„Che“ Guevara 1959 im damals ägyptisch verwalteten Gaza

Aus aktuellem Anlass geht es hier um das Freiluftgefängnis Gaza, eines der gequältesten Länder auf der Welt, seine Spezifika und seinen Anteil an der palästinensischen Geschichte (Tragödie). Im 2. Teil, der demnächst kommt, wird es um das jüngste „Rasenmähen“ in Gaza gehen, auch um (weitere) Asymmetrien in dem Konflikt und in seiner Darstellung. Die Wurzeln des „Gaza-Konfliktes“ liegen in der Nakba 1948, damals wurde dieses Ghetto geschaffen, danach (1967, 1994,…) haben sich nur die Bedingungen mal verschlechtert, mal leicht verbessert; insofern steht Gaza für ganz Palästina. Die Schnittstellen-Position Palästinas zwischen Asien, Afrika, und Europa wäre in Gaza besonders ausgeprägt, doch ist es heute übervölkert, total abgeschnitten und „am Rande“ gelegen.

Palästina/Kanaan war in der frühen Antike in ägyptischer Hand, ehe die Philister die Macht übernahmen (ca 12. Jh vC). Südwest-Palästina geht in den Sinai über, war immer wieder ägyptischem Einfluss „ausgesetzt“; der Name der Stadt Gaza geht auf die Ägypter zurück. Das zeitweise „Kana“ genannt Gaza war eine wichtige Handelsstadt, an der Weihrauchstrasse, Zwischenstation nach/von Alexandria, mit einem Hafen, mit Landwirtschaft in ihrer Umgebung. Dann gab es im Land lange Kämpfe zwischen Kanaanitern, Philistern, Israeliten; Gaza war ein Zentrum der Philister, der Feinde der Israeliten. Die Legende von Samson (aus der Zeit der Richter), der die Philister bekämpfte (und sich in die Philisterin Delila verliebte), hat Bezüge zu Gaza. Die religiösen jüdisch-christlichen Überlieferungen decken sich nur teilweise mit den geschichtlichen Fakten. Ein Drama von John Milton dreht sich um diesen Samson; der Roman „Eyeless in Gaza“ („Geblendet in Gaza“) von Aldous Huxley aus 1936 bezieht seinen Titel davon, nicht aber den Inhalt.

An der Verbindung zwischen Afrika und Asien gelegen, bekam die Gegend um die Stadt Gaza viele kulturelle Einflüsse mit, aber auch viele Schlachten. Etwa 332 vC jene zwischen den makedonischen Griechen, von Phönizien kommend, am Weg nach Ägypten, das noch von Persern gehalten wurde. In spät-römischer Zeit gab es (auch) in der Region Christenverfolgungen; nach der Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich wurden im Kernland und in der „Peripherie“ (unterworfene Gebiete, auch Palästina) dann ältere Kulte (römische und andere) ausgelöscht. In Gaza/Kana gab es einen Kampf um die Schliessung des Tempels des phönizischen Gottes Marnas; in Askalon wurde damals der griechische Gott Asklepios/Äskulap verehrt, in anderen Teilen Palästinas waren noch kanaanitische Kulte präsent. Prokopios von Gaza (5./6. Jh), eher Kanaaniter/Semit als Grieche, wirkte in dieser Stadt zur Zeit der byzantinischen Herrschaft (als sich das orthodoxe Christentum in Palästina durchsetzte)(1); der Gelehrte beschrieb auch die monumentale Uhr in Gaza.

In den 2020ern entdeckte ein palästinensischer Bauer in Gaza beim Pflanzen eines Olivenbaums ein byzantinisches Bodenmosaik

In byzantinischer Zeit wurde an der Stelle eines Tempels der Philister in Gaza (Stadt) eine (orthodoxe) Kirche gebaut. Nach der arabischen Eroberung Palästinas wurde an ihrer Stelle die grosse (Omar-) Moschee errichtet. Die Kreuzfahrer (> Kgr. Jerusalem) machten wieder eine Kirche daraus, diese wurde von den Ayubiden zerstört. Unter den Mameluken kam dort wieder eine Moschee, diese wurde von den Mongolen zerstört, dann wieder aufgebaut, dann durch ein Erdbeben zerstört. Unter den Osmanen entstand an der Stelle wieder eine Moschee; bei der britischen Eroberung Palästinas wurde diese durch ein Bombardement zerstört, dann wieder aufgebaut. Die Gaza-Gegend war auch unter den Fatimiden und anderen Dynastien, die Ägypten und Gross-Syrien regierten, wichtiges Verbindungsstück gewesen. Die Gaza-Gegend war in osmanischer Zeit wie der grösste Teil Palästinas beim Mutasarrifat bzw Sanjak Jerusalem. Unterbrochen bzw herausgefordert wurde diese Herrschaft ja von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte, der in Gaza nächtigte, am Weg von Ägypten nach Palästina.

Die heute gültige Grenze zwischen Palästina/Israel und Ägypten (Sinai) geht auf ein Abkommen von 1906 zurück, das die ägyptische Regierung mit dem Osmanischen Reich schloss, das über Palästina herrschte. Ägypten war damals de jure noch unter osmanischer Hoheit, de facto ein britisches Protektorat (was es infolge des Suez-Kanal-Baus geworden war). Durch die britische Quasi-Abtrennung Ägyptens vom Osmanischen Reich wurde eine Grenzziehung zum osmanischen Palästina notwendig. Bis zur Festlegung von 1906 wurde meist von einer Grenzlinie ausgegangen, die vom Golf von Akaba bis östlich von el Arish verlief. Nun wurde die Linie von Akaba nach Rafah gezogen (bzw. durch Rafah, ein Teil der Stadt liegt seither auf palästinensischer, der andere auf der ägyptischen Seite). Diese Süd- (bzw. Südwest-) grenze Palästinas, die den Sinai, Ägypten und Afrika begrenzt, wurde von den Briten nach ihrer Eroberung Palästinas übernommen, im Abkommen zwischen Ägypten und Israel 1979 bestätigt.

Die osmanische Armee versuchte während des 1. Weltkriegs 1915 und 1916 (da mit deutscher Hilfe) Vorstösse bis zum Suez-Kanal, die von den Briten abgewehrt wurden. Danach begann die britische Gegenoffensive (mit französischen und italienischen Hilfstruppen, mit australischen, neuseeländischen und indischen sowieso), die nach der Rückeroberung des Sinai zur Einnahme Rafahs im Februar 1917 führte. Zwei britische Vorstösse auf Gaza im März und April 1917 wurden von den Osmanen, die von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen unterstützt wurden, abgewehrt. Im Oktober gelang den Briten der Durchbruch nach Palästina, nach der Einnahme Bir as Sabs wurde im dritten Anlauf auch Gaza eingenommen. Im Dezember folgte die Schlacht um Jerusalem, 1918 wurden die Osmanen in Palästina endgültig besiegt (Schlacht bei Megiddo). Von Palästina aus eroberten die Briten und ihre Verbündeten auf der anderen Jordan-Seite Amman und stiessen bis Damaskus vor. Die arabischen Völker, wie Ägypter und Palästinenser, beteiligten sich z. T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T in der osmanischen Armee.

Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern

Die Briten teilten Palästina nach ihrer Eroberung und der Festlegung der Grenzen zu den Nachbarn (die ebenfalls westliche „Protektorate“ waren) 1918 in Bezirke (Districts, Mintaqa) ein; änderten diese 1919, 1920 (2x), 1922, 1924, 1931, 1939, 1945. Die Gaza-Region war zuerst ein Unterbezirk vom Süden/Birassab, dann ein eigener Bezirk, bestehend aus der engeren Gaza-Gegend (dieser Subdistrikt war viel grösser als der 1948/49 entstandene „Streifen“) und Birassab; ab 39 gab’s den „Gaza District“, mit Birassab/Beersheba als Subdistrikt (der den ganzen Süden Palästinas von Birassab bis UmRasRas umfasste) und Gaza als den anderen Sub-distrikt (der an den Birassab-Subdistrikt anschliessende Küstenstreifen). Die ersten jüdischen Siedler waren wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts in die Region um die Stadt Gaza gekommen (war auch kein „Land ohne Volk“), also in osmanischer Zeit. Es gab relativ wenig zionistische Ansiedlung/ Tätigkeit/ Aneignung in der Region um die Stadt Gaza, im heutigen „Streifen“. Im Zuge des Aufstands gegen die zionistische Landnahme wurden diese Siedler 1929 vertrieben. Dies brachte nur für den Westzipfel Palästinas Erleichterung. Auf de.wikipedia wurde eine Opfergeschichte daraus gemacht, von „Beschwichtigung“ der Briten ggü den „Arabern“ geschrieben. Es wird von einer „jüdischen Gemeinde“ dort erzählt; als ob es um Feindseligkeit bzw Toleranz gegenüber einer religiösen bzw ethnischen Minderheit gehen würde und nicht um Verdrängung und Gegenwehr – dies wird in dem „Konflikt“ bis heute bewusst verwischt. Seit wann es die „Gemeinde“ gab und in welchem Zusammenhang sie sich ansiedelte, wird verschwiegen. Ein Netz von zionistischen Wehrdörfern in der weiterer Umgebung war vorhanden („Netivot“,…), kam in die Nähe Gazas, begründete Ansprüche, verminderte palästinensisches Land, war Grundlage für die Vertreibungen während der Nakba.

Unterschied Bezirk Gaza (prä-Nakba) und Gaza-Streifen

Der grösste Teil des Bezirks Gaza wurde im UN-Teilungsvorschlag 1947 ganz dem „arabischen Staat“ zugeteilt, der Subdistrikt Gaza (mit den Städten Gaza, Majdal, Isdud, Khan Younis) ganz. Vom Bezirk Birassab (Negev) war der an den Bezirk Gaza südlich anschliessende Teil (mit Auja), sowie der nördlich anschliessende, mit Birassab, Al Khalil/Hebron für Palästina vorgesehen. Der dritte palästinensische „Block“ war im Norden, Jalil/Galiläa. Ägyptische Truppen rückten während der Nakba vom Sinai nach Palästina vor; sie hielten während des Waffenstillstands im Juni 1948, den die Zionisten zum Aufrüsten und für „ethnische Säuberungen“ nutzten, Teile des Nagab/Negev, die Küste nördlich von Gaza mit Isdud (Asdod, Ashdod) sowie Enklaven in Zentral-Palästina. Es gelang ihnen aber am Ende nur, die ethnischen Säuberungen in jenem Gebiet zu verhindern, das durch die Waffenstillstandslinien von 1949 zum Gaza-Streifen wurde, zionistische Truppen dehnten das von ihnen beherrschte Gebiet im Westen Palästinas so weit aus. Ein Gebiet, viel kleiner als das im Teilungsplan dem palästinensischen Staat in dieser Gegend zugesprochene. Zionistische Kampfflugzeuge bombardierten auch Gaza, Rafah, Arisch.

Der Teilungsvorschlag von 1947

Vor allem der Norden des Subdistrikts Gaza wurden abgeschnitten, darunter die Städte Majdal (bzw Majdal Askalon; bekam zunächst „Migdal Gaza“ u. a. Namen, heisst heute „Aschkelon“) und Asdod (> nach Bevölkerungs-Austausch „Aschdod“). Rund um den „Gaza-Streifen“ wurden während der Nakba viele palästinensische Dörfer und Städte zerstört und entvölkert, z.B. auch Najd (wo „Sderot“ entstand) und Dimra (> „Erez“), hauptsächlich im Juni 1948 (manche wähnten sich im Schutz benachbarter Kibbuzim). Auch al-Faluja (الفالوجة‎) lag ausserhalb des Gebiets, das das ägyptische Militär für die Palästinenser retten konnte. Dort wurden die Ägypter (darunter ein Offizier namens Gamal Abdel Nasser) 4 Monate von „Israel“ belagert. Mit dem Waffenstillstand 1949 „durften“ sich die ägyptischen Truppen (in den „verbliebenen“ Gaza-Subdistrikt) zurückziehen, die Umgebung „kam“ zum Judenstaat. Die Zionisten begannen sofort, unter Verletzung der Waffenstillstandsvereinbarungen, die Bevölkerung auszutreiben. Dort wo Faluja und das benachbarte Iraq al-Manshiyya standen, entstand in den 1950ern „Kiryat Gat“, wo Juden aus Nordafrika angesiedelt wurden.(2) 

Flucht aus Jaffa nach Gaza Mai 1948 (von http://www.palestineremembered.com)

Der Gaza-Streifen wurde ein Fluchtziel vieler Vertriebener aus verschiedenen Teilen Palästinas, besonders aus der Region Jaffa. Aus der Stadt allein flüchteten etwa 65 000 Menschen, viele Christen, viele von ihnen schlugen sich auch nach Jerusalem oder in den Libanon durch. Nach Gaza kamen die Flüchtenden aus Jaffa in Rahmen der Nakba mit Schiffen über das Meer (siehe Foto oben). Sie bzw. ihre Nachkommen machen noch immer einen sehr grossen Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus. Auch aus angrenzenden Bezirken strömten damals Flüchtlinge in den Gaza-Streifen, aus Ramla, Hebron, Birassab (auch Beduinen aus der Nagab). Der Psychiater Eyad al-Sarraj kam 1948 als 4-jähriger mit einer aus Birassab/Beersheva vertriebenen Familie in den Gazastreifen, wo er bis zu seinem Tod 2013 lebte. Durch die Nakba entstand der Gaza-Streifen, als ein Art riesiges Flüchtlingslager, das elendste Gebiet in ganz Palästina, übervölkert, mit traumatisierten Menschen, zu klein (oder zu voll) um sich allein zu versorgen, abgeschnitten vom Rest Palästinas. Vor der Nakba gab es im Gebiet des späteren Streifens um die 70 000 Einwohner, danach waren es circa 400 000. 360 Quadratkilometer umfasst das Gebiet (etwas kleiner als Wien, etwas grösser als Malta ist das), bei heute 1,8 Millionen Einwohnern.

Forcierte Flucht von Palästinensern aus Falluja in der Nähe des „Gaza-Streifens“ 1949, in diesen

Der Gaza-Streifen war 1948 bis 1967 ägyptisch verwaltet (siehe Foto aus dieser Zeit oben), es gab keine Annexion wie von der „Westbank“ durch Jordanien, sondern eine Militärverwaltung (daher auch keine ägyptische Staatsbürgerschaft für die dortigen Palästinenser). Unter dieser wurde bis 1959 eine Regierung für Palästina unter dem ehemaligen Jerusalemer Mufti Mohammed Amin al Husseini (der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war) proklamiert. Palästinenser konnten sich im Gaza-Streifen so teilweise selbst verwalten. 1949 wurde die UNRWA für die palästinensischen Vertriebenen/Flüchtlingen in Gaza und anderswo zuständig. Es entstanden zu den bestehenden Städten und Ortschaften acht Flüchtlingslager, u.a. Jabaliya. Die landwirtschaftliche Produktion um Gaza reichte früher für den Export (Zitrusfrüchte, Getreide, vom Hafen Gaza aus), nun nicht mal mehr zur Versorgung der abgeschnittenen Region.

Zeltstadt in der Gegend um Gaza nach der Nakba (1949); damals entstand der Gaza-Streifen als solcher

Nach der Revolution in Ägypten 1952 wurden vom Gaza-Streifen aus Guerilla-Aktionen gegen Israel unternommen. Ein „Fedayin“ genanntes palästinensisches Bataillion in der ägyptischen Armee wurde gebildet. Daneben waren neugegründete palästinensische Organisationen wie Fatah oder PFLP sowie die panarabische Baath aktiv. Auf diese Aktionen folgte grausame Vergeltung, etwa 1955 unter Ariel Scharon (Scheinerman). Dieser kaufte später auf dem Areal eines der in der Nakba um Gaza herum „gesäuberten“ Dörfer, ‚Iraq al-Manshiyya, Grund und bezog dort sein Anwesen.

Deir el Balah Dezember 1956. Das Foto muss zur Zeit der ersten zionistischen Herrschaft über den „Gaza-Streifen“ entstanden sein

Der israelische Angriff auf Ägypten zusammen mit Grossbritannien und Frankreich nach dessen Griff zu seiner eigentlichen Unabhängigkeit 1956 bedeutete auch die Eroberung und Besetzung Gazas für einige Monate. Gaza und Sinai wurden 1956/57 4 Monate durch die Zionisten besetzt. Joe Sacco, maltesisch-amerikanischer Zeichner, der in seinen Comics auch geschichtliche Ereignisse aufbereitet, die er auf Reisen erkundete (etwa über den Krieg in Bosnien-Herzegowina), hat 2009 „Footnotes in Gaza“ herausgebracht, in dem er zwei Massaker der Israelis an Palästinensern im Gaza-Streifen auf diesem Suez-Kriegszug 1956 mit zusammen 386 Toten (UN-Angaben), bei der Eroberung von Rafah und Khan Younis, thematisiert. Er hat dazu in UN-Archiven wie auch direkt in Gaza, z. Zt. der 2. Intifada unter Überlebenden, recherchiert. Es scheint in dieser ersten Phase israelischer Machtausübung über Gaza 1956/57 weitere Massaker gegeben zu  haben, siehe „Le Monde Diplomatique“ (deutsche Ausgabe), August 2014.

Gaza 1960

Ägypten wurde auch 1967 von Israel angegriffen und besetzt; vorausgegangen war dem in Gaza, dass die seit 1956 stationierten UNEF-Soldaten (UN-Friedensmission im Nahen Osten) vom ägyptischen Militär weggeschickt wurden und im Grenzgebiet Kämpfe (PLO-Kämpfer, ägyptische Soldaten auf der einen Seite) ausbrachen. Die Einnahme Rafahs war für das israelische Militär ein Zwischenschritt bei seinem Vorrücken zum Suez-Kanal. Diese Besetzung Gazas währte nun aber länger… Mit den Soldaten kamen die Militärverwaltung (eine andere Art als die ägyptische; Ausschluss von praktisch jeder Selbstbestimmung) und die Siedler. Palästinenser leisteten ca. 4 Jahre harten Widerstand gegen die Besatzung (bis 70), der von Israel mit Massenverhaftungen und Hauszerstörungen nieder geschlagen wurde. In dieser Phase gab es anscheinend auch Ausweisungen von Einwohnern nach Ägypten, wie aus dem Westjordanland nach Jordanien.

Panzer der Besatzungsmacht 67 im „Gaza-Streifen“ (bei Rafah), nicht das erste und nicht das letzte Mal

1970 bis 2001 wurden israelische Siedlungen errichtet. Darunter auch Wiederansiedlungen dort wo in britischer Zeit zionistische Wehrdörfer bestanden. 8 000 jüdische Siedler durften sich 1/3 bis 40% des Gaza-Streifens einverleiben, natürlich das fruchtbarste Gebiet. Der grösste Siedlungsblock, „Gusch Katif“, lag im Süden, zum Sinai-Hinterland hin. Der Sinai, bis 1982 ebenfalls israelisch besetzt, wurde ebenfalls mancherorts „besiedelt“. Siedlungen und Militärstützpunkte schnitten Palästinenser von Verkehrswegen und Grundstücken ab. Die jüdischen Siedler in Gaza standen wie jene in Ost-Palästina (Westjordanland) heutzutage unter Zivilrecht, die palästinensische Bevölkerung unter Militärrecht. Auf einem km lebten zwei Dutzend Israeler, aber 3100 Palästinenser… Die grösste Siedlung „New Deqalim“ lag im Süden bei Khan Younis, dort wurde Tourismus betrieben von den „Gush Emunim“-Leuten. Auch dieses zionistische Unternehmen ging auf Kosten der Palästinenser: in der Nähe der protzigen Ferienanlage befand sich bis 67 eine Bungalow-Anlage, wo Gaza-Palästinenser Urlaub machen konnten, nun wurde ihnen das Betreten dieses Strandes verboten.

Die Gaza-Siedler waren die fanatischsten, neben jenen von Hebron. Gemeinsam haben diese Beiden, dass sie „unter“ Palästinensern leben woll(t)en (in ihrer Nähe), sie täglich schikanieren (lassen) woll(t)en; jene die keine Palästinenser weit und breit wollen sind „gemäßigter“ (relativ), die gönn(t)en den Palästinensern wenigstens ein kleines Stück Freiraum. Die Siedler kamen, mit umgehängten Maschinengewehr, bis zur Intifada gerne auf Einkaufstour nach Gaza Stadt. Neben Enteignungen gab es für die Palästinenser viele Restriktionen, hohe Steuern, die die verbliebene Wirtschaft zerstörten. In allen Bereichen war man von der Willkür des isrealischen Militärs abhängig – daran hat sich für die Bewohner Gazas im Grunde bis heute nichts geändert. Ausgangssperren, wann es den Generälen bzw Politikern in den Sinn kam, keine Zeitungen oder Kulturveranstaltungen wurden lange genehmigt, keine öffentlichen Verkehrsmittel den Palästinensern zur Verfügung gestellt.(3) Gaza wurde endgültig ein überbelegtes Gefängnis, ein Elendsquartier.

Nachdem in Israel 1977 erstmals der Likud-Block unter Begin an die Macht kam, wurden entgegen den Erwartungen von den seit 1967 besetzten Gebieten „nur“ Ost-Jerusalem und Golan/Jawlan annektiert – aus demselben Grund, aus dem Scharon Gaza „aufgab“: die palästinensische Bevölkerung dort, die jüdische Vorherrschaft erschwerte.

Im israelisch-ägyptischen Friedensabkommen von 1979 wurde die Errichtung einer „Pufferzone“ und einer Grenzbefestigungsanlage an der Grenze, auf der Seite des Gaza-Streifens, festgeschrieben. Dieser „Philadelphi-Korridor“ (-Passage, -Route) sollte Gaza vom Sinai abtrennen, den nun wieder Ägypten übernahm. Hunderte palästinensische Häuser wurden dafür zerstört. Der Sperrzaun mit dem Übergang in Rafah wurde mit dem israelischen „Abzug“ 05 an Ägypten übergeben. 1970 war der Notabel Rashad Shawa von der Militäradministration zum Bürgermeister von Gaza eingesetzt worden, später wurde er „aufmüpfig“, u.a. gegen das Camp David-Abkommen, das er als auch als Ausverkauf palästinensischer Rechte sah – und abgesetzt. Tatsächlich waren im Abkommen von 79 keinerlei Verbesserungen für Gaza ausgehandelt worden. Die Sinai-Siedler („Yamit“ u.a.) wurden 82 hauptsächlich im Gaza-Streifen angesiedelt.

Benjamin Beit-Hallahmi schrieb 1988 in „Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels“:

„Ein Israeli braucht nicht nach Lateinamerika zu reisen, um die Probleme der Dritten Welt zu studieren…Er erlebt die Dritte Welt – und bekämpft sie – Tag für Tag vor der eigenen Haustür.“

Nach dem Krieg 1967 gab es bis zum Ausbruch der 1. Intifada 1987 für Gaza-Palästinenser (wie für jene aus der Westbank) immerhin so etwas wie Bewegungsfreiheit in das seit 1948 als Israel deklarierte Gebiet. Die Gewährung dieser geschah aber weniger, um Verwandten-Besuche, Ausbildung, Einkäufe zu ermöglichen, sondern um die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte zu gewährleisten (für bis zu 40% unter israelischem Verdienst arbeiten, Sozialversicherung zahlen, aber keinen Anspruch auf Leistungen haben, dazu diverseste arbeitsrechtliche Benachteiligungen ggü Juden). Mit dem Aufstand gegen die Besatzung kam eine drastische Einschränkung des Pendler- und Güterverkehrs mit Gaza und Westbank. Die Intifada begann in Gaza, nachdem vier Palästinenser im Lager Jabaliya von einem israelischen Jeep getötet wurden und danach gleich ein weiterer, als israelische Soldaten in eine aufgebrachte Menge feuerten. Dieser Vorfall war aber nur der Auslöser, es hatte sich in 20 Jahren Besatzung einiges aufgestaut. Und: es gab wenig zu verlieren.

In ägyptischer Zeit hatte auch die Moslembruderschaft unter Palästinensern in Gaza etwas Fuss gefasst; Ahmed Yassin war für dieses Engagement bis zum Krieg 1967 unter dem säkularen Naser mehrfach in ägyptischen Gefängnissen. Aus der Moslembruderschaft entstanden in den 1980ern der „Islamische Jihad“ und während der Intifada die „Hamas“. Diese wurde damals von Israel als „Gegengewicht“ zur PLO und ihrem säkularen Nationalismus unterstützt, nicht zuletzt über den Militärgouverneur von Gaza, Yizak Segev. So hat die Militärverwaltung nicht nur Spenden aus den arabischen Golf-Staaten für die religiösen und sozialen Aktivitäten der Hamas in Gaza durchgelassen, sondern wahrscheinlich auch selbst etwas beigesteuert.

Auch die Durchreise von Hamas-Aktivisten in die Westbank zur Unterstützung ihrer dortigen Kollegen in der Auseinandersetzung mit der Fatah wurde genehmigt, vor der 1. Intifada. „Sie werden sich ja nur gegenseitig die Köpfe einschlagen.“ Gaza ist ein Beispiel dafür, dass Islamismus auch durch die Bedingungen, unter denen Leute leben müssen, gross werden kann, und nicht, weil die Religion so schlecht ist oder die Leute (der Region Westasien-Nordafrika) so schlecht sind.(4) Die Hamas begann mit Aktionen gegen Israel an der Wende von der 1. Intifada zur Verhandlungszeit, und Gaza wurde ihr Schwerpunkt. Sie verübte in den 1990ern Selbstmordanschläge, begann Anfang der 00er-Jahre mit dem Abfeuern von Geschossen aus Gaza.

Nach dem Oslo-Washington-Grundsatz-Abkommen 1993 kam im Mai 1994 das Gaza-Jericho-Abkommen, wonach die Palästinenser auch in einem Teil des Gazastreifens Verwaltungsautonomie erhielten. Während sich die Palästinensische Autonomiebehörde etablierte, zog sich das israelische Militär zu den Siedlungsblocks „zurück“. Yassir Arafat, damals PLO-Chef, der z.T. aus Gaza stammte, und auch dort gelebt hatte, kehrte 1994 nach Gaza zurück, wo die Autonomiebehörde zunächst ihr Hauptquartier aufschlug, ehe sie 1996 nach Ramallah umzog. Unter Rabin wurden nicht nur Sperranlagen um den Gazastreifen errichtet, um den „Ausgang“ zu kontrollieren (ein beschränktes Pendeln wurde wieder erlaubt), sondern auch eine „Beobachtungs“-/“Sicherheits“/“Puffer“-zone (auf palästinensischem Gebiet), die nicht betreten werden darf; dazu unten mehr.

Die Bevölkerung des Gaza-Streifens durfte nun ihre Vertreter wählen, die über einen Teil des 1948 nicht besetzen Landes eine gewisse Selbstverwaltung ausüben durften. Der im Flüchtlingslager von Khan Younis geborene Mohammed Dahlan, vor der Intifada wegen seinem Aktivismus für die Fatah oft in israelischen Gefängnissen, wurde nach dem Oslo-Abkommen Chef der Sicherheitskräfte der dortigen Autonomiebehörde, arbeitete mit Israel zusammen, hauptsächlich gegen die Hamas unter Ahmed Yassin; auch während der 2. Intifada. Und, im Zuge von Oslo wurde auch der Bau eines Flughafens vereinbart, bei Rafah im Süden, er wurde Ende 1998 eröffnet (mit Clinton), war der einzige palästinensische Flughafen. Eine Eisenbahn-Strecke war unter den Briten von Kairo nach Gaza und weiter gebaut worden, ab 1948 wurde die Strecke bis Gaza von Ägypten betrieben, 1967 ein Teil von Israel übernommen (auch der Sinai-Teil bis 1982), infolge des Oslo-Abkommen wurde sie in palästinensische Hände gelegt, inzwischen wurde der Betrieb eingestellt.

Als Netanyahu erstmals Ministerpräsident wurde, verlangsamte er die Umsetzung der vertraglich vereinbarten israelischen Verpflichtungen, liess sie neu verhandeln und neue palästinensische Gegenleistungen festschreiben (Wye-Abkommen 1998), während er den Siedlungsbau, v.a. in Jerusalem, voran trieb. Die Position in der sich Israel seit 1967 befindet, aus der es die Kontrolle über ganz Palästina ausübt, erlaubt das. Diese Vorherrschaft will Israel auch nicht aufgeben oder lockern, und das Angebot bei den Camp-David-Verhandlungen 2000 sah so aus, sah Pseudo-Souveränität für die Palästinenser vor, verlangte die palästinensische Kapitulation vor der israelischen Herrschaft über das Land.

2000 das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses, der Ausbruch der 2. Intifada (5). Im Zuge der Niederschlagung wurden drei Mal so viele Palästinenser getötet wie Israelis, was angesichts der militärisch-strategischen Ungleichheit auch „logisch“ ist. Zu den vielen Einrichtungen, die in dieser Zeit zerstört wurden, gehört auch der Flughafen von Gaza, 2001/02, als Vergeltung für den Angriff auf Soldaten sowie „Prävention“. Die paar Flugzeuge der Palestinian Airlines stehen seither in Arish am Sinai. Der Flughafen hatte nichts mit den getöteten Soldaten zu tun, die Zerstörung war eine Kollektivbestrafung. Genau so wie 2006 in Gaza das (einzige) Kraftwerk bombardiert wurde.

Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza

Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza

2002 hat Israel das Schiff „Karine A“ aufgebracht, das nach israelischer
Darstellung Waffen nach Gaza bringen sollte. 2003 wurde die US-Amerikanerin Rachel Corrie im Gazastreifen getötet, als sie mit anderen Aktivisten vom „International Solidarity Movement“ die israelische Zerstörung von Häusern in Rafah mit Bulldozern (angeblich um Tunnel zu zerstören, durch die Waffen aus Ägypten geschmuggelt würden) behinderte; der Bulldozer-Fahrer will sie nicht gesehen haben. Auch Hamas-Führer Yassin wurde während der 2. Intifada von Israel getötet; der exilierte Khaled Meshal rückte zur neuen Nr. 1 auf.

2005 der israelische Abzug aus Gaza (Siedler, Soldaten), nach 38 Jahren, am Ende der Intifada. Im Vorfeld der Räumung hatten Siedler aus Wut einen unbewaffneten Palästinenser noch fast zu Tode gesteinigt. Und, vor dem Abzug gab es noch Massenverhaftungen von Palästinensern, die angeblich der Hamas und dem Islamischen Jihad angehörten. Scharon eignete im Westjordanland für Israel mehr Land an als er in Gaza „aufgab“. Ein Berater von ihm, Dov Weisglas, hat damals in einem Interview mit „Ha’aretz“ recht offen gesagt, dass der Abzug aus Gaza nichts mit einem Friedensprozess und schon gar nichts mit den Rechten der Palästinenser zu tun habe; durch die einseitig durchgesetzte Maßnahme sollte das demografische Gewicht der Palästinenser im israelischen Herrschaftsbereich reduziert und ihnen keine Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Zukunft gewährt werden.

Die Abriegelung des Streifens wurde mit dem „Abzug“ verschärft. Israel verhängte von zwei Land-Seiten und der Wasser-Seite eine Blockade, kontrolliert natürlich auch den Luftraum; die Grenze zu Ägypten wurde deren Kontrolle übergeben (dazu unten). Die von Israel im Gaza-Streifen gehaltene „Puffer“-Zone wurde nicht nur behalten, sie wurde mehrmals verbreitert, vor allem vor dem Abzug (anscheinend auch nach dem Krieg 2009), wiederum auf palästinensischer Seite, wofür Häuser und Felder geräumt und zerstört wurden. Die Zone ist heute bis zu 1500 m breit, umfasst inzwischen mehr als 60 km2, die als landwirtschaftliche Fläche verloren gehen (17% der Fläche des Gaza-Streifens!); ein weiterer Indikator dafür, dass man nicht wirklich davon sprechen kann, dass Israel den Gaza-Streifen 05 den Palästinensern zurückgegeben hat. Dass das von Israel ausgesprochene Betretungsverbot ernst gemeint ist, davon zeugen etliche dort erschossene Palästinenser. An der israelischen Militärherrschaft über Gaza hat sich seit 05 nicht allzu viel geändert; der Militärgouverneur, der früher am Midan Jund in Gaza-Stadt, nahe dem Gefängnis, seinen Sitz hatte, ist jetzt ausserhalb des Gebiets.

Der ägyptische Sinai ist das eine Hinterland Gazas, El Arish an der östlichen Sinai-Küste die nächste grössere Stadt dort; das andere Hinterland wäre die Negev/Nagab-Wüste, die seit 1948 von Gaza aus meist unzugänglich ist. Nördlich schliesst sich der Mittelmeer-Küstenstreifen Palästinas an, dessen Süden mit der Region von Gaza vor der Nakba verbunden war.

Gemäß Abkommen sollte Gaza ein Hochseehafen erlaubt werden. Doch: Das Recht auf einen Luft- und Seeweg wird den Palästinensern nicht eingeräumt. Sie könnten in Gaza versuchen, den Flughafen wiederaufzubauen, einen Hochseehafen zu bauen – Israel würde es nicht zulassen. 2000 wurde (von BP) vor Gaza ein Gasfeld ermittelt, die israelische Regierung hat die Rechte der PNA darauf theoretisch anerkannt, verhindert aber seine Ausnutzung. Es gibt einige solcher Rechte, die die Gaza-Palästinenser theoretisch haben. Mit den Palästinensern in der Westbank ist kaum Kontakt möglich; Israel gestattet zur Zeit nicht einmal den temporären Aufenthalt z.B. für Studenten aus Gaza, die in Bir Zait studieren wollen. Ausnahmen gibt es, theoretisch, für 16 Personengruppen, z.B. Sportler der palästinensischen Nationalmannschaften für gemeinsames Training und Wettbewerbe. Auch hier bricht Israel eingegangene vertragliche Vereinbarungen.

Und wie es ausgeht, wenn ihnen jemand Hilfe bringen will, hat sich beim gewaltsamen Aufbringen der internationalen Hilfsflotte 2010 auch gezeigt. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, auf der Hilfsflotte dabei, sagte damals, er habe keine Erklärung dafür, warum die Gaza-Flotte, die einen strikt humanitären Auftrag erfüllen sollte, in internationalen Gewässern und ohne Vorwarnung angegriffen worden sei. „Wenn die Israelis uns hätten stoppen wollen, dann hätten sie an der Seegrenze ihres Hoheitsgebiets auf die Schiffsschrauben zielen können, ganz einfach.“ Ganz abgesehen vom Massaker auf der „Mavi Marmara“: Die Hilfe für die Palästinenser in Gaza wurde damals mit Hilfe und Engagement für die Hamas durcheinander zu bringen versucht… Das Leiden in Gaza wurde durch die Diffamierung der Hilfsflotte zu relativieren versucht, die israelische Verantwortung so hemmungslos reinzuwaschen versucht. Aber nicht nur damals. Palästinensische Aspirationen auf Gerechtigkeit werden mit Islamismus und Terror verschmolzen. Und Palästina-Solidarität immer mit „Islamismus“, „Antisemitismus“,… zu diffamieren versucht.

Israels Militär hat zudem rund um den Gazastreifen ein lückenloses Überwachungssystem errichtet, mit Big-Brother-Maschinen wie Drohnen, Zeppelinen, Wärmebildkameras. Während der Übergang „Erez“ von/nach Israel (im Norden des Gaza-Streifens, für Personen) geschlossen ist (ausser für humanitäres Personal bzw Personen, die von Israel als solche anerkannt werden), werden über „Kerem Shalom“ und andere im Süden und Osten gelegentlich Güter durchgelassen, von denen Gaza abhängig ist (nicht zuletzt Treibstofflieferungen). Die Israelis sitzen auch am Wasserhahn Gazas sowie an seiner Stromleitung… Israels Aussenminister Lieberman: Ungeachtet „aller Verbrechen des Hamas-Regimes“ im Gazastreifen reagiere Israel „auf humanste Art und Weise“ und lasse Tausende Tonnen Nahrung und Ausrüstung die Grenze passieren. Im Hinblick auf direkte Hilfslieferungen über den Seeweg drohte er, sein Land werde die „Verletzung seiner Souveränität“ nirgendwo, weder zu See noch in der Luft oder auf dem Land, gestatten. Zur Seeblockade gehört auch, dass den palästinensischen Fischern entgegen internationalem Recht verboten wird, ausserhalb einer 3-Seemeilen-Zone zu fischen. Dadurch gehen den Fischern von Gaza 85 Prozent der Fischgründe verloren. Wer diese Grenze überschreitet, wird von der israelischen Kriegsmarine beschossen. Durch die Blockade bewirkte Versorgungsengpässe wirkten sich auch so aus, dass Kläranlagen nicht richtig funktionierten, Abwässer ungeklärt ins Mittelmeer abgelassen wurden.

Der Sieg der Hamas bei der palästinensischen Wahl 2006 (Ismail Hanijeh wurde Premier) und die gewaltsame Ausschaltung der Fatah bzw. Übernahme der PNA in Gaza (Hanijeh sieht sich als Premier der gesamten palästinensischen Autonomie-Behörde) 2007 führte zu einer Verschärfung der Belagerung sowie zu Sanktionen des Westens (von dem die palästinensischen Gebiete abhängig sind). Israel erlaubt auch die Einreise von westlichen Politikern in den Gaza-Streifen nicht, weil die dort herrschende Hamas diese „zu Propagandazwecken ausnützt“. Dies musste etwa der damalige deutsche Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel erfahren, als er ein Klärwerk besuchen wollte, das mit deutscher Entwicklungshilfe finanziert wird. Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, kam vor einigen Jahren über die ägyptische Seite, über Rafah, war einer von ganz wenigen Staatsgästen seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen.

Im Rahmen seiner Militäraktion 2012 hat Israel den Sitz von Ismail Hanijeh in Schutt und Asche gelegt, wenige Stunden nachdem dieser dort den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Kandil empfangen hatte. 2012 ist der exilierte Chef der Hamas, Khaled Meschaal (Meshal), dessen Familie vor der israelischen Eroberung des Westjordanlands 1967 geflüchtet war, für einen Kurzbesuch in den palästinensischen Gazastreifen gekommen, ebenfalls über Ägypten, um an den Feiern zum 25. Jahrestag der Hamas-Gründung teilzunehmen. Auch ausländische Reporter können normalerweise nur über Ägypten in den Gaza-Streifen. Tunnel aus dem Streifen werden vor allem im Süden nach Ägypten (Sinai) gegraben, v.a. um Lebensnotwendiges zur Versorgung, das vorenthalten wird, von dort zu schmuggeln. Tunnel werden auch nach Israel gegraben, bis unter die Grenzorte, gelegentlich entdeckt und zerstört.

Die Rechtfertigungen Israels für die Blockade sind vielfältig (wie auch für die Besatzung des Westjordanlands), einmal geht es um ihre „Sicherheit“ bzw. die „mögliche Aufrüstung der Palästinenser“, dann wird sie offen als das deklariert, als was sie von den UN kritisiert wird, als kollektive Bestrafung der Bevölkerung. 2012 hat Israel eigentlich vertraglich zugesagt, sie aufzuheben bzw. zu lockern. Das Erdgas vor der Küste Gazas dürfte auch eine Rolle spielen. Zur Blockade gehört auch die Verweigerung von Gesprächen. Mit dem Abzug bzw. dem Beginn der Blockade begannen die „Raketen“-Angriffe des militärischen Arms der Hamas (die Geschosse werden so wie dieser „al Kassam“ genannt) und anderer Gruppen aus dem Gazastreifen, und die „Gegenschläge“ des israelischen Militärs.

Diese Geschosse (die in geringerem Maß auch schon während der 2. Intifada abgefeuert wurden), eine Form von Mörsergranaten, haben keine Steuerung und (wenn, dann) kleine Sprengköpfe, richten fast nie Schaden an Menschen oder Gebäuden an (teilweise auch, weil sie abgefangen werden) – im Gegensatz zu den israelischen Geschossen. Sie ängstigen auch in Wirklichkeit nicht, werden aber von israelischer Seite als das Um und Auf des Konflikts dargestellt. Die Behauptung, die sich weitgehend durchgesetzt hat, lautet: „Wir haben Ihnen grosszügigerweise den Gazastreifen gegeben, und sie haben sich mit Raketen bedankt“. Abgesehen davon, dass man am Ende einer jahrzehntelangen Besatzung kaum von Grosszügigkeit sprechen kann, ist sie auch nicht wirklich zu Ende gegangen.

Dann heisst es, kein Staat könne es sich gefallen lassen, wenn aus benachbarten Gebieten auf seine Zivilisten geschossen werde. Der Terror gegenüber der Bevölkerung von Gaza, die Vorenthaltung von Selbstbestimmung, während der direkten Besatzung von Gaza und seither, bleibt dabei ausgespart. Israel wäre auch kein bisschen toleranter, würde die Hamas rein militärische Ziele angreifen (wozu sie aufgrund ihrer Waffen nicht in der Lage sind), wie sich bei der Entführung des Soldaten 2006 gezeigt hat (seinen Namen kennt man, von den Hunderten für ihn getöteten Gaza-Palästinensern keinen). Seine Raketen, die viele Leben zerstören (vor allem das von Zivilisten) und den Menschen in Gaza das wenige kaputt machen, werden als „Antwort“ dargestellt.

Die Blockade, die Vorgeschichte, Angriffe und Gegenschläge, Ursache und Wirkung… Der Fehler im verbreiteten Narrativ liegt darin, dass die Kausalkette in die falsche Richtung konstruiert wird. Israels Aktionen bzw seine Politik ggü Gaza, auch die Abriegelung an sich, werden mit den palästinensischen „Raketen“, auch mit der Haltung der Hamas, begründet. Es ist eine absurde Verdrehung/Umdrehung, diese Geschosse als Wurzel oder Wesen des Konflikts darzustellen! Die Henne des Konflikts ist die im Artikel beschriebene Ghettoisierung der Palästinenser im Gaza-Streifen in verschiedenen Formen seit 1948, Israels Politik gegenüber den Palästinensern, die solche Haltungen und Aktionen hervor bringt. Und Frieden bedeutet nicht, dass der Unterdrücker seine Ruhe von den Unterdrückten hat, sondern dass eine einigermaßen gerechte Lösung gefunden wird.

Wer also über die „Kassam“-Geschosse redet, aber nicht zB über die Beschränkungen und Schikanen für palästinensische Fischer um Gaza, der weiss nichts oder verdreht absichtlich. Abgesehen davon ist die Gewalt alles andere als proportional, bezüglich dieser „Kassam“-Geschossen und den israelischen Raketen die nach Gaza geschossen werden, in Zeiten von „Kriegen“ oder in „Friedenszeiten“. Auch bei den Geschossen der Palästinenser aus Gaza oszilliert der anti-palästinensische Chauvinismus zwischen Verächtlichmachung des Gegners, seiner „Impotenz“ und „Unfähigkeit“, und hysterischer Dämonsierung mit Opfergehabe. Gerne wird auch die apologetisierende Frage gestellt, „Wie würde Deutschland/… auf solchen Terror reagieren?“; die Frage, wie würden Deutsche auf ein Leben, wie es Palästinenser in Gaza führen müssen, reagieren, ist aber mindestens so berechtigt. Und daneben der Hinweis auf den Unterschied zwischen israelischen Raketen (die Gaza treffen) und jenen Geschossen aus Gaza.

Hamas-Chef Meshal sagte in einem Yahoo-Interview, Widerstand gegen die Besatzung sei legitim, kündigte an, Hamas werde Israelis vor bevorstehenden Raketenangriffen warnen, um den Tod „unschuldiger Zivilsten“ zu verhindern,„Wir versuchen meistens militärische Ziele und israelische Basen anzugreifen, aber wir geben zu, dass wir ein Problem haben. Wir haben keine hoch entwickelten Waffen. Wir haben nicht jene Waffen, wie sie unser Feind hat…das Anvisieren von Zielen ist also schwierig. Würden wir präzisere Waffen erhalten, würden wir nur militärische Ziele angreifen.“ Es gibt doch Pragmatismus bei der Hamas, und eine Verhandlungslösung ohne sie ist nicht mehr möglich. Der israelische Wissenschafter Ilan Pappe (in seinem Land in Ungnade gefallen) meinte, die Dämonisierung der Hamas sei für die Aufrechterhaltung der israelischen Blockade Gazas und Besetzung des Westjordanlands wichtig.

Statt „auf Augenhöhe“ mit den Palästinensern zu verhandeln (was angesichts der Machtverhältnisse ohnehin weit weg ist), will Israel lieber Macht demonstrieren (auch ggü den eigenen Leuten sowie dem Westen) und durchsetzen. Unter der Führung Yassins war die Hamas zu einer vorläufigen Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967/1949 bereit, bis zum Ausbruch der Zweiten Intifada 2000. Das Hamas-Angebot eines Waffenstillstands 1997 bekräftigte Netanyahus Vorhaben, ihren Exil-Führer Meshal in Jordanien umbringen zu lassen. Da die Mossad-Operation schief ging, musste der inhaftierte Yassin gegen die Agenten ausgetauscht werden. So wie 2012 mitten in die Waffenstillstandsverhandlungen der Chef der Kassam-Brigaden, Jabari, getötet wurde. Das Gefangenenpapier 06 war auch eine der Bekundungen von Seiten der Hamas zur Bereitschaft einer Anerkennung Israels. Israel lehnt auch Waffenstillstands-Angebote der Hamas ab. Israel ist gegen die Hamas aus den gleichen Gründen, aus denen es gegen die PLO war: weil diese Organisationen seinen Anspruch auf Palästina infrage stell(t)en.

Die meisten israelischen Parteien lehnen einen anerkannten, lebensfähigen palästinensischen Staat ab. Die Avodah (Arbeiter)-Partei auch, wie das Angebot von Barak 2000 zeigte. Jene, die eine einigermaßen gerechte Lösung (bzw Teilung) befürworten, sind am Rande des zionistischen politischen Spektrums zu finden. Dagegen ist es erklärtes Ziel einer Reihe von israelischen Parteien, einen palästinensischen Staat zu verhindern, und ganz „Judäa“ und „Samaria“ zu judaisieren; auch „Transfer“ (Vertreibungs)-Pläne für Palästinenser werden immer wieder diskutiert. Die Likud-Charta ist eine Sache, und Netanyahus „Hinhaltetaktik“ eine andere. Die palästinensische Seite soll aber den jüdischen Staat anerkennen – in welchen Grenzen, bleibt dabei offen, obwohl das für die Palästinenser existenziell ist (Israel kontrolliert faktisch 100% des historischen Palästinas), aber dass der Staat als „jüdisch“ anerkannt werden muss, steht fest. Die PLO hat das längst getan und bekam einen sich endlos hinziehenden „Friedensprozess“, und nicht eine analoge Anerkennung eines souveränen Palästinas als Gegenleistung. Die palästinensische Autonomie-Behörde (PNA) hat aufgrund der Hinhalte-Taktik den Weg zur unilateralen Staatsausrufung gewählt. Die meisten Staaten der Welt anerkennen Palästina, das 2012/13 seine Unabhängigkeit erklärte, an, nur im Westen viele nicht.

Ägypten hält, aus mehreren Gründen, die Grenze zu Gaza (den Übergang bei Rafah) auch meist geschlossen. Dies ist abhängig von Entwicklungen in Gaza und Ägypten selbst; unter Mursi war der Übergang öfters offen, unter Sisi ist es auch in dieser Hinsicht schlimmer als unter Mubarak geworden. Die wichtigsten Faktoren hier sind der Druck Israels und die instabile Lage am Sinai (mit salafistischen Terrorgruppen). Mit der Übergabe der Grenzbefestigung und des Durchgangs in Rafah 05 wurde Ägypten im angrenzenden Sinai-Gebiet die Präsenz einer begrenzten Zahl von Soldaten erlaubt. Auch diese Südgrenze Gazas wird indirekt von Israel kontrolliert, u.a. über Video. Kürzlich wurde ein venezolanischer Hilfskonvoi am Grenzübergang Ägypten/Palästina angegriffen.

Nach der Gefangennahme des an der Blockade Gazas beteiligten Soldaten (über Tunnel) 06 kam der erste grosse israelische Angriff auf Gaza nach dem „Abzug“ (und ein Wiedereinmarsch), die weiteren 08/09 (zur Zeit der letzten Tage von Bush als USA-Präsident), 12, 14. Es gibt Gemeinsamkeiten bei diesen Aktionen in der israelischen Motivation (Widerstand gegen die Blockade militärisch abwürgen, aber auch innenpolitische Ziele), im Vorgehen, in der Darstellung gegenüber dem Westen. Zum Massaker 2012 schrieb Amira Hass in „Ha­’aretz“, die Legitimation des Gaza-Kriegs durch westliche Staatsführer wie Obama und Merkel mit Israels „Recht auf Selbstverteidigung“ war ein gewaltiger israelischer Propagandasieg, eine Vollmacht, das zu tun, „worin sie am besten sind: im Gefühl des eigenen Opferseins zu schwelgen und das palästinensische Leiden zu ignorieren“.

Was den israelischen Angriff 08/09 betrifft, so hat etwa der ehemalige US-Vize-Aussenminister Richard Murphy (in einem CNN-Interview) festgehalten, dass der Angriff im November 08 und das Nicht-Lockern der Blockade Gazas israelische Verstösse gegen den Waffenstillstand (von 06) waren, und dann erst der palästinensische Beschuss mit „Raketen“ losging. Ein Untersuchungsbericht des südafrikanischen Richters Richard Goldstone im Auftrag der UNHRC stellte israelische Kriegsverbrechen fest. Der Bericht rief heftigste Reaktionen von zionistischer Seite hervor, Goldstone knickte teilweise davor ein. Peres: „Wir werden nicht akzeptieren, dass eine uns feindlich gesinnte Mehrheit im UNO-Menschenrechtsrat über uns urteilt.“ Sein Land untersuche seine Kriege und benötige dafür keine „Richter von aussen“. Einige der beteiligten israelischen Soldaten kritisierten das wahllose und unvermittelte Töten von Zivilisten durch ihre Armee in dem „Krieg“, forderten Aufklärung über Kriegsverbrechen, mit der Initiative „Breaking the Silence“. „Die Vorgesetzten sagten uns, das sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist sei“, sagte einer der Soldaten, „Ich habe das nicht verstanden – wohin hätten sie denn fliehen sollen?“

Im April 2011 wurde der pro-palästinensische italienische Aktivist Vittorio Arrigoni von Salafisten (?!) entführt. Er lebte seit 2008 in Gaza-Stadt und war in der Gruppe “Internationale Solidaritätsbewegung” aktiv, bloggte von dort. Man wollte damit angeblich von der Hamas-Regierung inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen. Am Tag nach der Entführung wurde Arrigoni ermordet, als Sicherheitskräfte der Hamas das Versteck stürmten. Kurz zuvor war Juliano Mer-Khamis vor seinem „Freedom Theatre“ im Flüchtlingslager Jenin von maskierten „Palästinensern“ erschossen worden. Mer-Khamis war halb Palästinenser, halb Jude, seine Eltern waren beide linke Aktivisten. Die beiden damaligen palästinensischen Premiers Haniyeh und Fayad verurteilten die beiden Morde. Der „Charakter“ der Palästinenser und die Palästina-Solidarität stand durch sie „am Prüfstand“. Als ob jemand genau das erreichen wollte. Ludwig Watzal schrieb, beide Morde stinken zum Himmel.

Es gab mehrere Anläufe zur Versöhnung von PLO/Westbank und Hamas/Gaza, zu einer Einigung und gemeinsamen Regierung sowie Abhaltung von Wahlen nach der blutigen Entzweiung 07. Aber noch alle zerschlugen sich. Und Israel schäumte jedes Mal. Netanyahu: Fatah müsse sich entscheiden zwischen einem Frieden mit der Hamas und einem Frieden mit Israel. Israel stoppte einmal die Überweisung von Steuereinnahmen an die Palästinenser-Regierung. Ein ander‘ Mal hat es mit der Bewilligung für 1000 Wohneinheiten in der Westbank und Ostjerusalem die “angemessene zionistische Antwort” gegeben.

Internet:

Grenzen zwischen Kontinenten

Über die Belagerung und die Vorgeschichte

Gazas touristisches Potential

Über den Menschenrechtsaktivisten aus Gaza, Raji Surani, er bekam den „alternativen Nobelpreis“ (RLA)

In Gaza

freegaza.org

Gaza muss leben

(1) Das griechisch-orthodoxe Christentum gibt es bis heute in Gaza

(2) Es begann ’54 als „Übergangslager“ für aus Nordafrika geholte Juden, wurde dann „Entwicklungsstadt“; die aus Marokko stammende rechtsextreme Politikerin Miriam Regev ist dort aufgewachsen; später wurden Einwanderer aus der SU dort angesiedelt

(3) Bis heute gibt es nur viele Autos, die meist auch als Taxis dienen

(4) Das gilt freilich nicht immer, man denke an den saudi-arabischen Millionär Bin Laden, aus einer Bauunternehmer-Familie. Bin Laden war übrigens auch 1990 für die Intervention in Kuwait nach dem irakischem Einmarsch dort gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 90, der ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte

(5) Der „Besuch“ Scharons am Haram as-Sharif/Tempelberg war nur der Auslöser, so wie die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze in Südafrika für den Aufstand in Soweto 1976, oder mit Tierfett eingefettete Patronen Mitte des 19. Jh in Indien auch nur Anlass für den Aufstand gg die britische Herrschaft war

Buchhinweise:

Jean-Pierre Filiu: Gaza. A History (2017 Englisch; 2014 Französisch)

Ilan Pappe und Noam Chomsky: Gaza in Crisis. Reflections on Israel’s War Against the Palestinians (2010)

Gerald Butt: Life at the Crossroads: A History of Gaza (2010)

Amira Hass: Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land (2003)

Joe Sacco: Footnotes in Gaza: A Graphic Novel (2009). Dt.: Gaza (2011)

Gideon Levy: The Punishment of Gaza (2010)

Johannes Zang: Gaza – Ganz nah, ganz fern (2013)

Bettina Marx: Gaza. Berichte aus einem Land ohne Hoffnung (2009)

Walid Khalidi: Nakba 1947-48 (2012)

Alternative Tourism Group: Palästina-Reisehandbuch. Geschichte, Politik, Kultur, Menschen, Städte, Landschaften (2013)

Moustafa Bayoumi und Willi Baer: Mitternacht auf der Mavi Marmara: Der Angriff auf die Gaza-Solidaritäts-Flottille (2011)

Vittorio Arrigoni: Gaza – Mensch bleiben (2011). Ital. Restiamo umani

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (2002)

Sara Roy: The Gaza Strip: The Political Economy of De-development (1995)

Ramzy Baroud: My Father Was a Freedom Fighter: Gaza’s Untold Story (2010)

Khaled Hroub: Hamas (2011)

Abraham Melzer und Vereinte Nationen (UN): Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza-Konflikt (Goldstone Bericht): Menschenrechte in Palästina und anderen besetzten arabischen Gebieten (2010)

Herbert Fritz: Kampf um Palästina. Für Freiheit und Selbstbestimmung (2013)

Refaat Alareer: Gaza Writes Back. Short Stories from Young Writers in Gaza, Palestine (2014)

Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina (2009)

Michael W. Champion: Explaining the Cosmos. Creation and Cultural Interaction in Late-Antique Gaza (Oxford Studies in Late Antiquity; 2014)

Gaza – Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 2010

Hinweis: Der Artikel ist aus 2014

Zunächst Einiges zu Südafrika allgemein: Dieser Staat entstand als solcher 1910, nach einer Einigung zwischen Buren und Briten, als Vereinigung von vier Kolonien zu einer, zur Südafrikanischen Union. Diese (ein bereits von Weissen beherrschter Staat…) bekam 1931 von Grossbritannien effektiv Unabhängigkeit. 1948 begann die Vorherrschaft der Afrikaaner/Buren, die eine Verschärfung der Diskriminierung der Nicht-Weissen brachte. Um 1960 wurde der Widerstand dieser „Farbigen“ stark, und Südafrika wurde (1961) zur Republik.(1) Da gab es die Übergänge von Alfred Milner (wichtigster Mann Grossbritanniens im südlichsten Afrika vom Kriegsende 1902 bis zur Vereinigung 1910) zu Louis Botha (erster Premierminister der Union), den von Jan Smuts (UP) zu Daniel Malan (HNP) 1948, den 1994 unter (?) Nelson Mandela und Frederik W. De Klerk. Ja, 1961 gab es im Land keinen wirklichen Bruch, vielleicht in Beziehungen nach Aussen.

Etwas über südafrikanische(s) Diaspora bzw Exil allgemein: Südafrika ist eigentlich ein Einwanderungsland. Es kamen im Laufe der Neuzeit (zu den Khoikhoi und San) Bantu aus Zentral-Afrika, Europäer, Asiaten. Wobei am Ende des 19. Jh alles was dann Südafrika wurde, unter weisser Herrschaft war. Ein Blick auf die bisherigen Nobelpreisgewinner aus Südafrika sagt schon Einiges aus, über Ein-, Aus- bzw Weiterwanderung bei Südafrikanern: Max Theiler bekam 1951 den Nobelpreis für Physiologie/Medizin, war Schweizer Herkunft, ist dann in die USA ausgewandert, bekam den Preis in der frühen Apartheid-Zeit. Allan Cormack (schottischer Herkunft) studierte zT in GB, wanderte 1956 in die USA aus (kehrte zwischendurch zurück nach Südafrika), bekam 1979 den Preis für Medizin. Aaron Klug, ein im unabhängigen Litauen (der Zwischenkriegszeit) geborener Jude, wanderte 1953 nach Grossbritannien aus (wird auch eher als Brite gesehen), bekam 1982 den Preis für Chemie. Der Mediziner Sydney Brenner (ebenfalls jüdisch) wanderte in den 1950ern nach GB aus (blieb aber anscheinend südafrikanischer Staatsbürger), bekam 2002 den Preis. John M. Coetzee, burischer Südafrikaner(2), ist 2002 nach Australien ausgewandert, bekam 2003 den Literaturpreis; ’06 wurde er australischer Staatsbürger, möglicherweise ist er Doppelstaatsbürger.

Michael Levitt wurde 1947 in Pretoria in eine Familie von Juden aus Osteuropa geboren, mit der er 1962 nach GB auswanderte; er bekam 2013 den Chemie-Preis, und neben der britischen und US-amerikanischen Staatsbürgerschaft soll er auch die israelische und die südafrikanische haben. Das waren die südafrikanischen Nobelpreisträger, die ausgewandert sind; die anderen sind: Albert Lutuli, Zulu, Frieden, 1960; Desmond Tutu, Xhosa, Frieden, 1984; Nadine Gordimer, Jüdin, Literatur, 1991; Frederik W. de Klerk, Bure/Afrikaaner, Frieden, 1993; Nelson Mandela, Xhosa, zusammen mit De Klerk. Sie alle sind nicht ausgewandert. Die Minderheit, aber bei einigen der Exilanten ist ihre Einstufung als Südafrikaner ja fraglich. Gar nicht repräsentiert sind unter den Nobelpreisträgern jene, die während bzw wegen der Apartheid auswanderten, ob sie nun wieder zurückkamen oder nicht. Von jenen, die nach der Apartheid auswanderten, ist hier Coetzee vertreten.

Zum Unterschied zwischen „Exil“ und „Diaspora“ von hier: Eine Person kann im Exil sein (ist etwas Individuelles) und dort Teil einer Diaspora (Teil einer Gemeinschaft). Es gibt Exilanten/Expat(riate)s (wollen zurückkehren) und Emigranten/Auswanderer (sind ausgewandert). In diesem Fall also Südafrikaner, die anderswo leben. Ab wann gilt man als im Ausland lebend und noch als Südafrikaner? Olaf Kölzig zB wurde 1970 in Südafrika von deutschen Eltern geboren, die Familie zog 1973 nach Canada weiter, er wurde bekanntlich Eishockey-Spieler (Tormann), spielte in der NHL, ist deutscher und kanadischer Staatsbürger. Und wenn jemand 2 Wochen auf Urlaub im Ausland ist, ist er kaum Exilant. Und ein halbes Jahr im Ausland, um woanders zu studieren und arbeiten? Man muss bezüglich der Parameter/Kriterien etwas flexibel sein; zT werden (nur) jene als Südafrikaner gewertet, die dort geboren sind, zT jene die südafrikanische Staatsbürger (geblieben) sind. Es werden aber auch gelegentlich Nachkomen von Südafrikanern bzw aus Südafrika Stammenden als Südafrikaner gezählt.

Einteilen wiederum kann man die Exilanten nach den Ländern in die sie gegangen sind, nach der Dauer des Exils, nach der rassischen Gruppe der sie angehören (früher waren es mehr Schwarze, nun mehr Weisse), der Haltung zum demokratischen Südafrika, nach Parametern wie Staatsbürger/nicht,… Oder nach der Art des Exils: politisch, wirtschaftlich, privat,…von Botschafts-Mitarbeitern über journalistische Korrespondenten bis Studenten oder echte Auswanderer. Hier geht es um Südafrikaner, die schon eine Zeit im Ausland leben, zu dem Land aber noch eine gewisse Beziehung haben. Um die iranische Diaspora geht es also hier. Von dort: Als im Iran der (bislang) letzte Schah an der Macht war, war Khomeini im Exil, der kam an die Macht, nachdem Schah Mohammed Reza Pahlevi ins Exil gegangen war, bzw, Pahlevi verliess den Iran als er dabei war, die Macht zu verlieren. Im Laufe der Revolution und danach gab es einen Exodus von Iranern… In dem Artikel auch einiges Allgemeine zu Exil und Diaspora. Nennenswerte Diasporen bzw Exilgemeinschaften haben zB die Armenier, die Deutschen, die Briten/Anglosachsen, Russen, Türken, Inder. Und die Zigeuner/Roma/Sinti, auch eine Exilgemeinschaft? Oder Teil der indischen Diaspora? Die palästinensische ist aufgeteilt auf die Front-/Nachbarstaaten (von Palästina/Israel) und weiter entfernte Länder in Orient und Okzident.

Es gab/gibt Morde an exilierten Politikern, durch Schergen des jeweiligen Regimes, von Leo(n) Trotzki (Bronstein) über Stepan Bandera und Ghassan Kanafani und Schapour Bachtiar bis … zur Südafrikanerin Ruth First, einer Anti-Apartheid-Kämpferin. Um sie wird es auch noch gehen, hauptsächlich (bzw am Ende) behandelt der Artikel aber die gegenwärtige Diaspora Südafrikas, auch vergangene wird davor eingegangen. Lenin/Uljanow, Khomeini, Ulbricht, Peron und einige Andere kamen aus dem Exil an die Macht in ihren Ländern. Das gab es in Südafrika am ehesten bei Thabo Mbeki, der viele Jahre der Apartheid im Exil war, dann ihr Ende mit aushandelte, 94 Vizepräsident wurde und 99 Präsident, als Nachfolger Nelson Mandelas, der ja im Gefängnis (in Südafrika) gewesen war. Der langjährige und exilierte ANC-Chef, Oliver Tambo, starb vor dem Ende der Apartheid. Nach dieser Einführung geht es also um frühere Auswanderungen, die zur Apartheid-Zeit, und dann um die jetzigen Exilanten, zwischendurch auch etwas um Einwanderer.

Das Ende der Apartheid kam 1994, als eine Regierung der nationalen Einheit mit Nelson Mandela als Präsident (hier mit seinen „Vizes“) übernahm

Die jetzigen Exilanten also sind hauptsächlich Weisse, zT Gegner von Demokratie und Rassen-Gleichheit. Dieser „Exodus“ begann etwas vor den ersten freien Wahlen 1994, als sich das Ende der Apartheid abzeichnete, hält bis heute an, ist aber nicht wirklich ein „Strom“, vielleicht ein Fluss. In dieser Zeit kehrten viele Nicht-Weisse/Farbige („Schwarze“, Asiaten, „Mischlinge“) zurück nach Südafrika. Die südafrikanische Diaspora besteht somit hauptsächlich aus Weissen, hauptsächlich Englischsprachigen verschiedener Herkunft, und ist primär in „Anglo-Ländern“ wie Grossbritannien, Australien, Neuseeland, USA präsent – aber nicht nur, das werden wir uns noch genauer ansehen. Auch auf Gründe und Zahlen wird hier eingegangen. Es gibt also temporäre Auswanderung und vollständige, hier geht es (primär) um Erstere.

Nun also zunächst (exemplarisch) einige frühe Auswanderungen, zT aus der Zeit vor der Entstehung Südafrikas als geeinter Staat (1910), jedenfalls vor dem Beginn der Apartheid (1948). Sarah „Saartje“ Baartman war eine Khoisan-Frau (Urbevölkerung Südafrikas), im ausgehenden 18., beginnenden 19. Jh, am Übergang der Herrschaft des Kap-Gebietes von der niederländischen VOC zu den Briten. Sie wurde 1810 deportiert/entführt, nach Europa, in Grossbritannien und Frankreich zur Schau gestellt, als lebendiger (und junger) Mensch, aufgrund ihrer rassischen und anatomischen (Fettsteiss) „Besonderheiten“. Starb Ende 1815 in Paris, wurde seziert und partiell konserviert. Engagement von Franzosen und Südafrikanern noch zur Apartheid-Zeit führten zu einem gewissen Bewusstseins-Wandel in Frankreich. Das (ab 1994) demokratische Südafrika forderte die Rückführung von Baartman. Erst 2002 erfolgte diese, die Überreste ihres Körpers wurden in der Provinz Ostkap beigesetzt, im Beisein von Südafrikas damaligem Präsidenten Thabo Mbeki.

Piet(er) Retief und andere Treck-Führer der Buren in den 1830er, führten ihre Leute aus der nun britisch gewordenen Kapkolonie heraus, in die Gebiete der Xhosas oder Zulus; eigentlich wurde dadurch die Ausdehnung bzw Form Südafrikas erreicht, zusammen mit der britischen Expansion. Handelte es sich um Binnenwanderungen? Kaum, und auch keine aus Südafrika heraus. John Ronald Reuel Tolkien ist 1892 in Oranje Vrystaat geboren, damals eine Afrikaaner-„Kolonie“, in eine englische Familie zT deutscher Herkunft. 1895 emigrierte er mit ihr nach GB (England). Er wurde bekanntlich Fantasy-Schriftsteller, kämpfte im 1. WK an der Westfront (Frankreich). Stephanus Johannes Paulus „Paul“ Kruger wurde 1825 in der britischen Kapkolonie geboren, auch Khoikhoi(3) sind unter seinen Vorfahren. Er machte den Grossen Treck 1835-41 mit, siedelte sich in dem Gebiet an, das zu(r) Transvaal/Südafrikanische Republik wurde. Stieg dort auf, bis zum Präsidenten (1883-1902). Erlebte den Zustrom von Briten, wegen Gold-Funden, dannden Südafrikanischen Krieg (Zweiter Anglo-Buren-Krieg) 1899-1902, den (letztlich erfolgreichen) Griff der Briten nach den Buren-Republiken.

Noch während des Krieges, 1900, „flüchtete“ er mit dem Zug nach Portugiesisch-Ostafrika/Mocambique, von Lourenco-Marques/Maputo fuhr er mit einem niederländischen Schiff nach Marseille (nach einem „Deal“ mit den Briten). Lebte in Frankreich, Deutschland, Niederlande (Villa in Utrecht); ging 1902 wieder nach Frankreich, 1904 in die Schweiz, wo er bald starb; bekam ein „Staatsbegräbnis“ in Pretoria. Fernando Pessoa, der einer der wichtigsten portugiesischen Schriftsteller wurde, wanderte mit seiner Mutter in das damals britische Natal aus, einer der Staaten/Kolonien, aus denen Südafrika dann entstand, verbrachte einen grossen Teil seiner Jugend dort. Dann zurück nach Portugal, wo bald die Monarchie unterging; Ein- und Auswanderung also bzgl Südafrika bei ihm. So war es auch bei Leander Jameson: Der schottische Arzt kam in den 1870ern in die Kapkolonie (> Kimberley, Diamanten, Rhodes), ging dann nach Süd-Rhodesien, organisierte den britischen Überfall auf Transvaal, wurde Politiker in der Kapkolonie (Anfang 20. Jh nach dem Südafrikanischen Krieg Premier und geadelt), gehörte Rhodes‘ Progressive Party an (wurde ihr Führer), die 1910 in der Unionist Party aufging (wie die PP Partei des britischen Imperialismus), war 10-12 Führer dieser Partei und erster Oppositionsführer Südafrikas.

1912 zog sich Jameson aus der Politik zurück und ging nach GB zurück, lebte in London, wo er 1917 starb. Der Schriftsteller Thomas Pringle ging fast ein Jahrhundert zuvor ebenfalls den Weg GB-Südafrika-GB, wobei es Südafrika als Staat eben erst seit 1910 gibt. Auch später waren es immer wieder englischsprachige, britischstämmige Weisse, Anglo-Südafrikaner, die flache Wurzeln in Südafrika haben und es auch wieder verliessen. Der etwas verächtliche afrikaanse Ausdruck „Soutpiels“ für sie kommt vor diesem Hintergrund…(4) Mohandas „Mahatma“ Gandhi selbst beschrieb seine „Episode“ in Südafrika in seiner Autobiographie als Schlüsselerlebnis für seinen Kampf gegen Unterdrückung und (britische) Kolonialherrschaft in Indien. Er lebte von 1893 bis 1914 in Natal, das ab 1910 Teil (Provinz) der Südafrikanischen Union war, und Grossbritannien unterstellt, wie auch (sein Heimatland) Indien.

Inder kamen ab den 1860er-Jahren nach Südafrika (damals nur ein geografischer Begriff), als die Briten sie als Kontraktarbeiter (anstatt Sklaven) hinbrachten (wie auch in die Karibik), hauptsächlich nach Natal (heute KwaZulu-Natal, das bis heute Zentrum der Inder in Südafrika ist). Mohandas Gandhi kam 1893 aus dem britisch beherrschten Indien in das britisch beherrschte Natal, blieb dort bis 1914, arbeitete als Anwalt, in Durban und Johannesburg. Und, bekanntlich hatte er dort das Erweckungserlebnis für seinen politischen Aktivismus; Gandhi wurde noch 1893 in Pietermaritzburg aus dem Erste-Klasse-Wagen eines Zuges vertrieben, aus rassis(istis)chen Gründen. Er war 1894 ein Mitgründer des Natal Indian Congress. Man findet hier aber auch Widersprüche, zum Einen unterstützte Gandhi die Briten in ihrem Krieg gegen die Buren, auch 1906 bei ihrem Vorgehen gegen die Zulus, und dann noch (wieder zurück in Indien) im 1. WK. Zum Anderen kann man Gandhis Einstellung ggü der „schwarzen“ Bevölkerungsmehrheit Südafrikas (Zulus, Xhosas, Sotho, Tswana,…) kritisch sehen. Aber das ist ein anderes Thema.(5)

Mit Beginn des 1. WK ging Gandhi aus Südafrika (inzwischen gab es einen solchen Staat) nach Indien zurück. Das war seine Auswanderung; Ein- und Auswanderung nach/aus Südafrika, wie bei Jameson. Zu Gandhis 21 Jahren in Südafrika gibt es von Ashwin Desai und Goolam Vahed das Buch „The South African Gandhi: Stretcher-Bearer of Empire“ (2020). Vor seiner Rückkehr gelang es Gandhi noch, der südafrikanischen Regierung den Indian Relief Act abzuringen, der einige diskriminierende Gesetze abschuf. Er fuhr mit dem Schiff von Kapstadt über London nach Mumbai/Bombay, kam 1915 dort an, bereits als eine Art „Star“. Setzte sein Vorhaben um, sich dort der indischen Unabhängigkeits-Bewegung (bzw dem Indian National Congress) anzuschliessen. Doch hier Widersprüchliches: Er rekrutiert Inder als Soldaten für die Briten im 1. WK. Erst als die Briten das nach dem Krieg nicht (mit Autonomie bzw Selbstverwaltung) belohnten, hatte er jene Radikalität erreicht, die ihn dann berühmt machte.(6) Ach ja, „Mahatma“ Gandhi hatte mit Kasturba 4 Söhne, die zT in Indien, zT in Südafrika geboren wurden.

Manilal Gandhi wurde in Indien geboren, kam 1897 nach Südafrika, 1915 wieder nach Indien. ER kehrte 1917 nach Südafrika zurück, arbeitete als Zeitungsmacher. Sein Vater brachte ihn 1926 davon ab, eine (indische) Moslemin zu heiraten, mit einer Hindu hatte er 1 Sohn, 2 Töchter. Sita und Arun gingen nach Indien, nur Ela blieb in Südafrika. Ela Gandhi wurde 1940 in Durban geboren, engagierte sich gegen die Apartheid, wurde dafür auch inhaftiert (wie Vater und Grossvater), war 1994 bis 2004 Abgeordnete in der Nationalversammlung Südafrikas für den ANC. Exemplarisch sei hier auch Abba Eban genannt, 1915 in Kapstadt als Aubrey Solomon geboren, in eine Familie litauischer Juden (die Ende des 19. Jh aus dem Russischen Reich in die britische Kapkolonie einwanderten). Nach dem Tod des Vaters wanderte er noch in den 1910ern nach Grossbritannien aus, studierte Sprachen. Wurde Zionist, wanderte ins (ebenfalls) britische Palästina ein, diente dort in der britischen Armee, änderte seinen Namen, wurde Diplomat, UN-Botschafter, Politiker für Mapai/Marakh/Avodah, unter Anderem Aussenminister Israels 66-74. Er ist natürlich gänzlich ausgewandert, wie Gandhi.

Auch der britische Luftwaffenoffizier Arthur „Bomber“ Harris hatte eine Südafrika-Verbindung. Sein Vater war Angehöriger der britischen Beamtenschaft in Indien, er wurde in England geboren, emigrierte 1910 nach Southern Rhodesia (heute Zimbabwe). Kämpfte im 1. WK im Rhodesia Regiment in Südwestafrika (Namibia) gegen die Deutschen, dann noch in der (britischen) Luftwaffe an der Heimatfront. In der Zwischenkriegszeit war er an der Niederschlagung verschiedener Aufstände im „Nahen Osten“ beteiligt, wie den kurdischen im (ebenfalls britisch beherrschten) Irak 1920, 1922-24, 1931/32. Sagte dazu, dass „die Araber nur eine Politik der harten Hand“ verstünden (es handelte sich aber grossteils um Kurden). Im 2. WK wurde er Oberbefehlshaber des RAF Bomber Command und ordnete Flächenbombardements deutscher Städte an. In der Nachkriegszeit wanderte Harris nach Südafrika aus (das damals ein burisch dominierter Staat wurde) und gründete Safmarine, das hauptsächlich eine Transportschiff-Reederei war. 1953 kehrte er wieder nach GB zurück, dies seine Auswanderung.(7) Noch eine britische Luftwaffen-Legende des 2. WK wanderte ebenfalls aus Südafrika aus (ohne dort wirklich verwurzelt gewesen zu sein). Squadron Leader Roger Bushell wurde 1910 dort geboren, von englischen Eltern, die mit ihm 1924 wieder dorthin gingen.

Er geriet 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft, war im STALAG Luft III in Schlesien, wo er der Mastermind diverser Ausbruchsversuche war. 1941 2 Versuche, 1944 der grosse, der teilweise gelang, Bushell wurde aber eingefangen und getötet; bekannt durch den Film „Gesprengte Ketten“/“Great Escape“. William Poole (Mutter dürfte Burin gewesen sein) nahm in der südafrikanischen Armee (damals UDF) in Ägypten und Italien teil (auf Seite der Alliierten), wurde Generalmajor und 1946 Vize-Generalstabschef. Er hätte 1948 Generalstabschef werden sollen, wurde aber nach dem Wahlsieg der HNP in diesem Jahr übergangen; wurde stattdessen zur südafrikanischen Militärmission bei den (West-) Alliierten in Berlin versetzt. Danach schlug er eine diplomatische Karriere ein. Auch eine Art von Exil; er starb in Südafrika.

Nun zu Auswanderungen/Exilierungen aus Südafrika in der Apartheid-Zeit. Die Apartheid in Südafrika brachte ein Ende einer „milden“ Rassentrennungs- (und -diskriminierungs) politik, Verschlechterungen für die Nicht-Weissen, die Machtübernahme der Afrika(an)ner/ Buren auf Kosten der (weissen) Englisch-Sprachigen. Der Widerstand (und damit die Gewalt) begann effektiv 1960, mit einer Kundgebung des (aus dem African National Congress/ANC hervorgegangenen) PAC in Sharpeville bei Johannesburg, die „niedergeschossen“ wurde. Es folgte das Verbot „schwarzer“ bzw der weissen Vorherrschaft ablehnend gegenüberstehenden Organisationen bzw Parteien wie ANC und PAC, deren gewaltsame Auflehnung, eine Distanzierung Apartheid-Südafrikas vom Westen. 1963 wurden auf einer Farm in Rivonia am Rande Johannesburg sieben führende Widerstandskämpfer des ANC und der SACP (verschiedener „Rassen“) festgenommen und in einem Prozess zu Gefängnisstrafen verurteilt, darunter Nelson Mandela. Der Widerstand gegen die Apartheid lebte aber neu auf. Mit Sharpeville 1960 begann „es“, nicht zufällig hat die Wahrheits-und Versöhnungskommission in Südafrika nach der Apartheid diese Kundgebung als Stichtag genommen für die Zeit die untersucht werden sollte, bzgl Menschenrechtsverletzungen im Namen der Apartheid sowie im Kampf gegen sie. Und infolge der Ereignisse in Sharpeville, als die Verhältnisse im südlichen Afrika eskalierten, markieren auch den Beginn des Exils der Anti-Apartheid-Kämpfer.

So wie infolge Hitlers Machtergreifung in Deutschland 1933 viele Deutsche emigrierten (zum Teil 1945ff wieder zurückkehrten), die Staatsgründung Israels 1948 für viele Palästinenser Flucht und Vertreibung mit sich brachte, die Machtergreifung Khomeinis im Iran 1979 (anstatt eines Schahs) viele Iraner emigrieren liess,… Ein sehr grosser Teil dieser Exilanten tat das, um Verfolgungen durch diesen Staat zu entgehen bzw um vom Ausland aus Widerstand dagegen zu leisten. Man kann einen Teil dieser Exilanten/Emigranten als „Flüchtlinge“ bezeichnen. Der wahrscheinlich wichtigste dieser Exilanten, Oliver Tambo, reiste am Tag des Sharpeville-Massakers, dem 21. März 1960, nach Grossbritannien – das auch wichtigstes Exilzentrum wurde…und es in Post-Apartheid-Zeit blieb. Es gingen aus Gegnerschaft zur Apartheid hauptsächlich Schwarze in’s Exil, aber auch Angehörige aller anderen Rassegruppen. Es gab gewisse „rassische“ Differenzen unter „Gleichgesinnten“ im Exil, Schleicher (s. u.) schrieb etwas darüber.  

Anti-Apartheid-Exilanten gehörten in der Regel dem ANC an bzw standen ihm nahe, zumal die kommunistische SACP im „Untergrund“ mit ihm ein Bündnis einging. Die Zentren des ANC im Exil waren Länder im südlichen Afrika („Frontstaaten“), der Westen (und da besonders GB), und der Ostblock. London und Lusaka waren da die wichtigsten Zentren. Oliver Tambo (ein Xhosa), der 1967 Nachfolger des (in Südafrika) verstorbenen Albert Luthuli als ANC-„Chef“ wurde, residierte lange in Sambia (bzw dessen Hauptstadt Lusaka). Der Westen behandelte diesen (echten) Widerstand zur Apartheid meist als mit dem Ostblock verbündet (Henne oder Ei?) bzw als mit dem Anti-Imperialismus (Blockfreie, 3. Welt,…). Grossbritannien betrachtete Teile Afrikas (hauptsächlich seine ehemaligen Kolonien, welche um 1960 unabhängig wurden) als seine Einflusssphäre, wie auch Frankreich. Auch als „Terroristen“ wurden die inhaftierten oder exilierten ANC-Aktivisten von Vielen gesehen.(8) Terrorisiert wurden die Exilierten von „Sicherheitsdiensten“ Apartheid-Südafrikas. Dabei spielte Craig Williamson eine Rolle, der für den südafrikanischen Militär-Geheimdienst DMI arbeitete, und sich im Exil unter die Anti-Apartheid-Aktivisten mischte, sie ausspionierte (siehe).

Er spielte eine wichtige Rolle bei Mordanschlägen des Apartheid-Regimes auf diese Aktivisten im Exil, wie durch Briefbomben. Es gab aber auch zu Apartheid-Zeiten Auswanderungen bzw Exilierungen aus Südafrika, die nicht wirklich aus Gegnerschaft zur Apartheid motiviert waren, hauptsächlich von Weissen. Da spielten zwar auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle, aber auch private. Allgemein lassen sich die südafrikanischen Exilanten nach politischer Haltung, Ethnie, Generation/Alter, Zielland und anderen Parametern einteilen. Wir nehmen uns jetzt zunächst die Anglo-Südafrikaner vor, also britisch-stämmige englischsprachige Weisse, sowie jene die an sie assimiliert waren/sind wie ein grosser Teil der Juden und Irisch-Stämmigen. Dissidenten zur Apartheid gab es natürlich auch unter ihnen, die werden später behandelt. Die Anglo-Südafrikaner (etwa 40% der Weissen) standen in der Regel den Vorgängerparteien der jetzigen Democratic Alliance (DA) nahe, Parteien die aus der United Party hervorgingen. 1977 bis 1989 hiess diese Partei Progressive Federal Party (PFP), davor Progressive Party, danach Democratic Party.(9) Das war quasi die Softcore-Opposition zur Apartheid, Helen Suzman & Co. Die Initialen PFP wurden auch (hauptsächlich von burischen Spöttern) zu „Packing for Perth“ umgedeutet; weil Perth in West-Australien ein Auswanderungszentrum für weisse Südafrikaner war – und ist.

Die Nobelpreisträger Theiler, Klug, Levitt wurden ja schon erwähnt, sie sind ganz ausgewandert, zu Apartheidzeiten, aber nicht unbedingt aus Gegnerschaft zu ihr. Das gilt auch für Jillian Becker (siehe) oder Ilana Mercer, Jüdinnen und politisch-schriftstellerisch aktiv. Mercer: „My grandfather fled the Latvian town of Riga after the pogroms that followed the Bolshevik Revolution … Grandfather Jack, RIP, settled in South Africa, where Jews thrived until the recent ascendancy of the pro-PLO and pro-Islamist ANC“. Ivor Benson (1907 – 1993), ein Journalist, Apartheid-Befürworter (National Front, WACL, Institute for Historical Review), pendelte zwischen GB, Südafrika und Rhodesien. Es gingen auch Weisse, um der Wehrpflicht (dem Kriegsdienst) zu entgehen; das geschah aus Egoismus aber auch aus Ablehnung der Apartheid, wie bei Gavin Cawthra. Der Sänger Howard Carpendale siedelte 1966 zuerst nach Grossbritannien (von wo seine Vorfahren stammen) und dann in die BR Deutschland, nicht aus Opposition zur Apartheid, zu ihm mehr im Abschnitt unten.

Nach Grossbritannien, besonders London, kamen zur Zeit der Apartheid (besonders nach Sharpeville) „farbige“ Apartheid-Bekämpfer, weisse Anglo-Südafrikaner die eher ein Problem mit der Vorherrschaft der Buren/Afrikaaner (oder mit den gewaltsamen Zuständen) hatten, auch weisse Apartheid-Bekämpfer,… Die Anti-Apartheid-Bewegung (Anti Apartheid Movement) hat ihren Sitz, wenn man das so sagen kann, in London. Im Land der ehemaligen Kolonialmacht. Konservative Kreise in GB waren auf Seiten der Apartheid in Südafrika, obwohl diese was antibritisches hatte; siehe etwa das Western Goals Institute. Margaret Thatcher (CP), Premierministerin 1979-1990, „ritt“ noch 1987 auf der Commonwealth-Konferenz Canada, als dessen Mitglieder (meist „farbige“ Staaten) sich weitgehend einig waren gegen die Apartheid, eine Attacke auf den ANC.

Es gab eine lange Zusammenarbeit des MI6 mit den südafrikanischen Geheimdiensten BOSS und NIS, eine Hysterie ggü Allem was „kommunistisch“ war. Ende der 80er, Anfang der 90er unterstützten die britische Regierung und konservative Kreise von dort auch den Zulu-Nationalisten Buthelezi und seine IFP(10), nicht mehr die NP oder KP. Gleichwohl gab es 1986 und dann nach der Apartheid in London die Konzerte für Mandela. Oliver Tambo trat in den 1980ern in GB auf. Hans-Georg Schleicher aus der DDR, Historiker und Diplomat (u.a. in Namibia), nach der Vereinigung wieder wissenschaftlich tätig, brachte 2004 heraus: Südafrikas neue Elite. Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil. Darin schreibt er auch von „britischer liberaler Denkweise“, lässt dabei koloniale und imperiale Machtausübung unerwähnt, auch den Rassismus in GB.

Brian Bunting’s Vater war einer der Gründer der CPSA gewesen. Im 2. WK diente Brian Bunting im südafrikanischen Militär; er weigerte sich zunächst an diesem Krieg teilzunehmen, in dem „zwei imperiale Mächte um mehr Territorium kämpften“, änderte aber seine Meinung, nachdem Nazi-Deutschland die SU angegriffen hatte. Er engagierte sich in der SACP, Nachfolgerin der CPSA. 1952/53 war er einer von drei (weissen) Abgeordneten, die Schwarze wählen durften – etwas, das dann auch bald abgeschafft wurde. 1953 verlor er seinen Parlamentssitz wegen seines kommunistischen Aktivismus‘. Er arbeitete fortan als Journalist, und im Zentralkomitee der SACP, die sich im Untergrund mit dem African National Congress (ANC) verbündete. 1963 musste er ins Exil gehen, wie viele andere Anti-Apartheid-Aktivisten, ging nach GB. Die Buntings lebten im Norden von London, besuchten in den nächsten 28 Jahren gelegentlich das Grab von Karl Marx im Highgate cemetery. Ihr Haus war Treffpunkt exilierter südafrikanischer Kommunisten wie Yusuf Dadoo oder Joseph „Joe“ Slovo und Ruth First, und ANC-Funktionären wie Thabo Mbeki. 1964 brachte er „The Rise of the South African Reich“ heraus, eine Analyse des Apartheid-Systems.

1991 konnte er nach Südafrika zurück kehren, durch die erste freie Wahl 1994 wurde er wieder Abgeordneter (bis 99, für SACP/ANC). Bei Abdul Minty (indischer Südafrikaner) vermischte sich wissenschaftliche und politische Tätigkeit noch mehr, in seinem Exil in Grossbritannien und Norwegen. Reginald September, ein Kap-Mischling, war in London Chef-Repräsentant des ANC und Mitgründer der britischen Anti-Apartheid-Bewegung. Die nicht mit ihm verwandte Dulcie September wurde 1988 in Frankreich (dort ANC-Repräsentantin) von Schergen des Apartheid-Regimes getötet. Barry Feinberg war gleichzeitig Mitglied der CPGB und der SACP; kehrte mit dem Ende der Apartheid auch zurück, starb 2023. Der britische anglikanische Geistliche Trevor Huddleston engagierte sich gegen die südafrikanische Apartheid, lebte zeitweise dort. Thabo Mbeki war von 1962 bis 1990 im Exil, in Grossbritannien, der Sowjetunion, mehreren afrikanischen Staaten. Kehrte auch zurück, als De Klerk als Präsident Südafrikas die Apartheid Anfang der 1990er allmählich „abbaute“. Andere ANC/SACP-Grössen im britischen Exil waren Lionel „Rusty“ Bernstein, Jane Middleton, Sam Ramsamy, Frene Ginwala, Ben Turok. Der Verleger/Journalist Donald Woods war ein organisations-ungebundener Kritiker der Apartheid, der in’s britische Exil ging, das war 1977.

Das Apartheid-Regime Südafrikas profitierte lange von einem „Schutzgürtel“ um das Land herum bzw in seinem Norden, Länder die noch nicht unabhängig waren von europäischen Kolonialmachten, die selbst unter einer („weissen“) Minderheitsherrschaft standen, vom Regime in Pretoria abhängig waren,… Als 1980 aus Rhodesien Zimbabwe wurde, war dieser Schutzgürtel endlich gefallen. Einige dieser Staaten wurden selbst Kampfschauplatz zwischen Kräften die vom Apartheidregime unterstützt wurden und ihren Gegnern, die anderen unterstützten den Kampf gegen die Apartheid (mehr oder weniger). Diese (aus südafrikanischer Sicht) „Grenzkriege“/“Border wars“ gab es in den 1980ern hauptsächlich in Südwestafrika/Namibia und Angola. Das Apartheid-Regime schuf auch Homelands in Südafrika, vier davon wurden als unabhängige Staaten gesehen (Transkei, Bophuthatswana, Ciskei und Venda), da sie es nicht wirklich waren, werden sie hier nicht als Orte des äusseren Exils von Südafrikanern behandelt. Der ANC und andere Anti-Apartheid-Kräfte bekamen Unterstützung hauptsächlich von Sambia, Tansania, Zimbabwe, Mocambique, Angola, waren verbündet mit der namibischen SWAPO. Die Miliz des ANC, uMKhonto we Sizwe, mischte in diesen Konflikten mit (und war im Land aktiv). Staaten des südlichen Afrikas waren nach der Unabhängigkeit in der Regel gegen die Apartheid, es gab aber deren Detente-Politik, wirtschaftliche Abhängigkeit, Angst Kriegsschauplatz zu werden (bzw von Gegenschlägen), Westbindung im Kalten Krieg,…

1963 ging der ANC in Südafrika in den Untergrund und verlegte sein Hauptquartier zuerst nach Tansania (Daressalam, Morogoro), dann nach Sambia (Lusaka). Lusaka wurde für seine Unterstützung des ANC auch vom Apartheid-regime bombardiert. „Joe“ Slovo, SACP-Chef (Generalsekretär), und Ruth First lebten nicht nur in London sondern auch in süd-afrikanischen Frontstaaten; sie wurde 1982 von einer Paketbombe des Apartheid-Regimes in Maputo (Mocambique) getötet. Die Sängerin Miriam Makeba, Tochter eines Xhosas und einer Swasi, engagierte sich auch gegen die Apartheid in Südafrika. Sie hielt sich 1959/60 in Grossbritannien und USA auf, wollte 1960 zu einem familiären Begräbnis, ihr wurde die Einreise verweigert. So hielt sie sich lange im Ausland auf, in der USA (wo sie mit Harry Belafonte zusammenarbeitete), in Guinea (wo sie mit Stokeley Carmichael zusammenlebte), in Belgien. Sie hatte mehrere Staatsbürgerschaften, ihr grösster Hit, der „Click Song“ (eine Bearbeitung von „Qongqothwane“) entstand im frühen Exil. Guinea, wo sie mit Präsident Ahmed S. Touré befreundet war, gehört nicht wirklich zum südlichen Afrika, Makeba war jemand der anderswo in Afrika im Exil war.

Der ANC hatte also sein HQ im Exil, lange mit Oliver Tambo als Präsidenten und in Sambia. Hielt dort auch seine Konferenzen (Parteitage) ab. Der ANC hatte mehr „Botschaften“ als das Apartheid-Regime, das immer isolierter wurde! Die Führung des ANC (der allerdings auch in Südafrika inhaftierte Personen angehörten) war eine Quasi-Exilregierung. Tom Lodge nannte die ANC-Führung im Exil eine „Regierung im Wartestand“, speziell gegen Ende des Exils bzw der Apartheid war sie auch eine Art Schattenkabinett. Heute gibt es dagegen keine organisierte Opposition im Exil. Der Politologe Tom Lodge meinte, der ANC sei durch das Exil stärker geworden. Darüber gibt es von Hugh Macmillan das Buch: „The Lusaka Years: The ANC in Exile in Zambia, 1963 to 1994“ (2013).

Auch in die USA gingen Südafrikaner zur Zeit der Apartheid, darunter auch zeitweise die ANC-Diplomatin Barbara Masekela, Schwester des Jazz-Musikers Hugh Masekela. Sie meinte, die USA sei rassisch polarisierter als Apartheid-Südafrika. Die USA auf Seite der Freiheit? Dazu hier etwas. Auch Dollar Brand/ Abdullah Ibrahim, ein Cape Coloured (der zum Islam übertrat) und ebenfalls Jazz-Musiker, war in der USA. Bei einem Besuch in Südafrika in den 1970ern machte er Aufnahmen mit Kapstädter Musikern wie Basil Coetzee, darunter dessen Komposition „Manenberg“, das ein Soundtrack der Anti-Apartheid-Bewegung wurde. Zu jenen die im Ostblock weilten gehört neben den Genannten auch Charles Nqakula, der in der United Democratic Front (UDF) aktiv war, dem legalen Arm der Anti-Apartheid-Bewegung (bzw des ANC) in der Spätzeit der Apartheid. Er war in Staaten des südlichen Afrikas (auch Sambia, Angola und Tansania) sowie in der Sowjetunion und der DDR.

Es gab diverse südafrikanische weisse Sportler, die während der Apartheid die Nationalität gewechselt haben, um den Boykottmaßnahmen gegen Apartheid-Südafrika aus dem Weg zu gehen. Einige Beispiele: Die Läuferin Zola Budd ging nach Grossbritannien und trat für dieses bei Wettkämpfen an; sie kehrte nach der Apartheid zurück, ging dann in die USA, dürfte 2021 nach Südafrika zurückgekehrt sein. Der Kricketer Allan Lamb ging während der Isolation Südafrikas nach England und spielte für dessen Nationalteam. In die USA gingen der Fussballer Roy Wegerle oder der Tennisspieler Kevin Curren. Schwarze Fussballer wie Jomo Sono spielten dagegen in der USA ohne dessen Staatsbürgerschaft anzunehmen. Der jüdische Südafrikaner Mark Handelsman, auch ein Läufer, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an, trat so 1984 bei Olympia an. Sowohl während als auch nach der Apartheid gab es Rugby-Spieler die in andere Länder gingen und auch für diese spielten (deren Nationalteams); Andrew Mehrtens ging 1970 als Kind mit seinen Eltern nach Neuseeland (von wo sie stammten).

Manche Südafrikaner (aller Rassen) gingen während der Apartheid auch in andere Länder Westeuropas neben Grossbritannien. Verwoerd-Enkel Wilhelm etwa zum Studium (der Philosophie) in die Niederlande, lernte dort schwarze Landsleute und damit die „Schattenseiten“ der Apartheid kennen, kam als ANC-naher Apartheid-Kritiker zurück. Auch die Geheimgespräche zwischen Angehörigen des Regimes (bzw weissen Südafrikanern) und seinen Gegnern (bzw farbigen Südafrikanern) in den 1980ern fanden in verschiedenen Exil-Ländern statt, daneben im Land mit dem inhaftierten Nelson Mandela. Bald nach seinem Amtsantritt als Präsident 1989 reiste Frederik Willem de Klerk u.a. nach Zambia/Sambia (das nach seiner Unabhängigkeit 1964 ja ein wichtiges Exil-Zentrum des ANC geworden war), der Plan dieses Besuchs hatte zum finalen Zerwürfnis mit seinem Vorgänger Pieter W. Botha und dessen Abgang geführt. Mit einer Parlaments-Rede im Februar 1990 leitete De Klerk das Ende der Apartheid (durch Verhandlungen und unilaterale Schritte) ein. Die Verhandlungen begannen im Mai ’90 in Kapstadt, in der dortigen Präsidenten-Residenz Groote Schuur, zwischen der Regierung (aus der NP gebildet) und einer ANC-Abordnung. Später waren auch andere Parteien dabei.

Viele Exilanten kehrten 1990 zurück: Oliver Tambo im Dezember dieses Jahres, Joe Slovo bereits zu Beginn des Jahres, er war ab Groote Schuur bei allen Verhandlungs-Stationen dabei. Ein Verhandlungs-Punkt in Groote Schuur betraf die Rückkehr von Exilanten und die Freilassung politischer Gefangener. Nelson Mandela war da bereits gut 3 Monate frei, als einer der freigelassenen politischen Gefangenen. Auch Miriam Makeba konnte Anfang der 1990er heimkehren. 1991 fand die erste ANC-Konferenz in Südafrika seit 1959 statt; dort wurde Mandela zum Präsidenten der Organisation gewählt, als Nachfolger des erkrankten Tambo. 91 begannen auch die CODESA-Verhandlungsrunden, die letztlich erfolglos waren. Im ANC gab es in den 1990ern der politischen Sozialisation während der Apartheid nach drei Lager: die Robben Islanders, nun freigelassene politische Gefangene; die Internals, die mehr oder weniger offen unter der Diktatur aktiv waren, hauptsächlich in der UDF; und die Exiles, die nun zurückgekehrten Emigranten.

Die wichtigsten Robben Islanders waren Nelson Mandela, Walter Sisulu, Mosiuoa P. Lekota. Der wichtigste Internal war Cyril Ramphosa, der jetzige Staatspräsident. Exiles waren u.a. Oliver Tambo (der 1993 starb), Joseph Slovo, Martin Thembisile „Chris“ Hani, Thabo Mbeki, Frene Ginwala, Alfred Nzo, Johannes „Joe“ Modise,… Mbeki war 62-90 in Afrika, GB, SU, während sein Vater Govan lange inhaftiert war; er war an den Verhandlungen 90-93 beteiligt, wurde 94 unter Mandela Vizepräsident, war dann 99-08 Präsident. „Chris“ Hani überlebte das Exil, wurde nach seiner Rückkehr ermordet. Er kehrte 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück, nachdem dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von Joe Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab (wurde von Johannes Modise abgelöst). Er wurde im April 1993 von einem eingewanderten weissen Rechtsextremisten ermordet(11), starb so kurz vor Tambo (nach dem heute der wichtigste Flughafen Südafrikas benannt ist). Sathyandranath „Mac“ Maharaj oder Jacob Zuma waren sowohl im Exil als auch auf Robben Island. Auch der Sport-Funktionär Sam Ramsamy konnte Anfang der 1990er nach Südafrika zurückkehren.

Als sich die NP unter De Klerk etwas umorientierte, wandten sich ein Teil ihrer Anhänger sowie der Konservativen Partei (KP) und anderer Parteien rechts von ihr von dieser Partei, dieser Regierung, diesem Staat ab. Weisse (hauptsächlich Afrikaaner/Buren) wie Carel Boshoff, einer der Gründer von Orania, einer Siedlung in der heutigen Provinz Nordkap. Gegen Ende 93 der Verhandlungsabschluss, im Frühling 94 die Wahl mit der die Apartheid zu Ende ging. Die Weissen Südafrikas „standen“ im Frühling 94 zwischen Erleichterung, Mitwirken am Übergang zum neuen Südafrika, nervösem Bangen, Schwarzmalerei,… Manche flogen ins Ausland, um sich die Ereignisse rund um die erste freie Wahl (die unweigerlich eine Machtübergabe an eine „schwarze“ Regierung bringen würde) zunächst aus der Distanz zu beobachten – die Meisten kehrten zurück, in ein Land, das nun von einer Regierung der nationalen Einheit regiert wurde. Andere transferierten nur ihr Geld ins Ausland, ebenfalls prophylaktisch. Es gab Seminare über Auswanderung (nach Australien,…), aber auch solche über afrikanische Sprachen (isi Zulu, isiXhosa,…). Manche deckten sich mit Kerzen und Konserven ein. Auf Grundlage der Wahl vom April 1994 kam im Mai dieses Jahres eine Regierung aus den Parteien ANC, NP, IFP zu Stande, mit Nelson Mandela als Präsident, Frederik W. de Klerk und Thabo Mbeki als Vizepräsidenten.

Unter den ANC-Politikern, die 94 in hohe Ämter kamen, in den nationalen Institutionen oder in den Provinzen, waren viele Rückkehrer aus dem Exil. Wie Mbeki oder Bunting, die erwähnt wurden. Oder Frene Ginwala, indisch-parsischer Herkunft, die sich im ANC gegen die Apartheid engagierte, 60-91 u.a. in Afrika und GB war. Sie wurde 94 Parlamentspräsidentin, Sprecherin der National Assembly, blieb das bis 04. Nkosazana Dlamini-Zuma war in afrikanischen und europäischen Ländern im Exil, wurde dort zur Medizinerin ausgebildet (und war mit Jacob Zuma verheiratet); sie wurde 94 Gesundheitsministerin, war dann in anderen Ressorts (darunter Aussen-) sowie in einer führenden Position in der Afrikanischen Union (AU, Nachfolgerin der OAU). Auch für die Führungsrolle in der Partei (ANC) und damit in der Regierung war sie im Gespräch. Ben(jamin) Turok, ein jüdischer Linker der in GB war, war 94-14 „einfacher“ Abgeordneter (des ANC). Das Ehepaar Harold und Annemarie Wolpe (ebenfalls jüdisch, in GB und bei SACP/ANC) war dagegen nach der Rückkehr wissenschaftlich aktiv, an der University of the Western Cape; er starb 96, sie 18.

Manche blieben aber im Exil oder gingen bald wieder dorthin zurück. Yusuf Dadoo, ein moslemisch-indischer Südafrikaner, starb in London, ist nun nahe bei Karl Marx begraben. Lionel „Rusty“ Bernstein war (wie Harold Wolpe) im „Rivonia“-Prozess in Pretoria 63/64 angeklagt, wurde dort freigesprochen; ging mit seiner Frau in’s Exil, in Tansania und Grossbritannien. Er kehrte vor der ersten freien Wahl 94 nach Südafrika zurück, für den ANC arbeitete er an der Vorbereitung dieser Wahlen. Laut deutscher Wikipedia kehrte er nach 4 Monaten nach GB zurück und starb dort 02, laut englischer Wiki starb er in RZA. Shula Marks blieb in England. Andere kehrten mit „Verspätung“ zurück. Abdul S. Minty reiste 1995 zurück nach Südafrika, bekam einen wichtigen Posten im Aussenministerium des Landes, wurde dann Südafrikas Gesandter bei der IAEO/IAEA in Österreich. Dennis Goldberg, ein anderer auf der Farm in Rivonia 63 Gefangengenommene, durfte nach seiner Gefängnisstrafe (aufgrund der engen Beziehungen des Apartheid-Regimes mit dem zionistischen Staat) über Israel nach GB ausreisen. Er blieb nach dem Ende der Apartheid zunächst wegen seiner kranken Frau in London, kehrte dann erst zurück, wurde auch in einem Ministerium aktiv; er starb 2020 in Südafrika.

Nun aber zur Zeit nach der Apartheid, jener der Demokratie. Die grösseren „Auswanderungsströme“ kamen seit 1994. Das neue Südafrika, die Mühen der Ebene, neue Herausforderungen. Das halbvolle oder halbleere Glas.(14) Trotz Mandelas Versöhnungspolitik ist Südafrika 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid kein wirklich geeintes/vereintes Land. Südafrika war global für Rassendiskriminierung bekannt, dann für die Überwindung von Rassismus und den dazugehörenden Konflikte… bzw zumindest die Ambition, die Ansätze dazu. Es ist ansatzweise ein südafrikanischer Nationalismus im Entstehen, der sich nicht auf eine Ethnie bezieht, der sich positiv auf die Vielfalt des Landes bezieht und sich auch nicht gegen Andere (Länder, Völker) richtet. Der ANC hat sich eigentlich im Exil bzw Untergrund zu einem solchen all-inclusive nationalism durchgerungen, nicht zu einer Vorherrschaft der „Schwarzen“ über die „Weissen“ als Ziel, doch wird der seit 30 Jahren regierenden Partei immer wieder eben das vorgeworfen.(12) Dieser Vorwurf mischt sich gerne mit Urteilen über „Inkompetenz“ von Farbigen, kommt oft aus dem Unwillen, mit Nicht-Weissen auf gleichberechtigter Grundlage zusammenzuleben.

Das Rassenthema bzw Gräben zwischen den „Rassen“ ist noch immer zentral, es gibt auf allen Seiten Gleichgültigkeit ggü Landsleuten anderer Volksgruppen, Angriffe auf Demokratie und Versöhnung. Kommentare in IT-Medien und sozialen Medien offenbaren, dass es nach wie vor grosse Spannungen gibt, auf diversen Ebenen. Es gibt keine Parteien mehr, die sich offen einer Volksgruppe „widmen“, de facto sind aber alle primär für bestimmte Zielgruppen da: der ANC primär für die Schwarzen, die DA für die Nicht-Schwarzen und wohlhabenderen Schwarzen, die VF+ für die Afrikaaner, die EFF für die ärmeren Schwarzen, die IFP für Zulus, die ACDP für konservative Schwarze,… Versuche, ohne wenn und aber eine Partei für alle Volksgruppen zu bilden (wie UDM, COPE) sind mehr oder weniger gescheitert, zur Zeit versucht es Action SA. Immer wieder werden Dystopien aufgekocht über den weiteren Weg Südafrikas, wonach das Land jetzt an der Schwelle zum Abgrund stehe; das gab es beim Ende der Apartheid (als Mandela kam), als Mandela ging (1999),… am Stärksten aber in den 1, 2 Jahren vor der Fussball-WM 2010, als Jacob Zuma als Staatspräsident „ante portas“ stand und Julius Malema im ANC „rhetorisch zündelte“.(13)

Der ANC-Parteitag in Polokwane 07 brachte die Abwahl Mbekis als Parteichef zugunsten Zumas, dann wurde Zuma in einem Korruptions-Prozess freigesprochen, trat Mbeki als Staatspräsident vorzeitig zurück; nach der Wahl 09 sollte Zuma Präsident werden. Er, der mit AIDS unverantwortlich umgegangen war und den man verdächtigte, einen schwarzen Populismus zu verfolgen. Und diese Stimmungsmache schloss meistens die Organisation der WM 10 mit ein.(16) Zuma wurde Präsident, Südafrika ging nicht unter, aber der Präsident machte durch neue „Korruptionsgeschichten“ reden und musste daher zurücktreten, nach 8 Jahren (statt der geplanten 10). Bei jenen von Zuma oder anderen Korruptionsfällen (bzw aus ihnen heraus) wird gerne (von Weissen in Südafrika oder anderswo) gegen die Demokratisierung Südafrikas argumentiert (sie war ein Fehler, sie sei gescheitert,…), gegen die Gleichberechtigung von Schwarzen. Was ist dann mit Italien (Berlusconi), Brasilien (Bolsonaro), Russland (Demokratisierung wird als Gegenmittel zu Putin gesehen), USA (Trump), Apartheid-Südafrika (zB Info-Skandal),… Von Zuständen wie Brasilien oder USA, wo Rechtsextreme jeweils das Parlament stürmten (nach Aufhetzung), ist Südafrika weit entfernt. Das demokratische Südafrika wird schnell als „ANC-Projekt“ oder „Experiment“ diffamiert. Anhänger des rassischen Fanatismus beschuldigen Leute, die dagegen ankämpfen, des rassischen Fanatismus…

Nach dem Abtritt Zumas ’18 wurde Ramaphosa Präsident. Er hatte beim Umbruch von der Apartheid zur Demokratie mitgewirkt (für den ANC), sich dann 94 aus der Politik zurückgezogen (nachdem er nicht zu Mandelas Nachfolger designiert wurde), in die Wirtschaft. Der ehemalige Bergbau-Gewerkschafter wurde einer der Bosse eines Minenkonzerns (Lonmin); forderte als solcher ein hartes Vorgehen gegen Streikende. Beim Arbeitskampf bei einer Platin-Mine in Marikana bei Rustenburg (die dem Lonmin-Konzern gehört) 2012 erschossen Polizisten 34 streikende Arbeiter. Sie hielten die Mine besetzt und waren mit Macheten und Stöcken bewaffnet, waren aber weit weg von den Polizisten. Bei den Parlaments- und Provinzwahlen 2019 und bei den Kommunalwahlen 2021 rutschte der ANC unter die 60% bzw unter die 50% (was eine Normalisierung darstellt). Die DA hält sich bei etwa 20%, die EFF bei 10%. ’21 kam es zur Inhaftierung Zumas im Zusammenhang mit Korruptionsvergehen während seiner Präsidentschaft und Missachtung des Gerichtes. Es gab gewaltsame Proteste dagegen, Unruhen, hauptsächlich von Zulus, in KwaZulu-Natal und Gauteng.

Angriffe auf Demokratie und Versöhnung gibt es von verschiedenen Seiten. Der Focus bei Thematisierungen von Aussen ist in der Regel auf der weissen Minderheit. Und die Erwartungen gehen meist dahin, dass die „Schwarzen“ zu diesen grosszügig sein sollten. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch legitim, aber es gibt bei den Weissen eben „verschiedene Haltungen“ zu universeller Demokratie. Immer wieder geht es um die Frage des Umgangs mit dem Erbe der Apartheid, wieviel davon umwerfen, wieviel stehenlassen. Gerade Jene, die Zustände kritisieren die auch auf Kompromisse von 1993/94 zurückzuführen sind (Armut, Kriminalität), sind nicht bereit, diese Kompromisse in Frage zu stellen bzw die aus der Apartheid resultierende Ungleichheit anders zu „behandeln“. Kriminalität ist das Ergebnis von Armut bzw Ungleichheit, und da Weisse noch immer eher zu den Wohlhabenden gehören und Farbige zu den Armen, hat das einen rassischen Charakter. Sicherheitsfirmen kümmern sich hauptsächlich um Besitz und Unversehrtheit der Wohlhabenden, oft ehemalige Apartheid-Polizisten oder -Soldaten. Kriminalität und andere Probleme des Landes wie AIDS betreffen Schwarze aber eigentlich mindestens genau so stark. 

Solche Diskussionen gibt es online häufig

2008, zur Zeit der „Krise“ (Warten auf Zuma,…), überlegten etwa 20% der Südafrikaner ernsthaft, zu emigrieren, laut einer Umfrage. Das wären also deutlich mehr Leute als es Weisse in dem Land gibt (etwa 12%). Besonders besorgniserregend: die Altersgruppe in der es am meisten Leute mit Auswanderungs-Gedanken/Plänen gab, war die der Jungen und mittleren Alters. Die USA war hier das populärste Einwanderungs-Land, gefolgt von GB, Australien, Neuseeland. Als Auswanderungsgründe wurden Kriminalität, Gewalt, wirtschaftliche Unsicherheit, (mögliche) politische Instabilität, Korruption, die Energie-Infrastruktur angegeben. Zum Teil wurden auch in den betreffenden Ländern lebende Familien-Teile genannt. An einen Umsturz (der gemischtrassigen Demokratie) oder an die Separation eines („weissen“) Teils denken auch rechtsradikale Weisse nicht ernsthaft. In der Zeit des Übergangs von der Apartheid zur Demokratie (1989-1994) gab es solche Pläne, eines Afrikaaner-Volkstaats, gerne im Kontext mit einer Zusammenarbeit mit nationalistischen (bzw getäuschten) Zulus, die damals dabei waren, ihr Homeland KwaZulu zu „verlieren“, und deren IFP gegen den ANC in Stellung gebracht wurde.(15) „Man“ sucht sich lieber internationale Verbündete, und denkt über Auswanderung nach. Manche Weisse gehen auch in eine Art innere Emigration.

