In einem Award stellte mir Leidenschaftlichwidersynnig folgende Aufgabe: „Drei Sätze, die du mit Inklusion vebindest“ Das Thema wollte ich schon länger ansprechen. 🙂 Ich möchte zuerst darauf hinweisen, dass ich mich in diesem Artikel erstmal nur mit der Darstellung von Inklusion und Behinderung in den Medien beschäftigen werde.
Nur… Was ist das überhaupt – „Inklusion“? Die sozialpolitische Definition von Inklusion besagt, dass jeder Mensch in seiner Individualität akzeptiert und möglichst uneingeschränkt sein soll. So weit so gut. Im Prinzip bedeutet das, dass man einfach nur so, wie man ist, angenommen und jedem Menschen vorurteilsfrei begegnet werden soll. Das müsste meiner Meinung und bisherigen Erfahrung nach eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, die keinen eigenen Begriff benötigt.
Ich finde also diesen Begriff völlig überflüssig. Ich finde es auch total befremdlich, wenn in den Medien von „Inklusion“ gesprochen wird, nur weil irgendwo Leute mit dabei sind, die irgendeine sichtbare Einschränkung in irgendeinem Bereich haben.
Nun zum Eigentlichen – Die Medien.
Ich sehe das Thema in der Medienwelt sehr gespalten.
Mir gefallen viele Projekte in der Öffentlichkeitsarbeit. Interessierte können eine Menge lernen, Betroffene finden Ansprechpartner und es wurden insgesamt viele tolle und nützliche Projekte ins Leben gerufen. Andererseits tragen viele auch einen Widerspruch in sich – Die Aktivisten und Blogger wollen einerseits das Thema „Krankheit und Behinderung“ vom Paradigma der Hilfs, Schutz und Mitleidsbedürftigkeit trennen, andererseits wird es teilweise auch dadurch erst impliziert. Auch ich überlege ständig, wie ich in meinem Blog manche Themen anspreche, um diesem Problem aus dem Weg zu gehen und schaffe es höchst selten. Jeder kennt sicher den Spruch „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten“. Genau so verhält es sich leider in dem Fall.
Es gibt auch Einzelne, die mit eigentlich gutem Willen direkt für das Gegenteil werben. Damit meine ich ein paar Behinderte und vor allen Dingen Eltern von behinderten Menschen, die sich oder ihre Kinder im Netz regelrecht wie Zirkustiere zur Schau stellen oder deren Seiten voller pathetischen „Gedichten“ und Beiträge, die vordergründig „um Verständnis bitten“ oder „auf Missstände hinweisen sollen“, sind. Letzendlich stellen diese Auftritte das Thema „Behinderung“ völlig falsch dar, bestätigen Paradigmen und sorgen auf diese Art und Weise für genau die Sichtweise, die sie eigentlich durch ihr Engagement korrigieren wollen. Mein Lieblingsbeispiel ist folgendes Gewäsch: (Anklicken auf eigene Gefahr, ich hafte nicht für kaputte Tischplatten! 😉 )
http://gedichte.xbib.de/Tiggelen,+Norbert+van_gedicht_Behinderung.htm Zu Anfang werden behinderte Personen mit Ungeheuern verglichen, anschließend wird eine Behinderung als etwas „ganz Schlimmes“, („zahlen dieses teuer“) ja, Schmerzensgeld, wenn man die drölfzigste Oma mitm Rolli umfährt das einem grundsätzlich Leid zufügt dargestellt, das Lebensrecht infrage gestellt und Abhängigkeit zugesprochen. Argh. Dort war ein Experte am Werk.
Zurück zu den Eltern – über das leidige Thema mit unpassenden Kinderbildern habe ich mich bereits im letzten Artikel ausgelassen. (Und möchte mich an dieser Stelle nochmal für die vielen Verlinkungen bedanken! 🙂 ) Bezüglich der Eltern stach mir mehrmals etwas ins Auge – Die ganzen Verniedlichungen und Euphemismen um die Zustandsbeschreibung „Behindert“. Da wird das behinderte Kind „besonders“, ist „anders begabt“ „besonders begabt“ oder sogar ein „menschengewordener Engel“. (dafuq?!) Wie soll man die Eltern ernstnehmen? Sorgen diese Bezeichungen nicht auch dafür, dass man auch die Kinder nicht ernst nimmt? Allerdings beobachte ich das in letzter Zeit nicht nur an Eltern, sondern auch an Außenstehenden. Woher kommen diese Hemmungen und künstlichen Tabuisierungen? In diesem Fall wundert es mich nicht, wenn manche Außenstehende nicht mehr wissen, wie sie behinderte Menschen ansprechen sollen, bzw. generelle Hemmungen im Kontakt haben, da sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Viele Menschen neigen zu voreiligen Pauschalisierungen.
Auch im Journalismus entdeckte ich in letzter Zeit immer häufiger Sprachprobleme im Bezug zu Behinderten oder Kranken. Medizinische Diagnosen werden als Umschreibung für negative Eigenschaften missbraucht, sodass Außenstehende sich zu den Begriffen ein völlig verfälschtes „Pauschalwissen“ aneignen.
Die Medien sind auch Weltmeister darin, Leuten mit irgendwelchen Behinderungen (und da wird auch nicht weiter differenziert), eine Opferrolle zuzuschreiben. „Ach seht, der arme passive Behinderte, dem geholfen oder eine Freude gemacht werden muss“. Schrecklich!
Auch große Vereine, die für „Inklusion“ werben, suggerieren oft, dass Menschen mit Behinderung von Menschen ohne Behinderung abhängig wären, um „an der Gesellschaft teilzuhaben“ oder auch oft formuliert: „sozial akzeptiert“ „ein Teil der Gesellschaft zu sein“. Nur – wer ist überhaupt „die Gesellschaft“? Aus wem besteht sie, aus wem nicht? Es klingt so, als müssten behinderte Personen quasi als Bittsteller unter (noch) nichtbehinderten Menschen stehen. Das sieht nach einem sozialen (Macht)Ungleichgewicht aus. Kern des strukturellen Ableismus.
Kurz und knapp: Je „besonderer“ der Mensch aufgrund einer Eigenschaft dargestellt wird, umso eher wird er als Sonderling wahrgenommen. Ich wünsche mir, dass Verschiedenheit in den Medien und dem Alltag unverfälscht und klischeefrei dargestellt und alltäglich repräsentiert – und das im Medienbereich verzerrte Idealbild überwunden wird. Das heißt: Bestenfalls keine fremderzählten „Behindertenreportagen“ mehr, sondern behinderte Expert_innen, Talk – und Quizshowgäste, barrierefreie Studios, behinderte Journalist_innen, Moderator_innen…
Ich habe dementsprechend das Gefühl, dass die „Probleme“ zumindest im Sozialen einfach nur herbeigeredet werden.
Wie steht ihr zu dem Thema?