„Ich bruch Stutz“, sagte ich zu L. „Entweder verchauf ich treiti Hösli a irgendwelchi Hösli-Grüsel oder mir fallt öppis anders i“.
L. weiss meist Rat: „Mir zwei gönd an Flohmi – schliesslich häsch du 15 Tonne Klamotte wo du e nüme treisch“.
JACKPOT L.!
Als überzeugte Stadtzürcherin kenne ich nur einen Flohmi – den vor meiner Haustüre: Samstags bei der Kanzlei.
„Nei Maja, mir gönd uf Bülach!“
„WAAAAS?“
„Doch, glaub mir, ich bin scho zwei mal dete gsi und han u viel Stutz gmacht. D Agglos zahled viel mee. Bi dä Kanzlei chunsch nüüt über“, versuchte L. mich zu überzeugen.
Obwohl ich mir sicher war, dass mein Stil weder einer Bülacher-Brigitte, noch einer Bülacher-Doris entsprechen, liess ich mich überzeugen. Und gestern wars soweit.
Warum Flohmis samstags um 7 Uhr beginnen, werde ich nie verstehen. Aber nun gut: L. und ich fuhren um 06.15 los.
Um 06.30 waren wir da – und mit uns 12 587 andere Nerds. Noch nie sah ich so viele schlechte Dauerwellen, Harley-Davidson Jeans-Gilets und Porzellan-Figuren auf einen Schlag.
Wir liessen uns nicht beirren. Heroisch und siegessicher stellten wir unsere Klamotten auf. L. und ich sind sehr verschieden. Während es L. lieber schlicht und qualitativ mag, besitze ich Unmengen an farbigen Sachen mit Prints drauf. Kleidchen mit Herzchen, Röckli mit Tüpfli ect.
Unsere zwei Stände nebeneinander versprachen also wirklich viel. Gegen 07.00 waren wir ready- ready für das ganz grosse Geld. Da wir in der Stadthalle Bülach waren, war mir das Rauchen untersagt. Holy Shit! Nun gut, dann wollte ich wenigstens einen Kaffe trinken. Zwei Typen, Mittzwanziger in Bülacher Irgendwas-Verein-Pullis, fuhren mit einem Kaffe-Wagen an uns vorbei. Ich bestellte eine grässliche Brühe.
„Wettsch Zucker?“, fragte der Braunhaarige. Ich wollte antworten, als er sagte: „Wahrschinli nöd, bisch ja gnueg süess“. Das war der erste Moment, als ich L. an ihren langen, blonden Haaren reissen wollte und es verfluchte, nicht in meinem stadtzürcherischen Bett zu liegen.
Am Stand hinter uns verkaufte eine ü50-Jährige Katzenklos (!!!), Samichläuse und Fasnachtskostüme für Kinder. Sie trug einen roten Pulli, eine Kurzhaarfrisur und eines dieser Bauchtäschchen. Ihren Busen konnte sie genau da drauf platzieren.
Vor und neben uns wiederholte sich dieses Szenario.
Als Eyecatcher meines Stands entschied ich mich, mein Vanilla Ice – Ice Ice Baby-T-Shirt ganz vorne aufzuhängen. Das musste ziehen.
Denkste!!!! Verrirte sich mal eine Bülacherin an meinen Stand, wollte sie, wenn überhaupt, acht Stutz für beispielweise ein Fornarina-Shirt bezahlen. Olle Idiotinnen! Schnell schnallte ich, dass es nichts bringt, so einer erklären zu wollen, was Fornarina ist und das ein Shirt neu ungefähr hunder Stutz kostet. Also wurde ich zickig! L. amüsierte sich. Ich begann jede potenzielle Käuferin zu hassen. Auch die unter 15-Jährigen,die meine Sache „mega lässig“ fanden. Am liebsten hätte ich ihnen alles aus den Händen gerissen, was sie berührten.
Vor allem Hündelerin No. 84: Sie trug ihren Scheisspudel in einem plüschigen Affendesign-Rucksack vorne auf der Brust. Sie kraulte diesen Köter am Ohr – dann stöberte sie in meinen Kleidern. Mit ihren Hundefingern berührte sie mein Vanilla-Ice Shirt, meinen grünen Pulli mit pinken Sternen drauf, mein schwarz-weisses 50-ties Kleid und wühlte in meiner 5-Stutz Kiste.
Als sie mich fragte, was der Playboy-Pulli kostet, wollte ich mit 784 Millionen Franken antworten. Ich sagte 30 Stutz . Sie verdrehte die Augen: „Ich zahle nie mee als acht Franke für so en Fummel“.
Leck mich doch du Kuh! Obwohl ich als Jugo das handeln im Blut habe, liess ich mich auf keine Deals ein. Der Gedanke, dass so eine Typin in meinen Klamotten in der Bülacher Migros Hunde-oder Katzenfutter kauft, killte mich fast.
L. war toleranter – während sie die Bülacherinnen mit Charme und Freundlichkeit zum Kauf trimmte, sass ich angepisst daneben und las im Beverly Hills 90210-Buch, dass mir L. zur Aufmunterung kaufte. War grad bei beiden Flaute, spielten wir Memory (das L. an irgendeinem Stand kaufte) oder „Stadt, Land Fluss“ mit Themen wie „Porno-Titel“, „Promis, die wir daten wollen“ ect.
Um 15.00 war der gefühlte 72-stündige Albtraum endlich zu Ende. Vorher aber kaufte ich 2 „Eis am Stil“-Platten und ein wirklich geiles Strassenschild, das jetzt mein Wohnzimmer pimpt – diese Schnäppchen und der Hot Dog für 3.50 waren das Beste an diesem schwarzen Tag.
Fazit 1: Never again! Heute noch kaufe ich mir ein „Cherry“ und ein „Coupé“, schalte Inserate und bereits nächste Woche soll mein gebrauchtes-Hösli-Business florieren.
Fazit 2: Ich werde als Bundesrätin kandidieren. Sobald ich die Macht an mich gerissen habe, werde ich Bülach von der CH-Landeskarte streichen lassen – und mich für die Ausrottung der Pudel stark machen!