Der Anglo-Südafrikaner Alan Paton war konservativer Apartheid-Gegner, Gründer der Liberal Party of South Africa und Autor von „Cry, The Beloved Country“ (1948). Er blieb trotz Drangsalierungen des Regimes in Südafrika, starb 1988 an einer Krankheit. Seine Sekretärin Anne Hopkins wurde seine zweite Ehefrau. Anne Paton, wie sie dann hiess, ging 1998 (also aus dem demokratischen Südafrika) in’s Exil, in ihr Herkunftsland Grossbritannien. Schrieb dazu einen offenen Brief (siehe), in dem sie auch auf einen Kommentar von Nelson Mandela (damals Präsident Südafrikas) über weisse Auswanderer (bei einem Staatsbesuch in Mauritius) einging. Patons Sohn (Jonathan oder David) widersprach seiner Stiefmutter. In dem Brief heisst es auch: „But it is not just about black-on-white crime. It is about general lawlessness. Black people suffer more than the whites. They do not have access to private security firms, and there are no police stations near them in the townships and rural areas. They are the victims of most of the hijackings, rapes and murders. They cannot run away like the whites, who are streaming out of this country in their thousands.“

Noch höhere Wellen schlug der Fall Huntley. Im September 2009 haben kanadische Behörden dem (weissen) Südafrikaner Brandon Huntley, 31, aus Kapstadt, Flüchtlingsstatus gewährt, dieser hat sich als Weisser von der „schwarzen“ Regierung nicht genügend geschützt und wegen seiner Hautfarbe verunglimpft gefühlt. Er wurde mehrmals überfallen, sagte er (hat dies nicht angezeigt), und dabei rassistisch beschimpft. Die kanadische Regierung (damals unter dem besonders konservativen Stephen Harper) sagte, dass sie anerkenne dass in Südafrika eine tolerante, multirassische Gesellschaft gefördert wird. In Südafrikas waren Viele empört, darunter die Regierung unter Zuma; Andere sahen eine überfällige Diskussion angestossen, über Kriminalität, Rasse,… im neuen Südafrika. Von südafrikanischen und anderen weissen Rechten wurde der Fall natürlich gegen das neue Südafrika angeführt (zB „…It is a direct result of notable genocidal conditions that are steadily on the rise in South Africa..“). Auf (der südafrikanischen Nachrichten-Seite) iol.co.za gab es unter dem Bericht eine Benutzer-Diskussion, die meisten Kommentare kamen (anscheinend) von Weissen und waren Huntley-unterstützend, zB:

Anti-Apartheid-Aktivisten hätten ebenfalls Asyl in diversen Ländern gesucht/bekommen, das damalige Regime wurde mit dem heutigen Südafrika auf eine Stufe gestellt. Es gab aber auch differenziertere Kommentare, zB: Rassenkarte sei bei Kriminalität(sopfern) nicht angebracht, Schwarze/Regierung/ANC täten das aber ebenfalls in Fällen wo dies unangebracht sei, zb bei Caster Semenya, wo auf den Sextest Rassismus-Vorwürfe folgten; oder: Südafrika hat viele (afrikanische) Flüchtlinge aufgenommen. Die Flüchtlingshilfs-Organisation Passop (unter „Braam“ Hanekom, einem Afrikaaner aus Zimbabwe) verurteilte die kanadische Entscheidung. Ö1 damals: „In der Tat kommt es nach den Jahrzehnten der Apartheid immer wieder zu einem umgekehrten Rassismus, zu verbalen Übergriffen auf Weiße in Südafrika. Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, dann wird dies als Rassismus gebrandmarkt, tötet jedoch ein Schwarzer einen Weißen, dann geht das als ’normale Kriminalität‘ durch. Auch die Ermordung von inzwischen weit über 1.500 weißen Farmern sei nichts anderes als diese ’normale Kriminalität‘. Über eine Million weiße Südafrikaner haben seit 1994 das Land verlassen, weil sie ‚aufgrund ihrer Hautfarbe‘ dort keine Karrierechancen mehr für sich sehen. Dass es jedoch eine regelrechte Stimmungsmache gegen Weiße in Südafrika gibt, stimmt nicht. Wenn sie auch viele frühere Privilegien verloren haben, so gibt es keine offene Diskriminierung. Und auch die ausgeuferte Kriminalität kann nicht als rassistisch angesehen werden, auch wenn viele der überfallenen Haushalte und Autofahrer weiß sind. Von den täglichen 60 Mordopfern in Südafrika sind die meisten Schwarze, umgebracht von anderen Schwarzen. Jedoch verunsichert es viele, dass ein Minister den Weißen erklärte, sie könnten doch das Land verlassen, wenn sie sich hier von der Kriminalität bedroht fühlen. Pieter Gronewald von der im Parlament vertretenen weißen Partei Freiheitsfront erklärte deshalb, die Regierung solle den Fall Huntley als Ruf für die Hilfe von Kriminalitätsopfern sehen. Wenn Pretoria nicht endlich wirklich etwas tue, dann könne es noch mehr solche Fälle geben.“  

Das „Aufbauschen“ von beiden Seiten in dem Fall war/ist typisch für die Diskurse im (bzw um das) Post-Apartheid-Südafrika. Zum Ö1-Befund: „Über eine Million weiße Südafrikaner haben seit 1994 das Land verlassen“ – Richtig. „…weil sie ‚aufgrund ihrer Hautfarbe‘ dort keine Karrierechancen mehr für sich sehen.“ – das geht es öfters auch darum, dass man nicht mehr als Boss in dem Land leben kann, dazu noch mehr. 2010 hat eine weisse südafrikanische Familie namens Johnstone den niederländischen Rechtsextremisten Geert Wilders (PVV) ersucht, ihr zu helfen, niederländische Staatsbürgerschaft bzw Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ihre Vorfahren seien 300 Jahre zuvor aus der Niederlande an’s Kap gezogen, so die Familie mit dem sehr englischen Namen. Da war die Rede von „Angst vor Gewalt gegen Weisse, seit dem Terre’blanche-Mord(17) Anstieg diesbezüglich“,… Am selben Tag als diese Meldung kam, eine Südafrika-Reisereportage auf Ö1, ein Weisser aus Durban sagte, hauptsächlich ältere Weisse seien ausgewandert, Kriminalität sei nur in Städten hoch; ein anderer kam zu Wort, der Schwarze im Rahmen von Black Economic Empowerment (BEE) zu Reiseführern ausbildet, mit Berücksichtigung von Naturschutzprojekten. Ob Wilders dazu Stellung genommen hat?

Die ehemaligen Kolonien der Niederlande sind bislang kein Thema gewesen (die aktuellen auch nicht), obwohl/trotz er zT aus der wichtigsten, Indonesien, stammt. Konservative und rechtsextreme Kreise im Westen nehmen sich aber des Post-Apartheid-Südafrikas an, es gibt da auch eine Rehabilitierung des Kolonialismus (siehe Finkielkraut, Ferguson, Fleischhacker).(18) Das demokratische Südafrika ist auch ein Thema, zumal dessen Regierung und Teile der Zivilgesellschaft immer wieder Kritik an Israel üben, sein Vorgehen gegen die Palästinenser zur Zeit des Gaza-Genozids international thematisieren. Da setzt sich die Frontstellung aus der Zeit der Apartheid fort, als Israel wichtig(st)er Partner dieses Regimes war.(19) Südafrika verfolgt nach der Demokratisierung natürlich auch eine andere Aussenpolitik, setzt stark auf Bündnisse auch mit nicht-westlichen/weissen Staaten. Wobei es in einigen dieser Schlüsselländer für Südafrika jeweils auch (wie in Südafrika bei der Opposition) andere Präferenzen gibt, siehe Bolsonaro in Brasilien oder Modi in Indien; oder die Haltung zu „Farbigen“ in Russland. Bei Bolsonaro gab es in seiner Präsidentschaft starke Kontakte mit USA (unter Trump) und Israel (unter Netanyahu). Trump zeigte seine ganze Bösartigkeit und Dummheit mit einem Tweet im August 18.

Nachdem auf Fox News ein Bericht über angebliche Enteignungen von weissen Bauern in Südafrika gelaufen war, in dem die Regierung Südafrikas als „rassistisch“ bezeichnet wurde, schrieb der damalige US-amerikanische Präsident, er habe Aussenminister Pompeo angewiesen, „Enteignungen von Bauern“ sowie die „grossangelegte Tötungen von Farmern“ in Südafrika genau zu beobachten. Der USA-Botschafter in Südafrika (bzw Geschäftsträger) wurde von Aussenministerin Lindiwe Sisulu daraufhin einbestellt. Der britische „(Daily) Mirror“ (Boulevard, aber „Labour“-nahe) schrieb ebenfalls 18: „Is SA on brink of ‚reverse apartheid‘?“. „Expert fears Mandelas rainbow nation dream could be shattered within 30 years…author and apartheid historian…urging Britain to prevent genocide in SA…could be white-free in 2050…Zimbabwe-like plan ANC far more dangerous than NP…white emigration“. Autor war Jan Cronje, burischer Südafrikaner der selbst nach GB in’s Exil gegangen ist. Historiker dürfte er keiner sein, und Experte für Apartheid nur insofern, als er Nutzniesser dieser war, was sein Buch „Apartheid: The Blame. Past and present“ unterstreicht. In solchen Behandlungen von Apartheid und dem Danach wird meist insinuiert, dass man gegen die Apartheid (gewesen) sei, und für grundsätzliche Gleichberechtigung von Schwarzen, bereit Privilegien aufzugeben,…

Die Probleme müssen aber selbstverständlich an-/ausgesprochen werden. Wie die Unsicherheit wegen der Kriminalität, wirtschaftliche Probleme, Korruption(20), Strom-Blackouts(21), Wasserkrisen. Was Letzteres betrifft, wie auch zB im Iran verstärken Wasserkrisen tiefer liegende Konflikte; es gibt da diverse Probleme und Implikationen, von (verschiedenen) Namen von Flüssen über Verschmutzung und Nutzungsrechte bis zur Auswanderung (weisser) Kläranlagen-Techniker. Wenn man aber die Gewalt gegen Einwanderer aus anderen Teilen Afrikas zu den Minuspunkten des neuen Südafrikas zählt, da müssten Gegner einer Demokratisierung des Landes (bzw Apartheid-Nostalgiker) eigentlich d’accord sein mit den Fremdenfeinden, und ähnlich ist es wenn man Arbeitskämpfe bzw Polizeigewalt wie die in Marikana heranzieht… Bei Manchen geht es einfach um den Verlust von Privilegien, Misstrauen gegenüber der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Manchmal sagt Auswanderung nicht etwas (Negatives) über das Auswanderungsland aus, sondern etwas über die Auswanderer. Nun zur Kriminalität.

Um 2010 kam in einem südafrikanischen IT-Nachrichten-Medien ein Bericht über einen (weissen) Polizei-Offizier aus Durban, der auswanderungsbereit war, nachdem er zusammen mit seinem Sohn in die Gewalt von (wohl schwarzen) Kriminellen kam und beraubt wurde. Superintendent Waine Smith, damals 42, glaubte damals, sein Leben sei zu Ende. Er sei 24 Jahre in der Polizei gewesen, und nicht einmal seine Expertise als Polizist habe ihm etwas genützt, so etwas zu verhindern (bzw aus dem Weg zu gehen). Der Anglo-Südafrikaner: „This is a beautiful country but when I, as a police officer, was attacked by these criminals I felt that emigration is the only way out. I love being a police officer, but this has left me feeling so helpless and vulnerable to these criminals.“ Er sei „sick and tired“ von Gewalt-Kriminalität im Land und habe das Gefühl, dass Auswandern für ihn die einzige Option sei. „I then realised how strange the mentality of South Africans has become. When someone robs you, you are ‚lucky‘ that they took the stuff and not your life. I am planning to go to Australia or New Zealand. I can’t just sit and wait for some other vicious crime to hit my family.“ Ob er tatsächlich gegangen ist, war nicht zu eruieren, auch weil der Nachname in Ländern wie Australien und NZL sehr häufig ist.(22) Was die Korruption betrifft:

2008 wurde Polizei-Chef (National Commissioner der SAPS) Jacob „Jackie“ Selebi aufgrund von Korruptionsvorwürfen suspendiert, trat als Interpol-Chef zurück. Es ging hauptsächlich um Selebis Kontakte zu dem Drogen-Grosshändler Glenn Agliotti. 2010 wurde Selebi verurteilt. 2008 auf iol von John Scott dieser Text, unter dem Titel „Expats in Oz needn’t worry about Selebi“: „Anton, a former colleague now living in Melbourne, needs to reassure himself repeatedly that he made the right decision to emigrate. He phoned me again from Australia this week to ask about Jackie Selebi. ‚How can you live in a country where they even put out a warrant of arrest for the chief of police?‘ he asked. ‚Actually the warrant was cancelled,‘ I replied. ‚President Thabo Mbeki fired the man who wanted to arrest Selebi on possible charges of corruption, fraud, defeating the ends of justice and racketeering, so there’s no problem.‘ ‚Why did the president do that?“ asked Anton.
 ‚Because you can’t arrest the chief of police – he’s the one who’s supposed to be in charge of arresting everybody else,‘ I explained.
 ‚But they did arrest that other chief of police in Johannesburg who reversed his car through a garden wall and claimed he wasn’t drunk because all he’d had was a cup of tea.‘ 
’You’re mixing him up with the judge who allgedly did that, Anton. The Joburg police chief who crashed his car said he could not have been drunk because he’d arrived last at a party and left first.‘ 
’Now I see that one judge says Cape Judge President Hlophe is unfit for the bench,‘ said Anton.
 ‚Ag, all he was supposed to have done was accept half-a-million from an asset management company and then give that company permission to sue a fellow Cape judge for defamation,‘ I replied. ‚That’s what consultants are paid to do, though not many are moonlighting judges.‘ 
’Well, what about Zuma, then?‘ demanded Anton. I could tell he was getting quite cross with my acceptance of these minor issues as part of the South African way of life. ‚What about Zuma?‘ I said. ‚He will probably be our next president, if he doesn’t go to jail first.‘ 
’That’s my point,‘ said Anton. ‚How can you have a presidential candidate who is trying to stop evidence being brought before the court that might show he received an amount of money from a French arms company?‘ 
’Quite easy,‘ I said. ‚It’s believed to be half-a-million, by the way. That seems to be the going rate these days.‘ 
’You take it all so calmly,‘ exclaimed Anton.
 ‚What do you expect me to do – hop off to Australia like a kangaroo?‘ 
’I’ve never regretted my decision,‘ said Anton. ‚It’s just that all our chaps here are so law-abiding. It would be more interesting if one or two went off the rails occasionally.‘ 
‘Their forebears went to Australia instead of to jail,‘ I consoled him. ‚By now they’ve all got it off their chests.‘ ‚To be honest, I’m a bit homesick,‘ confessed Anton. ‚So what if they chuck Gary Player out of Mandela’s fund-raising tournament because he designed a golf course in Burma, while the government imports R35 billion in goods and services from that country, and does business with Mugabe. Does it matter?‘ 
’That’s the spirit, Anton. If you’d stayed on, you would have got used to anything, like the rest of us.'“ 

Es gab in Südafrika mal die „Scorpions“, eigentlich das Directorate of Special Operations (DSO), die der National Prosecuting Authority (NPA) unterstellt war, welche eher eine Justiz- als eine Polizeibehörde war. Die NPA wurde unter Präsident Mandela geschaffen, das DSO bzw die „Scorpions“ unter Mbeki. Die „Scorpions“ waren u.a. zur Untersuchung organisierter Kriminalität und Korruption da. Sie haben grosse Korruptions-Fälle aufgedeckt, auch die von Zuma und Selebi. Die Behörde wurde nach einigem Hick-Hack Anfang 09 von den „Hawks“ ersetzt, also nach dem Abgang von Mbeki und dem Beginn von Zumas Amtszeit. Dieser Schritt wurde häufig als politisch motiviert kritisiert, eine Abschaffung bzw Umwandlung einer unabhängigen Behörde unter dem ANC, welche hochrangige ANC-Leute der Korruption überführt hatte. Ein Grossteil der 500 Mitarbeiter der „Scorpions“ gingen zu den „Hawks“ über.

In der Zeit 08-10, einer Zeit der „Unsicherheit“ nach dem Mbeki-Abgang, kursierten aber Gerüchte wonach es zu einer Art „Massen-Auswanderung“ der „Scorpions“ kommen würde. Zum Beispiel die Schlagzeile eines Mediums von damals „The Scorpions are packing for Perth and elsewhere“. In dem Artikel heisst es, dass „Gerrie“ Nel, einer der Chefermittler, nach Australien gehen dürfte und in einer dem dortigen Justizministerium unterstellten Behörde arbeiten soll. Mitarbeiter australischer Justizbehörden seien im Land gewesen um Nel und Andere anzuwerben. Nel, der Hauptermittler im Fall Selebi, war auch einmal kurzfristig festgenommen worden, was Viele als „Hexenjagd“ auslegten. Nel blieb aber, wurde Staatsanwalt, Ankläger im Pistorius-Prozess. Er übernahm dann eine Führungsposition in der Afrikaaner-Organisation AfriForum.  

Nun konkret zur Auswanderung: In den Jahren seit den ersten freien Wahlen (bzw schon seit den Jahren davor) haben etwa eine Million Südafrikaner das Land verlassen. Hauptsächlich waren/sind das Weisse und unter diesen hauptsächlich solche britischer Herkunft (Anglo-Südafrikaner, englischsprachige Weisse) sowie an diese Assimilierte, wie Juden(23) und Irischstämmige. Afrikaaner/Buren und Farbige (Schwarze, Asiaten, Mischlinge) haben niedrigere Emigrations-Raten. „Soutpiels“ (> Rhodes, Jameson,…) waren und sind allgemein weniger verwurzelt in diesem Land. Dazu passen auch die nach der Apartheid ausgewanderten Nobelpreisträger Sydney Brenner und John Coetzee (s.o.). Früher deutete man PFP, Initialen der Partei der Anglo-Weissen, also um in Packing for Perth and Piccadilly, aufgrund der bevorzugten Auswanderungsländer (GB, AUS); heute ist die DA Nachfolgerin (u.a.) der PFP. Sie wurde aber auch Partei der Afrikaaner, und bei denen gibt es ggü den „Anglos“ zeitweise widersprüchliche Haltungen. Viele der ausgewanderten Weissen waren/sind gut (aus-) gebildet und man spricht auch von einem „White flight“. 

Zwischen 2015 und 2020 verliessen über 128 000 Staatsbürger Südafrika, hingegen waren es in den 5 Jahren davor nur 43 000. Zu den wichtigsten Einwanderungsländern noch mehr; diese sind Grossbritannien, Australien, Neuseeland, Kanada, USA, Irland, Niederlande, Deutschland, VAE, Belgien, Frankreich, Israel,… Wiegesagt, manchmal sagt Auswanderung nicht etwas über das Auswanderungsland aus, sondern etwas über die Auswanderer. Schliesslich sind aus Südafrika die Meisten in den Jahren vor und nach den Wahlen 1994 gegangen, mit denen die Apartheid abgeschafft wurde. Bedingung, dass es zu der Wahl kam, war überhaupt, dass die meisten Besitzverhältnisse bzw -stände aus der Apartheid und davor (zunächst) unangetastet gelassen wurden. Solange es diesen Reichtum und diese Armut nebeneinander gibt, wird es Kriminalität bzw Gewalt geben. Anglo-Südafrikaner sind ausserdem nicht so verwurzelt; der Motorrad-Rennfahrer „Kork“ Ballington etwa stammt aus Rhodesien, lebte dann in Südafrika, schliesslich in Australien. Südafrika war immer das Land Afrikas mit den meisten Weissen, auch mit einem hohen Anteil an Asiaten und Mischlingen. In Kolonialzeiten gab es Weisse hauptsächlich in Algerien, (Süd-) Rhodesien/Zimbabwe, Angola/ Portugiesisch-Ostafrika, Südwestafrika/Namibia, Libyen, Teilen von Marokko, Kenya, Ägypten, Tunesien, Congo, Nord-Rhodesien/Sambia, Senegal, Mauritius.(24)

Nach der Entkolonialisierung der betreffenden Länder wanderten nicht wenige Weisse nach Südafrika (wo es inzwischen die Apartheid gab) ein, aus ehemaligen britischen und auch portugiesischen Kolonien hauptsächlich. Nach dem Ende der Apartheid wanderten manche Weisse eben weiter, in weisse Länder hauptsächlich.(25) Ich habe keine Zahlen dazu, aber die Auswanderungswilligkeit (hauptsächlich eben von Weissen) muss um die Demokratisierung 1994 herum besonders gross gewesen sein, und dann eben in der Zeit 2008 bis 2010, zwischen der Abwahl Mbekis als ANC-Chef und Zumas Antritt als Staatspräsident. Aus ’08 ein Artikel von einer Bronwynne Jooste: „Immigration applications to Australia and Britain are increasing as South Africans fear they face an uncertain future. Headlines are dominated by power cuts, soaring electricity tariffs, increasing petrol prices, increasing interest rates and rampant crime. The UK and Australia remain the most popular destinations for South African migrants, and figures from the high commissions for both countries confirm the numbers are on the increase. Ed Bossley, the deputy director of visa services for the British High Commission(26), said they had had about 200 more applications this year than last. But he stressed that the figures seen by the consulates were not an accurate reflection of the number of South Africans living in the UK, and could be much higher. ‚South Africans enter the UK under various other categories of our immigration rules that can eventually lead to permanent settlement. These include a long-term work permit holder or a highly skilled migrant,‘ explained Bossley. South Africans who fell into these categories and who were already in the UK would lodge their applications with the Home Office there and so the South African consulates would not have these figures. In addition, many South Africans had the right to live in Britain because of ancestry, and did not need to apply to go there. Permanent residence applications were typically lodged by those seeking to join relatives or spouses in the UK. Assessing these, the high commission needed to be satisfied that the relationship was genuine and that the sponsor in the UK could afford to ‚financially support and accommodate their relative in the UK without any recourse to public funds‘. The South African department of Home Affairs has not published emigration statistics since 2003, but research agencies have used other resources for their own estimates. The South African Institute of Race Relations released a shocking report claiming that skilled white men were flocking to the United Kingdom. The institute used Statistics South Africa’s mid-year population estimates, which they garnered from the national census, comparing figures for 1995 and 2005. The institute said about 800 000 white South Africans had left the country, mainly economically active white men between 25 and 35. The Australian High Commission said emigration application figures were higher last year than in 2006. More than 5 000 South Africans applied to emigrate to Australia between 2006 and last year. On the other hand, the Homecoming Revolution, the organisation encouraging South African expats to come home, said more South Africans were inquiring about returning – as many as 10 inquiries in a week. The organisation’s director, Martine Schaffer, said in other countries migrants often faced many of the same problems they would encounter in South Africa.“

Typisch, besonders für diese Zeit, die Panikmache. Ein differenzierter Artikel aus dieser Zeit: „South Africa’s brain drain is not the crisis it is made out to be.
 Although many South Africans are leaving the country for perceived greener pastures, and taking with them much-needed skills, a percentage of them are returning, often with increased skills to contribute to the economy.
 Also, skilled foreigners and their families are emigrating to South Africa. This is according to several emigration specialists who admit that, while there are many skilled South Africans leaving, people neglect to ask how many of those people are returning to the country. Leon Isaacson, managing director of Global Migration SA, said 80 percent of the company’s work was in bringing people into the country from other parts of the world. These included engineers, science professionals and teachers. About 10 percent to 15 percent of his clients head for the United Kingdom on family visas, skilled employment visas or working holiday visas.
 ‚The people who leave do so for a number of reasons. Some are uncertain about the country’s political issues, there are economic concerns, concerns about crime and their children’s futures… Often there are also family ties to the UK,‘ he said. Erik van Zyl, owner of Visa One, which specialises in immigration to South Africa, said there was no doubt that people were leaving the country and taking with them vital skills, but a percentage returned, sometimes with foreign partners and new families. South Africa is ranked as the fifth-largest supplier of skilled migrants to Australia and New Zealand. Now, as South Africa battles to cope with the economic problems and pessimism caused by the Eskom crisis, Australia and New Zealand companies are actively and successfully recruiting hundreds of South African engineers, miners and construction workers.
Local government is also being hit hard by the skills losses. Johannesburg Water alone has lost at least seven of its most highly skilled staff – including head engineer Peter Edwards – to New Zealand and Australia in the past year.
 Emigration lawyer Eden Joubert said countries like Australia were aggressively recruiting South Africa’s artisans and mining experts. ‚We’ve just seen the Polokwane conference, and then load-shedding (Stromabschaltung) hit and things have just gone berserk.‘ Emigration from South Africa is no longer a knee-jerk emotional reaction by the country’s white populace to a new government, poor education prospects and rampant crime.“

Also: es gibt auch Einwanderung, Auswanderung ist keine alleinige Domäne der Weissen mehr, es gibt Rückkehren, bzw manche Leute bleiben nur temporär, und Südafrikaner werden zT angeworben von Firmen/Institutionen aus anderen Ländern; es gibt aber die, die wegen Problemen in Südafrika auswandern, Auswanderung verschärft diese oft noch, siehe oben, Johannesburg Wasserwerke. Manche wandern aber wegen ihren Befindlichkeiten aus, den Veränderungen ggü der Apartheid, der Gleichheit aller Rassen. So oder so: lieber weg als gemeinsam verändern. Im Mai 08 schrieb der „Argus“, in den letzten Monaten hätte die südafrikanische Luftwaffe Dutzende wichtige Ingenieure und Techniker verloren, hauptsächlich nach Australien. Das betraf besonders die Luftwaffenbasis Ysterplaat bei Kapstadt. Den Technikern und Ingenieuren seien Jobs bei einer australischen Fluglinie angeboten worden. Auch Piloten und anderes Personal der südafrikanischen Streitkräfte (SANDF) würden überlegen, auszuwandern oder hätten bereits die Entscheidung getroffen. Verantwortlich gemacht wird in dem Artikel Mosiuoa Lekota, der 1999 bis 2008 Verteidigungsminister war, dann mit Mbeki abtrat, COPE mitgründete.(27)

Der damalige Luftwaffenchef der SANDF, Carlo Gagiano, rief seinen australischen Kollegen auf, das „anwerben“ zu unterlassen. Daneben kommt heraus, dass die Luftwaffe noch immer eine Domäne weisser Männer ist. „The SAAF currently had only 20 operational fighter pilots, of which two were black male pilots and one a white female.“ Pieter Groenewald von der oppositionellen VF+ sagte, die Luftwaffe des Landes würde kollabieren. Techniker sind notwendig, Flugzeuge (zivile oder militärische) zu warten; die Erfahrung machte auch der Iran nach der Revolution 1979. Ein ganz anderer Bereich, aus dem es (auch hauptsächlich weisse) Auswanderung gegeben hat nach der Apartheid, ist der Sport. Aber da sind Merkmale zu erkennen wie zB bzgl jener Militär-Angehörigen, die Südafrika verliessen. Auch sie sind in ihrem Bereich hoch qualifiziert, wurden anderswo mit offenen Armen aufgenommen, haben dann meist begonnen, für das Nationalteam des Einwanderungslandes zu spielen. Nicht wenige Buren/Afrikaaner, die Rugby-Spieler sind/waren, sind gegangen. Dabei hat Rugby eine vereinende Rolle in Südafrika, aufgrund des Interesses bei vielen Schwarzen und den meisten Weissen für diesen Sport, aufgrund der Weltklasse des südafrikanischen Rugbys (ein Sport der nicht in allzu vielen Ländern ernsthaft betrieben wird), aufgrund des Engagements Nelson Mandelas als Präsident (Weltmeisterschaft 1995…).

Es gibt da aber auch den Streit um Rassen-Quoten für die Mannschaft, worin der Post-Apartheid-Richtungsstreit des Landes zwischen Schwarz und Weiss steckt (wieviel Wandel erzwingen?). Nebenbei ist Rugby ein britischer Sport, das „schlucken“ die Afrikaaner. Gab/gibt es so etwas wie einen „Great White Flight“ ? Wenn, dann um 1994 herum und um 2010. Und eben in englischsprechende weisse Länder. Schwarze werden gerne für alles Negative in Südafrika verantwortlich gemacht, auch von Nicht-Südafrikanern, Schwarze machen aber auch Weisse für das Negative verantwortlich, oder (das ist schon „zielführender“) das Erbe der Apartheid. Zurück zum Rugby: im Herbst 23 fand in Frankreich die Rugby-WM statt, die Springboks (südafrikanische Mannschaft) gewannen das Turnier (zum 4. Mal), durch einen Finalsieg gegen die All Blacks (neuseeländisches Team). Präsident Ramaphosa war vor/während/nach dem Final-Spiel dort, mit Verbandspräsident Alexander, seinem französischen Kollegen Macron. Das Team von/mit Erasmus, Nienaber, Kolisi, Etzebeth, „Stocke“, Pollard,… wiederholte seinen Sieg von 2019. Roger Federer, Sohn einer Südafrikanerin (und eines Schweizers) war mit einem Springbok-Shirt im Stadion.

Danach grosser Bahnhof bzw Flughafen bei und nach der Rückkehr. Manche „störten“ absichtlich die Harmonie, stellten (zB in IT-Foren) die (ANC-) Politiker den Rugby-Spielern negativ ggü, oder bezeichneten die weissen Spieler und Fans als „Siedler“. Weisse dominieren noch immer im südafrikanischen Rugby, zu der Frage ob das „legitim“ ist, hier. Ja, und Rugby-Spieler verlassen immer wieder das Land, manche auch, bevor sie solche werden. Sie und andere Sportler begründen das gelegentlich mit den Quoten-Vorgaben, wonach ein bestimmter An-Teil der Spieler „schwarz“ sein müssen. Im schottischen Team(28) bei der WM ’23 4 Spieler südafrikanischer Herkunft, alles Afrikaaner: Schoeman, Steyn, Nel, Van der Merwe. Was die Vier betrifft, es heisst, sie denken gut über Südafrika, verbringen einen grossen Teil ihrer Zeit (nach wie vor) dort. Die 4 dürften als Legionäre nach Schottland gekommen sein. Im schottischen Rugby-Team gab es früher auch Dell und Kleyn aus Südafrika, letztes Jahr auch weitere Eingebürgerte (aus anderen Ländern). Ausserdem traten beim RWC 23 mit Ribbans bei England und Herring für Irland weitere Südafrika-Stämmige an.

Paul Willemse (Frankreich) fiel im letzten Moment verletzt aus. Frühere Nationswechsel von Südafrikanern im Rugby waren die von Quintin Geldenhuys (Italien), Pieter „Pierre“ de Villiers (Frankreich) oder „Corné“ Krige (Sambia). De Villiers stammt sogar zum Teil aus Frankreich, ein Teil seiner Vorfahren väterlicherseits waren calvinistische Franzosen („Hugenotten); er ging 1994 zum Klub Stade Français Paris, spielte ab 1999 für das Nationalteam dieses Landes. W.F. du Plessis ging in das Rugby-Entwicklungsland Niederlande. Es gibt auch viele Neuseeländer (von dort Stammende), die für andere National-Mannschaften antreten. Es können zwar bei Weitem nicht alle Südafrikaner Afrikaans, aber während der Matches der Rugby-Nationalmannschaft findet anscheinend zumindest ein Teil der mannschafts-internen Kommunikation auf Afrikaans statt, weil (die Alternativsprache) Englisch so gut wie Alle (Gegenspieler) können. Der für Australien spielende Vickerman hat eine solche Kommunikation während eines Spiels verstanden, heisst es, er stammte aus Südafrika… 23 im Semifinale verstand der Engländer Curry „white cunt“, als der schwarze Südafrikaner Mbonambi etwas (zu ihm?) sagte, legte es als rassistische Beschimpfung aus, dabei hatte Mbonambi „wit kant“ (weisse Seite) gesagt.

Weisse Auswanderung nach der Apartheid betrifft auch Sportler aus anderen Bereichen. Der Kricket-Spieler Kevin Pietersen, Sohn eines Afrikaaners und einer englischen Südafrikanerin, ging 2000 ins Land der Vorfahren seiner Mutter, nachdem er sein Missfallen über Rassenquoten im südafrikanischen Kricket geäussert hatte. Im Fussball spielte für die USA Roy Wegerle und für Deutschland fast Sean Dundee, die auch ursprünglich als „Legionäre“ in die Liga dieser Länder gegangen waren. Dafür wurden die aus Südafrika stammenden Pierre Issa und Hans Vonk fussballerisch rück-eingebürgert in den 1990ern. Issa lebte und spielte in Frankreich, Vonk in Niederlande; beide waren in Südafrika in Einwanderer-Familien geboren worden, Issa in eine aus Libanon, Vonk in eine holländische. Beispiele für Athleten aus anderen Sportarten, die Südafrika verliessen, sind der Tennisspieler Kevin Curren (USA) und die Läuferin Zola Budd (GB); diese Beiden gingen aber während der Apartheid.

Im Ausland lebende südafrikanische Staatsbürger waren bei den ersten freien Wahlen 1994 berechtigt zu wählen, danach wurde das Wahlrecht geändert, und für im Ausland befindliche Bürger stark eingeschränkt. Ex-Präsident FW de Klerk hat 09 einen offenen Brief an die Vorsitzende der Independent Electoral Commission (IEC), Brigalia Bam, geschrieben, darin aufgerufen, Exil-Südafrikanern (wieder) das Wahlrecht zu geben. Es sei falsch, so De Klerk, dass Gefangene wählen können, aber nicht Exilanten. Der „Vorstoss“ ist zumindest diskussionswürdig. Natürlich würde eine solche Änderung den „weissen Parteien“ DA und VF+ helfen, gegen den ANC. Eine Wahl unter Exilanten könnte die Democratic Alliance (DA) gewinnen, deren Vorgänger die Partei der englischen/jüdischen Weissen waren, so etwas wie die Partei der rassischen Minderheiten (geworden) ist, auch die Afrikaaner gewonnen hat, zur Zeit einen solchen (John Steenhuisen) als Führer hat. Die NP ist in ihr grossteils aufgegangen. Auch ein Teil der bürgerlichen Schwarzen hat sich zur DA hingewandt. Inwiefern hat sie sich für schwarze Anliegen geöffnet, auf Kosten der Erhaltung weisser Privilegien?(29)

Und da unter den Exil-Südafrikanern (das geht von Auslands-Studenten bis Auswanderern) klar Weisse dominieren, hätte die DA also gute Chancen, mit einer Wahl auch unter „Ex-Pats“ ihren Stimmenanteil bei einer Parlamentswahl (National Assembly/ Nasionale Vergadering/ iSishayamthetho sikaZwelonke) zu erhöhen. Die Provinz Südafrikas, die der ANC nie richtig gewonnen hat, ist das Westkap (Gegend um Kapstadt), das eine nicht-schwarze Bevölkerungsmehrheit hat(30), wo die N(N)P dominierte, nun die DA.(31) Es gibt so etwas wie eine weisse Binnenwanderung in Südafrika an’s Kap. Nördlich davon, in der Provinz Nordkap (ebenfalls grossteils afrikaans, braun und weiss geprägt), gibt es das Dorf Orania, wo rechte Afrikaaner versuchen, unter sich zu bleiben. Eine Art inneres Exil.  

Um zurückzukommen zum Auswandern bzw temporären Verlassen (aus/von Südafrika): es gibt natürlich auch in Post-Apartheid-Zeit verschiedene Arten davon: dauerhaft/temporär eben, daraus ergibt sich oft auch Behalten/Aufgeben der südafrikanischen Staatsbürgerschaft, welches Land, welche Bindungen bleiben bei echten Auswanderern, welche Gefühle bleiben zum Land,…? An dieser Stelle: Bei allen Problemen des heutigen Südafrikas: das Land wurde um 1994 von einer Diktatur (Ausschluss von gut zwei Drittel der Bevölkerung von echter Mitsprache) zu einer Demokratie. Anders als der Iran, der 79 bis 81 von einer Diktatur (absolute Monarchie) zu einer anderen wurde (klerikale Diktatur). Dort gibt es Leute bzw Parteien, die unter Schah wie unter Ayatollah verfolgt wurden. Und Leute während beider Systeme im Exil waren, wie Bahman Nirumand in Deutschland.(32)

Manche haben zeitweise im Ausland gelebt, sind zurückgekehrt. Der Künstler und Schreiber Rian Malan (Verwandter von Daniel F. Malan) lebte vorübergehend im Ausland (USA,…), scheint sich entschieden zu haben, zu bleiben, trotz „Angst vor Afrika“ (Inhalt eines seiner Songs). Die Juristin Navanethem Pillay (indische Südafrikanerin) war 08-14 Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR), hatte als solche ihren Hauptsitz in Genf (Schweiz); davor war sie u.a. am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (Niederlande). Der Sanitäter Gerco van Deventer, burischer Südafrikaner, war 17-23 Geisel in Libyen. Die Zeichnerin Karlien de Villiers hat in Frankreich gelebt. Melanie Verwoerd war mit Willem verheiratet, war ANC-Abgeordnete, dann südafrikanische Botschafterin in Irland; blieb dort und heiratete einen Dortigen. Kehrte nach dessen Tod zurück.

Andere denken auch an Rückkehren bzw handeln auch schon. In den letzten 15 Jahren sind laut CNBC Africa an die 400 000 Südafrikaner (hauptsächlich Weisse, zT gut gebildet) aus dem Exil zurückgekehrt. Sie sehen, dass die Lebenskosten dort (zB in GB) hoch sind, es dort auch Probleme gibt (Strom-Blackouts etwa gibt es auch in der USA), Südafrika Vorzüge hat,… Homecoming Revolution ist eine Nicht-Profit-Organisation, die Südafrikaner ermuntert, zurückzukehren, und ihnen dabei hilft. Bei einer Veranstaltung in GB gab es über 1 000 interessierte Exil-Südafrikaner. Angel Jones, Gründerin der Organisation: „What is especially exciting is that four out of five of them are returning to South Africa in the next six months.“ Da gibt’s auch die Organisation Come Home Campaign, die Ähnliches versucht. Sie gehört zu AfriForum, ist also traditionell-burisch. Alana Bailey ist eine der Führungsleute.

I left SA and now I´m thinking of going back. I want to be a part of the South African renaissance.I realise that all countries have their problems. SA is by no means the worst. There are a lot of positive developments in SA, and its a WONDERFUL country, despite its problems. You can’t compare the 15 years of the new SA to 300 years of colonialism and apartheid!!“ (Online-Diskussions-Kommentar)

SACADA (South African Chamber for Agricultural Development in Africa) wiederum arbeitet seit 1995 daran, südafrikanische Farmer in afrikanischen Entwicklungsländern südlich der Sahara anzusiedeln. Dort sollen die auswanderungswilligen Bauern günstig Land erwerben und sich niederlassen können. Im Gegenzug versprechen sie, ihr Kapital zu investieren und ihr agrartechnologisches Know How an die lokale Bevölkerung weiterzugeben. Damit soll die landwirtschaftliche Produktion des Gastlandes gesichert und im Anschluss – und mit der aktiven Hilfe der Südafrikaner – Fortschritte in Infrastruktur, in sozialen Bereichen und natürlich auf dem Arbeitsmarkt erzielt werden. Geführte wurde die Organisation lange von „Dries“ Bruwer (VF+). Es gibt in Südafrika einen (klar von Weissen dominierten) Business von Aus- und Einwanderung, Organisationen wie Global Emigration SA (Einwanderung) unter Leon Isaacson, oder die Professional Movers Association (Übersiedlungen jeder Art). Dazu gehören natürlich auch die Auswanderungs-Seminare.  

An dieser Stelle zur Einwanderung nach Südafrika. Darunter sind auch Rückkehrer und Pendler. Da gab und gibt es rechte Deutsche (früher) oder dissidente Zimbabwer. Einwanderer waren so gut wie alle Bevölkerungsgruppen im heutigen Südafrika, irgendwann, ausser vielleicht die Khoisan. Sayed Abdurrahman Moturu wurde im 18. Jh von den Niederländern aus Madura (war Herrscher/Prinz dort) im Malaiischem Archipel dorthin deportiert, war gewissermaßen einer der Ahnherrn der Kap-Malaien/Farbigen. Cecil Rhodes kam 1870 mit 17 Jahren aus GB ins südliche britisch beherrschte Afrika, war in Natal, Kapkolonie, Transvaal, Nord- und Süd-Rhodesien wirtschaftlich-politisch (…) tätig. Zwischendurch wieder in England, wurde die De Beers-Diamantenfirma sein Haupterwerb, er veranlasste die britische Regierung, Bechuanaland (> Botswana) erobern zu lassen.

Wurde 1890 Premierminister der Kapkolonie, mitorganisierte 1895 den Überfall unter Leander Jameson (s.o.) im Transvaal (Südafrikanische Republik), hatte auf den „Zweiten Anglo-Burenkrieg“ (1899 bis 1902) wenig Einfluss.(33) Ernest Oppenheimer kam 1902, nach diesem Krieg, aus dem Deutschen (Kaiser-) Reich in das britische Kapland (wie viele aschkenasische Juden in dieser Zeit), übernahm De Beers. Im selben Jahr kamen die Verwoerds aus der Niederlande, brachten ihre Kinder mit, darunter Hendrik, der ja Premierminister Südafrikas (Übergang von Südafrikanische Union zur Republik Südafrika) werden sollte. Wie (der ebenfalls moslemische) Moturu kam Reza I. Pahlevi nicht freiwillig nach Südafrika, er 1941 nach seiner Absetzung als Schah des Irans durch die Alliierten.

Zusammen mit einigen Angehörigen und einigen Dienern wurde er auf einem britischen Dampfer nach Bombay gebracht, nachdem er gehofft hatte, nach Argentinien zu kommen. Die Gruppe blieb aber nicht in der Stadt in Britisch-Indien (die Zentrum der zoroastrischen Parsen in Indien ist), sie wurde weiter gebracht zur ebenfalls britisch beherrschten Insel Mauritius/Maurice vor Afrika. Reza Pahlevi und seine Begleiter blieben dort einige Monate, sein Sohn, der neue Schah Mohammad Reza I. Pahlevi, intervenierte beim britischen Botschafter im Iran und erreichte, dass sein Vater nach Südafrika ausreisen konnte. Er kam zunächst nach Durban und 1942 nach Johannesburg – wo er die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte. Zu Apartheid-Zeiten wanderte etwa der irische Söldner Michael Hoare ein, oder nicht wenige Portugiesen aus den verlorenen Kolonien im südlichen Afrika.

Es kamen damals Asiaten, da Japaner, Koreaner, Taiwan-Chinesen in der Apartheid als Weisse galten, und Inder, die immerhin Menschen zweiter Klasse waren. In der Endphase der Apartheid kam zB Janusz Walusz aus Polen, der mit seinem Mord an dem ANC-Politiker Hani 1993 fast eine Art Bürgerkrieg auslöste.(34) Der somalische Autor Nurudin Farah ist einer jener (auch Somalier), die nach der Apartheid kamen, lebt in Kapstadt und in der USA. Als sich um 2000 Zimbabwe unter Mugabe (ZANU-PF) zu einer Diktatur entwickelte, kamen nicht wenige Leute von dort nach Südafrika, Schwarze und Weisse, nicht zuletzt solche die der MDC bzw CCC nahestehen/-standen; so wie 2010 Roy Bennett, der dann in der USA starb.(35) Auch gestürzte bzw geflüchtete afrikanische Herrscher kamen nach Südafrika. So lebten etwa Mengistu Haile Mariam (Äthiopien), Riek Machar (Südsudan) oder Jerry Rawlings (Ghana) zeitweise in Südafrika. Das gilt auch für Jean-Bertrand Aristide aus Haiti.

Lee Berger ist ein US-amerikanischer Paläoanthropologe und Archäologe. Berger ist Professor an der University of the Witwatersrand in Johannesburg und hat dort auch seinen ständigen Wohnsitz. Einer der Wissenschafter, die zur Zeit in dem Land leben. Genannt seien noch Ronald S. Roberts (Trinidad-Tobago, Autor), Hugo Broos (Belgien, Fussball-Trainer), Ole Nydahl (Buddhist aus Norwegen), „Seraphim“ (orthodoxer Bischof aus Zypern) oder der israelische Mafioso „Yossi“ Harari. Um auch einen Deutschen zu nennen: Ob der AIDS-Leugner Matthias Rath noch dort lebt, entzieht sich der Kenntnis von Tiara.(36)

Es gibt also bei den Einwanderern/ Ausländern in Südafrika temporär dort Lebende, dauerhaft Niedergelassene, Eingebürgerte,… Genau wie bei den Auswanderern. Ist die Einwanderung ein „Ersatz“ für die Auswanderung, vom Effekt? Jedenfalls gibt es in RZA immer wieder fremdenfeindlichen Ausschreitungen, von Schwarzafrikanern gegen schwarzafrikanische Einwanderer…

Nun die wichtigsten Ex(il)-Südafrikaner. Da sind sowohl Auswanderer als auch temporär im Ausland Lebende (als auch alles dazwischen) dabei.

* Es dürfte wenig Dissens darüber geben, dass Elon Musk (der global player) der wichtigste Exil-Südafrikaner ist. Väterlicherseits ist Musk vorwiegend Anglo-Südafrikaner, hat aber auch Afrikaaner-Vorfahren, die Mutter ist aus Canada (war also Einwanderin). Der Vater war in der PFP aktiv. Elon Musk wurde 1971 in Pretoria geboren. Er verliess Südafrika Ende der 1980er um der Militärpflicht zu entgehen und weil er mit der Schule fertig war. Das war die Zeit, als De Klerk Präsident Südafrikas wurde und das Ende der Apartheid einleitete. Musk studierte in Canada und USA. Er hat heute Pässe/Staatsbürgerschaften dieser 3 Länder, Südafrika, Canada, USA, hält sich kaum in Südafrika auf. Er wurde Geschäftsmann, im Zuge des IT-Booms bzw der Digitalisierung, kann sich auch etwas Philanthropie leisten. Zu seinen Übernahmen, Gründungen, Einstiegen, Investitionen gehören PayPal, Ebay, Tesla, Starlink, SpaceX, Twitter/X, Wikimedia.

Er wurde reich & einflussreich. Hat circa 10 Kinder. Ist libert(in)är, hat zu Allem Meinungen. Ein kritischer Artikel (auch) über sein Treiben hier. Musk stellte der Ukraine das Starlink-Satellitensystem für den flächendeckenden Zugang zum Internet bereit. Dieses wird auch vom Militär des von Russland überfallenen Landes genutzt – offenbar zum Missfallen Musks. Laut einem Auszug aus einer neuen Biografie über den Tesla-Gründer, kolportiert via CNN, soll dieser einen Angriff auf die russische Kriegsmarine unterbunden haben – angeblich aus Sorge vor möglichen Konsequenzen. Er hat kürzlich Twitter/X genutzt, um sich eine Woche vor den Landtagswahlen in Bayern und Hessen in die deutsche Politik einzumischen. Teilte den Videoclip eines Nutzers, in dem zur Stimmabgabe für die AfD aufgerufen wird. In dem Beitrag wird kritisiert, dass derzeit acht deutsche Schiffe von NGOs Flüchtlinge und Menschen aus dem Mittelmeer aufnehmen würden, um sie nach Italien zu bringen.

„Ist die deutsche Öffentlichkeit sich dessen bewusst?“, schrieb Musk, der auf Twitter über 158 Millionen Follower hat. Er beschuldigte Juden, Immigration von Leuten aus dem globalen Süden in den Norden/Westen zu fördern, diesen damit zu unterminieren (Re/m/placement…). Nach der ersten Meldung dieser Art folgte ein Aufenthalt an der Grenze USA-Mexico, wo es eine Art Mauer gibt. Ist sich Musk bewusst, dass weisse Südafrikaner Nachkommen von Einwanderern sind, die einheimische Bevölkerung in mancher Hinsicht verdrängt haben? Was er wirklich gesagt hat, wen er wirklich ausgegrenzt hat, war aber nicht so wichtig, was zählte, war das Kritische bzgl Juden, wonach diese zu liberal seien. Damit „Antisemitismus“-Vorwürfe und Disqualifikation bei jenen die das zustimmend aufgenommen hätten ohne Juden; Musk darf rassistisch sein, aber nicht etwas Kritisches über Juden sagen.

Siehe die Hetze gegen Soros von verschiedenen Seiten. Musk, der ja auch mit Juden Geschäfte macht, musste bei Netanyahu persönlich antanzen, nachdem u.a. die ADL empört war, wurde zu einer der überfallenen Siedlungen im Umland des „Gaza-Streifens“ gebracht, war mit Benjamin Shapiro im ehemaligen Todeslager in Oswiecim. Internet und Mobilfunk in dem „Streifen“ sind durch die israelische Bombardierung Gazas schwer beeinträchtigt worden, Musk hatte zunächst angeboten, hier auch wie (in) der Ukraine auszuhelfen, Gaza über Satellit versorgen lassen. Netanyahu hatte damals angekündigt, dies zu bekämpfen; nun wird Musk von selbst von diesen Plänen abgekommen sein, so funktioniert dieser Ablasshandel. Meinungsäusserungen von Musk zum jetzigen Südafrika sind (mir) nicht bekannt.

Cartoon Osama Hajjaj

* Charlize Theron ist eine Afrikaanerin (mit französischem Nachnamen), nach einer privaten Tragödie 1991 (siehe FN 22) begann ihre Film-Schauspiel-Karriere in der USA parallel zum Untergang der Apartheid. Seit 1994 lebt sie vorwiegend in der USA. Ihr Durchbruch kam noch in den Jahren von Nelson Mandelas Präsidentschaft. Die (2004) Oscar-gekrönte Theron ist Südafrikas grösster Hollywood-Star, hat auch die Staatsbürgerschaft der USA, hält Kontakte zu Südafrika, wo ihre Mutter lebt (Gauteng).

Theron 2004 bei Ex-Präsident Mandela

Theron sagte 2009 zu einem belgischen Reporter: “Ich habe 2x gewählt, in Südafrika Mandela [muss 1994 gewesen sein], in der USA Obama [muss 2008 gewesen sein]“.(38) Mandela machte sie nach dessen Präsidentschaft bei seiner Stiftung in Johannesburg 2x die Aufwartung (04, 09). Zu Therons Kontakten nach/zu Südafrika gehörte auch ihre Mitwirkung bei der Auslosung zur Fussball-WM 2010 in Südafrika im Jahr 2009 (mit Blatter, Zuma, Hayatou, Beckham,…). Zur Rolle des Sports in Südafrika hier. Theron verfolgt(e) in Südafrika soziale Projekte im ruralen Raum. Sie unterstützt etwa die Wohltätigkeitseinrichtung Mpilonhle in Mtubatuba (KwaZulu-Natal).

* Nicholas „Nicky“ Oppenheimer als Exilant/Expat einzustufen, ist etwas fragwürdig. Er hält sich zeitweise in Grossbritannien auf, wo er studiert hat, wo sein früheres Unternehmen den Hauptsitz hat, man könnte ihn als Pendler bezeichnen. Er ist der Enkel von Ernest Oppenheimer, dem Gründer des Diamanten-Konzern De Beers und des Bergbau-Konzerns Anglo American, der Sohn von Harry, der sie weiterführte. Vor etwa 10 Jahren zog sich die Oppenheimer-Familie unter Nicholas weitgehend aus diesen Konzernen zurück, er gilt trotzdem als einer der reichsten Leute der Welt. Er ist etwa in der von seinem Sohn und Erben Jonathan gegründeten konservativen Brenthurst Foundation aktiv. Nick’s Vater Harry trat vom jüdischen Glauben zum anglikanischen Christentum über

* John M. Coetzee ist grossteils anglisierter Kap-Bure, hat kaum auf Afrikaans geschrieben, überwiegendst auf Englisch. Coetzee war ein Apartheid-Gegner, kein radikaler, auf einer Linie mit André Brink, Breyten Breytenbach, Antjie Krog,… die sich im Juli ’89 zu einer Konferenz in Victoria Falls in Zimbabwe trafen. Er brachte während und nach der Apartheid Romane heraus (zeitgeschichtliche, wenn man so will), die sich mit diesem System beschäftigten: 1980 kam von ihm das englische Original von „Warten auf die Barbaren“ heraus, 1999 das von „Schande“, beide wurden von Hollywood verfilmt. In beiden lässt sich Kritik an der Apartheid aber auch Unbehagen bezüglich ihrer Opfer bzw ihrer gesellschaftlichen Gleichberechtigung herauslesen.

Imraan Coovadia, Student Coetzees, schrieb, dieser trete dem Post-Apartheid-Südafrika (bzw der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiss) mehr entgegen als dem Apartheid-Südafrika. 2002 übersiedelte Coetzee von Kapstadt (wo er lange an der Uni Englisch unterrichtet hatte) nach Adelaide; er führte dabei die „laxe Einstellung“ der Regierung zur Kriminalität als Grund an. Es wurde als Grund für die Auswanderung auch genannt, dass für ihn als Radler Kapstadts Verkehr zu unsicher geworden sein. Im Jahr darauf, 03, bekam er den Literaturnobelpreis (als zweiter Südafrikaner nach Nadine Gordimer). Mbeki gratulierte ihm als südafrikanischer Präsident dazu, 05 verlieh er ihm den Mapungubwe-Orden. Coetzee wurde 06 (auch) australischer Staatsbürger; er kritisierte auch John Howard deutlich, ist nicht leicht einzuordnen

* Trevor Noahs Vater ist aus Europa, seine Mutter eine Xhosa, er wurde 1984 in Johannesburg geboren. Wurde als „Farbiger“ eingestuft, wuchs in Soweto auf. Machte in Post-Apartheid-Südafrika als Schauspieler und Moderator von sich reden. 2011 ging er in die USA, setzte sich im dortigen Fernsehen durch

* Breyten Breytenbach, aus einer Familie von Kap-Buren, wurde Schriftsteller (Afrikaans, English), Apartheid-Gegner, verliess 1960 Südafrika, Richtung Frankreich, heiratete eine Vietnamesin, kam bei einem Heimaturlaub in RZA 75-82 in’s Gefängnis, da konnte/wollte ihm auch sein Bruder Jan (wichtiger Offizier in der SADF) nicht helfen; seither lebt er meist wieder in Frankreich. Er kritisiert(e) Vieles am Post-Apartheid-Südafrika, nicht zuletzt in „Mischlingsherz“ (1999), darin thematisierte er auch die Khoisan-Wurzeln seiner Familie im westlichen Kap. Gelegentlich wirkt er an der Universität Kapstadt oder anderswo in Afrika

* John „Jack“ E. Spence ist ein in Südafrika geborener und aufgewachsener britischer Politologe, vielfach ausgezeichnet

* Howard Carpendale: der Sänger ging nach West-Deutschland. Vielleicht wäre es besser gewesen, hier aus Deutschland die Tänzerin Motshegetsi „Motsi“ Mabuse(-Voznyuk) zu nennen. Carpendale sang einst im deutschen TV (mit schwarzen Chorsängerinnen) „Pata Pata“ von Miriam Makeba. Ein ander‘ Mal zog er dort in Anwesenheit von Christiaan Barnard über das Post-Apartheid-Südafrika her.(37) Der stand der Apartheid in gewisser Hinsicht doch recht nahe, aber das ist eine andere Geschichte. Ende 23 war er auf Pro7 Maxx zu sehen, bei Übertragungen von der Rugby-WM, erzählte dort Geschichten dass sich die Balken bogen

* Dieter Gerhardt in der Schweiz: es soll hier nicht nur um Konzernchefs, Wissenschafter, Künstler,… gehen, sondern auch um diesen Ex-Offizier, der seinen Beitrag zum Untergang der Apartheid leistete, damit das Werk seines Vaters wieder gut machte. Der (aus Deutschland eingewandert) war am Aufbau der „Sicherheits“ (Unterdrückungs) – Strukturen dieses Apartheid-Staates involviert. Gerhardt selbst schloss sich der Marine an nachdem sein Vater den (ebenfalls deutschstämmigen) Admiral Hugo Biermann (ab 50 führend in der südafrikanischen Marine, 52-72 Marinechef, 72-76 Generalstabschef) überzeugt hatte, den „problematischen“ Teenager aufzunehmen um ihn zu formen. Gerhardt machte in der Marine Karriere, die zu seiner frühen Zeit auch noch eng mit der britischen zusammenarbeitete. 1957 die Umbenennung der UDF zur SADF, bald stellte das Apartheid-Regime die engen Beziehungen zu GB ein. Gerhardt heiratete 1958 erstmals, Janet Coggin aus GB, es gab Kinder. Aus innerer Opposition zu dem Apartheid-Regime und zu seinem Vater (da gab es jeweils Kontinuitäten aus dem Nazi-Reich!) begann er zu spionieren, wahrscheinlich ab Anfang der 1960er, als die Situation im südlichen Afrika eskalierte, u.a. mit dem Beginn der Entkolonialisierung der Region. Gerhardt, damals noch niedriger Offizier: „Die finale wekroep vir my was die doodslag van talle swart mense….“. Er nahm Kontakte zur (illegalen) South African Communist Party (SACP) auf, die als einzige weisse bzw gemischtrassige Partei Demokratie für Alle befürwortete und mit dem ANC (wichtigste „schwarze“ Anti-Apartheid-Organisation) verbunden war. „Bram“ Fischer, ein Afrikaaner/Bure in der SACP, verwies Gerhardt auf die SU-Botschaft in London, wo er dann vom Militär-Geheimdienst GRU rekrutiert wurde, angewiesen, seine Karriere in der südafrikanischen Marine fortzusetzen. Ja, die Gegner der Apartheid standen im Kalten Krieg auf der einen Seite (Sowjetunion, ANC, MPLA, ZANU, FRELIMO, SWAPO…) und ihre Unterstützer auf der anderen. Und entgegen dem was Michael Stürmer dazu verbreitet, sagt das etwas Positives über den Ostblock aus und nicht etwas Entlastendes über das Apartheid-Regime. Gerhardt gab Informationen über das südafrikanische Militär (die SADF/SAW), sein Atomprogramm (auch über die diesbezügliche Kollaboration mit Israel) und weitere westliche Helfer/Verbündete, intime Kenntnisse betreffend der „Grenzkriege“ an die SU (die sich im südlichen Afrika indirekt zu engagieren begann) weiter, zT auch an die Öffentlichkeit. 1966 die Scheidung von Janet, nachdem sie von seinen Aktivitäten erfahren hatte; er heiratete 1973 die Schweizerin Ruth Johr, die seine Komplizin wurde (soll vor ihm bereits für die DDR gearbeitet haben). SU-Agent Vladimir Shloykow (GRU) wurde ein Freund der Gerhardts. Die Übergaben sollen in Zürich, Madrid and Antananarivo stattgefunden haben, Gerhardt besuchte auch die SU. 1979 Selbstmord der Tochter Anna. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown (seit 76). Er hat z Zt des Malvinas/Falklands-Kriegs angeblich Informationen über Schiffe der britischen Marine im Süd-Atlantik weitergegeben, die bei den Argentiniern gelandet sein könnten (bei der rabiat anti-kommunistischen Diktatur….). Er flog infolge des Überlaufens des KGB-Offiziers Vladimir Vetrov in den frühen 1980ern auf, wurde vom französischen Geheimdienst DST (dem sich Vetrov anvertraut hatte) blossgestellt ggü der USA; die Südafrikaner (NIS oder DMS) wussten nichts bevor Gerhardt und Frau Anfang 83 in New York vom FBI verhaftet wurden. Danach Verhöre durch die CIA, Verhaftung von Shlykow in der Schweiz, Auslieferung der Gerhardts an Südafrika (Premier Botha gab dies triumphierend in einer PK bekannt). Die folgenden Verhöre führte hauptsächlich der (ebenfalls deutschstämmige) Polizei-Offizier (SAP) Lothar Neethling durch. 83 das Gerichtsverfahren gegen die Gerhardts unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Kapstadt (hauptsächlich um ausländische Helfer der Apartheid nicht zu blamieren), es drohte Verurteilung für Hochverrat (> Todesstrafe). Er erzählte dort anscheinend von seinen Beweggründen, versuchte aber auch durch Falschaussagen Verwirrung zu stiften, auch Janet sagte dort als Zeugin aus (stellte ihn als Apartheid-bejahenden Südafrikaner dar); er wurde Ende 1983 wegen Spionage von Richter George Munnik zu lebenslänglicher Haft verurteilt (entging also der Todesstrafe), Ruth Gerhardt zu 10 Jahren. Die sie zusammen mit weissen Anti-Apartheid-Kämpferinnen wie Barbara Hogan absass, die dann Ministerin unter Motlanthe und Zuma war. ’88 versuchte sie vorzeitig freizukommen indem sie sich auf ein Angebot vom inzwischen zum Präsidenten avancierten P. W. Botha ein paar Jahre zuvor berief, der politischen Gefangenen wie Mandela Freilassung gegen „Gewaltverzicht“ anbot; das wurde von Richter Richard Goldstone abgelehnt, welcher apartheid-kritisch war und dann die Wut von Israel-Freunden auf sich zog. Dieter Gerhardt sass seine Haftstrafe evtl zT in Isolation ab, machte Bekanntschaft mit dem Wärter James Gregory welcher auch Nelson Mandela „betreute“. Gerhardt kam 89 für einen Ost-West-Gefangenenaustausch in Frage, der nicht zustande kam. F.W. De Klerk, der 89 Staatspräsident wurde, begann 90 mit Reformen, darunter der Freilassung von politischen Gefangenen, Gerhardt wurde vom ANC, nicht aber von dem Regime (Justizminister Coetsee) als politischer Gefangener gesehen. Ruth Gerhardt wurde 90 freigelassen und ging in die Schweiz, deren Regierung sich dafür eingesetzt hatte. Seine Freilassung zog sich bis August ’92 (bald nachdem eine ANC-Delegation ihn besuchen konnte). Nach anderen Angaben bis Februar 1994, also fast bis zu den ersten freien Wahlen, es gibt aber dieses Kommunique der SAPA, demnach hat auch Boris Jelzin für ihn interveniert. Er ging nach seiner vorzeitigen Freilassung ebenfalls in die Schweiz (Basel), die ihn anscheinend erst auf Intervention von Südafrikas Aussenminister Roelof „Pik“ Botha aufgenommen hat. Er verteidigte seine Tätigkeit gegen das Apartheid-Regime. Bekam 99 von der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) Amnestie zugesprochen, was etwa bedeutete dass er seinen Rang als Admiral wieder zugesprochen bekam. Janet Coggin brachte 99 ein Buch über die Sache heraus, „The Spy’s Wife“. Gerhardt hat dann wohl in der Schweiz das IT entdeckt, arbeitete später in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn (zuletzt 2012), unter seinem Klarnamen. Gerhardt ging also vor Ende der AH ins Exil, war Gegner dieser, kehrte dennoch nicht zurück

* Sasha Polakow-Suransky ist der Sohn südafrikanischer Juden, die sich gegen die Apartheid engagierten, sie sollen (1973) in die USA eingewandert seien um einer Verhaftung zu entgehen. Polakow-Suransky (in der USA geboren) ist ein Journalist und Autor, schrieb zB über die intime Zusammenarbeit Israels mit dem Apartheid-Regime (The Unspoken Alliance, 2010)

Nach den wichtigsten Personen nun zu den wichtigsten Ländern. Da steht Grossbritannien an erster Stelle. Die Briten waren um 1800 in’s südliche Afrika gekommen, übernahmen Gebiete der niederländischen VOC, lösten den Treck der Buren aus, unterwarfen Schwarze (wie die Zulus), holten Inder. Einten bzw schufen das was Südafrika wurde, 1902 bzw 1910. Es gab eine Einwanderung aus Grossbritannien in die Südafrikanische Union, Manche wurden nur zeitweise Südafrikaner, wie Jameson (s.o.). GB ist das Geburtsland von Fussball, Rugby, Kricket, Golf,…, den wichtigen Sportarten Südafrikas.(39) 1931 entliess GB Südafrika (und weitere Dominions) in eine Quasi-Unabhängigkeit, 1961 löste sich das Südafrika der Apartheid ganz von GB. Bis zu seiner Umwandlung in eine Republik 1961 waren die britischen Monarchen Südafrikas Staatsoberhäupter gewesen(40).

GB wurde um 94 wieder wichtiger im südlichen Afrika (> Südafrika, Namibia), es gab wieder engere Beziehungen, Englisch wurde wieder wichtiger, man trat dem Commonwealth wieder bei. Was die RZA-Auswanderer in GB betrifft, früher handelte es sich oft um Apartheid-Gegner, heute zT um Demokratie-Gegner. London und andere Gebiete sind anziehend für jene Südafrikaner die sich nicht wohlfühlten unter den gegebenen Umständen im Land. Es sind alle Volksgruppen vertreten, Weisse dominieren hier aber. Genannt von den aktuellen Exilanten in GB wurden ja bereits u.a. Levitt, Klug, Spence, „Nicky“ Oppenheimer. Zurückgekehrt sind u.a. der Diplomat und Wissenschafter Abdul Minty und Zola Pieterse (Budd); die Läuferin war in GB und in der USA im Exil. Nicht zurückgekehrt nach Südafrika nach dem Ende der Apartheid ist die Historikerin und Aktivistin Shula Marks, eine Jüdin aus (dem heutigen) KwaZulu-Natal. Auch Gilian Slovo, Janet Suzman, Paul Trewhala sind in Grossbritannien geblieben, sind als Teil der südafrikanischen Diaspora zu sehen.

Der Labour-Politiker Peter Hain ist in Kenya und Südafrika aufgewachsen, war ebenfalls Anti-Apartheid-Aktivist, ist Minister unter Blair und Brown gewesen. Alex(ander) Callinicos ist im damaligen Rhodesien geboren, ging über Südafrika nach GB, ist in der (britischen) Socialist Workers Party führend aktiv. Von weit links nun nach weit rechts. Anglophone Apartheid-Befürworter standen ja immer vor dem Dilemma, sich einerseits von dem Buren-Nationalismus abgrenzen zu müssen (der sie ausgrenzte), andererseits sie in ihrer Gesamtheit verteidigen zu wollem. Afrikaanse Apartheid-Befürworter grenzten sich einerseits von den „Anglos“ (global) ab, brauchten dort aber Verbündete. Da gibt es Alan Harvey, der aus Grossbritannien nach Südafrika und zurück ging. Er organisiert dort den Springbok Club (auch Empire Loyalist Club genannt), Weisse mit Loyalität zu Apartheid-Südafrika. Dazu gehört das Magazin „SA Patriot“. Man steht der British National Party (BNP) nahe und ist 101% pro Israel, klar.

Der White Rhino Club, durch Hass-Blogs aktiv, existierte im Umfeld des Springbok Clubs. Dann gibt es Arthur Kemp, der von (Süd-) Rhodesien nach Südafrika ging, von dort nach GB. Auch er hält sich im Umfeld der BNP auf, ist international gut vernetzt, macht Ostara Publications. Da gab es die ebenfalls neofaschistische South African National Front (SANF), verbunden mit der britischen National Front (NF), verbunden mit afrikaanischen Rechtsextremen (HNP, AWB,…). Hauptfeinde waren Schwarze generell. In diesen Kreisen verkehrte auch der aus Südafrika nach GB eingewanderte Ivor Benson, ein Journalist bzw Hetzer, der auch in Rhodesien aktiv war und nahe bei Oswald Mosley war.

Teile der extremen weissen/burischen Rechten (rechts von der VF+) sind im Exil in westlichen Staaten aktiv, zT aber auch einfach nur die Democratic Alliance (DA), die auch inzwischen beide weisse Gruppen Südafrikas gleichermaßen anspricht. Der DA nahe steht wahrscheinlich das Global SA Network unter J. Battersby, ein Mainstream-Netzwerk, auch in GB aktiv. Während der Apartheid und auch nach ihrem Ende lebt(e) Manfred „Mann“ Lubowitz, der Musiker, in GB. David Fischer war südafrikanischer Diplomat bei der IAEA, hielt sich nach der Apartheid grossteils in GB auf, ist inzwischen gestorben. Ashley M. Almanza (geboren 1964) hat wohl in GB studiert und ist dort geblieben. Der Geschäftsmann ist CEO des internationalen Sicherheitsunternehmens G4S plc; ein Kandidat für die Top 10. Andrew Feinstein, südafrikanischer Jude (diese sind in der Regel aschkenasisch und anglophon), war für den ANC im Parlament, wurde im Zuge der Waffenaffäre Zumas Partei-Dissident, wanderte aus, ist in der britischen Labour Party aktiv.

Theodore Ernest „Ernie“ Els ist englischsprachiger Weisser, Golfer, lebt zT in GB (County Surrey, England), zT im Western Cape. Seinen Sieg bei den British Open 2012 widmete er dem damals noch lebenden Nelson Mandela. Apropos Sportler: da gibt es in GB Rugby-Spieler wie Duhan van der Merwe (spielt für Schottland) oder David Ribbans (spielt für England) oder den Kricket-Spieler Kevin Pietersen (England), die aus Südafrika stammen. Auch der ehemalige Autorennfahrer Jody Scheckter lebt in GB. GB ist ein Einwanderungsland und es gibt dort natürlich andere, grössere Diasporen. Wie Südasiaten/Desi, Karibier/Westinder, Schwarzafrikaner, Gemeinschaften aus dem pazifisch-ozeanischen Raum, Juden, Iraner, Armenier, Osteuropäer, Iren,… Grossbritannien bzw UK war Exilland für Napoleon III., diverse europäische Politiker und Herrscherfamilien im 2. WK, Dissidenten aus Osteuropa im Kalten Krieg, wie den Bulgaren Georgi Markow, der dort 1978 ermordet wurde.

Aus den ehemaligen Kolonien und Aussenbesitzungen kamen auch dorthin Weisse und Farbige, die Regierung hat Einwanderungsflüssen immer wieder einen Riegel vorgeschoben. Was Südafrika betrifft, die historischen und aktuellen Verbindungen/Bezüge wurden geschildert. Es gibt eine grosse Botschaft bzw High Commission (Commonwealth !) in London, in der auch (alle 5 Jahre) gewählt wird. Dieses South Africa House befindet sich am Trafalgar Square. Wie die Union Buildings in Pretoria und andere Gebäude/Institutionen wurde auch dieses aus der Apartheid-Zeit übernommen. Nelson Mandela, der den Übergang zur Demokratie leitete, wurde noch zu seinen Lebzeiten in London am Parliament Square mit einem Denkmal geehrt. Es wurde 2007 eingeweiht, im Beisein von Ex-Präsident Nelson Mandela, Premierminister Gordon Brown, der Londoner Bürgermeister „Ken“ Livingstone, der Witwe des (emigrierten) Anti-Apartheid-Aktivisten Donald Woods und des Regisseurs und Aktivisten Richard Attenborough.

Was Australien betrifft, wurden ja bereits Perth oder John M. Coetzee genannt. 2007 ein Porträt über den südafrikanischen Künstler Rian Malan vom britischen Journalisten „Tim“ Adams, „The dark heart of the new South Africa“. Adams schreibt darin auch von einem in einem Lokal (während eines Gesprächs mit Malan) am Nebentisch aufgeschnappten Gespräch, weisser Südafrikaner: einer sei nach Australien ausgewandert und versucht die Anderen zu überreden, das auch zu tun. „Du musst dich daran gewöhnen, dein Auto selbst zu waschen, und ich gebe zu, das dauert eine Weile. Aber ansonsten ist Sydney wie Jo’burg vor 30 Jahren“, also in den 1970ern, ohne Schwarze, bzw mit diesen in eigenen Townships, wie Soweto. Viele gingen ja wegen der Kriminalität in Südafrika (Resultat der Kluft zwischen Reich und Arm). Die ersten weissen Einwanderer in Australien waren ja Kriminelle bzw Verurteilte, die dorthin geschickt wurden, in Sträflingslager, statt in britische und irische Gefängnisse.

Und die Einheimischen wurden infolge der Unterwerfungen zur Minderheit; in Südafrika nicht, aber das wurde auch nicht so lange bzw stark britisch geprägt. In Australien machen Aborigines heute 2,5 bis 5% der Bevölkerung aus. Aber, in solchen Ländern muss man das Auto selber waschen und der Haushaltshilfe mehr zahlen… Die Apartheid ist ja nicht zuletzt daran gescheitert, dass Weisse nicht ohne schwarze Arbeitskraft leben konnten. Vieles von diesen Verhältnissen ist ja nach Ende der Apartheid geblieben. Es gab in der Anti-Apartheid-Bewegung Australiens (die sich auch gegen Auftritte des südafrikanischen Rugby-Nationalteams in Australien engagierte) Aktivisten, die sich auch für die Aborigines in Australien (die dortigen Nicht-Weissen) engagierten, wie Peter McGregor von der Gruppe SADAF, die von den aus Südafrika geflüchteten Weissen John und „Meg“ Brink gegründet worden war.

Manche Australier sind auch der Meinung, dass die australische Hymne die eine oder andere Strophe in einer Aborigine-Sprache inkludieren sollte, so wie die südafrikanische Hymne seit ’94 (schwarz-) afrikanische Sprachen beinhaltet. Daran schliesst sich die Frage der Nationalflagge sowie der Staatsform bzw des Verhältnisses an Grossbritannien an. Südafrika ist, schon aufgrund demografischer Gegebenheiten, kein europäischer Filialstaat wie Australien oder Canada geworden. Ein wichtiger südafrika-stämmiger Australier ist Marius Kloppers, geboren 1962, ein Wirtschaftsmanager. Er war in Südafrika bei Sasol tätig, war in Australien Generaldirektor von BHP Billiton (BHP Group Limited), einem multinationalen Bergbau-Unternehmen, dem grössten der Welt.

Neuseeland: Als Südafrika 1994 das erste Mal demokratisch wählte, war Nomaza Paintin eine der Ersten, die das tat. Die Nichte von ANC-Spitzenkandidat Nelson Mandela, eine Ärztin, lebte in Neuseeland(41). Und weil Neuseeland Südafrika einige Stunden voraus ist, wurde zunächst an der dortigen Botschaft gewählt, am 26. April, dem ersten Wahltag. Mit dieser Wahl wurde die Apartheid ja erst abgeschafft, und zu Apartheid-Zeiten dominierten ja Apartheid-Gegner (bzw- Opfer) das südafrikanische Exil. In demokratischen Zeiten dominieren (vereinfach gesagt) Apartheid-Nostalgiker oder Leute die sich unter den neuen Umständen als Verlierer sehen (in der Regel Weisse) das Exil. Auckland (auf der Nord-Insel Neuseelands) ist dort das heimliche Zentrum der Ex(il)-Südafrikaner. Der konservative afrikaanse Sänger Steve Hofmeyr macht dort bei seinen Tourneen zuverlässig Station. Eine Parallele zu Australien:

Als die dortige Anti-Apartheid-Bewegung für einen Boykott des südafrikanischen Rugbys mobil machte, stellte sich die Frage nach dem Status der dortigen „Farbigen“, der Maoris. A propos: Der anglikanische Geistliche Michael Lapsley aus Neuseeland wurde ein engagierter Aktivist im südafrikanischen Anti-Apartheid-Kampf, bezahlte das mit einer Verstümmelung. Aktuelle (und weisse) Südafrikaner (bzw von dort Stammende) in NZL sind die ehemalige SABC-Präsentatorin Lena Odendaal oder der Autor Marcus Duvenhage.

Aus der USA wurden genannt: Elon Musk, Charlize Theron, Trevor Noah, Sasha Polakow-Suransky oder aus der Vergangenheit Max Theiler. Zu nennen ist da jedenfalls die Fernsehmoderatorin (SABC, CNN) und Geschäftsfrau Tumi Makgabo, die nun meist wieder in Südafrika lebt. David „Dave“ Matthews wurde 67 in Jo’burg geboren, pendelte die nächsten fast 2 Jahrzehnte mit seiner Familie zwischen Südafrika, USA, Grossbritannien, ehe er 86 „endgültig“ in die USA ging (deren Staatsbürger er schon seit 80 ist). Anlass für die Exilierung des Quäkers war, dass er in’s Apartheid-Militär (SADF) einrücken sollte, welches damals im südlichen Afrika „aktiv“ war. Er gründete in Virginia (Charlottesville) 91 seine Band, ist erfolgreich und in der USA linksliberal aktiv. Die Kunstmanagerin und Autorin Bronwyn Law-Viljoen pendelt hingegen zwischen der USA und Johannesburg. Die Film-Schauspielerin Embeth Davidtz hat immer in der USA gelebt, die Eltern sind aber aus Südafrika eingewandert.

Ganz unterschiedliche Arten von „Exil“ also. Ebenfalls im Filmgeschäft in der USA sind Sharlto Copley und Stelio Savante. Im Silicon Valley, also in der IT- und HighTech-Industrie, ist Roelof Botha tätig, Enkel des gleichnamigen langjährigen Ministers am Ende der und nach der Apartheid (Roelof „Pik“ Botha). Ebenfalls dort tätig sind Vinodan „Vinny“ Lingham, Willem van Biljon oder Pieter de Villiers. In anderen Bereichen geschäftlich erfolgreich ist Steven Collis. Es gab Sportler (siehe Budd), die aufgrund der Sanktionen gegen Apartheid-Südafrika in andere Länder auswichen, auch in die USA: die Tennisspieler Kevin Curren, Johan Kriek, Liezel Huber; Amanda Coetzer (verheiratet mit dem israelisch-amerikanischen „Wirtschaftstreibenden“ Arnon Milchan) lebt auch zT dort. Oder der American-Football-Spieler Gary Anderson, der Surfer Shaun Thomson, die Fussballer Edwin Firmani (Südafrika/Italien/USA) und Roy Wegerle. Auch hier unterschiedliche Bindungen an das Herkunftsland, festzumachen an Staatsbürgerschaft, Aufenthalte, Familienbindungen,…

Südafrikaner bzw Südafrika-Stämmige in der USA in der medizinischen Forschung sind etwa Peter Jones, Trevor Mundel, Nomvimbi Meriwether und Mankekolo Mahlangu-Ngcobo. Liam Pedersen ist in der NASA aktiv. Errol de Montillet hat Südafrika früher diplomatisch vertreten. An Journalisten sind u.a. zu nennen: „Tony“ Karon (jüdischer Antizionist), Jani Allan (die sich für so bedeutend hält, dass sie ihren eigenen Artikel auf en.wikipedia ausgestaltet). Im juristischen Bereich tätig sind u.a. „Chris“ Wright oder Margaret Marshall. Aus dem Reality-TV (etwas) bekannt ist Syngin Colchester (TLC-Sendung „90 days fiance“) aus Mpumalanga, er dürfte in der USA geblieben sein. Das Ehepaar Wren (mehr Anglo-Südafrikaner als Buren) macht von der USA aus ein(ig)e der IT-Hassseiten gegen das neue Südafrika. Und darf die „mass shootings“ (in der USA der Regel von Weissen) und die andere Kriminalität ebenso wie die Korruption dort aus der Nähe erleben. Was bei Australien die Aborigines und Neuseeland die Maoris, sind in der USA die „Indianer“; das wird dort aber weniger mit Südafrika in Zusammenhang gebracht.

Was Canada und südafrikanisches Exil betrifft, da gibt es den TV-Film aus 1990, „The Little Kidnappers“, mit Charlton Heston, basierend auf einer Kurzgeschichte des Schotten Paterson; die schottisch-stämmigen MacKenzies sind nach dem Südafrikanischen Krieg (Anglo-Buren-Krieg) nach Canada ausgewandert, treffen dort auf holländische Kanadier, erweisen sich als fanatisch. Die Metropole Toronto ist ein Auffangbecken für Einwanderer aus aller Welt, so auch für Südafrikaner. Ob Brandon Huntley noch immer in dem Land ist? Die Forscherin Kogila Moodley (indische Südafrikanerin) ist es jedenfalls. Was den Basketballer (Spieler, nun Trainer) Stephen „Steve“ Nash betrifft, die Eltern stammen aus GB, er ist in Jo’burg geboren, als Kleinkind mit der Familie ausgewandert. Kölzig wurde genannt. Ebenfalls Eishockeyspieler ist Josh(ua) Reinecke, Südafrikaner der in Canada aufgewachsen ist; bei ihm hat es zur NHL weit gefehlt

Bezüglich Deutschland wurden Carpendale und Mabuse bereits genannt. Der Musiker Xavier Naidoo stammt väterlicherseits von indischen Südafrikanern ab (mütterlicherseits von koptischen Ägyptern). Cherilyn MacNeil macht(e) Dear Reader und lebt in Berlin. Die Künstlerin Candice Breitz verbringt einen Teil ihrer Zeit in Deutschland. Über den Fussballer Sean Dundee oben etwas. Sarah Poewes Mutter ist Jüdin, ihr Vater ein deutscher Protestant, sie wuchs in Kapstadt auf, wurde Schwimmerin, wanderte „über die USA“ nach Deutschland aus. Dass Südafrikaner in Länder der Vorfahren „zurück“wandern, das Muster gibt es also öfters. Poewe machte für Deutschland eine Olympia-Medaille.

In Apartheid-Zeiten gab es alle Arten deutscher Auswanderer nach Südafrika, mit dem Ende der Apartheid sind viele davon zurückgekehrt bzw haben ihre Präsenz dort „gedrosselt“. Da gibt es oft ein Herziehen über das neue Südafrika, anstatt seriöser Auseinandersetzung, Lamento über den Verlust von Privilegien und Vorrangstellung. Die DDR hat namibische Kinder aufgenommen und den Freiheitskampf schwarzer Völker im südlichen Afrika im Gegensatz zur alten BRD unterstützt, manchen südafrikanische Exilanten wurde Ausbildung gewährt (siehe Charles Nqakula). Bezüglich Deutschland und Südafrika ist natürlich auch Dieter Gerhardt relevant, der ja jetzt in der Schweiz lebt; es gab solche (deutschstämmigen Südafrikaner) wie ihn die sich gegen die Apartheid stellten und solche wie Neethling.

Bezüglich Frankreich sind zB der ehemalige Rugby-Spieler Pierre de Villiers zu nennen (der in’s Land seiner Vorfahren ging, als Hugenotte), der genannte Breytenbach oder Pierre Issa, südafrikanisch-libanesisch-französischer Fussballer. Siya Kolisi, der derzeitige Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft, spielt als Legionär in Frankreich. In der Niederlande leben südfrikanische Exilanten hauptsächlich in Amsterdam. Es ist ja das Haupt-Herkunftsland der Buren. Ob die Familie Johnstone (oben) jetzt dort lebt? Die Ex-Kolonien bzw eine Apologetik der eigenen Kolonialgeschichte war(en) bislang nicht Wilders‘ Betätigungsfeld. Zu Johannes „Hans“ Vonk, siehe oben. Ebenfalls bedeutend ist der plastische Chirurg Jan van Wingerden in Amsterdam. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (und da besonders in Dubai) sind (hauptsächlich weisse) Südafrikaner eine von vielen Einwanderer-Gemeinschaften, neben Iranern, Irakern, Palästinensern,… Exemplarisch sei die Familie Burrell genannt.

Im Zimbabwe gibt es Afrikaaner/Buren und Anglo-Südafrikaner aus früheren Einwanderungsphasen, seltener schwarze Rückwanderer aus Südafrika. Afrikaaner gibt es heute etwa 10 000 in dem Land, viele Doppel-Staatsbürger und „Pendler“ darunter. Genannt sei der ehemalige Kricketer „Andy“ Blignaut. Wenn Trübsal über das neue Südafrika geblasen wird, kommt garantiert Zimbabwe in’s Gespräch, die Entwicklung die es seit etwa 2000 genommen hat unter Mugabe. Zimbabwe mit der ZANU-PF-Diktatur, Landenteignungen, Misswirtschaft wurde ein Schreckgespenst oder eine „Pawlowsche Glocke“, wie Ronald S. Roberts 07 geschrieben hat, für viele weisse Südafrikaner und solche die sich diesen nahe fühlen.(42) Robert Mugabe ist ’17 abgetreten und ’19 gestorben. Dennoch gab es keinen echten Wandel. Man muss sagen, dass Entwicklungen bei Nachbarn (wie Zimbabwe oder Namibia) tatsächlich auch für Südafrika wichtig sind. Wenn man aber schon beim Afro-Pessimismus ist, es gibt auch hoffnungsvolle Entwicklungen auf dem Kontinent, etwa dass in den Schlüsselstaaten Nigeria und Kongo friedliche Machtwechsel über die Bühne gehen.

Irland: Melanie Verwoerd lebt ja nicht mehr dort, aber zB die Sportler Alistair Cragg (Laufen), Andre Cornelius Botha (Kricket) oder der Musiker Daniel Hope. Die Iren sind ein Volk das mit den Engländern/Briten „verfeindet“ ist und doch irgendwie „angelehnt“ an sie, wie die Afrikaaner. Der Rugby-Spieler Snyman spielt dort, ist aber im Gegensatz zu Botha nicht ausgewandert. Die Irischstämmigen in Südafrika (wie der Historiker Donald McCracken in Durban) sind weitgehend unter den Anglo-Südafrikanern aufgegangen. Belgien hat zu den Buren natürlich auch eine gewisse Affinität und der Vlaams Belang „kümmert“ sich auch um Auswanderer von dort, in Brüssel und anderswo. Aus einer anglo-südafrikanischen Familie kommt dagegen C. L. Dale. In Argentinien gibt es zB die Afrikaaner/Buren-Familie Schlebusch, die in Südafrika (zu Apartheid-Zeiten) einen Vizepräsidenten hervorgebracht hat.

Der österreichische „Rassenanthropologe“ Rudolf Pöch hat auf einer Reise im südlichen Afrika 1908/09(43) (eine von der Österreichische Akademie der Wissenschaften finanzierten Forschungsreise) die Leichname zweier Khoisan (Klaas und Trooi Pienaar, genauer gesagt zwei San) ausgegraben und mit nach Wien genommen (verschifft), wo sie dann im Naturhistorischen Museum ausgestellt wurden. Pöch nahm daneben auch Skelette und Schädel von weiteren San mit, nach Österreich-Ungarn, um sie dort der „Rassenforschung“ zugänglich zu machen. Siehe Sarah Baartman. Die südafrikanischen Historiker Martin Legassick und Ciraj Rassool sind um 2000 auf den Leichenraub aufmerksam geworden. SADOCC (Southern Africa Documentation and Cooperation Centre) und südafrikanische Botschaft protestierten gegen diese Leichenschändung. Zu SADOCC noch mehr.

12 wurden im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in Wien die sterblichen Überreste dieses Ehepaars dem südafrikanischen Vize-Minister für Kunst und Kultur, Joseph Phaahla, übergeben. Zusammen mit Petrus Vaalbooi, einem traditionellen Heilkundigen der Volksgruppe der San, dem südafrikanischen Botschafter Xolisa Mabhongo, sowie einem Repräsentanten der Familie Pienaar, wurden die Särge nach Südafrika gebracht, dort im Einklang mit den Gebräuchen der San endlich bestattet. Bei der offiziellen „Verabschiedung“ der Pienaars waren auch Cecil de Fleur von der National Khoi-San Consultative Conference, Walter Sauer von SADOCC und Elisabeth Freismuth vom österreichischen Wissenschaftsministerium dabei. Ein Zwangsexil, das Abendlandretter und kulturalistische Mahner wie Andreas Koller, Wolfgang Sobotka, Andreas Peham („Heribert Schiedel“) natürlich kalt liess.

Der südafrikanische Botschafter in Wien ist heutzutage in der Regel auch bei den Regierungen in Bratislava und Ljubljana akkreditiert und übernimmt auch die Vertretung Südafrikas beim Büro der UN in Wien und dortigen Unterorganisationen (darunter die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO und die Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen). Erster südafrikanischer Botschafter in Österreich war (1957-61) Donald B. Sole. Er war in Wien Mitgründer der IAEO. Danach war er in der BRD, schliesslich in der USA. 69-77 war Simon Frank Repräsentant des Apartheid-Regimes in Österreich. Johannes Roux (zuvor in der zentralen Gefängnisverwaltung) war laut de.wikipedia 92/93 Botschafter in Österreich; anderen Angaben zufolge wurde er 94 oder später von Nelson Mandela als Botschafter ernannt. 96 wurde erstmals ein Schwarzer Botschafter hier; bei wikipedia klafft eine Lücke zwischen ihm und dem Abgang Rouxs 93. Seither nehmen in der Regel „Schwarze“ diesen Posten ein.

Der damalige Ministerpräsident Südafrikas, Balthazar Johannes Vorster, kam 1977 nach Wien, um mit Walter Mondale, US-Vizepräsident, über die Lage im südlichen Afrika zu sprechen, in der Hofburg. Sole (Botschafter in der USA damals) und Aussenminister „Pik“ Botha waren dabei. Österreich war damals während des Kalten Kriegs wegen seiner Neutralität eine Art „Ort der Begegnung“. Vorsters Nachfolger, Pieter Willem Botha, war 1984 in Österreichs Hauptstadt, um seine Verfassungsreform zu verkaufen. Formal hat sich Österreich zwar in den 1980ern den internationalen Sanktionen gegen das Regime in Südafrika angeschlossen, allerdings haben Firmen haben trotz Embargo Verträge mit Südafrika abgeschlossen und über Umwege Waffen ins Land geliefert.

Viele Österreicher waren der Meinung, dass die Weissen zu Recht über die Schwarzen (und Farbigen) herrschten. Es gab „österreichisch-südafrikanische Freundeskreise“, auch mit österreichischen Auswanderern(44) und südafrikanischen Einwanderern, als Teil der Apartheid-Lobby. Diese hatte in den späteren 1980ern und frühen 1990ern Mangosuthu Buthelezi (Homeland KwaZulu) als Aushängeschild, bzw als Gewährsmann, dass man Mandela leichter als „kommunistischen Terroristen“ diffamieren konnte.(45) Das Massaker in Soweto 1976 war entscheidend für die Gründung der Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich (zuvor vereinzelte Aktionen), um Walter Sauer, damals Student. Sauer ist SPÖ-nahe, kannte Heinz Fischer (Parlaments-, dann Bundespräsident), der hat den langjährigen ANC-Chef Oliver Tambo über Bruno Kreisky kennengelernt.

Zur Angelobung Nelson Mandelas als Präsident Südafrikas am 10. Mai 1994 in Pretoria, quasi die Geburt des neuen Südafrikas, waren Sauer und Fischer gemeinsam als Vertreter Österreichs vor Ort. Dann wurde die österreichische Anti-Apartheid-Bewegung in SADOCC umgewandelt. Bei der Organisation arbeiten zB Shula Marks (GB) und der aus Namibia stammende Horst Kleinschmidt mit. SADOCC bringt demnächst ein Buch über die österreichische Anti-Apartheid-Bewegung heraus. Es hielt zB 2004 zu 10 Jahre Demokratie in Südafrika ein Symposium ab und 2008 zum 90. Geburtstag Mandelas eine Veranstaltung. Zurück zu südafrikanischen Exilanten in Österreich: Da sind aktuell zB Johan Botha zu nennen, Opernsänger, der zeitweise hier lebt, auch die österreichische Staatsbürgerschaft hat. Oder der protestantische Wissenschafter und Geistliche James A. Loader, der als evangelischer Theologe in Wien arbeitet und als Pfarrer einer der niederländisch-reformierten Kirchen ordiniert ist. Oder Evan Schalkwyk.

Die Apartheid-Lobby in der Schweiz wurde von Christoph Blocher geleitet, zu den entsprechenden Netzwerken hier. Was die Exilanten betrifft, Dieter Gerhardt wurde genannt. Der Unternehmer/Manager Ivan Glasenberg kommt aus einer jüdischen Familie in Südafrika, leitete den Minenkonzern Glencore, wirkte in Australien, jetzt in der Schweiz, soll auch die israelische Staatsbürgerschaft haben. Die Mutter vom zurückgetretenen Tennis-Star Roger Federer ist eine burische Südafrikanerin, er hat auch diese Staatsbürgerschaft. Zu nennen wäre auch der Imageberater Clifford Lilley.

Zu Israel/Palästina: Da sowohl unter den Juden als auch unter den Christen aus Südafrika, die sich in dem Land niederlassen, welche sind, die dies in den 1967 von Israel besetzten Gebieten tun, ist diese Landesbezeichnung angebracht. Es gab Juden, die zu verschiedensten Zeiten von Südafrika nach Israel gingen oder in die Gegenrichtung, am Stärksten als diese beiden Regime enge Beziehungen hatten, also in den 70ern und 80ern (nach dem Krieg 73, bis De Klerks Reformen). Die meisten Israelis verliessen Südafrika mit dem Ende der Apartheid. Eine Einwanderung von Juden in das Land das seit 1948 „Israel“ darstellt, gilt als „Heimkommen“ oder „Aufstieg“. Zum Anderen gab es immer wieder weisse rechte Christen, die dieses Land anzog.

Jene südafrikanischen Juden (oder jüdischen Südafrikaner) die der Apartheid wirklich ablehnend gegenüberstanden (sie bekämpften), hatten/haben in der Regel auch eine kritische bzw ablehnende Haltung ggü dem Zionismus bzw Israel. Dennis Goldberg (s.o.) verliess Israel gleich wieder nachdem er dorthin ausgeflogen worden war nach seiner Freilassung – im Apartheid-Südafrika dachte man, Israel sei der richtige Ort für Juden. Arthur Goldreich (gestorben 2011) oder Benjamin Poground stehen/standen da in der Mitte, der Apartheid ablehnend ggü, dem Zionismus (mehr oder weniger) kritisch. Der Journalist Pogrund emigrierte Mitte der 80er nach GB, dann in die USA, Mitte der 90er nach Israel. Für zionistische Verhältnisse ist er liberal, er beschönigt den zionistischen Ethnostaat aber meistens.

Der Leichtathlet Mark Handelsman ging zu Apartheid-Zeiten aus Südafrika nach Israel, trat für dieses an, ist anscheinend geblieben. Da ist er nicht der einzige jüdische Sportler. Um nun zu den Christen zu kommen, da gibt es Afrikaaner/Buren, die zum Judentum konvertieren, um weiter in einem Apartheid-System leben zu können, das in Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten tun. Oder David van der Walt von der evangelikalen ICEJ (International Christian Embassy Jerusalem), der nun anscheinend mit seiner Frau nach Finnland weitergezogen ist. Christliche weisse Südafrikaner wie er oder die Konvertierten können in Israel/Palästina besser leben als die Tausenden schwarzafrikanischen Einwanderer, besser als die Palästinenser (mit und ohne israelische Staatsbürgerschaft) ohnehin.(46)

Wie man liest, haben sich Afrikaaner (burische Südafrikaner) auch in Russland niedergelassen. Die Sowjetunion unterstützte den Kampf gegen Apartheid und deren Freunde im südlichen Afrika (was von Westblock- & Apartheid-Politikern zur Rechtfertigung der Apartheid herangezogen wurde und wird), wobei Wladimir Schubin wichtig war. Doch Afrikaner/Schwarze und generell Südländer sind bei Ostslawen in der Regel nicht gut angeschrieben, Ressentiments gelten auch schon Kaukasiern. Andererseits hat Russland begonnen (wie China), in Afrika politisch-militärisch-wirtschaftlich aktiv zu werden. An der Schnittstelle, am Übergang vom sowjetischen Anti-AH-Engagement zum russischen „Nationalismus“ war ein Massaker in einer anglikanischen Kirche in Kapstadt 1993 (also noch zur Apartheid), durch die Miliz des PAC (einst, vor der IFP, vom Westen wegen seines Antikommunismus‘ geschätzt…), unter den Opfern waren 4 russische Seeleute die sich in Südafrika aufhielten.(47)

In der Türkei gibt es etwa die Weitspringerin Karin Melis-Mey, eine weisse Südafrikanerin, die 2008 türkische Staatsbürgerin wurde um für das Land sportlich antreten zu können. Sie änderte auch ihren Namen. Sie holte eine WM-Medaille für die Türkei und blieb unter den Fittichen ihres Trainers Charlie Ströhmenger. Auch nach Saudi-Arabien sind Südafrikaner ausgewandert, so der Techniker Rolf Bakaitis (ursprünglich anscheinend aus Deutschland), der Projekt-Manager für die CAT Group in KSA ist. Es gab immer wieder Weisse (hauptsächlich Afrikaaner), auch Khoisan und Mischlinge, die (über den Oranje/Garieb) nach Namibia gingen, was man an Afrikaaner-Namen (wie Van der Merwe oder Pienaar) erkennt, die dort häufig vorkommen.

José „Joe“ Berardo ist ein Unternehmer, der von Madeira nach Südafrika ging und wieder zurück nach Portugal. In Indien gibt es Familien in denen es Rückwanderer aus Südafrika gab/gibt, darunter bei den Gandhis (s.o.). Die Fürstengattin von Monaco, Charlene Grimaldi (geb. Wittstock), Ex-Schwimmerin, ist aus Südafrika, ihre Familie (deutsch-englischer Herkunft, aus Zimbabwe), „überlegt, wegen der Kriminalität auch nach Monaco zu ziehen“. In Ägypten gibt es zB den Fussball-Legionär Percy Tau, bei Al Ahly Kairo. In Japan gibt es den Rugby-Legionär „Faf“ De Klerk oder „Lappies“ Labuschagne, der dort auch als Legionär begann, inzwischen für das dortige Nationalteam spielt. Für Italien spiel(t)en im Rugby Ross Vintcent, Quintin Geldenhuys oder Abraham Steyn. In Georgien sollen sich auch Afrikaaner niedergelassen haben; in Sambia oder Mocambique gibt es Bauern, die durch SACADA (s.o.) dorthin gekommen sind. Dann bleiben noch Mauritius, Brasilien, China, Lesotho, Katar, Griechenland, Swasiland, Madagaskar, Iran, Schweden,…

Einige Links:

https://www.wisemove.co.za/post/top-neighbourhoods-for-south-african-expats

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0376835X.2017.1351870

How South African expats have risen to the top of key American sectors

https://en.wikipedia.org/wiki/South_African_diaspora

(1) Gelegentlich wird die Zeit von 1961 bis 1994 bezüglich Südafrika als „Erste Republik“ bezeichnet, die Zeit seither als „Zweite Republik“. Gelegentlich wird Transvaal (zeitweise „Südafrikanische Republik“ genannt) mitgezählt, damit ist man bei der Dritten Republik

(2) Von seiner Herkunft, Englisch war/ist aber für ihn wichtiger als Afrikaans

(3) Khoisan = Khoikhoi („Hottentotten“) + San („Buschmänner“)

(4) Wiktionary: „So named for having one foot in South Africa, one foot in Great Britain and his penis dangling in the Atlantic.“ Oder im Mittelmeer

(5) Gandhi kämpfte gegen Diskriminierung der Inder in den britischen Kolonien des südlichen Afrikas, ignorierte jene der Schwarzen aber zu einem grossen Teil. Sein Kampf und seine Lehre inspirierte Nelson Mandela oder Martin L. King, doch hat er die Inder möglicherweise als überlegen ggü den Schwarzen gesehen. Andererseits hielt er auch Kontakte mit Führern des SANNC (Vorläufer des ANC), wiegesagt widersprüchlich. Beziehungen zwischen den „Rassen“ Südafrikas war/ist vor/während/nach der Apartheid ein Thema, und da gibt es nicht nur Schwarz und Weiss. Und Inder gibt es auch in anderen Ländern des südostafrikanischen Raums (in Mauritius bilden sie die Mehrheit); auch im Karibik-Raum leben sie mit Schwarzen zusammen (zB in Trinidad-Tobago)

(6) Nicht-Europäer kämpften für europäische Mächte in deren Kriegen (gegen einander…), freiwillig oder nicht. Nicht-Europäern die auf Seite der Alliierten kämpften und als einigermaßen gleichberechtigt behandelt werden wollten, erging es wie den Afro-Amerikanern in Agana 1944 und den Algeriern in Setif 1945. Während (Ex-) Nazis nach diesem Krieg und dem Faschismus auch im Westen wichtig und geachtet blieben. Heute ist es in Mode gekommen, zu versuchen, westliche Sünden auf Nicht-Weisse abzuwälzen. Was Indien betrifft, da gab es ja Subhas C. Bose, der sich mit den Achsenmächte gegen die Alliierten (hauptsächlich natürlich GB) zusammentat. Wobei man bei den Nazis den Kampf der Inder um Unabhängigkeit von Grossbritannien als „Versuch der Durchbrechung einer natürlichen Rangordnung“ sah, wie Hitler wörtlich meinte. Hitler: „Wenn heute der Inder unter der Herrschaft Englands lebt oder der Schwarze unter der Herrschaft irgend eines europäischen Volkes, so ist dies in deren Inferiorität begründet…“. Siehe dazu andere Meinungen zu „weisser Überlegenheit“, „rassischer Inferiorität“ und Antiimperialismus, von Leuten die bisweilen als „linksliberal“ oder so gelten

(7) Was den 2. WK betrifft, in Südafrika waren jene politischen Kräfte, die eine Bindung an GB befürworteten (wie die United Party) natürlich für eine Unterstützung der Alliierten, die burisch-nationalen (HNP und rechts davon) für eine der Achsenmächte. Bezüglich der nicht-weissen Bevölkerungsmehrheit lagen sie nicht so weit auseinander. Brian Bunting, der in der kommunistischen Partei Südafrikas (CPSA bzw SACP) und dann im ANC gegen die Apartheid aktiv war, sah den Krieg als einen zwischen zwei imperialen Mächte um mehr Territorium, änderte aber seine Meinung nachdem Nazi-Deutschland die SU angegriffen hatte. Renfrew Christie dagegen, ein weisser Südafrikaner der später geboren wurde und ebenfalls die Apartheid bekämpfte, tat dies mit Verweis auf Verwandte die im 2. WK den Faschismus in bzw aus Europa bekämpft hatten (in der südafrikanischen Armee). Spätere Spitzenpolitiker der Nationalen Partei (NP) wie Johannes Vorster waren damals Nazi-Sympathisanten, aber bezüglich der „Schwarzen“ lag die UP (der innere Gegenpol) nicht wirklich so weit weg; und Israel war einer der wichtigsten Verbündeten des Apartheid-Regimes. Bezüglich Anglo-Imperialismus und weissem Suprematismus waren bzw sind Gegner des NS (damalige und spätere) meist nicht besonders anti-faschistisch. Und im Kalten Krieg war nicht nur die Sowjetunion und der Rest Osteuropas Feind des Westens, wie zuvor für Nazi-Deutschland; oft wurden auch ehemalige Nazis auf dieser Seite eingespannt, und wurden „Farbige“ diskriminiert (siehe Lumumba, Mossadegh,…). Das Burisch-Nationale hatte sich mit Pro-NS verbunden, später aber mit Pro-IL. Damit noch 1,2 Sätze zu den „Anti“deutschen. Dort feiert man ja Arthur „Bomber“ Harris (der nichts gegen die weisse Vorherrschaft im südlichen Afrika tat, im Gegenteil), etwa 2014 mit der „Thanks Bomber Harris“-Aktion am Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden 1945, bei der Piratenpartei-Politiker stark vertreten waren. Mit Anglo- bzw Westimperialismus haben solche schon mal gar kein Problem. Was dieser Harris über Araber sagte (s.o.) muss „Anti“deutschen gut gefallen, nur dass sich seine Aktionen aber hauptsächlich gegen Kurden (im Irak richtete), die man in diesen Kreisen als „Lieblinge“ erkoren hat. Harris sagte, “The Nazis entered this war under the rather childish delusion that they were going to bomb everyone else, and nobody was going to bomb them. At Rotterdam, London, Warsaw and half a hundred other places, they put their rather naive theory into operation. They sowed the wind, and now they are going to reap the whirlwind.”; der zweite Satz könnte von Zionisten sein

(8) Viele militante Gruppen wurden als „Terroristen“ eingestuft und haben dabei Unrechtsregime bekämpft, von der französischen Resistance bis zum südafrikanischen ANC

(9) Die Geschichte der DA findet sich in vier Artikeln dieses Blogs. Sie ist als solche 2000 gegründet worden. Der älteste Ast des Stammbaumes der DA geht auf die SAP zurück

(10) Buthelezis wichtigster britischer Finanzier war der Zoobesitzer und Casino-Magnat John Aspinall. Auch Thatcher fand an ihm Gefallen

(11) Janusz Walusz und Amy Biehl waren 2 Weisse die Anfang der 90er nach Südafrika kamen, aus komplett entgegengesetzten Motivationen. Walusz kam aus Polen und tötete Hani bei dessen Haus in Boksburg, im Auftrag von Politikern der Konservativen Partei. Die US-Amerikanerin Biehl engagierte sich gegen die Apartheid und studierte in Kapstadt. Sie wurde in zeitlicher Nähe zu Hani ermordet, in Gugulethu bei Kapstadt, wohin sie 3 Schwarze begleitete. Unter den Mördern war ein Aktivist des Pan Africanist Congress of Azania (PAC), der radikaler des ANC war, Ntobeko Peni. Er wurde gefasst, 1994 mit drei Anderen zu 27 Jahren Haft verurteilt: 1998 wurde er von der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) begnadigt

(12) Ein Grossteil der Schwarzen ist an den ANC „gebunden“, der sie von der Apartheid befreite

(13) Was Malema betrifft, er brach 2013 vom ANC mit Anhängern weg und gründete die Economic Freedom Fighters (EFF). Zu seiner Haltung ggü Weissen sagte er: „South Africa belongs to all who live in it. You must never buy the story that we are anti-white and we want whites to be driven into the sea. This is your home, your country and it belongs to all of us. I would die in defence of the white minority – they must enjoy the same rights as Africans. But when we say we must share, it doesn’t mean we are fighting – we are actually protecting you”. Jedoch auch: “This land was robbed, stolen. A black genocide was committed against those who owned the land… I will never agree with the rewarding of those who stole our land.” 

