Roger Mitchell – Utopia Avenue

Die Röcke sind kurz, die Drogen sind billig und die Musik ist heiß im London der Sixties. Aus dem Radio tönen Stones, Beatles, Kinks, Small Faces, Pink Floyd spielen im Ufo Club. Dean Moss  Sohn eines Alkoholikers aus der Provinz, aber ist ganz unten. Nachdem er Geld von der Bank abgehoben hat, um die Miete für seine Bude und die Rate für seine Gitarre zu bezahlen, fällt er auf Trickbetrüger rein. Die Zimmerwirtin schmeißt ihn raus, und dann verliert er auch noch seinen Kneipenjob und steht blank da.

Da tritt Talentscout Levon Frankland in sein Leben, der dabei ist, eine Band zusammenzustellen, keine gecastete Boygroup wie die Monkees, sondern ausgewählte Musiker, von denen er sich Erfolg verspricht. Zu Songschreiber Dean gesellen sich der Leadgitarrist Jasper de Zoet, Sohn eines reichen Niederländers, die Folksängerin und Pianistin Elf Holloway und der Jazzdrummer Griff Griffin. Gemeinsam gründen sie die Band Utopia Avenue, und wem der Name unbekannt ist, der hat nicht etwa ein Kapitel Musikgeschichte übersprungen – Protagonisten und Band sind fiktiv. Trotzdem meint man sie und ihre Songs bald zu kennen. Das erste Konzert, das erste Mal im Radio und in den Charts, die erste LP – nach und nach erklimmt die Band  die Stufen des Erfolgs. Mitchell erzählt den Aufstieg mit ausgeprägten Gespür für drastische Situationskomik und stellt dabei profunde Kenntnisse der Musikszene unter Beweis. David Bowie, Brian Jones, Janis Joplin und viele andere Größen haben ihren Auftritt. Das ist durchaus interessant, doch irgendwie zünden die Hintergrundgeschichten der Bandmitglieder, ihre Psychoprobleme, Liebeswirren und Drogenexzesse, nicht so recht.

Beim Lesen stellte sich bei mir der Eindruck ein, dass Mitchell die Ereignisse weniger erzählt, als ihre Bausteine aufzählt. Zahllose Bilder blitzen auf und verflüchtigen sich gleich wieder, ehe sich eine Stimmung einstellt und verfestigt. Auch der Witz des Smalltalks verblasst recht schnell, und Langeweile macht sich breit. Das Spannendste an dem Roman ist deshalb die Musik und das Schnuppern  der dopegeschwängerten Luft der wilden Sechziger, bis zum Kulminationspunkt der Amerikatournee von Utopia Avenue im Jahr 1968, das gleichzeitig auch schon das Ende der Gruppe markiert. Jerry Garcia von den Greatful Dead wird dazu folgender Satz in den Mund gelegt: “1966 ging alles, was du wolltest in Erfüllung. 1968 ging auch alles in Erfüllung, was du nicht wolltest.” Was bleibt, ist der leider unerfüllbare Wunsch, die Platten dieser außergewöhnlichen, zwischen Psychedelic Rock und Folk changierenden Gruppe tatsächlich einmal zu hören.

Utopia Avenue

David Mitchell
Utopia Avenue

aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Roman, Rowohlt 2024

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Søren Sveistrup – Der Kuckucksjunge

Mit der dänischen Serie Kommissarin Lund – The Killing von 2007, deren dritte und letzte Staffel  2012 gesendet wurde, hat Sveistrup Fernsehgeschichte geschrieben. Vielleicht lag es an der hohen Messlatte, dass sein Roman-Erstling Der Kastanienmann erst neun Jahre später erschienen ist. Gottlob brauchte man nach diesem Meisterwerk der Spannungsliteratur, das von Mikkel Serup und Kasper Barfoed für Netflix kongenial verfilmt wurde, nicht wieder fast zehn Jahre auf neuen Lesestoff zu warten.

Jetzt liegt Der Kuckucksjunge vor, Sveistrups zweiter Thriller. Dasselbe Polizeiteam, die gleiche Hochspannung. Beklemmend schon der Auftakt: Heimkinder machen in Begleitung von Lehrern einen Ausflug zu einem See und spielen Verstecken. Im Schilf finden sie die Leiche eines zerstückelten Jungen. Der Täter wird gefasst und stirbt in Haft, doch gut dreißig Jahre später geht ein Serienmörder um, dessen Vorgehensweise Parallelen aufweist. Vor der Tat stalkt er sein Opfer und schickt ihm Abzählreime aufs Handy, wie Kinder sie beim Versteckspiel verwenden.

