zwölf einlassungen. ausgelassen

I
was fiele mir ein?
ohne gedächtnis. dann:
mehrere seiten leer
weil wesentliches in den
träumen. aufgelöst
II
ich würde mich gerne
in einem fremden schlaf aufhalten
ich würde mich gerne
hinter großen, traurigen augen verbergen
und durch ein immer geschlossenes
schattig getöntes fenster alles beobachten
was noch küste werden kann
ich könnte zugegen sein
wenn sich das reich der unendlichkeit
in beliebigen landschaften entzauberte
was mir die natur sagte
was mir die seelen sagten
während sie vorüberzögen
während ich vorüberzöge
könnte im schweigenden einverständnis
aller zeitlichen dinge
für immer aufgehoben sein
weil sich nur so ein ereignen
des unerwarteten augenblicks ertragen ließe
im sicheren und anerkannten wissen
dass es augenblicke nicht geben wird
in der rahmung der erwartungen.
III
aber nicht die zeit ist schuld an der spurlosigkeit; immerhin war sie bemüht um eine reihung der töne und konnte ja nichts für das fehlende gehör; oder sie regte an eine folge von schritten, auch wenn sie folgenlos blieben. zeit wäre ja so etwas wie ein ort, dessen böden, wände und decken mitte und ende und anfang markierten, davor und danach, einen raum der stimmen und wider-stimmen, der die enge der wünsche und der befürchtungen ins epische öffnete, als ein unablässiges sagen aus kindlichen mündern – wer wollte den niedlichen die sprechenden köpfe abschlagen, um einer heiligen stille wegen?
IV
doch die wahrheit ist:
ich kann mich nicht erinnern
wann jemand mir zuletzt zurief:
schön, dass du da bist!
V
es mag sein
dass meine sätze zu lang geraten
wie ein zögern
und das viele denken und schwanken
mag ein begegnen behindern.
ja! ich bin ein behinderter
jemand
der selten gesichtet wird
jemand
dessentwegen die leute
wenn sie ihn einmal
die straße auf- oder abgehen sehen
in ihrer verlegenheit
auf die andere seite wechseln.
VI
vielleicht denke ich deshalb so lange sätze, weil ein ende mir zu verbindlich erschiene, weil jeder punkt behaupten würde, dass etwas abgeschlossen sei, obwohl es nur liegen geblieben ist, wie ein mantel auf einem stuhl, den niemand mehr anzieht, nicht aus verachtung, sondern weil es keinen anlass gab, das haus zu verlassen. und vielleicht ist es genau dieses liegengebliebene, das mich mehr beschäftigt als alles, was jemals in bewegung geraten ist, dieses unaufgeräumte zwischen, in dem dinge nicht entschieden wurden, nicht verworfen, nicht bejaht, sondern einfach dort verblieben, wo sie zuletzt gebraucht worden waren, als hätten sie sich geweigert, eine funktion zu erfüllen, die ihnen nie wirklich entsprach; und so sammelt sich um sie eine stille, kein feierliches schweigen, eher ein praktisches, eines, das man braucht, um nicht ständig erklären zu müssen, warum etwas nicht weitergeführt wurde, warum es keine fortsetzung gibt, keinen zweiten versuch, keinen dritten anlauf, sondern nur diese flache gegenwart, die sich wie ein zu oft gefalteter zettel immer wieder an derselben stelle bricht.
VII
ich bin, fast ohne es selbst zu bemerken und ohne eigenes zutun, zu der erkenntnis gelangt, dass erinnerung weniger mit behalten zu tun hat als mit ermüdung, mit dem punkt, an dem man aufhört, sich zu wehren gegen das, was immer wiederkehrt, nicht als bild, nicht als geschichte, sondern als tonlage, als temperatur, als ein kaum merkliches absinken der stimme, wenn man einen namen hört, den man früher leicht ausgesprochen hat, und der jetzt schwer wird, weil er nichts mehr enthält, weil er eine elegante auslassung ist; und so gehe ich weiter durch diese sätze, nicht um etwas zu sagen, sondern um zeit zu verbrauchen, ohne sie totzuschlagen, als ließe sie sich dadurch milder stimmen, als würde sie, wenn man ihr genug worte hinlegte, aufhören, forderungen zu stellen.
