„Weißt du eigentlich, wann ich das letzte Mal auf einem Bein auf einer Mauer gehüpft bin?“ fragte sie und war ein bisschen außer Atem. Er streckte den Rücken durch, stemmte seine Hand in seine Hüfte und machte ein wichtiges Gesicht:
„Meine sehrrr verehrten Damen und Herrrren“
Er hob sein Kinn und fuhr im Ton eines Zirkusdirektors fort:
„Sie sehen heute eine einmalige, sensationelle, unglaubliche Weltsensation.
Die einbeinige Schönheit!“
Er machte eine dramatische Pause.
„Es ist eine furrrchtbar, trragische Geschichte. Ein grrrauenhaftees, rrriesiges Krrrokodil mit rrriesigen, furrrchtbaren Zähnen hat ihr als kleines Kind das linke Bein abgebissen. Seitdem muss sie auf einem Bein auf der Mauer hüpfen!“
Es sah sich um, als wolle er die Reaktion des Publikums taxieren. Sie stand ungeduldig und mit gespielt genervtem Gesicht auf einem Bein auf der Mauer und schien zu warten, dass die Vorstellung endlich weiter gehen könne.
„Meine sehrrr verehrrrten Damen und …“
Ihr Blicke trafen sich. Sie schien aus dem Gleichgewicht zu kommen, zu fallen. Er hielt ihr die Hand hin, um ihr herunterzuhelfen. Sie lachte und sprang. Als ob Sie Hilfe bräuchte!
Sie sah aus, als könne sie Männer reihenweise morden, mit ihrem geheimnisvollen Blick, ihrem anmutigen, fast kindlichen Körper und dem spöttischen Ausdruck um ihren Mundwinkel. Sie ihr verfallen machen und sie dann mit einer einzigen ihrer kühlen, harten Bemerkungen abschießen. Bang. Aber in Wahrheit steckte sie so voller Zärtlichkeit, dass er es gar nicht begreifen konnte. Um sie war eine Wolke aus Anmut und Zärtlichkeit. Neben ihr kam er sich ungehobelt und zynisch vor.
Merkte sie das denn nicht?
„Was machst du mit mir?“ fragte er und strich ihr die Haare aus der Stirn. Sie fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht. Zögerte. Lächelte.
„Ich weiß nicht. Was machst du mit mir?“
Er nickte. Und als er ihre Hand nahm, war ihm, als stehle er etwas sehr
Wertvolles. Etwas, das er nicht verdiente, das ihm nicht gehörte. Er kramte eine Schachtel heraus, bot ihr eine Zigarette an; sie schüttelte den Kopf. Er nahm sich selbst eine, zuckte die Schultern und kramte die Packung wieder in die Tasche, suchte das Feuerzeug, rauchte.
„Ich bin ein Dieb“ sagte er ernst. Sie sah ihn an.
Sagte „Weißt du“ und drückte sein Hand etwas fester, „ich hatte Räuber, Psychopathen, Verrückte und Langweiler. Sie haben alles genommen, was du mir stehlen könntest. Was du auch stiehlst, du hast es mir erst wieder gegeben.“
Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und sagte: „Stiehl nur“ und küsste ihn. Als er zögerte, biss sie sanft in seine Lippe. Ihr Duft strömte durch ihn. Mild, sanft. Vanille und Blumen. Irgendetwas, das er nicht kannte, nicht beschreiben konnte.
Er wusste nicht, wie lange sie dagestanden und sich geküsst hatten. Fünf Minuten? Eine Stunde? Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren. Um sie war eine Wolke aus Wärme und aufziehendem Regen, aus vorbeigehenden Menschen, aus bellenden Hunden, Autos und den Gerüchen des Sommers. Und mitten darin sie. Ihre kühle Hand in seinem Nacken, ihre Lippen auf seinen, eine warme, feuchte Zunge, eine Ahnung von sich berührenden Bäuchen. Dann löste sie sich, sah zu ihm auf. Fast fremd.
„Wir sollten jetzt gehen“, lächelte sie, „sonst werden wir noch unter Denkmalschutz gestellt.“
Auf der Fahrt saßen sie still nebeneinander, hielten ihre Hände. Ein Engel und ein glücklicher Dieb.
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