Aus der Werkstatt der Nacht oder: Unser Schriftsteller als gottloser Vampir? (eine Reflektion über das nächtliche Schreiben)

“Henry de Montherlant hatte recht: Schriftsteller sind Monster. Gottlose, unmoralische Vampire.’’

Leila Slimani

“Noch viel dunkler soll sie mir werden. Als wäre finster nicht schon die Nacht. Bald bin ich ganz darin geborgen, des nächtens schon mein ganzes Wesen…und alle Schatten fliehen mich.’’

Paul Duroy, Nachtgestaltet (1992)

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Als Junge so um die zehn Jahre schwankte ich bei der Angabe meines Traumberufes zwischen Frauenarzt und katholischer Priester. Ohne die Antizipation jedweder womöglich bis auf die Knochen durchschlagender Blamage habe ich das Leuten, die mich fragten (dazumal noch mit einer gewissen Gravitas in Bezug auf meine eigene künftige Bedeutsamkeit auf diesen Betätigungsfeldern) so entgegengebracht: “Gynäkologe oder katholischer Priester.’’ Erst Jahre später verstand ich die Reaktion meines Onkel Dieters darauf so recht: “Ja, dann ma Zange oder Zölibat! Du Päddelken hass’ ja noch wat Zeit zum Nachdenken, wa?!’’

Auf beiden Feldern hatte ich schon früh erste Impressionen gewonnen. Vom Besuch beim Frauenarzt mit meiner Mutter hatte ich durch alles andere als verstohlene Blicke durch den Spalt, wenn ich “hinter den Vorhang’’ musste, erste Impressionen aus der Gynäkologie gewonnen. In allem Priesterlichen dagegen war ich durch unzählige Kirchenbesuche und mein übersteigertes Interesse an der Theologie geschult. Was damals schon meinem Kommunionspriester aufgefallen war, als ich nicht nur sämtliche Fragen zum Katechismus beantworten, sondern je dazu auch noch Impromptu-Informationen anbieten konnte, in welche kindlichen Stegreif-Vorlesungen ich geschickt noch solch wohlklingende theologischen Fachworte wie Parusie, Apophthegma, Kairos, Epiphanie und dergleichen mehr einzuknüpfen und zu erklären (ungefragt!) wusste. Ich fand mich selbst erst viel später in dieser Hinsicht sonderlich. Ebenso wie die Frage des Priesters: “Dann ist dir doch sicher auch das Zölibat ein gängiger Begriff?’’ 

Aber ich verliere mich. Meine Berufung zum Schriftsteller dagegen habe ich erst später verspürt. Und ich spreche hier bewusst von der Berufung, einem Rufen nach mir. Und dieser an mich ergehende Ruf wirkte wie ein An-Spruch, wie der einzige Wille auch, der immer in mir war. Er erging an mich, sobald ich ihn mit (ich denke?!) : 13 Jahren,  das erste Mal vernahm, immer aus der mich bergenden Tiefe der Nacht. Die Verbündete meines Schreibens war von allem Anfang an die Nacht. Das hieß nicht, dass ich nicht auch am Tage schreiben konnte, aber das beste Schreiben gelang und gelingt mir in der Nacht. Hat nicht vielleicht allein schon deshalb die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leila Slimani, die wiederum den heute völlig zu Unrecht weitestgehend vergessenen französischen Schriftsteller Henry de Montherlant zitiert, schon recht, wenn sie Schriftsteller mit Vampiren vergleicht? 

Was dafür spricht: das wirklich starke Schreiben ging schon in der Kindheit nur in der Nacht, es war gar nicht anders möglich. Gezwungenermaßen im verwegen tänzelnden Schein der Kerzen. “Das Licht hat nachts aus zu sein!’’ , hieß es im quasi-militärischen Zuchtduktus meines Stiefvaters, “Nachts sind nur die Asozialen wach!’’. So wurde mir immer das Glühlampenlicht einfach im Vorbeigehen an meinem Zimmer ungefragt ausgemacht oder sogar meine kleine Leselampe zerstört, damit ich nicht nachts lese. So kam ich überhaupt erst auf die Kerzen, denn die schienen nie durch den kleinen Türspalt hindurch. Vorm Zubettgehen bereitete ich mir immer noch eine Kanne schwarzen Tees zu und dann ging es an das Lesen und/oder Schreiben. Gestartet bin ich mit Gedichten (mein erstes Gedicht schrieb ich auf einen Kirschbaum, den ich in unserem Garten gepflanzt hatte, der inzwischen schon zwei Jahre alt war und den mein Stiefvater im Jahr darauf absägte.) Schnell kamen erste Essays hinzu, ich schrieb viel über die Zeit, die Freiheit und den Willen. In diesem Alter entwickelte sich mir ein Blick, der immer hinter die Dinge schaute, der durch die Oberfläche bis auf den Grund oder Abgrund der Zusammenhänge ging. Meine Mutter hat natürlich mitbekommen, dass ich nachts schreibe. Einmal kam sie ins Zimmer und flüsterte mir zu: “Machst du jetzt nachts noch deine Hausaufgaben, du kleiner Vampir?’’ – “Nein, ich schreibe.’’ – “Aber was schreibst du denn zu nachtschlafender Zeit jetzt noch?’’ – “Für mich!’’  

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Eigentlich konnte mir damals die Dunkelheit nicht lange genug dunkel sein. Wie habe ich die Tage vor allen ab Mitte September bis zur Wintersonnenwende geliebt, in dem Bewusstsein, dass mir jetzt sogar noch mehr Dunkelheit geschenkt wird von Tag zu Tag. Die Herrschaft des Reiches der Nacht. Wie gern bin ich mit meiner Mutter im Dunkeln heimspaziert vom Friedhofsbesuch am Grab meines Vaters.  “Husch husch aber jetzt, es wird schon dunkel!’’ – “Ja, das ist schön.’’ Ich erinnere mich noch daran, dass ich nach einem dieser Spaziergänge heim vom Friedhof zuhause in der Nacht ein Gedicht schrieb, in welchem mein Vater Stimme als lyrisches Ich erhielt und in welchem er mich zum Schreiben aufforderte, “…wider den Tyrannen’’. 

Zur Grausamkeit eines Vampires hat er mich natürlich nicht ermahnt. Der Schriftsteller als gottloser Vampir…das macht mich sinnen. Der Schriftsteller ist in erster Linie einmal ein Räuber und Schenkender zugleich. Er raubt Nerven, Geschichten, Worte und Erlebnisse, Eindrücke und Freuden, Enttäuschungen und tiefsten Gram. Aber dann schenkt er das alles auch wieder anders zurück. Aber ein Vampir? Nun gut, schon als Kind nahm einen mancher Mitmensch als kalt und blasiert wahr, stur oder verstockt, zu ernst oder unerschütterlich, je nach Lesart. In gewisser Hinsicht habe ich mir daraus schon als Kind eine Reserve aufgebaut, dass andere mich wahlweise als Sonderling oder Sprachgenie, altklug oder hochtrabend sahen, mich als arrogant oder eigenbrötlerisch betrachteten. Mir hat das immer gefallen.  “Euer Sohnemann macht immer men auf Marke Eigenbau, aus dem wirse nich’ schlau!’’, meinte unser Nachbar einmal, und auch das hat mir gefallen. Dass die Leute mich nicht ausrechnen konnten.  Ist man darum also ein Vampir? Einer, der schon ganz gut allein sein kann mit der Nacht. Ohne Angst vor ihrem langen Währen. Ohne Angst auch vor den Dämonen der Nacht, die mir eher immer Glück bescherten und Wohlgefühl. Keine Spur von Sorge. Es wäre sogar gänzlich falsch auch nur zu schreiben: ’’In der Nacht konnte ich der Sorge stark begegnen!’’, sondern in der Nacht begegnete mir gar keine Sorge. 

Und verweist vielleicht also dies hier auf den Vampir: die “Soliloquia nocturnalia’’, die suchenden Selbstgespräche in der Nacht? Das Abschreiten des Grates zwischen Selbstbekenntnis und Verschleierung? Zwischen der Offenheit und dem verstockten Herzen? Eine reuelose Ausgeburt der Nacht (immerhin ja tatsächlich um Mitternacht geboren, also Rückkehr in die Heimat der Nacht!)? 

Ich sehe es so: das eigene Wesen wurde in der Kindheit in die Nacht verfrachtet und hat sie so lieben gelernt. Ganz so wie bestimmte Tiere, die ursprünglich tagaktiv waren, aus Angst in die Nacht getrieben wurden, so hat mein Walten es lernen müssen, seine glückliche Freude in der Nacht zu verspüren. So macht es vielleicht auch Sinn, dass so mit 13 Jahren ein Kellerraum mit zwei winzigen Gitterfenstern mein eigentliches Kinderzimmer wurde. Eine subterrane Schriftstellergenese. Was habe ich da unten geschrieben, auf dem seltsamen alten Lindenholzschreibtisch meines Vaters. Wer sich da die Mühe gemacht hätte (aber warum bloß?) und sich herabgebeugt zu diesen kleinen Fensterchen und durch die Gitterrauten zu mir herabgesehen hätte, was hätte dieser wahrgenommen? 

Dabei fällt mir gerade noch eine andere Episode aus der Kellerepoche ein, die einen gewissen Schauer auslöst, wie ich ihn gerade verspüre aus allzu spät nachgereichter Erkenntnis und zwar wie folgt: an einem Abend, an dem ich es mir gerade im Keller eingerichtet habe und in mein Herlitz, Din A4 kariert-Heft mit 3 cm Rand schreibe, öffnet sich knarrend die alte Holztür des Kellers, deren Außenriegel ich von innen durch einen Spalt geschlossen habe und der Vermieter Herr Kaplanczyk (der Mann ist schon lange tot und nicht googlebar, daher sei er hier erwähnt) in den Keller hineinlugt, mit dem deutlich verschämten Blick des Ertappten. “Ah, ich dachte, hier ist zu!’’, so der Schnüffler damals in etwas windschiefer Logik und fügte dann, sich langsam wieder fangend, in Angesicht meiner offensichtlichen Schreibexerzitien, den Spruch hinzu: “Hier sitzt ja ein junger Dostojewskji, hm? Ja, dann mal weiter Glück auf!’’, machte ein zustimmend-gönnerhaftes Gesicht und nickte in ebendieser Weise noch ein bisschen zwinkernd vor sich hin, bevor er wieder rausging. “Machen Sie den Riegel noch zu!’’, rief ich ihm hinterher. An diesem Abend schrieb ich einen Text, der zwischen Lyrik und autobiographischer Prosa oszillierte: “Ich bin der Gnade nicht bedürftig.’’ Das muss man sich mal geben! Was da an an fast fröhlicher Selbstkasteiung drin steckte. Vampire wollen nicht erlöst werden, so scheint es jetzt.

Ach ja, und warum die Gänsehaut, was lässt mich an dieser Erinnerung schaudern? Vielleicht denke ich weiter, als der gute Herr Kaplanczyk es intendiert hatte, aber mir kamen gerade beim Schreiben Dostojewskjis  “Aufzeichnungen aus einem Kellerloch’’ in den Sinn? Hatte er sich darauf bezogen?  Auf diesen abgrundtiefdunklen Meilenstein der Literatur? Diese späte Erkenntnis inspiriert und irritiert mich zugleich. 

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Aber nun naht der Tag und die Schaffenskräfte des Vampires geraten ins Schwinden. So muss ich auf einen zweiten Teil dieser Reflexionen in der nächsten Zeit verweisen. Wenn die geneigte Leserin diese reflectio interrupta nun als Grausamkeit auffassen mag, so findet das Wort vom Vampir wohl vielleicht tatsächlich seine Berechtigung. Zu lange trank ich jetzt schon vom köstlichen Blut der Nacht. 

…nächstens mehr…


Der Hexenschuss des Geistes oder: Man muss sich den Schweinehirten als einen glücklichen Menschen vorstellen! (…oder?)

Nun gilt es einmal, meiner Ankündigung (natürlich einmal mehr wiederum nicht meinem Versprechen) agile Beine zu machen und mich etwas fokussierter dem Hexenschuss des Geistes zu widmen. Vielen Lesern (u.a. dem kommentierenden Jules von der Ley, herzlichen Dank dafür!) gefiel dieser Begriff erstaunlich gut, dabei war ich beim Schreiben des Textes kurz davor, diese Wendung ganz aus dem Text zu verbannen. So zeigt sich einmal mehr, wie wenig man als Autor die Reaktion der Leser auf bestimmte Ausdrücke oder Ideen antizipieren kann. Jedenfalls: während der Lumbago als physischer Hexenschuss mittlerweile wieder abgezogen ist und durch einige schweißwallende Spaziergänge die Elbe entlang hinweg eskamotiert wurde, blieb der Hexenschuss des Geistes mit ekelhaftem Verlass erhalten.  Man wacht auf, Donald Trump ist weiterhin US-Präsident und darf sein Lautsprecher-Maul aufreißen und unser aller Aufmerksamkeit mit seinem ekelhaften Namen tätowieren und beanspruchen, derweil viele Menschen um einen herum weiterhin die Regierungsfähigkeit der AfD propagieren oder eine quasi-erotische Beziehung mit ChatGPT führen und dergleichen kaleidoskopischer Irrsinn mehr. Da zieht der Hexenschuss des Geistes wieder gemein ein, die Schmerzen als Schweine laufen wild grunzend herum in der Weltgeschichte und wir wenigen noch Vernunftgesteuerten als Schweinehirten (und -wirte) sind der Verzweiflung anheim gestellt. 

Wie soll man also darauf reagieren? Mit Lyrik? Mit Kalendergeschichten aus der Pampa Sachsen-Anhalts, mit Gleichmut, der vielleicht irgendwann von Panzern überrollt oder von Drohnen ausgelöscht wird, mit Sarkasmus, mit einer ertüchtigenden Athletik des Geistes (sie heißt Peripatetik und viele der Ideen zu diesem Text kamen mir heute tatsächlich beim Elbwandern)?  Mit prophylaktischer Psychose, dem Wahn als Flucht aus der wahnsinnigen Welt? Mit Sinn(brand)stiftung (aber woher das Brennholz dafür nehmen jetzt noch?), mit verwegenem Trotz, mit optimistischer Jovialität, mit der Konzentration auf die ganz kleinen Kreise, mit dem so trivialen Hoffen auf bessere Zeiten (hat man dafür noch die Zeit?)? Mit dem Biedermeier der Gegenwart (aber Merkel ist nicht mehr Kanzlerin!)?

