Diagnose

Ich habe mich in Schweden gut eingelebt. Mein Leben verläuft in ruhigen Bahnen mit kleinen Höhen und wenig Tiefen. So hätte es unendlich weitergehen können.

Ende Mai war ich zum ersten Mal wieder in Deutschland. Die neun Tage waren voll verplant mit ein paar Treffen mit ganz lieben Menschen, aber vor allem mit sechs Arztbesuchen. Entgegen der Vermutung vieler ist das Gesundheitssystem in Schweden nämlich nicht so toll – zumindest was die Vorsorge anbelangt. Also hatte ich Termine vereinbart: großer Check beim Internisten, Augenarzt, Brust-MRT, Hautarzt, Zahnarzt und Frauenarzt.

Alles lief wie am Schnürchen, obwohl die Fahrerei und der enge Zeitplan mich schon stressten. Meine Frauenärztin empfing mich schließlich damit, dass sie von der Radiologin den Befund des MRT erhalten habe und ich dort sofort noch mal hin solle. In meiner linken Brust sei etwas festgestellt worden, wahrscheinlich harmlos, aber ich müsse das abklären lassen.

Also noch ein weiterer Arzttermin und dann noch einer am Folgetag. Es wurde eine Biopsie durchgeführt, nach der die Radiologin meinte, es sei mit großer Wahrscheinlichkeit etwas Gutartiges. Der Befund des Labors gehe dann an meine Gynäkologin.

Mit all den Besuchen, Ausflügen und Aktivitäten war ich so abgelenkt, dass ich mir nicht wirklich Sorgen machte. Auf der Rückfahrt machte ich einen Zwischenstopp im Zoo von Leipzig und obwohl es nur einen Tag nach Pfingsten war, versuchte ich telefonisch mal mein Glück, ob das Ergebnis denn schon vorliege.

Ich war mir sicher, dass die Ärztin gleich sagen würde: „Alles in Ordnung! Der Tumor ist gutartig und es ist keine weitere Behandlung erforderlich.“

Aber das tat sie nicht.

Krebs.

Für einen Augenblick stand die Welt still. Überraschend schnell setzte aber mein Verstand wieder ein und ich fragte nach Details. Der Knoten sei noch ziemlich klein, klar begrenzt und sehr wahrscheinlich hormonell bedingt. Damals sagte mir das noch nicht so viel, aber inzwischen bin ich mit Dr. Google auf Du und Du.

Noch vom Auto aus nahm ich Kontakt mit dem hiesigen Brustzentrum auf und begann, meine Behandlung in die Wege zu leiten. Das klappte auch überraschend gut und schnell. Meine Befunde aus Deutschland mit den Bildern vom MRT gab ich persönlich ab und nach nur eineinhalb Wochen hatte ich einen Termin beim Chirurgen.

Zu meiner emotionalen und sprachlichen Unterstützung begleitete mich mein Sohn, wofür ich extrem dankbar war. Die Worte des chinesischen Arztes konnten wir allerdings kaum verstehen. Zum Glück war eine schwedische Krankenschwester anwesend, die das radebrechende Gestammel des Arztes in klares Schwedisch übersetzte.

Er teilte mir mit, dass ich Krebs habe. Ach ja? Das wusste ich tatsächlich schon. Die Werte meiner Biopsie hatte er nicht vorliegen. Da half ich ihm dann aus, indem ich ihm den Befund auf meinem Handy zeigte. Ich hoffte nur, dass er besser schneiden als lesen und sprechen konnte.

Plötzlich hieß es, ich werde übermorgen operiert, also keine 48 Stunden später. Ich bekam eine Unmenge an Informationen und Anweisungen, wie ich mich auf die OP vorzubereiten habe. Ich müsse am Abend vorher mit einer Speziallösung duschen, dann möglichst steril schlafen und am nächsten Morgen die Prozedur noch einmal wiederholen. Und wie sollte ich das mit den Katzen machen, die immer das Bett mit mir teilen und sich nicht aussperren lassen? Tja, schwierig, aber halt mein Problem. Eine Nacht zuvor im Krankenhaus sei nicht möglich.

Das war am Dienstag. Am Mittwoch, übrigens mein 54. Geburtstag, sollte ich wiederkommen, damit der Radiologe den Tumor markieren könne. Ich bemühte mich, eine tierfreie Übernachtung zu organisieren, aber sämtliche Hotels waren belegt. Alles viel zu kurzfristig.

