Habe ich Ihre Aufmerksamkeit? Gut. Natürlich folgt nicht unweigerlich Merz aber ich wollte den Ton für diesen Post setzen, der für meinen Geschmack ein bisschen sehr auf Glaskugel setzt.
Warum ich ihn trotzdem schreibe? Weil meine „Was-folgt-daraus?“-Überlegungen denke ich gar nicht so unwahrscheinlich sind.
Es geht um den Damm- oder Tabubruch den Friedrich Merz und die Union haben. Ich stelle nciht zur Debatte, dass ein Damm- oder Tabubruch war, denn Merz hat ein Mehrheit die nur mit Hilfe der AfD zustande kommt vorher als solchen behandelt. Er hat sogar versprochen nicht mit der AfD zusammen zu arbeiten.
Beschreiben wir doch einfach mal die Szenerie. Die Union ist nach Umfragen die stärkste Kraft mit 30% (laut Insa Stand 27.1.2025). Es folgt die AfD mit 22%, dann SPD (15,5%), Grüne (12,5%) und BSW (6%). Linke und FDP mit jeweils 4,5% schaffen die 5% Hürde nicht, 5 weitere %: entfallen auf sonstige Parteien.
Damit haben wir nach Umfragen eine konservative Mehrheit in der Bevölkerung und, wie erwähnt, die Union als stärkste Kraft. Nun ist das natürlich ein Umfrageergebnis und kein Wahlergebnis. Die Kräfteverhältnisse im Bundestag sehen anders aus. Die Umfrageergebnisse sehen aber so aus, weil ein großer Teil der Bevölkerung ein vollständiges Versagen die bestehenden(und das muss man erwähnen: linken) Regierung wahrgenommen hat. Da Bundeskanzler Scholz aber das Vertrauen entzogen wurde und die Regierungskoalition geplatzt ist, gibt es natürlich einiges an Spiel- und Debattenraum.
Nun haben alle Parteien, abgesehen von der AfD, sich im Großen und Ganzen an die Brandmauer gehalten. Gut, die Linke nimmt das auch nicht so genau, wie ich bereits damals bei der Wahl Kemmerichs zum Ministerpräsidenten Thüringens sagte. Aber gut…
Begeben wir uns einmal ein Friedrich Merzens Situation. Er hat versprochen, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten. Er hält die Brandmauer also offensichtlich für richtig. Er ist ein konservativer Politiker und Vorsitzender der konservativen CDU und Unions-Fraktion. Rechts von ihm ist die AfD, links von ihm FDP, SPD, Linke, Grüne. Wobei Union und FDP noch viele Überschneidungen haben.
Kommen wir nun zu den Glaskugeln. Denn was wäre wenn…
Das Einhalten der Brandmauer verlangt jetzt von ihm, dass er keine Politik macht, die nur mit den Stimmen der AfD zur Mehrheit kommt. Er muss also, wenn er aktiv gestalten will, auf FDP, SPD, Grüne und Linke bauen wenn er Anträge und Gesetzentwürfe einreicht.
Was schwierig ist, denn Grüne, Linke und auch die SPD sind weit davon entfernt konservative Parteien zu sein. Und es ist ihr gutes Recht konservative Politik abzulehnen – dafür wurden sie ja von ihren Wählern gewählt.
… die Brandmauer bestehen bleibt?
Somit steckt Merz in der Situation, dass er, obwohl ein signifikanter Anteil der Bevölkerung konservative Politik möchte, er konservative Politik machen möchte, seine Fraktion aktuell die meiste Unterstützung in der Bevökerung hat, er auf Grund der Brandmauer keine konservative Politik machen kann. Und das obwohl die Regierungskoalition aufgelöst wurde, dem Kanzler das Vertrauen entzogen wurde und Neuwahlen anstehen, also richtig schön Spielraum besteht.
Das enttäuscht natürlich die Wähler der Union und es ist anzunehmen, dass sich einige dann denken: Na gut, dann gehe ich halt zur AfD, mit der Union bekomme ich ja keine konservative Politk. Das würde natürlich der Union schaden und die AfD stärken. Zu mindest letzteres will ja auch keiner – außer die AfD und ihre überzeugten Anhänger.
Macht aber nach der kommenden Wahl die Koalitionsverhandlungen mit links der Union stehenden Fraktionen möglich. Nur eben nicht einfach. Denn letztendlich haben sie ihn dann „bei den Eiern“. Sie können in den Verhandlungen die Union vollständig entkernen, weil ohne sie keine Mehrheit möglich ist. Sie können diktieren, was getan werden soll. Und das wäre dann wirklich desaströs für die Union und ein Jackpot für die AfD.
… die Brandmauer fällt?
