Elisabeth Waterfeld: In der Dämmerung

Es ist nur eine Wiese, aber ich bin mir sicher, dass es an diesem Hang noch lange gestanden hat. Das Grün ist satt und es scheint mir, als hätte es geregnet. Was aber noch viel merkwürdiger ist, was mich wirklich verrückt macht, ist doch, dass die Fläche viel kleiner ist als in meiner Erinnerung.
Ihr scheint es nicht aufzufallen. Sie sieht sich um und betrachtet wohlwollend die schönen Vorgärten mit den vielfältigen Geranien, Petunien und anderen Sommerblühern, die in der Dämmerung leuchten und sie scheint sich die leere Fläche nicht anmerken zu lassen. Überhaupt hat sie alles, was wir damals erlebt haben, erstaunlich gut verkraftet.
Ich hatte vor einiger Zeit mit den Spendenaktionen angefangen. Vielleicht ein kleines Ehrenamt, frische Luft und viele Eindrücke sammeln für mein liebstes Hobby, das Schreiben. Die Wohnungen von fremden Leuten haben mich schon immer interessiert. In dieser Hinsicht hatte mir meine Spendendose schon viel gebracht. Ich kam in bürgerliche Häuser und in reiche Loftwohnungen. Die Unterschiede zwischen den Menschen waren weniger groß als anderswo und doch erzählten ihre Wohnungen Geschichten, wenn sie mich hereinbaten und sie noch die Geldbörse suchen mussten.
Es kam so, dass ich auch an diesem Tag von Haus zu Haus ging, meine Sammlung für die Kinder von Eltern mit psychischen Problemen kam an vielen Haustüren gut an und ich konnte manchmal sogar mehrere Scheine mitnehmen. Dann wechselten wir ein paar nette Worte über die Wichtigkeit dieser Arbeit oder über das Wetter, ich ließ mir eine Unterschrift über den Betrag geben und dann ging es wieder los zum nächsten Haus.
Es war keine Arbeit, die mich besonders erfüllt hat, aber sie gab meinem Tag Struktur und ich freute mich über die kurzen Gespräche. Oft wünschte ich mir, dass in meinem Leben mehr passierte, aber dann waren die Tage, an denen ich unterwegs war, auch anstrengend und so kann ich sagen, dass ich im Großen und Ganzen eigentlich zufrieden war.
Auf einer meiner Touren passierte mir eine Begebenheit, an die ich noch heute oft zurückdenke. Sie ist nun fast zehn Jahre her, aber es lässt mich nicht los, was damals passiert ist. Ich will sie schildern, damit ich mir bewusst machen kann, dass sie wirklich ist.
Es war ein schöner Spätnachmittag, der mich auf den Berg führte, auf dessen Gipfel ein kleines Schloss stand. Als ich vorher unten im Ort nachgefragt hatte, ob dort überhaupt jemand wohnte, bekam ich ein zustimmendes Nicken zu hören. Ja, die alten Besitzer lebten noch dort. Auch weil ich neugierig war auf die Herrschaften und weil ich einen Blick ins Innere eines privat geführten Schlosses erhaschen wollte, ging ich mutig auf den Berg. Oben angekommen, betätigte ich eine moderne Klingel und wunderte mich über die fehlenden Löwenknäufe, die man üblicherweise als Türklopfer an Schlössern wie diesem vorfand.
Geöffnet wurde mir hingegen von einer Gestalt, die den Eindruck des alten Schlosses alle Ehre machte, die dafür sorgte, dass die spitzen, dunklen Türme mit den Buntglasfenstern noch stärker in mein Gedächtnis stießen und bis heute nicht zu vergessen sind.
Mein erster Eindruck von der ganzen Aufmachung der Gestalt war erschreckend, auch wenn es nicht so sehr das Äußere war, das meine Aufmerksamkeit erregte. Während ein kleines Wesen den Türgriff fest umklammert hielt, fragte ich mich, ob es sich bei diesem Anblick wohl um eine männliche oder um eine weibliche Person handelte.
Das „Guten Tag“ hatte etwas Krächzendes, eher wie ein Rabenvogel denn ein Mensch. Das Wesen hatte etwas Blasses, Gekrümmtes, ein kluges Gesicht. Während die Nase mager und spitz hervorstand, hatten die Zähne einen deutlichen Überbiss, auch wenn ich mich noch gut erinnere, wie weiß sie gewesen waren. Als Gegensatz zu der blassen Haut sah ich in zwei tiefblaue Augen, winzige Äuglein, die bereits in Äonen von Jahren hatten blicken können. Irritiert meldete ich mich zu Wort:
„Guten Tag, ich sammele für Kinder, also für Kinder von Menschen, die eine psychische Erkrankung haben.“ Um in dieser unwirklichen Situation meinen Standpunkt zu bekräftigen, hielt ich meine Spendendose hoch. Die Augen blickten verständnislos von der Dose zurück zu mir und doch trat das Wesen einen Schritt zurück und machte sogar Anstalten, von der Klinke abzulassen, die es eben noch fest in beiden Händen gehalten hatte.
„Danke.“ Ich folgte ihm ins Innere des Schlosses.
„Kommen Sie doch herein, wir haben so selten Besuch!“
Für einen Moment war ich erschreckt, wollte mir meine Überraschung aber nicht anmerken lassen, als statt des kleinen Männleins nun ein freundlicher älterer Herr aufgetaucht war.
„Oh.“ Ich rang um Fassung und sagte dann erneut mein Sprüchlein über die Spenden auf. Er hingegen strahlte über das ganze Gesicht. So unwohl, wie ich mich in der Gegenwart des sonderbaren Pagen gefühlt habe, so sympathisch wirkte nun der Besitzer, der meinen bewundernden Blick in alle Richtungen auffing.
„Oh, ich möchte nicht zu neugierig sein, ich sehe nur so selten so etwas.“ Und tatsächlich war es so, dass ich an dem herrschaftlichen Flur vorbei in viele weitere Zimmer sehen konnte, die ich von außen so nicht vermutet hätte.
„Ja, wir wohnen eigentlich noch nicht lange hier, aber wir sind stolz auf unser Domizil. Wenn Sie mögen, kann ich Sie ein bisschen herumführen.“
„Oh, das würde mich freuen.“ Ich war überrascht ob der Offenheit, die mir der nette Mann entgegenbrachte.
Ich folgte ihm durch den langen, dunklen Flur vorbei an vielen Wandgemälden, die kuriose, naturalistische Ansichten aus dem achtzehnten Jahrhundert zeigten. Das alles bestimmende Thema auf den Bildern war die Dämmerung.
„Ich liebe diese Bilder. Sie können nie sagen, ob die Sonne gerade auf- oder untergeht.“ Er lachte laut und erzählte dann, dass seine Frau und seine Tochter seine Leidenschaft für Kunst nicht teilten. Sie mochten keine Bilder und auch das Wohnhaus schien ihnen zu dunkel zu sein. Ich folgte ihm auf schnellen Schritten und sah, dass der Flur immer länger und die Zimmer immer mehr wurden.
„So und nun bekommen Sie auch gleich Ihr Geld, folgen Sie mir.“ Er ging weiter und wir kamen an eine Treppe, vor der ich kurz innehielt. Wie ein großer Wurm schien sie sich in die oberen Stockwerke zu fressen, Biegungen mal nach links und mal nach rechts machend. Weil der Hausherr jedoch so behände vorausging, folgte ich ihm, ohne weiter darüber nachzudenken, ob die Schwerkraft hier noch ihre übliche Bedeutung hatte. Er sah mir lachend ins Gesicht und ich hielt mich am Geländer fest. Wenn ich mich ganz auf die Stufen konzentrierte, fühlte ich, dass ich trotz der ungewöhnlichen Lage festen Stand auf den Stufen hatte, dennoch fragte ich mich, ob Leute mit Höhenangst keine Probleme auf dieser Treppe hatten und natürlich, wer solche Bauten eigentlich bewilligte.
„Kommen Sie, kommen Sie!“ Schon war er nach rechts abgebogen, verschwand wieder in einem kleinen Flur, der zwar diesmal ebenfalls sehr lang, aber viel schmaler war. Während wir im Erdgeschoss noch bequem nebeneinander an den Bildern vorbeigegangen waren, konnten wir nun nur noch hintereinander gehen und ich war froh, als ich am Ende des Flures in einem kleinen Zimmer eine junge Frau sah, die auf das Portemonnaie verwies, das dort in einer Art Büro lag. Mit ihren langen, dunklen Haaren und ihrem blassen Teint hatte sie eher Ähnlichkeit mit dem Pagen, der mich eingelassen hatte, aber der Schlossherr stellte die junge Frau als seine Tochter vor und ich nickte höflich. Sie sagte ebenfalls „Guten Tag“ und verschwand dann wieder über den Flur. Eine merkwürdige Erscheinung wie alles in diesem Haus und ich begann, die freundliche Art des Hausherrn immer mehr zu schätzen. Er schien derjenige zu sein, der hier einen Überblick hatte. Bestärkt wurde mein Eindruck durch seine immens hohe Spende, die er sogleich in meiner Sammeldose verschwinden ließ und mir freundlich zulächelte.
„So, nun will ich Ihnen auch noch meine Frau vorstellen.“ Er schob sich geschickt an mir vorbei, zurück in den engen Flur, auf dem eigentlich noch seine Tochter hätte gehen sollen, aber von ihr war keine Spur mehr.
Ich hielt mit ihm Schritt und folgte ihm über die Wendeltreppe weiter nach oben. Die Stufen waren zunächst noch fest, ehe ich einen leichten Schwindel wahrnahm. Ich versuchte, mich am Geländer festzuhalten und fühlte nach einiger Zeit, dass es nicht mein Kopf war, der mir Streiche spielte, sondern dass sich die Stufen unter mir tatsächlich bewegten. So wie sie eben nur nach links und rechts tendiert waren, schienen sie sich nun nach unten und oben gleichermaßen zu bewegen.
Der nächste Flur war so schmal, dass ich seitlich gehen musste, auch wenn an seinen Wänden noch immer kleine Gemälde hingen, wieder mit dem Thema der Dämmerung. Der Mann ging schnell voran und hinter einer sehr schmalen Tür saß eine Frau etwa in seinem Alter.
„So, darf ich Ihnen noch meine Frau vorstellen?“
Ich gab ihr freundlich die Hand, aber sie sah mir voller Angst in die Augen, sah zwischen ihrem Mann und mir hin und her.
„Nun zeige ich Ihnen Ihr Zimmer.“
Ich nickte, verabschiedete mich kurz und drehte mich wieder so seitlich, dass ich an dem Flur entlang gehen konnte. Während meine Jacke an der Stofftapete entlangstrich, überlegte ich, um welches Zimmer es nun ging. Gleich neben der sich windenden Treppe gab es noch eine kleine Kammer, so groß wie eine Speisekammer mit einem Bett und einem Schrank.
Noch ganz benommen vom Aufstieg und der Situation bedankte ich mich, setzte mich für einen Moment auf das Bett und war froh, festen Boden unter mir zu spüren. Als ich jedoch hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss meiner Kammer drehte, wurde ich wieder wach.
„Hallo! Können Sie bitte aufmachen?“ Zuerst noch zögerlich, weil ich hoffte, dass es sich um ein Missverständnis handeln könnte, dann wurde ich lauter und panischer. Als ich jedoch keine Reaktion bekam, versuchte ich, durch das kleine Fenster gegenüber der Tür zu schlüpfen. Es war ein kleiner Ausguck, zu klein, um hindurch zu kriechen. Um ein paar Zentimeter waren meine Schultern zu breit, auch wenn ich es quer versuchte.
Irgendwann wurde ich müde. Ich ließ mich auf das Bett fallen und fand in einen traumlosen Schlaf. Ich erwachte mitten in der Nacht und wunderte mich über den sonderbaren Aufenthaltsort, drehte mich und mir kam sogleich die Erinnerung, dass ich in einem fremden, sonderbaren Haus eingesperrt war, Spendendose und Klemmbrett vollzählig neben mir liegend. Nach einer Weile hörte ich hinter der Tür ein leises Rascheln und wagte deshalb erneut, die Klinke zu drücken. Zu meiner großen Überraschung ließ sich die Tür sehr leicht öffnen. Das Mondlicht fiel sanft durch das kleine Fenster, beleuchtete Teile des Flures, der aber leer zu sein schien. Schnell die Treppe hinab und unten irgendwo durch das Fenster war mein Plan. So sollte es vielleicht klappen. Dose und Klemmbrett waren mir dabei nur hinderlich, deshalb ließ ich sie liegen.
„Es geht nicht.“ Aus nächster Nähe eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit. Ich versuchte, die Stimme zu orten, konnte aber nicht ausmachen, wo sie sich befand.
„Es geht nicht. Geschlossene Türen und Fenster sind nur vorgeschoben. Sie kommen hier nicht raus.“ Jetzt sah ich, dass es die Hausherrin war, die aus dem schwachen Mondlicht zu mir sprach. Ich ging näher und sah ihre Angst.
„Gehen Sie wieder nach oben, morgen bekommen Sie ein Frühstück.“
„Was heißt das? Ich komme nicht raus?“
„Wenn die Menschen zum ersten Mal kommen, dann schließt er sie ein, damit sie denken, dass er nur ein Gauner ist, der ihnen ihre Habseligkeiten nehmen will, aber eigentlich ist es dieses Haus. Sie können es nicht verlassen, ohne, dass etwas Schlimmes passiert. Sie müssen mir glauben. Wir waren früher eine große Familie. Wir waren glücklich hier, aber jetzt…“ Sie sah durch eines der wenigen Fenster. „Ich bin jedes Mal zurückgekommen. Ich hatte fünf Kinder. Jetzt lebt noch meine Tochter. Ich kann sie nicht allein lassen.“
Ich sah sie bedauernd an. Ich konnte nur ahnen, was passiert war, wollte aber nicht glauben, dass hier böse Geister am Werk waren.
„Ich bin drei Jahre nicht draußen gewesen und das letzte Mal, naja.“ Sie schlug ihre Hände vor ihr Gesicht und atmete dann tief durch, ehe sie sich wieder umsah.
„Ich möchte auch gehen, aber dann wird sie sterben.“
Ich dachte nach. Wie konnte ich fliehen? Was würde passieren, wenn ich einfach ginge? Gab es einen unsichtbaren Schutzschild, der sich an allen Flüchtigen rächte oder war die Haustür einfach verschlossen? Es stand ganz außer Frage, dass ich nicht hierblieb. Eine Bande schräger Vögel in einem noch schrägeren Haus, die mir irgendwelche Spukgeschichten auftischen wollten.
„Also ich gehe jetzt, tut mir leid, das ist doch irre.“ Ich ging zur Haustür, aber die Frau hielt sich hartnäckig daran.
„Nein, das dürfen Sie nicht. Sie dürfen nicht allein gehen. Warten Sie.“ Ich überlegte hin und her, ob ich einfach so gehen sollte, aber alles hier war so sonderbar, dass ich schließlich doch auf sie wartete. Nach einer Zeit kam sie mit ihrer Tochter wieder, beide hatten etwas Handgepäck dabei. Es sah aus wie eine Familie, die ihren Vater verlassen wollte. Wir schlichen langsam voran, die junge Frau sagte nichts und ich hoffte, dass sich gleich einfach die Haustür öffnen ließe und wir von hier verschwinden konnten. Und tatsächlich, auf diese Klinke war leicht zu drücken, kein Schlüssel hinderte uns daran.
Es ist ein merkwürdiges Geräusch, wenn eine Axt auf menschliche Knochen trifft. Eigentlich hört es sich nach der Emsigkeit des Holzhackens an. Wir hatten den Pagen nicht kommen sehen.
Aus seinem Hinterhalt war er mit einem winzigen Werkzeug erschienen, dessen Klinge im Mondlicht silbern glitzerte, ehe er sie mit Wucht in den Rücken der jungen Frau schmetterte. Ich weiß nicht, was dann später mit der jungen Frau passierte. Wir haben nie darüber gesprochen.
Die Schreie, das viele Blut und der unglaubliche Mord ließen sich mit Worten nicht beschreiben. Sie hatte mich aufgefordert, weiter zu laufen, als ich ungläubig auf die Vorgänge wenige Schritte hinter mir gestarrt habe.
Jetzt stehen wir in diesem Wohngebiet vor der leeren Wiese, sie lächelt und es ist ihr, als ob ich sie gerettet hätte, als ob alles auf der Wiese nur ein böser Traum und als ob es gestern gewesen ist und als ob meine Spendendose nie fort gewesen wäre.
Ich konnte mich damals entschuldigen, erzählte in meiner Organisation von einem Überfall und man nahm es mir nicht übel. Seit dieser Zeit komme ich aber nicht mehr in die Wohnungen, wenn man mich bittet, sondern bleibe an der Haustür stehen.
Oft suche ich noch in der Zeitung nach Kriminalfällen, nach alten Herrenhäusern, nach Indizien, verscharrten Leichen, aber mit jeder Lektüre sehe ich, dass es diese Geschichte wohl nie gegeben hat.