Eh ich mich versah, war Mittwoch und ich erschien wieder im Krankenhaus. Dass die Mammographie sinnlos sei, sagte ich direkt, aber natürlich glaubte man mir nicht. Man sieht darauf den Tumor nicht. Das war schon in Deutschland so. Der Radiologe versuchte sein Glück also per Ultraschall. So hatte man das auch vor der Biopsie in Deutschland gemacht und da hat es funktioniert.

Doch alle seine Versuche scheiterten. Er konnte die Lage des Knotens nicht ausfindig machen. Der arabisch sprechende Arzt beriet sich darauf hin mit dem Chinesen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass sie – trotz ihrer hohen Kompetenz, wie sie nicht müde wurden zu betonen – den Tumor nicht finden konnten. Man hätte ihn in Deutschland direkt markieren müssen, in Schweden sei sowas üblich.

Aber eine Schuldzuweisung hilft ja nicht weiter. Der OP-Termin wurde kurzerhand wieder abgesagt. Ich schlug vor, dass in Deutschland nachfragen könne, ob es dort noch Bilder vom Ultraschall gebe, was die Ärzte für keine schlechte Idee hielten. Jedenfalls werden sie nächste Woche noch mal tagen, sich besprechen, austauschen, überlegen… Ich soll nächsten Mittwoch wiederkommen.

Da ist ein bösartiger Tumor in meiner Brust, der unbedingt raus muss! Anschließend brauche ich Bestrahlung, die meine Haut sehr belasten wird, evtl. noch Chemo, was ich absolut hoffe vermeiden zu können, und danach bis zu 10 Jahren Hormontabletten mit den widerlichsten Nebenwirkungen.

Und jetzt finden sie das Ding nicht.

100-Tage-Fazit

Genau vor 100 Tagen hat mein neues Leben begonnen. Das ist natürlich Quatsch, denn bei einer Auswanderung lässt man zwar das Land hinter sich, nimmt aber alle Sorgen und Nöte mit über die Grenze.

Dennoch ist es an der Zeit ein erstes Fazit zu ziehen und ich kann aus vollem Herzen sagen, dass es absolut positiv ist! Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Wenn man vom deutschen Gesundheitssystem mal absieht, gibt es nichts, was ich vermisse. Glücklicherweise konnte ich meinen Psychotherapeuten „mitnehmen“, denn wir sprechen nun etwa alle zwei Wochen per Videochat miteinander. Er ist sehr zufrieden mit meinen Fortschritten und ich selbst bin es auch.

Nachdem ich mich wohnungsmäßig schön eingerichtet hatte, ging ich so langsam raus vor die Tür und wagte die ersten Schritte zurück ins soziale Leben. So etwa seit fünf Jahren war ich ja sehr zurückgezogen und hatte außer meinen Arbeitskollegen kaum Kontakt zu Menschen. Wie anders ist das plötzlich hier, obwohl die Schweden ja nun nicht gerade als diejenigen gelten, mit denen man schnell Freundschaften schließen kann!

Ich meldete mich zu einem Curlingkurs an, den ich zwar an den letzten zwei Terminen dann schwänzte, um meinen lädierten Körper nicht weiter zu schinden (Fett isoliert und schützt bei Stürzen, aber Knie und Handgelenke fanden die ständigen Kontakte mit dem Eis nicht so lustig), aber ich hatte Spaß und konnte mit den anderen Teilnehmern über meine Unfähigkeit lachen!

Beim Tanzkurs für argentinischen Tango kann ich besser mithalten. Den ziehe ich mit Sicherheit durch und auch dort habe ich Leute kennengelernt, mit denen ein regelmäßiges Pläuschchen dazu gehört.

Sehr aktiv bin ich in der Spieleszene. Mindestens einmal pro Woche treffen wir uns, um zum Teil auch sehr komplexe Spiele auszuprobieren. Wir sind ein fester Kreis von rund fünf jungen Männern und mir. Diese Abende sind richtig toll und fordern mich natürlich auch geistig sehr. Jede Woche ein neues Spiel in einer fremden Sprache zu lernen, lässt einen nicht einrosten. Außerdem bin ich noch dabei einen kleinen Frauen-Spiele-Club aufzubauen, die sich bei mir zu Spiel und Kaffee treffen.

