.

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Die Emigration ihrer Aktivisten ist ein schwerer Schlag für die Kommunistische Partei Kubas

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Es ist immer wieder überraschend, mit welcher Geschwindigkeit manche Kubaner das rote Parteibuch gegen eine Aufenthaltsgenehmigung in „Yuma“*) tauschen / Cadeca

Sogar der Opportunismus bröckelt. Die ideologische Maske tragen bedeutete in Kuba Renditen und Vorteile erhalten, jahrzehntelang; aber seit einer Weile scheint dies mehr zu kosten, als es einbringt. Heute Morgen erfuhr ich von einer ehemaligen Funktionärin, die zuständig war für Propaganda in den offiziellen Medien, dass sie geduldig auf die Erteilung der Genehmigung warte, um in die Vereinigten Staaten umzuziehen. Anstelle von Ablehnung oder Verärgerung, hat die Nachricht bei ihren früheren Kollegen aus dem inneren Kreis der Partei Glückwünsche hervorgerufen.

„Was für ein unerhörtes Glück sie doch hat, sie geht weg!“, sagte mir ein anderer Aktivist mit einem Anflug von Neid in der Stimme; er ist schon im Ruhestand und vermisst jemanden auf der „anderen Seite des großen Teichs“, der nach ihm ruft. Glaubt man dem, was die angehende Migrantin ihren Freunden versichert, so will sie zwischen Miami und Havanna hin-und herwechseln, aber alle gehen davon aus, dass es eine Reise ohne echte Rückkehr wird. „In ein paar Jährchen“, ist sich der Pensionär sicher, „wird sie nach ihrer Einbürgerung ein Foto auf Facebook hochladen, auf dem man sie mit dem Sternenbanner vor der Freiheitsstatue sieht.“

Obwohl solche Dinge in den letzten Jahren häufiger vorkamen, überrascht es immer wieder, mit welcher Geschwindigkeit manche Kubaner das rote Parteibuch gegen eine Aufenthaltsgenehmigung in „Yuma“*) tauschen. Mit der gleichen Begeisterung, mit der sie sich vor kurzem noch in Listen einschrieben, um an offiziellen Veranstaltungen teilzunehmen, packen sie jetzt den Koffer und gehen zum Flughafen. Die Schnelligkeit, mit der sie − wie eine Schlange − ihre alte Haut abstreifen, erzeugt Zwietracht in den Reihen derer, die noch sagen, dass sie das politische System stützen würden.

Parteiversammlungen, öffentliche Veranstaltungen und die Morgenfeiern der Werktätigen wurden zu Appellen, um die Zahl der Abwesenden zu erfassen, und um abzuschätzen, wie viele noch emigrieren werden. Man schaut sich gegenseitig in die Augen, legt jedes Wort des Nachbarn auf die Goldwaage und sucht nach Anzeichen, ob er auf ein Visum oder ein Flugticket wartet. Aber die potentiellen Migranten halten sich bedeckt. Sie sind geübt darin ihre Kritik am Regime zu verbergen, sie schweigen bei Meinungsverschiedenheiten und verheimlichen ihre Abreise bis zur letzten Minute.

Dort oben, am kleinen Kabinenfenster des Flugzeugs, huscht dann ein Lächeln der Erleichterung über ihr Gesicht. Hier unten werden auch ihre Genossen lächeln. Sie wissen, dass mit jedem „Gefolgsmann“ weniger, die Loyalität zum Regime weiter ausbleicht, dass die ideologischen Masken Risse bekommen und das Regime so an Macht verliert.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers: Im kubanischen Straßenslang ist „Yuma“ eine Bezeichnung für die „Vereinigten Staaten“.

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Haiti, ein weiteres Scheitern der lateinamerikanischen Integration

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Die Haitianer können nicht länger auf Gipfeltreffen hoffen, mit Fotos von Präsidenten, die vor den Kameras lächeln / EFE

Siegel, Konferenzen und offizielle Fotos. Die internationalen Organisationen scheinen mehr daran interessiert zu sein, mit Events und Empfängen ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, als mit Aktionen oder Ergebnissen. In Lateinamerika vergeht kaum ein Monat, ohne dass ein Gipfeltreffen, eine Zusammenkunft oder ein Bündnis Schlagzeilen macht und eine neue Absichtserklärung hervorbringt, unterschrieben von Regierenden und Außenministern. Eine Ebene, um die Effizient solcher Integrationsbemühungen zu messen, ist die Realität, aber die meisten dieser Vorschläge bringen keine greifbaren Ergebnisse.

