
Wenn Hiob eine Band hätte
Was hatte ich mir im Vorfeld nicht alles überlegt, wie ich einen Text formulieren würde, der sich mit der Band AMENRA beschäftigt. Aber irgendwie hatte ich nie den richtigen Aufhänger, um überhaupt loszulegen.
Irgendwann Anfang des Jahres hatte ich sie für mich entdeckt. Ich kannte den Namen zwar durch diverse Metalheads in meinem Online-Bekanntenkreis seit Jahren, hatte die Combo aber immer in die gleiche Schublade wie Sólstafir, Agalloch oder Wolves in the Throne Room gepackt.
Interessant, irgendwie dunkel, irgendwie langsam und irgendwie nicht so ganz meines.
Dann jedoch kam ich über Lars und Markus vom Tunefish-Podcast erneut auf AMENRA, hörte ein wenig und wurde innerhalb von Minuten mitgerissen.
So viel Emotion, so viel Verzweiflung und Wut, die rausgeschrien wurden und gleichzeitig so viel Verletzlichkeit und Sehnsucht. Das schlug direkt in mein Herz ein und brachte jede meiner Nervenbahnen zum Schwingen.
Konzert zum Preis eines Kinobesuchs
Als dann im Sommer bekannt wurde, dass die Band im November in Essen spielen würde, bestellte ich innerhalb von Sekunden ein Ticket und war direkt verblüfft: 30 Euro für ein Konzert einer Band, die es seit einem Vierteljahrhundert gibt, die nen Arsch voll Alben veröffentlicht hat und gern mal auf Festivals vor ein paar Tausend Leuten spielt – mit Preisen wie vor 20 Jahren.
Geil! Für einen ähnlichen Betrag hätte ich wahrscheinlich im neben der Weststadthalle gelegenem Multiplexkino auch den neuen Film von Matthias Schweighöfer inklusive einer Portion Nachos und nem Pils sehen können.
Aber wer will das schon?
Der Einlass: professionell, pünktlich und schnell.
Die Location an sich: nicht jedermanns Sache.
Die Vorband: ein Sologitarrist mit allerlei Effektgeräten. Kann man machen – sorgte aber nicht für gute Stimmung im Publikum. Aber so hatte ich nochmal Zeit, mich am Merch-Stand zu versorgen und ein paar Kippchen zu qualmen.
75 Minuten Therapie
Ziemlich pünktlich um 21.00 Uhr wurde dann das Licht in der Halle runtergefahren. Die Nebenmaschinen wurden angeworfen und legten die Bühne in einen Nebelteppich, der den Fields of the Nephilim im Jahr 1991 absolut würdig gewesen wäre. Dann kamen nacheinander die Bandmitglieder auf die Bühne, Sänger Colin H. van Eeckhout kniete sich auf den Boden und los ging‘s.
Rund 75 Minuten später verließ die Band dann wieder die Bühne.
Was in diesen 75 Minuten passierte, kann ich kaum in Worte fassen. Ich habe in meinem Leben viele Konzerte gesehen – schwer zu sagen, wie viele genau. 500 werden es bestimmt gewesen sein, vielleicht geht es sogar in den vierstelligen Bereich. Und trotzdem war dieser Abend einzigartig. Kein Good evening Essen, kein We are AMENRA and we play Rock’n’Roll, kein Thank you nach jedem Song, keine Zugabe-Zugabe-Zugabe-Rufereien aus dem Publikum.
Das war kein Konzert – das war … Gottesdienst? Exorzismus? Therapiesitzung vor Zuschauern? Wanderung durch alle Höllenkreise? Irgendwie sowas. Vor allen Dingen war es aber: intensiv. Da steht einer auf der Bühne und singt nicht einfach ein paar traurig-düstere Lieder über das Älterwerden, verlorene Lieben oder Arschlochpräsidenten in den Vereinigten Staaten. Das machen andere Bands. Und manchmal machen die das sogar richtig gut.
Fühlen satt sehenhörenanalysieren
Nein, wenn Colin auf die Bühne kommt, dann wird es existenziell. Da singt und schreit einer ums nackte Überleben, schreit bis zur Erschöpfung seine Verzweiflung aus dem Körper, schmettert diesen Körper jaktatorisch im Takt, ringt und kämpft mit Hoffnungsfunken, singt diesen Hoffnungsfunken ein paar Momente lang – leise, zart, zerbrechlich – ein paar Zeilen. Doch dann kommt die Kraft zurück und mit der Kraft die Wut und ein weitere Kammer des Schreckens muss zerschrieen werden.
In der Bibel gibt es ja die Geschichte von Hiob, der zum Spielball einer Wette zwischen Gott und Satan wurde. Um seinen Glauben zu testen, durfte sich Satan an Hiob austoben. Also verlor Hiob seine 11.000 Tiere, sah seine zehn Kinder sterben und bekam auch noch die Beulenpest. Hiob war echt sauer, wünschte sich, niemals geboren worden zu sein. Er zweifelte, fluchte, haderte, verlor aber nie diesen letzten Funken Hoffnung. Und ich glaube, wenn Hiob damals eine Band gehabt hätte, sie hätten ungefähr so geklungen wie AMENRA. Richtig schwere Kost also. Und das kann man sehen und hören und man kann es analysieren. Aber das, was AMENRA vermitteln, diese massive Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung, die musst du vor allen Dingen fühlen. Und entweder fühlst du das Leiden da auf der Bühne. Oder du fühlst es eben nicht.
Ich denke, dass die Band in manchen Menschen etwas zum Schwingen bringen kann. Wenn das passiert und du in Resonanz gehst, dann kannst du dich in dieser brutalen Mischung aus Lautstärke, Verzweiflung und Zerbrechlichkeit auflösen. Dann verbindest du dich mit jedem Schmerz, der dir jemals zugefügt wurde. Du wirst eins mit deinem Schmerz. Du erkennst das Licht in all der Finsternis. Und vielleicht beginnst du dadurch zu heilen.
Liefde en Licht
Als nach 75 Minuten der letzte Akkord verklungen war und die Band die Bühne verließ, starrte ich noch ein, zwei, drei Sekunden lang auf die Leinwand hinterm Schlagzeug. Liefde en Licht wurde da in weißen Lettern auf den schwarzen Hintergrund geworfen. Und diese drei Worte passten nach dieser Tour de Force einfach perfekt. Sie waren authentisch.
Nach dem Abend war ich schwer und leicht und zerstört und neu zusammengesetzt und verzweifelt und hoffnungsvoll.
Nach diesem Abend war ich ganz Mensch.
Und wenn eine Band mit ihrer Musik das schafft – dann hat sie einen Platz in meinem Herzen.
Setlist AMENRA 15.11.2025 Essen
Boden
Razoreater
Plus près de toi
Silver Needle. Golden Nail
Salve Mater
De evenmens
A Solitary Reign
.Terziele.tottedood (Intro)
Am Kreuz
Diaken