Immerhin: wenn athletische Bewegung gegen den Lumbago hilft, sollte doch die geistige Ertüchtigung, die geistige Erwehrung und Auf- und Zurüstung, die geballte Kraft der Innerlichkeit (Sie erinnern sich!) dem Hexenschuss des Geistes die Stirn bieten können. Ein langer und wohltuend anstrengender Spaziergang durch die breiten und lichtgefluteten Wandelhallen der Vernunft: das muss den psychischen Hexenschuss zerstäuben! 

Vielleicht also müssen wir uns den Schweinehirten als glücklichen Menschen vorstellen. Wenn er die Schweine sicher und friedlich weidend und grunzend in der Hege weiß, kann er zufrieden in sich hineinlächelnd sein markantes Kinn auf den Hirtenstock stützen, derweil seine Hunde dem ein oder anderen unwilligen Schwein freundlich-routiniert in die Hinterläufe beißen, dass es wieder zur Herde läuft und sich in einem Anflug übermütigen Eigensinns nicht allzu selbständig macht. Das macht den Hirten zufrieden. Auf dem von der Abendsonne beschienenem Sauenhain lehnt er sich an den Stamm einer alten windgegerbten Eiche und liest Camus. Als es so dunkel wird, dass ans Lesen nicht mehr zu denken ist, singt er eine alte Weise vor sich hin, eine beschauliche Pastorale auf den Frieden, den die Schweine stiften, wenn sie in der Hege grunzen statt wie die Wildsäue auf Trüffelsuche dem marodierenden Freilauf zu frönen und alles zu untergraben. Aber wehe…wehe!!!

(Das Ausgangsbild der Pastorale. Stellen Sie sich dazu bitte den an den mächtigen Stamm der Eiche angelehnten Schweinehirten vor, umgeben von einer großen und weitläufig schweifenden Herde in der Erde wühlender maronenbrauner Schweine und dazu drei, vier Hirtenhunde.)

++++ Das Klagelied des Schweinehirten (eine katastrophale elegische Pastorale in vier Strophen) ++++

I. Schau: wie friedlich schlafen die Schweine in der Hege, 

bloß ein träumendes Grunzen hier und da in der Nacht .

    Die Sorgen zogen ihrer Wege, 

    Und ich halte freudig die Schweinewacht. 

    II. Doch, horch, was vernehm’ ich Geräusch von galoppierenden Hufen,

    welch’ nächtlich horrenden Schweinsgalopp, 

    Jetzt steh ich hier und höre in die Nacht mich rufen, 

    “Elisander! Penelope! Anaximander…nun: Stop!!’’ 

    III. Ach, schon durchbrechen sie die Hege wild an tausend Stellen, 

    Das Sauvolk läuft Amok, unnötiger Nervenkitzel. 

    Die Hunde wie wild, sie sprengen, hudeln, bellen, 

    Aber ach: diese Schweine! Wären sie schon Schnitzel.

    IV. Ein nächtlicher Tumult, gebrochen ist jeder Frieden, 

    wie geht es jetzt zu, wie irre, wie verzweifelt auch bloß?

    Ich war doch froh, war doch glücklich hienieden,

    Aber jetzt muss ich künden: die Schweine sind los!  

    (Dazu (allerdings erst nach der zweiten Strophe) nach jeder weiteren Strophe der Chor-Refrain: 

    Du warst doch glücklich, lustiger Schweinehirt. 

    Doch auf dem Meer der Verzweiflung treibt nun dein bitter Floß. 

    Bist nun der trauernden Sorge treuester Wirt: 

    Kündet es allen: die Schweine sind los.)

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    Aufwachen aus dem Alptraum? Nein, jeden Morgen erwacht man IN den Alptraum hinein. Dies war mir schon immer mein schlimmster Gedanke: was, wenn man aus einem Alptraum in einen Alptraum erwacht und dieser ist die Realität (so wie sie sich in allen Filmen von David Lynch darstellt, bei dem Menschen auch ständig aus einem solchen heraus IN einen Alptraum hinein erwachen.)? So fühlt es sich an, wenn man sich von marodierenden Schweineherden umgeben weiß. Die ihrem Leitschwein folgen und deren Grunzen und Quieken wir als originelles Gedankengut würdigen sollen. Ein Schachtelpuppen-Alptraum. Ein stechender Schmerz im Hohlraum der Vernunft, der einen nicht mehr klar denken lässt. Ein geistiges Hinken, wo nicht Krabbeln und Kriechen. Der Vernünftige wird durch die Dummheit der anderen zu Boden gestreckt. Prostration am Ende. “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes…’’ BÄÄÄÄM…!!!! Schlag in die Fresse!!…man wird kurz bewusstlos, erwacht nach einiger Zeit auf dem Rücken liegend und wimmernd und schaut aus glasigen Augen ungläubig hinauf in ein breit grinsendes teigiges Clownsgesicht, das Tränen lacht (oder ist es Clownsrotz?),  warme Tröpfchen, die einem ins Gesicht fallen von da oben wie der widerliche Regen der Dummheit, aus dieser hysterischen bunten Fresse, “Hast du Bumms gemacht? Hast du Bumms gemacht? Doppelbumms?’’ HAHAHAHAHAHA…grölt und schallt dieses dumme Lachen durch die Nacht. Dummheit tut weh. Den Vernünftigen! Nicht denen, die sie verbreiten. Denen gar nicht!! Die Mutter der Dummheit empfindet keine Schmerzen beim Gebären. 

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    Landschaft mit Goethe (falls Sie ihn entdecken!), Gemälde des Christoph Heinrich Kniep “

    Die Vernunft wurde zum Komparsen degradiert und auf Miniatur geschrumpft wie dies Goethe durch seinen guten Freund, den Maler Christoph Heinrich Kniep widerfuhr. (Sie haben Zeit, lieber Leserin, also lassen Sie mich diese Geschichte hier auch noch kurz loswerden, außerdem rundet sie das leidige Hirtenthema noch etwas ab.) Der Malerfreund begleitete den durch Italien reisenden Goethe ein Stück seines Weges und zeichnete dabei u.a. den Dichterfürsten vor dem Kolosseum. Doch etwas ist bei näherem Hinsehen (und näherem Nachdenken über die Implikationen) doch staunenswert faul an diesem Bild. Zum Vergleich: der (ebenfalls!) Goethefreund und Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein wusste seinen Dichterfreund derart monumental und im wahrsten Sinne des Wortes “larger than life’’ im Bilde zu würdigen, dass er ihn fast in Lebensgröße vor der von Antike durchzogenen Landschaft der Campagna malte; “Goethe ingombrante’’, wie die Italiener ihn deshalb bezeichneten. Auf dem Tischbein-Gemälde fläzt dieser Goethe gemütlich auf einem antiken Architrav, sieht dabei aus, als male er bereits sein nächstes großes Werk aus, raubt der Landschaft dabei ihre Faszination, beherrscht buchstäblich die Szenerie. Nun aber der andere Malerfreund, Christoph Kniep. Dieser lässt Goethe in fast derselben Pose auch auf einer Art von Architrav vor dem Kolosseum sitzen…bloß…wie dagegen? Ja, fast kann man es so beantworten: er lässt ihn sitzen. Der Kniep’sche Goethe in Rom wirkt ausrangiert, degradiert, in die Landschaft gestellt und dort ausgeblichen, auf Miniaturmaß gestanzt, wie (nicht!) bestellt und konsequent auch gar nicht abgeholt. Liebling, ich habe den Goethe geschrumpft! Auch das heruntergekommene Kolosseum hinter ihm sieht nicht halbwegs imposant aus, und so eben auch unser Dichterfürst nicht: auch nicht wie einer, der schon das nächste Werk ersinnt, sondern belanglos ruhend, fast wie ein Lungenkranker vielleicht auch um Luft ringend, der Rast bedürftig, erschöpft vom Wandern und vielleicht allem. Das allein wäre schon genug an Degradierung. Nun aber noch das schöne Detail: um Goethe herum, teils fast in gleicher Ruhepose, hat eine Herde Schafe es sich gemütlich gemacht und leistet dem Dichterfürsten zufrieden vor sich hin wiederkäuend, teils auch liegend, ihm sicher sehr lästige Gesellschaft. Das ist nicht Rom, das ist eine Zumutung. Das hätte er sich auch vor jedem beliebigen Schafstall auf dem Thüringer Land geben können. Die Empörung, die aus einer solchen Form der Indignation entspringt, kann einen ausbrennen und dann guckt man auch so angegriffen aus der Wäsche, wie hier der Dichter, ich verstehe das. Was nun weiter noch dieses Gemälde betrifft, so hätte sich die wohl schönste Pointe noch daraus ergeben können, dass es Schweine gewesen wären, die den Dichter umgrunzten, aber ganz so trefflich ideal kann der Zufall nicht immer mit im Spiele sein. Aber Goethe auch unter Schafen reicht mir schon: ein unfreiwilliger Hirt, ein umblökter erschöpfter Geist, eine resignierte Kunstfigur in der Belanglosigkeit der Pastorale, die Schweine (Mensch, Pardon!…: Schafe!!) als dem Zauberlehrling aus dem Ruder gelaufene Besen, die aber statt Wassermassen bedrohliche Dummheit schöpfen und schöpfen und schöpfen und man kommt kaum noch dagegen an und kein alter Meister in Sicht. Fehlen nur noch die dazu Alarm bellenden Schweinehunde. 

    …nächstens mehr…

    Ein dahingewehtes Trauerbriefchen für die Innerlichkeit (3600 v. Chr. – 2009 n.Chr.)

     

    “Wir beginnen mit der sokratischen Schwierigkeit, wie man die Wahrheit suchen kann, da das ja gleicherweise unmöglich ist, ob man sie nun hat oder ob man sie nicht hat. Das sokratische Denken hob diese Zwickmühle eigentlich auf, da es sich zeigte, dass im Grunde jeder Mensch die Wahrheit hat.’’

    Sören Kierkegaard, Philosophische Brocken

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    “Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt.’’

    Eingangssatz aus Péter Esterházys ‚‘Harmonia Caelestis’’

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    Es ist ein Tod zu annoncieren, die Totgesagte rottet schon eine ganze Weile vor sich hin und es gilt von ihr leider nicht, dass sie dem Sprichworte nach länger lebe: nein, nein, der Kadaver stinkt monströs vor sich hin, dafür braucht man keine feine Nase, aber die gemeinen Sinne der Meisten sind derart verkommen und taub geworden im Zeitalter der digitalen Moderne, dass keiner das Aas wittert. Eine Tote, die gar nicht vermisst wird von den vielen: die Innerlichkeit ist endgültig verschieden, defuncta et obiit A.D. 2009.  

    Die digitale Maschine hat die gesamten Ressourcen unserer Aufmerksamkeit aufgesaugt. Soviel Zerstreuung muss den Geist endgültig zerrütten. Man verzettelte sich in tausend Applikationen, Bildern und Geschrei im digitalen Raum. Das Hirn hat sich verballert sich unter der Dauerbefeuerung mit Endorphin. 

    Und ich bin ihr Mitmörder! “Auch du, Paulus!’’, so seufzte sie vielleicht noch im Sterben vor sich hin. Der Mörder meiner eigenen Innerlichkeit. Und ich habe nie um sie geweint.

    “Was war die Innerlichkeit denn so recht eigentlich?’’ wird manche liebe Leserin, mancher liebe Leser sich fragen, und die Frage fällt mir dann vor die Füße und auf mich zurück, da kann ich sie gleich beantworten. Zumindest in dem, wie sie mir begegnete, in mir war oder ich in ihr und wie ich ganz war in ihr oder sie eins mit mir. Die Innerlichkeit war eine Kraft und eine Sammlung dieser Kraft, die sich ganz still in mir bewegte, ein Ozean des inneren Erkennens, eine Befähigung, das Verständnis von der Welt, nahezu von innen zu schmecken. Ein leiser Widerhall meiner Gedanken (meiner Gedanken!), die noch nicht durch Dauerrezeption fremder Einflüsse in mir flüsternde innere Stimme. Der An-Spruch, die Kraft, die mich auch ins Poetische verfallen ließ immer wieder. Also auch die so einen leisen Rausch befördernde Poiesis, das Übereinstimmen mit der inneren Stimme und wie diese sich mir selbst hörbar machte, dadurch, dass sie mich ansprach. Immer wieder in Zeilen, die dann in meinem Kopf waren. Nicht wie Erdachtes, nicht wie Ausgedachtes, sondern wie Gesätes, wie Geworfenes, wie glücklich Herbeigewehtes, aus dem Inneren in mein Bewusstsein geschöpft. Die Innerlichkeit als eine Kraft auch, meine Eindrücke in mir abschließen zu können und zufrieden zu sein damit und mit allem, was mir entgegen schlagen mag. Das Gegenteil von Psychotherapie und “Komm, wir reden drüber!’’. Die ab- und eingeschlossenen Eindrücke und Ideen wirkten im Stillen soviel fruchtbarer fort. Ein kostbarer Schatz des auf die Dinge hin Zuwachsens. Ein Reifen aus sich selbst heraus ins Ungewisse. Ein Ungewisses aber, das einem Mut schöpfte. Ein Ungewisses, das Trost spendete, der mir Motor war. Die Innerlichkeit als Möglichkeit des Geborgenseins aus sich selbst heraus. Umstellt von brutalem Alltag, dem Kleingeist und der Pedanterie sovieler (allzu vieler) Mitmenschen, dem Herausgehaltenseins in das verworrene Leben war die Innerlichkeit immer Zuflucht, Exil und Heimat. Eine Stille der Seele. Und immer wieder daraus die leisen Eindrücke, die Poesie, die Bilder, die tröstenden Worte, die sich plötzlich in einem aufzeilen, Zeilenläufe wie die beruhigenden Wellen des Wassers, “tutte queste righe, riga per riga,  danzano dentro di me per notti intere’’. 

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    Ist das Eingeschlossene immer per se das Geheimnis, war die Innerlichkeit also ein Geheimnis? Wohl doch nur insofern, als dass die Innerlichkeit nicht mitgeteilt werden mochte. Die Innerlichkeit flüsterte mir selbst zu: “Aber teile mich nicht und teile mich nicht mit und teile mich nicht mit anderen.’’ Meine Wohnung in der Innerlichkeit war wie eine sinnliche Symbiose zwischen Dichter und Sein. Eine unausgesprochene Versagung, ein stillschweigender Verweis auf die tiefere Wahrheit, die sich ohne “Geräusch von Worten’’ bemerkbar machte. Eine zwingende Wahrheit des inneren Erlebens, eine Wurzel in das Sein, keine Flucht vor der lauten Welt, bloß Zuflucht davor. Die Innerlichkeit- wie ein warmer nachtschwarzer Mantel, so nahm ich sie auch immer dunkel wahr, doch gerade dies mein größter Trost: geborgen unter dem rabenschwarzen Mantel der Nacht. Consolatio aeterna. Also aus allem sprach, in allem meinem Gebaren auch zeugte alles vom Aufgehobensein in der Innerlichkeit. Ein großer Ernst war damals in mir. Und eine unverwüstliche Lebensfreude, die auf das Lachen verzichtete, da das schon zuviel (viel zuviel) der Mitteilung nach außen und somit keine Innerlichkeit mehr gewesen wäre. Größtes Lebensglück, ohne, dass es dazu hätte eines Lächelns bedurft: das war meine Innerlichkeit. 

