22. Jänner – Reimkritisches

Heute vor 297 Jahren wurde Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) geboren, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller & Dramatiker. Auch humoristisch-ironische Lyrik verfasste Lessing, darunter zahlreiche komische, zuweilen bizarre Gedichte über das Trinken – z. B. “Die Ente“ (Ausschnitte):

    Auch ein Tier – – o das ist viel!
    Hält den Satz für wahr und süße,
    Daß, wer glücklich leben will,
    Fein das Trinken lieben müsse.

    Ente, ists nicht die Natur,
    Die dich stets zum Teiche treibet?
    Ja, sie ists; drum folg’ ihr nur.
    Trinke, bis nichts übrig bleibet.

    In der Welt muß Ordnung sein.
    Menschen sind von edlern Gaben.
    Du trinkst Wasser, und ich Wein;
    So will es die Ordnung haben.

Trinket nun, wie Lessing schreibet,
die Ente »bis nichts übrig bleibet«,
so hätte, wenn dies zugetroffen,
den Teich sie also ausgesoffen?

(Doch nein, er spricht ja nicht zur Enten:
er spricht ja zum Rezipienten.)
Reimkritisches: ▶️ ▶️ ▶️

18. Jänner: Welttag des Schneemanns

Als Datum für den Welttag des Schneemanns wurde der 18. Jänner gewählt, wobei die 8 sym­­bolisch für die Figur des Schneemanns und die 1 für seinen Stock oder Besen steht. *
‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾
In 30 Tagen um die Welt, 58. Tag

.. Cortonwood/Yorkshire: Der Schneemann und der Polizeichef

Am 6. März 1984 begann in Cortonwood in Yorkshire der einjährige bri­­tische Berg­ar­bei­ter­streik, der Miners’ oder Coal Strike von 1984/1985, in dessen Verlauf es wie­der­holt zu heftigen Aus­ein­an­der­setz­un­gen mit der Polizei kam.*

Bruce Wilson, einer der strei­ken­den Berg­männer, notierte in seinen 2004 veröffentlichten Tage­­buch­auf­zeich­nun­gen* eine Episode aus dem bit­ter­kalten Februar 1985:
Nachts hatte es geschneit und einige der Streikenden hatten, um sich auf­zuwärmen, einen großen Schnee­mann gebaut und diesem einen erbeuteten Polizeihelm auf den Kopf gesetzt. Der Polizeichef, Chief Superintendent John Nesbit, wollte derlei despektierliche Obrig­keits­­ver­spot­tung nicht dulden, startete höchstpersönlich einen Streifenwagen Marke Range Ro­ver und fuhr mit Voll­gas auf den Schneemann zu, um ihn zu zerstören. Das Resultat war ein gehöriger Crash samt veri­tab­lem Blechschaden – nämlich am Strei­fen­wa­gen: die Bergleute hatten den Schneemann rund um einen massiven Betonpoller errichtet.

17. Jänner

Heute ist übrigens der Internationale Tag der italienischen Küche, so stehts im Kalender.

Da fällt mir die reichlich rustikale Äußerung jener saloppen Person ein, die sich unlängst bei unserem bevorzugten Italiener am Nebentisch vernehmen ließ – ihr Begleiter hatte frit­tierte Calamari bestellt, und als die auf den Tisch kamen sah sich besagte Person veranlasst, laut­hals drauflos zu gackern:
    »Heast Oida, des schaut jo aus wia bochane Oaschlecha!«
    [»Das sieht ja aus wie gebackene Rektalöffnungen«]
Auch Kollege Lo berichtet von einer Schnurre, die sich bei seinem Lieblingsitaliener zutrug.

In Rimini aßen wir mal in einer Pizzeria, dort kriegte man »Pizza tedesca«, nämlich: »Pizza con wurstel e krauti« – kein Witz. Pizzareskes, siehe auch: ▶️

Die vermeintlich typisch italienischen Gnocchi sind indessen keine genuine Spe­zialität der italienischen Küche, vielmehr als Lehnwort von »Nockerl« aus dem bairischen Sprachraum über die Ostalpen dorthin eingewandert. (Für gewöhnlich kriegen Leute beim Italiener trotz­dem Gnocchi serviert, obwohl sie »Gnotschi« be­stellt haben.)

Haben Sie gewusst, dass italienische Teigwaren Weichtierspuren enthalten können, und dass Spaghetti auf Bäumen wachsen.

