Land: Brasilien, Mexiko, Chile, Niederlande 2025 Spielzeit: 87 min. Regie: Gabriel Mascaro Mit: Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarrás, Adanilo Label: Alamode FSK: 6 – Ein Beitrag von Georgios Tsapanos

„Das tiefste Blau“, das ist zum einen das blaue Band des Amazonas, das sich durch den grünen Regenwald schlängelt. Auf ihm tuckert der in die Jahre gekommene Kahn des Schmugglers Cadu flußaufwärts. Er bringt die 77jährige Tereza an einen weit entfernten Ort, an dem die Regeln des Staates nicht viel gelten und wovon die rüstige Dame mit einem Flugzeug in das andere „tiefste Blau“, das des Himmels, eintauchen will. Der jüngste Film des brasilianischen Regisseurs Gabriel Mascaro ist erkennbar ein Road-Movie, nur dass die Straße ein Fluss ist. Alles andere ist gleich. Unterwegs lernen alle etwas, das Publikum natürlich inbegriffen.
Aber diese Utopie glücklichen Alterns inmitten der großen Natur beginnt als umso bittere Dystopie, weil Mascaro die Unmenschlichkeit zu Beginn derart beiläufig vermittelt. Tereza arbeitet in einer Alligatorenschlachterei. Gerade wird sie noch als lebendes Nationalerbe gefeiert, da bekommt sie auch schon ihren letzten Lohn, denn das Renteneintrittsalter wurde von 80 auf 75 Jahre gesenkt. Die Vormundschaft ist auf ihre Tochter übertragen, damit die sich aber nicht mit den Maläsen der alten Mutter belasten muss, soll Tereza in eine Kolonie der Alten, wovon es kein Zurück gibt. Das alles ist um die ein, zwei Grad ins Surreale gedreht, die das boshafte Konstrukt als solches erkennbar werden lassen, aber immer noch nah genug an einer möglichen Realität, dass einem kein wohliger Schauer den Rücken herunterläuft.
Es ist letztlich Terezas Wunsch zu fliegen, der sie aufs Wasser treibt. Denn der Versuch, ein Ticket zu kaufen, scheiterte am Widerspruch der Tochter. Also muss sie an einen Ort, an dem die Tochter erst gar nicht gefragt würde. Auch wenn es ein wenig weit hergeholt klingen mag, manches auf dieser Reise erinnert an Katharine Hepburn und Humphrey Bogart an Bord der „African Queen“. Wäre Regisseur Mascaro doch nur dabei geblieben. Aber er kompliziert die Reise in den Himmel, will zu viele Themen zu rasch abhandeln. Auch Drogen spielen bald eine Rolle, darunter das blaue Sekret einer Wasserschnecke, die auch das Cover ziert und die eigentliche Namensgeberin des Films ist.
Gabriel Mascaro scheint eine Parabel auf ein Brasilien im Kopf gehabt zu haben, das mehr das des neolibertären Ex-Präsidenten Bolsonaro als das des amtierenden Lula ist. Der vordergründig schätzende, tatsächlich aber erbarmungslose Umgang des Staates mit den Alten steht beispielhaft für einen Autoritarismus, der derzeit nicht nur in Südamerika fröhliche Urständ feiert. Ironischer Weise steht die Figur der Tereza, oder besser: die Figur der Tereza, wie sie von der großartigen Denise Weinberg gespielt wird, der Absicht des Regisseurs im Wege. Weinbergs Spielfreude und Charisma treten immer mehr in den Vordergrund, nehmen die ganze Aufmerksamkeit des Publikums für sich in Anspruch und verdrängen die Science-Fiction-Satire beinahe komplett aus diesem Spektrum – und damit auch die Schwächen des Films als Film.
Als Fabel hat „Das tiefste Blau“ einige Preise eingeheimst – darunter den Großen Preis der Jury und den Publikumspreis der Berlinale – und man tritt Mascaro wohl nicht zu nahe, wenn man darauf hinweist, dass all diese Preise mehr Denise Weinberg gelten als seiner filmischen Konzeption. Immerhin führt die Handlung Tereza zu einer areligiösen Nonne („von irgendetwas muss man ja leben“) und auf deren Hausboot wieder aufs Wasser, auf dem in Brasiliens naher schwarzer Zukunft das Glück der Erde zu liegen scheint.


