Die aktuelle Situation in Haiti zeigt die geringe Effizienz der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), und die von anderen regionalen Bündnissen gleichermaßen. Anstatt dem haitianischen Volk in seiner derzeit schwierigen Lage zur Seite zu stehen und ihm zu helfen, haben sich die Regierenden auf diesem Kontinent dafür entschieden wegzuschauen, oder sie beschäftigen sich damit historische Schuld zu verteilen. Es gelingt ihnen nicht, einer Bevölkerung von Haiti schnell und praktisch zu helfen, die von Gewalt, einer Wirtschaftskrise und vom Zusammenbruch der politischen Institutionen geplagt wird.

Die CELAC und die lateinamerikanischen Exekutiven haben die Bewohner von Haiti im Stich gelassen, weil sie es nicht einmal schafften, sie als Flüchtlinge zu schützen. Deren gefährliche Route führt sie durch den Dschungel des Darién, weiter durch mexikanisches Territorium und dann bis an die Südgrenze der Vereinigten Staaten. Die Haitianer zählen zu den meist gefährdeten Migranten: ohne ein Wort Spanisch, in den meisten Fällen ohne Geld, um die „Kojoten“ (Schlepper) zu bezahlen, werden sie vom Rassismus vorwärts getrieben und verwandeln sich in Unsichtbare, die die lokalen Verwaltungen weder sehen, noch erwähnen, geschweige denn unterstützen wollen.

Auffallend ist der Mangel an Programmen, die ihnen eine Unterkunft, einen Zugang zu Arbeit und eine Grundversorgung bieten. Dies betrifft einen Gutteil der Länder, die alljährlich von vielen tausend Haitianer durchquert werden. Mit den mehr als 12 Millionen Bewohnern hängt der kleine Inselteil immer mehr von seiner Diaspora ab. Die Migranten auf ihrem Weg zu unterstützen, ist auch eine Form von Rettung der Familien, die in Haiti geblieben sind und hoffen, dass es ihr Angehöriger schafft, ihnen Geld überweist, und sie so vom Ausland aus unterstützt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat eine Reihe von Empfehlungen an die Nachbarländer herausgegeben, die den Migranten Zuflucht und Schutz zu garantieren würden; aber wie so oft sind diese dringenden Bitten auf taube Ohren gestoßen.

Abgesehen von einzelnen Einrichtungen für Migranten, fehlt es Lateinamerika an einer gemeinsamen Antwort auf das Drama in Haiti. Die dafür Zuständigen in den Ministerien sind damit beschäftigt, sich untereinander über ihre ideologische Positionierung zu streiten, ein diplomatisches Feuer zu entfachen, ausgehend von Veröffentlichungen eines Regierenden im sozialen Netzwerk X; oder sie richten Beschuldigungen an andere Regierung. Sie sollten sich an einen Tisch zu setzen und sich auf einen Aktionsplan einigen.

Krisen und humanitärer Alarm stellen regionale Organisationen auf die Probe, und jene, die uns in dieser Hemisphäre vertreten, haben schon ihre Unfähigkeit bewiesen. Die Haitianer können nicht länger auf Gipfeltreffen warten, mit Fotos von Präsidenten, die vor den Kameras lächeln. Benötigt wird ein Hilfsprogramm für die gequälte Bevölkerung, und das muss ein Ganzes sein, „wie das Silber in den Wurzeln der Anden.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht und steht hier mit Genehmigung der Autorin.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die Kubaner unterdrücken ihre Angst und gehen auf die Straßen, um zu protestieren

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Ein Moment während der Proteste in Santiago de Cuba, an diesem 17.März. /Facebook / Rompiendo Cadenas

Als sie gestern am Sonntag den 17.März aufwachten, konnte sich keiner der Kubaner vorstellen, dass sie ein paar Stunden später auf der Straße demonstrieren und „Freiheit!“ schreien würden. Den Vormittag verbrachten sie mit Stromausfällen und der schwierigen Suche nach Lebensmitteln, aber als es Nachmittag wurde, war ihre Empörung so sehr eskaliert, dass sie nicht einmal die Furcht vor Schlägen, Geldstrafen oder Gefängnis bremsen konnte. Auf Videos von den Protestaktionen sieht man, dass sie synchron wie ein einziger Organismus vorangingen.

Die öffentlichen Demonstrationen in Santiago de Cuba, Bayamo und Santa Marta zeigen, dass der soziale Überdruss auf dieser Insel stärker ist, als die Angst vor massiven Verhaftungen und exemplarischen Urteilen, wie es sie nach den Demonstrationen des 11.Juli 2021 gab. Für die Kubaner, die in Santiago vor dem Sitz der Kommunistischen Partei „Strom und Essen“ skandierten, war die Ablehnung des Systems, das sie zu einer Dauerkrise verurteilt hat, stärker als ihre Angst vor Kerker oder Schlägen.

