Sitze am Bahnhof St. Pancras, in der Halle, wo man nach dem Einchecken auf den Eurostar-Zug warten muss. Das ist immer ein bisschen stressig und unerquicklich. Zum einen muss man sein ganzes Gepäck, die Betonung liegt auf „Ganzes“, die Wächterinnen und Wächter sind da kompromisslos, in so blöde Wannen hieven damit sie durchleuchtet werden können. Aber die Wannen sind ziemlich klein und es ist nicht ganz einfach und es herrscht ein grober, völlig unenglischer Umgangston mit denen, die sich ungeschickt anstellen. Dann gibts oft noch Mecker, weil man so schusselige Leute wie ich oft vergessen haben, ihr Telefon mit aufs Band zu legen, Hin- und Her, Telefon wird auch noch gescannt, und viel Schimpfe, naja. Dann muss man den Reisepass einmal bei der englischen und einmal bei der französischen Grenzpolizei vorlegen. Besser wär ohne das alles: „England, komm zurück in die EU“ rufe ich dann immer innerlich, entnervt von diesen endlosen Formalien. Aber das ist natürlich mal wieder kompletter Quatsch von mir. Der Reisepass musste in England auch zu EU-Zeiten vorgezeigt werden, soweit ich weiß, und beim Eurostar-Zug sowieso. Und dann sitzt man eine Stunde in der vollgestopften, touristisch unergiebigen Euro-Star-Wartehalle. Würden sie das weglassen, brauchten wir für die Zugreise von London nach Köln und umgekehrt nur gut vier Stunden. Das ist so kurz. Schade wiederum, dass man nach London eigentlich nicht mehr reisen kann, weil es da so unfassbar teuer geworden ist. (Ich fange jetzt nicht an, hier aufzuschreiben, was wie viel kostet, weil das wäre so deutsch und unangenehm, aber es ist so).
Jetzt sitze ich hier, hab mich ins freie Bahnhofsinternet eingeloggt und ein wenig Rückreise-Melancholie. Wenn man auf den Zug nach Hause wartet, erinnert man sich natürlich noch mal dran, wie man auf den Zug gewartet hat, als die Fahrt losging. Ein bisschen schwer ums Herz wird mir dann. Aber, klares First World Problem. Es heißt ja nur, dass die Reise halbwegs schön gewesen sein muss. Obwohl, nicht unbedingt. Es kann natürlich auch um die unerfüllten Erwartungen an den Urlaub getrauert werden.
Mein Urlaub, eine Woche Cardiff war aber gut, wenngleich zwischendurch etwas anstrengend, das Wetter, erst nass, dann kalt, womit ich natürlich gerechnet hatte, nahm dem Ganzen von Zeit zu Zeit die Leichtigkeit. Dafür war ich mutmaßlich die einzige Touristin in ganz Südwales und das ist ja auch toll. Cardiff, das mich an seinen gepflegteren Stellen ja sehr an Bochum erinnert hat, hinterlässt ein gemischtes Bild. Ich war schon etwas überrascht, wie heruntergekommen ich es teilweise fand. Unendlich ziehen sich diese kleinen Reihenhäuser-Ketten (man muss eigentlich das englische Wort nehmen, „terraced houses“) kreuz und quer durch die Stadt. Viele dieser Häuschen haben einen kleinen, durch eine kleinen Mauer begrenzten Vor“garten“. Dort, charakteristisch für Wales, glaube ich, sammeln sich so blaue und rote Plastiktaschen (wie IKEA-Plastiktaschen sehen sie aus), in denen die Leute ihr Altglas vor die Tür stellen. Je nach Ordentlichkeitsehrgeiz sind es mehr oder weniger dieser Plastiktüten und anderer Krempel, der in einem deutschen Nazi-Vorgarten nichts zu suchen hätte.
Ich hätte vorher nicht gedacht, dass das so einen traurigen Eindruck machen würde. Ein kleines Häuschen ist doch was Feines hätte ich gemutmaßt, egal wie klein, man kann es sich ja hübsch zurecht machen. Das ist aber auch, glaube ich, anders zugeordnet. In Deutschland bedeutet „Häuschen“, auch wenns klein ist – spießige (wenigstens untere) Mittelklasse (im Innern verkommen, aber nach außen aufgeräumt) In Wales (und bestimmt auch anderen Bergarbeiter-Regionen Großbritanniens), heißt es Arbeiterklasse. Die sozialen Marker werden dann an der Größe, Anzahl der Stockwerke der Häuser festgemacht (glaube ich, ich hab ja keine Ahnung). Und dazu kommt (wieder nur eine Vermutung, ich bin ja immer zu faul, irgendwas nachzulesen), dass es in Wales traditionell vergleichsweise wenig Mittelklasse gibt, entweder war man Minen-Arbeiter*in oder Minenarbeiter-Ausbeuter*in, dazwischen gab es vergleichsweise wenig.
Aber damit will ich nicht sagen, dass Cardiff mir nicht gefallen hätte. Viele Grünflächen, schöne Museen, ein moderner Hafen als Naherholungsgebiet, und, wie überall in UK, angenehme Menschen. Und „Arbeiterklasse“ bedeutet ja oft auch „Sozialdemokratie“. Und das muss ja wiederum nicht unbedingt sowas Gruseliges heißen wie traditionell in Deutschland. Ich hoffe jedenfalls, dass ich noch mal wiederkommen werde.









































