Die Röcke sind kurz, die Drogen sind billig und die Musik ist heiß im London der Sixties. Aus dem Radio tönen Stones, Beatles, Kinks, Small Faces, Pink Floyd spielen im Ufo Club. Dean Moss Sohn eines Alkoholikers aus der Provinz, aber ist ganz unten. Nachdem er Geld von der Bank abgehoben hat, um die Miete für seine Bude und die Rate für seine Gitarre zu bezahlen, fällt er auf Trickbetrüger rein. Die Zimmerwirtin schmeißt ihn raus, und dann verliert er auch noch seinen Kneipenjob und steht blank da.
Da tritt Talentscout Levon Frankland in sein Leben, der dabei ist, eine Band zusammenzustellen, keine gecastete Boygroup wie die Monkees, sondern ausgewählte Musiker, von denen er sich Erfolg verspricht. Zu Songschreiber Dean gesellen sich der Leadgitarrist Jasper de Zoet, Sohn eines reichen Niederländers, die Folksängerin und Pianistin Elf Holloway und der Jazzdrummer Griff Griffin. Gemeinsam gründen sie die Band Utopia Avenue, und wem der Name unbekannt ist, der hat nicht etwa ein Kapitel Musikgeschichte übersprungen – Protagonisten und Band sind fiktiv. Trotzdem meint man sie und ihre Songs bald zu kennen. Das erste Konzert, das erste Mal im Radio und in den Charts, die erste LP – nach und nach erklimmt die Band die Stufen des Erfolgs. Mitchell erzählt den Aufstieg mit ausgeprägten Gespür für drastische Situationskomik und stellt dabei profunde Kenntnisse der Musikszene unter Beweis. David Bowie, Brian Jones, Janis Joplin und viele andere Größen haben ihren Auftritt. Das ist durchaus interessant, doch irgendwie zünden die Hintergrundgeschichten der Bandmitglieder, ihre Psychoprobleme, Liebeswirren und Drogenexzesse, nicht so recht.
Beim Lesen stellte sich bei mir der Eindruck ein, dass Mitchell die Ereignisse weniger erzählt, als ihre Bausteine aufzählt. Zahllose Bilder blitzen auf und verflüchtigen sich gleich wieder, ehe sich eine Stimmung einstellt und verfestigt. Auch der Witz des Smalltalks verblasst recht schnell, und Langeweile macht sich breit. Das Spannendste an dem Roman ist deshalb die Musik und das Schnuppern der dopegeschwängerten Luft der wilden Sechziger, bis zum Kulminationspunkt der Amerikatournee von Utopia Avenue im Jahr 1968, das gleichzeitig auch schon das Ende der Gruppe markiert. Jerry Garcia von den Greatful Dead wird dazu folgender Satz in den Mund gelegt: “1966 ging alles, was du wolltest in Erfüllung. 1968 ging auch alles in Erfüllung, was du nicht wolltest.” Was bleibt, ist der leider unerfüllbare Wunsch, die Platten dieser außergewöhnlichen, zwischen Psychedelic Rock und Folk changierenden Gruppe tatsächlich einmal zu hören.

David Mitchell
Utopia Avenue
aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Roman, Rowohlt 2024

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