
Deutscher Titel: Verwobenes Leben: Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen, erschienen bei Ullstein
Ich habe im letzten Jahr zwei Bücher gelesen bzw. gehört, die man einem Genre namens „Pilzhorror“ zuordnen könnte. Eines hat mir gefallen (The Ghost Woods von C. J. Cooke), das andere nicht (Mexican Gothic von Silvia Moreno Garcia). Passend dazu hatte ich das vorliegende Sachbuch auf dem SuB, das in englischsprachigen Booktube-Kreisen absolut gefeiert wird, dementsprechend neugierig war ich darauf. In „The Ghost Woods“ wird unter anderem von Zombiepilzen berichtet, die Ameisen „übernehmen“ und per deren Ableben ihre Verbreitung mittels Sporen erreichen. Auf das entsprechende Kapitel in „Entangled Life“ war ich daher besonders gespannt (ja, voll eklig, aber nicht so eklig wie „Mexican Gothic“…). Doch ich ahnte ja nicht, welche Theorien sich aus dem Vorgehen der Zombiepilze entspinnen können!
Überhaupt, Pilze wurden und werden maßlos unterschätzt. Schon, dass man sie landläufig unter Pflanzen einordnet, ist ein Witz. Pilze stellen im Grunde eine dritte Lebensform auf unserem Planeten dar und sollten daher gleichberechtigt neben Flora und Fauna stehen (tatsächlich gibt es ein Wort dafür, die „Funga„). Wie Sheldrake schon in der Einführung schreibt, die Anzahl der Pilzarten ist 6- bis 10-mal so hoch wie die der Pflanzenarten! Sheldrakes Buch ist prall gefüllt mit solchen Informationen, die ich nur als mind-blowing (oder auf gut Deutsch überwältigend) bezeichnen kann. Das bringt auch mit sich, dass das Buch sehr dicht ist. Auch wenn es narrative Non-Fiction ist, das ist kein Buch, das man schnell runterliest (jedenfalls nicht, wenn man eine Leserin meines Modells ist). Ich habe an manchen Abenden nur 20, 30 Seiten geschafft, habe aber jede einzelne genossen. So vieles, was auf ihnen steht, wusste ich nicht, etwa, dass mehr als 90 Prozent der Pflanzenarten von Mykorrhiza-Pilzen abhängig sind und dass schon, bevor Pflanzen in der Evolution überhaupt Wurzeln entwickelt haben, die Nährstoffversorgung mithilfe von Pilzen vonstatten ging.
Eine weitere Erkenntnis, die das Buch mir mitgegeben hat, ist, warum die „Vermenschlichung“ von Pflanzen, insbesondere Bäumen, so wie wir sie etwa in Peter Wohllebens Büchern finden, problematisch ist. Das heißt, mir war natürlich bewusst, dass es entsprechende Kritik gibt, aber Merlin Sheldrake hat es so erklärt, dass ich sie besser verstehen und akzeptieren kann. (Mind you, das ändert nichts daran, dass ich Wohllebens Bücher mag und der Meinung bin, dass insbesondere die Forstwirtschaft auf ihn hören sollte.)
Ebenfalls superspannend ist die Pilzchemie, LSD ist ja beispielsweise ein Produkt des Mutterkornpilzes. Und nicht zu vernachlässigen, was wir alles Hefepilzen zu verdanken haben oder wie wichtig Pilze in der Medizin sind. Am liebsten würde ich jetzt wie Sheldrake anfangen, aus allem Möglichen abgefahrene Biersorten zu brauen. Wo wir gerade bei Kulinarik sind, ich bin als Fast-Veganerin und begeisterte Pilzesserin wirklich erleichtert, dass auch, wenn Pilze Tieren näher stehen als Pflanzen, das, was wir als „Pilz“ bezeichnen, ein reiner Fruchtkörper ist, der zwecks Verbreitung durchaus gegessen werden soll (weshalb z. B. Trüffel mit ihrem Duft auf sich aufmerksam machen)!
Ihr seht: Ich bin begeistert. Wenn ihr äh, euren Mind blowen lassen und beispielsweise wissen wollt, welche Theorien sich um Zombiepilze entspinnen, lest dieses tolle Buch!