    Doch jetzt lache ich so oft und ich begreife: meine Innerlichkeit ist tot. Das geht ganz gut auf, wenn man es so bedenkt. Alles nach außen gestülpt. Der in die Außenwelt gekehrte Ernst wird zur lachenden Fratze, eine Belustigung. Ein Trauergrinsen. Der nach außen gekehrte und darauf allein noch fixierte Blick wird zum Zerrspiegellabyrinth der geteilten Bilder, die mich nicht mit mir alleine lassen. Alles ist Mitteilung, Nachricht, geht mir zu nah, widert mich ab (und an), und ich lache und lache und lache…denn die Innerlichkeit ist tot. Wie man doch dadurch an der Welt irre wird. Eine Aushöhlung der Seele, eine Auskehr des feineren Geistes. Da schreibt man keine Gedichte mehr. Da kommentiert man nur noch das Rezipierte. Da lässt man sich Jahre an Aufmerksamkeit auf das Außen stehlen. Man schaut in die verstellte Welt und hat den Zugang zu sich verloren. Alma ausente. Die Abwesenheit der Seele. Die Unbemerktheit der inneren Vorgänge. Wie lange mag die Innerlichkeit in ihrem Todesringen noch so leise vor sich hin gewimmert haben ob meiner Abkehr von ihr?! Die Muse meiner ausgesuchtesten Worte, meine mich Ansprechende, meine mein Wesen Aussprechende und das alles in der Stille der Innerlichkeit. Alles zerschlagen, alles laut jetzt, alles hyperaufmerksam und zudringlich, übergriffig, seelen-disruptiv. Nicht einmal verstohlen schadenfreudig grinsen die Schergen der digitalen Unmittelbarkeit über den Tod der Innerlichkeit. 

    Als die ersten Schreiber sich anschickten, einigen Widerständen und einer grausamen Lebenswelt zum Trotz Zeilen in zähe und harte Oberflächen zu ritzen, um die Sonne zu besingen und den Regen und die nährenden Fruchtfolgen an den Ufern von Euphrat und Tigris und dem Nil,  die Jagd und die Schönheit der Oasen und das munter lebenspendende Wasser, als diese Schreiber auch demütige Hohelieder auf die Seele schrieben, wurde die Innerlichkeit geboren. Die digitale Maschinerie ist nach 5000 Jahren die Mörderin dieser Innerlichkeit. Unserer Besinnung auf uns selbst. 

    Die Innerlichkeit ist tot. Allein, dass ich dieses Totenbriefchen auf sie verfasse, zeugt davon. Sie hatte die Größe, still und in der Süße einer Heimlichkeit, die nichts Arges an sich hatte, mich mit mir selbst, sich mit mir selbst in Einklang zu setzen. Nicht von sich wollte diese Bescheidene mitteilen, doch ich, ganz Außenverworfener, mache ja nun doch Mitteilungen über sie, eine Trauerannonce ihres Ablebens, die sie womöglich in dieser Form nicht verdient und sicher nicht angestrebt hat. Sie wollte, dass wenn sie stürbe, ich nicht auch noch für sie würbe. So einen Kalauer zum Abschluss eines Textes hätte mir meine Innerlichkeit nie durchgehen lassen. Noch einmal: ich trauere um sie, ihr Verlust macht mich lachen. Kein An-Spruch mehr von ihrer Seite, so verklingt mein wahres Wesen, mein Ernst als Wurzel in die Tiefen des unverstellten Seins. Ein Narr, ein sich selbst in den Weg Gestellter, ein über sich selbst Stolpernder dann konsequent, ein sich selbst Verstellter, orientierungslos im digitalen Zeitgeist treibend wie alle hier. Die Innerlichkeit starb unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Es trauern: ihre Unbehausten. Von Blumengaben und Geldspenden wird abgesehen. Gerne einige poetische Zeilen aber doch, die hätte sie geliebt. 

    …nächstens mehr…

    Lumbago- Idyll mit Schweinen

    “Nun antworte mir nur noch auf dies eine. Wie kommt es, daß du, da du doch ein Gott von so schwächlicher Leibesbeschaffenheit und hohem Alter bist, gerade die unfreundlichste Jahreszeit, wenn alles mit Schnee bedeckt und von Frost erstarrt ist, der Nordwind bläst, die Bäume kahl und ohne Laub, die Auen und Wiesen alles ihres Schmuckes beraubt sind und die Menschen, von Kälte zusammengeschrumpft, wie zitternde Greise sich um die Kamine drängen, kurz, eine Zeit, die weder den alten noch den wollüstigen Leuten gelegen ist, zu deinem Feste ausgelegt hast?’’ 

    Lukian, Saturnalische Verhandlungen

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    Entschuldigen Sie, falls der Titel dieses Textes manchen meiner Leser eventuell an ein etwaiges philippinisches Inselparadies Lumbago denken ließ, an ein tropisches Arkadien, vielleicht mit Hirten, die unter Palmen auf Bambusflöten spielen, während ihre schwarzledrigen Schweine dazu fröhlich vor sich hin grunzen. 

    Aber nein, die Schweine sind einfach Schmerzen und der Lumbago…? Nichts anderes als der gemeine Hexenschuss (wie die Medizin auf ihn referiert). Man hat hier den lateinischen Begriff ‚‘lumbus’’ für die Lende, mit einer Verballhornung des griechischen Wortes ‘algos’’ für den Schmerz vermengt.

    Vor einigen Tagen fuhr es mir wie ein Blitz in die Lenden, nachdem mich der Nachmittag in einem unschuldigen Mittagsschläfchen liegend antraf, aus dem mich zunächst der Postbote mit einem Klingeln nach 20min gerissen hatte; das Paket war für einen Nachbarn, nun ja. Nachdem ich mich stur wieder hingelegt hatte, klingelte es nach weiteren 20min reißend an der Tür und ich schrak aus ozeanischem Tiefschlaf direkt in den Modus Kerzengeradehaftigkeit auf, sodass ich fast im Bett stand, springe aus dem Bett und…Schuss!! Ich falle direkt auf den Boden, totale Blockade meines Bewegungsapparates. Irgendwie krieche ich noch zur Tür, überreiche dem Nachbarn auf Knien wimmernd und ohne weitere Erklärung sein Paket wie der erbärmlichste Supplikant und bin von nun an für zwei Tage zum Würmchen degradiert. 

    Als Schreibtriebtäter ist es zwar nicht meine Premiere in Sachen Lumbago, aber dieser hier trumpft bärbeißiger auf, als seine etwas milderen Vorgänger. In den ersten zwei Tagen brauche ich 40min, um mich anzuziehen. Da ist es dann schon ein Tageserfolg, sich eine Socke über den Fuss gezogen zu haben. Dann krabbelt man auf allen vieren in die Küche für ein Glas Wasser und kriecht, jetzt schon mehr Schlange, zum Bett zurück, weil Krabbeln nicht mehr geht und schiebt das Glas Wasser mühsam vor sich her. Hurra, jetzt setzt auch noch ein Husten ein: jeder Husten- ein Dolchstoß in meinen Rücken. Ein Schmerzensschrei dringt mir zudem durch Mark und Bein: war ich das etwa? – – – – – –

    Nun, es ist Winter, und wenn ich mich auch sicher noch nicht als kaminsuchenden Zittergreis bezeichnen würde, so spüre ich doch, wie ich in den letzten Jahren wetterfühliger geworden bin und mich zB kalter Zugwind oder ein mutwillig geöffnetes Fenster irrsinnig echauffieren kann. Ja, Frischluft, ich weiß. Aber tatsächlich ist einem da nicht nach saturnalischen Festen, sondern man fragt sich, ob vor dem Hintergrund solcher Gebrechen die Anschaffung einer Heizdecke zu belächeln noch (der eigenen!) Zeit gemäß ist. Wie ein gebrochener Sappeur schleppt man sich brach durch sein Tagewerk. 

    Ein wundersames Kontrastbild präsentiert sich mir da an einem der Tage, an denen ich derart schmerzgebeugt an meinem Schreibtisch sitze und ein wenig im lateinischen Original der “Confessiones’’ des Augustus stöbere, in Gestalt des heute mit ca. 20km/h im Fußmarsch an meinem Fenster vorbei rasenden Spazier-Gustavs. Spazier-Gustav, wie ihn alle ob seines rasanten Schrittempos nennen, heißt eigentlich Gustav Ratusinski, ein Wahldessauer aus dem Thüringischen Wald, der nach eigenem Bekunden in seinen jungen Jahren in den 1960-ern in Dessau hängen geblieben ist. Der Mann ist 86 Jahre alt. Wie macht der das? 

    – – – – – 

    Nun wollen wir aber davon ein wenig abstehen und wahrscheinlich haben Sie es derweil selbst bemerkt : der Autor dieser Zeilen macht sich nach langer Zeit wieder anheischig, dass mehr als nur das eigene Augenpaar zu sehen bekommt, was da so seinen Weg auf das Papier findet. Zugegeben sei: ich wurde in dieser Hinsicht in der jüngsten Zeit von vielen Lesern-innen mal gouvernantenhaft mahnend, mal liebevoll zusprechend, mal drängend, mal dramenhaft resigniert-indigniert gebeten (“Du schreibst ja eh nie wieder was!’’) und inquiriert, wann ich denn mal wieder schriebe. So mag denn dieses die Antwort auf solcherlei Fragen, Drängen und Bitten sein. Ich fühle mich wie ein Trüffelschwein im besagten Idyll von oben. Man grunzt und wühlt im schlammigen Grund, wirft mit der Schnauze und womöglich schon fast übermütig losen Dreck in die Luft, da kommen vielleicht einige Trüffeln zum Vorschein. Also, ebensolch loses und auch verantwortungsloses Schreiben, so steht es mir womöglich am besten an für den Moment. 

    Gerne überwände ich mich ja selbst mal in der Weise, dass ich zumindest nach Art eines literarischen Adventskalenders täglich an dieser Stelle kleine Vignetten in die Welt und vor die Leseraugen stellte, aber ob mir derlei Verfolg beschieden ist? Wie Odysseus einst nach langen Jahren zu seiner Penelope zurückkehrte, die sich im gemeinsamen Haus, in das schon die Schweine eindrangen, zudem noch von gierigen Freiern umstellt fand, so kehre ich nun zum Schreiben zurück. Aber anders vielleicht als in der Heimat des Schreibens wird der Intellektuelle in dieser Zeit ohnehin nicht mehr gesund. Aber hier spreche ich bereits nicht mehr von meinem Rücken oder dem schmerzgebeugten Schreiben, sondern klinke mich aus dem eigenen Lamento in Dur wieder aus, und widme mich lieber dem Hexenschuss des Geistes.

     Der Hexenschuss des Geistes besteht darin, jeden Morgen in diese Narren gebärende und sich wie ein Narr gebärdende Welt aufzuwachen, wie sie geworden ist (so höre ich mich diese seltsame Phrase oft denken und leise vor mich hin in die Leere flüstern: …wie sie geworden ist.) Eine globale Metastase der Dummheit. Und die tut weh im Hirn, die reißt, plagt und zerrt.

    Ein Tagesbeispiel: in Tschechien wird der rechtsradikale Vorsitzende der Autofahrerpartei (in der Existenz und zudem Regierungsermächtigung einer solchen Partei manifestiert sich für mich ohnehin schon die gesammelte Idiotie des Zeitalters!!) Filip Turek jetzt, Achtung: Umweltminister Tschechiens. Nochmal: der Vorsitzende einer Autofahrerpartei wird Umweltminister eines EU-Landes. Non est addendum. Dieses globale Supremat der Idiotie von allen Seiten muss man über sich ergehen lassen, Tag für Tag. Tag für Tag erwacht man in eine Welt, in der ein geisteskranker und hirnverbrannter Braggadocio zum zweiten Mal US-Präsident geworden ist, ein erbärmlicher Schwachkopf, dessen megalomaner Nachname sich der Nachwelt wie das ruinöse Rubrum eines intellektuell und politisch gänzlich und freiwillig degenerierten  Zeitalters aufbrennen wird. Dieser Bronzecreme-Clown mit den Schweineäuglein ist dem Fatum nicht einmal ein geglücktes Attentat wert. Immerhin hat das Schicksal sich diese schöne Ironie ausgedacht: er, der seinen Vorgänger wegen dessen seniler Lethargie als ‚‘sleepy Joe’’ bezeichnete, macht keine bella figura, wenn er ständig im Oval Office einpennt. Dieser Mann ist keine Persönlichkeit mehr, sondern eine bloße Karikatur. Ein Impresario der Idiotie. Und eine monumentale Farce als diabolisch getarntes Lehrstück (dies aber ohne Moral, wenn Sie sich das denken können!) und Exemplarerzählung vollkommener Dämlichkeit wird vor unseren Augen aufgeführt. …ja, das ist Theater im Schweinekoben, bis der kotbespritzte Vorhang krachend herabfällt auf uns alle. Dann liegt der fette Impresario tot auf der Bühne und ein ratlos-fragendes Gegrunze raunt durch die Menge. War es das jetzt?

    …nächstens mehr…

    Eine launig dahingeworfene Einrede gegen das Zeitalter in Skizzen oder: mein Thesenanschlag im Husarenritt, zumindest aus der Nähe von Wittenberg

    In Bezug auf die Dynamik der Welteinströmung scheint es in der Gegenwart, wie sie uns entgegenschlägt, keine auch nur irgendwie belastbare Stopptaste mehr zu geben. Wir scheinen in einer Phase der Geschichte angekommen, die sich selbst immer irrwitziger beschleunigt und in der jeglicher Kommentar und Subkommentar schon nicht mehr aktuell ist, sobald er auch nur in den Diskursraum entsandt worden ist. Die chaotischen Einströmungen und Störfeuer medialen Aufmerksamkeitsringens lassen dem Gehirn keine Zeit, ein rationales störfestes Fundament zu entwickeln, auf welchem dann das weitere Konstituieren eines festgelegten Weltbildes zu vollziehen wäre. Zugleich erodiert so das Vertrauen in eine festgefügte Wahrheit. Wahrheiten und Fakten bedürfen der Pflege wie ein Garten, aus dem man am Ende des Sommers ernten möchte. Wenn dort ständig wildfremde Menschen durchlaufen, ihre Exkremente absetzen, umgraben und alles vertreten, werde ich keinen Sinn mehr ernten.  Zugleich und noch viel schlimmer wird der Boden, auf und aus dem ich ernten wollte, erodieren und faulen. 

