Der folgende Text entstand im wesentlichen als Hausarbeit, ich bitte daher die ein oder andere den akademischen Anforderungen geschuldete Weitschweifigkeit zu entschuldigen. Auch wurde offenkundig einigen Zitaten Gewalt angetan, sie stehen nicht aus innerer Notwendigkeit im Text, sondern weil der Betrieb Studierenden keine eigenen Gedanken zutraut, so sie nicht durch die Gedanken von Autoritäten abgesichert werden. Zuletzt ist der Originaltext auf Russisch zitiert, ich denke man versteht mich aber auch, ohne dass ich diese Zitate austauschen, es wäre mir gerade einfach viel zu viel Arbeit.
- Einleitung:
Eine Auseinandersetzung mit dem Werk Aleksandr Isaevič Solženicyns, die versuchte, dieses in seiner inneren Literarizität zu begreifen, blieb bis heute im europäischen und angelsächsischen Raum, wie auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion weitgehend aus. Selbst für die ob ihres Erscheinens mit Beginn der Tauwetterperiode, des erkennbaren Drangs zur vollendeten Form, und nicht zuletzt ob ihres überschaubaren Umfangs so geeignete Erzählung „Один день Ивана Денисовича“ (im Folgenden „день Ивана“)ist das weitgehende Fehlen fundierter literaturwissenschaftlicher Analysen zu konstatieren, ganz, als habe der eiserne Vorhang Kritik und Urteilskraft auf beiden Seiten enge Grenzen gesetzt. Im Nachruf der Zeit auf den 2008 verstorbenen Solženicyn scheint eine Ahnung der Problematik auf, die westliche Intellektuelle dazu zwang, durch die historische Bedeutung Solženicyns den adäquaten Blick aufs Werk sich verstellen zu lassen: „[Er] wurde als einer der Totengräber der Sowjetunion zum größten Schriftsteller der vergangenen Jahrzehnte“1. Mehr als dreißig Jahre früher reflektiert Marcel Reich Ranicki im selben Blatt auf die Fehlerhaftigkeit einer losgelöst politischen Perspektive, und verfällt doch in eine solche. Nur so kann er sich als Literaturkritiker überhaupt erlauben, festzustellen: „…ob es sich dabei auch um eine bemerkenswerte ästhetische Leistung handelt, ist eine Frage, die unerheblich scheint“2. Immerhin, auch die Sowjetunion konnte mit Solženicyn als Literaten wenig anfangen: Der zwanghaften Adelung zum sozialistischen Realisten folgte die Verbannung. Was zeigt sich darin, als dass Kritik und Theorie stets auch Produkt der gesellschaftlichen Verfasstheit sind, aus der heraus sie entwickelt werden?
Möglich also, dass was im Folgenden unternommen wird, erst nach dem Fall des eisernen Vorhangs mit der gehörigen geistigen Beweglichkeit erledigt werden kann, nun da von diesem Werk gesagt werden kann, was zur Kunst des kapitalistischen Westens konstatiert wurde, dass „der Gebrauswert … der Kulturgüter … durch den Tauschwert ersetzt“3 sei. Erst aus dieser formellen Gleichheit mit andren Werken, die den „ день Ивана“ konkreter politischer Nutzbarkeit entkleidet, lässt sich womöglich der Abstand gewinnen, ihn literarisch zu begreifen. Was nicht heißen soll, das Werk seines kritischen Moments zu entledigen. Getreu der Erwiderung Theodor W. Adornos auf Georg Lukács Essay »Wider dem mißverstandenen Realismus«, ist vielmehr darauf zu insistieren, dass sich Kunst „in der Realität [findet] … ihre Funktion in ihr [hat], … auch in sich vielfach zur Realität vermittelt“, gleichwohl sie, „ihrem eigenen Begriffe nach antithetisch dem gegenüber [steht], was der Fall ist“4.
Es folgt daraus, das ästhetische Qualität, wie es in der Debatte der 70er und 80er Jahre üblich war5, nicht einfach behauptet oder bestritten werden kann. Sie ist am Gegenstand zu entwickeln, aus den inneren Widersprüchen heraus und in Bezug gesetzt zum Ganzen. Für die Analyse des „день Ивана“ bedeutet das, die Herausarbeitung stilistischer Besonderheiten vor dem Hintergrund einer allgemeinen strukturellen Analyse zu betreiben, denn: „einzig … Technik realisiert die Intention des Dargestellten“6. Daher soll angelehnt an John F. Dunn (und im kritischen Dialog mit Lukács) zuerst eine Formbestimmung des Werkes in Bezug zu seinem Gegenstand vorgenommen werden, sowie das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem anhand der sprachlichen Gestaltung nachvollzogen werden, wozu sprachliche Mittel erst zu beschreiben, und dann ob ihrer Funktion im konkreten Textzusammenhang zu untersuchen sind. Schließlich werden mögliche Widersprüche von subjektivem Erfahren und objektiver Struktur7 an zentralen Beispielen der Zeiterfahrungen des Hauptcharakters vertieft werden.
Stets wird dabei zu beachten sein, dass die chronologische Privilegierung struktureller Analyse selbst der Darstellung verpflichtet ist, und nicht logisch aus dem Gegenstand hervor geht. Vielmehr müsste für die Literaturkritik gelten, was auch der Philosophie erst ihre Erkenntnis stiftende, nicht ideologische Legitimation verleiht: „Nicht über Konkretes ist zu philosophieren, vielmehr aus ihm heraus“8
- Das Lager schreiben – vom Lager Geschrieben? Über die Vermittlung von Text und Gegenstand in „Один день Ивана Денисовича“.
2.1 „Ein Tag im Leben“ – Die Perspektive als zentrales Mittel der Gestaltung?
Mit John F. Dunn, der eine der wenigen literaturwissenschaftlichen Analysen des „день Ивана“ in deutscher Sprachevorgelegt hat, kann Solženicyns Text im Großen und Ganzen der spezifisch russischen literarischen Gattung der povest´ zugerechnet werden. Dies begründet sich aus dem für die Gattung typischen relativ „kleine[n] Umfang, [der] verhältnismäßig unkomplizierte[n] Struktur, und [dem] chronologischen Handlungsverlauf“8. Dunn erklärt lapidar und treffend „Der äußere Aufbau des OD ist einfach: Der Text schildert den Tag eines Häftlings vom Aufwachen bis zum abendlichen Einschlafen“9.