Die Kubaner gingen auf die Plätze und Straßen, weil sie die Nase voll von einem System hatten, das sie nicht gewählt haben, und das seit mehr als sechs Jahrzehnten seine Unfähigkeit beweist, ihnen ein würdiges Leben zu bieten. Sie buhten die Funktionäre aus, die auf die Hausdächer stiegen, um von dort und fern der Demonstranten die leeren Versprechungen zu wiederholen, dass es eine Verbesserung bei der Energieversorgung und bei den mageren Lebensmittelrationen des rationierten Markts geben würde. In Bayamo intonierten die Demonstranten die Nationalhymne, um daran zu erinnern, dass die Nation nicht einer politischen Gruppe gehört und auch nicht ein Lehen von einer gescheiterten Ideologie ist.

„Vaterland und Leben!“ schrien einige; „wir haben Hunger!“ stimmten andere bei. „Keine Gewalt!“ riefen die Demonstranten in Bayamo, als ihnen die Polizei den Weg versperrte. Sie handelten, verhielten und wehrten sich wie eine eingeschworene Bürgerschaft, wie eine Gesamtheit, angetrieben von der Ablehnung eines Regimes, das sie zu Mangel und fehlenden Perspektiven verurteilt hat. Sie demonstrierten gegen ein politisches Modell, das ihnen aufgezwungen wurde. Die kubanischen Straßen haben wieder ihre Stimme erhoben und die Botschaft ist klar und deutlich: diese Diktatur muss enden! Jeder weitere Tag unter diesem Regime bringt uns nur Armut, Auswanderung und Repression.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Stromausfälle in Kuba romantisch zu finden, ist eher beleidigend als zynisch

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Eine Stromsperre romantisch zu finden, indem man erwähnt, dass die großen Klassiker der Weltliteratur bei Kerzenlicht geschrieben wurden, übersteigt den Zynismus und wird zur Beleidigung. (14ymedio)

Ein wütendes Schnauben geht durch das Stadtviertel. Soeben haben sie den Strom abgestellt, und bis er wiederkommt steht das Leben still. Der Aufzug funktioniert nicht; alte Menschen aus den oberen Stockwerken bleiben im Erdgeschoss, weil sie wegen Arthritis und Altersschwäche die Treppen nicht hochsteigen können. Die Cafeteria an der Ecke schließt, denn der Pizzaofen ist elektrisch und Pizza ist das wichtigste Angebot; die Leitungen in den Gebäuden bleiben trocken, weil die Pumpen das Wasser nicht hinauf in den Tank pumpen können; und außerdem weist ein Nachbar darauf hin, dass es seit zwei Tagen einen Rohrbruch in der Wasserleitung für Palatino (Stadtviertel) gibt.

Stromsperren sind weder romantisch, noch schön und auch nicht kreativ. Für ein Paar ist es keine Gelegenheit , das Abendessen bei Kerzenlicht zuzubereiten, sich vom Bildschirm des Smartphons zu trennen oder ein Buch zu lesen, was offizielle Medien jetzt vorschlagen. Keinen Strom zu haben ist eher banal, irritierend und beklemmend. Bettlägerige Patienten sind schweißgebadet, weil die Ventilatoren nicht laufen; die wenige Milch, die die Familie für das Baby aufgehoben hat, kippt mangels Kühlung; und der arme junge Mann, der seinen Lebensunterhalt als Fahrradkurier bestreitet, verliert seinen geringen Verdienst, weil die Liefer-App nicht funktioniert, wenn die Relais der Telekommunikation ausfallen.

Bei einem Stromausfall werden die Menschen aggressiver, und mit der Stille, die auf den Ausfall von Motoren und Geräten folgt, nehmen häusliche Streitereien mit Beleidigungen und Schimpfwörtern zu. Ein Stromausfall beendet private Geschäfte; mit abgeschalteten Ampeln vergrößert sich die Gefahr für einen Unfall; der nächtliche Stadtbummel fällt gegebenenfalls aus; Pläne werden zurückgestellt; und die Idee, die Koffer zu packen, gewinnt an Bedeutung. Auch Hochzeiten werden verschoben; Schulen reduzieren die Qualität des Unterrichts und Behördengänge werden komplizierter.

Eine Stromsperre romantisch zu finden, indem man erwähnt, dass die großen Klassiker der Weltliteratur bei Kerzenlicht geschrieben wurden, übersteigt den Zynismus und wird zur Beleidigung. Während der „Speziellen Periode“ haben einige Führer der Kommunistischen Partei den Geschmack von Gerichten gelobt, die auf einem Holzofen zubereitet wurden, weil es damals kein Gas gab. Sie erinnern sich noch heute an die rauchige Note, die das brennende Holz in der Nahrung hinterließ. Wir verbrannten damals die Möbel der Großeltern, um Essen für uns kochen zu können. Heute versichern sie, dass die Dunkelheit uns ein ruhigeres und natürlicheres Leben zurückgeben könnte, obwohl Stromsperren unsere Existenz nur noch mehr beunruhigen.

