Passagen der Endlichkeit

Vitrine eines Fleischers in Ankara

Ankara, Juni 2025

Unvorbereitet auf das Innerste auf Haken nach außen getragen,
im Markthallenatem aus Pansen und Erdbeeren,

ehemals rotpulsierend, noch immer rot, rot, weiß,
muskelfasrig, fettschichtig, in der Auslage nicht ausgelegt, aufgehängt,

aber ausgelegt die Reste unter Klarsichtfolie in Styroportassen.

Und gleich daneben das Leben in Frucht um Frucht der Erde,
noch nicht welk
nur etwas lauwarm,
gut gewählt bevor gewogen und bemessen und heimgetragen und am Ausgang vorbei bei

Markthalle mit frischem Obst und Gemüse

am Ausgang vorbei bei, an einem
Wimmelbild
aus den Kleinsten;

Hühnerflaum neben Entenflaum, Krallen neben Schwimmhäuten,
aneinandergedrückt oder über die Grenzzäune springend, so oder so,
Scheiden tut weh. 

Moterölherz, dreh dich.

Heart of Antalya, Riesenrad. Schwarz-Weiß

Antalya, Juni 2025

Staubwarm, über den Parkplatz (Leere) geht der Wind,

zu weit vom Meer als dass er Salzwasserduft,
als dass er Abkühlung,
als dass er das Freiheitsversprechen der Quallen,

zu weit auch für alle anderen, die nicht hier her kommen,

in den Aktur Park, zu nahe an der klimatisierten Mall,
hier dämmern nur die Parkwächter in den Nachmittag.

Es liegt das Versprechen von Vergnügen am aufgeheizten Boden und
in den bunten Fassaden der Fahrgeschäfte.

Plüschbären in einer Vitrine

Hinter Glas und
hinter Plastik pressen Bären Liebesschwüre und die Plüschschnauzen gegen die Scheiben,
geduldig wartend auf die, die sie freischießen sollen,
daneben
stützt Captain Jack Sparrow den türkischen Himmel,
ein Goliath aus Fiberglas, und dennoch klein neben dem
Heart of Antalya, dem Riesenrad, ocean view,

Und überhaupt: das Herz steht still.

Eine riesenhafte Statue von Capitain Jack Sparrow im AkturPark

Nenn mich Freiheit

Auf der Straße fünfhundertvierer Peugeots mit Westdeutschlandplaketten und Fatimaaugen
Chinesische Motorräder chromstark und auch Männer in breiten Schlapfen an den Zehen, schlapf schlapf nicht zu hören weil
die Moschee mit dem Muezzin
die Hupdichte und das Motorknattern der Zweiräder; dazwischen:

ein Grauschimmel,

unstet aber nicht kopfscheu
nickend neben den Gefährten und den Kalesch-Mären mit ihren bitter gekräuselten Mäulern.
Er schrittet dahin,
kein verhetzter Trab notwendig.
Als dann doch Männer nach seiner Mähne greifen
und seine Stirn berühren,
folgt er, als sei es ohnehin sein Wille gewesen,
weil Augenblicke vor dem Fastenbrechen.
In der Nebengasse
steht schon
die Tafel für die Wenighabenden
liegen schon
die Fladenbrote und
sitzen schon
die Alten
die Hände
ineinander gefaltet und in der Nase Abgase und Koshari.

Das geht der Grauschimmel an ihnen vorbei und an den Winkeln ihrer Augen leuchten Erinnerungen auf an damals einmal.

Namen in die Unendlichkeit kratzen

Grabwandbemalung

Das was geblieben ist, liegt hinter Glas, bunt
und in die Wände geheiligt,
es greifen trotzdem welche hin,
weil sie es unter den Fingern spüren wollen,
das Ewigalte,
so wie früher,
die eigene Endlichkeit
musste
hineingeschrieben werden in die Tausendjahre,
die schon bestanden.
Um sich selbst dazulassen.
Um sich selbst weiter
zu
leben,
auch wenn am Schluss nichts mehr bleibt,
als ein Name,
W. Walling;
Carmelo Bonello 1835,
darunter gerötelt die neue alte Religion im Allerheiligsten von
Ramses IV.