Jener Häftling ist Ivan Denisovič Šuchov. Der Leser begleitet ihn exemplarisch durch die Stationen eines fast beliebig erscheinenden Tages.Dies geschieht rein äußerlich ohne größere chronologische oder räumliche Brüche, was sich in der Gestaltung in sofern niederschlägt, dass weder Kapitel noch andere Unterteilungen für sichtbare Zäsuren im Textkorpus sorgen. Šuchovs Tag verläuft Ereignisarm, unspektakulär und nach strengem Regime, keine spezielle Gegebenheit, kein Höhepunkt hebt diesen einen Tag aus dem Leben Ivan Denisovičs hervor. Dunn fasst zusammen: „Ivan steht morgens auf und geht abends wieder zu Bett, er marschiert morgens zur Arbeit und abends wieder zurück, er wird morgens gefilzt und Abends wiederum“10. Aus der Monotonie vermittelt sich, wie etwa Georg Lukács in seinem berühmten Aufsatz „Solshenitsyn and the new realism“ feststellt, ein Eindruck von Wiederholbarkeit, Endlosigkeit: „it never occurs to anyone even in a daydream to imagine the camp itself ever come to an end“11. Das stellt sich aus Šuchovs Perspektive folgendermaßen dar „Сколь раз Шухов замечал: дни в лагере катятся — не оглянешься. А срок сам — ничуть не идёт, не убавляется его вовсе“12 Es ist jene Kreisstruktur, die nach Lukács den Tagesverlauf zum Symbol der Stalinistischen Periode qualifiziert.13 Obwohl Lukács bereit ist zuzugeben, dass „the alpha and omega of the creative process, is the actual, the unique human being“, will er allein diese Struktur als das eigentlich Relevante der Textgestalltung hervorgestellt wissen, getreu der Doktrin des Sozialistischen Realismus, dass Bedeutung vom Inhalt herrühre. „[T]he depiction of details…“, dagegen, dass Besondere, schrumpft ihm ganz dem marxistisch-leninistischen Geschichtsoptimismus verpflichtet, zum „item in the all-embracing sweep of the new literature now announcing itself“14, weshalb Lukács einzelnen stilistischen Mitteln, ja, auch der Person Šuchovs selbst und der aus ihm entwickelten Erzählperspektive, wenig Beachtung schenkt..
Die Perspektive stellt Dunn dagegen als „wichtigste[s] erzähltechnische[s] Element des OD“ heraus. Als Perspektive, „die mitten in der Handlung, und sogar in den Figuren selbst zu lokalisieren…“ sei, dränge sie „den Erzähler in den Hintergrund, so daß Ivans Bewusstsein den Text dominiert“15. Erreicht werde das durch den „verbreitete[n] Gebrauch der erlebten Rede“16. Jedoch sei stets zu bedenken, dass der Erzähler nicht mit Šuchov identisch ist, eine „übergeordnete, hintergründige … Perspektive“, so Dunn, sei durchaus vorhanden: „Der Erzähler des OD ist weder mit Šuchov noch mit Solženicyn identisch: Er ist, anders als Solženicyn noch im Lager, aber er ist im Stande, Gegebenheiten wahrzunehmen, deren sich Šuchov nicht bewusst ist oder sein kann“17. Dieses Verhältnis von Erzähler zum Erzählten identifiziert Dunn als „skaz-identität … der povest´“, und schließt:
„Die erzähltechnische Struktur des OD ist somit recht kompliziert. Sie wird von drei aufeinander abgestimmten Kategorien determiniert: der erlebten Rede, dem skaz, und der häufig für die Gattung der povest´ anzutreffenden Neigung zu einer subjektiven Stilisierung des erzählten Textes. All diese Formen entsprechen dem Wunsch, subjektiv, perspektivisch und `von innen´ zu erzählen“18.
Die Bedeutung des Individuellen im „день Ивана“, die von Lukács nur behauptet wird, wird von Dunn also präziser gefasst und als personalisierender Filter des Dargestellten erkannt. Dunn leitet mit einiger Berechtigung viele stilistische und inhaltliche Eigenheiten des Textes als von der Wahl der Perspektive determiniert her, er weist das insbesondere für die Personalstruktur nach:„Tjurin, Alëša, Fetjukov … treten nur dann in Erscheinung, wenn sie mit Ivan in Kontakt kommen“19. Aus diesem Primat des Individuums erklärt sich, dass Dunn an zentralen Stellen seiner Analyse wiederholt betont: „Es geht in OD […] nicht nur um die Fixierung konkreter Details, sondern auch um eine geistige und moralische Realität, die das Innere jedes Einzelmenschen prägt, und um den Versuch, auch diese Realität künstlerisch zu gestalten.“20.
2.2 „Ein Tag im Leben“ – Die Subsumtion des Individuums unter
den Zwang der Struktur.
Allerdings weist Dunn zu beginn der Strukturanalyse darauf hin, dass in „день Ивана“ „nicht der Tag eines freien Menschen …“ thematisiert wird, „sondern eines Häftlings“21. Aus dieser belanglos erscheinenden Wahrheit folgert er dann ganz richtig, dass „die Darstellung… nicht nur der inneren Dynamik eines fiktionalen Textes gerecht werden muss“22, sondern dass jene Zwängen verpflichtet ist „…die außerhalb der fiktionalen Realität liegen“23. Dunn führt aus: „Ivan darf sich nur in Übereinstimmung mit den Regeln des Lagers bewegen, und das … heißt wiederum, dass die Phänomene mit denen der Leser des OD konfrontiert wird, nur in strenger Ordnung vorkommen dürfen“24. Perspektive und die subjektive Gestaltung der Struktur also unterliegen Zwängen, die mitnichten als rein literarisch gedacht werden können. Vielmehr ist es das äußerst reale, materielle Gewaltverhältnis des beschriebenen GULag, das die subjektive Erzählweise in objektiv bestimmte Bahnen zwingt.