Thulin und Hesse leiten die Ermittlungen, während Nylander, ihr Vorgesetzter, sich wie gehabt  als Hemmschuh erweist. Leider ist dies nicht das einzige Déjà-vu. Sveistrup hat das Rad nicht neu erfunden. Das Motiv des Täters ist ähnlich wie beim Kastanienmann, die sich zusehends zerrüttende Beziehung Thulins zu ihrem Freund und ihren Kindern erinnert an den Tunnelblick der Lund, und selbst der Gänsehaut-Kinderchor aus dem Vorläuferroman taucht wieder auf. Das aber kann das Lesevergnügen nicht trüben. Stilistisch weit über Genre-Durchschnittsniveau, glänzt Der Kuckucksjunge mit subtil gestalteten Charakteren, verblüffenden Wendungen und einem nervenzerfetzenden Finale. Bleib dran, Sveistrup!

Søren Sveistrup
Der Kuckucksjunge

aus dem Dänischen von Susanne Dahlmann und Maike Dörries

Roman, Goldmann 2025

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Christoph Hein – Das Narrenschiff

Um 1968 herum – ich war gerade mal fünfzehn, aber bereits politisiert durch Spiegel-Lektüre und den ersten Band der Marx/Engels-Studienausgabe des Fischerverlags – verbrachten mich meine Eltern zum Zwecke der ideologischen Dekontamination nach Ost-Berlin. Auf der Suche nach einem freien Tisch in einem der wenigen Restaurants irrten wir durch eine graue Stadt mit riesigen, fast menschenleeren Plätzen und überbreiten, ziemlich verkehrsfreien Alleen, doch weder das magere Warenangebot im Kaufhaus Centrum, noch die langen Schlangen vor Schuh- und Gemüsegeschäften oder die verhuschte Atmosphäre, die auf eine kollektive Depression hinzudeuten schien, vermochten damals meinen Glauben, die DDR sei das bessere Deutschland, nachhaltig zu erschüttern. Noch mit achtzehn erstand ich dort eine rote Fahne, das Realitätsprinzip setzte sich erst später durch. Geblieben ist ein schuldbehaftetes Staunen darüber, wie spät mir die Abnabelung aus meiner ideologischen Blase gelang, und aus dieser  Perspektive betrachtet, war die Lektüre von Das Narrenschiff auch ein Stück persönlicher Aufarbeitung.

Die Romanhandlung deckt die kurze Geschichte der DDR von der Staatsgründung 1949  bis zum Mauerfall 1989 ab. Schon bald nach Kriegsende lässt Moskau linientreue deutsche Genossen, welche die Hitlerzeit und den stalinistischen Terror überlebt haben, in die sowjetische Besatzungszone einfliegen. Ihr Auftrag: Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft. Zu ihnen gehört Johannes Goretzka, studierter Ingenieur auf dem Gebiet Hüttenwesen und ehemaliger Nazi, jetzt ein ‘Hundertfünfzigprozentiger’ im Dienste der Partei. Zunächst macht sich der einbeinige Kriegsveteran Hoffnungen auf ein Ministeramt, gerät aber aufgrund seiner Fachkompetenz schon bald in Widerspruch zur ‘Linie’ des ZK, wird zu einem Jahr auf der Parteischule vergattert und anschließend auf einen niederen Funktionärsposten abgeschoben. Seine Frau Yvonne macht derweil Karriere. Dass sie als ehemalige Bürohilfskraft kaum Kompetenzen für höhere Aufgaben mitbringt, erweist sich aus Parteiperspektive eher als förderlich. Zunächst leitet sie ein Kulturzentrum, dann wird sie Assistentin (sprich: Aufseherin) von Benaja Kuckuck, einem schwulen Anglisten, der es während des Zweiten Weltkriegs im Exil zu einiger Berühmtheit als Shakespeare-Experte gebracht hat. Jetzt muss er zu seinem Leidwesen die Hauptverwaltung Kinder- und Jugendfilm leiten. Zu diesen Protagonisten gesellen sich noch Karsten Emser, studierter Ökonom und Mitglied des ZK, sowie dessen Ehefrau. Alle fünf treffen sich regelmäßig zur ‘Tafelrunde’ und diskutieren die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, das heißt, die jeweils gültigen Vorgaben der Partei und deren mehr oder weniger abrupte Wendungen. Ein schönes Beispiele dafür sind Stalins Tod 1953 und Chruschtschows unerwartete Abrechnung mit dem sowjetischen Terror. Plötzlich gilt nicht mehr, was gestern noch als wahr galt, doch die Aufarbeitung bleibt aus. Man muss wendiger Opportunist sein,  um damit klarzukommen, und das sind alle Mitglieder der Tafelrunde in unterschiedlicher Ausprägung. Während Kuckuck sich als spöttischer Beobachter immerhin einen gewissen geistigen Freiraum bewahrt, entwickelt Goretzka sich zum Zyniker, und Karsten Emser wird sich des drohenden Scheiterns der DDR erst ganz allmählich bewusst. Als unabhängigster Charakter stellt sich Kathinka heraus, Yvonnes Tochter aus erster Ehe. Sie ist es auch, die sich schließlich der Bürgerrechtsbewegung anschließt und an den Großdemonstrationen teilnimmt, die 1989 zur Maueröffnung führen.