VIII
es gibt tage, an denen das denken mühsam erscheint, nicht schmerzhaft, nur unerquicklich, wie eine arbeit, die niemand bestellt hat und für die es keine abrechnung gibt, und ich sitze dann lange, ohne erholung, schaue lange, ohne zu sehen, und habe das gefühl, dass alles, was mir je hätte begegnen können, sich entschieden hat, einen schritt früher abzubiegen, in eine andere straße, ein anderes leben, eine andere möglichkeit, die ich nicht betreten habe, nicht aus angst, sondern aus mangel an not, denn auch das muss man lernen: dass nicht jede verfehlung tragisch ist; manche sind einfach ungeschickt, sie hinterlassen nichts als diese dünne schicht von ermattung, die sich über alles legt, was noch kommen könnte.
IX
vielleicht ist das der grund, warum mir die landschaften lieber geworden sind als die gesichter; weil sie nichts erwarten, keine antwort, kein erwidern, sie stehen da, sie liegen, sie ziehen vorbei, und selbst wenn sie sich verändern, tun sie es ohne mir eine rolle zuzuschreiben; und ich kann mich in ihnen verlieren, ohne wirklich zu verschwinden, kann gehen, ohne anzukommen, stehen bleiben, ohne aufgehalten zu werden, und wenn ich müde werde, ist es eine müdigkeit, die niemand kommentiert, niemand deutet, niemand zu lindern versucht.
X
doch auch das erschöpft sich einmal, das gehen ohne ziel, das denken ohne auftrag; und dann bleibt nur noch dieses schüttere fortsetzen, ein satz als fortsatz; ein satz, der sich an den nächsten hängt, nicht aus notwendigkeit, sondern aus trägheit, wie schritte, die man macht, weil man sie schon immer gemacht hat, und nicht, weil sie irgendwohin führen; und ich frage mich, ob erschöpfung vielleicht die ehrlichste form von wahrnehmung ist, weil sie nichts mehr hinzufügen will, nichts mehr rechtfertigt, sondern nur noch registriert, dass etwas da ist, dass etwas vergeht, dass etwas nicht mehr gelingt. das ist der moment, in dem man sich wirklich verirrt, nicht spektakulär, nicht in fremdem gelände, sondern in dem, was man gut zu kennen glaubte, in den eigenen gedanken, die plötzlich keine ordnung mehr halten, keinen vorrang, keine hierarchie, sondern sich wie loses geröll unter den füßen verschieben, so dass jeder schritt ein kleiner verlust ist, kein sturz, aber auch kein halt, nur dieses fortwährende nachgeben, bis man aufhört, zwischen gehen und stehen zu unterscheiden, zwischen reden und schweigen, zwischen anwesenheit und abwesenheit.
XI
ich merke, wie die sätze langsamer werden, nicht kürzer, nur schwerer, als trügen sie etwas mit, das sie nicht mehr loswerden; das ist der glückliche punkt, an dem man nichts mehr suchen sollte, nicht einmal sich selbst, sondern einfach bleibt, wo man ist, in dieser aufgezehrten, leicht verschobenen lage der dinge, in der alles noch da ist, aber nichts mehr drängt, nichts mehr ruft, nichts mehr sagt: komm.
XII
also lasse ich
den satz weiterlaufen
obwohl ich nicht weiß
wofür
lasse ihn sich verausgaben
sich verlieren
sich verheddern
bis er selbst nicht mehr weiß
wo er begonnen hat
ein nicht-enden
ein liegen-bleiben
ein stück winterliche kleidung
auf einer stuhllehne
niemand zog es an
niemand hatte es vergessen
es gab nur
keinen grund mehr
hinauszugehen