Lukács zieht treffend die Analogie zur „great modern novella of the bourgeois world“, in welcher das Individuum „against a potent and hostile environment“ kämpfe. „[T]he social side of human relations“ so Lukács, „recedes into the backround, and not seldom fades to vanishing-point“25. Ähnliches sei zum Lager in „день Ивана“ zu beobachten: „With Solshenitsyn too the complex of things has been endowed with elemental features. It is simply there, as a brute fact, having no ascertainable origin in the currents of human life, not evolving into any further form of social existance“26 Nicht eine „abnorme Situation … einen plausiblen Grund für die Zusammenführung von … Menschentypen“27, wie Dunn idealistisch aufzulösen geneigt ist, stelle das Lager dar, sondern „an `artificial Nature´, a mesh of social factors“28, und somit nicht zuletzt die Verdichtung der Machtverhältnisse im Sozialismus unter Stalin: Das noch forcierte Konkurrenzverhältnis der Individuen „В лагере бригада — это такое устройство, чтоб не начальство зэков понукало, а зэки друг друга. Тут так: или всем дополнительное, или все подыхайте“29, im Dienste der Zentralgewalt „для кого эти все проценты? Для лагеря. Лагерь через то со строительства тысячи лишние выгребает да своим лейтенантам премии выписывает.“30 wird in Analogie zur Verwertung des Wertes im Kapitalismus zur „zweiten Natur“, also zu einem „gesellschaftliche[n] Prozess … [dessen] Totalität als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewussten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewusstsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert wird“31 Was Adorno in der Negativen Dialektik für den marktgerechten Tausch formuliert: „Der Tausch hat als Vorgängiges reale Objektivität, und ist zugleich objektiv unwahr, vergeht sich gegen sein Prinzip, das der Gleichheit“32, gilt für die Zwangsproduktion im Lager um so mehr, denn „indem sie [das Prinzip der Aufklärung im Realsozialismus] … alles einzelne in Zucht nahm, ließ sie dem unbegriffenen Ganzen die Freiheit, als Herrschaft über die Dinge auf Sein und Bewußtsein der Menschen zurückzuschlagen“33
Es erklärt sich, dass Lager sich als vom Subjekt nicht gestaltbar erweist. Hinter dem Rücken der Häftlinge reproduziert individuelles Handeln vielmehr die Bedingungen, die die Existenz im Lager bestimmen. Das spiegelt sich im Verhältnis von Perspektive und Struktur des Textganzen: Die Perspektive Šuchovs, die doch das Erleben des Lagers kanalisiert und strukturiert, ist selbst determiniert durch äußere Zwänge, die von ihr nicht überschritten werden können. Dennoch wird das Lager nicht neutral rekonstruiert, sondern gewinnt bestimmte Realität nur aus dem Erleben Šuchovs. In dem scheinbaren Paradoxon von individueller Gestaltung und Zwang, welches Dunn tautologisch aus der „skaz Identität … der povest´“ begründen möchte: „[Der Erzähler] ist im Stande, Gegebenheiten wahrzunehmen, deren sich Šuchov nicht bewusst ist“, ist also ein spürbarer Widerspruch zu verorten, dessen Abweichendes die gesellschaftliche Macht des Lagers nicht komplett sich einzuverleiben im Stande ist.
- Perspektive und Sprache.
3.1 Ausdruck der Individualität? Dialekt und Soziolekt im „день Ивана“.
Mit Adorno wurde bereits gegen Lukács (und Andere) in Stellung gebracht wurde, dass „einzig durch Technik … die Intention des Dargestellten“34 sich realisiere, daher ist es konsequent eine Analyse des Besonderen mit der Sprache des „день Ивана“ zu beginnen. Jener gelingt es, wie Dunn ausführlich herausarbeitet, akkurat die einzelnen Lagerinsassen in ihrer Differenz erscheinen zu lassen, andererseits das Lager als geschlossenen, auf ein eigenes Vokabular zurückgreifenden Kosmos zu etablieren, sowie die vorherrschende Perspektive, den „Blick von Innen“35 zu stützen. Sprache sei dem „день Ивана“: „Widerspiegelung des geistigen Bildes des Menschen, Reflex seines tiefen Bewusstseins – und damit auch thematisch relevant“36.
Am Augenfälligsten werden sprachliche Besonderheiten, die sich im „день Ивана“ oft durch das deutliche Abweichen von der russischen Literatursprache auszeichnen, vielleicht in der direkten Rede der Häftlinge. Der Autor gehe „[i]n Übereinstimmung mit der Absicht, die Lagerwelt von innen zu zeichnen … noch über die Umgangssprache hinaus, und setzt sogar Elemente der einfachen Volkssprache („prostorecie“)), des „mat“), Dialekte, Idiolekte und Soziolekte in der povest´ ein“.37 Die „innere Welt der Charaktere“ zeige sich dann im „mat, in den verschiedenen Dialekten und Jargonformen, in Bujnovskijs Militärrussisch … in Aljesas höflicher Wortwahl…“. Oder etwa ganz explizit im direkten Kontrast, wie es das Gespräch über Eisenstein zwischen dem distinguierten Cezar´ einerseits, und Ch- 123, „двадцатилетник … жилистый старик“38 andererseits zeigt. Cezar´ eröffnet höflich, distanziert und gewählt: Нет, батенька … объективность требует признать, что Эйзенштейн гениален“39. Der raue Ch-123 gibt zurück: Кривлянье … и потом же гнуснейшая политическая идея — оправдание единоличной тирании … гении не подгоняют трактовку под вкус тиранов!“40. Ch-123 argumentiert sehr persönlich, seine Rede ist von Schimpfwörtern und groben Ausdrücken durchsetzt. Entsprechend macht es ihn wütend, dass Cezar´ sich, wieder höflich „Но слушайте,…“ auf einen bildungsbürgerlichen Standpunkt zurückzieht: „искусство — это не что, а как“41. Körperlich wütend schließt Ch-123: „Нет уж, к чёртовой матери ваше «как», если оно добрых чувств во мне не пробудит!“42 Diese Szene vermag exemplarisch für das Textganze zu verdeutlichen, wie eine Verdichtung der sowjetischen Gesellschaft unter Stalin im Lager auch sprachlich bewerkstelligt wird. Die Bemühungen hierbei erstrecken sich bis auf die phonetische Wiedergabe einzelner Dialekte, etwa wird das Akanje eines Wachpostens schriftlich reproduziert43: „A-тайди от ворот!“44. Allerdings findet weniger eine wirkliche Individuation der Häftlinge auf sprachlicher Ebene statt, als eine Weiterführung der auch von Dunn schon zuvor konstatierten Typisierung.