Nein, es gibt nichts Schönes an einem Stromausfall, vor allem dann, wenn man schon einen guten Teil seines Lebens darunter gelitten hat und man nicht sieht, was kurz-oder langfristig unser tägliches Leben beeinträchtigen wird.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Das kubanische „Paket“ bewegt sich im Rhythmus von russischen Forderungen

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Es ist kein Zufall, dass wir nach der zeitlichen Zurückstellung des „Pakets“ den russischen Außenminister Sergej Lawrow zu Besuch hatten. (Außenministerium, Russland)

Die Kubaner verlieren die Übersicht, angesichts so vieler Namen von hochrangigen russischen Funktionären, die jetzt nach Kuba kommen. Diese Prozession, die in den letzten Monaten an Zahl und Häufigkeit zugenommen hat, findet zeitgleich mit der offiziellen Ankündigung von wirtschaftlichen Maßnahmen statt. Es fällt schwer, dahinter nicht den Kreml als Strippenzieher zu vermuten, wenn Abgesandte von Putin auf die Insel kommen und kurz darauf im offiziellen „Amtsblatt“ Tarifanpassungen für höhere Gas-und Strompreise bekannt gegeben werden.

An diesem Donnerstag kommt Boris Titow nach Havanna, der Vorsitzende des russisch-kubanischen Wirtschaftsrats, und er wird bis zum 7.März auf der Insel bleiben. Ein langer Besuch, der im Vorfeld alle Anzeichen von einer Überprüfung und einer akribischen Inspektion hat, um festzustellen, was aus den vagen Versprechungen geworden ist, die vermutlich von kubanischen Funktionären an russische Ohren gelangten, um so von Moskau Investitionen und Unterstützung zu erhalten. Ein „Tanz der sieben Schleier“, der bei Anderen funktionierte, hier aber vor Auftraggebern aufgeführt wurde, die das falsche Spiel des Castroismus genau kennen.

Es ist kein Zufall, dass wir nach der zeitlichen Zurückstellung des „Pakets“, das die Preise für Kraftstoffe und Strom erhöht, den russischen Außenminister Sergej Lawrow zu Besuch hatten, und später kam noch Nikolai Patruschew, der Sekretär des russischen Sicherheitsrats. Beide in der zweiten Februarhälfte, dem Monat, in dem man ursprünglich Maßnahmen umsetzen wollte, die das Leben auf der Insel verteuern und großes soziales Unbehagen auslösen werden. Nach Lawrows Abreise wurde bekanntgegeben, dass die neuen Preise ab dem 1.März gelten würden.

Man darf vermuten, dass Díaz-Canel mit Moskauer Vorwürfen überschüttet wurde. Putin genügt es nicht, dass man zustimmt; man muss sich ihm fügen. Seine Leute sind nach Havanna gekommen um Rechenschaft zu fordern, und die törichten Funktionäre der Kommunistischen Partei wollten zunächst das tun, was sie am besten können: einen Aufschub erreichen und neue Fristen verhandeln, nur, um schließlich vor dem mächtigen Gönner zu kuschen.

Vor der Augen der Bürger scheinen sich die Russen in jede Ritze des kubanischen Lebens einzuschleichen. Die zwischenstaatliche Kommission, die Titow leitet, prüft und trifft Vereinbarungen in so unterschiedlichen Bereichen wie Wirtschaft, Finanzen, Energie Transport, Landwirtschaft, Kommunikation, Gesundheit, Schulbildung und Tourismus. Obwohl keines der beiden Regime es zugibt, die Anwesenheit von kubanischen Söldnern, die bei der Invasion der Ukraine für Russland kämpfen, vertieft die Verbindung zwischen Castroismus und Putinismus.

Die offizielle Presse der Insel hat das Drehbuch übernommen, das der Kreml seinen nationalen Medien aufzwingt. Hier wie dort werden keine russischen Niederlagen veröffentlicht, der Name von Wolodimir Selenski darf nur zusammen mit schlimmsten Adjektiven erwähnt werden, und die Invasion ist nur eine „Spezialoperation“, damit das russische Vaterland das zurückerhält, was ihm gehört, und was man ihm genommen hat. Die Publikationen von „Sputnik“ und Granma“ ähneln sich von Tag zu Tag mehr. Zwischen „RIA Nóvosti“ und „Prensa Latina“ gibt es kaum noch Unterschiede, wenn es sich um Berichte über Europa oder die Vereinigten Staaten handelt.

