Nicht Gast, immer Arbeiterin

 Hakan Savaş Mican nach dem Roman von Dinçer Güçyeter: Unser Deutschlandmärchen, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican) – eingeladen zum Theatertreffen 2025

Von Sascha Krieger

Gast sei sie nicht mehr, Arbeiterin dagegen schon: Der Abend is bereits recht fortgeschritten, als Sezede Terziyan  diese Worte spricht. In ihnen steckt der Kern des ganzen Stücks, des ihm zu Grunde liegende Romans, der Geschichte hunderttausender Menschen, die sie erzählen. Dinçer Güçyeter hat sie aufgeschrieben und mit ihr den Leipziger Buchpreis 2023 gewonnen. Er erzählt sie, die große kollektiven, anhand der individuellen seiner Familie, seiner eigenen und der seiner Mutter. In den 1960er Jahren im Rahmen einer arrangierten Ehe in die Bundesrepublik gekommen, hat sie ein Leben lang geschuftet. In der Fabrik, als Erntehelferin, in Putzjobs, in der Kneipe des Mannes. Funktionieren musste sie, sagt der Sohn am Anfang. Als Arbeiterin, Geldverdienerin, Ehefrau, Mutter. Immer in Aufgaben gefangen, in Rollen, in Zuschreibungen. Eine unerzählte Geschichte, eine Geschichte des Unerzählten, eine von unzähligen in der Masse wie im Kleinen. Nicht mehr. Jetzt steht sie schwarz auf weiß und leibhaftig auf der Bühne. Inszeniert von Hakan Savaş Mican, auch einer diese unerzählten Vielen. Der die Stille bricht, den Schleier lüftet, die Sprache findet für diese unsichtbaren Schicksale, die doch so sehr im Kern dieses Landes, seiner Geschichte und Gegenwart verankert sind.

Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

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Aus der Distanz

Vasily Petrenko springt für Vladimir Jurowski ein und dirigiert das Silvesterkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin

Von Sascha Krieger

Beethovens „Neunte“ zum Jahreswechsel: Das ist seit über 70 Jahren eine feste Tradition des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Eine, mit der Chefdirigent Vladimir Jurowski seit Langem hadert. Der ungebrochene Optimismus, der dem Werk gern unterstellt wird, passt für ihn nicht in unsere Zeit, seine Karriere als „Teil des Silvesterkonsums“, wie er es vor drei Jahren nannte, noch weniger. Und so kontrastiert er die „Neunte“ gern mit einem anderen, zeitgenössisch(er)en Werk – 2028 hat er die Sinfonie gar durch Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw unterbrochen. Seitdem setzte er auf Auftragswerke – auch in diesem Jahr. Da stellt er der Menschheitsvision Beethoven die Realität eines gegenwärtigen Angriffs- und Vernichtungskriegs gegenüber: Das Werk „Göttin der Geschichte“ des exil-russischen Komponisten Sergej Newski ist eine Vertonung des Gedichts „Der Asow-Feldzug“, in dem der litauische Lyriker Tomas Venclova auf die Belagerung und Eroberung der ukrainischen Stadt Mariupol durch russische Truppen im Jahr 2022 thematisiert. Ein Ort, an dem „Alle Menschen werden Brüder“ längst in Scherben liegt.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Bild: Astrid Ackermann)

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An Absent Life

Tracy Letts: Mary Page Marlowe, Old Vic, London (Director: Matthew Warchus)

Von Sascha Krieger

Five women, one life: Tracy Letts‘ 2016 play Mary Page Marlowe follows its titular charcter almost literally from the cradle to the grave. Five actresses (and one doll) play her in the Old Vic production (it was six during the original Off-Broadway run) and depict her in different phases of her life. Starting with the divorce from her first husband, the play jumps back and forth in time following no discernible principle. We see the toxic home baby Mary is born into, a pre-teen Mary (Alisha Weir) struggling with her mother’s unraveling, her teenage incarnation (Eleanor Worthington-Cox)  full of hope and fear of the future. While turning in believable performances, they serve little more purpose than setting the scene, providing background and context. Mary’s adult selves take up most of the play. Rosy McEwen plays a confident young woman between therapy and affairs who feels she’s just playing roles which, at the same time, she rebels again. Susan Sarandon, arguably the productions biggest draw, plays an older Mary – and has the easiest part. Her job is to wrap up the story, bring the ends together, provide closure. Much character work is not asked of her.

Image: Sascha Krieger

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The Heart of Nowhere

Samuel D. Hunter: Clarkston, Trafalgar Theatre, London (Director: Jack Serio)

Von Sascha Krieger

A Costco in Clarkston, on the eastern border of Washington. Here, the (in)famous Lewis and Clark Expedition that set out to „discover“ the American West, erected a camp in 1805. Or was it across the river, in Lewiston, on the Idaho side? As certainties do, this one also gets blurred in the course of the 90 minutes that Samuel Hunter’s 2015 play lasts in this West End production. A play about the broken American dream, about shattered hopes and paths not there to be taken on the backdrop of one of the country’s most persistent myths, Clarkston seems made for this moment in history, a crossroads not only for America but the entire west (now meant in the geopolitical way) which determines whether the democratic experiment that started in America just before the expedition (and led to it) is about to come to an end. It is here that Jake and Chris meet, two young men also at the ends of their own dreams and hopes who work at this Costco.