3.2 Jargon als Markierung der Häftlingsidentität.
Vor diesem Hintergrund gelangt das der Sprache der Häftlinge gemeinsame zu besonderer Bedeutung. So sehr nämlich die „Dialekte[] und Jargonformen“45, das Personal des „день Ивана“ nach nationaler und regionaler Herkunft ausdifferenzieren, so sehr ist ihnen die Verwendung lagerspezifischer Terminologien sowie größtenteils eine gewisse sprachliche Verrohung gemeinsam. Schon ganz zu Anfang des „день Ивана“ wird das umfassende der Lagerterminologie deutlich, als der gerade erwachte Šuchov beim aufsuchen der Latrine in eine durch spezifische Begriffe klar als Lager umgrenzte Welt hineingeworfen wird: „Звон утих, а за окном всё так же, как и среди ночи, когда Шухов вставал к параше, была тьма и тьма, да попадало в окно три жёлтых фонаря: два — на зоне, один — внутри лагеря“46. „Das Wort `parasa´ (Latrinenkübel)“, führt Dunn dazu aus, „und nicht etwa tualetnaja bocka´ wird … benutzt, weil nur das erste in dieser Situation angemessen ist“. Ähnliches gilt für „зона“, das so spezifisch der Tradition russischer Gefangenenliteratur zugeordnet ist, dass es in der deutschen Übersetzung in das präzisere „Außenzone“ umgewandelt werden muss, um verständlich zu bleiben. Aber nicht nur Šuchovs direkter Erfahrung, sowie die Sprache des Erzählers, der „Ivans Lagerterminologie übernimmt, womit die gedankliche Identifizierung zwischen beiden betont und die sprachliche Distanz … auf ein Minimum beschränkt wird“, sind von solchen Begriffen durchsetzt. Auch die anderen Gefangenen gehen sprachlich in der Häftlingsrolle auf. Das beginnt beim unscheinbaren „зек“ (ZK=zakljutschonyi) als umgangssprachliche und einzig richtig klingende Selbst- und Fremdbezeichnung für die Lagerinsassen, und ließe sich an nahezu wahllose herausgegriffenen Repliken einzelner Häftlinge vertiefen. Dadurch, dass die Charaktere in ihrem Sprachgebrauch zuerst als Insassen des Lagers identifiziert werden, offenbaren sich Differenzen vorerst als zweitrangig. Was für die allumfassende Ordnung einer vom Lager determinierten Perspektive gilt, durchdringt die gesamte sprachliche Gestaltung des „день Ивана“. Damit verweist die Dunnsche Hervorhebung der Angemessenheit der Sprache nicht allein auf den anzuerkennende Willen zur bewussten Gestaltung des Textes, die sich in der auf Šuchov konzentrierten Perspektive niederschlägt, sondern zudem auf ein Element der Notwendigkeit. Jenes mag schon Tvardovski dazu bewogen haben, in seinem Vorwort für die Novy Mir den Sprachgebrauch des „день Ивана“ als „durchaus maßvolle und zweckentsprechende – Benutzung gewisser Wörter und Redensarten jenes Milieus“47 zu verteidigen.
3.3 „Раствор! Шлакоблок!“ – Das Lager als Rhythmische Totalität.
„[D]er Leser wird in eine totale, lagerdominierte fiktionale Realität hineingenommen“48, erklärt Dunn Ausgangs seiner
Analyse des Stils im „день Ивана“. Verfestigt wird die Dominanz des Lagers nicht zuletzt auf sprachlicher Ebene. Was sich bereits aus dem Verhältnis von der durch Dialekt und Soziolekt voneinander geschiedenen Typen zur gemeinsamen Lagersprache andeutet, vollendet sich in der syntaktischen Gestaltung, welche den Eindruck der Unmittelbarkeit der Perspektive, den „Blick von Innen“, stärken. Parallel zur Lexik sei dabei auch die Syntax „für die russische Umgangssprache typisch“49. Als dominantes Stilmittel ist nach Dunn die Parataxe zu nennen, sie werde verwandt, wann immer „die Aufmerksamkeit des Lesers … auf Aktion und unmittelbare Erfahrung und nicht auf vermittelte Empfindungen gelenkt wird“50. Beispielhaft an folgender Stelle wird erkennbar, in wieweit Unmittelbare Erfahrung, sprachliche Struktur und der unmittelbare Zwang des Lagers in Eins fallen:
И пятёрки отделялись и шли цепочками отдельными, так что хоть сзади, хоть спереди смотри: пять голов, пять спин, десять ног. А второй вахтёр — контролёр, у других перил молча стоит, только проверяет, счёт правильный ли. И ещё лейтенант стоит, смотрит. Это от лагеря. Человек — дороже золота. Одной головы за проволокой недостанет — свою голову туда добавишь51.