Beide Regime haben in den letzten Jahren ihre Reden synchronisiert, haben politische Beiträge in mehreren Punkten aufeinander abgestimmt und so die gegenseitigen Beziehungen gestärkt, manches offen, anderes unter dem Deckmantel der Geheimhaltung. Aber Kuba ist ein kleines Land, eine Insel mit wenig natürlichen Ressourcen und einer Wirtschaft, die von Ineffizienz und schlechtem Management zugrunde gerichtet wurde. Sich so weit an die russische Gier anzunähern, ist ein gefährliches Unterfangen, weil Russland von seinen Verbündeten viel mehr verlangt als Händeschütteln und protokollarische Besuche.

Zu jener gehorsamen Unterwerfung gehört es auch, als Sprungbrett für Kampagnen mit Desinformation zu dienen, und auch als eine Brücke nach Lateinamerika, damit Putin sein Ansehen rein waschen und die Solidarität mit Kiew untergraben kann. Der Kreml gewährt keine Unterstützung, ohne im Gegenzug etwas dafür zu verlangen; es sind Zeiten mit direkten Anfragen und maßlosen Forderungen.

Wenn Moskau das Schiff verlässt, dann mit reinem Tisch. Manchmal machen seine Panzer ein Land dem Erdboden gleich, ein anderes Mal vernichten sie es mit ihrer Desinformation und ihren Anpassungen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Díaz-Canel musste bis nach Cauto Cristo gehen, um ein Bad in der Menge zu nehmen

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Auf Bildern im Fernsehen beeilt sich Díaz-Canel die Hände auszustrecken, eng umgeben von Sicherheitspersonal. (Screenshot)

Er kneift die Augen zusammen, macht einen kleinen Sprung nach vorne und legt die Hände auf die Brust. Miguel Díaz-Canel nimmt hier nicht an einem mystischen Ritual teil, sondern steht vor Fernsehkameras, die über seinen Besuch in Cauto Cristo berichten, einem Ort in der Provinz Granma. „Es war, als hätte ich den göttlichen Fidel gesehen“, ruft eine Señora in Trance, „mir standen die Haare zu Berge“. Ihr folgt eine andere Frau, die versichert, dass das Kommen des ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei ein „Gottesgeschenk“ wäre, und ein „Segen“ für eine Gemeinde, die Funktionäre und nationale Medien vergessen hätten.

Das Fernsehen zeigt, wie der Regierende sich beeilt seine Hände auszustrecken, Kinder zu umarmen und anzumerken, dass er hier zu Fuß wäre. Er tut dies in einem Moment, in dem seine Popularität sehr negativ beurteilt wird, wenngleich vertrauenswürdige Umfragen dazu fehlen, die seine Unbeliebtheit mit Zahlen belegen. Er ist hergekommen, um die armen Bewohner zu überzeugen, dass man „mit öffentlicher Beteiligung nach Lösungen suchen könnte, die die Kubaner so sehr benötigten“, so Díaz-Canel in einer Videoaufzeichnung.

„Díaz Canel, wir beten dich an, mein Sohn, wir beten dich an!“, schreit eine enthusiastische Frau, als die Prozession an ihr vorbeizieht, und vervollständigt so die Mystik des Moments. Ein Gemälde hat eine geplante Komposition; hier ist es ein Altarbild, vorbereitet für die Verehrung und somit jenseits aller Kritik. Das Bild zeigt keine Risse: der Ort, die Bezeugungen und die Worte der Bürger sollen vor Hingabe und blindem Glauben strotzen. Es gibt keinen Raum für Zweifel; eine von oben kalkulierte abgöttische Verehrung wurde zu einer plumpen und fanatischen comparsa*), bei der es nicht einmal mehr darum geht, was real ist und was nicht, sondern um die Aufführung eines Theaterstücks, dessen Handlung absolut grotesk ist.

Wenn sich der Staubwolke verzogen hat, die die offizielle Autokarawane aufgewirbelt hat, dann wird die alltägliche Misere weiter gehen, die die Tage in Cauto Cristo prägen. Die Señora, der “ die Haare zu Berge standen“, wird sich bitter darüber beklagen, dass der Reis nicht rechtzeitig zum rationierten Markt gekommen ist, und ihre „inbrünstige“ Gefährtin wird sagen, dass dies geschah, weil „der Präsident davon nicht unterrichtet war“, und die junge Frau, die wie ein Maschinengewehr redet, organisiert gerade ihre Abreise aus Kuba, mit Unterstützung eines Bekannten in Miami.

Gekleidet wie ein vermuteter Erlöser, auf Díaz-Canel warten nur die „Nägel“ der öffentlichen Ablehnung. In ein paar Tagen wird es in Cauto Cristo keine zusammen gekniffenen Augen mehr geben und keine zur Brust geführten Hände. Anstelle von Lobreden wird man Beleidigungen und Spott hören, vor allem aber jenes derbe Schimpfwort, mit dem der Regierende in die Geschichte der Insel eingehen wird. Kein offizielles Medium wagt es, diesen Beinamen zu erwähnen. Wenn Kubaner das Wort mit den sechs Buchstaben aussprechen, dann tun sie es nicht in einem Ton von Verherrlichung, sondern von Abscheu…ziemlich sicher.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzers: Bei spanischen Festen und im kubanischen Karneval ist eine comparsa eine Gruppe von Tänzern und Musikern.