13. Jänner – Folkloristisches: St.-Knuts-Tag

In Schweden, Norwegen und Finnland dauert die Weihnachtszeit zwanzig Tage und endet erst am 13. Jänner, dem St.-Knuts-Tag. An diesem Tag werden traditionell die Weihnachtsbäume entsorgt, indem sie kur­zer­hand aus dem Fenster hinausgeworfen werden.
Zum Opfer dieser Tradition wurde einst der große französische Denker René Descartes:
Die Weihnachtssaison zum Jahreswechsel 1649/50 verbrachte Monsieur Descartes auf Ein­la­­­dung Königin Christinas von Schweden, seiner langjährigen Brieffreundin, in Stockholm, allwo er jeden Morgen um Schlag sechs Uhr am königlichen Früh­stückstisch anzu­­treten hatte. Welch barbarische Sitte, zu nachtschlafener Zeit zu frühstücken, parbleu!, be­­fand Des­car­tes, diese Schweden müssen wahrhaft einen an der våffla haben. Nun weiß man indes, dass in Schweden noch weitere extra­va­gante Brauchtümer grassieren, etwa morgens zu Sankt Knut die ab­ge­fei­er­ten Weih­nachts­bäume directement aus den Fenstern zu expedie­­ren, all­fäl­li­gen Pas­san­ten auf die Köpfe. Und akkurat ein sol­cher landete en passant auf Mon­­­sieurs Den­ker­haupt, als er am Sankt-Knuts-Tag Anno 1650 früh­mor­gens grimmigen Ge­mü­tes durch den skandinavischen Winter stiefelte, zum Pflicht­déjeuner mit Ihro bett­flüchtiger Ma­­jestät. Von den Folgen erholte er sich nimmer, knapp einen Monat später ver­starb Des­car­tes in Stock­holm an den Aus­wir­kun­gen skan­di­na­vi­scher Weih­nachts­folklore.

Genderitisches: Kryptozoologisches

»Schneemenschen« – das ist doch genderitischer Mumpitz. Schneemänner, wenn man die schon unbedingt genderisieren will: sollen die um des lieben Geschlechterfriedens willen halt Schneemänner und Schneefrauen heißen oder Schneemänner und Schneemänninnen. Geschlechtsneutralisierte Weihnachtsmänner sind ja deswegen auch noch lang keine Weihnachtsmenschen, und Hampelmänner keine Hampelmenschen.
Ein Schneemensch ist kein geschlechtsneutraler Schneemann, sondern ein Yeti.

Kolumnistisches: Exxpressionistisches

Für ihre mitunter absurden, mitunter bizarren Wortmeldungen berüchtigt war Frau Sachslehner Zeit ihres Wirkens als aktive ÖVP-Politikerin. Mittlerweile der schnöden Parteipolitik abhold, fungiert sie nunmehr als Kolumnistin im rechtspopulistischen Desinformations- und Fakenews-Verbreitungsorgan “Exxpress für Sel­ber­den­ker“:

»Leistung gilt bei uns nicht längst mehr als erstrebenswert, sondern zunehmend als anrüchig.«

Leistung gilt bei uns als anrüchig – was soll denn das heißen? Was meint die Frau mit dieser absurden Aussage?

».. ein Sozialsystem, das immer ungerechter wird. [..] Ein gerechter gesellschaftlicher Ausgleich existiert in Österreich nur noch auf dem Papier.«

Auf welchem »Papier«, nur noch? Vermutlich meint sie ja: gerechter gesellschaftlicher Ausgleich existiert in Österreich nicht, bzw. existiert nicht mehr – aber seit wann nimmer? Immerhin stellt ihre Ex-Partei seit beinahe zehn Jahren die Regierung, so wäre der Ausgleich zuvor unter den Sozis also gerechter gewesen? Das meint sie als notorische Linken-Basherin gewiss nicht, aber was meint sie dann?

