Die Fotos von Herbert Sebastian waren sehr ansprechend. Er hieß natürlich nicht wirklich so, aber er trug einen Namen, der nach Musiker-Dynastie klang, so ähnlich wie Johann Sebastian, Wolfgang Amadeus oder Georg Friedrich eben. Und er war tatsächlich Musiker, sowas finde ich ja ganz spannend. Sein Profilspruch ließ auch sehr poetisch anmuten, irgendein Romantiker-Zitat. Wir schrieben vor dem Treffen kaum, weil er sogleich ein Treffen vorschlug, und zwar in einem Lokal am AdW, wo er scheinbar wohnte. Ich schlug vor, sich in der Mitte zu treffen. Er schrieb, dass er auch eine Flasche Wein besorgen könne und wir dann bei ihm Musik hören könnten. Na klar, sicher! Also neeeeee, mag ich nicht, wie kommt man auf die Idee? Ich wollte neutralen Boden. So ganz überzeugte er mich beim Schreiben nicht, da viel zu kurz angebunden, aber egal, soll man ja nicht überbewerten erstmal. Ich hoffte, wenigstens live dann eine spannende Persönlichkeit zu treffen und mich kulturell weiterzubilden. So ein Tinder Date ist ja wie die Schachtel Pralinen bei Forrest Gump. Man weiß nie, was man bekommt.
Ich wusste beim ersten Anblick dann schon, was ich bekomme. Nämlich eine Grusel-Gänsehaut. Ich überlegte tatsächlich kurz, einfach weiterzulaufen, aber da war es schon zu spät, er hatte mich erkannt. Ich kann es nicht beschreiben, aber dieser Mann hatte von Anfang an eine ganz miese Aura auf mich. Aber nicht nur die Aura. Die Bilder waren schön fotografiert und zwar von jemandem, der sein Handwerk versteht. Zudem wirkte er irgendwie ungepflegt, gleichzeitig trug er ein sehr penetrantes und billiges Parfum. (Ich liebe Parfum, aber bitte teuer riechend und dezent. Und noch ne Memo an mich: zukünftig immer die Körpergröße abfragen). Gleich zu Beginn fing er an, mich immer wieder anzufassen an Arm, Hand, Schulter, am Knie usw. (Ich hasse das. Ich möchte nicht getätschelt werden, wenn man noch nichtmal drei Sätze gewechselt hat. Was erlauben?) Ich stieg nicht darauf ein, gab mich höflich aber distanziert und dachte mir, dass ich ihm zumindest eine Chance geben sollte als Mensch und es ja vielleicht doch noch ein nettes Treffen werden könnte. So wie ich es schon erlebt hatte bei den vielen anderen, bei denen mir ebenfalls gleich klar war, dass es nichts wird, aber man trotzdem einen netten Abend zusammen gehabt hatte.
Wir setzten uns in eine Kneipe an einen runden Stehtisch auf zwei Barhocker. Herbert Sebastian gab sich aber keine Mühe, ein Gespräch in Gang zu bringen, er wirkte gelangweilt und abwesend und das höchste der Gefühle war, als er mich fragte „bist Du schon lange bei Tinder?“ und „was treibst Du so?“. Määäääh. Ich hingegen versuchte irgendwie, eine Konversation hinzukriegen und erzählte ihm, was ich die nächsten drei Wochenenden vorhatte, nämlich ganz schön viel. Keine einzige Rückfrage, keine Regung. Dann fragte ich, was er denn so treibt. Und er „schwierige Frage …“. Oh Mann. Dann sind wir irgendwie darauf gekommen, dass wir vor dem Date nicht viel geschrieben hatten. Ich sagte dann, dass ich das eigentlich schon besser fände, weil dann muss man nicht so wie wir ganz bei Null anfangen. Und jetzt kommt’s:
Er: „Wenn wir mehr geschrieben hätten vorher, dann wärst Du gleich zu mir nach Hause gekommen.“
Ich: „Hm, also ich kann Dir gleich vorneweg sagen, dass ich heute sicher nicht mit zu Dir nach Hause kommen werde.“
Er: „wie bitte?“
Ich: „Ich werde heute sicher nicht mit zu Dir kommen.“
Er (beleidigtes Gesicht): „Na gut, dann hat es sich ja wohl eh erledigt“
Er stürzte in einem Zug sein Getränk runter und ich war mir nicht sicher, ob das gerade wirklich so passiert ist oder ob wir nicht aneinander vorbeigeredet hatten und fragte ihn nochmal, was er eingangs gesagt hatte, bevor ich klar gestellt hatte, dass ich nicht mit zu ihm komme.
