Martin Compart


JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
14. Januar 2026, 3:35 pm
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Jochen Jahresrückblick 2026 Booknerds/Martin

Same procedure as last year. And the years before: Autokraten, reaktionäre Dummheit, Faschismus, Meinungen statt Fakten – es braucht eigentlich kein „Evil Dead“-Franchise,  das Übel pflanzt sich weiter fort, schafft es das Gute (gerade in der Politik) zu diskreditieren und dann sein schattiges Haupt zu erheben, um die eigene Widerlichkeit als Erfolg zu feiern. Bestandsaufnahme (mit Silvester als bestem Beispiel): Wir lassen uns das Böllern nicht verbieten. Angeblich ohne bemerken zu wollen, dass es die Welt ist, die gerade explodiert.

Zu den öffentlichen Desastern gesellten sich dann 2025 noch persönliche Konfrontationen mit der Endlichkeit. Fahrten durch die Nacht mit ungewissem Ausgang, metaphorisch wie real. Alles endet, alles verändert sich. Und natürlich verabschieden sich mit zunehmenden Jahren auch die (pop)kulturellen Wegbegleiter, die Impulsgeber, kreativen Bereicherungen, Menschen, die einen ideell, wenn  nicht sogar persönlich über Jahrzehnte begleitet haben. Mein Nekrolog beschränkt sich auf wenige, mir besonders wichtige Namen, ansonsten würde das hier Ausmaße von „Krieg und Frieden“ annehmen. Was allerdings irgendwie auch passend wäre.

Bereits im Januar starben mit David Lynch und Marianne Faithfull zwei Kulturschaffende, die mich über Dekaden geprägt haben. Lynch vom ersten Artikel im „Sounds“ und dem anschließenden Besuch von „Eraserhead“ an, Marianne Faithful mit „Broken English“ und besonders im Verbund mit Mark isham und Alan Rudolph. „Trouble In Mind“, der Signature-Sound zu einem tollen Film, der leider unterm Radar durchsegelt. Seit Jahren.

Im Juni ging Sly Stone, der Soul- und Funk-Magier, der nicht nur Prince eine Blaupause lieferte und später in der Versenkung verschwand, verarmt, aber nie vergessen. Ganz nahe dran, aber mit 51 wesentlich jünger, folgte ihm im November D’Angelo. Falls es ein Leben im Jenseits gibt, wären Sly Stone, D’Angelo und Prince ein Wahnsinnstrio.

Musikalisch ebenso schmerzlich vermissen werde ich David Ball, die instrumentale SOFT CELL-Hälfte und natürlich Ozzy Osbourne. Bereits im Gedenken an selige „Mister Hit“-Zeiten, die für mich mit „Sabbath, Bloody Sabbath“ begannen und das weithin nicht besonders beliebte „Never Say Die!“ partytauglich machten. Das schafften wir auch mit „Bloody Well Right“ und „Dreamer“ von SUPERTRAMPS vielleicht bestem Album, „Crime Of The Century“. Entdeckt bei der großen Schwester eines Freundes (gemeinsam mit „Tales Of Mystery Imagination – Edgar Allan Poe“ vom ALAN PARSONS PROJECT. Ein Muss für mich als Poe-Fan), gleich geliebt, mehr noch, als die signifikante Klavierlinie des Titellieds zum zentralen Thema einer kurzlebigen Serie über die Geschehnisse in einem deutschen Jugendknast wurde. („Block 7 – Jugendliche im Strafvollzug“, 1976). Rick Davies, der Sänger und Keyboarder der Band gehört leider auch zu den Toten des Jahres. Ebenso seine proggigen Kollegen Dave Cousins (STRAWBS, für mich „Hero And Heroine), Mike Ratledge (SOFT MACHINE) und John  Lodge. „Nights In White Satin“ haben Tanzschule und Partys geprägt, ganz eng. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass ich die MOODY BLUES komplett brauche. Es gibt Sachen, durch die muss man durch. Weil man es will. Dr. Livingston, I presume.

Mit Daniel Woodrell starb ein geschätzter Autor, den ich persönlich kennenlernen durfte, und dessen bescheidene, freundliche Art ich sehr mochte. Woodrell war begeistert und ein bisschen verwundert, dass wir seine Bücher hier in Deutschland sehr gern lasen. Es war die Zeit von „Winter’s Bone“ und Daniel Woodrell hatte den damit verbundenen Ruhm hochverdient.

Udo Kier wiederum war ein Schauspieler ganz besonderer Art. Egal, ob er Jim Morrison oder einen somnambulen Vampir verkörperte, Kier war immer etwas besonderes, eine echte Kultfigur. Er schaffte es sogar, lausige Filme sehenswert zu machen.

Es fehlen noch so viele und werden es in Zukunft, die das Leben lebenswerter gemacht haben. Während andere Gestaltwandler, ohne die die Erde besser dran wäre, weiter auf ihr wandeln dürfen. Ein Thema, das einer der besten Filme des Jahres ebenfalls streifte.

„Sinners“ zu deutsch „Blood & Sinners“ (nee, ist klar) ist witzig, spannend, blutig und eminent politisch. Handelt nicht nur von der Kraft der Musik, sondern weiß dies auch in atemberaubend faszinierende Bilder umzusetzen. Nicht nur die Cluberöffnungsszene mit Musik als Zeitmaschine gehört zum besten, was das Kino des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu bieten hat.

Insgesamt bot gerade das (erweiterte) Horrorgenre Highlights eines nicht gerade berauschenden Kinojahres, das hierzulande zuschauermäßig vom jämmerlichen „Kanu des Manitu“ angeführt wurde. Altbacken, kümmerlich und immens erfolgreich. Vielleicht gerade deswegen? Schon vergessen.

Im  Gegensatz zum schmerzhaften „Bring Her Back“, dieser finsteren Phantasmagorie über Verlust und jene fatale Sehnsucht, die sich über Moral und Ethik hinwegsetzt. Stark auch die, im finalen Akt überbordende, Horror-Groteske „Weapons“, die sich vom düsteren Paranoia-Thriller zur bizarren Reflektion über die Angst vor Fremdsteuerung und dem Altern wandelt, und dabei locker Genregrenzen sprengt. Und mit Amy Madigan als surreal geschminkter Antagonistin glänzt.

Ebenfalls ein visuelles Fest war Robert Eggers „Nosferatu“-Version, mit der sich Eggers erneut als einer der interessantesten Filmemacher der Gegenwart erweist. Sperriges Grand Guignol-Kino über Liebe, Entfremdung und die vergebliche Suche nach Sicherheit, die sich nicht einmal im Tod finden lässt. Zwar am am ersten Weihnachtstag 2024 im Kino gestartet, aber das sehen wir nicht so eng.

„Warfare“ setzt auf Körperkontakt der rabiaten Art. Alex Garland und sein Co-Regisseur Ray Mendoza, der beim gezeigten Häuserkampf im Irak mit dabei war, dekonstruieren Kriegslüsternheit indem sie sich mitten ins Geschehen begeben. Die Kamera ist auf Höhe der Protagonisten, deren Gesichter sich im Staub vermischen. Anspannung, Gewaltausbrüche, meist ohne konkretes Ziel, Tod, Zerstörung, Schreie, Hektik, keine Erklärung, nirgendwo.   Intensives Körperkino, das „show, don’t tell“ verinnerlicht hat. Kein Soundtrack, nur Geräusche, verstörende Klänge. Am Anfang steht das sexistische Video von  Eric Prydz‘ „Call On Me und sich dazu wiegen+Soldaten, am Ende LOWs „Dancing In Blood“, zerstörte Seelen und Veteranen im Rollstuhl. Eindrücklich.

Potenzielle Kandidaten für eine lobende Erwähnung warten noch auf Sichtung. Zu „One Battle After Another“, und „In die Sonne schauen“ bin ich noch nicht gekommen. Wird aber.

Literarisch war mein Jahr, teilweise den äußeren Umständen geschuldet, von karger Ausbeute. Unter den  aktuellen Erscheinungen waren unter anderem Mariana Travacios wortkarge, punktgenau treffende, phantastische Rachegeschichte der ganz eigenen Art, „Ein Mann namens Loprete“, zu dem ich das Nachwort beisteuern durfte, Willi Achtens tieftrauriges „Die Einmaligkeit des Lebens, das  dank seines Facettenreichtums und seiner Innigkeit, nicht dem Tod, sondern dem Leben seine Wertschätzung erweist und  Mechtild Borrmanns wieder einmal  lohnenswerte  Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit „Lebensbande“,  Höhepunkte.

Auf ganz andere Art gilt das auch für die Hommage an POPOL VUH und deren Mastermind Florian Fricke von Michael Joseph und Michael Fuchs-Gamböck. Trotz kleiner Schwächen im Formalen, ein wichtiges Stück popkulturelle Erinnerungskultur.