Heins Roman folgt den bekannten historischen Fakten. Manche Ereignisse wie die Niederschlagung  des Ungarn-Aufstands 1956 und des ‘Prager Frühlings’ 1968 werden breit geschildert, andere Entwicklungen recht knapp abgehakt. So wird Honecker eigentlich nur bei der Ablösung Ulbrichts und dann wieder bei seinem Rücktritt erwähnt. Die Entspannungspolitik der Bundesrepublik, Willy Brandt in Erfurt, die Ausweisung Biermanns und der nachfolgende Exodus staatskritischer Künstler finden keine Erwähnung. Auch das Stasi-Unwesen und die Bürgerrechtsbewegung kommen zu kurz. Insgesamt hat das Buch den Charakter eines nüchternen Berichts, illustriert mit Personen und Szenen. Letztere fallen, um ein Wort Kathinkas zu gebrauchen, eher ‘unlustig’ aus. So heißt es über die erste Nacht, welche Yvonne Goretzka mit einem ihrer Liebhaber verbringt, sinngemäß: Es blieb nicht bei einem Glas Wein. Wer aufgrund des Romantitels eine DDR-Groteske erwartet, liegt also grundfalsch. Die Narren sind die politischen Führer, die glauben, es genüge, Beschlüsse zu fassen, um den Lauf der Geschichte  zu gestalten. Zu lachen gibt es dabei wenig. Auch das sprachliche Vergnügen hält sich in Grenzen. Hein ist kein großer Stilist, sondern ein nüchterner Berichterstatter mit profunder Detailkenntnis, dem zum Schluss des Romans allerdings ein wenig die Puste auszugehen scheint. Trotzdem liest sich Das Narrenschiff  flott herunter, und nach der Lektüre versteht man ein bisschen besser, weshalb das Experiment DDR zum Scheitern verurteilt war.

Christoph Hein
Das Narrenschiff

Roman, Suhrkamp 2025

Christoph Hein bei Amazon

Ian McEwan – Was wir wissen können

Wie fasst man die aufgewühlte Gegenwart literarisch, was wurde noch nicht erzählt, was ist noch nicht gewusst? McEwan formuliert das Problem im fiktiven Rückblick so: ‘Es wurden neue Formen gebraucht, um die physischen wie moralischen Folgen einer globalen Katastrophe zu verorten, und manch ein Schriftsteller hatte Mühe, diese Formen zu finden.’ Er selbst wählt als Betrachtungspunkt das Jahr 2119,  und das ist erstaunlich anders, als man es sich spontan ausmalen  würde: keine Roboter, keine Mensch-Maschine-Zwitterwesen, keine Fusionsreaktoren, die Megaindustrien mit unerschöpflicher Energie versorgen. Stattdessen ist das Leben von Stagnation und Regression geprägt. Der Kampf gegen die Klimaerwärmung ist verloren, die Verteilungskämpfe sind ausgefochten, die Atombomben detoniert. In der Folge von Kriegen und Seuchen  ist die Weltbevölkerung auf vier Milliarden geschrumpft. Die Vereinigten Staaten sind in Einflussgebiete von Warlords zerfallen, Nigeria ist neue kulturelle Leitkultur und hütet das, was vom Internet geblieben ist. Große Teile der Industrie sind zusammengebrochen, wegen des Rohstoffmangels ist der scheinbar unaufhaltsame Fortschritt fast zum Erliegen gekommen. Tsunamis und gestiegener Meeresspiegel haben England in ein Inselarchipel verwandelt.  Das klingt dystopisch, doch eine Dystopie ist der Roman gerade nicht. Vielmehr herrscht in dieser neuen Welt eines gewisse Beschaulichkeit vor, die mit ihren akkubetriebenen Booten und Fahrrädern angesichts der Verwerfungen und Disruptionen unserer Gegenwart geradezu etwas Utopisches hat – hieß es nicht mal, small is beautiful? Aber nicht nur das gebeutelte irdische Leben stellt seine Regenerationskraft unter Beweis, auch Kultur hat überlebt. An den Universitäten wird geforscht und das elektronisch gespeicherte Wissen in leichtverständliche Anleitungen gefasst: Wie erzeugt man Strom, wie baut man ein altes Smartphone in ein simples Telefon um, wie behandelt man diese oder jene Krankheit. 