Marschieren, Kontrolle, Reflexion. Diese Ebenen durchdringen sich und werden dadurch auch sprachlich untrennbar: „Человек — дороже золота. Одной головы за проволокой недостанет — свою голову туда добавишь“52, Noch die Inwendigkeit der Kontrolle, die aus Hierarchien wie aus unmittelbarer Konkurrenz hervorgeht wird im militärischen Rhythmus reflektiert, den die kurzen, aneinandergereihten Hauptsätze dem Text verleihen. Noch eindringlicher wird ein solcher Effekt mittels von Dunn identifizierter „Einwortsätze“53 erzielt „Раствор! Шлакоблок! Раствор! Шлакоблок!“54. Sich ans onomatopoetische annähernd werden hier Aktion und Reflexion rhythmisiert, und damit „[d]ie Eile, der Elan und der Impetus der Arbeit … wiedergegeben“55. Bezweifelt werden muss aber die Richtigkeit von Dunns Auslegung, dass neben dem „raschen Fortgang der Handlung“ so auch „die einfache Perzeption … einer Situation, die von einem Bauern wahrgenommen wird“56, unterstrichen wird. Vielmehr wird in der entpersonalisierten, mehr sprachlich als inhaltlich zu erfassenden Wiedergabe von Aktionen doch das zurücktreten der Perzeption unterstrichen, das die Lagerinsassen aller Schichten der kollektiven Erfahrung unterwirft.
Dem entgegen stehen durchaus Momente, in denen die Versprachlichung von Wahrnehmung aus dem alles ordnenden Strukturellen Zwang des Lagers hinauszuweisen scheint: Dunn selbst verweist hier auf die elliptische Sätze:
Logischerweise kommt die Ellipse hauptsächlich in der direkten und erlebten Rede vor – aber nicht ausschließlich dort. Das Denken Ivans wird natürlich nicht auf syntaktisch logischen Figuren aufgebaut, sondern basiert auf unkomplizierten, unvollständigen Bildern und Ideen.57
Es werde mittels der Ellipse, so Dunn, „in einer Unreflektierten Sprechsituation, wie es bei Šuchov meistens der Fall ist … der Denkprozess in seiner Einfalt im Sprechakt wiedergegeben“. Ähnliches konstatiert Dunn für den Einsatz des Anakoluth „in der Schilderung von Šuchovs letztem Imbiss vor dem Einschlafen“58. Im Anakoluth „А сам колбасы кусочек — в рот! Зубами её! Зубами! Дух мясной! И сок мясной, настоящий. Туда, в живот, пошёл“59, in der „Fortführung des Gedankens außerhalb der syntaktischen Form des Satzanfangs reflektieren sich, so Dunn, „die ´unlogischen` Denkprozesse Iwans“. Dass Dunn „unlogisch“ in Anführungszeichen setzt lässt Einsicht darin erahnen, dass die Formulierungen „unlogische[] Denkprozesse“, noch mehr „unreflektierte[r] Denkprozeß“ das, was herausarbeitet werden soll, unzureichend umschreiben. Die Begriffe widersprechen sich offenkundig, sie vermögen die syntaktisch-inhaltliche Verschlingung von dem was etwa die Psychoanalyse als Bewusstes und Unbewusstes bezeichnen würde, nicht aufzulösen, also Identität herzustellen wo Tat, Denken und Versprachlichung nicht in der allgemeinen Ordnung aufgehen. Ohne den Widerspruch näher bestimmen zu können vermochte Dunns Analyse von Sprache und Struktur des „день Ивана“ zumindest, unmittelbar aus der Subjektposition herzuleitende Äußerungen eines Bewusstseins zu entwickeln, die in der allgemeinen Struktur nicht restlos subsumiert werden.
4.1 Rasende Zeit – Momente der Ruhe?
„Der Prozess philosophischer Objektivierung1“, formuliert Adorno in der Negativen Dialektik, „wäre, metaphorisch gesprochen, vertikal, innerzeitlich, gegenüber dem horizontalen, abstrakt quantifizierenden der Wissenschaft; soviel ist wahr an Bergsons Metaphysik der Zeit“23. Šuchov erfährt im „день Ивана“ Zeit auf mindestens zweierlei, radikal verschiedene Weise: „Диво дивное: вот время за работой идёт! … a срок сам — ничуть не идёт, не убавляется его вовсе divo“4. Einem subjektiven Empfinden von Zeitlosigkeit tritt das verfliegen der Zeit im durchstrukturierten Tagesablauf gegenüber. Dabei ist aber die „objektive“ Zeit nicht wie in der bürgerlichen Gesellschaft abstrakt vermittelt, sondern wird unmittelbar gesetzt: „Die zeki wissen die genaue Uhrzeit nicht, sie dürfen keine Uhren haben, um die Zeit zu erraten müssen sie sich auf andere Indikatoren verlassen“5. Diese äußeren Indikatoren setzt die Verfasstheit des Lagers, und das so absolut, dass selbst die Natur als zwingender Indikator außer Recht gesetzt wird: Всем дедам известно: всего выше солнце в обед стоит…. [a] с тех пор декрет был, и солнце выше всего в час стоит“6. Zeit als äußerliches wird also erlebbar durch Arbeit und Zwang, entsprechend konzentrieren „die Stellen, die von Rasendem Zeitablauf gekennzeichnet sind … sich auf unmittelbare Aktionen“. Gekennzeichnet sind sie „durch knappe … Syntax“7, sowie tendenziel durch die oben beschriebene innerliche – kollektive Perspektive:
Шухов и другие каменщики перестали чувствовать мороз. От быстрой захватчивой работы прошёл по ним сперва первый жарок — тот жарок, от которого под бушлатом, под телогрейкой, под верхней и нижней рубахами мокреет. Но они ни на миг не останавливались и гнали кладку дальше и дальше. И часом спустя пробил их второй жарок — тот, от которого пот высыхает. В ноги их мороз не брал, это главное, а остальное ничто, ни ветерок лёгкий, потягивающий — не могли их мыслей отвлечь от кладки.8