»Die obersten 20 % in unserem Land stellen in weiten Teilen ausschließlich Nettozahler dar, die wesentlich mehr in das System einzahlen, als sie daraus zurückbekommen.«

Na was sollen Nettozahler denn sonst tun? Genau das ist ja die Definition von »Nettozahler«: wer in ein System mehr reinzahlt als er rausbekommt. (Die Formulierung »in weiten Teilen ausschließlich« mag zwar etwas befremdlich anmuten, aber von einer Frau Sachslehner ist man durchaus Befremdlicheres gewohnt.)
Mit den »obersten 20 %« gemeint ist vermutlich das einkommensstärkste Fünftel der Bevölkerung. Logisch zahlen die höhere Einkommensteuerbeträge und auch Sozialversicherungsbeiträge als einkommensschwächere Schichten, obwohl eine Blinddarmoperation an einem Besserverdienenden für die Krankenkassa nicht teurer ist als an einem Niedriglohnbezieher, und der Nettozahler mit seiner Blinddarmoperation nicht mehr für seine höheren Beiträge »zurückbekommt« als jemand von den »unteren 80 %« für seine geringeren – aber was sollte daran kein gerechter gesellschaftlicher Ausgleich mehr sein? Warum sollte deswegen »dieser Staat Leistungsträger hassen«, wie in der Überschrift behauptet?

»Was anfangs zum Ziel hatte, die Schere zwischen Arm und Reich auszugleichen und eine gerechte sowie solidarische Umverteilung sicherzustellen, [..]«

Wann war »anfangs«? Bevor die ÖVP an die Regierung kam, unter den Sozis gar? Das meint sie garantiert nicht, denn ihrer Diagnose zufolge ist ja –

– »die jahrzehntelange linke Stimmungsmache [..] zu großen Teilen mitverantwortlich für die angespannte wirtschaftliche Situation in unserem Land.«

Wer zu großen Teilen hauptverantwortlich ist und was das alles überhaupt mit den Nettozahlern »in weiten Teilen« zu tun haben soll, erläutert “Exxpress“-Ko­lum­nistin Sachslehner in ihrer Kolumne nicht.

*

Steht so da. Was damit gemeint sein soll, bleibt unergründlich.

»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte liest, es müsse sich
dabei doch auch was denken lassen.«  (Johann Wolfgang von Goethe)

Fallzahlenmathematisches

Wie sich die Schätzung der Vereinten Nationen mathematisch ausgehen soll, derweil ein Jahr 525.600 Minuten hat, erscheint rätselhaft.
Da hat die News-Redakteurin offenkundig einen tagesschau.de-Artikel falsch abgeschrieben: »Alle zehn Minuten wird eine Frau in der Familie getötet« steht dort vielmehr, und mit den »rund 50.000 Frauen und Mädchen, die weltweit im vergangenen Jahr von Partnern oder Familienangehörigen getötet wurden« geht sichs mit den kolportierten zehn Minuten aus.

*

Ergibt in Summe 49.800, übrig bleiben 200 für Australien und Ozeanien: Zahlenhuberei ohne jeglichen Aussagewert. Welchen Sinn soll das haben, die Fallzahlen je nach Kontinenten zusammenzuaddieren und in absteigender Reihenfolge ohne Bezugnahme auf die Gesamteinwohnerzahl aufzulisten? In Asien leben 4,8 Milliarden Einwohner, in Amerika 1 Milliarde – demzufolge ist die Femizidrate in Amerika mehr als doppelt so hoch wie in Asien, in Australien eineinhalb mal so hoch wie in Europa. Dieser Fallzahlenzinnober mit dem Gewaltrisiko im Kontinente-Ranking ist mit­hin schierer Unsinn.

14. Dezember – Welttag des Chorgesangs

Aus der Reihe “Ösitanisch in Wort und Schrift“: Die Chorprobe

    Chorleiter:  »Oisdaun, olezaum: «
      1. Sänger:  »Weaola?«
    Chorleiter:  »Naeole.«
      1. Sänger:  »Aeia?«
    Chorleiter:  »Nanonaned. Oisdaun, olezaum: «
               Chor:  »♫ ♪ Freu-de, schö-ner Gö-tter-fun-ken! ♫ usw

Alle Jahre wieder ..

Wie mein lieber Wiener Schwiegerpapa einmal den Christbaum direkt neben einem Zen­tral­heizungskörper aufstellen wollte, wies ihn meine liebe Wiener Schwiegerma­ma zurecht:

»Duana dauna do. Doda dadiada da do, du Dodl du.«

[Übers. f. Außerösische: »Tu ihn weiter weg. Dort verdorrt er doch, du Dummkopf.«]

Schwurbelkolumnistisches: KI-Generiertes?

Hier kolumnisiert er wieder, der Schwurbelkolumnist vom “FOCUS online EXPERTS Circle“, und diesmal warnt er gar:

Soll heißen, wir müssen auch Weihnachten »neu denken«?