Und sonst? Ich war letzte Woche bei einem Basketballmatch (natürlich als Zuschauerin), gehe morgen ins Kabarett, nehme am Montag zusammen mit meinem Sohn an einem deutsch-schwedischen Quizabend teil, ergatterte gestern etliche Schnäppchen beim Flohmarkt eines großen Spieleversands in Gävle, war in einem Gottesdienst mit Jazzmusik und schaue mir in Kürzlich den Arbeitsplatz meines Sohnes beim Tag der offenen Tür in seiner Schule an.

Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Dazu die regelmäßigen Spaziergänge, auf denen ich nach Möglichkeit immer neue Wege erkunde und die Natur in vollen Zügen genieße. Ich fühle mich frei!!! Ich bin frei. Ich kann ganz allein über mein Leben und meine Zeit bestimmen. Niemand sagt mir, wann ich wo zu sein habe und ich was ich dort erledigen muss. Wenn ich lang schlafen möchte, dann darf ich das (in Absprache mit den beiden Haustigern, die diesbezüglich jedoch sehr großzügig sind). Wenn ich spontan über Land fahren möchte, dann hole ich mein Auto aus der Garage und fühle mich wie im Urlaub.

Die Kollegen, mit denen mich über Jahre mehr verband als nur die Arbeit, sind mir treu geblieben. Wir telefonieren und schreiben uns regelmäßig. Diese Menschen sind kostbar für mich, denn sie haben mir so lange begleitet. Und alle bestätigen mir, dass ich es nicht hätte besser treffen können.

Finanziell habe ich keine Schwierigkeiten. O.k. die neuen Sommerreifen waren wirklich nicht eingeplant, denn vor dem Umzug meinte der Reifentyp in Deutschland, ich könne die locker noch ein Jahr fahren. Das sieht man hier offenbar anders. Trotzdem komme ich mit dem Geld hin, denn Frustkäufe aus Langeweile oder Einsamkeit gibt es nicht mehr. Ich gönne mir gern das leckere Stück Kuchen mit Eis in dem gemütlichen Café am Fluss, das spannende Hörbuch und die flauschige Jacke, die mich beim Waldspaziergang warmhält.

Es läuft also rund. Und von all dem, was ich noch verbessern könnte, was mich nervt oder was schief gegangen ist, schreibe ich diesmal nicht. Es ist eh nicht viel.

Frau der Tat

Heute vor fünf Wochen bin ich hier angekommen. Mit Sack und Pack und meinen drei Katzen. Der Umzug war schon eine Nummer für sich. Die Spedition hatte zwar nicht besonders viele Möbel geladen, aber immerhin 120 Kartons, die alles beinhalteten, was mir wichtig war, was ich noch gebrauchen könnte, was in Deutschland nun eben billiger ist in Schweden, was mein Leben gemütlicher macht, was ich gerne nochlesen, hören oder spielen würde, wovon ich mich einfach nicht trennen wollte. Zugegeben, man „braucht“ das nicht wirklich alles. Aber ich habe hier ausreichend Platz und Neuanschaffungen sprengen ziemlich schnell mein Budget als Frühpensionärin. Da war mir der Missmut des Spediteurs auch ziemlich egal, der sich letztlich auch noch anmaßte zu fordern, dass ich ihm in einem Jahr mitteilen solle, ob ich tatsächlich so oft Klavier gespielt habe, dass der Transport des Instruments lohnend war.

Eine sehr liebe Freundin hatte mich begleitet und unterstützte mich in den ersten Tagen nach Kräften, Licht ins Dunkel, sprich ins Chaos zu bringen. Nach drei Wochen hatte ich schließlich auch den letzten Karton ausgepackt und nun fehlt tatsächlich nur noch eine Vorhangstange und die Garderobe, für deren Anbringung ich Hilfe und eine Schlagbohrmaschine benötige, die sich nicht in meinem Besitz befindet.

Mein Leben fühlt sich gut an, abgesehen von dem sehr, sehr traurigen Umstand, dass mein großer Kater vor eineinhalb Wochen mit nur 11,5 Jahren vor meinen Augen plötzlich eine Aortenthrombose hatte und innerhalb von 20 Minuten elend starb. Meine Empfindungen muss ich niemandem schildern, der selbst schon einmal ein geliebtes Tier verloren hat. Die beiden anderen Tiger und ich gewöhnen uns seitdem an ein Leben zu dritt, wobei jeder anders mit dem unvermittelten Verlust umgeht.