Dem gegenüber stehen „Episoden langsameren Zeitablaufs“, die „vom Einblenden von Berichten, Erinnerungen und zusätzliche Information gekennzeichnet [werden], (wobei die Syntax hier vollständige grammatische Konstruktionen aufweist)“9. Jene Information ist nach Dunn „thematisch signifikant“, denn sie sprenge „die engeren äußeren Zeitgrenzen des OD und stellt den Lagertag in einer Gesamtsituation dar“10. In „Moment[en] der Ruhe“11, scheint also eine Reflexion auf das Lager als ganzes möglich, dem Leser eröffnet sich mit Šuchov, dass „der Tag mit seinen Problemen keine Einzel- oder Zufallserscheinung ist, sondern ein integraler Teil einer Problematik, die allgemein signifikant ist“12. Es hieße aber die Situation des Häftlings verkennen, zu schließen dass aus dem Erkennen allein schon eine inhärente Kritik der Verhältnisse erwächst. Reflexion in diesem Sinne sprengt die Grenze des Lagers, und sprengt sie doch nicht; so wie Rückgriffe und Vorgriffe die Grenzen der erzählten Zeit in Wahrheit ausweiten und nicht sprengen. So denkt Šuchov an die Welt außerhalb, an Vergangenheit, an mögliche Zukunft: „Да чего в письме напишешь?“13 Alles, was für ihn relevant sein könnte, unterliegt ja der Geheimhaltungspflicht: „Не напишешь, в какой бригаде работаешь … [c]ейчас с Кильдигсом, латышом, больше об чём говорить, чем с домашними “14. Die Einsicht, zuerst Häftling zu sein, „denen“ nichts zu sagen zu haben, leitet über zur Frage, was denn jene eigentlich mitzuteilen hätten: „Да и они два раза в год напишут — жизни их не поймёшь Председатель колхоза де новый — так он каждый год новый, их больше года не держат“15. Lager und Außenwelt rücken in Šuchovs Denken immer näher zusammen, eine Entwicklung, die Gerhard Armanski als bezeichnend für die Wahrnehmung in der UDSSR unter Stalin bezeichnet: „Der umfangreiche und beständige Personelle Austausch zwischen der >>großen<< und der >>kleinen<< Zone machte es anscheinend zur Frage von Zeit und Zufall, welcher man anheimfallen würde…“16. Über Haft und Freiheit sinnierend stellt Šuchov dann auch resigniert fest: „По лагерям да по тюрьмам отвык Иван Денисович раскладывать, что завтра, что через год да чем семью кормить. Обо всём за него начальство думает — оно будто и легче“17, während es gerade das geringe Maß an möglicher Freiheit draußen (symbolisiert durch den Schwarzhandel mit Teppichen) ist, dass Šuchov Angst macht: „И от своих деревенских отставать вроде обидно… Но, по душе, не хотел бы Иван Денисович за те ковры браться“18. Auffallend ist, dass solche von Dunn identifizierten Momente der „Reflexion und Erinnerung“19, meist mit einem äußerst rigiden sichtbar Werden der räumlichen Beschränktheit des Lagers zusammenfallen, so geht etwa der oben nachgezeichnete Gedankengang direkt aus einer sich ins trostlose steigernden Visualisierung der physischen Bedingungen, die den Häftlingen schon jeden Gedanken an Flucht unmöglich machen müssen, hervor:
Колонна прошла мимо деревообделочного, построенного зэками, мимо жилого квартала (собирали бараки тоже зэки, а живут вольные), мимо клуба нового (тоже зэки всё, от фундамента до стенной росписи, а кино вольные смотрят), и вышла колонна в степь, прямо против ветра и против краснеющего восхода. Голый белый снег лежал до края, направо и налево, и деревца во всей степи не было ни одного.20
Zeit erscheint gebunden an Raum und Tätigkeit, Freiheit kaum noch als „Einsicht in die Notwendigkeit“21, sondern bestenfalls noch als der Wille zu leben, wo Notwenigkeit nicht mehr evident wird. Strukturierte auf diese Freiheit, wie sie in den von Dunn als rahmensprengend bezeichneten Passagen versucht wird, führen dann in einen Teufelskreis, in dem Erkenntnis Trost und Sinnlosigkeit des Lebens im Lager erst in ihrer ganzen Brutalität erfahrbar machen, weshalb Reflexion am besten vermieden wird: „Двадцать пять ты свои не считай. Двадцать пять сидеть ли, нет ли, это ещё вилами по воде.“22.
4.2 „Чтоб думка была на одной еде“ – Selbstbeherrschung und „innere Natur“.
Und doch gibt es Momente, in denen Šuchov im empathischen Sinne von Leben zu sprechen wagt: „Не считая сна, лагерник живёт для себя только утром десять минут за завтраком, да за обедом пять, да пять за ужином“23. Der Häftling, behauptet Šuchov, lebt beim Essen. Abgesetzt von allen anderen Erfahrungen der Gefangenschaft nimmt so die Nahrungsaufnahme im „день Ивана“ eine entscheidende Rolle ein. Vielleicht auch, weil die Erkenntnis banal erscheint, wird sie in der Forschungsliteratur selten berührt. Lukács verweist in seiner Beschäftigung mit Solženicyns immerhin auf die Bedeutung, die „[the] impressive and accurate discription of eating, sleeping, physical toil“24, in den Epen Homers gehabt habe. Dies wäre, gerade auch vor dem Hintergrund von Lukács Hinweis darauf, dass das Lager bei Solženicyn selbst mit naturhaften Qualitäten ausgestattet sei, auf eine Beurteilung des „день Ивана“ zu übertragen. Nach der Lesart der Odyssee, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung entwickeln, stellt sich menschliche soziale Entwicklungsgeschichte als ein dialektischer Prozess zwischen Naturbeherrschung, identifikatorischem Denken einerseits, und Naturverhaftung, dem nie ganz zu überwindenden Ausgeliefert sein an die Verhältnisse dar. Die Irrfahrt des Odysseus selbst spiegelt diesen Prozess wieder, mit den Mitteln einer praktischen Vernunft erhebt jener sich über das Natürliche, das im Mythischen bereits auf einer niedrigeren Stufe aufklärerischen Denkens