An einer dieser Universitäten arbeitet Thomas Metcalfe, der Icherzähler des ersten Romanteils. Sein Spezialgebiet sind die Jahre 1990 bis 2030, also in weiterem Sinn unsere Gegenwart. Die zeitliche Distanz erlaubt ihm und seinen Zeitgenossen einen kühlen, unaufgeregten Blick. Streckenweise meint man, den klugen Essay eines Historikers zu lesen, der unsere Krisen und Widersprüche analysiert. Doch Metcalfe ist Literaturwissenschaftler, und so steht im Mittelpunkt seiner Betrachtungen und Forschungen nicht die Politik und deren Versagen vor den globalen Problemen, sondern die Lyrik des englischen Dichters Francis Blundy, mit besonderem Fokus auf dem Zweiten unsterblichen Abendessen des Jahres 2014. Das erste  wurde 1817 von einem gewissen Haydon veranstaltet und hat es wegen seiner illustren Gäste (Wordsworth, Keats, Lamb) zu einiger Berühmtheit gebracht. Die Gäste des Zweiten unsterblichen Abendessens sind weniger illuster, und seine Berühmtheit verdankt es dem Sonettenkranz, den der Lyriker seiner Frau Vivienne zum Geburtstag schenkt.

Ein Sonettenkranz ist ein Zyklus von 14+1 Gedichten, wobei die letzte Zeile der vierzehn ersten die jeweils erste Zeile des nachfolgenden bildet. Das fünfzehnte Gedicht wiederholt diese Zeilen, wobei ein eigenes sinnhaftes Sonett entsteht. Dieses technisch anspruchsvolle lyrische Gebilde, das im achtzehnten Jahrhundert in Italien in Mode kam, ist das eigentliche Zentrum des Romans, quasi dessen Kristallisationskern, und das, obwohl es nur einmal an besagtem Abend vorgetragen und niemals publiziert wurde. Doch gerade sein Verschwinden verleiht ihm etwas Mythisches. Den Nachgeborenen gilt es als Symbol der Umweltbewegung, als hellsichtige Beschwörung einer bedrohten Welt, die tatsächlich untergegangen ist, und Metcalfe hat es sich zur Aufgabe  gemacht, das verschollene Pergament, auf dem Blundy es seinerzeit niedergeschrieben hat, aufzuspüren.

Das mag verstiegen und vielleicht sogar abseitig klingen, doch McEwan schafft es mühelos, den Sonettenkranz zum roten Faden zu machen, der seinen 450-Seiten-Roman nicht nur zusammenhält, sondern auch für eine stetig zunehmende Spannung sorgt. Auch an Zwischenmenschlichem, an Liebe und Leidenschaft mangelt es nicht. Mit seiner melodischen, klaren Sprache macht er selbst die schwierigsten Erörterungen zum Lesevergnügen. Wann hat man schon mal so anregend von der Schleifenquantengravitation gelesen? Im zweiten Teil, der Viviennes von Metcalf wiedergefundene Tagebuchaufzeichnungen wiedergibt, kommt gar Thrilleratmosphäre auf. Und am Ende ist alles anders, als es zunächst scheint.

Mein Fazit: Was wir wissen können ist ein meisterhaftes Alterswerk voller Ironie und Weisheit, eine gelassene Bestandsaufnahme der Gegenwart und so komplex, facettenreich und abgründig wie das Leben selbst.

Ian McEwan
Was wir wissen können

aus dem Englischen von Bernhard Robben

Roman, Diogenes 2025

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Guntram Vesper – Frohburg

“… aber was kann ich dafür, wenn mir … immer neue Seitentriebe und Schleifen einfallen, wenn die mich förmlich überrumpeln, auf neue Fährten locken, bis ich in Gefahr bin, den Faden zu verlieren, da ist alles aneinandergebunden, ineinandergestrickt, in eins verwoben, wo anfangen, wo aufhören, ohne die Sache zurechtzubiegen, abzukappen, zu beschädigen oder zur Schwindelei zu machen.” Das lässt Vesper eine seiner Figuren sagen, und es beschreibt recht gut den Charakter dieser eigentümlichen Chronik. Denn ein Roman, wie’s auf dem Umschlag steht, ist dieses Mammutwerk nicht, jedenfalls nicht im geläufigen Sinn, sondern eher eine Monsterwoge aus Erinnertem, Recherchiertem, Aufgeschnapptem und in den Mund Gelegtem, Zusammenfabuliertem, aus Namen, Fakten, Anekdoten, mal auf die Essenz zusammengeschnurrten, mal ausgemalten Lebensläufen, zahllosen geographischen, lokalen, politischen, historischen Details, aus Abschweifungen, Vorgriffen, Rückblenden, Wiederaufnahmen und Assoziationen, und ob die Welle einen an Land spült, beziehungsweise in eine sinnergebende Gesamtschau, oder ins Offene und Weite hinaus, wo man in all der Fülle schließlich untergeht und ertrinkt, bleibt bei der Lektüre lange Zeit ungewiss.

