„Willkommen im Club der Trauernden“ von Cariad Llyod. Hab ich gelesen. Nein, hab ich eigentlich nicht, hab es nur angefangen. Eine Frau schreibt darüber, wie es war, als sie mit 15 ihren Vater verloren hat. Zumindest in den ersten Kapiteln. Und das habe ich nicht. Mein Vater lebt. Meine kleine Schwester lebt nicht mehr.

Mein Chef verliert seine Mama. Sie ist über 70 und lange krank. Wir sitzen gemeinsam am Mittagstisch und sprechen über unsere verlorenen Menschen. Schnell stelle ich fest: Er und ich, wir sind in zwei verschiedenen Clubs.
In den ersten 3-Monaten google ich wie verrückt. Immer wieder rufe ich die verschiedenen News auf, die von dem Unfall berichten – in der Hoffnung das Ende wäre beim erneuten Lesen ein anderes.
Ich lese mehr, alle Nachrichten, die von einem ähnlichen Unfall berichten, sauge ich auf. Ich suche nach meinem Club. Arbeitsunfall in der Fabrik? Nicht das Gleiche. Autounfall? Nicht das Gleiche. Motorradunfall, aber die Person war 60+? Nicht. Das. Gleiche.
Queen Latifah schenkt vor über 20 Jahren ihrem kleinen Bruder ein Motorrad, mit dem er später verunglückt? Fast, irgendwie, aber trotzdem immer noch nicht das Gleiche.
Am Anfang dachte ich, ich kann einfach mit jedem darüber sprechen. Ich erscheine wieder auf der Arbeit und die Menschen wollen Anteil an meinem Schicksal. Ich antworte auf die Frage „Wie geht es dir?“ mit „Mir geht es nicht gut , meine Schwester ist gestorben. Ich will darüber reden.“ und die Leute hören mir zu. Die Menschen nehmen Anteil an dem Schicksal meiner kleinen Schwester. Ich habe mir in den Kopf gesetzt: wenn ich darüber offen rede, dann reicht das, dann wollen Menschen auch mit mir darüber reden. Aber so ist das nicht, ich bin allein in meinem Club. Ich merke es, wenn ich mit meinem Chef über seine Mutter spreche oder über seinen Vater, der auch immer mehr abbaut. Auch mir fehlen die Worte für ihn. Ihm fehlen die Worte für mich. Schnell antworte ich wieder auf die Frage „Wie geht es dir?“ mit „Gut. Gut geht es mir.“
Trauer isoliert. Das habe ich gelernt. Jeder ist in seinem eigenen Club und es gibt so wahnsinnig viele: Der Mann, der sich von seiner Mutter verabschieden muss. Die Mutter, die ihren Sohn verliert. Die Frau, die ihre beste Freundin vermisst. Der Arbeitskollege, der am Montag auf seine Kollegin wartet. Alles. Eigene. Clubs.