(14) Die „New York Times“ (Barry Bearak) Ende 08: „’It is easy to tap into such naysaying. But there is a case to be made that pessimistic South Africans are looking at a glass that is actually more than half full yet describe it as near empty. Not so long ago, people feared that the end of apartheid would set off civil war and a blood bath.‘ Adam Habib, a political analyst, finds it understandable that the marginalized complain, and he invokes the term ‚relative deprivation.‘ The gap between the rich and the poor may be widening, but the lot of the poor is improving, he said: the unemployment rate, however horrendous, is in decline; the incomes of the poor, however meager, are on the rise. While some critics have likened Mr. Mbeki’s exit to a Stalinist purge, Mr. Habib, a deputy vice chancellor at the University of Johannesburg, pointed out that the transition was smooth and nonviolent, something rare in Africa. ‚Our democracy is only 14 years old,‘ he said. ‚Rather than calling this a crisis, people ought to ask how our institutions came together so well in so short a time.‘ Mr. Zuma fares badly in national opinion polls, but there is no denying an allure. A personable man, he seems to win over every audience he meets. He talks tough on crime, and despite his notorious postcoital shower, he seems to address the topic of H.I.V. and AIDS in a reasoned manner. For nearly a year, Mr. Zuma and Mr. Mbeki represented two competing centers of power. Some businessmen are relieved to see the combat decisively at an end. Indeed, South African pessimism has spawned a countervailing industry of reassurance. Louis Fourie, a noted financial adviser, travels the country delivering a speech called ‚South Africa, How Are You?‘ Yes, he confesses, the public education system is deplorable. Yes, crime is horrendous. Yes, 20 million impoverished South Africans are ‚living in hell, no other way to describe it.‘ But, Mr. Fourie reminds people that the country has 1,533 miles of gorgeous coastline, 10 international airports, a robust stock exchange and an open society with a free press. He fondly repeats the phrase that South Africa is ‚the most unsung success story in modern history.‘ Since May, one of the nation’s best-selling books has been a pep talk titled ‚Don’t Panic!‘ by a businessman, Alan Knott-Craig. Aimed primarily at downhearted white people, the book laments the ‚tsunami of negativity‘ and discourages those packing for Perth. Mr. Knott-Craig, 31, said in an interview that 67 of his 72 classmates in an accounting course had emigrated. ‚People are being bombarded by bad news, and at every water cooler it gets reinforced,‘ he said. ‚People thank me for helping them snap out of their negativity.‘ And yet perhaps even Mr. Knott-Craig is susceptible to gloom. In the preface to ‚Don’t Panic!‘ he seems to praise South Africa with faint damnation. ‚Will we still have a viable country in 2020?‘ he asks himself rhetorically, cautiously concluding, ‚I think we’ve got a better than 50-50 chance.'“ Ebenfalls aus dieser Zeit, in IT-Diskussionsforen: „Perhaps we lovers of transparency in government and upholders of freedom should strike at the source of corruption? Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry with special attention being given to BAE Systems[britischer Rüstungskonzern, Anm.], the organisation mentioned in your report.“, aber auch: „……MICRO SIGNS :
The arrest of the entire crew of South African Airways – twice – for
having drugs on board. Has this happened to the crew of any other national airline?
The fact that Amazon no longer ships to South Africa except by the very expensive priority order route as so much that is shipped in the normal way is stolen or disappears.“ Unter macro signs hat der den „Aufstieg“ von Zuma und Malema und die „Rückkehr“ von „Winnie“ Mandela-M. genannt. Nomzamo Winifred Zanyiwe Madikizela, wie sie eigentlich heisst, starb ’18, 5 Jahre nach ihrem Ex-Mann; 21 starben Frederik W. De Klerk und Desmond M. Tutu, 20 C. Viljoen, 23 M. Buthelezi

(15) KwaZulu bestand aus 26 Teilstücken/Distrikten, verteilt über die Provinz Natal, gewissermaßen aus dem, was die Weissen nicht selbst unbedingt brauchten/wollten. IFP-Chef und KwaZulu-Chefminister Buthelezi, der eine Zeit lang beim „Teile und herrsche“ mitspielte, hätte wohl gerne Richards Bay mit ihrem Hafen gehabt, auch wenn das Homeland schon Meereszugang hatte. Das Apartheid-Regime stiess bei dieser Überlegung auf Widerstand der weissen Bevölkerung von Richards Bay, die grossteils Anglo-Südafrikaner, nicht Buren/Afrikaaner, waren. Bei aller Kollaboration stiessen also auch die Herrscher dieses Homelands auf die Rassen-Hierarchie, die in Apartheid-Südafrika Alles bestimmte…

(16) Der südafrikanische Autor Imraan Coovadia wies darauf hin, dass ungefähr alle 5 Tage ein Farmer ermordet wird, hingegen jeden Tag 50 arme Schwarze

(17) Der Führer der ultrarechten burischen Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB), Eugene Terre’Blanche, wurde 2 Monate vor Beginn der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 von 2 (schwarzen) Arbeitern seiner Farm in Ventersdorp (Nord-West) ermordet, anscheinend aus unpolitischen Gründen (Streit um ausstehende Löhne)

(18) Kleiner Exkurs: Wilders ist ein glühender Israel-Anhänger. Seit er als Jugendlicher in einem Kibbuz war, heisst es. Bei ihm findet sich diese Gegenüberstellung, die es bei fast allen Zionisten gibt, da das produktive, saubere, rechtschaffene Israel, dort die verkommenen, schmutzigen, fanatischen Araber. Jordanien sei eigentlich Palästina, Israel gehöre in die EU, so Wilders, der das Land nicht nur besucht, sondern dort auch auftritt. Er unterhält gute Kontakte mit Rechts-Zionisten und (Teilzeit-)Israelis wie Avigdor Lieberman, Caroline Glick, Henryk Broder. Israel-Unterstützung und „Antisemitismus“-Beschuldigungen sind für Rechte wie Wilders eine Möglichkeit, Anerkennung zu bekommen. Und um Fremdenhass auszuleben. Man ist nur gegen Islamismus, Antisemitismus, Terrorismus, Homophobie, Frauenunterdrückung,… Wilders versucht sich vom NS abzugrenzen, indem er sein Feindbild (Islam, Moslems) immer wieder in dessen Nähe stellt (Koran wie „Mein Kampf“,…). Mit Lieberman trifft er sich zB darin, dass es einen Kampf/Krieg zwischen dem Westen (einschliesslich Israel) und dem Islam gäbe (siehe dazu auch Aznar, Harper, Stürmer,…). Er macht Wahlwerbung mit Mohammed-Karikaturen (er lebt ja von Islamismus), instrumentalisiert moslemische Frauen (da ist er nicht weit von den Linkschauvinisten), wurde/wird von Breivik verehrt, von Clarion promotet. Wilders bei einem Auftritt mit Strache in Wien: in diesem Land sei vor einigen Jahrhunderten der Westen gegen den Islam verteidigt worden. Die Forderung nach einem Schächtverbot hat dann auch das Wiesenthal-Zentrum gegen ihn empört. Und, das Sarrazin-Buch ist laut Wilders Anzeichen dafür dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe… Siehe dazu auch Meloni (Italien, FdI), einerseits grosse Israel-Verteidigung, „andererseits“ Nazi-Grüsse bei Auftritten von ihr

(19) Und, wie etwa bzgl der Türkei zählt das Eintreten für oder gegen die Palästinenser, egal wie die Menschenrechtsbilanz im eigenen Land aussieht

(20) Siehe oben und auch weiter unten; in mancher Hinsicht wurde Zuma doch den negativen Erwartungen einigermaßen gerecht

(21) Siehe: Renfrew Christie: Electricity, Industry, and Class in South Africa (1984)

(22) Zum Narrativ über schwarze Kriminalität, weisse Opfer aber ein paar Anmerkungen. Natürlich gibt es auch Schwarze als Opfer „unpolitischer“ Kriminalität im Post-Apartheid-Südafrika. So wie 2007 der Musiker Lucky Dube oder 2022 der Wildhüter Anton Mzimba (der sich gegen Wilderei engagierte), ein Bekannter des nunmehrigen britischen Kronprinzen William Mountbatten-Windsor. Oder Morde unter Weissen, wie der des Sportlers Oscar Pistorius ’13 an seiner Lebenspartnerin, dem Model Reeva Steenkamp („für Einbrecher gehalten“); oder der von Gerda Theron (Mutter von Charlize) 1991 (also in der Übergangszeit) an ihrem Mann, einem Arbeiter, in Notwehr. Gerhard J. van Vuuren tötete seine Ex-Geliebte Andrea Venter 11, floh u.a. nach Brasilien, wurde ausgeliefert, 22 verurteilt. Diana Rodrigues (weisse Südafrikanerin portugiesischer Herkunft), heuerte 2005 4 schwarze Männer an, um das 6 Monate alte Baby ihres Partners Neil Wilson zu ermorden (Westkap), verurteilt 07. Alison Botha wurde Ende 84 von 2 weissen Südafrikanern überfallen, vergewaltigt, verstümmelt, diese wurden ’23 entlassen. Cezanne Visser, „Advocate Barbie“, weisse Ex-Anwältin, hat mit ihrem Lebensgefährten Dirk Prinsloo Mädchen und junge Frauen sexuell missbraucht, wurde dafür zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Taliep Petersen, farbiger Künstler, wurde 06 ermordet, evtl von seiner Frau. Hannah Cornelius wurde 17 brutal ermordet, ihr farbiger Freund kam mit dem Leben davon. Dann gab es auch die Inder auf Hochzeitsreise ’10 in Südafrika, Anni Dewani (Schweden/Indien) und Shrin (GB/Indien), dort wurde sie ermordet, Schwarze wurden festgenommen, dann kam ans Licht dass er sie engagiert hatte; Auslieferung GB an RZA, 14 Freispruch > gelöst?. 15 hat der britische Offizier Emile Cilliers (burischer Herkunft, in RZA geboren) versucht, seine Frau Victoria mittels eines präparierten Fallschirms zu töten (hatte andere Frau/en), sie überlebte verletzt, weil sie relativ weich landete; er 18 dafür verurteilt. Aus der Apartheid-Zeit kann man als Beispiel die Verwoerd-Attentate nennen

(23) Südafrikanische Juden sind überwiegendst Aschkenasen, und unter diesen dominieren baltische (litauische und lettische) Juden

(24) Meist Siedler aus Ländern der Kolonialmacht oder der vormaligen Kolonialmacht. Diese Länder sind auch heute jene mit den meisten Weissen (als Bürger oder Ausländer)

(25) Diese Weiterwanderungen erinnern an jene von Franzosen aus der Karibik in die Südost-USA oder die Verpflanzung der Mizrahis nach Israel

(26) Commonwealth-Länder haben „untereinander“ keine Botschaften sondern Hochkommissariate

(27) Lekota sagte 08 in Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage, die südafrikanische Luftwaffe habe seit 05 91 Piloten und 822 Techniker verloren. Der „Argus“: „Such resignations were often prompted by various personal reasons such as immediate citizenship, extended flying careers in the case of aircrew and other perceived advantages such as low crime and a good standard of living, Lekota said.“

(28) GB wie im Fussball oder im Kricket mit 3 Nationalmannschaften (+ Irland)

(29) In der DA sind Apartheid-Befürworter wie -Gegner vertreten; was die Positionierung zur Apartheid bzw ihrer Rolle in dieser Zeit gehört, zumindest ein Teil will sich Widerstand an die Fahnen heften und vergleicht Sharpeville 1960 mit Marikana 2012

(30) Farbige (Mischlinge), Weisse und Asiaten machen zusammen etwa 60% der dortigen Bevölkerung aus

(31) Die Einen sagen (vorwurfsvoll), das Westkap sei die letzte europäische Kolonie in Afrika, die Anderen, die Region gehöre den Weissen, Schwarze hätten dort nichts verloren

(32) Er kehrte während des Umsturzes 1979 zurück und betätigte sich politisch, solange das möglich war

(33) Weder seine Vision einer Vereinigung der südafrikanischen Gebiete in einer Union unter britischer Fahne noch die einer Vereinigung der anglo-amerikanischen Welt wurden Realität 

(34) Walusz ist einer der Wenigen, die von der TRC nicht Amnestie bekamen, er wurde 22 freigelassen

(35) Aus Zimbabwe nach Südafrika kamen auch der Rugby-Spieler Mtawarira oder der Medienmogul Ncube

(36) Der sudanesische Warlord Hemedti kam nur zu Besuch, genau wie „Jan“ van Riebeeck oder die Windsors, die Staatsoberhäupter Südafrikas waren. 5 britische Monarchen waren 1910 bis 1961 Staatsoberhäupter (auch) von Südafrika, wobei sich der Name des Königshauses von Saxe-Coburg-Gotha auf Mountbatten-Windsor änderte. Nicht berücksichtigt sind hier jene Monarchen die über Vorgängerstaaten Südafrikas (wie Kapkolonie) herrschten

(37) Christiaan Barnard, der Herz-Transplanteur, ein Afrikaaner, bekam den Physiologie/Medizin-Preis ja nicht, er selber legte sich dazu mal ein Opfermäntelchen um („Weil ich ein weisser Südafrikaner bin“), mal machte er auf lässig („Weil ich so viele Freundinnen hatte“). Sein Bruder Marius, ebf. Herzchirurg, und sein Assistent, war in den 1980ern Abgeordneter für die PFP. Am Groote Schuur-Krankenhaus wurde Barnard auch von Hamilton Naki assistiert

(38) Ward Verrijcken sprach dabei Niederländisch, sie Afrikaans, sie verstanden sich, die Sprachen sind mehr oder weniger interkomprehensiv. Theron damals: „Ek is altyd bang dat ek nie alles kan verstaan nie“

(39) Die 1890 gegründete weisse South African Cricket Association (SACA) spielte den Currie Cup aus, dessen Trophäe wie jene der Rugby-Meisterschaft vom britischen Reeder Donald Currie gestiftet wurde. Der Bewerb wurde während des Südafrikanischen Krieges 1899-1902 ausgesetzt, und dann auch während des 1. Weltkriegs

(40) Davor von seinen Vorgänger-Gebieten, wie Kapkolonie

(41) Es war nicht möglich, herauszufinden, ob sie das noch immer tut

(42) Die Entwicklung in Zimbabwe wird benützt, wie das Wüten des IS gegen legitime Ansprüche der Palästinenser

(43) Also in der Zeit zwischen der britischen Eroberung auch der restlichen Buren-Gebiete 1902 und der Vereinigung all‘ dieser Gebiete zur Südafrikanischen Union 1910

(44) Siehe dazu auch hier über Richards Bay und die Grenzen der „Sympathien“ für Buthelezi von gewissen Seiten

(45) Der österreichische Ex-Fussballer Peter Burgstaller war kein Auswanderer, er hielt sich 2007 zur Auslosung der Qualifikationsphase zur Fussball-Weltmeisterschaft 2010 in Durban auf, als er bei einem Raubüberfall auf einem Golfplatz erschossen wurde. Zur selben Zeit spielte ein anderer österreichischer Tormann, Markus Böcskör, in Südafrika, bei den Kaizer Chiefs

(46) Auch Albert Bühler hatte es dort leichter, jener Nazi-Soldat der die ICEJ gründete

(47) Ebenfalls an diesem Übergang war die „Weltreise“ Mandelas nach seiner Freilassung 1990, bei der es zu einem Besuch auch in Russland und einem Treffen mit Shubin kommen sollte

Menschen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren, bzw Politiker die in mehreren Staaten wirkten, Herrscher die die „Nation wechselten“,… Es gibt verschiedene Typen davon, doch bevor es losgeht, etwas dazu, was hier nicht behandelt wird, um welche Leute es hier nicht geht.

Über Sportler, die die Nation wechselten, und Soldaten die Entsprechendes taten, gibt es eigene Artikel. Zu Militärs, die in die Politik gingen, folgt noch Näheres. Leute, die in (oder für) ein(em Land) militärisch aktiv waren/sind, in einem anderen politisch, kommen hierfür nicht in Frage, aber manchmal ist die Grenze zwischen politischer und militärischer Tätigkeit nicht so leicht zu ziehen. Auch um Künstler und Intellektuelle geht es hier natürlich nicht. Somit auch nicht um Jamal ad-Din Afghani (Asadabadi) oder Nazim Hikmet (Ran). Oder um Wissenschaftler. So wie Albert Einstein (Deutsches Reich, Schweiz, USA und beinahe für Israel politisch) oder Wernher von Braun (Deutsches Reich > USA)(1). Albert Schweitzer bekam einen anderen Nobelpreis als Einstein und war in anderen Gebieten tätig, auch er ist kein Kandidat für diesen Artikel.

Es geht hier auch nicht um Leute, die in staatlichen Institutionen wirkten, als hohe Beamte gewissermaßen. Stanley Fischer etwa wurde in der damaligen britischen Kolonie Northern Rhodesia geboren, ging nach Grossbritannien, dann in die USA. Ist US-amerikanischer und israelischer Staatsbürger, arbeitete in IWF und Weltbank, dann (2005-13) als Chef der Nationalbank Israels. 14-17 war er Vizechef der amerikanischen Federal Reserve. Otto Meissner ist in dreifacher Hinsicht nicht relevant. Er stammt zwar aus dem Elsass und war dann in Deutschland (für drei Reichspräsidenten) tätig, aber: der Elsass war, solange er dort lebte, Teil des Deutschen Reichs; er war im Elsass auch nicht politisch tätig; und, seine Tätigkeit für die deutschen Präsidenten ist eher als die eines (hohen) Beamten als eine politische zu sehen.

Thae Yong Ho war nordkoreanischer Diplomat der überlief, in Südkorea Politiker wurde; Hwang Jang-yop war Politiker in Nordkorea, lief über, wurde aber nicht direkt politisch aktiv in Südkorea. Maximilian Ronge war in österreichischen Geheimdiensten in 4 Systemen (Monarchie, 1. Republik, Ständestaat, 2. Republik) führend aktiv, aber eben nicht politisch. Der dänische Seefahrer Vitus Bering wurde für Russland aktiv, auch er zählt hier natürlich nicht. Auch geht es hier nicht um Jene, die ihre Religion wechselten; das waren sehr oft die Begründer/Stifter von Religionen, wie Jesus/Yehoshua/Issa, Nanak, Baha’ullah. Letzterer war auch in mehreren Ländern aktiv, aber das qualifiziert ihn auch nicht. Päpste hatten früher, bis Pius IX., viel weltliche Macht inne; aber diese bekamen sie mit ihrer Wahl, und die Macht war nicht auf den Kirchenstaat beschränkt. Abgesehen davon gab es in diesen früheren Jahrhunderten kein Italien; der Kirchenstaat „überlebte“ die Gründung des Königreichs Italien nur um wenige Jahre (1861-1870).(2)

Der erste Aga Khan der ismailitischen Moslems migrierte von Persien ins britische Indien, war aber eben Religionsführer, kein Politiker. Wobei diese Grenze nicht immer leicht zu ziehen ist. Paul Schäfer, der Führer der „Colonia Dignidad“ (die u.a. eine Sekte war), war von Deutschland nach Chile gegangen, war dort politisch aktiv in gewisser Hinsicht. Autoren oder Blogger, von Jan Lamprecht (aus Zimbabwe nach Südafrika) bis Hossein Derakhshan (Iran, Canada, USA) zählen natürlich auch nicht als Politiker – auch wenn sie sehr politisch schreiben. Zu den Leuten, die in einem Land militärisch aktiv waren, in einem anderen politisch: Der Germane Odoaker etwa diente in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius. Das Weströmische Reich war damals (spätes 5. Jh) instabil und das Militär übte grossen Einfluss aus. Die nicht-römischen Soldaten („Söldner“) unter Odoaker erhoben sich gegen ihre Diskriminierung, stürzten dann Kaiser Romulus (dessen Vater Orestes, der Heermeister, eigentlicher Machthaber war). Odoaker begründete das „Königreich Italien“, war zuvor für das Weströmische Reich aktiv gewesen – aber eben militärisch, nicht politisch.

Carl Mannerheim diente, als Finnland Teil des Russischen Reichs war, in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch. 1918 wurde er Finnlands zweites Staatsoberhaupt (nach Per Svindhufvud). Einen vergleichbaren Werdegang hatte Miklos Horthy, der in Österreich-Ungarn Admiral war, nach dem 1. WK 1920 bis 1944 als „Reichsverweser“ des unabhängigen Ungarns agierte.(3) Beide waren nicht wirklich engagiert gewesen in den Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer Länder, oder im Rahmen ihrer Selbstverwaltung. Es folgen bei den Grenzfällen unten noch einige Militärs, bei denen das mit dem politischen Wirken in einem anderen Staat nicht so eindeutig ist. Adolf Heusinger ist einer jener Offiziere, die nie politisch tätig waren, auch nicht zu einem Feind überliefen, aber er machte die „Transformationen“ Deutschlands im früheren 20. Jh mit, diente im Deutschen Heer (> kaiserliches Deutsches Reich), Reichswehr (D.R. der Weimarer Republik), Wehrmacht (> „Grossdeutsches Reich“), Bundeswehr (> BRD), ausserdem der NATO.

Alexander Löhr (der aus Rumänien stammt) ist einer Jener, die Österreich-Ungarn und Nazi-Deutschland militärisch dienten. „Hakob Hakobian“ (auch „Hagopian“), eigentlich Harutiun Tokashian aus Mossul, Irak, war Führer der armenischen ASALA, wurde 1988 in Griechenland ermordet (wahrscheinlich von westlichen Geheimdiensten). Er ist nicht inkludiert unter Jenen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren/sind (weil quasi-militärisch aktiv), Monte Melkonian (siehe unten) schon. Irgendwo muss man die Grenze ziehen. Melanija Knavs war weder in Jugoslawien, noch in Slowenien (nach der Unabhängigkeit), noch in Italien (wo sie als Model arbeitete), noch in der USA politisch aktiv. Lebenspartner, Gemahlinnen,… von Herrscher gelten nicht per se als politisch aktiv bzw Macht ausübend. So wie Charlene Wittstock aus Südafrika (dort nicht politisch aktiv, sondern sportlich), die ins monegassische Fürstenhaus heiratete, die Habsburgerin Marie Antoinette oder eine Tochter des letzten sasanidischen Königs Persiens, Yazdgerd III., Shahrbanu, die den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll.

Auch unter Jenen, die definitiv politisch aktiv waren/sind, müssen diverse Typen ausgeschlossen werden. Politisches Engagement wird jedenfalls eher breit definiert, muss nicht unbedingt an eine Funktion, ein Mandat gebunden sein. Die Kategorien der modernen Staatlichkeit sind für frühere Zeiten natürlich nur bedingt gültigWas jedenfalls auch nicht zählt: Die Änderung von politischen Ansichten bzw des Lagers, wie von Links nach Rechts. Oder, wenn Kinder eine andere politische Richtung als Eltern oder Vorfahren einschlagen. Leute, die (in einem Staat) mehrere Mandate/Funktionen nebeneinander inne hatten/haben. Das Überschreiten von innerstaatlichen Grenzen, also die Tätigkeit in mehreren Provinzen/Bundesländern/… oder der Wechsel von der Regionalpolitik in die nationale (bundesstaatliche, zentralstaatliche), wie von Franz J. Strauss oder Manuel Fraga I. In der Regional- oder Lokalpolitik Tätige, die unter andere staatliche Oberherrschaft kommen, werden bei den Grenzfällen berücksichtigt.

Was den Spanier Fraga betrifft: der war in der Franco-Diktatur Minister, in der Zeit des Übergangs zur Demokratie ebenfalls, im demokratischen Spanien dann u.A. Präsident der Regionalregierung von Galizien. Transformationen von Staaten zählen nicht, wenn sich nur die Staatsform oder der Name verändert haben, nur wenn sich der betreffende Staat auch territorial substantiell verändert hat. Fraga zählt daher nicht als Staats-/Nationswechsler, oder Frederik W. De Klerk, der in der Republik Südafrika im Apartheid-System und in der Demokratie aktiv war. Tschiang Kai-Schek ist unter den Grenzfällen. Der Übergang vom Deutschen Reich zu BRD und DDR zählt als einer zu einem anderen Staat. Eine wichtige Ausschluss-Kategorie: Jene, die das Land gewechselt haben, aber nur in einem politisch aktiv waren. Nicht Wechsel des Wohnortes oder der Staatsbürgerschaft ist entscheidend, sondern des Ortes der politischen Betätigung.

Da gibt es jene, die in der neuen Heimat (dem Zielland) aktiv wurden, wie Janet Jagan, die Präsidentin Guyanas wurde (aber in der USA nicht politisch tätig war)(4); die allermeisten (am Ende des 2. WK) deutschen Vertriebenen, die in der BRD oder DDR aktiv wurden, wie Rainer Barzel, Egon Krenz, Manfred Kanther, Wilhelm Pieck, Erich Mende,…(5); Hans-D. Genscher siedelte 1952 aus der DDR in die BRD über, war aber in der DDR nicht politisch aktiv gewesen. Beispiel für einen „Aussiedler“, der in die Politik ging, ist Bernd Fabritius, Siebenbürger Sachse(6), in Rumänien nicht politisch aktiv gewesen, in der BR Deutschland für die CSU im Bundestag; Prinzen die in anderen Länder auf den Thron kamen, wie Karl von Hohenzollern-Sigmaringen (der 1866 Fürst Rumäniens wurde, seine Nachfolger dort Könige), Otto von Wittelsbach aus Bayern (der 1832 König Griechenlands wurde) oder Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg aus Dänemark (der 1905 König Norwegens wurde); viele israelische Politiker, wie David Ben-Gurion (Grün, aus dem russischen Polen ins osmanische Palästina ging), Shimon Peres (Perski, aus Polen ins britische Palästina), Shmuel Flatto-Sharon (aus Frankreich nach Israel), Avigdor Lieberman (aus der SU nach IL), Michael Oren (Bornstein, aus der USA nach IL); natürlich jene, die als Kind in ein anderes Land gebracht wurden, wie Hendrik Verwoerd (Niederlande > Südafrika) oder in einer Art Exil geboren wurden, wie Valery Giscard d’Estaing 1926 im damals französisch besetzten Rheinland; Peter Hain, der in Kenya geboren wurde, mit seinen Eltern dann in Südafrika lebte, schliesslich nach GB auswanderte (sich dort gegen die Apartheid engagierte, dann für die Labour Party Minister unter Blair und Brown war); Hitler, der nur im Deutschen Reich aktiv war, trotz österreichischer Herkunft (Grenzgebiet, Innviertel) und europaweiten Eroberungen/Besetzungen/Annexionen (auch Österreich wurde ja Teil Deutschlands unter ihm)(7); A. Schwarzenegger war in Österreich auch nicht politisch aktiv (sein Vater schon etwas, als NSDAP-Mitglied zur Zeit des Anschlusses); Joseph Jenkins-Roberts, der 1809 in Virginia (USA) in eine Familie ehemaliger Sklaven geboren wurde, 1829 in die Colony of Liberia auswanderte, 1841 deren Gouverneur wurde, 1848 erster Präsident des unabhängigen Liberias, 1872 der siebente; oder Raed Arafat, der aus einer in Syrien exilierten palästinensischen Familie stammt, 1981 nach Rumänien auswanderte, Arzt wurde, als Parteiloser Vizeminister für Gesundheit war (07-12), anschliessend daran für etwa eineinhalb Monate Gesundheitsminister; Manmohan Singh, aus einer Sikh-Familie im Panjab, damals Britisch-Indien, der nach der Unabhängigkeit und Teilung Indiens mit der Familie aus Pakistan nach Indien ging, in Pakistan höchstens ein paar Monate lebte; Raffi Hovanissian, als Exil-Armenier in der USA geboren, 1990 in die SU-Republik Armenien auswanderte, die ’91 mit dem Auseinanderfall der SU unabhängig wurde, dort war er 91/92 Aussenminister, dann Parteigründer,…

Und dann gibt es jene, die nur in der alten Heimat aktiv waren, wie: Wolfgang Wittstock, der Abgeordneter im rumänischen Parlament war (als Vertreter der deutschen Minderheit), dann in die BRD auswanderte (und sich dort nicht politisch betätigte); Félix Benzakein, ein jüdischer Ägypter der für die Wafd-Partei Abgeordneter im ägyptischen Parlament war, und trotz seiner (führenden!) Rolle in der zionistischen „Bewegung“ der Juden Ägyptens bis 1960 im Land blieb (die meisten Juden verliessen 1956 Ägypten) und dann nicht nach Israel ging, sondern in die USA; einige Griechen die im Osmanischen Reich oder in der Türkei politisch aktiv waren und dann nach Griechenland auswanderten, wie Pavlos Karolidis oder Nikolas Fakatsellis (8); Arthur Goldreich, südafrikanischer Jude, der bei der Schaffung Israels militärisch mithalf, zurück nach Südafrika ging, sich dort gegen die Apartheid engagierte (in der SACP), daher flüchten musste, (wieder) nach Israel ging.

Es gibt auch Jene, die ihr Land verliessen um zeitweise in einem anderen zu leben, dann wieder zurückkehrten, im Exilland aber nicht politisch aktiv waren (in dem Sinn, dass sie in der Politik dieses Landes mitwirkten): Rangin Spanta (Afghanistan; Türkei, BR Deutschland); Vaira Vike-Freiberga (Lettland; Canada); Benito Mussolini (Italien; Schweiz, Österreich-Ungarn)(9); Mátyás Rákosi (Rosenfeld; [Österreich-] Ungarn; Sowjetunion bzw Sowjetrussland)(10); Wladyslaw Racziewicz (Polen; Grossbritannien)(11); entthronte Monarchen wie Simeon Sakskoburggotski (Bulgarien; Spanien) oder Mihai Hohenzollern-Sigmaringen (Rumänien; Schweiz); Juan Peron, der 1955-73 im Exil war (die meiste Zeit im franquistischen Spanien), davor und danach Präsident Argentiniens; zur Zeit der Herrschaft des letzten Schahs (Mohammed Reza Pahlevi) im Iran war unter Anderen Ruhollah Khomeini im Exil (v.a. im Irak), nachdem Khomeini 1979 an die Macht kam, war dieser Schah bis zu seinem Tod etwa ein Jahr im Exil (u.a. in Ägypten), sein Sohn, Thronanwärter Reza Pahlevi, bis heute (meist in der USA), es gibt auch iranische Politiker wie Abdolhassan Bani Sadr die zur Zeit des Schahs und zur Zeit der Herrschaft der Mullahs im Exil waren/sind (Bani Sadr in Frankreich) – die Genannten waren/sind alle im Gastland in der einen oder anderen Hinsicht politisch aktiv, aber im iranischen Kontext, Reza Pahlevi etwa kümmert sich nicht um US-amerikanische Politik (ausser wenn sie Iran betrifft); nicht wenige gegen die Apartheid engagierte Südafrikaner aller Rassen waren im Exil, viele davon kehrten mit Ende der Apartheid zurück und konnten nun kandidieren und politische Ämter übernehmen, wie etwa Joseph Slovo (stammt aus Litauen, war meist in Afrika im Exil) oder Abdul Minty (meist in GB); nach dem Zerfall Jugoslawiens in dessen Nachfolgestaaten politisch aktive ehemalige Exilanten waren hauptsächlich Milan Panic (Jugoslawien; USA) und Gojko Susak (Kroatien; Kanada); Hussain al Sharistani (Irak; Iran, Grossbritannien)(12); die russischen Oligarchen Chodorkowski oder Abramovich waren in Russland in unterschiedlicher Hinsicht politisch aktiv, im Exil weniger; die chilenischen „Chicago Boys“ (wie Hernan Büchi oder José Pinera), die in der USA nur studierten, dann im Pinochet-Regime tätig waren (manche auch danach).

Politiker mit Migrationshintergrund sind auch etwas anderes. So wie Margarita Mathiopoulos (in der BR Deutschland als Tochter griechischer Einwanderer geboren, in SPD und FDP aktiv, ausserdem in der Politik benachbarten Bereichen, und mit CDU-Politiker Pflüger verheiratet) oder Cem Özdemir (Türkei, Deutschland). Migrationshintergrund hatten auch etwa die Roosevelts, die von einem Claes van Rosenvelt abstammen, der um 1640 aus der Niederlande in eine seiner Kolonien, nach Nieuw Nederland (seine Hauptstadt Nieuw Amsterdam), auswanderte. Oder solche, die neben der Staatsbürgerschaft des Landes in dem sie leben und arbeiten, eine zweite haben, wie David McAllister (Deutschland), Sven Alkalai (Bosnien-Herzegowina), Saad Hariri (Libanon), Ilan Laufer (Rumänien). Es gibt auch jene Politiker, die in ihrem Land die Unabhängigkeit oder den (Gebiets-) Transfer an einen anderen Staat erlebten, aber unter den neuen Verhältnissen nicht aktiv wurden, wie Jegor Ligatschow. Andere waren nur dort aktiv, wie Silvius Magnago (im italienischen Südtirol) oder Robert Schuman.

Schuman wurde in Luxemburg geboren als Sohn eines Lothringers und einer Luxemburgerin, wuchs dort sowie in Lothringen (damals Teil des Deutschen Reichs) auf, war deutscher Staatsbürger.(13) Nach der Annexion von Elsass und Lothringen durch Frankreich nach dem 1. WK bekam Schuman die französische Staatsangehörigkeit und wurde für die Union Républicaine Lorraine Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung. Nach dem 2. WK und der deutschen Wiederaneignung bzw Besetzung von Elsass und Lothringen wurde er wieder in der französischen Politik aktiv (für die MRP), wurde Minister und Premierminister (1947/48 und 1948: halbes Jahr, dann paar Tage). Hauptsächlich engagierte er sich, zur Zeit der Vierten Republik, der westeuropäischen Einigung und „transatlantischen“ Bindungen, gilt als einer der Begründer der heutigen EU, der NATO, des Europarates; 1958-60 war Schuman Präsident des Europäischen Parlaments.

Es gibt weiters entthronte, entmachtete Monarchen, die „ihr Reich verloren“ und im „neuen Staat“ dann keine Macht mehr ausübten. So wie der letzte letzte souveräne König der Zulu (1872 bis 1879) und ihr Führer im Krieg gegen die Briten 1879, Cetshwayo kaMpande, die letzte Königin von Hawai’i, Liliʻuokalani (1874 Königin, 1893 gestürzt, starb 1917) oder Stanislav II. August Poniatowski (letzter König Polens, starb im russischen Bereich, war de facto Gefangener in St. Petersburg). Die nächste (ausgeschlossene) Kategorie sind Jene, die im Rahmen einer Fremdherrschaft aktiv waren, sie gelten nicht als Teil des beherrschten Landes sondern des beherrschenden – ausser wenn dieses souverän blieb. Eroberer/Besetzer wie Dschingis Khan, Alexander, Napoleon, Hitler, Omar gehören hier dazu. Hans Frank war im nationalsozialistischen Deutschen Reich u.a. Minister ohne Geschäftsbereich und  1939-45 Generalgouverneur des nicht annektieren Restgebietes Polens. Er wirkte an der deutschen Besetzung Polens führend mit, zählt aber (natürlich) nicht als polnischer Herrscher.(14) War somit nur in einem (bzw für einen) Staat aktiv. Hanns M. Schleyer war in dieser Zeit im besetzten Rest-Tschechien aktiv, in einer „indirekten“ politischen Funktion, wie dann auch in der BRD.

George VI. (Haus Sachsen-Coburg-Gotha bzw Windsor) war der letzte britische König, der auch über (ganz) Irland herrschte; nachdem er diese Funktion verlor, behielt er genug andere, zB die des Kaisers von Indien (auch als solcher war er der letzte). Indien wie Irland waren damals britisch beherrscht und George (der stotternde König) nur im UK aktiv. So verhält es sich auch bei Charles J. Canning, als Generalgouverneur bzw (ab 1858) Vizekönig Indiens so etwas wie oberster Repräsentant des britischen Monarchen in der Kolonie. Oder bei Roland „Roy“ Welensky, 1956-63 Premier der Föderation der beiden Rhodesiens und Njassaland, er wirkte nach der Unabhängigkeit Nord-Rhodesiens von GB (als Zambia/Sambia) dort nicht mit. Chris(topher) Patten (CP) war Abgeordneter und Minister, 92-97 letzter britischer Gouverneur über Hongkong, dann EU-Aussenkommissar, nun wieder im britischen Parlament (nun im Oberhaus) .  

Das Gebiet um Smyrna/Izmir war 1919-22 Teil Griechenlands, der damalige Zivilverwalter Aristeidis Stergiadis hat keineswegs in der Politik des Osmanischen Reichs oder der Türkei mit gewirkt. Baudouin/Boudewijn von Belgien war König von Belgien…und vom Congo (Kongo) – retrospektiv ist er einer der Herrscher über den Congo, aber dieser war damals eben Teil Belgiens. Haile Selassie herrschte als Kaiser Äthiopiens nach dem 2. WK über das später unabhängige Eritrea (seine Aufhebung der Autonomie führte zum eritreischen Unabhängigkeitskampf), hat auch nicht über 2 Länder geherrscht. Ähnlich verhält es sich mit Pietro Badoglio, italienischer Militär, in Libyen (Tripolitanien und Cyrenaica) Gouverneur/Kommissar (29-33), 35/36 Befehlshaber der Invasion in Äthiopien, dann zunächst dort Gouverneur/Kommissar. 1936 wurde der italienische König Vittorio Emanuele III. zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig (und Gouverneur) von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.(15) Badoglio war dann in Italien 43/44 Premier sowie Minister.  

Vidkun Quisling spielte eine (politische) Rolle in demokratischen, unabhängigen Norwegen (Minister 31-33), war dann Kollaborations-Ministerpräsident unter der nazideutschen Besatzung 42-45 (dazwischen nahm er einen Parteiwechsel vor). Auch wenn Norwegen damals nicht souverän war (und Quisling eigentlich für die deutsche Besatzung tätig war), wird ihm (und Anderen in entsprechenden Fällen) hier nur die Tätigkeit für/in einem Staat „angerechnet“. Dann, wichtig, Jene die sich um Unabhängigkeit von Gebieten bemüh(t)en, aber damit nicht wirklich zu Anerkennung kamen. Die Grenze zwischen echter Souveränität und Pseudo-Unabhängigkeit ist natürlich auch nicht immer leicht zu ziehen. Die serbischen „Republiken“ in Kroatien und Bosnien (1991 bzw 1992 bis 1995) waren gewiss Pseudostaaten; Radovan Karadzic, „Präsident“ der Zweiteren, war nur in Bosnien-Herzegowina aktiv, hauptsächlich nach dessen Unabhängigkeit von Jugoslawien, aber eben gegen diesen Staat.(16) Oder der „Unabhängige Staat Kroatien“ (Nezavisna Država Hrvatska, NDH) im 2. WK. Oder die Repubblica Sociale Italiana, ein anderer Marionettenstaat Nazideutschlands; Giorgio Almirante war etwa in ihr und im Nachkriegs-Italien (Repubblica Italiana) aktiv.

Auch Mandschukuo (mit Pu Yi, dem letzten Kaiser von China als Staatsoberhaupt) oder die Mahabad-Republik waren Pseudo-Staaten. In Afrika gilt das gewiss für die (vier nominell unabhängigen) Homelands in Apartheid-Südafrika, wie die Transkei – ihr letztes „Staatsoberhaupt“, Bantubonke Holomisa, war dann im Post-Apartheid-Südafrika recht wichtig. Bei Katanga (Congo, 60-63) und Biafra (Nigeria, 67-70) ist die Sache etwas weniger klar. Beide hatten wenig internationale Anerkennung als unabhängige Staaten, waren von westlichen Gönnern abhängig und konnten sich nicht lange halten. Der „État du Katanga“ war noch weniger als die „Republic of Biafra“ tatsächlich unabhängig; sein „Präsident“ Moise Tshombe war danach Ministerpräsident der Zentralregierung der DR Congo, wäre also von daher ein Kandidat für die untere Zusammenstellung von in mehreren Staaten aktiven Politikern/Herrschern (das eigentliche Thema des Artikels) gewesen.

Grönland oder Schottland könnten in absehbarer Zeit unabhängig werden, bei Tibet ist das weniger wahrscheinlich. Sein Dalai Lama lebt ja im indischen Exil, war Mitglied des Parlaments der VR China gewesen. Da Tibet nicht souverän ist und in der indischen Politik nicht aktiv wurde, bleibt es bei der Tätigkeit für diesen einen Staat. Er ist aber schon nahe an einem Grenzfall, unten folgen noch mehrere solche. Ebenfalls nicht als souveräne Staaten behandelt werden hier Staatenbünde wie die Vereinigte Arabische Republik (Ägypten + Syrien, 1958-61) oder die West Indies Federation (1958-62). Leute die „international“ politisch aktiv/waren sind, werden hier auch nicht berücksichtigt, wenn sie das davor/danach in einer nationalen Politik waren/sind – so wie Perez de Cuellar, Köhler, Waldheim, Blix, El Baradei. Wer kommt noch nicht in Frage? Der Brite Cecil Rhodes war in diversen britischen Kolonien im südlichen Afrika tätig, wirtschaftlich und politisch, auch etwas militärisch – konkret aber nur in der Kapkolonie.

Nun aber zur Sache, zu einer Auswahl von Menschen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren. Ähnliche Fälle werden zT gemeinsam angeführt bzw behandelt. Häufigster Typ eines solchen Nationswechsels ist eine Änderung der Zugehörigkeit der Zugehörigkeit eines Gebietes, im Rahmen von Okkupationen/Annexionen oder der Erlangung der Unabhängigkeit eines Gebietes, durch Entkolonialisierung oder Auflösungen von multiethnischen Staaten. Dieses Letztere gab es gehäuft in Folge des 1. WK, hauptsächlich durch den Untergang der Vielvölker-Monarchien Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich; und am Ende des Kalten Kriegs. Es gab Transformationen von Staaten, wie vom Deutschen Reich zu BRD und DDR.

Es gab politisch aktive Menschen, die emigrierten (und in der alten wie in der heuen Heimat tätig waren). Und, in früheren Zeiten gab es häufig die Herrschaft über zwei (oder mehrere) Reiche durch einen Monarchen in Personalunion – eine Konstellation in der Einer gleichzeitig über mehrere Staaten herrscht. Oder die Übernahme der Herrschaft eines Gebiets durch einen Herrscher durch Heirat, durch Eroberung, durch „Tauschgeschäfte“,… Selten ist das „freiwillige“ Mitarbeiten in mehreren Ländern wie bei Radek oder Valls. Am Ende dann die Grenzfälle, etwa Jene, die regional/lokal wirkten vor/nach dem Transfer eines Gebiets von einem Staat zu einem anderem.   

Josef Trischler: 1903-1975, Donauschwabe, aus der Batschka, aus derem südlichen Teil, der nach dem 1. Weltkrieg von Österreich-Ungarn zum SHS-Reich (ab 1929 „Jugoslawien“) kam. In den 1920ern studierte er in München (Deutsches Reich) Agrarökonomie. 1939 bis 1941 war er, als Vertreter der deutschen Minderheit, Abgeordneter im jugoslawischen Parlament. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Achsen-Mächte 1941 wurden Süd-Baranya und Süd-Batschka Ungarn „zugeteilt“. Trischler und zwei weitere Donauschwaben aus dem Raum Ostslawonien-Vojvodina im YU-Parlament (Hamm und Spreitzer) wurden 1942 infolge dessen in das ungarische Parlament berufen. Trischler war ausserdem führend aktiv im Volksbund der Deutschen in Ungarn. Inwiefern Trischler dem Nationalsozialismus nahestand oder nur Opportunist war, ist umstritten, siehe den Wikipedia-Artikel über ihn(17). 1945 war er unter den vielen „Reichs-“ und „Volksdeutschen“, die aus Osteuropa in das deutsche „Kerngebiet“ (oder was sie dafür hielten) zogen.

Trischler ging nach Bayern (wie eine relative Mehrheit der Vertriebenen insgesamt), wo er ja studiert hatte. War dort aktiv in Vertriebenen-Verbänden, im BdV und diversen Teil- und Vorgängerorganisationen. Theodor Heuss, einer der Gründer der FDP, war sein Hochschullehrer gewesen, Trischler schloss sich dieser Partei an. 1949-53 war er für sie Mitglied im Ersten Bundestag. Dieser wählte ja Heuss zum ersten Bundespräsidenten der BRD. In seiner Zeit als Abgeordneter dort setzte er sich hauptsächlich für Belange von deutschen Vertriebenen ein, deren Gebiete nicht zum Deutschen Reich gehört hatten (Auslandsdeutsche in der Zwischenkriegszeit, „Volksdeutsche“ genannt). In den anderen beiden Parlamenten waren Belange der dortigen deutschen Minderheit sein Hauptaugenmerk gewesen. Trischler, der das Bundesverdienstkreuz erhielt, trat später in die CDU ein. Er hat also drei Parlamenten (Kgr. Jugoslawien, Kgr. Ungarn, BRD) angehört.

Vom Dänen Mads Ole Balling kam 1991 „Von Reval bis Bukarest: statistisch-biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945“ heraus (2 Bände), ein Kompendium über die auslandsdeutschen Abgeordneten der Zwischenkriegszeit, in Band 2 kommt Trischler vor. Balling hat anscheinend einen Antrag beim Guinness-„Buch der Rekorde“ gestellt, Trischler dort dafür aufzunehmen, den Parlamenten dreier Staaten angehört zu haben. Es kommen hier noch Einige mit starken Bezügen/Ähnlichkeiten zu ihm > 2. WK, NS, Ost-Europa,… Trischler ist einer von ganz Wenigen dieser („Vertriebenen“), die einem Parlament der beiden Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches (BRD, DDR) angehört haben. Wiegesagt, Vertriebene sind nur relevant, wenn sie in zwei anerkannten Staaten aktiv waren. Trischler steht wahrscheinlich für einen Opportunismus ggü dem NS, aber auch dafür, wie Angehörige deutscher Minderheiten in Osteuropa rund um den 2. WK zwischen die Mühlen von Regimen, Ideologien, Armeen,… gerieten.

Isaak/ Yitzak Grünbaum: Bei ihm liegt ein Wechsel des Wohnortes vor, der von der Polnischen Republik in’s britisch beherrschte Palästina, einer vom jüdischen Minderheitenvertreter in Polen zum Zionisten in Palästina (und schlussendlich israelischen Politiker). Geboren und aufgewachsen ist Grünbaum noch im Polen das zum Russischen Reich gehörte. In der „II. Polnischen Republik“ (1918-1939) wurde er erstmals 1919 in den Sejm (das polnische Parlament) gewählt, für eine zionistische Fraktion namens Al Hamishmar. Dort organisierte er einen Block jüdischer Abgeordneter bzw Parteien – dem dann lange nicht alle jüdischen Abgeordneten angehörten, u.a. die Kommunisten (KPP) nicht. Dann war er entscheidend daran beteiligt, den Blok Mniejszości Narodowych (BMN) zu organisieren (1922), den Block nationaler Minderheiten, dem sich die Parteien der grossen ethnischen Minderheiten im Polen der Zwischenkriegszeit, der Deutschen, Juden, Ukrainer und Weissrussen, anschlossen. Der BMN war ein Wahl- und ein Fraktionsbündnis, und Grünbaum (einer der jüdischen Vertreter in ihm) war einer seiner Führer. Bei seinem ersten Antreten, der Parlamentswahl 1922, wurde der BMN zweitstärkste Partei!(18)

Grünbaum war ausserdem führendes Mitglied des Europäischen Nationalitätenkongresses (ENK; auch Kongress der organisierten nationalen Gruppen in den Staaten Europas), der 1925 von von Vertretern nationaler Minderheiten in Europa gegründet wurde und bis 1938 bestand.(19) Wenn es diesem Kongress gelungen wäre, einen Ausgleich zwischen den Interessensgegensätzen der in ihm vertretenen Gruppen zu erreichen, wäre der Welt der 2. WK erspart geblieben… Führend neben Grünbaum waren im ENK auch die hier behandelten Josip Vilfan und Rudolf Brandsch, ausserdem die Deutschbalten Schiemann (Lettland) und Ammende (Estland), von Szüllö (ein Ungar in der Tschechoslowakei), von Sierakowski vom Bund der Polen in Deutschland. Grösste Gruppen waren Deutsche, Juden, Katalanen, Ukrainer, Ungarn, Russen, Polen, Tschechen (jeweils aus verschiedenen Staaten, in denen sie Minderheiten waren). Auch hier in diesem Artikel finden sich nicht wenige Politiker mit Bezug zu Polen, in verschiedensten Settings, Deutsche, Juden, Russen, Ukrainer…was die doch scharfen Brüche wiederspiegelt, denen Polen Ende des 18. Jh (Teilungen) sowie um den 1. WK und 2. WK herum unterworfen war.

Grünbaum wanderte mit seiner Familie 1932/33 nach Palästina aus, als seine Hamishmar (und anderen zionistische Parteien) an Unterstützung unter den Juden Polens verloren. In Palästina war er klarerweise zionistisch aktiv, u.a. für die Jewish Agency, die illegale jüdische Einwanderung organisierte. Er blieb anscheinend die meiste Zeit parteilos, stand der Mapam nahe. Grünbaum war einer jener zionistischen Funktionäre, die von den Briten rund um den 2. WK (als die Konflikte zwischen Zionisten, Briten und Palästinensern schon ziemlich eskaliert waren) im Gefangenen-Lager Latrun interniert wurden.(20) Grünbaum war einer der Unterzeichner der israelischen Unabhängigkeitserklärung 1948 (zur Zeit der Nakba), wurde israelischer Innenminister (48/49). Viele israelische Politiker sind anderswo geboren/aufgewachsen (siehe oben, ausserdem Bennett,…), aber ganz wenige davon waren in der Politik dieser Länder aktiv(21). Ein anderer solcher war Adolf Berman, ebenfalls aus Polen, ein Linkszionist, überlebte Besatzung/Holokaust in Polen, war Mitglied im polnischen „Quasi-Parlament“ das 44-47 existierte, anscheinend für Poalei Zion, wanderte 1950 nach Israel aus, war für Mapam und Maki in der Knesset.(22)

Zionistische Führer, verhaftet von den Briten in „Operation Agatha“, interniert in Latrun, Grünbaum 3. v. l.

Hussein bin Ali al Haschemi war der letzte Sharif von Mekka unter osmanischer Hoheit. Zwei seiner Söhne waren führende Teilnehmer des arabischen Aufstands gegen die Osmanen im 1. WK. Hussein al Haschemi wurde 1916 König des Hejaz, bis 1924, als sich (auch) dort die Sauds durchsetzten. Die 1932 Saudi-Arabien gründeten. 1924-26 beanspruchte Hussein den Kalifen-Titel. Sein Sohn Feisal al Haschemi war Abgeordneter im osmanischen Parlament (als Delegierter Jeddahs), welches auf Reforminitiative der nationalistischen Jungtürken etabliert worden war, dann militärisch führend bei der Schaffung des haschemitischen Königreichs Hejaz. 1918-20 war er zusammen mit Briten und Syrern (Atassi,…) Herrscher über Syrien, wurde ’20 kurz König Syriens, als solcher von den Franzosen abgesetzt, dann ’21 König des Irak (mit Erbfolge), der damals unter britischer Hoheit stand. Er herrschte etwa ein Jahr über die Unabhängigkeit des Iraks 1932 hinaus. Sein jüngerer Bruder Abdullah al Haschemi war zu Beginn des 1. WK sogar osmanischer Parlamentspräsident, hätte dann irakischer König werden sollen, wurde 1920 als solcher ausgerufen, wollte aber nicht, wurde „dafür“ ’21 Emir von Transjordanien, nach der Unabhängigkeit von GB 1946 dort König.(23) Bei der Haschemiten-Familie liegt also eine Kombination aus Gebietstransfers, militärischen Eroberungen, Aufstand, Einsetzungen vor.

Simon Bolivar (1783 – 1830) wuchs im Generalkapitanat Venezuela auf, einem Teil des spanischen Vizekönigreichs Nueva Granada. Er war einer der Anführer des Aufstandes der Siedler in Nueva Granada (Neu-Granada) für die Unabhängigkeit von Spanien, zu Beginn des 19. Jh, als dieses vom napoleonischen Frankreich besetzt war. Der ja erfolgreich war. Neu-Granada wurde unabhängig, endgültig 1821, als Gross-Kolumbien (Gran Colombia), ein Staat der sich 1830/31 auflöste, durch die Abspaltung von Ecuador und Venezuela; aus dem Rest wurde Kolumbien (Colombia), ein Staat der bis 1903 auch das spätere Panama beinhaltete. Bolivar wurde Präsident von Gross-Kolumbien (1819 to 1830) und griff als solcher in die Unabhängigkeitskämpfe der anderen spanischen Vizekönigreiche, Peru und Rio de la Plata, ein (die 1821 bzw 1825 entschieden waren). Bolívar war gleichzeitig Präsident von Gross-Kolumbien, Peru und Bolivien! Bolivien (Bolivia), das nach ihm benannt wurde, war Teil von Rio de la Plata gewesen, die Republik Peru Teil des gleichnamigen Vizekönigreichs. Er starb 1830 in Grosskolumbien, zu der Zeit als sich dieses auflöste. Er wird hauptsächlich mit den heutigen Staaten Venezuela und Kolumbien assoziiert, aber auch mit Bolivien und Peru, in geringerem Maß mit Ecuador und Panama. Als wichtiger Akteur in der Geschichte bzw Entstehung dieser Staaten gesehen, als militärischer und politischer Führer. Eigentlich ist seine Vision von Süd-/Lateinamerika nicht wahr geworden, das wäre eine vereinte und starke Region gewesen, die der USA und Spanien Paroli bieten könnte. Für ein paar Jahre hat er in den 1820ern zwar in Personalunion quasi ein Reich hergestellt (bzw vereint), das den Norden Südamerikas und seinen Westen von der Karibik-Küste bis zur Atacama-Wüste umfasste. Doch er hat den Zerfall dieses zT noch mit-erlebt.

Auch der Kroate Stjepan „Stipe“ Mesić war Oberhaupt mehrerer Staaten, auch bei ihm ergab sich das aus der Erringung der Unabhängigkeit, aber nicht von einer Kolonialmacht, und er widmete sich „nur“ einem Nachfolgestaat des zerfallenen. Mesic, der noch zu Zeiten des Königreichs Jugoslawien geboren wurde, war Mitglied in der kommunistischen Partei SKJ und des Parlaments der Teilrepublik Kroatien. Danach wandte er sich von dem System ab und war dafür auch im Gefängnis. Er war 1989/90 einer der Führer der nationalkonservativen HDZ, wichtigste Partei Kroatiens zur Zeit der Demokratisierung der Teilrepublik. Nach den freien Wahlen im April/Mai 1990 wurde Mesic Ministerpräsident (unter Republikspräsident Franjo Tudjman), blieb dies bis zum August dieses Jahres. Mesic, der damals für die Umwandlung Jugoslawiens in einen Staatenbund bzw eine Konföderation unabhängiger Republiken (wie es etwa die GUS ist) war, löste dann nach einem Votum des kroatischen Parlaments den bisherigen kroatischen Vertreter im Staatspräsidium von YU, Suvar, ab. War dort 1990/91 Vize-Vorsitzender unter dem Slowenen Janez Drnovšek (der uns noch begegnen wird hier). Am 15. Mai 1991 sollte das Staatspräsidium(24) Mesic als Nachfolger Drnovseks zu seinem Vorsitzenden (und damit Staatsoberhaupt der SFR Jugoslawien) wählen, eigentlich eine Formalität.

Doch der serbische Block in dem Gremium (die Vertreter Serbiens, Vojvodinas, Kosovas, Montenegros) blockierte dies, vor dem Hintergrund, dass die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien damals ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien erklären wollten. Am 25. Juni geschah das und der Krieg in Slowenien der darauf folgte, war so etwas wie ein letztes Aufbäumen Jugoslawiens gegen seinen Zerfall. Dass Mesic dann am 30. 6. ’91 gewählt wurde, also mitten im Krieg in Slowenien, zeigt auch, dass man auch in Serbien nicht mehr um den Erhalt Jugoslawiens kämpfte.(25) Mesic wurde Vorsitzender des Staatspräsidiums, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens, als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte… Mesic und Drnovsek kamen auch bald nicht mehr zu Sitzungen des Präsidiums, dann auch die Vertreter Bosniens und Makedoniens, Bogicevic und Tupurkovski, nicht mehr. In Kroatien gingen im Sommer/Herbst 91 Spannungen zwischen (der von Rest-Jugoslawien unterstützten) serbischen Minderheit und der unabhängig werdenden Republik und Scharmützel in einen Krieg über. Mesic trat am 6. Dezember als Vorsitzender des Staatspräsidiums zurück, etwas vor Ministerpräsident Ante Markovic.(26) 1992 wurde das, was von Jugoslawien noch übrig war (Serbien mit Kosovo und Montenegro), umgewandelt in die Bundesrepublik Jugoslawien.

Dieser (von Slobodan Milošević beherrschte) Staat mischte aber in den Kriegen in Kroatien und Bosnien mit, natürlich auf Seiten der dortigen serbischen Volksgruppen. In beiden Staaten kämpften Serben für die Abspaltung einiger Gebiete, verbunden mit ethnischen „Säuberungen“. De facto gab es ab Juni/Juli 91 kein geeintes Jugoslawien mehr, de jure gab es eines bis April 92. Als im Herbst 1991 Dubrovnik belagert und beschossen wurde, war Mesic formal noch immer Oberhaupt dieses Staates. Mesic organisierte damals einen Schiffs-Konvoi dalmatinischer Bootsbesitzer von Split aus nach Dubrovnik. Nördlich von Dubrovnik wurde der Konvoi von der Marine Rest-Jugoslawiens aufgehalten. Mesic trat von seinem Schiff aus mit den Marine-Offizieren in Funkkontakt, verlangte die Durchfahrt, und verwies darauf dass er eigentlich noch immer Staatsoberhaupt Jugoslawiens und damit ihr Oberbefehlshaber sei – wobei weder er noch die Gegenseite von der Existenz dieses Staates ausgingen. Mesic sagte in dieser Zeit, dass er über die jugoslawischen Streitkräfte (JNA) eben so viel Kontrolle hatte wie über finnischen, nämlich gar keine. Schliesslich, nach einem Funk-Gespräch mit dem jugoslawischen Vize-Verteidigungsminister Brovet (einem Slowenen) durfte die Flotille durch, nachdem diese auf Waffen durchsucht wurden war.(27)

Mesic war dann Parlamentspräsident Kroatiens, trat 1994 aus der HDZ aus, gründete eigene Parteien. Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Tudjman(28) ergaben sich daraus, dass Mesic mehr Respekt vor der territorialen Integrität von Bosnien-Herzegowina und vor der Demokratie in Kroatien hatte. 2000 wurde er, nach dem Tod Tudjmans, Präsident Kroatiens, blieb das bis 2010. Somit war „Stipe“ Mesic Oberhaupt von zwei Staaten, etwas das es selten gibt. Als Staatsoberhaupt Jugoslawiens war er ausserdem turnusmäßig Sekretär der Blockfreien-Bewegung. Durch das Ende des zweiten (sozialistischen/kommunistischen) Jugoslawiens 1991/92 gab es natürlich auch weitere Politiker, die in ihm sowie den Nachfolgestaaten wirkten. Übergänge dieser Art gab es aber auch um den 1. WK (als das erste, königliche Jugoslawien entstand) und den 2. WK. Exemplarisch seien Einige daraus genannt. Nikola Pasic war Premier vom Königreich Serbien und vom SHS-Reich (wie das erste Jugoslawien anfangs hiess). Ante Pavelić war in der Politik von Österreich-Ungarn und des SHS-Reichs/Jugoslawiens (sowie im Pseudostaat NDH), er hat einen eigenen Abschnitt. Selbes gilt für Anton Korosec. Der Slowene Josip Vilfan war in Italien und Jugoslawien aktiv, zu ihm folgt auch noch Näheres.

Ob das erste und das zweite Jugoslawien als der selbe Staat zu sehen sind/ist, ist eine knifflige Frage. Josip Broz „Tito“ war in beiden aktiv, im ersten war er nicht im Parlament, aber seine Partei, die Komunistička partija Jugoslavije, war auch meist verboten. Aus ihr ging die Savez komunista Jugoslavije, die Staatspartei des zweiten YU, hervor. Ähnlich wie bei Trischler war es bei Kraft und Heinrich, sie werden auch gesondert behandelt. Das dritte (Rest-) Jugoslawien war gewiss ein anderer Staat als das zweite (die SFR). Milosevic ist einer Jener, die in beiden Staaten tätig waren. Der Montenegriner Bulatovic war sogar im sozialistischen Jugoslawien, der Bundesrepublik Jugoslawien, der Staatenunion Serbien-Montenegro, dem unabhängigen Montenegro sowie in der Republik Serbien aktiv. Milan Panic ist oben schon „ausgeschlossen“ worden. Von Jenen, die noch folgen, haben haben/hatten auch Mlinar und Globocnik einen gewissen Bezug zum ehemaligen Jugoslawien. 

Wenzel Jaksch aus der Böhmerwald-Region (Teil vom „Sudetenland“) war in Österreich-Ungarn für die SDAP aktiv, in der Tschechoslowakei für die DSAP, in der BRD für die SPD. Wie Trischler ein „Diaspora-Deutscher“, der vor und nach Evakuierung/Vertreibung aktiv war, also auch in Deutschland. Jaksch war ausserdem bereits vor dem Auseinanderfall Österreich-Ungarns in der Politik (dafür aber „nur“ in einem „Diaspora“-Staat).

Auch der Trentiner Alcide De Gasperi wuchs in Österreich-Ungarn auf und begann dort sein politisches Engagement (für die Partito Popolare Trentino), als Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, wo er ein Führer der Abgeordneten aus italienischen Gebieten in der Doppelmonarchie war, sowie im Tiroler Landtag. De Gasperi war für eine Autonomie des Trentinos innerhalb Österreich-Ungarns. Nach dem 1. WK und den Grenzänderungen war er im Königreich Italien aktiv, in der PPI (führend), nach dem 2. WK (in der Republik Italien) in deren Nachfolgepartei DC (Premierminister 1945-53). Ein Trentiner, der ebenfalls in Österreich-Ungarn sowie in Italien (Königreich und Republik) aktiv war, war Enrico Conci: ebenfalls Partito Popolare Trentino/ Trentiner Volkspartei, 1896-1918 im Tiroler Landtag, 1897-1918 im österreichischen Reichsrat, während des Kriegs in Katzenau interniert, 1918-23 Kommissar der Venezia Tridentina (südliches Tirol einschliesslich Trentin), 20-46 im Senat des italienischen Parlaments (für die PPI), 48-53 Senator in der Republik Italien (DC).

Die Auflösung der Sowjetunion 1991 in 15 Staaten brachte natürlich auch etliche Politiker hervor, die in 2 Staaten aktiv waren. Wobei die personelle Kontinuität in den zentralasiatischen Republiken besonders stark war (mit Adaption der ideologischen Ausrichtung), in den baltischen Staaten praktisch nicht existent, in den ostslawischen und kaukasischen Staaten zT auch stark. In der Russischen SFSR wurde 1990 Boris Jelzin (nicht mehr Mitglied der KPSS/KPSU) zum Präsidenten des Obersten Sowjets (also eigentlich Parlamentspräsidenten) dieser Teilrepublik gewählt – was in der SU gleichbedeutend mit der Position des Präsidenten (der Teilrepublik) war.(29) Nach dem Putschversuch von Alt-Kommunisten im August ’91 kippte die Macht zu den Teilrepubliken(30), zumal Jelzin, nunmehr Präsident der russischen, der starke Mann geworden war. Ende des Jahres lösten SU-Präsident Gorbatschow und der Oberste Sowjet die SU auf. Jelzin wurde im Dezember 91 Präsident eines unabhängigen Staates, der sich Russische Föderation nannte, blieb es bis zum Ende des Jahrzehnts. Sein Werdegang ist eigentlich recht exemplarisch. Michail S. Gorbatschow, letzter Staats- und Parteichef der Sowjetunion (bzw USSR bzw SSSR), trat bei der russischen Präsidentenwahl 1996 als Unabhängiger an, ist somit auch Einer, der in der SU sowie in Russland aktiv waren.(31)

Boris Jelzin im August 1991 auf den Barrikaden in Moskau, beim (erfolgreichen) Versuch, den Putsch niederzuschlagen; die SU löste sich auf, Jelzin blieb Präsident Russlands, das dann kein Gliedstaat der SU mehr war

In der Ukrainischen SSR wurde Leonid Kravchuk, noch als KPSU-Mitglied 1990 Parlamentspräsident, 91 als Unabhängiger Präsident der Teilrepublik, mit der Auflösung der SU Präsident der unabhängigen Ukraine. Er also auch ein Kommunist gewesen und bereits in der SU aktiv. In Georgien wurde 1990 der Dissident Gamsachurdia Parlamentspräsident, es fand eine Machtverschiebung vom KPSU-Chef der Republik zu diesem hin statt, und 91 wurde die Position des Präsidenten geschaffen, die Gamsachurdia einnahm, am Ende des Jahres war er Präsident eines unabhängigen Staates. 1995 wurde der Reform- bzw Ex-Kommunist Eduard Schewardnadse, zuvor Parteichef in Georgien und Aussenminister der SU, Präsident Georgiens. Schewardnadse ist also im Gegensatz zu Gamsachurdia oder zum Präsident Litauens zur Zeit der Unabhängigkeit, Landsbergis, relevant für hier. Wie gesagt, im Baltikum gab es kaum Leute, die zu SU-Zeiten und danach mächtig bzw politisch aktiv waren. Als Aussenminister hatte Schewardnadse sogar eine führende Rolle in der SU inne gehabt. Auch in Weissrussland wurde der Präsident zur Zeit der Erlangung der Unabhängigkeit (Shushkevich) zunächst (1990, durch die Demokratisierung der SU) Parlamentspräsident (bzw Vorsitzender des Obersten Sowjets der Republik), dort wurde der Titel „Präsident“ aber spät eingeführt, mit Lukaschenkas Machtübernahme 1993/94. Shushkevich war in der SU Dissident gewesen, Lukaschenka ein hochrangiger Kommunist.

Personelle Kontinuität an der Spitze gab es auch in Kasachstan, wo Nursultan Nasarbajew 1989 KP-Chef der Republik wurde, zuvor war er in dieser Teilrepublik Ministerpräsident gewesen. Nach der Wahl 90 wurde er Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, womit er seine Machtposition festigte, ehe die Position eines Präsidenten geschaffen wurde. Er blieb bis 2019 Präsident Kasachstans, führte das Land also 30 Jahre(32), wenn man die Jahre als Ministerpräsident dazu zählt und jene, in denen er über seinen Abtritt hinaus Macht ausübt, noch ein paar Jahre mehr. In Armenien gibt es wenig personelle Kontinuität aus SU-Zeiten; (der in Syrien geborene) Lewon Ter-Petrosian von der HHSch wurde 1990 Parlamentspräsident (Vorsitzender des Obersten Sowjets), 1991 Präsident der Teilrepublik, dann der eines unabhängigen Staats. Ter-Petrosian hat aber eben noch in der Endphase der SU politisch aktiv bzw mächtig werden, ist somit hier auch relevant. In Usbekistan war es, mit Islam Karimow, ganz ähnlich wie in Kasachstan mit Nasarbajew. Er konnte sich ähnlich lange halten (1989-2016)  und wechselte eher die Partei (bzw gründete eine neue), als die Macht abzugeben. Der letzte Führer  des sowjetischen Aserbeidschans und erste Führer des unabhängigen, Ayaz Mutallibov, gründete nach der Auflösung der Republiks-KP auch eine neue Partei.

In Turkmenistan und Tadschikistan konnten sich die Führer der Republiken, Nijasov und Makhamov, von Mitte der 80er über die Unabhängigkeit halten, Nijasov sogar bis 06. Wie gesagt, in Zentralasien konnte sich die politische Elite über das Ende des kommunistischen Systems hinaus weitgehend halten. Kirgisistans Präsident 1990-2005, Akajev, ist einer jener Nicht-Kommunisten, die in der Endphase der SU aktiv werden konnten. In Moldova/Moldawien waren nicht zuletzt die ersten beiden Präsidenten der unabhängigen Ära (Snegur und Lucinschi) ehemalige Politiker/Funktionäre der KP in der Republik und zu SU-Zeiten aktiv gewesen.

Pedro do Bragança war 9 Jahre alt, als die portugiesische Königsfamilie sowie Hofbedienstete 1807 in „ihre“ Kolonie Brasilien flüchteten, aufgrund der Invasion Portugals durch Truppen des napoleonischen Frankreichs. Er war Enkel von Maria I., Königin von Portugal und Brasilien, die damals aufgrund ihrer „Geisteskrankheit“ bereits unter Regentschaft von ihrem Sohn João VI., dem Vater von Pedro, stand. Mit der Ankunft des Königshofs in Rio de Janeiro übernahm Prinzregent João (Johann) die Herrschaft über Brasilien, womit das Amt des dortigen Vizekönigs abgeschafft wurde. 1815 wurde Brasilien durch einen Beschluss des Wiener Kongresses (Ende der Napoleonischen Kriege) zu einem eigenen Königreich gemacht, mit Portugal durch Personalunion verbunden (Vereinigtes Königreich von Portugal, Brasilien und den Algarven). Die Grossmutter von Pedro/ Peter, Königin Maria, erhielt so auch die Würde einer „Königin von Brasilien“. Auch hier war ihr Sohn João natürlich Prinzregent.

1816 starb Maria, und João wurde König von Brasilien und Portugals (inklusive dessen anderen Kolonien); Pedro wurde Thronfolger/Kronprinz. João kehrte erst 1821 nach Portugal zurück, als es dort liberale Unruhe(n) gab. 1822 wollte das portugiesische Parlament Brasilien wieder enger an das Mutterland binden, in dieser Situation rief Kronprinz Pedro die Unabhängigkeit Brasiliens (wo er geblieben war) aus, mit sich als Kaiser. Es war dies ein Zug gegen das (von Liberalen dominierte) Parlament und wahrscheinlich mit seinem Vater (dem portugiesischen König) abgesprochen. 1826 starb dieser, Pedro wurde auch portugiesischer König, als Pedro IV., blieb brasilianischer Kaiser (Pedro I.). Bragança musste sich aber zwischen Brasilien und Portugal entscheiden, und so dankte er im Mai 1826 nach nur zwei Monaten Regierung in Portugal ab; er setzte dort seine Tochter Maria (II.) als Königin ein, unter Regentschaft seines Bruders Miguel.

Als es in Portugal wieder Unruhe gab, dankte Pedro 1831 in Brasilien ab und ging wieder nach Portugal; in Brasilien setzte er seinen Sohn Pedro II. als Nachfolger ein. In Portugal tobte 1832 bis 1834 der Miguelistenkrieg (a guerra dos dois irmãos), ein Bürgerkrieg zwischen Liberalen/ Konstitutionalisten und Absolutisten; Erstere sammelten sich hinter König Miguel (der Maria 1828 gestürzt hatte), Zweitere wollten Maria zur Macht verhelfen – Pedro stellte sich auf ihre Seite. Die Liberalen gewannen, Maria wurde für volljährig erklärt und wurde wieder Königin, nun ohne Vormund. Pedro starb noch 1834. In Brasilien herrschte damals sein Sohn, in Portugal seine Tochter. In diesen beiden Ländern hat er eben auch geherrscht(33), gewissermaßen hat er die Bande zwischen den Ländern zerschnitten, Brasilien unabhängig gemacht. Im Fall von Pedro IV./I. finden sich Entkolonialisierung, Personalunion, das Weitergeben von Ländern unter Monarchen.

Anton Korosec war einer jener Slowenen, die die slowenischen Gebiete aus Österreich-Ungarn in das SHS-Reich führten, eigentlich von einem multinationalen Reich in ein anderes. Der katholische Priester wurde Ende des 19. Jh in der slowenischen Nationalbewegung aktiv. Er war einer der Führer der Katoliška narodna stranka (KNS, Katholische Nationalpartei, *1892), aus der 1905 die Slovenska ljudska stranka (SLS; Slowenische Volkspartei) wurde. 1907 wurde er Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, so wie das etwa auch Alcide de Gasperi, Eduard Reut-Nicolussi (beide nach dem 1. WK in Italien aktiv), Oleksandr Barwinskyj (> Ukraine/Polen), Theophil Simionovici (> Rumänien), Karl Renner (> Republik Österreich), Ignacy Daszynski (> Polen), Thomas G. Masaryk (> Tschechoslowakei) waren, in der Endphase von Österreich-Ungarn.

Korosec war dort Führer des Jugoslawischen Klubs, einem Zusammenschluss von Abgeordneten aus slowenischen, kroatischen, bosnischen Gebieten. Korosec war im SHS-Reich mit seiner SLS so etwas wie Wahrer slowenischer Interessen, war 1928/29 Ministerpräsident, als erster Nicht-Serbe, der letzte vor der Königsdiktatur und der Umbenennung des Königreichs in „Jugoslawien“. Wie schon 1917/18 änderte Korosec in dieser Situation seine Haltung bezüglich einem Südslawen-Staat und der slowenischen Zugehörigkeit zu ihm. Er blieb aber bis zu seinem Tod 1940 im Königreich Jugoslawien politisch aktiv und wichtig, auch als Minister unter Premier Stojadinovic. In dieser Zeit hat er anscheinend eine Anlehnung Jugoslawiens an Nazi-Deutschland befürwortet. An Slowenen werden uns noch Vilfan und Drnovsek begegnen.

Ahmet Agaoglu (Agayev) stammte aus dem nördlichen Aserbeidschan, das im frühen 19. Jh von iranischer Herrschaft zu russischer überging. Der schiitische Moslem (wie die allermeisten Aseri) studierte in Frankreich über „orientalische“ Sprachen und Kultur, auch bei Ernest Renan. War publizistisch aktiv. Das Schwanken der Aserbeidschaner/Aseris zwischen iranischer und türkischer Identität spielte sich auch in ihm ab… Er stellte zunächst Persisches über Türkisches, kam dann aber doch zum pan-türkischen Nationalismus(34); Ausdruck davon ist seine Umbenennung von Agayev zu Ag(h)aoglu, das Ersetzen der slawischen Namensendung durch die türkische. Agaoglu liess sich jedenfalls nicht gegen den östlichen Nachbarn der Nord-Aseris, die Armenier, aufhetzen. Und, um 1905 wurde er in das russische Parlament, die Duma, gewählt; als Vertreter der Moslems im Transkaukasus.

Vor der Revolution in Russland war er an der Entsehung der aserbeidschanischen Musavat-Partei beteiligt. Ging dann wieder in’s Ausland, in das untergehende Osmanische Reich. Und war dort für die iranische Anjuman-e Sa’adat aktiv… Agaoglu wurde osmanischer Bürger, wirkte dort als Schulinspektor, dann als Abgeordneter für die Jungtürken-Partei (Ittihat ve Terakki Firkasi, اتحاد و ترقى) im osmanischen Parlament. 1918 wurde er Abgeordneter im Parlament der eben unabhängig gewordenen Republik Aserbeidschan. Wurde von britischen Truppen gefangen genommen, als er am Weg zur Pariser Nachkriegskonferenz war. Ging wieder ins Osmanische Reich, erlebte dort die Entstehung der Republik Türkei. Wurde ein Berater von Kemal (Atatürk) und Abgeordneter für die CHP im türkischen Parlament. Und war 1930 ein Mitbegründer der SCF, die nach ein paar Monaten wieder aufgelöst werden musste.

Um die Widersprüche komplett zu machen, schrieb er, der den Orient (Westasien) so gut kennengelernt hatte, dann von einer Überlegenheit des Westens. Agayev/Agaoglu war also politisch aktiv im Russischen Reich, Osmanischen Reich, der Azərbaycan Demokratik Respublikası, der Türkei; ausserdem etwas im iranischen Kontext. Seine Nationswechsel kamen hauptsächlich durch seine Wanderungen/ Exilierungen zu Stande, weniger durch Umstürze/Gebietstransfers. Wobei sich in der Wahl des Exils seine politisch-nationale Einstellung (die wiederum stark mit seiner wissenschaftlich-publizistischen Arbeit verbunden war) wiederspiegelte.

José M. Gallegos, ein katholischer Priester (wie Korosec), war (1843-1846) Abgeordneter im Parlament von Santa Fe de Nuevo México, damals eine Provinz der Vereinigten Mexikanischen Staaten. Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1846-48 kam sie zusammen mit anderen nord-mexikanischen Provinzen an die USA, wurde schliesslich auf mehrere Bundesstaaten aufgeteilt, hauptsächlich auf New Mexico. Gallegos, ein weisser Neomexicano, wurde 1851 Mitglied im Rat des nun US-amerikanischen Territoriums (Zwischenschritt zum Bundesstaat), dann (als Abgeordneter von New Mexico) 1853 – 1856 im Congress der USA (als einer der ersten „Latinos“).

1860-62 war er wieder Abgeordneter im Parlament des Territoriums NM (Bundesstaat wurde es erst 1912), Sprecher von dessem Unterhaus, 1865/66 wirkte er in dessen Regierung und in dessen Indianerbehörde, 1871-73 wieder im Congress in Washington. 1845-53 kamen riesige Gebiete von Mexico an die USA, etwa ein Drittel des Festland-Territoriums der USA bzw 10 Staaten haben diese Vergangenheit. Dennoch war ein Weg wie der von Gallegos, der in Mexico und dann in der USA politisch wirkte (auf diversen Ebenen), nicht allzu häufig. Es folgen in dieser Auflistung noch US-Politiker, die mit 2 anderen Gebietserweiterungen der USA in diese kamen.

Iuliu Maniu war ein rumänischer Politiker in Österreich-Ungarn, aus den rumänischen Gebieten diesseits der Karpaten, Transylvanien, das zur ungarischen Reichshälfte gehörte. Maniu führte die PNR in Transylvanien, war im ungarischen Parlament. Maniu war einer jener Politiker nicht-deutscher Nationalitäten in Österreich-Ungarn, die gegen Ende dieses Reichs ihre Ziele bezüglich „ihrer“ Gebiete änderten, von mehr Autonomie zu Eigenständigkeit bzw Zusammenschluss mit Gebieten dieser Nationalität jenseits der Grenzen. Bei ihm spielte die Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand von Habsburg 1914 eine Rolle, diesen hatte er beraten bzgl einer Reform des Reichs, danach war er für die Vereinigung Transylvaniens mit dem Königreich Rumänien (jenseits der Karpaten). Am Ende des Krieges und des Jahres 1918 in Gyulafehérvár/Karlsburg/Alba Iulia die Versammlung von rumänischen Politikern aus dem nun unabhängigen Ungarn, die dort diesen Anschluss proklamierten. Maniu war dort führend dabei und dann in der „Übergangsregierung“ für Transylvanien.

Nachdem im Trianon-Palast in Versailles bei Paris 1920 die „Ränder“ Ungarns auf seine Nachbarstaaten aufgeteilt wurden, kam Transylvanien (und die Bukowina/Bucovina) auch formal zu Rumänien. Im Königreich Rumänien vereinigten sich 1926 PNR und PT zur Partidul Național Țărănesc (Nationale Bauern-Partei, PNT), mit Maniu als Führer wie zuvor als jener der PNR. Er war 1926-30 und 1932-33 Ministerpräsident, trat ’33 wegen eines Konflikts mit König Carol II. zurück. Ab 1938 war es in Rumänien mit der Zeit der Demokratie und des inneren Friedens vorbei, es begann die Zeit der Diktaturen, des Kriegs, der Besetzungen. Maniu unterstützte Demokratie und Westalliierte gegen Hitler und Stalin und ihre Parteigänger in Rumänien (TPT bzw PCR). Es nutzte nichts, 1947 wurde die Republica Socialistă România gegründet, letzter politischer Pluralismus ausgeschaltet, Maniu kam in’s Gefängnis, starb dort 1953. Es gibt einige Politiker, die wie er den Weg von der ungarischen Hälfte der „Donaumonarchie“ ins Kgr. Rumänien gingen.

Etwa Rudolf Brandsch, aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen, eine der deutschen Volksgruppen in den Gebieten die nach dem 1. WK von Ungarn zu Rumänien kamen. Der Lehrer war lange Zeit seines Lebens eine Art Volksgruppenführer, bezüglich der Deutsch(sprachig)en in Ungarn bzw dann Rumänien. Brandsch war 1910-18 Abgeordneter im Parlament der ungarischen Reichshälfte, bemühte sich dort um eine Zusammenarbeit der deutschen Volksgruppen in Ungarn, das waren hauptsächlich die Siebenbürger Sachsen und verschiedene Gruppen der Donauschwaben. Die Magyarisierungspolitik gegenüber Minderheiten war es, die Politiker wie Brandsch dazu brachten, nach dem 1. WK einen Anschluss ihrer Gebiete an Rumänien zu befürworten. In diesem Krieg musste er an die Front, wahrscheinlich in der ungarischen Honved.

1919-33 war Brandsch Abgeordneter im rumänischen Parlament, in beiden Kammern, Camera Deputaților (Unterhaus) sowie Senatul (Oberhaus). 1931/32 war er Unter-Staatssekretär für Belange ethnischer Minderheiten, in der Regierung von Iorga. Brandsch arbeitete auch als hochrangiger Beamter im rumänischen Innenministerium und war im ENK (siehe oben) aktiv. Den Siebenbürger Sachsen fiel eine Führungsrolle unter den Deutschen im Gross-Rumänien der Zwischenkriegszeit zu (obwohl die Deutschen im Banat, die dortigen Donauschwaben, etwas zahlreicher waren), deren Führer Brandsch war somit in einer wichtigen Rolle. Er war unter Anderem im Verband der Volksdeutschen aktiv. Schon bevor Nazi-Deutschland in Rumänien einmarschierte, übte es auf Rumänien und seine deutsche Minderheit grossen Einfluss aus.

Brandsch hat sich einerseits den rumäniendeutschen Nazigruppierungen widersetzt, andererseits aber von Nazi-Deutschland anscheinend auch Unterstützung für die Belange der Minderheit erwartet. Nach der Kriegswende kamen die Truppen der Sowjetunion, und Brandsch starb im kommunistischen Rumänien auch im Gefängnis. Ein ziemlich entfernter Verwandter von Brandsch ist Ingmar Brandsch, Politiker der Rumäniendeutschen nach dem Ende des kommunistischen Systems in Rumänien; er ging in die BRD, war aber dort nicht politisch aktiv (Rudolf war der Cousin 2. Grades von Ingmars Grossvater).

Kaspar Muth, Banater Schwabe, unterstützte um den 1. WK herum (an dem er auch teilnahm) die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ungarn von Österreich. Es ist Ermessenssache (bzw von Kenntnis der Details anhängig), sein diesbezügliches Engagement vor der Auflösung der Habsburgermonarchie als für hier relevant zu werten. Nach dem Krieg war er wie Brandsch Politiker der deutschen Volksgruppe in Rumänien, hauptsächlich für die Deutsche Partei, Abgeordneter im rumänischen Parlament (Abgeordnetenkammer) und dann im Senat. Der Verband der Deutschen in Rumänien wählte Muth 1931 als Nachfolger von Rudolf Brandsch zum Obmann. 1935 wurde Muth von Fritz Fabritius in dieser Funktion abgelöst, der sich sehr stark dem Nationalsozialismus zuwandte. Dieser starb nicht wie Maniu und Brandsch in einem Gefängnis im kommunistischen Rumänien, sondern am Chiemsee.

In Österreich-Ungarn gab es nicht nur Nicht-Rumänen in mehrheitlich rumänischen Gebieten, sondern auch Rumänen, und nicht nur in Ungarn, sondern auch in der Bukowina/Bucovina – das zur österreichischen Reichshälfte gehörte (Cisleithanien). Wie Theophil Simionovici, der Abgeordneter im österreichischen Reichsrat war, dort Obmann des Rumänenklubs (der mit den italienischen Abgeordneten in der Unio latina lose verbunden war). Simionovici, Oberlandesgerichtsrat in Czernowitz/Tscherniwzi/Cernăuți, war nach 1918 dann auch im vereinten Rumänien aktiv – das ja auch die ganze Bukowina zugesprochen bekam, ausserdem Bessarabien und die ganze Dobrudscha/Dobrogea. Simionovici war mehrfach Mitglied des rumänischen Parlaments, um 1930 Vizepräsident des Senats. Den Systemwechsel zur linken Diktatur nach dem 2. WK und der rechten Diktatur hat niemand der rumänischen Politiker, die bereits in Österreich-Ungarn aktiv gewesen sind, politisch überlebt.

Carl Schurz war beim Versuch der Revolution im Deutschen Bund 1848/49 beteiligt, im preussischen Rheinland und in Baden. Das war an der Schwelle zu „organisierter“ Politik, in der Frankfurter Nationalversammlung gab es ja Fraktionen, benannt nicht nach ihrer Ausrichtung sondern den Tagungsorten (bzw -lokalen). Schurz konnte während der militärischen Niederschlagung des Aufstands aus Rastatt entkommen, tauchte unter, hielt sich in mehreren europäischen Ländern auf, 1852 wanderte er mit seiner kurz zuvor geheirateten Ehefrau Margarethe in die USA aus, wie auch andere 1848er aus verschiedenen europäischen Ländern. Dort konnte er sich als Europäer/Weisser, der sich an die angelsächsische Kultur assimilierte, politisch frei betätigen. Das tat er, nachdem er unter Anderem als Publizist und Rechtsanwalt tätig gewesen war.

Man muss dazu sagen, dass Schurz ein Gegner der Sklaverei war und sich 1856 der zwei Jahre davor gegründeten Republikanischen Partei anschloss. USA-Präsident Lincoln entsandte ihn 1861 als Botschafter nach Spanien, Schurz kehrte aber noch während des Bürgerkriegs zurück und nahm an diesem in der Armee der Nordstaaten teil. Als Senator von Missouri konnte er „erleben“, wie drüben in Europa durch den österreichischen Ausgleich 1867 und die Gründung des Deutschen Reichs 1871 ein kleindeutsche und monarchische Lösung für die „deutsche Frage“ zu Stande kam. Von 1877 bis 1881 war er unter Präsident Rutherford Hayes Innenminister der USA. 

Mohandas „Mahatma“ Gandhi wuchs im britisch beherrschten Indien auf, wurde im britischen Südafrika politisch aktiv, zurück in Indien führte er den Unabhängigkeitskampf, erlebte die Unabhängigkeit und Teilung Indiens. 1893 bis 1914 hielt er sich (mit einer Unterbrechung) im südlichen Afrika auf, in Durban und Johannesburg, arbeitete hauptsächlich als Anwalt, woraus sich sein politisches Engagement entwickelte. Politisch waren das damals die britischen Kolonien Natal und Transvaal, ab 1910 die Südafrikanische Union, ein britisches Dominion. Anfangs stellte er die britische Vorherrschaft so wenig in Frage, dass er sogar freiwillig für die Briten im Krieg gegen Buren teilnahm! Nach persönlichen Erlebnissen nahm sich Gandhi dann aber der Unterdrückung der Inder in den britischen Kolonien im südlichen Afrika (hauptsächlich Natal) an, ignorierte jene der (Schwarz-) Afrikaner teilweise.

1894 war Gandhi ein Mitgründer des Natal Indian Congress(36), eine der Organisationen, die später den ANC bildeten bzw sich ihm anschlossen. Die Zugfahrt von Durban nach Pretoria, bei der er als „Farbiger“ nicht in der 1. Klasse fahren durfte, war bereits 1893 (bald nach seiner Ankunft im Land) – dennoch unterstützte er noch 1906 die britischen Kolonialtruppen bei ihrem Vorgehen gegen Zulus (das dominierende Volk in Natal), der Niederschlagung ihres Aufstands, wieder mit anderen Indern in einer Sanitätseinheit. Andererseits unterhielt er Kontakte mit dem SANNC, 1912 gegründeter Vorläufer des ANC, bzw dessen Gründern. Gandhi hatte 4 Söhne mit Kasturba, 2 wurden in Indien geboren, 2 in Natal. Sein Sohn Manilal Gandhi blieb nach seiner Rückkehr nach Indien in Südafrika; dessen Tochter Ela Gandhi war in Post-Apartheid-Südafrika im Parlament, für den ANC.

Zurück im (ebenfalls) britischen Indien schloss sich „Mahatma“ Gandhi dem INC an, wurde einer seiner Führer (und dieser unter ihm wichtig). Kämpfte gegen die britische Kolonialherrschaft sowie die Spaltung der Inder zwischen Hindus und Moslems. Er überlebte die Unabhängigkeit Indiens 1947 um weniger als ein halbes Jahr. Wurde schliesslich von einem hinduistischen Inder ermordet, einem Anhänger der hindu-nationalistischen RSS (Rāṣṭrīya Svayamsevak Sangh, राष्ट्रीय स्वयंसेवक संघ), zu einer Zeit als er in der Gewalt zwischen Hindus und Moslems schlichten wollte (und ihm verschiedentlich vorgeworfen wurden, den moslemischen Indern sowie Pakistan zu weit entgegen zu kommen).

Eduard Reut-Nicolussi war ein Zimbrer aus dem Trentino, in Österreich-Ungarn der südlichste Teil des Kronlandes Tirol. Im Krieg diente er im Militär dieses Reiches, an der Front gegen Italien. Das ja unterging, und grosse Teile Tirols wurden von italienischen Truppen besetzt und annektiert. Zur Zeit der Wahl zur Nationalversammlung der Republik Deutschösterreich 1919 wurde dort beschlossen, aus Gebieten die gerade nicht unter Kontrolle dieses Staats waren, aber von ihm beansprucht wurden, Abgeordnete einzuberufen, anstatt sie wählen zu lassen. Unter den Süd-Tirolern, die so ins österreichische Parlament kamen, war Reut-Nicolussi von der Tiroler Volkspartei. Wenige Monate später musste die Nationalversammlung den Friedensvertrag von Saint Germain annehmen, das „Deutsch-“ aus dem Namen streichen und auf Gebiete wie das südliche Tirol verzichten.

Reut-Nicolussi hielt zu seinem Abschied aus der Versammlung noch eine Rede.(37) Er liess sich in Bozen als Anwalt nieder und war Mitgründer des Deutschen Verbands (DV). Für diesen wurde er 1921 in das italienische Parlament gewählt, blieb dort bis 1924 Abgeordneter. 1927 verliess er aufgrund faschistischen Drucks Italien und liess sich in Innsbruck als Jurist nieder. 1928 kam von ihm „Tirol unterm Beil“ heraus. Er erlebte noch den Pariser Vertrag 1946, aber nicht das Südtirol-Paket 1969. Manches an seinem Weg erinnert an De Gasperi, anderes an Tinzl.

Zahīr ud-Dīn Muhammad bzw Babur (1483 – 1530) war ein Regionalherrscher im Timuriden-Reich, und begründete (selbst, durch Eroberungen) das Mogul-Reich in (bzw über) Indien. Der Gründer des Timuriden-Reichs (گورکانیان‎/Gurkani), Timur (Tamerlan), stammte aus dem Tschagatai-Khanat, einer der Nachfolgestaaten des Mongolischen Reichs von Dschingis (Cengiz) Khan. Im 14. Jh begann Timur mit seinen Eroberungszügen und nahm einen Teil dieses Khanats mit.(38) Babur war wahrscheinlich mit Cengiz (Teimudschin) als auch mit Timur (Tamerlan) verwandt (ein Nachfahre), und er war im Gurkani-Reich Lokalherrscher in Fergana (heute Usbekistan), wie schon seine Vorfahren. Babur unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich, gründete dort das „Mogul-Reich“.

Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo damals die Delhi-Sultane herrschten, verleibte grosse Teile Indiens seinem Reich ein. Dieses war anfangs eines einer Herrscherschicht turkisierter, persianisierter Mongolen, im Laufe der Jahrhunderte stiegen aber Inder (v.a. moslemische) zunehmend in Schlüsselpositionen auf. Die Ausdehnung des Reichs veränderte sich immer wieder, bei Baburs Tod umfasste es einen Teil Nordindiens, unter Akbar (16./17. Jh) erstreckte es sich auf ganz Indien ausser dem Dekkan, Aurangzeb (17./18. Jh) liess auch diesen erobern, bis auf die (tamilische) Südspitze Indiens. Danach verlor es aber sukzessive, an (v.a. hinduistische) Regionalherrscher sowie europäische Kolonialmächte, bis Mitte des 19. Jh der zusammengeschrumpfte Rest von den Briten einkassiert wurde. Babur ragt in dieser Aufstellung hervor, da er das neue Reich bzw „Betätigungsfeld“ selbst geschaffen hat.

Karl Radek vulgo Karol Sobelson war ein Jude aus dem österreichischen Galizien, links, wanderte vor dem 1. WK ins damals russische Polen aus, war dort in der polnischen SDKPiL aktiv, nahm an der Russischen Revolution 1905 teil, ging dann nach Deutschland, arbeitete als Journalist, schloss sich der SPD an, war auch dort politisch aktiv, unterstützte von dort die Russische Revolution 1917, ging zur KPD, war wahrscheinlich am Spartakus-Aufstand in Berlin 1919 beteiligt, kam ins Gefängnis, ging 1920 in die Russische Sowjetrepublik, war in der Komintern aktiv, war Verbindungsmann der KPSU (bzw ihrer Vorgänger RKP, VKP) mit der KPD in der Weimarer Republik, war nach Lenins Tod zuerst gegen Stalin, dann für diesen, wurde dennoch unter diesem verurteilt, in einem Gefangenenlager getötet.

Gerard „Gerry“ Adams (Gearóid Mac Ádhaimh) aus Belfast kommt aus einer politisch aktiven irischen Familie, schloss sich in seiner Jugend der Sinn Féin (SF) an – die ja sowohl in der Republik Irland aktiv ist als auch in Nordirland, das zum UK gehört. Adams hat beide Staatsbürgerschaften. 2011-20 war er Abgeordneter im irischen Parlament; 1997 bis 2011 wurde er immer wieder in das britische Parlament gewählt, hat diesen Sitz aber nicht eingenommen, als Ausdruck des Protestes der britischen Politik über Irland/Eire. 1998-2010 war er ausserdem im nordirischen Parlament, das wieder eingerichtet worden war. Den Posten des Vize-Premierministers von Nordirland überliess er seinem Parteifreund Martin McGuinness. Sein Wechsel ist Ausdruck seiner Auffassung von Irland! Er war in beiden Teilen von Irland aktiv, ohne dass die Grenze „gefallen“ wäre.

Ante Pavelic: geboren im österreichisch-ungarischen Bosnien-Herzegowina, wohin seine kroatischen Eltern hingezogen waren; in diesen Zeiten war er in der Stranka prava (SP) aktiv; Pavelic war gegen den Südslawen-Staat der nach dem 1. WK entstand (SHS/YU) bzw gegen die Zugehörigkeit Kroatiens zu ihm, daher auch Gegner der HSS (dominierende kroatische Partei im Ersten Jugoslawien bzw der Zwischenkriegszeit); der Anwalt war 1927-29 im Parlament für die SP, dann seine Radikalisierung durch die Königsdiktatur ab ’29, Gründung der Ustascha (Ustaša – Hrvatski revolucionarni pokret) und ins Exil, u.a. im faschistischen Italien; dort Zusammenarbeit mit anderen jugoslawischen Separatisten sowie mit Faschisten, > Ermordung Kg. Alexander in Frankreich.

1941-45 durfte er den kroatischen Pseudostaat (NDH) führen, der von den Achsenmächten „ausgehalten“ wurde; am Kriegsende über die Rattenlinie (Österreich, Italien) ins Exil nach Argentinien; dort weiter für Kroatien bzw seine Vorstellung davon aktiv, ab 1956 in der HOP, die von Pavelić und anderen Ustaše-Emigranten gegründet wurden; 1957 wurde er am Jahrestag der Gründung des „Unabhängigen Staates Kroatien“ bei einem Schuss-Attentat (UDBA?) im argentinischen Lomas del Palomar schwer verletzt; er starb ’59 im franquistischen Spanien, möglicherweise an Nachfolgen dieser Verletzungen. Pavelic war in der kroatischen Sache aktiv in Österreich-Ungarn, SHS/YU, in einer Besetzungs-Kollaboration bzw einem Pseudostaat, sowie im Exil. 

Mikhailo Hrushevsky war ein ukrainischer Historiker der in die Politik ging und in der Ukraine während ihrer Zugehörigkeit zum Zarenreich aktiv war und während ihrer kurzzeitigen Unabhängigkeit; ihre Zugehörigkeit zur Sowjetunion erlebte er auch. Er war vor 1917 hauptsächlich als Historiker aktiv, aber auch politisch, im ukrainisch-nationalen Sinn, in der östlichen, russischen Ukraine (somit im Russischen Reich), unter Anderem als Berater des Klubs der ukrainischen Abgeordneten in der Duma; aber auch im österreichisch-ungarischen Galizien. Zur Zeit der Revolution(en) in Russland konstituierte sich in der Ukraine ein Central Rada (Українська Центральна Рада), ein Zentralrat, eine Art Revolutionsparlament (oder eher Regionalparlament?), dieses erklärte im Juni 1917 die Autonomie der „Ukrainischen Volksrepublik“ (Ukrainska Narodna Respublike, UNR) innerhalb Russlands und nahm diese durch ein „Generalsekretariat“, eine von ihr eingesetzte Regierung, wahr.

Im Jänner 1918 rief der Zentralrat die Unabhängigkeit der Ukraine aus. Der Historiker Hrushevsky, Präsident des Zentralrats, wurde Oberhaupt dieses Staates (17/18), damit der erste unabhängige ukrainische Herrscher seit Mazepa. Unterbrochen wurde die UNR April bis Dezember 1918 durch den vom Deutschen Reich unterstützten „Ukrainischen Staat“ unter Hetman Skoropadsky. Hrushevsky tauchte in dieser Zeit lieber unter. Danach wurde wieder die Ukrainische Volksrepublik ausgerufen, nun geleitet von einem Direktorium unter Symon Petljura. 1920 beendete die Rote Armee die Unabhängigkeit der Ukraine mit der Einnahme Kiews. Petljura ging ins Exil, wo er später ermordet wurde. Es entstand die Ukrainische SSR. Hrushevsky fand sich mit dieser erstaunlicherweise nicht nur ab, er unterstützte sie sogar aktiv, und auch als die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik 1922 in der Sowjetunion aufging. 

Muhammad Ali Jinnah war in Britisch-Indien sowie Pakistan aktiv. Er wurde in Sindh geboren, Mahomedali Jinnahbhai genannt, wahrscheinlich in eine ismailitische Familie.(39) Jinnah(bhai) gehörte 1906–1920 dem Indian National Congress an, 1913–1947 der All-India Muslim League (1913–1947), 1947/48 der (pakistanischen) Muslim League. Womit schon das Wichtigste über seine politische Tätigkeit gesagt ist… Jinnah gehörte also eine Zeit lang Congress und League gleichzeitig an, als dies kein Widerspruch war. War Abgeordneter im Imperial Legislative Council, dem Autonomie-Parlament von Britisch-Indien von 1861 bis 1947. Jinnah, der Gründer Pakistans, war Teil des („moderaten“) Flügels im INC, der auf hinduistisch-moslemische Zusammenarbeit setzte. Dieser wurde um den 1. WK herum geschwächt, durch das Ableben einiger Führer, wie Pherozeshah Mehta, einem Parsen/Zarathustrier/Zartoshti.

In dieser Zeit wurde Jinnah Präsident der AIML, wahrscheinlich als Nachfolger des dritten Aga Khans. Jinnah war Gegner von Gandhis Kampagne des gewaltlosen Widerstands gegen die britischen Kolonialherrscher (wollte Unabhängigkeit auf „konstitutionellem Weg“ erreichen), aber einer der Protagonisten der Zusammenarbeit von Kongress und Liga, Hindus und Moslems. Wendepunkt war eine Sitzung des INC 1920, wo Jinnah gegen Gandhis „satyagraha“ Stellung nahm und dafür von (anderen) Delegierten niedergeschrien wurde. Jinnah verliess den INC, war nur noch für die AIML aktiv – aber weiterhin für einen gemeinsamen Kampf und einen gemeinsamen Staat. Ihm ging es nur um die Sicherung der Rechte der Moslems in einem unabhängigen Indien, dessen Bevölkerung (ungeteilt) aus etwa 80% Hindus bestehen würde > Vierzehnpunkteplan. Erst Ende der 1930er, Anfang der 1940er änderte sich Jinnahs Haltung bzw das diesbezügliche Klima.

1940 die Lahore-Resolution (قرارداد لاہور) der AIML, in der für die beiden grossen moslemisch dominierten Regionen Indiens (Nordwesten und Nordosten) Selbstbestimmung gefordert wurde – es ist aber umstritten ob damit ein eigener Staat aus diesen Gebieten (wie er dann kam) anvisiert wurde, oder eher eine Art Autonomie! Um 1945 sprach Jinnah davon, dass die Gründung „Pakistans“ unabdingbar sei. Bei den Wahlen zum Unterhaus des Legislativrats Ende 1945 gewann die AIML alle für Muslime reservierten Sitze; und die Mehrheit in Punjab, Sindh und Bengalen (in Fürstenstaaten wie Hyderabad, Kaschmir, Kalat wurde nicht gewählt). Als die Liga bei den Wahlen zu den Provinzparlamenten Anfang 46 etwa 75 % der Stimmen der Muslime bekam (1937 hatte sie noch 4,4% bekommen), dürfte bei den britischen Kolonialherrschern die Entscheidung für eine gleichzeitige Teilung Indiens bei der Unabhängigkeit gefallen sein.

Als Indien und Pakistan 1947 unabhängig wurden, bestand zweiterer Staat aus den mehrheitlich moslemischen Gebieten im Nordwesten und Nordosten (Ost-Bengalen und kleinere umliegende Gebiete). Mohammed A. Jinnah war 1947/48 Staatsoberhaupt (Generalgouverneur) Pakistans. 1948 entschied er, dass Urdu alleinige Staatssprache Pakistans wurde, eines der Zeichen der Dominanz West-Pakistans über Ost-Pakistan. 1949 spaltete sich in Ost-Pakistan die dortige Führung der AIML ab und gründete die All Pakistan Awami Muslim League (Awami-Liga). Der Konflikt zwischen West- und Ost-Pakistan (bzw die Gegenwehr des Zweiteren gegen Benachteiligung) wurde ein bestimmender innerer Konflikt Pakistans. Auch Mujibur Rahman wechselte ’49 von der AIML zur Awami-Liga, wurde ihr Führer. Nachdem bei der pakistanischen Wahl 1970 die Awami-Liga gewonnen hatte, aber ihre Regierungsbildung verhindert wurde, machte sich Ost-Pakistan als Bangla Desh (1971) unabhängig.

Rahman wurde erster Staatspräsident, dann Ministerpräsident. 1975 wurde er gestürzt. Er war im britischen Indien für die All India Muslim League in Bengalen aktiv, dann in (Ost-) Pakistan für diese und die Awami League, erreichte dann die Unabhängigkeit von Bangla Desh, wo er erster Machthaber wurde. Er ist einer der bangladeschischen Politiker, die unter dieser Kolonialherrschaft und diesen 2 Staaten aktiv waren, sei hier exemplarisch genannt. Beim Abschnitt über Jinnah.

Die Habsburger waren Erzherzöge (dann Kaiser) von Österreich, gleichzeitig Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (Deutscher Nation), lange Zeit auch Könige von Ungarn, uva. Franz Stephan von Lothringen (Bar) war im 18. Jh Herzog von Lothringen (Teil Frankreichs), infolge des Polnischen Erbfolgekrieg musste er auf sein Stammland verzichten (nicht zuletzt weil er sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers, Habsburger Karl VI., abzeichnete), bekam die Toskana (Aussterben der Medici), wurde 1736 Gemahl von Maria Theresia von Habsburg (Tochter dieses Karl), hatte 16 Kinder mit ihr (darunter Maria Antonia), begründete das Haus Habsburg-Lothringen. Nach dem Tod von Kaiser Karl 1740 wurde der Wittelsbacher Karl römisch-deutscher Kaiser, Maria T. erbte die Herrschaft über die habsburgischen Erblande, wurde also Erzherzogin von Österreich (dies gemeinsam mit ihrem Mann Franz Stephan), Königin von Ungarn sowie Böhmen,… Währenddessen begann der österreichische Erbfolgekrieg. Nach dem Tod des Kaisers 1745 wurde Habsburg-Lothringen zum neuen Kaiser des HRR gewählt, als Franz I. Bzgl Österreich blieben er und Maria Theresia Co-Regenten, in anderen Ländern wiederum nur sie. Franz Stephan, der im Schatten seiner Frau stand, wechselte von der Herrschaft über einen Teil Frankreichs zu jener über das Römisch-Deutsche Reich und diverse mit ihm verbundene Gebiete, durch Heirat und Krieg und „Zuschacherung“.

Franz II. machte vor der Auflösung des Römisch-Deutschen Reichs Österreich zum Kaiserreich, dieses (und andere der Länder über die er herrschte) wurde Teil des Deutschen Bundes. Franz Joseph I. war 1848-1916 Kaiser von Österreich, König von Ungarn, usw, 1850-1866 Oberhaupt des Deutschen Bundes (als Monarch der Präsidialmacht Österreich). Wobei man beim DB diskutieren kann, ob dieser ein Bundesstaat oder eher ein Staatenbund war. Otto (von) Habsburg-Lothringen wurde in Österreich-Ungarn geboren, erlebte die Gründung der Republik Deutschösterreich, lebte als Kind in der Schweiz und Portugal, dann in Spanien, Belgien, Frankreich, USA. Im amerikanischen Exil soll er sich für Österreich politisch engagiert haben. In Belgien begann er sein Engagement für die Paneuropa-Union. Das politische Engagement Habsburg-Lothringens, der eigentlich Kaiser von Österreich hätte werden sollen, begann in der BR Deutschland, als Abgeordneter der CSU im Europäischen Parlament. Wo fand es noch statt? In Spanien soll Franco erwogen haben, ihn als König für die Zeit nach ihm einzusetzen. Mit der Republik Österreich einigte er sich in den 1960ern, unterhielt Kontakte mit Monarchisten und Christlichsozialen dort, unternahm den Versuch einer Erhebung zu einem „Justizkanzler“, erhob Restitutionsansprüche. Im August 89 war er einer der Organisatoren des Paneuropa-Picknicks im Nord-Burgenland an der ungarischen Grenze, das zu einer Art Kettenreaktion führte… In Ungarn, wo er beliebt war, war er nach dem Ende des kommunistischen Systems als Staatspräsident im Gespräch, auch als König zeitweise. Eigentlich ist er ein Grenzfall.        

Rudolf Wiesner lebte in jenem Gebiet Schlesiens, das nach dem 1. WK in Polen lag. Wurde Vertreter der deutschen Minderheit in Polen, im polnischen Parlament. Er konnte der NSDAP bzw dem NS auch nicht widerstehen, wurde „Volksgruppenführer“, Assistent von Frank im Besatzungsregime über das „Generalgouvernement“, wurde in den deutschen Reichstag berufen. Lebte und starb dann in der BRD. Erwin Hasbach aus (dem früheren) Westpreussen war lange Abgeordneter im polnischen Parlament, für die Deutsche Partei – Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen, danach für andere Parteien. Auch er schloss sich der NSDAP an, kollaborierte mit den deutschen Besatzern, flüchtete 1945. Beide waren in Polen und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich aktiv.

Janez Drnovsek wurde 1989 für die Teilrepublik Slowenien ins Staatspräsidium von Jugoslawien gewählt (war dort letzter slowenischer Vertreter), noch als Angehöriger der slowenischen KP (ZKS), ging ’90 zur neu gegründeten LDS über. Von Mai 89 bis Mai 90 war er Vorsitzender des Staatspräsidiums, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens. In dieser Zeit traf Slowenien die Vorbereitungen für die Abspaltung von YU. Drnovsek war im September 89 im Parlament in Ljubljana Gast, als dieses Verfassungsänderungen beschloss. Im Dezember 89 wurden (andere) Parteien erlaubt in der Teilrepublik, Anfang 90 wandelte sich die slowenische KP unter Republiks-Präsident Kucan um. Dann die Wahl zum Parlament und des Präsidenten. Die neue Regierung strukturierte etwa die Territorialverteidigung Sloweniens (eine Formation die in allen Teilrepubliken parallel zur Volksarmee bestand) um, zum Kern der Armee eines unabhängigen Staats.

In dieser Zeit arbeitete Slowenien eng mit Kroatien unter Tudjman zusammen. Im Juni 91 erklärten beide Republiken (nach Volksabstimmungen) die Unabhängigkeit von Jugoslawien – das sich ja bald danach auflöste. Wie Mesic war Drnovsek dann in der Politik des unabhängigen Staats aktiv und mächtig, er war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident. Ist somit auch Einer, der Oberhaupt von 2 Staaten waren; wobei der zweite aus dem ersten hervorging. Im Unterschied zu seinem Vorgänger als Präsident Sloweniens wurde er erst mit der Demokratisierung Sloweniens mächtig. Er starb 08 an Krebs.

Seit 1598 sind französische Könige/Kaiser/Präsidenten/Staatschefs/… auch Co-Staatsoberhaupt/Kofürsten von Andorra, zusammen mit dem Bischof von Urgell (im spanischen Katalonien), der erste Bourbone am französischen Thron, Henri III., brachte dies mit ein, als König von Navarra. Unter König Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Corsica/Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich. Napoleon Bonaparte war als erster Konsul und dann Kaiser von Frankreich auch Kofürst von Andorra, durch die Eroberungszüge von ihm oder auf seine Anordnung wurde Frankreich vergrössert, und er hat seine Geschwister als Könige von Holland, Neapel, Westfalen, Spanien, Toskana eingesetzt. Ausserdem war er nach seiner ersten Absetzung Fürst über Elba.

Sein Bruder Joseph-Napoléon Bonaparte (Giuseppe di Buonaparte) war zuerst König von Neapel, dann von Spanien. Louis N. Bonaparte (Luigi di Buonaparte) wurde als König von Holland eingesetzt (1806-1810), dieses Königreich war mehr oder weniger ein Satellitenstaat der französischen Republik bzw. des napoleonischen Frankreich, wie auch die anderen Staaten unter Napoleons Geschwistern. Napoleons Sohn aus seiner Ehe mit einer Habsburgerin, wird als Napoleon II. gezählt, obwohl er jung starb und nie (wirklich) herrschte. Sein Neffe (Charles-)Louis-Napoléon Bonaparte liess sich zum Präsidenten Frankreichs wählen und nachdem seine Amtszeit abgelaufen war, zum Kaiser krönen (Napoleon III.). Dessen Sohn Louis-Napoléon Bonaparte (eigentlich Napoléon Eugène Louis …) wurde mit seinem Vater 1870 in GB exiliert, wurde nach dem Tod des Vaters Thronprätendent (Napoleon IV.), und diente in der britischen Armee; er wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika 1879 getötet. Charles Joseph Bonaparte (Enkel von Giralomo/Jerome, Kg. v. Westfalen) wirkte nur in der USA, war dort Politiker (Minister unter T. Roosevelt).

Alexander Mjasnikow wurde 1886 als Alexander Mjasnikjan in eine armenische Kaufmannsfamilie in Nachitschewan am Don, dem armenischen Stadtviertel von Rostow am Don, geboren (Russisches Reich). Als junger Mann russifizierte er seinen armenischen Nachnamen zu Mjasnikow. 1906 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP) bei, Vorläuferin der späteren Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Zum Jahreswechsel 1918/1919 wurde er kurzfristig zum Ersten Sekretär der KP der neugeschaffenen Weissrussischen Sowjetrepublik, die aber bald mit der Litauischen Sowjetrepublik zu einer kurzlebigen gemeinsamen Sowjetrepublik zusammengefügt wurde – Weissrussland/Belarus wurde wieder eine eigene Sowjetrepublik, die 1922 in der Sowjetunion aufging. Mjasnikow war ab 1921 als Volkskommissar für militärische Angelegenheiten in der Armenischen Sowjetrepublik tätig. Als diese 1922 mit Georgien und Aserbaidschan in die Transkaukasischen Sowjetrepublik umgewandelt wurde (die ebf. in der SU aufging), bekleidete er auch in dem neuen Staatsgebilde eine führende Position. Der armenische Russe hatte also Funktionen im Russischen Reich, im unabhängigen Weissrussland, im unabhängigen Armenien (jeweils Sowjet-Republiken), in der Transkaukasischen SR, und in der SU (wurde  Mitglied des gesamtsowjetischen Rates der Volkskommissare).

Daniel Cohn-Bendit stammt aus einer linken jüdischen Familie aus Berlin, die wegen dem NS nach Süd-Frankreich zog. Bei seinem Studium in Paris war er 1968 einer der Anführer des Studenten-Aufstandes, wurde daher nach Frankfurt ausgewiesen (zweite Hochburg der deutschen 68er-Bewegung neben W-Berlin). Hatte diverse Jobs ehe er sich Ende der 70er bei den Grünen wieder politisch betätigte, ausserdem war er publizistisch aktiv („Pflasterstrand“). Bekam einen Posten in der Frankfurter Kommunalpolitik. Von 1994 bis 2014 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament für die Grünen. Er wurde nicht Teil der rot-grünen Regierung des wiedervereinigten Deutschlands ab 1998, aber eine Art Berater „Joschka“ Fischers. Wie viele langjährige Linksextreme ist Cohn-Bendit ein gutes Stück nach rechts gerückt, ist jetzt wahrscheinlich in der „Mitte“.

Wojciech (Adalbert) Korfanty war ein Ober-Schlesier, der vor und nach dem 1. Weltkrieg politisch aktiv war, und das Land im Parlament des Staates vertrat zu dem es gehörte; Teile Oberschlesiens wurden nach dem 1. WK aus deutscher zu polnischer Hoheit „transferiert“. Der Journalist Korfanty wurde 1903 in den Reichstag des Deutschen (Kaiser-) Reichs gewählt, im Jahr darauf ausserdem noch in den preussischen Landtag. In beiden Parlamenten setzte er sich für die Belange der polnischen Minderheit ein, die es (im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik) hauptsächlich natürlich in den östlichen Provinzen Preussens gab. Korfanty wurde mal über den Wahlkreis Kattowitz-Zabrze, mal über jenen von Gleiwitz gewählt. Er gehörte vor seiner Tätigkeit als Mandatar der Deutschen Zentrumspartei (Zentrum) an, die von der polnischen Minderheit bevorzugt wurde, aufgrund ihrer katholischen Ausrichtung. Es war Korfanty, der das änderte; 1901 gab er die Schrift „Precz z Centrum“ heraus, in der er Polen im Deutschen Reich aufrief, (ihre) nationalen Belange über den über-nationalen Katholizismus zu stellen. Korfanty war ein Mitgründer der Polnischen Nationaldemokratischen Partei („Polenpartei“), für sie zog er 1903 in den Reichstag ein.