Der Anfang immerhin (womit die ersten 160 der insgesamt 1002 Seiten gemeint sind) weckt Hoffnung, dass die schwere Lesearbeit am Ende belohnt wird, denn der Bogen, der von den nach Kriegsende internierten und von ihren russischen Bewachern drangsalierten Vertriebenen über die Jahrzehnte später erfolgte Sichtung des Nachlasses von Vespers verstorbenem Bruder und dem darin  entdeckten Buch von Erich Loest zu einem ausgedehnten nächtlichen Spaziergang eben dieses Autors durchs nächtliche Frohburg samt ausführlicher Beschreibung der Örtlichkeiten und deren Bewohner führt, lässt bereits erahnen, dass unter den Erzählstrudeln ruhigere Tiefenströmungen wirken, die das Ganze strukturieren und ordnen.  Der eigentliche Ordnungsfaktor ist natürlich die Biographie des Autors,  geboren 1941 in Frohburg, 1957 nach Westdeutschland geflüchtet und 2020 in Göttingen gestorben. Um ihn gruppiert sich eine weitläufige, kaum überschaubare Verwandtschaft und Bekanntschaft, in deren Irrungen und Wirrungen sich das Jahrhundert spiegelt. Die Erzähltechnik könnte man vielleicht als pointillistisch bezeichnen, wenngleich die Tupfer durchaus massiv ausfallen, faktenschwer. Auch der Gedanke an das berühmte Doppelspaltexperiment drängt sich auf, bei dem die einzelnen Elektronen am Detektor dezidierte, scharf umrissene und voneinander isolierte  Auftreffpunkte erkennen lassen, aus deren Gesamtheit erst am Ende das Inferenzmuster zweier sich überlagernder Wellen entsteht. So setzt sich, mit dem sächsischen Städtchen Frohburg als Kristallisationspunkt,  nach und nach das Große zusammen, die Punkte fügen sich zu Mustern, Weltkrieg I und II, Faschismus, Zusammenbruch, Vertreibung, russische Besatzung, Kollektivierung und Spitzeltum – DDR-Alltag. Die Namen, mit Ausnahme der engsten Angehörigen, sind erfunden, die Geschichten sind es nicht.

Beim Leser ist flexible Ausdauer gefragt, denn diese eigenwillige Art der Erzählung bringt trotz der eingestreuten dörflichen Schauer-, Schmuggler-, Schleuser- und Mordgeschichten mit ihrer Überrepräsentation des Faktischen und ihrer achronologischen Sprunghaftigkeit eine gewisse Sprödigkeit mit sich. Unterhaltungen werden so zum Vortrag, die angesammelten Kenntnisse des Autors müssen anscheinend heraus, bis die Seiten überquellen. Emotionale Anteilnahme ist hier weniger gefragt und stellt sich auch selten ein, stattdessen aber ein Staunen über die bizarre Vielfalt des Lebens. Das liest sich manchmal schlichtweg zäh, häufig interessant, hin und wieder fesselnd und insgesamt erhellend. Und mit fortschreitende Lektüre wird man ein wenig süchtig nach Vespers mäandernden Bandwurmsätzen, die bei all ihre überbordenden Fülle etwas Tänzerisches haben. Dass sich am Ende dieser Suche nach der verlorenen Zeit Lesezufriedenheit einstellt, heißt wohl, das Konzept geht auf.

FrohburgGuntram Vesper
Frohburg

Roman, Schöffling 2016

Guntram Vesper bei Amazon

Friedrich Glauser – Schlumpf Erwin Mord

Friedrich Glauser (1898–1938) war vieles, unter anderem Studienabbrecher, Dadaist, Tellerwäscher, Übersetzer, Buchhändler, Schriftsteller, Fremdenlegionär, Ehemann, Häftling, Grubenarbeiter, Gärtner, Morphinist  und Psychiatrieinsasse. Ein behandelnder Arzt, notierte über seinen Patienten: ‘Masslose Überheblichkeit bei so geringer Intelligenz, dass sie gerade für eine schriftstellerische Tätigkeit seiner Gattung [gemeint ist die Gattung des Kriminalromans] noch ausreicht.’ Nun, da irrte der Herr Doktor gleich in doppelter Hinsicht, denn offensichtlich mangelte es Glauser nicht an Grips, und Schlumpf Erwin Mord, der erste von fünf Romanen mit Wachtmeister Studer, ist selbst ein treffender Beleg dafür, dass das Krimi-Genre kein Synonym für Trivialität ist.

