„Lesebuch Klaus Johannes Thies“

Als wir noch staunen konnten, waren wir klein und die Welt ganz groß. Jetzt erscheinen wir größer und die Welt haben wir schrumpfen lassen. Wäre es möglich, die Welt unzerdacht wahrzunehmen? Wahrnehmen beinhaltet die Wahrheit und doch hadern wir beständig. Der kindliche Blick muss nicht naiv sein, darf aber das Überstülpen des Eigenen gerne minimieren, damit nicht meine Wahrheit, sondern das Ersichtliche erfasst wird. Diese eigene Reduktion mit dem melancholischen Schalk hat Klaus Johannes Thies perfektioniert. Neu ist jetzt sein Lesebuch erschienen, das zusammengestellt wurde von Hannes-Martin Rüter. Für Leser, die diese Thies-Welt neu betreten, eine gelungene Einladung und für Kenner ist es eine Rückkehr in Bekanntes und Unbekanntes. 

Es sind Minis, Kurztexte, die uns überraschen und staunen lassen. Thies hält alles fest: Gesehenes, Erlebtes, Erdachtes und Erfühltes. In der Kürze schweift er ab, um doch um den Kern zu tanzen. Lebenslust und Gedankenfrust erschaffen einen Klang, der uns berührt, schmunzeln lässt und vereinnahmt. Dabei schweift sein Blick durch seine Fenster zu der äußeren Welt und dabei spiegelt sich in dem Wahrgenommenen stets das Selbst. Die Thiesschen Stücke sind kunstvoll arrangierte Kurzprosa, die seine Beobachtungen, Gedanken, Imaginationen und Erinnerungen fixieren. Lakonisch, witzig und bekümmert klingen diese Versatzstücke. Alles unterliegt einem melancholischen Grundton, der dennoch zu erheitern versteht.

Die Reihenfolge der Texte im Lesebuch unterliegt den vorherigen Erscheinungswerken. Es sind Texte aus den vorherigen Büchern zu finden (Textauswahl aus den Jahren 1986 bis 2020), aber im zweiten Teil des Buches „Aus dem Archiv“ befinden sich ausschließlich bisher unveröffentlichte Texte. Diese Prosaminiaturen beschreiben Verkopftes und Gefühltes. Gefühle, die durch Sehnsucht, Schmerz, Einsamkeit und von Wehmut gezeichnet sind. Es sind Orte, die durch ein Fenster betrachtet werden. Eine reale Glasscheibe, die abgrenzt, beschützt und doch wie eine Membran das Äußere vom Inneren nur vermeintlich trennt. Das Fenster kann ebenfalls imaginär sein und lediglich die innere Welt des Beobachters nach außen stülpen. Wir sitzen mit Klaus Johannes Thies in irgendeinem Zimmer, irgendwo auf der Welt und schauen. Dabei werden unsere Köpfe größer. Unglaublich große Köpfe, in denen durch die Lektüre innerhalb von Sekunden eine ganz eigene oder neue Welt entsteht.

Saloppe Satire trifft auf ernsthafte Weltbeobachtung und erschafft ein poetisches Niemandsland. Verspielte Fragen und verklingende Antworten zeigen auf, was passiert und wiederum gar nicht passiert. Denn wenn nichts passiert, stellen wir uns zumindest viel vor und dieses „Aus dem Nichts“ wächst in uns kontinuierlich und wird zu einer, zu unserer Welt. 

Siehe auch Leseschatz-TV: Klaus Johannes Thies: „Tango ohne Argentinien“

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Thorsten Nagelschmidt: „Nur für Mitglieder“

Mitglied innerhalb der Gesellschaft und der Familie sind wir alle. Dies kann zuweilen Fluchtinstinkte und den Wunsch nach Abnabelung hervorrufen. Die emotionale Bindung ist stets menschlich, kann aber auch durch Haustiere ausgelöst werden. Die familiäre Bindung kann auch neugewonnen oder sogar eine fiktive sein, denn wir werden in der Literatur oder in einer guten Serie durch die Protagonisten heimelig. So auch im fiktiven und doch autobiografischen Roman von Thorsten Nagelschmidt, der etwas von einer Selbststudie hat und erzählt, wie er sich nach Gran Canaria zurückzieht, um gänzlich die Kultserie „Die Sopranos“ zu sehen.