In einer Rede in einer der letzten Reichstag-Sitzungen vor dem Sturz der Monarchie, im Oktober 1918, plädierte Korfanty für den Anschluss eines grossen Teils der preussischen Ostprovinzen an Polen, das damals (am Ende des 1. WK) wieder entstand. Und er half dann bei der Realisierung mit, in seiner schlesischen Heimat, mit den Aufständen 1919-21, vor der Volksabstimmung ’21. Bei dieser kam es zu einem Votum für den Verbleib bei Preussen und Deutschland, doch die Alliierten des 1. WK verlangten eine Abtrennung des östlichen Oberschlesiens (Kattowitz,…) an Polen. Korfanty, der nach dem 1. WK auch seinen Vornamen änderte, war dann zunächst in der Woiwodschaft Schlesien aktiv. Dann auch im Parlament in Warschau (Sejm), für die er zu seinen christdemokratischen Wurzeln zurückkehrte, nun da das Nationale geklärt schien. Später wechselte er zu einer Arbeiterpartei. Er starb 2 Wochen vor dem „Überfall auf Sender Gleiwitz“ 1939, der dem deutschen Einmarsch in Polen voraus ging.

Manuel C. Valls Galfetti wurde in Barcelona geboren, als Sohn eines spanisch-katalanischen Vaters und einer italo-schweizerischen Mutter. Valls wuchs in Paris auf, hat im Alter von 20 Jahren auch die französische Staatsbürgerschaft angenommen, war vorher nur Spanier. Er ist in Frankreich und Spanien politisch aktiv, ohne dass sich eine Grenzveränderung ereignet hätte oder er ausgewandert wäre. Diese Art des politischen Pendelns gibt es selten. Sein Weg weist Ähnlichkeiten zu jenem von Saakaschwili oder Mlinar auf. Valls war zunächst in der Parti socialiste aktiv, wurde 2002 in das französische Parlament gewählt. 2012 bis 2014 war er Innenminister unter Premierminister Ayrault. Anschliessend, 2014 bis 2016, war er Premierminister, unter seinem Parteikollegen François Hollande als Staatspräsident, mit einer Regierung aus PS und kleineren Linksparteien wie der PRG. Valls wollte bei der Präsidentenwahl ’17 antreten, verlor aber parteiintern gegen Benoît Hamon. Danach unterstützte er Emmanuel Macron, den ehemaligen Sozialisten, der eine neue Partei gegründet hat. Der Fraktion dieser La République En Marche in der Nationalversammlung schloss sich auch bald Valls an.

2018 trat er von seinem Mandat zurück, um bei der Kommunalwahl in Barcelona 2019 anzutreten. Er gründete die Partei BCN-Canvi und bekam Unterstützung der anti-separatistischen Ciudadanos. Diese gemeinsame Liste bekam etwa 10% der Stimmen. Seit damals ist Valls im Stadtrat von Barcelona. Gut möglich, dass er nochmal in die französische Republik zurückkehren wird. Im dystopischen Polit-Roman „Soumission“ („Unterwerfung“)(40) von Michel Thomas „Houellebecq“ bleibt Valls Premier unter Hollande bis zur Präsidentenwahl 2022, in der ein „Mohammed Ben Abbes“ von den Moslembrüdern gewinnt. Marine Le Pen (FN/RN) ist im Roman die Einzige, die Widerstand leistet, und Valls übt sich darin in Appeasement. Von Seiten der Front national, seit ’18 Rassemblement national, kam übrigens Abneigung gegen Valls wegen seiner „fremdstämmigen“ Herkunft. Jean-Marie Le Pen vor einigen Jahren: „Welche Bindung hat Valls an Frankreich?“, „Hat sich dieser Migrant wirklich verändert?“. Ein weites Thema; die katalanische Nationalbewegung ist traditionell frankophil, obwohl Frankreich eigentlich sehr minderheitenfeindlich ist. Und Marine Le Pen sagte im Hiblick auf die katalanische Minderheit in Frankreich (Region Occitanie, Gegend um Perpignan), es gäbe keine katalanische Kultur in Frankreich.

Jean-Baptiste Bernadotte stieg in der französischen Revolutionsarmee zum General auf und wurde 1799 kurzzeitig Kriegsminister des Direktoriums. Kaiser Napoleon ernannte ihn 1804 zum Maréchal d’Empire und gab ihm 1806 den Titel eines Fürsten von Pontecorvo. Mit Zustimmung Napoleons wählte der schwedische Reichstag Bernadotte 1810 zum Kronprinzen von Schweden(41), den der kinderlose letzte König aus dem Hause Holstein-Gottorp, Karl XIII., adoptieren musste. Nach dessen Ableben im Jahr 1818 wurde Bernadotte als Karl XIV. Johann zum König von Schweden gekrönt. Von 1818 bis 1905 regierte das Königshaus auch über Norwegen.

Die Republik Südafrika geht auf die Vereinigung von vier Kolonien unter britischer Herrschaft 1910 zurück. Im Krieg 1899-1902 übernahmen die Briten auch die Herrschaft über die zwei Buren-Republiken, die sich bis dahin behaupteten. Es gibt einige Politiker, die in der Südafrikanischen Union (oder Union von Südafrika), so der Name des britischen Dominions bis 1961, und in den Vorgängerrepubliken wirkten. So wie Francis W. Reitz, der Präsident des Oranje Freistaats war (1889-1895), anschliessend Staatssekretär (Regierungschef) der Südafrikanischen Republik (Transvaal), bis 1902, der britischen Übernahme. In der Union war er dann Präsident des Senats. Louis Botha war militärischer Führer Buren im Südafrikanischen Krieg (1899-1902, Anglo-Buren-Krieg), 1907-10 Premierminister von Transvaal (Partei Het Volk) und 1910-1919 jener von Südafrika (für die SAP). Allerdings, in der Phase 1902-10 waren Transvaal und Oranje Freistaat britische Kolonien, keine unabhängigen Staaten mehr. Nur wenn man die Südafrikanischen Union als unabhängig von GB sieht (was sie aber eigentlich erst ab 1931 wirklich war), ist Botha für hier relevant. Der Schotte Leander S. Jameson war 1894-96 Verwalter der britischen Kolonie Süd-Rhodesien, 1895 führte er den militärischen Überfall in die Südafrikanische Republik (Transvaal) an. 1904-08 war er Premier der Cape Colony (für die Progressive Party), in der Union (an deren Zustandekommen er entscheidend beteiligt war) war er in der Unionist Party aktiv. Für Jameson (der übrigens 1917 in London starb) gilt das Selbe wie für Botha.

Yassir Arafat („Abu Ammar“) wurde in der Zwischenkriegszeit in Ägypten oder Palästina geboren, beide damals unter britischer Herrschaft, er war jedenfalls palästinensischer Herkunft, stammte väterlicherseits von der Husseini-Familie ab. Arafat lebte und studierte dann in Ägypten, nahm an ägyptischer Seite an den Kriegen 1948 und 1956 teil. Ab 1956 lebte er in Kuwait, war als Bauunternehmer tätig, gründete dort die Fatah – hier muss man wohl den Beginn seiner politischen Tätigkeit ansetzen, die eine im Exil im palästinensischen Kontext war. In den 1960ern ging er nach Jordanien, das damals über einen Teil Palästinas herrschte (Westjordanland & Ost-Jerusalem), unternahm/führte von dort Guerilla-Aktionen gegen Israel, vor und nach dem Krieg 1967, mit dem Israel auch den Rest Palästinas unter seine Herrschaft bekam.

Arafats Fatah schloss sich nach diesem Krieg der Palestine Liberation Organization (PLO) an, er wurde 1969 Vorsitzender dieses Zusammenschlusses palästinensischer Organisationen. Anfang der 1970er wurden Arafat und die PLO aus Jordanien vertrieben, unter dem Vorwurf, sich nicht wie ein Gast zu benehmen. Sie gingen in den Libanon, spätestens dort hat Arafat eine politische Rolle im Landeskontext gespielt, war auch beteiligt im dortigen Bürgerkrieg. 1982 musste die PLO-Führung nach Tunesien ausweichen, infolge der israelischen Invasion im Libanon. 1988 eine Proklamation Palästinas in den Gebieten, die 1948-67 nicht von Israel besetzt waren; Arafat wurde zum provisorischen Staatsoberhaupt ernannt.

93/94 die Abkommen mit Israel, Arafat wurde 94 Vorsitzender der Palästinensischen Autonomiebehörde, die über Teile der Gebiete, die Israel seit 67 besetzt, gewisse Vollmachten hat. Arafat wurde als PLO-Vorsitzender (also seit 69), seit der Staatsproklamation 88 und seit 93/94 von verschiedenen Staaten und Institutionen in unterschiedlicher Weise als Vertreter von Palästina, Chef einer Exilregierung für Palästina, Regierungschef eines semi-souveränen Staates,… anerkannt.(42) Im Libanon und möglicherweise in Jordanien hat er, während seines Aufenthaltes dort, eine Rolle in der (dortigen) Politik gespielt.

Juan O’Donojú war ein Spanier irischer Herkunft, Offizier, Anfang des 19. Jh nahe bei König Fernando VII., nach dessen Wiedereinsetzung 1813 nach der französisch-napoleonischen Invasion. Die spanischen Siedler in Lateinamerika (nicht die Ureinwohner dort) nutzten die Situation dazu, um für die Unabhängigkeit der Kolonien vom Mutterland zu kämpfen. O’Donoju hatte eine politische Funktion, am spanischen Königshof, als er 1821 nach Neu-Spanien geschickt wurde. Wo seit 1808 der Unabhängigkeitskrieg lief; Agustin de Iturbide war mit einem Grossteil der spanischen Truppen zu den Aufständischen (unter Hidalgo, Santa Anna,…) übergelaufen. O’Donoju wurde dort Generalkapitän, ersetzte den Vizekönig, bekam spätestens hier ein politisches Amt im spanischen Kontext. Er versuchte zunächst, Neuspanien für Spanien zu retten, durch Zugehen auf die Aufständischen bzw Vermittlung. War dann aber dabei, als 1821 das Imperio Mexicano proklamiert wurde (inklusive Mittelamerika und grosser Teile Nordamerikas), unter Iturbide als Kaiser, und zwar in der ersten Regierung; das war natürlich gegen die Instruktionen aus Madrid, war gewissermaßen ein Überlaufen. O’Donoju starb noch 1821, 1823/24 wurde Mexico Republik.

Mikheil Saakaschwili ist in Sowjet-Georgien aufgewachsen, studierte in der Niederlande, wurde im unabhängigen Georgien 2004 Präsident, nach dem Sturz Schewardnadses. In dieser Zeit war der Krieg mit Russland ’08, auf den der Austritt Georgiens aus der GUS folgte. Saakaschwili, der gegen Ende seiner Präsidentschaft hin autoritär geworden ist, konnte ’13 nimmer antreten zur Neu-Wahl. Er verliess Georgien, wurde von der neuen Regierung gesucht, begann sich in der Ukraine zu engagieren, in der Euromaidan-Revolution 13/14, wobei eine anti-russische Haltung (bzw, eher eine Anti-Putin-Haltung) die Brücke war. Er kam in die Nähe des neuen ukrainischen Präsidenten Poroschenko, wurde ukrainischer Staatsbürger (verlor die georgische dadurch), wurde Gebietsgouverneur in Odessa, 15/16. Dann ein Streit mit Poroschenko, wieder Korruptionsvorwürfe, gründete eine eigene Partei, verlor die Staatsbürgerschaft, wurde 17 in Kiew verhaftet, von Demonstranten befreit (www.youtube.com/watch?v=V4bVJC9vqEc). Wiech in die USA aus, durfte dann unter Zelensky zurückkehren. Saakaschwili wird nun als künftiger Präsident der Ukraine gehandelt.

Stokeley Carmichael stammte aus Trinidad Tobago, ging in die USA, war dort unter Anderem in der Black Panther Party aktiv, war auch ein Opfer des FBI-COINTELPRO, 64 die Abwendung von der Democratic Party. 1968 ging er nach Afrika: Ghana, dann Guinea, änderte seinen Namen in „Kwame Ture“, war mit der exilierten südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba zusammen. Und war in der All-African People’s Revolutionary Party (A-APRP) aktiv, einer internationalen panafrikanischen Partei. T(o)uré/Carmichael bewegte sich in dem Dreieck Karibik/USA/Afrika, biografisch und politisch.

Stefan Kraft stammte aus dem österreichisch-ungarischen Syrmien, engagierte sich vor dem 1. WK etwas für die Deutschen in der ungarischen Reichshälfte. Nach dem Krieg (in dem er „diente“) stellte er sich auf ein Minderheitendasein in Ungarn ein, es wurde eins in SHS-Reich, in dessen serbischen Teil. Kraft wurde vereins-politisch für die Deutschen im SHS-Reich/ Kgr. Jugoslawien aktiv, die v.a. Donauschwaben waren, in der Deutschen Partei. Auf Druck Nazi-Deutschlands trat er 1939 u.a. als Abgeordneter zurück. 41 wurde er Staatssekretär in Ustascha-Kroatien, 44 ging er nach Österreich, 49 nach West-Deutschland, wo er für seine Landsmannschaft aktiv war. Ludwig Kremling aus dem Banat ist etwas früher geboren, war daher noch stärker in der ungarischen Hälfte der „Donaumonarchie“ aktiv, bekleidete die Position des Vorsitzenden der Ungarländischen Deutschen Volkspartei. Bei der Wahl zum ungarischen Parlament scheiterte er knapp. Im SHS-Reich war er Obmann der Deutschen Partei/ Partei der Deutschen.

José de Obaldia war Politiker im nördlichen Teil Kolumbiens, Gouverneur des Panama-Departments, des mittelamerikanischen Ausläufers des Landes. Er war einer jener Mächtigen aus der Region, dies sich von der USA unter Theodore Roosevelt einspannen liessen, als diese dieses kolumbianische Panama 1903 abspalten wollte, um dort ihren Kanalbau durchführen zu können. De Obaldia wurde zweiter Präsident Panamas nach der Abtrennung. Sein Vorgänger, also der erste Präsident Panamas, Manuel Amador, war Abgeordneter im Parlament der Republik von Neugranada (Vorgängerstaat Kolumbiens) gewesen, dann ebenfalls eine Art Gouverneur des Panama-Departamentos.   

Eine Personalunion verbindet Länder durch einen gemeinsamen Herrscher, die selbstständig sind. England hat Wales im 13. Jh „geschluckt“. Ab 1542 war der König von England in Personalunion auch der über Irland. 1603 kam Schottland dazu, die schottischen Stuarts waren im 17./18. Jh in Personalunion Könige von England und Schottland. 1707 wurde aus dieser Personalunion eine Realunion (oder eine Staatsunion), als das Königreich von Grossbritannien entstand (England inklusive Wales sowie Schottland)(43); nun wurden nicht nur Engländer und Waliser, sondern auch Schotten in das Parlament nach London gewählt. Anne Stuart war 1702-1707 Königin von England, Schottland und Irland (als letzte Stuart), 1707-14 Königin von Grossbritannien und Irland.

Nach ihrem Tod 1714 kam mit Georg(e) der erste Hannoveraner auf den britischen Thron (eigentlich das Haus Braunschweig-Lüneburg). 1800/01 entstand das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland, letzteres Land verlor sein eigenes Parlament. 1922 bzw 1927 wurde daraus das V. K. (UK) von GB und Nordirland, durch die Schaffung des Irischen Freistaats. GB bzw das UK herrscht(e) darüber hinaus über etliche nicht-europäische Gebiete, in der einen oder anderen Form. Elizabeth Windsor ist Oberhaupt diverser Überseegebiete Grossbritanniens (wie Gibraltar, British Virgin Islands) sowie selbstständiger Staaten mit britischer Kolonialvergangenheit (wie Canada, Jamaica).

Feliks Dzierzynski war Sohn eines polnisch-litauischen Gutsbesitzers/Adeligen, aus dem damaligen Gouvernement Wilna im äußersten Westen des Russischen Kaiserreiches (Gegend heute bei Weissrussland). Dzierżyński begann seine politische Arbeit in der Sozialdemokratischen Partei des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL), die 1893 von Rosa Luxemburg und Anderen gegründet wurde. Für sie war eine Unabhängigkeit Polens von Russland keine Priorität. 1906 vereinigte sie sich während der Revolution (05/06) im Russischen Reich mit der RSDRP, der Russischen Sozialdemokratischen Partei (Vorgängerin der Kommunistischen Partei der Sowjetunion), bzw trat ihr bei; 1911 wurde sie wieder eigenständig. Dzierżyński wurde zum Kommunisten und Russen. Im Sommer 1917 trat er den Bolschewiki, also der RSDRP(B), bei und wurde Mitglied ihres Zentralkomitees.

Während der Oktoberrevolution war er einer der Führer des bewaffneten Aufstands der Bolschewiken gegen die Regierung Alexander Kerenskis. Nach dem Sieg schuf Dzierżyński auf Veranlassung Lenins das als Geheimpolizei agierende Allrussische Außerordentliche Komitee zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage (Tscheka), deren Leiter er bis zu seinem Tod 1926 blieb. Dzierzynski war aber auch im unabhängigen Polen tätig, wenn auch im Rahmen der Besetzung Ost-Polens im Polnisch-Sowjetischen Krieg, 1920, und für kurze Zeit.(44) Dzierżyński war also im Russischen Reich, in Sowjetrussland, der Sowjetunion und im russisch besetzten Polen aktiv. In der SU war er nicht nur Leiter der ВЧК, aus der 1922 die GPU und 1926 die OGPU wurden, sondern auch Volkskommissar (Minister) für Innere Angelegenheiten und verschiedenes Andere.

Auch Jozef Pilsudski und Bolesław Bierut waren Polen, die unter russischer Herrschaft aufwuchsen und dort mit politischem Engagement begannen. Pilsudski wurde nach Erringung der Unabhängigkeit Polens nach dem 1. WK Staatschef Polens, Bierut im kommunistischen Polen nach dem 2. WK.

Joachim Siegerist, geboren 1947 in Nordfriesland als Werner-Joachim Bierbrauer, ist Sohn einer deutschen Mutter und eines lettischen Vaters, der in der Waffen-SS diente, wuchs in Schleswig-Holstein auf, wurde rechter Autor („Bild“,…) und Aktivist (für Strauss aktiv, mit Gerhard Löwenthal, Verein „Die Deutschen Konservativen“,…), stand zumindest nahe am Rechtsextremismus. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Unabhängigkeit der baltischen Staaten erwarb Siegerist 1992 auf den Namen Joahims Zīgerists die lettische Staatsangehörigkeit. 1993 zog er für die Partei Latvijas Nacionālās Neatkarības Kustība (LNNK) in das lettische Parlament, die Saeima, ein. Im Wahlkampf hat sich Siegerist nach eigener Aussage mit einer Delegation ehemaliger Angehöriger der lettischen Waffen-SS getroffen. 1994 wurde Siegerist aus der Fraktion der LNNK ausgeschlossen. Er gründete daraufhin die „Volksbewegung für Lettland“ (Tautas kustība Latvijai), die auch „Siegerist-Partei“ (Zīgerista partija) genannt wurde.

Mit 15 % der Stimmen wurde die TKL bei den Parlamentswahlen 1995 zweitstärkste Kraft. Da sich ihm andere Parteien verweigerten, konnte Siegerist keine mehrheitsfähige Koalition bilden. 1998 erreichte die TKL nur noch 1,7 % der Stimmen. Siegerist legte seine Parteiämter noch am Wahlabend nieder und zog sich aus der lettischen Politik zurück. War dann in der CDU aktiv, als unabhängiger Kandidat für eine Bundestagswahl, für die Wählerinitiative „Bremen muss leben“,… Für „Junge Freiheit“ konnte er seine Haltung erklären. Unter eigenen und anderen Rechtsaussen war/ist Siegerist u.a. wegen seiner Verwaltung von Spendengeldern zT nicht gut angeschrieben. Er ist von seinem Weg her nahe bei Valls. Siegerist ist kein Baltendeutscher, hat aber Wurzeln in Lettland, hat aber dort nie gelebt bevor er wegen des politischen Engagements hinzog. Nahe bei ihm ist Vladimir/Waldemar Herdt, Russlanddeutscher aus SU-Kasachstan, der in Deutschland für PBC und AfD aktiv ist, in Lettland für eine EU-skeptische Partei antrat.

Karl Renner ist einer Jener, die in Österreich-Ungarn und dann in der Republik (Deutsch-) Österreich (Erste und Zweite) politisch aktiv waren. Der aus Südmähren Stammende war für die SDAPÖ im Reichsrat. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Reichs war er von 1918 bis 1920 als Staatskanzler maßgeblich am Entstehen der Ersten Republik Österreich beteiligt. Er leitete auch die österreichische Delegation bei den Verhandlungen in Saint-Germain. Von 1920 bis 1934 war Renner Abgeordneter zum Nationalrat. 1931 wurde er Präsident von diesem. Sein Rücktritt und der seiner beiden Stellvertreter 1933 wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuss als Selbstausschaltung des Parlaments begrüsst und als Vorwand für die Etablierung der „austrofaschistischen“ Ständestaatsdiktatur genützt. 1938 war er der bedeutendste sozialdemokratische Befürworter des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, er unterstützte im gleichen Jahr auch die Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland. Renner stand nach dem 2. WK auch an der Wiege der 2. Republik; als Staatskanzler und Bundespräsident.

Als Josip Vilfan geboren wurde, gehörte seine Heimatstadt Triest(e)/Trst zum österreichisch-ungarischen Kronland Küstenland. Nach dem 1. WK kam die Region zum Königreich Italien. Vilfan, ein Jurist, wanderte ausserdem im europäischen Raum „herum“. Er, der immer wieder für ein friedliches Zusammenleben von Nationalitäten eintrat, fand sich letztendlich entwurzelt wieder. In den Jahren vor dem 1. WK war Vilfan Mitglied des Stadtrats von Triest, für eine südslawische Partei. Als 1915 zwischen Österreich-Ungarn und Italien der Krieg ausbrach (und die Gegend um Triest war eines der Kriegsziele Italiens), wurde Vilfan von den Behörden der Donaumonarchie in den „Sicherheitsrat“ der Stadt ernannt – dieser war hauptsächlich gegen die Irredentisten unter der italienischen Bevölkerung der Stadt gerichtet. Nach dem Krieg hielt er sich in Laibach/Ljubljana auf, war an der Gründung des SHS-Staats beteiligt, der die Vorstufe zum SHS-Reich war. Während er beim Zustandekommen des Südslawenstaats mitwirkte, kam seine Heimat an Italien.

Vilfan wurde ein Führer der Slowenen im Italien (nun im Compartimento Venezia Giulia), wurde in’s italienische Parlament gewählt – das aber bald keine Rolle mehr spielen sollte, aufgrund der Machtergreifung der Faschisten unter Mussolini. Vilfan schaffte es drei Mal, zu Unterredungen mit dem Duce vorgelassen zu werden – ihn zu einer anderen Politik ggü Minderheiten zu bewegen, schaffte er bekanntlich nicht. Manchen Slowenen und Kroaten in diesem Raum (Istrien und „Umgebung“) war Vilfans Linie auch zu konziliant, sie gründeten die militante TIGR. Vilfan musste 1928 aus dem faschistischen Italien ins Exil, ging zunächst nach Wien, von wo aus er nun den Europäischen Nationalitätenkongress (ENK) leitete, dessen Präsident er 1925-39 war. 1939 ging er nach Belgrad, Königreich Jugoslawien, erlebte dort Besatzung, Kollaboration, Widerstand, Befreiung und Errichtung des sozialistischen Jugoslawiens. Wieder musste er sich mit einem System arrangieren. Vilfan beriet die Regierung der SFR YU bei den Verhandlungen mit der Italienischen Republik um die Triest-Region.

Michel Aflak (Aflaq) war ein christlich-orthodoxer Syrer, er war 1947 einer der Gründer der Arabisch-Sozialistischen Baath-Partei (حزب البعث العربي الاشتراكي‎, Ḥizb al-Ba‘th al-‘Arabī al-Ishtirākī), die in arabischen Ländern aktiv ist; Aflak war „internationaler Chef“ der Partei. Die irakische Baath war am Sturz der Monarchie dort 1958 beteiligt, wandte sich danach aber gegen die neue Regierung unter Abdelkarim Qasim. Führende Aktivisten der irakischen Baath-Partei wie Fuad Rikabi und Saddam Hussein gingen in den Jahren von dessen Herrschaft ins benachbarte Syrien, wo Aflak in deren interne Streitigkeiten eingriff (Hussein stärkte). 1963 wurde Qasim gestürzt, von Teilen des Militärs, die der Baath im Lande (unter Ahmed Hassan al Bakr) nahe standen, mit westlicher Unterstützung. Etwa einen Monat später übernahm in Syrien die Baath mit einem Militärputsch die Macht (hat sie mehr oder weniger seither inne). Im Irak schaltete der neue Machthaber Aref dagegen die Baath bald aus. 

1965/66 wurde Aflak in Syrien (wo er ausserhalb der Partei keine Funktionen übernommen hatte) entmachtet, der Staatsstreich dort 1966 führte zu einer Spaltung der Baath, in den Teil unter syrischer Führung (Nuredin Atassi) und jenen mit der Führung im Irak (Bakr). Aflak flüchtete ’66 über Libanon in den Irak, wurde Teil der Führung der dortigen Baath. 1968 gelang ihr dort die Machtübernahme, Bakr wurde Präsident (und Premier). Bakrs Cousin Saddam Hussein übernahm 1979 die Macht, etablierte eine neue Dimension von Diktatur und Unterdrückung im Land. Mit der syrischen Baath, die im Nachbarland seit 1971 unter Hafez Assad herrschte, war das irakische Regime so verfeindet, dass Syrien im Irak-Iran-Krieg 1980-88 den Iran unterstützte. Aflak übernahm auch im Irak nur parteiinterne Funktionen. Aflak starb 1989, soll am Ende seines Lebens zum Islam übergetreten sein.  

Pio Pico war ein Californio, also Einwohner des mexikanischen Alta California, das nach dem Krieg 1846-48 an die USA kam. Pico war am Ende der Zugehörigkeit Kaliforniens zu Mexico aktiv und am Beginn ihrer zur USA. Der Rancher war letzter Gouverneur von Alta California, 1845/46. Nachdem ein Grossteil des Gebiets der US-Bundesstaat California wurde (1850), war er dort kurz im Stadtrat von Los Angeles. Es gibt ähnliche solche „Fälle“, die USA hat ja nicht nur eine englische/britische Kolonialvergangenheit, sondern (Teile von ihr) auch eine spanische, französische, russische, niederländische, schwedische, ausserdem eine der Zugehörigkeit zu Mexico. Daher findet man einige US-amerikanische Politiker, die in Mexico oder einem dieser Kolonialgebiete aktiv gewesen sind.

Jacques P. Villeré ist in Louisiane geboren, damals Teil von Nouvelle-France, im spanischen Luisiana aufgewachsen, hat dann wieder französische Herrschaft erlebt (war in dieser Zeit politisch aktiv), schliesslich den Anschluss an die USA, wo er als Creole im Bundesstaat Louisiana Gouverneur war. Villeré stammte aus dem Süden von Neu-Frankreich, aus Basse-Louisiane, aus der Nähe von Nouvelle-Orléans (St. Bernard), wo seine Familie eine Zuckerrohr-Plantage hatte. Villere war ein Kleinkind, als der britisch-französische Kolonialkrieg Mitte des 18. Jh das Ende von Neu-Frankreich brachte. Die Briten kassierten nach dem Krieg (1763) den Norden dieser Kolonie sowie den Osten von Louisiane (östlich des Mississippi); das westliche Louisiane ging an Spanien. Dort wuchs Villere auf, diente aber in der französischen Kolonial-Armee.

Das spanische Luisiana kam 1800 zurück an Frankreich, wurde dann 1803 an die USA verkauft. 1803 wurde Villeré in den Stadtrat von Nueva Orleans gewählt, diente dort kurze Zeit, bevor Frankreich die Kolonie an die USA verkaufte. Nur deshalb hat er sich für hier qualifiziert… Louisiana wurde in der USA ein Territorium, 1812 ein Bundesstaat. Villere war zunächst wieder militärisch aktiv, etwa im Krieg der USA gegen Canada 1812-15. Er war, als Mitglied einer angesehenen Plantagenbesitzer-/Sklavenhalter-Familie, auch Friedensrichter und Mitglied des Konvents das die Verfassung des Bundesstaats entwarf. 1812 kandidierte er bei der Gouverneurs-Wahl, für die Democratic-Republican Party, verlor gegen einen Claiborne.

1816 gewann er aber, wurde zweiter Gouverneur Louisianas, blieb das bis 1820. 1824 kandidierte er wieder, aber er und Bernard de Marigny teilten (sich) die Stimmen der Französischstämmigen, so dass Henry Johnson der lachende Dritte war. 1830 starb er vor der Wahl, bei der er wieder antreten wollte. Villeré war in der französischen Kolonialzeit nur marginal politisch aktiv, in der USA-Zeit sehr prominent (auf Bundesstaats-Ebene), Pico hatte in Mexico eine wichtige Funktion (auch auf regionaler Ebene) und in der USA eine bescheidene.(45)

Einer der „Nachfolgestaaten“ von Österreich-Ungarn ist auch die Ukraine… Ukrainische (ruthenische) Gebiete in dem Reich waren der Osten von Galizien, der Norden der Bukowina sowie Transkarpatien; dieses letztere Gebiet war das einzige das in der ungarischen Reichshälfte lag, war dort auf mehrere Komitate aufgeteilt. Diese 3 Gebiete schlossen sich 1918 zur Westukrainischen Volksrepublik zusammen, die 1919 aufgelöst werden musste. Ost-Galizien ging an Polen, Nord-Bukowina an Rumänien und Transkarpatien an die Tschechoslowakei. Diese ehemals österreichisch-ungarische Gebiete gingen erst am Ende des 2. WK zur Sowjetunion, gehören heute zur unabhängigen Ukraine. Oleksandr Barwinskyj aus Ost-Galizien, Gelehrter und Nationalist, war Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, ausserdem im Landtag von Galizien. Er war Vorsitzender der „Wissenschaftlichen Gesellschaft Schewtschenko“, die unter seinem Nachfolger Mychajlo Hruschewskyj (s.o.)  wissenschaftliches Prestige und eine pan-ukrainische Bedeutung erlangte. 1918/19 war er in der Regierung der Westukrainischen Volksrepublik eine Art Minister für Bildung. Nachdem sein Gebiet zu Polen kam, lebte Barwinskyj dort ohne politisch aktiv zu sein. An der Stelle sei auch Władysław Sikorski genannt, ebenfalls aus dem österreichisch-ungarischen Galizien, aber ein Pole, damals politisch aktiv, dann im unabhängigen Polen, und im Exil für Polen.

Leopold S. Senghor (Christ und Sozialist) war 1948-58 Abgeordneter im französischen Parlament aus dem Wahlkreis Senegal-Mauretanien, 59-61 Berater im Ministerrang von Premier Debré, 59/60 Präsident der innerhalb Frankreichs autonomen Mali-Föderation (Senegal und Mali), 60-80 erster Präsident Senegals. Modibo Keita, erster Präsident Malis, war davor ebenfalls Abgeordneter im französischen Parlament, und noch einige andere Herrscher im frühen unabhängigen Afrika.

Türkei/Deutschland: Feleknas Uca stammt aus einer Familie yazidischer Kurden aus der Türkei, wuchs in Deutschland auf. Sie war für PDS bzw Die Linke 99-09 Abgeordnete im Europäischen Parlament. 2015 wurde sie in der Türkei für die HDP ins Parlament gewählt. Leyla Imret, ebenfalls eine türkische Kurdin (oder kurdische Türkin…), war in ihrem Heimat-/Herkunftsland aktiv, als Bürgermeisterin von Cizre, für die BDP, dann die HDP. Ähnliches Muster wie Valls. In Deutschland als Vertreterin der HDP. Damit erfüllt sie eigentlich nicht die Kriterien für die Aufnahme hier. Ozan Ceyhun verliess die Türkei nach dem Militärputsch 1980, nach Österreich, dann nach West-Deutschland.

Ceyhun wurde 1998 deutscher EP-Abgeordneter, für die Grünen. 2000 wechselte er zur SPD, wirkte für sie im EP. 2002 zog es ihn zurück in die Türkei. Dort wurde er angeklagt, vor 1980 als Mitglied der linken militanten Devrimci Yol an bewaffneten Überfällen und an einem Bombenanschlag teilgenommen zu haben und freigesprochen. Ceyhun wurde in der Türkei Berater für Politiker, arbeitete für Dervis Eroglu, Volksgruppenchef der türkischen Zyprioten, oder CHP-Politiker. Um 2010 wechselte er in das Lager der AKP. Bei einer der Parlamentswahlen 2015 kandidiert er, erfolglos. Damit ist er für hier passend. Dann wurde er türkischer Botschafter in Österreich.

Von 1918 bis 1920 bestand eine Republik Armenien, im östlichen Armenien, wenn auch nicht in exakt dem gleichen Gebiet wie das jetzige (post-sowjetische) Armenien. Einige der Führer dieses Staats waren davor im zum russischen Zarenreich gehörenden Armenien aktiv gewesen.(46) Avetis Aharonian wuchs im russischen Ost-Armenien auf, war dort armenisch-national engagiert (in der Daschnak), wurde dafür vom Zarenregime inhaftiert; 18-20 war er Parlamentspräsident und damit gleichzeitig Staatsoberhaupt dieses Armeniens. Mit dessen Untergang ging er in’s westliche Exil, war schriftstellerisch tätig, starb in Paris. „Dro“ Drastamat Kanayan stammte wie Aharonian aus Surmali/Igdir, das damals im russischen, östlichen Armenien lag. Auch er ein Daschnake, kämpfte im 1. WK im Militär des Russischen Reichs gegen jenes des Osmanischen. War in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit von (dem östlichen) Armenien Verteidigungsminister; ging dann auch ins Exil. Alexander Khatisian war ein Armenier in Georgien, was damals (spätes Zarenreich) aber auch russisch war. War Bürgermeister von Tiflis/Tbilisi, von 1910 bis 1917. War in der Republik Armenien Premierminister und Verteidigungsminister.

Zu jenen Österreichern, die in (der Republik) Österreich und nach dem Anschluss im nationalsozialistischen Deutschen Reich politisch wirkten, gehört Odilo Globocnik. Er hat ausserdem noch Österreich-Ungarn erlebt und südslawische Vorfahren gehabt. Zu ihm mehr im Kärnten-Artikel

Salva Kiir, ein katholischer Dinka aus dem südlichen Sudan, kämpfte für die Anyanya-Miliz im ersten Bürgerkrieg Sudans (der von 55 bis 72 ging), im zweiten (83-05) für die SPLM bzw ihre Miliz SPLA. Er wurde in der SPLM Nr. 2 hinter John Garang, dann sein Nachfolger. Nach dem Friedensabkommen war er Vizepräsident des Sudans (05-11), in dieser Zeit auch Regierungschef von Süd-Sudan (das noch zum Sudan gehörte). 2011 wurde dieses Land unabhängig (dürfte der jüngste Staat der Welt sein, der international anerkannt wird), mit Kiir als Präsident. Sein Engagement im Sudan war eigentlich rein auf die Abspaltung des Süd-Sudans ausgerichtet

Johannes Gerstenberger, 1862-1930, war Bessarabien-Deutscher (Eltern/Grosseltern sind 1815 aus Sachsen ausgewandert), war Grossgrundbesitzer, bei Akkerman (dort auch in der Kreisvertretung, in russischer Zeit), war 3x verheiratet, 1906/07 in der Duma (möglicherweise als Minderheitenvertreter). Nachdem Bessarabien/Basarabia nach dem 1. WK von Russland zu Rumänien kam(47), war Gerstenberger 1919-22 Abgeordneter im rumänischen Parlament für die Volkspartei (PP) von Alexandru Averescu. Er war auch eine Führungsperson im Verband der Deutschen in Rumänien (VDR/UGR). Er ist einer der Vielen hier, die durch Grenzänderungen infolge des 1. WK in einem anderen Staat zu leben kamen

Ahmad Shukeri: 1908 im (damals osmanischen) Libanon als Sohn eines Palästinensers (der im osmanischen Parlament war) und einer Türkin geboren, lebte dann im britischen Palästina (Jus-Studium in Jerusalem/Quds), war damals u.a. im Arabischen Hoch-Komitee aktiv, der Führung der Palästinenser. Nach der israelischen Staatsausrufung und den damit verbundenen „Säuberungen“ wirkte er in der syrischen Delegation zur UN, war saudi-arabischer UN-Botschafter, stellvertretender Generalsekretär der Arabischen Liga, 1964 ein Gründer und erster Vorsitzender der PLO (Kongress im damals jordanischen Ost-Jerusalem), bis nach dem Krieg 67, starb 1980 in Amman. Er ging ein etwas mehr „Wege“ als sein Land (Palästina) in diesen Jahrzehnten. Siehe auch Arafat, Husseini

Die Entwicklungen, Wandlungen und Umformungen der deutschen Staaten sind ein Kapitel für sich. Otto I. („der Grosse“) war König des Ost-Frankenreichs, ab 936, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs seit 962. Hat er in/über zwei Staaten geherrscht? Wenn man die Umwandlung der Südafrikanischen Union 1961 in die Republik Südafrika nicht als die zu einem anderen Staat sieht, kann man das hier auch nicht. Davor gab es ja die Teilung des Frankenreichs, auch so ein Schritt. Etwa 170 Jahre bevor ein Deutsches Reich unter preussischer Führung entstand, entstand das Königreich Preussen, aus Brandenburg-Preussen, das eine Personalunion aus der Markgrafschaft Brandenburg und dem Herzogtum Preussen war. Friedrich I. aus dem Haus Hohenzollern war seit 1688 als Friedrich III. Kurfürst/Markgraf von Brandenburg sowie Herzog in Preussen, und krönte sich 1701 als Friedrich I. zum ersten König in Preussen.(48) Auch nicht wirklich die Transformation in einen anderen Staat.

Grab Vittorio Emanuele II. im Pantheon in Rom

Aber: Wilhelm I., König von Preussen, wurde dann auch Kaiser von Deutschland. Auch sein Kanzler Bismarck machte diesen „Spagat“. In Italien wurde Vittorio Emanuele (II.) di Savoia 1849 König von Piemont-Sardinien, 1861 König von Italien – die Schaffung Italiens bedeutete streng genommen eine Namensänderung und eine Vergrösserung Sardiniens. Das Deutsche Reich wurde 1918 eine Republik, blieb aber der selbe Staat. Der Übergang 1933? Ein Grenzfall vermutlich. Jener vom Deutschen Reich zu BRD und DDR bedeutete der zu einem anderen Gebiet und einem anderen System, war einer zu neuen Staaten. Die ersten Präsidenten/Staatsoberhäupter der beiden deutschen Staaten nach dem Untergang des Deutschen Reichs im 2. WK waren beide auch schon in der Weimarer Republik aktiv gewesen: 

Theodor Heuss sogar schon im Kaiserreich, in der FVP (und Vorgängerparteien), dann in der Weimarer Republik in der DDP (als Abgeordneter), in der BRD in der FDP: Parteichef, Bundespräsident. Wilhelm Pieck aus dem östlichen Teil Gubens in der Neumark (Ost-Brandenburg) kam aus der SPD, war Mitbegründer der KPD, für sie im Reichstag, dann im Exil in der SU, in der SBZ an der Gründung der SED beteiligt, wurde 1949 Staatspräsident der DDR. Es gab auch Jene, die im „Grossdeutschen Reich“ in gewisser Hinsicht politisch tätig waren, und dann in der BRD. Theodor Oberländer etwa (in der NSDAP sehr aktiv, dann für GB/BHE Vertriebenen-Minister), oder Hanns M. Schleyer. Schliesslich gab es die Politiker aus der demokratischen Endphase der DDR, die in der vergrösserten BRD tätig waren. Am prominentesten CDU-Leute, wie Lothar de Maiziere (DDR-Ministerpräsident, dann BRD-Bundesminister), Sabine Bergmann-Pohl (Volkskammer-Präsidentin, Bundesministerin). Angela Merkel war stellvertretende Sprecherin der De Maiziere-Regierung

Peter Heinrich ist einer Jener mit Bezug zu Rumänien oder dem SHS-Reich (aus dem Jugoslawien wurde). Er stammte aus (einer donauschwäbischen Familie in) Hatzfeld im Banat, das zur Zeit seines Aufwachsens zu Österreich-Ungarn gehörte. Nach dem 1. WK kam dieser Teil des Banats zu Serbien bzw dem SHS-Reich. 1923/24 kam Hatzfeld/Zsombolya/Žombolj/Jimbolia infolge einer Grenzbereinigung zwischen dem SHS-Reich und Rumänien zu Rumänien. Heinrich war 1923/24 im Parlament vom SHS-Reich. 1931/32 war er im rumänischen Parlament. Nach dem nazideutschen Einmarsch sowohl nach Rumänien als auch nach Jugoslawien die Gegenoffensive von Roter Armee, der Banat wurde von ihr zusammen mit den jugoslawischen Partisanen eingenommen. Heinrich wurde noch 1944 in das Gefangenen-Lager der Partisanen in Zrenjanin/Gross-Betschkerek (in einem anderen Teil des Banats) gebracht, starb dort

Karl Tinzl ist in Österreich-Ungarn aufgewachsen, war für den Deutschen Verband (dessen Chef er war) in der Zwischenkriegszeit (1920er) im italienischen Parlament (Königreich, Faschismus). Er war dies auch für die SVP in der Nachkriegszeit (1950er, Republik). Dazwischen war er ein leitender Funktionär des Nationalsozialismus in Südtirol. Nach dem Tod Peter Hofers wurde Tinzl Ende 1943 zum kommissarischen Präfekten der Provinz Bozen ernannt und war damit einer der höchsten Beamten der „Operationszone Alpenvorland“, nur dem obersten Kommissar, Reichsstatthalter und Gauleiter Franz Hofer, unterstellt. Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, nur freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Tinzl war in zwei Italiens (die aber den selben Staat darstellen) und einem Besatzungsregime über einen Teil Italiens aktiv

Angelika Mlinar, Kärntner Slowenin, Abgeordnete der NEOS im Nationalrat und Europäischen Parlament, trat bei der EP-Wahl ’19 für die slowenische liberale SAB-Partei an, wurde aber nicht gewählt. Mlinar war das, ohne die slowenische Staatsbürgerschaft zu haben(49)

Vladimir Lenin (Uljanow) war im Russischen (Zaren-) Reich aktiv (gegen dieses), hauptsächlich als Vorsitzender der RSDRP. 1900 bis 1917 war er im Exil, 1903 wurde er Führer der bolschewistischen Fraktion der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei. 1914-17, also die letzten Exiljahre, verbrachte er in der Schweiz, wo er auch davor schon einige Male gewesen war. Uljanow/Lenin hielt sich Bern, dann in Zürich auf, mit seiner Frau. Er war in der Schweiz politisch aktiv, im russischen Kontext, im internationalen, aber auch im schweizerischen. Lenin versuchte (vergeblich), Politiker der SP von der Notwendigkeit einer Revolution zu überzeugen. Der radikale Russe hatte vor Allem gegen den pragmatischen und einflussreichen Berner Sozialdemokraten Robert Grimm einen schweren Stand. Als der 1. WK losging, kam es in der Schweiz zu den geheimen Konferenzen der Zweiten Internationale in Zimmerwald (1915) und Kiental (1916); Lenin versuchte dort, die Genossen davon zu überzeugen, den Krieg zu einem Aufstand gegen den Kapitalismus zu nutzen, anstatt ihre Länder zu unterstützen.

1916 übersiedelte Lenin von Bern nach Zürich, wurde Mitglied der dortigen Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP), die u.a. von Fritz Platten geführt wurde. Im März 1917 erfuhr er von der Revolution in Russland (Februarrevolution), durch die der Zar gestürzt worden war. Natürlich wollte er jetzt zurückkehren, wurde dabei (u.a.) von Platten unterstützt, konnte (im April 17) über Deutschland und Skandinavien in das nun von der Provisorischen Regierung regierte Russland zurück kehren. Im November organisierte er dort die Oktoberrevolution gegen die Russische Republik, die im September ausgerufen worden ist, würgte die demokratische Entwicklung ab…und trat in die Weltgeschichte ein. Während in Russland unter Lenin Anfang 1918 die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik ausgerufen wurde (mit Lenin als Regierungschef) und die RSDRP-B in die KPR-B umgewandelt wurde, kam es in der Schweiz im November 18 zum Landesstreik.

An dem Lenins Bekannte Robert Grimm und Fritz Platten führend beteiligt waren. Verschwörungstheorien über den Streik drehen sich um eine Beteiligung Lenins (aus der Ferne), etwa Grimm habe von Lenin Instruktionen für den Landesstreik als Anfang einer kommunistischen Revolution in der Schweiz erhalten und es sei geplant gewesen, eine Sowjetschweiz unter Lenins Vertrauensmann Karl Radek zu errichten. Platten gründete 1918 die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) und war im Jänner 18 bei Lenin in Sowjetrussland, als dieser in einem Fahrzeug beschossen wurde; er soll ihm sogar das Leben gerettet haben. 1923 emigrierte Platten ganz in die nunmehrige Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (bzw Sowjetunion); fiel dort dann stalinistischen „Säuberungen“ zum Opfer.

Lenin war also aktiv im Rossiyskaya Imperiya (gegen dieses), der Russischen Republik (ebenfalls gegen diese), führend in der Russischen Sowjetrepublik und der Sowjetunion. Und eben in der Schweiz. Was die Transformationen Russlands 1917-22 betrifft, zumindest das Zarenreich und die SU sind unterschiedliche Staaten. Manche seiner Mitstreiter (wie „Stalin“) haben ebenfalls an diesen Veränderung Russlands mitgewirkt, aber nicht in einem Exilland

Eliahu Sasson, geboren 1902 in Damaskus, im damals osmanischen Syrien, Jude, Studium im Libanon, wirkte nach dem 1. WK in Syrien in der arabischen Nationalbewegung gegen die französische Herrschaft mit. Genaueres war dazu einstweilen nicht herauszufinden. 1927 emigrierte er in das britische Mandatsgebiet Palästina, nahm dort als Mizrahi seinen Platz in der entstehenden zionistischen Gesellschaft ein. War rund um Nakba/Ha’atzmaut aktiv, gegen die Palästinenser. Danach trat er in den Staatsdienst Israels ein, u.a. als Diplomat, eher er für die „Arbeiterpartei“ Abgeordneter und Minister wurde

Der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini war ein politisch-geistlicher Führer der Palästinenser, rund um die Zeit der Nakba, wurde nach dem Aufstand von 1936 von den Briten aus Palästina ausgewiesen. Er war im Irak, (Nazi-) Deutschland, Ägypten, Libanon im Exil. Er war in diesen Ländern auch mehr oder weniger „innenpolitisch“ aktiv (hauptsächlich im Irak), kollaborierte mit den deutschen Machthabern, wurde von ihnen ins besetzte Jugoslawien geschickt. Husseini wird herangezogen für eine Geschichts-Politik, auch von höchsten Stellen, die Holocaust und Zionismus (bzw „Nahostkonflikt“) in ein Schema pressen soll, in dem „Araber“ die Schuldigen an Beidem sind und ihre Anliegen illegitim. Stepan Bandera (OUN) hat versucht, eine von Russland unabhängige Ukraine zu schaffen, indem er die Wehrmacht in der Ukraine gegen die Sowjetmacht auszuspielen versuchte. Oder, Avraham Stern (LEHI) wollte auch den 2. WK als Gelegenheit nutzen, Palästina den Briten zu entreissen…durch ein Bündnis mit Nazideutschland

Nguyen Van Thieu wurde im Französischen Indochina geboren, war aktiv im Vietminh mit Ho Tschi Minh gegen Franzosen, machte einen Seitenwechsel zu deren „Kollaborateuren“ (Bao, Ngo, eine Art Proto-Südvietnam) weil der Vietminh kommunistisch war. Nach Unabhängigkeit und Teilung Vietnams war er in Süd-Vietnam (Republik Vietnam) zunächst im Militär aktiv, trat vom Buddhismus zum Katholizismus über. Dann der Vietnam-Krieg gegen Nord-Vietnam, während dem Nguyen 1963 Bao und Ngo stürzte. Er war in der dann herrschenden Junta, 65-67 Juntachef, 67-75 Staatspräsident. 1973 der Rückzug der USA, der Vormarsch von Nord-Vietnam und Vietcong… Nguyen trat im April 75 ab, danach hatte Süd-Vietnam noch 2 weitere Präsidenten in diesem Monat. Am 30. 4. 75 der Fall Saigons. Nguyen war am 26. mit einem US-Flugzeug nach Taiwan geflogen, verbrachte sein Exil dann in GB und USA.(50) Nordvietnams Präsident Ton wurde übrigens 76 Präsident des wieder-vereinigten Vietnams

Vaclav Havel war Präsident der Tschechoslowakei und nach deren Auflösung von  Tschechien; da das Territorium Tschechiens viel kleiner ist als das der Tschechoslowakei, ist es als anderer Staat zu sehen. In der Tschechoslowakei gab’s ausserdem einen Systemwechsel (CSSR>CSFR). Eigentlich war Havel auch in der CSSR politisch aktiv, sehr sogar, nur eben ohne politisches Amt und gegen diesen Staat

Alexandros Mavrokordatos stammte aus einer Phanarioten-Familie, ging an den Hof seines Onkels, der quasi-erblicher Fürst/Hospodar der Walachei war, für die Osmanen, nahm dann am griechischen Unabhängigkeitskrieg Teil. 1822 die Proklamation eines griechischen Staates mit ihm als Oberhaupt (Präsident) später war er auch Ministerpräsident

Grenzfälle:

Zunächst einige Leute, die in einem ihrer Betätigungsländer mehr militärisch als politisch aktiv waren. Roman Ungern von Sternberg war Baltendeutscher, und das Baltikum gehörte vor dem 1. WK zum Russischen Reich; Ungern war dort Offizier. Im 1. WK war er im osmanisch-persischen Grenzbereich eingesetzt, dann im Russischen Bürgerkrieg, in der Weissen Armee gegen die Rote. Als Kommandeur einer Einheit der Weissen Armee im Fernen Osten Russlands intervenierte er 1919 in China gegen die Autonomie der Inneren Mongolei. Die „Äussere“ Mongolei hatte sich 1911 mit russischer Hilfe von China unabhängig gemacht, im Zuge der Revolution in China. Der Bogd Gegen, ein buddhistisches Oberhaupt, proklamierte sich zum Bogd Khan der Mongolei. China erkannte die Sezession nicht an, räumte der Provinz 1915 nur gewisse Autonomierechte ein. Truppen der nunmehrigen Republik China (unter Xu Shuzheng) setzten 1919 den Bogd Khan (Ngawang Wangchug) ab und gliederten die Mongolei wieder in China ein.

Der Khan wandte sich an Ungern (damals in Transbaikalien) um Hilfe. Mit seiner Einheit marschierte dieser dann in der Äusseren Mongolei ein und stellte ihre Unabhängigkeit (unter dem Bogd Khan) von China wieder her. Ungern wurde vom Bogd Khan ein Ehrentitel („Khan der Mongolei“) verliehen und spielte für kurze Zeit eine kleine Rolle in der Regierung des Landes. Das war auch schon seine politische Rolle ausserhalb Russlands. Die bolschewistische russische Rote Armee versuchte dann in der Mongolei, eine Art Marionettenregime zu installieren, marschierte 1921 ein. Nach etwa sechs Monaten wurden Ungerns Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Er selbst wurde gefangen genommen und getötet.

Marie-Joseph Motier de La Fayette war ein französischer adeliger Offizier, der 1876-82 im Unabhängigkeitskrieg der 13 britischen Nordamerika-Kolonien (gegen die Kolonialmacht) voluntierte. Nach seiner Rückkehr war er unter König Louis XVI. politisch aktiv (wurde in die Notabelnversammlung berufen). Dann spielte er als Mitglied der Generalstände bzw dann der Nationalversammlung während der Revolution eine Rolle. LaFayette war für eine Reform der Monarchie, aber ihre Erhaltung. Daher musste er 1792 untertauchen, wurde doch gefangen genommen, unter Napoleon Bonaparte 1797 befreit. Lafayette stellte sich dann auch gegen diesen. Nach der Restauration der alten Monarchie 1815 war er wieder Abgeordneter. Da diese Staatsform auch nicht das war, was er anstrebte, war er auch an der Revolution 1830 beteiligt. In Britisch-Nordamerika bzw USA also eine militärische Rolle, in Frankreich hauptsächlich eine politische.

Tadeusz Kościuszko stammte aus Polen-Litauen, führte Ende des 18. Jh einen Aufstand gegen die Teilungsmächte über Polen an, eine militärisch-politische Rolle. Geriet in Gefangenschaft, konnte in’s Exil, nahm am USA-Unabhängigkeitskrieg teil. Durch sein Engagement gegen die Besatzung/Teilung sowie im „Exil“ wurde Kosciuszko Nationalheld in Polen, Litauen, Weissrussland, USA. Er war mehr Militär, hatte aber eindeutig eine politische Agenda, setzte sich für die Aufklärung und (bzgl Nordamerika) gegen Sklaverei ein. George Washington war Oberst in der britischen Kolonialarmee in Nordamerika, hatte seinen Einsatz im Kolonialkrieg gegen Frankreich Mitte des 18. Jh, wurde dann militärisch-politischer Führer der Siedler der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, die sich 1776 als “United States of America” unabhängig erklärten, diese Unabhängigkeit dann bis 1783 von Grossbritannien erkämpften – und erster Präsident dieser USA.

Er hat Einiges mit „Atatürk“ gemeinsam. Der hat im Osmanischen Reich eine militärische Rolle inne gehabt, dann eine in der Schaffung eines neuen Staates (die eine militärisch-politische war), dann die Führung in dem neuen Staat (Republik Türkei). In der Endphase des Osmanischen Reichs herrschten die Jungtürken, darunter Enver Pascha (ein Offizier, 1914-18 Kriegsminister,…). Nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er zunächst nach Deutschland, wo er über Karl Radek (↑) Kontakte zur sowjetrussischen Führung aufnahm. 1921 kam er ins sowjetrussische Zentralasien, wo er Unabhängigkeitsbestrebungen dortiger Moslems niederschlagen sollte. Er tat aber das Gegenteil, versuchte einen pantürkischen Aufstand zu entfachen, er der wie auch die anderen Jungtürken-Führer nichttürkischer Herkunft war. 1922 wurde er dabei von russischen Soldaten erschossen.

Seleukus Nikator war einer der Diadochi, der rivalisierenden Generäle, Verwandten und Freunde von Alexander „dem Grossen“, die gegen einander um seine Nachfolge als Herrscher des Riesenreichs kämpften. Seleukus begründete das Seleukiden-Reich, das sich von der Levante bis nach Zentralasien erstreckte, wurde dessen erster Herrscher. Er war im Gesamtreich Alexanders militärischer Machthaber, im Nachfolgereich ein politischer, eben so wie Ptolemäus und Antigonos. Ernesto „Che“ Guevara war in seinem Heimatland Argentinien nicht wirklich aktiv, erst auf Reisen in Lateinamerika, in Guatemala begann es, in Mexico ging es weiter, dann der Sprung nach Cuba – wo er nach gelungenem Umsturz u.a. Industrieminister war. Von dort aus wurde er international aktiv, hauptsächlich in Congo und Bolivien (jeweils militärisch).

Massud und Maryam Rajavi, die Führer der (exil-) iranischen Mujahedin-e Kalq dien(t)en verschiedenen Herren, unterstützten mal Khomeini, dann Saddam, nun die amerikanischen Neocons und ihre Verbündeten. Im Irak hatten sie möglicherweise eine innenpolitische Rolle Inne. Der Algerier Ahmed Ben Bella diente in der Exilarmee des „Freien Frankreichs“, war auch Fussballer in Frankreich, dann Rat einer Gemeinde im französischen Algerien: er zog nach dem französischen Massaker in Setif 1945 in den Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens. Wurde nach der Unabhängigkeit Algeriens Präsident. Auch Schapur Bachtiar gehört hierhin, der letzte von Schah Mohammed Reza Pahlevi ernannte Premier Irans kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und im französischen Widerstand gegen die nazideutsche Besatzung.

„Tito“ im 1. WK in der Armee von Österreich-Ungarn, dann im SHS-Reich bzw Jugoslawien politisch aktiv, begründete das zweite Jugoslawien. Der Armenier Monte Melkonian lebte nacheinander in USA, Iran, Libanon, Frankreich, Süd-Jemen, Sowjet-Armenien, dem unabhängigen Armenien. Ausser in seinem Geburtsland USA war er überall politisch aktiv, aber mehr militärisch-revolutionär als politisch; und in der USA war er evtl. auch irgendwie politisch. Der Apachen-Aktivist Geronimo/Goklayeh war gegen Mexico (und nachdem das Gebiet an diese kam) und gegen die USA aktiv. Er war ein Führer der Bedonkohe-Apachen, aber hauptsächlich militärisch-guerillaartig aktiv. Ma Bufang war Kriegsherr in der Republik China als diese ganz China umfasste, emigrierte dann in jenen Teil der Republik die auf die Insel Taiwan begrenzt ist.(51)

Grenzfälle sind auch Regional-/Lokalpolitiker, die unter verschiedenen staatlichen Hoheiten wirkten. Bereits genannt wurden ja solche wie Kiir, die nahe daran sind, „Autonomiepolitiker“ die vor/nach dem Transfer eines Gebiets von einem Staat zu anderem wirkten, ohne in diesen Staaten „an sich“ mitzuwirken. Zwei Beispiele für Lokalpolitiker die einen solchen Transfer mitmachten: Julius Perathoner (Deutschfreiheitliche Partei) war von 1895 bis 1922 Bürgermeister Bozens („letzter deutscher“), ausserdem von 1901 bis 1911 Reichsratsabgeordneter in Wien und von 1902 bis 1907 Landtagsabgeordneter in Innsbruck. 1922 wurde er infolge des faschistischen Marsches auf Bozen zusammen mit dem Stadtrat abgesetzt und durch einen kommissarischen Verwalter ersetzt. Karl E. Schnell war 1911 bis 1926 Bürgermeister von Brasso/Brasov/Kronstadt.

Dann gibt es Jene, die für die Unabhängigkeit eines Gebiets kämpften und damit gewissermaßen in dem Staat, den sie bekämpften, wirkten; und dann nach der Unabhängigkeit in dem nun unabhängigen Staat. Ähnliche solche Fälle wurden ja schon genannt: O’Donoju (Seitenwechsel!), Carmichael (kämpfte gegen eine bestimmte USA, aber nicht für die Abspaltung eines Teils von ihr), Odoaker (militärisch für die eine Macht aktiv), Tshombe, Gandhi (gegen Briten in Indien und Südafrika), Schurz, L. Botha, Lenin (Zarenreich), Havel, Haschemi (wirkte in Politik des Osmanischen Reichs, kämpfte dann aber für Abtrennung arabischer Gebiete von ihm), Mesic (in gewisser Hinsicht), Reut-Nicolussi, Pavelic, Adams,… Eamon de Valera wurde in der USA geboren als Sohn einer Irin und eines (baskischen) Spaniers (Name etwas geändert), begann sich für die Unabhängigkeit Irlands von GB zu engagieren.

Seine Kollegen als Unabhängigkeitskämpfer Irlands waren durch die Bank britische Staatsbürger, weshalb der Osteraufstand 1916 auch als Hochverrat gesehen/ geahndet wurde. De Valera wurde für seine Beteiligung am Osteraufstand im damals britisch beherrschten Irland zwar zum Tode verurteilt, aber (unter Anderem) durch seine USA-Staatsbürgerschaft vor der Hinrichtung bewahrt. Und, bis 1931 war Irland ein Teil des UK, somit waren dessen Autonomie-Führer (wie De Valera) auch in diesem aktiv. Isaias Afwerki führte die EPLF in ihrem Kampf um die Abspaltung Eritreas von Äthiopien, wurde Anfang der 1990er Präsident Eritreas, was er noch immer ist. (Ahmed) Fuad al Alawiyyah war 1917-22 Sultan Ägyptens unter britischer Hoheit, 22-36 König des unabhängigen Ägyptens. Salahdin, von der Ethnizität her Kurde, wirkte im Heer des Zengiden-Reichs (Syrien), das im 12. Jh im Fatimiden-Reich in Ägypten einfiel. Er wurde als Nachfolger von Sherko Wesir des Fatimiden-Reichs, löste dieses nach dem Tod des letzten Kalifen Hafiz auf, machte sich auch vom Zengiden-Reich unabhängig und begründete das Ayyubiden-Reich. Er ist Teil mehrerer nationaler Historiographien, aber die modernen Kategorien von Staat und nation greifen eben für diese Zeit nicht richtig.

(Ts)chiang Kai-Schek war de facto in 2 unterschiedlichen Staaten aktiv, „de jure“ immer nur für die „Republik China“ – diese hat 1949 gewissermaßen ihre Form verändert, als am Festland (gegen Ende des Bürgerkriegs) die Volksrepublik China proklamiert wurde, und sich die Führung der Republik auf die Insel Taiwan zurückzog. Und sein grosser Kontrahent Mao Tse-Tung (mit dem er gegen die Japaner zusammengearbeitet hat)? War in der Republik China, als sich diese auf ganz China erstreckte, nicht nur ein Milizenführer, sondern auch Chef der Kommunistischen Partei, die, auch wenn sie bei Wahlen nicht antreten durfte (was einer der Gründe für den Bürgerkrieg war…), neben der Kuomintang die wichtigste Partei dieses Staates war. Und dann eben der Führer der VR.

Tschiang & Mao 1945

Patrice Lumumba begann in Belgisch-Kongo, sich zu politisch zu betätigen, für die Unabhängigkeit des Landes (1958 Gründung des MNC), zunächst gegen den Widerstand der Kolonialbehörden. In dieser Zeit war er marginal in der belgischen Parti libéral involviert. In der Demokratischen Republik Congo war er 1960 etwa 3 Monate Premierminister. Dann die Frage der Pseudostaaten: Giuseppe Garibaldi engagierte sich zunächst militärisch in Südamerika, am Ende seiner „Laufbahn“ in Frankreich. Dann militärisch-politisch im Risorgimento: 1848/49 (Kriegsminister der Römischen Republik) und 1860/61 (Zug der Tausend, Diktator von Sizilien). Was überging in sein irredentistisches Engagement: 1862 für Rom gegen Franzosen, 1866 in Norditalien gegen Österreich. 1861-82 war er Abgeordneter im Parlament des Königreichs Italien. War die Römische Republik ein souveräner Staat?

Was seine Funktion in Sizilien betrifft, diese stellte eine Art Gegenregierung zum Regno delle Due Sicilie dar. Jefferson Davis war in der USA Minister und Abgeordneter im Congress, und 1861-65 Präsident der Confederate States of America (CSA). Die Frage ist, ob die CSA ein souveräner oder ein Pseudo-Staat war. Das gilt natürlich auch für all die Anderen, die in USA und CSA aktiv waren. Ähnlich stellt sich die Frage bei „Uzi“ Davis, einem Israeli der für die Palästinensische Autonomiebehörde aktiv wurde. Ist die internationale Anerkennung entscheidend? „Israel“ wird von vielen Staaten nicht anerkannt, von ähnlich vielen wie „Palästina“. Bei beiden Staaten stellt sich die Frage der Ausdehnung bzw Grenzen, ist mit der Anerkennung verbunden.

Amílcar Cabral wurde geboren in Portugiesisch-Guinea (späteres Guinea-Bissau) als Sohn kapverdischer Eltern (Cabo Verde, mehr oder weniger vor der Küste dieses Guineas), kehrte mit Familie dann auf die Kapverden zurück. Studium der Agrarwissenschaft in Lissabon (> viele weitere spätere Führer von Unabhängigkeitsbewegungen und Staatschefs portugiesischer Afrika-Kolonien dort kennengelernt). Gründete 1956 die PAI, die wegen verwirrender Namensgleichheit mit einer senegalesischen Partei bald umbenannt wurde in Partido Africano para a Independência da Guiné e do Cabo Verde (PAIGC). Die PAIGC führte von 1963 bis 1974 einen Guerillakrieg gegen die portugiesische Kolonialmacht, wollte CV und GB unabhängig machen und vereinen. Im Jänner 1973 putschte ein Teil der Miliz der PAIGC gegen die Kapverdier an der Spitze der Partei, Cabral wurde in Conakry getötet, letztlich vereitelte das Eingreifen des guineischen Präsidenten und seiner Truppen den Putsch. Im September 1973 rief die PAIGC die Republik Guinea-Bissau aus. Diese wurde 1974 nach der „Nelkenrevolution“ auch von Portugal anerkannt. Kap Verde wurde 1975 unabhängig. Nach der Unabhängigkeit beider Länder regierte die PAIGC in beiden Ländern als Einheitspartei. Ein Putsch in Guinea-Bissau am 14. November 1980 führte 1981 zur Trennung der bislang gemeinsamen Partei. Für Kap Verde wurde die Partido Africano da Independência de Cabo Verde (PAICV) gegründet und die Vereinigung beider Länder nicht mehr angestrebt, die PAIGC existiert nur noch in Guinea-Bissau. Cabral war vor der Unabhängigkeit dieser zwei Staaten aktiv, die er vereinen wollte,…

Bei Exilanten kommt es also auf die Frage der Betätigung im Gastland an (siehe Lenin,…). Grenzfälle hier sind zB Abdul Minty (Südafrika, Grossbritannien) und Ruhollah Khomeini (Iran, Irak). In welchen Staaten war der ukrainische Nationalist St(j)epan Bandera aktiv? Er wuchs im österreichisch-ungarischen Galizien auf, ein Gebiet das dann zum Polen der Zwischenkriegszeit kam, wurde Führer der OUN. Diese kämpfte zunächst gegen Polen, dann mit der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, verbrachte seinen Lebensabend in Westdeutschland. Anatol Nathan Scharansky war Dissident in der SU, war aber eigentlich nur zionistisch aktiv, durfte schliesslich nach Israel auswandern, wurde dort Minister. Srđa Trifković wuchs auf in der SFR YU, wurde ein international tätiger Propagandist und Lobbyist für serbische nationalistische und andere rechtskonservative Belange, für den serbischen Pseudostaat unter Karadzic in BiH (das er nicht anerkennt), Exilserben wie Thronanwärter Aleksandar Karadjordjevic, als Berater von Kostunica, der Präsident von Rest-YU war und MP von Serbien.

Henri Curiel war in Ägypten und Frankreich aktiv; in Ägypten (als Jude) in der kommunistischen HADETU, wurde daher 1950 ausgewiesen unter König Faruk; in Frankreich war er aber eher international aktiv, für die FLN, den ANC, für Frieden in Israel/Palästina. Roger Casement war, als Ire, britischer Diplomat, quasi ein Agent des britischen Imperialismus, bekämpfte diesen dann, kämpfte für die Unabhängigkeit Irlands. Leopold Weiss kam als Jude im damals österreichisch-ungarischen Galizien zur Welt, wanderte aus der Republik Österreich ins britische Palästina aus, von dort nach Saudi-Arabien – dort dürfte er zum Islam konvertiert sein, nahm den Namen Mohammed Asad an. In Saudi-Arabien kam er in die Nähe von Machthaber „Ibn Saud“, in Pakistan wurde er Diplomat. Starb 1992 in Spanien

Infolge des Spanischen Erbfolgekrieges kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern, Parma-Piacenza und Due Sicilie. Die Häuser Borbone-Due Sicilie und Borbone-Parma wurden durch das Risorgimento entthront; die Bourbonen-Hauptlinie in Frankreich bereits 1815, die Linie in Spanien konnte sich behaupten. Nationswechsel bzw Doppelgleisigkeiten in einer Familie über Generationen zählen ja nicht, aber ein Bourbon-Parma zählt als Grenzfall. Und zwar einer der Söhne des 1859 entthronten letzten Herzogs von Parma (-Piacenza), Roberto (und einer portugiesischen Prinzessin): Francesco Saverio/ François Xavier/ Francisco Javier/ Franz Xaver. Der im Königreich Italien Geborene kämpfte im 1. WK in der belgischen Armee, wie sein Bruder Sixtus/Sixte/Sisto – drei andere Brüder kämpften auf der Gegenseite, in den Streitkräften von Österreich-Ungarn. Die Schwester war dort Gemahlin des neuen Kronprinzen (die Ermordung des vorherigen war Auslöser für diesen Krieg), wurde während des Kriegs Kaiserin bzw Kaisergattin. 1916 versuchte Sixtus von Bourbon-Parma ja bekanntlich, Österreich-Ungarn von seinen Verbündeten, den „Mittelmächten“, zu separieren und mit den Entente-Mächten (hauptsächlich Frankreich) zu „versöhnen“.

Im 2. WK wurde Franz Xaver von den Regierenden Deutschlands in „Konzentrationslager“ gesperrt. Er dürfte (zunächst) französischer Staatsbürger gewesen sein, aber auch in Italien, Schweiz, Österreich, Belgien und dann sehr stark Spanien lebte und wirkte er. Wichtig wurde er als Oberhaupt bzw Thronanwärter des karlistischen Zweigs der spanischen Bourbonen. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. 1936 „provisorisch“ bzw 1952 „formal“ wurde Francisco Javier, Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, von den Karlisten zu ihrem Chef gemacht, womit die zweite karlistische Dynastie begründet wurde. Spaniens damaliger Staatschef Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, sie wurden Kandidaten für seine Nachfolge als Staatsoberhaupt Spaniens, bis zum Nachfolgegesetz von 1969. 1970 wurde die Partido Carlista (PC) gegründet, die bis 1977 (also im Franquismus) illegal gewesen sein soll. Francisco Javier de Borbón-Parma y Braganza anerkannte 1975 Juan Carlos I. als neuen König Spaniens. Mit seinem Tod 1977 übernahm sein Sohn Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset die Führung über das Hause Bo(u)rbon(e)-Parma sowie die spanischen Karlisten.

Der Iraner Mehdi Khalaji war in der Islamischen Republik Iran (im Regime, im Umkreis Khameneis!) und in der USA für die Regierung von Bush junior aktiv; besonders in der USA aber sehr „indirekt“; ähnlich verhält es sich bei Mohsen Sazegara. Abdulmejid Osmanoglu war 1922-24 nach Absetzung seines Cousins als Sultan letzter Kalif, also in der Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik, danach musste auch er ins Exil. Oswald Mosley war in der Zwischenkriegszeit in der britischen Politik aktiv, für die Konservative Partei (CUP)(52), wechselte zur Labour Party, war Minister ohne Geschäftsbereich, Gründer der British Union of Fascists (BUF), die mit Hitler-Deutschland kollaborierte, dafür interniert. Nach diesem Krieg in Europa war er häufig in Apartheid-Südafrika zu Gast.(53)

Adolf Lüderitz, Begründer der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, ist Teil der Geschichte Namibias, war aber doch nur im deutschen Kontext aktiv. Südwestafrika/Namibia gehörte niemals offiziell/de jure zu Südafrika, aber de facto seit Khorab/Versailles, bis 1990. Südafrikaner wie Louis Pienaar, der letzte Generaladministrator von Südwestafrika, waren auch „von Aussen“ im Land aktiv, waren Ausdruck dieser Fremdherrschaft. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete eine Art Eingliederung. Heinrich Vedder etwa, aus dem Kaiserreich als Missionar nach Deutsch-Südwestafrika gekommen, nach dem 1. WK geblieben, ethnographisch aktiv, wurde etwa in den 1950ern in den Senat der Südafrikanischen Union berufen. Es gab/gibt aber auch Deutschstämmige in Südwestafrika/Namibia, die gegen die südafrikanische Apartheid-Herrschaft kämpften, wie Hanno Rumpf, Klaus Dierks, „Calle“ Schlettwein. Diese drei waren dann auch im unabhängigen Namibia aktiv. Horst Kleinschmidt wiederum ging aus (dem damals südafrikanische beherrschten) Südwestafrika/Namibia nach Südafrika (wo er gegen die Apartheid kämpfte).

Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (damals im Osten Persiens), führte Anfang des 18. Jh einen Aufstand gegen den persischen Staat an, beendete die Herrschaft der Safawiden und wurde Herrscher über ein Land dass er verlassen wollte. Das „Hotaki-Reich“, eine Art Proto-Afghanistan, umfasste den grössten Teil des späteren Afghanistans, einen sehr grossen Teil (des eigentlichen) Persiens und eine Teil des heutigen Pakistans. Dieser Staat (dominiert von Ghilzai-Paschtunen wie den Hotakis) hielt sich unter Mirwais‘ Nachfolgern einige Jahrzehnte. Nader Afshar (wahrscheinlich ein Kizilbash), unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde Schah Persiens, machte es ungefähr so gross wie es unter den Sasaniden gewesen war, und fiel gleich auch in (Mogul-) Indien ein. Nach seinem Tod fiel es bald auseinander, im Kern-Persien gingen seine Nachfahren Ende des Jahrhunderts unter. Was die persischen Paschtunengebiete betraf, sie kamen unter Kontrolle von Ahmed Durrani (an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen), er eroberte unter Anderem auch die östlichen Paschtunengebiete (Teil des Mogulreichs), ein Reich aus dem Afghanistan entstand. Hotaki und Durrani, wenn man so will die 2 Väter Afghanistans, waren Vertreter der 2 grossen Paschtunen-Stammesverbände (Ghilzai und Durrani), beide waren auch mal Untertanen Persiens und dienten diesem in der einen oder anderen Art.

Herakleios wurde im frühen 7. Jh Kaiser des Oströmischen Reichs, das unter ihm  (durch seine Hellenisierungs-Maßnahmen) zum Byzantinischen Reich wurde. Byzanz behauptete sich unter ihm gegen das sasanidische Persien, dann verloren beide gegen die moslemischen Araber (siehe).

Alberto Fujimori: geboren in Peru als Sohn japanischer Einwanderer (Behauptungen zufolge ist er in Japan geboren), heiratete auch eine japanische Peruanerin, stieg 1990 von einer akademischen Karriere auf eine politische um, wurde zum Staatspräsidenten gewählt, regierte autoritär nachdem er im Parlament keine Mehrheit mehr hatte, 2000 (gerade zum 2. Mal wiedergewählt) drohten im diverse Anklagen, er nutzte eine Auslandsreise um in Japan Zuflucht zu suchen, Peru bemühte sich einige Jahre um seine Auslieferung, schliesslich wurde er in Chile 05 verhaftet (~ in Anreise nach Peru), 07 ausgeliefert, 09 verurteilt, 17 begnadigt. In Chile verkündete er Pläne, bei der Parlamentswahl in Japan anzutreten, ist auch Doppelstaatsbürger. Seine Kinder snd inzwischen in der Politik von Peru.

Der Sänger Alexander Rosenbaum, russischer Jude (wohl Doppelstaatsbürger), ist Abgeordneter der Putin-Partei Единая Россия (Yedinaya Rossiya) in Russland, und Unterstützer der anders undemokratischen יִשְׂרָאֵל בֵּיתֵנוּ‎ (Yisrael Beitenu) in Israel. Meir Kahane wiederum war in der USA und Israel tätig, wobei sich Zweiteres natürlich auch über die palästinensischen Autonomie- (Rest-) Gebiete erstreckt, mindestens. Sein Vater dürfte aus Polen in die USA eingewandert sein, stand jedenfalls Jabotynski nahe; er wurde auch vom Revisionistischen Zionismus geprägt, hat ihn weiterentwickelt. Wurde orthodoxer Rabbiner, und hetzte über Reden und Schriften, womit er schon leicht den Bogen von USA zu Israel spannte. Die Gewalt, zu der er aufrief, deklarierte er als „Kampf gegen Antisemitismus“ (in der USA drohe ein Holocaust); er rief zur Einwanderung von Juden nach Israel auf. Er unterstützte nicht nur die Beschränkung der israelischen Demokratie auf Juden und die Annexion von Westjordanland und Gaza-Streifen, sondern auch weitere Herabsetzungen von Nicht-Juden in Israel-Palästina. Und, was manche Anhänger nicht so wahrhaben wollen, die Einführung der Halacha als Gesetzesgrundlage für alle Bereiche dort. Kahane war auch als Kalter Krieger unterwegs, mit seinem Partner Joseph Churba, angeblich für das FBI, jedenfalls gegen die Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung. 1968 gründete er in New York City die Jewish Defense League (JDL). Auch hier wurde (bzw wird) unter der Marke „Verteidigung“ Rassismus und Gewalt versteckt. Zu Kahanes terroristischen Aktivitäten im Rahmen der JDL gehörte die Planung von Bombenanschlägen auf die Mission der Sowjetunion in New York sowie die Botschaft Libyens in Brüssel. 1971 bekam er dafür bedingte Strafen… In diesem Jahr wanderte er schliesslich nach Israel ein, ging gleich in die Politik, gründete die faschistische Partei Kach.

Nicht-Juden im Gebiet Israel/Palästina sollten ihm zufolge entweder: noch eingeschränktere Rechte bekommen, mit „Kompensation“ das Land verlassen, oder es zwangsweise ohne „Kompensation“ verlassen. 1984 wurde Kach in das israelische Parlament (Knesset) gewählt, Kahane nahm den einen Sitz ein, blieb eine Periode lang, bis 88. In dieser Zeit brachte er Anträge auf Gesetze ein, die sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden verbieten sollten, die Rolle der jüdischen Religion im Land stärken,… Während seine Popularität (deshalb) wuchs, wurde er für das Establishment aufgrund seiner Explizitheit eine Peinlichkeit. Vor der Wahl 88 wurde Kach als Partei verboten. 1990 wurde Kahane in New York von einem ägyptisch-stämmigen US-Amerikaner getötet. Doch sein Erbe lebt. Und, „es“ ist, in Israel und in der jüdischen „Diaspora“ nicht einmal wirklich in den „Untergrund“ gedrängt worden. Der Kahanismus blüht, nicht nur in den israelischen/jüdischen Siedlungen tief in den palästinensischen Rest-Gebieten. Es war einer von Kahanes Anhängern, Baruch Goldstein (ebenfalls aus der USA eingewandert), der 1994 in der Ibrahimi-Moschee in Hebron 29 Palästinenser erschoss. Damals wurde Kach als Organisation von Israel verboten. Aber eben nicht die eigentlich ältere JDL oder die Kach-Sprösslinge. Wie Lehava (eine Organisation, die in Israel und den palästinensischen Restgebieten ebenfalls gegen Partnerschaften von Juden und Nichtjuden aktiv ist)(54), Internet-Krieger wie die Jewish Task Force oder masada2000, oder die Partei Otzma Yehudit, die in den vielen Wahlen in den letzten Jahren meist mit Netanyahus Likud verbündet war (und für eine Deportation der Palästinenser sogar aus den Restgebieten trommelt). Diese Form des jüdischen Suprematismus stellt auch ein Integrationsangebot für Mizrahis, Konvertiten und „Philosemiten“ dar. Die Darstellung von Kahane ist oft genau so nachsichtig und verständnisvoll wie die Verurteilungen von ihm für seine Gewalt-Aktivitäten in USA und Israel. Der englische Wikipedia-Artikel über ihn weiss etwa „he espoused militant views and actions to combat anti-Semitism…“, oder „He was an intense advocate for Jewish causes, such as organizing defense squads and patrols in Jewish neighborhoods and demanding for the Soviet Union to ‚release its oppressed Jews'“. Dafür sorgen auch organisierte Teams, die an Wiki-Artikeln arbeiten, die früher sogar persönlich von Naftali Bennett, einem politischen Erben Kahanes, angeleitet wurden.(55)

Schliesslich noch ein Blick auf potentielle „Nationswechsler“. Maria Vassilakou von den österreichischen Grünen bekam 2009 (bevor sie Wiener Vize-Bürgermeisterin wurde), das Angebot des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou (PASOK; in der USA geboren…), stellvertretende Umweltministerin in seiner Regierung zu werden, was sie ablehnte. Ansonsten fallen Einem da hauptsächlich Leute in Sezessionsbewegungen ein, die Aussichten auf Erfolg haben. Wie Nicola Sturgeon, die Nachfolgerin von Alexander Salmond als Premierminister von Schottland sowie Chef der SNP wurde, auf ein neues Unabhängigkeits-Referendum hin arbeitet. Sturgeon war zuvor Abgeordnete und Ministerin Schottlands. Das aber Teil Grossbritanniens ist (seit über 300 Jahren). Bei einer Unabhängigkeit Schottlands hätte Sturgeon diesbezüglich mehr mit Salva Kiir als mit Eamon de Valera gemeinsam. Übrigens, die SNP strebt nicht mehr eine Republik für Schottland an, der britische Monarch soll in Personalunion Staatsoberhaupt bleiben. Wäre für Elizabeth Windsor ein zusätzlicher Titel. Es wurde aber auch der Chef der bayerischen Wittelsbacher-Familie, Franz, für ein unabhängiges Schottland als König ins Gespräch gebracht; dies deshalb, weil das Haus Stuart ausgestorben ist und die Ansprüche im 19. Jh durch Heirat auf die Wittelsbacher übergingen.(56)

(1) Von Braun arbeitete in beiden Ländern eng mit dem Staat zusammen

(2) Seit der Unabhängigkeit des Vatikans 1929 gilt das selbe: Päpste machen in gewisser Hinsicht einen Nationswechsel, aber ihre politische Macht beginnt erst als Staatsoberhaupt der Vatikanstadt und ist nicht auf diese beschränkt

(3) Mannerheims Titel wird auf Deutsch genau so übersetzt

(4) Ihr Mann Cheddi Jagan ist im damals britisch beherrschten Guyana geboren

(5) „Reichsdeutsche“ unter ihnen, also solche die aus Gebieten kamen, die Teil des Deutschen Reichs waren (wie übrigens alle die hier Genannten), sind von einem Deutschland in ein anderes gegangen, sie würden zählen (wenn sie im Herkunftsgebiet politisch aktiv gewesen wären)

(6) Also aus einem Gebiet, das nicht Teil des Deutschen Reichs gewesen war, auch nicht Teil des Deutschen Bundes oder des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, trotz der Zugehörigkeit (mit Ungarn) zu Österreich in späteren Jahrhunderten; in Österreich-Ungarn gehörte Siebenbürgen zur ungarischen Reichshälfte (war dort in 15 Komitate eingeteilt)

(7) Hitler bekam 1932 die deutsche Staatsbürgerschaft

(8) Bei Neoklis Sarris, auch ein Istanbul-Grieche, war es umgekehrt, er war nach seiner Auswanderung/Vertreibung aus der Türkei (wo er Berater von Patriarch Athenagoras gewesen war) in der griechischen Politik aktiv

(9) In der Schweiz war er für die Auslandsorganisation der PSI aktiv, in Österreich-Ungarn war er im Trentino, der ja dann bald Teil Italiens wurde

(10) Rakosi ging 3x von Ungarn nach Sowjetrussland, er war dort u.a. in der Komintern tätig, was aber keine Betätigung in der Politik der SU (des Gastlandes) war

(11) Racziewicz wuchs im Russischen Reich auf, war in der ersten Polnischen Republik Parlamentspräsident, flüchtete nach dem deutschen Einmarsch 1939 und wurde erster Präsident der polnischen Exilregierung, anstatt des zuletzt amtierenden Moscicki

(12) Auch er: im Irak unter einem Regime verfolgt, im anderen führend

(13) Französisch, das er erst in der Schule lernte, sprach Schuman zeitlebens mit einem moselfränkischen Akzent

(14) Auch wenn er in der Krakauer Wawel-Burg residierte, wie einst polnische Könige

(15) Haile Selassie war zu dieser Zeit im Exil

(16) Ganz streng genommen war Karadzic ja in Jugoslawien aktiv, nämlich 90-92, als BiH noch Teil von diesem war (und danach eben in bzw gegen BiH)

(17) Dort steht auch: Während ihrer Zeit als ungarische Reichstagsabgeordnete wurde 1943 ein Handgranatenattentat auf diese drei deutschstämmigen Abgeordneten verübt, welches jedoch fehlschlug. Der Täter, ein sich betrogen fühlender SS-Mann auf Heimaturlaub, hatte die Abgeordneten für die Einberufung von „Volksdeutschen“ zur Waffen-SS verantwortlich gemacht

(18) Der BMN, der sich 1930 auflöste, wurde aber an keiner Regierung Polens der ZKZ beteiligt. In ihm waren (spätere) Zionisten wie Nazis aktiv

(19) Hauptsitz und Sekretariat des ENK befanden sich anfangs in Genf und wurden 1927 nach Wien verlegt. Er hatte Beobachterstatus beim Völkerbund, gab die Zeitschrift „Nation und Staat“ heraus, veranstaltete jährliche Tagungen

(20) Manche wurden aus diesem Lager in Internierungslager in britische Kolonien in Afrika gebracht, hauptsächlich nach Eritrea und Sudan…sind übrigens jene Staaten, aus denen heute ein Grossteil der („illegalen“) Einwanderer aus Afrika nach Israel kommen

(21) Zionistisches Engagement zählt hier nicht, sondern solches in der Politik dieser Länder

(22) Sein Bruder Jakub überlebte in der SU, wurde nach dem 2. WK führender Funktionär im kommunistischen System

(23) Nach der Nakba/Ha’atzmaut „kassierte“ Trans-Jordanien einen Teil Palästinas, mit dem östlichen Jerusalem/Jebus/Quds. Abdullah wurde dort 1951 ermordet

(24) In dem jede der 6 Teilrepubliken sowie die beiden autonomen Provinzen Serbiens mit je 1 Vertreter repräsentiert waren

(25) Zwischen Drnovsek und Mesic war der Serbe Jovic Staatspräsidiums-Vorsitzender, dann interimistisch der Kosovo-Serbe Bajramovic

(26) Im Oktober 91 hatten Tudjman, Mesic und Markovic gerade eine Unterredung in Tudjmans Amtssitz in Zagreb, als dieser von Kampfflugzeugen Restjugoslawiens bombardiert wurde

(27) Das ist eine der Kuriositäten aus diesem Auseinanderfall, einmal eine nicht blutige. Auch dass Naser Oric, ein Srebrenica-Verteidiger, Anfang der 90er Milosevics Leibwächter war, und den serbischen Oppositionellen Vuk Draskovic verhaftete, ist so eine. Im Haager Gefängnis gab es in den 00er-Jahren ein Wiedersehen zwischen Milosevic und Oric

(28) Tudjman war in YU als Dissident politisch aktiv gewesen, war zuvor Partisan

(29) Der eigentliche Machthaber in SU-Zeiten war aber der Parteichef („-sekretär“)

(30) Der Putsch sollte eigentlich die Delegation von Macht an die Teilrepubliken verhindern!

(31) Vladimir Putin ist hier eigentlich ein Grenzfall: KGB-Offizier, der er in der SU war, war kein politisches Amt, Putin war aber 90/91 Berater des Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtchak

(32) Davon 28 Jahre als unabhängiges Land

(33) In Portugal weniger als 2 Monate; aber er war ja am Ende seines Lebens wieder dort aktiv

(34) Siehe dazu: Ali Kalirad: „From Iranism to Pan-Turkism: A Less-known Page of Ahmet Ağaoğlu’s Biography“, Iran and the Caucasus, Volume 22, Issue 1 (2018), pp. 80–95

(36) Was auch unterstreicht, dass er im dortigen politischen Kontext aktiv war

(37) Am Ende: „…Sowohl aus den Worten des Staatskanzlers Dr. Renner als auch aus denjenigen des Präsidenten Hauser hat das Versprechen geklungen, daß Sie die Solidarität der Sprache, der Kultur und der Geschichte, die Deutsch-Südtirol bisher mit den Deutschen Österreichs verbunden hat, wahren wollen, und daß Sie nicht auf uns vergessen werden. [Rufe „Nie! Nie!“] Wir nehmen Sie bei Worte! [Stürmischer Beifall und Rufe] Wenn wir jetzt in die finstere Zukunft hineingehen, so soll das unser einziger Trost sein, daß wir Landsleute und Volksgenossen besitzen, die uns in der Stunde der Not nicht vergessen, die uns in diesem entsetzlichen Ringen ihre Hilfe leihen werden. Ich erinnere daran, daß Jakob Grimm vor 71 Jahren in der Frankfurter Nationalversammlung als 1. Artikel der Deutschen Verfassung die Worte vorgeschlagen hat: Alle Deutschen sind frei und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Und selbst der Fremde und Unfreie, der ihn betritt, ist frei.“

(38) Der Rest wurde Moghulistan, Mogul-Khanat oder östliches Tschagatai-Khanat genannt

(39) Er soll sich zur 12er-schiitischen Islam bekannt haben und dann zum sunnitischen übergetreten sein

(40) Veröffentlichung im Jänner 2015, an dem Tag des „Charlie Hebdo“-Massakers

(41) Nachdem Christian A. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg gestorben war

(42) Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina (viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA), 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967)

(43) „The term ‚United Kingdom‘ has occasionally been used as a description for the former kingdom of Great Britain, although its official name from 1707 to 1800 was simply ‚Great Britain'“

(44) Er an die Spitze des von den Sowjets geschaffenen Polnischen Revolutionskomitees in Białystok gestellt, das die Aufgabe erhielt, in Polen die kommunistische Machtübernahme vorzubereiten

(45) Es war nicht herauszufinden, ob Villeré mit Charles Jacques Villeré (1828–1899) verwandt ist, ebenfalls ein Politiker aus Louisiana. Dieser wurde in das Parlament (Congress) der Confederate States of America gewählt; und war Schwager von P. G. T. Beauregard

(46) Bevor Armenien dann ein Teil der Sowjetunion wurde, war es 20-22 eine de jure unabhängige Sowjetrepublik. Ein Spitzenpolitiker dieses Staats war der genannte Mjasnikow; er war allerdings nicht in der Republik Armenien (18-20) aktiv

(47) Es ist heute grossteils mit Moldawien/Moldau kongruent; nach dem 2. WK kam das Gebiet zur SU

(48) Friedrich II. „der Grosse“ war ab 1740 König in, ab 1772 König von Preussen

(49) Kar(e)l Smolle war österreichischer Politiker und möglicherweise slowenischer Diplomat in Österreich, siehe den Kärnten-Artikel

(50) Bei ihm ist man an Viet Thanh Nguyen und seinen Roman „Der Sympathisant“ (2017) erinnert

(51) An dieser Stelle: Terroristen wie Osama Bin Laden sind auch oft in unterschiedlichen Ländern aktiv, er etwa in Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan, Sudan,…

(52) Verheiratet mit einer Curzon, dann einer Guinness

(53) Auf der Gegenseite wirkten auch Briten, wie Trevor Huddleston

(54) Wobei es hier (nicht nur für sie) einen Unterschied gibt hinsichtlich Palästinensern oder aber in Israel/Palästina lebenden Leuten aus den Westen

(55) Yesha Council (ein Siedler-Verband) und Israel Sheli (eine andere rechtsradikale Organisation/Partei) haben Kurse dafür abgehalten

(56) Daneben gibt es aber Nachfahren von früheren Stuart-Seitenlinien, und Arthur Stuart wäre hier der hochrangigste

Canada (Kanada), das ist der grosse weisse Norden, Eishockey, Celine Dion, William Shatner, Kiefer Sutherland, Joni Mitchell, Linda Evangelista, Justin Bieber, Margaret Atwood, die Royal Canadian Mounted Police, ein multikulturelles und sympathisches Land, wohlhabend, entwickelt und oft neutral. In vieler Hinsicht ist das Land auch (an der) Peripherie, hat keine eigenen Atomwaffen, viele „Trends“ wie die 68er-Bewegung kamen mit Verspätung hin, der letzte Krieg der dort ausgefochten wurde, war der zwischen USA und den noch britischen Kolonien Anfang des 19. Jh.(1) Das kanadische Militär hat aber an vielen Kriegen fernab der Heimat teilgenommen, an der Seite von GB oder/und USA, jene beiden Mächte, an die es sich in vieler Hinsicht anlehnt. Canada ist ein führender Teil des Westens, eine Mittelmacht. Was da auf en.wikipedia über das Land steht, stimmt ja: „It ranks among the highest in international measurements of government transparency, civil liberties, quality of life, economic freedom, and education. It is one of the world’s most ethnically diverse and multicultural nations, the product of large-scale immigration from many other countries…As a highly developed country, Canada has the seventeenth-highest nominal per-capita income globally as well as the thirteenth-highest ranking in the Human Development Index. Its advanced economy is the tenth-largest in the world, relying chiefly upon its abundant natural resources and well-developed international trade networks. Canada is part of several major international and intergovernmental institutions or groupings including the United Nations, NATO, the G7, the Group of Ten, the G20, the United States–Mexico–Canada Agreement and the Asia-Pacific Economic Cooperation forum.“

Aber, es geht hier auch um die andere Seite, die Abgründe gewissermaßen. Es geht zunächst um die Entstehung Canadas: „Ureinwohner“, Europäer (Erforschung, Inbesitznahme), der Krieg der 1763 zu Ende ging, mit dem die Briten die Franzosen aus Nordamerika herausdrängten, die Expansion der Briten, die Nachbarn (Russen, Dänen, Spanier, die USA), der Zusammenschluss britischer Kolonien ab 1867, wachsende Selbstverwaltung,… Wann war die Entstehung eigentlich abgeschlossen? 1949 mit dem Anschluss Newfoundlands war das heutige Territorium erreicht, innere Grenzen wurden nachher noch verändert. Aber, die Sezession der Provinz Quebec ist im Bereich des Möglichen in absehbarer Zukunft. Was die Unabhängigkeit von Grossbritannien betrifft, sind die Jahre 1931 und 1982 zu nennen. Aber, der britische Monarch ist ja etwa noch immer Staatsoberhaupt. Es wird auch um das Gemeinsame zwischen innerer Entwicklung und äusserer Politik gehen. Um Geschichte und Gegenwart dieses Landes, seinen Charakter. Zur Schreibweise: Warum eigentlich einen Landesnamen, der im Deutschen im Grunde der selbe ist wie in der jeweiligen Landessprache, anders schreiben? > Canada, Kenya, Congo,…

Die ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent waren Asiaten, die vor etwa 15 000 Jahren aus Sibirien bzw Nordost-Asien nach Nordwest-Amerika (Alaska) kamen, über die Landverbindung die es damals gab (an Stelle der späteren, nach Vitus Bering benannten, Meeresstrasse).(2) Diese Völker kamen in mehreren Wellen, wanderten weiter in Amerika, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, diversifizierten sich kulturell und ethnisch. Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis ins spätere Grönland. Für die Völker, die sich im Arktis-Raum herausbildeten, wie Inuit und Yupik, gibt es den Oberbegriff Eskimo (der gerne als Synonym für Inuit verwendet wird). Was das heutige Canada betrifft, es gibt dort nicht nur diese arktische Zonen, sondern auch (grössere) subarktische, und Teile des äussersten Südens haben gemäßigtes Klima und entsprechende Vegetation. Das Land mit Eisbären und das der Braunbären (u.a. Grizzlys). Bevor Europäer kamen, bewohnten also aus Asien stammende Völker Tausende von Jahren das spätere Amerika, auch seinen Norden. Diese „Ureinwohner“, „Indianer“, „indigenen Volksgruppen“,… im späteren Canada lassen sich einteilen in die Eskimo-Aleut-Völker am Nordrand dieses Kontinents(3) und weiter im Süden die Na-Dene-Völker (Westen) und Algic-Völker (Osten). Erstere umfassen hauptsächlich die athapaskische Sprach- bzw Volksfamilie, zu denen Chipewyan, Kutchin, Beaver/Dane-Zaa oder Slavey gehören, sowie (die) Tlingit. Zu den Algic-Völkern gehören Cree/Cri/Nehinaw, Algonquin, Blackfoot/Niitsitapi, Odawa, Micmac. Im Westen das Flachland, die Bisons, Tipis. Im Osten, im „Kanadischen Schild“, eine andere Kultur. Als die Europäer in der frühen Neuzeit kamen, lebten zwischen 200 000 und 2 Millionen Menschen im späteren Canada.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik „dem Roten“ (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie „Grønland“ nannten. Sein Sohn Leif Eirikson (Eriksson) soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region „Vinland“ genannt haben.(4) Die „proto-norwegischen“ Wikinger waren die ersten Europäer in Amerika, an die Küsten Nordamerikas dürften sie gekommen sein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/ Kalaallit Nunaat bestanden vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben, die Verbindung dort hin riss ab für einige Jahrhunderte. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Das von den Wikingern wahrscheinlich so genannte Vinland (dann Newfoundland) ist der östlichste, vorgelagertste Teil des heutigen Canadas, fast alle europäischen Entdecker/Erforscher landeten zuerst dort. So wie die Seefahrer, die im ausgehenden 15. Jh, beginnenden 16. Jh aus England und Frankreich über den Atlantischen Ozean dorthin kamen.

Giovanni Caboto, Venezianer in englischen Diensten, landete gut 500 Jahre nach den Nordmännern auf der Insel vor der Küste Nord-Amerikas, die diese Vinland genannt hatten, portugiesische Seefahrer Terra Nova, die Franzosen Terre Neuve und Cabot(o) newe founde islande („neu gefundene Insel“), woraus sich Newfoundland ableitete.(5) Von Newfoundland/Neufundland gibt es einen Seeweg ins Innere des Landes, in das Gebiet der grossen Seen(6), und diesen hat der Franzose Jacques Cartier erforscht, bei seinen Entdeckungsfahrten in den 1530ern,1540ern. Da er am Tag des heiligen Laurentius 1535 dort hin kam, nannte er die Meeresbucht zwischen der Insel und dem Festland Golfe du Saint-Laurent und den Fluss Fleuve Saint-Laurent. Cartier und seine Männer trafen dort auf die Iroquois/Irokesen, die den Fluss Kahnawa’kye nennen. Als diese Irokesen die Franzosen auf ihre Stadt Stadacona (im heutigen Quebec) hinwiesen, redeten sie von „kanata“, was in ihrer Sprache allgemein Dorf/Siedlung bezeichnet, Cartier aber als Bezeichnung für eine Gegend an den Ufern des Fleuve Saint-Laurent verwendete – es ist heute allgemein akzeptiert, dass das Wort „Canada“ diese Wurzel hat. Es kamen in der frühen Zeit auch baskische Fischfänger nach Newfoundland (Taqamkuk in der Sprache der dort lebenden Micmac/ Mi’kmaq).(7) Den von Europa entdeckten Regionen brachte Europas Aufstieg am Ende unermessliches Leid, im späteren Canada war das wahrscheinlich etwas weniger drastisch als in anderen Regionen Amerikas.

Idealisierte Darstellung aus dem 20. Jh von der Landung Cartiers auf der Halbinsel, die er Gaspé nannte, 1534

Die systematische Erkundung und Kolonialisierung in Nordamerika durch Frankreich begann erst 1603 mit der Ankunft von Samuel de Champlain. Unter ihm wurden Port Royal (an der Küste) und Ville de Québec (am Fleuve Saint-Laurent) gegründet. Die Anfänge der Kolonie Neu-Frankreich (Nouvelle France) werden gerne auf Cartiers Ankunft gelegt, die Landnahme, Ansiedlung und wirtschaftliche Ausbeutung begann aber erst richtig im 17. Jh. Und zwar von der Atlantik-Küste den St-Lorenz-Strom hinauf, in das Seengebiet, von dort den Mississippi entlang bis zum Golf von Mexico. Es wurde im Norden von Newfoundland/Terre-Neuve zur Hudson Bay/ Baie du Nord und der kanadischen Prärie ausgedehnt, und wurde zum Süden hin immer schmaler und dünner besiedelt und befestigt; wobei der äusserste Süden von Nouvelle-France, die Stadt Nouvelle-Orléans, dann wieder ein „Schwerpunkt“ der Kolonie war, wichtigste Stadt neben Montréal im Nordosten, das Mitte des 17. Jh gegründet wurde. Die Ausdehnung veränderte sich immer wieder (tendenziell wurde die Kolonie immer grösser), war vor den Verlusten 1713 am grössten, über manche Gebiete bestand keine effektive Kontrolle (die lag dann bei „Indianern“ oder Engländern), sie wurden aber beansprucht. Nouvelle-France/ Neufrankreich bestand aus fünf Teil-Kolonien:

Canada, das Gebiet am St-Lorenz-Strom, das spätere Quebec, mit den Städten Montréal und Ville de Québec, die wichtigste, bevölkerungsreichste und entwickeltste Kolonie. Acadie im Nord-Osten, das Gebiet der Atlantikküste, südlich des Lorenz-Stroms, bestehend aus Küstengebiet, einer Halbinsel und der Île Royale (heute Cape Breton). Terre-Neuve/Newfoundland vor der Küste war zwischen Franzosen und Engländern umstritten, von 1583 bis 1713. Das 1583 gegründete St. John’s war die erste englische Kolonie in Nordamerika(8), danach erst begann die Kolonisation an der Atlantikküste südlich von Akadien, und die Inbesitznahme der Kangiqsualuk ilua, als Hudson’s Bay. Dieses Gebiet, das die Franzosen Baie du Nord nannten, war ebenfalls zwischen diesen Mächten umstritten. Die Hudson Bay Company wurde 1670 gegründet, nahm das Land um die Bucht in Besitz, als Rupert’s Land. Wie auch bei Terre-Neuve/Newfoundland/Taqamkuk war es dort so, dass die Engländer eher die „Herren“ waren. Die Engländer beherrschten die Bucht nördlich des damaligen Canada und die Küste südlich davon (östlich des Seengebiets). Für die Zeit ab 1707 spricht man übrigens von „Grossbritannien“, nach der Vereinigung von England und Schottland. Die fünfte Kolonie von Neu-Frankreich war Louisiane, das einzige Gebiet das nicht im heutigen Canada liegt, im Canada der Grenzen seit 1949.

Louisiane(9) reichte also vom Seengebiet (heute Grenzgebiet Canada-USA) den Mississippi hinunter bis zum Golf von Mexiko. Der Norden, das Gebiet um die fünf grossen (mit einander zusammen hängenden) Seen, war Haute-Louisiane oder Pays des Illinois, der Süden, das Gebiet am unteren Mississippi, war Basse-Louisiane. Louisiane war dünn besiedelt von Franzosen (besonders das Gebiet zwischen Seen und Golf), es gab die Flüsse hinunter Forts/Festungen, darunter Fort Détroit oder Fort Saint-Louis.(10) Die Bevölkerung in diesen Gebieten, wie die Sioux westlich des Seengebiets, wurden zT französisch geprägt. Ganz im Süden entstand Anfang des 18. Jh Nouvelle-Orléans. Dieser äusserste Süden von Louisiane war im Osten (Florida) und im Westen (Nuevas Filipinas) von Gebieten Neu-Spaniens (Nueva España) benachbart. Und es lag/liegt zur Karibik hin, die nach der ersten Kolonialisierungswelle über Amerika Teil Neu-Spaniens war, wo im 17./18. Jh dann Franzosen, Engländer, Niederländer,… eindrangen. Das Königreich Frankreich erlaubte nur katholische Siedler in Neu-Frankreich. Die Kolonialgesellschaften wurden unter König Louis XIV. verstaatlicht. Fahne der Kolonie war die des Mutterlandes, die weisse Fahne mit dem Bourbonen-Wappen und Lilien – die heutige Fahne von Quebec ist daran „angelehnt“.

Wirtschaftlich dominierten in Neu-Frankreich Jagd (> Felle!) und Fischerei, daneben etwas Schiffbau. Sklavereibasierte Plantagenwirtschaft gab es nur in Louisiane, besonders in dessen Süden (Basse-Louisiane), die anderen Gebiete waren klimatisch und vom Boden wenig bis nicht dafür geeignet. Sklaverei gibt es in der Geschichte Canadas wenig, weil der Naturraum wenig Ackerbau/ Körndlwirtschaft zulässt (somit auch keine Plantagen), Viehzucht/Hörndlwirtschaft schon eher.(11) Vom tiefen Süden in den hohen Norden: die arktischen Inseln nördlich der Hudson Bay eignete sich ebenfalls England/Grossbritannien an, beginnend mit dem 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen Frobishers. Der Engländer Martin Frobisher segelte gegen Ende des 16. Jh in den hohen Norden Amerikas, das Gebiet zwischen Kangiqsualuk ilua (Hudson Bay) und Kalaallit Nunaat (Grönland), kam in Kontakt mit Inuit auf Qikiqtaaluk (Baffin Island). Ebenfalls an die Nordwestpassage (Durchfahrt Atlantik-Pazifik am Nordrand Amerikas) wagte sich sein Landsmann William Baffin (16./17. Jh) heran. Die Briten benannten dann die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm. Die British Arctic territories umfassten nicht die Inseln in der Hudson Bay, die zu Rupert’s Land gehörten, waren auch Teil von Britisch-Nordamerika. Frobisher verschleppte Inuit von den Inseln nach England.

In Neufrankreich, Britisch-Nordamerika, Neuspanien,… gab es diverse „Interaktionen“ der Kolonialherrscher mit den Einheimischen. In Neufrankreich gab es Sioux, Cree, Iroquois, Odawa, Algonkin (darunter Mohikaner), Inuit,… Die Europäer in Nord-Amerika pflegten auch Handels-Beziehungen mit den „Indianern“ (v.a. über Pelze). Und Allianzen in Kriegen der Kolonialmächte gegeneinander. Auf Gleichrangigkeit beruhende Beziehungen waren aber die Ausnahme. Auch im späteren Canada, unter Franzosen und Briten, gab es gebrochene Versprechen und Verträge ggü den „Indianern“. Und die Dezimierung dieser Völker durch eingeschleppte Krankheiten (vor Allem Pocken), Zurückdrängungen des Lebensraumes der Betreffenden, Kämpfe, Massaker,… wie überall, wo Europäer hin kamen, auch Australien. Die ersten militärischen Aktionen gegen „Indianer“ in Nordamerika überhaupt wurden von Franzosen geführt. Im nördlichen Louisiane und in Canada (von Neufrankreich) wurden nicht wenige Ureinwohner in den subarktischen und arktischen Norden verdrängt. Anfang des 17. Jh – Anfang des 18. Jh gab es die „Biberkriege“ zwischen Franzosen und Irokesen, im Seengebiet, also im nördlichen Louisiane, um Fellhandel. Die Engländer und Niederländer unterstützten die Irokesen(12) in den Kriegen, die mit dem „grossen Frieden von Montréal“ 1701 zu Ende gingen, auf der Seite der Franzosen u.a. die Algonkin und Odawa. Die Rivalität zwischen England bzw GB und Frankreich wurde immer grösser, ihre Kolonialkriege begannen Ende des 17. Jh, und die amerikanischen Völker gerieten öfters zwischen die Fronten.

Dort wo es einen Frauenmangel für die französischen Siedler, Soldaten,… gab, kam es zu Partnerschaften mit einheimischen Frauen, überall in Nouvelle-France, im Süden (Basse-Louisiane) auch mit versklavten Afrikanerinnen. Die Frauen in diesen Verbindungen kamen aus allen Völkern dieser Regionen, die Kinder daraus wurden die Métis, die grossteils unter sich blieben, ein Mischvolk bilde(te)n, wie die Coloureds/Kleurlinge in der Kapregion in Südafrika. Nach 1763 waren die Métis unter britischer Herrschaft (wie auch die französischen Siedler), heute gibt es sie in Canada und USA, grossteils noch immer als eigene Ethnie. Fruchtbar waren auch Interaktionen zwischen Micmac/Mi’kmaq in Acadie mit den Franzosen. Die Micmac hatten ein Spiel mit Holz-Stöcken und einem Ball auf Eis, die Franzosen dort übernahmen und veränderten das Spiel. In der britischen Kolonialphase kamen weitere Einflüsse hinzu (v.a. Shinty) und so entstand das Eishockey. Mit dem Sommersport Lacrosse verhielt es sich ähnlich. Die Indianer Nordamerikas waren auch in die Kriege der Europäer dort gegeneinander beteiligt, wovon jener zwischen Briten und Franzosen um die Mitte des 18. Jh der wichtigste war.

Zwischen 1689 und 1763 gab es 4 Kolonialkriege in Nordamerika, zwischen Grossbritannien und Frankreich, beide mit „indianischen“ Verbündeten bzw Untergebenen. Eine Bezeichnung im Englischen ist daher French and Indian Wars (Franzosen- und Indianerkriege). Die Kriege drehten sich um Kontrolle über Land in Nordamerika (beide Mächte expandierten ja), hingen aber jeweils mit europäischen Erbfolgekriegen zusammen. Besonders ging es um Kontrolle des westlichen Hinterlands der Kolonien, die ja im Osten Nordamerikas lagen. Und immer wieder um die Region um die Hudson Bay; dieses Randmeer, die Biber, ihre Felle, der Handel damit (hauptsächlich nach Europa). In manchen Konflikten waren auch spanische und niederländische Truppen dabei.(13) Wichtige Auswirkungen hatte der zweite dieser Kriege, der Queen Anne’s War bzw Deuxième guerre intercoloniale (1702-1713), verbunden mit dem Spanischen Erbfolgekrieg. Gekämpft wurde im Grenzgebiet zwischen Acadie und Neuengland (13 Kolonien, Britisch-Nordamerika)(14) sowie um Neufundland (profitable Fischereigebiete). Den britischen Kolonial-Truppen und ihren „Kollaborateuren“ gelang (1710) die Eroberung des französischen Akadiens (Acadie). Der Krieg um den spanischen Thron wurde in Europa, Nordamerika und im Karibikraum ausgefochten. Im Karibikraum trafen die Kolonialreiche der Briten und Franzosen ebenfalls aufeinander, auch Spanier und Niederländer hatten dort ihre Besitzungen; auch das spanische Florida (exterritorial vom restlichen Nueva Espana) war involviert.

Der Krieg in Amerika wurde mit dem Friedensabkommen von Utrecht 1713 beendet, der Krieg als Ganzes 1715. Durch den Frieden von Utrecht musste Frankreich seine Ansprüche auf Newfoundland/ Terre-Neuve und das Gebiet um die Hudson Bay/ Baie du Nord („Rupert’s Land“) aufgeben, diese Gebiete den Briten überlassen. Frankreich durfte die Insel St. Pierre et Miquelon bei Newfoundland behalten. Und, ein Teil von Acadie wurden britisch, die Halbinsel, die die Briten dann Nova Scotia nannten. Frankreich behielt dort das Festland sowie die Île Royale (Cape Breton Island) und die Île Saint-Jean (Prince Edward Island). Es konnte in dem Krieg durchsetzen, dass eine Bourbonen-Nebenlinie den begehrten „Job“ des Königs von Spanien übernahm. Der „heimliche“ Sieger dieses Kriegs auf zwei Kontinenten war aber Grossbritannien, wo während des Kriegs das Haus Hannover den Thron bestiegen hat. Natürlich auch wegen den Gewinnen in Nordamerika, aber es hat etwa auch die Monopolrechte für den Sklavenhandel nach Spanisch-Amerika bekommen (sich im Friedensabkommen zusichern lassen). GB (entstand als solches während Krieg) begründete gewissermaßen mit dem Spanischen Erbfolgekrieg seine Weltstellung, und die europäische Weltherrschaft als „Ganzes“ wurde ausgebaut. Nicht-europäische Völker lieferten in dem Krieg Hilfstruppen (die aus Asien stammenden Amerikaner) oder waren Handelsgüter (versklavte Afrikaner).