auf eine geschichtliche Kohärenz gebracht wurde, und formt sich zu einer Art protobürgerlichen Individuums: „Die Irrfahrt von Troja nach Ithaka ist der Weg des leibhaft gegenüber der Naturgewalt unendlich schwachen und im Selbstbewusstsein erst sich bildenden Selbst“25. Auch Šuchov setzt sich im Lager, wie weiter oben nachgewiesen wurde, direkt mit naturhaften Zwängen auseinander, um sein Überleben zu organisieren. Allerdings sind die Zwänge, denen der Häftling ausgeliefert ist, zuletzt gesellschaftlich, auch wenn sie als natürliche erscheinen. Wenn nun also Schlafen, Arbeit, Essen, im „den Iwana“ eine zentrale Rolle spielen, so nicht mehr im Sinne eines direkten Kampfes mit den Naturgewalten, sondern als bereits gesellschaftlich Vermitteltes. Es wurde bereits festgestellt, das Arbeit, Produktivität in diesem Zusammenhang zur rein integrativen Tätigkeit verkommt, Schaffen und Denken werden auf den Zweck des Lagers fixiert, selbst in der sprachlichen Manifestation des Denkens wird der Rhythmus des Lagers aufgenommen. Mit dem Essen dagegen gestaltet sich das Verhältnis komplexer: „Eсть надо — чтоб думка была на одной еде … от как сейчас эти кусочки малые откусываешь, и языком их мнёшь, и щеками подсасываешь — и такой тебе духовитый этой хлеб чёрный сырой“26
Objektiv bleibt dabei natürlich auch die Nahrungsaufnahme der strukturellen Gewalt des Lagers unterworfen: „С Фетюкова станет, что он, миску стережа, из неё картошку выловил…“27, erkennt Šuchov etwa zur Vermittlung von Konkurrenz unter Gefangenen über Nahrungsmittel. Und, ausführlicher:
„И хоть спину тут в работе переломи, хоть животом ляжь — из земли еды не выколотишь, больше
чем начальничек тебе выпишет, не получишь. А и того не получишь за поварами, да за шестёрками, да за придурками. И здесь воруют … Кто кого сможет, тот того и гложет“.28
Nahrung ist objektiv Machtmittel der Lagerverwaltung, sowie zusätzlich Tauschmittel der Häftlinge untereinander. Über das Essen verfügen bedeutet, über Macht verfügen: „Цезарь богатый, два раза в месяц посылки, всем сунул, кому надо, — и придурком работает в конторе, помощником нормировщика.“29. Im Gegensatz zu „physical toil…“ aber, und zu „sleeping…“, zu denen sich der Gefangene nur zynisch verhalten kann „Волочи день до вечера, а ночь наша…“30, bleibt für „eating…“ ein Spielraum, der es dem Häftling ermöglicht im Erfahren der eigenen Körperlichkeit ein Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln, das nicht im allgemeinen Zweck des Lagers aufgeht. Nahrungsaufnahme ist Šuchov, wie er über der Brotration reflektiert, mehr als nur eine Manifestation des durchstrukturierten Alltags. Essen ist konkrete Erfahrung, ist Meditation auf den Akt des Essens so sehr wie Notwendigkeit um im Lager bestehen zu können. Šuchov muss essen, um seinen Zweck als Häftling zu erfüllen, jedoch isst er, um für sich selbst zu leben. Über das Essen wird dann Genuss unmittelbar erfahren, und eine subjektiv zeitlich losgelöste Sphäre des Erlebens konstruiert, in der das chaotische der inneren Natur, der Psyche, gleichsam auch sprachlich deutlich hervor bricht „Сперва жижицу одну прямо пил, пил. Как горячее пошло, разлилось по его телу — аж нутро его всё трепыхается навстречу баланде. Хор-рошо!“31. Gleichzeitig wird im Erfahren der eigenen Körperlichkeit auf jene reflektiert, und so eine Kontrollinstanz über das Selbst aufgebaut, die mit den Kontrollmechanismen des Lagers nicht in eins fällt.
So weigert etwa noch unter den Bedingungen des Lagers, dessen Logik des Überlebens ihn eigentlich jede Nahrung schätzen lassen sollte, Šuchov sich standhaft, Fischaugen zu essen, obwohl die anderen ihn deshalb auslachen. Vor allem aber „..не мог он себя допустить есть в шапке “32. Das Abnehmen der Mütze wird zum Symbol des allgemein menschlichen, es ist ein Überbleibsel unpraktischen, zivilisatorischen Anstandsdenkens, welches Šuchov als Akt der Selbstkontrolle gegen den Zwang des Lagers wendet. Auch andere Häftlinge haben solche Rituale, sofern sie sich, wie „…cтарик высокий Ю-81…“33 noch ein Stück Menschlichkeit bewahrt haben: „[он] не уходил головой в миску, как все, а высоко носил ложки ко рту“34. Nicht allein dass man isst, sondern wie man isst wird so zum Gradmesser von Menschlichkeit, welche sich gegen die Macht behauptet: „Он через плечо отдал миску сборщику и продолжал минуту сидеть со снятой шапкой. Хоть закосил миски Шухов, а хозяин им — помбригадир“35. Wo das Selbst des Odysseus, und mit ihm das frühbürgerliche Bewusstsein sich gegen die Naturgewalten bildete, rekurriert das Bewusstsein des Gefangenen auf jenen Rest an Innerlichkeit, den die äußeren Herrschaft noch nicht zu unterwerfen vermochte, und wiederholt den Akt der Zivilisierung des Selbst, teils unter Zuhilfenahme überlieferter Rituale, und baut so eine Gegenmacht auf, die einen Keim von Freiheit enthält: „Вот он, миг короткий, для которого и живёт зэк“96 Nur so kann mit dem Akt des Essens kann jenes Denken einhergehen das unter den Haftbedingungen ansonsten konsequent unmöglich gemacht wird, ein Moment naiven Selbstbezogenseins, das scheinbar sogar Hoffnung ermöglicht:
„Сейчас ни на что Шухов не в обиде: ни что срок долгий, ни что день долгий, ни что воскресенья опять не будет. Сейчас он думает: переживём! Переживём всё, даст Бог кончится!“36.