Diese Serie hat für Aufsehen gesorgt, weil sie in ihrer Erzählweise einzigartig ist. Ein Mafia-Epos trifft auf ein psychologisches Familiendrama. Großartige Figurenzeichnung trifft auf Witz und Drama und hat die Serienlandschaft verändert. Im Roman von Nagelschmidt wird auch der Vergleich zur Literatur gezogen und Proust oder Foster Wallace werden genannt. Dies funktioniert wirklich gut, denn Thorsten Nagelschmidt ist ein grübelnder Künstler. Er ist Autor, Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter. Der Bandname zeigt bereits seine Liebe zur Literatur, denn hier grüßt dezent Mark Twain. 

Der Erzähler, Torsten selbst, meidet das Weihnachtliche. Das alljährliche familiäre Zeremoniell erweckt in ihm den Fluchtmodus. Meist feierte er das Fest durch Ablenkung mit Alkohol und Party. Doch kaschiert dies nur den Blues, die Melancholie und in diesem Jahr hat er einen ganz anderen Plan. Er hat kulturelle Lücken und möchte diese, besonders bei der erwähnten Serie, endlich schließen. Er bucht eine Reise nach Gran Canaria und ist sich bereits dabei seiner Luxusposition bewusst. Er kann einfach verreisen und sich dem Alltag entziehen. Doch ist das Ziel dabei unerheblich, denn er möchte schon Strand erleben, aber dies nur als Beiwerk, denn er möchte die Tage dort nutzen, um „Die Sopranos“ ganz zu sehen. Jeden Tag acht Stunden, damit er alle Staffeln schafft. Er möchte dabei eine Distanz zu allem schaffen. Auch das Hotelzimmer soll weit oben sein. Doch hat er All-Inclusive gebucht und hat somit mit den Miturlaubern und dem Personal Berührungspunkte. Er macht sich über alles seine Gedanken und Notizen. Er beschreibt alles, was er sieht und dabei empfindet. Beim Essen, am Pool und natürlich alles in Bezug auf den Sopranos-Clan. Dieser hat ebenfalls Vorbilder, nicht minder die Corleones von Puzo. Die Sopranos zitieren gerne große Mafiaepen. Im Mittelpunkt Tony Soprano, der eine Psychiaterin aufsucht, weil er doch das eine oder andere Problem hat. Dies gab es vorher nicht, ein Mafiaboss, der sich psychiatrische Hilfe holt. Die familiäre Verlustangst wird durch eine Entenfamilie gleich in der ersten Folge symbolisiert. Der Bericht eines Urlaubs, der eine Selbstflucht auf eine Sehnsuchtsinsel darstellt und dann noch ein weiteres Refugium innerhalb einer großartigen Serienfamilie erschafft. Dabei sind die beobachteten Touristen gleichwertig in der Beobachtungsphase, wie jene aus dem fiktiven Mafiaumfeld. Humorvoll, charakterstark und mit Tiefgang ist hierbei ein Roman entstanden, der mit Running Gags und mit einer intimen Offenheit den realen Alltag mit der Kunst verbindet. Was bedeutet Familie? Was macht Einsamkeit mit uns und warum hegen wir den Wunsch nach Abgrenzung?

Ein gelungener Lesespaß, der besser funktioniert, wenn man auch die Serie „Die Sopranos“ kennt, aber wohl auch ohne funktionieren würde, sollte aber spätestens jetzt den Reiz auslösen, ebenfalls diese Serie schnellstens zu inhalieren. 

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Ekaterine Togonidze: „In deinem Schlaf“

Erneut spricht Ekaterine Togonidze Themen an, die in der großen Betrachtung oft ungesehen blieben. Ihr neues Werk ist ein ungewöhnlicher und ergreifender Roman, der in seinen Szenen vieles zu vermitteln versteht. Es ist ein menschliches, gesellschaftliches Werk, das somit das Private politisch werden lässt. Die georgische Autorin Togonidze beschäftigte sich bereits in ihrem Roman „Einsame Schwestern“ literarisch mit der körperlichen Behinderung. In dem Werk „In deinem Schlaf“ ist der Ausgangspunkt das Resignationssyndrom. Ein Kind, das seiner vertrauten und beschützenden Umgebung beraubt wird und durch Ängste in einen katatonischen, komaähnlichen Zustand fällt. Dies ist ein seltenes Phänomen und tritt zum Beispiel bei Flüchtlingskindern auf. Doch ist dies nur eines der Themen im vielschichtigen Roman, der mit einer Leichtigkeit geschrieben ist.