Ganz besonders gefreut hat mich der persönliche Kontakt mit Helmut Wenske, eine der künstlerischen Ikonen meiner Jugendzeit. Seine Bilder (als Poster, fürs echte Material hätte das Taschengeld nicht gereicht) zierten die Wände meines Zimmers, Alben mit seinen Covern befanden sich im Plattenregal. Dank der Rezension der vorzüglichen  Quasi-Autobiographie begab es sich, dass der Maler, Autor, Musiker und zünftige Rocker mir einiges über Indo-Rock, seine Begegnungen mit Martin Compart (kennt ihr) und Hanau als wildes Auge im Zentrum eines Teils der Rockmusik  erzählte. Nur echt in breitem hessisch. Fast 86 und immer noch auf dem walk on the wild side.

Ansonsten ist mir endlich gelungen, die beiden auf Deutsch erschienenen Romane S. Craig Zahlers zu lesen („Wie Schatten über totem Land“ und „Die Toten der North Ganson Street“). Der Mann kann nicht nur rohe, dunkel glimmende Filme inszenieren, sondern auch Bücher schreiben. Über die es früher geheißen hätte: „Lektüre wie ein Schlag in die Magengrube“.

Während Film- und Literaturausbeute überschaubar blieben, herrschte in der Musik Konjunktur. Okay, Rock ist vielleicht nicht tot, aber er müffelt (mal wieder). Mit den hochgelobten GEESE konnte ich wenig anfangen, auch das Soloschaffen des Frontmanns Cameron Winter ist nicht so meins, der exaltierte Yungblud (oder wie Monty Python sagen würden: „So much for Pathos!“) auch nicht, die meisten Bands mit Hang zu Retrosounds gehen mir am Allerwertesten vorbei. LED ZEPPELIN ist nicht der Nabel der rockmusikalischen Welt.

Mit WET LEG, den SPRINTS oder HEARTWORMS sieht das anders aus. Die weiträumig verlaufenden Weg des  Post Punk scheinen doch eher meine musikalischen Pfade zu sein. Der Neo Soul von Curtis Harding  dito. Besäße Harding einen Fluss mit Biegung, würde ich mir wünschen, mein Herz wäre dort begraben. Neben dem von Michael Kiwanuka.

Wenn  zum Rock noch die Art kommt, bin ich ebenfalls dabei. Steven Wilson hat ABBA ein wenig den Rücken gekehrt und mit „TH5 OV5RVI5W“ früh im Jahr ein flirrendes Highlight geschaffen. Später gesellten sich SMALLTAPE mit „Tangram“ dazu, diesem betörenden Album, dass sich am Rande der Dunkelheit entlanghangelt, voller Brüche und Momenten des Innehaltens. Ebenso LUNATIC SOUL mit dem Doppelalbum „The World Under Unsun“, einer atmosphärischen Wanderung zwischen verhangenen Ambient-Sounds und Prog. Ziehe ich RIVERSIDE mittlerweile sogar ein  bisschen vor, obwohl deren Live-Album „ID“ ebenfalls von großer Klasse ist. Gilt auch für das so getragene wie ergreifende „Pastoral“ von POOR GENETIC MATERIAL und  GAZPACHOS spät im Jahr erschienenen „magic 8-ball“. Denen gehört auch eine Flussbiegung.

Tristan Brusch versöhnt mit deutschsprachiger Musik, klugen, wehmütigen, anrührenden Texten, kennt hörbar Twin Peaks und hat keine Angst vor Melodramen. „Am Anfang“ ist großes musikalisches Kino für Herzensangelegenheiten. Das können auch BLOOD ORANGE mit „Essex Honey“. Liebe und Tod als Begleiter auf dem Sprung. Dämmrig schleichend und voller tiefer Empfindungen, die britische Variante des Neo Noir.

Doch ganz vorne thront die weibliche Kreativabteilung. WET LEG mit ihren aufrührerischen, aufgekratzten Hymnen hatten wir ja schon erwähnt, formidabel waren auch Rosalía mit „Lux“ (die experimentelle Oper macht einen Ausflug in den Berghain), Sophia Kennedy mit dem herausfordernden wie bezaubernden Pop „Squeeze me“. Top of my dark Pops ist indes Anna von Hausswolffs „Iconoclasts“. Die Orgel ist wieder dabei, doch da gibt es soviel mehr zu entdecken.  Heilvolle Musik in heillosen Zeiten. Und als Gaststar rumort Iggy Pop wie ein Wiedergänger Johnny Cashs. Love it or leave it.

Das zu Herzen gehendste Album hat Jenny Hval mit „Iris Silver Mist“ geschaffen. Was für ein Opener! Ganz vorne in meiner Playlist sind noch THE DIVINE COMEDY, BIG THIEF, FLORENCE & THE MACHINE (wenn es die ganz opulente Kalorienbombe sein soll) und der fabulöse Soundtrack Ludwig Göranssons zu „Sinners“.

Meine Entdeckung des Jahres ist allerdings Eleanor McAvoy. Das letzte Album „Gimme Some Lovin‘“ ist zwar von 2021, da ich die Musikerin aus unerfindlichen Gründen erst 2025 für mich entdeckt habe, geht das natürlich durch. Musik für Herz und Seele. Braucht man.

Was ebenfalls auffällt sind die Anstrengungen der Musikindustrie, uns alten Säcken mit noch älterer Musik  das Geldaus der Tasche zu ziehen. Nicht nur werden die Konzertsäle und Clubs von unzähligen Tribute-Bands geflutet (Von den BEATLES, Über Simon & Garfunkel, mehrfach GENESIS und PINK FLOYD bis PEARL JAM. Komisch, ich dachte, die letzte Band gäbe es noch?), auch hat jedes Jahr ein anderes Album irgendein anniversary, aufgrund dessen Reissues veröffentlicht werden müssen.  Oder einfach nur so. Am liebsten Boxen, umfangreich und teuer. 2025 waren (mal wieder) PINK FLOYDs „Wish You Were Here“ und GENESIS’ “The Lamb Lies Down On Broadway” dran. Passend zum Fünfzigsten.

Klar bin ich schwach geworden: Peter Hammills „The Charisma & Virgin Recordings 1971 – 1986“ konnte ich mir nicht entgehen lassen, ebenso wenig Frank Zappas „Cheaper Than Cheap“ . Hammill wartet remastered, mit Dolby-Abmischungen, zusätzlichen Konzertmitschnitten und einem opulenten  Begleitbuch auf, Zappa hat einen exzellent aufbereiteten Soundtrack auf zwei CDs spendiert bekommen, plus den dazugehörenden Film in Dolby auf BluRay. Das klingt fantastisch und kein bisschen überaltert. Wir wissen halt, was gut ist.

Ihr könnt euer Geld auch für Bruce Springsteen ausgeben, gleich zweifach, für eine erweiterte „Nebraska“-Version oder das „Tracks II: the Lost Albums“-Sammelsurium oder noch weiter in der Zeit zurückgehen mit der Jimi Hendrix Experience und dem „Bold As Love“-Konvolut. JETHRO TULL wurden mit der fair bepreisten „Still Living in the Past -Deluxe Box Set edition“ bedacht, TANGERINE DREAM mit der Veröffentlichung „From Virgin To Quantum Years“ (3CD + Blu-ray Earbook) und einer Box zum fünfzigsten „Rubycon“-Jubiläum. Nicht nur hier gibt es die Möglichkeit viel Geld in Umlauf zu bringen. Interessant in Zeiten, in denen Tonträger angeblich aussterben.

Da saumselig im Jahresrückblich 2025 vorenthalten, gibt es jetzt einen längeren Nachruf auf einen wichtigen Musiker: Im späten Dezember starb nach langem Leidensweg Chris Rea im Alter von 74 Jahren. 1994 wurde bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, eine hoch aggressive Variante. Er überlebte, nach aufreibenden Therapien, Operationen und langen Krankenhausaufenthalten.

2016 erlitt er einen Schlaganfall, überstand auch das, verlor zeitweise Sprache und die Fähigkeit Gitarre zu spielen. Aber er kämpfte sich zurück und gab nach längerer Rekonvaleszenz  sogar wieder Konzerte. In den letzten Jahrzehnten, hauptsächlich seiner großen Leidenschaft, dem Blues gewidmet. Das gleiche galt für seine Veröffentlichungen, Rea scherte sich nicht mehr um Erwartungshaltungen, sondern spielte und lebte den Blues.

Dabei würde ich seine Rock-,Popstar-Zeit vor der Erkrankung nicht unterschätzen. Ich beschäftigte mich erstmals intensiv mit Chris Rea, als eine sehr coole Studienfreundin (die ihr Studium früh abbrach, um Schneiderin im hohen Norden zu werden und mir das Soloschaffen Rupert Hines nahebrachte. Allein dafür bin ich ihr äußerst dankbar) Reas Stimme mit der von John Cale verglich, einem meiner musikalischen Heroen nicxht  nur zur damaligen Zeit. Und ich musste ihr recht geben. Nicht musikalisch, aber von der Tonlage war da was dran.