    Der Wahnsinn und seine Dominanz herrschen. Sei es intendiert, sei es als Residuum krankhaft überhitzter Zeitläufte: der Wahnsinn will sich Gehör verschaffen, baut sich aus Lügen und unreflektierten Meinungen, Extremtendenzlust und apokalyptischer Antizipation, Leichtgläubigkeit und mentaler Schwindsucht ein Ersatzkonstrukt im Wahrnehmen dieser Welt. Die Welt als Wahn und krankhafte Vorstellung. Es herrscht eine Nekrose des rationalen Weltbewusstseins. Man argumentiert noch, baut aber dem Gegenüber aber keine Verständnisbrücke mehr. Ratio als gemeinsamer Grund des Denkens? Wie sollte man?! Feindbild: die diametrale Meinung des anderen.

    So viele Phänomene tragen zur Erosion des Weltbewusstseins bei: eines davon ist sicherlich die minutiöse Fragmentierung unseres Blickes auf die Ereignisse: ich schlug an anderer Stelle dafür schon den Begriff des Facettenblickes vor, so als schaue jeder aus 1000en kleiner Ocellen auf die Welt, die sich dadurch nicht mehr zu einem schlüssigen Gesamtbild bündeln lassen mag. Alles disparat, eine Überforderung schon im Blick auf die einfachsten Dinge. 

    Und vor lauter ubiquitärer Meinungsbekundung ist der Diskurs zu alledem enervierend lautstark geworden. Mein Befinden dazu ist letztlich das Pendant  zum Wohnen in Flughafennähe. Die Gesellschaft scheint nur noch ein einziges zum Schrei aufgerissenes Maul zu sein, eine hässlich empörte Fresse, aus der unangenehm-vernehmliche verbale Flatulenzen entweichen, wie es immerfort der Gottvater der Verbalflatulenz, ein gewisser Donald J. Trump, den Seinigen vorlebt, wenn er vor einem startbereiten Helikopter mit dröhnenden Rotoren seine lügengespickten Jeremiaden in die Mikrophone schreit. Immerfort schreiende Visagen überall. Die Thumbnails zu irgendwelchen Interviews bei YouTube zeigen bloß noch starr aufgerissene Mäuler und man darf Zank, Zeter und Mordio antizipieren. Meinung macht laut. Ein hilfloses lamento allegrissimo der General-Empörung. Eine Verschwörung gegen den Geist der Reflektion. 

    Milliarden unredigierter Subkommentare zum Kommentar in Bezug auf ein Ereignis. Die Emotion des Betrachters wird sorgfältig durch schreiende (…und zugleich völlig ins Nichts hinein interpretierende) Betitelung von Videos kuratiert: “BOMBSHELL! Trump totally DESTROYED by overwhelming evidence!!“ und natürlich ist Trump einmal mehr durch ein dämliches Video nicht ansatzweise “zerstört’’ und die 5000.te “bombshell’’ bloß ein laues aufgeregtes Lüftchen im Abendwind. Propaganda und Agitprop auch auf den linken Kanälen. 

    So vegetiert man in einer Gegenwart, die keine mehr ist. Entweder ist sie durch hirnverbrannte Totalnostalgie an ALLEN politischen Fronten verstellt oder es herrscht eine utopische Kindergeburtstags-Euphorie seitens der Vordenker oder Investoren digitaler Monumentalprojekte, die uns Zukunft einfach schlechthin als ungebremste Digitalisierung und ungezügelter Evolution von KI verkaufen. Eine klebrige Bonbon-Mentalität aus sich frohsinnig gebender Geschäftigkeit, die dem Zeitgeist mit Verlass die falschen Fragen stellt oder vorschreibt, darauf falsche Antworten gibt und einen überzüchtet-verlogenen Techno-Optimismus an den Mann oder die Frau bringen will, der der Menschheit keinen anderen Rat mehr weiß als sich einfach aufzugeben und zum Adapter im “Internet der Dinge“ zu machen. 

    Und überall der Wunsch nach Dominanz und der ungebremsten Maximalisierung des eigenen Interesses. Jeder will immer Recht, alles immer schon gewusst haben, Gegenpositionen nicht gelten lassen oder nicht einmal mehr hören (ich spreche auch hier wieder von ALLEN politischen Lagern). Ich nannte dies bereits die SUV-Mentalität der Weltbevölkerung.  Und man will jetzt auch so lange wie möglich leben und mit 80 Jahren noch aussehen wie Arnold Schwarzenegger mit 55. Oder wie Madonna mit 35, etc…Sie kriegen die Idee. 

    Auf YouTube zB schaue ich ein Video zur Stoa (welches zu klicken ich mich, zugegeben, habe verleiten lassen in einer schwachen Stunde), der Einsteller ist ca. 35 Jahre alt und bringt einige Zusammenhänge brav und leidlich gut vorbereitet auf den Punkt (allerdings mit einer charakter- und fast gänzlich kadenzlosen Stimme, die klingt, als sei er selbst ein KI-getriebener Android, dazu furchtbar viele Cuts, die natürlich intendiert sind). Irgendwann bemerke ich, was mich darüberhinaus stört: eigentlich erklärt mir hier ein Bodybuilder mit Hipster-Bart etwas über die Geburt der Stoa aus dem Geist der Askese. Da gehen zwei Dinge nicht zusammen. Ich möchte nicht von einem virilen Proteinjäger akribisch recherchierte Beiträge zur Stoa hören. Ein solcher Überbringer der Information lenkt mich von dem Ethos der Botschaft ab. Es ist so, als läse ich, sagen wir: die gesammelten Werke von Kierkegaard auf vollgeschissenem rosafarbenen Klopapier gedruckt. 

    Und überhaupt der Kult um die gestählte Physis in der digitalen Gegenwart. Ich kann den Ekel, den ich empfinde, wenn in einer “Zeitung’’ (so sie denn noch gedruckt erscheint, meist liest man ja doch schon online) bereits der dritte Leitartikel (oft schon direkt der Header) ein weiterer Beitrag dazu ist, wie man es schafft, auch mit Mitte 50 noch jugendlich-agile Muskelmasse vorweisen zu können. Wenn ich Kraftsport-Artikel lesen WOLLTE, hätte ich statt zB der Süddeutschen Zeitung die “Flex’’ im Abo. Kurz darauf sieht man, dass jedoch gerade solche Artikel zu den meistgelesenen zählen. Wenn der Haufen so etwas lesen WILL, dann sorgt die “Zeitung’’ schon dafür, dass solche Artikel keine Rarität werden. Ein irrwitziger Feedback-Loop, in dem aus durch Eigendynamik in Bewegung geratener reiner Idiotie eine Art von Perpetuum mobile wird.

    Eine solche plebejische Feier der reinen Physis, die man teils durch den Rückgriff auf antike Ideale rechtfertigen zu können meint, passt dabei natürlich perfekt auf den Kult der Virilität und Dominanz, das Wegdrücken der Gegenmeinung, das Ausblenden von Nuancen. Proteine für die Massen!! Power Yoga für (oder vielleicht besser: gegen?) alle Bedenkenträger. Auf der Yogamatte und hart an der Hantelbank gibt es keinen Klimawandel und keinen Altruismus, keine brennenden Regenwälder und Menschen, die ihre Euros fünfmal am Tag umdrehen, sondern bloß reine vulgäre Diesseitigkeit. Wer metaphysisch nicht mehr befreiungsbereit ist, dem kann man selbständiges Denken nicht mehr andienen. Man trainiert zeit- und hilfsmittel-aufwändig den eigenen Körper als gälte es, in einen Krieg zu ziehen und macht sich abends vor, man könne doch im Ringlicht vor der Laptop-Kamera auch als alternder Betriebswirt mit enormer Muskelmasse ahnungslosen Rezipienten irgendwas von der Stoa erzählen (und dann im nächsten Video aber wieder Trainingstipps für das harmonische Aufbautraining von Muskelgruppen, plus: “Welche Eiweißpulver dienen zu diesem Zweck?“). Bei Marc Aurel, Epiktet oder Seneca findet sich dann sicher auch noch ein klug klingender und aus dem ohnehin nicht verstandenen Kontext gerissener “Spruch’’, den man sich auf die Wade tätowieren lassen kann. Wadentatoos!!! 

    Vom unvergleichlich reaktionären, dabei doch jedem genuinen Intellektuellen unverzichtbaren Nicolás Gómez Dávila stammt der Aphorismus, dass die Gesellschaft nicht dumm wird, wenn nur ganz wenige schreiben, sondern überhaupt erst dadurch, dass ALLE schreiben, die Dummheit universale Verbreitung findet. 

    Und so könnte ich immer weiter machen. Damit mir jedoch das Schreiben nicht selbst zum aufgerissenen und wutschäumenden Maul mutiert, möchte ich mich ein wenig einbremsen. Ein kurzes Einatmen…halten…wieder ausatmen. Weiter…

    In diesen Dingen wäre es tatsächlich weiser, die Gemütsruhe zu wahren, indem ich die Zusammenhänge ignoriere, statt sie täglich selbst in meine Welt zu holen. Die Stoiker glaubten, dass man Sorgenfreiheit erreicht, indem man ein gutes Maß an Welt-Interesse ausblendet. An dieser Stelle betrete der immer so streng anmutende Begriff des “Verzichts’’ die Bühne. 

    Der Verzicht ist der Beelzebub dieses Zeitalters des invasiven Kapitalismus. Ein Wort, das wie Blei im Wortschatz herumliegt und das man hinausgeworfen hat wie ein rostiges Fünfpfennigstück. Ein Wort, das den meisten so sexy erscheint wie die Vulgärbezeichnungen für menschliche Exkremente jeglicher Art. Es sei vielleicht, man versucht einen Lifestyle daraus zu machen (natürlich nur für wenige Wochen, bevor man ein neues instagrammable Ding hat), indem man ein neues Label auf den Begriff klebt und ihn somit hip macht: Minimalismus. Aber Verzicht, echter souveräner und für sich selbst stehender Verzicht: einen solchen Anspruch verzeiht der Zeitgeist nicht. Wo die Wirtschaft par ordre de Mufti  wachsen soll und die Politik den Bürger (in seiner Alleinfunktion als Konsument) zur Intensivierung der Arbeitszeit diszipliniert, darf es weder den Klimawandel wirklich geben noch Verzicht eine zu (v)ermessende Größe sein. Wer verzichtet ist per se verdächtig. Da ästhetisiert einer seine wirtschaftliche Notlage, die dann wohl aus seiner Faulheit resultiert und verbrämt das miserable Ganze dann als souveränen Verzicht. Ha! Erwischt…!! 

    Daher im Gegenzug die Vulgarität der Affluenz und die ostentative Konsumfreudigkeit. Und unbedingt Reisen, reisen, Reisen! Alles kein Problem, alles Rio, New York, Tokio…am besten noch eine Hochzeit in Venedig gleich dazu (Note an mich selbst: wann kündige ich eigentlich mal mein Amazon Prime, Stichwort: Verzicht?!?).  

    Und während intendierter Verzicht eine Tugend darstellt, die einem Exerzitium in Demut gleich kommt (Verzicht als demütige Einsicht in die Tatsache, dass unausgesetzter Konsum und Überfluss korrumpieren), sehen sich andere gezwungen, ein Leben im Verzicht leben zu MÜSSEN. Verzicht, den harsche Verhältnisse uns abringen, bezeichnet man als Not. Not wiederum, die sich dauerhaft einrichtet und Körper und Geist erodieren lässt, trägt den Begriff des Elends. 

    Und elendig wirkt auch die Tatsache auf unser Bewusstsein, dass uns in der Bilderflut der Gegenwart Bilder erreichen, auf denen ausgemergelte Körper von Kindern im Jahre 2025 zu erkennen sind. Ein deutscher Kanzler bevormundet seine Bürger, dass sie mehr arbeiten müssen, damit Wachstum und Wohlstandsgesellschaft erhalten werden (der Deutsche in seiner Komfortzone “Überfluss’’) und schwafelt ansonsten noch davon, dass Israels Wohlergehen Deutschlands Staatsräson ist (als Blanko-Gewissensschein), während der von Radikalzionisten regierte Staat Israel Palästinenser grausam verhungern lässt oder gleich bei der Essenausgabe aktiv tötet. Ringen Sie einer solchen Welt mal noch konstruktiven aufklärerischen Sinn oder Geist ab. Worauf und auf welche Zukunft soll man verweisen? Darauf hat Chat GPT sicher eine klug errechnete Antwort parat, sein Large Language Model kann unsere zu reinen Rezeptoren gewordenen Hirne hervorragend belabern. 

    Es ist offensichtlich, dass bei aller Unternehmens-PR und billig durchschaubaren con-jobs das Zeitalter dem konsternierten Betrachter allein noch dystopische Ressourcen zur Verfügung stellen kann. An optimistische Ausgänge glaubt doch keiner mehr! Wir leben im Zeitalter der Antizipation. Man hält es oft derart schlecht mit dem Einbruch einer neuen Nachricht in die eigene Lebenswelt aus, dass man die Entwicklung und tiefere Bedeutung dieser Nachricht gleich mit vorweggenommen wissen möchte. (Dabei halte ich der brennend-drängenden Ungeduld der Echtzeit-Antizipation die Kraft der Extrapolation entstehender Verhältnisse, die mir schon immer zueigen war, als extrem ratsam entgegen, aber darauf kann ich an dieser Stelle und für den Moment nicht weiter eingehen). 

    Dieser Blog versteht sich ja schlechthin als ein fortlaufender Brief an die Wenigen. Ich stelle mir meine Leserinnen als kluge verständige Köpfe vor (nicht gern als Affen), sodass ich (vielleicht etwas billig) auf Verständnis zu stoßen meine, wenn ich konstatiere, dass dieses Zeitalter eine tägliche Beleidigung für den Geist ist. Tag für Tag erwacht man mit dem Bewusstsein, im falschen Film zu sein, ein Empfinden jedoch, das sich nicht abschütteln lässt wie ein Alpdruck, sondern über den Tag hinweg bei einem bleibt und es sich so natürlich wohnlich macht. Darüber erodiert einem das gesunde Weltbewusstsein und man realisiert inkrementell, dass auf den wenigen Vernünftigen mehr und mehr die Bürde des folgenlosen Besserwissens lastet. Man weiß es besser, aber kann ja auch nicht heraus aus den Verhältnissen. Idiotische Chimären regieren uns, Myriaden von verschwörungstriefenden Idioten auch sind unsere Mitmenschen, derart bittet das Zeitalter zum Veitstanz. Reaktionäre Narrative wickeln die Aufklärung und ihre Errungenschaften ab, brechen der Unmündigkeit eine Lanze und verlieren sich ansonsten in einem notorisch übel gelaunten Lamento, das überall durchtrieft.

