Vom Minnesang über Anrufbeantworter bis hin zum Internet…
Früher. Ja da war alles noch anders. So richtig anders. Die Liebe – also die wahre Liebe, die blieb unerfüllt. Männer und Frauen wurden verheiratet, standesgemäss verschachtelt sozusagen; auf die Liebe nahm man dabei eher wenig Rücksicht. Was blieb also übrig, wenn eine Frau begehrt wurde, die schon einem anderen versprochen ward? Man konnte ihr sein Leid, sein Herz zeigen, all den Schmerz und die Liebe der Angebeteten vortragen in der Gewissheit, dass sie niemals erhört werde… welch rosige Aussichten! Und so einfach war das auch gar nicht, man konnte nicht den Telefonhörer oder das Handy in die Hand nehmen und die Dame des Herzens einfach anrufen. Nein, man musste sein Pferd holen, und weite Strecken zurücklegen, ein Lied schreiben, ein Instrument beherrschen, und dann durfte man, wenn man Glück hatte, sein Lied vortragen. In ewiger Liebe… unerfüllt.
Ich selbst kann mich noch erinnern an die Zeit, in der es noch nicht mal den Anrufbeantworter gab. War man nicht daheim, war man nicht da. Fertig. Wer mich erreichen wollte, hatte entweder Glück, rief öfters an oder schrieb im Notfall einen Brief. Ja genau, wir schrieben Briefe! Mit der Hand! So leserlich, dass der andere sie noch entziffern konnte. Was zur Zeit des Minnesangs noch Monate dauerte, war mit der Post bereits in wenigen Tagen möglich. Oder wenn ich Glück hatte, sogar telefonisch. Ab und zu. Wir hatten ja einen Viertelanschluss…
Und dann – die Revolution! Das Handy war geboren! Riesengeräte, zuerst mal nur fürs Auto. Wer noch immer Festnetz zu Hause hat, weiss wovon ich spreche, wenn ich gross meine. Ja, die Autotelefone waren im Prinzip nichts anderes als tragbare Festnetztelefone, die man im Auto befestigte. Auch in der Grösse nicht unterscheidbar. Dann das erste Handy: wer heute sagt, das iPhone sei gross und unhandlich, der kennt nicht die ersten Handys, die alles andere als „handy“ waren. Aber, tragbar. Mitnehmbar.
Als schliesslich die Handys an Grösse und Gewicht verloren und mit Mobilbox und SMS-Funktion ausgestattet wurden, war sie vorbei, die Zeit der Zeit. Von nun an musste man nie und nirgends anwesend sein, um erreicht werden zu können. Und die Zeit? Von Wochen über Tage zu Sekunden. Immer wieder erlebe ich empörte Menschen, die eine Wartezeit auf eine Antwort (SMS oder Mail) über 2h schon als Frechheit empfinden. 1 Tag? Um Himmels willen, da überlegt so manch einer schon, die E-Mailbeziehung wieder zu beenden…
Kann die Liebe denn mit mit dieser Entwicklung? Hat die Liebe es ebenso eilig wie die Kommunikation und hat sie dem Tempo der Zeit standgehalten und kann jetzt auch innerhalb von Stunden oder gar Minuten (er)kennen – ist es so, dass die langsame Entwicklung, das Wachsen der Liebe sich an den Geist der Zeit angepasst hat und dementsprechend schneller geht als noch vor einigen Jahren?
Ich persönlich glaube, dass wir – ganz im Geist der Zeit – die Liebe zu beschleunigen versuchen. Wir bauen Illusionen, so, wie uns das das Fernsehen und die digitale Welt vormachen. Die Bausteine, die wir vom Gegenüber (noch) nicht kennen, ersetzen wir einfach mit dem, was wir gerne hätten und sind fest davon überzeugt, dass das auch so ist. Und dann? Dann sind wir entsetzt und entrüstet, wenn sich der andere erlaubt, nur einen Zentimeter von dieser Vorstellung abzuweichen.
Warum? Weil durch die „klein“ gewordene Welt Nähe so einfach scheint. Weil wir durch SMS und Mails, durch Telefonate und Chats die Illusion haben, unser Gegenüber immer bei uns zu haben, Nahe zu haben – wir kompensieren die in Wahrheit fehlende Nähe mit der Scheinnähe der Technologie. Jeder Kontakt über die digitale Welt ist fast wie ein „Besuch“ – früher musste man sich für sowas tatsächlich treffen – im echten Leben. Das Kennenlernen dauerte viel länger, war dafür aber immer ein Erlebnis des ganzen Menschen, der 100%, die ihn ausmachen. Wer früher jemanden 4 Wochen lang kannte, kannte eigentlich noch nicht viel, man hatte sich halt ein paar Mal getroffen. Heute? Hat man sich auch ein paar Mal getroffen, hat auch noch 106 SMS geschrieben, 654 E-Mails versendet, 35 x telefoniert und in Facebook sowieso das ganze Leben schon 18 x durchgecheckt. Jahre der Information in 10 Minuten durch die Leitung. Nur wer tatsächlich Gegenüber ist, kann man in Wahrheit nur erahnen…
Fazit: Auch wenn wir noch so schnelle Technologien bauen, die Welt digitalisieren und somit die Kontinente auf 17 Zoll Bildschirme bringen… die Liebe braucht, was sie braucht um zu wachsen: nämlich viel Zeit! 🙂