Die Erzählweise bedient sich des cineastischen Wechselspiels der szenischen Perspektivenwechsel. Dies gelingt dadurch glaubwürdig, da die Protagonistin, Nia Kandelaki, Schauspielerin ist und für den Film arbeitet. Sie hatte bisher nur kleinere Erfolge und wurde auch als Double einer gefragten Darstellerin gebucht. Gerade bei einem solchen Dreh, als sie einen Stunt für die Kollegin macht, passiert das Unglück. Aber nicht ihr, sondern ihrer zehnjährigen Tochter Gabriela. Ein verheerendes Erdbeben durchrüttelt Tiflis und auch das bisherige, geregelte Eheleben. Denn Gabriela, kurz Gabi genannt, fällt in einen komaähnlichen Zustand, nimmt wohl die Stimmungen im Umfeld unbewusst auf und schläft nun bereits seit sechs Monaten. Demna, der Vater von Gabi, ist während des Bebens panikartig geflohen und hat seine Tochter alleingelassen. Nia gibt seitdem Demna die Schuld am Krankheitsbild und verweigert ihm den Kontakt. Ihre Liebe war eine aufrichtige und begann während eines Winterausflugs. Sie waren ein Paar, das sich so gesehen und geliebt hat, wie sie jeweils sind. Dies brach nun vor sechs Monaten ab, auch wenn einer der behandelnden Ärzte rät, dass der Vater zur Genesung viel beitragen würde, bleibt Nia bei ihrem Beschluss.

Sie spricht für eine Filmproduktion eines berühmten Regisseurs vor und bekommt die Hauptrolle. Der Film handelt von einer Frau, die während des Georgisch-Abchasischen Krieges fliehen musste. Bei den Dreharbeiten erkennt Nia die Parallelen zu ihrem Leben, denn die Filmfigur hat ebenfalls eine Tochter und Demna, ihr Mann, ist ebenfalls einer der vielen Flüchtlinge aus diesem Bürgerkrieg. Warum hat Demna während des Erdbebens und dem Lärm der einstürzenden Mauern so reagiert? Warum hat er sich nicht um seine Tochter kümmern können? Als Schauspielerin kämpft sie in ihrer Rolle, aber auch im realen Leben um das Leben ihrer Tochter und die Geschichten verknüpfen sich. Die Filmhandlung, die Erinnerungen und die Erlebnisse zwingen Nia zu einer Reflexion ihrer Entscheidungen. Sie lernt wieder genauestens Hinzusehen und nicht nur ihre Gefühle gelten zu lassen. Im Georgischen bedeutet „ich sehe dich“ ebenfalls „ich liebe dich“ und diesen Wechsel, ob es lediglich die Wahrnehmung oder das Gefühl ist, muss sie erneut hinterfragen.

Ein fesselnder Roman über ein Trauma, einen Bürgerkrieg und einen andauernden Konflikt. Hierbei werden das individuelle Schicksal und das Privatleben durch die öffentlichen und politischen Entwicklungen geprägt. Der einzelne Schlaf als Fluchtmodus aus den unerträglichen Konflikten der Menschheitsgeschichte wird durch diese Literatur zum Wachmacher. Aus dem Georgischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Katja Wolters.

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Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Der Philosoph Peter Bieri schrieb als Pascal Mercier Romane, die stets ganz penibel unsere existentiellen Fragen betrachten. Er verstarb 2023 und hinterließ Kultromane, wie „Perlmanns Schweigen“, „Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“. Die Schwerpunkte seiner philosophischen Arbeit lagen in der Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik. Diese komplexen Fragen um unsere Existenz verwob er spielerisch in seine großen Romane. Nun wurden Erzählungen gefunden, fünf Texte, die unter dem Titel „Der Fluss der Zeit“ zusammengefasst sind. Diese zeigen sein Können und erzeugen eine erstaunliche Faszination, die mit jeder Erzählung eine persönliche Bindung und Nachwirkung zum Gelesenen erschaffen. Diese Kurztexte sind auf das Wesentlichste reduziert und beschreiben mit einer Leichtigkeit das Tiefgründige.