    Deshalb also eine Ätiologie der Phantasmagorie! Das schwebt mir vor. Um die Ratio gesund zu halten, gilt es, den kollektiven und fiebrigen Wahn des krankgeschriebenen Zeitalters zu fassen zu bekommen, mit klinisch kalten Händen, mit Mundschutz, hygienisch isoliert, um sich nicht anzustecken an der Epidemie einer solchen Dummheit und der Leichtgläubigkeit des Pöbels. Diese pestilente Bestie fest fassen und ihr den Hals umdrehen, derart. Dabei bloß nicht die Miasmen dieses Unwesens einatmen. Sich so also den gesunden Geist bewahren. 

    …davon nächstens mehr…

    Meine innere Emigration, jetzt kritisch bewusst gemacht oder: Der vermistete Horizont im Zeitalter der Dummheit der Massen

    Ich stehe vor dem Hintergrund der neu herauf gebrochenen Zeiten (hier sei nur kurz angemerkt, dass ich vor allen Dingen die zweite Wahl eines Donald Trump zum Präsidenten der USA meine) in einer seltsamen Stellung zur Welt und zu vielen Freunden und Bekannten zugleich: die Zusammenhänge, vor denen ich immer gewarnt habe und deren prophetisch anmutende Beschreibung viele meiner Leserinnen irritierte, sodass man mich entweder fragte: “Hä? Wie meinst du das?“ oder “Hä? Das verstehe ich nicht.“ oder mich ansonsten gern mit einem zwangskultivierten Vulgäroptimismus überstrahlen wollte (der sich am Ende doch immer nur als das Pfeifen im Walde erwies, weil man die schlimmer werdenden Zusammenhänge in sublimierter Angst nicht konsequent bis an ihr Ende denken wollte), sind nun doch eingetreten. Wenn ich das so schreibe, was meine ich da genau? Worin bestand dieser obsessive Vulgäroptimismus?

    Die schillernde linke Blase, die sich progressive Akademiker aus den überzüchteten Geisteswissenschaften der Moderne aufgeblasen hatten und der bornierte Autismus ihrer Safe-Space-Diskurse ist schallend geplatzt und wie bei einer Kaugummiblase kleben jetzt die traurigen Reste an allen Adepten dieser Weltsicht. Aus linken und gutgemeinten Weltbeglückungsphantasien wurde ein Tugendterror, der in der Neuzeit keine Blumentöpfe zu gewinnen vermochte. Man fuhr weiter volle Kraft voraus, ohne zu realisieren, dass man die Gesellschaft verloren hatte, die Passagierabteile schon längst abgekoppelt waren vom Triebwagen der Theorie.

    Ein Grundproblem der Linken resultiert seit unvordenklichen Zeiten aus ihrem schlecht versteckten Elitarismus, der sich in der selbsterklärten Nachfolge zu Lenin und Konsorten immer noch als eine umtriebige Pädagogenkonferenz versteht, die beschließt, minderbemittelte Arbeiterkinder aufklären zu wollen und das nicht in der von ihr sonst doch so oft propagierten “einfachen Sprache“. Dieser Bildungsauftrag des Besserwissers ekelte zuletzt immer mehr Menschen an. Präskriptive Progressivität, die ihre Agenda von oben nach unten durchdrücken wollte, sich selbst dabei allerdings überspannt hat, hat ihre Zeit gehabt. Ich schreibe allein dieses tatsächlich und man merkt das ja auch, mit einer wütenden Genugtuung darüber. Nicht zuletzt, weil viel zuviel linke Energie draufging für den ganzen debilen Identitätenkarneval und der Obsession auf ein Purgatorium der Vergangenheit in der Gegenwart.

    Bloß jedoch, dass mich keiner falsch verstehen möge: die rechten Bewegungen der Gegenwart manipulieren ihre Anhänger noch viel schlimmer, auch sie bieten ihren Adepten Lügen und Emotionen, entfachen ihnen ein warm ausschauendes Tapetenfeuer in einer Kaminattrappe, stellen Potemkinsche Fassaden einer Omnipotenz im Verhältnis zur irrlichternden Gegenwart auf. Eine eingebildete Omnipotenz, die sich tatsächlich jedoch als Ohnmacht erweist vor den Verhältnissen der Zeit.

    Das Problem wiederum des linken Intellektualismus besteht dagegen darin, dass er nicht zu lernen vermag, sich auf kleinere Ziele seines belehrenden Expansionswahns zu begrenzen. Elitismus ist nichts per se Verwerfliches, sollte sich aber seiner eigenen Grenzen bewusst sein. Er hat immer etwas von einer Inselbegabung für Salonbesucher, sollte aber gerade deswegen sich nicht dazu versteigen, in einen Messianismus zu verfallen und politisches Kerygma zu künden. Es bringt und brachte von allem Anfang an nichts, kluge und mehr oder minder wohlgereifte Ideen in Richtung der, wo noch nicht dummen, da doch allzu ablenkbaren und leichtgläubigen Masse zu senden. Und eine Masse, die einen wirklich offensichtlichen Idioten wählt, muss leider legitimiert als “dumm“ bezeichnet werden dürfen. Weil soviele meiner Freunde in ihrem Ringen um das eigene Menschenbild davor zaudern und zögern, möchte ich es an ihrer Statt mutig aussprechen: Die Masse ist dumm! Und von der größten Denkfaulheit. Die Dummheit der digital gesteuerten Massen der Moderne bewirkt überhaupt die Katatonie des Linksliberalismus.

    Aber auch die versammelte Dummheit der Masse soll in diesem kleinen Wutausbruch in der Erstaufnahme für politisch Verunfallte nicht zu kurz kommen…

    • – – – – – – – – – – – – – – – – –

    ‚Wer Ohren hat, der höre!’’ (“…was der Geist den Gemeinden sagt!’’, heißt es in der Bibel im Buch der Offenbarung 2, 7) dem hätte man vielleicht noch hinzufügen sollen: “Ja, aber wer zugleich ein Hirn besitzt, der denke am besten auch dazu noch selbstständig!’’. Dies allerdings eine für die Massendummheit unzumutbare Anforderung. Kritisches Denken also: Fehlanzeige! “Denken, was ist das denn überhaupt?! Ich will nur meinen!! Ich will spüren und glauben und zornig sein und alle sind an allem schuld…außer ich!“

    In einer Nebenbemerkung sei erwähnt, dass exakt dieses Dummstellen bei den Massen den Grundton des Zeitalters abbildet. “Après nous, le déluge“…das passt schon so. Die ganze Einfalt wird überpinselt mit einem viel zu dick geratenem Farbmantel aus schillernd-illusionärer Nostalgie, einem mutwillig auf Pause gestellten Zeitenlauf und unbedingt die Maximalisierung der Geltendmachung der eigenen Position. Dies entspricht einer SUV-Mentalität, jetzt allerdings nicht auf das Möchtegerngroß-Auto, sondern auf die megalomane eigene Meinung und den Lebensstil bezogen. “Platz da, hier komme ich und nach mir die Sintflut!! Ich möchte diesen Raum mit meiner lauten Stimme und meiner Meinung allein in Anspruch nehmen, wer dagegen ist, gehört deportiert oder hingerichtet und ich möchte fliegen, konsumieren, wachsen, ich brauche mehr Raum, ich brauche mehr Dividende, Einspruch hält mich nur auf. Ich mache keine Kompromisse oder Konzessionen und die anderen reden eh nur Unsinn, außer sie sind in meinem Lager. Überhaupt war früher alles besser und bald ist endlich wieder “früher“ und hinzu noch: ich allein habe (und dazu immer!) recht und basta!“.

    Wie ein sinistrer Unstern strahlt also dieser schwere schwarze Mantel aus Dummheit, Lüge und Maximalanforderungen nun auch über dem Bewusstsein der Wenigen, die noch kritisch zu denken vermögen. Die Leicht- und Dummgläubigen.  dagegen fühlen sich aufgeklärt, wenn sie ein neonlicht-fahles und trügerische Hoffnung versprechendes Licht blendet. Derart wurde aus der Aufklärung ein Obskurantismus. Das erhellende Licht wurde zum verlogenen Blendwerk. Ein Zeitalter der obskuren (Miss-)Information liegt vor uns. Alles Verblendung, Lüge, Fake, Maschination (durch die digitale Technik noch befeuert) und Hass in alle Systeme gefeuert und synapsenhaft beschleunigt durch die unzähligen Kanäle des Informationsflusses. Ein informationsübersättigtes und zerschossenes Facettenbewusstsein schaut hinein in eine durchlöcherte Welt, in der sich kein Bild mehr zu einem Gesamteindruck fügt.

    Wie ich es an anderer Stelle schon schrieb, bekommt, wer den Clown wählt, einen Circus. Wer sich nicht davon abbringen lässt, seine unreflektierte Meinung ständig wie eine lautstarke Flatulenz in den Raum zu entlassen, der kann auch ein aus solcherlei Flatulenzen aufgeblasenes Michelinmännchen wie Trump wählen und daran glauben, dass dieser die Glorie imaginierter vergangener Zeiten wieder herstellt.

    Das grundlegende Übel liegt nun für die empfindsameren und intelligenteren unter den “spectatores horroris’’ darin begründet, dass man an alledem nichts ändern kann, sondern sich den neuen Verhältnissen ausgesetzt und überlassen fühlt: viele Menschen möchten ja immer gern hören, wie man die unseligen Verhältnisse ändern kann. Ist die Antwort denn tatsächlich allein der Verweis auf Coping und Resilienz? “Du kannst die Umstände nicht ändern. Nur sie aushalten.’’  ? Die verkürzte Antwort darauf lautet vorerst: ja!

    Sicher sollten neue Formen des Umgangs des Einzelnen mit den katastrophalen Rahmenbedingungen die Forderung sein, die die Zeit an die uneinverstandenen und wenigen verbleibenden kritischen Geister sendet: eine genuin philosophische Haltung zur Welt, die weiß, dass es nun nurmehr gelten kann, eher das Innere der Außenwelt und ihren Umständen anzupassen (gar nicht im Sinne eines gänzlich resignierten Konformismus, sondern eher in einer realistischen Adaption an die Verhältnisse). Ein Stück weit erinnert dies tatsächlich an innere Emigration. Und tatsächlich ertappe mich dabei, wie ich in die innere Emigration gehe. Wobei ich mich im Verhältnis zur Gegenwart wohl ohnehin schon seit langer Zeit darin befand. Aber erst jetzt wird es mir selbst so gänzlich unverstellt bewusst.

    Wenn das jetzt manchem Leser im Hals quer liegt als Konzept, weil er oder sie bei sich denken mag: “Aber wir wollen unsere Energie doch mit Entschluss darein legen, die Dinge zu verändern!“, so soll er oder sie sich doch auch vor Augen führen, dass genau das zu nichts geführt hat in all den Jahren zuvor: die Dinge mit Gewalt verändern zu wollen. Wen hat man denn mit dieser Form der Aufklärung erreicht? Man wollte aufklären, aber sah nicht, dass die Leute lieber ins Blendlicht schauen. Der invasive Kapitalismus, den ich schon vor 15 Jahren beschrieb (es hat mich aber kaum jemand verstanden, was nur am überschüssig vorhandenen Vulgäroptimismus aufseiten der Unverständigen lag, nicht an mir) hat vorerst gesiegt. Wir sind tatsächlich an diesem Punkt angelangt, den die meisten selbst gewählt haben: “Mach mal weiter die Umwelt kaputt und betreibt Raubbau an der Erde, bitte! Ich möchte in meinem SUV zum Shoppen fahren und dreimal im Jahr Fernflüge veranstalten. Ich kaufe dafür aber auch im Bioladen, größtenteils. Versprochen!“ Grünes Wachstum und so, ne?

    Warum ich mich so echauffiere: adressieren Sie mal noch mit ihren Weltbeglückungsphantasie eine Masse, die sich intellektuell längst abgeschrieben hat und Populisten wählt, weil sie glaubt, diese könnten ihnen eine glorreiche Gegenwart und Zukunft schenken, in der man nichts ändern muss an seinem eigenen “geilen“ Leben, das bitte ewig so weitergehen soll. “No alarms and no surprises.“ Da bringt Ihnen ein politisch-korrekter eifriger Bekehrungswillen gar nichts mehr. Solche Massen müssen erst wieder mit den harschen Resultaten ihrer dämlichen Wahl konfrontiert werden, bevor sie verstehen. Woran wollen Sie appellieren? An den gesunden Menschenverstand? Der hat vorerst ausgedient und irrem Unverstand Platz gemacht. Sprechen Sie es mir nach: die Masse ist und macht dumm. (Als Bemerkung zur Seite: nicht zuletzt deswegen war dieses literarische Unterfangen hier von vornherein als Tagebuch für die Wenigen konzipiert.) Sie können vor den neuen Verhältnissen vorerst nur still resignieren und sich an sich selbst halten. Sich selbst wappnen dagegen, die wenigen Verständigen der Gegenwart aufsuchen und sich um sie scharen, die Verständigen der Vergangenheit aufsuchen und sich an ihnen laben, an den Geist der Veränderung glauben, der auch wieder aufziehen wird, aber bis dahin wandelt man einen langen dunklen Weg durch das Unterholz einer schwarzen Zeit. Noch einmal also, dieses erbauliche Mantra: man halte sich an sich selbst und seinesgleichen. Man bewahre sich die Unabhängigkeit und den Mut des eigenen Denkens. Kommen Sie auch gern an mein Herdfeuer, wann immer Ihnen danach ist und lassen Sie uns gemeinsam der Hoffnung ein Wort reden. Zeitalter der Dummheit neigen mit Verlass dazu, auf Dauer an ihrem eigenen drückenden Mief zu ersticken. Leider geschieht dies oft nur um einen hohen Preis und unter maximal erschöpfendem Zehren von den Geduldsreserven der Vernünftigeren unter uns. Die Welt der Dummen ersetzt den Kantischen, vom Licht der Vernunft bestirnten Himmel durch den himmelschreienden Gestank eines Schweinestalls, durch dessen vermistete Fenster kein Horizont mehr zu erkennen ist. Von “per aspera ad astra“ (“Auf rauhen Wegen hinauf zu den Sternen!“) zu “ab stultitia ipsa egreditur in stabula angusta“ (“Von der Dummheit selbst in die engen Schweinekoben getrieben“) war es gar kein so großer Schritt für die Menschheit, wie es scheint. Und die meisten fühlen sich noch wohl in diesem Dreck.