Die andere Variante, die Merz gewählt hat, ist die Brandmauer Brandmauer sein zu lassen und eine Mehrheitsfindung mit der AfD in Kauf zu nehmen. Damit bricht er natürlich sein Wort und die Politiker der anderen Parteien können (und haben) sich darüber echauffieren. Gespräche zur Koalition sind jetzt deutlich erschwert und manche Verhandlungen sind jetzt vielleicht sogar ausgeschlossen.
Jetzt hat sich Merz zwar vom Diktat der linken Parteien gelöst, hat sich aber in die Situation begeben, dass er, solange die anderen Parteien empört bleiben, er nur mit der FDP und AfD zusammen etwas gestalten kann, was er aber eigentlich so auch nicht will. Im Prinzip hat er sich jetzt aus der Gnade der linken Parteien in die Gnade der AfD gegeben.
Mit einem signifikanten Unterschied. Wähler die eine konservative Politik haben wollen, können jetzt bei der Union bleiben, denn immerhin wird die Union bzw. Merz ja jetzt versuchen auch konservative Politik zu machen.
Insgeheim müssten die linken Parteien der Union also eigentlich dankbar sein, dass die Union und Merz so gehandelt haben.
…sich niemand echauffiert hätte?
Wenn ihr jetzt dachtet Merz sei in einer schlechten Situation, dann denkt mal über die linken Parteien nach. Nach all dem Hype den sie aufgebaut haben um die Brandmauer MÜSSEN sie sich echauffieren, sonst werden sie unglaubwürdig. Egal ob sie begriffen haben, dass Merz nicht anders konnte um eine weitere Abwanderung der Wähler zur AfD zu verhindern oder nicht. Meinem Eindruck nach fallen leider die meisten, die sich echauffieren, in die Kategorie „oder nicht“.
Das heißt aber auch, dass sie, um glaubwürdig zu bleiben, Koalitionsverhandlungen ablehnen müssen. Denn sonst würden sie bei ihren Anhängern richtig schlecht dastehen. In etwa so: „Gerade noch die Union mit Faschisten in Verbindung gebracht, heute mit ihnen für Macht kuscheln.“
Lehnen sie diese aber ab, dann bleiben der Union nur zwei Optionen: Neuwahlen oder der Blick Richtung AfD. Und beides wäre für die linken Parteien katastrophal. Entweder kommt die AfD tatsächlich in Regierungsverantwortung oder aber die linken Parteien werden noch einmal abgestraft, weil sie in der Situation nicht Kompromissbereit waren und mit der Union einen demokratischen Weg gefunden haben.
Arbeiten sie nach der Wahl mit der Union zusammen: Massiver Glaubwürdigkeitsverlust in der Bevölkerung und der vollständige Verlust der sich selbst zugeschriebenen moralischen Überlegenheit.
Arbeiten sie nicht nach der Wahl mit der Union zusammen, müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, zum Erhalt der Demokratie nicht über ihren Schatten gesprungen zu sein.
Was wäre also zu tun?
Wie von einigen Kommentatoren zur Sachlage bereits erwähnt und auch hier schön zu lesen: Mit keinem Wort wurde über den INHALT der zur Abstimmung gestellten Sache gesprochen. Ich habe es schon in meinem damaligen Kommentar zur Ministerpräsidentenwahl in Thüringen anklingen lassen: Ich halte eine Zustimmung der AfD zu einem Antrag/Gesetz nicht für schlimm und auch nicht, wenn die Stimmen der AfD für die Mehrheit sorgen. Die Brandmauer ist eine unnötige Farce in meinen Augen die pures Virtue Signaling ist. Und entgegen dem was manche Leute glauben machen wollen, ist der Wert nicht Demokratie. Denn Demokratie schließt nicht den Willen von 20% der Bevölkerung aus und sabotiert damit die Umsetzung der Wünsche von nochmal 30% der Bevölkerung.
Wenn eine Brandmauer gegen demokratiefeindliche Gesetze, Gesetze die den Rechtsstaat aushebeln, Gesetze die das streben nach Gleichberechtigung gefährden oder generell Menschenrechte außer Kraft setzen besteht. Ja. Ja absolut, da bin ich dabei. Das wäre übrigens eine Brandmauer gegen den Faschismus (und anderer autoritärer Strömungen). Das wäre aber eine Brandmauer in der Sache.
Diese jetzige Brandmauer ist aber nicht in der Sache. Sie ist gegen eine Partei gerichtet. Überspitzt formuliert könnten Anträge und Gesetzesentwürfe zur Verbesserung von Schulen, Bahnnetzen, der medizinischen Versorgung usw. mit dieser Brandmauer abgelehnt werden, nur weil die AfD das Zünglein in der Waage ist.
Das ist nicht zielführend. Diskutiert in der Sache. Entscheidet in der Sache.