Die Geschichte, die im vorliegenden Nachdruck gerade mal 146 Seiten umfasst, spielt im fiktiven schweizerischen Gerzenstein, dem ‘Dorf der Lautsprecher’. Gemeint sind die lautstark aus den Häusern tönenden Radios. Viel mehr Außenwelt ist nicht. Nachdem Erwin Schlumpf, tatverdächtig im Todesfall des Handlungsreisenden Wendelin Witschi, der mit einer Kugel im Kopf im Wald aufgefunden wurde, sich in Untersuchungshaft erhängen wollte, ermittelt Wachtmeister Studer im ländlichen Milieu. Schon bald stellt sich heraus, dass der Schlumpf wohl des Mordes unschuldig ist. Immer neue Ungereimtheiten treten zu Tage. War es vielleicht sogar als Mord getarnter Selbstmord in Tateinheit mit familiärem Versicherungsbetrug? Verdächtige lösen einander ab, Studer rekonstruiert den möglichen Tathergang in immer neuen Versionen, bis sich die Wahrheit am Schluss offenbart. Modernste kriminalistische Forensik wie Fingerabdruckvergleich und mikroskopischer Schmauchspurennachweis spielt bei der Aufklärung des Falls eine wichtige Rolle. Das ist nicht wirklich spannend, aber alles andere als langweilig und fad. Lebenspralle Figuren und präzise Beschreibungen machen den eigentlichen Reiz der Lektüre aus.

‘Neben ihnen stand ein ein Fenster offen, es war schwül, ein heißer Wind strich draußen vorbei, und der Himmel war mit einer giftgrauen Salbe verschmiert.’

Die Mischung aus Hoch- und Schweizerdeutsch (die meisten unbekannten Worte erklären sich aus dem Zusammenhang) erhöht das Lesevergnügen. Verstaubt wirkt der Roman jedenfalls nicht. Im Gegenteil zeigt der Umstand, dass das durchscheinende Aufklärungsschema auch heute noch das Gerippe der meisten Kriminalromane bildet, wie modern Glauser seinerzeit zu Werke ging. Geändert hat sich im Genre vor allem die Sprache, die heute zumeist eher schlicht und funktional daherkommt. Vergleicht man sie mit Glausers nuancenreichem, geradezu musikalischem Schreibstil,  liegt es nahe, von sprachlicher Verarmung auf breiter Front zu sprechen. Übrigens beherrscht der Autor auch die Kunst des lakonischen Understatements. ‘Nüt Apartigs’, lautet das Resümee des sympathischen, selbstironischen Studer. Wenn sich’s nicht spontan erschließt: Der Copilot weiß die Antwort.

Schlumpf Erwin Mord: Wachtmeister Studers erster Fall : Glauser, Friedrich:  Amazon.de: BücherFriedrich Glauser
Schlumpf Erwin Mord

Roman, Holzinger 2016
(Erstdruck in Zürcher Illustrierter 1936)

Friedrich Glauser bei Amazon

Mohlin & Nyström – Der andere Sohn

Samuel Goldwyns Diktum, wonach ein Film mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern müsse, lässt sich auch aufs Krimi- und Thrillergenre übertragen. FBI-Agent John Adderley, als verdeckter Ermittler in einen Drogenring eingeschleust, findet sich mit mehreren Kumpanen in einem leeren Frachtcontainer wieder. Ganiru, der zuständige Unterboss, erklärt seinen bestürzten Zuhörern, in ihrer Mitte befinde sich ein Spitzel. Er droht damit, alle zehn Minuten einen Mann zu erschießen, solange bis jemand den Namen des Schuldigen nennt oder der sich selbst zu erkennen gibt. Zum Beweis, dass er’s ernst meint, lässt Ganiru seine Pistole am Boden kreisen und erschießt das arme Schwein, auf das sie zuletzt zeigt. Klaustrophobische Enge, panische Verdächtigungen, Todesangst – ein fulminanter Einstieg.

John, Sohn einer Schwedin und eines Amerikaners, ist zunächst im schwedischen Karlstadt aufgewachsen und lebt nach der Trennung seiner Eltern beim Vater in Amerika. Nach dem Fiasko im Container ist er als verdeckter Ermittler verbrannt. Er sagt im Prozess gegen die Drogenmafia aus und bekommt eine neue Identität, doch anstatt sich mit dem nicht unerheblichen Erbe seines Vaters irgendwo zur Ruhe zu setzen und die Füße stillzuhalten, besteht er darauf, in seine Heimatstadt zurückzukehren und sich einem Cold-Case-Team anzuschließen, das ausgerechnet zu einem zehn Jahre zurückliegenden Mord ermittelt. Sein Halbruder  galt damals als Hauptverdächtiger und gerät alsbald wieder ins Visier der Ermittler. John mischt dabei kräftig mit. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis seine neue Identität auffliegt. Immer mehr Leute erkennen ihn von früher her wieder, und schon bald tauchen auch die Schergen des inzwischen verurteilten Ganiru auf, der an John blutige Rache nehmen will. Wie es sich gehört, wird der Leser auf jede Menge falsche Spuren gelockt und hat Mühe, in all den Verwicklungen nicht den Überblick zu verlieren. Währenddessen baut sich zum Ende hin eine Spannung auf, die es mit der spektakulären Eröffnungsszene aufnehmen kann.