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„Diese Art von Mitteilungen mache ich üblicherweise nicht“

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Aus Angst rechtfertigen sich manche Kubaner im Voraus für das, was sie veröffentlichen werden.(14ymedio)

Als ich jung war fingen Briefe immer so an: „Ich hoffe, dass der Brief ankommt“. Heute weisen viele Kubaner schon in der ersten Zeile darauf hin, dass “ sie üblicherweise keine solchen Mitteilungen machen“. Beide Briefanfänge versuchen eine Verbindung zwischen dem Schreiber und seinem Leser herzustellen; aber die verwendeten Formeln trennen nicht nur Jahrzehnte, sondern auch die Absicht. Die eine ist nur ein Klischee, die andere ein Ausdruck von Angst.

In Kuba wurden so viele schon auf die eine oder andere Weise betraft, wenn sie sich freimütig in den sozialen Netzwerken äußerten, und deswegen gibt es eine weit verbreitete Angst sich öffentlich zu beschweren, ein Medikament nachzufragen, oder von staatlicher Nachlässigkeit zu berichten. Die Leute spüren, dass sie sich schon im Vorfeld entschuldigen sollten, wenn sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, wenn sie verlangen, dass Läden mit Lebensmitteln beliefert werden, oder dass man die Toiletten in einem Krankenhaus reinigt. Die meisten Internet-Nutzer glauben, der Obrigkeit ihre Reverenz erweisen zu müssen, damit klar und deutlich wird, dass sie nur im Extremfall auf ein solches Vorgehen zurückgreifen, um damit ihren Ärger und ihre Verzweiflung kund zu tun.

Sie wollen sich aber auch von Aktivisten, unabhängigen Journalisten und Oppositionellen distanzieren, die das Internet als virtuellen Raum nutzen, um auf ihre Aktionen, Informationen oder Plattformen aufmerksam zu machen. Den „Inquisitoren“ der politischen Polizei, die das Netz überwachen, soll klar werden, dass der fragliche User gegen die Vorschriften verstoßen hat, indem er diesmal seine Meinung publizierte, aber nur dieses eine Mal. Wenn also irgendein „Arbeitskollege“ auf Facebook schaut, um die Mitteilung zu lesen, dann wird er vermuten, dass dieser Beitrag aus Dringlichkeit gepostet wurde und nicht zu einer Gewohnheit werden wird.

Die Botschaft richtet sich auch an Andere. Sie sollen wissen: wenn das Problem gelöst ist und der Unwille des Users abgeklungen ist, dann wird er auf Facebook nur noch Familienfotos, verbandelte Herzen und Promi-Klatsch posten können. Es soll kein Zweifel daran bestehen, dass es für ihn keine Möglichkeit mehr geben wird, sich politisch zu positionieren und sich abtrünnig zu verhalten, und noch weniger, dass er zu einer digitalen Führungsperson wird, die andere User um sich schart und Funktionäre und Parteiführer in den Schatten stellt.

Dass “ ich üblicherweise keine solchen Mitteilungen mache“, fasst kurz zusammen, dass wir bei unseren eigenen Worten erschrecken. Diese Formel ist mehr als ein Gemeinplatz, sie verewigt den Knebel, den sie uns angelegt haben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die Angst der Kubaner vor dem wirtschaftlichen ‚Paket‘ der Regierung

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Zu Weihnachten trauten sich nur wenige Kubaner zu sagen, dass das kommende Jahr besser werden würde. (14ymedio)

Wenige Girlanden, spärliche Weihnachtbäume und wenig öffentliche Begeisterung kennzeichneten die letzten Tage des Jahres 2023. Abgesehen von gelegentlichen Festen, war die Stimmung im Dezember mehr von Unsicherheit als von Feiern geprägt. Zu der langen Wirtschaftskrise und einem massiven Exodus gesellte sich noch die Angst vor einem wirtschaftlichen ‚Paket‘, das die Behörden für 2024 angekündigt hatten.

Obwohl der Regierende Miguel Díaz-Canel schon versucht hat, die Gerüchte in Zaum zu halten und versicherte, es würde sich bei den Kürzungen nicht um einen „neoliberalen“ Prozess handeln, so wissen wir doch alle, dass kubanische Führer in Bezug auf Begriffe ihr eigenes Glossar verwenden. Jahrzehntelang hat man Arbeitslose als „verfügbare Arbeitskräfte“ bezeichnet, ein fast liebenswerter Euphemismus; die Wirtschaftskrise in den 90-er Jahren bekam das Etikett „Spezielle Periode“; und dem Sturm von 1968, der alle privaten Geschäfte beschlagnahmte − einschließlich der Kästen der Schuhputzer − gaben sie die heroische Bezeichnung „Revolutionäre Offensive“.

