“Henry de Montherlant hatte recht: Schriftsteller sind Monster. Gottlose, unmoralische Vampire.’’
Leila Slimani
“Noch viel dunkler soll sie mir werden. Als wäre finster nicht schon die Nacht. Bald bin ich ganz darin geborgen, des nächtens schon mein ganzes Wesen…und alle Schatten fliehen mich.’’
Paul Duroy, Nachtgestaltet (1992)
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Als Junge so um die zehn Jahre schwankte ich bei der Angabe meines Traumberufes zwischen Frauenarzt und katholischer Priester. Ohne die Antizipation jedweder womöglich bis auf die Knochen durchschlagender Blamage habe ich das Leuten, die mich fragten (dazumal noch mit einer gewissen Gravitas in Bezug auf meine eigene künftige Bedeutsamkeit auf diesen Betätigungsfeldern) so entgegengebracht: “Gynäkologe oder katholischer Priester.’’ Erst Jahre später verstand ich die Reaktion meines Onkel Dieters darauf so recht: “Ja, dann ma Zange oder Zölibat! Du Päddelken hass’ ja noch wat Zeit zum Nachdenken, wa?!’’
Auf beiden Feldern hatte ich schon früh erste Impressionen gewonnen. Vom Besuch beim Frauenarzt mit meiner Mutter hatte ich durch alles andere als verstohlene Blicke durch den Spalt, wenn ich “hinter den Vorhang’’ musste, erste Impressionen aus der Gynäkologie gewonnen. In allem Priesterlichen dagegen war ich durch unzählige Kirchenbesuche und mein übersteigertes Interesse an der Theologie geschult. Was damals schon meinem Kommunionspriester aufgefallen war, als ich nicht nur sämtliche Fragen zum Katechismus beantworten, sondern je dazu auch noch Impromptu-Informationen anbieten konnte, in welche kindlichen Stegreif-Vorlesungen ich geschickt noch solch wohlklingende theologischen Fachworte wie Parusie, Apophthegma, Kairos, Epiphanie und dergleichen mehr einzuknüpfen und zu erklären (ungefragt!) wusste. Ich fand mich selbst erst viel später in dieser Hinsicht sonderlich. Ebenso wie die Frage des Priesters: “Dann ist dir doch sicher auch das Zölibat ein gängiger Begriff?’’
Aber ich verliere mich. Meine Berufung zum Schriftsteller dagegen habe ich erst später verspürt. Und ich spreche hier bewusst von der Berufung, einem Rufen nach mir. Und dieser an mich ergehende Ruf wirkte wie ein An-Spruch, wie der einzige Wille auch, der immer in mir war. Er erging an mich, sobald ich ihn mit (ich denke?!) : 13 Jahren, das erste Mal vernahm, immer aus der mich bergenden Tiefe der Nacht. Die Verbündete meines Schreibens war von allem Anfang an die Nacht. Das hieß nicht, dass ich nicht auch am Tage schreiben konnte, aber das beste Schreiben gelang und gelingt mir in der Nacht. Hat nicht vielleicht allein schon deshalb die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leila Slimani, die wiederum den heute völlig zu Unrecht weitestgehend vergessenen französischen Schriftsteller Henry de Montherlant zitiert, schon recht, wenn sie Schriftsteller mit Vampiren vergleicht?