Ansonsten bin ich insofern stolz auf mich, als ich das getan habe, was ich mir so fest vorgenommen habe, nämlich schnell Kontakt zu Menschen zu suchen. Man sagt den Skandinaviern im Allgemeinen nach, dass sie nur schwer Fremde an sich heran lassen. Aber sie sind freundlich und hilfsbereit und meine sprachlichen Fähigkeiten öffnen mir Türen, die anderen Einwanderern sicher länger verschlossen bleiben. Begeistert habe ich festgestellt, dass es in Uppsala ziemlich viele Leute gibt, die Gesellschaftsspiele mögen. Bei einem privaten Treffen war ich bereits und gestern auch auf dem offiziellen Spieleabend von Mensa Schweden, wo ich inzwischen Mitglied bin.

Meinen Sprachkurs C1 musste ich leider abbrechen, da sowohl die Lehrerin als auch ich der Ansicht waren, dass mir das nichts bringt außer Langeweile. Schade, denn ich hatte mich darauf gefreut, mit anderen Zugezogenen in sprachlichen Austausch zu treten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die anderen Kursteilnehmer (nur vier an der Zahl) bereits seit längerem, also einige Jahre, im Land leben, die Sprache jedoch nur rudimentär beherrschen und ein flüssiges Gespräch so nicht möglich war.

Und noch etwas hat sich geändert: Ich gehe regelmäßig nach draußen. Also nicht nur zur Mülltonne, sondern spazieren, an den See, in der Stadt oder zu meinem Sohn. Wir haben hier in den letzten Wochen viele Sonnentage gehabt und ich konnte mich aufraffen, meinen faulen übergewichtigen Körper in eine Pullover und eine Hose, die keine Jogginghose ist, zu stecken und vor die Wohnungstür zu transferieren. Was für die meisten Menschen vielleicht kein Problem ist, stellt für mich doch eine recht große Herausforderung dar. Doch man wächst schließlich mit den Aufgaben.

Meine Psychotherapie kann ich online fortsetzen, wofür ich dankbar bin. Auch wenn die positiven Aspekte zur Zeit überwiegen, sind da weiterhin schwerere Tage, an denen ich es bis zum Nachmittag kaum aus dem Bett schaffe. Einer Berufstätigkeit nachzugehen könnte ich mir tatsächlich gerade überhaupt nicht vorstellen.

Ich brauche viel Zeit für mich und ich habe sie. Ich möchte neue Dinge ausprobieren, vielleicht mal Bogenschießen oder Curling oder etwas anderes, was sich hier eben so anbietet. Die Stadt bietet viele Möglichkeiten und durch die vielen Studenten gibt es ein junges Flair in den Straßen und Cafés. Ich liebe diese Atmosphäre und ich quatsche – so absolut unschwedisch – auch oft einfach Leute an und stelle ihnen eine Frage. Mögen sie deshalb auch verwundert sein, haben sie mir bisher doch immer freundlich Auskunft gegeben.

Es bleibt spannend.

Bergfest

In 110 Tagen werde ich Deutschland verlassen. Vor 110 Tagen war mein letzter Arbeitstag. Irgendwie fühlt sich das schon etwas seltsam an.

Inzwischen gewöhne ich mich mehr und mehr an das Leben als Nicht-mehr-Berufstätige. Wenn ich morgens aufwache und in mich hineinspüre, ist da oft dieses wunderschöne Gefühl der Freiheit. Freiheit, ganz allein über den Tag bestimmen zu können. Manchmal schaffe ich es leider nicht, mich aufzuraffen und etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen. Dann holt mich die Lethargie ein, die Erschöpfung hält mich gefangen und lässt mich einen trüben Tag auf dem Sofa verbringen.

Doch immer öfter gelingt es mir, die Stunden mit Tätigkeiten zu füllen, die mir gut tun. Dabei habe ich selten einen Plan, ganz entgegen meiner früheren Lebensweise. Ich entscheide spontan, lasse mich ein wenig treiben. Beim Ausmisten verliere ich mich hin und wieder für Stunden im Lesen alter Briefe oder betrachten von Fotos aus meiner Vergangenheit. Aber diesen Luxus kann ich mir erlauben.

