Es ist Pfingsten, Heiliger Geist und so, wir erinnern uns, aber viel habe ich nicht zu erwarten, schließlich bin ich vor circa einem Jahr nach einer Reihe von Anlässen und reiflicher Überlegung aus der Kirche ausgetreten. Nie war ich mir einer Entscheidung sicherer als dieser. An jedem einzelnen kirchlichen Feiertag beglückwünsche ich mich dafür, losgelassen zu haben was mich zeitlebens behinderte, seit ich als Kind dank Umbauarbeiten an den Beichtstühlen eine Stufe unter dem Kaplan knieend meine Sünden aufzählen sollte und mich entsetzlich schämte, ein paar erfunden zu haben, da mir die einzige, nämlich frech zu meiner Mama gewesen zu sein, zuwenig erschien. Freiwillig betete ich damals zehn Vaterunser zu den aufgetragenen drei dazu, auch aus Dankbarkeit, nicht auf der Stelle im Steinboden versunken zu sein, und schwor Jesus, meinem einzigen Freund, wir erinnern uns erneut, ihn im Gegensatz zu seinen irdischen Vertretern niemals zu belügen.
Das war auch nicht notwendig, Jesus weiß ja ohnehin alles. Gott kann man nicht täuschen, er sieht angeblich sowieso alles, schaut bloß gelegentlich oder immer öfter angewidert weg, weil wir Menschen es partout nicht auf die Reihe kriegen. Eventuell hat er aber auch eingesehen, dass ihm ein Fehler unterlaufen sein könnte, als er zu guter Letzt noch uns auf die Erde schupfte. Die würde ohne Menschen weit besser funktionieren, nie war es so offensichtlich wie heute, also jetzt, nicht nur an diesem Pfingstsonntag, sondern eh ein paar Wochen vorher auch schon.
Die Geister, die wir riefen, sind wohl ein paar zuviel. KI zum Beispiel haben wir gerade noch gebraucht. Nie wieder wird ein Kind aus eigener Anstrengung Hausaufgaben machen, seit es nicht einmal mehr mittels persönlicher Handschrift beweisen muss, dass es immerhin noch selber abgeschrieben hat, was seine elektronische Nachfrage ergab. Neuerdings erledigen Tasten, wozu unsereins noch Füllfeder oder Stifte benötigte. Ein Knirps erzählte mir neulich, er lasse sich von Alexa eine bestimmte Geschichte vortragen, die er nicht selber lesen möchte, aber demnächst inhaltlich nacherzählen muss. Seine Mutter war ganz stolz, wie schlau der Siebenjährige schon ist. Zu wissen, wo man sein Wissen herbekommt, ist ja auch ziemlich nützlich. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass wir zu jeder Zeit Strom haben, damit wir nicht, wie etwa kürzlich an der Supermarktkasse, plötzlich doch wieder einen Geldschein zücken müssen, weil die Bankomaten spinnen. Wie sehr wir nachhinken, merken wir immer erst dann, wenn die Systeme versagen. Den einen Schritt voraus ist maximal die jeweilige Person, die den spezifischen Schwachsinn programmierte, als sie noch sicher sein konnte, intelligenter zu sein als alle anderen. Das ist aber auch schon Vergangenheit. Wir haben doch jetzt KI. Die Zeiten sind vorbei, als man noch mittels vager Schätzung den PC overrulen konnte, wenn er sich verkalkuliert hatte, aus Gründen, die wir, die des Lernens noch mächtig sind, nachvollziehen können, wie Tippfehler, Stromschwankungen, Updateverzögerungsverluste oder tausend andere Möglichkeiten. Die Kinder der Letzten Generation etwa brauchen das alles nicht mehr, glauben sie. Ihr Vorstellungsvermögen versinkt mit jedem Wisch am Handy im Meer der Phantasielosigkeit, doch sie müssen sich nicht sorgen, sie werden ohnehin so allumfassend elektronisch manipuliert, dass sie der Meinung sind, tatsächlich noch eine eigene Meinung bilden zu können.
Das hat auch was Beruhigendes. Ich zum Beispiel hatte immer Angst davor, zu ertrinken. Oder in einem Feuer qualvoll umzukommen. Oder aus großer Höhe abzustürzen, vielleicht aber auch bloß von einem Bären umgerempelt zu werden. Die heutigen Kinder brauchen nur ein funktionierendes Smartphone samt Internetverbindung, und schon können sie die Lösung ihres Problems googeln und idealerweise auch gleich per Drohne zustellen lassen. Das erspart das Gegrübel davor doch sehr. Es macht frei, könnte ich mir vorstellen. Früher brauchte es den Heiligen Geist und viel, unglaublich viel Glauben, um sich gewappnet zu fühlen. Manche schafften es ein Leben lang nicht, ohne dies alles das Mühselige überleben zu wollen. Im vermutlich letzten Drittel meiner Daseinszeit ist mir da ja doch ein unglaublicher Schritt gelungen, künftig so ganz ohne kirchlichen Beistand dem Jenseits entgegen zu steuern. Ha! Ha? Hat Jesus mir etwa gerade was ins Ohr gezwitschert? Nein, wir twittern nicht, unsere Unterhaltungen sind durchdrungen vom Geiste der seelischen Verbundenheit. Aber er hat Recht. Glaube ohne Kirche funktioniert, Kirche ohne Glauben nicht unbedingt. Man ist nicht verlassen, wenn man der Institution Kirche den Rücken kehrt. Der Geist des Glaubens bleibt, solange man ihn benötigt. Er ist einer von den guten – Geistern.