Image: Sascha Krieger

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The Nuisance of Being Earnest

Oscar Wilde: The Importance of Being Earnest, Noël Coward Theatre / National Theatre, London (Director: Max Webster)

Von Sascha Krieger

Interpreting Oscar Wilde’s identity confusion masterpiece The Importance of Being Earnest acknowleding the background of the author’s queerness is almost a given in contemporary productions. And sure enough, this take on the classic – an almost entirely recast West End transfer of a National Theatre production – opens with a musical prologue in which Olly Alexander – who will play protagonist Algernon Moncrieff with a delightful boyish mischievousness that toys ironically with the subversive potential of self-invention – performs a burlesque number in a flamboyantly pink dress. This is to set a stage that constantly refers to queer nature of the characters‘ identity charades, the constant pretending to be somebody else who – the most wonderful twist of this anything but harmless play – it turns out is the character’s true identity after all: from the camp overacting to several rather steamy encounters of members of the same gender to the gender-bending casting, culminating in a spectacularly frightening yet humane interpretation of the role of Lady Bracknell by the legendary Stephen Fry.

Image: Sascha Krieger

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Ein Geschichtchen der Gewalt

Henrik Ibsen: Peer Gynt, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Regie: Vegard Vinge, Bühne, Ausstattung und Kostüme: Ida Müller, Sound und Komposition: Trond Reinholdtsen)

Von Sascha Krieger

A History of Violence: Mit diesem Titel eines David-Cronenberg-Films aus dem Jahr 2005 ließe sich der neue Abend der Totaltheater-Anarchist*innen Vegard Vinge und Ida Müller (zu denen vor einiger Zeit der Komponist Trond Reinholdtsen gestoßen ist) beschreiben. Eigentlich sollten Vinge und Müller die Volksbühne interimistisch leiten, dann sagten sie aufgrund der Kultur-Kürzungen des Berliner Senats wieder ab. Ein paar (aufgrund des verzerrten Sounds und schweren norwegischen Akzents weitgehend unverständliche) Spitzen gegen den Finanzsenator und die Regeln der Volksbühne (zu denen auch die Vereinbarung, acht Stunden nicht zu überschreiten, zählt)schleudert Vinge denn auch in den Zuschauerraum, ansonsten fällt die metatheatrale Ebene dieses Mal recht dünn aus.

Bild: Julian Röder

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Schatten und Licht

Musikfest Berlin 2025 – Das Orchestre des Champs-Élysées und das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe spielen Werke von Cherubini und Beethoven

Von Sascha Krieger

Ein Ausreißer beim Musikfest Berlin 2025: Während die meisten Konzerte einen Schwerpunkt auf moderne und zeitgenössische Musik legen und Geburtstage von Protagonisten dieser Epochen legen – allen voran den 100. von Luciano Berio – tut Philippe Herreweghe das, was er am liebsten tut: Einer der wichtigsten noch lebenden Vertreter*innen der historisch informierten Aufführungspraxis stellt mit dem von ihm gegründeten Orchestre des Champs-Élysées – das auf historischen Instrumenten oder deren Nachbauten spielt – Werke der Vorromantik in den Mittelpunkt. Und demonstriert dabei im Vorbeigehen Licht- und Schattenseiten dieser Art von Aufführung und Interpretation. Es beginnt mit dem Schatten: Ludwig van Beethovens berühmte 3. Sinfonie, sein Durchbruch als Sinfoniker, gerät zu einer Dreiviertelstunde Langeweile. Kurzatmig werden die Noten verknappt, der Klang wie unter einer Käseglocke, Heldenhaftes geflissentlich vermeidend und dabei gegliche Spannung über Bord werfend: Dieser Beethoven liegt unter einer zentimeterdicken Staubschicht. Hier bekommt die Musik keine Luft zu Atmen, alles ist so komprimiert, dass die Vitalfunktionen des Werks kaum spürbar sind. Der „Eroica“ das Heldenhafte auszutreiben, bedeutet, die Sinfonie ihres Kerns zu berauben. Da auch die sonst in historisch informierten Aufführungen Beethovens typischen rasend schnellen Tempi fehlen,  bleibt das Energielevel im roten Bereich.