Die Erzählungen beleuchten Wendepunkte oder Momente im Leben, die gegenwärtig große Veränderungen verursachen können. Die Figuren sind meist gänzlich im Fokus auf diese minimalen bis gravierenden Umstände und verlieren dadurch den Halt im Fluss des Lebens. Die Veränderung geschieht oder droht lediglich zu kommen. Wobei wir dabei stets Gefangene unserer Gedanken werden. Ein Mann, der wegen seines starken Hustens den Arzt aufsucht und ihm eine Gewebeprobe entnommen wird, kann tagelang an nichts anderes mehr denken, als an jenen sehnsüchtig erwarteten Befund aus dem Labor. Auch die Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nur gelinde von einem gedanklichen Unheil ablenken.

Die Geschichten werden eröffnet mit einer Hausübergabe. Die neuen Besitzer kommen zur Schlüsselübergabe, weil der vorherige Besitzer in ein Pflegeheim zieht. Dieser wartet auf jenen Moment, hat alles kleinlich vorbereitet und die Schlüssel linienförmig abgelegt. Doch zögert er seinen Auszug hinaus, möchte noch mit dem neuen Besitzerpaar durch die Räume gehen, auf Bestimmtes hinweisen und zeigen. Zum Beispiel, die von der Nachbarschaft bewunderte Weihnachtsbeleuchtung. Minutiös werden diese quälenden Stunden fokussiert. In den weiteren Texten lernen wir einen Menschen kennen, der in sein Studentenzimmer kurz zurückkehren kann und die Zeit sich kurzfristig zurückdreht, aber den Betrachter verändert in den gedanklichen Zeitfluss stellt. Ein Mann der sich vom Balkon stürzt, weil er den Lärm nicht ertragen konnte. Ein anderes Ehepaar nimmt sich eines Pianisten an, der mit einer Handverletzung vorerst nicht mehr seiner Berufung nachgehen kann und sein Vermieter verstirbt und sich das Mietverhältnis auflöst. Das befreundete Paar, das gut geerbt hat, kauft diese Wohnung und schenkt sie dem Künstler. Dadurch droht die Freundschaft in Folge zu zerbrechen, weil sich doch der Wunsch nach Dankbarkeit zeigt und die Großzügigkeit sehr einengend werden kann.

Wie empfinden wir Freiheit? Wie können wir Emotionen oder Gedanken abstellen, um das wahre Leben noch begreifen zu können? Ist Angst ein guter Berater und wie gehen wir mit lebensbedrohlichen Krankheiten um, wenn der tatsächliche Befund auf sich warten lässt? Hierbei geht es stets um Selbstbestimmung, Fremdeinflüsse und unsere eigenen Gedankenzellen. In diesen kurzen Texten spürt man stets den großen Mercier, der uns nach seinem Tod weiterhin literarisch überraschen kann.

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Kat Eryn Rubik: „Furye“

Ein Roman, der uns mitreißt und einen Sog entwickelt, als würde man in einem Auto Platz nehmen, das immer mehr beschleunigt und auf einen Abgrund zurast. Es sind Furien, jene Rachegöttinnen aus der Mythologie, die hier auftreten. Ihr Auftritt kommt etwas verzögert und erst mit der Erinnerung. Denn es ist eine Frau, die in einer Metropole als Musikmanagerin tätig ist. Sie lebt in einer Scheinwelt und genießt die Anonymität innerhalb des Tumults. Sie hat den eigenen Geschmack vergessen und auch ihre Gefühlswelt verbarrikadiert. Ihr Vater ist gestorben und ein Anruf lässt sie in eine Panikattacke geraten. Ein Anruf, der sie in ihre Vergangenheit reisen lässt. Real und in ihren Notizen. Sie fährt nach zwanzig Jahren zurück in jene trügerische und schöne Stadt am Meer. Dabei ihr damaliges Notizbuch, das damals in seinem Bericht abbrach und erst jetzt neu mit Leben gefüllt wird.

Ihre Erinnerungen gehen zurück in die Zeit, als sie mit Ihren Freundinnen Meg und Tess zu jenen Furien wurde. Sie bekommt den Namen Alec. Alle drei haben andere Namen, aber sie nennen sich leicht abgewandelt nach jenen mystischen Wesen. Alecs Eltern sind damals geflohen, waren Lehrerin und Ingenieur und müssen nun putzen und Taxi fahren. Tess Vater prügelt seine Frau und Meg ist eine furchtlos wirkende junge Frau mit einer alkoholkranken Mutter. Alle haben andere Hintergründe und  werden doch unzertrennliche Freundinnen. Dabei stoßen sie auf die Liebe und auf furchtbare Männer. Zum Beispiel einen gemeinen Sportlehrer und einen einsamen Kneipenwirt, dessen Träume vor den Augen der minderjährigen Frauen zerplatzen. Doch verbirgt dieser Sommer noch viel mehr und in der Gegenwart reist Alec nun zurück und trifft auf die Vergangenheit.

