Ich fange an, indem ich meine Grossmutter zitiere, die diesen mir damals völlig unverständlichen Satz immer dann sagte, wenn ihr die Dinge die meine Generation so tat, ein Rätsel waren.
“Euch geht es einfach zu gut”.
Natürlich verstand ich das nicht und schüttelte meinerseits den Kopf. Oma hatte ja keine Ahnung.
Heute sehe ich das völlig anders.
Sie hatte zwei Kriege erlebt und zwar mit allem was so dazugehört. Als da wären: Angst, Hunger, Sorge um Kinder und Angehörige, traumatische Erfahrungen und nicht zu löschende Bilder im Kopf.
Die direkte Nachkriegszeit war auch nicht übertrieben komfortabel, das änderte sich allerdings schnell. Aber genug davon.
Trotz der vielen Dinge die im Argen liegen was den sozialen Bereich betrifft, also der sehr vielen Dinge, geht es den Menschen hier im Land immer noch sehr viel besser als es in anderen Teilen der Welt der Fall ist. Das ist keine Schönrederei, es stimmt. Jeder ist krankenversichert, was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist. Auch wenn man da immer wieder sehr um Abbau bemüht ist. Natürlich ist das Land, vergleicht man es mit den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, fast ein Armenhaus. Allein der völlig desaströse Arbeitsmarkt ist ein riesiges Problem.
Wohnungsnot und schleichende Aushebelung von Rechten der Arbeitnehmer kommen dazu. Ungerechtigkeiten was Renten betrifft und eine nicht zu übersehende Ungleichbehandlung von Frauen sowie mangelnde staatliche Sorgfalt was das Wohl der Kinder betrifft, runden das Ganze ab.
Und doch haben die Meisten alles was sie brauchen und so einiges mehr. Internetzugang zum Beispiel und was es sonst noch so gibt. Und das betrifft nicht nur Gutverdiener. Man hat, auch wenn man eher nichts hat, gewisse Freiheiten. Und sogar Möglichkeiten, falls man psychisch nicht völlig überfordert von der speziellen Situation des eigenen Lebens ist. Was in unserer Zeit praktisch zum Standard gehört.
Es wäre durchaus an der Zeit, gegen gewisse Unzulänglichkeiten des Systems etwas zu unternehmen. Das muss friedlich passieren – anders bringt es nichts, ausser Repressalien für alle . Und das funktioniert sogar, wenn die Menschen sich einbringen und ihre Anliegen zu einem wirklichen Punkt machen. Jedenfalls funktioniert es oft. Aber man sieht keine friedlichen Proteste gegen diese Mogelpackung Mindestlohn. Wo sind die Rentner, die Jetzigen und die Zukünftigen, die einen ungewissen und zum Teil sehr unangenehmen Lebensabend fürchten müssen?
Wo sind die Eltern, deren Kinder durch Sparmaßnahmen der Schulen nicht die Bildung und Förderung erhalten, die ihnen zusteht. Wo sind die erwachsenen Kinder, deren Eltern in Einrichtungen leben müssen, weil es nicht anders geht und die dort aufbewahrt, aber nicht mehr beachtet werden. Wo sind die chronisch Kranken, die vom Gesundheitssystem oft noch kränker gemacht werden.
Man sieht keine Demonstrationszüge was diese Anliegen betrifft. Die Klimaaktivisten nehme ich aus, die sieht man. Und das ist gut so, denn wenn wir uns da nicht kümmern, ist es ziemlich gleichgültig was wir heute so tun. Auch das Schreiben dieses Artikels.
Was man auf den Strassen sieht, sind Leute die sich drangsaliert fühlen wegen garnichts. Ein Stückchen Stoff zu tragen das sie und andere schützt, ist der Inbegriff der Unfreiheit. Sie machen sich Gedanken, ob sie nun in Deutschland leben oder in einem noch immer besetzten Land. Sie verbringen Stunden damit, über Wert und Sinn des Personalausweises nachzudenken und zu diskutieren.
Sie fühlen sich unfrei, vergewaltigt und überhaupt in ihrer persönlichen Freiheit bedroht. Die Freiheit der Anderen, sich vor Ansteckung zu schützen, scheint ihnen da vernachlässigbar. Und natürlich sind sie keineswegs friedlich. Der gestreckte Arm wird gezeigt, als Symbol der Gewaltbereitschaft.
Dazu muss man wissen, dass die “Ziele” des Protestes im Prinzip keine Rolle spielen. Es geht nicht um Masken, um Demokratie und Diktatur – ausser natürlich um die Sehnsucht nach letzterem. Es geht um Frustration, um Ängste und um die absolute Unfähigkeit sich genau diesen Dingen zu stellen. Die Überforderung durch die rasend schnell aufeinanderfolgenden Veränderungen im täglichen Leben durch die zunehmend digitalisierte Welt muss ein Ventil haben, wie es scheint.
Trotz allen Ablenkungen die das Internet und die Medien an sich so bieten, macht sich eine Art gefährlicher Langeweile breit.
