Liam: James Bond im Glashaus

Liam.

Ich fühle mich unwohl. Jedes Mal, wenn er morgens in den Bus steigt. Dabei hatte es heute fast so ausgesehen, als ob er ihn verpassen würde. Doch nein, dieser alte Mann da vorne mit dem Hund. Braucht einfach eine halbe Ewigkeit, um einzusteigen. Da hätte auch jede Schnecke es von der Ecke noch bis hier hin geschafft.

Gerade als ich wieder weggucken wollte, treffen sich unsere Blicke. Kims und meine. Keine Reaktion von ihm. Ich wende den Blick ab. Er geht mit dieser Frau an mir vorbei. M.o.n.i.k.a. Ich drehe meinen Kopf nach links und blicke ihr kurz hinterher. Presse meine Kiefer aufeinander und spüre ein Pochen an meiner Schläfe.

Dann setze ich mich wieder richtig hin und blicke rechts nur leicht aus dem Fenster, als der Bus los rollt.

Dass die mich auch nicht zuordnen können. Oder wieso grüßen sie mich nicht? Dabei sehen wir uns täglich im Bus und auf der Arbeit. Aber ja, so einen Werkstudenten, den muss man sich nicht merken. Oh, einen Werkstudenten am Empfang? Den noch viel weniger. Ist ja fachlich gar nicht drin.

Ich grummle verärgert, verschränke die Arme und stöpsle mir etwas Mucke in die Ohren.

***

Fünf Meter hinter Kim und Monika schlender ich, immer noch mit Musik in den Ohren, auf das Firmengebäude zu. Sieben Etagen voll kann MF sich leisten. Ein Tochterunternehmen, das sich um das Marketing der Mutterfirma kümmert. Werbung für die Produkte im Online- und Printbereich, Pflege und Analyse der Social Media Kanäle zur Formung der Außenwahrnehmung. Shitstorms können ganz schön hässlich werden, habe ich mal aufgeschnappt. Genauso wie VLog-Influencer nicht unterschätzt werden dürfen mit ihren Auswirkungen auf die Börse.

Aber wieso sollte ich so einem Influencer nacheifern wollen? Sind die wirklich so toll? Okay, ich meine, die, die Lets Play Videos hochladen, sind schon ziemlich cool. Da kann ich mir ja vorher das Game anschauen, ob es sich lohnt, dafür Geld auszugeben. …

„Guten Morgen, Liam!“, flötet Tanja mir von hinter dem Tresen entgegen. Meine Vorgesetzte. Sie arbeitet mich ein und ist für mich verantwortlich. Eigentlich hat sie immer ein Lächeln auf den Lippen und flötet freundliche Worte. Aber ein Mitstudent hat mir mal gesteckt, dass sie ganz schön fies werden kann, wenn man sie verärgert. Ich schlucke und richte mich instinktiv etwas auf. „Guten Morgen, Tanja!“ Ich versuche mich an einem Lächeln. Tanja kichert. „Ist noch zu früh für dich, was?“

Ich gehe um den rechten Tresen herum, hänge meine Jacke im nicht von außen einsehbaren Bereich auf, streiche mein Hemd glatt und setze mich neben Tanja auf den freien Stuhl. Wir haben zwei Tresen am Eingang mit jeweils drei Sitzplätzen für den Empfang. Zwischen den zwei Tresen ist ein Durchgang zu den Aufzügen für die oberen drei Etagen. Außen an uns vorbei geht es dann zu den Aufzügen für die unteren.

Es muss also jeder an uns vorbei. Reinschleichen geht nicht. Zusätzlich gibt es Security-Kameras und Security-Personal an den Aufzügen und am Eingang.

Bämm! Auch wenn’s nur hinter dem Tresen ist. Im Hemd und dunkler Jeans fühle ich mich hier wie James Bond. Ein wichtiger Job, niemand Unbefugtes vorbei zu lassen. Auf geht’s!

***

„Hast du gehört, Tanja? Die Big-Data-Analysten kriegen heute einen neuen Teamleiter für ‚Emotion‘. Da haben sich ja suuuper viele drauf beworben, haben ’se erzählt. Ist ja grad voll das Thema. Big-Data und so. Und dann auch noch für ‚Emotion‘. Wer sich da wohl durchgesetzt hat? Hach~“

„Ja. Thorben hat auf der Feier gestern von ihm erzählt und mir sein Xing-Profil gezeigt. Ein schicker junger Mann Mitte 30. Du wirst wahrscheinlich noch mehr schwärmen, wenn du ihn erst siehst. Ah, guten Morgen, Sonja!“ Tanja lächelt und dreht sich der großen braunhaarigen Frau zu. „Du bist aber früh dran. Wird es heute sehr geschäftig für dich?“
„Guten Morgen, Tanja. +seufz+ Ja, heute ist viel los. Und ich hab spontan noch einen Gast für das Kick-Off-Meeting für die neue Kampagne bekommen. Könnt ihr mir noch einen Besucherausweis fertig machen?“
„Klar, kein Problem. … Liam! Gehst du mit Sonja die geforderten Daten durch und machst ihr den Besucherausweis fertig?“

Monika: ein neuer Morgen

Monika.

Ihre langen schwarzen Haare zerzausen in der herbstlichen Böe. Sie fischt sich ein gelblich gefärbtes Ahornblatt heraus, wendet es kurz zwischen ihren Fingern und lässt es dann los, um ihm hinterher zu sehen, wie es davon fliegt und im Wind auf und ab tänzelt.

Sie geht einen Schritt zur Seite und lehnt sich an das Bushäuschen. Die Hände in den Taschen ihres Mantels vergraben. Sie summt leise einen Ohrwurm mit und schaut wartend die Straße hinunter.

Ob Kim es noch pünktlich schafft? Er ist heute aber auch spät dran! … Er kommt doch noch, oder? Oder mag er mir jetzt nicht mehr über den Weg laufen? … Eigentlich fand ich das ja ganz lustig gestern auf der Firmenfeier. Wir hatten doch alle zu viel getrunken.

Unruhig wechselt sie die Beinstellungen und knibbelt mit ihrer rechten Hand an einem losen Faden in der Manteltasche herum. Sie schaut schräg vor sich auf den Boden. Ihr Blick fällt auf den kleinen Dackel, der brav neben seinem Herrchen steht und keinen Mucks macht und auch nicht für Wirbel sorgt.

Gut erzogen, der Hund. Wenn ich da an den Hund meiner Schwester denke, benimmt sich ihr Hund wie ein Kindergartenhund. Hm. Sagt man das so? Nja, auch egal.

Monika blickt wieder auf und sieht die Straße entlang. In dem Moment erkennt sie Kim, wie er um die Ecke hastet. Direkt nach ihm biegt der Bus in die Straße ein.

Aaah, das wird knapp! Kim, renn! Beeil dich!

Der Bus bremst und hält an. Die Schulkinder hüpfen eilig hinein und hoffen, noch einen Sitzplatz in der letzten Reihe zu ergattern. Der ältere Herr mit dem Dackel hat erst etwas Schwierigkeiten, die Tritthöhe zu überwinden. Der Busfahrer lässt die Seite noch etwas mehr absinken und dann kann der Herr mit seinem Hund einsteigen, kramt noch etwas in seiner Tasche wegen seines Tickets und -.

„Moni! +keuch+ Ich hab’s noch geschafft!“ Er grinst sie mit einem ganz breiten Lächeln an und Monika fällt ein Stein vom Herzen.

Da bin ich aber froh! Er ist da. Er hat’s noch geschafft! Und er verhält sich so wie sonst. Ach, bin ich froh.