    Stellt man dem Linksliberalismus und seinen bisherigen Zielen auf diesem Wege die Sterbeurkunde aus, so heißt dies allerdings noch lange nicht, dass man den Sieg der Dummheit als notwendiges Übel sub specie aeternitatis hinnehmen muss. Es grassiert “nur“ eben in diesem Zeitalter eine Pandemie des (Un-)Geistes, eine Form ansteckender Dummheit, zugleich: die mutierte aggressive Spielart einer erlernten Hilflosigkeit in Bezug auf den gesunden Menschenverstand und sinnvolle Maßnahmen zur Rettung des eigenen Seelenheiles. Stattdessen demonstrativer Unverstand und ein beschwingt von sich selbst überzeugter Aufbruch in den blinden Wahn(sinn), als gehe man auf großer Reise beiden Zielen entschieden freudig entgegen.

    Mein Text soll bei alledem dennoch nicht den Ruch der Verzweiflung, viel eher dagegen die starken Lähmungskräfte einer Verdrossenheit des politischen Sendungsbewusstseins vermitteln. Mein Antrieb ließe sich runterbrechen auf die im Grundsatz relevante Frage: wie lässt sich ein re-zivilisatorischer Diskurs in einem solchen Zeitalter noch beginnen, da man den Glauben an die Universalität eines Vernunftprinzips und humanistische Ideale verliert? Wie lässt sich das lähmende Gefühl innerer Emigration (die zwar ein Schutzprinzip darstellt, auf Dauer aber nicht trägt) und politischer Ausweg- oder Hilflosigkeit vermeiden? Fragen, die noch zur Beantwortung ausstehen.

    Eine präzisere Analyse dieser Dummheit des Zeitalter, die übrigens eine zutiefst invasive Dummheit darstellt, habe ich für heute nicht einmal begonnen. Dazu dann versprochen…

    …nächstens mehr…

    Ihr Paul Duroy

    Eine Eloge auf mein Leser-Ding Mickey Mouse 0815

    Zunächst einmal danke ich herzlich dem Leser oder der Leserin oder dem Leser-Ding für den wunderschön die Grenzen zwischen einer gewissen Eklogen-Poesie und braver Zuspruch-Prosa abschreitenden Leserkommentar unter meinem letzten Text für die Teilnahme an meinen Ausführungen an diesem Orte. Es ist der erste Chat-GPT-generierte Kommentar, den ich erhalte und das schmeichelt mir im Rahmen meiner Möglichkeiten. Aber schreiben Sie gern beim nächsten Mal den Kommentar doch selbst mit der Anteilnahme Ihres eigenen Herzens, wenn anders Ihnen ein solches schlägt.

     Spannend bleibt es allemal, den Maschinentext auf seine simulierte Empathie abzuklopfen. Seit auf youtube-Kanälen extrem positive, letztlich: über-affirmative User-Kommentare in Schwärmen auftauchen (deren User-Name immer ein Name, kombiniert mit einer vierstelligen Ziffer ist), ist man (das bin ich) auf der Hut, bevor man sich eine schmeichelnde Zierfeder an denselbigen stecken lässt. Sind da russische Bots im Spiel mit einer interessanten neuen Strategie, die gewohnte Toxizität von Internetkommentaren mit gänzlich affirmativen Kommentaren zu variieren und Autor und Leser in ihrer vermuteten eigenen Echokammer einzusperren? Ein ganz anderes Thema für einen anderen Schreibtag im Leben des Paul Duroy. Stellen wir uns jedoch für heute naiv, stellen wir uns vor, es hätte tatsächlich ein Anteil nehmender Leser oder Leserin hier sein oder ihr Herz in die Schanze geworfen und setzen dementsprechend wie folgt fort:

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    Eine schöne, um Rat suchende und durchaus schon ins Praktische zielende Frage warf dieser maschinenassistierte Leser, die Leserin oder das Leser-Ding auf:  

    “Inwiefern ist es möglich, sich in einer Welt, die so stark von Selbstinszenierung und Oberflächlichkeit geprägt ist, dieser Demut wirklich hinzugeben? Wie lässt sich dieser Widerstand gegen den Zeitgeist konkret leben?’’ 

    Die Antwort fällt einfach aus: durch Entsagung und geistige Autonomie. Was heißt Entsagung? Man enthält sich selbst der Oberflächlichkeit und dringt der eigenen Tiefe auf den Grund. Den Geist zieht man dabei nach Möglichkeit ab von der exzessiven Beschäftigung mit den weltlichen Dingen. Natürlich muss jeder sein Leben im so wohl auch nur genannten “Alltag’’ bewältigen, jedoch sorge man dafür, dass der Geist gestählt wird. Das Fitness-Studio für den Geist sind Betätigungen der Entsagung von der rauschenden Welt der Mehrheit: Lesen, Denken, über das Gedachte schreiben, sich beim Schreiben fragen oder beim Fragen schreiben. Dazu Mut! Abstand vom phrasenhaften Diskurs halten, großen Abstand. Noch einmal zur Welt finden und sich so selbst neu finden. Die medial vermittelte Realität nicht konsumieren und nicht reproduzieren. Sich dem Konsum entziehen. Verzicht üben (dazu beizeiten mehr). Konkret auch zur Demut vor der Zeitlichkeit: sich klarmachen, dass man nichts mit hinüber trägt. Dies auch hervorragender Tipp zur Vermeidung von Besitzmehrung: sich eventuell immer vorstellen, man wäre, sagen wir: 80 und müsste allein! auf sich gestellt umziehen: könnte man das alles noch mitschleppen, was man besitzt? Könnte man all die Kisten noch selbst packen und dann auf den Umzugswagen wuchten? Bräche man nicht vor Erschöpfung dabei zusammen? Bräche man nicht auch metaphysisch zusammen dabei: lohnt sich denn all das noch in meiner verbleibenden Zeit? Alles ein Fluch. Demut, so scheint mir zunehmend, bedeutet auch, den Besitz, den man schon hat, von leichter Hand nur noch zu lieben und nicht weiter zu häufen. Ein leiser Abschied in Richtung der Dinge, die man hat, Streuung des Verlustes. Auch das hält demütig vor der Zeitlichkeit. Und vor allen Dingen dies: nicht zum Komplizen der Zeitgenossen oder des Diskurses und der Moden werden. Selbst nicht in den wohlwollend gemeinten Dingen. Sich also nicht gemein machen mit dem Massensog. Die eigene Tiefe ausloten und wenn man keine findet, sie selber schürfen. Alles nur eine Frage des Wollens, der Geduld und der demütigen Hingabe, auch an die Selbsterkenntnis. Die Disziplin, Abstand zu nehmen und halten zu können. Auch strategisches Alleinsein von Zeit zu Zeit ist kein schweres Verbrechen. Sich das immer klarmachen. Sonst hört man den An-Spruch aus dem eigenen Innern heraus nicht, hat dafür kein Gehör und bleibt sich selbst gegenüber taub. Bitte mich nicht fragen, was dieser An-Spruch sei. Hören Sie Ihre eigene Stimme als Dank, dass Sie sich eine Weile auf sich selbst zurückgezogen haben. Und auch dann gilt wieder: schreiben Sie alles auf. Und tragen Sie diszipliniert die Demut vor sich hin wie das Panier Ihres mutigen Entschlusses dazu.

    Omnes eodem cogimur. Wir alle werden dorthin verfrachtet. Auch ich. Sie auch. Sich die Tatsache der Vergänglichkeit täglich vor Augen führen, diese Disziplin und dieses Exerzitium vollbringen: das allein heißt schon die Demut wahren im 21. Jahrhundert. Wenn Sie also demütig werden wollen und geistig autonom zugleich: denken Sie nicht von außen nach innen, denken Sie von innen nach außen. 

    …nächstens mehr…

    Eine Auskultation aussterbender Werte I: Paul Duroy erzählt erbaulich über die säkularisierte Demut als Realisation der eigenen Sterblichkeit

    “Wie gerne, o wie gerne möchte ich zur Stunde in Eurem Kreise weilen! Mit welchem Jubel möchte ich Eure bewundernswerte Gemeinschaft in meine Arme schließen, mögen auch meine Augen nicht würdig sein, Euch zu schauen! Sehen würde ich da eine Einöde zwar, aber eine Gemeinde, lieblicher als irgendeine; sehen würde ich eine Stätte, zwar von ihren Einwohnern verlassen, aber wie das Paradies von Heiligenchören bevölkert. An meinen Sünden jedoch liegt es, daß mein schuldbeladenes Haupt sich Eurem seligen Kreise nicht eingliedern darf. Deshalb beschwöre ich Euch: rettet mich durch Euer Gebet aus der Finsternis dieser Welt!“

    Hieronymus von Antiochia, “Epistulae“

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    Das wäre mal ein Auftakt, wenn ich meine Leser bäte, mich durch ihre Lektüre meiner Texte aus der Finsternis dieser Welt zu befreien. Welche Demut! Welche Anmaßung zugleich. Ich aber will im Heutigen bloß einige Worte einer Form der zeitgemäßen Demut widmen. 

    Dazu vielleicht zunächst einige philologische Betrachtungen, man achte zB darauf, dass der Demut der feminine Artikel beigeordnet ist, was schlichtweg darin begründet liegt, das selbige keinen (maskulinen) Mut im Sinner eines Wagenwollens bezeichnet, sondern eine Gemütsstimmung oder -haltung. Also ähnlich wie im Englischen: “mood’’. Die Demut war im Althochdeutschen ursprünglich die “deoh-muoti’’, bezeichnete damit also eine gewisse Gestimmtheit, zu dienen, sich untertan zu machen. Weil es immer sehr ergiebig und lehrreich ist, sich in die Etymologie der lateinischen Entsprechung zu begeben, offenbart der Blick auf die “humilitas’’, dass das Lateinische hier direkt an die Erde anspielt, das tief unten Liegende, zu dem sich der Demütige niederbeugt, vgl. auch: “humus’’ für den Erdboden (welche Etymologie sich noch im modernen englischen Pendant “humble’’ findet). Man geht also auf die Knie, um die Demut zu bekunden. Proskynese als Bestimmung. Der gute alte Kirchenvater Hieronymus, Einsiedler und Asket in der Wüste Chalkis konnte noch demütig die Mönche von Antiochia darum bitten, für sein Seelenheil zu beten. Vor wem aber kniet man im 21. Jahrhundert? Wem ist man dienstbar? (Und was eigentlich ist Seelenheil dem 21. Jahrhundert noch?) 

    Wem gibt man sich hin in der gottlosen Welt? Der Islam trägt seine Motivation im Glauben direkt im Namen vom arabischen إسلام (i’slama) für das Sich-Niederknien, Sich-Unterwerfen. Aber eine säkularisierte und zunehmend von Algorithmen-disziplinierten Synapsen durchzogene Welt erkennt keine Autorität eines Gottes mehr an. Jedoch auch einer noch so klugen KI wird keiner zu Füßen fallen vor Anbetungslust. Wer nicht glaubt, unterwirft sich nicht. Wer nicht existentiell einschneidende Sanktion aus dem Höheren fürchtet, unterwirft sich nicht. So enden schließlich die Zeitgenossen der digitalen Moderne des 21. Jahrhunderts fast allesamt als Apostaten im technisch-rationalen Geist. 

    Der Demut korreliert, auch ganz ohne theologische Implikationen, immer eine Form der Autorität. Denn es muss ein Supremat als Relatives geben, dem gegenüber man sich beugt. Welches man entweder existent weiß oder existent glaubt. In diese Richtung zielt auch die Dankbarkeit ab (lat.: gratitudo), die jedoch Thema eines weiteren Textes unter diesem Rubrum werden könnte, bei welcher man sich ebenfalls in ein Verhältnis setzt zu einer existenten oder als existent geglaubten Relation, der gegenüber man sich zum Dank verpflichtet fühlt. Doch während die Dankbarkeit in der Gegenwart, im Unterschied zur metaphysischen Dankbarkeit, oft noch einen konkreten Adressaten hat (man hat ein Geschenk oder Hilfe bekommen und ist dem Schenkenden oder Helfendem dankbar), ist die Demut in dieser Hinsicht eine schwanke Entität (von einem Wert mag man vielleicht gar nicht reden), die in welche Richtung eigentlich adressiert? Wem gegenüber mag man sich in der Gegenwart demütig verhalten? 

    Denn eines ist sicher: wenn dieser Begriff in der Gegenwart überhaupt  (oder außerhalb des sexuellen Kontextes, in dem er ja durchaus vibrant sein mag), irgendwo noch in den Fokus gerät, muss die Demut rückgekoppelt werden an utilitaristische Wertschöpfung. Da finden sich dann tatsächlich (sicher gutgemeinte!) Ratgeber für die Karriere unter solchem Titel: 

    https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-65646-4

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    Die tiefer schürfende Frage für eine Bestimmung des Begriffes in der Gegenwart lautet also: “Wem gegenüber gibt man sich demütig im 21. Jahrhundert?’’. Um dann schwer zu leiden bei der Beantwortung dieser Frage. Aber die erstaunlichste Antwort darauf dürfte sein, dass eine Demut gegenüber dem Tod (oder, wenn Sie es weniger sinister mögen, dem ganz diametral entgegen aufgefasst: dem Lauf des Lebens gegenüber) auf der Agenda steht. Philosophisch sollte man letztlich vielleicht von der Demut gegenüber der Zeitlichkeit sprechen. Diese Zeitlichkeit bzw die Erkenntnis und/oder Akzeptanz derselben ist tatsächlich Voraussetzung zur Demutsbefähigung. Wer die eigene Vergängnis realisiert, erfüllt beste Voraussetzungen, sich in Demut in dieses Verhältnis zu begeben. 