Der andere Sohn ist  das Debüt von Mohlin und Nyström, von Kindheit an beste Freunde,  die bereits als Zehnjährige gemeinsam Kriminalgeschichten schrieben. Das Buch liest sich flüssig, weist jedoch einige Längen im Mittelteil auf. Dazu tragen die funktionale Sprache ohne literarischen Mehrwert und die etwas dröge Figurenzeichnung bei. Nicht einmal John Adderley, der ehemalige verdeckte Ermittler und immerhin die Hauptperson des Romans, vermochte bei mir mehr als flüchtiges Interesse zu wecken. Seine Wirkung verdankt das Buch der geschickten Konstruktion mit ihren Spannungshöhepunkten zu Anfang und gegen Ende. Für Begeisterung reicht das nicht.

Der andere Sohn - E-Book | Verlagsgruppe HarperCollins DeutschlandMohlin & Nyström
Der andere Sohn

aus dem Schwedischen von U. Allenstein und M. Stadler

Roman, HarperCollins 2022

Mohlin & Nyström bei Amazon

Marcus Jensen – Vestalin

Enya Ros, erfolgreiche Beachvolleyball-Spielerin und eine Schönheit sondergleichen, geliebt und verehrt von den Massen, hechtet einem Ball hinterher, prallt mit der Stirn gegen einen Pfosten und ist tot – hirntot. In einer schaurigen, zum Ritual überhöhten Prozedur setzen ihr die OP-Roboter Schridaman und Nanda (ein Verweis auf Thomas Manns Erzählung Die vertauschten Köpfe und die zugrunde liegende indische Legende) das Gehirn des Neurochirurgen Dehm ein. Wie Hohepriester fungieren sie beim Hirntausch und nehmen damit bereits Enyas spätere Vergöttlichung vorweg, denn in der Folge wird Dehms Hamburger Experimentalklinik NeuroQuo zum gläsernen Tempel ausgebaut, und das neugeschaffene Zwitterwesen schart Millionen von Gläubigen um sich.

Das ist die Ausgangs- und fast auch schon die Schlusslage der Geschichte. Dieser Science-Fiction-Horror-Splatter-Roman ist kein Buch zum Liebhaben, sondern krasser Lesestoff, der dem Leser einiges abverlangt. Jensen jagt durch die Genres, um sie zu sprengen. Die kulturellen Referenzen reichen von der indischen Mythologie, über den titelgebenden römischen Vesta-Kult, den faustischen Homunkulus und Mary Shelleys Frankenstein bis zu den Phänomenen des Social-Media-Zirkus. Die naheliegende Frage, wie fühlt sich eigentlich Dehm in Enyas Körper, wird ausgeklammert, und auch die übrigen Personen bleiben in ihrem Tun und Lassen seltsam fremd, so wie sich beim Blick durchs Mikroskop der Gegenstand der Betrachtung quasi verflüchtigt. Enya selbst wird so zur Projektionsfläche. An der ‘hurigen Heiligen’ kristallisieren Körperwahn, Personenkult, Unsterblichkeitsverlangen und Erlösungssehnsucht ebenso wie der Narzissmus der Generation Influencer und steigern sich zum Extrem. Satire ist das nur bedingt. Mit präziser, quasi sezierender und immer wieder überraschender Sprache wirft Jensen teils sehr unangenehme Fragen auf, die ins Herz (beziehungsweise Hirn) einer verunsicherten Moderne zielen.

Ein perfekt komponierter Roman und eine provozierende Leseerfahrung.

Marcus Jensen
Vestalin

Roman, kul-ja! 2024

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Colson Whitehead – Harlem Shuffle

Für Ray Carney sind die Karten zum Start ins Leben denkbar schlecht gemischt.  Sein Vater ist Schuldeneintreiber mit skurrilem Humor (immerhin dürfen die säumigen Opfer sich aussuchen, welche Gliedmaßen er ihnen bricht), seine Mutter stirbt früh, und so wächst er bei Tante Millie und deren nichtsnutzigem Sohn Freddie auf, in Harlem, dem Schwarzenviertel von Manhattan, New York. Trotzdem schafft er den College-Abschluss, eröffnet ein Möbelgeschäft und heiratet Elizabeth, die dem schwarzen Geldadel der Viertels entstammt. Das Leben könnte schön und einfach sein, doch sein Schwiegervater verachtet ihn, und als seine Frau die zweite Tochter zur Welt bringt, wird das Geld knapp. Carney braucht ein zweites wirtschaftliches Standbein, die Hehlerei. Die von kleinen Ganoven geklauten Radioapparate, Fernseher und Schmuckstücke verteilt er an Abnehmer im Viertel. Die Niederschwelligkeit seiner Kleinkriminalität und die Seriosität, mit der sie betreibt, erlauben ihm die Illusion, weiterhin auf der Seite der Rechtschaffenen zu wandeln. Doch sein Cousin Freddie, Frauen- und Maulheld gleichermaßen, macht ihm einen Strich durch die Rechnung und verstrickt ihn immer wieder in riskante Machenschaften, die allesamt schiefgehen und alles gefährden, was Carney sich mühsam aufgebaut hat.