»Weihnachten ist ein Milliardengeschäft und ein Vorgang im Gehirn unzähliger Menschen.«

Weihnachten ist [..] ein Vorgang im Gehirn: solche schrägen Sprachbilder und falschen Wort­verwendungen sind es, welche Kollege Jules van der Ley hieramts vermuten ließen, der lasse eine KI seine Kolumne schreiben, die Focus-Leser für geistreich halten könnten.

»Die Vorweihnachtszeit ist längst keine stille Zeit mehr, sondern eine rabattsatte Parade unserer innersten Sehnsüchte.«

Schwurbelschrieb. Wer errät, welcher Sinn in dem Satz stecken soll, darf gern daraus schlau werden.

»In Wahrheit aber zeigt sich hier das nackte Gegenteil.«

Im Gegensatz zum angezogenen Gegenteil.

»Das Weihnachtskaufverhalten spricht nur selten zur Vernunft, [..]«

Verhalten spricht zur Vernunft – was soll das heißen? Vielleicht meint der: spricht nur selten für Vernunft; oder: entspricht nur selten der Vernunft? Oder er lässt diesen Unsinn wirklich von einer KI schreiben, aber warum liest er anschließend nicht drüber und korrigiert den?

»[..] das emotionale Zuckerbrot aus Rabatt und Zeitdruck.«

Zuckerbrot aus Zeitdruck? Der Vergleich hinkt nicht, der geht am Rollator.

»Danach kommt der verdrängte Kater:«

Einen Kater hat man, oder man hat keinen. Was soll ein verdrängter Kater sein?

»Das Weihnachtsgeschäft ist kein Ausnahmezustand, sondern ein mentales Symptom.«

Ein mentales Symptom ist ein Anzeichen einer psychischen Verfassung. Das Weihnachtsgeschäft als ein solches definieren zu wollen, ist ein Symptom für völlig unpassende Wortver­wendung.

»Die Frage ist nicht, ob wir schenken oder kaufen, das wäre Unsinn. Die Frage ist, ob wir entscheiden oder entschieden werden.«

Entscheiden oder entschieden: Sinn oder Unsinn, das ist hier die Frage.

»Die Zukunft beginnt nicht mit einem Klick, sondern mit einem Gedanken davor.«

Was immer das bedeuten soll, möge verstehen, wer will. Muss aber nicht.

Schwurbelkolumnistisches

»Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.« erfährt man über den Focus-Kolumnisten, und das hört sich gleich viel bedeutungsschwerer an als “Expertenkreis“, eh klar. Um jenen Experten, korrigiere: jenen “Expert“ handelt sichs, der schon mal dazu aufrief Ostereier neu zu denken, und hier kolumnisiert der wieder:

»KI oder K.o.« soll wohl ein Wortspiel darstellen – welchen Sinn es haben soll, erschließt sich im darunter folgenden Kolumnentext allerdings nicht. (Merke: ein Wortspiel ohne Sinn ist kein sinnloses Wortspiel, sondern schlicht sinnlos.)

»Künstliche Intelligenz ist in aller Munde:«

Reiflich schräge Aussage. In meinem Mund ist jedenfalls keine, in Ihrem vielleicht? Gemeint ist wohl, dass alle darüber sprechen, aber allein die Formulierung reizt zum Verriss:

»Die brennende Diskussion über die künstliche Intelligenz hat längst die Mitte der Gesellschaft erreicht.«

Von wo kam die brennende Diskussion denn daher, bevor sie die Mitte erreichte – vom Rand der Gesellschaft?

»Millionen Menschen spüren die Machtverschiebung zwischen Mensch und Maschine.«

»Spüren«, wie denn? Physisch, emotional, spirituell? Schlechte Wortwahl.
»Bei manchen Leuten ist es besser, ihre Texte werden noch einmal von anderen gelesen, bevor die Öffentlichkeit sie sieht.« konstatierte Jan Fleischhauer, und auf diesen Text trifft das zu, denn Experte, korrigiere: “Expert“ für treffsichere Ausdrucksweise ist der Kolumnist gewiss keiner.

»Sie sehen, wie Algorithmen Texte schreiben, Diagnosen stellen, Musik komponieren, Verträge prüfen und Flugzeuge steuern.«

»Sehen« – schlechte Wortwahl wieder. Haben Sie schon mal einen Algorithmus einen Text schreiben gesehen? Flugzeuge wurden unterdessen längst per Autopilot von Algorithmen gesteuert, lange bevor Künstliche Intelligenz »in aller Munde« war.