    Während also religiöse Demut, die mittelalterlich-christologische “devotio’’, sich explizit dem religiösen Autoritätsregime des personal gedachten Numinosen hingibt und sich zwischenmenschliche Demut der Autorität einer anderen Person übergibt oder gar überlässt, zielt die säkularisierte Demut auf ein sich unterordnendes Verhältnis gegenüber der Zeitlichkeit, letztlich also dem Tod, hin. Und ist gerade deshalb eine solch rare Entität im 21. Jahrhundert. Denn ohne eine Autorität, die einen unterwirft, dienstbar macht oder uns überredet, ihr untertan zu sein, kann eine Entität, der ich mich unterwerfe, ohne dass sie wesentlich Zwang oder Macht über mich ausübt (wenngleich die Freiwilligkeit des Demütigen zugleich immer gegeben sein muss in diesem Verhältnis), kaum zu finden sein.  Zugleich unterliegt der Tod in der Gegenwart einer gesellschaftlichen Omertà. Die Antizipation der eigenen Vergängnis ist derart offensichtlich, dass sie versteckt werden muss in eben dieser Offensichtlichkeit. Die Gesellschaft klammert sich ans Leben, weil sie den Tod in Demut nicht denken darf, will oder kann (ein Grund dafür, warum in der Gegenwart ein so seltsam banal-gehypter Kult nach der nunmehr sog. “Longevity’’ herrscht). Statt den Tod zu feiern, zelebriert man die ostentativ bis ins hohe Alter generierte Fitness als Drill zur Anlaufbeschneidung des Todes. Jedoch offenbart der Demütige der Gegenwart dagegen seine Demut vor dem Absoluten der Zeitlichkeit. Wenn keiner für ihn betet (i.e. ihn erlöst), weil alle das mittlerweile gänzlich vulgäre, nicht-transzendente Leben feiern, muss der Zeitlichkeitsdemütige die metaphysische Zeit beknien, dass sie ihm Seelenheil schenken möge. Welches man ja nachweislich nicht kaufen kann. Also: work out your own salvation. Kein Gott im Himmel, aber die Zeit im Nacken: man unterwerfe sich der Zeitlichkeit. 

    Der Demütige gegenüber der Zeitlichkeit entschließt sich dazu, dem trivialen Ego- Pomp und der aufgeblasenen Bedeutungsheischigkeit der Gegenwart durch Reduktion auf sich selbst und sein Verhältnis zur Zeit zu entfliehen. Es ist dies zugleich eine Abkehr von jeder Eitelkeit (es sei denn, man wolle eine solche Abkehr missgünstig selbst wiederum als Eitelkeit interpretieren). Die Vanitas, wie das Lateinische die Eitelkeit bezeichnet, ist zugleich Hohlheit (lat. vanis: hohl, leer, Schein, Wahn). Sie ist hohl, weil sie Werten nachjagt, die allesamt der Vergängnis anheimgestellt sind und ebenso untergehen werden, wie der Begehrende untergeht. Man entgeht also den hohlen Idolen und Idolatrien durch Reflektion auf die Zeitlichkeit, wie selbst also dieser Text ein Exerzitium einer solchen Abwendung von den Dingen und eine Hinwendung zur Demut des Schreibens ist oder zumindest darstellen soll. 

    Demut bedeutete in dieser Konsequenz also das Sich-Unterwerfen unter die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und dem Schwinden der Kräfte. Eine Demut für das 21. Jahrhundert bewegt sich gegen den Strom der affirmativen Diesseitigkeit. Sie kann sich in ihm bewegen, aber sie unterwirft sich nicht ihm, sondern der Zeitlichkeit, die dem Demütigen ein Fenster zur Welt aufgemacht hat, dass sie ihm auch wieder schließen wird. 

    Der Demütige hält sich alles dies präsent und hängt darum konsequent nicht sein Herz und schon gar nicht seinen Verstand an den Besitz all der vielen Dinge. Die Zeitlichkeit ist dabei die Autorität, der er seine Demut widmet. Hier ist die Demut als Haltung zur Welt eine Kraftquelle ex negativo. 

    Das Geschenk der Schönheit ist die Last der Eitelkeit (donum pulchritudinis onus vanitatis est.) Was wie ein römischer Sinnspruch des Horaz klingt, träumte mir einst in einer Nacht in meinen jungen zwanziger Jahren. Eine dem Traum entrissene Zeile, mit der ich am 21.5.1997 in einen wunderschönen Maitag erwachte, ich war verliebt und hübsch, ich war selbstverliebt und ein Arschloch. In meinen Enddreißigern habe ich mich dann in Dankbarkeit der Weisheit meiner werden wollenden Halbglatzigkeit hingegeben, einem wundervollen Eitelkeitsräuber, der einem die einst opulenten Haare zugleich mit raubt und die Schönheit in den leeren Raum, aus dem sie einst geborgen ward und geborgt war, zurückstößt und diesen Fluch der Jugend weiterreicht, bis auch sie die Illusion ihrer Unsterblichkeit realisiert. 

    Für mich gilt jedenfalls: seit ich optisch nicht mehr in der Liga der Alphatiere und Model-Aspiranten mitspielen musste (wie lästig war dies in all den jungen Jahren zuvor), fiel eine Bürde von mir ab, und ich habe diese Hingehaltenheit in den Haarraub des Schicksals zugleich mit meiner atemberaubenden Krankheit ohne viel Aufhebens fast direkt umarmt und mir lieb gehalten, weil soviel Symbolisches darin lag. Demut vor den Umständen, vor dem wehenden Spiel der Zeit, der Manifestation des Alterns, der Reife und Größe, mit der etwas in mir schon d’accord gehen will mit dem eingeschriebenen Ende und darüber sogar Frohsinn verspürt und mit mehr Lust nun also den reifen Saft aus dem Leben zieht. 

    Eine zeitgemäße Demut drückt das eigene Ich aus Selbstzweck klein. Ein aufgeblasenes Ich dagegen ist nämlich dem Fraß der Zeit hilflos ausgesetzt und stolpert in Verzweiflung in den Verfall all dessen, was es einst band und ihm die Welt zusammenhielt. Wer sich der Vergängnis überhoben fühlt (deshalb ja die lateinische “superbia’’, der Hochmut), den wird die Vergängnis umso härter zur Tagesordnung rufen, weil dieser sich nicht zuvor geübt hat in Demut vor dem unausweichlichen Niedergang aller organisierten Materie. Man denke an schönheitsoperierte Stars, die dann von Jahr zu Jahr schlimmer aussehen, wie fehlgeratene Masken ihrer selbst. Demut bedeutet wohl auch, die Verhältnisse des eigenen Herausgehaltenseins in die Welt zu umarmen, statt diesen zu fliehen oder sie zu bekämpfen. Es sind vergebliche Kämpfe um die Beständigkeit des eigenen Ichs, das sich viel besser in die Welt und den Lauf der Zeit fügt, wenn es sich der Zeit überlässt. Im modernen Jargon könnte man also feststellen, dass man sich in der Erkenntnis der bevorstehenden notwendigen Niederlage gegenüber dem Endgegner Zeitlichkeit demütig gibt. Wie schnell man auch läuft und wie irre auch, davon; sie holt einen ein. Legt man sich aber in Demut zärtlich vor ihr nieder, so wird man reich und die einst strapaziös wunschgetriebene und dadurch wundgeriebene Seele heilt in Entsagung all der eitlen Ziele in den Händen der klugen Zeitlichkeit, die genaue Waage hält über Bestand und Vergehen, Halten und Verlieren, ohne Beglückungsanspruch an das Individuum. Das klingt derart schön pathetisch, dass es für den Moment zum Schlusswort gereicht. 

    …nächstens mehr…

    Auf Amokfahrt in die Apokalypse im Cybertruck

    “Biografiebewußte Menschen (…) sagen gerne: “Es hat mich nie etwas von meinem Weg abbringen können…’’ Dem kann ich nur entgegnen: es hat mich alles immer und immer aufs neue von meinem Weg abbringen können.’’

    Aus: Botho Strauß, Die Widmung, 1977

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    Nehmen Sie das Zitat, wie Sie es mögen, liebe Leser.  Die letzten Tage waren jedenfalls sehr facettenreich und anstrengend und es bot sich mir keine Gelegenheit oder doch vielleicht: keine Kraft! mich in den Steinbruch meines Schreiben zu begeben. Jetzt aber! Wir haben nicht viel Zeit, darum fangen wir gleich an, ich möchte einen kursorischen Stechschritt durch die wichtigsten Zusammenhänge aus der wöchentlichen Weltgeschichte aufnehmen und hoffe zudem, ab Sonntag wieder etwas lieferanter auftreten zu können. 

    Weil ich aus mehreren Richtungen gefragt wurde, wie ich generell dazu stehe, wenn der Fall Assange mit dem Fall Nawalny verglichen wird (da gibt es gerade in der Linken wieder interessante Spielformen des immer so enervierenden “Whataboutism’’ zu beobachten, nach dem Putin-Motto: “Ja, und was hat denn aber der WESTEN zuvor gemacht?’’. Eine Logik, nach der IMMER das Ei vor der Henne da ist.). Jedenfalls dazu nur im Anriss für den Moment: natürlich ist es eine Schande, wie die USA mit Assange umgehen oder umzugehen gedenken. Dass man auf eine uraltes Spionage-Gesetz aus dem Jahr 1917 verweist (dem Espionage Act, der im übrigen auch auf Edward Snowden angewandt würde, würde er je aus dem russischen Exil zurückkommen in die USA), und den derart Angeklagten im Extremfall die Todes-, zumindest aber eine Haftstrafe drohte, die in Jahrhunderten zu messen ist, ist eines westlichen Staates nicht würdig. 

    Was noch? Ach so, Sie ahnen es: Trump! Allen Beschwichtigungsversuchen vieler meiner Freunde zum Trotz, die mich noch anfangs des Jahres auf die vielen Verfahren hinwiesen, die Trump noch vor sich hat und dass Nikki Haley vielleicht doch überraschend gewinnen könnte im innerparteilichen Auswahlverfahren der Republikaner und dass es ja ohnehin noch lange hin sei bis November: die meisten dieser eher zum Ausdruck gebrachten Hoffnungen als schlagenden Argumente sind seit spätestens vorgestern Abend nun bereits im März hinfällig! Was ist passiert? Der US Supreme Court, also die amerikanische Entsprechung zu unserem Bundesverfassungsgericht, wird ein Ersuchen der Trump-Anwälte annehmen und ernsthaft überprüfen, ob die in diesem Ersuchen erbetene “absolute Immunität’’ eines US-Präsidenten bestätigt werden kann, was im Grunde einem Persilschein für eine jegliche nicht justiziable Handlung eines amtierenden US-Präsidenten gleichkäme. De facto eine Unfehlbarkeitslegitimation, aber für den Präsidenten statt dem Papst. Ein amtierender US-Präsident zB könnte dann tatsächlich jemanden ermorden und würde dafür rechtlich nicht belangt. Wenn Sie jetzt glauben, das sei übertrieben: nein, exakt dies würde eine vom US Supreme Court “bescheinigte’’ (und politisch nachgereichte) Immunität eines Präsidenten bedeuten. Aber er kann ja auch einen Mord an der Verfassung begehen, was noch schlimmer wäre. Egal, was Trump machen würde: er könnte für nichts belangt werden.  

     Jetzt höre ich schon viele erwidern: “Ja, schon klar, aber: Trump kann ja viel fordern, jetzt liegt die Sache ja vor dem Supreme Court, die werden das natürlich abschmettern.’’ Auch hier: das Gegenteil ist der Fall. Genau DAS wollte Trump erreichen: dass das von ihm zu seiner Amtszeit brachial konservativ “vollgepackte’’ Höchste Gericht der USA über die absolute Immunität befindet. Denn es ist schon ein extrem schlechtes Zeichen, dass der Court diese Petition überhaupt anschaut und sich vornimmt. Ein kluger Court hätte ein direktes Zeichen der Ablehnung einer solch absurden Vorlage schon alleine dadurch gesetzt, dass er das Ersuchen eiskalt abgelehnt und somit signalisiert hätte, dass selbiges exakt der Schwachsinn ist, nach dem es sich anhört. 

    Was passieren wird: in den nächsten Wochen wird das US-Verfassungsgericht befinden, dass ein US-Präsident absolute rechtliche Immunität genießt. Die gesamten Zivilverfahren gegen Trump wären von jetzt auf gleich hinfällig. Kein Knast für Trump, er könnte entspannt durch den Wahlkampf in Richtung November segeln. Sollte er dann am 7.11. die Wahlen gewinnen…dark Utopia.  

    Und da ist dieser miserable Poltergeist und muss nur noch warten, dass sich für ihn alles so fügt, wie es absehbar erscheint.  Er kann sich seinen Wählern noch weiter als “victim King’’, einem “König der Opfer’’ also (wie ihn vor kurzem der brillante Journalist Anand Giridharadas in einem MSNBC-Interview nannte) präsentieren und die “Ich bin der demütige Idiotenkönig, der für euch, liebe Wähleropfer, in die Bresche springt und die Schläge eurer Feinde hinnimmt, die für euch gedacht sind!’’- Nummer auffahren oder wie Trump das immer so lächerlich bei seinen Wahlkampf-Rallys auf die Formel bringt:  “They’re not coming after me, they’re coming after you. I am your retribution!’’. Eine Parole, die ihm wahrscheinlich sein Vordenker Steve Bannon in die Rede geschrieben hat. 

    Apropos Steve Bannon, einmal mehr: es ist eine Schande (liegt aber wohl in der konsequenten Natur diabolischen Intellekts), dass dieser Einpeitscher und im Grunde einer der wichtigsten Ideengeber Trumps und des neuen religionsgeladenen Konservativismus sich dafür hergibt, das letzte bisschen Anstand aufzugeben und den schmierigen Popanz Trump als Transmissionsriemen für seine konservativen Vorstellungen eines komplett fiktiven “1955: everybody is prosperous and happy-forever-America’’ zu nutzen. Bannon, der Mephisto der konservativen Bewegung der USA, nutzt die gewaltigen dummen, aber durchschlagenden Energien eines Trumps und der US-Evangelikalen, um seine wertkonservativen Vorstellungen durchzuboxen, an deren Ende allerdings eine autokratisch-reaktionäre USA stehen wird, die ähnlich der Römischen Republik in ihrem Untergang nach Caesars Ermordung in eine byzantinische Autokratenherrschaft übergehen wird. Wie Rußland anno 2024, nur als USA. Bizarro-Amerika. Ausgerechnet Bannon gibt sich dem Populismus hin. Um all das abzusichern, hat er einen bizarren Auftritt auf kürzlich noch beschriebener CPAC hingelegt: es ist ihm nicht zu blöd, einfach zu  behaupten, Trump habe die Wahlen 2020 gewonnen und daraus einen Chant zu machen, in der Hoffnung, dass die Idioten in der Halle diesen dann auch aufnehmen und skandieren: “Trump won! Trump won! Trump won!’’. Ich erspare Ihnen einen Link zu dem Ereignis. Stattdessen, falls Sie mögen, ein älteres Interview mit Bannon, aus welchem ersichtlich ist, dass man bei DIESEM Mann leider nicht auf Dummheit verweisen kann. Das ist so ein Fouché der Gegenwart, ein Mann der Insinuationen (ok, mit Megaphon!), der die Herrschenden wie eine Puppe benutzt. 