Asiatische Reisegruppe beim Modell des Karnak-Tempels

Am Parkplatz Wummern,
Klimaanlagenschwanger, davor noch Papyrusverlauf und Artefakte aus den Gräbern mit Kühlschrankmagneten.
Oberarmampeln die von Sonnenstunden berichten und zu wenig LSF, aber nun mit Tutanchamunmaske für daheim, wo es in der Diele,
Oder im Fernsehkasten
Oder über dem WC
Eines von Vielen
Er-Innerlichungs-Attributen, die bleiben,
Wenn der Sonnenbrand vergangen ist und die Häutung stattgefunden hat.

Der Abend herbeigesehnt bei den einen weil zurück im Klimaanlagenzimmer und von den
Anderen
Weil endlich 18:11 und die Dattel
Und der Schluck Wasser
Und die Falaffel im Fladenbrot mit –
Begleitet vom Süßen
Ruf der Muezzine, ein gleichzeitiger Anhub der Stimmen im Staubabend
Und das Gehupe wird zum mezzoforte
Und den Mähren werden die Fesseln wundgebunden
Und die Kinder auf den Schoß genommen
Der Abend regelt die Nacht.

Bis 4:20 dann bricht der hungrige Tag wieder ein.

Knirschen unterhalb des Zwerchfells

Sand
Zwischen den Zehen aber ohne Meer,
dafür mit Socken und
Kilometern unter den Sohlen
Und am Nil warten die Feluken mit ihren Männern auf
Rotnackige
Spaghettishirtträger•innen,
kurzärmelig, kurzhosig
Aber ein Hut mit langer Krempe
Oder Schals mit Hieroglyphen-Print
(Zur besseren Markierung)
In absätzigen Damenschuhen oder
Turntretern,
je nachdem
ob Insta oder nicht.
Wassertanks in den Rucksäcken und
niedergedrückt
von der Hitze, die man daheim so herbeigesehnt hatte.

Menschen verlassen die öffentliche Fähre

Zwischen den Banenplantagen am Weg hinüber zur Nekropole
zwischen grünen Bienenfressern
und Wiedehopf und Ibis,
zwischen Männern auf bunten Traktoren mit Zuckerrohrladungen
Und dort
Frauen am Feld neben
Vogelscheuchen
aus alten Stoffen lebendige Silhouetten
Sie grüßen
Alabasterfabriken und Menschen im Schatten

Ermattet fastende Häufchen Kind oder Großvater oder Hund,
alles unter der Sonne wird oberflächenerwärmt.

Taxi

Taxi

Tax

xx

x

x

Zu weit der Weg im Staub hinauf in die Nekropole!
Zu heiß die Sonne!
Zu schlecht für das Geschäft, die Gehenden.

Taxi

Wofür ist sonst die Zeit da, wenn nicht für das Spüren, das Kauen am Sand in den Mundwinkeln
und Wimpernkränzen.

Wenn der Abend im Morgen hängt

Tagesan
Bruch
Spatzen, Hunde auf Autodächern
schlafend, zusammengeringelt gegen die Nachtkühle.

In der Stadt liegt Staub auf den Rollbänken der Läden,
aus einer Bäckerei kommt der Süßgeruch
von frischem Fladenbrot und Mehlstaub
und im Bauch des Ofens wachsen
die Fladen zu Ballons,
manche fangen
Oberflächenfeuer.
Einige Mechaniker sind wach und lehnen an Wägen mit deutschen Kennzeichen
unter den ägyptischen. Zu Schrauben
und Reparieren gibt es immer etwas in Kairo.

Die Geschäfigkeit wächst mit den Morgenstungen.
In den sortenreine Nachbarschaften:
Eseln vor Karren oder Buben vor Karren.

Es reibt sich die Lautstärke
an der Körperlichkeit,
Ellenbogen schlagen an Ellenbogen
und Seitenspiegel,
am Boden liegt durch die Presse gedrehtes Zuckerrohr
und die trockenen Außenschalen des Knoblauchs.

Die Ware wächst nach oben, auf Seilen und Gerüsten hängt Kleidung, hängen Schuhe, hängt Spielzeug, dann wieder sind die Gassen enger, die Böden aufgebrochen von den vielen Schritten.
Es ist Ramadan.
Fastende Mägen kaufen Essen für das ifṭār,
ein Vorfreudengefühl.

Goldglanz und Spinnenbeine

Mein rechter Schuh klebt am Boden.
Der Teer ist aufgebrochen von der Hitze,
oder ist es ein Kaugummi,
gleich neben dem Stern von Houdini
oder Mickey Maus.