Es war die Zeit von „Benny Santini“, „Deltics“, „Tennis“ und dem selbst betitelten  vierten Album, noch vor den Charterfolgen „Josephine“ und „Driving Home For Christmas“. Knarziger Rock-Pop, gefühlvoll wie bluesverliebt. Das wurde nachher glatter, aber größtenteils nicht unbedingt schlechter. „Josephine“ ist eine anrührende Ballade, „Driving Home For Christmas“ eine unpeinliche Weihnachtsschnulze, die man Jahr für Jahr durchaus wieder ausgraben und hören kann. Gut, sein  wahrscheinlich bekanntester Track „Fool (If You Think It‘s Over)“ ist bei weitem nicht sein bester, aber es gibt erheblich schlimmeres.

„On The Beach“ hingegen ist einer der lässigsten gefühligen Sommer-Songs aller Zeiten (getoppt noch von „Looking For The Summer“) und „The Road To Hell“ ist ein Highway, den man mit brennenden Reifen befahren kann– ohne je das Gaspedal durchdrücken zu müssen. So wurde Rea zum verlässlichen Begleiter in allen möglichen Gemüts- und Lebenslagen. Egal, dass es manchmal arg kitschig wurde, Chris Rea wusste wie man Gefühle und Hirn eindrücklich triggern konnte.

Seinen stellenweise ausufernden Blues-Exkursionen bin ich dann nicht mehr konsequent gefolgt,  aber wenn man das Genre schätzt, ist die Beschäftigung mit dem Spätwerk auch ein wohltuender Quell der Freude. Kurzum, ein Musiker, den ich sehr vermissen werde. Aber glücklicherweise bleibt das, was ist.

“Soft top, hard shoulder

See me come-down that line

I can’t stop too much older now

Let it run in overtime

Run till it breaks up

Overheats and explodes

Pick up what’s left of me

Leave the rest of it way down that road”

“Soft Top, Hard Shoulder” von “God’s Great Banana Skin” (1992), noch eine gut abgehangene Hymne über die Endlichkeit.

Wieder nur ein Bruchteil dessen, was im letzten Jahr los war. Während die Kino- und Literaturauswertung eher mau war, aus unterschiedlichen Gründen, war die Musik stets ein verlässlicher Begleiter. Egal, ob alt ob neu, ob daheim oder bei nächtlichen Fahrten mit ungewissen Ausgang. „Sinners“ gibt in der schönsten Sequenz des Filmjahres Auskunft darüber, warum das so ist.



DIE HYBRIDE „MOUNTIE NOIR“ VON MICHAEL SLADE 2/ by Martin Compart
7. Januar 2026, 6:25 pm
Filed under: Conspiracy, Horror, Michael Slade, Noir, NOIR-KLASSIKER | Schlagwörter: , , , , ,

„Als ich ein Junge war, war die Jugendkultur größtenteils amerikanisch. Ich dachte, meine Flagge seien die Stars and Stripes. Um mich auf den rechten Weg zu bringen, tauchte mich meine Mutter in alles Spannende über die Mounties, Blackfoot, Cree und Kwakiutl ein und nahm mich jedes Jahr mit zur Calgary Stampede.

Meine erste Erinnerung – ich mache keine Witze – ist, wie ich im Sattel sitze, ein Mountie mich festhält und ich von Blackfoot-Häuptlingen umgeben bin, die in Hirschleder und Federhauben gekleidet sind.

Hollywood hat einen Namen für seine Hunderte von Mountie-Filmen: `Northerns´. Sie reichen zurück bis zu `Riders of the Plains´  der 1910 von der Edison Company gedreht wurde.

In den 1930er Jahren verfolgten amerikanische Radiohörer gebannt die Jagd der Mounties auf einen Polizistenmörder, den sogenannten Mad Trapper of Rat River, durch die Arktis. Danach folgten diverse amerikanische Comics wie Zane Greys `King of the Royal Mounted´ und die amerikanische Fernsehserie `Sergeant Preston of the Yukon´. Und so weiter.

Obwohl ich im Mountie-Subgenre schreibe, ist HEADHUNTER eher das Gegenteil von all dem stereotypischen, geradlinigen RCMP-Zeugs.“

Von Anfang an legte Clarke Wert auf die exakte Beschreibung der Polizeiarbeit und Dank seiner Kontakte als Strafverteidiger bekam er Unterstützung von der RCMP. Slade war häufig Gastredner auf internationalen Polizeikonferenzen und bei Regimentsessen der RCMP

Er selbst führt sein Interesse am police procedural aber auf seine lebenslange Liebe für Ed McBain zurück. Seine Faszination für das 87. Polizeirevier hatte in der Jugend begonnen.

„Den größten Einfluss auf mich hatten wohl die 55 Krimis der 87. Polizeiwache von McBain. Man kann ohne Übertreibung sagen: `Ohne Ed McBain gäbe es keinen Michael Slade´. Ich war 13, als ich McBains `Lady, Lady, I Did It!´ las, kurz nachdem Hitchcocks `Psycho´ in die Kinos kam. Ein Killer betritt eine Buchhandlung und ballert um sich, wobei er stöbernde Leser wie dich und mich niedermäht! Das Motiv war so abscheulich, die Reaktion der Polizei so rachsüchtig und die rätselhafte letzte Nachricht so haarsträubend, dass ich mir an die Stirn schlug und dachte: Warum habe ich das nicht kommen sehen? Dann habe ich gedacht: Eines Tages möchte ich so etwas schreiben.

Auch McBain lernte ich später kennen und korrespondierte mit ihm bis zu seinem Tod.“ (https://www.fearforever.com/art-books-music/interview-michael-slade-part-1/)

Über seine Schreib-Methoden sagt er:

Das Mantra der Schriftsteller lautet: Schreibe über das, was du kennst. Ich verfügte über reichlich Material aus meiner Familiengeschichte, um es in das zu verwandeln, was ich Mountie Noir nenne.

Wenn ich Kurse zum Schreiben von Thrillern gebe, lautet meine erste Frage an die Studenten: Was war das Schlimmste, das Ihnen je passiert ist? Und wie nutzen Sie das als Inspiration für Ihre fiktionalen Werke? Und das schlimmste Ereignis deines Lebens ruft naturgemäß deine stärksten Emotionen hervor. Selbst wenn du nur die Hälfte davon in deiner Geschichte einfängst, wird sie für die Leser dennoch authentisch und unverfälscht wirken.

Viel aufregender ist es, meine Geschichten selbst zu erleben, bevor ich sie aufschreibe. Deshalb fliege ich an einen fernen Ort, der meine Fantasie beflügelt, und begebe mich in Situationen – oft mit kalkulierter Gefahr –, um die daraus resultierenden Nervenkitzel zu erfahren und festzuhalten.“

„Die Arbeit als Strafverteidiger ist die ideale Vorbereitung auf das Schreiben von Thrillern. Jedes Verbrechen beginnt mit einem Motiv. Dieses Motiv bestimmt das Opfer, die Art der Tat und den Tatort, an dem Polizei, Forensiker und Profiler arbeiten müssen.

Ich bewundere Autoren, die ein Buch anfangen und nicht wissen, wohin die Reise geht. Ich würde wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch erleiden. Ich beginne mit dem Motiv und dem letzten Satz des Thrillers, bevor ich die Handlung von hinten nach vorne entwickle. Mein Entwurf umfasst in der Regel hundert Seiten, unterteilt in Kapitel.

Fast 40 Jahre sind seit der Erstveröffentlichung des ersten Romans vergangen, und eine erneute Lektüre und Neubewertung ist längst überfällig.
Einige Romane sind schlechter gealtert, bedingt durch den Wandel des Zeitgeschmacks. Dennoch ist es erstaunlich, wie gut Slade den Zeitgeist seiner Epoche trifft.

Obwohl „Headhunter“, „Ghoul“ und einige andere auch/oder gerne als Horrorromane hohes Ansehen genießen, handelt es sich im Grunde um Polizeithriller. Zweifellos würde ein Teil der Handlung in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren. In Vancouver der 80er-Jahre gab es weder DNA-Analysen noch Überwachungskameras oder Handys. Aber wer misst Hammett, Chandler, Buchan, Fleming oder Ambler an heutigen Realitätsbezügen?

Und wie spannend kann die Jagd nach einem Serienmörder noch sein, nachdem man Hunderte von Krimiserien und -filmen über Serienmörder gesehen hat, ganz zu schweigen von unzähligen Romanen? Und wie steht es mit dem Genre der forensischen Krimis und Profiler?

Tatsächlich kann Slade noch immer mithalten, und zwar in der Schwergewichtsklasse. Dank seiner zeitgeschichtlichen und historischen Bezüge, die sein Werk einzigartig machen. Komplexe Plots mit vielen Wendungen und Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sorgen für seine Alleinstellung im Genre. Es macht zusätzliche Freude, die – manchmal überwältigende – Flut an Fakten und Anekdoten zu lesen, die eine der Grundpfeiler der ausschweifenden Erzählung bilden.