Elisabeth Waterfeld: Letzte Stunde am Viadukt

Wenn man nach einem anstrengenden Tag aus der Stadt auf das Land fuhr, war es wie der Eintritt in eine andere Welt. Kleine Tunnel und eine alte Vulkanlandschaft, deren Felsen sich magisch zwischen kleinen Dörfern erhoben. Die Augen plötzlich ausgeruht nach der Reklame der Stadt.

An diesem Abend war aber alles anders gewesen. Für einige Mitarbeiter war ihre letzte Stunde in unserem Unternehmen geschlagen. Jeder wusste doch, was es hieß, wenn von Umstrukturierungen gesprochen wurde. Alle Kollegen hatten sich die neuen Ideen angehört und jeder war mit seinen Gedanken nach Hause gegangen. Zeit für eine Kaffeepause hatte es nicht gegeben und so war ich hungrig in meine Bahn gestiegen.

Ein Gefühl der Erleichterung überkam mich, als die Regiotram ohne Verzögerung startete. Dicke Wolken verdunkelten die Landschaft hinter Kassel, die erst kleine Tropfen und dann immer längere Rinnsale an den Fenstern hinterließen. Ich sah, wie die Tropfen lange Spuren hinter sich herzogen, während die Landschaft an mir vorbeirauschte.

Außer mir saßen noch ein paar andere arme Teufel um diese Uhrzeit in der Bahn, alle auf ihre Smartphones oder wie ich aus dem Fenster blickend. Was sie wohl heute noch vorhatten? Wahrscheinlich wollten sie wie ich nur nach Hause. Als der Regen stärker wurde, lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. In zwanzig Minuten wäre ich da. Das leise Geräusch der Bahn und das leichte Schaukeln ließen mich schließlich eindämmern.

Das Gefühl, wenn man kurz vor dem Einschlafen über einen Stein stolpert, kam fast zeitgleich mit dem merkwürdigen Kerl, der mitten in der Landschaft auftauchte. Obwohl er so weit von mir entfernt stand und es so dunkel war, sah ich seine stattliche Erscheinung. Ein Mann in einem tiefschwarzen Regenmantel, der fast bis zum Boden reichte. Ein Hut, an dessen großer Krempe deutlich sichtbar der Regen hinunterlief.

Ich rieb meine Augen und versuchte, mich zu konzentrieren. Warum sollte mitten im Regen in gefährlicher Nähe zum Zug irgendwo in der Botanik ein Fremder auftauchen? Vielleicht hatte er ihn verpasst und versuchte, den Fahrer mit einem bösen Blick zum Halt aufzufordern.

So schnell ich ihn gesehen hatte, so schnell war er jedoch wieder verschwunden. Ich drehte mich um, fixierte noch einmal das längst vorbeigelassene Gebüsch, aber dort war niemand mehr. Vielleicht hatte ich zu tief gedöst. Ich sah geradeaus und schon saß er vor mir. Direkt im Vierersitz gegenüber. Er blickte mich mit stechenden Augen an und ehe ich ihn ansprechen konnte, war er verschwunden.

„Es tut mir sehr leid, meine Damen und Herren, das Unwetter zieht sich zu. Auf der Schiene hat es einen Schaden gegeben, der zuerst behoben werden muss,“ schnarrte die Stimme des Fahrers aus dem Lautsprecher und allgemeine Ernüchterung machte sich breit, ehe der Regen noch stärker wurde. Die Fahrgäste sahen aus den Fenstern und beobachteten, wie der Wind langsam in einen heftigen Sturm überging und fühlbar über das Gleisbett peitschte.

„Gut, dass er angehalten hat, die Brücke würden wir so nicht schaffen,“ hörte ich eine Frau hinter mir flüstern. Im Stillen dachte ich an das große Viadukt, das sonst den Zügen festen Halt bot und nun eine große Gefahr darstellen würde. So warteten wir geduldig, froh darüber, dass wir hier drinnen im Trockenen waren.

Wahrscheinlich zur Sicherheit hatte der Fahrer den Motor abgestellt und zu hören war nur noch das Rauschen des Sturms. Nach einiger Zeit flackerte sogar das Licht im Takt des stetigen Schaukelns. Die Bahn stand jetzt zwischen zwei Büschen und als ich vom Fenster zurück auf den Vierersitz sah, überlegte ich, ob ich gerade geträumt hatte.

Es war nicht so sehr das plötzliche Auftauchen gewesen als vielmehr der stechende Blick des Mannes, den ich nicht deuten konnte. Ich drehte mich herum, suchte ihn und wusste, dass der, der ganz hinten in seiner nassen Regenjacke saß, eben noch nicht da gewesen war. Ein Blick zu den anderen Fahrgästen verriet mir, dass ihnen wohl nichts Besonderes aufgefallen war. Das schlechte Wetter veranlasste einzelne, mit dem Handy am Ohr eine Verbindung aufzunehmen, ehe sie das Gerät wieder herunternahmen.

Seine Augen waren eindeutig auf mich gerichtet. Ich fühlte Angst in mir aufsteigen. Seine Kleidung triefte vom Regenwasser und seine Hutkrempe war völlig durchgeweicht. Was wollte er von mir?

Manchmal starrten Menschen unbestimmt in die Ferne. Ich drehte mich langsam herum und versuchte, mich zu beruhigen, nahm mein Handy hervor und dachte, ich könnte zur Abwechslung eine Nachricht nach Hause schreiben. Kein Empfang.

Als ich wieder hochsah, saß er auf dem Sitz vor mir. Blanke Panik ergriff mich. Der Regen lief über sein Gesicht und an seinem Mantel herunter. Mir stockte der Atem. Ein Schwindel stieg in mir hoch und ich hielt mich am Sitz fest. Als ich ihn ansprechen wollte, war er weg.

Im gleichen Moment beruhigte sich das Wetter und unser Fahrer verkündete, dass wir nun über die Brücke fahren konnten. Der Schaden sei behoben und er bedankte sich für das Verständnis. Ich war jetzt sicher, dass ich geträumt hatte oder dass die merkwürdige Erscheinung mit dem Wetter zusammenhing. Froh über die Weiterfahrt, vergaß ich, was ich an diesem Abend erlebt hatte.

In den nächsten Tagen sah ich zufällig das Bild eines Mannes in der Zeitung mit einem langen Mantel und einer Hutkrempe, der als Schäfer in der Landschaft mit seinen Tieren gestanden hatte. Der Artikel war ein Nachruf. Man war traurig darüber, dass er am Viadukt bei einem plötzlichen Sturm den Freitod auf den Schienen gewählt hatte.

Update Letternwald

„Emotionen in Organisationen“ war der letzte hier erschienene Beitrag, ehe ich den Blog vor knapp 4 Jahren privat gesetzt habe. Eine Pandemie und eine Arbeitsstelle später versuche ich es wieder, komme reumütig angekrochen, sehe im Reader die vielen Blogger:innen von damals und mein schlechtes Gewissen quält mich. Ich habe es mir überlegt, bitte lasst mich hier nicht stehen und seht es mir nach…

Emotionen in Organisationen

… ist wohl ein zahlreich gewählter Titel und passt zu den immer aktuellen Dynamiken unserer Organisation. Ich bin jetzt schon lange dabei und sehe sie kommen und gehen – sozialer Bereich, Fachkräftemangel, nehmen, wer kommt. So geht es munter immer im Kreis. Aber ist denn das überall so? Dann denke ich, klar Leitung macht was aus, das stimmt schon, wenn Infos fehlen, ist blöd, aber immer wieder auch tolle Dinger dazwischen, hier ein heiteres Anekdötchen: Kollegin X, schon lange dabei, bringt Kuchen vom eigenen Geburtstag mit, 5 Stücke schön abgezählt, danke, da probiere ich aber gerne mal, lecker, lecker, bitte Rezept und denke knappe Kiste für so viel Mann, usw. Kollegin Y treffe ich später mitsamt allen restlichen Kuchenstücken an, die sie sich genüsslich zu Gemüte führt, frage noch mal, meinste wirklich alle? Ja ja, hat sie extra gesagt, so, dann guten Hunger, bis morgen, wenn Kollegin X verwundert ihren leeren Krümelteller stehen sieht. Geht es dabei um Fachkräfte oder was ist das?

