Ein Sommertagstraum 2

Wenn Sie nicht einer meiner Stammleser sind und das hier lesen, sind Sie wohl wohl über Google gekommen und folglich reingefallen. Hier gibt es nichts über Tyra Misoux, Sibel Kikelli oder sonst irgendeinen Pornostar zu sehen. Hier gibt es normalerweise nicht mal dicke Möpse zu sehen. Wenn Sie über Google gekommen sind, haben Sie nämlich vermutlich „Ein Sommertagstraum“ eingegeben. Ich fand das einen ganz hübschen Titel für eine Miniatur, die ich hier unter Hingerissenes gepostet hatte. Und, so vermute (oder besser: befürchte) ich, haben Sie gar nicht nach dieser hingerissenen Miniatur, sondern nach einem Pornofilm gesucht.

Gut. Damit Sie, lieber pornosuchender Zufallsbesucher nicht allzu enttäuscht sind, gibts hier ein paar beachtliche Möpse zum angucken. Aber das haben Sie mit ihrem scharfen Blick natürlich längst gesehen.

Flashbackmoment

„Das Verrückteste“ dachte er „sind diese Flashbacks“. Dauernd errinnerte ihn irgendetwas an diesen einen Tag, der so vollgestopft mit Erinnerungen war, dass es doch für viel mehr als einen Tag reichen würde. Man sagt, dass man solche Flashbacks von manchen Drogen bekommt. Man ist ihnen schon lange nicht mehr ausgesetzt, die Wirkung müsste längst verschwunden sein und plötzlich – wusch – ist alles wieder da. Ihm ging es seit Tagen so. In den unwahrscheinlichsten Situationen war plötzlich die Erinnerung an einen Moment, manchmal auch nur an ein Gefühl da. Manchmal klar wie in Filmschnipsel, manchmal nur wie eine flüchtige Sinnestäuschung, wenn etwa eine kleine Wolke ihres Duftes an ihm vorbeizuziehen schien.

Einer dieser Momente ...

Einer dieser Momente ...

Was ist eine große Cola?

Ich war heute im Kino. Kindergeburtstag. „Die Insel der Abenteuer“, mit Jodie Foster und sehr nett. Aber darum geht es nicht. Es geht um das große Popcornmenü. Da es sich um mehrere Kinder handelte, musste es eine große Tüte Popcorn sein und da es dann irgendeinen wahnsinnigen Rabatt gibt, nehme ich es als Menü, ergo mit einer großen Cola.

Mir war das Ausmaß der Cola-Inflation nicht bewußt. Jedenfalls ist eine große Cola mittlerweile bei 1 Liter angekommen. Das letzte Mal, dass ich eine große Cola hatte, war es noch die Hälfte. Jetzt ist das die zweitkleinste Größe! Ich frage mich: was soll man im Kino mit einem Liter Cola? Wie kann man den trinken und trotzdem bis zum Ende im Kino sitzen bleiben? Stellen Sie sich mal vor, sie sitzen in „Paris, Texas“ und nach gefühlten 3 Stunden Filmlänge kommt diese Schlüsselszene, wo Nastassia Kinski ihrem Vater begegnet. Und dann haben Sie einen Liter Cola getrunken. Na Mahlzeit.

Jakobsmuschelopfer für Louis Maillard

In der Symbolik der Pilgerzeichen stehen die Schalen der Jakobsmuschel für die Nächstenliebe. Hm. Seitdem ich dieses kleine Gericht ausprobiert habe, sind meine Assoziationen ein bisschen unchristlicher. Es ist nämlich ein ziemlich sinnliches Lippenleckgericht. Aber wer sagt denn, dass Nächstenliebe immer platonisch sein muss.

Aus Eigelb, Noilly Prat, Pfeffer, Meersalz und einem Hauch Muskat im Wasserbad eine Zabaione aufschlagen Die Jakobsmuscheln (als kleine Vorspeise reichen zwei pro Person) in einer kleinen, gebutterten feuerfesten Form mit fein gestiftetem Bergkäse überhäufen, mit der Zabaione übergießen und bei 200° ab in den Ofen bis es angebräunt ist. Fertig. Die Muschel wird butterzart und das Aroma könnte man mit sanft-wonnig-harmonisch beschreiben. Oder so. Baguette dazu und einen ordentlichen Riesling (der „Vom Schiefer“ von Ansgar Clüsserath passte zeimlich sensationell).