Was dafür spricht: das wirklich starke Schreiben ging schon in der Kindheit nur in der Nacht, es war gar nicht anders möglich. Gezwungenermaßen im verwegen tänzelnden Schein der Kerzen. “Das Licht hat nachts aus zu sein!’’ , hieß es im quasi-militärischen Zuchtduktus meines Stiefvaters, “Nachts sind nur die Asozialen wach!’’. So wurde mir immer das Glühlampenlicht einfach im Vorbeigehen an meinem Zimmer ungefragt ausgemacht oder sogar meine kleine Leselampe zerstört, damit ich nicht nachts lese. So kam ich überhaupt erst auf die Kerzen, denn die schienen nie durch den kleinen Türspalt hindurch. Vorm Zubettgehen bereitete ich mir immer noch eine Kanne schwarzen Tees zu und dann ging es an das Lesen und/oder Schreiben. Gestartet bin ich mit Gedichten (mein erstes Gedicht schrieb ich auf einen Kirschbaum, den ich in unserem Garten gepflanzt hatte, der inzwischen schon zwei Jahre alt war und den mein Stiefvater im Jahr darauf absägte.) Schnell kamen erste Essays hinzu, ich schrieb viel über die Zeit, die Freiheit und den Willen. In diesem Alter entwickelte sich mir ein Blick, der immer hinter die Dinge schaute, der durch die Oberfläche bis auf den Grund oder Abgrund der Zusammenhänge ging. Meine Mutter hat natürlich mitbekommen, dass ich nachts schreibe. Einmal kam sie ins Zimmer und flüsterte mir zu: “Machst du jetzt nachts noch deine Hausaufgaben, du kleiner Vampir?’’ – “Nein, ich schreibe.’’ – “Aber was schreibst du denn zu nachtschlafender Zeit jetzt noch?’’ – “Für mich!’’
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Eigentlich konnte mir damals die Dunkelheit nicht lange genug dunkel sein. Wie habe ich die Tage vor allen ab Mitte September bis zur Wintersonnenwende geliebt, in dem Bewusstsein, dass mir jetzt sogar noch mehr Dunkelheit geschenkt wird von Tag zu Tag. Die Herrschaft des Reiches der Nacht. Wie gern bin ich mit meiner Mutter im Dunkeln heimspaziert vom Friedhofsbesuch am Grab meines Vaters. “Husch husch aber jetzt, es wird schon dunkel!’’ – “Ja, das ist schön.’’ Ich erinnere mich noch daran, dass ich nach einem dieser Spaziergänge heim vom Friedhof zuhause in der Nacht ein Gedicht schrieb, in welchem mein Vater Stimme als lyrisches Ich erhielt und in welchem er mich zum Schreiben aufforderte, “…wider den Tyrannen’’.
Zur Grausamkeit eines Vampires hat er mich natürlich nicht ermahnt. Der Schriftsteller als gottloser Vampir…das macht mich sinnen. Der Schriftsteller ist in erster Linie einmal ein Räuber und Schenkender zugleich. Er raubt Nerven, Geschichten, Worte und Erlebnisse, Eindrücke und Freuden, Enttäuschungen und tiefsten Gram. Aber dann schenkt er das alles auch wieder anders zurück. Aber ein Vampir? Nun gut, schon als Kind nahm einen mancher Mitmensch als kalt und blasiert wahr, stur oder verstockt, zu ernst oder unerschütterlich, je nach Lesart. In gewisser Hinsicht habe ich mir daraus schon als Kind eine Reserve aufgebaut, dass andere mich wahlweise als Sonderling oder Sprachgenie, altklug oder hochtrabend sahen, mich als arrogant oder eigenbrötlerisch betrachteten. Mir hat das immer gefallen. “Euer Sohnemann macht immer men auf Marke Eigenbau, aus dem wirse nich’ schlau!’’, meinte unser Nachbar einmal, und auch das hat mir gefallen. Dass die Leute mich nicht ausrechnen konnten. Ist man darum also ein Vampir? Einer, der schon ganz gut allein sein kann mit der Nacht. Ohne Angst vor ihrem langen Währen. Ohne Angst auch vor den Dämonen der Nacht, die mir eher immer Glück bescherten und Wohlgefühl. Keine Spur von Sorge. Es wäre sogar gänzlich falsch auch nur zu schreiben: ’’In der Nacht konnte ich der Sorge stark begegnen!’’, sondern in der Nacht begegnete mir gar keine Sorge.