           

 

                                                                 DIE ROMANE:

 

  1. Headhunter (1984)

In Vancouver werden mehrere Frauen brutal ermordet. Die Opfer waren offenbar sehr schön, aber ganz sicher ist das nicht – ihnen fehlen nämlich die Köpfe. Superintendent Robert DeClercq und seine Kollegen kommen mit ihren Ermittlungen nicht weit. Verfolgt der Mörder einen Plan? Oder treibt ihn unkontrollierte sexuelle Perversion an? Spielt Kannibalismus eine Rolle? Erst als DeClercq auf einen alten Fluch der kanadischen Indianer stößt und herausfindet, dass Verbindungen zum Voodoo-Kult in New Orleans bestehen, offenbart sich eine entsetzliche und irre Erklärung …

Das erste Buch etabliert den Stil. „Headhunter“ verfasste er 1984 zusammen mit John Banks und Richard Covell. Brightlight Pictures sicherte sich 2006 die Filmrechte. Seitdem wurden sie mindestens drei weitere Male neu vergeben.

Jochen Konig über den Roman: https://www.krimi-couch.de/titel/11974-der-kopfjaeger/

Nach Erscheinen des Buches fragte eine Zeitung einen örtlichen Mountie-Inspektor nach seiner Meinung zu meinem Thriller – zweifellos in der Hoffnung, er würde mich verunglimpfen und eine Schlägerei provozieren. Stattdessen gab er eine positive Rezension und sagte, er sei beeindruckt, wie gut ich die Uniformen dargestellt hätte. (Das Mountie-Handbuch zur Kleiderordnung ist in der Tat ein dicker Wälzer.)

Als ich anrief, um ihm für seine Großzügigkeit zu danken, bot mir der Inspektor an, mich mit internen Quellen in Kontakt zu bringen, die mir bei meinen Recherchen helfen könnten. Infolgedessen finden die forensischen Untersuchungen der Serie im Labor der Mounties statt, ich bin mit berittenen Patrouillen geflogen, mit dem Boot und Auto unterwegs gewesen, ich habe am Red Serge Ball teilgenommen, Reden bei Regimentsessen gehalten und zwei echte Psychopathenjäger in die Special X-Einheit eingebaut.“

MS: „HEADHUNTER wurde von mir und meinen beiden Anwaltspartnern konzipiert. Um uns von der Kanzlei abzugrenzen und einen einheitlichen Namen auf dem Cover zu verwenden, benötigten wir ein Pseudonym. Meine Frau Lee schlug den Namen vor. Michael klingt biblisch, gefühlvoll und gefällt den meisten Frauen. Slade hingegen ist knallhart.

Michael Slade ist das Alter Ego all derjenigen, die an der Serie arbeiten; meine Partner, meine Frau oder meine Tochter. Wir alle sind Jekylls, und er ist unser Hyde. Aber es muss eine einzige Stimme geben, die die Geschichte erzählt, und ich bin derjenige am Computer.“

Es gibt eine Neuauflage namens „Headhunter Reimagined“ aus dem Jahr 2016.

Im Grunde ist es dasselbe Buch, nur neu geschrieben – nicht zensiert, sondern anders erzählt –, mit umgestellten, gekürzten oder mit neuem Material angereicherten Kapiteln.

Die neue Fassung von HEADHUNTER entspricht der Art und Weise, wie ich die Geschichte ursprünglich geschrieben hätte, wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß. Als E-Books aufkamen, wurde die Papierausgabe eingescannt und als Word-Datei gespeichert. Das gab mir die Möglichkeit, die Geschichte so neu zu gestalten, wie sie damals geschrieben worden wäre, wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß“, sagt Slade.

MS: „Rob Merilees (Produzent von CAPOTE, MOTIVE und anderen Erfolgsfilmen) hat HEADHUNTER vor Jahrzehnten gelesen und ist ein langjähriger Fan des Buches. Jeder Autor wünscht sich einen solchen visuellen Produzenten. Wir haben schon länger über eine Verfilmung von HEADHUNTER nachgedacht, und das ist einer der Gründe, warum ich mich hingesetzt und das Originalbuch komplett neu interpretiert habe – mit einer laufenden Filmkamera im Kopf.

Rob las die Nacherzählung, und damit war die Sache erledigt. Die Entwicklung von HEADHUNTER als Fernsehserie – und hoffentlich folgen in den nächsten Jahren noch weitere Special-X-Thriller – ist bereits in vollem Gange.“

Nach aktuellen Erkenntnissen, leider nicht.

FORTSETZUNG FOLGT



RICHARD HALLAS: WER VERLIERT GEWINNT by Martin Compart
6. Januar 2026, 11:34 am
Filed under: Elsinor Verlag, Noir, NOIR-KLASSIKER, Richard Hallas | Schlagwörter: , , ,

AB HEUTE IM HANDEL

AUS DEM NACHWORT:

Was haben Lassie und dieser Noir-Klassiker gemeinsam?

Beide stammen aus der Feder des britischen Schriftstellers Eric M. Knight (1897-1943).

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einer der großen „amerikanischen“ Hardboiled-Noir-Romane von einem Engländer geschrieben wurde. Und dass er, nachdem er die Verderbtheit der menschlichen Existenz und die perverse Surrealität der amerikanischen Westküste zu Papier gebracht hatte, über die aufrichtige Liebe zwischen einem Jungen und seiner Collie-Hündin schrieb. Womit er einen bis heute bestehenden Topos der (Pop-)Kultur schuf.  1)

Sein einziger Noir- Roman war sofort ein kurzfristiger und umstrittener Bestseller. Er hatte den Zeitgeist und die damalige Stimmung überzeugend eingefangen und originell interpretiert. „Wenn Sie Süße und Helligkeit bevorzugen“, stand in der damaligen Rezension im „San Francisco Chronicle“, „werden Sie dieses Buch einfach schrecklich finden.“

Der Roman nimmt uns mit auf eine Schleudertrauma-Fahrt von Oklahoma nach Kalifornien, voller überraschender Wendungen auf fast jeder Seite und flüchtigen Anspielungen auf James Joyce, Seán O’Casey, Claude Debussy, und den verurteilten Mörder Dr. Hawley Harvey Crippen, hieß es in einer späteren Würdigung. „Wie eine Fliege im Bernstein fängt das Buch ein leicht verzerrtes, aber nichtsdestotrotz wahres Bild von Los Angeles im Jahr 1938 ein, als das Kino König war und Kalifornien noch das goldene Land am Ende der dunklen und staubigen Straße der Depression“ 2)

Der Roman ist einer dieser Noir-Klassiker, die lange Zeit vergessen waren, deren Kult-Appeal aber bis heute anhält und vielleicht nach einer Verfilmung durch beispielsweise Quentin Tarantino schreit! Denn die absurden Elemente prägen diesen Roman auf eine ganz besondere Weise und heben ihn auch stilistisch aus der Noir-Literatur heraus. Der erfolgreiche Neo-Classic-Autor und bedeutende Genre-Historiker Martin Edwards schrieb in seiner großen Geschichte der Kriminalliteratur THE LIFE OF CRIME (HarperCollins, 2024): „Richard Hallas war der ungewöhnlichste aller tough-guy-Schriftsteller. Er nutzte den Stil der Black-Mask-Schule für eine Burlesque.“3)

Noir und Absurdität passen gut zusammen. Bei Noir heißt es „du bist verloren“ und im Absurden „das Leben ist sinnlos“. Wenn man darüber nachdenkt, liegt das nicht weit auseinander.

Knight beschreibt Hollywood als Ort des Wahnsinns, als wäre es eine Episode aus der TV-Serie THE TWILIGHT ZONE. Hollywood ist düster, bizarr surrealistisch. Auch findet man bereits fast alle Topoi die die „Hollywood Novel“ prägen: Erfolg ist zufällig, Regisseure sind manipulativ, Schauspieler sind narzisstisch, Außenseiter können zwar vorübergehenden Erfolg haben, fliehen aber schließlich aus dieser Irrenanstalt. Klischees, die man heute noch etwa bei Jackie Collins Büchern und anderen Hollywood-Romanen findet. Dieses Image von Hollywood wurde fast zeitgleich auch von dem Klassiker des Hollywood Romans schlechthin verbreitet: Nathanel Wests DAY OF THE LOCUST, 1939.

Unübersehbar schrieb Eric Knight seinen Noir-Roman in der Zeit der Depression.