Ein Roman, der immer schneller wird und das Drama erst nahe am Abgrund offenbart. Doch fährt die Hoffnung immer mit. Der Roman zeigt die Brüchigkeit des Lebens. Besonders die Flüchtigkeit der Jugend. Ein Spiel zwischen Armut und Wohlstand, Traum und Wirklichkeit. Dabei treffen unsere Furien auf die nicht immer glorreichen Männerfiguren. Ein rasanter und fühlbarer Ritt durch die Zeit und durch unsere Gesellschaft.

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Charles Derennes: „Ungeheuer am Nordpol“

Eine Perle der französischen Literatur wurde erstmals ins Deutsche übersetzt. Ein Abenteuerroman, der durch die Werke von Jules Vernes und H.G. Wells inspiriert wurde und bereits 1907 erschienen ist. In einer Zeit, als es noch weiße Flecken auf den Karten gab und der Traum vom Fliegen Realität wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts werden die ersten Flüge mit Heißluftballons durchgeführt. Die Welt wird kleiner, elektrischer und das noch Unbekannte will ergründet werden. Es ist eine Zeit der Erfindungen und Entdeckungen. Auch die Literatur verwandelt sich. Mit Jules Verne reisen wir unter den Meeren, in die Tiefen der Erde und fliegen zum Mond. Mit Wells wird sogar die vierte Dimension befahrbar. In dieser aufregenden Zeit verfasst Charles Derennes diesen Roman. Das Werk ist ein klassischer Abenteuerroman, der, wie bei Verne, Science-Fiction mit einbindet und somit ein Wegbereiter des Steampunk ist. Die Geschichte erinnert an die „Geheimnisvolle Insel“ von Verne und verbirgt in sich auch etwas von jenem Cthulhu-Mythos, den Lovecraft etwas später zum Leben erwecken wird. Die Erzählweise ist fiktiv, spielt mit Fakten und Fantasie und möchte ihre Leser durch die literarische Spielerei, die eine reale Berichtserstattung vorgaukelt, das Erzählte glauben lassen. Der erfindungsreiche Mensch stellt sich stets über die Dinge und als er die Welt erfahren kann und in das Unbekannte eindringt, wird ihm seine Position bewusst und er erkennt, es gibt neben ihm noch andere und eventuell ebenfalls hochentwickelte Spezies. Somit stellt das Abenteuer grundlegende Lebensfragen.

Es beginnt mit dem Fund eines außergewöhnlichen Skeletts, einem Anthroposaurus. Es folgt der Bericht zweier Abenteurer, die mit einem Ballon zum Nordpol reisen. Dort stoßen sie auf große echsenartige Wesen. Die Hauptentdeckung ist, dass jene Reptilien hochintelligent und technisch hoch entwickelt sind. Kann eine Kommunikation gelingen? Und was ist das für eine alte, fremde und doch so moderne Welt?

Diese Entdeckung macht Spaß zu lesen. Die wissenschaftliche Phantastik wird mit Illustrationen ergänzt. Übersetzt von Dieter Meier, der auch ein sehr lesenswertes Nachwort verfasst hat.

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Max Bronski „Die Josephsbrüder“