Bullterrier

Das Karussell dreht sich munter weiter, mit allen Mitteln wird gelogen, betrogen, sich wichtig gemacht und ich falle immer wieder darauf rein, meine Zeit damit zu verschwenden.

Ich denke nach, sitze im Gras und sehe von weitem einen Hund auf mich zukommen. Bei näherem Hinsehen ist es einer von denen, die für Stimmung sorgen. Das Tier nähert sich und ich erkenne, dass seine Schultern fast so kräftig sind wie meine eigenen. Ich beobachte das Tier Auge in Auge und will etwas sagen, dass sie es anleinen müssten und denke kurz an die Polizei.

Die könnte ich doch rufen und würde ihr was erzählen von meinem Tag und von den Jugendlichen, deren Schultern noch nicht breit genug sind, das Tier im Ernstfall zu halten, ehe ich mich besinne, dass mich das Tier schon jetzt zerfleischt hätte, wenn es ein bösartiges wäre. Dann denke ich wieder an die Polizei und die Tatsache, dass deren Jobs bestimmt nicht viel besser sind. Die ärgern sich auch oft.

Ein American Pitbull Terrier ist in Deutschland mittlerweile verboten, lese ich im Internet, als die Gruppe schon vorüber gezogen ist und ich bin froh, dieses Mal verschont worden zu sein.

Kurzgeschichte: Rauhnächte

Er kann ihn manchmal nicht leiden. So wie er oft arrogant auf der Mauer stolziert, wie er hinter den Vögeln herstarrt und wie er überhaupt nicht auf andere achtet. Er kann es nicht leiden. Trotzdem sind sie verbunden, auf immer zusammen, Brüder eben, die sich streiten und dann wieder vertragen. Es war schon immer so. Er hätte sich ja dagegen einsetzen können, hätte selbst böse reden können und überhaupt, denn schließlich war er der bessere Jäger auch nach dieser Geschichte.

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Die Frau setzt sich. Ihre Brille hat sie zur Seite gelegt. Im Zimmer ist es warm, aber durch einen Fensterspalt zieht es vor sich hin. Ich blicke auf die Kerze, deren Flamme hin- und herflimmert. Im Ofen brennen ein paar Holzscheite. Sie beginnt ihren Bericht mit einem Seufzen:

Ach, heute ist es nur noch eine Geschichte, die man sich erzählt an dunklen Abenden im Sommer oder an nassen Herbsttagen, um sich selbst ein bisschen interessanter zu machen. Ich auf meine alten Tage, ich will da nicht nachstehen. Es hat sich wohl wirklich so zugetragen. Manche sagen, die Kater seien es, wenn es draußen an die Scheiben klopft oder wenn ein Unrecht geschieht. Es ist schon lange her. Nach allen Berechnungen müssten die Tiere heute eigentlich tot sein. Wie lange lebt so ein Vieh? Aber es soll noch viele Menschen geben, die sie regelmäßig sehen. Ihre schwarzen Gesichter mit Augen, die wie Kohlen glühen, sind noch hinter den Scheiben des alten Hauses zu sehen. In dem Haus wohnt schon lange niemand mehr.

Es war damals sehr kalt. Ich weiß noch, dass der Wind so schneidend war, dass ich dachte, den Schnee riechen zu können, der sich ankündigte und schon bald einstellen sollte. Damals hatte man immer von der besonderen Zeit des Jahres erzählt, von der ´Wilden Jagd´ und dem Unheil, das sie brachte. Ammenmärchen, hätte man mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben gefragt, als ich alles mit Vernunft erklären konnte, als alles vorhersehbar schien. Heute weiß ich, dass es anders ist, dass sich kein Leben gänzlich planen lässt.“

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Er weiß, dass es sein Bruder war, aber bis heute kann er kaum sagen, was damals wirklich passierte, als die Menschen ihre Wäsche nicht wuschen, weil sie Angst hatten, es würde ein Leichentuch aus ihnen gewebt. Er saß am Fenster und wollte ihn warnen. Es kam jedoch jede Hilfe zu spät.

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Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr bedeuten die Erneuerung, aber auch das Innehalten für das Alte. Zur Zeit des Heidentums stand ihre Bedeutung stärker im Vordergrund, heute weiß man nicht mehr um die Verhaltensregeln, an denen man sich orientieren soll. Es war das Nachbarhaus, von dem die Leute sagten, dass der Hausherr irgendwie komisch sei. Was genau damit gemeint war, lässt sich heute nicht mehr sagen. In genauem Zusammenhang damit steht jedoch die Tatsache, dass die Frau des Hauses des öfteren mit einem blauen Auge beim Metzger ausgeholfen hat. Sie brauchten dringend das Geld, glaube ich. Der Hof warf ja auch so gut wie nichts ab. Eine merkwürdige Familie, das weiß ich noch. Ich kann nicht genau sagen, ob ich sie nicht mochte, nein, sie waren mir einfach nicht sympathisch. Ja und wenn ich so überlege, dann hatte das Leben ganz lange bei ihnen einen geregelten Ablauf. Morgens ging er früh aus dem Haus, sie ging später hinter die Theke ob mit oder ohne Veilchen. Insgesamt erging es ihr aber leidlich, so wie ich denke.“

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Es war ein früher Herbstabend, in dem sie die Brüder angelockt hatte. Eine Schüssel Milch war mehr, als sie jemals hatten erwarten können und so schlichen sie schnell ins Nachbarhaus und nahmen, was sie kriegen konnten.

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Irgendwie hat mich das gewundert, dass sie irgendwann anfing, die Katzen anzulocken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – sie war trotz aller Wundersamkeit eine nette Person. Aber wie kam sie darauf, die Katzen aus dem fremden Haus zu locken? War sie einsam oder führte sie etwas im Schilde? Wissen Sie, auf beide Häuser habe ich freie Sicht, weiß genau, wer ein- und ausgeht, auch wenn ich es meistens gar nicht wissen will. Es geht mich nichts an, aber was will man machen? Das Leben hier ist eintönig. Man erlebt so gut wie nichts, ach naja. Und irgendwann kamen die Viecher, schwärzer als die Nacht, Biester, die Ihnen am Ende nicht nur die Möbel, sondern auch die Seele zerkratzen. Ich habe sie nie leiden mögen, aber ich mag ja auch gar keine Katzen. Zuerst hat sie ihnen vor der Tür kleine Bröckchen hingeworfen, hastig, schnell, ihr Mann hatte ja nichts zu verschenken. Alles wurde gespart. Als er aus dem Haus war, wurde sie mutiger. Ehe ich´s mich versah, tranken die Biester von der guten Milch, von der sie nur so wenig hatten und die ihnen so wertvoll war. Die Katzen hatten sie um den Finger gewickelt.“

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In vielen Fällen war er derjenige, der zuerst die Kontakte pflegte, der den Menschen um die Beine schlich, aber hat er sich bis heute nichts vorzuwerfen, so glaubt er. Die Menschen verhalten sich zu bestimmten Jahreszeiten anders. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen die Tiere empfindsamer sind als die Menschen. Man hat schon von vorhergesehenen Erdbeben gehört oder von einer Feinfühligkeit, die man so kaum beschreiben kann. Die Menschen denken, dass die Tiere schärfere Sinne haben, dass sie sich anders einlassen können.

So wie die Frau die beiden Kater noch im Herbst bewirtet hat, so zutraulich waren sie ihr im Dezember. Sie haben gesehen, wie hart sie arbeiten musste, wieviel sie für den Winter gegeben hat, Lebkuchen, Eingemachtes, Schlachtung, Butter, Sahne und so viel mehr. Hin und wieder ist davon natürlich etwas auf verschlungenen Pfaden abhanden gekommen. Irgendwann muss der Schwindel in einer Nacht nach Weihnachten aufgeflogen sein, ein wenig Sahne und etwas Butter fehlten. Ihr Mann hatte das Tier gesehen. Es waren fürchterliche Schreie zu hören.

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In einer Rauhnacht, so sagt man hier unter den Menschen, muss man sich zurücknehmen. Man muss Ehrfurcht haben vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das hatte sie, sie hat sich der Viecher angenommen, pottschwarz, kein Herr in der Nähe, aber was soll ich sagen? Es hatte irgendwie etwas Eigenartiges, wie sie mit ihnen umging, nicht wie jemand, der den Tieren Essen gibt. Es war mehr wie ein Tribunal, wenn sie ihr um die Beine schlichen und sie zu ihnen sprach. Bestimmt ist es ein Märchen, aber man sagt, dass die Tiere in den Räuhnächten sprechen können. Die Tiere im Stall sprechen zu bestimmten Menschen und sagen ihnen das neue Jahr voraus. Das geht eben nicht ohne Bezahlung. Vielleicht war es so. Sie haben später von einem Herzinfarkt erzählt, aber alle waren sich einig, dass es gut war, dass die Frau nun endlich ihre Ruhe hat, endlich Ruhe, ja. Die Kater waren in der Nacht dabei. Ich glaube, dass sie etwas damit zu tun haben.“ Die Frau schloss ihren Bericht. Die Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und im Ofen war nur noch Glut zu sehen.

Köszönem, Budapest!

20180810_181238Wer schon mal mit dem Finger auf der Landkarte in Ungarn unterwegs war oder auch am Balaton gebadet hat, weiß, dass wir es mit einem entfernten Land und mit einer anderen Kultur zu tun haben, ein Land von ehemals „hinterm eisernen Vorhang“.
Seine wechselhafte Geschichte hat deutliche Spuren hinterlassen. Begonnen bei der „K.u.K.-Monarchie“ kann man sagen, dass der Blick von der Kettenbrücke über die Donau bei Nacht der schönste ist, den die Welt auf eine Stadt zu bieten hat. Durchbrochen wird das Bild sowohl von der Donau als auch von der brutalen Architektur der Sowietzeit.
Sicher war dieses Panorama der Grund für einen neuen Besuch unsererseits.

Wer selbst nach Budapest reist, wird belohnt: Mit einer Sprache aus Wörtern, die wie Zauberformeln klingen, mit einem Aufbruch und einem Werden, wie es kaum eine europäische Stadt noch so bieten kann.

Es ist ganz sicher: Hier sind Hitze und Leidenschaft zu Hause. Vergesst alles, was Euch das dröge Europa sonst verspricht. Lauft durch die Markthalle und kauft die leckersten Pfirsiche, schlurft über den Dreck im Bahnhof Keleti, der sich pittoresk zu Dekorationen zwirbelt und holt Euch einen ordentlichen Sonnenstich an Michael Jacksons Heldenplatz.
Reibt die Schreibfeder des Anonymus und staunt über die gestrigen Soldaten, die mit 2 Säbeln die schiefen Kronjuwelen im Parlament bewachen. Leute, fahrt nach Budapest!

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Der Schatten des Windes

Ein Buch, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe und auf das man sich nicht einfach so in der Bahn konzentrieren kann. Es hat seine Längen, aber grundsätzlich ist die Idee, dass ein Buch das ganze Leben prägen kann, doch sehr verlockend. Nebenbei etwas spanische Geschichte. Nichts Leichtes für den Sommer, eher was für den Herbst:

Carlos Ruiz Zafón

Der Schatten des Windes

2005, 563 Seiten, Suhrkamp

Ruiz-Zavon

Zeitenbrand: So mies war der gar nicht

Schon lange zweifele ich an dem Text „Zeitenbrand“, hatte ich in 2015 veröffentlicht und hat das aufgegriffen, was mich damals beschäftigt hat, vielleicht war er zu ernst, zu überregional oder weiß der Geier. Hier eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Zeitenbrand-Roman-Elisabeth-Waterfeld-ebook/dp/B01M5H4HVE/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8#reader_B01M5H4HVE

Vieles würde ich heute in meinen Texten anders machen, z. B. schon in meiner Personenbeschreibung „… hat in Paderborn und Kassel studiert.“ Interessiert ja nicht die Bohne, „gelebt“ oder sowas träfe es heute besser. Steigt Euch bei Euren eigenen Texten auch manchmal die Schamesröte ins Gesicht?