Und Noir ist keine Welt, in der (Hollywood-)Träume wahr werden – das tun nur Albträume

Noir-Fiction ist etwas anderes als die meisterhaften Hardboiled-Krimis von Chandler und Hammett. Die Prosa von James M. Cain, Jim Thompson, Charles Willeford oder David Goodis war zweifellos hartgesotten, aber ihre Erzählungen konzentrierten sich weniger auf angeschlagene Helden, sondern schonungslos auf die Selbstzerstörer, die Hoffnungslosen und die Verrückten.“4)…

Die Unverblümtheit seines Stils erzeugt häufig zynisches Lachen, aber es gibt auch Momente, in denen seine Worte eine zwingende Ehrlichkeit und sogar eine raue Schönheit haben. Die Dialoge sind vorzüglich und werden oft eingesetzt, um Szenen zu überhöhen.

Die Geschichte ist schnell und manchmal skurril, aber es ist die Atmosphäre und der Ton des Buches, die nach der Lektüre im Gedächtnis bleiben.

Ein Kritiker schrieb über den Roman: „Ein James M Cain-Roman, geschrieben von Thomas Pynchon“…

Tatsächlich war und ist Knights Umgang mit Genre-Mustern innovativ. Hallas spielt mit der Form, verzichtet auf die thematische und stilistische Strenge der Black Mask-School und entwirft stattdessen einen bissigen, rücksichtslosen Stil, dessen Poesie sich nach und nach erschließt. Dies wiederum trägt zur Atmosphäre moralischer Zweideutigkeit bei.

Elsinor Klappenbroschur

Herausgeber und Nachwort: Martin Compart

Ins Deutsche übersetzt von Anna Katharina Rehmann-Salten

224 Seiten

ISBN 978-3-942788-94-6

22,00 Euro [D]



DIE HYBRIDE „MOUNTIE NOIR“ VON MICHAEL SLADE 1/ by Martin Compart

Von Michael Slades Special X-Serie wurden zwar weltweit über drei Millionen Exemplare verkauft und in acht Sprachen übersetzt; aber sie gilt weiterhin als Geheimtipp. Bei uns wurden mindestens zwei Versuche unternommen, sie im deutschsprachigen Markt zu etablieren, aber ohne Erfolg. Zuletzt vom Festa Verlag, der aber nach drei Titeln aufgab, obwohl die Serie hervorragend ins Programm passte. Dieser einzigartige Hybrid aus Crime Fiction, Horror, Mythenerforschung und Geschichtsschreibung war und ist wohl zu ungewöhnlich für ein deutsch lesendes Publikum. Und die deutschen Fans des Autors greifen seit langem zu den englischen Ausgaben. Merkwürdigerweise sucht man in den großen angelsächsischen Lexika zur Kriminalliteratur seinen Namen vergeblich.

Eine Schande. Denn Slade ist einer der innovativsten Genre-Autoren der letzten Jahrzehnte. Und einer der aufregendsten! Trotz einiger Optionskäufe für Filme (z.B. für „Headhunter“) wurden nie ein großer, internationaler Kinofilm oder eine TV-Serie realisiert.

Slade schuf ein Subgenre, dass man „Mountie Noir“ nennt, und die Bücher entwickelten Kultstatus. Die Romane behandeln die Fälle der fiktiven Spezialeinheit Special External Section (Special X) der Royal Canadian Mounted Police.

Es sind Hybride aus Police Procedural, Psychothriller und Horror, oft mit historischen und mythologischen Elementen. Die Serie ist bekannt für explizite Gewaltszenen, die an Splatterhorror erinnern, aber mit psychologischer Tiefe unterlegt sind.

Zu Slades Anhängern (oder „Sladisten“) zählten namhafte Genre-Autoren wie der verstorbene Robert Bloch („ Psycho “), die britische Krimiautorin Anne Perry („Slade verleiht dem Schockhorror eine erschreckend neue Dimension“) und Diana Gabaldon (Autorin der „Outlander “-Serie). Und auch Alice Cooper: „Michael Slade zu lesen ist wie ein Fortgeschrittenenkurs in Psychohorror. HEADHUNTER hat mich umgehauen. GHOUL hat mich erschüttert. Dieses Buch ist furchterregend. Ich konnte es nicht aus der Hand legen.“

Steve Newton, Alice Cooper und Jay Clarke (v.l.n.r.)

„Teuflisch! Genug Lebenssaft für einen ganzen Verbund von Blutbanken.“ schrieb „The Irish Press“ über einen seiner Romane.

Die oft grotesken, kreativen Morde und wiederkehrende Charaktere wie Robert DeClercq sorgten für hohe Wiedererkennung und Loyalität unter den Fans. Und das obwohl in einem Slade-Roman jederzeit jeder sterben kann – einschließlich etablierter Seriencharaktere (von denen viele in „Red Snow“ ihr Ende finden).

Michael Slade wurde 1947 in Lethbridge, Alberta als Jay Clarke geboren. Als ehemaliger Strafverteidiger, der in über hundert Verfahren auftrat, war er spezialisiert auf psychisch auffällige Angeklagte. Bevor er Jura studierte, belegte er Geschichte als Fakultät. Clarkes Schreiben bewegt sich zwischen diesen beiden Polen und seiner weltweiten Reiselust. Die begann im Sommer 1967 mit Slades erster großer Europareise. Er reiste mit Rucksack und per Anhalter für ein paar Dollar am Tag. Der Höhepunkt war eine Reise hinter den Eisernen Vorhang nach Moskau während des Kalten Krieges. Slades Zeit in Paris war weniger erfreulich. Sein bevorzugtes Reiseziel, das berüchtigte „Le Théâtre du Grand-Guignol“ (1894–1962), hatte fünf Jahre zuvor geschlossen. Er musste sich mit einer Bootstour durch die Kanalisation und die knochengefüllten Katakomben begnügen.

Die Reiseleidenschaft war für sein literarisches Schaffen von großer Bedeutung:

Oft entschied er sich auf Grund eines Schauplatzes für ein Romankonzept, einen Ort, den er bereisen mochte, um zu recherchieren. Viele Plots verbinden ja moderne Verbrechen mit historischen Ereignissen (z.B. Jack the Ripper, Hexenverfolgung, Kriegsverbrechen). Dies verleiht der Serie eine düstere, epische Tiefe.

Clarke führt seine schriftstellerische Leidenschaft auf seine Faszination für EC Comics Mitte der 1950er-Jahre zurück. „Von da an war ich fasziniert von der Psyche von Verbrechern“, sagt er.  „Zuerst zeichnete ich Comics, dann schrieb ich mit dreizehn Jahren ein Buch, `13 Gräber´. Ich tippte es in Signaturen und heftete sie wie Druckbögen zusammen. Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich Stammgast bei Duthie Books, wo ich mir vor allem billige Taschenbuch-Krimis (besonders Ed McBain) besorgte. Also zeigte ich Bill Duthie meine Arbeit und gab sie ihm zum Lesen. Stellt euch vor, wie überwältigt ich war, als er sie mir eine Woche später zurückgab, gebunden im Hardcover, mit dem Titel und meinem Namen in Goldprägung auf dem Buchrücken. ‚Jetzt bist du in einer limitierten Auflage von nur einem Exemplar veröffentlicht‘, sagte er. ‚Eines Tages möchte ich deine Bücher in meinem Laden verkaufen.‘“

„Doch Slades dunkles Herz schlägt … schon seit er im Alter von sechs Jahren, mitten in einer fiebrigen Grippe, in einer Drogerie in Winnipeg auf ein Männermagazin stieß. Das reißerische Titelbild zeigte abgetrennte Köpfe südamerikanischer Indianer, aufgespießt auf Stangen in Einbäumen, und der junge Jay war wie gebannt.“ (Norton)

Er wurde aber auch aus Not zum Schriftsteller.

„Als die Rezession 1981 einsetzte, hatte ich 100.000 Dollar für den Bau eines neuen Büros ausgegeben, und ich hatte eine Hypothek und ein dreijähriges Kind“, sagte Clarke.

Als die Hypothekenzinsen in die Höhe schnellten, setzte ich mich hin, um einen Roman zu schreiben, und dachte: ‚Was wäre, wenn ich einen psychotischen Killer nehmen würde, wie die, die ich vor Gericht vertrete.“

Nach einem Jahrzehnt als Verteidiger in Mordprozessen, viele davon mit Psychopathen auf der Anklagebank, schrieb Slade seinen ersten Roman. „Headhunter“ erschien 1984 und war umgehend erfolgreich. Die Einbindung realer Rechtsmedizin, Kriminalpsychologie und Polizeiarbeit gab den Horror-Elementen eine glaubwürdige Basis.

Robert Bloch war der erste Autor, der auf das Buch aufmerksam wurde – „Ein echter Schocker. Zweifellos der grausamste, den ich je gelesen habe!“ – und so begann ein Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern. Slades erster Satz dankte Bloch für das Lob. Blochs Antwort: „Welches Lob? Ich meinte jedes einzelne Wort.“

Robert Bloch (1917–1994) übte einen bedeutenden Einfluss auf Slade aus. Der ehemalige Präsident der Mystery Writers of America und Thriller-Ikone verband häufig Kriminalroman und Horror-Elemente. 2001 nahm Clarke als Ehrengast an der World Horror Convention in Seattle teil – eine Ehre, die zuvor bereits Genregrößen wie Richard Matheson, Clive Barker und Peter Straub innegehabt hatten.