Bei ihrer Vorliebe Dinge selbst zu benennen, gefällt es den kubanischen Behörden überhaupt nicht, wenn ihnen jemand dabei zuvorkommt, und den Phänomenen und Ereignissen der kubanischen Realität einen anderen Taufnamen gibt. Im Parlament dauerte es daher nur wenige Minuten, bis der Premierminister Manuel Marrero begann, die wirtschaftliche „Anpassung“ zu erklären, die im neuen Jahr kommen wird. Damit sollte sich das ‚große Paket‘ (sp. paquetazo) in den sozialen Netzen und den Instant-Messenger-Diensten verbreiten. Es handelt sich um sozial-politische Einschnitte, die einerseits Subventionen kürzen und andererseits die Preise erhöhen werden.

Diese Aktionen könnte man als „Absturzplan“ bezeichnen, ein Wort, das die offizielle kubanische Presse gern benutzt, wenn sie über andere Länder spricht. Was im Großen und Ganzen auf uns zu kommt, ist eine Preiserhöhung für Produkte und Dienstleistungen und ein Ende der subventionierten Grundnahrungsmittel. Im Anschluss an die Erläuterungen von Marreo haben mehre Funktionäre versichert, dass das „Bezugsbüchlein“ für den Einkauf im rationierten Markt nicht abgeschafft würde, ohne allerdings zu garantieren, dass es – nach 60 Jahren seiner Existenz – auch weiterhin allen Konsumenten zugänglich bliebe.

Das ‚Paket‘ beinhaltet auch eine Erhöhung des Strompreises um 25%, was die 6% der Wohnungen mit dem höchsten Verbrauch betrifft, und Kraftstoffe müssen Touristen in Zukunft mit Devisen bezahlen. Die Kosten für die Versorgung mit Trinkwasser wird sich für diejenigen Haushalte verdreifachen, die keinen Wasserzähler haben; der Preis für einen Zylinder Flüssiggas wird um 25% steigen; und es gelten auch neue Tarife für den öffentlichen Nahverkehr. Außerdem kündigte Marrero eine Revision der Zahl der Personen an, die aktuell auf der staatlichen Gehaltsliste stehen, was auf eine Reduzierung des Personalbestands hinweist.

Es ist offensichtlich, dass es sich in Kuba um eine Gesellschaft handelt, in der man Wohlfahrt, verordnete Gleichheit und den rationierten Markt nicht nur als Mechanismen zur Verteilung von Produkten und Gütern verwendet, sondern auch als eine Form von sozialer und politischer Kontrolle. Die Ankündigungen im Parlament machen nicht nur dem kleinen Mann Sorgen, sondern auch den Funktionären. Während man in den Häusern eine deutliche Preissteigerung für Produkte des täglichen Bedarfs befürchtet, vermutet man in den klimatisierten Räumen von Institutionen und Ministerien eine Zunahme von öffentlichen Protesten oder eine ansteigende Emigration, die den Arbeitsmarkt hart treffen würde, vor allem im Bereich Facharbeiter.

Es herrscht dicke Luft. Die Unsicherheit der Kubaner zeigte sich am Jahresende darin, dass es weniger Feiern und spärliche Weihnachtbäume gab. Wenn man einem Freund oder Bekannten auf der Straße begegnete, dann traute man sich nicht einmal, einen der heute üblichen Wünsche zu sagen. Denn, dass 2024 „ein besseres Jahr“ werden würde, ist eine sarkastische Prognose.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Weihnachten in Kuba, geteilt in „hier“ und „dort“

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Am Ende des Jahres verbringen viele von uns Insel-Kubanern die Feiertage mit denen, die emigriert sind. (14ymedio)

Es ist die Zeit sie auf den Fotos zu sehen, die sie auf WhatsApp geschickt haben. Sie sind auf einem Platz, lächeln, und sie haben einen Weihnachtsbaum auf dem Rücken. Manchmal sitzen sie an einem Tisch mit vollen Tellern, leuchtenden Kerzen, perlenden Gläsern und bunter Dekoration. Am Ende dieses Jahres verbringen viele von uns Insel-Kubanern die Feiertage mit denen, die emigriert sind. Wir atmen erleichtert auf, wenn wir daran denken, dass sie dieser Hölle entkommen sind.