Und verweist vielleicht also dies hier auf den Vampir: die “Soliloquia nocturnalia’’, die suchenden Selbstgespräche in der Nacht? Das Abschreiten des Grates zwischen Selbstbekenntnis und Verschleierung? Zwischen der Offenheit und dem verstockten Herzen? Eine reuelose Ausgeburt der Nacht (immerhin ja tatsächlich um Mitternacht geboren, also Rückkehr in die Heimat der Nacht!)?
Ich sehe es so: das eigene Wesen wurde in der Kindheit in die Nacht verfrachtet und hat sie so lieben gelernt. Ganz so wie bestimmte Tiere, die ursprünglich tagaktiv waren, aus Angst in die Nacht getrieben wurden, so hat mein Walten es lernen müssen, seine glückliche Freude in der Nacht zu verspüren. So macht es vielleicht auch Sinn, dass so mit 13 Jahren ein Kellerraum mit zwei winzigen Gitterfenstern mein eigentliches Kinderzimmer wurde. Eine subterrane Schriftstellergenese. Was habe ich da unten geschrieben, auf dem seltsamen alten Lindenholzschreibtisch meines Vaters. Wer sich da die Mühe gemacht hätte (aber warum bloß?) und sich herabgebeugt zu diesen kleinen Fensterchen und durch die Gitterrauten zu mir herabgesehen hätte, was hätte dieser wahrgenommen?
Dabei fällt mir gerade noch eine andere Episode aus der Kellerepoche ein, die einen gewissen Schauer auslöst, wie ich ihn gerade verspüre aus allzu spät nachgereichter Erkenntnis und zwar wie folgt: an einem Abend, an dem ich es mir gerade im Keller eingerichtet habe und in mein Herlitz, Din A4 kariert-Heft mit 3 cm Rand schreibe, öffnet sich knarrend die alte Holztür des Kellers, deren Außenriegel ich von innen durch einen Spalt geschlossen habe und der Vermieter Herr Kaplanczyk (der Mann ist schon lange tot und nicht googlebar, daher sei er hier erwähnt) in den Keller hineinlugt, mit dem deutlich verschämten Blick des Ertappten. “Ah, ich dachte, hier ist zu!’’, so der Schnüffler damals in etwas windschiefer Logik und fügte dann, sich langsam wieder fangend, in Angesicht meiner offensichtlichen Schreibexerzitien, den Spruch hinzu: “Hier sitzt ja ein junger Dostojewskji, hm? Ja, dann mal weiter Glück auf!’’, machte ein zustimmend-gönnerhaftes Gesicht und nickte in ebendieser Weise noch ein bisschen zwinkernd vor sich hin, bevor er wieder rausging. “Machen Sie den Riegel noch zu!’’, rief ich ihm hinterher. An diesem Abend schrieb ich einen Text, der zwischen Lyrik und autobiographischer Prosa oszillierte: “Ich bin der Gnade nicht bedürftig.’’ Das muss man sich mal geben! Was da an an fast fröhlicher Selbstkasteiung drin steckte. Vampire wollen nicht erlöst werden, so scheint es jetzt.
Ach ja, und warum die Gänsehaut, was lässt mich an dieser Erinnerung schaudern? Vielleicht denke ich weiter, als der gute Herr Kaplanczyk es intendiert hatte, aber mir kamen gerade beim Schreiben Dostojewskjis “Aufzeichnungen aus einem Kellerloch’’ in den Sinn? Hatte er sich darauf bezogen? Auf diesen abgrundtiefdunklen Meilenstein der Literatur? Diese späte Erkenntnis inspiriert und irritiert mich zugleich.
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Aber nun naht der Tag und die Schaffenskräfte des Vampires geraten ins Schwinden. So muss ich auf einen zweiten Teil dieser Reflexionen in der nächsten Zeit verweisen. Wenn die geneigte Leserin diese reflectio interrupta nun als Grausamkeit auffassen mag, so findet das Wort vom Vampir wohl vielleicht tatsächlich seine Berechtigung. Zu lange trank ich jetzt schon vom köstlichen Blut der Nacht.

…nächstens mehr…