Max Bronski und „Die Josephsbrüder“ zeigt, wie dicht ein Roman erzählt werden kann, wie wenig Raum Vielschichtigkeit benötigt. Erneut ein Krimi des preisgekrönten Autors Franz-Maria Sonner, der seine Krimis als Max Bronski schreibt. Ein Text, der ausgefeilt und pointiert großartig unterhält. Es ist erneut sein Held, der nichts Heldenhaftes hat, Gossec, der mit seinem Trödelladen in einer Flaute steckt. Er ist aufgewachsen im Waisenhaus und bezeichnet seinen größten Einfluss als Lemmy Kilmister. Er trinkt gerne mit seinem Freund Julius ein Bierchen. Wenn sie beim Bier zusammensitzen, verflüssigt sich die empfundene Härte des Lebens. Am Anfang des Romans liegt Gossec am Boden und erwacht durch die Kälte des Bodens. Er erwacht niedergeschlagen im Kloster der Josephsbrüder. Es fing damit an, dass er Julius in seiner Firma ausgeholfen hat. Julius betreibt das Unternehmen CatSecurity. Der Name kommt wohl durch die Katzenliebe der Partnerin Tita, ohne die die Sicherheitsfirma nicht denkbar wäre. Aus religiösem Vorbehalt bittet Julius ihn, bei der Anfrage aus dem Kloster behilflich zu sein. Warum benötigt ein Kloster ein Sicherheitssystem? Bei den ersten Gesprächen zeigt sich, die Josephsbrüder sind eventuell nicht dass, was sie zu sein scheinen. Sie agieren auch als Goldschmiede und Restauratoren. Nachdem die Schutzvorrichtungen angebracht und installiert wurden, meldet sich die Versicherung des Klosters, denn es gibt Unstimmigkeiten und einen Einbruch. Gossec beginnt zu ermitteln und eine spannende und windige Geschichte entfaltet sich. Denn es gibt trotz der Haupthandlung sehr viel Nebenschauplätze und Entwicklungen. 

Erneut ein Bronski, der viel Freude macht. Bronski bietet kurzweilige Unterhaltung, die innerhalb der Krimiliteratur etwas Einzigartiges ist. Sein Sprachklang, Witz und genaues sowie verknapptes Erzählen begeistern immer wieder.

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Vernesa Berbo: „Der Sohn und das Schneeflöckchen“

Es beginnt mit zwei Blicken aus dem Fenster. Es ist das Jahr 2022 und Dada oder Schneeflöckchen genannt, steht in Berlin am Küchenfenster, der Blick durch die Glasscheibe gibt ihr das Gefühl, es gibt noch Unerzähltes. Es ist ihr Schutzraum mit dem Blick auf die Ereignisse. Dada arbeitet in Berlin als Übersetzerin. Sie ist bei einem Gerichtsverfahren involviert, das gegen einen Kriegsverbrecher geführt wird, der in den 1990er Jahren Grausamkeiten während der Belagerung in Sarajevo begangen hat. Der zweite Blick durch das Fenster ist der von ihrer Schwester, Dijana, die damals Sohn genannt wurde. Sie schaut im Frühling 2022 aus dem Fenster in Sarajevo. Sie beginnt, sich zu erinnern und denkt an Dada, an den Tag, als sie verschwand. Die Gedanken kehren bei beiden zurück an den Krieg und noch weit davor, als sie noch dachten, nichts würde sie jemals trennen können.

Vernesa Berbo wurde in Priboj, Jugoslawien, geboren. Dies ist ihr Debütroman, der kein Kriegsroman ist, es ist ein Werk über die Liebe von Geschwistern und richtet sich gegen jegliche Gewalt. Die Autorin schreibt über etwas, das sie erlebt hat, denn sie studierte Schauspiel an der Staatlichen Akademie für Schauspielkünste in Sarajevo und kam 1993 als Kriegsflüchtling nach Berlin.

Die Gedanken der Schwestern kehren zurück in das Jahr 1992. Es gibt zwei Stimmen, die auktoriale erzählt die Perspektive von Dada und die Ich-Stimme stammt von Dijana. Dada ist wie eine Schneeflocke in das Leben geweht und wird seitdem Schneeflöckchen genannt. Warum Dijana Sohn gerufen wird, erklärt ihr Vater lediglich mit einem Lächeln. Dijana ist selbstbewusst, leidenschaftlich und immer für Dada da. Sie ist die Beschützerin für ihre jüngere Schwester. Der Krieg überfällt sie und macht aus Freunden Fremde und Feinde. Die Belagerung und die damaligen Ereignisse werden nicht groß erklärt, denn es ergibt sich aus den Situationen. Ereignisse, die das Damalige und selten Beschriebene aufgreifen und durch das jetzige Weltgeschehen eine bewegende Aktualität erhalten. Sie sind jung und genießen das Leben. Sie treffen sich mit Freunden und plötzlich ist da überall eine Bedrohung. Plötzlich wird von Scharfschützen gesprochen, plötzlich kündigen Bekannte die Freundschaft und grenzen sich ab. Es kommt zu Aufständen und zu Krawallen auf der Straße, die Geschwister geraten hinein und hier kommt es zum Wendepunkt, als die eigene Familie verletzlich wird. Doch das Kämpfen erzeugt Wut. Dijana ist entschlossen, sie stellt sich den Widrigkeiten, während Dada an die Liebe denkt, bis fatale Ereignisse alles verändern.