    Was an Bannon zugleich so sinister fasziniert: er hat damals schon vorhergesagt, dass die Medien all den Unrat nicht einfangen können, den das bewusste Scheißverhalten eines Trumps und überhaupt der Konservativen erzeugt. “Flooding the zone with shit!’’ war da immer schon das Motto! Sich nicht schämen, einfach durchziehen, was bislang keiner durchgezogen hat und solange man dann vorerst “nur’’ gegen moralische Gesetze oder gegen als Konventionen tradierte Gepflogenheiten verstößt, kann einem keiner was. Und die Trumpwähler werden es ohnehin lieben. Dagegen kommen “gesunde’’ liberale Medien nicht mehr an. Da kann man bis ins kleinste Grad hinein fact-checken, bis der Arzt kommt: soviel Scheiße lässt sich nicht mehr einfangen. Irgendwann interessieren selbst die normalen Leute die Fakten nicht mehr. Man ist weichgekocht und winkt nur noch ab. The sinner takes it all. 

    Ach, das muss reichen für heute. Eigentlich wollte ich mich noch ein wohlig wärmend in die Nesseln setzen und über das israelische Vorgehen im Gazastreifen schreiben, aber dazu ist es nun vorerst zu spät geworden, dem widmen wir uns am späteren Sonntagabend. Dazu nur kurz: Israel überspannt seinen offen formulierten Anspruch auf unser aller Denkfaulheit arg, wenn es verlangt, dass wir nach nunmehr knapp 31.000 Toten auf palästinensischer Seite, von denen die Mehrheit Frauen und Kinder sind, erwartet, dass wir direkt wieder lächelnd nicken, wenn es heißt: “Was ist denn bitte am 7.10. passiert?’’. Schon ganz klar, was da passiert ist. Aber das israelische Vorgehen in dieser Art und Weise, wie es jetzt erfolgt, offenbart bloß, dass der Satz, dass Israels Staatsraison deutsche Staatsraison sei, sich exakt in dem Moment als absurd erweist, wenn eine ultrarechte israelische Regierung eine monumentale Bulldozer-Politik gegenüber den Menschenrechten fährt. Galt es für Israel nicht, den selbstbeanspruchten “moral highground’’ nach den Hamas-Terror des 7.10.2023 zu wahren? Stattdessen entschied man sich für ein Vorgehen, bei dem die Befreiung der israelischen Geiseln von vornherein keine Rolle spielte. Bislang sind der absolute Großteil der Geiseln durch direkte Verhandlungen freigekommen, freigekämpft dagegen wurden Stand heute drei Geiseln! Dagegen stehen drei israelische Geiseln, die von den israelischen Streitkräften (IDF) erschossen wurden. Die Zahlen sagen alles.  Wer dazu die schwarzweißen Drohnenbilder des Vorfalles gesehen hat, bei dem die IDF über 100 ausgehungerte Palästinenser töteten, die in ihrer Verzweiflung LKW’s mit Nahrungsrationen stürmen wollten, hat ein ganz schlimmes Gefühl. Das kann eben auf Dauer nicht hinhauen, wenn mir perpetuelles Mitgefühl für israelische Opfer des 7.10. abverlangt wird, ich aber mein Mitgefühl für palästinensische Opfer, die unter israelischer Ägide sterben, wirklich gänzlich abstellen soll. Nein, so läuft das nicht. Und ich mag mir auch keine sympathisch (oder auch gar nicht) wirkenden Pressesprecher der IDF mehr anhören, die in unterkühltem “matter of fact’’-Gestus erklären, warum auch heute wieder alles nach den besten geprüften Maßstäben so miserabel ablief im Gazastreifen und warum der jeweilige “Kollateralschaden’’ des Tages in der palästinensischen Bevölkerung nicht zu vermeiden war. Und unsere Leitmedien entdecken plötzlich überall (und sogar unter israelischen Bürgern) Antisemiten. Konservative Leitsterne der Springer-Presse wie ausgerechnet (ich bitte Sie!!) : “Die Welt’’  und “Bild’’ hüllen sich in ihren philosemitischen Deckmantel (und besticken ihm im Gegenzug unverblümt mit einem leuchtfreudig zur Schau gestellten Anti-Arabismus, mit dem man dann gleichzeitig auch das Flüchtlingsthema zu erledigen hofft. Nur immer feste druff!). 

    Oh weh, jetzt bin ich ja doch noch in den Furor der Nacht geraten. Nun, das musste wohl auch mal wieder sein. Für heute also mal kein Comic Relief (ach, schöner Doppelsinn, wie mir gerade erst auffällt!), das mag Sonntag wieder folgen. Falls Sie mögen, freuen Sie sich, liebe Leser, für die nächste Zeit bereits einmal auf Kolumnenbeiträge über den Tod, zur Ubiquität der Dummheit (einmal mehr), Quälgeister aus dem DC-Universum, meine Erregung über die unselige “Kanonen und Butter’’-Debatte und mindestens noch auf einige Reflektionen auf die resignierte Utopiefeigheit unserer doch eigentlich “modern’’ zu denkenden Welt. Wir können nur Dystopie, die Verhältnisse geben es nicht anders her. Also, im so auch nur genannten Cyber-Truck von Tesla mit Vollgas und Vierrad-Antrieb auf in die Apokalypse. 

    https://www.tesla.com/de_de/cybertruck

    Was soll ich dazu noch sagen?

    …nächstens mehr…

    Ihr Paul Duroy 

    XII

    Der beleidigte Gott spricht Recht über die Gebär-Mutter oder: Theologie und Justiz-eine Hochzeit in der Hölle

    In den USA befürworten die Republikaner (das Wort “dulden’’ wäre noch zu schwach) letztlich eine Einmischung Russlands in den amerikanischen Wahlkampf 2024. Wie ja schon 2016 Russland zu nicht unerheblichen Teilen die Wahlen dort mitentschied, indem es die Email-Accounts von Hillary Clinton und einige ihrer engsten (und privat teils untereinander appetitlich amourös verstrickten) Mitarbeiter hackte (wozu Trump Putins private Cybertroll- und Hacker-Armee noch ermutigt hatte) : “Russia, if you’re listening…find me those emails.’’ und einige Tage später wurden exakt die angeforderten Emails zur rechten Zeit, in der glühend-heißen Phase des Wahlkampfes, auf russischen Cyberforen publik gemacht. 

    Die Republikaner setzen darauf, dass Russland schon noch etwas Kompromat finden oder anderweitig fake-produzieren wird. Für dummgläubige Trumpwähler braucht man dabei nicht einmal besonders ausgereifte Fake-Videos oder -seiten, da reicht schon billiger Agitprop, dass diese Leute ALLES glauben, was ihnen vorgesetzt wird. Noch einmal explizit zum Mitschreiben: eine amerikanische Partei setzt und hofft darauf (“hofft’’ erscheint mir jetzt sogar noch besser als “befürwortet’’), ja: baut! nahezu darauf, dass durch russischen Dreck und Schmierkampagnen die US-Wahlen zu Gunsten ihres Wurstkandidaten Donald Trump gewonnen werden. Ein slawischer Autokrat möchte einem willfährigen Autokratenhandpüppchen zur Macht verhelfen, umso den wichtigsten und mächtigsten Teil der westlichen Welt auszuschalten und unter Kontrolle zu haben. 

    Der Irrsinn, mit dem sich in den USA und aus den USA kommend die Verhältnisse der Demokratie wandeln, sind so erschreckend wie rapide. Ich konnte heute kaum einen Brechreiz unterdrücken, als ich mir mal das mögliche Trump-Ministerkabinett angeschaut habe und die Selektionsliste möglicher Kandidaten für das Vizepräsidentenamt. Die ekligsten Stiefellecker und machtlüsterne Lakaien, Leute, die 2020 die Lüge von der Wahlfälschung verbreitet haben und den Sturm auf das Capitol am 6. Januar 2021 nie verurteilt, sondern eher noch begrüßt haben. Ein übler Nepotismus der Minderbegabten, denn wer zB möchte den Trump-Schwiegersohn Jared Kushner als Außenminister haben? Oder eine Person wie Marjorie Taylor-Green als Justizministerin oder Vizepräsidentin? Den für Trump Nazi-Reden schreibenden jüdischen US-Bürger Stephen Miller als Verteidigungsminister? Ich kann hier nicht auf alle Details dieser gestern geleakten Personalien eingehen, aber es gleicht einer Fahrt durch die Geisterbahn im Abonnement. Als Trump anno 2016 ins Amt kam, gab es zum Glück tatsächlich noch einige “adults in the room’’, wie man das damals immer nannte, die Trump erratische Tiraden einfangen und abfedern sollten, also tatsächlich noch “idiocy containment’’ betrieben. Beim nächsten Run jetzt wäre alles anders: es wären nur noch Idiotie-Abonnenten im Trump-Kabinett, die liebedienerisch alles betrieben, um Trump zu gefallen und die USA zur reaktionären Theokratie zu wandeln (siehe auch meinen letzten Eintrag an dieser Stelle). 

    Apropos Theokratie, ich hatte jetzt nochmal den exakten Wortlaut zum erläuternden Kommentar eines der Richter des Verfassungsgerichtes von Alabama recherchiert, bei welchem ja “festgestellt’’ worden war, dass bereits die früheste Stadium eines Zellhaufens, der als Embryo bezeichnet werden könnte, eine “rechtliche Person’’ darstellt, also Leben, das nicht abgetrieben werden darf. In diesem Kommentar zum Urteil lässt Bundesrichter Tom Parker verlauten: 

    “Human life cannot be wrongfully destroyed without incurring the wrath of a holy God, who views the destruction of His image as an affront to Himself.” 

    “Menschliches Leben kann unmöglich in Sünde zerstört werden, ohne dass dies den Zorn des Heiligen Gottes auf sich zieht, der die Zerstörung Seines Ebenbildes als eine Ihm zugefügte Beleidigung ansieht.’’

    (Übersetzung durch den Autoren)

    Man beachte neben der Tatsache, dass die Gott bezeichnenden Pronomen in Großbuchstaben aufgeführt werden, auch unbedingt die präzise und im Ton sehr apodiktische und somit jeden (Selbst-)Zweifels über- und enthobene Kenntnis der Gottesinnerlichkeit durch einen US-Bundesrichter, der genauestens bescheid weiß, was Gott erzürnt und was Gott so richtig richtig böse macht. Dieser Jurist hat Einblick, an solchen Rechtssprechern ist ein veritabler Bibelexeget verloren gegangen. Hätte besagter Tom Parker mal lieber in der Theologie seine Berufung erfahren: er hätte nicht annähernd soviel Schaden anrichten können wie jetzt mit dem Urteil in Alabama. Was für ein erbärmlicher Kretin, der über Frauen “Recht’’ spricht und mit Jurisprudenz verwechselt, was als Liturgie von der Kanzel schon vor 50 Jahren kaum noch taugte. Ein Gott für Dumme, die ihn verdienten übrigens, der sich derart in die Karten schauen ließe. Eine Epiphanie für Schwachsinnige, ein trauriges Mahnmal dafür auch, was in dieser Zeit falsch läuft, in der die Richter eines demokratisch geglaubten Landes in konsequenzenreichen Urteilskommentaren theologische Lehrbeiträge vorbringen, als gälte es, zölibatäre Konventszöglinge zu belehren statt mündigen Bürgern einer (doch zum Glück!!) säkularisierten Moderne gegenüberzutreten. Wer mehr über diesen “Richter’’ und seinen Hintergrund erfahren möchte, sei auf diesen sehr informativen Beitrag der amerikanischen Newssite PBS verwiesen: 

    https://www.pbs.org/newshour/nation/bible-quoting-alabama-chief-justice-sparks-church-state-debate-in-embryo-ruling

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    ACHTUNG ACHTUNG: ENTWARNUNG!!

    …diese, um es mal mit dem verschmitzten Gestus eines Jean Paul zu versuchen, Unter-Überschrift, gilt als alarmierende Entwarnung aber nicht zur politischen Weltlage, sondern allein zum weiteren Schreibverlauf meiner Kolumnen in hoc loco probato: in den letzten Tagen erreichten mich teils um mehr Kolumnen bittend, teils ärgerlich-verärgerte, teils liebevoll-besorgte, teils Zuschriften im Gestus eines sauren Abonnenten, der zwei Tage in Folge seine Tageszeitung nicht postalisch erhalten hat (und sich derart von der Post Posthorn-gehörnt vorkommt), teils unter therapeutisch-simulierter Empathie, in die man katzenbissig einige dornige Vorwürfe eingebacken hat (“Man ahnte ja auch schon, dass du es nicht TÄGLICH schaffen wirst, aber so ist es doch auch ganz schön.’’), diesen allen sei jedenfalls gesagt: unser Autor als “Dichter unter des Lesers Lupe’’ schafft und schafft und auch wenn ihn die Brotarbeit und teils doch unterschätzte Tage voller A-bopa und manchmaliger Paralyse etwas einschränken, so wirkt er doch Tag für Tag schreibend und entwerfend fort, sichtet Material aus seinem Leben und könnte bereits jetzt, zu dieser Stunde, vier bis fünf weitere Einträge am Stück in die Welt entlassen, wäre da nicht das Problem der eingeschränkten Energie, der fordernde Schlaf. Ich werde das Einreißen des zunächst angekündigten täglichen Rhythmus’ dadurch kompensieren, dass ich mir die Tage, an denen ich nicht veröffentliche, in meinem “Schuldenbuch vor dem Leser“ notiere und sie dann “hinten dranhänge’’, sodass dieser Blog nicht exakt 365 Tage läuft, sondern eben um die geschuldeten Tage länger. Ich vermute, Sie verstehen das besser, als es mir hier zu beschreiben in der Müdigkeit nach Mitternacht noch möglich ist. 

    Meine fleißigen und wartenden Leser vertröste ich mit diesem Text auf die nächsten Tage. Beim nächsten Mal soll es auch darum gehen, wie es ist, tief in der Diaspora der ehemaligen DDR zu leben, tief im Wilden Osten Sachsen-Anhalts, eine Gegend, die für viele meiner Freunde aus dem Westen wie eine Einladung zur Abreise wirkt. Das hat, wenn ich für heute noch einmal Jean Paul-verschmitzt schreiben dürfte, den Vorteil, dass die wenigen Gäste, die zu mir finden, dafür auch nicht solange bleiben. Meine Leser dagegen wollen bleiben und fordern mehr, das haben sie bestimmt verdient. Ihr liebevoll-forderndes Drängen und Bedrängen hat etwas vom Sporenstich des lesenden Reiters in meine gehetzten Flanken, aber ich habe mir dies selbst zuzuschreiben; ich habe es herausgefordert, nun soll es mir Motor meines Schreibens sein. 

    …nächstens mehr…

    Ihr Paul Duroy

    XI