 

Über das Schreiben

Angeregt von ein paar netten Bloggerkolleginnen möchte ich mich mit meinem eigenen Schreiben näher auseinandersetzen:

  • Das Tagebuch lässt gut reflektieren, kann aber auch zur Sackgasse werden, wenn eigene Probleme immer weiter gewälzt werden, daher schreibe ich nur noch Stichworte in einem Kalender auf, wenn am Tag etwas Besonderes passiert ist.
  • Der kreative Text, der anderen Wirklichkeiten entliehen und gemischt mit eigenen biografischen Anteilen ist, gilt für mich als Befreiung von meinen eigenen doofen Gedanken. Ich gehe weg von den Problemen, erhalte eine erfrischende Abwechslung.
  • Zeit zum Schreiben muss man sich nehmen. Bei mir kommt das Schreiben aber erst nach einer gewissen Zeit der Langeweile. Momentan baue ich in meinem Brotjob Überstunden ab und erhole mich von dem, was bei uns zu Hause passiert. Wahrscheinlich komme ich irgendwann wieder dazu.
  • Anregungen sammeln: Wer gerade keine Zeit zum Schreiben hat, hebt einfach die Ideen und Dinge auf, die einem den entscheidenden Tipp für eine neue Idee gegeben haben.
  • Ziel des Schreibens ist bei mir zum Einen tatsächlich die Ablenkung von anderen Gedanken, die nicht förderlich für mich sind und die mir oft Angst machen. Ziel kann aber zum Anderen auch sein, daraus irgendwann ein konkretes Standbein zu schaffen. In Zeiten von Befristung, von Digitalisierung und Abschaffung der Arbeitswelt sicher eine Utopie, aber auch keine ganz saublöde Idee, daher hier der Werbeblock für das, was bei mir hinten rausgekommen ist:
  • Elisabeth Waterfeld: Weinbergmond. Ein Kasselkrimi, 2015, Tredition (Gardner-Krimi 1)
  • Elisabeth Waterfeld: Zeitenbrand, 2015, Tredition
  • Elisabeth Waterfeld: Kirmesblut. Musik für Gardner, 2016, Tredition (Gardner-Krimi 2)
  • Irgendwann wird es auch einen 3. Gardner und eine nordhessische Geschichtensammlung geben – ganz bestimmt 😉

Kurznotizen

Wenn einer stirbt, meinen andere, es gäbe einen kausalen Zusammenhang, also sowas wie, der Mensch, das Tier ist krank geworden, weil … oder man hätte etwas an der Sache ändern können. So allmächtig ist man nicht, aber es schwelt im Vorbewusstsein, man macht sich Vorwürfe. Morgen ist Krankenhaus, wieder Klinikum, mal sehen, hoffentlich diesmal glücklicher Ausgang. Werde berichten.

 

Der Zahir

„Und wieso dann diese Idee, dass Du in den Krieg ziehen willst?“

„Weil ich glaube, dass im Krieg der Mensch an seine Grenzen stößt. Er kann jederzeit sterben. Wer an seinen Grenzen angelangt ist, handelt anders.“ (S. 53)

Es gibt Bücher, die man gelesen haben sollte. Es gibt auch welche, die man mehrfach lesen sollte. Für mich ist das der Zahir von Paolo Coelho. Ich lese ihn nun zum dritten Mal und entdecke wieder Neues. Die Geschichte ist keine große Bombe: Der Protagonist wird von seiner Frau verlassen und irgendwie beginnt er an sich zu zweifeln. Interessant ist die Erzählperspektive, denn es könnte der Autor selbst sein, der den Bericht schreibt und natürlich die Anregung zum eigenen Nachdenken über das Leben und das, was es uns zu bieten hat.

Paolo Coelho

Der Zahir

2005, Diogenes, 342 Seiten

Kuckuckskind

Typisch Ingrid Noll: Noch nie habe ich hier die Bücher dieser Autorin erwähnt, obwohl ich schon viele von ihr mit großer Freude gelesen habe. Das Besondere: Ihre Texte sind unaufgeregt. Man hat das Gefühl, einen Bericht über eine Bekannte zu lesen und trotzdem bietet sie immer eine besondere Kurve, mit der man in ihren Krimis nicht rechnen würde. Ich identifiziere mich mit ihren teils todlangweiligen Durchschnittsmenschen und bin froh, in Büchern nicht nur mit Perversion und Ekel konfrontiert zu werden.

Ingrid Noll

Kuckuckskind

2008, Diogenes, 339 Seiten

Kurzgeschichte: Am Kamin

D ie letzten Monate hatten ihr viele trübe Gedanken beschert. Der Winter war stets zehrend für die junge Frau gewesen, die so früh allen Vorrat anlegen und ihr Quartier mühevoll mit Stroh decken musste. Wenn es diese Arbeiten zu verrichten galt, spürte sie den Verlust besonders. Damals, als ihre Familie noch gemeinsam in der kleinen Hütte gewohnt hatte, war es einfacher gewesen. Wenn sie heute an die glücklichen Zeiten zurückdachte, war es wie der Blick in ein anderes Leben, als ob es nie existiert hatte.

Ihre Decken und Felle zeugen noch davon. Die großen Krüge, für eine große Anzahl von Menschen hergestellt, scheinen von den Zeiten zu berichten, als an dem großen Eichentisch in der Gaststätte das einfache, aber stets wohlschmeckende Mahl eingenommen wurde. Das helle Lachen ihrer Mutter, die ihren Vater und ihre Schwestern umsorgte, Gerichte zubereitete und ihre Hände geschäftig hin und her wandern ließ.

Es war die Zuversicht ihrer Mutter, die alle Jahreszeiten so schätzte und in der Familie eine starke Vorfreude auf den Jahreswandel entstehen ließ. Im Frühling trieb sie die Kinder nach draußen, dass sie sich bewegten, in der Sonne dösten und frische Luft bekamen. Sie und ihre Schwestern sollten spielen, aber sich nicht herumtreiben. Unterdessen fegte und redete die Mutter auf den Staub ein, den der Winter hinterlassen hatte.

Im Sommer pflückten sie gemeinsam Blumen auf den Feldern. Dazu erzählte ihre Mutter Geschichten von Rittern, Königen und Prinzessinnen. Ihr Vater stand oft in einiger Ferne, erntete das bisschen Korn, das er mit einem Bauern aus dem nahe gelegenem Ort gesät hatte. Der Vater war immer bemüht um die Kenntnis der Nachrichten im Ort. Er wusste, dass Wissen und Bildung wichtig waren, aber dass man zwischen den Berichten diejenigen wählen musste, denen man Glauben schenken konnte.

Im Herbst half ihr Vater anderen Bauern, um Wintervorräte anzulegen und Erkundungen über die Pläne des jungen Landgrafen einzuholen. Ihre Mutter streifte dann mit den Kindern lange durch den Wald. Sie hingen kleine Gaben auf für die Tiere, die ihnen eine gute Nachbarschaft sein sollten. Es sei wichtig, vom eigenen Überfluss zu geben.

So macht sie es noch heute. Wenn die Schwelle zum Winter beginnt, müssen die Waldtiere versorgt sein. Ihre Freundinnen haben sie dafür bisher immer verspottet. Ihre Mutter hat sie damals, als sie es verraten hatte, zur Heimlichkeit angehalten.

Wir sind anders“, sagte sie ihr stets. „Wir leben hier draußen, weil wir nicht so sind wie sie.“ Im Winter erfreuten sie sich dann, wenn die Tiere kamen und fraßen und sie in ihrem dichten, winterlichen Gefieder und Pelzen an den Ähren knabberten.

Mutter und Vater waren gleich und verschieden gewesen. Ihr Vater sorgte mühevoll für die Familie. Noch nie war ihr Geschlecht im Besitz von irdischem Reichtum gewesen. Nur selten sprach er über ihre Armut und nur selten hatte sie gesehen, wie Vater und Mutter heimlich sprachen, welche Güter sie hatten und wie die Ernte sie ernährte. Mutter war immer der gute Geist gewesen.

Aus Erzählungen hatten die Kinder erfahren, dass die Großeltern damals nicht in die Verbindung mit der Mutter eingewilligt hatten. Sie sei sonderbar. Er hätte sich ein Mädchen aus dem Ort nehmen sollen. Ihre Großeltern trafen sie zu der Zeit nicht mehr oft. Früher hatte es Streit gegeben.

Die Enkelinnen seien Teufelsbrut, auch wenn ihre Großmutter immer gut zu den Mädchen gewesen war. Die Eltern hatten beschlossen, in eine eigene Hütte zu ziehen. Nicht im Ort, wo die Mutter stets argwöhnisch beobachtet wurde, wenn sie zum Markt ging und Waren auswählte, die außer ihr fast niemand kaufte. Sie hatte aber nicht das Gefühl, dass die Mutter traurig darüber gewesen wäre. Sie hätte gesagt, dass es ihre Aufgabe gewesen sei.

Dachte sie länger an diese Jahre zurück, dann fühlte sie, dass sie die Gemeinschaft der Familie glücklich gemacht hat. Das Lachen, aber auch die Beschwerlichkeiten sind heute die Momente, in denen sie sich Rat und Hilfe wünscht.

Auch ihre Geschichte begann im Winter. Es war das Jahr 1570. Draußen lag eine dichte Schneedecke und immer neue Flocken legten sich leise nieder. Im kleinen Haus war es warm. Der Ofen heizte ihr Zimmer und alle hatten ihre Arbeit. Ihre Mutter sponn Wolle und legte sie zum Weben bereit. Ihre Schwestern wickelten Ballen daraus und spielten mit der jungen Katze. Das schwarze Tier war ihnen noch im Spätsommer zugelaufen und alle hatten viel Freude an ihm. Ab und zu ging der Vater aus, um neues Holz für den Ofen zu holen.

Sie selbst saß am Fenster und blickte hinaus in den Wald. Alles war dicht verschneit und die Tannen schienen die schwere Last des Schnees nur ungern tragen zu wollen. Traurig ließen sie ihre Zweige hängen. Die Sonne schien und bestrahlte die weiße Pracht, sodass sie silbrig glitzerte.

So müsse es in der Schatzkammer des Landgrafen aussehen, dachte sie bei sich und begann, von Gold und Silber zu träumen, das sie auf dem Markt schon einmal gesehen hatte.

Während sie so dasaß und träumte, vertiefte sie sich immer weiter in das Treiben der Schneeflocken. Sie beobachtete, wie einzelne Flocken vom Himmel kamen und sanft zu Boden fielen. Sie schaute immer weiter und fühlte sodann, wie in ihren Körper ein Beben fuhr und wie sie sich zu fragen begann, warum die Flocken zu Boden fielen. Für diese Geschöpfe sei es doch nur recht und billig, dass sie in ihrer Anmut dem Himmel nicht verloren gingen.

Sie beobachtete eine der unzähligen Flocken besonders und bewunderte ihr funkelndes Kleid. Plötzlich sah sie, wie sich die Flocke, die kurz zuvor noch den Boden berühren sollte, erhob und zu ihrem Rückweg ansetzte. Sie nahm eine Wendung und ganz langsam verschwand sie dahin, woher sie gekommen war.

Zugleich erfasste das Mädchen ein starkes Gefühl von Willen und ein großes Behagen, als die Flocke nach oben verschwunden war.

Sie sah sich um und hoffte inständig, dass die anderen hinter ihr nichts bemerkt hatten und tatsächlich waren sie noch immer mit ihren Aufgaben beschäftigt. Ihre Schwestern spielten mit der Katze. Ihr Vater schürte das Feuer, nur ihre Mutter lächelte kurz hinter ihrem Spinnrad hervor, um sich sogleich wieder ihrer Arbeit zu widmen.

Dieser Moment hatte alles in ihr verändert. Was war damals mit ihr geschehen? Wer war sie?

Noch viele Monate sollte sie Zweifel in sich tragen, sollte sich immer mehr zurückziehen. Was konnte sie wohl noch? Schon damals war allgemein bekannt, dass die Fähigkeiten der Menschen im Ort begrenzt waren und dass sie an Berichte glaubten, die ebenso wundersam und furchtbar klangen. Diejenigen, die sie kannte, waren des Lesens und Schreibens nicht mündig. Sie wusste, dass ihre Mutter ihnen dieses Können verschafft hatte.