Das Familiäre und das Leben in der belagerten Stadt werden Ausgangspunkt für gesellschaftliche Zerrissenheit. Die Schilderungen des Romans zeigen besonders das Leben von Frauen in umkämpften Regionen. Das bleibende Trauma strahlt bis in das Jahr 2022 und der Versuch, den Alltag wiederzufinden, steht dabei im Mittelpunkt. Ein spannender und sehr berührender Roman über das, was unser Leben zerreißen könnte und über jene Liebe, die uns den Frieden schenkt.

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Mattias Timander: „Dein Wille wohnt in den Wäldern“

Seinen Weg im Leben finden und diesen zu meistern, ist die Quelle diverser Geschichten. Hier kommt der Wille hinzu, der Wille zu verstehen, der Wille, der nicht durch Schnelllebigkeit oder in den modernen Entwicklungen zu finden ist. Ein Roman, in dem es um das Erwachsenwerden geht und der in seiner Struktur und in den Stilen mäandert. Ein Entwicklungsroman, der sehr viele Naturbeschreibungen beinhaltet und den Vergleich mit dem Weg durch den Wald mit dem Gang durch die Literatur zieht. Es ist ein junger Mann, der seinen Weg mithilfe der Weltliteratur findet, diese gerne zeigt, aber nicht zum Poser mutiert. Bücher als sichtbares Bild, das dezent inszeniert einen Charakter oder Standard vorgaukeln soll. Dies möchte der Erzähler nicht, er sucht die Tiefe, das Gespräch und die Empathie.

Es ist ein junger Roman, ein Debüt, das gegenwärtig ist und doch eine aus der Ferne erklingende Stille beherbergt. Es ist kein Bild der modernen Generationen, die sich auf den sozialen Kanälen finden oder via Smartphone kommunizieren. Der Erzähler hat einen Festnetzanschluss und liebt es, die Natur zu bewundern. Die Berge, die Wälder und die Tiere. Doch zieht es ihn in die Stadt und somit gibt es zwei Teile, zwei Welten, die in der Natur und jene im Großstadtdschungel. Der Weg verläuft über sich finden, ausprobieren und erobern.

Mattias Timander wurde 1998 in Kiruna, Nordschweden geboren. Er gehört der ethnischen Minderheit der Tornedaler an. Sein Debütroman beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung mit der Geschichte und der tornedalischen Herkunft. In kurzen Szenen und verklingenden Sätzen baut er eine alte und doch gegenwärtige Welt auf. Sein Roman wurde vielfach nominiert und ist bereits ausgezeichnet. Übersetzt wurde der Roman von Hanna Granz.

Der Erzähler ist Anfang zwanzig und lebt in einem nordschwedischen Dorf. Die Landschaft in ihrer Kargheit und ihrer schlichten Schönheit prägen ihn. Die Umgebung erfüllt das Sein und das Schlichte und Gradlinige findet sich in der Landschaft und in den Menschen wieder. Der Erzähler denkt viel und agiert in seiner zerklüfteten Umgebung. Er hilft einer älteren Frau und dies ist sein engster Kontakt. Er empfindet, denkt anders und ist ein genauer Beobachter. Das Lesen findet sich zufällig. Er hat von seinen Eltern eine Hütte übernommen. Die Erklärung über den Verbleib der Eltern verklingt mit einem unvollendeten Satz. Zumindest sind die Eltern nicht mehr da und er findet in einem Schuhschrank lieblos eingelagerte Bücher. Er beginnt zu lesen und ist berührt und möchte sich mitteilen, doch auch hier bleibt es um ihn still. Er wird als Bohème tituliert. Sein Fund erstreckt sich über die Weltliteratur und sein literarisches Empfinden erwacht. Er sucht den Sinn im Leben und die Auseinandersetzung. Sein Weg geht dann auch in die Stadt. Seine Suche endet mit der Definition seines Lesegeschmacks. Es soll Raum für Eigenes entstehen, eigene Empathie, Gefühle und Gedanken.

