Ich habe mich in Schweden gut eingelebt. Mein Leben verläuft in ruhigen Bahnen mit kleinen Höhen und wenig Tiefen. So hätte es unendlich weitergehen können.
Ende Mai war ich zum ersten Mal wieder in Deutschland. Die neun Tage waren voll verplant mit ein paar Treffen mit ganz lieben Menschen, aber vor allem mit sechs Arztbesuchen. Entgegen der Vermutung vieler ist das Gesundheitssystem in Schweden nämlich nicht so toll – zumindest was die Vorsorge anbelangt. Also hatte ich Termine vereinbart: großer Check beim Internisten, Augenarzt, Brust-MRT, Hautarzt, Zahnarzt und Frauenarzt.
Alles lief wie am Schnürchen, obwohl die Fahrerei und der enge Zeitplan mich schon stressten. Meine Frauenärztin empfing mich schließlich damit, dass sie von der Radiologin den Befund des MRT erhalten habe und ich dort sofort noch mal hin solle. In meiner linken Brust sei etwas festgestellt worden, wahrscheinlich harmlos, aber ich müsse das abklären lassen.
Also noch ein weiterer Arzttermin und dann noch einer am Folgetag. Es wurde eine Biopsie durchgeführt, nach der die Radiologin meinte, es sei mit großer Wahrscheinlichkeit etwas Gutartiges. Der Befund des Labors gehe dann an meine Gynäkologin.
Mit all den Besuchen, Ausflügen und Aktivitäten war ich so abgelenkt, dass ich mir nicht wirklich Sorgen machte. Auf der Rückfahrt machte ich einen Zwischenstopp im Zoo von Leipzig und obwohl es nur einen Tag nach Pfingsten war, versuchte ich telefonisch mal mein Glück, ob das Ergebnis denn schon vorliege.
Ich war mir sicher, dass die Ärztin gleich sagen würde: „Alles in Ordnung! Der Tumor ist gutartig und es ist keine weitere Behandlung erforderlich.“
Aber das tat sie nicht.
Krebs.
Für einen Augenblick stand die Welt still. Überraschend schnell setzte aber mein Verstand wieder ein und ich fragte nach Details. Der Knoten sei noch ziemlich klein, klar begrenzt und sehr wahrscheinlich hormonell bedingt. Damals sagte mir das noch nicht so viel, aber inzwischen bin ich mit Dr. Google auf Du und Du.
Noch vom Auto aus nahm ich Kontakt mit dem hiesigen Brustzentrum auf und begann, meine Behandlung in die Wege zu leiten. Das klappte auch überraschend gut und schnell. Meine Befunde aus Deutschland mit den Bildern vom MRT gab ich persönlich ab und nach nur eineinhalb Wochen hatte ich einen Termin beim Chirurgen.
Zu meiner emotionalen und sprachlichen Unterstützung begleitete mich mein Sohn, wofür ich extrem dankbar war. Die Worte des chinesischen Arztes konnten wir allerdings kaum verstehen. Zum Glück war eine schwedische Krankenschwester anwesend, die das radebrechende Gestammel des Arztes in klares Schwedisch übersetzte.
Er teilte mir mit, dass ich Krebs habe. Ach ja? Das wusste ich tatsächlich schon. Die Werte meiner Biopsie hatte er nicht vorliegen. Da half ich ihm dann aus, indem ich ihm den Befund auf meinem Handy zeigte. Ich hoffte nur, dass er besser schneiden als lesen und sprechen konnte.
Plötzlich hieß es, ich werde übermorgen operiert, also keine 48 Stunden später. Ich bekam eine Unmenge an Informationen und Anweisungen, wie ich mich auf die OP vorzubereiten habe. Ich müsse am Abend vorher mit einer Speziallösung duschen, dann möglichst steril schlafen und am nächsten Morgen die Prozedur noch einmal wiederholen. Und wie sollte ich das mit den Katzen machen, die immer das Bett mit mir teilen und sich nicht aussperren lassen? Tja, schwierig, aber halt mein Problem. Eine Nacht zuvor im Krankenhaus sei nicht möglich.
Das war am Dienstag. Am Mittwoch, übrigens mein 54. Geburtstag, sollte ich wiederkommen, damit der Radiologe den Tumor markieren könne. Ich bemühte mich, eine tierfreie Übernachtung zu organisieren, aber sämtliche Hotels waren belegt. Alles viel zu kurzfristig.
Eh ich mich versah, war Mittwoch und ich erschien wieder im Krankenhaus. Dass die Mammographie sinnlos sei, sagte ich direkt, aber natürlich glaubte man mir nicht. Man sieht darauf den Tumor nicht. Das war schon in Deutschland so. Der Radiologe versuchte sein Glück also per Ultraschall. So hatte man das auch vor der Biopsie in Deutschland gemacht und da hat es funktioniert.
Doch alle seine Versuche scheiterten. Er konnte die Lage des Knotens nicht ausfindig machen. Der arabisch sprechende Arzt beriet sich darauf hin mit dem Chinesen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass sie – trotz ihrer hohen Kompetenz, wie sie nicht müde wurden zu betonen – den Tumor nicht finden konnten. Man hätte ihn in Deutschland direkt markieren müssen, in Schweden sei sowas üblich.
Aber eine Schuldzuweisung hilft ja nicht weiter. Der OP-Termin wurde kurzerhand wieder abgesagt. Ich schlug vor, dass in Deutschland nachfragen könne, ob es dort noch Bilder vom Ultraschall gebe, was die Ärzte für keine schlechte Idee hielten. Jedenfalls werden sie nächste Woche noch mal tagen, sich besprechen, austauschen, überlegen… Ich soll nächsten Mittwoch wiederkommen.
Da ist ein bösartiger Tumor in meiner Brust, der unbedingt raus muss! Anschließend brauche ich Bestrahlung, die meine Haut sehr belasten wird, evtl. noch Chemo, was ich absolut hoffe vermeiden zu können, und danach bis zu 10 Jahren Hormontabletten mit den widerlichsten Nebenwirkungen.
Und jetzt finden sie das Ding nicht.