In Nordamerika blieb die Rivalität zwischen Franzosen und Briten, besonders dort wo das restliche französische Acadie und die britischen Gebiete Nova Scotia und New England aufeinander trafen. Der nördliche (weiter französische) Teil von Acadie wurde umstrittenes Gebiet zwischen den beiden europäischen Mächten. Den „Eingang“ vom Atlantik zum St-Lorenz-Golf hatten die Briten mit Newfoundland unter Kontrolle, bezüglich des „Eingangs“ zum St-Lorenz-Strom war den Franzosen neben Festland-Acadie die Inseln Royale, St. Jean und St. Pierre & Miquelon geblieben. Auf der Ile Royale bauten die Franzosen ab 1719 die Festung Louisbourg. Fort(eresse de) Louisbourg wurde eine wichtige Siedlung und ein Hafen. Daneben waren den Franzosen in Nordamerika natürlich Canada und Louisiane geblieben. Flächenmäßig war Neu-Frankreich noch immer grösser als Britisch-Nordamerika, doch war dieses riesige Land (weiter) spärlich besiedelt, besiedelt waren hauptsächlich das damalige Canada (heutiges Quebec), mit Montréal, Nouvelle-Orléans im Süden von Louisiane und das nördliche (Haute) Louisiane um die Süden, an der Atlantikküste hauptsächlich Fischerdörfer, und die Festungen gab’s natürlich. Vom britischen Nordamerika (Rupert’s Land, Newfoundland, Nova Scotia, die 13 Kolonien) waren hauptsächlich letztere stark besiedelt, ausserdem wirtschaftlich stark genutzt (Plantagenwirtschaft, mit Sklaven) und zu einem hohen Maß selbstverwaltet.

Im 18. Jh startete Dänemark, das Norwegen „geschluckt“ hatte, einen neuen Versuch der Kolonialisierung von Kalaallit Nunaat/ Grønland, diesmal nachhaltiger. Auch wenn eigentlich nur die südliche Küste beherrscht und besiedelt wurde und anfangs fast nur Walfänger kamen. Ebenfalls im 18. Jh kamen die Russen von der anderen Seite nach Nordamerika, aus Sibirien ins spätere Alaska. Das russische Zarenreich/ Kaiserreich expandierte in der Neuzeit unaufhörlich, erreichte im 17./18. Jh die Pazifikküste, von Kamtschatka ging es weiter, durch Schiffs-Expeditionen unter dem Dänen Bering. Nach dessen Entdeckung des Festlandes von Nordwest-Amerika 1741 begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später „Alaska“ genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas. Das Gebiet wurde Dalni Wostok (Fernost) genannt, wurde bewohnt von Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan, Inuit,…, die ethnisch-kulturell mit denen in dem Alaska gegenüber liegenden Land verwandt sind, wie den Tschuktschen, im Nordosten von Sibirien, hauptsächlich aus der Eskimo-Inuit-Völkergruppe. Vom späteren Tschukotka kamen auch einst die „Indianer“ oder „Eskimos“ nach Amerika, als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab.(15)    

Von 1713 bis 1744 herrschte weitgehend Frieden zwischen Neufrankreich und Britisch-Nordamerika. Wirtschaftlich dominierte weiter der Handel mit Tierfellen, in den auch die „Indianer“-Völker (Cree, Irokesen, Algonkin,…) involviert waren. Oft wird von dieser Zeit als dem goldenen Zeitalter Neufrankreichs gesprochen, doch: Dass man dem Frieden mit Grossbritannien nicht traute, zeigt sich zB dadurch, dass man um Montreal ab 1717 eine steinerne Stadtmauer baute. Dass Neufrankreich dann 1756-63 ganz unterging, zeigt dass man nicht wirklich gewappnet war. Die nicht-„weissen“ Einwohner der Kolonie hatten ausserdem dort einen ganz anderen Status und andere Lebensbedingungen. Und, die französischen Siedler in den von (Neu-) Frankreich abgetrennten Gebieten Nova Scotia (Akadier) und Newfoundland lehnten sich gegen die britische Kolonialherrscher auf. Die Briten siedelten dort u.a. Protestanten aus Deutschland (HRR) an, um ein „Gegengewicht“ zu den katholischen Akadiern zu schaffen. 1744–1748 der „King George’s War“, der amerikanische Teil des Österreichischen Erbfolgekrieges. Joseph Broussard („Beausoleil“) stellte in diesem Krieg eine Miliz aus Akadiern und Micmac auf, die Neufrankreich unterstützte, wie dann auch in späteren Kriegen.

1754–1763 dann der „French and Indian War“ oder „Guerre de la Conquête“, Teil des Siebenjährigen Kriegs, hauptsächlich zwischen Grossbritannien und Frankreich. Eine Schlüsselrolle (in der französischen Verteidigung) spielte das Fort in Louisbourg auf der Ile Royale, die 1758 schliesslich fiel. Briten wie Franzosen gingen in dem Krieg wieder Allianzen mit einheimischen Völkern ein.(16) Der Krieg ging mit dem Pariser Frieden 1763 zu Ende, das Ende von Nouvelle France, Frankreich musste in dessen Norden praktisch Alles davon an Grossbritannien abtreten: den Rest von Acadie und Canada. Von Louisiane kam der Osten (Mississippi die Grenze) ebenfalls an Britisch-Nordamerika, der Westen an (Neu-) Spanien. In diesem nun spanischen Gebiet lag auch Nouvelle Orleans. Frankreich durfte nur die Inselchen Miquelon und St. Pierre vor Newfoundland behalten. Der Krieg und sein Ausgang hatten absolut weltgeschichtliche Bedeutung, die USA wäre andernfalls nicht das geworden was sie wurde, GB wäre nicht so mächtig geworden,… So hätte es auch ausgehen können. Canada wurde zu Québec, mit einem Teil von Acadie; aus einem anderen Teil von Acadie wurde New Brunswick; die Ile St. Jean (ebf. Teil Acadies gewesen) wurde zu Prince Edward Island; die Ile Royale (Acadie) wurde von den Briten in Cape Breton Island umbenannt, kam zu Nova Scotia. Das östliche Louisiana (mit dem Seengebiet sowie Florida) wurde zur Indian Reserve, anschliessend an die 13 Kolonien.

Hinzu kamen im Norden Amerikas an britischen Besitzungen Newfoundland, Ruperts Land (HBC), die 13 Kolonien, British Arctic Islands/Territory. Hinzu kamen die Karibik-Inseln, die GB in Besitz genommen hatte (Jamaica,…), diese Region war über Jahrhunderte Umschlagplatz für versklavte Afrikaner, die zur Arbeit auf Plantagen im zirkum-karibischen Raum verkauft wurden. Dort hatten die Franzosen einige Besitzungen behalten. Im 18. Jh setzten die Briten auch im Karibik-Raum eine Dominanz durch, gegen Franzosen, Spanier, Niederländer, Dänen. GB baute seine Weltmachtstellung aus. 1763-1776 beherrschten die Briten den ganzen Osten von N-Amerika. Südwestlich daran schloss sich Neu-Spanien an, westlich davon gab es noch unabhängige „Amerikaner“ (Sioux,…). Irgendwo hoch im arktischen Nordwesten war dann das russische Amerika. Während die britischen Arktis-Inseln im Nordosten das dänische Grönland benachbarten.

1755, während des Kriegs, begannen die Briten mit der Deportation von französischen Siedlern aus Acadie/Akadien. Diese Deportationen/ethnischen „Säuberungen“ liefen bis etwa 1764, aus jenem Teil Akadiens der bereits vor dem Krieg britisch war (Nova Scotia), und jenem der während des Kriegs erobert wurde. Das Grand Dérangement führte hauptsächlich nach Neuengland (der Norden der 13 britischen Kolonien) und Grossbritannien. Andere französische Siedler gingen freiwillig nach Frankreich, andere anderswo hin, wenige blieben. Von 14 000 Acadiens wurden über 11 000 deportiert/vertrieben. Der genannte Broussard/Beausoleil führte während des Kriegs eine Art bewaffneten Widerstand gegen die Briten in Akadien an, wurde von diesen gefangen genommen. Nach dem Krieg wanderte er mit einigen Followern nach Saint-Domingue aus, französischer Teil einer Karibikinsel (heute Haiti). Von dort dann in den Süden des westlichen, nun spanischen, Louisianas. Dort entstand durch Vertriebene und Auswanderer aus Acadie die Gemeinschaft der Cajuns, die heute hauptsächlich im US-Bundesstaat Louisiana beheimatet ist. Dort verstärkten sie den französischen Charakter, etwa von Nouvelle Orleans. Die Vertreibung der Akadier ist der Grund, dass es heute im Osten Kanadas, den Atlantikprovinzen Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island (dem früheren Akadien), kaum Französischsprachige/-stämmige gibt.

Das Patrimoine, das Erbe von Nouvelle-France (17), lebte in der nunmehrigen britischen Kolonie Quebec weiter. Dort gab es, eben so wie im östlichen Louisiana (Indian Reserve, mit Illinois-Gebiet), zunächst keine Ansiedlung von Briten. Im Quebec Act von 1774 garantierte London der französischen Bevölkerung Quebecs den Schutz ihrer Sprache und ihrer (katholischen) Konfession. Die Briten kontrollierten die Städte Montreal und Quebec, liessen die Franzosen dort ansonsten zunächst grossteils in Ruhe. Das andere grosse „fremdstämmige“ Bevölkerungselement im britischen Nordamerika waren die einheimischen Völker Amerikas – die zT französisch geprägt waren (was sich noch heute an vielen Indianer-Namen in USA und Canada zeigt). Und dann gab es auch die Mischlinge aus Franzosen und „Indianern“ (Cree,…), die Métis, hauptsächlich ebenfalls in Quebec. Es entstand auch eine Gruppe von Anglo-Métis, aus Verbindungen von Briten mit „Ureinwohnern“. Die Briten hatten eigentlich vor, im Gebiet das sie Indian Reserve nannten, einen Indianerstaat zu gründen, bzw zuzulassen, im Seengebiet, in der Nachbarschaft von Quebec. Jedenfalls kam es dort nach der Übernahme der Herrschaft von den Franzosen zu einem Aufstand der Odawa/Ottawa unter Pontiac (1763 bis 1766).

Zwischen den Siedlern in den 13 britischen Kolonien in Nordamerika und der Kolonialverwaltung war es infolge des 7-jährigen Kriegs trotz gemeinsamen Erfolgs zu einer Entfremdung gekommen. 1776-83 kämpften sich dortige britische Siedler von GB frei, proklamierten die USA. Warum blieben die britischen Siedler in Kolonien wie Nova Scotia oder Ruperts Land eigentlich loyal zu Grossbritannien und schlossen sich nicht Kolonien wie Massachusetts oder Virginia an?(18) Zunächst waren die dreizehn Kolonien an der Atlantikküste anders geprägt, waren viel mehr Selbstverwaltung gewöhnt. Die Zentralisierungsbestrebungen unter König George III. nach 1763 machten ihnen daher etwas aus, anders als den Siedlern im Norden. Die, das ist der nächste Punkt, ein paar Tausend waren, während es in den 13 Kolonien die sich erhoben, an die 2 Millionen waren(19) – die wirtschaftlich viel weniger auf GB angewiesen waren, im Gegenteil, die Besteuerung war ja ein Auslöser. Die Siedler im nördlichen britischen Nordamerika stellten auch keine Einheit dar, Mehrheit waren damals Franzosen, die Anderen waren grossteils noch nicht so viele Generationen im Land, lebten verstreut in einem riesigen, rural geprägten Gebiet. Das französische Quebec schob sich ausserdem zwischen die 13 Kolonien und Ruperts Land, blieben eigentlich nur die 4 Atlantik-Kolonien als Kandidaten.

Das Gebiet, das später Canada wurde, wurde vielmehr Aufmarschgebiet für britischen Truppennachschub. Angriffe aus Quebec oder New Brunswick (Neu-Braunschweig), etwa nach Massachusetts, entfremdete die Siedler der nunmehrigen USA weiter von den Nachbarn. Jene britischen Siedler in den 13 Kolonien, die loyal zu GB blieben, emigrierten zu einem grossen Teil in das verbliebene Britisch-Nordamerika, hauptsächlich nach Nova Scotia, New Brunswick, Quebec (wo sie die Demographie veränderten).(20) Andere gingen in die Indian Reserve (v.a. nach Florida), das ehemalige östliche Louisiane, das Gebiet war im Friedens-Vertrag von Paris 1783 aber auch der USA zugesprochen worden. Manche Loyalists gingen auch in britische Karibik-Besitzungen oder zurück nach GB. Oftmals handelte es sich bei den GB-Loyalisten um Anglikaner. Diese Loyalisten die von den 1770ern bis in die 1790er ins spätere Canada kamen, brachten oft „ihre“ versklavte Afrikaner mit, bis dahin gab es kaum Afrikaner/Sklaven dort, da kaum Plantagen. Aufgrund der natürlichen Voraussetzungen (Klima, Boden,…) war das schwer möglich, die (von den Europäern dort aufgesetzte) Wirtschaft im Norden Nordamerikas drehte sich um Tierfelle, Hölzer, Fische,… Mit der Ablösung der 13 Kolonien in N-Amerika büsste das British Empire nicht nur seine damals wichtigsten Kolonien ein, sondern auch die Hälfte seiner Sklaven.

Auf der zu Nova Scotia gehörenden Insel Oak Island (0,57km²), wurden Ende des 18. Jh. ein zugeschütteter Schacht sowie angeblich (in 30m Tiefe) Steinplatten mit Zeichen entdeckt. Die Insel war von Mikmak-Indianern bewohnt gewesen, wurde Teil des französischen Acadie, dann des britischen Nova Scotia. Die Grabungen wurden dann erstmals durch Einbruch von Meerwasser gestört, seither finden praktisch ununterbrochen weitere Grabungen nach einem vermuteten Schatz statt. Einen Zweck muss dieser Schacht gehabt haben und Funde von kleineren Hinweisen sowie Einstürze und Überflutungen befeuern diese Vorstellung. Durch Grabungen und Bohrungen ist der ursprüngliche Schacht („Money Pit“) nicht mehr definierbar, unterirdische Verbindungen zum Meer undurchschaubar. Es wurde ein Damm zum Festland gebaut, versucht, Grabungen mit Zement abzustützen, Zeichen zu deuten,… Seit 2006 versuchen sich dort die Lagina-Brüder aus der USA, gefilmt vom History Channel. Dieser bislang ambitionierteste Versuch findet unter hohem finanziellen und technischen Aufwand (Bohrungen, Taucher,..) statt, wissenschaftlicher Beratung (Geologen,..), mit Lehren aus früheren Versuchen (etwa durch die Miteinbeziehung des früheren Grabungsleiters Blankenship). Der Money Pit verdient zumindest insofern seinen Namen, als in über 200 Jahren sehr viel Geld „in ihn“ gesteckt wurde. Ein Schatz, der so gesichert wurde, dass man sich heute mit fortgeschrittener und aufwändiger Technik die Zähne ausbeisst (von wem, für wen?), oder nur natürliche Ursachen und Schwindel? Eines der Mysterien Canadas, neben Bigfoot und dem Tod von Elisa Lam.

Schacht Oak Island 1947

1833 beschloss das britische Parlament die Abschaffung der Sklaverei in seinen (verbliebenen) Kolonien. GB betrieb Sklavenhandel in seiner merkantil-kolonialen Wirtschaftsphase, bekämpfte ihn als es sich als Industrienation verstand (und seine Kolonien mit Plantagenwirtschaft verlor).(21) Der Staat zahlte zur Abschaffung über 2 Milliarden Pfund an Entschädigung – an die bisherigen Sklavenhalter, nicht die bisherigen Sklaven. Die Bezeichnung Britisch-Nordamerika (British North America) kam eigentlich nach der USA-Unabhängigkeit auf, um die verbliebenen Kolonien auf dem Kontinent zu bezeichnen (die dann alle in Canada aufgegangen sind). In der Historiographie wird aber auch das britische Kolonialreich in Nordamerika auch in der Zeit vor der Unabhängigkeit der USA bezeichnet. Britisch-Nordamerika umfasste Ende des 18. Jh: Quebec, New Brunswick, Prince Edward Island, Nova Scotia, Newfoundland, Ruperts Land, British Arctic Islands/Territory. Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory, nordwestlich von Ruperts Land. Das stetig wuchs, zum russischen Alaska und den Arktisinseln und dem dänischen Grönland hin.(22) Die Briten haben den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua (bzw des nordamerikanischen Festlands), die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin und Ellesmere Island, zu den British Arctic Islands zusammengefasst.

Frankreich und Spanien waren schnell bereit, die United States of America an der Westküste Amerikas als souveränen Staat anzuerkennen.(23) Nach der Unabhängigkeit der USA ging die Expansion los, das betraf zunächst die bisherige Indian Reserve, und Völker wie die Cherokee. Es wurden bestehende Kolonien/Bundesstaaten in den Westen hin vergrössert und neue gegründet. Von den Nachbarn von Britisch-Nordamerika ist noch Neuspanien zu nennen. Und im Westen Nordamerikas gab es noch immer unabhängig lebende nicht-europäische Völker. Wie die Shoshone, Crow, Nez-Percé, Blackfoot, zT die Sioux. Vor Neufundland lag (und liegt) ausserdem das französische St. Pierre & Miquelon. Um 1700 gab es eine Ablöse der globalen Vormachtstellung von Spanien und Portugal, durch die Mächte des Nordens (von Europa), Frankreich und Grossbritannien, und unter diesen setzte sich im 18. Jh klar GB durch. 1763 hatte GB seine Weltmachtstellung noch ausgebaut, 1776 ging das erste britische Imperium auch schon wieder unter. Frankreich begann nach 1763 (bzw nach seiner Revolution) kolonial neu, Grossbritannien 1783. Spanien verlor Anfang des 19. Jh die meisten seiner Kolonien in Amerika (was wiederum mit der Französischen Revolution zu tun hatte). GB konzentrierte sich nun auf Indien und andere Teile Asiens, ausserdem hatten sie in Nordamerika ja noch viele Kolonien. Die etwa ein Jahrhundert nach der Bildung der USA allmählich zu Canada zusammengefügt wurden. Im 19. Jahrhundert dominierten die Briten dann mit ihrem Weltreich das Zeitalter des Imperialismus.

Der Influx britischen Loyalisten in Quebec veränderte die demografischen Verhältnisse dort so, dass die Kolonie 1791 geteilt wurde: in Upper Canada (wo die meisten Loyalists hingezogen sind) im Süden/Westen und Lower Canada (Norden/Osten, weiter französisch dominiert/geprägt). Aus Niederkanada entstand später Quebec, aus dem mehrheitlich englischsprachigen Oberkanada dann Ontario. Upper Canada lag am Gebiet der grossen Seen, Lower Canada am Atlantik, beide am Ruperts Land. Die Schaffung von Bas-Canada, wie das untere Kanada auf französisch hiess, 30 Jahre nach dem Untergang von Neu-Frankreich, kann man als Zugeständnis der britischen Kolonialverwaltung sehen, oder als Anzeichen dafür, dass man das Gebiet in dem die französischen Siedler kulturelle und politische Autonomie genossen, allmählich einschränkte… Da gibt es Parallelen zu den Indianer-Reservaten. Für das Gebiet, das das Herzstück von Neu-Frankreich gewesen war, wurde unter britischer Herrschaft immer wieder der Name gewechselt, mal „Canada“, mal „Quebec“, 1791 sprach man von den beiden Canadas.

Rupert’s Land, ursprünglich das Pelztier-Jagd-Territorium der Hudson’s Bay Company wurde von GB weiter in den Norden und Westen ausgedehnt. Nach Einkassierung der französischen Gebiete und Abnabelung der 13 Kolonien verstärkt. Gegen Westen hin war das Land für Europäer noch lebensfreundlicher, dort wurde die einheimische Bevölkerung vielfach vertrieben, um Platz für weisse Besiedlung zu machen. Im späteren Alaska, dem Nordwest-Zipfel Amerikas, waren ja die Russen, wobei diese eigentlich nur die Südküste kolonialisierten. Aber sie beanspruchten das gesamte Gebiet als ihres, zumindest mit der Gründung der Russisch-Amerikanischen Kompanie 1799. Damals waren die Briten (bzw das North-Western Territory der Hudson-Bay-Company) im Osten noch immer so weit weg, dass man sich nicht über eine Abgrenzung einigen musste. Die Russen expandierten aber auch die Südküste hinunter, über die Halbinsel hinaus. So bekam dieses russische Gebiet in Amerika (Dalni Wostok bzw Russkaja Amerika) die Form einer Pfanne, mit der Halbinsel als Pfannenschüssel(24) und dem Expansionsgebiet als Pfannenstiel. Die Pfannenschüssel musste dann irgendwann im Osten entlang eines Längengrads abgegrenzt werden (ggü anderen europäischen  Mächten), der Pfannenstiel schon früher, entlang eines Breitengrads. 1799 wurde das Gebiet bis zum 55. Breitengrad beansprucht, was später auf den 51. korrigiert wurde.(25) Als Russisch-Amerika wurde/wird nicht nur das heutige Alaska bezeichnet, es umfasste auch Krepost Ross/Fort Ross in California (damals Neu-Spanien; 1812-41), auch die kurzzeitigen Besitzungen in Hawaii werden gelegentlich dazu gerechnet.  

Das Vizekönigreich Neu-Spanien (Nueva España) wurde durch die „Zugabe“ des Westteils des vormals französischen Louisianes (1762-1802) ja in Nordamerika erheblich vergrössert. Karte von den Besitzverhältnissen. Westlich von diesem Luisiana war Alta California. Spanien beanspruchte, auch aufgrund des Tordesillas-Vertrags, die ganze West- bzw Pazifikküste Amerikas. Ende des 18., Anfang des 19. Jh kamen im Nordwesten von Amerika, südlich vom späteren Alaska, Ansprüche der Russen, Briten und Spanier konfliktträchtig zusammen. Das Gebiet westlich von Luisiana, nördlich von Alta California, befand sich de facto ausserhalb spanischer Kontrolle, wurde aber als Teil Neuspaniens gesehen. Territorio de Nutca (Nootka-Territorium) war die spanische Bezeichnung für das beanspruchtes Gebiet die Pazifikküste hinauf. Spanien „unterstrich“ diese Ansprüche im späten 18. Jh, indem es die Küste hinauf Forts/Missionen/Presidios errichtete; Ortsnamen in Alaska wie Valdez erinnern daran. Von Norden „tasteten“ sich die Russen in dieses Gebiet heran, mit Pelzjagd- und handel-Aktivitäten. Und für Grossbritannien erkundete James Cook die Küste, die Briten nannten ungefähr das Gebiet, das für die Spanier „Nutca“ war, „Oregon“. Die Nootka-Krise zwischen Spanien und Grossbritannien ergab sich aus der Errichtung der spanischen Siedlung Santa Cruz de Nuca (oder nur Nuca) 1789, in Yuquot auf der Nutca/Nootka-Insel, die neben einer grösseren Insel liegt, welche dann nach George Vancouver benannt wurde. Zu ihrem Schutz wurde dort das Fort San Miguel gebaut.(26)

Nachdem die spanischen Truppen auf der Nutca-Insel ein britisches Handelsschiff aufgebracht hatten, entstand diese „internationale Krise“, bzw eine Empörung des britischen Imperialismus. Es kam aber nicht zu einem Krieg, sondern zu Verhandlungen, hauptsächlich zwischen Juan F. de la Bodega y Quadra und George Vancouver. Es ging um eine Begrenzung für die Ausdehnung Neu-Spaniens. Diese wurde zwar erst 1819 „geklärt“ (als Neu-Spanien schon am Ende war), aber 1795 einigte man sich („third Nootka Convention“) auf den Abzug der Spanier von der Insel und ihre Aufgabe des Territoro de Nutca. Aber, mit Santa Cruz de Nuca und Fort Miguel hatten auch die Spanier einen ganz kleinen Anteil an der Entstehung (bzw Kolonialisierung) des heutigen Canadas. Es war dies die erste europäische Niederlassung im heutigen British Columbia. Und der nördlichste Punkt von Neu-Spanien.(27) Dort wo einige Jahre Santa Cruz de Nuca bestand, existierte vorher und seither auch wieder das Dorf Yuquot, von der lokalen Bevölkerung des Mowachaht-Stammes. Die Briten nannten es „Friendly Cove“. In der dortigen grösseren Region kam es dann bald zu einem Konflikt zwischen GB und der USA, um Oregon Country/Columbia District. 1800 wurde Spanien von Napoleon(e) B(u)onaparte, damals erster Konsul der Französischen Republik, gezwungen, das westliche Louisiane/Luisiana/Louisiana wieder an Frankreich abzutreten.

1803 verkaufte Napoleon das riesige Territorium an die USA.(28) Dies war das endgültige Ende vom französischen Kolonialreich in Nordamerika und des „ersten Kolonialreichs“ Frankreichs generell. 1804 wurde vom Louisiana-Territorium die „Isle of Orleans“ abgespalten, unter dem Namen „Territory of Orleans“. Daraus wurde 1812 der Bundesstaat Louisiana. Reste von Nouvelle-France finden sich hauptsächlich dort, in Quebec und dem Mini-Archipel SPM. Frankreich war in der Zeit, als etwa das heutige Quebec als Bas-Canada/Lower Canada existierte, zu sehr mit sich beschäftigt, als sich um die dortigen verlorenen Franzosen zu kümmern. Eher kümmerte man sich noch um bestehende (in der Karibik) oder neue Kolonien (in Nordafrika) als um verlorene. 1812-15 dann der Krieg der USA unter Präsident Madison gegen die Briten in Nordamerika. Kriegs-Anlässe waren diverse Missachtungen der Unabhängigkeit der USA durch die Briten, v.a. auf wirtschaftlichem Gebiet, ausserdem expandierten beide Mächte und waren Konkurrenten. Gekämpft wurde v.a. im Seengebiet, wo Mächte aneinander grenzten (Canadas – Indian Reserve), daneben an der Atlantikküste sowie im Golf von Mexico (viele Seeschlachten).

Die USA versuchten, die restlichen britischen Besitzungen (also das spätere Canada) zu erobern. Er scheiterte, obwohl die Briten daneben in den Napoleonischen Kriegen in Europa engagiert waren. GB wiederum wollte das westliche Louisiana (das Gebiet des „Louisiana Purchase“) oder einen Teil davon erobern, auch das scheiterte, obwohl die Briten und ihre indianischen Verbündeten in das Gebiet am oberen Mississippi eindrangen. 1814 drangen britische Truppen in die USA-Hauptstadt Washington ein und steckten viele öffentliche Gebäude in Brand, darunter das Weisse Haus (damals das Presidential Mansion genannt) und das Capitol-Gebäude. Es wurden nur staatliche Gebäude zerstört, Zivilisten blieben verschont. Historikern zufolge war der Angriff eine Vergeltungsmaßnahme für die Plünderung Yorks in Oberkanada (heute Toronto) seitens der Amerikaner nach der Schlacht von York im Jahre 1813 sowie für die Niederbrennung der Parlamentsgebäude von Oberkanada. Mit dem Friedensvertrag kamen keinerlei Grenzänderungen. 1818 die Grenzfestlegung der beiden Mächte im Osten, entlang des 49. Breitengrades; damit gingen Teile des Rupert Landes an die USA (die heute zu den Staaten Minnesota, North Dakota, Montana und South Dakota gehören). Die eigentlichen Verlierer waren die „Indianer“… 

Beide Seiten spannten Indianer-Verbände für sich ein bzw diese suchten ihre Ziele in einer Allianz durchzusetzen. Tecumseh, Führer einer Shawnee-Konföderation, ging ein Bündnis mit GB ein, überzeugte Stämme der Irokesen, Creek,…, sich diesem anzuschliessen. Er wollte einen unabhängigen „Indianer“-Staat östlich des Mississippi errichten, unter britischem Schutz. Also in dem Gebiet, das einst französisch gewesen war, 1763-1783 britisch, dann als „Indian Reserve“ zur USA kam, erstes Expansionsgebiet dieser geworden war. Tecumsehs Armee griff zusammen mit der britischen von den Canadas aus im Seengebiet dieses Gebiet an, half etwa bei der Einnahme von Detroit. Ein anderer Teil der Creek/Muscogee und die Cherokee unterstützten die USA. US-Truppen töteten Tecumseh 1813 in der Schlacht am Deshkan Ziibi (Thames). Seine Konföderation fiel auseinander, die Briten verliessen ihre indianischen Verbündeten. Der Traum eines Staates der Ureinwohner im „Mittleren Westen“ von Nord-Amerika musste aufgegeben werden, nun gab es für eine Expansion der USA bzw ihrer Siedler kein Halten mehr, die Indianer dort wurden in den Westen oder in Reservate getrieben.

Mit dem Adams–Onís-Treaty 1819 zwischen USA und Spanien wurde die Nordgrenze von Neu-Spanien definitiv festgelegt, ausserdem ging Florida an die USA. Spätestens 1821 gab es kein Neu-Spanien mehr, der Nachfolgestaat Mexico war im Westen von Nordamerika zwar noch sehr präsent, schaute aber nicht so in den Norden. 1822 korrigierte der russische Zar Alexander I. die Südgrenze von Russisch-Amerika auf den 51. Breitengrad, dies schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Doktrin von USA-Präsident Monroe. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt (141. Längengrad, die heutige Grenze Alaskas zu Kanada), jene des russischen Bereichs zur USA hin im Süden (Pfannenstiel) bereits 1824. Beide Abkommen legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. „Kerngebiet“ des britischen Nordamerika waren die Canadas; östlich davon, am Atlantik Newfoundland, Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island; nordwestlich davon North-Western Territory, Ruperts Land, British Arctic Territories. 1837/38 fanden in in Niederkanada und Oberkanada Rebellionen statt, Aufstände der weissen Bevölkerung gegen die britische Kolonialherrschaft. Dabei war die Sprachgrenze nur ein Faktor.

Der Aufstand in Oberkanada/Upper Canada (Süden, englisch, Seengebiet) wurde von der USA gefördert, richtete sich auch gegen die regionale Oligarchie. Bei jenem in Niederkanada/Lower Canada (Norden, französisch, bis Arktis) ging es natürlich auch um (gegen) die Diskriminierung der „Franzosen“ und ihrer Sprache. Als Folge wurden die Canadas 1840/41 wieder vereinigt (Act of Union), zur British Province of Canada, die etwas mehr Selbstverwaltung bekam. Dieses Canada umfasste den wichtigsten Teil des späteren Canadas, ohne den äussersten Osten und den riesigen „wilden“ Westen und Norden). Ein Gebiet das etwa 10% der Fläche des heutigen Canadas ausmacht, prägt bzw dominiert das restliche (siehe unten, Windsor-Korridor). Das englisch dominierte „Oberkanada“ (heute im Wesentlichen der Süden von Ontario) ist vom Klimatischen wahrscheinlich der angenehmste Teil dieses Landes, dort, in den grossen Seen, kann man sogar baden. Die Rebellionen (und die Reaktion darauf) bilden einen wichtigen Zwischenschritt in der Bildung der kanadischen Nation und des dazu gehörenden Nationalgefühls. Man ist nicht einfach ein Aussenposten von GB, und auch keiner der USA. Und die französischen Siedler und ihre Identität/Anliegen sind nicht einfach zu übergehen. Die Ver-Einigung von 1840 wird als Vorstufe zu jener von 1867 gesehen; von 1841-67 existierte auch diese britische „Province of Canada“. Generalgouverneur von Britisch-Nordamerika war 1838/39 John G. Lambton of Durham. Er erlebte, dass eine Assimilierung der Franzosen nicht so einfach war. Nach seiner Abdankung legte er 1839 den „Report on the affairs of British North America“ (1839), in dem er vorschlug, Britisch-Nordamerika zu einer Kolonie zu vereinen und unter eine autonome Regierung zu stellen. 1840 kam zunächst eine Vereinigung der beiden Kerne Canadas zu Stande, ab 1867 wurde es dann (gemäß Lambtons Vorschlägen) stufenweise um den Rest Britisch-Nordamerikas erweitert.

Im gemeinsamen Parlament gab es ansatzweise ein Zusammenwirken „englischer“ und „französischer“ Politiker, und die Herausbildung späterer Parteien. 1861 die Gründung der Liberalen Partei (LP), als Zusammenschluss von Liberalen aus den beiden Teilen Kanadas (geführt von Mackenzie und Papineau). Liberale waren tendenziell für mehr Selbstverwaltung von GB, Konservative für mehr Bindung daran. Die Konservative Partei entstand als solche erst 1867. Im nördlichen, französischen Canada gab es natürlich auch innere Konflikte. Über die Stellung der Katholischen Kirche, die Loyalität zur britischen Krone, die Gesellschaftsordnung,… Wichtig war im 19. Jh dort die Papineau-Familie: Joseph, noch in Neu-Frankreich geboren, unter britischer Herrschaft politisch tätig. Louis-Joseph, für die Parti Canadien/ Parti patriote im Parlament von Niederkanada, ein Anführer der Rebellion von ’37, danach im Exil in Frankreich und USA – nach seiner Rückkehr aus diesen Republiken war er für den Anschluss Canadas an die USA! Und, er gründete die anti-klerikale Parti rouge. Sein Bruder Denis-Benjamin Papineau war Co-Premier der Provinz Canada (1846-48), und ein Konservativer (oligarchische „Cirque du Chateau“). Louis-Joseph Papineau, der für einen liberalen Nationalismus stand, erlebte noch die Einigung Canadas.

1846 wurde die Abgrenzung zwischen Britisch-Nordamerika und der USA entlang des 49. Breitengrads in den Westen hin verlängert, der Streit um das „Oregon-Territorium“ damit beigelegt. 1849 wurde für alle Provinzen Britisch-Nordamerikas Selbstregierung eingeführt – für die weissen Siedler in diesen Kolonien, und für Belange die sie „selbst“ betrafen. 1858 wurde British Columbia aus dem North-Western Territory herausgelöst, im Westen Nordamerikas, nach der Grenzziehung von 1946. Der Pfannenstiel Alaskas (Russisch-Amerikas) grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT. British Columbia wurde kolonialisiert (besiedelt, unterworfen,…) nachdem es geschaffen worden war. Es gab 1858 dort Goldfunde, die „Glücksritter“ auch aus der USA anzog (die Milizen bildeten), zu Konflikten mit den dort einheimischen Nlaka’pamux führten („Fraser Canyon War“).

1867 verkaufte Russland sein Gebiet im Nordwest-Zipfel Amerikas an die USA; womit es in Nordamerika noch Britisch-Amerika und die USA gab, ausserdem das dänische Grönland und die 2 Inselchen die Frankreich geblieben waren. Mexico hatte als Erbe Neuspaniens den Südwesten Nordamerikas eingenommen (Alta California, Nuevo Mexico,…), diesen Gebiete 1845-53 an die USA verloren, nach deren Einfällen und Annexionen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) zum Dominion of Canada zusammen. Diese Vereinigung wird „kanadische Konföderation“ (Canadian Confederation / Confédération canadienne) genannt. Wenn man so will, war es ein Anschluss Neuschottlands und Neubraunschweigs an Canada, in diesen beiden Kolonien gab es auch etwas Opposition dagegen. Das vergrösserte (weiterhin britische) Canada bestand aus den Provinzen Ontario, Quebec, Nova Scotia, New Brunswick.(29) Dieses Dominion bekam etwas mehr Selbstverwaltung, als es die einzelnen Kolonien zuvor gehabt hatten. Und es begann ein Prozess, in dem die britischen Nordamerika-Kolonien sukzessive an dieses Canada angeschlossen wurden, und dieses mehr und mehr Selbstverwaltung/Unabhängigkeit bekam.

1867 gleich die erste Parlaments-Wahl, die als eine (gesamt-) kanadische gesehen wird, die Conservative Party gewann mehr Mandate als die Liberal Party, daher wurde ihr Spitzenmann John Macdonald erster Premierminister des (teil-) vereinigten Canadas. Seit damals wechseln sich CP (diverse Namen) und LP als Regierungsparteien ab. Ausserhalb Canadas blieben vorerst Neufundland im Osten und die riesigen Gebiete im Westen und Norden. Aber nicht lange. 1869 verkaufte die Hudson’s Bay Company (HBC) für £ 300.000 ihre Nutzungsrechte an Ruperts Land und den früheren Gebieten der North West Company (1821 in der HBC aufgegangen), dem North-Western Territory, dem Canadian Dominion. Canada gliederte sie 1870 in ihr Gebiet ein, die bisherigen Rupert’s Land und North-Western Territory wurden zu den Northwest Territories; ein Teil von RL wurde als Manitoba Teil Canadas, dazu noch mehr. Aus einem Handelsgebiet wurde ein Hoheitsgebiet, wobei sich in der Praxis nicht allzu viel änderte. Von Manitobas Hauptstadt Fort Garry (heute Winnipeg) aus wurden zunächst auch die Nordwest-Territorien mit verwaltet. Die Northwest Territories machten gut 80% der Fläche Canadas aus(30), das erst durch diesen Anschluss riesig geworden war, und waren doch sein unbedeutendster Teil, in mancher Hinsicht hat sich das bis heute gehalten. Bis in die jüngere Vergangenheit erfolgten zahlreichen Grenzänderungen, Abspaltungen und Umbenennungen für das Gebiet…man wusste nicht so Recht wie man damit umgehen sollte.

Der zweitgrösste Staat der Welt ist Canada dank des Anschlusses von 1870, von 2 Gebieten, die davor mehr oder weniger Privatkolonien von zwei britischen Handelsgesellschaften waren, die hauptsächlich in der Pelztierjagd engagiert waren. Das Rupert’s Land bestand von 1670 bis 1870 und hatte seinen Ausgang am Südufer der Hudson Bay, die in einer Inuit-Sprache Kangiqsualuk ilua heisst. Die arktischen Gebiete Canadas waren und sind hauptsächlich von Inuit und anderen Eskimo-Völkern bewohnt. Der Schwerpunkt des Landes lag und liegt in jenem Gebiet, das schon vor 1867 Canada genannt wurde (teils englisch, teils französisch ist). In den Northwest Territories lag auch der Mount Logan (heute in Yukon), nahe Alaska (USA), der höchste Berg Canadas, durch die Eliaskette (Teil der nordamerikanischen Kordilleren) mit dem Denali verbunden, dem höchsten Berg Nordamerikas. 1871 erfolgte der Anschluss British Columbias an Canada, im Südwesten, wo Vancouver entstand, neben Montreal wichtigster Hafen Canadas. 1873 folgten die Prince Edward Islands im Osten. 1876 wurde das das Keewatin Territory von den Northwest Territories abgespalten, das ebenfalls von Winnipeg aus verwaltet wurde. 1881 gingen Teile von Keewatin an Manitoba, 1889 weitere an Ontario, 1905 wurde der Rest von Keewatin (als Distrikt) wieder in die Nordwest-Territorien eingegliedert. 1880 übergab GB die Arctic Islands an Canada, das es an die North-West Territories anschloss. Man hatte Angst, dass sich die USA dieses Gebiet unter den Nagel reissen will (Monroe-Doktrin).

1867 war geplant, auch die Kronkolonie Neufundland/Newfoundland als (fünfte) Provinz in die kanadische Konföderation einzubeziehen, aber die dortigen Händler und Banker hatten wenig Interesse daran: Der britischen Insel-Kolonie war schon 1854 ein Status verantwortlicher Eigenregierung mit einem selbstgewählten Parlament gewährt worden. Und die Siedler der Insel lebten vom Export der vor ihren Küsten gefangenen Fische, hauptsächlich Kabeljau und nach Grossbritannien. 1869 stimmte das Insel-Parlament gegen die Vereinigung mit Canada.(31) Das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland wurde von 1837 bis 1901 von Königin Victoria I. (Sachsen-Coburg-Gotha) regiert, wobei sich in dieser Zeit möglicherweise die Verschiebung vollzog, zu den heutigen Zuständen, unter denen der Premierminister mehr Macht hat als der Monarch. GB war klar Weltmacht Nr. 1, wirtschaftlich, vom Kolonialbesitz,… Canada war 1867 das erste Dominion dieser Art, Vorbild hauptsächlich für die anderen weiss dominierten Siedlerkolonien wie Australien. Indien wurde 1857, nach einer Rebellion dort, stärker „an die Kandare genommen“. Aufstände gegen britische Kolonialherrschaft (bzw Imperialismus) gab es ja auch von „Weissen“, wie 1776 (Kolonisten Nordamerika), 1914/15 (Afrikaaner Südafrika), 1916 (Irland/Eire).  

Im Westen Canadas der Pazifik, im Nordwesten das ja inzwischen US-amerikanische Alaska (noch lange kein Bundesstaat). Ende des 19. Jh wurde Gold in den North-West Territories gefunden, nahe der Grenze zu Alaska, am Klondike/Trondek-Fluss, womit es zu einem Grenzkonflikt zwischen der USA und dem britischen Dominion Canada kam. In Folge des Goldrauschs wurde das Yukon Territory aus dem NWT herausgelöst, und die der Grenze zu Alaska exakt festgelegt (1903). Im relativ milden und stark besiedelten Südosten der North-West Territories wurden 1905 weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen: Saskatchewan und Alberta. 1912 folgte eine Gebietsabgabe von NWT an Manitoba und Ontario. Im Nordosten der North-West Territories, nördlich der Bucht, der kanadisch-arktische Archipel, das Nordpolarmeer und Grönland/Kalaallit Nunaat. Grösste der Inseln dieses Archipels ist Baffin Island/Qikiqtaaluk, das Grönland gegenüber liegt. Die Erforschung des Arktis-Raums begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh, 1878/79 die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage, 1906 jene der Nordwestpassage (durch den Norweger Roald Amundsen, bevor dieser den Südpol erreichte).

Immer wieder wurden die Ureinwohner Nordamerikas von den Europäern in den subarktischen Norden verdrängt (beginnend mit den Franzosen), später auch von Briten und Canada, „ihre“ Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen. Nachdem Canada infolge der Anschlüsse von 1870 territorial fast komplett geworden ist, befanden sich auch die Ureinwohner (“First Nations”) dieses Gebiets in diesem Canada; davor standen sie zT unter britischer Direktherrschaft oder jener von Handelsgesellschaften. Davon, gleichberechtigte Bürger dieses Dominions zu werden, waren sie Ende des 19. Jh aber weit entfernt. 1876 der Indian Act/ Loi sur les Indiens (32), ein kanadisches Gesetz, das die rechtliche Situation der Indianer in Canada bis heute regelt, natürlich ergänzt wurde. Das Gesetz definierte den Rechtsstatus von First Nations-Menschen als deutlich niedriger im Vergleich zu Europäern/Weissen. Mit dem Gesetz begann auch die Errichtung von Reservaten, was wie in der USA weniger ein Entgegenkommen bzw ein Schutz darstellt(e), sondern eine Beschränkung, oftmals verbunden mit Land-Enteignungen, Vertreibungen. Ob die Inuit, Algonkin,… bleiben und so weiter leben durften wie gewohnt, hing stark von wirtschaftlichen Interessen ab, also vor Allem, ob es auf ihrem Land Bodenschätze gab.

Geschaffen wurde damals das Department of Indian Affairs and Northern Development, kein Zufall dass die „Entwicklung“ des Nordens und die Herrschaft über die „Indianer“ der selben Behörde unterstellt wurden. Der Norden (und teilweise der Westen), also das was 1870 als Northwest Territories entstand, war seit Langem ein Rückzugsgebiet der vor-europäischen Bevölkerung Nordamerikas. So wie in Australien das anders unwirtliche Landesinnere. Ende des 19. Jh entstanden auch Residential Schools, in die Kinder der First Nations gebracht wurden, um sie von ihren Familien und ihrer Kultur fern zu halten, zu assimilieren an das, was kanadische Norm sein sollte. Diese internatartigen Schulen bestanden bis 1996, die meisten wurden in den 1970ern geschlossen. Die „Zivilisierung“ der „Wilden“ umfasste auch Konversion zu christlichen Gemeinschaften (die diese Schulen zT führten) und das Umlernen der Sprache auf Englisch bzw Französisch. Im Gesetz von 1876 wurden (werden) auch drei Arten von „Indianern“ unterschieden: Status Indians, also jene die als solche gelten (wollen); Non-Status Indians, solche die sich zur Assimilation entschlossen haben oder dazu bestimmt wurden, oder „Andersrassige“ heira(te)ten; Treaty Indians, Angehörige der Indianervölker, die zwischen 1871 und 1921 mit Grossbritannien die elf „nummerierten Verträge“ abgeschlossen haben. Es gab Verträge dieser Völker, die gebrochen wurden. Der Indian Act (Indianer-Gesetz) wurde also oftmals ergänzt bzw abgeändert, wurde von (den) verschiedenen Seiten unterschiedlich interpretiert. Die Völker werden in „Bands“ unterteilt, was mit „Stämme“ gleichgesetzt werden kann.

Louis Riel ist eigentlich eine bedeutende Person in der Geschichte Canadas. Er war ein Führer der Métis im späteren 19. Jh, während der Entstehung Canadas, Anführer von 2 Aufständen gegen dieses, Mitbegründer der Provinz Manitoba,… 1869/70 wurden wie gesagt die Gebiete der HBC, Rupert’s Land und North-Western Territory, in Canada als Northwest Territories eingegliedert. Damit begann auch eine Expansion, hauptsächlich von anglokanadischen Siedlern, in die wirtlicheren dieser Gebiete. Und das waren jene im Süden, die Prärie darstellten, während der Norden arktisch ist. Der Osten dieses „Wilden Westens“ war ein Siedlungsgebiet der Métis, dem französisch-indianischen Mischvolk. Dort, im bisherigen Ruperts Land, lebte auch Riel. Die Bundesregierung in Ottawa unter Premierminister John Macdonald ernannte 1869 einen Lieutenant Governor für das neue Gebiet, W. McDougall.(33) Riel und seine Metis nahmen hauptsächlich daran Anstoss, dass dieser die französische Sprache (ihre) nicht genug achtete. So kam es 1869/70 zum Aufstand in der Red River Colony der Metis, damals noch im Ruperts Land. Riel führte dort eine „provisorische Regierung“ und hatte insofern Erfolg, als 1870, als die Northwest Territories entstanden, in „seinem“ Gebiet gleichzeitig die Provinz Manitoba entstand (aus einem Teil des bisherigen Ruperts Land). Für die Frankophonen und die Ureinwohner (die Metis waren beides) brachte das auf längere Sicht keine wirkliche „Verschonung“. Riel musste ins Exil, in die USA, da er wegen der von ihm angeordneten Tötung eines militanten Siedlers (einem Angehörigen des Oranier-Ordens, aus Ontario) gesucht wurde.

In seiner Abwesenheit wurde er zum Abgeordneten des kanadischen Unterhauses gewählt, konnte sein Mandat aber nicht wahrnehmen. In dieser Zeit hatte er religiöse Visionen, gründete eine neue Religion (bzw einen neuen Zweig des Christentums), mit sich als Propheten. Damit stiess er jene vor dem Kopf, die dem Katholizismus treu bleiben wollten. In dieser Zeit kam auch die Unterwerfung der „Indianer“ in der USA zum Abschluss. Die letzten „Unruhe-Herde“ in dieser Zeit waren im Norden der Great Plains und der Südwesten, die früher mexikanischen Gebiete. In nördlichen Grenzgebiet der Plains zu Ruperts Land bzw Canada leb(t)en die Lakota-Dakota-Sioux, die zT auch französisch geprägt sind. Diese kämpften um die sukzessive Verkleinerung der Great Sioux Reservation, die ihnen 1868 zugesichert wurde. Der Sieg einer Indianer-Konföderation in der Schlacht am Little Bighorn-Fluss (damals Montana Territory) über eine US-amerikanische Armee 1876 brachte den Sioux keine wirkliche Ruhe. Nach dem Kampf gingen einer der Anführer, Thathanka Iyotake (Sitting Bull), und einige Folger in die kanadischen Northwest Territories (Saskatchewan-Gegend) ins Exil, während sich Riel (mit einigen Leuten) im Montana-Territorium in der USA aufhielt. Thathanka Iyotake traf sich während seines Exils mit Crowfoot/ Isapo Muxika, Führer der Blackfoot/Niitsitapi/ᖹᐟᒧᐧᒣᑯ, langjährige Feinde der Lakota-Sioux, um Frieden mit ihm zu schliessen.(34)

Die administrativen Verhältnissen der damaligen Zeit im Überblick. Riel begab sich 1884 in die kanadischen Northwest Territories, Saskatchewan-Gegend, um den Kampf gegen den kanadischen Staat wieder aufzunehmen, diesmal an der Seite von Cree- und Assiniboine-Verbänden. Es ging dabei nicht zuletzt um die Ausrottung der Bisons in USA und Canada, die Lebensgrundlage diverser Völker bildeten. Die Metis unter Riel und diese gründeten eine „Provisorische Regierung von Saskatchewan“, 1885 kam es zur North-West Rebellion. Im dessen Verlauf kam es im April 1885 zu einem Massaker in der Siedlung Frog Lake. Cree-Krieger unter Wandering Spirit kamen in das Dorf, töteten 9 Leute, darunter einen Indianer-Agenten. Ungefähr eben so viele Cree/Nehinaw wurden dafür durch Hängen getötet, am 27. November 1885 in Fort Battleford. Bereits am 16. November wurde Louis Riel getötet; er war nach der Schlacht von Batoche im Mai 1885 verhaftet worden und wegen Hochverrats vor Gericht gestellt worden. Es war dies einer der letzten bewaffneten Konflikte mit „Indianern“ in Canada. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, der Canadian Pacific Railway konnte gebaut werden.

Plakat zum Bau des Canadian Pacific Railway, mit der damaligen Flagge im Hintergrund

Riel polarisiert(e) in Canada, die Einen sehen/sahen ihn als einen anti-kanadischen Aufrührer und Verbrecher, religiösen Fanatiker. Die Anderen als einen Kämpfer für die Rechte der Frankophonen und der Ureinwohner; ihnen gilt die von Riel ausgehende Gewalt als Gegenwehr und seine Hinrichtung als politisch. Heute wird er vornehmlich differenziert gesehen.(35) Die meisten „Ureinwohner“ Canadas erfuhren im 19. Jh (zT früher) einen Umbruch der Lebensbedingungen, auch jene im Norden, in der Arktis (hauptsächlich Inuit). Sie gerieten in Abhängigkeit von den Kolonialherren/Siedlern, nahmen deren Lebensweise zT an. Im (als solchen deklarierten) Dokumentationsfilm „Nanook of the North“ („Nanuk, der Eskimo“) des US-Amerikaners Robert Flaherty über die Inuit in Canada 1922 (im nördlichen Quebec gedreht) war Vieles gestellt, war die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen. Der Inuk Abraham Ulrikab (1845-1881) aus Labrador wurde zusammen mit einigen anderen Inuit Attraktion im Hagenbeck-Tierpark in Hamburg, Teil einer ethnographischen Show. Sie starben dort Alle an Krankheiten der „alten Welt“. Ende des 19. Jh nahm die Einwanderung aus Europa nach Canada allmählich Fahrt auf. Zu First Nations, Franzosen, Metis, Briten, Nachfahren der (relativ wenigen) versklavten Afrikaner kamen nun Nord-, Ost-, Mittel-, weniger Süd- Europäer (Deutsche, Skandinavier, Polen, Ukrainer,…). Wobei Irland ja erst im 20. Jh von GB unabhängig wurde, Iren galten lange als Briten.

In der USA entstand um die Mitte des 19. Jh die Fenian Brotherhood (Bráithreachas na bhFíníní), die von Nordamerika aus den irischen Unabhängigkeitskampf unterstützte. 1866 und 1870/71 unternahmen ihre Aktivisten Überfälle auf britische Armeeposten in Canada, womit britische Truppen gebunden und Druck ausgeübt werden sollte(n). Was Newfoundland betrifft (das ja lange ausserhalb Canadas blieb), der aus Irland stammende, katholische Teil der Bevölkerung (etwa die Hälfte der Einwohner) war grösstenteils gegen den Zusammenschluss mit dem englisch und protestantisch dominierten Canada und wollte die Unabhängigkeit. Das dünn besiedelte Canada wurde durch die Einwanderung etwas verändert, wobei das Gebiet nordöstlich der 5 grossen Seen im US-amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet der Kern und Schwerpunkt Canadas blieb.(36) Man spricht vom Quebec City–Windsor Corridor, der am dicht besiedeltsten und am stärksten industrialisiertesten Region Canadas, mit der Hauptstadt Ottawa, der grössten Stadt Toronto, Montreal,…(37) Die Industrialisierung Canadas begann im Wesentlichen in der Zeit der Entstehung bzw Vereinigung des Landes. Bis dahin war die Wirtschaft von Holzfällen und Pelztierjagd geprägt. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden dann nicht zuletzt für den Transport bzw Export der Güter des Landes Eisenbahnen und Kanäle gebaut, der Schiffbau wurde wichtig, in dessen Gefolge entstanden Giessereien und Walzwerke, sowie Wasserkraftwerke zu deren Stromversorgung. Bergbau oder Landwirtschaft wurden zunehmend maschinisiert und automatisiert.(38)

Der kanadische $ hat seine Anfänge 1858 in der Provinz Canada, seine Entwicklung spiegelt auch das „Lavieren“ Canadas zwischen GB und USA wieder. Es setzte sich der Dollar gegen das Pound durch. 1908 wurde die Royal Canadian Mint gegründet, die die Münzen der kanadische Währung herstellt – aber inzwischen auch jene von 74 fremden Währungen. Übrigens, in Canada werden auch ein Grossteil der weltweit vertriebenen Rubellose hergestellt, von der Pollard Banknote Income Fund, die 1907 als Druckerei begann und in den 1970ern auf Briefmarken, Wertpapiere, Dokumentenformulare et cetera umstieg. Was auch Ende des 19. Jh begann (als Canada in seiner heutigen „Form“ Gestalt annahm), ist der Stanley Cup im Eishockey. Dieser wurde 1892 vom britischen Generalgouverneur für Canada, Frederik Stanley, gestiftet. Der Generalgouverneur ist Repräsentant des britischen Monarchen (Staatsoberhaupt Canadas) im Land. Das erste Finale um die Trophäe fand 1894 statt, am Ende eines Turniers von Amateurteams des Landes. Seit 1910 treten professionelle Mannschaften an, um ihn zu gewinnen und seit der Spielzeit 1926/27 wird der Gewinner des Cups ausschließlich unter den Teams der NHL ermittelt, da die Western Canada Hockey League als einzig verbliebene Konkurrenzliga den Spielbetrieb einstellte. Zum Eishockey noch mehr…

Briefmarke 1908 zur Erinnerung an die Cartier-Flotte 300 Jahre davor

Blick an den nordöstlichen Rand Canadas, auf das dänische Grönland: Dort entstanden im 19. Jh Siedlungen/Städte an den eisfreien Küsten, also hauptsächlich im Südwesten. Im 19. Jh gab es auch eine Einwanderung von kanadischen Inuit (vom arktischen Archipel, North-West Territories) ins nördliche Grönland. Über Dänemark als Kolonialmacht hier ja Eingehenders; während es 1. WK verkaufte Dänemark sein „Westindien“ in der Karibik an die USA, Island wurde 1918 unabhängig (zunächst in Personalunion mit DK) – womit von seinen Kolonien nur noch Grönland blieb (wenn man die Färöer nicht als solche sieht). Wenige Jahre vor diesem grossen Krieg der westlichen Mächte gegen einander, 1912, krachte das britische Passagierschiff „Titanic“ (auf dem Weg in die USA bei seiner Jungfernfahrt) südlich von Newfoundland gegen einen Eisberg, wodurch sich Lecks bildeten, und das Schiff sank. Darüber gibt es einige falsche Annahmen. In diesem Krieg stellte sich für Kanadier eine Identitätsfrage, für französische besonders. Die konservative Bundesregierung von Premierminister Robert Borden beorderte die Armee, in Europa an der Seite von GB und USA zu kämpfen. Da sich nicht genügend Freiwillige meldeten, setzte die Regierung 1917 die Einführung der Wehrpflicht durch. Diese Maßnahme spaltete das Land, in Lager die mehr oder weniger kongruent waren mit den Englischsprachigen des Landes und der französischen Minderheit (etwa 20%).

Diese Wehrpflichtkrise von 1917 war eher eine innen-politische als eine militärische, da die Maßnahme ja gegen Ende des Kriegs erfolgte und dadurch nur einige tausend Soldaten davon betroffen waren. GB hatte auch so genug Hilfstruppen. In Irland und Indien gab es aber auch starke innen- und kolonialpolitische Implikationen dieser Hilfsdienste! (Klatsch)mohn ist im britischen Kontext Symbol der Solidarität mit Soldaten im Kriegseinsatz und mit Gefallenen, wozu wahrscheinlich auch das Gedicht „In Flanders Fields“ (Auf Flanderns Feldern) des kanadischen Offiziers John McCrae aus 1915 beitrug. Die Felder in Flandern, mit dem rot blühenden Klatschmohn, der McRae an das vergossene Blut der Getöteten und Verletzten erinnerte, und an die Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als Schmerzmittel für die schwer verwundeten Soldaten eingesetzt wurde (in eigentlich allen teilnehmenden Armeen). Zur Wehrpflichtkrise im 2. WK, unten. Über das kanadischen Militär im historischen Kontext hier und hier.

Der Erste Weltkrieg hat auch dazu geführt, dass die USA Grossbritannien als Weltmacht Nr. 1 ablösten, und überhaupt der Stern Europas zu sinken begann. Wobei…Grossbritannien hatte seine grösste Ausdehnung 1921, damals hat es etwa ein Viertel der Landfläche der Erde umfasst. Auch so ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Ein Weltreich mit den entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten, Rohstoffen, Hilfssoldaten, Verkehrswegen,… Eines der Gebiete, die GB dann verlor, war Irland, das 1922 mehr oder weniger unabhängig wurde (seinen Nordostteil aber „zurücklassen“ musste). In dem British Empire waren 5 von 6 Bürgern „Farbige“ bzw Nicht-Weisse. Die (weiss dominierten) britischen Dominions Canada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Irland und Neufundland bekamen mit dem Gesetz des britischen Parlaments (im Westminster-Palast) vom Dezember 1931 (Statute of Westminster) weitgehende Unabhängigkeit. Für Canada steht „1931“ auf einer Stufe mit „1867“, und mit „1982“. Diese angelsächsischen/anglokeltischen Kolonien in Nordamerika und Ozeanien, die so etwas wie den Kern des „Westens“ bildeten, bekamen ihre Unabhängigkeit anders als die nicht-weissen Gebiete des Empires.

2013 wurden Dokumente veröffentlicht, die enthüllen, wie GB (im 20. Jh) mit Aufständischen umgegangen ist, die um die Unabhängigkeit ihrer Länder kämpften. Anlass (für die Veröffentlichung) war eine Klage von Kenianern, die im Zuge des Mau-Mau-Aufstandes (1952-60) gefoltert worden sind. Dieser war einer der blutigsten Unabhängigkeitskämpfe gegen das Empire, mit über 10 000 Getöteten und zehntausenden Internierten. Die britische Regierung unter Aussenminister William Hague musste ’13 Kompensationen zahlen, und entschuldigte sich offiziell für britische Kolonialverbrechen. Bezüglich Malaysia, so geht aus den Dokumenten hervor, wurde Anweisung erteilt, Proteste gegen die Kolonialmacht als geplante kommunistische Übernahme darzustellen. Interessant ist auch, dass die Akten sehr geheim behandelt wurden (viele wurden auch zerstört), und die besonders heiklen durften nur von „britischen Staatsangehörigen europäischer Herkunft“ (Weissen) eingesehen werden. Doch eigentlich ist dies ein Vorgriff, wir sind ja noch in der Zwischenkriegszeit, die Unabhängigkeitsbestrebungen dieser Länder wurden nach dem 2. WK aktuell. GB war jedenfalls auch um den 2. WK herum, seit dem Westminster-Statut ohne Canada und die anderen riesigen Dominions, noch immer eine Supermacht, mit etwa 30% der Landmasse der Erde und 25% der Weltbevölkerung unter seiner Herrschaft.(39)

Canadas Einbindung in das Weltsystem zeigt sich auch beim Uran. 1930 entdeckte der Prospektor Gilbert LaBine am Great Bear Lake/ Sahtu in den Northwest Territories Uran. Dort lebende Dene-„Indianer“ waren anfangs Jene, die das radioaktive Erz abbauten… LaBine gründete das Bergbau-Unternehmen Eldorado. Das Uran für das US-amerikanische „Manhattan“-Atom-Programm im 2. WK kam aus Canada sowie dem damals belgisch beherrschten Congo (Kongo). 1945 gelang bekanntlich die Konstruktion von Atombomben, die dann auch auf Japan eingesetzt wurden. In diesem Krieg gab es wieder eine Beteiligung des kanadischen Militärs, an der Seite von USA und GB, diesmal unter einem Premierminister der Liberalen Partei (LPC), Mackenzie King. 1943 und 44 gab es in Quebec zwei wichtige, geheime Konferenzen der Führer dieser drei Anglo-Mächte. Kanadische Truppen waren bei der Landung in der Normandie dabei, bei jener in Nordafrika, in Italien, in Ostasien, im Atlantik-Krieg,… 1944 wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, nach einer Volksabstimmung 1942, bei der es in Quebec wieder eine klare Ablehnung gab. Diese Krise ähnelte also jener vom 1. WK, nur war sie weniger gravierend. Und, es gab wieder genug Freiwillige, von über einer Million eingesetzten Kanadiern waren unter 2500 Wehrpflichtige. Im November 1944 gab es in Terrace in British Columbia eine Meuterei von Wehrpflichtigen, gegen ihren Einsatz in Übersee.

Karikatur zur Wehrpflichtkrise 44

Canada war in diesem Krieg aber nicht nur mit Uran für Atombomben und Soldaten an Seiten der Alliierten beteiligt. Die nazideutsche Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940 bis 45 betraf es auch am Rande. Der norwegische König Haakon VII. wich mit Familie, Hofstaat und der Regierung (mit Ministerpräsident Nygaardsvold) nach GB aus, während im Lande der deutsche „Reichskommissar“ Josef Terboven herrschte, 42-45 dazu eine Kollaborations-Regierung unter Vidkun Quisling. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada eine norwegische Armee für den Kriegseinsatz in Norwegen ausbilden.(40) Grönland, in der Nachbarschaft Canadas, sollte den Vorstellungen von Quisling zufolge an Norwegen „zurück“ gehen, im Fall eines deutschen Sieges im Krieg. Nazi-Deutschland „begnügte“ sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten. Truppen der USA besetzten Grönland ab 1941, nachdem dort eine Art Vakuum entstanden war – Dänemark war von Deutschland besetzt, Deutschland nahm aber nicht Grönland ein. Grönland/ Kalaallit Nunaat wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, blieb das danach im Kalten Krieg.

Der US-amerikanische Militärstützpunkt in Thule/Umanaq wurde Anfang der 1950er wieder belebt, hinzu kam ein weiterer mittlerweile aufgegebener in der Nähe. Auch dadurch wurde Grönland etwas stärker an den amerikanischen Kontinent angebunden. Die USA wollten Grönland nach dem 2. WK von Grönland kaufen, etwas dass auch Trump in seinen Präsidentenjahren wieder aktuell gemacht hat. Zurück zum Uran: Der Eldorado-Konzern ging in Cameco auf, und Canada ist einer der bedeutendsten Uran-Produzenten und -exporteure. Als solcher spielte es auch bei der Gründung der IAEA 1957 eine Rolle. Canada hat selbst keine Atomwaffen entwickelt, die USA stationierten bis 1984 Nuklearwaffen in Canada (im Rahmen der NATO). Seither ist das Land unter dem Nuklearschirm der USA/NATO, hat aber keine Teilhabe an deren Atomwaffen mehr. Aber ein ziviles Atomprogramm, und damit das Potential zur Atombombe. Canada hat 19 Atomkraftwerke, die bis auf eines alle in Ontario stehen. Im Gründungsjahr der IAEA entstand auch die Pugwash Conferences on Science and World Affairs, eine Tagungsreihe in Pugwash, Nova Scotia, in denen es um atomare Bedrohung, bewaffnete Konflikte und Probleme der „globalen Sicherheit“ geht. 1995 wurde Józef Rotblat stellvertretend für die Pugwash Conferences, die entscheidenden Anteil am Atomteststoppvertrag 1963 und am Atomwaffensperrvertrag 1970 hatten, der Friedensnobelpreis verliehen.

Noch einmal zum 2. WK: Die Japaner nahmen 1942 zwei Inseln der zu Alaska (damals noch kein Bundesstaat, aber zur USA zugehörig) gehörenden Aleuten ein; Attu und Kiska wurden 1943 zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen, 1944/45. Auch an die Westküste Canadas kamen einige. Bald nach dem 2. WK begann global eine Entkolonialisierung. Grönland bekam zunehmend Autonomie innerhalb Dänemarks (1953, 1979, 1985, 2009). Die Kolonialmacht Nr.1, GB, gab auch Kolonien auf, führte dabei auch das eine oder andere Rückzugsgefechte (siehe oben, siehe Ägypten ’56) und behielt so Manches. 1949 kam das britische Dominion Newfoundland/ Neufundland, der letzte Rest von Britisch-Nordamerika, an Canada. Damit waren Canadas heutige Grenzen komplett. Das Ende von British North America ja, aber Canada als Ganzes blieb eng an GB gebunden. Bezüglich Entkolonialisierung war Newfoundland natürlich ein Sonderfall: weiss bevölkert, an ein weisses Land übergeben. Newfoundland und das dazu gehörende Festland-Gebiet auf der anderen Seite des Lorenz-Golfs (Labrador) wurden die zehnte Provinz Canadas, hinzu kamen die 2 Territorien Northwest und Yukon.

Newfoundland hatte 1907 von GB Selbstverwaltung bekommen, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1934 votierte das Parlament des Dominions für eine engere Anbindung an GB. Im 2. WK durften das US-amerikanische Militär auf der Insel Militärbasen errichten, in Erwartung dass der Atlantik-Krieg mit den Deutschen auch an die Küste Nordamerikas kommt. 1943 geschah das auch in gewisser Hinsicht! Dies veränderte die Insel in mancher Hinsicht, so sehr, dass eine Partei gegründet wurde, die Economic Union Party, die für eine Wirtschaftsunion mit der USA eintrat. Aus der USA kamen diesbezüglich aber keine Avancen. 1948 fanden in Newfoundland/Labrador zwei Referenden über den Status statt, eines ging für Rückkehr zu Selbstregierung aus, das andere für den Anschluss an Canada. An dieser Stelle: Welche Gebiete gäbe es noch als Kandidaten für einen Anschluss an Canada? St. Pierre et Miquelon bei Newfoundland, wo der kanadische Dollar inoffiziell im Gebrauch ist; würde den französischen Charakter Canadas etwas stärken. A propos letzte (europäische) Kolonien in Nordamerika: da gibts auch noch Grönland (dazu noch mehr) und die (britischen) Bermuda-Inseln. Und das von der restlichen USA exterritoriale Alaska? Von den kontinentalen Bundesstaaten der USA ragt Maine im Nordosten (Neu-England) etwas in Canada hinein; 1838-40 gab es dort, an der Grenze zu New Brunswick auch einen britisch-amerikanischen Grenzkonflikt.

Im Zuge des Anschlusses Neufundlands wurde der Staatsname von Canada geändert, wird seither nicht mehr „Dominion“ (of Canada) genannt, einfach nur „Canada“. Das war in der Regierungszeit von Louis St. Laurent, der zweite Frankophone bzw Quebecer als Regierungschef, nach Laurier und vor Trudeau senior, Chretien, Martin, Trudeau junior. Die Generalgouverneure sind seit 1952 Kanadier (nicht mehr Briten); in den Provinzen gibt es Lieutenant-Governors. Bestimmendes Weltthema nach dem 2. WK wurde ja der Kalte Krieg, Canada trat natürlich der NATO bei und war als engster Verbündeter von USA sowie GB klar auf deren Seite. Auch kamen immer wieder Einwanderer aus kommunistisch gewordenen Ländern, ob Polen oder Vietnam, nach Canada, die diese Linie befürworteten. Es gab aber auch andere. Fred Rose (Fishel Rosenberg) wurde Anfang des 20. Jh im damals russischen Polen geboren, wurde mit seiner jüdischen Familie im 1. WK nach Canada gebracht. Er war in der Kommunistischen Partei des Landes (CPC/PCC) aktiv. Nachdem diese im 2. WK verboten wurde, war er für deren Nachfolgepartei Labor-Progressive Party (LPP)1943 in Quebec ins kanadische Parlament gewählt. Der übergelaufene SU-Diplomat/Agent Gusenko beschuldigte/überführte Rose, ein Ostblock-Spion zu sein. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis reiste der ins kommunistische Polen aus.

In Canada dominieren, seit es existiert, die Parteien der Konservativen (heute CPC, hatte verschiedene Namen) und Liberalen (LPC), die relativ nahe bei einander sind und eine „brokerage politics“ praktizieren, also eine Politik des Aushandelns. Die beiden Parteien entsprechen eher der Republikanischen und Demokratischen in der USA als Konservativer Partei und Arbeiterpartei in GB. Extrem rechte oder linke Parteien haben keine Chance, dazu aber noch mehr. Als dritte Kraft hat sich die eher linke New Democratic Party (NDP) etabliert. Diese ging 1961 aus der Co-operative Commonwealth Federation (CCF) hervor. Diese grossen Parteien haben in den Provinzen, besonders in Quebec, föderale Ausformungen, zT andere Namen. 1867 bis 1935 dominierten auch in Quebec Liberale und Konservative, kleine Sonderparteien wie die Partie nationale mischten mit, der Sondercharakter der französischen Kanadier bzw ihrer Provinz war eher in der Katholischen Kirche aufgehoben, und im kulturellen Bereich. 1867-1936 war die PCQ/CPQ die Organisation der Konservativen Partei Canadas in Quebec. ’36 vereinigte sie sich mit der ALN zur Union Nationale. 1936 gewann diese die Wahl, eine Partei die für mehr Autonomie war, unter Maurice Duplessis, sie mischte dann bis 1976 führend mit.

In Canada war für Parteien mit „extremen“ Haltungen bezüglich „Rasse“ kein Platz bzw kein „Bedarf“, da diese (Ausschluss von Nicht-Weissen) ohnehin in der Verfassung festgeschrieben war, bzw die (Hauptstrom-) Politik danach ausgerichtet war. „Status-Indianer“ (s.o.) und Inuit waren bis deutlich nach dem 2. WK ausgeschlossen von Staatsbürgerschaft und Wahlrecht! Und, Kanadier asiatischer Herkunft bekamen auch erst 1942 das Wahlrecht.(41) Inuit bekamen 1952 das Wahlrecht und (Status-) Indianer 1960. Daraus ist abzuleiten, dass Inuit (und andere Eskimo-Völker?) nicht zu den Status Indians gezählt wurden/werden; warum sie früher das Wahlrecht bekamen, ist Tiara nicht bekannt. Wobei: Die Inuit in Northwest und Yukon bekamen zwar ’52 das Wahlrecht, doch das war mehr oder weniger ein totes Recht, da Ottawa in diesen riesigen arktischen Gebieten keine Wahllokale errichtete…das geschah erst 1962 unter Premierminister Diefenbaker. Die (formale) Gleichberechtigung der First Nations kam in den 1950ern, 1960ern, in mehreren Schritten. 1956 bekamen sie die Staatsbürgerschaft. Hier war sogar die USA fortschrittlicher, dort geschah das 1924 (Indian Citizenship Act / Snyder Act) – daraus wurde dann ihr Wahlrecht abgeleitet. John Diefenbaker, dessen Vater aus Deutschland eingewandert ist, war 57-63 Premier(42), und gehörte erstaunlicherweise der Konservativen Partei (damals Progressive Conservative Party of Canada /PCP) an. Er war übrigens ein Veteran des 1. WK.

Es wird erzählt, Diefenbaker fragte eines Tages 1959 ob die Ureinwohner eigentlich wählen könnten, und erfuhr, dass „non-status Indians“ konnten, aber „status Indians“ nicht. Jedenfalls hat er diesen Zustand geändert. Beziehungsweise ändern lassen, durch die Mehrheit seiner Partei im Parlament, das war anscheinend 1960 (und bei der Wahl 1962 konnten die First Nations erstmals wählen, zumindest auf Bundesebene). Das kam also durch eine Initiative von Oben, statt durch Druck von Unten. Es gab damals wenig Aktivismus von den Angehörigen dieser Völker und wenig Anteilnahme von der kanadischen Mehrheitsbevölkerung. Bei der Wahl 1962 wurden auch in den Arktis-Territorien Wahllokale errichtet. Interessant wird es, wenn man sich internationale Implikationen und Interaktionen dieser Frage (Gleichberechtigung der Ureinwohner Canadas) ansieht. Anfang der 1960er wurde, nicht zuletzt auch im Commonwealth of Nations, die Frage der Entkolonialisierung Afrikas und der Apartheid in Südafrika sehr aktuell. Diefenbaker hat bei der Commonwealth-Konferenz 1961 Südafrikas Premier Hendrik Verwoerd gegenüber konfrontativ dessen Apartheid-Politik thematisiert; es gab eine Resolution die von ihm und Indiens Premier Jawaharlal Nehru initiiert wurde, in der erklärt wurde, dass Rassismus inkompatibel sei mit Commonwealth-Mitgliedschaft. Die Resolution wurde angenommen – wobei Canada (unter Diefenbaker) aber das einzige weisse Land war, das dafür stimmte.

Das moralische Recht hatte er insofern, als er dabei war, entsprechende Zustände in seinem Land zu ändern. Dass es auch im Commonwealth Gegenwind für die Apartheid gab, war aber für Südafrikas herrschende Afrikaaner/Buren(43) nur Anlass gewesen, die Umwandlung des Landes in eine Republik und den Austritt aus dem Commonwealth in Angriff zu nehmen. 1960 gab es diesbezüglich ein Referendum und im Mai 1961 vollzog sich der Austritt. Die Konferenz von CW-Premiers im März ’61 in London muss die letzte gewesen sein, an der Vertreter Südafrikas teilnahmen (bis zum Wiedereintritt nach Ende der Apartheid).(44) Natürlich gibt es hier grosse Unterschiede, „Weisse“ waren in Südafrika immer eine Minderheit im Gegensatz zu Canada, und die südafrikanischen Homelands entsprachen nicht den kanadischen Reservat(ion)en. 1962, das gehört auch hier dazu, hat Canada rassische Gesichtspunkte aus dem Einwanderungsgesetz gelöscht. Diefenbaker hat auch gesagt: „We shall never build a nation which our potential resources make possible by dividing ourselves into Anglophones, Francophones, multicultural or whatever kind of phoneys you choose: I say Canadians first, last and always.“

In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Ausgrenzung (bzw Unterwerfung) und Schlechterstellung der „Farbigen“ lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia) und Rhodesien (Zimbabwe). (Unter Anderem) um manche Zustände in der USA geht es in diesem Artikel. Nach Diefenbaker waren 2 LPC-Politiker Premiers Canadas: Lester Pearson, dann Pierre Trudeau. Die Geburtsstunde der „Indianer“-Rechts-Bewegung in Canada dürfte im Jahr 1969 liegen, mit Opposition zu Trudeaus Plänen, den Indianer-Status abzuschaffen. Die Abschaffung von Sonderbestimmungen für die Indigenen des Landes wäre aber auch auf ihre Assimilierung an die weisse Mehrheitsgesellschaft hinausgelaufen. So kam es zu einer Mobilisierung von Personen und Organisationen aus dieser Bevölkerungsgruppe im ganzen Land. Der Cree-Aktivist Harold Cardinal schrieb damals “The Unjust Society“. Trudeaus Pläne wurden schliesslich nicht wie geplant umgesetzt. 1976 erhob die Organisation Inuit Tapirisat („Inuit-Bruderschaft“) erstmals die Forderung zur Einrichtung eines eigenen Territoriums im Nordosten Kanadas. Nach über 15-jährigen Verhandlungen wurde 1992 zwischen Inuit-Organisationen, Bundesregierung und Territorialregierung der Nordwest-Territorien beschlossen, 1999 aus diesem Gebiet im Nordosten „Nunavut“ herauszulösen.

Canadas wirtschaftlicher Wachstum und soziale Programme liberaler Regierungen (wie Medicare, Canada Pension Plan, Canada Student Loans) wirkten mit am Entstehen einer neuen kanadischen Identität, die unabhängiger vom „Mutterland“ Grossbritannien war. Canadas Flagge seit 1867 war die mit einem britischen „Union Jack“ im linken oberen Eck auf rotem Grund, auf dessen rechter unterer Seite ein kanadisches Wappen war, das sich immer wieder änderte. Diese Flagge war bis 1965 in Gebrauch (also gut ein Jahrhundert), aber nie „ganz offiziell“, eher als Konkurrenz zum Union Jack. 1964 verkündete Premierminister Lester Pearson die Suche nach einer neuen Nationalflagge. Kanadier reichten an die 3000 Entwürfe ein, an das Flag Committee. 3 kamen in die Endauswahl, jeweils mit einem Ahornblatt und ohne Union Jack. Pearsons bevorzugtes Design war das mit 3 roten Ahornblättern auf weissem Grund, der von zwei vertikalen blauen Balken begrenzt wird. So wie die Red Ensign-Fahne zeit ihrer Nutzung umstritten war, kritisiert wurde von jenen, die einfach die britische wollten (womit natürlich eine entsprechende Nationsauffassung von Canada verbunden war!), gab es auch nun die Kritiker eines Flaggenwechsels, jene Kanadier die einen britischen Charakter des Landes sichtbar behalten wollten, hauptsächlich aus der Mehrheitsgesellschaft der englischen/britischen Kanadier.

1965 wurde die neue angenommen, mit dem roten einzelnen Ahornblatt auf weissem Grund und den 2 roten Balken. Für die Entstehung einer kanadischen Nation war das sehr wichtig. Die eigentliche Bedeutung der Farben der aktuellen kanadischen Flagge ist dass Rot für das britische Erbe steht und Weiss für das französische, doch da Weiss (auch) als neutral gesehen wird, werden die Franko-Kanadier gerne als darin nicht-repräsentiert gesehen. Und so gibt es Vorschläge für Änderungen, wie die „Canadian Duality Flag“ oder „Canadian Unity Flag“, die während des Quebecer Unabhängigkeits-Referendums 1995 präsentiert wurde (um kanadische Einheit zu promoten). Darin ist die aktuelle kanadische Fahne mit schmalen blauen Balken ergänzt, die das Französische symbolisieren sollen (in etwa in den Proportionen die die Frankophonen gegenüber der Gesamt-Bevölkerung haben…).

Flag committee 1964

Canada hat kaum eine binationale Identität, auch wenn es nicht nur im Commonwealth of Nations Mitglied ist, sondern auch in der Organisation internationale de la Francophonie, und auf Bundesebene offiziell bilingual. Die Französisch-Sprachigen (nicht dasselbe wie Französisch-Stämmige, dazu noch mehr) sind eine (sicherlich nicht unterdrückte) sprachliche Minderheit, der Charakter Canadas als Ganzes ist aber viel stärker von der britischen Kolonialvergangenheit und der Verbindung zu den anglosächsischen Staaten geprägt. Jene Völker, die in Canada First Nations genannt werden, werden schon gar nicht als gleichrangiger, konstituierender Teil dieser Nation gesehen.(45) Besonders stark ist das Französische natürlich in Quebec, der grössten Provinz Canadas, wo etwa 85% der Frankophonen des Landes leben (die dort etwa 80% der Bevölkerung ausmachen). Daneben gibt es substantielle Gruppen von Franko-Kanadiern aber zum Einen auch östlich von Quebec, in den Atlantikprovinzen, dem ehemaligen Acadie, in New Brunswick (die einzige offiziell zweisprachige Provinz), Nova Scotia, Newfoundland-Labrador,… Zum Anderen westlich davon, in Teilen Ontarios und auch noch Manitobas.

Wie gesagt wurde Frankreich von den Briten 1763 weitgehendst aus Nordamerika verdrängt. Die kleine Inselgruppe Saint-Pierre & Miquelon südlich von Neufundland stellt das letzte „Überbleibsel“ der französischen Kolonie Neufrankreich dar, ist ein französisches Überseegebiet (Collectivité d’outre-mer, COM). Als 1867 ein Canada durch Vereinigung mehrerer britischer Kolonien gegründet wurde, das gegenüber GB grossteils autonom wurde, stellten Französisch-Stämmige, hauptsächlich aus dem ehemaligen Niederkanada, etwa ein Drittel der Bevölkerung dieser neuen Föderation. Viele von ihnen sahen in dem neuen Canada einen Pakt der „Gründernationen“, der ihnen erlauben sollte, nicht nur die eigene Identität zu behaupten, sondern auch gleichberechtigt mit der anglophonen Mehrheit das Land zu gestalten. Diese Gleichrangigkeit gab es natürlich nicht. In den frühen Jahren Canadas waren Sprach- und Konfessionszugehörigkeit eng miteinander verbunden (Anglophone/Protestanten – Frankophone/Katholiken). Was sich auch beim Schulstreit in Manitoba im ausgehenden 19. Jh zeigte. Die Zurückstufung des Französischen in (Schulen in) Manitoba und den benachbarten North-West Territories führte zu einem Erstarken des frankokanadischen Nationalismuses in Quebec. 1912 gab es Massnahmen gegen frankophone Schulen in Ontario.

Eine ikonische Figur beim Untergang Neu-Frankreichs wurde Adam Dollard des Ormeaux. Der aus Brie bei Paris stammende Dollard kam 1658, als Offizier der französischen Armee, in Nouvelle-France (Neu-Frankreich) an, wurde Kommandant der Festung Ville-Marie (heute in Montreal). 1660, führte er eine Expedition den Ottawa-Fluss hinauf, um gegen die Iroquois/Irokesen zu kämpfen, im damaligen Canada (heute Quebec). Unter seinem Kommando waren 17 Franzosen, ausserdem Huronen und Algonquin. Im Mai 1660 kam es zur Schlacht gegen die Irokesen bei den Long-Sault-Stromschnellen, bei der u.a. Dollard getötet wurde. Das Ziel von Dollards Angriff ist umstritten, aber ihm wird verschiedentlich zugeschrieben, einem Irokesen-Angriff zuvor gekommen zu sein. Er, der 100 Jahre vor den entscheidenden Schlachten gegen die Briten starb, wurde für Neu-Frankreich in etwa das, was Konstantinos Palaiologos für Byzanz ist oder Sebastiao Aviz für Portugal.(46) Die Verbindung vom Norden des früheren Neu-Frankreichs nach Frankreich riss nach 1763 ab. Manche vertreten die Auffassung, Neu-Frankreich sei dadurch dem „Terror“ der Französischen Revolution entgangen; dass die Revolution nur Schlechtes brachte, ist sehr zu bezweifeln, vorübergegangen ist sie an den Vorfahren der Frankokanadier, das lässt sich sagen.

Lionel-Adolphe Groulx, Anfang des 20. Jh in Europa ausgebildet, Priester und Historiker, politisch aktiv für nationale Belange der Franko-Kanadier, ist auch eine wichtige Persönlichkeit für diese. Groulx sah die Eroberung Neu-Frankreichs durch GB als Katastrophe, vertrat einen katholischen geprägten Nationalismus, beeinflusste die kurzlebige Action libérale nationale (ALN), unterstützte diverse Parteien. Groulx widersprach nicht nur der Auffassung von England/GB als liberalem und mütterlichen Land für Canada(86), er trat auch für die Unabhängigkeit Quebecs von Canada ein – wollte Canada nicht in seinem Sinn verändern. Er schrieb „L’Appel à la race“, eine Geschichtsfiktion (bzw Alternativgeschichte) in der es um die Rettung der Identität der Franko-Kanadier geht, und zwar vor dem Hintergrund des Schulstreits in Ontario (s.o.) im frühen 20. Jh. Wichtigster militanter Frankokanadier war ein Metis, der weit ausserhalb Quebecs tätig war (Louis Riel), dies einer der bizarren Aspekte bei diesem Thema. Im Juli 1967 besuchte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle Canada, das 100 Jahre seines Bestehens feierte (u.a. mit einer Weltausstellung in Montreal). Vom Balkon des Rathauses von Montreal rief er „Vive le Québec libre! Vive le Canada français! Et vive la France!“. Canadas Premier Lester Pearson sagte, dass Kanadier nicht befreit zu werden brauchten und sagte Treffen mit De Gaulle ab, der somit gar nicht nach Ottawa kam.(47)

Québec durchlief in den 1960ern eine Entwicklung, die „Stille Revolution“ (Révolution tranquille) genannt wird, Entwicklungen eigentlich ausserhalb des „Sprachenstreits“, die das Land tief veränderten, sozio-kulturelle und sozio-politische Veränderungen. Die Veränderungen gingen hauptsächlich auf den Premier der Provinz 60-66, Jean Lesage, von der Liberalen Partei in Quebec (PLQ) zurück. Die Stille Revolution ist gekennzeichnet von einer Säkularisierung der Gesellschaft, nicht zuletzt als die Provinzregierung damals das zuvor von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesundheits- und Bildungswesen unter staatliche Kontrolle brachte. Ausserdem gab es Investitionen in staatliche Dienstleistungen, Bildung und Infrastruktur. Die Wirtschaft Quebecs kam infolge der Entwicklungen unter Kontrolle ihrer Bevölkerung. Während der Stillen Revolution wurde in einem Teil der Bevölkerung der Gedanke einer Unabhängigkeit Québecs populär. Die politischen Kräfte in der Provinz teilten sich in „föderalistische“ (pro-kanadische) und separatistische Kräfte. Nicht zufällig in jener Zeit als in Quebec ein säkularer Nationalismus entstand, formierte sich eine militante Gruppe, die gewaltsam die Unabhängigkeit des Landes erreichen wollte.

Die Front de libération du Québec (FLQ) war eine linksextremistisch-nationalistische Gruppe, die von 1963 bis etwa 1970 aktiv war.(48) Höhe- und gleichzeitig Endpunkt ihrer Gewaltwelle war im Oktober 1970, als sie in Montreal den Vize-Premier der Provinz, Pierre Laporte (PLQ), sowie den britischen Diplomaten James Cross entführten.(49) Die Bundesregierung unter (dem Quebecer) Pierre Trudeau (LPC) liess in dieser „Oktober-Krise“ die kanadische Armee in Montreal aufmarschieren und den Ausnahmezustand verhängen. 1971 verhaftete die Polizei mithilfe von Spitzeln, die sie in die Organisation eingeschleust hatte, einen Grossteil der Mitglieder. Aber, Manches von dem was die FLQ anstrebte, kam auf anderen Wegen. Die UN bekam bei Wahlen immer weniger Stimmen, wurde immer schwächer, war ab Anfang der 70er Kleinpartei. Zu Liberalen (PLQ/LPQ) und UN kam ab 1970 die separatistische PQ hinzu. René Lévesque, Teilnehmer des 2. WK, dann Reporter, war in der PLQ aktiv (1960–1967), verliess diese weil er die Idee von der Unabhängigkeit Quebecs entwickelte, gründete 1968 die Parti Québécois (PQ) – die die Wahl zum Provinzparlament 1976 gewann. Levesque wurde Premier Quebecs, strebte die Vollsouveränität der Provinz an! Nachdem 1969 erst die Zweisprachigkeit in Quebec verankert worden war, wurde unter der PQ-Regierung 1977 Französisch stark aufgewertet, als Amts- und Bildungssprache, das Englische dort stark zurückgedrängt.

Die PQ organisierte 1980 ein Referendum über die Unabhängigkeit, das klar scheiterte, fast 60% kreuzten „No(n)“ an. 1981 wurde die Regierung bestätigt, ab 82 befand sie sich im Konflikt mit der Bundesregierung (s.u.). Interne Auseinandersetzungen führten 1985 zu Lévesques Rücktritt, sein Nachfolger und Parteikollege Pierre-Marc Johnson(50) konnte die Niederlage bei den Wahlen 1985 nicht abwenden, war nur 2 Monate im Amt. Zu einem „Zerwürfnis“ zwischen Quebec und Canada (der Bundesregierung) kam es ausgerechnet infolge des Trennungsschrittes Canadas von Grossbritannien. Dem vorletzten formalen, der letzte wäre die Ersetzung des britischen Monarchen als Staatsoberhaupt, die Umwandlung des Landes in eine Republik. Und ausgerechnet als die Bundesregierung von einem Quebecer geleitet wurde. 1982 wurde die „Canadian Charter of Rights and Freedoms“ vom kanadischen Parlament beschlossen, auf Initiative der LPC-Mehrheit unter Premier Trudeau, die Canada den letzten verbliebenen Vollmachten des britischen Parlaments über es entzog, die Unabhängigkeit von 1931 vervollständigte. Die britische Queen blieb Staatsoberhaupt, die kam zur öffentlichen Unterzeichnung der Charta (mit Trudeau) nach Canada. Begleitend dazu beschloss das britische Parlament in diesem Jahr den Canada Act.(51)

Bei der Charta handelte es sich um eine Verfassungs-Änderung, und Trudeau war nicht gezwungen, die Zustimmung der Provinz-Premiers einzuholen, es hätte aber dem Gewohnheitsrecht entsprochen, meinte der Oberste Gerichtshof Canadas. Quebec unter Levesque fühlte sich übergangen, verweigerte die Zustimmung, es begann ein Konflikt zu schwelen. Premierminister 84-93 Brian Mulroney, ein anglophoner Quebecer von der Konservativen Partei (damals PC, Progressive-Conservative Party of Canada), bemühte sich lange, die Sache beizulegen. Doch weder die Übereinkunft von Meech Lake 1987 noch jene von Charlottetown 1992 führten zu einer Einigung auf eine Verfassung, der Alle zustimmen konnten. Der Charlottetown Accord sollte die schwelende Verfassungskrise lösen, gleichzeitig das Streben in Quebec nach mehr Unabhängigkeit und Anliegen der vor-europäischen Völker Canadas berücksichtigen. Durch die Ablehnung im Referendum 1992 wurde ein mühevoll errungener Kompromiss hinfällig. Es gab knapp unter 55% Nein, auch in Quebec eine Mehrheit dagegen. Den Quebecern beinhaltete das Paket wahrscheinlich insgesamt zu wenig Autonomie, anderen Kanadiern gingen die Zugeständnisse an diese Provinz zu weit. Die Sache (die weiter ungelöst ist) gab der Reform Party of Canada Auftrieb, die im Westen Canadas aktiv und erfolgreich ist, gegen die Dominanz von Ontario in Canada arbeitet. Zum Anderen dem Separatismus in Quebec.

1990/91 entstand der Bloc Québécois (BQ), aus einer informellen Verbindung von Abgeordneten der Progressiv-Konservativen Partei und der Liberalen Partei, die nach dem Scheitern des Meech Lake Accord aus ihren Parteien ausgetreten waren und deren Ziel die Unabhängigkeit Québecs war. Angeführt wurde die Vereinigung von Lucien Bouchard, der bis zu seinem Rücktritt aus Brian Mulroneys Bundesregierung dort Umweltminister war. Die PQ tritt in der Provinz an, der BQ auf Bundesebene. Bei der Wahl 1993 gewann der Bloc Québécois im Unterhaus 54 von 75 Sitzen in Québec und wurde dadurch zweitstärkste Partei in dieser (wichtigeren) Parlamentskammer Canadas. Im darauf folgenden Jahr gewann die Parti Québécois, nun unter Jacques Parizeau, die Wahl zur Nationalversammlung von Québec. Parizeau versprach, während seiner Amtszeit ein Referendum über die Unabhängigkeit Quebecs durchzuführen. Dieses kam 1995 zu Stande. Für den Verbleib Québecs bei Canada setzten sich damals die „Föderalisten“ (fédéralistes) ein. Ihre Hauptakteure waren Jean Chrétien (LPC), der kanadische Premierminister, Daniel Johnson (PLQ), und Jean Charest (PC). Für die Trennung von Canada waren die Souverainistes, BQ (Bouchard) und PQ (Parizeau) sowie die Action démocratique du Québec (ADQ), eine konservative Partei, Abspaltung von den Quebecer Liberalen, 94 entstanden.

Im Falle der Zustimmung beabsichtigte Parizeau, Verhandlungen mit der kanadischen Bundesregierung über eine politisch-wirtschaftliche Assoziation aufnehmen und erst bei einem Scheitern der Gespräche die Unabhängigkeit Québecs ausrufen. Parizeau wollte bei einer „Ja“-Mehrheit jedenfalls innerhalb von zwei Tagen vor das Parlament Quebecs treten und das Souveränitätsgesetz vorlegen. In einer Rede, die Parizeau vorbereitet hatte, würde „Québec die Hand in Partnerschaft zu seinen kanadischen Nachbarn [im Westen und Osten] ausstrecken“. Lucien Bouchard kündigte an, Québec werde die in der Provinz stationierten Kampfflugzeuge der kanadischen Luftwaffe in Besitz nehmen und rief die Militärbasen in Québec dazu auf, im Falle einer Unabhängigkeitserklärung an der Schaffung einer Quebecer Armee teilzunehmen.  Verteidigungsminister David Collenette (LPC, kein Quebecer) ordnete die Verlegung von Kampfflugzeugen in andere Provinzen an, damit diese bei möglichen Verhandlungen nicht als Pfand eingesetzt werden könnten… Es gab also viel Unsicherheit vor dem Referendum, zumal die Umfragen diesmal ein knappes Rennen voraus sagten.

Zu den Unsicherheiten gehörte auch die Frage, ob Premierminister Jean Chrétien im Fall der Unabhängigkeit Quebecs im Amt bleiben könne, da er in einem Wahlbezirk in Québec gewählt wurde. Manche Regierungsmitglieder kündigten an, die Unabhängigkeit akzeptieren zu werden, andere sagten, das Oberste Gericht müsse bei einem positiven Ausgang des Referendums weiter entscheiden. Die First Nations in Quebec (Inuit, Cree, Algonkin, Huronen,…) waren nicht von einer Unabhängigkeit der Provinz überzeugt, bestanden auf ihrem eigenen Selbstbestimmungsrecht. Sowohl die Cree als auch die Inuit (in Nunavik/ᓄᓇᕕᒃ/Kativik) hielten im Vorfeld eigene, inoffizielle Referenden ab, in denen sie sich deutlich für einen Verbleib bei Canada aussprachen. Bei dem Referendum stimmten dann 50,6% für „Nein“, eine sehr knappe Ablehnung also. 60% der Frankophonen waren dafür, die Minderheiten (Anglophone, Zuwanderer, First Nations) dagegen. Montreal insgesamt war gegen die Unabhängigkeit (wegen den Nicht-Frankophonen wahrscheinlich) und besonders deutlich auch die Region Nord-du-Québec (der nördlichste Teil der Labrador-Halbinsel) mit dem Inuit-Gebiet Nunavik/Kativik.

Hier geht es um die Behandlung des Referendums in bundesdeutschen Medien damals. Cornel Faltin in „Die Welt“ dämonisierte Bouchard als „geistigen Führer der Québecer Separationsbewe­gung“, der sich auf den Veranstaltungen „langsam in Rage redet“, bis er die Menge aufgewiegelt hatte: „‚Oui, oui, oui!’ schreit die Menge im scharfen Stak­kato und stampft mit den Füssen.“(52) Der Versuch von/in Quebec, sich unabhängig zu machen, wurde natürlich nicht aufgegeben, die PQ will ein drittes Referendum. Der Oberste Gerichtshof meinte 1997, unilaterale Abspaltung ginge nicht (sei verfassungswidrig) und das Parlament verabschiedete den Clarity Act, in dem festgeschrieben wurde, wie eine solche Sezession erfolgen könne. 2011/12 entstand die CAQ, die neue Konservativen-Partei in Quebec, aus PQ-Teilen sowie der ADQ. Es gibt Zuwanderer in Quebec aus allen Teilen der Welt und Canadas, von denen sich ein grosser Teil an die dortigen Frankokanadier assimiliert hat und ein beträchtlicher deren Unabhängigkeits-Ambitionen unterstützt.(53) Die Definition einer Quebecer oder frankokanadischen Nation über Sprache schliesst auch sie mit ein. Manche Einwanderer, wie Michaëlle Jean aus Haiti oder ein Teil der Afrikaner brachten bereits eine französische Prägung mit.

Französisch geprägt sind grossteils auch die „Indianer“ bzw Inuit in der Provinz, die Metis und ein Teil der Nachfahren der Sklaven. Eine Definition einer Quebecer Nation über Territorium würde auch anglophone Quebecer mit einschliessen. Eine über Abstammung auch die Cajuns in Louisiana sowie die Franco-Ontarier. Diese stammen hauptsächlich von Zuwanderern aus Quebec oder New Brunswick im 19. und 20. Jh ab. Ontario hat die grösste französisch(sprachig)e Bevölkerung Canadas ausserhalb Quebec.(54) Wichtiger Vertreter der Franko-Ontarier war der inzwischen verstorbene Politiker (LPC) Mauril Bélanger. Das südliche Canada (> Quebec) und das südliche Louisiane (> Louisiana) waren die beiden Zentren von Neu-Frankreich. Doch aus Louisiana in der USA wurde nicht das, was Quebec für Canada ist, eine französische Insel in einem englischen Umfeld. Die Créoles (Jacques Villeré war ein früher), die Cajuns und die schwarzen Kreolen (Nachfahren von Sklaven) konnten ihre französische Identität nicht bewahren.(55) Frankophone/Französischstämmige in der USA gibt es ausserdem in nördlicheren Teilen des früheren Louisianes(56): im Osten davon (Detroit, Michigan,…) sowie im Westen (Iowa,…), darunter auch französisierte Indianer. Und, zwischen 1840 und 1930 wanderten etwa 500 000 frankophone Kanadier in die Neuengland-Staaten aus, aus wirtschaftlichen Gründen.(57) Das französische Erbe in der USA ist also überwiegendst das Erbe von Nouvelle-France; darüber hinaus gibt es aber auch Einwanderer aus Haiti oder aus Frankreich, wie Charles J. Bonaparte.

Über gewisse Parallelen zwischen Canada und Südafrika war schon bei den „Ureinwohnern“ die Rede, es gibt auch welche zwischen den Franko-Kanadiern bzw den Afrikaanern/Buren, hauptsächlich im Verhältnis zur Anglo-Bevölkerung und -Herrschaft in diesen Ländern. Die britische Übernahme der früheren „Kolonialherrschaft“ spielte sich in Nordamerika im 18. Jh ab, im südlichen Afrika an der Wende vom 18. zum 19. Jh. Südafrika wie Canada entstanden durch Zusammenschluss mehrerer Kolonien und bekamen 1931 von GB weitgehende Unabhängigkeit. Wobei die „Anglos“ in Canada klar in der Mehrheit sind, in Südafrika nicht einmal im weissen Bevölkerungssegment. Die Afrikaaner dominierten deshalb Südafrika, 1948-94, was für die Frankokanadier in Canada nicht in Frage kam. Die Afrikaaner wollten dabei die schwarzafrikanische demografische Mehrheit des Landes „umgehen“, während die „Indianer“ für die Frankokanadier kaum ein Thema sind. Die kanadische Wehrpflichtkrise im 1. WK weist Ähnlichkeiten zur Rebellion in Südafrika im 1. WK auf – dort ging es aber viel gewalttätiger zu und dass das Kriegsgebiet gleich in der „Nachbarschaft“ war, wirkte sich auch aus. Die Änderungen der südafrikanischen Nationalflagge (1910, 1928, 1994) sagen eben so viel aus über die Entwicklung des Landes wie die diesbezügliche kanadische Entwicklung. Sezessionsbestrebungen unter Afrikaanern sind gegenwärtig Sache einer Minderheit, unter Frankokanadiern sind sie mehrheitsfähig.

Der „Sprachfrieden“ in Canada ist brüchig, keine Frage, ähnlich wie in Belgien. In Canada machen Französisch-Sprachige etwas mehr als 20% der Bevölkerung aus – ähnlich wie in der Schweiz, in Belgien etwa 50%. In diesen drei Ländern gibt es zwar einen Nationalismus, der sich auf die Gesamtheit des Demos (bzw der Polis) bezieht, jedoch ist der Ethno-Nationalismus(58) ein „schärferes Schwert“… Gerade für die national-konservativen Kräfte in diesen Ländern (wie CPC in Canada oder SVP in Schweiz) steht eine Form der Hegemonie klar über einem Bekenntnis zur Vielfalt. Nun ein Sprung zu einem ganz anderen Thema im Zusammenhang mit Canada; um diesen „abzufedern“, zunächst etwas zu Frankreich, aber nicht als Kolonialmacht in Nordamerika. Frankreich hat in den 1950ern die Entwicklung von Atomwaffen begonnen, hat 1960 in Süd-Algerien seinen ersten Atombombentest durchgeführt. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.(59) 1985 wurde das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“, das sich auf dem Weg dorthin machen wollte, versenkt vom französischen Geheimdienst DGSE. 10 Jahre danach fand, unter Chirac, ein letzter französischer Test im Moruroa-Atoll statt. Die „Rainbow Warrior II“ wurde damals dort von französischen Marinesoldaten geentert

Der Zusammenhang mit Canada ist, dass Greenpeace in Canada gegründet wurde. Ganz am Anfang der Organisation standen aber US-amerikanische Atomtests, auf der Aleuten-Insel Amchitka (Alaska). Anlässlich der Vorbereitungen für den Test 1971 wurde GP gegründet. Dann kamen schon die Proteste gegen die französischen Tests auf Moruroa. David McTaggart aus Vancouver spielte in den Anfangsjahren von Greenpeace eine wichtige Rolle, wurde 1972 vor Moruroa von französischen Soldaten schwer am Auge verletzt.(59) Der vormalige Badminton-Spitzensportler und Unternehmer war dann am Aufbau von Greenpeace International beteiligt, das 1979 ins Leben gerufen wurde. GP wird in erster Linie von Spenden aus westlichen Industriestaaten finanziert, jenem Teil der Welt der auch für die meisten Naturzerstörungen verantwortlich ist. Wichtige Kampagnen von Greenpeace waren jene gegen den Walfang, gegen die Abholzung des Regenwalds, oder die Robbenjagd in Canada (hauptsächlich Newfoundland). Was Letzteres betrifft, haben sich die Greenpeace-Leute immer wieder zwischen die Stühle (oder in den Brennnesseln) gesetzt.

Es wurde ihnen vorgeworfen, gegenüber den Robbenjägern dort Appeasement zu üben, aber auch die Kampagne gegen dieses Töten an sich rief aggressive Reaktionen von der Gegenseite hervor. Von Inuit-Aktivisten und -Fürsprechern wurde Greenpeace vorgeworfen, dass diese Kampagne gegen kommerzielle Robbenjagd auch ihre Subsistenzjagd trifft. Darauf Rücksicht zu nehmen, brachte wiederum Paul Watson auf, einem Mitgründer von Greenpeace, der sie bereits 1977 verliess und die Sea Shepherd Conservation Society gründete. Nachdem Jon Burgwald von GP die indigene Robbenjagd als „ethisch und nachhaltig“ bezeichnete, übte Watson harsche Kritik an diesem. Ein anderer Greenpeace-Mitbegründer, Patrick Moore (auch Kanadier), verliess die Organisation auch, aus entgegengesetzten Gründen. Während GP für Watson zu „passiv“ und „nachgiebig“ war/ist, ist sie für Moore zu „radikal“. Am Anfang der europäischen Kolonisation Canadas stand ja die Biberjagd und die Abholzung. Was Ersteres betrifft, gab es erst um 1930 ein Umdenken in Canada. Es heisst, inzwischen gibt es fast überall in Canada wieder eine gesunde Biberpopulation, die auch wieder bejagt wird.(60) McTaggart zog sich Anfang der 1990er zurück, ging nach Italien (Olivenwirtschaft in Umbrien), starb 2001. Andere Kanadier, die sich in diesem Feld verdient gemacht haben, waren Pierre Dansereau und Percy Schmeiser.

Eine neue Einwanderung nach Canada kam hauptsächlich nach dem 2. WK in Gang, nun auch von ausserhalb Europas. Canada ist eines der Top-Einwanderungsländer global, wie USA, Australien, Neuseeland. War immer wieder Zufluchtsort, für Menschen aus allen Teilen der Welt, auch aus Europa, aus dem Westen. Auch aus der USA: es kamen Afro-Amerikaner während der Sklaverei, indianische Amerikaner während der Verfolgungen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen (siehe „Sitting Bull“), es kamen Kommunisten während der Verfolgungen 1917-20 und 1947-60, oder Vietnam-Kriegsdienst-Verweigerer, darunter wahrscheinlich der Vater von Naomi Klein. Es kamen aber auch Flüchtlinge aus Vietnam, wie Phan Thị Kim Phúc, die durch das Foto von ihr nach einem Napalm-Angriff 1972 berühmt geworden ist. Wie Klein auch ist sie eine Aktivistin. Oder flüchtige Kriminelle wie R. McNair. Es kamen Leute aus dem deutschen Raum, von den Hutterern bis zum dissidenten Nazi Otto Strasser. Canada wurde wichtiges Exilzentrum für Ukrainer, Juden, Kroaten, Polen, Iraner, Armenier, Inder, Syrer,…(61) Eine wichtige Exil-Gemeinschaft in Canada ist definitiv jene der Ukrainer, die ab dem späten 19. Jh kamen. Und gerne in den Westen Canadas gingen, in rurale Waldgebiete, die der alten Heimat ähnlich waren.

Auch die ukrainische Exilregierung hatte ihren Sitz zeitweise in Canada. Diese Regierung war die Fortsetzung der 1920 untergegangenen Ukrainischen Volksrepublik. Der vierte und letzte Präsident der Exilregierung Mykola Plaviuk stammte aus dem Polen der Zwischenkriegszeit, wurde dort 5 Jahre nach der sowjetkommunistischen Übernahme des ukrainischen Staats geboren. Er war im 2. WK Mitglied der OUN, flüchtete danach nach West-Deutschland, wanderte 1949 nach Montreal aus. 1992 anerkannte er Leonid Kravtschuk, den Präsidenten der post-sowjetischen Ukraine und löste die Regierung auf. Osteuropäer, die den kommunistischen Systemen ihrer Länder entfliehen wollten, gingen gerne nach Canada, manche kehrten nach Ende des Ostblocks bzw seiner Staaten zurück und konnten nun gestalten – wie Vaira Vike-Freiberga in Lettland oder Gojko Susak in Kroatien. Der slowakische Eishockeyspieler Peter Stastny hat in den 1970ern für die Tschechoslowakei gespielt, setzte sich dann nach Canada ab. Auch Iraner die gegen ihr Regime sind, kamen dorthin, wie „Hoder“ oder Hossein Amanat. Oder der israelische Mossad-Whistleblower Victor Ostrovsky (der als Kind osteuropäischer Juden in Canada aufwuchs, nach Israel auswanderte, nach Canada eigentlich zurückkehrte). Andere wichtige Einwanderer sind zB Atom Egoyan (Armenien/Ägypten), Michael Ondaatje (Sri Lanka), Irshad Manji (Uganda). Paul Anka ist Kind libanesisch-syrischer Einwanderer.

Das ist eine Seite Canadas, ein Land das Vielen Zuflucht gewährt(e). Es ist ein multiethnisches Land, aber dennoch eines mit einer europäisch-christlichen Dominanz, mehr als das die USA ist. Vor Allem ausserhalb der städtischen Ballungsräume. Der österreichische Physiker Anton Zeilinger schwärmt von der Multikulturalität Canadas, ist mit einer Frau ostasiatischer Herkunft verheiratet…aber eben dieses Multikulturelle wird von Kanadiern auch gelegentlich abgelehnt. „Weisse“ machen etwa 80% der Bevölkerung Canadas aus, hinter jenen britischer/irischer Herkunft kommen die Frankokanadier, dann gibt es viele mit Wurzeln im deutschen Raum, anderswo in Mitteleuropa (wie Niederlande), in Osteuropa (hier ragen Ukrainer heraus), in Skandinavien, in Südeuropa (v.a Italien). Was die Nicht-Weissen betrifft, spricht man von visible minority groups… Dazu gehören die Ureinwohner (eigentlich auch ein degradierender Begriff), die etwas zwischen 3 und 5% der Bevölkerung Canadas ausmachen (mit Metis und Ähnlichen); dann Süd-asiaten (Inder,…), Ost-Asiaten (Chinesen,…), Schwarze (hauptsächlich aus der Karibik), West- und Zentralasiaten (Iraner, Araber,…), zT Lateinamerikaner(63),…

Auf das Religiöse aufgeschlüsselt, sind bei den Christen Katholiken die stärkste Einzelgruppe, gefolgt von der United Church of Canada (eine Vereinigung aus Presbyterianern, Methodisten, Congregationalisten), Anglikanern (schwache 5%), diversen baptistischen Gruppen, Lutheranern, Orthodoxen,… Hinter Moslems, Juden, Buddhisten, Hindus, Sikh sind dann Baha’i zu nennen. Der letzte Baha’i-Prophet Shoghi Effendi (OK, streng genommen gilt er nicht als Prophet) unternahm viele Missionsreisen in den Westen, war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa geplant hat.

Die andere Seite? Zum Beispiel die Vancouver riots (Krawalle) 1907, gegen (ost-) asiatische Einwanderer, zu ungefähr der selben Zeit gab es anderen Städten die selbe fremdenfeindliche Gewalt (wie auch in der USA). Hervorgetan haben sich bei dieser direct action übrigens Gewerkschaften. Oder, 1918 in Toronto anti-griechische Ausschreitungen, und da half Griechen auch nicht, dass sie Europäer sind. In der selben Stadt kam es 1933 im Christie Pits-Park zu einer pro-nazistischen und anti-jüdischen Kundgebung. Was aber auch nicht unterschlagen werden darf: Gewalt die durch Einwanderer ins Land kam. Der Anschlag auf den Air India-Flug 182 im Jahr 1985 gehört hier gewissermaßen dazu, auch wenn das Flugzeug (am Weg von Montreal über London nach Delhi) über dem Atlantik explodierte, nicht über Canada. Urheber des Anschlags war eine radikale Sikh-Gruppe, die international operiert(e), auch in Canada, die Babbar Khalsa (ਬੱਬਰ ਖ਼ਾਲਸਾ). Unter den 329 Opfern waren 268 Kanadier, die meisten davon indischer Herkunft.