Der schnelle Erfolg ermutigte Clarke zu einer weiteren Karriere als Berufsschriftsteller. Aber täglich im selben Zimmer zu sitzen und zu schreiben, fühlten sich für ihn wie Gefängnis an, sagte er, deshalb habe er seine Reiselust in seine Bücher einfließen lassen.

Und so entstanden in den nächsten Jahrzehnten weitere, höchst ungewöhnliche, Romane, die aber alle Clarkes unverwechselbare Handschrift tragen.

Die Serie ist ein einzigartiges Phänomen im Thriller-Genre – intelligent recherchiert, schonungslos in der Darstellung und mit einem unverwechselbaren, düsteren Kanada-Bild. Die Bücher bleiben lange im Gedächtnis, nicht immer angenehm.

Slade springt zwischen Täter-, Opfer- und Ermittlerperspektiven, was Spannung und psychologische Komplexität steigert.

Viele Charaktere (Täter und Ermittler) tauchen in mehreren Büchern auf. Handlungsstränge werden über mehrere Romane verwoben. Die RCMP und andere Behörden werden oft als bürokratisch oder korrupt dargestellt, während die Special X-Einheit als elitär und grenzüberschreitend agiert. Trotz gelegentlicher Kritik an der RCMP hatte Slade immer ein gutes Verhältnis zu ihr und wurde bei seinen Recherchen tatkräftig unterstützt und regelmäßig zu Festivitäten eingeladen.

Clarke plant seine Romane vom Ende zum Anfang, nicht umgekehrt.

Und im Gegensatz zu dem meisten Autoren, die mit dem Schreiben beginnen, ohne zu wissen, wohin die Geschichte sie führen wird, erstellt Clarke zunächst eine detaillierte, 100-seitige Gliederung für sein 400-seitiges Buch. Diese enthält Kapitelüberschriften und die wichtigsten Handlungspunkte für jedes Kapitel. Auch wenn die detaillierte Gliederung einschränkend klingen mag, ist sie in Wirklichkeit befreiend, sagte er.

Ich kann jedes Kapitel schreiben, wie ich will, in beliebiger Reihenfolge, solange es das erfüllt, was im Entwurf vorgesehen ist.“

Sobald Clarke ein Buch fertiggestellt hat, was er bereits 14 Mal getan hat, wendet er sein eigenes Verfahren an, um zu beurteilen, ob es mit seinen anderen Werken mithalten kann.

Er nimmt eine lange Papierrolle – so lang, dass sie drei Wände seines Büros bedeckt und zieht eine horizontale Linie darüber. Dann teilt er mit vertikalen Linien die zahlreichen Kapitel (er hat festgestellt, dass kurze, fünfseitige Kapitel die Leser dazu bringen, „bis spät in die Nacht zu lesen“).

Anschließend ordnet er jedem Kapitel eine sogenannte „Spannungsbewertung“ von null bis fünf zu und trägt diese auf dem Papier ein.

Dann verbindet er diese mit einer Linie von einem Punkt zum nächsten, sodass es einem Börsenbericht ähnelt, sagte er. Dann tritt er zurück und betrachtet es.

„Wenn ich dann drei dieser Segmente im Spannungsdiagramm habe, die nicht auf eine Vier steigen“, verriet Clarke, „dann bedeutet das, dass ich auf das zurückgreifen muss, was Raymond Chandler sagte: Wenn es langsam vorangeht, hole einen Mann mit einer Waffe.“ (https://www.thewhig.com/2018/05/24/author-uses-novel-approach)

Bei aller Betonung der Spannung stellt Slade Fragen nach der Natur des Bösen, historischer Schuld und den Abgründen der menschlichen Psyche. Es geht ihm immer auch – oder sogar vor allem? – um Wissensvermittlung und Aufklärung. Da ist vielleicht der frühe Einfluss seines marxistischen Buchhändlers erkennbar.

Die meisten seiner neueren Romane schrieb er zusammen mit seiner Tochter Rebecca Clarke, die Literatur und Geschichte studierte. Dazu später mehr.

P.S.:

Da KI – wie üblich – versagt, bin ich auf „normale“ Recherche angewiesen. Besonders nützlich war/ist:

Portrait vom 16. Oktober 2003 von Steve Newton (und weiteres von ihm)

Natürlich:

https://www.specialx.net/specialxdotnet/morgue2.html (hier kann man sich regelrecht verlieren)

https://earofnewt.com/2025/10/20/canadas-tricephalic-literary-force-michael-slade-unleashes-all-out-horror-with-ghoul/

FORTSETZUNG FOLGT



DANIEL WOODRELL IST TOT by Martin Compart
17. Dezember 2025, 12:03 pm
Filed under: DANIEL WOODRELL | Schlagwörter: , ,

R.I.P. Daniel Woodrell



ZU UNRECHT VERGESSENE KRIMINALROMANE: CRAIG RUSSELLS „TIEFENANGST“ by Martin Compart

Craig Russells Roman TIEFENANGST (A Fear of Dark Water), der sechste Band der Jan-Fabel-Serie, ist – wie immer bei Russell – mehr als ein konventioneller Hamburg- Kriminalroman. Er verbindet eine komplexe Ermittlung mit gesellschaftskritischen Themen, wobei die „antizipierte“ Erkenntnissee über die zerstörerische Gier von Superreichen eine zentrale Rolle spielt. Der Roman, der 2011 erschien, greift damit Entwicklungen auf, die heute, im Zeitalter von Klimakatastrophen und Tech-Autokraten, brennender denn je sind.


Russell nutzt das Motiv des superreichen Philanthropen, um eine tiefgreifende Ambivalenz zu erkunden. Dominik Korn wird zunächst als visionärer Wohltäter präsentiert, der mit seinem Reichtum die Rettung der Ozeane vorantreibt. Doch schnell zeigt sich, dass hinter dieser Fassade klassische menschliche Abgründe lauern – insbesondere eine maßlose, alles vereinnahmende Gier. Im Zentrum der Handlung steht eine Mordserie, die Oberkommissar Jan Fabel und sein Team von der Mordkommission Hamburg in die Fänge einer obskuren Umwelt-Doomsday-Sekte namens „Pharos“ führt. Der Drahtzieher dahinter ist der zurückgezogen lebende, behinderte Milliardär Dominik Korn. Korn agiert aus dem Schatten heraus, indem er die Anonymität und die Möglichkeiten des Cyberspace ausnutzt. Der Roman thematisiert die „dunkle Seite der Computersucht“ und wie Menschen in einer virtuellen Welt isoliert werden, was es dem Milliardär erleichtert, sie für seine Zwecke zu rekrutieren und zu kontrollieren.

Korn wird präsentiert als ein Typus des Milliardärs, der nicht nur Märkte, sondern Lösungen für globale Probleme kontrollieren will. Seine Stiftung ist kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern ein Instrument der Macht. Hierin spiegelt Russell früh die Erkenntnis wider, dass extreme Vermögen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch ökologische und soziale Systeme dominieren und deformieren können. Die Rettung der Welt wird zum geschützten Geschäftsmodell, zur Inszenierung.

Die Habsucht der Figuren im Roman ist nicht nur materiell. Sie ist auch eine Gier nach einem sauberen Image, nach moralischer Überlegenheit und historischer Rehabilitation. . Korn pervertiert die Sorge um den Planeten zu einem Kult, der Fanatismus und Mord rechtfertigt, angetrieben von seiner eigenen verzerrten Weltsicht und Gier nach totaler Kontrolle.

Russell verknüpft die individuelle Konkupiszenz seiner Charaktere mit archetypischen und mythologischen Motiven (etwa durch Verweise auf nordische Sagen). Die Gier erscheint so als eine zeitlose, dunkle menschliche Triebfeder, die im Zeitalter milliardenschwerer Privatvermögen lediglich eine neue, globale und potenziell apokalyptische Dimension erreicht. Der einbrechende Sturm und das bedrohliche Wasser werden zu Metaphern außer Kontrolle geratener Kräfte.

Russell ist ein Meister atmosphärischer Verdichtung. Die Ermittlungen von Jan Fabel und seiner Kollegin Susanne Eckhardt sind akribisch und nachvollziehbar, während der Roman gleichzeitig Elemente des Thrillers und des psychologischen Horrors integriert. Die Bedrohung kommt nicht nur von direkten Tätern, sondern aus dem System selbst – aus der Verquickung von Geld, Wissenschaft und Politik.

TIEFENANGST ist ein herausragender Roman, weil er die Konventionen des Regionalkrimis souverän mit einem zeitkritischen Thema verbindet. Also ein Regional-Thriller, der nichts provinzielles beinhaltet. Craig Russell erweist sich als hellsichtiger Beobachter, der die Diskussion um die Macht und Gier von Milliardären lange vor ihren aktuellen Höhepunkten erkannt hat. Er zeigt, wie sich unter dem Deckmantel des Fortschritts und der Wohltätigkeit Machtmissbrauch, Arroganz und unersättliche Gier neu organisieren.