Sogar das Handy kann ich öfter aus der Hand legen. Dafür habe ich mit dem Häkeln von Topflappen begonnen. Nichts Schwieriges, ich bin da auch nicht sehr talentiert. Aber es ist schön, etwas „herzustellen“, selbst sichtbar produktiv zu sein.

Ich merke, dass ich immer mehr in mir ruhe. Nur nachts scheint es nach wie vor in mir zu arbeiten. Da schwirren Menschen durch meine Träume, die ich längst vergessen glaubte. Und auch Ängste tauchen auf vor einer ungewissen Zukunft mit deutliche weniger Geld als bisher.

Aber alles in allem bin ich hoffnungsvoll.

Noch 4 Monate

4 Monate hört sich lang an, aber je näher die Auswanderung rückt, umso kribbeliger werde ich. Es ist eine Menge zu organisieren und nicht alles läuft so rund, wie ich es mir wünschen würde. Doch bisher ließen sich die meisten Probleme noch lösen, wenn auch nicht so preiswert wie erhofft.

Und dann gibt es da noch die anderen Gedanken. Auswandern… Auch wenn das heute nicht mehr so ein Schritt ist wie vor 150 Jahren, ist es doch nicht nur ein Umzug in den Nachbarort. Ich gebe nicht viel auf hier, aber es ist auch nicht nichts. Wenn ich jetzt Freunde oder Kollegen treffe, ist es oft für ein letztes Mal und bisweilen schwingt da schon auch ein bisschen Wehmut mit.

Natürlich werde ich öfter nach Deutschland reisen, Arztbesuche absolvieren, an Klassentreffen teilnehmen und bei solchen Gelegenheiten auch geschätzte Menschen meiner Vergangenheit treffen. Schweden ist relativ nah und auch ein attraktives Reiseziel für einige meiner Bekannten.

Ja, Schweden ist nah. Es ist Europa (leider ohne den Euro), es ist ein demokratisches fortschrittliches Land, dessen Sprache ist weitestgehend beherrsche und das ich schon unzählige Male besucht habe. Dennoch ist es nicht das, was ich 52 Jahre gewohnt war. Es gibt andere Regeln und Gesetze, andere Verhaltensweisen, andere Bräuche. Man kennt andere Lieder, TV-Programme, Politiker und Stars. Man hat eine andere Geschichte, ein anderes Schulsystem, andere Versicherungssysteme, andere Abläufe bei Behörden. Das Klima ist etwas rauer, die Sommer kürzer, die Winter dunkler, die Mücken größer, der Alkohol teurer, die Auswahl in den Geschäften geringer, die Menschen reservierter (wobei die Franken dem schon sehr nah kommen), die Steuern höher, die Digitalisierung fortgeschrittener. An vieles werde ich mich erst gewöhnen müssen, anderes aus Deutschland mit Sicherheit nicht vermissen.

Heutzutage ist ein Umzug ins Ausland fast nichts Besonderes mehr. „Goodbye Deutschland!“ lässt uns wöchentlich teilhaben an den Schicksalen der Mutigen, die ohne Sprachkenntnisse, mit wenig Geld, dafür mich Kindern, Hunden und drei Koffern Hals über Kopf einen Neuanfang am anderen Ende der Welt wagen, indem sie das 83. Café eröffnen. Nein, zu denen gehöre ich nicht. Ich habe mir das wirklich gut überlegt und es gibt auch kein anderes Land, in das ich ziehen würde, denn bei mir ist es nicht die Flucht aus Deutschland, die mich zu diesem Schritt bewegt hat.

Aber die Ängste sind natürlich da. Wird das Geld reichen, um ohne größere Einschränkungen leben zu können? Kann ich trotzdem noch reisen? Bleibt das Verhältnis zu meinem Sohn so positiv, wenn ich räumlich in seiner Nähe bin? Werde ich Kontakte knüpfen können und mich in die Gesellschaft integrieren? Und wie wird es in einigen Jahren sein, wenn ich körperlich oder geistig nicht mehr fit und auf Hilfe angewiesen bin? Werde ich meine Heimat vermissen? Oder ist es genau das Richtige für mich, um mit alten Gewohnheiten zu brechen, aktiver zu werden und langgehegte Träume wahr werden zu lassen?