Gemeinsam hatten sie in dem einzigen Buch gelesen, das die Familie besessen hatte. Woher es stammte, wusste keiner mehr zu sagen. Die Rezepte, die darin aufgeführt wurden, waren solche des täglichen Gebrauchs, aber es gab auch Zutaten, die auf bestimmte Weise das Mahl veränderten.

Je nach Wunsch konnten Speisen damit auf raffinierte Art eine starke Wirkung entfalten. Eben diese fremden Kräuter hatte ihre Mutter schon auf dem Markt verlangt, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Die Mutter hatte sie meist dorthin mitgenommen und so entgang ihr nicht der Neid der Marktfrauen, wenn sie nach teurem Safran oder Zimt verlangt hatte. Sie selbst war dann sehr traurig. Das Tragen der Waren war ihr eine viel geringere Last als das Gewissen und der schlechte Stand der Mutter.

Nun war es zu spät und das Schicksal ließ sich nicht wenden. Sie wusste, dass es nach der Begebenheit mit der Schneeflocke noch schwieriger würde. Als sie einmal mit den anderen Kindern spielte, hörte sie, wie eine andere Gruppe von Mädchen sie streng beäugte. Es war ein einfaches Spiel gewesen und sie war sicher, keinen Fehler begangen zu haben. Daher wunderte sie sich sehr über das Verhalten der Kinder. Sie lachten und tuschelten so laut, dass sie sie in Teilen verstehen konnte. „Hexe“ war eines der wenigen Worte, das sie von ihnen vernommen hatte.

Es war so gesprochen, dass es direkt an sie gerichtet war und die Kinder liefen lachend weg. Bis heute, nach so vielen Erfahrungen, waren die Kinder die einzigen, die es je gesagt hatten.

So lange war es nun her, dass sie es nur noch schemenhaft erinnern kann und doch treten manchmal die alten Bilder so klar vor sie, als sei es jüngst passiert. Von den Kindern und auch, als die Söldner kamen und ihre Familie holten.

Von dem Erlass hatten sie dem Vater nichts erzählt. Nicht jeden Bericht hat er damals bei seiner Arbeit erhalten. So hat es sich sehr plötzlich zugetragen. Vielleicht kannten die Bauern den Erlass nicht. Natürlich muss es Gerüchte gegeben haben. Erst jetzt, nachdem es schon viele Jahre zurücklag, las sie in der Bulle, dass alle Frauen und mit ihnen die Familie, die dem christlichen Glauben abgeschworen hatten, auf die Probe zu stellen und bei Feststellung der Schandtaten auf´s Schärfste zu verurteilen waren.

Seit dieser Zeit lebt sie allein in dem kleinen Haus. Zehn Winter sind ins Land gegangen und der noch immer junge Landgraf hat endlich ein Kind. Eine schöne Tochter, so sagt man, kräftig und stolz wie das Geschlecht ihrer Ahnen. Bald soll das Mädchen nach dem christlichen Glauben getauft werden.

Zuerst wollte sie die Einladung zur Taufe nicht annehmen. Lange hat sie überlegt, welche guten Wünsche sie dem Kind geben kann. Schönheit, Reichtum, Glück? Was gönnt man einer Familie, die eine andere ausgelöscht hat?

Während sie nachdenkt, gleitet der Faden flink zwischen ihren Fingern. So wie schon ihre Mutter spannt sie die Wolle auf die Spule des Spinnrads, das noch immer gute Dienste leistet.

Das Wirtshaus im Spessart

Mitten im Wald gibt es eine Gaststätte, die  von zwei jungen Männern aufgesucht wird. Zur Zeit Napoleon Bonapartes treiben sich viele Gesetzlose herum, Räuberbanden, die sicher auf die Habe der beiden Männer aus sind. So fürchten sie sich gemeinsam mit den anderen Gästen vor der Wirtin und erzählen sich zum Trost die folgenden Geschichten:

Die Sage vom Hirschgulden

Das kalte Herz, Trailer des Kinofilms von 2016: https://www.youtube.com/watch?v=vcVJaq_ET2g

Version von 2015 in der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/kinder/maerchenperlen/das-kalte-herz-empfohlen-ab-8-jahren-104.html

Wilhelm Hauff

Das Wirtshaus im Spessart

1828, Märchen-Almanach

https://de.wikisource.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart

Das Café unter den Linden

Ein Gute-Laune-Buch im besten Sinne: Flott und schmissig erzählt geht es ordentlich rund für Fritzi Lack, die 1925 aus dem Schwabenland ins muntere Berlin als Tippfräulein flieht und auf den smarten Grafen von Keller trifft. Tolle Sprüche wie „der sieht aus wie der Weihnachtsbaum im KaDeWe zwei Tage vor Weihnachten“ verzeihen die allzu schnell herbeierzählte Geschichte, die viel zu schnell hergestellten Kontakte zum Künstlerkreis sowie viele moderne Redewendungen – „echt top“ zum Beispiel in Bus und Bahn oder an der schönen Fuldaaue.

Joan Weng

Das Café unter den Linden

2017, 299 Seiten, atb

Weng

Heideröslein

„Sah ein Knab ein Röslein stehen…“ Unser Röschen galt ja lange Zeit als verschollen, tauchte aber wieder auf und zeigt sich nun zutraulicher denn je. Die Flöhe haben uns alle angegriffen, die Wunden jucken uns noch, aber das Röschen hat es gut. Bei der Gartenarbeit sieht es tatenlos zu und wartet – wenn schon nicht auf gebratene Hähnchen, so doch wenigstens auf Gutes aus der Dose. Meine Mutter hat genau kalkuliert, wann die Bewirtung des guten Tieres zu erfolgen hat und manchmal hört man es leise singen „Röslein auf der Heide“.

Unser Wildröschen

Bei deftiger Hausmannskost gibt es für das Röschen kein Halten mehr. Es wartet pünktlich zur Mittagszeit vorwurfsvoll vor der Gartentreppe auf das, was so in der Pfanne übrigbleibt, pirscht sich nah und näher, kommt bis ins Haus, verschwindet aber dann wieder. Es bleibt in der Nähe, guckt hier und da. Wir hoffen, dass wir sie morgen vor der Kälte schnappen können.

Blade Runner

Dieser Klassiker trägt eigentlich den sperrigen Titel „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Es gibt ein paar Geschichten, die die Grundlage der modernen dystopischen Literatur bilden: Blade Runner gehört ganz sicher dazu. Es geht um die Frage,  ab wann der Mensch zum Menschen wird und vor welcher Existenz Respekt gewahrt werden muss. Brandaktuell in unserer Zeit, wenn Alexa und Siri gemeinsam lachen.

Toll, dass Harrison Ford als Rick Deckard auch im neuen „Blade Runner 2049“ wieder mitspielt. Ein heiterer Klassiker zum Nachdenken auch auf der Bahnschiene:

Philipp K. Dick

Blade Runner

 

Das achte Leben (für Brilka)

Simon, Stasia, Kostja, Kitty, Lana, Lascha, Miqa, Miro, Andro, Niza oder Brilka sind nur einige der Person, die in diesem Riesenroman auftauchen und deren Geschichten man mehr oder weniger verwoben zu einer einzigen hier lesen kann. Das Buch ist in jeder Hinsicht beeindruckend: Es sollte einem wegen der knapp 1300 Seiten nicht auf die Füße fallen, es ist anschaulich geschrieben, sodass man trotz der vielen Personen gut folgen kann und es verbindet viele persönliche Geschichten mit der Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Dieses Buch hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sämtliche Frauen reagieren nur auf die Geschicke, die ihnen ihre Männer aufbürden. Es geht um Verfolgung, um Revolution und Staatstreue. Selbstmord, plötzliche tödliche Erkrankungen und Vergewaltigungen häufen sich so stark, dass es kaum auszuhalten ist. Aus diesem Grund habe ich sagenhafte drei Monate mit diesem Schinken verbracht, ehe ich ihn heute endlich beendet habe und ich bin froh, dass es mit Brilka weitergehen darf, dass sie nicht plötzlich auf offener Straße in den Revolutionswirren erstochen wird oder Ähnliches. Klar, man muss ja auch die Spannung aufrecht erhalten, aber ein wenig „normales Leben“ hätte dem Roman sicher nicht geschadet. Nur eine spießige Kleinfamilie mit Eltern, die normalen Berufen nachgehen, keine Filmstars oder KPD-Größen sind und deren Liebe nicht an sich selbst scheitert.

Es ist schade, dass der Roman nichts Leichtes an sich hat, dass die Figuren zu keinem Zeitpunkt ihr Leben genießen können, sondern immer am Abgrund stehen, immer kurz davor, irgendeinem Irrtum zum Opfer zu fallen. Trotzdem ist dieses Buch eine große Empfehlung, wenn man zwischendurch Lesepausen einlegt.

Nino Haratischwili

Das achte Leben (für Brilka)

Brilka

 

Katze dazu, fertig!

Erst mal vielen lieben Dank für die große Anteilnahme zum Verschwinden unserer Katze. Unglaublich, wie schnell die Resonanz wächst, wenn etwas Niedliches ins Spiel kommt. So werde ich das jetzt immer handhaben. In meinen Texten kommt jetzt mindestens eine Katze vor!

Aber im Ernst: Ich hatte schon befürchtet, dass wir uns ganz falsch ihr gegenüber verhalten haben. Ein Monat voller Wollknäule, lecker Essen und gutem Zureden können doch nicht einfach so vergessen werden. Gestern Abend hat sie sich dann wieder bitten lassen. Es ruft von unten: „EURE KATZE SITZT HIER!“ Und wir rennen wie der Blitz nach unten, beladen mit Katzenwürstchen, Knäulen und Häuschen, damit das Röschen wiederkommt und es kam! Es war unentschlossen, ob es denn bleiben sollte und wollte nicht ins Haus, aber es wird auch so schnell nicht weggehen. Wir sind froh.

Röschen ist weg

Hoffentlich kommt sie wieder, sonst vermute ich, dass diese ewige Pechsträhne einfach kein Ende nimmt. Seit Anfang der Woche, genauer gesagt, als die Temperaturen stiegen, hat es sich über das Vordach aus dem Staub gemacht, hatte vorher schon immer mal um die Ecke geguckt, mit zitternden Knien und kalten Pfoten aber schnell wieder hereingekommen. Naja, ist ja „Bölzerzeit“, wie man bei uns sagt.

Ali und Nino

Die zauberhafte Geschichte eines Liebespaares, das Welten verbindet: Ali und Nino leben in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Er ist Muslim, sie ist Christin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Besonderheit, aber auch heute noch vermisst man Parallelen, wo eigentlich längst welche sein müssten. Alles in allem eine tolle Erzählung, die etwas klischeehaft daherkommt, die aber Fragen aufwirft, sich mit der Region und den Menschen zu beschäftigen. 2016 wurde sie verfilmt und zeigt sich reichlich dramatischer:

Ali und Nino, Kurban Said, 1937

Fromm über´n Tisch gezogen

„Lass Dich nicht über´n Tisch ziehen,“ sagt Margarete heute zu mir, eine unserer ältesten Ehrenamtlichen. „Du kannst nicht mit der Sandy, das sehe ich.“ Die Sandy, das ist die nicht mehr ganz neue Kollegin, die mit 45 zwei erwachsene Kinder hat und neben einer Ausbildung ein jetzt auch noch abgeschlossenes Studium. Die Sandy ist die, die konsequent Namen in aller Öffentlichkeit falsch ausspricht, die niemals nie nicht ihre E-Mails liest, weil „da habe ich doch gar keine Zeit, die jeden Tag zu lesen,“ die jede Idee wie eine Art Hybrid aufnimmt, filtert und mit eigenen Worten als ihre eigene erzählt und die in ihrem Kopf das auch glaubt. Das ist besonders positiv für sie. So eine Sandy kennt jeder, eine, die die zwei Kinder groß hat und faltenfrei durch´s Leben geht, die weiß, wie man sich auf die Schulter klopft und damit nicht mehr aufhört, bis auch andere wohlwollend mitklopfen. Dabei fängt es mit diesen Menschen harmlos an, man denkt sich insgeheim, dass man auf eine schlichte Natur getroffen ist, ganz einfache Verhältnisse, nach der Wende ´rübergemacht – wir hatten ja nix, nee-nee. Hm, ja, tut mir leid, ist klar. „Ja, habe mich ja dann taufen lassen, weil meine Tochter mal in weiß mit Kirche heiraten will und ich wollte ja auch nicht ewig in dem Zentrum bleiben, Kirche ist schon besser.“ Während ich noch darüber nachdenke, ob die Hochzeit in weiß ein Grund für einen Kircheneintritt ist und ob man es in den Räumen unseres kirchlichen Trägers wirklich so offen und ehrlich sagen sollte, stellt sie mir schon die Frage, wie sie eine Stellenausschreibung auf unserer Homepage schalten kann. „Äh, sowas läuft über den Chef, das macht dann später der Admin, da kann nicht jeder ran. Wen suchst Du denn für was für eine Stelle?“ Sie notiert sich alles genau, gespickt mit ein paar klischeebeladenen und obligatorischen Schreibfehlern.