Ebenfalls hässlich: die Morde des Paares Homolka-Bernardo Anfang der 1990er. Karla Homolka (tschechischer Herkunft) und ihr Partner Paul Bernardo (italienischer) vergewaltigten und töteten 1990-92 in Ontario (mindestens) 3 Teenager, darunter Homolkas 15-jährige Schwester Tammy. 1993 wurden die Beiden verhaftet, nachdem sie ihn angezeigt hatte weil er sie geschlagen hat… Homolka musste nach einem plea bargain 12 Jahre absitzen, Bernardo bekam lebenslänglich.(64) Homolka hat nach ihrer Freilassung ihren Namen geändert, war mit ihrem Anwalt zusammen, lebte in der Karibik, und in Quebec. Es gibt Verbindungen von hier zu einem anderen grausamen Mord, dem von Luka R. Magnotta an seinem Partner, dem chinesischen Studenten Jun Lin, 2012 in Montreal. Magnotta aus Ontario, der seinen ursprünglichen Namen Eric Newman geändert hat, ist schizophren, war Drogenkonsument, transsexuell, als Prostituierter und Pornodarsteller tätig.

Bernardo, Homolka

Nach dem Mord an Jun verschickte er Teile von dessen Körper an Parteizentralen in Ottawa und Schulen in Vancouver…und gab dabei als Absender Hubert Chretien (Sohn von Jean) sowie Homolkas Schwester Lori an. Ohne dass die beiden Magnotta oder Jun kannten. Magnotta verbreitete ausserdem über das Internet das Gerücht, dass er eine Beziehung mit Karla Homolka hatte. 2012 wurde er in Berlin verhaftet, in einem Internet-Cafe, wo er Nachrichten über sich las.(65) Im Prozess 2014 mussten auch Hubert Chretien und Logan Valentini (wie Lori Homolka inzwischen heisst) aussagen. Magnottas Muttersprache ist Englisch, er spricht kein flüssiges Französisch, der Grossteil des Prozesses (in Montreal) fand in Englisch statt, Magnotta bekam über Kopfhörer eine Simultan-Übersetzung für das Französische; dass ihm ein neben ihm sitzender Übersetzer flüsternd übersetzt, wurde aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt.

Canada hat nur einen Land-Nachbar, die USA, im Süden und Westen. Die Grenze dieser beiden Staaten ist 8 891 km lang, ist somit die längste binationale Landgrenze weltweit. Aufgeschlüsselt auf USA-Bundesstaaten ist die Grenze zu Alaska im Westen die längste, dann folgt die mit Michigan, die grossteils eine Seegrenze ist. Im Süden grenzen ausserdem die Staaten Washington, Idaho, Montana, North Dakota, Minnesota, Michigan, New York, Vermont, Maine, New Hampshire an Canada, ausserdem Wisconsin, Pennsylvania, Ohio rein über ihre Anteile am Seengebiet. Das „berühmteste“ Grenzgebiet dieser Länder ist auch im Gebiet der grossen Seen, die Niagara-Wasser-Fälle an der Grenze zwischen New York und Ontario; der Niagara-Fluss verbindet den Eriesee mit dem Ontariosee. Wie gesagt, das Verhältnis zur USA ist das eine entscheidende Canadas, neben dem mit GB. Das NAFTA-Handelsabkommen (das auch eines mit Mexico war) wurde unter dem nationalistisch-isolationistischen Trump aufgekündigt.(66)

Das Verhältnis zwischen diesen Staaten wurde im Film „Unsere feindlichen Nachbarn“/“Canadian Bacon“ (1995) von Michael Moore persifliert, dem letzten Film von John Candy; auch Daniel Aykroyd (ebenfalls Kanadier) wirkte darin mit.(67) Andere Kanadier, die im US-amerikanischen Film-Business mitmischen sind etwa David Cronenberg, Norman Jewison, Michael Fox, William Shatner, Graham Greene (ein Oneida), Ryan Gosling, Keanu Reeves, James Carrey, Evangeline Lilly; früher Leslie Nielsen oder Lorne Greene. Aus der Musikindustrie sind Oscar Peterson, Neil Young, Leonard Cohen, Shania Twain, Glenn Gould oder Bryan Adams zu nennen.(68) Zu den Interaktionen im Sportgeschäft noch mehr im Eishockey-Abschnitt. Alaska ist übrigens der USA-Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Ureinwohnern/Indianern, Alaska das spät zur USA kam und noch später Bundesstaat wurde. Eine andere Region der USA mit einer noch relativ grossen indigenen Bevölkerung, die an Canada grenzt, sind die nördlichen Great Plains (hauptsächlich North und South Dakota), wo hauptsächlich Sioux-Gruppen leben – deren Angehörige teilweise französische Namen haben (wie Peltier, Bellecourt), diese Region war Teil von Louisiane. „Indianer“ gibt es in der USA in absoluten Zahlen mehr als in Canada, ihr Anteil an der Bevölkerung ist in Canada klar höher (<1% gegenüber etwa 4%).

Von den „Ureinwohnern“ Canadas war ja schon die Rede. Die grösste Gruppe sind die Cree (etwa 100 000, das sind etwa 10% der Indigenen Canadas), dann gibt es andere Algonquin, Inuit, Ottawa, Sioux, Mohawk, Salish, Mikmak,…(69) Die Völker sind in der Regel in Stämme gegliedert, die Kainai etwa sind ein Stamm der Blackfoot. Wie schon erwähnt, gibt es in Canada einen „Indianer-Status“ und jener der Métis (Nachkommen von Franzosen und Cree hauptsächlich) ist etwas unklar. Sie werden aber meist zu den First Nations gerechnet – wohingegen die (Cape-)Coloureds in Südafrika nicht zu den schwarzen Völkern des Landes gezählt wurden/werden. Es gibt organisierte, „anerkannte“ Metis-Gemeinschaften, aber auch ausserhalb davon lebende Metis, und gelegentlich wird der Begriff für alle Kanadier verwendet, die sowohl europäische als auch (indianisch-)amerikanische Wurzeln haben. Je weiter man in den unwirtlichen Norden Canadas kommt, desto grösser ist der Anteil der „Ureinwohner“ an der Bevölkerung, in Nunavut machen sie 85% aus (hauptsächlich Inuit). Im Yukon Territory sind es immerhin noch um die 25%. Diese Territorien sind spärlich besiedelt; in Ontario gibt es am meisten First Nations in absoluten Zahlen. In jener Provinz, die so etwas wie das Herz Canadas ist, zwischen Hudson Bay (Kangiqsualuk ilua) und dem Seengebiet.

Die Assembly der First Nations (AFN) ist der wichtigste Dachverband der Indianervölker in Canada. Sie wurde 1982 als Nachfolgeorganisation der seit 1968 bestehenden National Indian Brotherhood gegründet. Daneben gibt es noch die Inuit Tapiriit Kanatami und das Métis National Council. Die staatliche Behörde die für Belange dieser Völker zuständig ist, heisst Department of Indian Affairs and Northern Development, wird seit 2017 von zwei Ministerien geleitet. Es gibt etwa 2250 Reservate von Stämmen (bands), zustande gekommen durch Verträge mit der Bundesregierung. Die meisten Reservate gibt es in British Columbia, das Kainai-Reservat in Alberta soll das grösste Canadas sein. 2017 hat, nach einer Serie von Suiziden unter Ureinwohnern, ein Untersuchungsbericht der kanadischen Justiz 17 vernichtende Kritik am System der Reservate geübt. Die Menschen in den Reservaten lebten wie in einem „Apartheid-System“, heisst es in dem Bericht des Untersuchungsrichters Lefrancois in der Provinz Quebec. Es war auch Quebec, wo es 1990 zur Oka-Krise kam, die den Auftakt zu einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen von First Nation People mit dem kanadischen Staat im späten 20. Jh bildet. 

Es handelte es sich um eine Auseinandersetzung der Mohawk aus dem Kanesatake-Reservat mit der nahegelegenen Gemeinde Oka, 1990. Die Krise entzündete sich an Plänen von Bürgern der Stadt, einen Golfplatz auf Land auszudehnen, das von den Mohawk beansprucht wurde. Die Mohawk errichteten Barrikaden, diese wurden von der Polizei angegriffen. Es kam zu Gewalt, und im Verlauf der 78 Tage dauernden Krise wurden ein Polizist der Quebecer Provinzpolizei Sûreté du Québec sowie ein Mohawk-Aktivist getötet. In dieser Situation rief der Premierminister von Québec, Robert Bourassa, die kanadische Armee zu Hilfe, die einige der Barrikaden räumte. Erst nach langwierigen Verhandlungen wurden die letzten Barrikaden abgebaut und die dortigen Mohawk gaben ihren Kampf auf. 1997 erwarben die Bundesbehörden das Gelände von der Gemeinde Oka, eigentlich, um es an die Mohawk zu übereignen. Einen ähnlichen Landkonflikt gab es 1995 am Ipperwash-Park am Huron-See in Ontario, zwischen Chippewa-Indianern und dem Staat. Die Entstehung Nunavuts war wiederum ein Zugeständnis an die First Nations Canadas, kam nach langen Verhandlungen zu Stande.

1999 wurde das Territorium Nunavut aus den Northwest Territories herausgelöst, aus deren östlichem Teil, darunter der frühere Keewatin-Distrikt. Das war die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland. Nunavut wurde Canadas drittes Territorium. Die Territorien haben weniger Autonomie als die 10 Provinzen, hauptsächlich was das Gesundheitswesen, die Bildung, die Sozialfürsorge betrifft. Auch USA, Australien, Neuseeland haben alle Gebiete inner- und ausserhalb ihres geschlossenen Gebiets, denen sie den Status einer „minderwertigen“ Verwaltungsgeinheit gegeben haben, und das sind „zufälligerweise“ Gebiete mit grossteils indigener, nichtweisser Bevölkerung. Premier Paul Martin (Liberale Partei, LPC) trat 04 für den Provinzstatus für alle 3 Territorien Canadas ein, also Nunavut, Northwest Territories, Yukon Territories. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit  und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte.

Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit.(70) Nunavut umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Einige der westlichen arktischen Inseln sind „geteilt“ zwischen Nunavut und Northwest Territories, so wie Kitlineq/ Victoria Island. Im Osten ist Grönland der Nachbar, ggü von Ellesmere Island/ Umingmak Nuna. Das Territorium Nunavut ist eines der Inuit-Selbstverwaltungsgebiete in Canada (Inuit Nunangat/ ᐃᓄᐃᑦ ᓄᓇᖓᑦ), neben der Inuvialuit Settlement Region (aufgeteilt auf NWT, Yukon; die Inuvialuit sind eine Inuit-Gruppe), Nunavik (im nördlichen Quebec), Nunatsiavut (in Newfoundland-Labrador). In der Verwaltung dieser Gebiete spielt die Inuit Tapiriit Kanatami (ITK) eine gewisse Rolle. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Canada, USA, Australien, Neuseeland, Südafrika bei der Behandlung der vor-europäischen Bevölkerung des Landes. Verdrängungen, Naturzerstörung, Entfremdung von ihrer Kultur, Verschleppung von Kindern, Umerziehungen, niederen Behandlung, allmählich theoretische Gleichberechtigung,…

Ein Zickzack-Kurs des Staates im Umgang mit der Vergangenheit, unterschiedliche Diskurse in der Historiographie. Auch wenn das Land an sich (Canada) und seine Hauptstadt (Ottawa), einige Provinzen (wie Quebec),… benannt sind mit Bezeichnungen der voreuropäischen, vorkolonialen Bevölkerung des Landes, wird diese nicht als Gründernation(en) gesehen – und eigentlich war sie das auch nicht. Canada entstand als Konstrukt des britischen und französischen Kolonialismus. 1979 wurde erstmals ein Inuk (Einzahl von Inuit), Peter Ittinuar, zum Parlamentsabgeordneten gewählt, für die NDP, aus einem Teil der Northwest Territories (NT), die heute Nunavut bilden. Erster „Ureinwohner“ überhaupt, der ins Bundesparlament kam, waren Pierre Delorme und Angus McKay, Metis aus Manitoba, 1871 für die Konservative Partei. Louis Riel wurde 1873 als Unabhängiger für Provencher in Manitoba ins Unterhaus (House of Commons) gewählt. Richard Hardisty, ein Metis aus den NT, wurde 1888 als erster in das Oberhaus (Senate) gewählt. Dann gab es eine Pause bis in die Mitte des 20. Jh. Romeo Saganash (Cree, NDP, Quebec) war einer der längstdienenden (2011-19 Unterhaus).

Aus dem Senat sind etwa James Gladstone (Cree, Alberta, konservativ), Willie Adams (Inuit, NT/NU, liberal), Gerry St.Germain (Metis, BC, konservativ) zu nennen. Erster Angehöriger einer First Nation in einem Provinzparlament war der Metis Pascal Breland 1870 in Manitoba. Frank Calder, ein Nisga’a, war in British Columbia von 1949 bis 1979 Abgeordneter. Während es in Nunavut, Northwest Territories, Saskatchewan, Manitoba, British Columbia relativ Viele in den Provinzparlamenten gab, gab es in Nova Scotia und Prince-Edward-Island noch keine, in New Brunswick gerade einen. In Quebec übrigens auch erst zwei. Der Norden und der Westen sind also die Siedlungsschwerpunkte dieser Ethnien. Der Norden Canadas, das sind die arktischen und zT subarktischen Gebiete, also Nunavut, Northwest Territories, Yukon sowie der Norden von Quebec und (Newfoundland-) Labrador. Dieses Gebiet ist im Süden entlang des 60. Breitengrades begrenzt, Grenzen von Provinzen/Territorien laufen entlang dieses Breitengrades, vom Atlantik bis zur Hudson Bay. Und der Westen Canadas beginnt westlich von Ontario bzw der Bucht. Der Ausdruck „north of 60“ bezeichnet im kanadischen Kontext in der Regel die 3 Territorien.(71) Der 60. Breitengrad entspricht der Südgrenze der Alaska-Halbinsel, auch wenn sich der „Pfannenstiel“ des USA-Bundesstaats ein Stück südlich davon bei BC entlang zieht.

Vom Gebiet südlich des 60. Breitengrades ist der Norden subarktisch, der Süden „mild“ und wiegesagt Siedlungsschwerpunkt dieses Landes, besonders der Südosten. Der äusserste Westen (BC) ist gebirgig (Ausläufer der Rocky Mountains), östlich davon wird es sehr flach, es dominiert im Süden Waldland. Der Norden wurde also ein Siedlungsschwerpunkt der First Nations Canadas (auch wenn dort eigentlich nur eine dieser Nationen, die Inuit, dominieren) – weil dieses Land als weitgehend unattraktiv gesehen wird. Die Inuit leben, genau wie die Cree oder die Ottawa, nur noch teilweise traditionell. Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland, umfasst somit Teile von Russland, USA, Canada, Dänemark. „Eskimo“ (frz. Esquimaux) wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker in diesem nördlichen Polargebiet verwendet.

Dazu gehören hauptsächlich die Inuit und die Yupik. Inuit leben im kanadischen Norden (etwa 65 000), Alaska (> 16 000), Grönland (etwa 50 000)(72), im kanadischen Norden und dänischen Grönland bilden sie die Mehrheit. Yupik leben in Nordost-Sibirien (bzw -Asien; Tschukotka) sowie Alaska. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind die Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka sowie die Tschuktschen östlich der Beringstrasse. Der kanadische Norden hat also eine direkte Grenze mit Alaska und eine Seegrenze mit Grönland/Kalaallit Nunaat. Ellesmere Island/ Umingmak Nuna (Nunavut) ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, Baffin-Island/Qikiqtaaluk (ebf. NU) liegt etwas weiter südlich und ist durch die Baffin-Bucht getrennt von Kalaallit Nunaat. Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio. km², macht 20% der Fläche von Canada aus, ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind Sacha/Jakutien (Russland), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut, Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Canada),… Durchwegs Gebiete die dünn besiedelt sind. Grönland hat die Aussicht, unabhängig zu werden. Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Wenn das Eis in der Arktis-Region taut, im Rahmen des Klimawandels, wird der Zugang zu am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten versuchen sich Gebiete in der Region um den Nordpol zu sichern (Russland, Canada, USA, Dänemark,…).

Ministerpräsident (Premierminister) Canadas 2006-15 war Stephen Harper von den Konservativen, aus Ontario, ein vormaliger Liberaler.(73) Harper gab eine Entschuldigung bei den Ureinwohnern ab, für die jahrzehntelange kanadische Politik ihnen gegenüber, wie die Entführungen und Zwangsassimilierungen über die genannten Schulen, in denen auch sexueller Missbrauch stattfand. Die Parallelen mit Australien und den Aborigines sind auch hier unübersehbar. 2008 bis 2015 war eine kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) aktiv, die das System der Indian residential schools aufarbeiten sollte. So weit, so gut, aber sobald das Entgegenkommen etwas kostet… Als die UNO-Vollversammlung 2007 nach 20-jährigem Ringen eine Deklaration verabschiedete, die „Ureinwohnern“ weltweit Schutz vor Diskriminierung zusagte, stimmte der Vertreter Canadas auf Geheiss Harpers mit „Nein“, wie auch USA (Bush), Australien (Howard) und Neuseeland (Clark). Diese Staaten haben unter Anderem gemeinsam, dass die vorkoloniale, unterworfene Bevölkerung dort Länder mit natürlichen Ressourcen für sich beansprucht. Es gibt kein grosses Interesse der kanadischen Mehrheitsbevölkerung an den konkreten Problemen der „First Nations“(74), und schon gar nicht im konservativen Bereich. Harpers Nachfolger Justin Trudeau ist dafür bekannt, links zu blinken und dann rechts abzubiegen.

Justin Trudeau, Sohn von Pierre (Premier 68-79, 80-84), wurde 2013 Führer der LPC und damit Oppositions-Chef und 2015 nach dem Wahlsieg Premierminister. Trudeau junior hat sich auch im Namen Canadas bei den „Indianern“ entschuldigt (Grausamkeiten ihnen gegenüber eingestanden). Er geht auf die Indigenen des Landes anders zu (zB bei einem Treffen mit traditionellen Führern 2015), hat dann aber etwa bei der Trans Mountain Pipeline von Alberta nach British Columbia gegen die Wünsche und Bitten von deren Organisationen gehandelt. Christina „Chrystia“ Freeland wurde unter Trudeau Handelsministerin, dann Aussenministerin. Als Aussenministerin bot sie US-Präsident Donald Trump erfolgreich die Stirn. Nach der Wahl ’19 (Liberale mussten aufgrund der Stimmenverluste eine Minderheitsregierung bilden) wurde sie Ministerin für innerstaatliche Angelegenheiten sowie Vize-Premierministerin; in diesem Ressort war sie für die „Verständigung“ zwischen der Bundesregierung und den Provinzregierungen zuständig. Herausfordernd dabei war nicht nur Quebec (wo der separatistische BQ die Wahl gewann), sondern auch die westlichen Provinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia, wo die CPC die LPC klar schlug. Dabei ging/geht es hauptsächlich um Öl, Energiepolitik, Klimapolitik. Dort sieht man Ontario und Quebec gewissermaßen als unter einer Decke… Freeland wurde 2020 Finanzministerin.

Robert Ford war 2010 bis 2014 Bürgermeister von Toronto, als Unabhängiger. Der frühere (streng) Konservative liess sich 2013 in „seiner“ Stadt mit somalischen Drogen-Dealern fotografieren, von denen er anscheinend „Crack“ gekauft hatte. Er starb zwei Jahre nach seiner Absetzung an einer Krebserkrankung

Bei der Regierung des erzkonservativen Stephen Harper (06-15) zeigte sich diese Kombination aus extremer Pro-Israel-Haltung, Washington-Hörigkeit, Naturzerstörung, Anglochauvinismus,… Dieser Zusammenhang zwischen inneren und äusseren Zielsetzungen, wie in Australien. Harpers Regierung hielt aus Sorge um ein Wirtschaftswachstum das Kyoto-Protokoll zum Kohlendioxid-Ausstoss, unter der LPC-Vorgängerregierung angenommen, nicht ein. 2012 hat Canada unter Harper aus Protest gegen die „unnachgiebige Haltung“ des Irans in „seinem“ Atomstreit die diplomatischen Beziehungen zu diesem abgebrochen. Aussenminister John Baird verfügte, dass die Botschaft in Teheran geschlossen wird und alle iranischen Diplomaten in Canada des Landes verwiesen werden. Zur Begründung verwies der Minister auf das iranische Atomprogramm, die „feindliche Haltung des Landes gegenüber Israel“ und die Unterstützung Irans für den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Iran sei zudem ein staatlicher Unterstützer für Terrorakte, sagte Baird. „Canada sieht die Regierung des Iran als die größte Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit an, die es gegenwärtig gibt“. Das hätte auch von Mohammed bin Salman al Saud sein können, der damals noch in den Startlöchern zur Macht in Saudi-Arabien war und zu dessen Regime Canada immer gute Beziehungen unterhielt.

Die kanadische Unterstützung für Israel ähnelte der anderer Rechtskonservativer, von Bush junior bis Kurz. Jene, die Canada am stärksten an die USA banden, Mulroney und Harper (jeweils an ideologisch ähnlich gesinnte Regierungen dort), waren/sind auch Israels grösste Cheerleader. Ein Beispiel: Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat ’14 mit überwältigender Mehrheit Israel aufgefordert, den Libanon für eine Ölkatastrophe nach dem Luftangriff ’06 zu entschädigen. Bei dem Bombardement des küstennahen Kraftwerkes Jiyeh liefen etwa 15 000 Tonnen Erdöl aus und verschmutzten 150 Kilometer Küste im Libanon und in Syrien. Gegen die juristisch nicht bindende Resolution stimmten nur Israel, die USA, Canada, Australien, Mikronesien und die Marshall-Inseln.(75) Konservative (zB) in Canada sehen Israel als wertvollen militärischen Aussenposten des Westens in dessen Region, als Renommierprojekt (zur „Entkräftung“ von Rassismus-Einschätzungen) und oft auch aus der evangelikalen Perspektive. Yves Engler: „Considering this [canadian] history, it’s not surprising that Ottawa opposes the Palestinian national liberation struggle. To focus on the Jewish lobby is to downplay Canada’s broader pro-colonial, pro-empire policy.“

Die Israel-Lobby besteht auch in Canada aus der Allianz von Rechten, jüdischen Organisationen, Evangelikalen. Der kanadische Evangelikale Tristan Emmanuel beklagt den „Anglo-Saxon self-hatred“ und Einwanderung nach Nord-Amerika, begleitend zu seiner Israel-Unterstützung… Sehr aktiv ist Irwin Cotler, jüdischer kanadischer Politiker (LPC), etwa bei UNwatch, CAMERA, United against a nuclear Iran. Ein Wolf der im liberalen Schafspelz auftritt. Zu nennen sind hier auch Michael Coren (Sun News), Anne Bayefski (die sich ebenfalls auf die UN eingeschossen hat), Mark Steyn.(76) Nicht überraschend korreliert Stephen Harpers Haltung zu Palästina/Israel mit einer entsprechenden ggü der frankokanadischen Minderheit. Nachdem der Eishockey-Spieler Shane Doan 2005 in einem NHL-Spiel einen Quebecer Referee beschimpft hatte, nahm sich der Abgeordnete Denis Coderre der Sache an, protestierte 06 beim Chef des Eishockey-Verbandes Hockey Canada, Nicholson, gegen die Nominierung Doans in das kanadische Team für Olympia 06. Doan klagte Coderre und Harper rief Doan an um diesem den Rücken zu stärken.(77) Wie gesagt, die Rechtspopulisten sind in der Konservativen Partei aufgehoben, es braucht keine eigene (bzw neue) solche Partei. Die Haltungen zur Umwandlung Canadas in eine Republik und zu Bemühungen, die 3 Territorien zu (gleichwertigen)  Provinzen zu erheben, passen teilweise auch in dieses Schema.

Kanadische Regierungen leisteten nach dem 2. WK fortwährenden Widerstand gegen Entkolonialisierungen rund um die Welt. Unterstützten in Afrika v.a. den britischen Kolonialismus, nach der Entkolonialisierungswelle 1960 Frankreich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens, Portugal gegen jene seiner 5 Kolonien auf diesem Kontinent, und das Apartheid-Regime Südafrikas. Canada ist selbst ein Produkt des europäischen Kolonialismus, und (ein guter Teil seiner „Leute“) sträubt sich dagegen, etwas anderes zu werden. Einen Nationalismus (bzw ein Nationsverständnis) der (das) sich auf die ganze Nation bezieht (inklusive Ureinwohner und andere Nichtweisse, das französische Erbe,…), besteht nur ansatzweise, im Gegensatz zu einem Anglo-Chauvinismus der rechten (à la Andrew Roberts) oder linken (à la Richard Dawkins) Spielart. Canada war nie undemokratisch und hat eine ruhige innere Geschichte…ausser für Nicht-Weisse, und das ist hauptsächlich die vor-europäische Bevölkerung. Rassismus war Vorbedingung zum Kolonialismus, zur europäischen Unterwerfung der Welt in der Neuzeit. Conrad Black, ein anglophoner Quebecer, der auch Brite wurde, brachte ein Buch über Canadas Geschichte („Rise to greatness“) heraus, das genau seinem Hintergrund entspricht. Auch in Australien gibt es Ansätze zu einer anderen nationalen Selbstauffassung bzw Orientierung bzw Identität.

Zum Beispiel, indem Aborigines (ab den 1970ern etwa) als Teil australischer Identität wahrgenommen werden – nicht mehr als äusseres Phänomen oder Teil der Widrigkeiten, die es bei der Inbesitznahme und Besiedlung des Landes zu überwinden galt. Ein Blick auf die kanadische Militärgeschichte(78)…zeigt, dass die britischen und französischen Kolonialarmeen sowie Milizen der Siedler dieser Kolonialmächte als Vorläufer der kanadischen Streitkräfte angesehen werden, nicht aber die „Milizen“ die die Cree oder Mohawk aufstellten, zur Verteidigung gegen diese. Der Krieg gegen die USA 1812-15 war ein wichtiger Meilenstein in dieser Militärgeschichte, viele Siedler Britisch-Nordamerikas kämpften da in der britischen Kolonialarmee. Des Weiteren zeigt sich in dieser Militärgeschichte das Ringen Canadas um Selbstständigkeit von Grossbritannien. Auch wenn es bereits vor 1867 Siedler-Milizen gab und dann eine kanadische Armee, das Kommando über diese blieb bis Anfang des 20. Jh bei GB. In dieser Zeit wurden dann auch kanadische Marine und Luftwaffe gegründet. 1968 entstand durch die Vereinigung der drei Waffengattungen die Canadian Armed Forces. Kanadische Armee, Luftwaffe, Marine (bzw Streitkräfte) waren von ihren Anfängen an bis heute immer dabei, wenn es galt Teil einer „Anglo-Weltpolizei“ zu sein.

Im Anglo-Burenkrieg, in den Weltkriegen (> Wehrpflichtkrisen), im Korea-Krieg, im „2. Golfkrieg“ 1990/91, im neuen Jahrtausend gegen islamistischen Terrorismus in Afghanistan und Irak, kämpften kanadische Truppen an der Seite von USA und GB. Gewisse Operationen in den Weltkriegen (Kriegen westlicher Mächte gegeneinander) sowie im Koreakrieg werden bis heute als traditions- und identitätsstiftend für das kanadische Militärs gesehen, wie die Schlacht bei Arras (1. WK) und die „Operation Jubilee“ (ebenfalls in Frankreich, 2. WK). Am „Suez-Krieg“ gegen Ägypten 1956 nahm Canada nicht teil, der damalige Aussenminister Lester Pearson initiierte vielmehr eine Friedenstruppe unter UN-Mandat an der ägyptisch-israelischen Grenze, die ’57 zu Stande kam (UNEF) und an der kanadische Truppen teilnahmen. Pearson bekam dafür den Friedensnobelpreis. Die Sache trug übrigens zum Wunsch nach einer neuen kanadischen Fahne bei: Ägypten lehnte kanadische Soldaten zunächst ab, da ihre Flagge die britische beinhaltete.

Es war dies die erste Friedensmission, an der kanadische Truppen beteiligt waren, in den 1990ern waren sie das im zerfallenen Jugoslawien (UNPROFOR). Unter Premier Chretien lehnte Canada ab, beim Bush-Krieg im Irak 03 mitzumachen. Canada ist auch eines der Länder, in denen es US-amerikanische Militär-Stützpunkte gibt. Und eines, das von der USA respektiert wird; die rechte Militärdiktatur Argentiniens 1976-83 war pro-USA, aber das nutzte ihr nichts im Krieg um die Malvinas-/Falkland-Inseln im äussersten Süden des amerikanischen Kontinents. Da stellte sich die USA auf die Seite von GB. Wie erwähnt, wurden Soldaten auch einige Male im Inneren eingesetzt, so jeweils in Quebec 1970 während der FLQ-Aktionen und 1990 während der Gewalt zwischen dem Staat und den dortigen Mohawk 1990 in Oka. Dabei entstand das Foto „Face to Face“ (von Shaney Komulainen), das den Gefreiten Patrick Cloutier und den Anishinaabe-Aktivisten Brad Larocque zeigt, die sich grimmig anstarren. Cloutier wurde danach von manchen Kanadiern als Held gesehen (warum eigentlich?); die Zeitung „Globe and Mail“ verglich ihn mit jenem (unbekannten) Chinesen, der sich im Jahr davor in Peking vor Panzer gestellt hatte. Cloutier wurde schnell befördert…um 2 Jahre später wieder degradiert zu werden, wegen Kokain-Konsum.(79)

Trudeau, Windsor 1982 (s.o.)

Die Frage der Umwandlung des Staates in eine Republik bzw die Ersetzung des britischen Monarchen als Staatsoberhaupt durch einen (gewählten, eigenen) Präsidenten(80) steht in Canada nicht ganz oben auf der Tagesordnung, aber es ist ein Thema. Weniger aktuell als in Australien, wo es 1999 ein Referendum darüber gab. Kanadier nicht-britischer Herkunft (französischer Herkunft, irischer,…) sind tendenziell eher für eine Republik, aber da gibt es auch Überraschungen. Die Frage ist natürlich eine der „Abnabelung“ von Grossbritannien, wenn man so will sogar ein Stück Entkolonialisierung. Die republikanische Organisation Canadas ist die CCR (Citizens for a Canadian Republic/ Citoyens pour une République Canadienne), auf der Gegenseite steht die Monarchist League of Canada. Die eine Seite nimmt die britische Königin als über der politischen Klasse stehend wahr und schätzt die Institution von daher (ähnlich wie in Australien), sieht sie als Garanten der Einheit und der Stabilität. Tom Freda, Chef der CCR, sagt dagegen: „Wir sind die einzige Ex-Kolonie, die im Parlament die endgültige Loslösung nicht einmal diskutiert hat“. Vor einigen Jahren sprachen sich in einer Umfrage 37% für die Umwandlung Canadas in eine Republik aus, 33% für die Beibehaltung der Monarchie in Personalunion mit GB. Freda vor 10 Jahren (2010): „Wenn Königin Elizabeth stirbt, werden Australien, Neuseeland, Jamaica und andere die Gelegenheit nutzen, und sich endgültig abnabeln…Ich wünsche der Königin alles Gute. Aber sie ist 84. In spätestens 20 Jahren ist Kanada eine Republik.“

Auch in Australien denken Viele (vor Allem aus dem Lager der Australian Labor Party/ALP), dass der nächste Thronwechsel zur Gelegenheit genommen werden sollte, die Monarchie im Lande abzuschaffen, damit den „Kolonialzopf“ abzuschneiden.(81) In Neuseeland wurde 2015/16 über eine neue Staatsfahne abgestimmt (ohne den Union Jack), die Änderung wurde abgelehnt; diese hat auch Australien noch vor sich, Canada (wie Südafrika) hinter sich. Vertreter des britischen Monarchen im Land ist wie gesagt der Generalgouverneur, seit Elizabeth sind diese Kanadier. Auch einige Frauen, Frankokanadier und Angehörige späterer (bzw kleinerer) Einwandererethnien sind diesbezüglich schon an die Reihe gekommen. Die Vorvorgängerin der jetzigen, Michaëlle Jean, stammt ja aus Haiti. Bei ihrer Angelobung 2005 in Ottawa demonstrierte die CCR für die Republik. Jean biss dann bei einem Medienauftritt in ein rohes Robbenherz, um die Belange der kanadischen Inuit zu fördern, ihr Recht auf Robbenjagd.

Letzter Generalgouverneur von Neu-Frankreich (Gouverneur général de la Nouvelle-France) war übrigens ein Pierre Rigaud, Marquis von Vaudreuil-Cavagnial. Rigauds Vater hatte diese Funktion schon inne gehabt und er wuchs in Neu-Frankreich auf. Durchlief eine Offiziers-Laufbahn, wurde 1755 von König Louis XV. zum Gouverneur der Kolonie ernannt, nachdem er zuvor jener über das Teilgebiet Louisiane gewesen war. Mit Louis-Joseph de Montcalm, dem militärischen Chef der Kolonie, soll Rigaud ein schlechtes Verhältnis gehabt haben, Montcalm sah Rigaud als zu nordamerikanisch bzw kanadisch, vom Mutterland entfremdet. Tatsächlich baute Rigaud mehr auf die Milizen der französischen Siedler im Land und die indianischen Verbündeten, Montcalm auf die reguläre Armee. Gemeinsam ging man im Krieg gegen die Briten unter, wobei die Schlacht von Quebec 1759 (Montcalm und Wolfe die Kommandanten) entscheidend war. Rigaud musste Montreal 1760 an die Briten übergeben, verliess Nordamerika, wurde einer der Sündenböcke für die Niederlage bzw den Verlust der Kolonie, wurde 1762 in der Bastille in Paris eingesperrt, entging aber einer schwereren Strafe. Sein Neffe Louis-Philippe de Vaudreuil war ein Führer der französischen Truppen, die die USA dann in ihrem Unabhängigkeitskrieg unterstützten.

Das siegreiche kanadische Team nach dem Finale des Olympia-Eishockey-Turniers 2002

Zum Abschluss nochmal zum Eishockey… Etwas mehr zur Entwicklung und Verbreitung dieses Sports in anderen Artikeln. Gegen Ende des 19. Jh wurde es allmählich ernst mit Eishockey wie man es heute kennt, also etwas nach dem Beginn der Entstehung Canadas. Wie erwähnt, wurden National Hockey League (NHL) und Stanley Cup erst 1927 „eins“, bis dahin gab es auch andere Ligen. Und, es begann im internationalen Eishockey sehr früh mit dem Nebeneinander von NHL und den Turnieren der International Ice Hockey Federation (IIHF). Nicht-Nordamerikaner kamen kaum in die NHL und NHL-Spieler nicht zu Weltmeisterschaften und Olympia-Turnieren. Canada durfte nicht mit Mannschaften aus seinen Profi-Spielern zu WM und Olympia kommen, schickte daher bis 1963 Amateur-Klubteams, dann Nationalmannschaften aus Amateur-Spielern. Nach dem 2. WK kam der Kalte Krieg hinzu, vertiefte die Kluft zwischen diesen Parallelwelten. Die Sowjetunion begann (Mitte der 1950er), Teams zu den internationalen Turnieren zu schicken (nach Entwicklungshilfe aus der Tschechoslowakei und ihren baltischen Republiken) und dominierte gleich.

Wichtig in Canada, als Breitensport wie als Spitzensport, sind auch Lacrosse (das auch dort entstanden ist), Basketball, Leichtathletik (> D. Bailey), Rugby, Reiten, Radfahren, Schwimmen, Baseball, Fussball (dazu noch mehr), Golf, Tennis, Boxen, Motorsport (Villeneuves!),… Doch Wintersport-Arten sind wichtiger, neben Eishockey sind da Skilauf (in allen Arten, bei den alpinen Männern gab es die Crazy Canucks), Eisschnellauf & Curling, Eiskunstlauf zu nennen. Canada hat zwei Mal Winter-Olympia-Turniere ausgerichtet, einmal Sommerspiele; bei Winter-Olympia gehen immer viele Medaillen nach Canada. Richard Pound spielte lange eine wichtige Rolle im IOC. Canada ist eines der Länder, in denen Fussball nicht Sport Nr 1 ist; bemerkenswerterweise sind das durchwegs grosse Länder, nämlich auch USA, China, Russland, Indien, Australien. Im internationalen Fussball ist Canada ein Zwerg, sein Nationalteam hatte Mitte der 1980er ein Hoch (mit WM-Teilnahme 86, Olympia-Teilnahme 84 und dem Sieg bei der CONCACAF-Meisterschaft 85), und dann um 2000 (mit H. Osieck). Im Fussball sind Anglo- und Franko-Kanadier in der Minderheit, er ist dort dominiert von ethnischen Minderheiten (wie auch in USA, Australien, zT NZL).

„Minderheiten-Kanadier“, also Angehörige später (und von anderswo) eingewanderter Bevölkerungsgruppen (zT in erster Generation), aus der Karibik, Lateinamerika, Osteuropa, Afrika,… Dank dieser (auch unter Konsumenten/Fans) ist Fussball auch in Canada inzwischen mehr als eine Randsportart. Aber, über Allem steht dort Eishockey. Es ist dort entstanden, man ist Weltklasse, es ist identitär. Auch im kanadischen Spitzeneishockey finden sich Leute mit Wurzeln aus fast allen Teilen der Welt, aber die Demografie des Landes wird dort eher abgebildet. Selten schaffen es anderswo Geborene/Aufgewachsene (also Einwanderer der ersten Generation) in die NHL bzw in’s Team Canada; Beispiele dafür sind Poul Popiel und Kenneth Hodge. Die Rolle des Hockeys in Canada zeigt sich auch durch die Unruhen 1955 in Montreal nach einer Sperre für den dortigen Starspieler Maurice Richard wegen einer Attacke auf einen Linienrichter, eine Art Vorbote der „Stillen Revolution“ in Quebec.

Um fortzufahren mit der Entwicklung des internationalen Eishockeys, Canada boykottierte die IIHF-Turniere WM und Olympia 1970 bis 1976 wegen der Amateur-Regelung, die NHL-Spieler ausschloss (und die Ostblock-Nationen begünstigte, deren Spieler als Amateure galten). In dieser Zeit kam es mit den Summit Series erstmals zu einem Kräftemessen der besten Eishockey-Spieler (bzw -Mächte), (aus) Canada und Sowjetunion. Die Summit Series 1972 wurde zwischen den Auswahlen dieser beiden EH-Supermächte gespielt, 4 Matches in Canada, dann 4 in der SU. Zwischendrin und danach ausserdem Exhibition Games der Kanadier gegen die Teams von Schweden und Tschechoslowakei (in diesen Ländern). Es war ein erstes kanadisches Team der Besten, (damit auch) das erste Duell der Auswahlen der Besten dieser Länder. Das kanadische Team (das grossteils ohne Helme spielte) bestand u.a. aus Philip Esposito, Henderson, Clarke, Cournoyer, Hull, Perreault, Ratelle, Mahovlich, Savard, Mikita, Lapointe, Dryden(82), Orr (nicht eingesetzt), Trainer Sinden. Eine NHL-Auswahl, die eine kanadische Auswahl wurde. Die Sbornaja hatte hauptsächlich das Trio Mihailov-Petrov-Charlamov.

Die Sache war, im Kalten Krieg, natürlich extrem politisch. Bei einem Unentschieden gewann die SU-Auswahl 3 Partien, 4 gewann das kanadische Team – das somit die Serie für sich entschied – und das mitten in der Dominanz der SU bei WM- und Olympia-Turnieren. Die Entscheidung fiel im letzten Spiel in Moskau, das Canada gewinnen musste, bei einem Unentschieden hätte die Tordifferenz für die SU gesprochen. Nach 2 Dritteln stand es 5:3 für die Sbornaja, nach 59 Minuten 5:5. Das Tor von Paul Henderson in der Schlussminute wurde legendär, brachte den Sieg im Spiel und in der Serie. 1974 fand wieder so eine „Gipfel-Serie“ statt, ab 1976 hiessen diese Turniere (die nicht von der IIHF veranstaltet wurden) Canada Cup, ab 1996 World Cup. Gegen Ende der 1970er beendete Canada seinen Boykott der IIHF-Turniere, kam aber nie in Top-Besetzung zu WM und Olympia (auch nicht, nachdem ab 1988 auch Profis bei Olympia-Turnieren teilnehmen konnten), da die Besten natürlich in der NHL spielten, wo es im Frühling, wenn die WMen stattfinden, mit dem Play-Off ernst wird.

Seit Anfang der 1990er kommen, im Zuge des Endes des Kalten Kriegs, auch die besten Osteuropäer in die NHL. Seit 1998 macht die NHL während Olympia Pause (2018 nicht), sodass es auch dort zu Best-on-Best-Duellen kommt. Die besten Best-on-Best-Duelle im Eishockey waren wahrscheinlich die Summit Series 1972, der Canada Cup 1987, Olympia 2002 (siehe Foto). Jeweils war Team Canada beteiligt, das SU-Team war in den ersten beiden Turnieren Haupt-Gegner. Mario Lemieux war 87 und 02 dabei, 87 an der Seite von Wayne Gretzky (der 02 Manager war).(83) Auf Youtube kommentierte Einer: „Lemieux and Gretzky on the ice together. It was hockey porn.“ Gretzky hat sich seinen Status als grösster Eishockey-Spieler, den die Welt bislang gesehen hat, aber eindeutig in der NHL erarbeitet, nicht bei den internationalen Turnieren. Vor ihm galt Gordon Howe (1946-80 in der NHL!) als der Grösste, ein Abwesender beim Summit 72. Gretzky hat ukrainisch-weissrussisch-polnische Wurzeln, seine Grosseltern sind nach dem 1. WK aus der nunmehrigen Sowjetunion nach Canada ausgewandert. Einen wie ihm kann man ruhig als Anglo-Kanadier zählen, ausser dem Namen gibt es kaum etwas, was ihn von diesen unterscheidet. Er wechselte 1988 von Edmonton nach Los Angeles, lebt nun auch in der USA. Gretzky hat sich politisch als sehr konservativ „geoutet“, pries Bush II und Harper.

Der letzte kanadische Sieger der NHL (des Stanley Cups) waren die Montreal Canadiens, 1992/93. Die Freudenfeiern in Montreal damals verliefen zT gewalttätig. Die Canadiens sind auch der erfolgreichste NHL-Klub (24 Siege), vor Detroit, Toronto, Boston; und der letzte frankophone, nach dem Verkauf der Quebec Nordiques nach Colorado; und das letzte Stanley-Cup-Siegerteam, das ausschliesslich aus nordamerikanischen Spielern bestand(84); sowie der älteste professionelle EH-Klub. US-amerikanische Klubs mischten von Anfang an mit in der NHL, und mittlerweile gibt es dort eine amerikanische „gekaufte“ Dominanz. Auch in den anderen grossen Sportligen Nordamerikas machen sowohl US-amerikanische als auch kanadische Vereine mit, im Fussball (MLS) immerhin 3 kanadische, im Basketball (NBA)(85) und im Baseball (MLB) je einer, nur im American Football (NFL) keiner. Und nur im Eishockey können die Kanadier mitmischen. Nach 93 waren die Vancouver Canucks ’94 und ’11 im Finale (Serie ging jeweils 3:4 aus; 2011 war Roberto Luongo die tragische Figur), 04 Calgary, 06 Edmonton, 07 Ottawa. ’16 waren zum zweiten Mal nach ’70 keine kanadischen Klubs im Play Off der NHL.

Es gab in der NHL immer wieder Aufstockungen sowie Übergabe von Franchise-Rechten; 96 „übersiedelten“ die Winnipeg Jets nach Phoenix (bzw wurden dort zu den Coyotes), wo EH wenig interessiert; 2011 ging das Atlanta-Franchise an Winnipeg, was dort zu Strassenfeiern führte, trotz Kälte. Übrigens, auch wenn amerikanische Klubs dominieren, die wichtigen Spieler sind dort durchwegs Kanadier. Nicht wenige kanadische EH-Spieler die nicht zu den ganz Guten zähl(t)en, haben anderswo in der Welt angeheuert, wurden dort zT auch für das jeweilige Nationalteam eingebürgert, von USA bis Süd-Korea. „Gordie“ Howes Sohn Mark spielte etwa für die USA, James Corsi für Italien, Brian Stankiewicz für Österreich, Larry van Wieren für die Niederlande,… So etwas gibt es im Fussball mit Brasilianern, ausserdem in abgeschwächter Form im Skisport mit Österreichern, mit Chinesen im Tischtennis, im Basketball mit US-Amerikanern,…

—–

(1) Der letzte zwischenstaatliche Krieg, danach waren noch einige „Indianer-Kriege“, zuletzt 1885 die North-West Rebellion Saskatchewan gegen die Métis.

(2) Alle diese Zeit betreffenden topographischen Bezeichnungen waren natürlich damals nicht aktuell

(3) Der ja auch Alaska (gehörte zu Russland, dann zur USA) und Grönland (bei Norwegen, dann Dänemark) umfasst und Einiges gemeinsam hat mit dem Nordosten von Asien bzw Russland

(4) Die Wikinger stiessen über Grönland auf das amerikanische Festland vor, die Inuit gingen den umgekehrten Weg

(5) Cristoforo Colombo/Christophorus Columbus/Cristobal Colon aus Genua war bei seinen 4 Reisen nach Amerika (1491-1502) im Dienste des spanischen Königs Fernando im Karibikraum gelandet (der eigtl. Karibik, in Mittelamerika, und im N von Südamerika) und leitete die Inbesitznahme Süd- und Mittelamerikas (inklusive Karibik) für Spanien ein

(6) Die Seen werden dadurch zum Atlantik hin entwässert

(7) Das Baskenland (Euskadi) bildete im Hoch-Mittelalter grossteils das Königreich Navarra, beiderseits der Pyrenäen, das 1512 zerfiel, an Frankreich und Spanien

(8) Die Franzosen gründeten das Fort Plaisance auf der Insel

(9) Von René-Robert Cavelier de La Salle nach dem französischen König Louis XIV. benannt

(10) Die den umgebenden Siedlungen ihre Namen gaben welche von den Briten übernommen wurde, und zu Namen US-amerikanischer Städte wurde

(11) In Basse-Louisiane gab es diese Plantagen aber, und die versklavten Afrikaner, die dort arbeiten mussten, sie kamen über die Karibik und Nouvelle-Orléans. Frankreich hatte in der Karibik wie auch in Westafrika seine Kolonien

(12) Die Iroquois/Haudenosaunee waren eine Art Konföderation, umfassten die Mohawk, Onondaga, Oneida, Cayuga und Seneca, ab 1722 auch die Tuscarora

(13) Im 17. Jh bestand Nieuw Nederland an der amerikanischen Atlantikküste, ausserdem Nya Sverige, beide Gebiete wurden von den Engländern „kassiert“

(14) Die nordamerikanischen Kriege und die dazugehörigen europäischen Kriege waren:
1689–1697 King William’s War – Pfälzischer Erbfolgekrieg > Frieden von Rijswijk
1702–1713 Queen Anne’s War – Spanischer Erbfolgekrieg > Friede von Utrecht
1744–1748 King George’s War – Österreichischer Erbfolgekrieg > Frieden von Aachen
1754–1763 French and Indian War – Siebenjähriger Krieg > Pariser Frieden

(15) Auch etwas dort, wo New England und Canada aufeinander trafen, die neufranzösische Kolonie Canada, also etwa das heutige Quebec

(16) „Beringia“ bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher dort eine Landverbindung), mit den Aleuten-Inseln, sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer 

(17) Der US-amerikanische Schriftsteller James F. Cooper schrieb im 19. Jh seine Geschichten über die Entstehung und das Wachsen der USA, u.A. die „Leatherstocking Tales“. Die mit den Franzosen verbündeten Indianer sind bei ihm die Bösen. Auch in seinem 1826 erschienenem wichtigsten Roman „Der letzte Mohikaner“, der in diesem Krieg spielt, eine Art historischer Roman ist. „G-Geschichte“: Cooper macht die Irokesenliga, ein Bündnis von indianischen Völkern, zu Verbündeten der Franzosen, obwohl die meisten der Six Nations offiziell neutral waren. Er verwischt die Unterschiede zwischen Six Nations, Huronen, Mohawk und Mingos, die er alle zu einem Volk zusammenfasst, sowie zwischen Mohegan (den Mohikanern des Romans) und Delawaren. So kann er seinen „guten Indianer“ Uncas zu einem Nachfahren des Delawaren-Häuptlings Tamanend machen, eines Symbols für friedfertige Beziehungen zwischen englischen Kolonisten und „Indianern“. Der historische Uncas war jedoch ein Mohegan, der auf europäischer Seite gegen die Pequot kämpfte. Die Ausrottung der Pequot im Mystic River Massaker bewirkte 1637 einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen Kolonisten und Indianern…

(18) Das vom alten Frankreich geprägt worden war, dem vor der Revolution!

(19) Übrigens: In dem Krieg drangen USA-Truppen nach Quebec ein, ergriffen Franzosen dort nicht ihre Partei

(20) Inklusive der (versklavten) Afrikaner und „Indianer“, die aber nicht zählten

(21) Anlass war übrigens ein Aufstand von Versklavten auf Jamaica

(22) 1793 eine Expedition unter Alexander Mackenzie (Alasdair MacCoinnich) an den Westrand Nordamerikas, nördlich von Neu-Spanien, 12 Jahre vor der Lewis- & Clark-Expedition

(23) Übrigens, der Franzose Marie-Joseph Motier de La Fayette voluntierte 1776-82 beim Aufstand der britischen Siedler in Nordamerika gegen ihr Mutterland

(24) Diese Loyalisten wurden nicht schwer verfolgt in dem Gebiet, in dem die USA entstand, es gab aber Übergriffe und ihren Besitz verloren sie natürlich

(25) Sie hat einige vorgelagerte Inseln

(26) Ein Stück weiter südlich am Festland bauten die Spanier den Aussenposten „Fuca“, den Ort nannten sie Bahía de Núñez Gaona, heute heisst er Neah Bay und gehört zum USA-Bundesstaat Washington

(27) In der englischen Wikipedia wird diesbezüglich die Nase gerümpft: „Santa Cruz de Nuca was the only verified Spanish settlement in what is now Canada. Some early Spanish maps had claimed the existence of additional Spanish settlements in the area, however these other unverified local ghost-Spanish-settlements appear to have most probably been merely a ‚political fiction,‘ created by Spanish cartographers with the aim of dissuading other nations from attempting to expand in the area.[1][2][3]“

(28) Präsident Jefferson wollte eigentlich nur den südlichsten Teil davon, in etwa der heutige Bundesstaat Louisiana, mit New Orleans. Doch Konsul Napoleon Bonaparte hatte mit seinen Truppen in so vielen Gebieten (hauptsächlich in Europa) zu tun, aus Saint Domingue (Haiti) war man gerade vertrieben worden. Und die USA wurde im Gegensatz zu GB nicht als Gegner gesehen

(29) Der englische und der französische Kern Kanadas wurden also wieder getrennt und umbenannt

(30) Nach dem Anschluss British Columbias dann, vorher noch mehr

(31) Das Labrador-Gebiet am Festland (beim französischen Canada gewesen) kam 1763 zu Quebec, 1791 zu Lower Canada, 1908 zu Newfoundland

(32) Voller englischer Name: „An Act to amend and consolidate the laws respecting Indians“

(33) McDougall war Verwalter für Rupert’s Land und North-Western Territory, ehe diese zu denc Northwest Territories wurden

(34) Es soll eine Friedenspfeife geraucht worden sein. 1881 bereiste Generalgouverneur Lorne den Norden Canadas um ihn auf Möglichkeiten der Besiedlung zu untersuchen. Es kam dabei zu einem Treffen mit dem Blackfoot-Chief Crowfoot

(35) Thathanka Iyotake (Sitting Bull) kehrte 1881 aus Canada (NWT) in die USA zurück. 1889 wurde das Sioux-Reservat in 5 kleinere aufgesplittert, Tȟatȟáŋka Íyotake wurde durch eigene Stammesangehörige in der Reservation Standing Rock getötet. Bald darauf kam es im Pine Ridge-Reservat der Lakota-Sioux, in South Dakota, zu einem Massaker, das so etwas wie den Abschluss der Unterwerfung der Indianer der USA darstellt. Am Fluss Wounded Knee/ Čaŋkpé Opí töteten US-amerikanische Soldaten ungefähr 300 Lakota, darunter ihren Häuptling Spotted Elk/ Uŋpȟáŋ Glešká. Im Land der Sioux war Platz für europäische Siedler; in der Region von den grossen Seen (Staaten Michigan, Wisconsin, Minnesota) bis zu den Dakotas und Montana haben sich besonders skandinavische Einwanderer eingefunden

(36) Zu den Grossen Seen gehören: Lake Superior/ Lac Supérieur/ Gichigami/ Oberer See, Lake Huron/ Lac Huron/ Karegnondi/ Huronsee, Lake Erie/ Lac Erie/ Eriesee, Lake Michigan/ Michigansee, Lake Ontario/ Ontariosee

(37) Der Südosten Canadas besteht aus dieser Region sowie der Region am Atlantik und Sankt-Lorenz-Golf mit den kleinen Provinzen. Der Norden ist unwirtlich, der Südwesten (westlich von Ontario) ist vorwiegend im äussersten Westen (Pazifikregion, BC) dichter besiedelt

(38) Das Holzfällen gilt noch immer als etwas Kanadisches, verbunden damit wird eine Lebensart: vor-industriell, männlich, rural. Ein legendärer Lumber Jack ist Joseph Favre „Montferrand“, der im 19. Jh wirkte, in Quebec und Ontario; zuvor bei der HBC im Pelztransport war („Voyageur“), auch Boxer, und während der Arbeit bei Konflikten zwischen britischen, irischen und französischen Kanadiern mitmischte

(39) Bezüglich Canada, Australien,… blieben natürlich auch über 1931 hinaus Bindungen auf unterschiedlichsten Gebieten. Was Canada betrifft, weiss man das, wenn man die riesige kanadische Botschaft in London gesehen hat

(40) Wenn in dem Krieg Truppen Nazi-Deutschlands Grossbritannien eingenommen hätten, hätten wohl nicht nur britische Königsfamilie und Regierung das Land verlassen, sondern auch etliche exilierte Monarchen und Regierungen aus diversen Teilen Europas. Und Canada wäre für sie als Zufluchtsort sehr wahrscheinlich gewesen

(41) Was andere Nicht-Weisse betrifft: Einwanderer aus Afrika gab es in Canada nie viele, die meisten „Schwarzen“ dort stammen aus dem Karibik-Raum – auch die Nachfahren von Sklaven (s.o.) können dazu gerechnet werden. Bleiben „farbige“ Lateinamerikaner sowie Ozeanier

(42) Und danach Oppositionschef

(43) Nur Weisse durften wählen und unter diesen waren/sind Afrikaaner in der Mehrheit

(44) Die „Lage“ im südlichen Afrika „eskalierte“ Anfang der 1960er. Schwarzen-Organisationen in Südafrika (hauptsächlich der ANC) nahmen den Kampf gegen die Apartheid auf, in den beiden portugiesischen Kolonien in der Region wurde der Kampf um die Unabhängigkeit aufgenommen,… Nebenbei: der Austritt Südafrikas aus dem Commonwealth hatte natürlich auch mit der britisch-burischen Geschichte zu tun; dass Südafrika diese Bindungen lösen wollte bzw diesen Charakter des Landes ändern, wäre an sich nicht das Problem gewesen. Dass viele der wichtigsten Politiker der Nationalen Partei im 2. WK gegen eine Bekämpfung Nazi-Deutschlands waren, daraus folgert auch noch nicht zwangsläufig diese ihre Politik gegenüber den Nicht-Weissen des Landes

(45) Was das Sprachliche betrifft, gibt es ausserdem (im privaten Bereich oder in Vereinen,…) diverse andere Einwanderersprachen in Canada, europäische, asiatische,…

(46) Ersterer war letzter Kaiser des Byzantinischen Reichs, Sebastião wird zugeschrieben, dass die Grösse Portugals mit ihm untergegangen sei

(47) Es erinnert an De Gaulles Auftritt in Algier fast 10 Jahre zuvor, mit dem Ausspruch „Je vous ai compris!“ an die dortigen Franzosen. Hat er ihnen etwas versprochen? Hat er eine konkrete Aussage gemacht? Im Artikel über De Gaulle in der englischen Wikipedia wird darauf hingewiesen (nicht ganz zu Unrecht), dass De Gaulle die sprachlich-ethnischen Besonderheiten der Frankokanadier (bzw ihre Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung) „hervorhob“ (ohne freilich zu konkretisieren, was er unter einem „freien Quebec“ verstand), während ethnisch-sprachliche Minderheiten in Frankreich (wie Bretonen, Korsen, Elsässer) traditionell nicht all zu viel Spielraum haben, ihre Besonderheiten eher unter den Tisch gekehrt werden. CDG in Montreal: http://www.youtube.com/watch?v=amApwFT49JQ

(48) Einer ihrer Gründer war George Schoeters, ein belgischer (flämischer) Einwanderer, der im 2. WK im belgischen Widerstand aktiv war. Er wurde bereits 1963 verhaftet und verurteilt, war bis 1966 im Gefängnis. „Die Deutschen haben mich als 14-jährigen besser behandelt als die Polizei von Montreal“. Er verliess Canada und beging 1996 in Schweden Selbstmord

(49) Die Entführer töteten Laporte und liessen Cross frei, durften nach Cuba ausreisen

(50) Irischer und französischer Herkunft

(51) Bei diesen verbliebenen Vollmachten handelte es sich um das Recht des britischen Parlaments, die kanadische Verfassung zu ergänzen (bzw kanadische Verfassungsänderungen ablehnen zu können) sowie jenes, auf Bitte des kanadischen Parlaments Gesetze mit Bezug zu Canada zu erlassen

(52) Die selbe Zeitung würde etwa über Abspaltungskräfte (zT sehr religiös[-islamistische]) in manchen Regionen des Iran, in denen eine Achse des Guten unterstützt, sehr sehr anders darstellen

(53) Der aus dem Iran stammende Amir Khadir ging in die Politik (mehrmals Parteien gewechselt, nun bei Quebec Solidaire), ist ein Unabhängigkeits-Befürworter

(54) Das spätere Ontario-Gebiet hatte zT zum französischen Canada gehört, zT zum Gebiet der britischen Hudson Bay Company, hatte bis 1763 wenig europäische Besiedlung, bildete dann nacheinander einen Teil von Quebec, Upper Canada, einen Teil von Canada, wurde 1867 Ontario

(55) Was die Cajuns betrifft, so konnten sie das bis ins 20. Jh hinein, stellten eine Parallelgesellschaft in Louisiana dar

(56) Wo auch viele französisierte Indianer und topographische Bezeichnungen von der französischen Vergangenheit zeugen

(57) So wie die Eltern von Jean-Louis L. de „Jack“ Kérouac (1922 – 1969). Es gibt in Quebec auch eine Partei, die den Anschluss des Landes an die USA befürwortet

(58) Ethnische und linguistische Gruppen decken sich dort grossteils

(59) Der erste Test dort war bereits 1966 und 1962 wurde das Atoll dafür ausgewählt, dann Vorbereitungen getroffen

(60) Frankreich begann 1974, dort unterirdisch zu testen

(61) Die Ausrottung des Beutelwolfes (Tasmanischer Tiger) in Australien infolge der Kolonisierung liess sich nicht rückgängig machen, und auch die Löwenpopulation im Iran (das den Löwen als Nationalsymbol hat) hat sich nicht wieder erholt

(62) 09 haben die kanadischen Behörden dem Südafrikaner Brandon Huntley Flüchtlingsstatus gewährt, weil dieser sich als Weisser von der „schwarzen“ Regierung nicht genügend geschützt und wegen seiner Hautfarbe verunglimpft fühlte. Manche weisse Südafrikaner schieben Diskriminierung und Kriminalität vor, wenn es eigentlich um den Verlust von Privilegien geht

(63) A propos: Kann Quebec eigentlich als Teil Lateinamerikas gesehen werden?

(64) Was man so liest, hat er trotz/wegen seiner Taten weibliche Fans draussen

(65) Über GayRomeo hatte er eine Mit-Wohngelegenheit in der deutschen Hauptstadt gefunden

(66) Übrigens, der Nationalismus eines Trump ist schon mal gar keiner, der sich auf die Gesamtheit des Demos der USA bezieht…aber gerade deshalb sind ja Köppel, Seehofer, Mölzer von ihm entzückt

(67) Siehe http://www.youtube.com/watch?v=cC1f2e6Kk7c . Das ist auch eine Wahrnehmung der Zweisprachigkeit Canadas (wenn hier auch charmant vorgebracht): obligatorisch, nervend,… Zu viel, was Anderen zu wenig ist

(68) Adams hat McTaggart bei dessen Initiative zur Schaffung des Southern Antarctic Whale Sanctuary geholfen

(69) Es ist ein kanadischer Cree, mit dem Namen Neil Diamond, der eine sehenswerte Dokumentation über die Darstellungen der Indianer in Hollywood-Filmen gestaltet hat („Reel Injun“, 2009)

(70) 1953-55 wurden Inuit aus Nunavik in Quebec in diesen damaligen Teil der Northwest Territories deportiert, diese sind zT verhungert

(71) Auch wenn einige zu Nunavut gehörende Inseln in der Kangiqsualuk ilua südlich davon liegen und der Norden von NL und QC wie gesagt nördlich davon

(72) Und im Exil; allein im Hauptland-Dänemark sind über 15 000 Inuit aus Grönland

(73) In die Gegenrichtung (von der LPC zur CPC) ging Belinda Stronach, die in den 00er-Jahren Abgeordnete und Ministerin (unter Paul Martin) war. Die Tochter des österreichischen Einwanderers Franz Strohsack ging dann wieder in dessen Unternehmen, Magna International

(74) Etwa die Zustände im Thunder Bay District Jail (Ontario), unter denen besonders indigene Insassen leiden

(75) Letztere zwei sind Staaten Ozeaniens, die Israel-Verbündete geworden sind, bzw dazu gemacht wurden, nicht zuletzt wegen solchen Veto-Stimmen

(76) Es gab übrigens in den 1990ern Proteste des offiziellen Canadas gegen die Verwendung von (gefälschten) kanadischen Pässen durch den israelischen Auslands-Geheimdienst (Ha)Mossad (leModiʿin uleTafkidim Meyuḥadim); damals wurde dies so begründet, Canada sei eben ein multikulturelles, meist neutrales, vielerorts beliebtes Land

(77) Im selben Jahr hat ein anderer NHL-Spieler, Sean Avery, über die „french guys in the league“ gelästert. Avery ist aber auch ein Experte, was schwarze Spieler betrifft

(78) Siehe dazu auch hier

(79) Auch der weitere Weg Cloutiers ist interessant: er diente in den kanadischen Friedenstruppen in Bosnien-Herzegowina (manche seiner Kollegen verübten nach diesem Einsatz Selbstmord); wurde 1993 nach einem verschuldeten Verkehrsunfall aus dem Militär entlassen; 95 nahm er an einem Softporno-Film teil (der die Ereignisse in Oka parodierte); später heuerte er bei der kanadischen Küstenwache an; er hat ausserdem gesagt, dass er eigentlich auf der Seite der Indianer stand, nicht auf der Golfanlage („J’étais pour les Indiens ! Je passe beaucoup de temps au Nunavut et les Premières Nations, c’est mon peuple préféré“)

(80) Da gäbe es dann die Möglichkeiten des deutsch-österreichischen Systems (Präsident hat repräsentative aber nicht exekutive Macht, die ist beim Kanzler bzw Premier), des französischen Systems (Präsident und Premier teilen sich die Exekutivgewalt) und des südafrikanischen/US-amerikanischen (Präsident ist Staats- und Regierungschef; wobei der Präsident in Südafrika vom Parlament gewählt wird und somit automatisch dort eine Mehrheit hat, in USA werden Präsident und Parlament unabhängig voneinander gewählt)

(81) In letzter Zeit gab es Medienmeldungen, wonach ein Thronwechsel in GB bevor stehen könnte, als einziges Indiz wurde dann aber präsentiert, dass Kronprinz Charles Windsor den Verkauf seines Landsitzes planen soll

(82) Kenneth Dryden, Tormann der Montreal Canadiens, wurde in den 2000er Parlaments-Abgeordneter für die Liberale Partei und Arbeitsminister

(83) Beim Canada Cup 87 spielte Canada mit Gretzky, Lemieux, Messier, Bourque und Coffey in der ersten Linie…das entscheidende Tor kam von Lemieux (nach Pass von Gretzky). Die Sbornaja damals mit Krutow-Makarow-Larionow-Fetisow-Kasatonow. Bei Olympia 02 gewann Canada das Finale gegen die USA (die Generation mit Chelios, Modano, Rafalski,…), hatte neben Lemieux etwa Yzerman, Lindros, Brodeur, Niedermayer, Kariya, Sakic, Pronger, Iginla

(84) Wie gesagt, Russen, Tschechen,… kamen ab Anfang der 1990er in die NHL, gleichzeitig aber auch Schweden, Finnen,… verstärkt, und dann wurde es auch leichter für Spieler aus kleinen EH-Nationen wie Deutschland oder Österreich

(85) Toronto Raptors

(86) Und objektiv? Die „Encyclopedia Britannica“ noch nach dem 2. WK: der Neger (Negro) sei geistig dem Weissen unterlegen, Hinweis auf diesbezügliche Studien, auch über „seine“ sexuellen Neigungen stand dort etwas

—–

Harold Cardinal: Unjust Society (1999)

Stéphanie Goerens: Kanadas Politik des Multikulturalismus vor dem Hintergrund der kanadischen Immigrationsgeschichte (2011). Geschichte-Masterarbeit bei Friedrich Edelmayer, Universität Wien

Jason Blake: Kanadische Hockeyliteratur (2010)

Lionel-Adolphe Groulx: La Confédération canadienne (1919)

James Daschuk: Clearing the Plains: Disease, Politics of Starvation, and the Loss of Aboriginal Life (2013)

Anne Mcclintock: Imperial Leather: Race, Gender, and Sexuality in the Colonial Contest (1995). Über den britischen Imperialismus, die Verbindungen von Rasse, Klasse, Geschlecht

Jack Jedwab: À la prochaine? Une rétrospective des référendums québécois de 1980 et 1995 (2000)

Desmond Morton und Morton Weinfeld (Herausgeber): Who Speaks For Canada?: Words That Shape a Country (1998). Darin die Kurzgeschichte von Roch Carrier: Une abominable feuille d’érable sur la glace (1979), auch: „Le chandail de hockey“, englisch “The Sweater”. Es geht um die Rivalität zwischen Montreal Canadiens und Toronto Maple Leafs, die für die Spannungen zwischen dem französischen und dem englischen Canada stehen

„Dee“ Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (1975)

Luisa Rodríguez-Sala: De San Blas hasta la alta California: los viajes y diarios de Juan Joseph Pérez Hernández (2006)

Herbert E. Bolton: The Colonization Of North America, 1492-1783 (2015)

Territorial evolution of Canada

Entwicklung der kanadischen Provinzen: en.wikipedia.org/wiki/Canada#/media/File:Canada_provinces_evolution_2.gif

A History of the Native People of Canada

https://www.canadashistory.ca/

Dies ist die Fortsetzung dieses Artikels

Sofort nach seinem Amtsantritt als König 2015 entliess Salman al Saud den bisherigen Verteidigungsminister und Vorsitzenden des königlichen Hofes, Chalid al-Tuwaidschri, den „Richelieu Saudi-Arabiens“. Beide Ämter bekam Salmans Sohn, Mohammed bin Salman al Saud übertragen. Nach einigen Monaten im Amt bzw am Thron wurde der damals knapp 80-jährige König Salman in ein Krankenhaus in Riad eingeliefert und sediert. Man sprach von psychischen Problemen, Demenz und Selbstgefährdung. Von einigen Beobachtern wurde jedoch ein stiller Staatsstreich mittels Psychopharmaka vermutet. Kronprinz Mohammad bin Nayef (Salmans Neffe) stand scheinbar kurz vor einer Machtübernahme. Doch die Palastrevolte, falls es eine war, führte nicht zum Ziel. Und Prinz Mohammed wurde 2017 durch den Sohn des Königs, Mohammed bin Salman (zuvor Vizekronprinz), abgelöst. Seither bestimmt dieser die klerikale Diktatur.

Der relativ junge „MBS“, ein Enkel Ibn Sauds, hatte zuvor schon zuvor diverse Funktionen im Regime, u.a. als Vorsitzender im Aufsichtsrat von Saudi Aramco. Sein Vater, König Salman, ist alt und wie gesagt gesundheitlich schwer angeschlagen. Sohn Mohammed agiert infolgedessen immer weniger im Hintergrund, der Kronprinz baut nicht nur für die Thronübernahme vor, ist de facto bereits Herrscher Saudi-Arabiens. Ein Liberalisierer sei er, hiess/heisst es von verschiedenen Seiten. Vieles deutet eher in die Gegenrichtung… Wie der paranoide Hass gegenüber Iran und Schiiten, der über die Gegnerschaft zum iranischen Regime hinausgeht. Er setzt auf eine impulsive Interventionspolitik in der Region, und sichert diese gewissermaßen mit Konzessionen in verschiedene Richtungen ab.

Demonstration gegen M. al Saud

Und innenpolitisch? 2017 stellte sich Mohammed al Saud mit einer „Säuberungs“-Welle als Kronprinz ein. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen Korruption wurden Ende ’17 Mitglieder der Saud-Familie, Politiker, andere Führungspersönlichkeiten, Unternehmer,… im Ritz-Carlton-Hotel in Riad festgehalten. Und ihr Vermögen zT konfisziert. Bei dem Machtmanöver ging es um die Festigung seiner Macht innerhalb des Regimes, hauptsächlich wurde die dem ehemaligen König Abdullah verbundene Fraktion kaltgestellt. Immer wieder kommt es zu Inhaftierungen und Hinrichtungen von Regierungskritikern und Aktivisten. Für besonderes Aufsehen weltweit sorgten die Fälle des Bloggers Raif Badawi und des Journalisten Jamal Khashoggi, dazu noch mehr. Der Westen gibt sich entsetzt.

Doch dann kann man lesen: „Der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman hat sich in ungewöhnlich klaren Worten für die Liberalisierung des ultrakonservativen Königreiches ausgesprochen.“ „Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist“, wurde Mohammed bin Salman al Saud zitiert. Saudi-Arabien, so der Kronprinz weiter, sei vor der Besetzung der Grossen Moschee in Mekka 1979 anders gewesen. Das stimmt, aber dreht er die Uhren wirklich davor zurück? Oder zielen seine Reformen nicht eher darauf ab, auf Unbehagen im Land und im Westen „einzugehen“, während er so wenig wie möglich vom Status quo aufgibt? Und, will er etwas davon angehen, was es auch in den 1970ern in KSA nicht gab, substantielle Reformen machen?

Wird/will MBS eine Änderung der absolutistischen Monarchie Saudi-Arabiens bewirken, eine Demokratisierung im Sinne von Machtverschiebung zu einem gewählten Parlament? Wird er etwas für die Menschenrechte im Land tun, zB gegen die unverhältnismäßige Anwendung der Todesstrafe? Etwas an diesem striktesten Islamismus ändern, der vorgeschrieben und auch exportiert wird. In Saudi-Arabien ist es verboten, eine andere Religion als den Islam öffentlich zu praktizieren. Bei aller berechtigter Kritik an der Mullah-Herrschaft im Iran, der Vergleich zwischen diesen Staaten in diesem Punkt lohnt sich. Aber es wird von/in Saudi-Arabien ja auch nur der wahabitische sunnitische Islam als „vollwertig“ akzeptiert.(1) Wird MbS etwas an der Internet-Zensur in Saudi-Arabien ändern, oder sie eher verschärfen? Diese Zensur mit dem fliessenden Übergang vom Porno-Verbot über „Unislamisches“ zum Regimekritischem.

Wird Mohammed bin Salman die gegenwärtigen Strafen für Kritik am Saudi-Regime, zB für Journalisten, zur Diskussion stellen, also die Inhaftierung für 10 Jahre oder mehr oder 1000+ Peitschenhiebe? Und die Frauendiskriminierung… Saudi-Arabien war bis 2018 das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen. Ohne die Zustimmung ihres Mannes oder ihrer Familie dürfen Frauen dort bis heute weder arbeiten noch reisen noch Verträge unterschreiben. Saudi-Arabien und Monaco dürften heute die letzten Staaten sein, in denen Frauen nicht einmal Vize-Minister wurden. Das öffentliche Leben ist streng nach Geschlechtern getrennt. Es heisst, eine Mehrheit der Bevölkerung, darunter auch der Frauen, will daran nichts bzw nicht all zu viel, ändern.(2) Umso erstaunlicher ist eine Onlinepetition, die von König Salman die Abschaffung der gesetzlichen männlichen Vormundschaft fordert und von Tausenden Saudis unterzeichnet wurde. Die Frauen vom Arbeitsmarkt weitgehend auszusperren, wird auch für das ölreiche Saudi-Arabien allmählich zu einem Luxus. 

2010 hat sich die Saudi-Araberin Hissa Hilal beim Dichterwettbewerb eines Fernsehsenders in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Freiheit genommen, islamische Geistliche und ihre Fatwas zu kritisieren. Die Frauenrechtlerin Wajeha al Huwaider spielte u.a. in der Kampagne zur Aufhebung des Fahrverbots in Saudi-Arabien eine führende Rolle. Auch nach Aufhebung des Verbots durch (bzw unter) König Salman ’18 blieben einige diesbezügliche Aktivistinnen in Haft, etwa Loujain al Hathloul. Politische Gefangene sind auch jene Saudi-Araberinnen, die für ihren Aktivismus gegen die Bestimmungen männliche Vormundschaft betreffend gefangen sind. Viele davon wurden und werden gefoltert, auch unter Aufsicht von Saud al Qahtani, einem engen Berater von Kronprinz/ de facto Herrscher Mohammad bin Salman. Die Schriftstellerin Raja al Sanea bringt ihre Botschaft eher subtil herüber.  

Der Blogger Raif Badawi wurde aufgrund seiner Regimekritik mit (1 000) Peitschenhieben sowie Gefängnis bestraft. Früher habe er aus Angst vor Verbrechern zu Hause immer alle Türen und Fenster verriegelt, „und jetzt lebe ich mitten unter ihnen“. Badawi entdeckte aber bei einigen Zellengenossen ein „zartes, grandioses menschliches Feingefühl“. Und eine Schmiererei in einer der verdreckten Toiletten der Haftanstalt habe ihn besonders berührt. Zwischen Obszönitäten entdeckte er den Satz: „Der Säkularismus ist die Lösung!“ Gibt es Hoffnung für dieses Land? Der Religionsgelehrte Ahmed al Ghamidi, ehemaliger Leiter der Religionspolizei von Mekka, hat Kontroversen ausgelöst, weil er seine Ehefrau in einer Fernsehsendung ohne Gesichtsschleier auftreten ließ. Es heisst, in den IT-Netzwerken erhielt der Religionsgelehrte Todesdrohungen, aber auch viel Zustimmung.   

Die drei Menschenrechtler Abdullah al Hamid, Mohammed F. al Kahtani und Walid Abu al-Chair, die das autoritäre/totalitäre System ihres Landes friedlich herausfordern, sitzen derzeit allesamt im Gefängnis. Sie setzen sich für die Umwandlung Saudi-Arabiens in eine konstitutionelle, pluralistische Monarchie sowie für die Gleichstellung der Frauen und einen von Gewaltenteilung geprägten Rechtsstaat ein. 2018 bekamen sie den „alternativen Nobelpreis“ zugesprochen, den Right Livelihood Award – den ihr Anwalt für sie in Schweden entgegen nahm. Von Massenprotesten blieb das saudische Regime bisher „verschont“. Kleinere Kundgebungen wurden schnell mit Gewalt aufgelöst, wie der Aufstand von Frauen gegen das Frauenfahrverbot oder einige Kundgebungen 2011 im Rahmen des Arabischen Frühlings.

So wie in Jeddah, wo Hunderte gegen die schwache Infrastruktur der Stadt demonstrierten, nachdem Überflutungen 11 Menschen getötet hatten. Die Öl-Milliarden nutzen die Scheichs, die Bevölkerung mit kleinen Wohltaten ruhig zu stellen. Der Westen wird mit kleinen Reformen ruhig gestellt. Solche, die die Islamisten nicht all zu sehr reizen. Im Rahmen der „Vision 2030“ wird nicht nur eine wirtschaftliche Neuausrichtung versucht, sondern auch solche gesellschaftlich-politischen Reformen. 2018 verfügte Kronprinz Mohammed bin Salman die Erlaubnis für Frauen, Auto zu fahren.(3) Auch Kinos eröffneten in Saudi-Arabien nach 35 Jahren wieder. Überhaupt schient es jetzt ein grosses Anliegen zu sein, das Image des Landes bzw des Regimes aufzupolieren. So hat Saudi-Arabien die Gründung einer „islamischen Militärallianz im Kampf gegen den Terrorismus“ verkündet.(4)

Ob die Bombardierungen im Jemen, die von einer von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition geleitet werden, bereits Arbeit dieser Allianz sind? Zu dieser Zeit, 2018, stand Saudi-Arabien etwas in der Kritik, wegen des Mordes am Journalisten Khashoggi (s.u.), anderen Menschenrechtsverstössen, seiner Auslegung des Islams, seiner Rückständigkeit,…(5) Auch mit internationalen Sport- und Musikevents wird eine Imagekorrektur versucht, gleichzeitig der Bevölkerung Ventile für Unmut geboten. Frauen wurde der Besuch von Fussballstadien erlaubt. Bei einem Konzert Ende 18 traten u.a. die Black Eyed Peas und Enrique Iglesias auf. 2021 wird Saudi-Arabien (Jeddah) erstmals Schauplatz eines Formel-1-Grand-Prix sein…

Und, man bemüht sich jetzt um Tourismus. Saudi-Arabien hätte gerne mehr Besucher neben islamischen Pilgern. Einreise-Visa wurden auch bis vor wenigen Jahren nur für islamische Pilgerreisen, kurze Geschäftsreisen, Besucher mit Angehörigen in dem Wüstenstaat und an organisierte Reisegruppen vergeben. Für Touristen attraktiv gemacht werden soll Saudi-Arabien nicht zuletzt durch die Oasenstadt al-Ula, nordwestlich von Medina, an der historischen Weihrauchstrasse gelegen, Hauptstadt des antiken lihyanischen Reiches, mit den nabatäischen Monumentalgräbern von Mada’in Salih und dem osmanischen Bahnhof der Hejaz-Bahn. Am Roten Meer wird ein Urlaubsresort gestaltet, heisst es, in dem die Religionspolizei dann nicht die sonst im Land geltenden Gesetze durchsetzen wird. Der Besuch von Mekka und Medina soll Moslems vorbehalten bleiben. Durch diese Städte hat Saudi-Arabien eine besondere Rolle für Moslems in aller Welt. Inzwischen haben sich innenpolitische und regionalpolitische (oder gar globalpolitische?) Herausforderungen für das saudische Regime in gewisser Hinsicht verbunden.

Saudi-Arabien ist vom Westen bis an die Zähne hochgerüstet worden, ist der wichtigste Verbündete der USA in der Region (nach Israel) und ein Erdölexporteur von geopolitischer Bedeutung. Unter Trump als USA-Präsident ist die Verbindung zu Saudi-Arabien ist nochmal verstärkt worden, hauptsächlich wegen des Erdöls. Die destabilisierende Rolle Saudi-Arabiens in seiner Region wird vom Westen nicht nur hingenommen, auch unterstützt. Ungeachtet seines totalitär-religiösen Systems. Ein solches hat auch der Iran unter den Mullahs, was auch dort im Inneren eine schlimme Menschenrechtslage bedeutet sowie nach Aussen fragwürdige regionalpolitische Ambitionen.(6) Die Islamische Republik Iran als Feind eint Saudi-Arabien und Teile des Westens.

Saudi-Arabien gibt 8% seines BIP für sein Militär aus, bekommt jede Menge Waffen vom Westen (USA, BRD,…) geliefert. Die Heere golf-arabischer Staaten sollen grossteils aus belutschischen Pakistanern bestehen, somit aus Söldnern. Saudische „Sicherheits“kräfte werden von westlichen ausgebildet, wissend, dass sie auch gegen die eigene Bevölkerung vorgehen. Saudi-Arabien beansprucht Einfluss bzw Vorherrschaft in der Region (Westasien), in der Region um die Halbinsel herum ohnehin. Saudi-arabisches Militär wurde etwa 2011 zur Niederschlagung schiitisch dominierter Proteste nach Bahrain entsandt. Wobei „schiitisch dominiert“ wahrscheinlich irreführend ist: die Mehrheit der Bahrainis sind Schiiten, daher war/ist die Demokratiebewegung von diesen dominiert, und ist diese kein automatischer Verbündeter der IR Iran.

Der Iran und Saudi-Arabien buhlen um die Vorherrschaft und den Einfluss in der Region. Der Iran hat diese Ambitionen erst seit dem Sturz des Schahs, und ist eigentlich erst nach Bush’s Irak-Krieg ’03 in der Region mächtig geworden. Die Türkei wurde auch ein „Spieler“ in der Region. Nach dem Atomabkommen ’15 kehrte der Iran in gewisser Hinsicht auf das internationale diplomatische Parkett zurück. Das iranische Regime sieht sich als Förderer/Schutzmacht der Schiiten, das saudische als jene des sunnitischen Islams. Wenn man so will, ist ein Konflikt aus der Frühzeit des Islams (siehe Teil I) wieder aktuell… Im Westen wird Saudi-Arabien als Verbündeter gesehen, der Iran vielfach als Quelle aller Probleme der Region. Mit Trumps Antritt als US-Präsident und Mohammed bin Salmans Aufstieg zum eigentlichen Machthaber in Riad (beides 2017) hat sich der Konflikt nochmal verschärft.

Trump Riad 17

„MbS“ möchte eine Allianz gegen den Iran schmieden, mit der USA, den sunnitisch dominierten arabischen und islamischen Staaten, und Israel. Beobachter Juan Cole: „Was MBS verspricht, ist mehr Krieg und mehr Kriegslust“. In der IR Iran gibt es auch diese Kriegslust, unter Hardlinern des Regimes… Hardliner des iranischen Regimes, Israel und Israel-Unterstützer, Saudis, Salafisten sowie Neocons und dergleichen (Tea Party,…) in der USA teilen so Manches. Die von Saudi-Arabien geführte sunnitische Achse umfasst auch die anderen Golfstaaten (UAE,…), Ägypten (unter Sisi), Pakistan, Afghanistan (die vorherrschenden Paschtunen), Jordanien, die Mehrheit der Staaten der Arabischen Liga und der Islamischen Weltkonferenz, Teile der syrischen Aufständischen (al Nusra,…), die 14. März-Allianz im Libanon, diverse salafistische Gruppen. Diese Achse ist mehr oder weniger Verbündeter des Westens. 

Dem vom (islamistisch regierten) Iran geführten schiitischen Block gehören auch der Irak (mit seinen schiitisch dominierten Regierungen)(7) an, die Reste des (alawitisch dominierten) Baath-Regimes in Syrien, Hisbollah und andere Teile der (ursprünglich pro-syrischen) 8. März-Allianz im Libanon, und Organisationen der schiitischen Minderheiten in Afghanistan, Jemen, Bahrain, Pakistan,…(8) Katar wird vom Kern der Saudi-geführten Allianz, den Golfdiktaturen, die im Golfkooperationsrat (GCC) zusammengeschlossen sind, isoliert, weil dieses Iran sowie die Moslembrüder „zu wenig“ schneidet.(9) Zusammen mit Türkei (das die ägyptische Moslimbruderschaft unterstützt) und Iran bildet Katar im Weltbild von MbS ein „Dreieck des Bösen“.

antiimperialista.org: „Formal gesehen ist Qatar der Saud-Monarchie am ähnlichsten, denn das Thani-Regime bekennt sich offiziell ebenfalls zum Wahabismus, was für die anderen Golfdiktaturen nicht gilt. Genau hier liegt die ausschlaggebende Differenz zu den Herrschern von Qatar, den Thanis. Seitdem der Herrscher vor zwei Jahrzehnten seinen Vater weggeputscht hat, setzt der Scheich in seiner Außenpolitik auf islamische Strömungen einschließlich des Massenelements.“

Zu den islamistischen Gruppen, die das Regime von Katar unterstützt, gehören demnach auch die afghanischen Taliban. Parallel dazu gab es aber auch eine gewisse Liberalisierung, wozu auch die Schaffung des Senders „Al Jazeera“ gehört. In Katar gibt es seit 2008 eine (katholische) Kirche, etwas das Saudi-Arabien noch nicht erlaubt hat. Im so rückständigen Iran gibt es recht grosse autochthone christliche Gemeinschaften, die Armenier und Assyrer, mit vielen Kirchen. AIK weiter: „Die Saudis machen den Thanis den Bruch der antiiranischen Front zum Vorwurf. Doch außer Bahrain, in das die saudische Armee zur Niederschlagung des Arabischen Frühlings 2011 einmarschierte, unterhalten alle anderen Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) gewisse Beziehungen zum Iran. Der wichtigste Staat, die VAE, machen sogar glänzende Geschäfte, wenn auch lautlos. Doch alle versuchen den übermächtigen Bruder nicht zu verärgern, während die Thani-Diktatur das offen tut. Dafür werden sie nun abgestraft, übrigens mit voller Unterstützung der Scheichs in Abu Dhabi.“

Der nächste Schachzug Saudi-Arabiens gegen Katar könnte der sein, das Land auf seiner Halbinsel im wahrsten Sinne des Wortes zu isolieren bzw (ab-) zu schneiden: Es gibt Spekulationen über den saudischen Bau eines Kanals an der Grenze, der Katar zu einer Insel machen würde (wie Bahrain). An einem Teil des Kanals sei auch eine Atommülldeponie geplant, heisst es. Kampfschauplätze im Ringen um die regionale Vorherrschaft zwischen den Achsen sind v.a. Syrien und Jemen. Stellvertreterkämpfe im begrenzteren Ausmaß gibt es auch im Irak, Libanon(10), Afghanistan. Saudi-Arabien agiert überall mehr oder weniger in Übereinstimmung mit der USA… Saudi-Arabien unterstützt auch, wie Israel und wahrscheinlich auch die USA, Gruppen wie die belutschisch-islamistische Jundullah, die im Iran agieren.  

Bei der blutigen Konfrontation in Syrien steht auf der einen Seite eine säkulare Diktatur, auf der anderen neben Demokraten auch die schlimmsten Islamisten. Zweitere werden zT von Saudi-Arabien unterstützt. Sie sind von der selben Natur wie die Jundullah im Iran, die Saudi-Arabien unterstützt um diesen zu destabilisieren, und jene Gruppen, die es im Irak unterstützt. Was die al-Nusra in Syrien betrifft, zieht Israel hier am selben Strang. Israel, das im Syrien-Krieg mitmischt (wie Türkei, Russland,…), um seine regionalpolitischen Ziele durchzusetzen. Ein anderer Stellvertreter-Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ist der im Jemen; aber wie der Krieg in Syrien ist auch dieser „hausgemacht“, im Land entstanden. Beim Bürgerkrieg (mit internationaler Beteiligung) in Jemen zeigt sich auch schön der Übergang vom Kalten Krieg ins neue Zeitalter.

Im Bürgerkrieg in Nordjemen in den 1960ern (s.o.) unterstützte KSA (wie GB) dort noch die Restauration des saiditischen (5er-schiitischen) Königreichs, gegen die nasseristische (und sunnitische) Republik. Letztere setzte sich durch, und 1990 kam es zur Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen. Die Marginalisierung des (schiitisch dominierten) Nordens unter Präsident Saleh koinzidierte mit der Politik des Nachbarn Saudi-Arabien, Jemen seine (sunnitische und ultrakonservative) Auslegung des Islam aufzuoktroyieren. Und führte (2014) zum Aufstand der im Norden (bzw Westen) des Landes beheimateten saiditischen Huthi-Bewegung und damit zum Bürgerkrieg. In dem Saudi-Arabien die Regierungs-Seite unter Präsident Hadi massivst unterstützt, dabei wiederum von der USA unterstützt wird.

Die IR Iran unterstützt die Huthi-Aufständischen und ihre Gegenregierung in Sanaa etwas. Der Frontverlauf entspricht in etwa der früheren Grenze Nord-/Süd-Jemen. Thronfolger/Kronprinz Mohamed bin Salman al Saud ist der Falke auch hinter dem Krieg im Jemen.(11) Die USA unter Trump unterstützt Riad nicht nur mit Waffenlieferungen, sondern auch mit detaillierten Geheimdienstinformationen… Die Huthi-Führer haben anscheinend inzwischen auch das Ziel, die Sauds im Nachbarland zu stürzen. Daneben ist Saudi-Arabien dabei, einen gigantischen Zaun entlang der 1 800 Kilometer langen Grenze zum Jemen zu ziehen. Offiziell gegen Schmuggler und Islamisten der al Qaida (Al-Kaida), eigentlich aber weil der Funke des „Arabischen Frühlings“ Anfang der 10er ja nicht überspringen soll(te). Jede Form von Volksherrschaft (Demokratie) oder Säkularismus in der Region ist ja illegitim, und wenn notwendig, hilft man beim Scheitern (oder eben Niederwerfen) nach.

Saudis, (andere) Salafisten, Zionisten, Konservative im Westen sind sich (auch) darin darin, dass solche Bestrebungen eine Gefahr darstellen, und keine Chance, um dem entsprechend diffamiert werden müssen. Das Scheitern des Arabischen Frühlings, das Wüten des IS (im Westen wie in islamisch geprägten Ländern), der Krieg in Syrien passte dort ganz gut in’s Konzept. Wobei, Saudi-Arabien unterstützte den Aufstand in Syrien gegen das Baath-Regime, mischt ja bis heute dort mit, natürlich nicht für eine Demokratisierung. Das Saudi-Regime bot gestürzten Herrschern wie Tunesiens Ben Ali (wie früher Idi Amin) Exil (nicht aber Flüchtlingen, auch nicht aus dem islamischen Raum), aktuellen Herrschern Unterstützung gegen Demokratisierungsbestrebungen. Beim Militärputsch, der 2013 in Ägypten Präsident Mursi gestürzt und die Demokratie abgewürgt hat, war Saudi-Arabien entscheidend beteiligt.

Bezüglich Ägypten ist die Achse von Saudi-Arabien, Israel und Teilen des Westens besonders stark. Dass auch diverse salafistische Gruppen mit an dieser Achse hängen, stört nicht weiter. Saudi-Arabien und andere konservative Golfstaaten unterstützen die Militärherrschaft über Ägypten, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Bei linkssäkularen Bestrebungen, aber eben auch bei Infragestellung des monarchischen Prinzips – und sei es durch islamische Massenbewegungen – kennt man in Riad kein „Erbarmen“. Die Ergebenheit des ägyptischen Militärdiktators Sisi gegenüber Saudi-Arabien geht so weit, dass er 2018 zwei Inseln im Roten Meer, Tiran und Sanafir, an dieses abtrat.

Bei Ägyptens Nachbar Libyen ist Saudi-Arabien ja auch sehr involviert. Den Putschversuch in der Türkei 2016 sollen die Sauds zusammen mit Fetullah Gülen vorbereitet haben. Mit der Unterstützung von (und Zusammenarbeit mit) Salafismus, einer absolutistischen Diktatur oder Gender-Apartheid haben jene im Westen, die sich gerne als grosse Kämpfer gegen den Islamismus darstellen (wie Donald Trump), gar kein Problem. So war das aber auch schon in den 1980ern bei der Unterstützung der Mujahedin in Afghanistan, die dort die städtische Bevölkerung, Linke, Feministinnen, ethnische Minderheiten,… jahrelang terrorisierten, und aus denen die Taliban hervor gingen.(12) Saudi-Arabiens innere Verfasstheit und sein Gebahren im Ausland wird vom Westen unangetastet gelassen, obwohl Frauen dort kaum Rechte haben, ebenso Ausländer, die meisten 9/11-Attentäter von dort kamen, radikaler Islam nicht nur „vorgelebt“ sondern auch weltweit unterstützt wird, es sich um eine absolute Monarchie handelt,…

Aber hey, es ist ja jetzt de facto ein Reformer an der Macht und man hat Frauen bereits das Auto-fahren erlaubt. Und es geht um strategisch-wirtschaftliche Interessen des Westens. Man braucht saudi-arabisches Erdöl und diesen Staat als Kunden für seine Waffenindustrie (nicht zuletzt die BR Deutschland).(13) Um diese Thematik ging es bereits hier. Die „Menschenrechts-Anliegen“ der Islam-Kritiker und Iran-Gegner von Trump bis Grigat… Der „Pragmatismus“ jener Leute, die sonst über „Islamfaschismus“ und „counterjihad“ reden. Und jener, die über das Wohl von Moslems und dem Islam reden, mit dem „Vorgehen“ Saudi-Arabiens gegen Moslems keinerlei Problem haben.    

Saudi-Arabien, von der USA seit Jahrzehnten aufgerüstet, blieb nach 9/11 wichtigster islamischer Verbündeter der USA (in gewisser Hinsicht des Westens allgemein), gewann sogar noch an Bedeutung/Unterstützung hinzu. Bezüglich Syrien kommt man KSA und den anderen dort engagierten Golf-Arabern so weit entgegen, dass man ihnen genehme “Rebellengruppen” aufrüstet.(14) Bush „ermutigte“ Mitte der 00er die befreundeten Regime von Saudi-Arabien und Ägypten (Mubarak) zu „demokratischen Reformen“. Die Regierung Saudi-Arabiens könne ihren Führungsanspruch in der Region mit einer „stärkeren Selbstbestimmung der Bevölkerung unterstreichen“, so Bush. Die USA unterstützten überall die Verbreitung der Freiheit, würden aber niemandem eine Regierungsform diktieren wollen (…). Auch Barack Obama wagte es nicht, sich mit dem saudischen Regime anzulegen; in einer Nahost-Rede kritisierte der zwar die bahrainische Regierung, nicht aber die Saudis. Obama: Manchmal müsse man eine „Balance“ finden zwischen „Menschenrechtsfragen“ sowie der Zusammenarbeit im “Anti-Terror-Kampf” (!) und Fragen “regionaler Stabilität”.

Der saudi-arabische Reporter Jamal Khashoggi (Dschamal Chaschukdschi)(15) verschwand im Oktober 2018 zunächst in der Türkei, nach Besuch im saudischen Konsulat in Istanbul; dann kam die Ermordung des Regimekritikers im Konsulat durch staatliche saudische Kräfte heraus. Türkeis Präsident Recep Erdogan warf Saudi-Arabien vor, Khashoggi grausam getötet zu haben. Die türkische Staatsanwaltschaft: Khashoggi sei kurz nach Betreten des saudi-arabischen Konsulats erwürgt worden, dann hätten die Täter seine Leiche zerstückelt. Die Tötung war offenbar lange im Voraus geplant. Der Kronprinz und Machthaber Mohammed al Saud räumte im September ’19 einen staatlichen saudischen Mord an Khashoggi ein.

Der Mord an dem kritischen Journalisten sei aber gewissermaßen gegen die Regimelinie gewesen, ein „Versehen“. Man versucht seither, Königsfamilie und Kronprinzen über jeden Verdacht zu erheben, und überhaupt zu beschönigen. Will die festgenommenen Verdächtigen nicht an die Türkei ausliefern. Ende 19 gab es angeblich Todesurteile in KSA für die Khashoggi-Mörder. Zwei ranghohe Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman seien hingegen entlastet worden… Es gibt wenig Zweifel daran, dass MbS Khashoggi liquidieren liess, in Saudi-Arabien läuft nichts Wichtiges an ihm vorbei.(16) Saudi-Arabiens Aussenminister Adel al-Dschubeir hat mehrmals davor gewarnt, Kronprinz Mohammed bin Salman für den Mord an Khashoggi verantwortlich zu machen. Damit würde eine „rote Linie“überschritten“; der Kronprinz sowie König Salman würden „jeden einzelnen saudi-arabischen Bürger repräsentieren“. „Und wir werden keine Diskussion oder irgendetwas tolerieren, das unserem König oder unserem Kronprinzen gegenüber verunglimpfend ist.“ 

lobe

Jim Lobe (lobelog.com) kommentierte auf twitter Michael Pompeos Tweet: „Did you ask him where Khashoggi’s dismembered body is (since you committed the State Department to a full investigation).“

Trump lobte die Erklärung des saudischen Regimes zu seinem Mord an Khashoggi, schickte seinen Aussenminister Pompeo, dann Bolton nach Riad, mehr um gemeinsames weiteres Vorgehen mit den Verbündeten zu besprechen als diese zur Rede zu stellen. Trump hielt eine „Mitwisserschaft“ des saudischen Kronprinzen am Mord für möglich. An der guten Beziehung zu Saudi-Arabien würde sich so oder so nichts ändern. Es geht schliesslich um Ölpreise, mögliche „Nachteile ggü Russland und China“…und seine eigenen Firmenbeziehungen nach/zu Saudi-Arabien. Hier auch einige Ausführungen über das Verhältnis von Trump, Kushner & Co zu Saudi-Arabien. Und Israel und Netanyahu? Zur entstehenden Allianz Israels mit Saudi-Arabien noch mehr. Netanyahu war auch schnell zur Stelle mit Beschwichtigung zum Khashoggi-Mord, es gehe um “Stabilität”, für die Region, nein für die Welt, darum gehe es (ihm), und das rechtfertigt ja nun alles.(17)

In Deutschland waren die Minister Nahles und Maas für Sanktionen gegen Saudi-Arabien, auch bei Rüstungsexporten. Wegen der unzureichenden Aufklärung des Mordes an Khashoggi hat die Bundesregierung ihre Rüstungsexporte in das Königreich dann eingestellt. Für wie lange? Mehr als nur Augen-Auswischerei bzw ein Ohren-Reiberl?! CSU-Politiker Ramsauer ist einer der der Saudi-Lobbyisten in der deutschen Politik, war gegen Sanktionen, man müsse „im Gespräch bleiben“… Kein Wunder, Jene im Westen die am prononciertesten gegen Islam(ismus) auftreten und dabei „Menschenrechts“-Argumente bringen sind jene, die Saudi-Arabien am stärksten fördern und hofieren. Merkel und Erdogan haben sich beim Deutschland-Besuch des Zweiteren öffentlich bei einer Pressekonferenz einen Schlagabtausch über das Thema Pressefreiheit geliefert. Es ging um den im deutschen Exil lebenden Can Dündar (siehe hier), bzw die deutsche „Einäugigkeit“ bei diesem Thema.

Kronprinz Mohammed bin Salman der grosse Modernisierer oder doch der grösste Reaktionär?! Während MBS von Manchen im Westen gepriesen wird, siechen saudi-arabische Intellektuelle, Aktivisten und Journalisten in Gefängnissen dahin. Khashoggi selbst hat den faktischen Herrscher Saudi-Arabiens klar eingeschätzt: Mohammed sei völlig selbst-bezogen und jede „Reform“ sei arrangiert/gekünstelt. Die beabsichtigte Planstadt „Neom“ passt wohl dazu. Auch hier geht es dabei, einen Eindruck von „Fortschritt“ oder „Aufbruch“ zu vermitteln, für die eigenen Leute und die Welt, und dabei abzulenken vom eigentlich Wesentlichen, von dem was eigentlich Fortschritt ausmachen würde in diesem Land. Mohammed bin Salman und seine „Reformen“.

Saad Al Jabri ist ein früherer Top-Militär Saudi-Arabiens (Generalmajor), Minister und Berater des abgesetzten Kronprinzen Mohammed bin Nayef. Bei Mohammed bin Salman ist er 2015 in Ungnade gefallen, er hätte mit Nayef gegen ihn geplottet, wie so oft in solchen Fällen kamen „Korruptionsvorwürfe“ auf den Tisch… 2017 ging al Jabri ins Exil nach Canada, währenddessen wurde seine Familie in Saudi-Arabien eingesperrt. Ein paar Tage nach dem Mord an Khashoggi in der Türkei 2018 gab es einen Mordversuch auf Jabri in Canada, und auch dies ging von Mohammad bin Salman aus. Es gab weitere solche Versuche gegen ihn. 

Nochmals zur schiitischen Bevölkerungs-Minderheit Saudi-Arabiens, die ja im Osten (Ost-Provinz) ihren Schwerpunkt hat, wo auch ein Grossteil der Erdöl-Förderung geschieht. Ein Zentrum ist die Stadt Awamija (Governorat al Qatif). Schiiten sind in KSA immer wieder Repressalien ausgesetzt, was sich mit dem wahabitischen Islam des Landes erklären lässt. Im Zuge des Arabischen Frühlings rief unter Anderen der schiitische Geistliche Nimr al-Nimr 2011 zu gewaltfreien Protesten auf. Es kam in der Ostprovinz 2011/12 zu Protesten von Schiiten gegen ihre Diskriminierung. al Nimr wurde 2012 verhaftet, nach einem Schusswechsel, was zu Unruhen mit mehreren Toten führte. Ebenfalls verhaftet wurde sein Neffe Ali M. B. al Nimr für seine Teilnahme an den Protesten. 2014 wurden der populäre Prediger und sein Neffe beide zum Tode verurteilt.

Dem Kleriker wurde vorgeworfen, zu sektiererischer Gewalt im Osten des Landes und zum bewaffneten Widerstand gegen Sicherheitskräfte aufgerufen zu haben. Im Jänner 2016 wurden der ältere Nimr und 46 weitere politische Gefangene getötet. Die Todesstrafe für den jugendlichen Ali al-Nimr, er soll geköpft und gekreuzigt werden(18), wurde bislang nicht vollstreckt. Es geht um das Image und so manchen Protest aus dem Westen (darunter von Amnesty International) – nicht aus der USA; von Bush oder Trump war so etwas auch nicht zu erwarten, aber auch Obama hat die Erwartungen der Familie Nimrs enttäuscht.

Der als Signal der Stärke gedachten Hinrichtungsreigen am 2. Jänner ’16 ist für das Saudi-Regime eher „nach hinten“ losgegangen. Es gab negative Reaktionen sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen. Im eigenen Land hat sich die Kluft zwischen dem Regime (bzw der Mehrheitsbevölkerung) und den Schiiten dadurch noch vergrössert. Seit 2017 ist in der Gegend um al Qatif im Osten ein Aufstand im Gange(19), ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Im Irak kam es nach der Tötung Nimrs zu anti-sunnitischer Gewalt. Das iranische Regime versucht(e) natürlich, die Sache zu instrumentalisieren. In Teheran stürmten aufgebrachte regimenahe Demonstranten in der Nacht nach den Hinrichtungen die saudi-arabische Botschaft und setzten sie teilweise in Brand.

Saudi-Arabien brach am Tag darauf seine diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Kappte auch Handelsbeziehungen mit dem Iran, auch Reiseverbindungen wurden eingestellt. Bahrain und Sudan folgten sogleich, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait reduzierten ihr diplomatisches Personal im Iran. Auf einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Kairo am 10. Januar 2016 stellten sich fast alle dort vertretenen arabischen Staaten (die Mitgliedschaft Syriens ist zurzeit suspendiert) hinter Saudi-Arabien und verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung die Erstürmung der saudi-arabischen Botschaft in Teheran. Lediglich die Vertreter des Libanon unterschrieben die Erklärung nicht, aus Rücksicht auf die in der libanesischen Regierung vertretene Hisbollah.

Saudi-Arabien ist ein Verbündeter des Westens, war dies schon im Kalten Krieg und davor eigentlich auch, beginnend mit dem Arabischen Aufstand im 1. WK. Und blieb es im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie. Der wichtigste Verbündete von USA, Israel, EU,… in der Region (“Naher”/ ”Mittlerer Osten”). Man unterhält ausgezeichnete wirtschaftliche Beziehungen, seit Jahrzehnten, verlässt sich auf das saudische Regime. Trotz dem, was es für die eigene Bevölkerung bedeutet, die Region und den weltweiten Islam(ismus). Wie gesagt, saudisches Öl her, deutsche Rüstungsgüter hin,… Der Hegemonialstreit Saudi-Arabiens mit der Islamischen Republik Iran verstärkte die westliche Unterstützung der Saudis.(20) Die Saud-Monarchie ist neben Israel die wichtigste Stütze der von der USA geführten globalen Ordnung in der Region. Es existiert eine Art Dreieck USA (Trump) – Israel (Netanyahu) – Saudi-Arabien (MBS).

Der Charakter des Regimes? Menschenrechte, von Saudi-Arabern und Anderen? Der britische Premier (10-16) Cameron: „Saudi-Arabien ist wichtig für unsere Sicherheit“. Seine Nachfolgerin May hat König Salman und dessen Kronprinzen ihre Aufwartung gemacht, versucht, diese nach dem Iran-Atom-Abkommen zu besänftigen. 2018 Verwerfungen zwischen Canada und KSA; Auslöser war ein kritischer Tweet der kanadischen Aussenministerin Freeland zur Festnahme von Menschenrechtsaktivisten in Saudi-Arabien. Riad wies den kanadischen Botschafter aus und zog seinen Botschafter aus Ottawa zurück… Die saudische Prinzessin Sara, Enkelin vom verstorbenen König Abdullah, hat für sich und ihre Kinder in GB um politisches Asyl angesucht; damit einen diplomatischen Eklat zwischen den Staaten bewirkt. Nur nicht die Saudis vergraulen. Bald nach dem Khashoggi-Mord ist Mohammed bin Salman beim G-20-Gipfel in Buenos Aires ein freundlicher Empfang bereitet worden; er ist auf der internationalen Bühne alles andere als isoliert.   

Ob Trump das Weisse Haus in Washington im Jänner 2021 verlassen wird, was er aufgrund des Ergebnisses der Wahl vor Kurzem eigentlich müsste, sei einmal dahin gestellt. „Trat das amerikanische Imperium nach dem 11. September 2001 zeitweilig als Hypermacht auf, so erwies sich doch recht schnell, dass die USA lediglich in ihre Supernova-Phase eingetreten war: maximale Ausdehnung als Vorstufe des nahenden Kollapses“, so Bernd Ulrich in seinem Buch „Guten Morgen, Abendland“ (2017). Donald Trump bekennt sich stärker als seine Vorgänger zu einem US-amerikanischen Egoismus(21), spielt weniger den Retter der Welt und ihrer Menschen.(22)

Von ihm kamen, hauptsächlich in seinem ersten Präsidentschafts-Wahlkampf 16, grosse Anti-Islam(ismus)-Sprüche. In Riad war man mit seiner Wahl mehr als zufrieden. Als Präsident kam von ihm Geld für die Saudis, Abkommen und Säbeltanz mit diesen – und Saudi-Arabien wird auch weiterhin als Verbündeter des Westens gegen den islamistischen Terror behandelt. Bei seinem Besuch in Riad ’17 hiess es nicht mehr „der Islam hasst uns“ wie im Wahlkampf, seine Berater hatten ihm eine „Grundsatzrede“ über den Islam und die „Bekämpfung des Terrorismus'“ geschrieben. Forderte islamische Staaten auf, mit der USA zusammen zu arbeiten und „Terroristen zu vertreiben“. Welche Gruppen seine Gastgeber in Syrien und Irak unterstützen oder welchen Islam sie weltweit propagieren, hat er natürlich nicht angesprochen. Oder dass der islamistische Terror personell und inhaltlich jenen Kräften (bzw jenem Islam) entsprang, die (den) man in den 1980ern in Afghanistan unterstützte. Über die Widersprüche dabei, Saudi-Arabien als Verbündeten gegen islamistischen Terrorismus zu behandeln, auch hier.

Von Riad reiste Trump im Mai ’17 dann weiter nach Israel (seine erste Auslandsreise). Richtete dort wie schon zuvor harte Worte an den Iran. Das Land müsse „mit der Finanzierung, der Ausbildung und der Ausrüstung von Terroristen und Milizen“ umgehend aufhören.(22) Der westliche „Kampf gegen Islamismus“ ist allgegenwärtig, aber Saudi-Arabien, das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird gefördert. Das repressivste und rückständigste Regime der Region wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen.

Daran ändert auch nicht, dass es seit 9/11 ein gewisses Umdenken gegeben hat, man über Zustände in „der Region“ (Westasien/Nordafrika) den Kopf schüttelt. Siehe die Ausführungen von Bush II, oben. Man (be)klagt (über) arabische Diktaturen und unterstützt die repressivste – wenn es den eigenen Zielen dient. Dass der Westen in dieser Region Demokratie(sierung) nie wirklich unterstützt hat, dazu noch mehr. Trump (von dem grosse Worte gegen Islamismus kommen) ist einer Jener, die die Pseudo-Reform-Schritte von MBS in KSA loben, die vielen “Rückschritte” unter ihm un-kommentiert lassen. Die Geschlechtertrennung in Restaurants wurde aufgehoben, wow. Daran zeigt sich auch Heuchelei in der Kritik am iranischen Regime, die hauptsächlich mit „Menschenrechtsbedenken“ geführt wird.

Die Massenhinrichtung von 47 Menschen an einem Tag in Jänner 2016 stellte Manche im Westen vor ein Dilemma, aufgrund des nach aussen propagierten Bildes von sich (Kämpfer gegen Islamismus und für Menschenrechte). So einfach lassen sich die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien nicht mehr ignorieren oder verharmlosen. Oder nach der Ermordung Khashoggis, der Bestrafung des Bloggers Raif Badawi. Ali al Nimr, der ebenfalls der saudi-arabischen Opposition angehört, ist weiterhin inhaftiert, kann jederzeit hingerichtet werden. Wird der Westen Leute wie Badawi, Qahtani, Huwaider unterstützen, oder doch die Saud-Familie? Das Saudi-Arabien das Badawi will, und jenes das MBS will… Werden auch hier Menschenrechte für „höhere“ Interessen verhandelt (bzw geopfert) werden? Wird weiter weggeschaut und beschwichtigt werden?

Der Absolutismus oder die Frauen-Unterdrückung, die man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hat, was „Westisten“ immer zum Imperatif für den „Orient“ machen > aber wenn dort etwas unternommen wird in die Richtung…  Dass die aus Angst vor ihrer Familie geflohene Saudi-Araberin Rahaf Mohammed al-Kunun 2019 über Thailand nach Canada ausreiste, hat das „bereits angespannte Verhältnis“ zwischen Saudi-Arabien und Canada „zusätzlich belastet“. Manche schauten etwas betreten. Man muss „im Gespräch bleiben“, die “Stabilität der Region“ im Auge behalten, die „Reformen“ von König und Kronprinz würdigen. Jene die posaunen, es müsse hier und dort „Position bezogen und gehandelt“ werden(23), hat es die Sprache verschlagen, wenn die Opfer nicht in ihr Konzept passen.