Die Welt als Wandelraum, als beständiger Lebensraum, der sich fortwährend umstrukturiert. Das Unvorhersehbare lässt eine Reflektion zu, die im Nachsinnen eine Erklärung sucht. Unsere Heimat und die Suche danach festigt und verwirrt zugleich. Durch Literatur, besonders auch diese, eröffnen sich gänzlich neue Welten und Sichtweisen. In kurzen und sehr klanglichen Szenen tauchen wir ein in eine stille Welt, die uns über Herkunft, Zugehörigkeit und Leben nachsinnen lässt. Dieser Roman ist eine wunderbare Entdeckung.

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Jazmina Barrera: „Leuchttürme“

Wir verstehen uns als Leuchtturm im Büchermeer und nun gibt es ein Buch, das die befeuerten Türme und die Literatur verbindet. Wobei in der Moderne das Licht der Leuchttürme nicht mehr durch Leuchtfeuer sondern mit starken elektrischen Lampen erzeugt wird, befeuert uns die Literatur unverändert und weiterhin. Leuchttürme üben eine besondere Faszination aus. Der englische Begriff sagt es wörtlich: Haus des Lichts. Ein Ort, der nicht nur beherbergt und schützt, sondern sein Licht als universal verstandene Sprache versendet. Das Leuchtfeuer weist auf gefährliche Stellen hin, auf Klippen, Riffe oder auf Ablagerungen von Sediment. Meist stehen die Leuchttürme in der Nähe von Häfen. Leuchttürme ziehen den Blick auf sich, senden aber auch den Blick zurück, denn er wurde auch von einem Leuchtturmwärter als Auge des Lichts bezeichnet.

Leuchttürme sind Wegweiser und stehen seit Bestehen für Abenteuer und Sicherheit. Sie sind ein Symbol des Fernwehs und gleichzeitig für Heimat. Sie haben stets etwas Erstaunliches und Magisches. Die Gebäude und die Geschichten, die sich um diese ranken, sind mannigfaltig und schon immer eine Quelle für unsere Erzählungen. Das Leben als Leuchtturmwärter ist entbehrungsreich, weckt aber in uns stets die Phantasie eines Lebens voller Abenteuer. Diese Vorstellung ist nah an der der Seefahrer, denn beide sind aneinander gebunden. Es gibt auch nicht nur jene Türme, die auf festem Boden, auf Felsen oder auf Inseln stehen, sondern auch jene, die als fixierte Feuerschiffe den Seeleuten ihren Kurs zeigen.

Wie wäre es, wenn wir Leuchttürme sammeln und die Verbindungen zur Literatur herstellen könnten? Dies ist das Anliegen der literarischen Reise von Jazmina Barrera. In ihren Erinnerungen, Texten und Gedanken reisen wir mit ihr zu bestimmten Leuchttürmen, die sie aufgesucht hat. Es sind aber auch Türme, die ihr und uns in der Weltliteratur begegnen können. Jeder Turm wird kurz mit seiner Bauweise und dem spezifischen Leuchtsignal vorgestellt. Türme mit Lichtsignalen stehen nicht unbedingt immer an der Küste, sondern können uns auch im Landesinneren oder in den Städten überraschen. Denken wir zum Beispiel an den Eiffelturm, der auch abends sein Licht auswirft. Eines eint jedes Lichtsignal: Hier ist Leben, hier sind Menschen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich in der Welt der Bücher immer wieder Leuchttürme finden lassen. Der Turm gilt dabei als moderne Errungenschaft, aber auch als Orientierungshilfe, als Signal der Hoffnung. Denken wir an die Werke von Max Frisch, Ray Bradbury, Herman Melville, Jules Verne oder Robert Luis Stevenson, dessen Großvater sich dafür einsetzte, dass die schottische Küste mit Leuchttürmen ausgestattet werden sollte. Es gibt so viele Beispiele in der Welt der Literatur, besonders auffallend ist dabei natürlich das Werk von Virginia Woolf.

Das Buch „Leuchttürme“ gehört in jeden Bücherschrank. Ein Buch für alle, die in sich eine Sehnsucht nach dem Meer verspüren, ein Fernweh kennen, das durch reale oder erzählte Reisen gesättigt werden kann. Die gesammelten Gedanken von Jazmina Barrera erzeugen eine Weltlust und ihre Texte lassen uns heimkommen. Das aufwendig und schön gestaltete Werk wurde aus dem mexikanischen Spanisch von Grit Weirauch übersetzt.

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