Craig Russell zeigt auf fesselnde Weise, wie das Verlangen eines einzelnen Milliardärs zur Quelle von Verbrechen, Manipulation und weitreichendem Leid wird. Der Roman überzeugt durch eine komplexe, vielschichtige Handlung und unterstreicht die Notwendigkeit, die Macht der Ultrareichen zu zerstören.

Der Roman zeigt, dass selbst die edelsten Ziele korrumpiert werden, wenn sie von unkontrollierter Macht und Größenwahn getrieben sind; er ist eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit der moralischen Leere, die extremer Reichtum mit sich bringen kann. TIEFENANGST ist nicht nur ein spannender und clever konstruierter Kriminalroman, sondern auch eine Reflexion über ethische Abgründe hinter der Fassade des modernen Kapitalismus.

P.S.: Die Auflösung erklärt vielleicht die „Existenz“ eines Elon Musk.



WEISE WORTE by Martin Compart

„Was ist eigentlich aus der schönen amerikanischen Tradition geworden, seine Präsidenten zu erschießen?“

William S. Burroughs

 

 

„Ich mochte Jeffrey sehr und arbeitete gerne mit ihm zusammen in New York und Florida. „



CANNABIS STATT TULPEN – AMSTERDAM EMPIRE by Martin Compart
14. November 2025, 1:52 pm
Filed under: Noir, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

 

 

„Bei der nächsten Finanz- und Bankenkrise greifen wir aber nicht hilfreich ein, wenn ihr uns das Cannabis-Geschäft versaut!“

   Die Organisierte Kriminalität

Wir haben verstanden. Wollen aber einen progressiven Eindruck schaffen. 10% aller Deutschen kiffen und bevorzugen weiche Drogen. Aber für unsere geschaffenen Möglichkeiten zur Geldwäsche bei Immobilien hätten wir auch mal ein gutes Wort verdient.“

   SPD, Grüne, FDP, CDU

—–

Die neue Netflix-Serie AMSTERDAM EMPIRE hat in den letzten Wochen viel Aufsehen erregt. Mit ihrer düsteren Atmosphäre und packenden Erzählweise zieht sie die Zuschauer in die Coffeshop-Abgründe der niederländischen Hauptstadt.

Für eine völlig idiotische Cannabis-Politik hatten die Niederländer ja Einfluss auf ihre unfähigen Nachbarn in Deutschland (während US-Staaten wie Colorado oder Kalifornien seit Jahren vorführen, wie es funktionieren kann, Geld in den Staatshaushalt spült und Kartell-Dealern das Geschäft versaut).

AMSTERDAM EMPIRE gelingt es, eine frische, düstere und atemberaubend inszenierte Welt zu erschaffen, die so gar nichts mit den Postkartenmotiven der Grachten und Tulpen zu tun hat.

Die erste Episode zieht den Zuschauer sofort in die Geschichte, indem sie ein intensives Bild der kriminellen Unterwelt Amsterdams zeichnet. Die Kombination aus Action und emotionalen Momenten sorgt dafür, dass man umgehend involviert ist. Die Kulisse der Stadt wird eindrucksvoll in Szene gesetzt und trägt zur anarchischen Stimmung der Serie bei. Sie nutzt die Coffeeshop-Welt nicht nur als Motor der Handlung, sondern auch als Allegorie für eine Gesellschaft, in der Erfolg und Absturz eng beieinanderliegen.

Die Serie konzentriert sich auf Jack van Doorn (Jacob Derwig), der als rücksichtsloser Unternehmer ein Cannabis-Imperium aufgebaut hat – und dabei permanent zwischen schizophrenen Gesetzen und Gesetzlosigkeit laviert.

Im Zentrum steht eben dieser berüchtigte Gründer des Cannabis-Imperiums „The Jackal“. Van Doorn ist der Typ „skrupelloser Alphamann“, der seiner 2.Frau überdrüssig wird und lieber mit einer jungen Journalistin ins Bett steigt, während er sein Königreich regiert. Derwig spielt den Coffeeshop-Zar mit der notwendigen Arroganz.

Als seine Ehe mit der ehemaligen Popdiva Betty (brillant: Famke Janssen) zerbricht, eskaliert ein persönlicher Machtkrieg. Sie will mit der Scheidung Jack das Imperium unter dem Hintern wegzuziehen.

Betty nutzt ihre Kenntnisse über Jacks dunkle Geheimnisse gnadenlos aus und beginnt einen Feldzug, der ihre Rolle als Femme Fatale unterstreicht. Sie ist eine Naturgewalt der Rache. Die Serie zeigt die Zerstörungskraft privater Rache mit der Härte eines Noir-Romans und bietet kriminelle Energie jenseits folkloristischer Kiffer-Klischees.

Beide Figuren werden mit vielen Grautönen gezeichnet; moralische Eindeutigkeit findet sich hier nirgends. Ein klassischer Noir-Plot in einem Cannabis-Kontext, der oft zum aufregenden Melodram hochfährt. Denn der eigentliche Zündstoff kommt aus dem privaten Elend. Da hätte man sich – zumindest aus deutscher Sicht – mehr Bezüge zur debilen Drogenpolitik gewünscht.

Die stimmigen Nebencharaktere dienen bestens als Schachfiguren in den „Games of Thrones“ zwischen Betty und Jack.

Ein weiteres zentrales Thema sind Loyalität und Verrat. Die Beziehungen zwischen den Charakteren sind meist von Misstrauen geprägt, was zu spannenden Wendungen führt. Diese Dynamik bringt die Figuren und ihre Konflikte zum Leben und hält die Zuschauer in Atem.

Meine einzige Kritik: Der legalisierte Aspekt des Cannabis-Geschäfts, der eigentlich ein faszinierendes Alleinstellungsmerkmal sein könnte, wird nur als Kulisse genutzt.

Dennoch überzeugt die Serie vor allem in den Momenten, in denen sie die Skrupellosigkeit ihrer Hauptfiguren ungeschönt ausstellt und das Verbrecher-Milieu „unromantisch“ zeigt.

Verantwortlich sind die Macher der gnadenlosem Serie UNDERCOVER, die man schon heute als Klassiker bezeichnen möchte.

Die visuelle Umsetzung von AMSTERDAM EMPIRE ist beeindruckend. Die Regisseure schaffen es, die Stadt als lebendigen Charakter darzustellen, Die Musikuntermalung, fast ausschließlich niederländische Pop-Musik unterschiedlicher Genres, verstärkt die emotionale Wirkung. Alles sauber inszeniert – schnörkellos und oft mit einem dunklen Filter versehen.

https://www.soapcentral.com/shows/amsterdam-empire-soundtrack-guide-a-complete-list-music-netflix-series

Die Kamera geht dicht an den Figuren, verstärkt so die Dringlichkeit und den psychologischen Druck. Das blutige Finish ist wie von einem Peckinpah auf Shit (nicht Koks) inszeniert. Umwerfend!

Und das Ende schreit nach einer 2.Season, die bisher noch nicht von Netflix in Auftrag gegeben wurde. Wohl noch zu früh für die Erbsenzähler des Konzerns.

Insgesamt ist „Amsterdam Empire“ eine gelungene Mischung aus Spannung, Drama und eigenwilligen Charakteren. Und es ist ein eigenständiges flämisches Epos, das politisch oder mental nicht anderswo spielen könnte. Die Benelux-Länder sind auch im TV-Serien-Genre in der Champions-League.

Wer Gangsterdrama und psychologische Spannung sucht, findet hier eine kompromisslose und schonungslose Story, die sich vor GB oder US- Konkurrenz nicht verstecken muss. Hinzu kommt der belgisch-niederländische Touch, der auch die Comics dieser Länder auszeichnet und so besonders macht.

 



YOU – SERIE MIT SERIENKILLER by Martin Compart
12. November 2025, 11:25 am
Filed under: TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

YOU – Die dritte Staffel

Es ist wieder so weit: Unser liebster literarisch gebildeter Serienmörder ist zurück, und diesmal hat ihn das Schicksal – oder vielmehr die gnadenlose Logik eines Netflix-Vertrags – in die Vorstadtidylle (von Madre Linda) verschlagen. New York und LA wurden zu klein für seine obszönen Neigungen.

Und sie funktioniert.

Denn „YOU“ war immer eine bissige Satire auf unsere krankhafte Besessenheit von Romantik, „Nettigkeit“ und der Kuratiertheit unseres eigenen Lebens. Joe Goldberg (gespielt mit einer Mischung aus zerbrechlichem Charme und eiskalter Soziopathie von Penn Badgley) ist der Prince Charming, der nicht nur deine Bücherregale durchstöbert, sondern auch deine Mülltonne. Und in der Vorstadt, diesem Mekka der Verdrängung und heimlichen Abgründe, findet diese Satire ihren perfekten Nährboden.