Philippe Herreweghe dirigiert das Orchestre des Champs-Élysées beim Musikfest Berlin (© Berliner Festspiele, Bild: Fabian Schellhorn)

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Triumph und Scheitern

Musikfest Berlin 2025 – Zwei Abende, zwei Pariser Orchester: das Orchestre de Paris unter Esa-Pekka Salonen und das Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mirga Gražinytė-Tyla

Von Sascha Krieger

Zwei der wichtigsten französischen Orchester an zwei Tagen: Das ist auch in Paris nicht aller Tage zu erleben. Das Musikfest Berlin macht es möglich – und wird am Ende der Woche mit dem Orchestre des Champs-Élysées noch einen dritten Klangkörper aus der französischen Hauptstadt begrüßen. Den Anfang macht das Orchestre de Paris, das bekannteste und renommierteste Orchester des Landes. Am Pult steht mit Esa-Pekka Salonen einer der ganz großen Namen der internationales Musiklandschaft: Der Finne ist nicht nur ein weltweit gefragter Dirigent, sondern auch der der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten. Da ist es keine Überraschung, dass er ein eigenes Werk im Gepäck hat. Sein Konzert für Horn und Orchester erlebte erst zwei tage zuvor in Luzern seine Uraufführung – bei der deutschen Erstaufführung ist das gleiche Personal dabei. Neben Orchester und Komponist/Dirigent ist das Solist Stefan Dohr, im „Hauptberuf“ Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker und Widmungsträger des Werks. Es liegt an allen dreien, dass diese Aufführung in der wie so oft beim Musikfest alles andere als vollen Philharmonie zum Triumph wird.

Esa-Pekka Salonen und das Orchestre de Paris zu Gast beim Musikfest Berlin (© Berliner Festspiele, Bild: Fabian Schellhorn)

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Hauptdarsteller Wirklichkeit

Performing Exiles 2025 – Mohammad Rasoulof: Destination: Origin, Berliner Festspiele (Regie: Mohammad Rasoulof)

Von Sascha Krieger

Die Wirklichkeit, sie erobert sich diese Bühne, schon bevor es eigentlich losgeht. Da steht der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, gerade für einen Oscar nominiert, vor dem Publikum und spricht von seiner Angst vor dem theater, für ihn, den Filmemacher ein kaum bekanntes Land. Und ist dann gleich weit diesseits der Kunst, in seinem Land, das nicht mehr das seine ist, seit er es verlassen musste, weil es ihn für seine Kunst ins Gefängnis werfen wollte. Ein Land, auf das Bomben fallen, zu dem jeder Kontakt fast vollständig abgebrochen ist. Es ist auch das Land seiner Darstellerinnen, die sein Schicksal teilen, weil sie mit ihm den Film machten, für den sie alle fliehen mussten. Und um den es an diesem Abend geht. Aber zunächst ist da der Krieg, der dieses Spiel, dem wir gleich beiwohnen werden, obsolet machen sollte. Und Rasoulof redet nicht drum herum: Theater zu spielen, wenn auf die eigenen Familien und Freunde Bomben fallen, verbiete sich eigentlich. Und gleichzeitig ist auch dieses Spiel Selbstbehauptung. Nein, nicht in einem überhöhten Sinn lebens- und sinnstiftender Kunst, sondern ganz praktisch: Er hat dieses Projekt angenommen, so erzählt Rasoulof, um seinen Darstellerinnen Arbeit zu geben, um deren Aufenthalt in diesem deutschen Exil zumindest ein bisschen abzusichern. Und auch sie haben ganz alltägliche Sorgen: So unterbrechen sie später eine Szene, in der es um die Wohnungssuche in Berlin geht, mit einem ganz realen Appell an Zuschauer*innen, die vielleicht im wirklichen Leben eine Wohnung vermitteln könnten.

Bild: Camille Blake

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Mit ABBA durch die Hölle

Nach der Fernsehserie von Lars von Trier und Niels Vørsel: Hospital der Geister, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jan-Christoph Gockel)

Von Sascha Krieger

Den stärksten Moment hat dieser Abend gleich am Anfang. Da kommt Tanja Hameter auf die Bühne, eine blinde und gehörlose Frau, geführt von ihrer Dolmetscherin. Sie erklärt uns das Handalphabet, mit dessen Hilfe sie mit der Außenwelt kommuniziert. Sie fordert das Publikum auf zu winken, zu klatschen, zu trampeln und berichtet uns, was sie wahrnehmen kann und was nicht. Und schon sind wir drinnen, in einer Welt, die mit unserer so wenig zu tun zu haben schein, voller Wahrnehmungen, die sich uns nicht erschließen können, aber die neben unserer existiert. Ein Schattenreich nicht weniger real und voller Leben als das, was wir zu kennen meinen. Wir werden aufgefordert das zu hinterfragen, was wir für die Realität halten – nicht nur unsere, sondern eine in unserer Hybris als „normal“ gesetzte Allgemeingültige. was für ein Beginn, still, ohne jegliches theatrales Brimborium, ein freundlich lächelndes Einreißen unserer Wirklichkeitsillusion.

Bild: Armin Smailovic

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