Demnächst fliegen wir wieder nach Frankreich, um unsere Therapie fortzusetzen und etwas Urlaub zu machen.
In der Therapie soll es auch um unsere Mutter gehen.
Relativ kurz vor der Abreise kam ein Mail von ihr, dass „ich“ ihr fehle, sie wissen mag, wie es „mir“ geht und sie gerne „meine“ Stimme hören möchte.
Wir haben ihr geantwortet, dass ihr wohl eher das Gefühl einer heilen Familie fehlt und nicht „ich“, aber diese heile Familie war immer eine Lüge.
Heute kam, einige Tage nach unserer Mail, das erste Mal eine Antwort, die kein Vorwurf war, keine Beleidigung, sondern ein Bedauern, dass es ihr Leid tut, wenn sie mir weh getan hat. Aber sie weiß nicht, wie lange sie noch am Leben ist, darum hätte sie gerne Kontakt mit „mir“.
Wir riefen unsere 83jährige Mutter an und sie entschuldigte sich das erste Mal überzeugend, als wir ihr zum wiederholten Mal von den Vergewaltigungen unseres Vaters berichteten. Sie hatte sich diese Tatsache in ihrem Kopf so zurecht gebogen, dass sie es als „Missverständnis“ zwischen unserem Vater/ihrem Mann und uns werten konnte und so beiden emotional nahe bleiben konnte. ….. Wir wurden eindeutig, als sie eine Vergewaltigung als „Missverständnis“ sehen wollte. Dennoch verstehen wir ihre starke Tendenz zur Verdrehung der Realität. Ihr Schmerz sich ihren Irrtum einzugestehen muss enorm sein. Das haben wir ihr auch gesagt.
Sie wird dieses Gespräch vermutlich ebenso verdrängen, wie vorherige. Sie wird auch das nächste Mal nichts von der Gewalt ihres Ehemannes und Vaters ihrer Kinder wissen, nehmen wir an. Aber es war ein Moment der Verbundenheit, ein Moment in dem sie sich erschüttern ließ und uns zuhörte.
Es war ein Augenblick in dem sie so etwas wie eine Mutter war. Ein offenes Gespräch, in dem wir ehrlich miteinander sprechen konnten, miteinander weinen konnten.
Wir sagten ihr, dass wir wegfahren und Therapie machen werden und sie meinte ebenfalls zum ersten Mal, dass das gut ist und es „mir“ sicher gut tun wird.
Bisher fand sie Therapie immer unnötig und Geldverschwendung und man redet mir nur Blödsinn ein.
Wir wissen nicht, ob diese plötzliche emotionale Klarheit und Empathiefähigkeit ein Zeichen für ihr baldiges Ende ist.
Wir hoffen es nicht.
Zum ersten Mal seit langem.
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