Im Geiste denke ich noch an das weiße Kleid. Ob ich, die ich damals länger als ein Jahr den Klingelbeutel in der Kirche als Konfirmandin geschwungen, die in Eiseskälte zumindest an hohen Feiertagen den Gottesdienst besucht hat, nicht doch geeigneter bin für die Stelle als jemand – aber Asche auf mein Haupt! Sowas sollte ich nicht denken, so hat sie das sicher nicht gemeint. „M. hat mir die Nähmaschinen zugesagt,“ –  „Hä, wie? Ich dachte, weil man so schlechte Erfahrungen hatte mit der alten Gruppe, sollte es keine Nähmaschinen mehr geben.“- „Doch, sie hat gerade angerufen, ich bestelle einfach mal 4.“ Ich schweige und denke an den vergilbten Psalm 23 neben den betenden Händen, die im Wohnzimmer meiner Eltern hinter der Tür hängen, eine Frömmigkeit, die von der Inneneinrichtung in die hinterste Ecke verbannt wurde. „So, so,“ mache ich und freue mich, dass ich meine Nächstenliebe nur noch in Teilzeit verteilen muss.

 

Ganz anders

Ein kleines Emblem an einer Stelle, an der eigentlich zwei unscheinbare Linien hätten sein müssen. Ein Punkt, der bei näherem Hinsehen kein Punkt war, sondern deutlich sichtbar das, was sie bereits vermutet hatte.
Strahlende helle Augen, leuchtend von vollem Haar umkränzt und stolz neben einigen anderen jungen Männern stehend, sah sie, was ihr Vater nicht gewesen war. Sie hatte lange überlegt, ob sie nachforschen sollte, ob es sich lohnte, sich Gedanken zu machen, um einen guten Vater, der seit Jahren verstorben war und der gut für seine Familie gesorgt hatte.
Natürlich, es hatte auch andere Geschichten gegeben. Diejenigen, die von einer Mutter handelten, die einer anderen Mutter ihre Kinderkleider angeboten und dafür gebüßt hatte. Diejenigen, die unzählige Opfer mit sich gebracht hatten. Aber doch nicht bei uns? Was war eine Ermahnung wert, wenn das Emblem kein Punkt gewesen ist? Gehorsam gehörte mit dazu, Vernunft, Sparsamkeit, Ordnung. Eine Autorität, die für zwei Generationen reichte.
Sie wusste, dass die Metalldose mit den schönen Ornamenten Bilder von ganz früher enthielt, als man auf Fotos nicht lachte und dass es jüngere Bilder gab von Vater und Großvater – damals erst zwanzig Jahre alt – von dem alle geglaubt hatten, dass er ein einfacher Soldat gewesen war, ehe sich der Punkt als Totenkopf zu erkennen gegeben hatte.

Hausaufgabe

Jules van der Ley von Trittenheim bietet ein Seminar zum Thema Handschrift an. Er wünscht sich eine Reflexion über die Nutzung der Handschrift vor 30 Jahren und in der Gegenwart. Bei mir ist zumindest eine Textprobe entstanden:

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Tag mit Schutzumschlag

Es ist schon 17:09 Uhr und noch ist nichts Schlimmes passiert: Im Gegenteil habe ich heute meinen Urlaubstag gut nutzen können fast so wie viele andere Leute. Gemeinsam mit meiner nun doch nicht herzkranken Mutter – die Katheteruntersuchung hat nichts ergeben und gestern wurde sie direkt entlassen – bin ich mit ihr durch unsere Kleinstadt geschlendert, haben wir ein bisschen eingekauft und unsere Oma in der Verhinderungspflege besucht. Ich klopfe im Geiste auf Holz, denn bis zur Untersuchung hat es ewig gedauert, ein Termin, der wie ein Damoklesschwert über uns hing. Gekrönt von einem Testament – nur für den Fall des Falles, falls ich liegenbleibe – äh, okay und dann die Oma, die natürlich im Altenheim nicht die Rundumpflege bekommt wie hier zu Hause und die entsprechend häufig zu besuchen ist. Hinzu kommen viele völlig ungeahnte Themen des Zusammenlebens mehrerer Generationen, von Schwiegerleuten, Schwägern und Geschwistern. Situationen, die einen plötzlich überrollen und für die man Verantwortung trägt. Es geht ums Sterben, ums Erben, um Anerkennung und noch viel mehr.

So eine Scheiße. Ich manövriere mich derzeit aber immer wieder in solche Situationen, in denen ich handlungsunfähig werde. Gestern zweite Blutspende meines Lebens. Mein Vater war auch Rhesus positiv. Oh, da ist wohl die Ader geplatzt, tut uns leid, dann verschieben wir das lieber auf Montag. Während ich meinen blau geschwollenen Arm mit der Beule darin betrachte, denke ich mir, geht Euch doch nichts an, warum ich heule, Ihr Trottel.

Papas Pinökel

„Papa, was willst Du zum Geburtstag haben?“

„Pinökel 12“

So ging es über Jahre. Ein Videobearbeitungsprogramm, das unglaublich viele neue Versionen hat und dessen Namen irgendwann keiner mehr korrekt ausgesprochen hat. Papa schenken wir wieder Pinökel – alles klar! Morgen gibt es kein Pinökel. Papa würde 67. Er würde sich über ein Zigarettengeschenk freuen, Kaffee und Kuchen in Kauf nehmen und im neuen Sweatshirt gemütlich eine schmökern. Morgen sparen wir das Geld für Pinökel, stehen wie Falschgeld an Papas Grab, aber wir „lassen uns was schicken“ vom Italiener, sitzen danach zusammen und lachen über´s Pinökel.

Röschen: Endlich was fürs Herz

Vor einiger Zeit ist meiner Schwester auf dem Bauernhof ein Kätzchen zugelaufen, das nicht zahm war, aber gern kleine Angebote mitgenommen hat. Noch sehr scheu verschanzt sich das Röschen nun seit Montag hinter unserer Küchenbank. Man sagt ja, dass das Katzenschnurren die beste Therapie gegen Herzbeschwerden sei…

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Schreibnacht: Das kam dabei heraus

An der Steinbockfichte

~

Ob der Baum noch stand? Im Internet gab es keinen Eintrag zu dem Gewächs, das den Glauben an das, was im Leben Halt und Sicherheit gab, verändert hatte.

„Du musst weitergehen.“ Joachim war in seiner Försterskluft. Seine dicken Wanderschuhe stapften durch das Herbstlaub, er hob sich kaum von den Bäumen ab, vor denen er marschierte.

„Ich kann nicht.“ Gundula war nicht diejenige, die sich im Wald Gedanken um passendes Schuhwerk gemacht hatte. Hier sah sie schließlich niemand und sie ihr Auftreten störte keinen.

„Doch, geh weiter.“ Die Wanderschuhe stapften dringlicher. Er wusste, dass sie keine Lust gehabt hatte auf diesen Spaziergang.

Es war so dunkel, dass man die Hände vor den Augen nicht sehen konnte. Joachim hatte Gundula überredet und sie hatte gedacht, dass es ihnen gut tun würde. Die letzte Zeit war so stressig gewesen. Sie hatte in keiner Weise zu einem geregelten Alltag beigetragen. Gundula, die seit Tagen eine Erkältung in sich erstarken fühlte, war auf Joachims Vorschlag nur widerwillig eingegangen. Der Wald und die Natur waren Joachims Gebiet. Dort fühlte er sich wohl und er kannte jeden Weg genau. Gundula war diejenige, die lieber für sich allein am Schreibtisch werkelte.

Du musst mir vertrauen, der Weg ist hier in Ordnung.“

„In Ordnung“ raunte Gundula im Stillen, innerhalb kurzer Zeit war sie auf die verschiedensten Hölzer und sogar einmal auf eine Scherbe getreten, die fast ihre Sohle durchbohrt hatte. Sie war von einem kurzen Spaziergang ausgegangen, von etwas Bewegung und frischer Luft, die ihren Körper etwas durchwehen sollte. Stattdessen stakten sie hier in tiefster Dunkelheit.

Nach einem weiteren Stolpern auf dem finsteren Waldweg beschloss Gundula, sich zusammenzureißen und Joachim diesen Gefallen zu tun. Sie konnte sich nicht nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt etwas Gemeinsames erlebt hatten und sie schätzte, dass ihr Mann sich für diesen Abend etwas hatte einfallen lassen.

Sie gingen hintereinander, Joachim ging vor ihr und sie achtete genau auf seine Schritte, sodass sie sich an seinen Fußstapfen im Laub orientieren konnte. Im Wald war er still, aber es war eine angenehme Stille und so gingen sie einige Zeit, ehe sie an eine Abzweigung kamen. Gundula erinnerte sich an diese Abzweigung, konnte sie aber nicht recht einordnen.

„Da drüben geht´s zur Steinbockfichte.“ Joachim schien frohen Mutes zu sein.

„Steinbockfichte.“ Gundula erinnerte sich, dass sie vor Jahrzehnten dort gewesen war, als Jugendliche. Es war ein Schulausflug gewesen. Man hatte ihrer Wandergruppe erzählt, dass es ein sagenumwobener und mythischer Baum war und umweht von einem ganz konkreten Ereignis, an das sie damals nicht so recht glauben wollte.

„In den fünfziger Jahren hat es hier in der Nähe eine unglückliche Liebe gegeben“, so hatte es damals ihr Lehrer erzählt. Die Worte hatte er salbungsvoll ausgesprochen und Gundula hatte Mühe, dies zu glauben, denn schließlich war es eine Horde junger Mädchen, denen ihr Lehrer von der Liebe erzählte.

„Die beiden hatten sich immer hier getroffen. Das war damals noch eine andere Zeit. Da hat der Hausfreund Euch nicht einfach so besucht.

Gundula erinnerte sich, wie sie vorsichtig gekichert haben. Joachim stapfte weiter hörbar durch das Laub und stellte sich irgendwann vor den Baum. Es war nicht üblich gewesen, in jungen Jahren einen Freund zu haben, erst recht nicht, allein mit ihm auf einem Zimmer zu sein.

„Also eigentlich war es auch eine Eifersuchtsgeschichte. Wenn man es richtig bedenkt, dann muss man sagen, dass das irgendwo auch eine Ironie der Geschichte war.“

„Wie?“ Gundulas Freundin war eine, die immer vorne losging und die Nachfragen stellen konnte. Gundula hatte sich in dieser Hinsicht stets zurückgehalten. Sie war keine von der aufdringlichen Sorte oder eine derjenigen, die sich besonders hervortun wollten.

„Es ist hier passiert, kann ich Euch sagen und es war eine Geschichte, die man sich bis heute erzählt. Der Schmidt Walter ist der Neffe, aber das wird zu kompliziert.“ Er hatte eine abwinkende Geste gemacht. Gundulas Lehrer waren schon immer in das allgemeine Orts- und Tagesgeschehen eingebunden gewesen. Sie hatten schon immer Interesse an den Örtlichkeiten gezeigt und waren auch über die örtliche Gerüchteküche gut informiert.

„Hier an der Steinbockfichte. Detlev hieß der junge Mann. Madita war eine der Schönsten der Schönen und ja, wie es so kommt, war der Detlev irgendwann nicht mehr der alleinige Verehrer. Man weiß nicht genau wie es passierte, aber man erzählt sich, dass die Fichte nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlergehen von Madita gehabt hat. Jeder sagt Herzversagen, aber es könnte auch an dem Sturm gelegen haben. Fichten sind biegsam. Das wisst Ihr.“ Er blickte nachdenklich in die Runde.

Joachim hatte Gundula angestupst. Er war stehen geblieben und er hatte ihr gezeigt, wie gesund die Fichte noch immer war, aber Gundula stellte sich vor, wie es damals passierte. Sie erinnerte sich, dass ihr Lehrer von einem Gewaltverbrechen gesprochen hatte. Man hatte dies aber nicht nachweisen können. Jetzt bei nur leichtem Wind wiegten sich die Zweige sanft. Es war dunkel und irgendwann schlugen Gundula die Zweige ins Gesicht, während sie große Angst hatte. Am Morgen hörte man nichts, nur das Stapfen von Joachims Wanderschuhen.