Wenn man eine richtige raffinierte Vorspeise daraus machen will, gibt es dazu einen lauwarmen Pak Choi Salat. Dazu eine Schalotte in Ghee andünsten, das Grüne vom Pak Choi in Streifen geschnitten und Tomatenfleischwürfel dazugeben und gemeinsam abkühlen lassen. Mit Pfeffer, Salz und Zitronensaft abschmecken.

Ein Sommertagstraum

„Weißt du eigentlich, wann ich das letzte Mal auf einem Bein auf einer Mauer gehüpft bin?“ fragte sie und war ein bisschen außer Atem. Er streckte den Rücken durch, stemmte seine Hand in seine Hüfte und machte ein wichtiges Gesicht:
„Meine sehrrr verehrten Damen und Herrrren“
Er hob sein Kinn und fuhr im Ton eines Zirkusdirektors fort:
„Sie sehen heute eine einmalige, sensationelle, unglaubliche Weltsensation.
Die einbeinige Schönheit!“
Er machte eine dramatische Pause.
„Es ist eine furrrchtbar, trragische Geschichte. Ein grrrauenhaftees, rrriesiges Krrrokodil mit rrriesigen, furrrchtbaren Zähnen hat ihr als kleines Kind das linke Bein abgebissen. Seitdem muss sie auf einem Bein auf der Mauer hüpfen!“
Es sah sich um, als wolle er die Reaktion des Publikums taxieren. Sie stand ungeduldig und mit gespielt genervtem Gesicht auf einem Bein auf der Mauer und schien zu warten, dass die Vorstellung endlich weiter gehen könne.
„Meine sehrrr verehrrrten Damen und …“
Ihr Blicke trafen sich. Sie schien aus dem Gleichgewicht zu kommen, zu fallen. Er hielt ihr die Hand hin, um ihr herunterzuhelfen. Sie lachte und sprang. Als ob Sie Hilfe bräuchte!

Sie sah aus, als könne sie Männer reihenweise morden, mit ihrem geheimnisvollen Blick, ihrem anmutigen, fast kindlichen Körper und dem spöttischen Ausdruck um ihren Mundwinkel. Sie ihr verfallen machen und sie dann mit einer einzigen ihrer kühlen, harten Bemerkungen abschießen. Bang. Aber in Wahrheit steckte sie so voller Zärtlichkeit, dass er es gar nicht begreifen konnte. Um sie war eine Wolke aus Anmut und Zärtlichkeit. Neben ihr kam er sich ungehobelt und zynisch vor.
Merkte sie das denn nicht?
„Was machst du mit mir?“ fragte er und strich ihr die Haare aus der Stirn. Sie fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht. Zögerte. Lächelte.
„Ich weiß nicht. Was machst du mit mir?“
Er nickte. Und als er ihre Hand nahm, war ihm, als stehle er etwas sehr
Wertvolles. Etwas, das er nicht verdiente, das ihm nicht gehörte. Er kramte eine Schachtel heraus, bot ihr eine Zigarette an; sie schüttelte den Kopf. Er nahm sich selbst eine, zuckte die Schultern und kramte die Packung wieder in die Tasche, suchte das Feuerzeug, rauchte.
„Ich bin ein Dieb“ sagte er ernst. Sie sah ihn an.
Sagte „Weißt du“ und drückte sein Hand etwas fester, „ich hatte Räuber, Psychopathen, Verrückte und Langweiler. Sie haben alles genommen, was du mir stehlen könntest. Was du auch stiehlst, du hast es mir erst wieder gegeben.“
Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und sagte: „Stiehl nur“ und küsste ihn. Als er zögerte, biss sie sanft in seine Lippe. Ihr Duft strömte durch ihn. Mild, sanft. Vanille und Blumen. Irgendetwas, das er nicht kannte, nicht beschreiben konnte.
Er wusste nicht, wie lange sie dagestanden und sich geküsst hatten. Fünf Minuten? Eine Stunde? Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren. Um sie war eine Wolke aus Wärme und aufziehendem Regen, aus vorbeigehenden Menschen, aus bellenden Hunden, Autos und den Gerüchen des Sommers. Und mitten darin sie. Ihre kühle Hand in seinem Nacken, ihre Lippen auf seinen, eine warme, feuchte Zunge, eine Ahnung von sich berührenden Bäuchen. Dann löste sie sich, sah zu ihm auf. Fast fremd.
„Wir sollten jetzt gehen“, lächelte sie, „sonst werden wir noch unter Denkmalschutz gestellt.“
Auf der Fahrt saßen sie still nebeneinander, hielten ihre Hände. Ein Engel und ein glücklicher Dieb.