Auf der einen Seite Anna Politkovskaja, Alexander Litvinenko, Boris Nemzov, Deniz Yücel, Neda Agha-Soltan, Liu Xiaobo,…, auf der anderen Jamal Khashoggi, Nimr al-Nimr, Raif Badawi, oder Ahed Tamimi. Dissident ist nicht gleich Dissident, Oppositioneller nicht gleich Oppositioneller, Zivilist nicht gleich Zivilist, Journalist nicht gleich Journalist, politischer Gefangener nicht gleich politischer Gefangener. Manchmal muss man halt ein Auge zudrücken (oder die Schuld umkehren). Jürgen Todenhöfer: Wäre Syrien ein USA-Verbündeter, könnte es sich noch eine viel brutalere Diktatur leisten. Dann hätte es auch nicht so einen heuchlerischen Aufschrei gegeben wie beim mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regimes 2013. 

Die guten Beziehungen Saudi-Arabiens zum Westen beruhen auf Geschäften und Geopolitik, nicht auf Werten. Entgegen der grossen Töne zB von Frau Merkel, „westliche Werte“ seien nicht verhandelbar. Dass Saudi-Arabien Partner des Westens ist, entlastet nicht Saudi-Arabien, sondern belastet den Westen.(25) Was gegenüber dem Iran angeführt wird, Menschenrechte, Demokratie, Säkularismus, Minderheitenrechte, Nicht-Einmischung in andere Staaten, wird Saudi-Arabien mehr oder weniger erlassen, für wirtschaftliche und strategische Interessen. Diese Diskrepanz zeigt eben auch, was sich mitunter so hinter der „Unterstützung“ des iranischen Widerstands verbirgt bzw hinter der Gegnerschaft zum iranischen Regime…

In „Der Standard“ schrieb Einer, „…Wenn es um den Freiheitskampf im Iran geht, stecken weite Teile der österreichischen Linken ihre Köpfe in den Sand. Und das ist der eigentliche Abgesang auf die viel beschworenen europäischen Werte. Auf die der Linken sowieso…“. Derselbe promotet (passenderweise) auch Mossab H. Yousef, jenen Alibi-Palästinenser der ja gegen palästinensische Belange angeführt wird, kommt ggü Ron Paul bezüglich dessen Haltung zum Iran mit dem „Appeasement“-Vorwurf, ist auch einer jenen, die hiesigen Rechtsextremismus gerne auf den islamischen Raum abwälzen würden… Oh, und Andreas Koller („Salzburger Nachrichten“), der zB von „Werten und Freiheiten, um die unsere Vorfahren jahrhundertelang gekämpft haben“ schreibt, was sagt er zu den Zuständen in Saudi-Arabien und dem was dessen Regime in der Region und der Welt so treibt?(26)

„Saudi-Arabien ist wichtig für Stabilität in Region“, und für das grosse Geschäft. Wenige sind so offen wie der US-amerikanische republikanische Abgeordnete Dana Rohrabacher. Der hat angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinweg zu schauen, aufgrund der nationalen Interessen der USA. Er unterstützt auch die Aufhetzung von ethnischen Minderheiten im Iran (darunter die belutschische Jundullah) und natürlich die Unterstützung der Volksmujahedin (bzw ihre Verwendung als Instrument in/gegen Iran). Pseudo-Linke im deutsch-österreichischen Raum führen auch „Homosexuellenrechte“ im Iran für ihre Kriegskampagne(n) an, Saudi-Arabien ist diesbezüglich kein Thema, und jetzt, wo Saudi-Arabien vollends Partner Israels wird, schon gar nicht.

Die zurückgebliebenen Orientalen aus ihrer “selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien, sie am “Licht der westlichen Aufklärung” teilhaben zu lassen“, so und so ähnlich wird gerne postuliert in diesen Zeiten. Aber mit Saudi-Arabien und seiner Diktatur wollen wir mal nicht so streng sein, und mit „unseren Werten“ etwas flexibler sein. Der exil-syrische Autor „Adonis“ thematisierte die westliche Unterstützung von Saudi-Arabien, nennt sie als Mitgrund von Islamismus und Terrorismus. Einer wie er bekommt nie die „Aufmerksamkeit“ eines Mossab H. Yousef (oder H. Abdelsamad,…), seine Analysen sind nicht so „angenehm“. Als vor nicht allzu langer Zeit Vertreter von Saudi-Arabien in eine UN-Kommission für Frauenrechte gewählt wurde, hat unwatch, das die UN im Sinne Israels kritisiert, das (noch) aufgegriffen, für seine Kampagne benutzt, Aufmerksamkeit von Medien dafür bekommen (zB orf.at).

Die Entwicklung wird aber dahin gehen, dass die Unterstützer Israels Derartiges (wie Frauenrechte in Saudi-Arabien und ihre Unterdrückung) nicht mehr als Beleg für die Verdorbenheit dieser Region, die falsche westliche Politik dieser gegenüber und die Unrechtmäßigkeit palästinensischer Anliegen anführen werden, sondern davor die Augen zudrücken bzw noch aggressiver davon abzulenken versuchen.(27) Auch gegenüber der Türkei und Erdogan wird gerne skandalisiert, kommen grosse Töne. Natürlich auch von Sebastian Kurz. Im Streit der Türkei mit Griechenland und Zypern über die Erforschung von Erdgasfeldern im östlichen Mittelmeer, sagte Kurz, die EU dürfe „nicht wegsehen“, sondern „klar reagieren“, dem türkischen Präsidenten Recep T. Erdogan „rote Linien aufzeigen“, „mit Sanktionen gegenüber der Türkei agieren“. Nicht wegsehen, rote Linien aufzeigen, mit Sanktionen agieren…

Die Inkosequenz/Inkonsistenz von Politikern wie Kurz zeigt sich ja nicht nur bei der Politik ggü Saudi-Arabien – griechische Belange werden natürlich nie und nimmer auf ganzer Linie unterstützt, darüber hier Einiges (in Zusammenhang mit Kurz‘ Vizekanzler Strache), hier und hier. Saudi-Arabien und die mit ihm verbündeten Staaten der sunnitischen Achse sind die „moderaten arabischen Staaten“. Was beim Iran, der Türkei oder den Palästinensern skandalisiert wird, bleibt dort unangetastet bzw wird verharmlost. Da wird weg geschaut. In der Gegnerschaft zum Atomabkommen der führenden Westmächte mit dem Iran waren/sind sich die Hardliner des iranischen Regimes, die Saudis, andere Salafisten, manche (exil-) iranische Gegner der Islamischen Republik Iran, Israel und seine Unterstützer, der rechte Rand der Democratic Party in der USA sowie die Republican Party, Islamophobe (von den Evangelikalen bis zu den „Anti“deutschen)(28) im Westen,… einig.

Der israelische Historiker (iranischer Herkunft) David Menashri hat ja nicht Unrecht wenn er sagt: „Iran is in a compromising geo-strategic position, sandwiched between a nuclear Pakistan and a politically decapitated and quasi-anarchical Iraq“. Plus Saudi-Arabien in der Nachbarschaft, das sich mit der USA, Israel,… gegen ihn verbündet. Dass grosse Teile des Westens mit Saudi-Arabien und der sunnitisch-arabischen „Welt“ gemeinsame Sache gegen den Iran machen, zeigt auch, was von den „Menschenrechts“-„Begründungen“ für einen Krieg (gegen Iran) zu halten ist. Und, manchen dieser „Parteien“ geht es bei der Gegnerschaft zum Iran um mehr als nur das schiitisch-fundamentalistische Regime Irans – Saudi-Arabien auf jeden Fall…

Der iranische Aktivist Taghi Rahmani nach der Hinrichtung des Ringers Navid Afkari durch das Regime: „Eine robuste Zivilgesellschaft ist die Essenz von Demokratie“. Im Iran gibt es das ansatzweise, trotz der islamistischen Diktatur (bzw gegen diese). Aber auch wenn man vergleicht, was das Regime zulässt, fällt der Vergleich nicht zum Vorteil von Saudi-Arabien aus. Die Kandidaten für Parlamentswahlen werden zwar im Vorhinein ausgesiebt und Parlamentsbeschlüsse können leicht vom (nicht gewählten) Wächterrat umgestossen werden, aber zumindest gibt es solche Wahlen. Auch bei den Einschränkungen für Frauen und Nicht-Moslems ist es so: Das Land mit den fehlenden Kirchen ist Saudi-Arabien, nicht Iran.(29) Wie kann also die westliche Unterstützung Saudi-Arabiens damit rechtfertigt werden, dass dieser Staat (und sein Einfluss) das kleinere Übel ist?

Was die „Befreiung Irans“ betrifft (siehe hier und hier)(30), lohnt sich zum Einen ein Blick auf Allianzen die sich da auftun. Die iranischen Volksmujahedin/ Mujahedin-e Kalq/ MEK sind für Neokonservative im Westen der wichtigste Partner unter Iranern dafür geworden. 2017 trat auf einer MEK-Veranstaltung in Paris neben John Bolton, Rudolph Giuliani, Joseph Lieberman, Newt(on) Gingrich, Joseph Lieberman, Rudolph Giuliani auch der saudi-arabische Prinz Turki Bin Faisal al Saud auf (langjähriger Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes,…). Zum Anderen sollte man sich den Diskurs um die „Befreiung Iraks“ durch den Bush-Krieg 2003 ansehen. Die Hofierung eines Regimes und seiner terroristischen Ziele hat der Westen beim Baath-Regime Saddam Husseins über den Irak in den 1980ern(31) betrieben wie heute gegenüber Saudi-Arabien. Saddam wurde von der USA unterstützt, Qasim von ihr gestürzt

Jene im Westen, die die USA-Militärintervention gegen Irak 1991 und 2003 bejubelten (wie Enzensberger, Giordano und viele andere Ex-Linke), verdrängen das (1963 und die 1980er). Auf Youtube schrieb Einer (über Hussein): „Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.“ Nun ja, es sind ja Leute aus dem Baath-Regime, die sich mit anderen sunnitischen arabischen Irakern und ausländischen Freiwilligen dem IS und ähnlichen Gruppen dort angeschlossen haben, sie unterstützen. Welche salafistischen Gruppen Saudi-Arabien in Irak, Syrien,… wirklich unterstützt, sei dahin gestellt, die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien allein sagt schon genug aus. Der IS sieht die Islamische Republik Iran jedenfalls als eben so grossen Gegner wie die USA und manche ihrer Verbündeten.(32)

Die unter Bush junior regierenden Neocons haben sich inzwischen fast alle von ihrem Krieg distanziert. Und Trump hat gesagt, der Welt ginge es heute zu „100 Prozent besser“, wenn Saddam Hussein nicht gestürzt worden wären… Gegnerschaft zu dem Krieg, den USA und Verbündete (wie Saudi-Arabien) 03 gegen Irak führten, wurde als „antiamerikanisch“ und letztlich „antiisraelisch“, „antisemitisch“ gebrandmarkt; trifft auch für den Krieg 91 zu. Der Iran (bzw die Islamische Republik Iran) profitierte vom Krieg 03 und dem Machtwechsel im Irak, obwohl Bush, wie auch Trump jetzt, den Iran dann als Hauptgegner sah. Inwiefern die Politik der schiitisch dominierten irakischen Regierungen wie jener Malikis Iraker in die „Arme“ von Daesh/IS „trieb“, sei auch dahin gestellt. Aber, Alle machen sich die Diktatur im Iran zu Nutze, ignorieren jene Saudi-Arabiens. Jeder Kampf gegen Islamismus kapituliert vor Saudi-Arabien, scheitert daran.

Von Netanyahu über Missfelder bis Osten-Sacken, jene die sich als entschiedenste Kämpfer gegen Islamismus stilisieren, sind in der Regel Saudi-Unterstützer…und (damit) Islamismus-Verharmloser. Da wird über „die Lüge vom friedlichen Islam“ gewettert (der saudische ist sicher kein friedlicher), über Kulturrelativismus – und dann werden weltanschauliche Postulate aus opportunistischen Erwägungen aufgegeben. Gerne wird das mit dem „Wohl Israels“ argumentiert, wie bei Missfelder. Zum Einen wird immer wieder vorgegeben, dass alle „emanzipativen“ Bestrebungen in dieser Region im Sinne Israels seien, zum Anderen heisst es dann, das Wohl von Saudi-Arabien (der rückständigste Staat der Region was Freiheiten betrifft) sei im Sinne Israels. Und wenn sich Leute in der Region für Demokratie und Freiheiten erheben, wird das in der Regel als Bedrohung gesehen/dargestellt.  

Wie bei Ägypten. Mursi und die Moslembrüder die im Zuge der Revolution in Ägypten an die Macht kamen (durch eine Wahl), verkörpern aber viel weniger den islamischen Faschismus (von dem man öfters schreibt) als der Wahhabismus und andere Erscheinungsformen des Salafismus. Diesen, der in Saudi-Arabien bei Wahlen nicht eingeschränkt werden kann, hätschelt man. Als Mursi in Berlin war, wurde er auf Menschenrechte in Ägypten unter ihm „angesprochen“ – Mubarak musste sich nicht rechtfertigen, und die Sauds brauchen bei einer Merkel diesbezüglich auch keine Angst haben. Entsprechende doppelte Standards kann man bezüglich Rohani oder Erdogan ausmachen. Hinter westlichem „Menschenrechts-Engagement“ steckt in der Regel etwas Anderes und „westliche Werte“ sind verhandelbar.

Der britische Offizier Richard Kemp, an der Besatzung von Nordirland oder Irak beteiligt(33), Geheimdienst-Berater der britischen Regierung, christlicher Zionist und Israel-Lobbyist, verteidigt Saudi-Arabien bzw die westliche Zusammenarbeit mit ihm vor diesem seinen Hintergrund: „Wir schätzen ihr System nicht, aber sie haben Öl und sie helfen uns gegen Feinde“. Grigat oder jemand aus dieser Ecke (der „linken“ Israel-Freunde, im deutschsprachigen Raum): „Die öffentlichen Reaktionen im Karikaturenstreit und die juristische Praxis bei Ehrenmorden und Zwangsheiraten in Europa zeigen das Unvermögen und den Unwillen, Tendenzen der Barbarisierung entschieden entgegenzutreten.“ Da ist das Mokieren über „Dialog“ (mit Vertretern anderen Kulturen) und das Aufdeckungsgetue bezüglich der „Doppelzüngigkeit“ der Orientalen und der „medialen Herumdruckserei“.

Die vorgebliche Gegnerschaft/Bekämpfung von „islamischem Faschismus“ und „Kulturrelativismus“… Bei einer Veranstaltung von Stop drop the bomb“ ’07 (veranstaltet von „Cafe critique“ und IKG Wien) etwa, Grigat „Moderator“ einer „Podiumsdiskussion“ zum Thema „Wie kann der islamische Faschismus bekämpft werden?“. Auch um „Kulturrelativismus“ ging es dort; wobei das „westliche Kultur zur Norm machen“ in diesen Kreisen bald an Grenzen stösst. Gut, in diesem Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen (das Gefühl der westlichen Überlegenheit und das damit verbundene Anspruchsdenken wird heute nicht mehr rassisch argumentiert); den “Nicht-Weissen” wird meist (theoretisch) “zugestanden”, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. Doch da gibt es Stolpersteine

Es wird ja nicht nur aus diesem Lager der Brückenbau in’s rechte versucht(34), sondern auch vice versa.(35) Bei den rechtskonservativen Kulturkämpfern (und auch unter linksliberalen gibt es solche…) sieht man aber auch Penis-Beschneidung und Schächten als orientalische Unsitten. Zu Zeiten der Kurz-Strache-Regierung wurde über ein Verbot des Schächtens diskutiert, Kanzleramtsminister Blümel (Kurz‘ „rechte Hand“) beruhigte schnell, redete von „jüdisch-christlichen Wurzeln“, „jüdischen Mitbürgern“, „verteidigen“,… Die Kurz-ÖVP ist ja sauber, genau wie die Strache-FPÖ.

Doch, was SIND unsere „Standards“, „Normen“,…? Das was die Einen hochhalten, ist für die Anderen die „grosse Verschwulung“, siehe Broder(36), Fest, Pirincci, Matussek,… Ökologie-Bewusstsein etwa? Man muss sich nur die Thunberg-Hasser ansehen. Es gibt auch innerhalb des rechten politischen Spektrums eine Dichothomie, jene zwischen Orban/FIDESZ (und Ähnlichen) und dem Mainstream der Europäischen Volkspartei (bzw den Haltungen/Ansichten dieser). Bei „Dropthebomb“ wurden anfangs Homosexuelle unter Iranern und „Orientalen“ übergross herausgestrichen (und dass man sich für diese engagieren würde), weil man noch keine „Verbündeten“ unter (Exil-) Iranern hatte. Später (nun hatte man die Mujahedin-e Kalq, einige Monarchisten, Nationalisten, Kurden,…) wurde das dann etwas unter den Tisch gekehrt, auch weil manche dieser „iranischen Verbündeten“ nicht sehr glücklich waren damit…

Bezüglich Saudi-Arabien spielt so etwas gar keine Rolle. Saudi-Araber, die sich kritisch mit dem Islam und dem Regime ihres Landes auseinandersetzen, treten in solchen Kreisen nicht auf, das verlangt man auch nicht von ihnen. Saudi-Arabien ist ja nun nicht nur ein Verbündeter des Westens, sondern auch Israels. Darüber versucht man sich (bei „Drop“ zB) hinweg zu schwindeln. Iranische Kurden präsentiert man dort auch stolz als „Verbündete“, die iranischen Belutschen von der Jundullah die (von Israel,…) auch unterstützt werden, eher nicht. Es gibt bei „Dropthebomb“ Jene, die sagen, dass die Iraner für „ihr“ Regime verantwortlich seien und nicht anders als dieses seien (Morris, Schirra,…) und Jene (seit 09, Ostensacken, Grigat,…) die sagen dass die/viele Iraner für „ihre Befreiung“ seien. Beides wurde/wird angeführt für einen Krieg gegen Iran.

Man beachte auch weitere Widersprüche dort. Zum Einen Grigat und was er über das angebliche Hochhalten von Universalismus sagt, etwa wenn er Frauenrechte im Iran anführt für seine Kampagne. Und zum Anderen Ariel Muzicant (wie gesagt, die IKG Wien unterstützt „Stopthebomb“) und was er über „Orientale“ sagt; einige seiner Aussagen hier. Zum Beispiel: „Sensibel kann man vorgehen, wenn man in Mitteleuropa lebt. Im Nahen Osten wird ein sensibles Vorgehen als Schwäche ausgelegt“ – dort sind andere Massstäbe anzulegen. Oder, zu einem Interviewer: „Sie und andere Träumer gehen immer davon aus, dass man mitteleuropäische Konzepte auf den Nahen Osten übertragen kann“. Zum Arabischen Frühling: „Normalerweise führen Demokratien zu weniger Kriegen, aber bei dem, was wir jetzt sehen, sind wir von Demokratie noch Lichtjahre entfernt“.

Es gibt eine lange Geschichte der westlichen Unterstützung für Diktaturen, inner- und ausserhalb der „islamischen Welt“, gegen Demokraten. „Zuverlässige“ Diktaturen installieren oder aufrecht erhalten (wie jene Mubaraks, der Muzicant in einem der oben angerissenen Interviews nachtrauerte), entspricht eher den Realitäten als das Gerede von „Demokratie und Menschenrechten“, die man verbreiten möchte. Dann wird auch wieder “der Westen” geschlossen gegen “den Orient” in Stellung gebracht, gegenüber gestellt. Bei einer Veranstaltung von Stopthebomb/den „Anti“deutschen/ den Israel-Freunden in Wien 2003 („Remember Ground Zero“) hat Simone D. Hartmann, Grigats Partnerin in mehrfacher Hinsicht, u.a. gesagt: „…wird die Diskrepanz zwischen jenen, die trotz aller Widrigkeiten das Leben hochhalten, und jenen, die allein im Tod die Erfüllung finden, nur noch deutlicher.“ Es geht dabei um Israel (bzw Juden) und seine palästinensischen „Nachbarn“ (Unterworfenen), bzw Moslems.(37)

Das Anlegen universeller Standards für Palästina/Israel wird ohnehin als „Antisemitismus“ ausgelegt, das hat sich auch kürzlich beim „Shitstorm“ gegen Achille Mbembe gezeigt. „Humanitärer Interventionismus“ fängt nach der westlichen Unterstützung für Saddam Hussein an und hört vor Abu Ghraib auf. Aber: Wenn es darum geht, eine westliche Militärintervention in Syrien zu erreichen, zählen auch jene Syrer die Opfer eines Giftgasangriffs geworden sein sollen, und wie. Zurück zu Saudi-Arabien: Der US-amerikanische Politiker Thomas „Tom“ Tancredo (Republican Party), er hat sich ’08 für die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei beworben, hat „Amerika“ beschworen, nicht der „Verführung des Multikulturalismus“ zu erliegen und bezeichnete den Islam als „Zivilisation darauf erpicht, unsere zu zerstören“.(38)

2005 hat Tancredo vorgeschlagen, auf künftige terroristische Angriffe mit Bombenangriffen auf Mekka zu reagieren, auch mit Atombomben. McCain, gegen den er 08 die Nominierung verlor, hat lieber „Bomb, bomb Iran“ gesungen und gedroht. Bezüglich „Multikulturalismus“ ist Saudi-Arabien ja nun ganz und gar nicht „verführt“ worden. Hinzuweisen ist noch auf die Formulierung „unsere Zivilisation“, was ja die Frage der Abgrenzung aufwirft > wer genau sind die Anderen und was Alles gilt nicht für sie? Jedenfalls, die Verbindung der USA mit Saudi-Arabien steht ausser Frage, welcher US-amerikanische Spitzenpolitiker wagt es, daran zu zweifeln? Trump redet vom Bekämpfen des Islam(ismu)s, und fördert KSA massiv. Aus diesem Artikel: Es heisst, Trump hat ein Foto von Afghanistan in den 70ern zu Gesicht bekommen, mit Frauen in Miniröcken, und danach beschlossen, das USA-Militär dort stärker „zu unterstützen“. Abgesehen von den Gedanken, die jemandem wie ihm beim Anblick leicht bekleideter Frauen durch den Kopf gehen müssen:

Es war die Politik der USA gewesen, fortschrittliche Entwicklungen in Afghanistan (wie Erhöhung des Mindestalters von Frauen bei Heiraten) abzuwürgen, in dem man die islamistischen Mujahedin gegen die Kommunisten unterstützte… Und Saudi-Arabien, damals am begeistertsten und tatkräftigsten beim Rückschritt in Afghanistan beteiligt, ist auch jetzt (noch) wichtigster Verbündeter der USA in der Region. In den 1980ern war in der saudi-arabischen Unterstützung der Islamisten in Afghanistan gegen die Kommunisten noch kein Widerspruch zur westlichen Politik, zog man offen an einem Strang. Die Regierung von George Bush junior rechtfertigte den Krieg gegen Afghanistan dann auch als Befreiung der Musliminnen, die Regierung der sein Vater George Bush senior als Vizepräsident angehörte, hatte die Unterstützung dieser Islamisten als „Befreiung der Afghanen“ deklariert.

Einerseits sind Saudi-Araber und ihre Kultur die Personifizierungen der von Islamophoben verachteten arabischen Kultur(39), Archetypus des rückständigen Orientalen, andererseits sind diese ihre Verbündeten in der Region. Daran ändert, in Zeiten des islamistischen Terrors, auch nichts, dass Saudi-Arabien zumindest den theoretischen Unterbau dafür verbreitet. Manche sind, aus unterschiedlichen Gründen, über diesen Fanatismus und Rückständigkeit auch froh…(40) Saudi-Arabien, der ewige problematische Verbündete des Westens, der USA. Hillary Clinton fädelte als Aussenministerin (09-13) den grössten Waffen-Deal in der Geschichte ein, über 80 Milliarden Dollar. Diese Waffen werden mittlerweile in verschiedenen Gegenden der Region eingesetzt. Damit die Kritik auch nicht zu stark ausfällt, „investiert“ das Saudi-Regime einen Teil seines Budgets in US-amerikanische Medien.

Islamisten wie Islamophobe sind gegen eine (echte) Demokratisierung der Region Westasien-Nordafrika, Demokratie wird von ihnen als Gefahr angesehen. Noam Chomsky: „Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern. Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‚Bedrohung‘ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten“. Eben, der Westen setzte oft auf rückständige Moslems gegen fortschrittliche, etwa in Afghanistan in den 1980ern, wo man ruralen tribal geprägten „Traditionalisten“ zum Sieg über die urbane Intelligenz verholfen hat. Wenn man sich Ägypten ansieht: Die Phase von der nominellen Unabhängigkeit 1922 bis zur Revolution 1952 war gekennzeichnet von einem „Macht-Dreieck“ zwischen dem Königshaus, den Briten und der Wafd-Partei (die wichtigste Partei, stellte mehrere Premiers).

Die Wahlen dieser Zeit waren relativ frei und fair (Moslembrüder sowie Linke waren gebannt), aber sie brachten wenig Macht für Regierungen und Parlamente. Jemand hat gesagt, Gamal A. Nassers Geringschätzung von Parteien ist nicht so sonderbar angesichts der ägyptischen Erfahrung in dieser semi-unabhängigen und semi-demokratischen Phase. Später hat man dann mit aller Macht Hosni Mubarak und sein Regime an der Macht zu halten versucht. Wie soll in dieser Region Demokratie eingeführt werden, nach einer Erfahrung wie dem Umgang mit den Wahlen von 2011/12 (mit Siegen für die Moslembrüder), die zu einem Putsch und einer schärferen Diktatur führte? Dieser Putsch wurde u.a. von Saudi-Arabien ermöglicht. Und die Bekämpfung von Terrorismus…

Beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga 2014 (nach dem Sisi-Putsch) haben Vertreter des Regimes über Ägypten die anderen Staaten um Unterstützung „im Kampf gegen den Terrorismus“ gebeten. Zuvor waren dort im Zuge eines Massenprozesses 529 Anhänger der Moslembruderschaft zum Tode verurteilt worden waren, grösstenteils unter dem Terrorismus-Vorwurf. Ägypten war auch einer der Staaten, der sich dagegen wehrte, dass der Sitz Syriens der syrischen Exilregierung zugebilligt. Nun ja, dort sind auch Demokraten vertreten, nicht nur der Nusra-Front Nahestehende. 

Die Unterstützung Saudi-Arabiens reiht sich ein in die Politik des Westens (insbesondere der USA) in dieser Region, und in seine Doppelzüngigkeit bezüglich der Verbreitung von Demokratie. Steht in einer Linie mit der europäischen Unterwerfung der Welt in der Neuzeit, den Weltkriegen, Faschismus, der Unterstützung des Franco-Regimes nach dem 2. WK, des Regimes von Mobutu in „Zaire“, Pinochet,… Die nicht-weisse/-westliche Welt müsse zuerst die Aufklärung nachholen, auf eine Stufe mit dem Westen kommen, heisst es. Patrice Lumumba etwa hat aber Jean-Jacques Rousseau und „Voltaire“ gelesen – dass man die Ideale der Aufklärung „solchen wie ihm“ nicht zugebilligt hat, das war hier der „Punkt“. Bei Mohammed Mossadegh im Iran oder Babrak Karmal in Afghanistan, wo es nicht nur nicht um die Beförderung islamistischer Agenden ging, sondern sogar gegen diese, wurde die Gegenseite unterstützt.

Nicolas Sarkozy, der sich als so kämpferisch gegen Islamismus gibt, hofierte als Präsident die nordafrikanischen Diktatoren Mubarak, Gaddaffi, Ben Ali. Nach Ausbruch des Aufstands in Libyen 2011 initiierte er den westlichen Militäreinsatz dort – auf Seiten der Gaddaffi-Gegner…(41) Die SU-Nachfolgestaaten Aserbeidschan und Usbekistan sind zwei weitere islamische Staaten, in denen der Westen das Regime gewähren lässt, aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen. Eine Diktatur ist „dem Westen“ egal, solange sie nicht gewisse Interessen berührt, er hat selbst oft genug eine solche errichtet. Und umgekehrt, eine Demokratie wird bekämpft, wenn sie wirtschaftliche oder strategische Interessen berührt.

Auch Pakistan ist ein Alliierter der USA. Wenn man so will, gibt es hier ein Dreieck mit Saudi-Arabien, das zu beiden Staaten enge Beziehungen hat. In den 1980ern hat man ja bezüglich Afghanistan zusammengearbeitet. Als Muhammad Zia-ul-Haq Herrscher Pakistans war, nach dem Militär-Putsch gegen Zulfikar Bhutto 1977. Bhutto, der Vater von Benazir, war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans.(42) Zia blieb Herrscher bis 88, arbeitete mit der Reagan-Administration zusammen, bei der Unterstützung von Islamisten gegen Afghanistan. Unter Reagan wurde Pakistan unter Zia zur „Frontlinie“ im Kampf gegen die „Bedrohung des Kommunismus“ erklärt.

Pakistans Militärdiktator Zia-ul-Haq hat dem ultrakonservativen saudischen Islam auch in “seinem” Land Tür und Tor geöffnet. Damals wie heute mächtig war der Geheimdienst ISI (Urdu: بین الخدماتی استخبارات‎); dieser unterstützte später die Taliban, gründete Lashkar-e Toiba,… Der gestürzte Militärdiktator Musharraf verteidigte Lashkar-e Toiba von seinem Exil in VAE aus weiter, er ist gleichzeitig pro-USA. Die enge Beziehung zwischen Pakistan und Saudi-Arabien ist in den letzten Monaten etwas „abgekühlt“, weil man in Islamabad der Meinung ist, dass Riad sich zu wenig für die moslemische Bevölkerung in Kaschmir (bzw gegen Indien) einsetzt, siehe hier

Nun zu den beiden Theokratien Iran und Saudi-Arabien, und den Umgang mit ihnen. Und der Beziehung dieser Länder zu einander in modernen Zeiten. In den 1920ern, als Reza Khan die Pahlavi-Dynastie gründete und sich zum Schah machte (anstatt des letzten Kadscharen, Ahmad), den modernen Iran schuf, war Abdulaziz al Saud (Ibn Saud) dabei, auf der Arabischen Halbinsel Saudi-Arabien zu schaffen. Ibn Saud, damals Sultan von Najd, beglückwünschte Schah Reza Pahlevi 1925 und versprach, persische Pilger im Hejaz zu schützen. Bereits im Jahr 1926 kam es jedoch zu einem Zwischenfall, bei dem Truppen der Ichwān schiitische Pilger in Mekka angriffen, die gerade ein Aschura-Ritual abhielten. Persien sandte ein Protestschreiben mit einer scharfen Verurteilung des Wahhabismus. Beide Länder bekamen Grossbritannien, dann die USA als „Vormund“. Der Iran und Saudi-Arabien standen im Kalten Krieg auf der selben Seite, bis zur Revolution im Iran 1979.

Anfang des 3. Jahrtausends verschlechterte sich das Verhältnis erneut, besonders seit dem „MBS“ de facto Saudi-Arabien regiert. Das Meiste was im Iran infolge der „Islamischen Revolution“ über das Land kam, war/ist in Saudi-Arabien selbstverständlich, zT noch viel Strengeres. Saudi-Arabien ragt auch in seiner unmittelbaren Region negativ heraus. In den Staaten am Arabisch-Persischen Golf (Ost-Arabien) gibt es zT Baha’i und Christen, in der Regel mehr Freiheiten für die Bevölkerung. Gerade UAE ist relativ fortschrittlich. Jemen in Süd-Arabien hat eine alte Kultur, aber keinen inneren Frieden, auch weil Saudi-Arabien dort immer wieder interveniert, zur Zeit auch der Iran.

contradictionary: „Die grüne Bewegung bleibt … Ausdruck, welche Hoffnung viele IranerInnen nach wie vor in systemkonforme Kandidaten setzen. Das die Wahlen manipuliert wurden – ob wahlentscheidend oder nicht – ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass selbst innerhalb der eng abgesteckten Parametern ‚islam-republikanischer Demokratie‘ etwas zur Wahl steht, wenn die IranerInnen alle vier Jahre ihren Präsidenten mitbestimmen und (jeweils zwei Jahre später) das Parlament bestellen.“ Die Drohung eines Angriffs zwingt viele Oppositionelle zu einem gewissen Schulterschluss mit dem Regime. Hoder schrieb über die Querfront aus Hardlinern in Teheran und Washington gegen Ro(u)hani, das Atomabkommen, gegenseitige Verständigung – und lässt dabei Saudi-Arabien, Israel oder die „Anti“deutschen aus (siehe oben).

„Rouhani ran a successful campaign in 2013 against Iran’s hardliners [Vor Allem Ghalibaf] with an ambitious platform of saving the economy (through reaching a deal with the Western power over its nuclear programme) and ending the police state (by keeping social media unblocked) — both caused by Ahmadinejad and his hardline allies.
Before he began running for a second term, he had already delivered both. Despite very serious challenges by hardliners, with backing from the Supreme Leader, he reached the best possible deal with the six world powers and managed to lift crippling UN and EU sanctions which had started to pose an existential threat to the regime. He also succeeded in keeping hardliners from blocking the emerging social media of the time, i.e. Instagram and Telegram.“

Zur Wiederwahl Rohanis 2017 gegen Raisi: „They threw everything they had behind Raisi. From their huge influence in clerical establishment, state media, and the Revolutionary Guards’ quasi-private cultural empire they had built under Ahmadinejad’s corrupted rule. …
Trump had already shocked everyone around the world, including the Iranian establishment. Hardliners, though, visibly welcomed his victory because they knew how Trump hated the deal and implicitly hoped he would kill it — something they failed to do due to the strong practical (not so much rhetorical) support of the Supreme Leader.
It was not an accident that some US hawks, such as Elliot Abrams, explicitly wished for Rounahi’s rival to win. Their goal of regime-change in Iran could never be achieved while moderates were in power. 
American hawks have found a golden opportunity to undermine the nuclear deal and the moderates without much effort, both of which are big hurdles for their ultimate project of regime-change.
After his victory, hardliners quickly began to embarrass Rouhani before a crucial part of his base: women. They lobbied the clerical establishment against appointment of women as cabinet ministers. They forced Rouhani to move his reformist vice-president for women’s affairs, Shahindokht Molaverdi, out of that position. They also blocked his plans to allow women in football stadiums, as well as a fresh clamp-down on young women’s dress-code in big cities and stopping female musicians to perform on stage alongside men.
The tacit alliance of US hawks and Iran hardliners reached a climax earlier in October when Trump officially announced his policy of regime-change in Iran.“ Derartiges gab es auch bei Ahmadinejads Antreten bei den Wahlen 05 und 09, als Viele in Israel bzw dessen Unterstützer auf einen Sieg des Hardliners hofften, siehe hier.(42)

Saudi-Arabien will nun mit der zivilen Nutzung von Atomkraft beginnen, wie auch der Iran. Prinz Faisal soll ausserdem gesagt haben, dass die Saudis gezwungen wären, die Atombombe zu bauen, falls die Iraner eine hätten. Wie wird man (im Westen) damit umgehen? Und was genau verlangt man von Iran diesbezüglich? Beendigung jeder Nuklearaktivität? Totale Abrüstung? De-Industrialisierung? Und darüber hinaus? Menschenrechte wie in Saudi-Arabien, das ja vom Westen auf Händen getragen wird? Die meisten Iraner sind gegen „ihr“ Regime – im Fall der Saudi-Araber wird so etwas (vom Westen) gar nicht erwartet, würde auch nicht unterstützt werden, obwohl dieses Regime eigentlich noch viel reaktionärer ist. Der Iran verdient ein anderes „Regime“(44), und Saudi-Arabien? Eine Führungsrolle des Landes in der islamischen Welt oder eine starke Stellung des Islams im Land (als Teil nationaler Identität) wird von der saudi-arabischen Bevölkerung, auch vielen Dissidenten, kaum angefochten.

Die Rolle des Islams im Iran ist eine andere, nicht nur weil sich eine andere islamische Richtung (die schiitische) durchgesetzt hat, es gibt teilweise eklatante Diskrepanzen zwischen dem was das Regime (die Mullahs) vorgibt und was die Bevölkerung lebt. Dieser Artikel ist diesbezüglich hilfreich. Das eigentliche Arabien war vor dem Islam in mehrerer Hinsicht arm(45), während Persien oder Ägypten ein reiches vorislamisches Erbe haben. Araber herrschten nach der Verbreitung des Islams über Völker, die ihnen überlegen waren. Perser übten nach ihrer Eingliederung ins Arabisch-Islamische Reich unter den Kalifen Widerstand wie auch Anpassung aus, gaben den Islam auch an Andere weiter (v.a. den Türken), formten ihn gewissermaßen um. 

Persien/Iran lebte zwischen Sasaniden und Safawiden fast 1000 Jahre unter Fremdherrschaften, wenngleich die Buyiden aber etwa Perser gewesen sein dürften, wenn auch unter ihnen kein unabhängiges Persien entstand.(46) Das was Saudi-Arabien wurde, das Land das den Islam hervor brachte, geriet ab den Omayaden im Kalifat in eine Randlage. Omayaden wie Abbasiden waren aber noch „echte Araber“, stammten von der Halbinsel. Mit dem Bedeutungsverlusts des Kalifats bzw der Zentralgewalt in dem Reich im Hoch-Mittelalter endete die arabische Herrschaft über Arabien sowie über die anderen islamisierten Gebiete. Allerdings begann in dieser Zeit die regionale Herrschaft einheimischer Fürsten über Teile der Halbinsel, unter der (teilweise nur „theoretischen“) Oberherrschaft hauptsächlich von Fatimiden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen.

Die Haschemiten herrschten ab dem Spät-Mittelalter regional, die Sauds ab der frühen Neuzeit. Nach dem 1. Weltkrieg brachten die Sauds den grössten Teil der Halbinsel unter ihre Kontrolle, wollten ja ausserdem zB noch Kuwait. Iran hat nicht zu sich gefunden mit der Mullah-Herrschaft und Verschiedenes zeigt klar, dass die Feindschaft gegenüber dem Iran im aktuellen Kontext (nicht zuletzt von Saudi-Arabien) über jene zum Mullah-Regime hinausgeht. Wobei Saudi-Arabien ohnehin der letzte Staat wäre, der das Recht hätte, ein (anderes) islamistisches Regime zu „tadeln“. al Qaida wie auch IS (wie auch Saudi-Arabien) haben den Iran und Schiiten generell zu Feinden erklärt, Iraner zu Feinden der Araber, und den (Post-Saddam-) Irak zur Kampfzone mit dem Iran. Dessen de-facto-Herrscher, Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud, hat Irans Rahbar (Staatschef) Ali Khamenei in die Nähe von Adolf Hitler gerückt („Hitler versuchte, Europa zu erobern, Khamenei dagegen versucht, die Welt zu erobern.“); das könnte auch von Netanyahu gewesen sein.(47)

Zur „New York Times“ sagte „MbS“ ausserdem, dass sein Land nicht wolle, „dass der neue Hitler im Iran [Khamenei] im Nahen Osten wiederholt, was in Europa passiert ist“. Was sich hinter der Feindschaft ggü der Islamischen Republik Iran versteckt, zeigt sich, wie gesagt, hin und wieder. Scheich Abdul-Aziz al-Sheich (Shaik), Grossmufti Saudi-Arabiens, sagte 2016, dass die Iraner bzw die Führer des Irans Abkömmlinge von Zarathustriern seien und keine Moslems. Es sollte nicht verschwiegen werden, dass Khamenei davor Araber des Tötens von Moslems beschuldigte. Und auch nicht, wofür Scheich sonst so steht. Aus dem Wikipedia-Artikel: In einer Fatwa im Jahre 2000 verbot er in Saudi-Arabien Barbiepuppen, da diese eine Hetze gegen den Schleier darstellten, und verbot gleichzeitig Pokémonspielkarten, da diese zum Glücksspiel verleiten würden. Er empfahl auch allen Muslimen weltweit, sich nicht an Aprilscherzen zu beteiligen, da diese eine Sünde seien, da Muslime auch aus Spaß nicht lügen sollen.

Jim Lobe schrieb zu Recht, Iraner mit der Religion Zarathustras in Zusammenhang zu bringen, ist eigentlich ein Kompliment. Es gibt ein Wieder-Aufleben (Revival) des Zoroastrismus unter Iranern… Als Alternative zum Islam, der eben durch die Mullah-Herrschaft für Viele diskreditiert ist. Und aus einer Wiederaneignung dieser Religion als der ursprünglichen des Landes, im Gegensatz zum arabischen Islam. Aus welchen Gründen auch immer hat sich der Zoroastrismus diesbezüglich anscheinend klar gegen die Baha’i-Religion durchgesetzt. Der Faravahar, das geflügelte Symbol der Zoroastrier, ist zu einer Art Nationalsymbol geworden und wird als Schmuckanhänger auch von (nominellen) Muslimen getragen. Kein Zweifel, es gibt unter Iranern (jenen im Land und jenen im Exil) eine starke und deutliche Gegnerschaft zu der vom Regime vorgegebenen Auslegung des Islams. Ob es diese in Saudi-Arabien gibt, ist fraglich; sicher gibt es die Haltung wie von Otaibi und Bin Laden, die einen noch restriktiveren Islam wollen. Und: Dass dieses Regime schon grosse Probleme damit hat, den schiitischen Islam zu akzeptieren (diesen tendenziell als „häretisch“ ansieht), ob im eigenen Land oder im Irak, ist Ausdruck der selben Haltung aus der heraus Nicht-Moslems in dem Land keine Rechte eingeräumt werden.

Ob sich Iraner in den Augen von Islamophoben „exkulpieren“ können, wenn sie sich vom Islam abwenden? Jene (im Westen), die sich immer so um nicht-moslemische Minderheiten im „islamischen“ Raum engagiert zeigen, liegen dann mit Jenen im Bett, die islamische Dominanz über Reste vor-islamischer Religionsgruppen in der Region propagieren… Und dass hinter Islamophobie oft Abneigung gegenüber „orientalischen“ Kulturen/Ethnien (und deren Anliegen) generell steht, zeigt sich zB beim Umgang mit christlichen Palästinensern wie Azmi Bishara. Jene die sich in Deutschland gerne als fortschrittlich/antifaschistisch/um Menschenrechte bemüht zu profilieren bemühen, können mittlerweile auch die Unterstützung für Saudi-Arabien und jene Israels unter einen Hut bringen.

Dennoch, heute ist es gang und gäbe, Solidarität mit der iranischen Bevölkerung vorzugeben und gewisse Iraner gegen Interessen ihres Landes (und der Region) anzuführen. Und manche von ihnen wirken auch direkt mit in entsprechenden Kampagnen. Die Redner auf der Veranstaltung der (iranischen) Volksmujahedin ’17 wurden oben erwähnt – Neokonservative, Israel-Lobbyisten, Saudis. Die Beherrschung Afrikas im Neokolonialismus durch den Westen konnte nur funktionieren durch Afrikaner als Verbündete, wie Mobutu, Savimbi, Botha.(48) Die Tlaxcalteken verbündeten sich mit den Spaniern gegen die Azteken, verloren aber auch im Endeffekt (bzw, wurden genau so wenig geschätzt).

Es werden gewisse Iraner geschätzt in Kreisen jener, die einen Krieg, harte Sanktionen,… gegen den Iran wollen. Und diese haben sich an jene Grenzen zu halten, die ihnen zugewiesen werden.(49) Und werden dann möglicherweise doch mit Jenen in einen Topf geworfen, gegen die man sie ausspielen wollte. Wie man zB bei Maryam Namazie sieht (siehe). Und: Sind die Exil-Iraner, derer man sich bedient, ausgenommen davon „Ziegenficker“ zu sein, zu der von Sarrazin oder Broder definierten Problemgruppe zu gehören, vom Rassismus von Gruppen wie der JDL? Man ist auch an Strache und die Serben erinnert (siehe). A propos, der versucht(e) ja auch, sich mit der „Behandlung“ von „islamischem Antisemitismus“ zu profilieren, auch dafür sind Iraner ja per se Kandidaten.(50)

Ausgrenzung/Abkanzelung oder aber Aneignung/Instrumentalisierung, das kann nahe bei einander liegen. Edles Opfer für das man sich einsetzt (was die edle Gesinnung von Einem zeigt) oder aber unerwünschte Problemgruppe. Rupert Neudeck, seine Frau und Weitere begannen in den 1970ern damit, mit dem Schiff „Cap Anamur“ Bootsflüchtlinge aus (dem nun vereinten, kommunistischen) Vietnam im Südchinesischen Meer zu retten und nach (West-) Deutschland zu bringen. Sie bekamen dafür Hass-Briefe, weil sie „Kanaken“ nach Deutschland gebracht hätten… Das waren jene Süd-Vietnamesen, für die ja angeblich der Krieg der USA geführt wurde, die ja nun Opfer des kommunistischen Vietnams waren, die auch die Kalten Krieger in der BRD immer wieder anführten. 

Die exil-iranischen Volksmujahedin (MEK) werden von USA, Saudi-Arabien und Israel gegen die Islamische Republik Iran „verwendet“, aber auch gegen Interessen des Irans an sich. Die Relativität der Kategorisierung als „Terrorgruppe“ zeigt sich hier besonders, denn als solche wurden die Mujahedin vom Westen lange Zeit gesehen/behandelt. Sogar John Lewis, Abgeordneter aus Georgia, Kämpfer für Bürgerrechte für Afro-Amerikaner, wurde dazu gebracht, sich für die MEK auszusprechen. Und Howard Dean (ebenfalls DP) aus Vermont, für US-amerikanische Verhältnisse ein Liberaler, hat angeregt, dass MEK-Führerin Maryam Rajavi als Exilpräsidentin des Irans anerkannt wird. Es geht um einen Krieg gegen den Iran. Die Volksmujahedin haben einst gegen Israel und USA gekämpft, für Ruhollah Khomeini und dann gegen Saddam Hussein. Der Irak-Krieg 03 mit dem Sturz Saddams war nicht nur Vorbild für einen Iran-Krieg, er hat die MEK auch heimatlos gemacht… Aber sie haben ja neue Meister gefunden. Mit Saddam haben sie einst gegen Iran gekämpft, jetzt bieten sie diesen Dienst Anderen an.(51)

MEK-Führer Massud Rajavi 1986 bei Saddam Hussein

„Newt“ Gingrich („die Palästinenser sind ein erfundenes Volk“) pries MEK-Führerin Rajavi (auf der Veranstaltung in Paris) in dem er sie mit George Washington verglich. Er hatte einst Barack Obama dafür kritisiert, sich vor dem saudischen König zu verbeugen, inzwischen macht er das selbst. USA, Israel und Saudi-Arabien unterstützen daneben die wahabitische und separatistische Jundullah (siehe oben), Manches daran erinnert an die afghanischen Mujahedin… Tja, die Agenden der Mujahedin-e Kalq (MEK), der Jundullah, der ebenfalls separatistischen kurdischen PJAK, und der iranischen Monarchisten und Nationalisten, die in den entsprechenden Kampagnen mitwirken, sind gar nicht so leicht unter einen Hut zu bringen.(52) Aber Hauptsache, die Iraner werden gegeneinander ausgespielt.(53)

Jene im Baltikum, die sich im 2. WK mit Hitler-Deutschland gegen die Stalin-Sowjetunion verbündeten, wussten nicht, dass die Nazis ihre Region insgeheim an diese abgetreten hatten. Auch jene OUN-Aktivisten, die glaubten, dass mit der Wehrmacht eine unabhängige Ukraine kommen würde, wurden eines Besseren belehrt. Manche Exil-Iraner haben sich ihr Unbehagen schöngeredet. Der Unterschied in den Reaktionen auf die Ermordungen der Journalisten Sahra Kazemi-Ahmadabadi (Iran/Canada; bei einem Iran-Besuch) und Jamal Khashoggi (Saudi-Arabien; im Konsulat seines Landes in der Türkei)…(53) Auch Gruppen die die Abspaltung der Provinz Khusestan vom Iran anstreben, aufgrund dessen teilweise arabischer Bevölkerung, werden unterstützt.

Einerseits heisst es, es “gibt schon genug arabische Staaten” (mit denen sie ja nichts anfangen könnten…), andererseits unterstützt man Gruppen, die einen weiteren gründen wollen. Die Araber brauchen doch nicht noch einen weiteren Schotterhaufen, oder?(55) Was sagt da der Osten-Sacken aus Deutschland dazu? Der die Kurden den Arabern so positiv gegenüberstellt. In seinem Kampagnen-Buch „Verratene Freiheit“ (mit Feuerherdt, Broder, Kunstreich, Naghibzadeh,…) klagte er ausserdem über die Politik des Westens gegenüber dem Iran, angesichts des Aufstands dort 2009; versucht darin, diesen zu vereinnahmen und setzt seinen „Befund“ „die meisten Iraner wollen Demokratie“ als Argument für einen Krieg ein. 

Leute wie er haben mit Saudi-Arabien kein Problem und sein „Engagement“ für Kurden bezeugt, dass dieser immer wieder Objekt der Grossmächte werden.(56) Und ein weiterer arabischer Staat („al Ahvaz“ im iranischen Khusistan)? Wenn es der „Stabilität in der Region“ dient… Denken muss man hier auch an den israelischen Spitzenpolitiker Naftali Bennett und Aussagen von ihm wie: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem.“(57) Der Linken-Politiker Jürgen Klute, 2009 – 2014 im Europäischen Parlament, Pfarrer: „Ahwazi kämpfen um ihre Rechte…Ahwazi-Bewegung demonstriet vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und fordert Freilassung von in Dänemark und den Niederlanden inhaftieren Aktivisten…“(58) Dabei kann er sich nicht überraschend auf die Gesellschaft für bedrohte Völker berufen(59), die ja ihre Wurzel in der Unterstützung der Biafra-Sezession von Nigeria hat.(60)

Im September 2019 die Drohnen-Angriffe auf zwei „Schlüsselanlagen“ von Saudi Aramco in Saudi-Arabien (die Ölverarbeitung von Abqaiq und das Ölfeld von Churais), vermutlich aus Jemen, von der Huthi-Bürgerkriegspartei. Die USA-Regierung unter Trump und Andere machten sogleich den Iran dafür verantwortlich und drohten mit militärischer Vergeltung – ein „Iran-Krieg“ war wieder mal in greifbarer Nähe, und damit möglicherweise ein Dritter Weltkrieg.(61) Saudi-Arabiens de facto Machthaber will „den Iran stoppen“. Vor Kurzem (Nov. 20) die Ermordung des „Vaters des iranischen Atomprogramms“ (Netanyahu), Mohsen Fachrisadeh. Ebenfalls heuer die Ermordung von General Soleimani, der Angriff auf die Atomanlage in Natanz,… Das Dreieck Trump – Netanyahu – MBS. Trumps Aussenminister Pompeo war kurz vor dem Mordanschlag auf Fachrisadeh bei Netanyahu, soll ein Geheimtreffen mit dem saudischen De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman al Saud vermittelt haben. Und Kushner wird in Saudi-Arabien und Katar erwartet.

13. 6. 2019

Im Jänner 2021 soll Donald Trump aus dem Weissen Haus in Washington ausziehen.(62) Moderate Mullahs wie Ro(u)hani sollen geschwächt werden mit diesen Anschlägen, diese wissen, „nur wenn Iran diese Demütigung wegsteckt, gibt es nach der Amtseinführung von Joe Biden eine Chance für die Rückkehr zum Atomvertrag und für die dringend nötigen Erleichterungen bei den Sanktionen“ (Martin Gehlen, „Zeit“). Wobei Einiges darauf hindeutet, dass Netanyahu auch in einer Biden-Regierung ihm genehme Leute haben wird. Rouhani wird im Sommer abtreten wenn der Iran einen neuen Staatspräsidenten wählt.

Zum Schluss etwas über die (stille, junge) Allianz Saudi-Arabiens mit Israel. Ein Bündnis, zu dem noch keiner der beiden recht stehen will. Und das eben noch inoffiziell ist, denn in jüngster Zeit haben die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain sowie Sudan Beziehungen mit Israel aufgenommen (Netanyahu: „neue Ära des Friedens“), aber noch nicht Saudi-Arabien. Die US-Regierung unter Trump war bei diesen diplomatischen Kontaktaufnahmen entscheidend involviert. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass das reaktionärste arabische Regime der wichtigste Verbündete Israels in der Region geworden ist. Siehe auch Caroline Glicks Ausführungen dazu. Es geht dabei natürlich um den gemeinsamen Feind Iran und die gemeinsame „Subversion“ gegen ihn.

Aber es gibt darüber hinaus Verbindendes zwischen den Regimen. Im Februar 2019 hat Kronprinz Mohammed (bin Salman) al Saud sogar Chinas Gefangenenlager für die (moslemischen) Uiguren in Sinkiang verteidigt, es gehe dabei um Terrorismus-Bekämpfung, nationale Sicherheit,… Darum (und natürlich um Stabilität in der Region) ging es auch, als ein 16-jähriges palästinensisches Mädchen (Ahed Tamimi) schwerbewaffnete israelische Soldaten mit der Hand geschlagen haben soll – jedenfalls wurde sie als Terroristin behandelt. Als Saudi-Arabien bzw sein Führer Mohammed al Saud einen seiner Bürger (ein Journalist und Dissident) in der Türkei töten liess, hatte Israel bzw seine NSO Group die (“Pegasus”-) Spyware geliefert, und zwei der Beamten, die al Saud für den Mord pro forma “degradierte”, waren involviert in proisraelische Öffentlichkeitsarbeit in Saudi-Arabien.

Netanyahu und Saud wären sich bezüglich dieses Künstlers sicher auch einig. Die Beiden sind sich auch irgendwie einig darin, dass Hitler in bzw aus der Region ist/war > Husseini, Khameini. Beide Staaten nehmen keine Flüchtlinge auf bzw behandeln sie ähnlich, erlauben ausländischen Arbeitern keine Integration. Beide wollen keine Demokratisierung in „der Region“. Der Arabische Frühling wurde dort nur mit Unbehagen gesehen…und bekämpft.(63) Israel und Saudi-Arabien mischen beide in Syrien mit, auf der selben (islamistischen) Seite. Diese gemeinsam unterstützen tun beide Staaten auch gegen Iran, die (grossteils von Pakistan aus agierende) Jundullah. Diese Gruppe verübte etwa 2019 einen Selbstmordanschlag (…) auf einen Bus mit iranischen Soldaten in der Provinz Sistan-Belutschistan, 27 wurden getötet.(64) Israel hätte jetzt einen Krieg begonnen (> Libanon/Gaza 2006, Libanon 1982,…). 

Saudi-Arabien, das 1973 einige Einheiten in den „Yom-Kippur-Krieg“ schickte (über Syrien) und danach den Ölboykott initiierte (siehe Teil I), hat Solidarität mit den Palästinensern aufgegeben.(65) 2002 sprachen sich die Arabische Liga unter Führung Saudi-Arabiens dafür aus, einen zionistischen Staat unter bestimmten Bedingungen anzuerkennen. Der Friedensplan der Arabischen Liga sah(66) die Anerkennung Israels vor, falls sich dieses aus den Gebieten zurückzieht, die es seit 1967 besetzt. In den palästinensischen dieser Gebiete (Westjordanland mit Ost-Jerusalem, Gaza-Streifen) sollte ein palästinensischer Staat entstehen, der Jawlan/Golan an Syrien zurückgegeben werden.(67) Weiters wird eine gerechte Lösung für die 1947-49 vertriebenen Palästinenser bzw ihre Nachfahren verlangt. Der Friedensplan der Arabischen Liga wurde auf deren Gipfeltreffen 2007 und 2017 abermals bestätigt bzw angeboten, wurde von Israel nicht angenommen.

Noch 2009, nach der israelischen Militäraktion gegen Gaza, hat der saudi-arabische König Abdullah Israel aufgefordert, das von ihm mit-initiierte arabische Friedensangebot anzunehmen. „Der arabische Vorschlag liegt nicht mehr lange auf dem Tisch“, sagte er während des Gipfeltreffens der Arabischen Liga in Kuwait. 2011 kritisierte die saudische Regierung die pro-israelische Haltung der USA und fordert eine Anerkennung eines palästinensischen Staates durch die UNO. Damals ging es Riad aber auch schon sehr darum, dass die palästinensische Hamas-Organisation eine „arabische Haltung“ einnimmt und sich nicht zu eng an Iran bindet. 2014 gab es in der Arabischen Liga auch noch grossteils Einigkeit ggü Israel/Palästina, etwa dass Israel bei Friedensverhandlungen mit den Palästinensern keine Ernsthaftigkeit erkennen lasse und dass die Anerkennung Israels als jüdischer Staat ausgeschlossen wird. Doch dann kam MbS.

Und Trump. Die US-Regierung unter Trump/Kushner liess 2018 die PLO-Vertretung in Washington schliessen, warf der Palästinensischen Autonomiebehörde vor, sich „Friedensgesprächen mit Israel“ zu verweigern. Die Palästinenserführung sieht die USA-Regierung nicht mehr als neutralen Vermittler in dem Konflikt an, seit Präsident Trump im Dezember 2017 einseitig Jerusalem/Quds als Israels Hauptstadt anerkannt hat. Ebenfalls 2018 tourte der saudische Kronprinz durch Teile der USA (nicht lange vor dem Mord an Khashoggi) und kritisierte bei mehreren Gelegenheiten die Palästinenser. Bei einem Treffen mit US-amerikanischen jüdischen Organisationen in New York etwa; die Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas würde Friedensangebote ausschlagen (darunter Trumps “Deal of the Century”), die palästinensische Führung seit Jahrzehnten Gelegenheiten zum Frieden auslassen. Die Palästinenser sollten die „Angebote“ annehmen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, oder aufhören sich zu beklagen.

In einem Interview für das Magazin „The Atlantic“ sagte er damals: „Ich glaube, dass die Palästinenser und die Israelis ein Recht auf ihr eigenes Land haben“. 2020 attackierte auch Riads Botschafter in Washington, Prinz Bandar bin Sultan al Saud, in einem Interview die Palästinenser – was als Vorbereitung für die eigenen Bürger interpretiert wurde, die Beziehungen mit Israel allmählich offiziell zu machen. Als Netanyahu im Wahlkampf zu einer der beiden Wahlen 2019 ankündigte, im Falle eines Sieges das (mittlerweile von Palästinensern grossteils “gesäuberte”) Jordantal im besetzten Westjordanland zu annektieren, kam auch von KSA Kritik. Es ist nicht so leicht, beides unter einen Hut zu bringen, die Politik gegen die Region und die Bündnispolitik mit (anderen) reaktionären Mächten dort. Israel hat die Annexions-Pläne dann im Gegenzug für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Eis gelegt, baut aber seine Siedlungen im Westjordanland aus.(68)

Ein saudischer wahhabitischer Machthaber, den die israelische Unterdrückung der Palästinenser kalt lässt, ist eigentlich keine Sensation. Mohammed al Saud (MbS) gibt sich moderat und dialogbereit, ist aber das Gegenteil, und da ist er seinem Partner Netanyahu ähnlich. Die saudisch-israelische Zusammenarbeit soll die IRI schwächen, erreicht aber eher das Gegenteil. Auch wenn die Islamische Republik Iran die Hamas unterstützt, sind die iranisch-palästinensischen Beziehungen nicht wirklich unkompliziert. Der letzte Schah arbeitete mit Israel zusammen, ähnlich wie heute die Herrscher Saudi-Arabiens. PLO-Chef Yassir Arafat besuchte den Iran nach der Revolution ’79, stellte sich dann aber im Krieg Iran-Irak (80-88) auf die Seite Saddam Husseins, eben so wie 90/91 (als dieser Kuwait besetzen liess), womit er es sich mit den Saudis verscherzte. Wie kompliziert hier die Fronten verlaufen, zeigt sich, wenn man einen speziellen Teil der iranischen (ausserparlamentarischen) Opposition heranzieht, die Pan-Iranistische Partei (Ḥezb-e Pān-Irānist).(69) Diese Partei (die einen pan-iranischen Nationalismus vertritt, wie der Name verrät) unter ihrem Gründer und Chef Pezeshkpour zerstritt sich mit dem Schah(-Regime) 1970/71 über die Anerkennung der Unabhängigkeit Bahrains (von GB), ein Land das die Partei als Teil des Irans reklamiert(e).

Die Pan-Iranistische Partei trifft sich mit ihrem Gegenpol, den regierenden Islamisten, bei der Ablehnung des Kommunismus (was nicht mehr so eine aktuelle Frage ist), darüber hinaus hat das Regime einen iranischen Nationalismus teilweise übernommen bzw adaptiert, wobei bei ihm der schiitische Islam nationale iranische Identität definiert. Die Pan-Iranistische Partei übernahm Ideen aus dem europäischen Faschismus, nichtsdestotrotz wird auch Zionismus und USA-Imperialismus positiv affirmiert, wohingegen (der früher von Nasser angeführte) Pan-Arabismus Todfeind ist. Die Haltung dieser Regimegegner zur Saudi-Israel-USA-Partnerschaft ist daher ziemlich „komplex“… Aber Partner der USrael-Saudi-Allianz unter Iranern sind ja hauptsächlich die MEK geworden (neben der salafistischen Jundullah,…). In seiner Peripherie-Strategie hat Israel seit den 1950ern Verbündete am Rande “der Region” bzw der “islamischen Welt” gesucht; ironischerweise wurde in den 2010er-Jahren Saudi-Arabien Israels wichtigster Verbündeter in der Region, die Macht im „Herzen“ der arabischen Welt. Die Peripherie-Strategie und der Yinon-Plan sind nicht dasselbe, überschneiden; gemäß Zweiterem soll Israel seine Umgebung schwächen durch eine Art Balkanisierung. Es gibt seit Herzl eine zionistische Realpolitik der Zusammenarbeit mit welchen Partnern auch immer, wie dem Südafrika zur Zeit der Apartheid.   

Israel geht gleichzeitig „Bündnisse“ ein mit türkischen Kemalisten und Kurden, mit iranischen Nationalisten und Separatisten,… Bei der Herzliya-„Konferenz“ (die jährliche Party für Israels „Sicherheits“-Establishment) 2017 rief die rechtsextreme Justizministerin Ayelet Shaked von der Bennett-Partei zur Gründung eines kurdischen Staates auf, dies wäre integral für Israels Bemühungen zu einer „Umgestaltung“ der Region. Genau, darum gehts. Für die (damals kemalistische) Türkei Öcalan in Kenya fangen, oder der Türkei bei der Verschleierung des osmanischen Völkermords an den Armeniern helfen, oder auf die „kurdische Karte“ setzen – ganz nach Bedarf und gegen die Region. Naftali Bennett sagte (zu DW) über die Region (Westasien-Nordafrika): „We are surrounded by the strangest people“.(70) Netanyahus Vater Benzion Mileikowsky (aus dem damals russischen Polen) unterstellte „den Arabern“ Ausrottungs-Absichten – um für eine komplette Vertreibung („Transfer“) der Palästinenser („Araber“) aus Palästina zu argumentieren. Noch 2009 wusste er über den Araber zu sagen (zu „Maariv“), dass die Tendenz zum Konflikt dessen „Essenz“ sei. Aber, das arabischste und islamischste Land, das rückständigste der Region, ist Israels wichtigster Verbündeter in dieser…

Avichai Adraee ist Sprecher des israelischen Militärs (IDF/Zahal/צה״ל) für arabische Medien, er veröffentlichte vor nicht allzu langer Zeit ein Video mit Texten von Ibn Taimiyyah, einem moslemischen Theologen des späten Mittelalters, der im kleinasiatisch-syrischen Raum lebte und wahrscheinlich arabischer Ethnizität war (oder arabisiert). Gedacht war das Video, um „die Araber“ über die Schiiten (bzw die Iraner) aufzuklären. Natürlich gehe es darum, Gefahr für die „moslemische Gemeinschaft“ abzuwenden, die von der Shia ausginge. Ibn Taimiyyahs „Warnungen“ aus dem 14. Jh seien aktuell für die „gegenwärtige iranische Bedrohung“. Dieser Ibn Taimiyyah hat schon Djihadisten von Bin Laden bis Baghdadi inspiriert…

Das Video dreht sich darum, schiitische Moslems als „Ungläubige“ gegenüber Sunniten zu porträtieren, bringt auch Koran-Verse dazu. Nun ja, wenn man das heranzieht, was Caroline Glick, Efraim Karsh, Moshe Sharon, David Bukay, Naftali Bennett,… über den Islam sagen, und den logischen Dreisatz anwendet, würde das ja sogar für die Schiiten sprechen. Adraee zitiert auch Muhammad Ibn Abd al-Wahab, den Vater des in Saudi-Arabien vorherrschenden (und von dort exportierten!) Islams, wonach Schiiten schädlicher für den Islam seien als Christen und Juden. Nur zur Erinnerung: für die saudi-arabischen Partner ist das Problem mit den Iranern ja, dass diese von ihren Wurzeln Zoroastrier sind (somit „keine echten Moslems“), nicht dass sie Schiiten sind. Für die Partner mag das auf’s Selbe hinaus laufen („keine [echten] Moslems“), für die im Iran verbliebenen oder im Exil lebenden Zoroastrier (Zartoshti) sowie jene Iraner, die eine Rückkehr dieser Religion wünschen (aufgrund der Erfahrung der Islamischen Republik), ist es ein Unterschied um’s Ganze.(71) Hier sieht man auch, dass es um historisch-ethnische Feindseligkeiten geht, nicht um die Islamische Republik Iran.

Abgesehen davon, dass Saudi-Arabien gerade was Religionsfreiheit betrifft noch um Einiges rückschrittlicher ist als die IR IranAber als Partner Saudi-Arabiens und Gegner des Iran muss man ja auch den besonders strengen saudischen Islam promoten (zumindest gegenüber den Arabern).(72) Westliche Islamophobe wie auch Islamisten bekämpfen normale Reformer aus/in der islamischen Welt und definieren diesen Teil der Welt als islamisch.(73) Israel wird gerne als Gegenpol zu Islam und Islamismus dargestellt, als Bastion der Aufklärung und westliche Werte in einer dunklen Region, „Schutzmacht“ für Nicht-Moslems in dieser,… Natürlich stimmt es nicht, dass alles Progressive und Emanzipative in der bzw für die Region im Sinne Israels sei. Demokratisierungsbemühungen in arabischen Ländern haben dessen Fürsprecher fast nur skeptisch-ablehnend gesehen, und man sehe sich an, wen in der Region es unterstützt (Nusra, Jundullah, Saudi-Arabien,…).(74)

Netanyahu sprach zum Auftakt der „Nahost-Konferenz“ in Warschau ’19 in einem Video davon, dass er mit den arabischen Teilnehmern „unser gemeinsames Anliegen eines Krieges mit dem Iran“ voranbringen wolle.(75) Danach ruderte er etwas zurück, auf seine Art, wie nach seinen Aussagen über die Verwantwortlichkeit Husseinis für den Holocaust oder jener über die „israelischen Araber“ die wählen gehen… Er sagte einst auch, in den Vereinigten Arabischen Emiraten machten Westler (Christen) und Hindus zusammen die Mehrheit aus („Bin ich der Einzige, der das weiss?“).(76) Nun aber, da man ein „Abkommen“ mit den VAE hat, sieht man das ja anders. Israels (damaliger) Generalstabschef Gad(i) Eisenkot sagte in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung “Elaph”, der Iran sei “die grösste Bedrohung für die Region” und Israel sei (diesbezüglich) bereit, Geheimdienst-Informationen mit “moderaten arabischen Staaten” zu teilen. Damit sind Saudi-Arabien und einige seiner Nachbarn in der “Golfregion” gemeint… Die saudische Auslegung des Islams und seine Bemühungen, diese Moslems weltweit aufzuoktroyieren, zeugt ja auch von dieser Ausrichtung. 

MbS’s Sicht auf die Dinge bzw die Region erinnert an die von Vertretern und Freunden Israels dauernd vorgebrachte: „Wir leben in einer Gegend, die nicht von Mexiko, Kanada, dem Atlantik und dem Pazifik umgeben ist“, sagte er dem „Atlantic“ hinsichtlich der geografischen Lage der USA. Sein Land sei von Feinden umzingelt. Dass diese Region so ist, daran hat sein Land (Saudi-Arabien) einen enormen Anteil, mit seiner Regionalpolitik, seiner Art des Islams, seinen Interventionen in der Nachbarschaft,…(77) 2011/12 wurde in Wien das „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID; auch: „King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre“) eröffnet, ein „Zentrum für interreligiösen Dialog“, benannt nach dem König eines Landes (und finanziert von diesem), das Religionsfreiheit mit Füssen tritt und auch Salafisten vielerorts finanziert.(78)

Und in dem ein Blogger wegen „Beleidigung des Islams“ zu 1 000 Peitschenhieben (sowie einer Gefängnisstrafe) verurteilt worden ist. 2019 wurde die Schliessung des Zentrums beschlossen, sie ist aber (noch) nicht umgesetzt worden.(79) Auch die saudische Schule in Wien wurde geschlossen, nachdem islamistische Lehrinhalte bekannt geworden waren. Gegenwind für Saudi-Arabien ist aber selten, in der Regel wird etwa Erdogan und die AKP auf die selbe Stufe wie Saudi-Arabien gestellt oder sogar als der „schädlichere“ politische Islam.(80) Westliche Staaten, wie die BR Deutschland, rüsten Saudi-Arabien auf.

(1) Ob es stimmt, dass die Swissair (solange es sie gab) bei Flügen nach Saudi-Arabien ihr Logo mit dem Kreuz abdecken musste, müsste man recherchieren…

(2) Auch das ein Unterschied zum Iran

(3) Wow

(4) Hust

(5) Nicht bei Trump, Netanyahu, Merkel,…

(6) Im Iran durften Frauen aber immer Auto fahren, studieren, wählen,…Letzteres natürlich nur innerhalb der Grenzen der Islamischen Republik. Und dort gibt es trotz Diktatur eine sehr lebendige Filmemacherei

(7) Der Irak ist Führer der schiitischen „Allianz“ in der Arabischen Liga

(8) Die palästinensische Hamas wird zT dieser Achse zugerechnet

(9) Dabei hat das United States Central Command (CENTCOM) seine Kommandobasis in Katar

(10) Saad Hariri ist in Saudi-Arabien geboren, wo sein Vater damals arbeitete. Er hat eine saudi-arabische Frau, und auch die Staatsbürgerschaft des Königreichs. Ende 2017 flog er, als libanesischer Premier, zu einem nach Riad, zur Zeit der „Säuberungen“ von Kronprinz Mohammed. Er verkündete von dort seinen Rücktritt, führte den Einfluss von Iran und Hisbollah in der Region an. Es zirkulierten Vermutungen, dass Hariri dort festgehalten werde und zum Rücktritt gezwungen. Hariri stritt das ab, tauchte dann in Paris auf. Zurück in Beirut, trat er vom Rücktritt zurück

(11) al Qaida, Daesh (IS) und ähnliche Gruppen mischen auch mit, angeblich gegen beide Seiten

(12) Diese Mujahedin haben schon in 1980ern zB Mädchen gewaltsam vom Schulbesuch abzuhalten versucht, die Bevölkerung terrorisiert (können als islamistische Terroristen eingeordnet werden)

(13) Was diesbezüglich für Saudi-Arabien gilt, gilt in geringerem Maß für andere arabische Diktaturen am Golf (bzw der Halbinsel), also UAE, Kuwait, Bahrain, Katar, Oman, Jemen

(14) Es könnte in Jemen und in Syrien direkte USA-Militärinterventionen auf der Seite der Saudis geben

(15) Hatte in den 1980ern in Afghanistan für die islamistisch-westliche Seite (gegen die Kommunisten) gekämpft

(16) Es gibt eine Behauptung, wonach es bei dem staatlichen saudischen Mord an dem Journalisten auch um den Hack des Smartphones von Amazon-Chef Jeff Bezos, eine Erpressung mit Nacktfotos und Verwicklungen einer Trump-nahen Zeitung nach Saudi-Arabien gegangen sein soll

(17) 2013, als es im Syrischen Krieg einen Giftgasangriff durch das Assad-Regime gegeben haben soll (und eine westliche Militärintervention im Raum stand), beteuerte er, dass „unsere Herzen bei den abgeschlachteten Zivilisten sind“. Seine Partner Lieberman oder Bennett sind da „direkter“

(18) Bei dieser „besonderen“ Art der Todesstrafe in Saudi-Arabien wird der Verurteilte zuerst geköpft, dann wird der Kopf wieder angenäht und die Leiche für mehrere Stunden öffentlich am Kreuz zur Schau gestellt

(19) Wie schon sporadisch seit 1979 und besonders 2011/12

(20) Die Sauds und ihre Unterstützer (hauptsächlich im Najd) stritten mit Osmanen, den Alawiyyas aus Ägypten (die Dynastie die Mohammed Ali im 19. Jh begründete, die Herrscher über Äygpten wurde, unter Osmanen, Briten und in der Unabhängigkeit), Haschemiten, Raschiden, revolutionären arabischen Regimes (hauptsächlich Ägypten unter Nasser) um Hegemonie auf der Halbinsel und in der Region, nun mit dem Iran…aber immer wieder auch mit Anhängern eines Islamismus der noch radikaler als der von ihnen propagierte ist

(21) Wie er in den Tagen von Theodore Roosevelt noch offen vertreten wurde

(22) In einem Interview im Oktober 1980 sprach sich Trump für einen Einmarsch in Iran aus: „Ich denke, in diesem Augenblick wären wir ein ölreiches Land, und ich glaube, wir hätten es tun sollen, und ich bin sehr enttäuscht, dass wir es nicht getan haben, und ich denke nicht, dass uns jemand hätte aufhalten können.“ Irgend wann sprach er auch davon, dass „wir ihre Länder besetzen und uns ihr Öl nehmen“ sollten

(23) Der inzwischen verstorbene US-amerikanische Neokonservative Charles Krauthammer war zufrieden mit Trumps Auftritten, rügte ihn nur dafür, es als im Interesse der USA dargestellt zu haben, das unfolgsame Katar zurecht zu weisen. “It’s good to see our Sunni allies confront Qatar and try to bring it into line. But why make it personal — other than to feed the presidential id? Gratuitously injecting the U.S. into the crisis taints the endeavor by making it seem an American rather than an Arab initiative and turns our allies into instruments of American designs rather than defenders of their own region from a double agent in their midst”

(24) Die an „verbalem Durchfall leiden“, wie es Broder ausdrückte, der auch einer dieser ist

(25) Bei „Kottan“: „Ich bin seit 25 Jahren bei der Polizei“ – „Überall anderswo wärst du nach einer Woche hinausgeflogen“

(26) Seine Kollegin Rosemarie Schwaiger wärmte im „Profil“ die Geschichte mit wegretouschierten Gipfelkreuzen in bayerischen Prospekten für Saudi-Touristen auf…diese Skandalisierung ist erlaubt, bezüglich diesem (vermeintlichen) Einknicken vor den Saudis

(27) A propos: Wenn in Saudi-Arabien Vergewaltiger geköpft werden, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer oder Caroline Fourest dann eigentlich zufrieden?

(28) Bei Leuten wie T. Maul zeigt sich, wie relativ hier die „Kluft“ dazwischen ist

(29) Broder stellte die Zustimmung zu Moscheen in Deutschland mit einer „Kirche in Riad“ in Zusammenhang. Abgesehen davon, dass er, genau wie unwatch, sich nun mit Kritik ggü Saudi-Arabien zurückhalten wird, die Frage dieser Reziprozität ist grundsätzlich nicht illegitim. Im Frankreich-Algerien-Artikel wird auf sie eingegangen. In Ägypten, Syrien, Iran oder Türkei gibt es Kirchen, in Saudi-Arabien nicht, in anderen Staaten der Halbinsel kaum

(30) Jene, die auf westliche Kriege gegen Syrien und Iran hoffen bzw darauf hin arbeiten

(31) Damals waren auch die islamistischen Mujahedin in Afghanistan die Guten…weil sie Kommunisten bekämpften

(32) Abgesehen davon, während Saddam-Schergen mordeten, Uday Hussein vergewaltigte, und sich Baath-Reste dem IS und seinen Vorgängern anschlossen, sind die Iraker „Tiere“… Andere auf Yt, zu Saddam-Exekution oder Grausamkeiten von/unter Saddam: „So etwas sollte man hier (USA,…) mit ‚Verrätern‘ machen“. Videos über Grausamkeiten von Saddam oder Uday Hussein werden auch kommentiert „USA also doch recht gehabt“ oder „Wegen nicht gefundenen Atomwaffen braucht man sich also nicht aufregen“. Andere behaupten auch noch immer Verbindungen Hussein-Kaida

(33) Verteidigte kürzlich den Irak-Krieg 03, natürlich ausblendend, wer Saddam lange stützte…bevor man ihn stürzte

(34) Grigat 09 Vortrag vor dem Wiener Akademikerbund über „Die Islamische Republik Iran und die Menschenrechte im Kampf der Kulturen“

(35) Rechtskonservative stellen Linksliberale auch gerne als „unter einer Decke“ mit dem Islam(ismus) dar und vice versa

(36) Der auch: “Das kleine, feige, beschissene Europa, das inzwischen sogar zum ficken zu faul ist…“

(37) Man sollte auch nicht vorenthalten was dann noch so kam, zB: „Die Linke hat sich diesem Todeskult [Islam] schon längst angeschlossen – wo es nicht um ein besseres Leben geht, sondern um den Verzicht auf all jene Vorzüge kapitalistischer Vergesellschaftung, die auf die Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft zumindest noch hinweisen; wo also unter dem Titel ‚Konsumverzicht‘ für ein Vegetieren im Elend demonstriert wird…“

(38) Siehe Hartmann

(39) Öl, Islam, Wüste, Patriarchat, Beduinen, Oasen, Kamele,…

(40) Zum Beispiel aus diesem: Die Beherrschung eines Gebiets fällt um so leichter aus, desto unbefriedeter dieses ist

(41) Angeblich nachdem sich B-H Levy bei ihm dafür eingesetzt hatte. Und anscheinend hat er sich von Gaddaffi sogar seinen („akzentuierten“) Wahlkampf 07 finanzieren lassen

(42) Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Zia-ul-Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet

(43) Hoder, der 2008 bis 2014 im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert war, weiter: „It’s yet to become clear if these hardliners had anticipated violence or not, but they surely had expected that US hawks would eagerly endorse the protests and put Rouhani in a losing game: If he let the protests continue, they would paint it as a grave failure of his economic policy which includes the nuclear deal and ultimately accuse him of severe incompetence. If he curbed them, they would illustrate him as an aloof autocrat who crushed the poor or the unemployed to cover up for his broken policies.
When the protests turned violent and the US hawks jumped on it, hardliners found their dream scenario. They forced Rouhani (who doesn’t have the majority vote in the committee which controls internet filtering and is overseen by the judiciary) to break his promise and block Telegram and Instagram — both blamed by the same hardliners for inciting violence. They also blame him of endangering national security by neglecting the economy and expressed wishes to kill the ’fruitless’ nuclear deal.
On the other side, American hawks have found a golden opportunity to undermine both the nuclear deal and the moderates without much effort — they are both big hurdles for their ultimate project of regime-change.“

(44) Ende 2019 gingen Hunderttausende im Iran gegen das Regime auf die Strassen, Hunderte wurden getötet

(45) Und materiell vor den Ölfunden im 20. Jh grossteils

(46) Und, Fremdherrscher wie die Mongolen nahmen grossteils die persische Kultur an

(47) Der hat ja 2015 erklärt, dass nicht Hitler, sondern der palästinensische Grossmufti zur Zeit der Nakba, Mohammed Amin al-Husseini, der eigentlich Schuldige am Holocaust sei. Einig sind sich Saud und Netanyahu, dass Hitler gut dasteht, im Vergleich mit Husseini bzw Khamenei

(48) In deutschen Kampagnen zur Wiedergewinnung der Schutzgebiete hiess es auch, „Die Afrikaner wollen die Deutschen als Kolonialherren zurück“ – und natürlich ging es darum, was diese wollten

(49) Man kann leicht eine Neda (Agha-Soltan) anführen für seine Zwecke, wenn man nicht genauer fragt, wofür sie (und die anderen Protestierenden 09) eigentlich stand

(50) Robert Spencer auf seinem jihadwatch über Namazie wegen ihrer Kritik an israelischen Krieg gegen Gaza (~09): „antisemitic supporter of jihad against Israel…“

(51) Was H.-C. Strache und die Volksmujahedin gemeinsam haben? Wenn man pro Israel wird, wird Einem alles Andere vergeben, nachgesehen. In gewisser Hinsicht trifft das auch auf S. Kurz zu

(52) Und auch nicht die tatsächliche Politik mit den eigenen Postulaten/Ansprüchen, man macht mit Saudi-Arabien und Jundullah gemeinsame Sache (gegen den Iran), heuchelt Unterstützung für die iranische Demokratie-Bewegung vor, nennt sich „Liga für Aufklärung und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten“ oder „Gesellschaft für politische Aufklärung“, faselt von „westlichen Werten“, „Feindaufklärung und Reeducation“, „Kulturrelativismus“, davon dass „Israel eine Agentur neuzeitlicher Aufklärung in einer Region weltgeschichtlichen Mittelalters“ sei, Islamismus der europäischen Aufklärung entgegen steht. (Letzteres ist übrigens von Strache)

(53) Im November 2018 berichtete die „New York Times“ darüber, wie Akteure aus Israel und Saudi-Arabien mit persischsprachigen Fake-Accounts Twitter/Facebook Unruhen in Iran anheizen wollen

(54) Kazemi wurde sogar als „Kanadierin“ proklamiert, auch von Leuten die hier sonst ethnisch-kulturelle Ausgrenzung praktizieren. Bei Khashoggi muss man ja aufgrund der „regionalen Stabilität“ ein Auge zudrücken. A propos „orientalische“ Frauen und Journalisten: Hier ist man an Hengameh Yaghoobifarah von der „taz“ erinnert, und den Shitstorm heuer nach ihrem Kommentar über Rassismus und Polizei > Innenminister Horst Seehofer droht mit Anzeige, redete von „Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit“, einer „Enthemmung der Worte“, Ulla Jelpke von der Linken stellte diesen darauf hin „Despot“ Erdogan gegenüber, Merkel übte sich wie immer in Appeasement, auch „taz“-Chefredakteurin Barbara Junge knickte ein

(55) Auch Aseris und andere Nationalitäten des Irans versucht man zu instrumentalisieren (siehe etwa Dana Rohrabacher)…während man gleichzeitig iranische Nationalisten umschmeichelt, aber auch solche, die einfach nur eine bürgerliche Demokratie für dieses Land wollen

(56) Wie die Ukrainer vom Westen gerne als Gegengewicht zu Russland „verwendet“ werden, werden die Kurden das zu Iranern, Arabern, Türken

(57) Araber verachten das Leben“, wissen deutsche Experten, bewundern aber amerikanische/israelische Soldaten, wenn sie Araber töten. Wenn (zB) syrische Zivilisten getötet werden, kann dies ja zur Herbeirufung westlicher Militärinterventionen zu instrumentalisieren versucht werden, aber auch zur Demonstration, wie „Araber miteinander umgehen“

(58) Alle Fehler von seinem Kommentar im „Freitag“ übernommen

(59) “Zunehmend wird die kulturelle Identität der Ahwazi durch gezielte Maßnahmen der iranischen Regierung unterdrückt…“

(60) Einiges dazu in diesem Artikel

(61) > Sender-Gleiwitz-„Überfall“ oder aber Habsburg-Mord

(62) A propos: Wie viel er mit Netanyahu gemeinsam hat, zeigt sich in den lautstarken Gegenbeschuldigungen der Beiden, wenn es in ihren Ländern Untersuchungen gegen sie wegen Korruptionsvergehen/Amtsmissbrauch gibt, oder sie eine Wahl verlieren. Es sind die „Linken“, die ihnen so böse mitspielen. https://lobelog.com/netanyahus-real-crimes/

(63) Der frühere Botschafter Israels in der USA, Itamar Rabinovich, in einem Kommentar in „Jediot Achronot“: „Aus regionaler Sicht macht die Schwächung Syriens ein wenig den Schaden wett, den Israel durch den Richtungswechsel in Ägypten erfahren hat.“ Andererseits berge ein möglicher Sturz Assads auch „Gefahren“ für Israel

(64) Bei der Jundullah verbinden sich Drogenschmuggel, belutschischer Separatismus, salafistischer Islamismus 

(65) Die Golf-Araber halfen nach der Nakba den Palästinensern durch Aufnahme Vertriebener in ihre Länder genau so wenig wie heute den Syrern

(66) Die Vergangenheitsform ist hier wahrscheinlich angebracht

(67) Wobei die Sheba-Farmen teilweise als zu diesem syrischen Jawlan zugehörig betrachtet werden, teilweise als libanesisch

(68) Als Konsequenz aus Annexionsplänen Israels im Westjordanland hat Palästinenserpräsident Abbas die Aufhebung aller Vereinbarungen mit Israel und der USA erklärt

(69) Die Partei ist in der Islamischen Republik verboten, operiert aber auch im Iran

(70) Umgekehrt, wenn in dieser Region so über Israel geredet wird…

(71) Der islamische Charakter Irans/Persiens ist vom schiitischen Islam geprägt, viele Iraner wünschen sich ihr Land aber weniger islamisch geprägt. Der saudische „Vorwurf“ geht aber dahin, dass sich dort der „falsche“ Islam ausgebreitet hat, kaum, dass der Iran säkularer werden soll…

(72) Sie zu „gewinnen“, indem man den Palästinensern das Leben erleichtert, kommt ja nicht in Frage

(73) Leute wie Wolfgang Sobotka haben eine Freude mit Leuten wie Hamed Abdel-Samad aber nicht mit solchen wie Shirin Ebadi

(74) Und auch mit wem es ausserhalb dieser Region Bündnisse eingeht oder -ging (ob Apartheid-Südafrika oder die argentinische Militärjunta) oder unterstützt wird (von Gingrich bis Strache)

(75) Saudi-Arabien wäre bei einem Krieg gegen Iran schon dabei, würde Israel wohl seinen Luftraum nutzen (durchqueren) lassen

(76) Und wenn man Israel/Palästina nimmt und Palästinenser und Mizrahi-Juden zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung. Oder, Palästinenser ohne und mit israelischer Staatsbürgerschaft und andere Nichtjuden (wie ein Teil der Einwanderer aus der SU) sind in diesem Land bald in der Mehrheit. Den Gegensatz zwischen den Ansprüchen „so viel Land wie möglich“ und „ohne andere Einwohner“ versuchte Scharon mit einem Politizid zu lösen

(77) Abgesehen davon, aus Mexiko kommen laut seinem Partner Trump doch nur Vergewaltiger und andere Kriminelle

(78) Die Moschee in Wien an der Alten Donau, das Islamische Zentrum/ Islamic Centre, wird von der Islamische Weltliga/ Liga der Islamischen Welt/ Muslim World League geführt, die von Saudi-Arabien dominiert wird

(79) Es war die Badawi-Verurteilung, die bei den Politikern zu einem Umdenken bezüglich der Saudi-Einrichtung geführt hat, hier zu Recht

(80) Die österreichische Regierung unter Kurz hat nach dem Anschlag in Wien (November 20) Maßnahmen gg. Moslembrüder und Hamas in Österreich unternommen, saudische/salafistische Einrichtungen blieben unangetastet

Carlos Latuff zum Wirken Saudi-Arabiens in seiner Region, in der es sich von Feinden umzingelt sieht

Trump-Netanyahu-Saud

The Likudnik Saudi royals

Israel und Saudi-Arabien

Tribes And Tribalism: Arabian Peninsula

Literatur

Albert Dietrich: Geschichte Arabiens vor dem Islam. In: Albert Dietrich, Geo Widengren, Fritz Moritz Heichelheim: Orientalische Geschichte von Kyros bis Mohammed (1966)

Sebastian Sons: Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – ein problematischer Verbündeter (2016)

Banafsheh Keynoush: Saudia Arabia and Iran, friends or foes? (2016)

Marshall Hodgson: The Venture of Islam: The expansion of Islam in the Middle Periods (1974)

Michael Lüders: Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt (2018)  

Hans-Jürgen Kornrumpf: Die osmanische Herrschaft auf der arabischen Halbinsel im 19. Jahrhundert. In: Hans-Jürgen Kornrumpf: Beiträge zur osmanischen Geschichte und Territorialverwaltung (2001)

Guido Steinberg: Krieg am Golf: Wie der Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien die Weltsicherheit bedroht (2020)

Uwe Pfullmann: Thronfolge in Saudi-Arabien: wahhabitische Familienpolitik von
1744 bis 1953 (1997; Arbeitsheft 13 des Zentrums Moderner Orient, Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V.)

David Holden, Richard Jones: The House of Saud (1982)

Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker (1991)

Ilja Steffelbauer, Khaled Hakami (Hg.): Vom Alten Orient zum Nahen Osten (2006)

Guido Steinberg: Saudi-Arabien: Politik, Geschichte, Religion (2014)

Yaroslav Trofimov: The Siege of Mecca. The Forgotten Uprising in Islam’s Holiest Shrine and the Birth of Al Qaeda (2007)

Fouad Ajami: The End of Pan-Arabism. In: Foreign Affairs Vol. 57, No. 2 (Winter 1978/79)

Michaela Prokop: Saudi-Arabien (2005)

Ben Fowkes, Bülent Gökay: Unholy Alliance: Muslims and Communists – An Introduction. In: Journal of Communist Studies and Transition Politics Vol. 25, Iss. 1 (2009)

Eric Margolis: American Raj: America and the Muslim World (2009)

Harold Dickson: The Arab of the Desert (1949)

Christopher Othen: Soldiers of a Different God: How the Counter-Jihad Movement Created Mayhem, Murder, and the Trump Presidency (2018)

Madawi al Rashid: History of Saudi Arabia (2001)

Michael Stausberg: From Power to Powerlessness: Zoroastrianism in Iranian History. In: Anne Sofie Roald, Anh Nga Longva: Religious Minorities in the Middle East. Domination, Self-Empowerment, Accommodation (2011; Social, Economic and Political Studies of the Middle East and Asia, Band 108)

Dirk Van Den Berg: The Siege of Mecca / Mekka 1979 – Urknall des Terrors? (2018) Dokumentarfilm

Ali Shihabi (saudi-arabischer Banker…) brachte 2015 „The Saudi Kingdom. Between the jihadi hammer and the Iranian anvil“ hervor, das saudische Regime läge als zwischen Hammer und Amboss (nicht Regimegegner oder Minderheiten oder Leute in Ländern wie Afghanistan die saudisch-unterstützten Islamismus „geniessen“), das Regime würde das Land zu reformieren versuchen, führe einen “Kampf ums Bestehen”,… Und das Regime von MbS wird dargestellt als Antipode der Vernunft zum Djihad und Iran. Man kann sich vorstellen, wie die Rezensionen von „The European“, Tichys Einblick“ oder der Springer-„Welt“ aussahen

 

Die Arabische Halbinsel, also im Wesentlichen das heutige Saudi-Arabien, war (mit Ausnahme der südlichen Küste, also hauptsächlich dem heutigen Jemen), vor Mohammed (also in der Antike) Peripherie (im Sinne von unbedeutender Randlage) – und bald danach auch wieder. Und das änderte sich erst mit den Funden grosser Ölreserven bald nach der Entstehung Saudi-Arabiens in den 1930ern. Arabien wurde im Zuge der Ausbreitung des Islams „bald“ Peripherie des islamischen Raums; es war das Öl, das das Land wieder wichtig machte. In den letzten 3 Jahrzehnten wurde Saudi-Arabien für den Westen vor dem Hintergrund von „Erscheinungsformen“ des Islamismus „strategisch“ wichtig, ein Staat der einen denkbar „radikalen“ bzw konservativen Islam hochhält und diesen auch zu exportieren versucht… Islamismus kommt oft genug aus Saudi-Arabien, wird dort gelebt.

In den Jahrhunderten der (relativen) Bedeutungslosigkeit der Halbinsel (grob gesagt war das von 700 bis 1900) war nur der Hejaz (Heschas), die Westküste Arabiens, von einer gewissen Bedeutung, mit den für Moslems als Geburtsstätte des Islams bedeutenden Städten Mekka und Medina. Das Königreich Saudi-Arabien ist der welt-grösste Ölproduzent, hat es so in den letzten bald 100 Jahren zu Reichtum gebracht. Der Staatshaushalt kann ausser auf Einnahmen aus Öl-Exporten eigentlich nur auf jene zurückgreifen, die durch moslemische Pilger (nach Mekka) ins Land kommen (hauptsächlich zur jährlichen Zeit der Hadj). Islam, Öl, Wüste. 

Saudi-Arabien ist der flächenmäßig grösste Staat in West-Asien, der zweitgrösste arabische (nach Algerien), und der dreizehnt-grösste insgesamt(1). Seit seiner Ausrufung 1932 wird der Wüstenstaat von der (namensgebenden, weitverzweigten) Familie Saud als totalitäre, absolute Monarchie geführt, mit dem wahabitischen Islam als Staatsdoktrin; man könnte Saudi-Arabien als erbliche theokratische Diktatur bezeichnen.(2) Wahlen und Parteien gibt es nicht, das Leben von Frauen ist mit strengen Regeln belegt; die Nicht-Moslems im Land sind entweder westliche Ausländer oder solche aus der „Zweiten“ und „Dritten Welt“, (auch) dazu noch mehr. Das Regime „propagiert“ den fundamentalistischen Islam, den es dem Land vorschreibt, auch in anderen islamischen Ländern sowie in der islamischen „Diaspora“.

Saudi-Arabien hat so Manches mit seinen östlichen Nachbarstaaten gemeinsam (Kuwait, Katar, Bahrain, Arabische Emirate, Oman), diese anderen Staaten am Persisch-Arabischen Golf sind auch streng-islamische Monarchien, aber bei Weitem nicht in dem Maß. Im Kalten Krieg waren die „revolutionären“ arabischen Staaten (voran Ägypten unter Nasser) der Hauptgegner; dann wurden es schiitisch dominierte Staaten und Organisationen, voran natürlich die Islamische Republik Iran. Somit waren und sind die grossen Feinde Saudi-Arabiens zT zusammen mit ihm in der Arabischen Liga. Auch wenn der Iran (natürlich) kein arabisches Land ist, sind es einige Staaten auf der schiitischen Achse, voran der Irak seit dem Sturz des Baath-Regimes unter Hussein. Das iranische Regime macht dem saudischen die Führungsrolle in der Region West-/Zentralasien-Nordafrika sowie in der „islamischen Welt“ streitig, jene in der „arabischen Welt“ wird zur Zeit eben auch hauptsächlich von der schiitischen Achse herausgefordert.

Und, Saudi-Arabien war und ist ein enger Verbündeter des Westens (mittlerweile auch inklusive Israels), sein wichtigster in der „islamischen“ Region (Westasien-Nordafrika). Da geht es um geschäftliche Interessen (die BR Deutschland etwa kauft saudi-arabisches Öl und verkauft dem Land viele Waffen) und um geo-strategische, und daher wird die Rückständigkeit „im Islam“, die man im Westen seit etwa 2001 andauernd thematisiert, bei Saudi-Arabien nicht so „eng“ gesehen, bzw verharmlost, der Diskurs von dort weg-gelenkt. Vieles im Zusammenhang mit der Geschichte und Gegenwart Saudi-Arabiens ist in anderen Tiara-Artikeln schon behandelt oder angeschnitten oder eingestreut; über Saudi-Arabien im internationalen System etwa hier und hier, über Irak/Mesopotamien hier, Persien/Iran u. a. hier, Byzanz hier, den Islamophobie-Diskurs hier, den salafistischen Islamismus hier.

Eine Anmerkung zur Geschichtsschreibung über Saudi-Arabien: Dieses entstand 1932, und im 18. und 19. Jahrhundert entstanden im Landesinneren der Arabischen Halbinsel (Najd) ansatzweise souveräne Staaten unter den al Sauds. Hier geht es aber natürlich um das gesamte Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens (sowie die Umgebung) und die gesamte Vorgeschichte.(3) Die Geschichten vieler Staaten/Länder im eigentlichen Sinn beginnen ziemlich spät, haben lange Vorgeschichten… Henri Pirenne hat eine sieben-bändige Geschichte Belgiens verfasst, und nur die letzten beiden Bände behandeln die Zeit der Existenz „Belgiens“ ab 1830 bzw die Zeit der unmittelbaren Entstehung.

Es beginnt somit auch nicht mit der Entstehung und Ausbreitung des Islams unter Mohammed und seinen Kalifen. Sondern mit der vor-islamischen Geschichte Arabiens (im „Schatten“ von Persern, Römern, Griechen). Die Entstehung des Islams ist natürlich eng verbunden mit der Geschichte des Arabertums, auf ihrer Halbinsel und darüber hinaus. Mit der Ausbreitung des Islams wurden Völker vom Nordwesten Afrikas bis Mesopotamien arabisiert, ohne dass die arabischen Invasoren dort in grösserer Zahl „hängen geblieben“ wären. Die „eigentlichen Araber“ spielten mit dem Zerfall des Arabisch-Islamischen Reichs im Hoch-Mittelalter eine immer geringere Rolle. Das geeinte Arabisch-Islamische Reich (unter den Raschiden, Omayaden, Abbasiden) hatte eigentlich eine kurze Blüte, etwa 200 Jahre.(4)

Die Arabische Halbinsel (das „eigentliche Arabien“) kam unter die Herrschaften anderer (wenngleich islamischer) Völker, blieb das die gesamte Neuzeit hindurch. Die Ablösung arabischer (und arabisierter) Gebiete vom Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg hatte schon viel mit westlicher, hauptsächlich britischer, Einflussnahme zu tun. Je näher wir zur Gegenwart kommen, desto mehr wenden wir uns benachbarten Komplexen und Themen zu. Das Ende des Erdöl-Zeitalters, das nun absehbar ist, wird auf Saudi-Arabien (und die Region) enorme Auswirkungen haben; darauf wird aber nicht näher eingegangen. Über Diverses das mit Islamismus und Islamophobie in Zusammenhang steht, dagegen schon. Dieser erste Teil der Abhandlung über Saudi-Arabien geht von den Himjaren und anderen vorislamischen Staaten auf der Arabischen Halbinsel bis fast zur Gegenwart; der zweite Teil behandelt diese, der (Quasi-) Machtantritt von Mohammed bin Salman 2017 stellt die Grenze dar.

Etwas zur Geographie bzw zur Abgrenzung des Gebiets des heutigen Saudi-Arabiens: Im Westen, am Roten Meer (Afrika zugeneigt, wenn man so will), also der Hejaz, mit den Städten Mekka und Medina. Die Region im Osten, am Persisch-Arabischen Golf, wird Al-Ahsa bzw Hasa bzw Lahsa genannt; die Region schliesst im historischen Kontext auch Kuwait und einen Teil Katars ein. Südlich daran schliessen sich die anderen Golfstaaten Bahrain und Vereinigte Arabische Emirate (und Oman) an.(5) Im Südwesten die Region Asir, angrenzend an Jemen. Der Norden des Landes wird Nefud genannt, grenzt an Jordanien (Westen) und die irakische Provinz Anbar (Osten). Diese Gebiete begrenzen die Arabische Halbinsel, grenzen an Syrien (Westen) bzw Mesopotamien (Osten). Das Landesinnere wird Nedschd/Najd genannt, dort liegt die Hauptstadt Riad. Najd wird zum Süden hin von der Wüste Rub al-Chali „abgeschlossen“ (Grosse Arabische Wüste).

Asir kann als Subregion vom Hejaz gesehen werden, Nefud als jene von Najd. Und, es handelt sich um geographisch-historische Regionen. Der Hejaz etwa ist heute auf 4 Provinzen (Saudi-Arabiens) aufgeteilt. Die wichtigsten Gebiete Arabiens (bzw der Halbinsel) sind die Küstengebiete, zum Roten Meer (Hejaz), zum Golf (Ahsa und das Gebiet südlich davon), zum Arabischen Meer (Jemen, Oman). Ein grosser Teil des Ostens, der Golfregion, gehört nicht zu Saudi-Arabien, die Südküste ebenfalls nicht. Bleibt der Hejaz, er war das einzige von den jeweiligen Zentralherrschern richtig kontrollierte Gebiet Arabiens (Omayaden, Abbasiden, Osmanen,…). In anderen Gebieten dominierten regionale Herrscher, zT bei formaler Unterstellung unter „auswärtige“ Herrscher. Aber auch am Hejaz gab es solche, wie noch gezeigt wird. Vor Allem Najd, das Landesinnere, wurde von auswärtigen Herrschern über Arabien meist „allein“ gelassen. Und nach dem Ende des raschidischen Kalifats waren eigentlich alle diese Herrscher von „auswärts“ bzw herrschten auch von dort aus. Dort im Najd etablierten sich regionale Herrscher, von denen die Sauds die wichtigsten wurden.

Seine vorislamische Geschichte ist für bzw in Saudi-Arabien eine Art (ideologisches) Tabu. Im Süden der Arabischen Halbinsel, also auf dem Gebiet der heutigen Staaten Jemen und Oman, gab es höhere Kulturen, im Südwesten, also im („Proto“-) Jemen. „Impulse“ gingen dabei von Abessinien/Äthiopien aus, auf der anderen Seite des Bab el Mandeb gelegen. Es entstand das Reich von Saba in Südwest-Arabien (Blüte 800-500 vC), mit der Sabäer-Religion (siehe dazu unten). Dort gab es dann das Hadramaut-Reich, dann jenes der Himjaren. Auch auf diesem Weg (durch die Aksumiter/Abessinier/Äthiopier nach Südwest-Arabien) kamen Christentum und Judentum auf die Halbinsel; ausserdem über Syrien. Aber die Geschichte Südarabiens gehört ja eigentlich nicht zur Vorgeschichte Saudi-Arabiens.

In der Mitte Arabiens, in der Wüste des Najd, hat Archäologie(6) Zeugnisse des Kinda(h)-Reichs zu Tage gebracht. Der Kinda-Stamm stammte aus Hadramaut (Jemen), drang im 5. Jh von Südarabien nach Zentralarabien vor. Etablierte dort ein Nomadenkönigtum, unterhielt Beziehungen mit Himjaren oder auch Römern. Die Kinda (bzw Kinditen) waren (zunächst) polytheistisch. Sie konvertierten dann im 7. Jh wie fast Alle auf der Arabischen Halbinsel zum Islam (bzw wurden konvertiert), spielten eine Rolle bei islamischen Eroberungen. Ihre Nachfahren sollen heute noch in eigenen arabischen Stämmen „organisiert“ sein. Eine semitische, proto-arabische oder vorislamisch-arabische Kultur auf der Halbinsel war auch jene von Al-Magar.

An der Ost- bzw Golfküste Arabiens gab es die Dilmun-Kultur, Herrschaftsbildungen der Mesopotamier (Babylonier, Assyrer,…), dann der Perser. Die Lachmiden dehnten ihr Reich zeitweise über die ganze Ostküste aus und einen Teil des Landesinneren. Dort war auch die Handels-Stadt Gerrha/ al Jara. Nun zum Norden Arabiens, dem Nefud. Dort gab es in vor-islamischer Zeit das Kedariten-Reich, die Thamud-Zivilisation, das Reich von Lihyan bzw Dedan. Die Lihyaniten wurden Konkurrenten der Nabatäer (al Petra), die am Nordwest-Rand von Arabien lebten(7). Ungefähr in dieser Gegend gab es einige Jahrhunderte zuvor auch die Midianiter, bzw Ausläufer von deren Reich in Kanaan/Palästina/Israel. Die Nabatäer gingen ja um 100 nC gegen die Römer unter, die damals in der Region „expandierten“ bzw diese eroberten. Sie stiessen erst in Mesopotamien auf Widerstand, das die Perser (unter den parthischen Arsakiden) unterworfen hatten.

Arabien soll die Urheimat der Semiten sein, es gab von der Halbinsel etliche Wanderungswellen in benachbarte Regionen. Mit diesen Regionen (Äthiopien/Abessinien, Mesopotamien, Syrien, Persien,…) gab es auch rege Handelsbeziehungen und es gab Einwanderungen von dort. Es gab in Arabien in der Antike keine wirkliche Hochkultur, die Region bzw die Reiche die es dort gab, war(en) stark in den Fern-Handel mit einbezogen (Weihrauchstrasse!). Oasen, Kamele, Karawanen. Die Bevölkerung war in Stämme gegliedert, diese in Sippen. Ein grosser Teil lebte beduinisch/nomadisch.

Eurasien um 565

Nach dem römischen „Vorrücken“ in die Region grenzten Römisches und Persisches Reich meist am Euphrat aneinander, Persien ab dem 3. Jh unter den Sas(s)aniden, von Rom ab dem späten 4. Jh der östliche Teil. Es gab häufige Kriege gegen einander, in beiden Reichen gab es ethnische und religiöse Vielfalt, beide hatten Probleme mit „illoyalen“ Minderheiten bzw Unterworfenen. Und diese Reiche waren die Nachbarn Arabiens zur Zeit des Aufkommens des Islams. 602 bis 628 gab es einen grossen Krieg der Grossmächte Ostrom und Persien gegeneinander. Arabien/Araber war(en) an diesen Kriegen beteiligt: die Lachmiden (Banu Lakhm) und die Ghassaniden (Banu Ghassan) waren arabische Stämme, die für Perser bzw Römer deren Grenzen sicherten. Die Lachmiden hatten ihren (Klientel-/Vasallen-) Staat im Nordosten Arabiens, an der Grenze zu Mesopotamien, das ja die Perser beherrschten, Hauptstadt war Hira.(8) Im Nordwesten der Halbinsel, im Grenzgebiet zu bzw am Rand von Syrien, die Ghassaniden, mit ihrer Hauptstadt Jabiya. Es gab am Vorabend der Entstehung des Islams in Arabien (auf die sogleich seine Ausbreitung folgte) „Zerwürfnisse“ der beiden Grossreiche mit ihren arabischen Klientelstaaten, was sich dann beim islamisch-arabischen Angriff rächte.

In dem Krieg Persien-Ostrom Anfang des 7. Jh hatten zuerst die Perser die Oberhand, eroberten Teile des Oströmischen Reichs, darunter Ägypten. In dieser Phase kam in der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel Herakleios an die Macht. Dieser Kaiser/Basileos war es, der Ostrom hellenisierte, Byzanz begründete. In Persien war 591-628 Chosrou (Khosrow) II. König/Schah. Der Machtantritt von Herakleios, der sein Heer auch persönlich anführte, führte zu einer Kriegswende zugunsten des nunmehrigen Byzantinischen Reichs. Herakleios schlug die (zoroastrischen) Perser zurück, eroberte die Herrschaft über Ägypten, Palästina, Syrien,… zurück. Der Sieg Byzanz‘ 628 stürzte Persien in’s Chaos, auch Byzanz war nach dem Krieg „erschöpft“. In Persien gab es nach Chosrous Tod 628 in Ktesiphon grosse Thronstreitigkeiten, eine Art Bürgerkrieg, zwischen Anwärtern aus der Sasaniden-Familie und ihren Unterstützern, 628-32. Schliesslich wurde 632 Chosrous 8-jähriger Enkel Yazdgerd (III.) neuer Schah. Das war zu jener Zeit, als der Prophet Mohammed starb.

Doch der Reihe nach. Im vor-islamischen Arabien war das Christentum vertreten (v.a. nestorianisches)(9), Judentum, regionale arabische Kulte wie die jener der Sabäer. Sabäer/Sabier waren Anhänger eines Gestirnkults in Jemen/Südarabien, der im Koran erwähnt wird. Ausserdem gab es das zoroastrische Persien und das christlich-orthodoxe Byzanz in der Nachbarschaft. Das meiste Islamische ist älter als der Islam, wie die Kabaa oder Armabhacken als Strafe bei Diebstahl. Die Kabaa/Ka’aba in Mekka am Hejaz spielte in arabischen Kulten eine Rolle, war ein „Brennpunkt“ polytheistischer Religion(en) in Arabien gewesen. Die Kaaba ist ein würfelförmiges Gebäude aus Granit, mit einem schwarzer Stein an der östlichen Ecke, der besonders verehrt wurde. Die Kabaa wurde als Heiligtum des Gottes Hubal verehrt, es gab auch Göttinnen wie al-Lat (wovon sich Allah ableiten dürfte). Es gab in diesen vorislamischen Kulten ein spezielles Priesteramt, das mit der Kaaba verbunden war; erster Inhaber dieses Amtes soll Qusaiy ibn Kilāb, der Gründer des Stammes der Quraisch, gewesen sein.  

Die Quraisch oder Bene Kuraish waren der Stamm aus dem Mohammed kam und der damals im Hejaz mächtig war, er kam aus der Hashim-Sippe (Banu Hashim), die etwas von der Macht entfernt war. Mohammed wuchs nach dem Tod der Eltern beim Onkel Abu Talib auf, in Mekka, einem Handelsknotenpunkt, auch Mo wurde Händler. 610 hatte er sein Berufungserlebnis. Er formte aus alt-arabischen Kulten, jüdischen, christlichen, zarathustrischen (zoroastrischen) Einflüssen den Islam, der nun eine monotheistische Religion war. Mohammeds Frau Khadijeh war die erste Konvertitin zum Islam.(10) Nach Verkündigungen wurde Mohammed 622 aus seiner Heimatstadt Mekka nach Medina vertrieben („Hedschra“). 630 die siegreiche Rückkehr nach Mekka, Weihung der Kaaba für den Islam („Reinigung vom Götzendienst“). Die Kaaba in Mekka wurde das zentrale Heiligtum des Islams, vorgeschriebenes Ziel der Wallfahrten (Hadsch, Haj) der Moslems.

Im Zuge der Islamisierung wurde dem Stein eine übernatürliche Herkunft zugeschrieben, die Kaaba soll von Adam erbaut und die zwischenzeitliche Ruine von Abraham (إبراهيم / Ibrāhīm) in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Ismael im Auftrag Gottes als Wallfahrtsstätte wiedererrichtet worden sein. Jedenfalls wurde nun eine Moschee darum herum gebaut. Bis zum Tod des Propheten wurde die Arabische Halbinsel islamisiert. Und, die arabischen Glaubenskrieger tasteten sich allmählich an die Grenzen Arabiens heran. 630 nahmen sie Tabuk ein, eine Oase an der Grenze zwischen dem nun moslemischen Arabien und dem byzantinischen (und christlichen) Syrien. Die Gegend gehört heute zu Saudi-Arabien; damals hat Byzanz wahrscheinlich keine Kontrolle darüber ausgeübt. Christen, Juden und Sabäer wurde im Islam Tolerierung zugesagt („Leute des Buches“). Sabäer/Sabier waren ursprünglich (wie erwähnt) die Anhänger eines Kults in Jemen; dann nahmen Anhänger eines semitischen Kults in Syrien sowie die Mandäer in Mesopotamien diesen Namen an, um toleriert zu werden.