 

Macht mit bei der Schreibnacht!

„Vater Tag predigt uns Arbeit, Vater Tag predigt uns Vernunft.“

(Bela B., Die Nacht muss eine Frau sein)

~

Heute mal ein Aufruf für alle, die sonst nicht dazu kommen, sich dem kreativen Hobby, das so viel gibt, aber so viel verlangt, zu widmen. Gestern habe ich an der Schreibnacht teilgenommen, die immer einmal pro Monat stattfindet. Man kann sich einfach im Forum anmelden, wird herzlich willkommen geheißen und konzentriert sich nebenher ganz auf das, zu dem man sonst nicht kommt. Hier geht´s lang:

Schreibnacht.de

Eigentlich ist es eine Häutung,

die man durchlaufen muss, wenn man einen Menschen verliert. Als Mensch müsste man sich häuten können. Macht man nicht. Die eigene Haut wird markanter, körniger vielleicht und man hat Federn gelassen. Die Furchen unter den Augen bleiben. Auf einem Schild lese ich, dass sich der Wert der Persönlichkeit daran bemisst, wie man wieder aufsteht, nachdem man gefallen ist. Heute Abend habe ich bei der Schreibnacht mitgeschrieben. Heute Morgen habe ich von weitem den Friedhof gesehen und wie sich unser Grab hinter einem neuen frischen Grab mit einem Blumenhaufen unterm Schnee versteckt. Das neue Grab bedeutet, dass es immer weiter geht, im Leben wie im Sterben. Heute sind wir die Gekniffenen, morgen rennt der nächste wie ein Trottel durch´s Klinikum und weiß nicht, wohin er soll. Übermorgen stirbt einer in einem Grab, dass er ursprünglich für einen anderen vorbereitet hatte. So ist das Leben. Das hat etwas Tröstliches.
Die zweite Arbeitswoche in der neuen Lebenssituation ist geschafft und wir sind mittendrin in einem Leben, von dem ich dachte, dass ich es nie schaffen kann. Unser Leben ist anders, aber doch ähnlich. Unsere Eltern waren übermächtig in all dem, was sie getan haben. Jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt muss einer das Dach der Scheune flicken, einer muss das große Auto fahren und verdammt, das eigene Ding soll irgendwie auch dazu passen.
Während ich so schreibe, merke ich, wie anstrengend die letzten Monate waren. Trauer ist ein bisschen wie das Sturmtief „Friederike“: Man geht morgens los und muss kämpfen, dass man nicht davongeweht wird. Immer kommt was dazwischen und man vergisst so viel, weil der Kopf so voll ist.
Man muss nicht immer weinen, wenn man trauert, aber es ist körperlich so fordernd. Das hätte ich nie gedacht. Erst jetzt kommt etwas von dem „Gottvertrauen“ zurück, das ich vorher immer hatte. Bis jetzt habe ich einfach nur damit gerechnet, dass wieder etwas Mieses passiert, was auch stets eingetreten war, so nach dem Motto, ja, ja, immer drauf, schön „hier“ gerufen. Das schlägt sich nieder und legt sich auf alles Schöne, das man nicht mehr sehen kann und nur noch abgeschwächt empfindet.
Die Haut vorher, die ganzen Psychokisten, die man sich selber macht, empfinde ich heute als besonders eng und bedauerlich. Gut, dass ich zumindest gedanklich wieder eine neue bekommen habe, eine, die etwas weiter und geräumiger ist.

Wahnsinnig – Das Ende des Gärtners

Ob man es als Pechsträhne bezeichnet, wenn mehrere Familienmitglieder fast gleichzeitig sterben, Freunde schwer krank werden oder Ähnliches, kann ich nicht sagen. Vielleicht reimt man es sich so, dass der Zufall zu einem Schicksal umgedeutet wird und es doch eine höhere Macht gibt, die alles sortiert. Neulich ist jemand aus unserem Ort gestorben, ein ferner Bekannter, der auch mal mit unserem Papa auf der Straße stand und gequatscht hat – ungefähr im gleichen Alter. Unserer Mutter ist es immer wichtig, dass man sich mit den Liegenachbarn auf dem Friedhof auch im Leben wenigstens ein bisschen verstanden hat. Okay wäre wahrscheinlich auch ein völlig Unbekannter. So hat unser Papa neben Schmidts Lilli nun auch auf der anderen Seite einen „Kumpel“. Kaum ausgesprochen, erreicht uns folgende Meldung: Unser Gärtner, der Heini, hat wie üblich das frische Grab vorbereitet, ausgehoben, etc.

Meine Mutter war wohl kurz nach dem Vorfall auf dem Friedhof, um von unserem Papa ein paar Blättchen zu zupfen und kam noch empört nach Hause, dass der Kies rings um den Papa etwas ramponiert war. Das neue Grab war aber nicht weiter ausgehoben worden, was sie gewundert hatte. Näheres weiß man noch nicht. Der Bagger vom Heini hatte sich wohl verselbständigt. Jedenfalls ist der Heini jetzt tot und unsere Mutter weiß jetzt, dass ihr Herzrasen vor allem psychische Gründe hat.

Die Asche meines Vaters

Komfortzone ist ein böses Wort, aber ab und zu ist es wichtig, sich aus derselben herauszubegeben: So geschehen z. B. bei mir selbst. Ich habe damals mit Bravour einen Führerschein gemacht, bin aber 13 Jahre so gut wie nicht gefahren. Was soll ich sagen? Mein Mann fährt gut und bisher hatte ich grosses Glück, dass ich zu Fuß zur Arbeit gehen konnte. Seit gestern ist das anders. Ich steuere morgens Papas Heiligtum drei Dörfer durch die Dunkelheit. Er hätte mich damit nie fahren lassen. Ich sehe vor mir, wie seine Zigarettenasche krümelt, während er mit großen Pranken das Lenkrad rauchgeschwängert zum HR4-Sound bedient. Bei jeder Kurve rutscht der Werkzeugkasten und ich gucke immer auf die restlichen Aschekrümel, wenn meine Angst zu groß wird.

Ideen?

Vielleicht hat jemand eine Idee für unsere Familiendaten: Mitleser wissen, dass im August unser Papa relativ plötzlich mit 66 gestorben ist, dass es im gleichen Haushalt eine 92-jährige Oma gibt, die nach Abzügen unseres Opas seit 12 Jahren von meiner Mutter gepflegt wird, die in diesem Monat 65 Jahre alt wird und nun zum 2. Mal einen Puls von 130 hatte, der als Vorhofflimmern gilt und nun mit Beta-Blockern & Co. behandelt wird. Wir sind 3 Schwestern, könnten gern bei der Pflege helfen, ist natürlich von Mama nicht gewünscht. Was tun?

Unser Jahr

Die vergangenen Jahreswechsel waren wie auch in diesem Jahr durch diverse Infekte und Erkältungen geprägt. Aus diesem Grund ist es kein so großer Unterschied zu den vorhergegangenen Jahren. Unsere Familie ist platt wie immer und vielleicht soll das so sein. Endlich Ruhe im Karton, Pause, nachdenken, Tränchen verdrücken und Kopf hoch. Silvester ist immer ein bisschen verlogen, die Erwartungen viel zu hoch, zu viel Glitzer, denn bei der Chartshow sind die Gäste so besonders wie man selbst. Schön, wenn einem das auffällt und wenn man den Schneid hat, früh schlafen zu gehen☺.

ALLES GUTE FÜR EUCH IM JAHR 2018!

Gute Vorsätze

Man kann sagen, dass wir für das nächste Jahr gar keine Vorsätze brauchen: Das liegt daran, dass wir auf viele Dinge keinen Einfluss haben, denn wer stirbt, der stirbt und es liegt daran, dass wir seit einigen Tagen quasi schon mitten im guten Vorsatz leben. Weil das gar nicht ohne ist, wünsche ich mir für das nächste Jahr mehr Gänge auf Tauchstation.

Wir wünschen Euch alles Gute für das kommende Jahr und nicht zu viele Vorsätze!

Im neuen Heim

Es ist ein sich Sortieren und Formieren. Jede Gruppe hat ihre Phasen. Jedes Mitglied ist anders gefragt und plötzlich ist man mittendrin. Manche halten sich ganz raus, andere interessieren sich zu sehr und überall kennt man wen. So ist es, wenn man aus der Stadt aufs Land zieht. Heute haben wir uns umgemeldet. 2 Meldebestätigungen haben jeweils 15 min beim Ausfüllen gedauert. Neuer Rekord. Unsere Wohnung gedeiht seit dem 23.12. immer weiter, sodass wir seit einigen Tagen hier leben und schon erste Tränen geflossen sind. Ich hoffe, dass es an der Eingewöhnungsphase liegt, dass ich mir wie der Trottel vorkomme, der alles falsch macht. Ich möchte gern meine Hilfe anbieten, aber so richtig gefragt ist die nicht. Naja, müssen sich eben alle erst daran gewöhnen. Mal sehen.

 

Familienroman

Natürlich, ich schreibe einfach auf, was ich schon weiß! Der Knoten war die Tatsache, dass man eine Geschichte, die nur ein Familienmitglied betrifft, irgendwie zu sehr überhöht. Man schreibt über den Tod des einen und der andere ist aussen vor☺, nicht ganz ohne, wenn die restliche Familie quicklebendig ist. Die Idee, eine Familiengeschichte zu schreiben, ist keine schlechte, wird aber recht dröge, wenn man sich genau an die Fakten hält. Wen interessiert schon, ob der Steckrübenwinter in Leipzig Einundleipzig besonders schlimm gewesen ist? So viele spannende Themen hat meine Familie eben nicht zu bieten, aber die Realität lässt sich ja auch ein bisschen ausschmücken…

So wird’s gemacht!

Auf einem ganz großen Papier erst mal gliedern, was geht. Welche Anekdoten kursieren? Wie kann man sie ernst und humorvoll so darstellen, dass Parallelen zwischen den Zeiten entstehen? Welche Namen dürfen bleiben, welche werden verschlüsselt?

Schreibchallenge von Mme Flamusse, Aufgabe: 30 Wörter frei kombinieren, möglichst ausdrucken, ausschneiden und sammeln.

Mir fällt auf, dass ich inhaltlich genau wähle, was gerade meine Themen sind, was mir so durch den Kopf geht. Der Nachteil: Das ist für mich selbst eher langweilig und es macht mir keinen Spaß, sie aufzuschreiben. Deshalb gebe ich mir wieder Mühe, besondere atmosphärische Wörter zu finden, die mit meinem Alltag nichts zu tun haben. Gelb markiert habe ich die Wörter, die ähnlich klingen, die „gehaucht“ sind, weil man sie oft langsam ausspricht. Solche gefallen mir gut. Hier kommen meine Wörter – Ausdruck für mich selbst folgt:

30Wörter

 

Erinnerung: Schreibchallenge bei Mme Flamusse

Bitte nicht vergessen!!! Noch vier Stunden bis zur Anmeldung. Ab morgen kann man dann unter der Leitung von Mme Flamusse Karolin Kaden wieder ins Schreiben kommen.

Ich habe drei angefangene Texte, sitze vormittags am Schreibtisch über dem Jahresbericht, nachmittags in einer halbleeren Wohnung auf gepackten Kisten und träume vom Weihnachtsbaum, der sich in der noch nicht gespannten Lackspanndecke spiegelt. Beste Voraussetzungen also –

Weitere Infos: https://www.karolinkaden.de/

Die Schreibchallenge – Ins Schreiben kommen — reingelesen

Ja, sie startet wieder! 5 Tage 5 E-Mails und eine Facebookgruppe zum austauschen (wer möchte). Einen Anfang finden beim Schreiben, mit Methoden die Freude machen, bei denen die Regeln nicht so wichtig sind, sondern ES einfach zu tun. Die Aktion ist kostenfrei und für jeden offen der Lust hat mitzumachen: Anmeldung unter: http://www.karolinkaden.de Danach wird […]

über Die Schreibchallenge – Ins Schreiben kommen — reingelesen

Heute mal wieder alles Oberärzte!