Einer hat einen Python um den Hals für Bilder und
ein Anderer ist Capitain America,
abwärts glänzen Plastik-Oskars für den besten Dad oder die beste Mom hinter verstaubten Scheiben und einer trägt seine Musik mit sich die Straße hinunter,
Beschallung um gehört zu werden,
in einer Stadt,
in der so viele gehört werden wollen.

Marilyns Hände waren gleich groß wie meine.
Aber in Johnny Depps Schuhe,
würde ich mehrfach passen,
Betonerinnerungen vor Sid Graumans Theatre.
Zehn Meter weiter liegen zwei Männer an der Hauswand mit offenen Wunden und Fingern, die Spinnen von Armen und Beinen und aus Ohren wischen.
Sie sitzen fest…
:
:
:
:

Wie Elote in der warmen Nachmittagssonne

Zwei Highschool Mädchen in traditioneller Tracht mit weißer Bluse, bunten Röcken undgeflochtenen Haaren tanzen auf der Bühne.

Es ist Hispanic Heritage Month und bunt sind die Kleider,
die Bewegungen
der Highschool-Students
in der warmen Nachmittagssonne
von Traditionen gehalten,
eingraviert in ihre Haarlinien und in die Gesichter im Publikum.


Neben der Bühne am Grund des Santa Maria Fairparks werden weiße Säcke
mit Hygieneprodukten
und mit Kindergewand
und mit Buchpaketen
an die Familien verteilt,
außerdem gibt es Churros und
Elotes, dampfende Maiskolben in Mayo und geriebenem Käse, darüber Chillisauce, gegessen bevor sie auskühlen
in der warmen Nachmittagssonne.


Am Goleta Lemon Festival sind keine Elotes zu finden, aber Zuckerwatte und
Zucker mit frisch gepresster Lemonade,
überwacht von zwei Pferden und den Männern auf ihren Rücken.

Chowder oder Burger, die Gesellschaft ist zweitrangig
und trotzdem weiß man sich was zu erzählen, vom vorletzten Pass, der das Spiel noch einmal
ins Laufen gebracht hat,
oder von dem Überholmanöver des RVs am Freeway vor zwei Tagen,
zwischen San Francisco
und San Simeon.



Zwischen Dünen und Altmetall

Tiffany ist ozeanblau und sandfarben, kupfergerahmt.
An Tiffanys Hals hängt ein dezentes Kreuz aus Gold.
Ihr Mund bleibt offen,
während sie überlegt,
was man in Guadalupe so tun könnte.
Eine unverschämte Frage von mir.
Es gäbe gutes mexikanisches Essen, die Straße runter. Sonst sei es eben ein kleiner Ort.
Sie verabschiedet uns freundlich,
eine Klingel geht an der Tür des Guadalupe-Nipomo Dunes Centers,
dann sind wir draußen.

Guadalupe riecht nach Dünger.
Von den Erdbeerplantagen her
rauschen die Plastikfolien der Gewächshäuser.
An den Kohlfeldern stehen Traktoren in Monokultur.

Über die Dünen streich das Meer hinweg,
feuchter Gischatem auf der Sonnenbrille, bis die Sicht verschmiert ist.
Am Strand baden Vögel im Süßwasserzufluss,
Medusenköpfe aus Kelp und Algen haben sich zu überdimensionalen Gebilden an den Strand gerollt.  

Körper in Neoprenanzügen hängen auf ihren Surfbrettern
am Pismo Beach
und warten auf die Wellen, die nicht recht kommen wollen.

Derweil ziehen Möwen Pismo Clams hoch in die Luft und lassen sie auf das Pier klatschen,
selten brechen die Schalen.

Am Autostrand stehen die Ram Trucks und Pick-Ups Tür an Tür,
drinnen sitzen Familien mit mitgebrachtem Essen in Tüten,
den Blick auf die Sonne,
die gerade noch im Meer sitzt,
bevor sie verschwindet.
Als Fernlichterketten
kriechen die Autoschlangen zurück zur Ausfahrt.

Im Haus unserer Pension stehen die gerahmten Bilder der Kinder, Highschoolstudents in Posen der frühen 2000er,
eingewandert aus Mexico City
und Mexico City mitgenommen in den Lichterketten und den goldgenagelten Couches, in den Plastikweintrauben an LED-Kandelabern und einem weißen Fliesenboden.
Über allem hängt der Geruch nach Raumerfrischer.

Mit der Dämmerung ist Guadalupe schlafen gegangen.
Nur nebenan bellt ein Hund, ein regelmäßiger Alarm der die Nacht vor denen warnt,
die es wagen,
doch noch unterwegs zu sein.