Das meinte Oma unter anderem eben auch. Wer wenig hat, setzt andere Prioritäten.Wo die Leute früher geduldig auf das Erscheinen von “Stern” und “Hör Zu” warteten oder einmal die Woche den “Kommissar” geradezu zelebrierten mit Chips und Schorle, da wird heute jeder bis zum Erbrechen überschwemmt von tausenden von Serien in TV und vor allem im Net. Spiele ohne Ende und jede Art von Unterhaltung gibt es für jeden Geldbeutel und sogar gratis.
Aber die Leute sind der Spiele müde. Doch Realität können sie eben auch nicht mehr. Die ist ihnen abhanden gekommen bei dem Riesenangebot an Fantasien, Angeboten, Einladungen zu anderen Welten. Sie suchen etwas, von dem sie vage wissen dass es ihnen verlorengegangen ist. Aber sie suchen an den falschen Stellen. Weil sie keine Ahnung haben, was ihnen fehlt. Bildlich gesprochen ist der Bauch dermassen vollgestopft mit digitaler Instantpampe, dass das berühmte Bauchgefühl sich in eine Art von ständigem und toxischem Sodbrennen verwandelt hat.
Dazu kommt, dass die Fähigkeit zur Kommunikation stetig abnimmt, wahrscheinlich bedingt durch die mangelnde Empathie. Die Unterscheidung zwischen Realität und Angstdenken (Wunschdenken würde ich es nicht nennen) fällt zunehmend schwer. Und Angst haben sie, die gewaltbereiten Aufmarschierer. Sie haben Angst vor einer ungewissen Zukunft, Angst vor dem Verlust ihrer Identität. Die haben sie zu einem grossen Teil schon verloren, denn die Fähigkeit der Analyse ist längst verschüttet.
Und so benutzen sie diesen alten “Dreh”, den Menschen mit Lebensangst immer wieder hilfreich gefunden haben.
Ersetze die reale Angst (die als übermächtig wahrgenommen wird und sehr schmerzhaft ) durch eine Angst die selber gesteuert werden kann und besiegbar erscheint. Dass sie das nur anfänglich ist und sich zu einem bedrohlichen Selbstläufer entwickelt, wird nicht wahrgenommen.
Verlust von persönlicher Freiheit ist ein Teil des täglichen Lebens. Die Regeln im Verkehr, die Regeln in der Firma oder auch in der Familie bringen das unweigerlich mit sich. Ohne sie wäre ein gemeinschaftliches Leben nicht möglich. Doch ist der Verlust zu einem grossen Teil temporär. Nach Feierabend bekommt man die Selbstverwaltung zurück. In der Familie muss man wieder einiges abgeben, bekommt allerdings etwas dafür. Hilfe und Gemeinsamkeit zum Beispiel.
Das wäre der Idealzustand. Den gibt es aber selten. Man steht ständig unter Druck, der im Einzelnen nicht so stark ist, aber durch die Masse irgendwann toxisch wirkt. Man geht hin wo man nicht hingehen will, man sagt Dinge die man nicht meint und tut Dinge die man hasst.Ob Management oder Arbeitslosigkeit oder irgendwo dazwischen: diesem Druck entkommt kaum jemand.
Es geht darum, abzufedern wo es geht und eine für sich sinnvolle Alternative zum Ausgleich zu finden. Das scheint nun aber nicht jedem gegeben zu sein. Also ersetzt man den Druck an den man lieber nicht rühren möchte, durch einen anderen Druck. Gegen den man etwas tun kann. Vermeintlich tun kann. Und erschafft eine komfortable Kampfzone für sich selber, in der alles möglich ist, was man sich schon immer gewünscht hat.
Auf den Tisch hauen, egal ob es Tote und Verwundete gibt. Das Feindbild zerschmettern, hinter dessen Fassade Chefs, Beamte, Ehepartner, Eltern, irrationale Ängste und massive Minderwertigkeitsgefühle stehen.
Mama hat immer genervt, wenn sie stundenlang lamentieren konnte weil etwas herumlag. Sie hatte Angst vor der Unüberschaubarkeit ihrer Welt und dem Kontrollverlust. Nich t vor dem Schulbuch, das nicht weggeräumt war. Nicht, dass sie viel Kontrolle über ihr Leben gehabt hätte. Vati konnte drakonisch strafen wenn die Noten schlecht waren. Er hat damit seine eigenen Versagensängste abgewatscht. Denen er sich nicht stellen konnte und denen er auch keinen Fleiß einprügeln konnte.
Das sind Beispiele für die Anwendung des “Drehs”. Und die neuen Möchtegern – Rebellen nutzen ihn virtuos. Sie wenden ihn so geschickt an, dass eine Art Bewegung daraus geworden ist.
Das ist der Dreh als absolutes Werkzeug: die Gefahr für Leib und Leben leugnen, und zum Kampf gegen die aufrufen, die eben dieser realen Gefahr wirklich entgegentreten. Und als absolute Umkehrung der Realität in einem der freiesten Länder der Erde gegen eine Diktatur in ebendiesem Land demonstrieren. Mit Gewalt und Tod drohen und die freie Presse als Feind anprangern.
Den Kopf geschüttelt hätte Oma und ihren Spruch aufgesagt. Sie hatte Erfahrung mit Leuten die ihre Angst übertragen. Und wusste genau, wohin das führt. Sie hatte das ja erlebt.