Der größte Coup der Serie war die Einführung von Love Quinn (Victoria Pedretti, absolut umwerfend) in der 2.Season als Joes weibliches Pendant. In Staffel drei wird diese Ehe zur schwarzen Komödie. Sie sind ein Mörderpaar, das versucht, ein normales Leben zu führen, während in der Garage eine Leiche liegt. Ihre Gespräche über Mord, während sie Baby-Haferbrei löffeln, sind brillant geschrieben: „American Psycho“ trifft „Desperate Housewives“.

Joe ist nicht mehr nur Jäger, er ist auch Gejagter. Eingesperrt in einer Ehe mit einer Frau, die genauso gefährlich ist wie er, muss er seine eigenen mörderischen Impulse zügeln. Dier inneren und äußeren Konflikte geben der Serie eine neue Dramatik. Die größte Bedrohung lauert nicht mehr draußen, sondern sitzt mit ihm am Frühstückstisch und backt vergiftetes.

Die Satire beißt zu: Madre Linda ist eine Karikatur der Silicon-Valley-Hipster-Elite, und die Serie zerpflückt sie mit Vergnügen. Von der „biophilen“ Influencerin, die die Natur so liebt, dass sie sie in eine sterile App verwandelt, bis hin zum Poly-Paar, das seine Beziehung mit der Effizienz eines Tech-Startups managed – alle sind sie auf ihre Weise genauso krank und besessen wie Joe. Der Unterschied? Ihre Obsessionen sind gesellschaftsfähig. Joe tötet Menschen mit verzweifelter Besessenheit; sie töten aus Langeweile und Pseudospiritualität. Wer ist hier der größere Soziopath?

So sehr ich die neue Dynamik mag, das Grundgerüst bleibt erstaunlich statisch: Joe fixiert sich auf eine neue Person, stalkt sie, gerät in moralische Konflikte und muss am Ende die Leichen beseitigen. Nach drei Staffeln spürt man die Ermüdung. Die inneren Monologe, die anfangs so frisch und clever waren, wirken manchmal belanglos.

Die logischen Löcher: Je länger die Serie geht, desto unglaubwürdiger wird Joes mörderische Besessenheit. Der Mann hinterlässt einen Leichenberg, der kleinere Alpen-Gipfel in den Schatten stellt, und niemand, wirklich NIEMAND, kommt ihm auf die Schliche? Die Polizei in diesem Universum muss von ZDF-Krimi-Drehbuchautoren trainiert worden sein

Der ausgelutschte „One That Got Away“-Topo: Die Figur der Marienne, auf die Joe hier seinen Obsession fokussiert, fühlt sich wie ein Rückschritt an. Nach der komplexen, gefährlichen Beziehung zu Love wirkt diese neue Fixierung wie eine Notlösung der Drehbuchautoren, um das alte Schema aufrechtzuerhalten. Ihre Geschichte ist bei weitem der schwächste Handlungsstrang der Staffel.

„YOU“ Staffel 3 ist keine Serie mehr über einen Serienmörder. Es ist eine ganz unterhaltsame, bissige und oft brutale Ehe-Komödie vor der Kulisse einer kaputten amerikanischen Utopie. Man kann anführen: Die Serie ist gereift, hat ihren Biss behalten und liefert mit der Dynamik zwischen Joe und Love eines der besten Duelle, dass das Crime-TV dieses Jahr zu bieten hat.

Ist sie realistisch? Absolut nicht. Aber sie ist ein gut geschliffener Spiegel amerikanischer Mittelschichts-Kultur der Besessenheit und des Voyeurismus.

Und die ist vielleicht das erschreckendste Verbrechen von allen.



EIN UKRAINISCHER VOLKSHELD ? NESTOR MACHNO 2/ by Martin Compart

 

Nestor Machnos Leben war ein ständiger Kampf gegen alle Formen von Autoritäten – ob zaristisch, nationalistisch, bolschewistisch oder imperialistisch. Und er bezahlte einen hohen Preis für seine Ideale.

Nestor Iwanowytsch Machno wurde am 26. Oktober 1888 (jul. Kalender) in Huljajpole, einer Kleinstadt in der südlichen Ukraine, in einer armen Bauernfamilie geboren. Der Vater starb früh, und Nestor musste bereits als Kind hart arbeiten.

Durch seine Arbeit in einer Gießerei kam er mit revolutionären Ideen in Kontakt. Er schloss sich einer anarcho-kommunistischen Gruppe an. Wegen seines politischen Aktivismus, einschließlich mehrerer Attentate auf Polizisten, wurde er 1910 verhaftet und zum Tode verurteilt. Aufgrund seiner Jugend wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Seine Jahre im Butyrka-Gefängnis in Moskau waren entscheidend: Er nutzte die Zeit zur intensiven Bildung und wurde von älteren Anarchisten wie Pjotr Arschinow ideologisch geprägt und gefestigt.

Nach der Februarrevolution 1917 wurde er, wie viele politische Gefangene, aus dem Gefängnis entlassen und kehrte nach Huljajpole zurück.

Mit enormer Energie begann er, die Bauern und Arbeiter seiner Heimatregion zu organisieren. Er förderte die Enteignung des Großgrundbesitzes und die Gründung von freien Bauerngemeinden und Arbeiterräten, die unabhängig von staatlicher Kontrolle sein sollten.

Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk marschierten deutsche und österreichisch-ungarische Truppen in die Ukraine ein, um das pro-deutsche Regime des Hetman Skoropadskyj zu stützen. Machno ging in den Untergrund und begann einen gnadenlosen Partisanenkrieg gegen die Besatzer und ihre lokalen Verbündeten.

Er ging nach Moskau und traf Lenin. Möglicherweise war es der bolschewistische Führer, der den jungen Revolutionär zur Zusammenarbeit überredete, was sich später als schlechtes Omen für Machno und seine Leute herausstellte. In seinen Memoiren nannte Nestor Machno Lenin jedoch „weise“ und wies darauf hin, dass er ein Händchen dafür hatte, Menschen anzuziehen und sie davon zu überzeugen, in seinem Sinne zu handeln.

Machnos Guerillataktik war äußerst erfolgreich. Seine Armee, bekannt für ihre Mobilität (viel Kavallerie und berittene Maschinengewehr-Karren, die Tatschankas), wuchs stetig. Sie kontrollierte ein großes Gebiet in der Südukraine mit Huljajpole als inoffizieller Hauptstadt. Die Kämpfe waren äußerst brutal. Machnos Revolutionäre Aufständische Armee der Ukraine (RPAU) war eine hocheffiziente, vorwiegend aus Bauern bestehende Guerilla-Armee.

1919 und 1920 verbündete sich Machno mehrmals taktisch mit der Roten Armee der Bolschewiki gegen ihre gemeinsamen Feinde: die zaristischen Weißen Armeen (unter Denikin und später Wrangel) und ukrainische Nationalisten (Petljura). Diese Allianz war immer von Misstrauen geprägt, da die politischen Ziele fundamental unterschiedlich waren.

Für die monarchistischen Kräfte war Machno der Inbegriff des blutrünstigen, gesetzlosen Bauernrebellen, der Chaos und Terror verbreitete. Die antisemitische Propaganda der Weißen stellte ihn oft in Verbindung mit „jüdischen Verschwörungen“.

Im Herbst 1919, als Denikins Truppen auf Moskau vorrückten, führte Machno einen spektakulären Hinterland-Feldzug. Seine Armee durchbrach die weißen Linien, zerstörte Nachschublinien und eroberte kurzzeitig große Städte wie Jekaterinoslaw (heute Dnipro). Dieser Schlag trug maßgeblich zum Zusammenbruch von Denikins Offensive bei. Später, im Jahr 1920, war seine Armee entscheidend an der Niederlage von Wrangels Truppen auf der Krim beteiligt.

In dieser Phase war Machno ein Verbündeter der Roten Armee, da beide den gemeinsamen Feind, die Weißen, bekämpften. Er überwarf sich jedoch bald wegen ideologischer Fragen mit den Bolschewiki, und sie konfiszierten seine gesamte Beute, die bereits in die Wagen geladen war. Sie stahlen die „Trophäen“ auch während des Gegenangriffs von Petljuras Reserve auf Jekaterinoslaw am 31. Dezember 1918, wodurch die Anarchisten schwere Verluste erlitten. Dies war das erste Mal, dass Machno von Soldaten der Roten Armee verraten wurde.

In den von ihr kontrollierten Gebieten setzte die Machnowschtschina ihre anarchistischen Ideale teilweise um: Land wurde an die Bauern verteilt, Betriebe von den Arbeitern selbst verwaltet. Es herrschte Presse- und Versammlungsfreiheit für alle linken Gruppen. Gleichzeitig war die Region ständiger Kriegsschauplatz, was zu Gewalt und willkürlichen Hinrichtungen auf allen Seiten führte.

FORTSETZUNG FOLGT




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