Er: „Weiß ich nicht mehr, ist ja jetzt auch egal, wir können gehen, das bringt jetzt eh nichts mehr“
Ich: „Aha. Okay. Krass.“
Er: „Wie hättest Du denn reagiert an meiner Stelle?“
Ich: „Hm. Ich hätte vielleicht geantwortet, „Dann weiß ich ja Bescheid und übrigens, das war nur ein schlechter Scherz, ich finde es schön, einfach so mit Dir hier zu sitzen und Dich kennenzulernen.“
Er: „Aha, ja, so ginge das natürlich auch.“
Nun hatte sich seine passiv-aggressive Aura noch mehr verschärft und ich wollte einfach nur noch, dass er verschwindet. Mein Glas war noch fast voll, seins leer, also sagte ich ihm, dass er sich nicht verpflichtet fühlen muss, mit mir sitzen zu bleiben und ich auch alleine in der Bar bleiben und in Ruhe austrinken kann. Daraufhin stand er auf und kramte in seiner Tasche nach Geld.
Er: „Okay, dann lasse ich Dir das Geld für mein Getränk da“
Ich: „Kein Stress, das passt schon, ich lad Dich ein“
Er: „Auch gut, okay.“
Tja, und dann rauschte er einfach ab. Und ich frage Euch: ist das geil oder ist das geil?? Und am allergeilsten ist, dass mein erster Gedanke war: „Hammer! Endlich wieder eine mega Story für den Blog!!“ Außerdem informierte ich meine Freundinnen per WhatApp Gruppen Chat über den Ausgang des Dates. Ich saß alleine in der Bar und kicherte vor mich hin. Außerdem bestellte ich mir einen zweiten Wein. Dann zahlte ich (wohlgemerkt sein Getränk mit) und ging raus. Es war Freitag Abend, ich war im Ausgehviertel. Die Straßen voll, das Wetter mild. Ich lief an einer anderen Bar mit Tischen draußen vorbei und sah eine Schachtel Kippen auf dem Tisch. Genau das brauchte ich jetzt! Ich fragte die zwei Mädels am Tisch, ob ich eine Zigarette haben kann, weil mein Tinder Date hätte mich gerade in der Kneipe sitzen gelassen alleine. Die Mädels waren so cool: „Was? So ein Idiot. Komm, setz Dich zu uns“. Ich erzählte kurz meine Geschichte, dann zog ich weiter, in Richtung nach Hause.
Aber wieso sollte ich nach Hause? Die Nacht war jung, ich hingegen nicht mehr wirklich, und man lebt nur einmal. YOLO Baby, ich steuerte die nächste Bar an, nix los dort, viel zu früh. Ich setzte mich an den Tresen. Die zwei süßen jungen Barmänner schäkerten ein bisschen mit mir. Sie mixten Cocktails und was im Shaker übrig blieb, kippten sie in kleine Schnapsgläser und stellten diese vor mich hin. So probierte ich mich durch die Cocktail Karte und betrank mich nebenher. Der Laden füllte sich, neben mir feierte eine Gruppe Russen einen Geburtstag und sie drückten auch mir ein Glas Sekt in die Hand. Nasdrowje. Es war witzig, aber irgendwann fühlte ich mich alleine nicht mehr wohl und ging. Was nun? Ich hatte Lust zu tanzen. Also zog ich in einen Club weiter. Eine sichere Bank, hier konnte ich bestimmt auch gut alleine sein, in diesem Club hatte ich schon viel erlebt. Auch hier war noch eher wenig los. Ich gab meine Jacke und meine Tasche ab und suchte mir eine Ecke zum Tanzen. Alleine wäre ich sicher nicht aus dem Haus gegangen, um in einen Club zu gehen. Diese Erfahrung hatte ich Herbert Johannes zu verdanken. Und ich tanzte ca. zwei Stunden lang, hatte Spaß und ließ mich anflirten. Immer wieder überprüfte ich mein Gefühl, ob ich es komisch fand, alleine unterwegs zu sein oder ob es mir unangenehm war. Nein, das war es wirklich überhaupt nicht, es war toll, ich fühlte mich stark, frei und ausgelassen. ‚Cause I am the one. Who will dance. On the floor. In the round.