„Gebratene grüne Bananen (sp. ‚Tostones‘) oder Maniok-Pommes (sp. ‚Yuca‘)?“, fragt eine Nachbarin ihren Mann zum Menu an Heiligabend. Nach der Emigration der beiden Töchter sie sind allein; sie versuchen die Tradition zu erhalten, und wollen − trotz ihrer Situation − den kommenden Sonntag mit der Familie zu feiern. Das Problem ist, dass sie in Kuba keine Angehörigen mehr haben, die sie zum Abendessen einladen könnten, keine Enkel, die sie beschenken könnten, und auch keine Kinder, um zusammen mit ihnen für 2024 zu planen. Sie fühlen sich so einsam wie der Stern, der oben am Weihnachtsbaum leuchtet.

„Es ist mir völlig egal, wenn es nur wir beide sind und sonst niemand“, antwortet er auf ihre Frage nach den Optionen für das Menu. Er ist in Rente; früher hat er das verteidigt, was er heute verächtlich „diese Sache“ nennt. Er weiß, dass der letzte Sommer nicht wiederkehren wird, als er 79 Jahre alt wurde, seine Töchter, Schwiegersöhne und Enkel bei ihm waren und jemand einen Schnappschuss machte, der nie wieder möglich sein wird. Valencia, Miami und das kalte Stockholm sind ihre neuen Wohnsitze; noch vor ein paar Monaten posierten sie auf dem Foto zusammen mit ihm, einem Kuchen, einigen Dosen Bier, und dem Negrito, dem alten Familienhund.

Seit Wochen lächelt das Paar nur noch, wenn seine Frau − technisch versierter als er −in Eile zu ihm kommt, um ihm zu sagen, „die Mädchen“ (ihre Enkelinnen) hätten ihr geschrieben, eine wäre gut in der Schule und die andere hätte neue Freundschaften geschlossen. Sie wird emotional, wenn sie erzählt, wie glücklich der Mann ihrer älteren Tochter ist, „Hamburger zu braten und zum ersten Mal eigenes Geld zu verdienen“, obwohl er in Kuba Ingenieur war. Wenn Nachbarn sie fragen, dann antwortet sie immer: „Also, es geht ihnen sehr gut, und wenigstens sind sie nicht mehr hier“.

„Hier“ ist der Ort, wo die zwei alten Leute am kommenden Sonntag die Tischdecke auflegen, die die Großmutter bestickt hat, vor zehn Jahren ist sie gestorben. Sie werden die hohen Gläser nehmen und auch die Porzellanschüssel mit dem intensiv blauen Blumendekor auf den Tisch stellen. „Hier“ entkorken sie eine Flasche Cidre, die ihnen ihre jüngere Tochter geschickt hat; sie werden bedächtig essen, sich Anekdoten erzählen, wie ihr ältester Enkel bei seinen ersten Gehversuchen auf die Nase fiel, oder wie einer ihrer Schwiegersöhne einen Motorradunfall hatte. Dann gibt es den Nachtisch, sie lassen die Gläser klingen und betrachten noch einmal die neuesten Fotos, die von „dort“ gekommen sind.

„Dort“ wissen ihre Enkel mittlerweile und zum ersten Mal was Heimweh, Schnee und kulturelle Vielfalt ist. Vermutlich machen sie Selfies vor hell erleuchteten Schaufenstern, versuchen dreimal am Tag „die alten Leute“ auf der Insel anzurufen, aber die miserable Qualität des kubanischen Internets macht ihre Wünsche oft genug zunichte. „Dort“ treffen sie sich mit Freunden, begegnen anderen Leuten, lernen eine andere Arbeitswelt kennen und stehen die Schwierigkeiten für Neuankömmlinge durch. Das „dort“wurde zu ihrem „hier“.

In Kuba sind sich die Großeltern darin einig, dass man sie nicht beunruhigen sollte. “ Sie sollen uns nicht traurig sehen“, sagt sie. „Sie sollen sich um uns keine Sorgen machen“, stimmt er bei. Um alle Bedenken zu zerstreuen, werden sie am Heiligabend Musik hören, ein kurzes Video aufnehmen, während sie eine Flasche öffnen, den Negrito schlafend in einem Sessel zeigen, und eine Woche später weitere Bilder hinzufügen, wie er einen Eimer Wasser vom Balkon schüttet, damit das neue Jahr ein besseres Jahr wird.

„Hier“, alles ist darauf ausgerichtet, die nicht zu verunsichern, die weggegangen sind. Sie sollen die Einsamkeit nicht bemerken, unter der tausende, hunderttausende Kubaner leiden. Meine Nachbarn wollen nicht, dass ihre Töchter sie sehen, also ob sie das letzte Rettungsboot verpasst hätten. Von „hier“ kommt es darauf an, den Auswanderern Mut zu machen und mit ihnen zu leben, mit den Fotos, die sie von „dort“ auf WhatsApp schicken.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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