»Die Angst, überflüssig zu werden, ist keine Panikmache, sondern eine emotionale Realität.«

Emotionale Realität, oder reale Emotion? Egal. Klar ist Angst keine Panikmache, sondern umgekehrt: mit Panikmache wird Angst gemacht. Falsche Wortwahl, schon wieder.

»Doch wer nur auf Bedrohung blickt, übersieht die tiefere Wahrheit:«

Im Unterschied zur höheren Wahrheit, oder zur seichteren.

»Wer sich darauf einlässt, wird nicht verdrängt, sondern erweitert.«

Jemand »wird erweitert« – wie hat man sich das vorzustellen: dass der anschließend größere Hosen braucht?

»Denn [die KI] zwingt uns, das zu tun, was wir zu lange vernachlässigt haben: uns selbst zu verstehen.«

Die Aussage verstehe, wer will. Muss aber nicht.

»Die Antwort auf die Frage „Brauchen wir die KI oder braucht sie uns?“ lautet daher: wir brauchen beide.«

Schwurbelschwatz. »Wir brauchen beide«, soll heißen: wir brauchen die KI, und wir brauchen auch uns? – Aber genug Verriss für heute. Nein, warten Sie, einer noch:

»Und die Zukunft beginnt genau dort, wo wir uns entscheiden, nicht gegen Maschinen zu kämpfen, sondern mit ihnen zu wachsen.«

Mit Maschinen wachsen? Maschinen, mit denen man »einfach, schnell und materialschonend« wachsen kann: sog. Wachsmaschinen.

Unsinniges: Plusquamperfektes (III)

Die unsinnige Tempusflexion ins Plusquamperfekt (“Vorvergangenheit“) bringt auch in sog. Qualitätsmedien unsinnige Satzgefüge hervor, kleine Auswahl:

Was soll dieser grammatikalische Mumpitz, haben die etwa verlernt sinnvolle Nebensätze in ordentlicher deutscher Sprache zu formulieren? Das ist doch grober sprachlicher Unsinn.

Wann und woran starb denn seine Frau, da sie bei dem Autounfall bereits gestorben war?

Wann waren die denn in dem Pkw gesessen – Sonntagnachmittag, oder vorige Woche? Kein Wunder dass die nicht verletzt wurden. Wieviele Personen aber während der Kollision im Pkw saßen bzw. gesessen sind und dabei unverletzt blieben, steht da nicht.

4. November – Epigrammatisches

»Der Gedanke mit den Xenien ist prächtig und muß ausgeführt werden.« ¹
(Friedrich Schiller)

Heute vor 135 Jahren kam der Schriftsteller und Lyriker Alfred Georg Hermann Henschke, genannt Klabund (1890-1928) zur Welt:

Was liest man hier? Es täten Blätter,
dichtet einer da, »wie Schmetter-
linge tot den Boden klopfen«? –
Wer dichtet denn so einen Topfen?
(Klopft das Laub den Boden tot,
tät’ AAT-Kurs dringend not!)
‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾
¹ Als Xenien bezeichnet die Literaturwissenschaft kurze Spottgedichte in Epigrammform mit einem bissigen Sinnspruch.

3. November

Heute ist übrigens schon wieder Hausfrauentag.
Hinter jedem großen Dichtersmann steht eine Hausfrau, wie sich ahnen lässt, denn:

Hätte Goethe Suppen schmalzen,
Klöße salzen,
Schiller Pfannen waschen müssen,
Heine nähn, was er verrissen,
Stuben scheuern, Wanzen morden,
Ach die Herren,
Alle wären
Keine großen Dichter worden.
‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾
Emerenz Meier (1874-1928), bayer. Volksdichterin

Hätte wer die Gretchenfrag’
Herrn Goethe einst gestellt: »Nun sag’,
wie hast du’s mit der Hauswirtschaft?«,
so wäre wohl unzweifelhaft
Herrn Goethes Antwort die gewesen,
welche steht allhie zu lesen:
»Kochen, spülen, waschen, nähen?
Fenster putzen, Rasen mähen?
Einkäufe nachhause schleppen,
kehrtags fegen Flur und Treppen? –
Ich tu’ doch nicht, was ich nicht muss!
Wozu hab’ ich Frau Vulpius?«