Es speist sich also, wie sich zusammenfassend sagen ließe, der kritische Impuls des „день Ивана“ aus einer wider der Rationalität des Lagers stehenden Selbstbehauptung, der im menschlichen Bezug auf Natur von der reinen Zweckmäßigkeit absieht. Das scheint wenig, ist aber Grundbedingung für eine aufklärerische Position, von welcher aus die Struktur des Ganzen als das Falsche erahnt werden könnte: Horkheimer und Adorno formulieren: „Durch eingedenken der Natur im Subjekt, in dessen Vollzug die verkannte Wahrheit aller Kultur beschlossen liegt, ist Aufklärung der Herrschaft überhaupt entgegengesetzt“37. Dieses eingedenken der Natur im Subjekt, das den Kern des Menschen in der verwalteten Welt ausmacht, seine Psychologie die in der Ratio des Zwangs „welcher, als Zugeständnis an den reaktionären common sense der Sozialismus … vorschnell die Ewigkeit bestätigte“38 nicht aufgeht, ist wohl auch was Lukács erlaubt, ohne dass seine Analyse es sinnvoll begründen könnte, zum den Ivana den folgenden Schluss zu ziehen: „[s]urvival or failure are always unconditionally social facts; they are connected, even if this is never proclaimed in the story, with the real life that is to come, life in freedom amongst other free men“39.
- Fazit.
Am Ende des Tages, in einem Gespräch das der zirkulären Struktur des „день Ивана“ zum Trotze durchaus als Schlussszene bezeichnet werden könnte, tauschen sich der Baptist Alëša über die Haft, die Natur Gottes, und die Möglichkeit von Freiheit aus. Beten solle Šuchov, so Alëša, doch nicht um Freiheit, sondern um die alltäglichen Dinge: „«Хлеб наш насущный даждь нам днесь!»“40. „Пайку, значит?“41 fragt Šuchov darauf. Der von Alëša vertreten Position, er solle sich freuen, dass er im Lager sitze42, hat Šuchov nichts entgegenzusetzen, als die von ihm empfundene Ungerechtigkeit der Lagerhaft, die ihn bekanntlich nicht davon abhält, sich im Großen und Ganzen in die Bedingungen des Lagerlebens zu fügen. „Это нужно в трубе угольком записать, что второй проверки нет…“43, bringt Šuchov daher sein Gespräch mit Alëša zu einem abrupten Ende, als die Möglichkeit sich ergibt: „Спать, наверно“44. Einen Moment später allerdings (die zweite Kontrolle findet doch noch statt) fällt ihm auf, dass Alëša hungrig sein muss: „Неумелец он, всем угождает, а заработать не может“45. Šuchov zögert keinen Augenblick, vom Essen, dass er sich zuvor bei Cezar´ verdient Alëša mit zu versorgen: „На, Алёшка! — и печенье одно ему отдал. Улыбится Алёшка. —Спасибо! У вас у самих нет! —Е-ешь!“46. So zeigt sich im Teilen der Nahrung (mit vielleicht christlichem Anklang) noch eine Perspektive des menschlichen, die jenseits von Zweckrationalität die Isolation der Einzelnen zumindest temporär zu durchbrechen vermag. Und schließlich rückt Šuchov wieder den halb bewussten Genuss in den Mittelpunkt, der Menschlichkeit wider dem rein Materiellen erst begründet: „А сам колбасы кусочек — в рот! Зубами её! Зубами! Дух мясной! И сок мясной, настоящий. Туда, в живот, пошёл. И — нету колбасы.“47
Der Schlussdialog des „день Ивана“ eint zahlreiche Aspekte jener inneren Dialektik von Widerstand und Subsumtion, die den Text auszeichnen: Zwang, Hierarchie, Konkurrenz, der Versuch Freiheit durch eine individuelle Perspektive idealistisch zu begründen, schließlich die Subsumtion der Perspektive in die Struktur, wodurch die rethorische Rationalisierung des zwangs zum unmenschlichen Witz verkommt. In einem ganz anderen Sinne, als es etwa Svitlana Kobets begründet48, spricht so tatsächlich eine urchristliche Erkenntnis das Schlusswort im „день Ивана“. Nicht Askese und Entsagung, sondern das Teilen der Materiellen Grundlage des Lebens ermöglicht zwischenmenschliche Beziehungen, in Umkehrung der Durchsetzungsgeschichte der praktischen Vernunft, die von Adorno und Horkheimer als „…die Geschichte der Introversion des Opfers…“49 beschrieben wird, könnte hier von einer Extroversion des Opfers, von einem Opfer, das im Äquivalententausch nicht aufgeht, gesprochen werden. Das selbstlose Teilen der Lebensgrundlage würde dann den Selbstbezug auf innere Natur wiederum auf eine gesellschaftliche Ebene heben, und so gefährdet dies unter den äußeren Zwängen auch sein mag, eine menschliche Assoziation wider der totalen Vergesellschaftung zumindest in den Bereich des möglichen rücken.
Den Blick auf solche stoffgebundenen zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht mehr direkt aus Zwängen begründet werden können zu richten, verriete einerseits sicherlich vieles über die „Gemachtheit“ des „день Ивана“, über Spezifiken der Darstellungsweise, welche die reine Repräsentation des Lageralltags transzendieren, andererseits aber auch über das konkrete und alltägliche menschliche Widerstreben, welches ein Zwangsapparat hervorruft. Die Bedeutung der an sich nicht lebensnotwendige Zigarette könnte hierbei in den Fokus gerückt werden, mittelbarer währen aber auch die Bedeutung von Kunst, von Intellekt, ja, von persönlichen Konversationen im GULag des „день Ивана“ auf der Grundlage einer materialistischen Kritik einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen. Dass es dazu kommen wird ist wohl eher Zweifelhaft. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks mag sich zwar die Möglichkeit eines neuen Blicks auf das Werk Solženicyns eröffnet haben, der Tod des Autors aber scheint eher die Tendenz zu einer endgültigen Historisierung zu begünstigen. Reich Ranicki, der einst noch den literarischen Gebrauchswert des „Totengräbers der Sowjetunion“ (s.o.) auf den Punkt brachte, äußerte sich zur heutigen Relevanz Solženicyns offen: „Die Nachricht vom Tod des Alexander Solschenizyn hat manche meiner Freunde überrascht. Sie haben geglaubt, er sei längst tot“50.
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