Schritt für Schritt

Es geht langsam voran. Das Zuruhesetzungsverfahren ist eingeleitet und so wie es sich abzeichnet, werde ich zum 31. Oktober „frei“ sein. Ein wunderbares Gefühl!

Dementsprechend konkret wird es nun auch mit der Auswanderung. Mit einer Umzugsspedition habe ich bereits Kontakt aufgenommen. Für den erwartet nicht gerade niedrigen Preis werden die Spezialisten mein Hab und Gut im Januar nach Schweden transportieren. Eine neue Fährlinie von Rostock bis etwa Stockholm wird auch gerade eingerichtet, die bereit ist, meine drei Tiger und mich in einer Haustierkabine 19 Stunden übers Meer zu schippern.

Da ich ja nun viel Zeit habe, packe ich jeden Tag schon ein paar Umzugskisten. Da ist eine Menge auszusortieren, was ich nicht mitnehmen möchte, weil ich es entweder nicht mehr benötige oder eine Neuanschaffung günstiger ist. Bisher war ich ja nie ein Fan von diesen Kleinanzeigen bei Ebay & Co, aber nun bleibt mir nichts anderes übrig. Meine Erfahrungen mit den potentiellen Käufern sind gemischt. Manche sind echt nett, zuverlässig und pünktlich. Andere verderben mir den Tag, weil ich mich über ihr Nichterscheinen oder ihre Unpünktlichkeit ärgere. Da kann ich nicht aus meiner Haut. Dann ärgere ich mich über meinen Ärger, denn ein Artikel zum Preis von 2 Euro ist das doch nicht Wert!

Überhaupt das mit der Preisgestaltung finde ich schwierig. Für manche Artikel melden sich innerhalb der ersten Stunde bereits mehrere Interessenten und mir wird klar, dass ich zu wenig verlangt habe. Andere Artikel werden gar nicht angefragt, was am zu hohen Preis oder was weiß ich liegen könnte.

Bevor ich mich von Bett, Kleiderschrank und Sofa trenne, stehen erst mal die vielen Bücher zur Disposition, die den Weg nach Skandinavien nicht antreten sollen. Wegwerfen kommt gar nicht in Frage. Spenden könnte man, aber das ist beschwerlich, weil ich sie dann selbst aus dem Haus schaffen müsste, was mir körperlich nicht so gut möglich ist. Einzeln zum Verkauf anbieten ist lästig wegen der vielen Bilder und Beschreibungen. Letztlich bekommt man ja eh kaum was für ein Buch, was schon eine Schande ist. Und ich könnte ein wenig Geld für den Start ins neue Leben ja auch brauchen.

Ach so: Hat von euch jemand Lust, zwischen Weihnachten 2021 und Anfang Januar 2022 drei Zimmer in Uppsala zu tapezieren?

Du nimmst die mit?!

Gestern hatten wir Klassentreffen. Auch 33 Jahre nach dem Abitur sehen wir uns einmal pro Jahr in unserer alten Heimat. Die Beteiligung ist erfreulich hoch, besonders zu den „Jubiläen“ (5, 10, 15 usw.). Ich freue mich immer, die Mitstreiter von damals zu sehen. Irgendwie sind fast alle sich treu geblieben, obwohl viele eine beachtliche Karriere vorweisen können. Aber im Kern sind es eben die Kumpels von früher, mit all ihren Macken und Eigenheiten.

Wir haben einen schönen Abend im Biergarten verbracht und als das Gespräch auf meinen geplanten Umzug nach Schweden kam und den damit verbundenen voraussichtlich schwierigen Transport meiner drei Katzen, schallte mir doch tatsächlich von einigen die Frage entgegen: Du nimmst di mit?! In Schweden gibt es doch auch Katzen!

Leute, meint ihr das wirklich ernst? Meine Katzen sind doch kein IKEA-Regal, das ich hier zurücklasse, um mir in Uppsala ein neues zu kaufen. Sie sind meine Familie!! Sind sind meine Vertrauten, meine Tröster, meine Gesprächspartner, meine Fußwärmer, meine Kinder mit Fell. Nie im Leben würde ich sie zurücklassen, nur weil ich den Wohnort wechsele. Ich war wirklich entsetzt über die Frage.