Es gibt Tage, an denen die Dichte erfolgreicher Menschen höher zu sein scheint als an anderen. Die junge Schnupperpraktikantin sitzt neben mir und hat mir bereits ihre Lebensplanung erzählt: Entweder Jura oder halt etwas, wo man Geld verdienen kann. Eine Weltreise will ich auf jeden Fall machen. Las Vegas, Mount Everest und so. Toll, sage ich, dass Du schon so konkrete Ideen hast in Deinem Alter. Ach, denke ich, in dem Alter. Am anderen Ende des Abteils unterhalten sich welche. Wir werden still. Es sind ältere Menschen, die über ihre Kinder und Enkel sprechen. Der eine in Brüssel, der andere leitender Oberarzt in Norddeutschland. Chefarzt will er nicht werden, weil deshalb und das ist so viel Verwaltung. Ich frage mich, warum in meiner Nähe niemals normale Trottel sitzen und summe im Geiste die Zeile: „Millionäre, Architekten, die sind alle heut´ nicht hier, nimm´ doch mal einen Defekten, der passt eh besser zu Dir, versuch´s doch mal mit mir…“

Rubinhain: Donar

I.

„Natürlich hast Du Angst vor Gespenstern. Sie handeln eben nicht in Deinem Sinn,“ sagt er und lacht mir ins Gesicht. Unglaublich. Eben hatte ich ihm noch aus meinem Leben berichtet, hatte ihm vertrauensvoll erzählt und nun steht er vor mir. Seine dunklen Strähnen ragen widerspenstig in alle Richtungen und sein Stolz ist unvereinbar mit dem lange zerschlissenen Hemd, dessen Löcher seine blasse Haut zeigen.

Woher sollte er auch Gefahr laufen, eine gesunde Farbe zu bekommen? Nächtelang sitzt er in seinem Arbeitszimmer und brütet über Texten, deren Wörter ich nicht verstehe. Zuerst haben mir die Bücher Angst gemacht. Sie sind alt und neben den getrockneten Sträuchern wirken sie wie Zauberwerk aus einer anderen Zeit. Dann habe ich ihn kennen gelernt und er brachte mir bei, wie man Tinkturen und Salben herstellt, für was man welche Pflanze benutzen kann und bei welcher Mondphase Krankheiten am besten heilen. Sehr lange hat er mich einfach unterrichtet. Natürlich hatte ich ihn nicht darum gebeten, aber er mochte es, wenn er sein Wissen weitergeben konnte. So lernte ich von ihm einige Dinge, die mir noch heute nützlich sind, wären da nicht seine Veränderungen gewesen.

II.

„Wie hast Du ihn kennengelernt?“

„Ich war damals auf dem Gut Hohenberg in Stellung. Die Familie war nett gewesen und irgendwie waren wir gut miteinander ausgekommen. Wahrscheinlich wussten sie, dass ich bisher schon so vieles erlebt hatte und wünschten mir nun alles Gute. Dies dankte ich ihnen mit meiner fleißigen Arbeit. Jeden Morgen war ich schon zeitig bei den Tieren und im Hof gewesen, aber was soll ich sagen? Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber irgendwann wird das Leben eben das, was es nun einmal ist.“

„Er war also auf Eurem Hof?“

„Es war der 30. April. Der Mai ist der schönste Monat für mich. Der Frühling ist so kraftvoll und wunderbar. Überall kann man den Duft von Flieder und frischen Kräutern spüren. Die Dämmerung verändert sich und das ganze Wesen der Menschen ist zauberhaft. So passt es doch so wunderbar, dass die Leute dann feiern und Freude an ihrem Leben haben.“

„Es ist ein gottloses Fest.“ Der Pfarrer räusperte sich.

„Es ist ein altes Fest, denke ich. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und tanzt im Kerzenschein. Sie lachen und singen. Ich weiß, dass Gott da ist. Sagt nicht die Bibel, dass Gott da ist, wo zwei sich treffen?“

Verwundert blickte der Pastor auf. „Ja, wo zwei zusammen sind, da bin ich bei Euch.“ Der Pastor räusperte sich hörbar, nun verunsichert, dass eine Dienstmagd offensichtlich gegen seine Argumente Einwände hatte.

III.

Ich drehe mich um und gehe zurück in den Stall. Ich weiß, wo mein Platz ist, aber ich hasse ihn dafür, dass er es mir auf so einfache Art zeigen will. Dieses Streiten, wenn er glaubt, im Recht zu sein und ihm auffällt, dass er etwas nicht bedacht hat, dass eine Dahergelaufene etwas wissen könnte, das ihr nicht zusteht.

Früher hatte ich noch Zugang zu seinen Büchern und habe sie auch in seiner Abwesenheit lesen dürfen. Dann war es sehr schlimm geworden und ich durfte nichts mehr lesen. Das war irgendwann im Sommer. Ich sehe noch, wie ich im Sonnenuntergang die letzten Halme auf die Heuschober bringe und mich dann mit meinem Rechen und den anderen Arbeitern auf den Heimweg mache.

IV.

Er ist anders gewesen als die anderen. Das haben die Dorfbewohner schon immer gesagt. Niemand kennt seine Familie und seine Herkunft. Irgendwann, so erzählten sie, war er einfach dort gewesen und hat begonnen, ihnen zu helfen.“

Ich weiß noch, wie er damals von allen abgelehnt wurde. Auf dem Hof war er nicht gut angesehen. Ein Scharlatan. Aber dann, als er den ersten Kindern auf die Welt geholfen hat und begann, die unabänderlichen Schicksale des Lebens abzuwenden, ließen sie sein Wirken zu.

Wie hat er ihnen geholfen?“

Der Name Donar kommt aus der nordischen Sagenwelt. Ich weiß nichts darüber, aber er hat mir erzählt, dass es einen Donnerer gegeben hat, einen Mann, den kein anderer je besiegen konnte. Seine Waffe, ein Hammer, war so stark, dass er damit ganze Landstriche zerstören konnte. Er wollte sein wie Donar. Das war die einzige Auskunft, die er mir über sein bisheriges Leben gegeben hat.“ „Und?“

Er hat sich den Namen selbst gegeben. Niemand in dieser Gegend hat einen solchen Namen, aber vielleicht kommt er nicht von hier. Manche Leute sagen, dass er sein Wissen aus der ganzen Welt zusammengetragen hat.“

Nein, aber alles ist Gottes Werk.“

Ja, so habe ich es auch gesehen. Ihm gegenüber durfte ich Gott nicht erwähnen. Es war unglaublich. Er wurde wütend immer dann, wenn die Traditionen von uns verlangten, dass wir zur Messe gingen und zur Beichte. Er hielt davon nichts. Das wussten alle.“

Aber trotzdem habt Ihr seine Dienste in Anspruch genommen.“

Ja, es war töricht. Man hatte das Gefühl, dass er etwas Böses tun wollte, aber er bewirkte so viele gute Dinge. Ungeborene in Steißlage, Alte mit porösem Darm oder selbst schmerzhafte Blähungen wusste er zu heilen.“

Blähungen?“ Der Pfarrer lächelte. Das Gespräch nahm eine interessante Wendung.

V.

Die richtige Dosis und der richtige Moment, in dem es verabreicht werden soll. Eine glückliche Kombination. Das ist alles. Donar war wie die alten Frauen. Er hat seine Kräuter bei Vollmond gepflückt, aber er hat sein Wissen so wohl dosiert wie seine Tinkturen.

Nach der Heuernte kamen wir lustig nach Hause. Es war längst dunkel geworden, weil die Arbeiter ihren Spaß mit uns getrieben hatten. In seinem Zimmer brannte Licht und ich ging zu ihm, sah aber, dass er gerade gehen wollte. Er erzählte mir, dass der Grund allein das helle Vollmondlicht sei, warum er ausging. Dann ließ er mich stehen.

Manchmal dachte ich an Beschwörungen. Leute im Ort hatten von Frauen gesprochen, die im Wald bei Vollmond um das Feuer tanzten und sich mit dem Teufel einließen. Ich habe ihn nie gefragt. Ich dachte, dass es seine Kraft stärkte und ich habe das Gefühl verdrängt, habe mich in solchen Momenten an die schönen Zeiten erinnert.

Damals war es heiter, wenn wir abends beieinander saßen und erzählten. Er spielte auf seiner orientalischen Gitarre, wie er das lange hölzerne Ding nannte. Ich hatte Tee am Feuer gewärmt und mich zu ihm gesetzt.

VI.

Er hat mich lange Zeit nur beobachtet, ehe er mich auf dem Maifest angesprochen hat.“

Was?“

Das Fest. Ihr hattet nach unserem Kennenlernen gefragt.“

Ah, ja. Und hat er dich jemals unsittlich berührt?“ Der Pfarrer schnappte nach Luft, horchend, ob er die letzten Worte tatsächlich gesagt hatte. Er war hier schließlich nicht in einem Verhör, sondern bei einer Befragung, die vielleicht etwas über den Tod eines Mannes einbringen könnte, den kaum ein Mensch kannte.

Donar würde fragen, was unsittlich bedeuten sollte. Für ihn hätte es keine Unsitte gegeben.“

Bis über beide Wangen färbte sich das Gesicht das Pfarrers rot, der seine Indiskretion zutiefst bereute.

VII.

Wenn ich dem Pfarrer sage, was er hören will, so muss ich bejahen, dass sicher noch tausend andere zu seinen Frauen gehört haben, dass wir seine Dirnen waren und dass er uns allesamt ausgenutzt hat. Aber wie klingt das verglichen mit dem, was ich erlebt habe? Was war mein Leben vorher gewesen? Wie waren seine Augen und seine Wort doch das, was der Pfarrer von König Salomo niemals gepredigt hatte: Er ist besonders unter Tausenden, seine Finger wie Stäbe aus Gold, seine Locken wie rabenschwarze Rispen. Alles, was so sehr fremd für mich war, dass ich gar nicht sagen kann, ob es nun an der Fremdheit oder der Erhabenheit liegen mochte. Wie hätte ich mich dagegen wehren können, das zu werden, was der Pfarrer mir heute vorwirft, wenn ich Gott nie näher gewesen bin als in den Zeiten mit ihm?

An jenem Abend hatte er mich beobachtet wie einen kostbaren Schatz. Wie einen Diamanten, den man im Heu findet. Ich war so unglaublich für ihn, dass er jede meiner Bewegungen aufmerksam gemustert hat.

Documenta-Zeit

Seit dem letzten Samstag ist es wieder so weit: Wir sind Weltstadt! Man erkannte es schon lange daran, dass hier kräftig gebaut, repariert und ausgebessert wurde, um uns für 100 Tage wie eine Metropole dastehen zu lassen. Letzten Freitagabend kamen sie dann: Die Schönen und Exzentrischen, die aus Berlin Mitte und alle, die was auf sich hielten und das sind viele.

„No, we don´t have stevia-chocolate. Sorry“, raunt der Kaufhof-Filialleiter mit strengem deutschen Akzent zu einer geblümten Dame mit wüster Brille und Knödel auf dem Kopf, deren Auftreten man früher belächelt hätte, aber jetzt als kosmopolitisch deuten würde.

Wir sind eigentlich nur Kassel. Als Provinz kann man uns nicht bezeichnen, denn Provinz – das wäre ein landschaftlicher, positiver Begriff für eine Region, die auf einem soliden Wertesystem aufbaut – wie Paderborn vielleicht. Aber Kassel ist so wie es klingt: Dreckig, ungehobelt, furchtbar, mit 7000 Eichen, aber ohne Fahrradwege und mit Parallelgesellschaften statt Integration. Eine der miesesten, die wir kennen. Kommt trotzdem mal her, wenn Ihr Zeit und Lust habt. Wir haben viel Plunder zum angucken und von uns stammt eben auch das Zitat: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

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Auf zu neuen Ufern?

Neulich habe ich Perlen für mich entdeckt. So würde ein erfolgreicher Blogpost beginnen von einer, die es raus hat. Die Zeit und Muße und ein ganzes Zimmer voller Handarbeitszeug, ein Expedit-Regal nur mit Stoffen, Perlen, Garn, Knöpfen und so weiter hat und Kinder, die sie damit bei Laune hält. Ich hatte ein tolles Geschenk in Form einer festen, gehäkelten Perlenkette bekommen, die nicht selbstgemacht, sondern gut aussieht. Dachte ich, machste auch mal und irgendein Youtube-Video wirds schon richten. Nix da. Fast jeden Tag probiere ich nun, sitze lange Zeit gebeugt mit später blanken Nerven und zitternden Fingern. Vielleicht ist nicht jedes Hobby etwas für mich.