Der Kulturwissenschaftler Dr. M. Seemann, 2023 (Quelle: Wikipedia, Bildbearbeitung: Blogbetreiber)
Der von mir seit Jahren geschätzte Kulturwissenschaftler Michael Seemann ist mittlerweile zum Bluesky-Baudrillard (meine Wortschöpfung) avanciert, will sagen, er benutzt – nach meiner Interpretation – Jean Baudrillards Denkmodell der spirale du pire (Abwärtsspirale des Schlimmsten), um so mit dem Horror der medialen und politischen Gegenwart fertigzuwerden.
Die spirale du pire antizipiert die schlimmstmöglichen Folgen aktueller soziokultureller und politischer Ereignisse, damit diese nicht eintreten. So ist auch Seemanns folgende Reihe von Posts vom 6. Januar 2026 um 10:59 Uhr zu lesen, die ich etwas lektoriert habe:
Gibt es eigentlich noch Skandale? Kann es sie noch geben? Sind die medialen Entstehungsbedingungen für Skandale überhaupt noch da, also z. B. ein hinreichender Abstand zwischen Skandal / kein Skandal? Oder Medien, denen genug Leute Glauben schenken? Die Erwartung, dass irgendwer nicht korrupt ist?
Gibt es überhaupt noch ein flächendeckend geteiltes moralisches Empfinden, das gebrochen werden kann? Wenn dies bei Kriege-vom-Zaun-brechen, Kinder vergewaltigen, Kinder abknallen oder Völkermord nicht mehr der Fall ist, was ist dann noch übrig?
Ich erzähl mir das so: In den 2000ern kam das Internet und in den 2010ern der informationelle Kontrollverlust, der enthüllte, wie alles funktionierte: Wikileaks, Snowden, Panama-Leaks usw. Es folgte eine kurze, betroffene Stille der Eliten. Und dann kam Trump und sagte: „Scheiß auf Scham!“ und übernahm den Laden.
Er war durch seine Schamlosigkeit der letzte noch wirklich handlungsfähige Akteur in einer durch das Internet transparent gewordenen Mediengesellschaft.
Jetzt könnte alles rauskommen und es kommt ja noch viel raus, aber wir leben längst in Trumps Paradigma der Scham- und damit der Skandallosigkeit. Mit General AI verschwimmt alles zusätzlich in plausible deniability [nachvollziehbarer Abstreitbarkeit, S.H.] und egal, was rauskommt, es wird nur zum weiteren Layer im Weißen Rauschen.
Was früher ein Skandal gewesen wäre, wird heute medial inszeniert und nach vorn gestellt, statt versteckt: Misshandlung, Rechtlosigkeit, Konzentrationslager und Brutalität. Heute ist man stolz auf die eigene Unmenschlichkeit und ich frage mich langsam, wo da überhaupt noch Eskalationsraum ist?
Ich habe mich nie als Moralisten gesehen, aber ich glaube wirklich, es ist diese allgemeine Morallosigkeit, die mich so fertig macht. Ich fühle mich wie ausgekotzt, wenn ich das alles lese. Ich fühle mich, als würde ich mit meinen Mitmenschen zusammen im Schlamm leben. Nichts hat mehr Sinn.
Die Mischung aus Wut, Verzweiflung und mentaler Erschöpfung, die aus Seemanns aktuellen Posts spricht, erfüllt mich mit Sorge um seine Person, denn ich fühle mich an die Lektüre von Bernward Vespers „Reise“ erinnert. Ich hab ihm das auch via Bluesky mitgeteilt, weiß aber nicht, ob das richtig ankam. Seine Kommunikationsstrategie ist dann immer „Ja, ich weiß, ich bin komplett am Arsch, aber die Welt ist nun mal auch am Arsch!“ und Letzterem ist nun mal aktuell kaum zu widersprechen.
Fragt sich, ob man den, äh, „Zustand der Welt“, was an sich schon mal ein zutiefst fragwürdiger Begriff ist, subjektiv spiegeln muss. Aber das zu diskutieren sind Soziale Medien wohl mal wieder komplett ungeeignet.
Alle Services nutze ich seit Jahren selber. Sie sind, wenn nicht anders angegeben, kostenlos.
Über weitere Alternativen, bsp.weise für die Internet-Suche, Instant-Messaging, Büro-Software und sogar Geld-Transfer informiert dieser Blog-Artikel des kanadischen Fachjournalisten Paris Marx vom 18. Juli 2025.
Dank der Großzügigkeit meines Co-Bloggers Ralf Schuster werde ich am diesjährigen Tag des offenen Ateliers in Brandenburg am 2. und 3. Mai teilnehmen. Ich werde sogar einen separaten Pavillon im schönen Lieberose bespielen (siehe Video)!
Die „Grüne Zitadelle“ zu Magdeburg (Quelle: Google Maps, Bearbeitung: Blogbetreiber)
Letzte Woche hatten wir einen tatsächlich eckenlosen Supermarkt, heute gibt es ein ebenfalls rundlich wirkendes Gebäude von Friedensreich Hundertwasser aus dem Jahr 2005, welches aber – der ArchiWarkus belegt es im Video – Eckenlosigkeit meist lediglich vortäuscht. Außen rund, innen eckig: eine architektonische Mogelpackung erster Kajüte. Wobei: Viele von Gaudís Hausfassaden sehen noch viel blumig-dekorativ-ornamentaler aus.
Der ArchiWarkus – so kennen und schätzen wir ihn – referiert zwar die Polemik gegen Hundertwassers Pseudo-Antimoderne, bleibt aber sachlich und beschränkt sich darauf, die „liebevoll handwerklich gestaltete“ Fassade zu beschreiben und vergisst auch nicht, auf die enorme Popularität dieser Ästhetik hinzuweisen.
Ralf Schuster | Der Bratwurstfresser | Wachsmalkreide auf Karton, ca. 100 x 70 cm | 2025 Klick aufs Bild öffnet eine hochauflösende Variante im neuen Tab
Ralf Schuster | Androgyner Rentner | Wachsmalkreide auf Karton, ca. 100 x 70 cm | 2025 Klick aufs Bild öffnet eine hochauflösende Variante im neuen Tab