Natürlich wird der Umzug schwierig, da ich die gesamte Strecke von ca. 1500 km in vier Etappen aufteilen muss. Mehr als vier bis fünf Stunden in den Transportkisten im Kofferraum kann ich den Mini-Tigern nicht zumuten. Futter und Wasser sind nicht das Problem, aber Toilettengänge unterwegs kann ich mit nur zwei Händen nicht bewerkstelligen. Aber ich werde das alles gut planen und wir werden es schaffen.

Ja, ich nehme die mit.

Abzweigung gewählt

Nach meiner Krankschreibung über vier Wochen habe ich noch mal einen Arbeitsversuch unternommen, der im Grunde von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Ich habe mich durchgequält, die Tage, ja bisweilen sogar die Stunden gezählt. Ich wollte durchhalten bis zu meinem Sommerurlaub, den ich im Krankenstand vielleicht nicht hätte antreten können.

Nun bin ich seit einer Woche in Schweden bei meinem Sohn und es geht mir gut. Ich habe meine Entscheidung getroffen und zweifle nur noch in sehr dunklen Nächten an deren Richtigkeit. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich einen Termin beim Facharzt, der mich endgültig dem Arbeitsprozess entziehen wird. Mal sehen, wie lange mein Dienstherr das mitmacht, bevor er mich zum Amtsarzt schickt und ausmustert.

Anfang Januar ziehen mein Sohn und dessen Freundin um, so dass meine Wohnung hier für mich frei wird. Ich freue mich unendlich darauf! In Gedanken richte ich alles gemütlich für mich ein, versuche schon erste Kontakte zu knüpfen und mein neues Leben in einem halben Jahr positiv zu beginnen.

Der Umzug und alles, was damit zusammenhängt, wird noch mal stressig. Aber das ist kein negativer Stress mit Kritik durch Vorgesetzte, sondern lässt mich wach sein und agieren, so dass die Depression in dieser Zeit wohl keine Chance bei mir hat.

Richtiger Weg?

Ich hatte gestern Termin beim Facharzt und er hat mich wegen meiner Depressionen zunächst für vier Wochen krank geschrieben. Obwohl ich zum ersten Mal bei ihm war, hatte ich sofort ein positives Gefühl und ich denke, dass ich bei ihm in guten Händen bin.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich damit einen Weg geebnet habe, von dem ich mir noch nicht 100 % sicher bin, dass es der richtige ist. Doch wie kann man das je vorher wissen? Der Kopf rechnet unablässig, ob ich mir das auf Dauer leisten kann. Der Bauch verspürte beim Verlassen der Arztpraxis das Gefühl von Erleichterung und Freiheit.

Nun heißt es für mich zunächst mal, die freie Zeit sinnvoll zu füllen. Kein tagelanges Herumgammeln auf dem Sofa, Berieselnlassen vom TV, Verkriechen in der Wohnung. Wenn ich es schaffe, aktiver zu werden und wieder Dinge anzugehen, dann werde ich aus der Depression herausfinden. Und dann ist der Weg der richtige.

Aber eben nur dann.

Mein inneres Kind

In den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten habe ich eine Reihe von Psychotherapeuten verschlissen. Teilweise konnten sie mir etwas helfen, doch den großen Durchbruch gab es nie. Irgendwie wurde stets nur an der Oberfläche herumgekratzt, ein bisschen was abgeschliffen, drüberlackiert.

Nun bin ich seit ein paar Wochen bei einem Therapeuten, der einen völlig anderen Ansatz verfolgt. Vom sogenannten „inneren Kind“ hatte ich natürlich früher schon gehört, das Ganze für mich jedoch als nicht relevant abgetan.

Nun beginne ich mehr zu begreifen. Die theoretischen Ausführungen machen die Therapie für mich nachvollziehbar. Die Behandlung eines Traumas, das seine Wurzeln vor vielen, vielen Jahren hat, geht an die Substanz. Die Gedanken arbeiten intensiv. Ich erkenne Ursachen und Zusammenhänge. Ich träume. Ich fange an zu verstehen, vor allem auch mich zu verstehen. Die Gefühle Angst, Wut und Trauer sind übermächtig.

Der Weg ist noch weit, aber der Therapeut hat mir Hoffnung gemacht, dass Heilung möglich sei.