Die Geschichte spielt im Harlem der Sechzigerjahre, mit zwei Zeitsprüngen über mehrere Jahre hinweg erzählt in drei Episoden. Whitehead schildert eine Welt des brodelnden Kapitalismus, einen Mikrokosmos der Spekulanten, Betrüger, Diebe, Zuhälter und Mörder und Malocher mit einer unerschöpflichen Lust am Detail. Erstaunlich, welche nostalgischen Glücksgefühle allein seine Schilderung der ausgestorbenen Geräte und vom Markt verschwundenen Firmennamen auslöst, der Fernsehtruhen, Plattenspieler, Polaroidkameras, Nierentische und schaumstoffgepolsterten Sofas. In unprätentiöser Sprache, die keine Berührungsängste vor dem Umgangssprachlichen hat, aber gleichzeitig nuancenreich, rhythmisch und komplex ist, zeichnet Whitehead eine Welt im Umbruch und eine Schwarzencommunity unterwegs zur gesellschaftlichen Emanzipation. Natürlich kommt, zeitbedingt, auch das N-Wort vor. Im ZEIT-Interview auf das neumodische Sensitivity Reading und die seinem aktuellen Buch in Deutschland vorangestellte Triggerwarnung angesprochen, äußert sich der zweifache Pulitzerpreisträger erfrischend eindeutig: ‘Sehr dummes Zeug’, vermutlich die etwas euphemistische Übersetzung von ‘bullshit’. Ideologische Verklemmung ist dem Autor fremd, was seiner Schilderung der Rassenunruhen von 1964 in der dritten Episode besondere Relevanz verleiht.

Mehrfach wurde das Buch als Kriminalroman besprochen, doch das ist es nicht. Es gibt keinen wahrheitssuchenden  Detective, kein aufzudröselndes Verbrechen, kein Verwirrspiel mit Alibis. Harlem Shuffle ist ein faszinierendes Zeit- und Sittengemälde mit einem so genannten kleinen Mann, der seinen Weg sucht, als tragischem Helden.

Colson Whitehead
Harlem Shuffle

aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl

btb 2021

Colson Whitehead bei Amazon

Hjorth & Rosenfeldt – Die Schuld, die man trägt

Dies ist der achte Band der Sebastian-Bergman-Reihe. Nachdem im Vorband Billy, der langjährige, zuverlässige Mitarbeiter, als Serienmörder (!) entlarvt wurde, steht das Schicksal der schwedischen Reichsmordkommission auf der Kippe. ‘Verunsichert’ beschreibt den Gemütszustand der Protagonisten nur unzureichend. Sie sind erschüttert, gehen auf dem Zahnfleisch. Torkel, der ehemalige Leiter der Kommission, wird als Sündenbock geopfert.  In einem Schweinestall findet man eine ertrunkene Tote, an der Wand steht in roter Farbe die ominöse Aufforderung: Lös das hier, Sebastian Bergman. Dabei hat Bergman, der kantige psychologische Berater der Kommission, eh schon genug zu knapsen. Kaum hat er verarbeitet, dass seine Mitarbeiterin Vanya seine uneheliche Tochter ist, stirbt ein Privatpatient, der zuvor den dringenden Wunsch geäußert hat, er möge mit seiner Tochter sprechen. Auch von einer Lebenslüge  war die Rede. Als Bergman pflichtschuldigst seinem Wunsch nachkommt, trägt dessen Tochter Cathy den Anhänger seiner ehelichen Tochter Sabine, die beim selben thailändischen Tsunami ums Leben kam wie angeblich der Sohn des Patienten. Der hat jedoch nie existiert. Könnte es also sein, dass Cathy in Wahrheit Sabine ist? Und als wäre das noch nicht genug, taucht plötzlich wieder Bergmans Stalkerin Ellinor auf, frisch aus dem Gefängnis entlassen, und verschafft sich den Schlüssel zu seiner Wohnung.

Es bedarf zweifellos eines hohen erzählerischen Aufwands, all diese Wendungen plausibel zu machen, doch Hjorth und Rosenfeldt gelingt es scheinbar mühelos, mit klarer, aber nicht trivial anmutender Sprache und großer Raffinesse. Die Sätze sind kurz, das Tempo hoch. Unerbittlich treiben die haarsträubenden Verwicklungen den Leser einem nervenzerfetzenden Finale entgegen, das in einen brutalen Cliffhanger mündet. Mit anderen Worten: Krimilektüre vom Feinsten.

Hjorth & Rosenfeldt
Die Schuld, die man trägt

aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein

Wunderlich 2023

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