Die Situation der Region (Westasien) zur Zeit der Entstehung des Islams wurde geschildert, mit den Grossmächten Byzanz und Persien, die sich bekriegten, während in Arabien eine neue Religion entstand und im Zuge dessen allmählich auch ein starkes Reich und eine schlagkräftige Armee. Nach islamischer Überlieferung hat Mohammed (Muhammad) im Jahr 628 Briefe an Herrscher in Persien, Byzanz, Äthiopien, Jemen, Hira geschickt (überbringen lassen), ihnen darin die Konversion zum Islam nahe gelegt. Kurz vor seinem Tod 632 trat ein Aswad Ansi auf, der sich als Prophet deklarierte, ausserdem in Südarabien als „Warlord“ (Kriegsherr) auftrat. Er wurde, als Apostat, von Firuz (Piruz), dem Gouverneur von Jemen, getötet.(11) Inwiefern Mohammed ein Prophet war, der mit dem Schwert kam (im Gegensatz zu anderen Religionsstiftern), und/oder seine Lehre nach seinem Tod so verbreitet wurde (im Gegensatz zu anderen Religionen), sei hier aussen vor gestellt. Beim Christentum kam die grosse Gewalt nicht in der Frühzeit der Religion, sondern hauptsächlich bei der europäischen Unterwerfung der Welt. Im Islam wurden jene Völker, die islamisiert wurden (per se) selbst Träger des Islams – und waren zT später an seiner Verbreitung beteiligt.

Mohammed (der keine Söhne hinterliess) starb also im Juni 632, als der letzte sasanidische König (Schah) Persiens, Yazd(e)gerd (Yazdgard) III., sein „Amt“ antrat… In Byzanz herrschte 610-641 Kaiser (Basileos) Herakleios/ Heraclius/ Iraklius. Mohammeds Schwiegersohn und Cousin Ali wurde nach dem Tod des Propheten als Nachfolger übergangen, stattdessen wurde Mohammeds Schwiegervater Abu Bakr erster Kalif. Ali wurde von seinen Anhängern als Imam ausgerufen.(12) Der Kalif war geistlicher, politischer und militärischer Führer des Reichs das damals die Arabische Halbinsel umfasste und von Mekka aus regiert wurde. Abu Bakr, Kaufmann aus Mekka, einer der ersten Anhänger Mohammeds, mit ihm nach Medina gegangen, war auch Vater von dessen Frau Aisha. Er festigte die Herrschaft des Islams in Arabien, unternahm mit seiner Armee erste Vorstösse nach Byzanz (Syrien) und Persien (Mesopotamien).

Unter dem zweiten Kalifen (634-644) Omar machte das Arabisch-Islamische Reich die wichtigsten Eroberungen: fast ganz Persien sowie den grössten Teil (etwa drei Viertel) des Byzantinischen Reichs, darunter Syrien und Ägypten.(13) 636 gelangen den Arabern am Yarmuk-Fluss in Syrien und bei Qadisiy(y)a in Mesopotamien entscheidende Siege über die Byzantiner bzw Perser, Siege die Schlüssel für die weiteren Eroberungen in/von diesen Reichen waren (wurden). Mesoptamien/Irak war kein Teil des eigentlichen Persiens/Irans, aber so etwas wie Zentrum des Reichs der Sasaniden, wurde Asoristan genannt. War die Südwest-Flanke des Persischen Reichs, dort wo das Zweistromland in die arabische Wüste übergeht. Nachdem die Lachmiden, frühere persische Vasallen, dort an der Wende vom 6. zum 7. Jh unter Schah Chosrou gewaltsam in’s Perserreich eingegliedert wurden, fehlte dort nun ein zuverlässiger Grenzschutz.(14)

Friedensgespräche im Vorfeld der Qudishiyah-Schlacht zwischen Persern und Arabern waren gescheitert.(15) Nach dem Sieg von von Qadisiya/ Kadesia in Mesoptamien 636 stiessen die Araber über das Zagros-Gebirge ins „eigentliche“ Persien (das Kernland) vor. 642 dort die (auch) entscheidende Schlacht von Nehawend. Der Königs-Hof unter Yazdgerd III. flüchtete nach der Qadisia-Schlacht aus der Hauptstadt Ktesiphon in den Osten (auf dem selben Weg wie die Araber dann bald), organisierte im Kernland neuen Widerstand gegen die Invasoren, auch nach der Nehawend-Schlacht.

Yazdgerd flüchtete, verfolgt von arabischen Truppen, in den Nordosten seines Landes, nach Chorassan (das damals einen grossen Teil Zentralasiens umfasste!). Er wurde 651 während Unruhen in Merw (heute Turkmenistan) ermordet. Bald darauf zogen die Araber auch dort ein. Das Ende des Persisch-Arabischen Kriegs wird entweder mit Yazdgerds Tod 651 angesetzt oder mit 654. Yazdgerd beabsichtigte möglicherweise, im Nordost-Iran Hilfe von benachbarten Türken (Turk-Völkern) zu bekommen. Diese waren grossteils im Einflussbereich von China (das von der Tang-Dynastie regiert wurde).(16) Chorassan wurde zuletzt von den moslemischen Arabern erobert, aber persische Unabhängigkeit hielt sich darüber hinaus in Teilen Chorassans sowie in Tabaristan (Masandaran). Manche Regionalgouverneure in Chorassan riefen sich in der „Übergangszeit“ zu Herrschern aus (wie Dewashtitschi in Sogdien).(17)

636 am Fluss Yarmuk in Syrien die Schlacht zwischen den angreifenden Arabern und den dort herrschenden Byzantinern. Die Araber nahmen in der Folge Syrien, Palästina, Ägypten, und einen Teil Kleinasiens ein.(17) 10 Jahre nachdem Byzanz die Stadt Jerusalem/Jebus zurückerobert hatte, zog 638 Kalif Omar (Umar) dort ein. Der Staat der Ghassaniden, Grenzvasallen Byzanz‘, war bereits vor Herakleois zerfallen, nach Einmischungen von Byzanz; dies war wie die persische Zerstörung des Lachmiden-Staats mit kriegs-entscheidend bei der Niederlage gegen die Araber.(18)

Armenien war seit Ende des 4. Jh zwischen Byzanz und Persien geteilt; nachdem diese beiden Reiche von den moslemischen Arabern erobert wurden, fiel also auch Armenien unter deren Herrschaft. Im Gegensatz zu seinem langjährigen Rivalen, (dem sasanidischen) Persien, konnte sich das Byzantinische Reich (bis 641 weiter unter Kaiser Herakleios) wenigstens erfolgreich gegen eine vollständige islamische Eroberung verteidigen. Byzanz verlor aber wie gesagt Vorderasien und Ägypten, wurde geostrategisch entscheidend geschwächt. Herakleios und Yazdgerd haben 635 auch eine Allianz (bzw gegenseitige Hilfe) gegen die Araber vereinbart!(19)

Arabien, zuvor unbedeutend zwischen bzw unter diesen Grossreichen, eroberte diese also ab den 630ern ganz oder teilweise, dehnte sich enorm aus. Damit auch seine Sprache und seine Religion. Anders als bei den Griechen Alexanders, die Persien (das der Achämeniden) etwa ein Jahrtausend zuvor eingenommen hatten, konnte sich der Zoroastrismus als Religion der Perser/ Iraner nun nicht mehr behaupten. Persien verlor seine Unabhängigkeit und seine Religion, behielt aber seine Sprache und Kultur (die Ägypter verloren auch diese grossteils). Die Konfrontation zwischen Arabern (insbesondere Saudi-Arabien) und Persien/Iran ist ja gerade wieder aktuell; und teilweise ist dieser Antagonismus durch den Krieg im 7. Jh und die darauf folgende arabische Herrschaft zurück zu führen.

Im moslemischen Arabischen Reich (oder Kalifat) gab es nun viele Nicht-Araber und Nicht-Moslems. Die Entstehung/Normierung der arabischen Sprache und Schrift ist übrigens eng mit der Entstehung des Islams verbunden. Islamisierungs- und Arabisierungsprozesse begannen, mit unterschiedlichen Ausgängen. Perser, Syrer und Ägypter nahmen auf den Islam und das Arabische Reich in den nächsten Jahrhunderten grosse Einflüsse. Unter Kalif Omar wurden im 7. Jh auch Juden von der gesamten Arabischen Halbinsel (ausser Jemen) umgesiedelt. Noch unter Mohammed war die von Juden bewohnte Oase Khaybar nahe Medina/ Yathrib am Hejaz eingenommen worden. Juden und andere Nicht-Moslems wurden unter arabischer/islamischer Herrschaft teilweise toleriert.

Omar wurde 644 von Perser Pirouz Nehavendi getötet(20); sein Nachfolger wurde Osman (Othman). Unter diesem dritten Kalifen geschah die endgültige Redaktion/Zusammenstellung des Korans. Es gab Kämpfe mit Byzanz im Grenzgebiet, und Eroberungen in Nordafrika westlich von Ägypten. Diese Kämpfe mit den Berbern kamen erst unter den Omayaden zum Abschluss. 656 wurde Imam Ali auch als Kalif anerkannt – von Teilen der Führung des Reichs. Er verlegte das Zentrum des Reichs von Medina am Hejaz nach Kufa in Mesopotamien. Der wichtigste Gegner Alis war Muawiya(h), der Statthalter von Syrien, vom Clan der Omayaden (Umayyaden; arabisch Umawiyyun oder Banu Umayya) aus Mekka. Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der „Partei Alis“)(21) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Am Ende dieser ersten „Fitna“ (interne Auseinandersetzung) wurde Kalif/Imam Ali 661 getötet. Alis Sohn Hassan wurde zunächst Nachfolger, fünfter Kalif. Er musste nach einem halben Jahr abtreten, Muawyia setzte sich als neuer Kalif durch. Hassan blieb Imam, beanspruchte (für sich und seine Familie) weiterhin die Führung des Reichs und der Religion.

In der Schlacht von Kerbala (Mesopotamien/Irak) 680 kämpften die Schiiten unter Hassan gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid. Wahrscheinlich kann man erst nach dieser Schlacht (die einen sunnitischen Sieg brachte) von „Sunniten“ und „Schiiten“ sprechen, kam es wirklich zu dieser Spaltung im Islam. Die Sunniten gaben die Macht bzw das Kalifat nicht mehr aus der Hand, bis zum Machtverlust der Abbasiden ab dem 9. Jh. Die Spaltung(22) war nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische(23), die schiitischen Imame stellten eine Art Gegenregierung zum Kalifat dar, mit wenig Macht.(24) Ein wenig paradox ist es, dass es eigentlich die Linie der schiitischen Imame war, die das Erbe der Raschiden fortsetzte, der Verwandten Mohammeds. Damals gab es kaum Moslems ausserhalb dieses Reichs, (fast) alle lebten in diesem, aber lange nicht Alle in dem Arabischen Reich waren Moslems. „Araber“ und „Moslem“ war damals aber praktisch kongruent; Christen in Syrien oder Ägypten (die heute auch als „Araber“ gesehen werden) hatten noch eine eigene nationale Identität. Die Umma, die „Gemeinschaft der Moslems“ (die [fast] alle im Arabisch-Islamischen Reich kämpften), war (früh) gespalten, in Sunniten und Schiiten. Dann gab es im Reich die „Spaltung“ in Araber und Andere (Perser, Syrer,…). Wobei es von diesen Nicht-Arabern (religiös v.a. Christen und Zoroastrier) eine stetige Konversion zum Islam gab, aus verschiedenen Gründen.(25)

Dass sich unter den Persern/Iranern der schiitische Islam durchsetzte, ist eine komplexere Sache (und war erst mit der Machtergreifung der Safawiden entschieden!), aber es hatte sicher damit zu tun, eine „dissidente“ Rolle einzunehmen, eine Gegenposition zum vor-herrschenden sunnitischen Islam. Wobei auch der schiitische Islam eigentlich eine arabische „Kreation“ ist. Die Spaltung in Sunniten und Schiiten war Teil der „2. Fitna“, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte. Unter den Omayaden wurde die Iberische Halbinsel (Reiche der Westgoten und der Sueben) eingenommen (von wo aus die Araber dann in das Frankenreich einfielen) und die Ostränder Persiens, an den Übergängen zu Turkestan/China bzw Indien. Das Arabisch-Islamische Reich erreichte unter den Omay(y)aden-Kalifen seine grösste Ausdehnung. Es reichte damals, im 8. Jh, von Iberien bis an die Grenzen Indiens und Chinas, jene von Abessinien und dem Frankenreich. „al Andalus“, die Iberische Halbinsel nach der arabischen Eroberung im 8. Jh, war der westlichste und nördlichste Bereich des Reichs bzw des Kalifats.(26) In seiner grössten Ausdehnung umfasste dieses Arabische Reich etwa 11 Millionen km2 und 62 Millionen Einwohner, womit es eines der grössten Reiche der Weltgeschichte ist. Und, bald nach diesem Höhepunkt begann der Auseinanderfall.

Unter den Omayaden wurde Damaskus (Syrien) Reichs-Hauptstadt; das eigentliche Arabien (die Halbinsel) wurde wieder ziemlich bedeutungslos, geriet in eine Randlage. Dabei stammte die Omayaden-Familie ja aus Mekka. Der erste Kalif aus der Familie, Muawiya, liess in seiner Heimatstadt bauen. Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde die Kaaba in Mekka 683 bei den Auseinandersetzungen zwischen dem omayadischen Kalifen Yazid und ʿAbdallāh ibn az-Zubair, der sich (unabhängig von den Schiiten) zum Gegenkalifen ausrief. 747 nahm ein kharidschitischer Rebell aus Jemen mit seinen Anhängern Mekka ein, wurde vom letzten Omayaden-Kalifen Marwan II. (bzw dessen Truppen) besiegt. Medina und noch mehr Mekka blieben spirituelle/religiöse Zentren des islamischen Reichs (und später der Moslems global), der Hejaz und Arabien wurden aber wieder Peripherie (im Arabisch-Islamischen Reich und überhaupt), verloren ihre politische Bedeutung (und damit auch die wirtschaftliche zT). Mit der Machtergreifung der Abbasiden wurde Bagdad Zentrum des Reichs und Arabien kam natürlich auch unter die Herrschaft dieser Kalifen.

Die Omayaden sahen und praktizierten den Islam als Religion der Araber (vielleicht noch mehr als die Raschiden). Während Berber, Ägypter, Syrer, Mesopotamier,… arabisiert wurden, behielten die Perser ihre Sprache und Identität (wenn auch nicht die religiöse), waren die grösste Minderheiten-Nationalität. Auf das Konfessionelle heruntergebrochen gab es in diesem Reich die grossen Minderheiten der Christen und Zoroastrier. In Ägypten war um das Jahr 1000 etwa die Hälfte die Bevölkerung christlich (Kopten), im „Grossraum“ Syrien mindestens ein Drittel (v.a. Syrisch- und Griechisch-Orthodoxe).(27) Persien blieb unter den raschidischen Kalifen überwiegend zoroastrisch, unter den omayadischen war noch immer mindestens die Hälfte der Bevölkerung zoroastrisch. In der Omayaden-Ära versuchten islamisierte Perser, den Islam als teilweise persische/iranische Religion darzustellen, um die Islamisierung zu fördern. Salman Farsi hätte grossen Einfluss auf Mohammed gehabt, und der Mythos wonach Imam Hussein Yazdgerds Tochter Shahrbanu (siehe Fussnote 17) geheiratet habe, dürfte vor dem Hintergrund erfunden worden sein. Mitte des 8. Jh gab es einen Aufstand moslemischer Perser gegen die Omayaden-Herrschaft, unter Führung von Abu Muslim Khorrasani, die eine andere arabische Familie, die Abbasiden, an die Macht brachte.(28)

Ein Blick nach Europa nun. Das (christliche) Frankenreich und das Arabisch-Islamische Reich sind etwa zur selben Zeit entstanden und untergegangen, und weisen auch sonst einige Parallelen zu einander auf. Das merowingische Königtum war anfangs ein Sakralkönigtum und stellte ein Symbiose römischer Vorbilder und eigener Traditionen dar. Chlodwig vollzog mit seiner Taufe 498 die Abkehr von alten Göttern, begann dann mit seinen Feldzügen. Im Arabisch-Islamischen Reich 750 der Dynastiewechsel von Omayaden zu Abbasiden, im Frankenreich 751 der von Merowingern zu Karolingern.(29) Henri Pirenne, in „Mohammed und Karl der Grosse“: die Ausbreitung des Islams (bzw seine Auswirkungen auf Europa) habe in Europa erst einen richtigen Bruch mit der Antike bewirkt, die Karolingerzeit stelle den Beginn des Mittelalters dar. Im Kalifat gab es aber keine Teilungen durch Erbkonflikte unter Herrscher-Söhnen oder inner-dynastische Teilungen die zu neuen Reichen führte; aber mit der Abspaltung des Omayadenreichs in Iberien doch so etwas „Ähnliches“ wie die Teilungen des Frankenreichs unter den Karolingern. Das Kalifats-Reich ging aber unter, weil die reale Macht an regionale Herrscher sowie Offiziere/Soldaten überging. Mit dem Tod des letzten Karolingers im Ost-Frankenreich (Ludwig „das Kind“) 911 ging die fiktive Einheit des (vormaligen) Frankenreichs zu Ende. Das Kalifat als rein religiöse Institution hielt sich über den Auseinanderfall des Reichs hinaus, bis ins 13. Jh. In den beiden Reichen gab es eine multi-gentile bzw multi-nationale Struktur mit Vorherrschaft der Franken bzw Araber, und eine Entwicklung zu Gleichberechtigung anderer Stämme bzw Völker.

750 also der Übergang vom Omayaden- zum Abbasiden-Kalifat, mit Mesopotamien (Bagdad) als Zentrum. Mit der Entmachtung der Omayaden in diesem Reich spalteten sich diese mit ihrer Herrschaft über die Iberische Halbinsel ab, regieren dort weiter; dies war der erste territoriale „Abfall“ von diesem Reich.(30) Mesopotamien hatte unter Achämeniden, Arsakiden und Sasaniden zu Persien gehört, war kulturell ziemlich stark persisch geprägt. Und Perser (und ihre Kultur) kamen unter den Abbasiden zu mehr Geltung – allerdings zum Preis einer stärkeren Islamisierung. Der Wechsel von Omayaden zu Abbasiden war für nicht-arabische Moslems vorteilig, für Nicht-Moslems nachteilig. Das Abbasiden-Reich war weniger ein arabisches als ein islamisches.   

Die Abbasiden waren mit Hilfe iranischer Moslems an die Macht gekommen.(31) Zoroastrier und Christen wurden unter den Abbasiden verfolgt und Erstere wurden in dieser Ära zur Minderheit in Persien. Moslemische Perser nahmen aber eine starke Stellung in diesem Reich ein, als Offiziere, Kleriker, Beamte, Händler oder Wissenschafter, wie die Barmakiden-Familie. Die Rohheit und Ungeschliffenheit der beduinischen Wüstenbewohner prägte eigentlich die Anfänge des Islams, ab den Abbasiden ist eine höhere Kultur auszumachen. Die Abbasiden-Zeit 750-850 war wahrscheinlich die Blütezeit dieses Islamischen Reich, obwohl es auch damals viele innere Machtkämpfe und interne Spaltungen gab. Ein „Unterkönigtum“ war in der Geschichte oft die Vorstufe zu Teilungen bzw Abspaltungen (> Brasilien, Frankenreich, Jugoslawien,…), auch die Kalifen verloren allmählich Macht an regionale Statthalter/Herrscher, auch wenn diese (zunächst noch) ihre Oberherrschaft anerkannten. Teilweise wurde diese Entwicklung dadurch begünstigt, dass diese Regionalherrscher eine Art Autonomie von nicht-arabischen Völkern herstellten. Die Tahiriden etwa waren (ethnisch persische) Gouverneure der Abbasiden-Kalifen über Chorassan/Khorasan, agierten aber zunehmend unabhängig. Die Buyiden, schiitische Perser, herrschten um die Jahrtausendwende in grossen Teilen Persiens und Mesopotamiens. In Nordafrika gab es die Fatimiden oder die Idrisiden in Nordafrika, in Syrien Toluniden oder Hamdaniden.

Ab Ende des 9. Jh herrschten die Abbasiden direkt/effektiv nur über Mesopotamien, auch dort gerieten sie dann unter die Kuratel von türkischen Offiziern (ehemalige Militärsklaven) und persischen Beamten, dann auch von regionalen Herrschern. Mesopotamien/Irak war unter den Abbasiden Kalifats-Kernland, aber das Kalifat wurde mehr und mehr in die Rolle eines geistigen Oberhaupts (und regionalen Herrschers) zurückgedrängt. Erinnert etwas an die Entwicklung der Moguln in Indien. Zur selben Zeit ging das Imamat der Schiiten unter, 878 „verschwand“ der zwölfte Imam der schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt.(32) Das Abbasiden-Kalifat verlor die Macht im Hoch-Mittelalter, zunächst an Regionalherrscher (oft nicht-arabischer Ethnizität oder Herkunft), die tatsächliche Machthaber wurden und sich zT dezidiert abspalteten, dann an v.a. turkstämmige Sklavensoldaten; es blieb zT Oberherrscher über die regionalen islamischen Machthaber, behielt jedenfalls eine Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Und ging dann gegen die Mongolen unter.

Der Islam hat(te) einerseits einen universalistischen Anspruch, andererseits gab es eine Privilegierung und eine Vormachtstellung von Arabern – erst unter den Abbasiden änderte sich das. Viele Konvertiten („Mawali“)(33) traten zur Schia über, aufgrund der Diskriminierungen die sie (als Moslems) erfuhren. Der abbasidische Widerstand gegen die Omayaden nutze diese Spannungen hauptsächlich zwischen Arabern und Persern auch aus für seinen Umsturz; als sie das Kalifat dann inne hatten, räumten sie Persern Gleichberechtigung ein, sofern sich diese dem Islam anschlossen, ihre Schriften auf Arabisch verfassten und sich dem Kalifat unterordneten. Nach der Abu Muslim – Ermordung gab es Widerstand von Persern gegen die islamisch-arabische Herrschaft, in Form einer Wiederbelebung der Mazdak-Religion unter Babak Khorramdinam. Die Abbasiden begannen im 9. Jh wie gesagt die Kontrolle über das Reich zu verlieren. Nun, da es kaum noch eine arabische Vorherrschaft im islamischen Reich gab (bzw kaum noch ein Reich als solches), erhoben sich nicht-arabische Völker, hauptsächlich Berber/Mauren, Syrer/Aramäer, Ägypter, Perser(34), in einer Bewegung, die Schuʿūbīya oder Shuubiyah (الشعوبية) genannt wird, im 9. und 10. Jh. Im Zuge des Auseinanderfalls des Arabisch-islamischen Reichs kamen auch (aus Zentralasien stammende) Türken zu Bedeutung in ihm.

Mit dem Zerfall des Reichs bzw Verfall des Kalifats kehrten in Arabien wieder Stammesherrschaften ein bzw regionale Fürsten. Das galt insbesondere für das Landesinnere der arabischen Halbinsel (Najd, Nefud, Asir), dieses blieb von nun (Hoch-Mittelalter) ausserhalb grosser Reiche und Kulturen – bis im 20. Jh die Sauds von dort aus ihren Staat gründeten. Wichtig von Arabien blieben nur die Küsten, im Süden (Jemen, Oman), Osten (Golf), besonders aber im Westen, der Hejaz, mit den heiligen islamischen Städten (bzw Stätten in) Mekka und Medina, und der Nähe zu Afrika. Ab dem 10. Jh (und bis ins 20. Jh) ist die Herrschaft der haschemitischen Scharifen über Mekka und Medina bezeugt. Ihr Gebiet umfasst anfangs eben nur diese beiden Städte, im 13. Jh wurde es auf den restlichen Hejaz ausgedehnt. Das Scharifat von Mekka war ein quasi-unabhängiger Staat, aber über die Jahrhunderte hinweg waren die Scharifen durchwegs einem grossen islamischen Reich in der Region „unterstellt“. In abbasidischer Zeit entstanden, kam das Scharifat über den Hejaz nacheinander unter die Oberhoheit der Fatimiden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen. Die Haschemiten bzw Banu Hashim stammen aus dem Kuraish-Stamm, wie der Prophet.

Etwas das u.a. auch das marokkanische Königshaus (Alaoui), das ehemalige libysche (Senussi/Sanusya) oder die fatimidischen Aga Khans für sich beanspruchen (können). Der imamitische Teil der Ismailiten gründete im 10. Jh von Nordwest-Afrika aus ein Reich, nach dem Sturz der Toluniden und Aghlabiden dort, nahm Ägypten ein. Diese Fatimiden-Dynastie (bzw -Herrscherschicht) proklamierte sich auch zu Kalifen, Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden in Mespotamien, deren Macht verfiel. Es waren die (schiitischen) Fatimiden, die Ägypten den (sunnitischen) Abbasiden abnahmen; das selbe taten sie dann auch mit dem Hejaz. Dann eroberten sie auch Gross-Syrien. Das Fatimiden-Reich war das bedeutendste islamische seiner Zeit (Hoch-Mittelalter), nahm den Abbasiden selbst einen grossen Teil der verbliebenen Macht ab. Die anderen Zentren der islamischen Welt waren damals Cordoba (Omayaden/Almoraviden) und Bagdad (Abbasiden). Bereits im 9. Jh gründeten die Mahdisten unter den Ismailiten, die Karmaten, ihr Reich, an der arabischen Golfküste (al Ahsa). Es  hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand, sein Zentrum war auf Bahrain. Der Karmaten-Staat umfasste den grössten Teil Ost-Arabiens. Vieles an der Karmaten-Kultur wurde als Un-Islamisch gesehen, v.a. von Sunniten. Aber auch mit dem Fatimiden-Reich gab es Kämpfe, in Syrien. 930(35) nahmen die Karmaten Mekka am Hejaz ein, entführten den Ka’aba-Stein, nach Bahrain. 951 kehrte er (nach Vermittlung der ebenfalls ismailitischen Fatimiden) nach Mekka zurück.      

Im 11. Jh wurden die Karmaten auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, mit Hilfe der Seldschuken. Das Uyuniden-Emirat dehnte sich bald über den Najd bis Syrien aus. Es wurde im 13. Jh von den Usfuriden besiegt. Im 14. Jh nahmen süd-persische Regionalherrscher Bahrain und Qatif ein, den Rest ihres Reichs verloren die Ufsuriden im 14. Jh an die (schiitischen, arabischen) Jarwaniden. Im 15. Jh übernahmen die Jabriden die Herrschaft in Ostarabien, „zusammen“ mit (bzw in Konkurrenz zu) den persischen Hormuz-Herrschern. In Südwestarabien/Jemen kamen im Zuge des Verfalls des (Abbasiden-) Kalifats die Sulaihiden und andere ismailitische Herrscher an die Macht, dann die saiditischen Rassiden. Die Ismailiten gingen im 12. Jh in Ägypten gegen die Ay(y)ubiden unter, die bald auch Syrien und Hejaz eroberten. Der Hejaz wurde weiter von Ägypten aus verwaltet, nach Fatimiden und Ayubiden war das dann auch unter Mameluken und Osmanen so. Turkvölker, ursprünglich aus/in Zentralasien, wurden von Persien aus islamisiert, sickerten im Hoch-Mittelalter ins Gebiet des Arabisch-Islamischen Reichs (Kalifats) bzw regionaler Herrschaftsgebilde ein oder wurden als Militärsklaven rekrutiert. Als diese in Kommandopositionen aufstiegen, dauerte es nicht lange, bis sie sich fragten, ob sie nicht selbst die Macht übernehmen konnten.

Ungefähr so kamen die Reiche der Ghaznawiden, Seldschuken, Karachaniden, Mameluken,… zu Stande; im eigentlichen Siedlungsgebiet (bzw nahe daran) entstand zB das Khanat der usbekischen Scheibaniden. In Iberien wurden die Omayaden im 11. Jh von den Almoraviden (die Berber waren) abgelöst, während die Reconquista „tobte“, es folgten Almohaden und Nas(i)riden, und am Ende des Mittelalters gab es dort mit Spanien und Portugal christliche Reiche statt eines moslemischem. Vom 11. bis zum 13. Jh die Kreuzzüge europäischer Mächte in den moslemisch gewordenen Raum, u.a. nach Palästina. Der Prozess des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der eigentlichen Zentralmacht) kam erst im 13. Jh zum Abschluss, als die Mongolen (nach dem Tod von Dschingis Khan) über Zentralasien und Persien in Mesopotamien/ Irak eindrangen und den letzten Kalifen töteten, 1258. Die Mongolen rückten auch nach Westasien vor, beendeten die Ayubiden-Herrschaft in Syrien, rückten nach Ägypten vor – wurden 1260 bei Ayn Djalut in Palästina von den ägyptischen Mameluken „empfangen“ bzw besiegt.(36) Die Zeit vom Hoch-Mittelalter bis in die frühe Neuzeit war also für den islamischen Raum (Nordafrika-Westasien-Zentralasien) eine des Entstehen und Untergehens von Reichen/Staaten, dem Ende des Kalifats (lange nach Ende seiner Bedeutung), der Dominanz nicht-arabischer Akteure. Inwiefern das Fatimiden-Reich ein arabisches war, darüber kann man diskutieren.

Mehr oder weniger war es das, somit das letzte bedeutende arabische und es ging etwa mit dem Ende des Hoch-Mittelalters unter.(37) Die maximale Expansion des Islamisch-Arabischen Reichs war eben unter den Omayaden erreicht (wobei dieses Reich aber damals schon innerlich gespalten war), unter den Abbasiden dann mit dem Omayaden-Reich in Iberien die erste Abspaltung, es folgten viele weitere; und die Arabische Halbinsel wurde grossteils wieder bedeutungslos. Es gab aber weitere Ausbreitungs- und Expansionswellen des Islams, über den Machtverlust der Araber hinaus, in Zentralasien, Indien, Schwarzafrika, Südost-Asien, am Balkan (Südosteuropa), etwa durch Türken und Perser.  Zuvor Konvertierte wurden selbst „Missionierer“(38) in dieser zweiten Runde der Expansion des Islams; die Samaniden-Herrscher waren etwa zoroastrische persische Adelige (im Sassaniden-Reich) gewesen, die zum (sunnitischen) Islam konvertierten, dann im Abbasiden-Reich eine Rolle spielten und sich dann unabhängig machten. Indien wurde grösstenteils moslemisch erobert (so unter den Moguln), die Bevölkerung wurde aber grösstenteils nicht moslemisch (blieb hauptsächlich hinduistisch) – es gab also Unterschiede bei der „Ausbreitung“ (Eroberungen/ Konversionen). Und es entstand auch eine islamische Diaspora, Moslems in nicht-moslemischen Staaten.(39)

An der Wende zur Neuzeit entstanden (oder expandierten entscheidend) die drei islamischen Grossreiche der Osmanen, Moguln, und Safawiden. Zu jener Zeit also, als das letzte islamische Reich auf der Iberischen Halbinsel, das Emirat Granada (unter den Nasriden), unterging. Daneben gab es einige kleinere islamische Reiche, in Asien und Afrika, wie das Mali-Reich in Westafrika. Das osmanische war das wichtigste, wegen den Kontakten mit Europa, der Übernahme (bzw Wieder-Aufnahme) des Kalifats, und der Herrschaft über die heiligen Städte/Stätten am Hejaz. Das Osmanische Reich wurde von Türken/Türkisierten geführt, und Araber/Arabisierte machten die Mehrheit der Bevölkerung aus, schliesslich wurde nahezu die gesamte Arabische Halbinsel dem Reich eingegliedert, ausserdem Mesopotamien/Irak, Gross-Syrien, Ägypten und das restliche Nordafrika. Wenn man von „arabischen Gebieten“ (oder „Arabien“) sprach, war nun nicht mehr nur die Arabische Halbinsel gemeint, sondern der gesamte nun Arabisch-sprachige Raum von Marokko bis Irak. Von diesen Gebieten hatten zu osmanischen Zeiten eigentlich nur der Hejaz, Ägypten, der Grossraum Syrien (mit Palästina) grössere Bedeutung.

Unter Sultan Selim I. eroberten die Osmanen 1517 Mekka und Medina von den Mameluken, weiteten ihr Gebiet um den restlichen Hejaz aus, die daran anschliessende Asir-Region, dann die Golfküste (Ost-Arabien). Die Osmanen beanspruchten die Oberherrschaft (Suzeränität) auch über das Landesinnere der Halbinsel (Najd), wo es regionale bzw tribale Herrscher gab. Und, zeitweise gelang es ihnen auch, Südarabien, also Jemen und Oman, zu beherrschen. Osmanische Herrschaft über die Westküste Arabiens (Hejaz und Asir) und Ostarabien (u.a. Hasa/Ahsa/Lahsa) war aber nie vollständig (wenn sie auch länger dauerte als jene über die Südküste), genau so wenig wie über Nordwestafrika/Maghreb. In (bzw von) diesen Ländern kontrollierten die Osmanen nur die Häfen bzw den Schiffsverkehr vor der Küste ordentlich. Schliesslich waren in der frühen Neuzeit portugiesische Schiffe unterwegs, die Stützpunkte anzulegen beabsichtigten, auch an den Küsten des Roten Meeres, des Persischen Golfs und des Arabischen Meeres (wenn man so will, alles Nebenmeere des Indischen Ozeans). Die Küsten Arabiens waren (und sind) ausserdem die bevölkerungsreichsten Gebiete der Halbinsel. Der Hejaz war natürlich auch als Wiege des Islams von Bedeutung, die Herrschaft darüber verlieh den Osmanen Legitimität (nicht zuletzt in der islamischen Welt), hatte jährlich ein hohes Aufkommen an Pilgern, die für Steuer- und Handelseinnahmen sorgten.

Am Hejaz herrschten die Scharifen von Mekka weiter, nun eben (ab 1517) unter osmanischer Oberhoheit; die Soldaten des Scharifen „expandierten“ auch nach Asir und Teile des Najd. Die Osmanen verwalteten den Hejaz anfangs als Teil des Eyalets (Provinz) Ägypten, gründeten dann das Eyalet Habesh (ایالت حبش‎, Eyālet-i Ḥabeş), auch bekannt als Eyalet von Habesh und Jeddah oder Eyalet Jeddah. Es umfasste auch ein Gebiet auf der gegenüberliegenden, afrikanischen Küste des Roten Meeres (Gebiete die heute zu Eritrea und Sudan gehören). Es gab einen osmanischen Gouverneur in der Verwaltungs-Hauptstadt Jeddah/Jidda, ständige osmanische Garnisonen meist nur in Medina und Jeddah. Für „innere“ Angelegenheiten waren die haschemitischen Sharifen zuständig. Das Eyalet Jemen umfasste eigentlich nur den Norden (bzw Westen) Jemens, und es ging im frühen 17. Jh an den jemenitischen Saiditen-Staat verloren; die Osmanen gewannen die Kontrolle darüber im 19. Jh wieder. Oman, teilweise zu Südarabien, teilweise zu Ostarabien zugehörig, behielt grösstenteils seine Unabhängigkeit, unter Dynastien wie den Nabhani, den Yaruba, den Said.(40)

Die Portugiesen versuchten auch, sich in Ostarabien bzw der Golfküste festzusetzen. Die Osmanen schufen dort das Eyalet Basra, dann das Eyalet Lahsa. In Nachbarschaft zum safawidischen Persien, kam die Region im 17. Jh unter Herrschaft der arabischen Stammes-Konföderation der Bani Khalid, die aber auch die osmanische Oberherrschaft anerkennen mussten. Das Landesinnere (Najd) wurde ja meist von auswärtigen Herrschern allein gelassen, auch die Osmanen hatten darüber kaum Kontrolle, auch wenn sie Oberhoheit darüber beanspruchten. Zu Zeiten, als die Osmanen die Kontrolle über die Golfküste verloren (17.-19. Jh), hatten sie über den Najd schon gar keine Kontrolle. In diesem Raum behielten Stammesherrscher das Sagen, kam es (zunächst) nicht zu überregionalen Herrschaftsbildungen. Vor allem die Saud- und die Raschid-Familie wurden dort wichtig. Schon aus der Zeit vor der osmanischen „Inbesitznahme“ der Arabischen Halbinsel, im 15. Jh, ist ein Manʾ al-Muraydī as-Saʿūd, in Zentralarabien bezeugt. In Mekka am Hejaz wurde 1630 die Kaaba bei einer Überschwemmung so schwer beschädigt, dass sie zusammenzustürzen drohte. Dies veranlasste den osmanischen Sultan Murad IV. zu einem Neubau, der heutige Bau stammt aus dieser Zeit. 

Im 18. Jh dann gelang dem Saud-Clan im Najd eine neue Einigung der arabischen Stämme und Errichtung eines Staatswesens, wie einst Mohammed Ibn Haschemi. Oberhaupt der Al-Saud war damals Scheich Mohammed Ibn Saud, Stammesherrscher in ad Diryah, einer Oasensiedlung, die im 15. Jh von den Sauds gegründet sein dürfte. Er schloss sich im Jahr 1744 mit dem fundamentalistischen islamischen „Reformer“ Mohammed Ibn Abd el-Wahab zusammen, der Begründer des wahabitischen Islams war. Das Herrschaftsgebiet umfasste den grössten Teil des Najd, des Landesinneren der Arabischen Halbinsel, und wurde bald in osmanisches Gebiet (Hejaz, Lahsa) expandiert. Hauptstadt des Staates wurde Diryah in seinem Kerngebiet, unweit des damals bedeutungslosen ar-Riad. Dieser „erste saudische Staat“ wurde/wird auch „Emirat von Najd“ genannt oder „Emirat von Diryah“, bestand 1744 bis 1818. Dieser Saudi-Staat umfasste in seiner grössten Ausdehnung mehr Gebiet als Saudi-Arabien dann (der zweite saudische Staat dann etwas weniger). Mit ihm begann der Aufstieg der Saud-Dynastie, wurde die ideologische Basis für den heutigen Staat gelegt. Was natürlich auch mit der Allianz mit dem Wahhabismus zu tun hat, dieser strengen Form des sunnitischen Islams.

Krieger des Saudi-Staats zerstörten 1802 teilweise Kerbala im südlichen Irak /Mesopotamien/ Beth Nahrin(41), eine für Schiiten äusserst wichtige Stadt, nahmen 1803 Mekka ein, das im Gebiet der haschemitischen Sharifen und ihrer osmanischen Oberherrscher stand. Dieses „erste Saudi-Arabien“ bestand 75 Jahre lang, bis zur osmanischen (Rück-) Eroberung unter Mohammed Ali und seinem Sohn und General Ibrahim Pascha 1818. Mohammed Ali, ein Albaner, war nach der französischen Invasion in Ägypten um die Jahrhundertwende (1800) zunächst zum Vali (Gouverneur) des Eyalets (Provinz) Ägypten aufgestiegen war, dann seine Macht dort ausbaute (v.a. durch Ausschaltung der Mamluken). 1811 begann die Armee unter Mohammed Ali mit der osmanischen Rückeroberung der Arabischen Halbinsel, drang über den Sinai in den Hejaz vor, dann auch in den Najd vor, nahm 1818 Diryah ein. Herrscher Abdullah al Saud wurde gefangen genommen und in Istanbul getötet. Der Hejaz wurde danach von Ägypten regiert, somit von Mohammed Ali, der auch Syrien einnahm. 1841 (nach anderen Angaben 1845) musste er diese Gebiete aufgeben, dafür wurde seine Herrschaft in Ägypten (bei Beibehaltung osmanischer Oberhoheit) anerkannt.

Die osmanische Herrschaft war wieder her gestellt, aber die Sauds und die Wahabiten blieben nach ihrer Niederlage gegen die Osmanen motiviert. Und Ägypten musste de facto an Mohammed Ali abgetreten werden. Der Niedergang des Osmanischen Reichs hat nach der Niederlage in Wien Ende des 17. Jh begonnen, und im 19. Jh ging es Schlag auf Schlag, daran konnten auch die vielen Reformbemühungen nichts ändern. Vor Allem warfen europäische Mächte, voran die Briten, begehrliche Blicke auf die den Osmanen unterstehende Gebiete (ausserdem auf Zentralasien, Südasien,…). Tief im Inneren Arabiens entstand 1824 ein „zweiter saudischer Staat„, das Emirat Najd, mit Riad als Hauptstadt, bzw als Herrschersitz, der damals allmählich zu einer Stadt wuchs.(42) 1891 besiegte der Al Rashid-Clan, der über das Emirat von Jabal Shammar, ebenfalls im Najd, herrschte, den Saudi-Staat. Viele Jahrzehnte hatte es zwischen den Staaten dieser Familien Konflikte gegeben. Die Sauds mussten ins Exil nach Kuwait gehen, das seit dem späten 18. Jh ein unabhängiges Scheichtum unter den as-Sabah war. In Ostarabien entstanden in der Neuzeit weitere unabhängige Emirate. Das osmanische Lahsa-Eyalet war ja schon im 17. Jh von den Banu Khalid „aufgelöst“ worden. Sowohl der erste als auch der zweite saudische Staat hatten an die Golfküste expandiert.

Im 19. Jh meldeten sich dort die Osmanen wieder zurück, gründeten den Sandjak Najd – der aber eben nicht Najd, das Innere Arabiens umfasste, sondern den Norden der Golfküste (Hasa/Ahsa/Lahsa). Der Sandjak gehörte zum Vilayet Bagdad (1871-1875), dann zum Vilayet Basra. Am Hejaz versuchten die Osmanen im 19. Jh nach Mohammed Ali und den Sauds ihre Herrschaft wieder zu festigen, weiter mit den Haschemiten als „Unterherrscher“. Es wurde 1872 das Vilayet Hejaz geschaffen, an Stelle des Eyalets Habesh, im Rahmen einer Verwaltungsreform die Eyalets durch Vilayets ersetzte (die weiter in Sandjaks unterteilt waren). Das Vilayet Hejaz erstreckte sich südlich von der Stadt Ma’an (Vilayet Syrien) bis zum Vilayet Jemen. Die osmanische Herrschaft über Arabien war aber im 19. Jh in’s Wanken gekommen. Die Briten kontrollierten einen Grossteil der Golfküste Arabiens, waren ausserdem in Ägypten, Persien,… Die Franzosen hatten sich grosse Teile des Maghrebs gesichert und Libanon von Syrien abgetrennt (bei Beibehaltung osmanischer Hoheit darüber). Doch Jemen wurde im 19. Jh nochmal osmanisch. Das Eyalet, später Vilayet, Jemen umfasste den Asir (als Sandjak), aber wiederum nicht den Süden Jemens, der (mit Hadramaut) als Aden Protectorate unter britischer Kontrolle stand. 

Das Osmanische Reich verlor vor dem 1. Weltkrieg fast Alles in Europa, Alles in Afrika(43); von Kleinasien zog sich das osmanische Territorium bis fast an die Südspitze Arabiens. In dem Zustand, in dem sich das Reich befand, war fast Alles (was es noch hatte) strategisch wichtig. Auf das Innere der Arabischen Halbinsel (Najd) erhob das Sultanat weiterhin Ansprüche, in der Realität befand es sich weiterhin ausserhalb seiner Kontrolle. Der Saud-Clan hatte sich Ende des 19. Jh ja in’s Emirat Kuwait zurück gezogen (das auch unter britischem „Schutz“ stand). Und hatte Pläne für die Halbinsel, die sich zT mit den britischen deckten. Auf der Arabischen Halbinsel waren (und sind) die drei Küstenregionen die entwickeltsten, bevölkerungsreichsten und (strategisch, wirtschaftlich) wichtigsten Teile. Die Westküste (Rotes Meer, Hejaz) und den Norden der Ostküste (Golf, Hasa/Ahsa) wurde von den Sauds beansprucht für einen künftigen Staat; die Südküste (Jemen, Oman) und die südliche Golfküste hatten sich historisch und politisch (zT auch ethnisch) eigenständig entwickelt.

In der Spätphase des Osmanischen Reichs zielten diverseste Nationalbewegungen auf (Abspaltung von) Gebiete(n) dieses Reichs ab, von Griechen über Araber bis Zionisten, ausserdem die Grossmächte Grossbritannien und Frankreich. Ein arabischer Nationalismus, wie er im 19. Jh entstand, ging von einer Nation der Arabisch-sprachigen von Marokko bis Irak aus, die ethnisch, religiös und kulturell äusserst diversifiziert waren und unter verschiedenen Fremdherrschaften standen. Die meisten Theoretiker dieses Nationalismus‘ waren Syrer und Libanesen (wie Sati al Husri oder Michel Aflak), viele davon Christen (v.a. griechisch-orthodoxe). Die Mehrheit der Araber soll sich aber als Untertanen des Osmanischen Reichs gesehen haben. Die Sauds im kuwaitischen Exil und die Haschemiten am Hejaz hatten eigene Vorstellungen von einer arabischen Nation. Und dann gab es natürlich auch diverse islamische Erneuerungsbewegungen. Darunter auch die Wah(h)abiten und andere Salafisten. Nach dem osmanisch-saudischen Krieg (auch osmanisch-wahhabitischer Krieg genannt) von 1811-18 verfuhren die Osmanen mit den religiösen Führern des Aufstands ziemlich harsch, richteten Sulayman ibn AbdAllah und Andere hin. Die Wahabiten waren weiterhin mit den Sauds verbündet.

1902 drang Saud-Führer Abdul Aziz mit Anhängern und Unterstützung des Emirs von Kuwait im Najd ein, eroberte Riad und Umgebung zurück, das zum Emirat Ha’il (Jabal Shammar) gehört hatte (geführt vom Haus Raschid, eines der Stammesfürstentümer im Najd). Bei dieser „Schlacht um Riad“ spielten erstmals die Ikhwan eine Rolle, eine Reitermiliz aus ursprünglichen beduinischen strengen Moslems, ganz dem Wahabismus gewidmet. Dieser „dritte saudische Staat“ wurde die Keimzelle des jetzigen Saudi-Arabiens. Er wurde zunächst „Emirat von Najd“ genannt, manchmal auch „Emirat von Riad“, und der Emir war natürlich ein Saud, Abdul’aziz. Das restliche Emirat Ha’il (bzw Jabal Shammar) war bald in einem neuen Krieg mit dem Saudi-Staat bzw dem Najd-Emirat. Wobei die al Raschids pro-osmanisch waren und von diesem Reich auch unterstützt wurden in diesem Krieg (1903–1907, „Erster Saudi–Raschidi Krieg“). Der Saudi-Staat umfasste nun das Zentrum des Najd. Im Asir, Teil des osmanischen Vilayets Jemen, entstand 1906 unter den Idrisiden (nicht zu verwechseln mit den marokkanischen) ein Emirat.

Abdelazis al Saud ritt 1913 zusammen mit den Ikhwan (unter Faisal Al-Dawish) in die Nordküste Arabiens ein (Hasa/Ahsa/Lahsa), die ja als Sandjak Najd Teil des Vilayets Basra war. Die Region wurde (~1914) in sein Emirat integriert, das nun den Namen „Emirat von Najd und Hasa“ bekam. Die Region Hasa war und ist der Siedlungsschwerpunkt von Schiiten auf der arabischen Halbinsel. Und anders als unter den Osmanen gab es unter den Saudis keine Toleranz für diese. Wahhabiten und andere Salafisten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als „nicht-islamisch“) ab. Nun kam es erstmals seit Jahrhunderten wieder zu Übergriffen gegen Schiiten in Arabien.     

Im 1. Weltkrieg, als die grossen multinationalen Reiche der Habsburger, Romanovs und der Osmanen auseinanderfielen(44), wurden diverse Volksgruppen von diversen Mächten unterstützt bzw instrumentalisiert (bzw wurde das versucht), gegen das Reich in dem sie lebten, selten uneigennützig: von den Ukrainern im Zarenreich über die Italiener in der Donaumonarchie bis zu den Arabern unter den Osmanen.(45) Am Schlimmsten endete diese Konstellation für die Armenier. Die Regierung Grossbritanniens wandte sich an den Sharifen von Mekka am osmanischen Hejaz, Hussein bin Ali al Haschemi, bezüglich eines arabischen Aufstands gegen ihren Kriegsgegner, die Osmanen. Zuerst hatte man sich an „Ibn Saud“ gewandt, einen Vertrag (jenen von Darin) abgeschlossen, dann aber auf dessen Konkurrenten „umgesattelt“.(46) Der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, wandte sich 1916 an die Haschemiten.

Scharif Hussein wollte, als Gegenleistung für eine arabische Revolte gegen das Osmanische Reich, ein Arabisches Reich im gesamten Mashriq, mit der Halbinsel, Irak, Syrien, Palästina. MacMahon stellte in seinen Briefen einen unabhängigen arabischen Staat (unter den Haschemiten) zwischen Ägypten und Persien in Aussicht (also das was gewünscht wurde), allerdings mit Ausnahme von Irak (wo Öl bereits eine Rolle spielte!) und Libanon, auch Kuwait und Aden dürften die Briten nicht zugesagt haben.(47) Der arabische Aufstand (الثورة العربية‎) gegen die Osmanen (unterstützt wenn nicht angefacht von den Briten) begann im Juni 1916 in Mekka. Scharif Hussein al Haschemi, politischer Führer des Aufstands, liess diesen beginnen, nachdem er erfahren hatte, dass in Syrien arabische Nationalisten auf Geheiss von Jungtürken-Führer Ahmet Jemal Pascha (der für den arabischen Raum zuständig war) hingerichtet worden waren, und dass osmanische Truppen mit ihren deutschen Verbündeten auf den Weg in den Hejaz waren.

Im November 1916(48) liess sich Haschemi zum „König der Araber“ ausrufen. Grossbritannien und Frankreich erkannten ihn allerdings nur als König des Hejaz (Hedschas) an. Militärischer Führer war Husseins Sohn Feisal (der Abgeordneter im osmanischen Parlament (gewesen) war); Thomas E. Lawrence („of Arabia“), der an Verhandlungen mit dem Scharifen beteiligt gewesen war, war eine Art Militärberater. Der Aufstand breitete sich vom Hejaz nach Syrien aus. Allerdings, die arabischen Soldaten der osmanischen Armee blieben grossteils loyal zu dieser; nur einige Tausend Araber (grossteils vom Hejaz) schlossen sich Feisals Armee an. Die haschemitische Armee nahm Mekka und Jeddah ein, zog im Oktober 1918 in Damaskus/ Dimasq ein. Der Feldzug half den Briten und Franzosen bei ihren Eroberungen der bislang osmanischen Gebiete in Westasien in diesem Krieg (Irak, Palästina, Jordanien,…). Hussein al Haschemi wurde König des Hejaz, wo die osmanische Herrschaft also wie überall in den arabischen/arabisierten Gegenden zu Ende ging.(49) Und Husseins Sohn Feisal herrschte 1918 bis 1920 zusammen mit den Briten über Syrien. Dass die Briten andere Pläne hatten für die Region als er und sein Vater, war damals noch nicht klar. Damaskus wurde Zentrum einer (pan-) arabischen Nationalbewegung, wobei der Haschemit an der „Schnittstelle“ zwischen alten/echten/südlichen und neuen/unechten/nördlichen Arabern stand.

Die Entente- bzw Alliierten-Mächte gewannen den Krieg, „erbten“ die bislang osmanischen Gebiete in Westasien; zT wurden diese ihnen von von ihnen dominierten Gremien oder Konferenzen zugesprochen. Der ost-arabische Staat in diesem Gebiet (von Palästina bis zumindest Syrien, inklusive der Halbinsel) den die Briten den Haschemiten für ihre Hilfe versprochen hatten, kam natürlich nicht zu Stande. Das 1917 von der bolschewistischen russischen Regierung öffentlich gemachte Abkommen, das von den Diplomaten Mark Sykes (GB) und Francois Georges-Picot (Frankreich) ausverhandelt wurde, stand im Gegensatz zu den schriftlichen Versprechungen von Henry McMahon an den Scharifen von Mekka. Und, der britische Aussenminister Arthur Balfour sagte L. Walter Rothschild 1917 die Schaffung eines jüdischen Staats in Palästina zu.(50) Der von den Haschemiten geführte arabische Aufstand hatte London anscheinend eher enttäuscht und in seiner imperialistischen/paternalistischen Haltung bestätigt, wonach die „arabische“ Region künftig von ihm kontrolliert werden müsse.

Viele heutige Probleme in Westasien gehen auf Grenzziehungen der Sieger nach dem 1. WK zurück, wie Robert Fisk kommentierte(51). Zum Beispiel auf die Grenzziehung des Irak, im Südwesten, unter Einschluss der Anbar-Region. Aber nicht nur nach dem 1. WK…dieser McMahon hat ja auf der Konferenz in Simla in Indien 1913/14 auch die Grenze zwischen Tibet und Indien (damals britisch beherrscht) festgelegt. Oder die heutige Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, 1893 von Mortimer Durand gezogen. Ob so ein angedachtes haschemitisches Königreich von Palästina bis Irak gut für die Region gewesen wäre, ist eine andere Frage. Für die Arabische Halbinsel als Alternative zu Saudi-Arabien, dazu unten mehr. Für Palästina wäre es sicher besser gewesen als das, was dann kam. Irak und Jordanien bekamen eine solche Herrschaft. Dazu ist auch zu sagen, dass es Strömungen in den Nationalbewegungen in Irak, Syrien, Libanon, Palästina,… gab, die auf politische Eigenständigkeit abzielten und ein eigenständiges Nationskonzept hochhielten (statt dem einer pan-arabischen Nation). Und, Fikret Adanir meinte (nicht ganz ohne Berechtigung), dass die neuen Konflikte in bzw zwischen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs in Vorderasien, aber auch am Balkan, zT viel schärfer waren als jene unter der Türken-Herrschaft, ob in Palästina oder Makedonien. Das Konzept einer arabischen Nation ist in den arabisierten Ländern wie Ägypten oder Syrien sicherlich hegemonial, vielleicht mehr als in den eigentlichen arabischen Ländern auf der Halbinsel… Die arabischen Völker hatten ihre Unabhängigkeit im Zuge der Ausbreitung des Islams verloren, „ihrer“ Religion, begannen sie nach dem 1. WK wieder zu gewinnen.

Und die al Sauds? AbdulAziz al Saud, später als „Ibn Saud“ bekannt, Staatsgründer und erster König Saudi-Arabiens, kontrollierte sein Emirat von Najd und Hasa, das das Innere und den Nordosten der Arabischen Halbinsel umfasste. Er ging im 1. WK ein Bündnis mit den Briten gegen die Osmanen ein, hielt sich und seine Untergebenen aber von der Arabischen Revolte fern. Widmete sich lieber dem Kampf gegen die al Raschids, die ja auch mit den Osmanen verbündet waren. Das saudische Emirat grenzte an das haschemitische Königreich und diverse (andere) britische Protektorate im arabischen Raum, von Irak bis Oman. Und im Süden Arabiens machte sich 1918 Nord-Jemen unabhängig (als erster arabischer Staat!), schüttelte auch die osmanische Herrschaft ab. Der Süden Jemens blieb britisch. 1918/19 der erste haschemitisch-saudische Krieg um die Vorherrschaft in Arabien, der im Grenzgebiet zwischen Hejaz und Najd ausbrach, bei der Oase von Al-Khurma.

Die für „Ibn Saud“ kämpfenden Ikhwan waren siegreich, britische Intervention verhinderte aber noch ein Vordringen im Hejaz. Gleich darauf nahmen sich die Saudis Kuwait vor, das sie annektieren wollten. Dieser Krieg 1919/20 war für sie nicht von Erfolg gekrönt. Auf der Qqair-Konferenz 1922 wurden die Grenzen zwischen Najd und Kuwait festgelegt, und Ibn Saud überzeugte die Briten, seinem Staat einen grossen Teil kuwaitischen Territoriums zuzuteilen. Und erst 1940 hat Saudi-Arabien dieses Emirat anerkannt. Bis dahin gab es immer wieder saudische Überfälle. 1921 liess Ibn Saud seinen Staat um den Norden des Najd vergrössern, der das raschidische Emirat von Jabal Shammar bildete, nach der Hauptstadt auch Ha’il-Emirat genannt. In diesem „zweiten saudisch-raschidischen Krieg“ bildeten die Ikhwan-Reiter wieder einen Grossteil der saudischen Armee. Das Hail-Gebiet wurde in das Emirat von Najd und Hasa inkorporiert, das nun die Bezeichnung „Sultanat Najd“ bekam.

Feisal al Haschemi hielt sich nach dem Krieg einige Jahre in Damaskus auf(52), 1919 wurde anscheinend ein Emirat unter ihm über Syrien ausgerufen, als sich die Briten zurückzogen. Im März 1920 wurde er zum König von Syrien ausgerufen. Sein Bruder Abdullah, beim arabischen Aufstand/Kriegszug dabei gewesen, wurde am selben Tag zum König des (ebenfalls britisch beherrschten) Irak ausgerufen, er verzichtete/verweigerte aber. Feisal und der Syrische Nationalkongress unter Hashim al-Atassi beanspruchten ein Gebiet das der Region Syrien bzw Gross-Syrien entspricht, also mit Libanon, Antiochia, Palästina, dem späteren Jordanien. Was letzteres Gebiet betrifft, der Norden gehört historisch-kulturell zu Syrien, der Süden zur Arabischen Halbinsel. In osmanischer Zeit entsprach der Norden in etwa dem Sandjak Hauran, der Süden dem Sandjak Ma’an, beides Teile des Vilayets Syrien. Der vormalige osmanische Sandjak Ma’an (mit Akaba und der palästinensischen Nagab-Wüste) wurde 1918 von haschemitischen Kriegern besetzt.

Das Königreich Syrien erstreckte sich über den Norden des späteren (Trans-) Jordanien, beanspruchte aber auch den Süden, der auch von Feisals Vater als König des Hejaz beansprucht wurde. Die Briten anerkannten das Königreich Syrien nicht, hatten Syrien (und den Libanon) Frankreich „zugestanden“. So nahmen bereits im Juli ’20 französische Truppen das Königreich ein. Nach der dafür entscheidenden Schlacht von Maysalun wollte der Haschemit Abdullah intervenieren, rückte vom Hejaz über Transjordanien vor, wurde aber von Winston Churchill vom Plan der Intervention in Syrien zugunsten seines Bruders abgebracht. Feisal bekam 1921 den Irak als „sein Königreich“, auf das sein Bruder ja verzichtet hatte. Abdullah etablierte sich 1920/21 in den Gebieten die dann Transjordanien ausmachten, wurde (1921) von Grossbritannien als Emir unter seinem Protektorat anerkannt. Gleichzeitig wurde es dem britischen Mandatsgebiet Palästina angegliedert, blieb das bis zu seiner Unabhängigkeit als Königreich 1946. Der Nagab/Negev wurde 1922 innerhalb dieses Mandatsgebiets von Transjordanien an Palästina transferiert. Der Syrische Nationalkongress unter Atassi wollte Palästina für Syrien, die Zionisten wollten Transjordanien (aber nicht dessen Einwohner) für ihren Staat in Palästina.(53)

Im März 1924 wurde in der neu gegründeten Republik Türkei das Kalifat (das die Osmanoglus inne hatten) abgeschafft; 2 Tage später proklamierte sich der damalige König des Hejaz, der Haschemit Hussein, zum Kalifen, bei einem Aufenthalt bei seinem Sohn in Transjordanien. Die Rezeption, in der islamischen Welt und bei den Briten, war wenig enthusiastisch. Und bald darauf verlor Hussein seine Machtbasis, jene die seine Familie jahrhundertelang inne gehabt hatte. Der wahrscheinlich wichtigste Schritt in der Entstehung/Schaffung Saudi-Arabiens war die Eroberung des Hejaz durch die Sauds 1924/25. Ibn Saud liess die Ikhwan in den Hejaz reiten, den „zweiten Saudi-Haschemiten-Krieg“ beginnen, auch Hejaz-Najd-Krieg genannt. Der von den Haschemiten beherrschte Hejaz (mit Mekka) wurde ’25 von den (davor östlich davon herrschenden) Sauds erobert. Die Briten entschieden sich, Hussain al Hashemi, der sich von ihnen gegen die Osmanen hatte einspannen lassen, nicht gegen die Saudis zu helfen. 1925 ging also nicht nur das haschemitische Königreich Hejaz unter (das nur 8 Jahre bestanden hatte), sondern auch das jahrhundertelange Scharifat der Haschemiten über Mekka und Medina (seit 968)(54). Der Hejaz ging, ohne Asir, 1925 an den Saud-Staat.

1926 proklamierte sich Ibn Saud zum König des Hejaz, 1927 erhob er auch den Najd zu einem Königreich (davor war es ein Sultanat). Für die nächsten 5 Jahre herrschte er in Personalunion über die Königreiche Hejaz und Najd, diese wurden aber gerne als „Königreich von Najd und Hejaz“ (Mamlakat al-Ḥijāz wa-Najd) bezeichnet. Die Erweiterung des dritten Saudi-Staats, der ab 1902 entstand, war fast komplett. Hussein bin Ali al Haschemi setzte 1925 seinen Sohn Ali noch als König des Hejaz ein, bevor die Familie vor dem saudischen Angriff fliehen musste. Die Haschemiten hatten auf der Arabischen Halbinsel keine Machtbasis mehr (dort waren sie von den Sauds vertrieben worden), hatten aber durch Gnade der Briten 2 Länder nördlich davon bekommen, Transjordanien und Irak. Hussein liess sich in Amman nieder, wo sein Sohn Abdullah Emir war (unter Aufsicht der Briten). Er hat anscheinend „im Exil“ weiter den Titel (bzw die Funktion) des Kalifen beansprucht(55), benahm sich weiter wie ein König, redete seinem Sohn hinein; dieser „schob“ ihn schliesslich nach Akaba (Aqaba) ab, im Süden des Landes, in Nachbarschaft zu „seinem“ Hejaz. Dieser Hussein wurde dann am Tempelberg/ Haram as Sharif in Jerusalem/ Quds begraben, nachdem dieser Teil Palästinas infolge von Nakba bzw israelischer Staatsgründung um 1948 zu Transjordanien gekommen war.

Die Sauds vom Najd setzten sich also auch im Hejaz durch, gegen die Hashims. Damit setzte sich deren wahabitischer Islam im Hejaz durch, im späteren Saudi-Arabien, und bekam Einfluss auf sunnitische Moslems in aller Welt.(56) Die Najdis, grossteils nomadische Wüstenbewohner, sehr tribal geprägt, zum Teil analphabetisch/illiterat, durften über die Küstenregionen im Westen (Hejaz) und Osten (Hasa) herrschen, Gesellschaften die ihnen in mancher Hinsicht überlegen waren. Die Ikhwan waren unverzichtbar bei der Errichtung Saudi-Arabiens (die mit der Eroberung des Hejaz fast abgeschlossen war), doch nun fand sich der Monarch in einem Konflikt mit ihnen. Seine ultrakonservative Auslegung des Islams, die er dem Staat aufzwang, war ihnen noch zu wenig. Die Ikhwan wollten zum Einen den saudisch-wahabitischen Staat ausdehnen, auch die (britischen Protektorate) Transjordanien, Irak und Kuwait zu überfallen. Ikhwan-Überfälle auf Transjordanien hatte es bereits ’22-24 gegeben, in den Irak drangen sie 1921 ein, töteten dort 700 Schiiten. Mit Duldung, wenn auch nicht mit Unterstützung von Ibn Saud.

Der sah nun aber einen potentiellen Konflikt mit den Briten, wollte die Ikhwan bremsen. Zum Anderen ging es den Ikhwan (die teilweise von religiösen Führern/Funktionären beeinflusst wurden) gegen die Modernisierung, die sie Ibn Saud im Inneren betreiben sahen, damit verbunden die Zahl der Nicht-Moslems im Land. So brach 1927 ein Aufstand der Ikhwan gegen das Doppelkönigreich aus, der bis 1930 niedergeschlagen wurde. Hauptsächlich Angehörige der Stämme Otaibah, Mutair und Ajman lehnten sich auf, fielen in Zuge dessen auch in Transjordanien, Kuwait und Irak ein. Im März 1929 die Schlacht von Sabilla, in der die Ikhwan von Einheiten treu zu Ibn Saud geschlagen wurden. Die Anführer des Aufstands wurden im Zuge der Kämpfe getötet, angeblich massakriert. In den folgenden Monaten gab es weitere Kämpfe, in der Region Jabal Shammar im nördlichen Najd sowie im Bereich des Awazim-Stammes im Nordosten (Hasa). Ein Anführer der aufständischen Ikhwan, Faisal Al-Dawish, floh danach nach Kuwait – wo ihn die Briten aber einfingen und an die Saudis auslieferten. Anfang 1930 gaben die letzten Aufständischen auf.

al Dawish starb 1931 in einem Gefängnis in Riad, Sultan bin Bajad, ein anderer Anführer, wurde im selben Jahr getötet. Die Ikhwan-Miliz wurde in die Armee des Doppelkönigreichs inkorporiert, aus der die saudi-arabische Armee wurde. Es wurden aber Konfliktlinien deutlich, die bis heute aktuell sind: Das zutiefst islamische Saudi-Arabien und jene Islamisten, denen es „zu verdorben“ ist… Diese Konstellation gab es bei der Besetzung der Grossen Moschee in Mekka 1979 (>) und ab etwa 1990, mit al Qaida bzw dann Daesh als Akteuren auch gegen den saudischen Staat. Juhayman al-Otaibi, der Anführer der Aktion von 1979, war sogar direkter Nachkomme (vermutlich Enkel) von einem Ikhwan der 1920er, der sich gegen die Sauds aufgelehnt hat. Viele der Ikhwan von damals starben im Gefängnis, viele ihrer Nachkommen blieben ablehnend gegenüber dem Staat Saudi-Arabien, reaktionärer/konservativer als dieser.

Ibn Saud liess 1930 die Asir-Region annektieren, wo ja ein Kleinstaat unter der Idrisiden-Dynastie entstanden war. Und, 1932 entstand schliesslich das Königreich Saudi-Arabien, durch die Vereinigung der Königreiche Hejaz und Najd (das auch Hasa umfasste), die zuvor in Personalunion (von Ibn Saud) geführt wurden. Damit kam die Schaffung des dritten saudischen Staats zum Abschluss; der 23. September an dem das 1932 geschah, wurde im Königreich Saudi-Arabien (Kingdom of Saudi-Arabia, KSA) zum Nationalfeiertag. Dieser Zug geschah mit Billigung der Briten, die damals übrigens alle Nachbargebiete Saudi-Arabiens unter ihrer Kontrolle hatten.

Es gab und gibt in Saudi-Arabien den König, seine Familie (die grösstenteils die Regierung stellt), ein Majlis al-Shura, ein nicht-gewähltes Notabeln-„Parlament“, das den König beraten darf. Das Gesellschafts- und Rechtssystem beruht natürlich auf der wahabitischen Auslegung des Islams. Ibn Saud hatte circa 28 Frauen, von diesen circa 50 Söhne und 36 Töchter. Sein ältester Sohn Saud bin Abdulaziz al Saud (im kuwaitischen Exil geboren) wurde 1933 zum Kronprinz ernannt.

Mekka 1935

Die Annexion des Asirs führte 1934 zu einem Krieg Saudi-Arabiens mit „Nordjemen“ (Kgr. Jemen), das die Region ebenfalls beanspruchte. Saudi-Arabien konnte seine Herrschaft darüber behaupten; im Vertrag von Ta’if in diesem Jahr musste Jemen das anerkennen. Wie erwähnt war Saudi-Arabien auch auf Kuwait aus und auch mit den Grenzen zu (Trans-) Jordanien und Irak tat man sich schwer. Die zwei nördlichen Nachbarn Saudi-Arabiens waren die beiden haschemitischen Monarchien Jordanien und Irak(57); beide standen gewissermaßen unter Vormundschaft Grossbritanniens, mehr als Saudi-Arabien. Das Gebiet nordwestlich von Saudi-Arabien, Jordanien, gehört historisch-kulturell-geografisch teilweise zu Arabien (der Halbinsel), teilweise zur Region Syrien; im Nordosten grenzt KSA an die südwest-irakische Provinz Anbar (früher Ramadi), die mehr Arabien als Mesopotamien ist (der Euphrat fliesst aber durch seinen nordöstlichen Rand), und die sunnitischste Gegend des Irak. Die Region, die vom Dulaim-Stamm dominiert ist, wurde wie gesagt nach dem 1. WK dem Irak zugesprochen.(58)

Wie erwähnt war Nord-Jemen (1918 Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich) der erste unabhängige arabische Staat (dort hatten saiditische Imame das Sagen), nicht Saudi-Arabien und Irak, die 1932 von GB formal „entlassen“ wurden (beide Gebiete standen zuvor ebenfalls unter osmanischer Herrschaft). Ägypten wurde 1922 de jure unabhängig von GB, dort zog sich der Prozess der Erringung einer echten Unabhängigkeit aber bis 1956, unter Nasser. Die Unabhängigkeit arabischer bzw arabisierter Länder kam überwiegend nach dem 2. WK – entweder von Grossbritannien oder von Frankreich. Bis dahin wurde (pan-) arabischer Nationalismus in diesen Ländern mehr oder weniger stark, aus Opposition zur europäischen Herrschaft. Als GB im 1. WK Araber zum Kampf gegen die Osmanen gewinnen wollten, hatten sie nationalistische arabische Ideologie gefördert…(59)

Der deutsche Psychologe und Autor Ludwig F. Clauss reiste 1927-31 in die westasiatische Region (hauptsächlich in das britische Protektorat Transjordanien und das semi-souveräne Königreich Hejaz-Najd), wo sich damals die heutige Staatenwelt heraus bildete, trat dort zum Islam über. Clauss hatte eine jüdische Lebensgefährtin (wurde daher aus der NSDAP ausgeschlossen), wurde aber aufgrund seiner „Rassenforschungen“ auch als „Wegbereiter der Nazis“ gesehen. Er brachte 1937 „Semiten der Wüste unter sich“ heraus, wo Araber (primär wahhabitische, mit denen er zusammen gelebt hatte) ethnologisch betrachtet werden. Wurde später von den Israelis (zeitweise!) als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Mohammed Asad wiederum wurde als Jude namens Leopold Weiss in Österreich-Ungarn geboren, wanderte aus dem Österreich der I. Republik ins damals britische Palästina aus, dann nach Saudi-Arabien, konvertierte zum Islam und nahm diesen Namen an; später lebte er in Britisch-Indien bzw dann Pakistan sowie Spanien. In Saudi-Arabien kam er in die Nähe von Ibn Saud, in Pakistan wurde er Diplomat. Auch den Briten Harry S. „Jack“ Philby zog es ins spätere Saudi-Arabien. Er kam zunächst als Mitarbeiter des Geheimdienstes des Colonial Office (britische Kolonialverwaltung) in die Region, brachte dafür viele Sprachkenntnisse mit.

Er konvertierte 1930 zum Islam, heiratete eine Saudi-Araberin und wurde Berater von Ibn Saud, soll bei dessen „Vereinigung“ der Arabischen Halbinsel eine Rolle gespielt haben. Philby durchstreifte abgelegene und (zumindest für „Westler“) unbekannte Gegenden Arabiens, wie Asir. 1932 war er in der Wüste im Süden des Najd, der Rub al-Chali („Leeres Viertel“), suchte dort nach der Stadt Iram, von welcher in der Sure 89 des Korans steht, sie sei von Gott zerstört worden, da sich die Bewohner dem Propheten Hūd widersetzt hätten. Er fand drei Krater eines Meteoriten-Einschlags, dann Wabar-Krater genannt (ein Gebiet von der Fläche etwa eines halben Quadratkilometers). Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass der Einschlag im 18. Jh erfolgte.(60)

Philby half Ibn Saud auch bei Verhandlungen mit Grossbritannien, als 1938 Erdöl in Saudi-Arabien gefunden wurde… Geologen der US-amerikanischen Standard Oil Company bohrten ab 1933 in Saudi-Arabien nach Erdöl, hauptsächlich im Osten des Landes. Öl war im 19. Jh wichtig geworden in der Weltwirtschaft, als Brennstoff statt Kohle, wurde im 20. Jh immer wichtiger; in andern Ländern der Region, wie Irak, wurde es bereits gefördert – die strategische Wichtigkeit der Region für den Westen ergab und ergibt sich ja nicht zuletzt daraus. Standard Oil bzw Standard Oil of California errichtete für die Bohrungen eigens eine Tochtergesellschaft, die California Arabian Standard Oil Company (CASOC). Im März 38 wurde Öl in Dammam im Osten Saudi-Arabiens (Ahsa/Hasa) entdeckt, weitere Funde in der Gegend folgten.

Die Förderung in Saudi-Arabien begann 1941, eben durch die US-kontrollierte CASOC. 1943 oder ’44 wurde deren Name in Arabian American Oil Company (Aramco) geändert. Zumindest bis in die 1950er wurden weitere Ölfelder entdeckt, der Osten (bzw Nordosten), die Gegend um Dammam, des Landes blieb dabei der Schwerpunkt. Der „Ölboom“ löste einen Bauboom aus; es entstanden Raffinerien, Leitungen (Pipelines), Verladehäfen,… Mit steigendem Reichtum wurde auch die Infrastruktur des Landes ausgebaut. Dabei war sehr oft der Bin-Ali-„Clan“ mit seinen Firmen involviert. Wichtig wurden etwa die Trans-Arabian Pipeline, deren Bau von 1945 bis 1950 lief. Oder in Ras Tanura an der Golfküste eine Raffinerie und ein Verladehafen.(61)

Wie man weiss, hat das Erdöl Saudi-Arabien von Grund auf verändert. Es wurde neben dem Islam zum wichtigsten wirtschaftlichen und politischen „Faktor“ des Landes. War die Wirtschaft des Landes davor von karger Landwirtschaft und Einnahmen durch moslemische Pilger nach Mekka bestimmt, so wurde bald die ganze Wirtschaft auf das Erdöl ausgerichtet. Früher gingen Saudi-Araber oder Menschen aus den Gebieten, aus denen dieses Land entstand, in den Jemen oder Oman um zu arbeiten, nach den Ölfunden ist es umgekehrt. Wobei auch in anderen Ländern der Halbinsel Öl gefunden wurden, hauptsächlich in Kuwait, den Vereinigten Emiraten, Katar. Nach dem 2. WK kamen Menschen aus vielen Teilen der Welt (v.a. Südasien, Südostasien) in die Region, um dort zu arbeiten. Es heisst, dass der Zustrom von Gastarbeitern in Saudi-Arabien eine bestehende Xenophobie verstärkt hat.

Saudi-Arabien hat weltweit die zweitgrössten Ölreserven (hinter Venezuela!), wurde der zweitgrösste Produzent (hinter der USA), der grösste Exporteur des „schwarzen Goldes“, verfügt ausserdem über riesige Erdgas-Reserven. 1950 kam Aramco zu 50% in Besitz des Königreichs Saudi-Arabien, und auch eine Steuererhebung auf die Profite der (eigentlich US-amerikanischen) Gesellschaft wurde vereinbart. Das Öl verhalf KSA nicht nur zu Reichtum, sondern auch zu weltpolitischem Einfluss… Hauptsächlich gegenüber dem Westen – mit dem das Königreich im Wesentlichen verbündet blieb. So einfach das Leben auf der Arabischen Halbinsel war, bevor das Öl sprudelte, etwa ab den 1940ern änderte sich das rapide. Wobei wiederum hauptsächlich der Hejaz entwickelt wurde (oder sich entwickelte).

1953 starb der erste König der islamisch-konservativen Monarchie, „Ibn Saud“. Alle seine bisherigen Nachfolger waren/sind Söhne des Staatsgründers. Erster Nachfolger wurde wie geplant bzw festgelegt der Saud (bin Abdulaziz) al Saud. Er fand sich von Anfang an in einem Machtkampf mit dem nächstwichtigen Sohn Ibn Sauds, seinem Halbbruder Feisal. König Saud war zunächst sein eigener Premierminister (der erste Saudi-Arabiens!), dann wurde es Feisal. Dieser, zum Thronfolger/ Kronprinzen ernannt, übernahm zunehmend die Macht, 1964 wurde er nominell König, durch die Absetzung Sauds. Seit damals ist der König immer gleichzeitig auch Premier! Daneben gibt es de facto Premiers, wie jetzt Mohammed bin Salman (MBS) al Saud.(62) 

Die 50er und 60er waren eine Zeit der grossen Umwälzungen, der Modernisierung der Infrastruktur, von Liberalisierungen, von Unruhen in Teilen der Gesellschaft daher. Prinz Talal bin Abdulaziz al Saud, Sohn von Abdulaziz al Saud (alias Ibn Saud) und einer Armenierin, die den Masskern und Deportationen im untergehenden Osmanischen Reich entging, war ein Reformer, lebte in den 1960ern im Exil, weil er sich offen gegen das Königshaus in Saudi-Arabien stellte. Später zog er in das Königreich zurück und übernahm vor allem karitative Aufgaben, etwa als Sonderbotschafter für UNICEF. Er ist Begründer der ersten Mädchenschule in Riad und finanzierte die Studien zahlreicher saudischer Mädchen im Ausland.    

Nach dem 2. WK, im frühen Kalten Krieg, wurde die USA statt GB Saudi-Arabiens „Vormund“, die Orientierung des Landes am (bzw die Bindung an den) Westen blieb. Grossbritannien verlor mit dem Suez-Krieg 1956 seine „Polizisten“-Rolle in der Region Westasien-Nordafrika. Und, nach und nach wurden jene arabischen (bzw arabisierten) Länder in die Unabhängigkeit entlassen, die noch unter britischer Herrschaft standen: Trans-Jordanien 1946, Libyen 1951, Kuwait 1961, Süd-Jemen 1967; und Bahrain, Oman, Katar und VAE jeweils 1971, als letzte arabische Staaten.(63) Darunter waren also fast alle Nachbarn die KSA hat; neben Irak sind das Jordanien, Kuwait, Katar, Bahrain, VAE, Oman, und das mittlerweile vereinigte Jemen; von Ägypten und Israel/Palästina ist es durch den Golf von Akaba getrennt.(64)

Frankreich entliess den Libanon 1943-46 in die Unabhängigkeit, Syrien 1946, Marokko und Tunesien 1956, Algerien 1962. Saudi-Arabien war mit einigen Nachbarn in Grenzstreitigkeiten verwickelt. Zum Einen, ab den 1950ern, mit Abu Dhabi (dem wichtigsten der Vereinigten Arabische Emirate(65), das einzige dieser Emirate das ein „Hinterland“ hat und nicht an der Südostspitze Arabiens liegt) sowie Oman um die Buraimi-Region. Der Konflikt wurde erst im Abkommen von Jeddah 1974 beigelegt. 1952 bot Ibn Saud dem Herrscher von Abu Dhabi, Shakhbut al Nahayan, 42 Millionen Dollar – dies war für einige Jahre die höchste Bestechungssumme für eine Einzelperson – an, wenn er seinen Anspruch auf Buraimi aufgibt. Ebenfalls in Jeddah wurde 2000 der Grenzkonflikt zwischen Saudi-Arabien und Jemen geklärt.

(Trans-) Jordanien gewann infolge Nakba bzw Ha’atzmaut 1948 das Westjordanland hinzu, mit dem östlichen Jerusalem/Quds. Jordaniens König Abdullah, der Haschemit, betrieb absolut keine Palästinenser-freundliche Politik, unterdrückte palästinensische nationale Identität, wollte eine Expansion seines Jordaniens, war für eine Einigung mit Israel über die Köpfe der Palästinenser hinweg offen. Er wurde 1951 in Jerusalem von einem Palästinenser ermordet.(66) 1965 wurde die Grenze zwischen Jordanien und Saudi-Arabien neu gezogen. Das Herrscherhaus von Jordanien wie vom Irak stamm(t)en ja aus dem nunmehrigen Saudi-Arabien, wobei die Haschemiten den Saud(i)s alles Andere als freundschaftlich verbunden sind.

1952 gab es in Ägypten etwas zwischen Putsch und Revolution, nach einem tödlichen „Zusammenstoss“ ägyptischer Sicherheitskräfte mit britischen Soldaten in Ismailia; unter Generalstabschef Mohammed Nagib und dem Bund freier Offiziere; König Faruk (aus der Mohammed-Ali-Dynastie) wurde zur Abdankung gezwungen. Er hat noch seinen Babysohn (Ahmed) Fuad als neuen König eingesetzt, unter Regentschaft. 1953 setzte Nagib Fuad (II.) ab, erklärte Ägypten zur Republik und sich zum Präsidenten; und ’54 erst trat Gamal-Abdel Nasser in den Vordergrund, „schob“ Nagib „beiseite“. Nasser, der neue Herrscher Ägyptens, lehnte sich gegen den Westen auf, suchte Kontakte zum kommunistischen Staatenblock, wurde ein Feind Saudi-Arabiens, auch wegen dessen dem Imperialismus des Westens dienlichen Politik. Und, er suchte eine Führungsrolle unter den arabischen Staaten.

1958 kam es zu einigen Erschütterungen in der „arabischen Welt“, die alle (mehr oder weniger) die Stellung von Saudi-Arabien erschütterten. Im Irak wurde die Monarchie unter der haschemitischen Dynastie gestürzt, womit dieses Dynastie nur noch in Jordanien herrschte. Der neue Machthaber, Premierminister Abdelkarim Qasim, war ein irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist. Und er beanspruchte Kuwait sowie Gebiete im Grenzgebiet zum Iran; und er erhob irakische Ansprüche auf Teile der saudi-arabischen Region al Hasa, die ja unter osmanischer Herrschaft zuletzt zum Vilayet Basra gehört hatte. Im Libanon gab es Unruhen, und, unter den Vorzeichen des Pan-Arabismus von Ägyptens Präsident Nasser vereinigten sich Ägypten und Syrien (die ja keine gemeinsame Grenze hatten/haben) zur Vereinigten Arabischen Republik (الجمهورية العربية المتحدة‎); bis 1961 schloss sich dann auch noch Nord-Jemen der Konföderation an.

Ein Spaltung zwischen den arabischen Staaten (so in der Arabischen Liga) im Kalten Krieg wurde vor diesem Hintergrund verschärft. Auf der einen Seite war der Block der konservativen und prowestlichen Monarchien (wie Saudi-Arabien, die anderen Golfstaaten und Marokko) und Republiken; auf der anderen Seite „revolutionäre“ Staaten wie Ägypten und Irak. Der Iran stand damals unter dem Schah übrigens in keinem Gegensatz zu Saudi-Arabien. Im Irak wurde Qasim 1963 gestürzt, und mit ihm die progressiven und emanzipativen Ansätze, von etwa jener internationalen Koalition (unter Einschluss Saudi-Arabiens), die dann auch Mursi in Ägypten stürzte. In Libyen wurde 1969 ein konservative Monarchie (unter einer Herrscherdynastie, die Wurzeln auf der Arabischen Halbinsel hatte) von einer Militärjunta unter Muammar Ghadaffi gestürzt. Ägypten löste unter Präsident Sadat (ab 1970) nicht nur die Vereinigung mit dem von der Baath-Partei regierten Syrien, es wandte sich auch vom Ostblock ab und dem Westen wieder zu.

Der Bürgerkrieg in Nord-Jemen 62-70 war (auch) ein Stellvertreterkrieg zwischen den beiden arabischen Lagern – so wie der Bürgerkrieg in Jemen heute (wieder mit Saudi-Arabien auf der einen Seite, auf der anderen der Iran). Auf der einen Seite die Regierung der 1962 ausgerufenen Republik, unterstützt hauptsächlich von Ägypten und Sowjetunion; auf der Gegenseite jene Jemeniten die der ’62 gestürzte Monarchie der saiditischen Imame anhingen, unterstützt von Saudi-Arabien und Grossbritannien.(67) Ägypten engagierte sich dort so sehr, dass wichtiges Personal fehlte, als Israel 1967 seine Invasion durchführte, nachdem ägyptische Truppen am Sinai zusammengezogen worden waren.

Im Oman kämpften etwa von 1965–1975 Truppen des Sultanats gegen jene der Popular Front for the Liberation of Oman and the Persian Gulf (PFLOAG), im Governorat Dhofar (Ẓufār), an der Grenze zu Süd-Jemen. Auf der einen Seite v.a. die VR Süd-Jemen und die SU, auf der anderen Seite v.a. der Iran, GB. Bemerkenswert ist, dass Saudi-Arabien die marxistisch-separatistischen Aufständischen unterstützte (PFLOAG, Nachfolgerin der DLF)(68) – genau so wie, aus heutiger Sicht, dass KSA im Jemen die Schiiten unterstützte. Grund war der Dreieckskonflikt zwischen Abu Dhabi (UAE), Saudi-Arabien und Oman um das Buraimi-Gebiet im Oman, an der Grenze zum Emirat Abu Dhabi. Saudi-Arabien beansprucht(e) einen Teil von Abu Dhabi sowie Buraimi, hat im Oman bereits in den 1950ern Aufstände unterstützt.

Die Saud(i)s unterstütz(t) eher Panislamismus als Panarabismus; arabischer Nationalismus hatte Verbindungen zum Ostblock, inkludiert(e) etwas Progressives, war/ist gegen westlichen Einfluss in der Region gerichtet. Islamisten wurden im Kalten Krieg auch vom Westen unterstützt, nach der weltpolitischen Wende wurde „Islam“ Gegensatz zum „Westen“. Früher hat man Islamisten gegen Nasser unterstützt, nun Mubarak oder Sisi gegen Islamisten. 1926 hat Ibn Saud in Mekka (kurz nach dessen Inbesitznahme) einen Kongress abgehalten, der seine Herrschaft über die heiligen Stätten islamisch sanktionieren sollte. Was so nicht geschah; doch auf Grundlage dieses Kongresses wurde 1949 in Pakistan der World Muslim Congress (WMC; Islamischer Weltkongress) gegründet. Der palästinensische Mufti Mohammed Amin al-Husseini spielte eine Rolle beim Kongress 1926 und im frühen WMC.

Arabische Liga HQ Kairo

1945 wurde die Arabische Liga gegründet, innerhalb derer es ja öfters Auseinandersetzungen gab. Die Gründung soll darauf zurückgehen, dass die Briten im 2. WK wieder arabische Kooperation brauchten, die pan-arabische Karte spielten, und zur Gründung der Organisation ermutigten, die dann eben am Ende des Kriegs stattfand. Stark unter saudi-arabischer Kontrolle steht die 1962 gegründete Islamische Weltliga (World Muslim League/ WML, رابطة العالم الإسلامي). Die 1969 gegründete Organisation für Islamische Zusammenarbeit (Organization of Islamic Cooperation, OIC) ist wie die Arabische Liga nur vordergründig ein Ort (bzw Instrument) der Einheit. Auch dort gibt es, hauptsächlich hinter den Kulissen, jene Konflikte, die eben jene „draussen“ wiederspiegeln.

Saudi-Arabien war und ist jedenfalls ein Führungsstaat in seiner Region, unter den arabischen Staaten, für Moslems (Sunniten) global; besonders Ägypten, die Türkei und der Iran haben in der einen oder anderen Hinsicht immer wieder Konkurrenz gemacht. Arabischer Nationalismus bzw Pan-Arabismus wird eher von Anderen hoch gehalten als von echten Arabern, gerne Ägyptern oder Syrern… Es gibt in diesen Ländern aber auch andere Nationskonzepte. Die Entstehung und Ausbreitung des Islams brachte eine Einigung der arabischen Stämme, die Errichtung eines mächtigen Reichs, die Islamisierung und Arabisierung diverser Völker/Länder. Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Bahrain und Jemen sind am wenigsten arabisch in dieser Region. Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, teilweise wird auch Somalia als arabisches Land gesehen.

Arabischer Nationalismus kann auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Es gibt verschiedene Varianten bzw Dialekte der arabischen Sprache, die Hochsprache können Wenige. Die Konstruktion einer arabischen Nation spielte auch im Widerstand gegen Israel eine Rolle. Saudi-Arabien ist von Israel/ Palästina nur durch den Golf von Akaba getrennt. Im Krieg 1948 schickte Saudi-Arabien Hunderte Freiwillige, wobei Jordaniens König Abdullah ihnen den Durchmarsch verweigerte, sie sich deshalb der ägyptischen Armee anschlossen. Saudi-Araber waren bei der Verteidigung des Gaza-Streifens vor israelischer Besatzung beteiligt.(69) Während Israel 1967 nicht nur den Rest Palästinas besetzte, sondern auch Teile Ägyptens und Syriens, gab es ein erstes Öl-Embargo, auch an diesem war Saudi-Arabien führend beteiligt.

Es galt allen Staaten die Israel militärisch unterstützten. Manche arabischen Öl-Export-Länder (bzw OAPEC-Staaten) stellten Exporte ganz ein. Im „Nahost“-Krieg 1973 schickte Saudi-Arabien 3000 Soldaten nach Syrien, in diesem Krieg behauptete Israel ja seine Besatzungen weitgehendst. Nach diesem Krieg beschlossen die Ölminister der OAPEC-Länder auf einer Konferenz in Kuwait auf Initiative von Saudi-Arabien (König Feisal) einen Boykott (bzw eine Drosselung) von Ölexporten, das von Oktober 1973 bis März 1974 lief. Es betraf wiederum Staaten die Israel unterstützten, in erster Linie war das die USA seit Johnson. Die OAPEC-Länder verlangten einen Rückzug Israels auf die Grenzen in denen es von 1949 bis 1967 bestand.

Ersatz für die westlichen Staaten kam in erster Linie von Iran und Venezuela. Die Ölpreise gingen in die Höhe, es gab Fahrverbote, eine Rezession der Weltwirtschaft. Die USA besänftigte Saudi-Arabien hauptsächlich, indem sie ihm mehr Kontrolle über Aramco gab. Und Saudi-Arabien wandte sich schnell wieder dem Westen zu. König Feisal al Saud wurde 1974 von Sadat und Ghadaffi der Kalifen-Titel angetragen, der lehnte ab. Feisal wurde 1975 von seinem Neffen Feisal im Palast in Riad erschossen. Es gab in der Saud-Familie Spannungen wegen Modernisierungsschritten im Land. Feisal wurde von seinem Halbbruder Khalid nachgefolgt; der Mörder wurde zur Strafe mit einem Schwert geköpft.

1979 zwei Ereignisse, die Saudi-Arabien bis heute beeinflussen (seine Innen- und Aussenpolitik), eines im Land, das andere anderswo. Zu Beginn des Jahres der Umsturz im Iran, der bald darauf hinauslief (aber nicht davon motiviert wurde!), dass ein schiitisch-fundamentalistisches Regime unter Ruhollah Khomeini installiert wurde. Der „Startschuss“ zum Ende der liberalen 1970er und zum globalen Erstarken von Islamismen. Mit der Islamischen Republik Iran entstand auch ein regionaler Konkurrent zu Saudi-Arabien. Am Ende des Jahres die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka von sunnitischen, saudi-arabischen Islamisten. Dazwischen lag, in gewisser Hinsicht als Verbindungsglied, Unruhe in der Ostprovinz Saudi-Arabiens (das historische Hasa/Ahsa), Heimat der schiitischen Minderheit des Landes wie auch der Ölförderung. Es gab im November 1979 ein Massaker saudi-arabischer Staatskräfte an schiitischen Saudi-Arabern in der dortigen Oasen-Stadt Qatif.

Was die Henne und was das Ei war, ist auch hier umstritten: Unterstellungen gegenüber der dortigen Bevölkerung, sie würden unter den Einfluss von Khomeinis Iran kommen, und Unterdrückungs-Maßnahmen aufgrund dieser Unterstellungen, die zu Gegenreaktionen führten; oder eine (tatsächliche) Aufhetzung dieser Menschen durch Khomeinis Iran, die zu militanten Aktionen führte, die niedergeschlagen wurden. In der Gegend, wo es 1979 auch Streiks gab, liegt auch D(h)ahran.(70) Nach dem 2. WK errichteten die US-amerikanischen Streitkräfte dort einen Militärflughafen. 1979 landeten dort US-amerikanische Kampfjets für Manöver, Leute aus Qatif, grösstenteils Schiiten, demonstrierten dagegen, dabei auch gegen die Saud-Königsfamilie; dagegen wurde das saudi-arabische Militär geschickt. Am 30. November kam es zu einem „Showdown“ in Form einer Schiesserei (man spricht von 24 Toten) und Massenverhaftungen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka schon begonnen. Es war eine Mischung aus Terroranschlag, Aufstand, vielleicht Putschversuch,… Bewaffnete Islamisten besetzten die Grosse Moschee in Mekka (Masjid al-Haram; die mit der Kaaba im „Hof), riefen zum Sturz des Hauses Saud auf, erschossen Sicherheitsleute, nahmen Betende als Geiseln. 15 Tage, vom 20. November bis zum 4. Dezember, liefen Besetzung der Moschee und Belagerung der Besatzer. Die „Aufständischen“ kamen aus Familien der ehemaligen Ikhwan-Miliz, streng wahabitische Beduinen, denen Saudi-Arabien zu liberal geworden war.

Anführer war Juheyman al Otaibi, ein ehemaliger Soldat des saudi-arabischen Militärs, aus dem Najd, Angehöriger des Utaybah-Stammes. Viele Angehörige seiner Familie war beim Aufstand gegen Ibn Saud Ende der 1920er (und der Schlacht von Sabilla) führend beteiligt gewesen. Nachdem sie ihn bei der Schaffung Saudi-Arabiens unterstützt hatten. Darunter sein Grossvater, Sultan bin Bajad al Otaibi, der 1931 in Gefangenschaft getötet wurde. Juheyman al Otaibi sah den saudischen Staat ähnlich wie sein Grossvater, der nicht damit einverstanden war, dass Ibn Saud Einfälle der Ikhwan in Nachbarstaaten unterbinden wollte und auf Akzeptanz und Auskommen mit den Briten aus war!

Inzwischen gab es ein (vereintes, unabhängiges) Saudi-Arabien und war die USA seine „Schutzmacht“. Otaibi verkündete, dass der Mahdi in Form einer der Führer des Aufstands, Mohammed A. al-Qahtani, erschienen sei, und Moslems ihm zu gehorchen hatten. Wobei es im sunnitischen Islam unterschiedliche Auffassungen zum Mahdi gibt, die auf die Hadithen zurückgehen. Wie bei den Schiiten ist er dort eine Art endzeitliche Erlöserfigur. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, sogar in Saudi-Arabien. Und nun kam eine Gegenreaktion, jene die den „wahren Islam“ „wiederherstellen“ wollten. Islamisten griffen das Heiligste des Islam an… Bei der Explosion einer Bombe während der Besetzung der Grossen Moschee wurde der Boden der Kaaba zerstört.

Unter den Trümmern kamen nach der Aktion Kultbilder vorislamischer altarabischer Gottheiten zum Vorschein – die durch die saudischen Behörden umgehend entfernt wurden. Da saudi-arabische(s) Militär und Polizei allein dafür untauglich waren, riefen die Behörden französische Polizei-Spezialeinheiten (GIGN)  zur Hilfe. Die islamistischen „Ultras“ wurden so nach etwa 2 Wochen besiegt. Zuletzt hatten sie sich im Keller des Gebäudes versteckt, Tränengas wurde gegen sie eingesetzt. Es gab etwa 330 Tote, Pilger, Sicherheitsleute und Terroristen, Saudi-Araber und Ausländer; und Hunderte Verletzte. Manchen Quellen zufolge sind einige der Salafisten der Belagerung entkommen und gab es Tage später in Teilen Mekkas sporadische Schusswechsel.

Irans neuer Machthaber Khomeini, der zur selben Zeit (Nov. 79) die USA-Botschaft in Teh(e)ran stürmen liess und das Personal gefangen nehmen, sagte über das Radio, die Besetzung/Geiselnahme in Mekka sei das Werk des „kriminellen amerikanischen Imperialismus‘ und des internationalen Zionismus'“… Leute die das anscheinend glaubten, griffen sogleich die USA-Botschaft in Pakistan an. Weil also die USA hinter dem Angriff auf die heiligste Islam-Stätte stehen würden – und nicht Gegner des engen Verhältnisses Saudi-Arabiens zur USA. Und als ob Pakistan nicht der wichtigste KSA-Lakai ausserhalb der arabischen Region wäre. Und als ob Khomeini und die anderen Mullahs ggü dem saudischen Regime nicht ähnlich feindselig gegenüber stehen würde wie Otaibi & Co, aus zT gegensätzlichen Gründen.(71)

63 der 170 überlebenden Angreifer (darunter Otaibi) wurden 1980 hingerichtet, da wurde auch die Moschee wieder eröffnet. Doch sie erreichten zu einem grossen Teil was sie wollten, eine konservative Wende in Saudi-Arabien! Es kam eine Re-Islamisierung(72) im Sinne Otaibis, Geschlechtertrennung überall,… das was Saudi-Arabien auch heute noch ausmacht. Die einflussreichen Ulemas Saudi-Arabiens (religiöse Gelehrte) stimmten eigtl. mit den meisten Forderungen der „Terroristen“ überein. Das saudische Regime wollte/konnte den Islamismus nicht den schiitischen Iranern und den Fundamentalisten im eigenen Land überlassen. Saudi-Arabien beschuldigte seinerseits den Iran, hinter der Mekka-Besetzung zu stehen.(73) Iran und Saudi-Arabien wurden ab 1979 grosse Feinde, beide beanspruchen Einfluss bzw Vorherrschaft in der Region, sind Führungsstaat „ihrer“ konfessionellen Richtung (Schiiten bzw Sunniten).

So dass man dann in den 1980ern 25 Milliarden $ zur Unterstützung von Saddam Hussein in seinem Krieg mit dem Mullah-Regime des Irans ausgab, also für eines der revolutionären arabischen Regime (Baath in diesem Fall), die eigentlich der Antagonist Saudi-Arabiens waren. Dafür verantwortlich war grossteils Fahd, der 1982 nach Khalids Tod König wurde. Fahd war mit dem Machtantritt seines Halbbruders Kronprinz geworden (als ein anderer Halbbruder, Feisal, getötet worden war) und spielte während Khalids Herrschaft eine wachsende Rolle (als de facto Premier), als sich dessen Gesundheit verschlechterte. Saddam bekam damals ja auch vom Westen Unterstützung. Gleichzeitig aber auch der Iran, über die Iran-Contra-Dreiecksverbindung – und dabei spielte der saudi-arabische Geschäftsmann Adnan Khashoggi eine  wichtige Rolle, zusammen mit Manucher Ghorbanifar. Dieser Khashoggi (gestorben 2017) war Onkel des ermordeten Journalisten Jamal; die Familie ist türkischer Herkunft (Kaşıkçı), soll auch jüdische Wurzeln haben.

1987 gab es 400 Tote in Mekka während der Hadj bei Auseinandersetzungen zwischen iranischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften vor Hintergrund des Iran-Irak-Konflikts. Ungefähr die selbe Summe, die Saudi-Arabien dem irakischen Baath-Regime unter Hussein zukommen liess, wenn nicht mehr, wurde für die Unterstützung der Mujahedin in Afghanistan ausgegeben, die die kommunistische Regierung und die sowjetischen Truppen im Land bekämpften. Viele Araber, auch Saudis, meldeten sich auch freiwillig zu diesem Kampf, den wiederum auch der Westen gross unterstützte. Das lief Alles über Pakistan(74), und dabei spielte ein gewisser Osama Bin Laden, Bauunternehmer aus Saudi-Arabien, eine wichtige Rolle.

Bin Laden stand damals noch nicht im Gegensatz zum Saudi-Regime und die Unterstützung von (sunnitischem) Islamismus, die dieses weltweit betrieb (u.a. über Moscheen in islamischen Ländern und „islamischer Diaspora“), stand nicht im Gegensatz zur Politik des Westens. Saudi-Arabien, heute engster Israel-Verbündeter in der Region (Westasien-Nordafrika), war damals auch führend beteiligt, Ägypten in der Arabischen Liga zu „schneiden“, nach dem Friedensabkommen Sadats mit Israel. Was den Libanon-Bürgerkrieg (mit internationaler Beteiligung) betrifft, fädelte Saudi-Arabien unter König Fahd al Saud immerhin das Friedensabkommen von Taif 1990 ein. Saddam, der auch einmal als Stabilitätsgarant in der Region gesehen wurde, liess 1990 bekanntlich Kuwait besetzen, und erst hier wurde er allgemein ein „Problemfall“. Für Saudi-Arabien und den Westen.

Einschub. Nach der Islamisierung Arabiens waren auf der Halbinsel die Juden in Jemen wahrscheinlich bald die einzigen Nicht-Moslems; Christen und Sabäer dürfte es bald keine mehr gegeben haben.(75) Aber, es wurden Afrikaner als Sklaven „eingeführt“ (die islamisiert wurden, falls sie das nicht schon waren); erst 1962 wurde die Sklaverei in Saudi-Arabien verboten. Möglicherweise hat es darüber hinaus auch Einwanderung aus Nordost-Afrika auf die Arabische Halbinsel gegeben. 12er-Schiiten („Imamiten“) gibt es in Saudi-Arabien wie gesagt im Osten, es sind weniger als 10% der Bevölkerung; in Bahrain gibt es viele, und im Iran natürlich, im Irak,… In KSA gibt es auch kleinere ismailitische Gruppen, Mustalis, in Najran, im Süden an der Grenze zu Jemen. Vielleicht auch Saiditen (5er-Schiiten), wie im Norden/Westen Jemens. Und, bald nach dem Transfer der Juden Jemens nach Israel kamen die Gastarbeiter nach Saudi-Arabien und andere Länder Arabiens, für die Ölindustrie in erster Linie. Diese kamen/kommen aus arabischen Ländern, Südostasen, Südasien, Schwarzafrika,… Es sind Moslems, Hindus, Christen,… In Katar sind weniger als 20 % der Bevölkerung Katarer, in anderen Ländern der Region ist es ähnlich.

Es gibt Ägypter, Philippinos, Inder, Pakistanis, Iraner, Nigerianer,…(76) In KSA sind bei einer Bevölkerung von rund 27 Millionen Menschen etwa sechs Millionen ausländische Gastarbeiter. Es dürfte das Land mit den meisten Moslems in der Bevölkerung in relativen Zahlen sein, gut 100% der Staatsbürger, aber nicht der Einwohner. 2013 gab es Unruhen im armen Einwanderer-Viertel Manfuha im Süden der saudischen Hauptstadt Riad, wobei es einige Tote, viele Verletzte und hunderte Festnahmen gab. Es handelte sich primär um Südasiaten und Afrikaner (v.a. Äthiopier) und es ging um eine Aktion gegen ausländische Schwarzarbeiter (die von einer Rezession motiviert ist). Bei diesen handelt es sich meist um Leute, deren Arbeitserlaubnis abgelaufen ist. Es kam damals auch zu Abschiebungen von über 100 000 ausländischen Arbeitern. Menschenrechtsorganisationen haben vielfach kritisiert, dass es in Saudi-Arabien für ausländische Arbeiter praktisch unmöglich ist, auf legale Art und Weise den Arbeitgeber zu wechseln. 

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg einer USA-geführten Allianz gegen die irakische Besetzung Kuwaits statt, die damit endete. Der Krieg wurde hauptsächlich über Saudi-Arabien aufgebaut. Das Baath-Regime Iraks unter Hussein feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien(77) (3 und 1 Toter) ab. Osama Bin Laden war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Dass Saudi-Arabien 1990/91 auf Seiten der USA bei der Zurückschlagung der irakischen Invasion Kuwaits stand, war für ihn anscheinend nicht das Problem; er warf der saudischen Führung (bzw Familie, das ist dort dasselbe) vor, den US-Truppen im Land zu viele Freiheiten eingeräumt zu haben. Es gibt einige Militärstützpunkte in KSA, die auch von der USA genützt wurden/werden, wie die Prince Sultan Air Base, die King Faisal Naval Base, die Dhahran Air Base.

Im Afghanistan der 80er und frühen 90er haben Bin Laden, Saudi-Arabien und Westen noch am selben Strang gezogen. Bin Laden gegen die Sauds, das steht in einer Linie mit Sabilla 1929 und Mekka 1979. Der Abzug der SU aus Afghanistan ’89 war für arabische und andere islamische Freiwillige dort Anlass zur Gründung von al Quaida, man wollte den Kampf gegen „Ungläubige“ bzw Djihad nun anderswo fortsetzen. Bin Laden, der Salafist, ging Anfang der 90er in den Sudan, wurde nun gegen die USA bzw den Westen terroristisch aktiv; weiterhin im Namen des Islams. Pakistan dürfte die ab 1996 in Afghanistan herrschenden Taliban (die Bin Laden aufnahmen) wie die Mujahedin unterstützt haben. Oppositionelle in Saudi-Arabien, das sind in erster Linie (radikalere) Islamisten; es gibt aber auch Demokraten, und es gibt Konkurrenten des regierenden Königshauses (bzw innerhalb dieser Familie).

Wirtschaftliche Stagnation hat Anfang der 1990er zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt. König Fahd reagierte darauf mit einigen Reformen, so erliess er 1992/93 eine Art Grundgesetz bzw Verfassung für das Land. Im Zuge dessen kam ’93 ein Konsultativrat (oder Beratende Versammlung; Majlis as Schura) zu Stande, mit 60 Mitgliedern und einem Vorsitzenden – alle vom König ausgewählt. Dieses (vom König) ernannte Parlament darf den König beraten. Fahd damals: „Ein System mit Wahlen ist nicht vereinbar mit unserem islamischen Glauben, der Regieren mit Beratung verlangt“. Ausser-europäische Monarchien sind meist noch absolut, in Thailand wird um eine echte Demokratisierung gerade gerungen. In Saudi-Arabien scheint sich diesbezüglich nicht wirklich etwas zu bewegen (siehe unten), in einem Staat der sich schon in seinen Namen über die Saud-Familie definiert.

Etwa 5000 Mitglieder hat diese Familie, und der König ist auch geistliches Oberhaupt. Die Regierung wird auch vom König ernannt und viele der Minister sind auch Sauds. Provinzen? Richtig, ihre Gouverneure werden vom König ernannt, und sind oft Familienangehörige. Darunter kommen Verbündete der Familie, Religionsgelehrte (Ulemas), Stammes-Scheichs,… Rechtsbasis ist die Scharia, und Frauen werden generell benachteiligt. Wie gesagt, in Opposition zu diesem Saudi-Arabien stehen sowohl religiöse Eiferer als auch Demokraten/Liberale/Progressive. Der reaktionären Opposition (manche hier sympathisieren mit dem IS) sind „Reformen“ des Königshauses viel zu liberal, der anderen Seite gehen sie viel zu wenig weit. Wobei, der wahabitische Islam prägt in den meisten Teilen des Landes seit Jahrhunderten die Gesellschaft, die Bevölkerung besteht zT aus Nomaden/Beduinen, Stammeszugehörigkeit spielt eine wichtige Rolle. Wie stark sind also die städtischen Liberalen?

Srbijanka Turajlić, serbische Professorin und Politikerin, aus einer grossbürgerlichen Belgrader Familie, sagte in der Film-Doku ihrer Tochter, Leute wie sie und ihr Milieu (Liberale in Serbien) passten in einen Autobus und Viele in diesem Land hätten diesen gerne ausser Landes… das (was natürlich etwas übertrieben ist) trifft auf viele Länder zu. Der Druck den das (fundamentalistische) Saudi-Regime von Ultra-Fundis spürt, ist sicher stärker. Und, dieses Regime promotet (einen salafistischen) Islamismus, nicht nur als Lebensform im eigenen Land. Konfliktpotential ist immer wieder das Verhältnis zum Westen, Verbesserungen für Frauen, oder auch Fussball, der von Fundamentalisten als etwas Westliches gesehen wird. KSA gehört im Fussball zu den grossen Vier in Asien (neben Japan, Südkorea, Iran).(78) Im Lande verwurzelt ist die Falknerei.

Die Bedeutung des Islams für das Land kommt durch die Nationalflagge heraus. Die jetzige ist seit 1973 in Gebrauch, 1932-73 gab es ganz ähnliche; und davor jene der Vorgängerstaaten. Auf grünem Grund (Farbe des Islams) auf Weiss ein Schwert und das Glaubensbekenntnis (Shahada) als Inschrift. Saudi-Arabien wird manchmal „Land der zwei Moscheen“ genannt, in Referenz auf die Grosse Moschee/ Masjid al-Haram in Mekka, und die Prophetenmoschee/ al-Masjid an-Nabawi in Medina, die beiden heiligsten Orte im Islam. Der saudische König trägt seit 1986 den Titel „Diener der beiden heiligen Städte“. Pilgerfahrten nach Mekka machen KSA in der islamischen Welt wichtig und bringen viele Einnahmen. Nichtsdestotrotz hat das saudische Regime in den letzten Jahrzehnten viele historische islamische Stätten zerstört.  

Grosse Moschee Mekka zur Zeit der Hadsch

Hauptsächlich geschah/geschieht das im Zusammenhang mit Erweiterungsarbeiten rund um die Grosse Moschee in Mekka und die Prophetenmoschee in Medina. Jene Moscheen, die die meisten Pilger besuchen. Es geht dabei um andere Moscheen, Gräber und sogar Gebäude/Orte die in Zusammenhang mit dem Propheten stehen. Auch Stätten die unter den Osmanen gebaut wurden oder mit Schiiten in Verbindung stehen, sind betroffen… Im September ’15 sind Dutzende Menschen in der weltgrössten Moschee in Mekka ums Leben gekommen. Ein Kran war abgestürzt und hatte das Dach der Grossen Moschee durchschlagen. Das Unglück ereignete sich knapp vor dem Freitagsgebet und die Moschee war voll mit Gläubigen. Kurz darauf kam es dort im Rahmen der Hadj zu einer Massenpanik, die über 700 Tote forderte – darunter 131 Iraner. Saudi-arabische und iranische Politiker beschuldigen die Gegenseite.

Wirtschaftlich ist Saudi-Arabien total vom Erdöl abhängig, ist grösster Ölproduzent der OPEC, was natürlich den Reichtum des Landes ausmacht. In den 1980ern wurde Aramco verstaatlicht (bzw die Amerikaner rausgekauft), heisst seither Saudi Aramco. Schwerpunkt der Förderung, Verarbeitung und Verschiffung ist wie gesagt der Osten. Andere Sektoren sind schwach aufgestellt, private, innovative, Dienstleistungen,…; nennenswert ist zB der Elektronik-Konzern Al Fanar. Es scheint sich aber diesbezüglich ein langsamer Wandel anzubahnen. Saudi-Arabien (und sein Rial) steht und fällt wirtschaftlich mit dem Öl; Schätzungen zufolge hat KSA Öl-Reserven die seinem Eigenkonsum für etwa 221 Jahre entsprechen. Aber das Meiste wird ja exportiert, somit werden die Reserven viel kürzer halten. Das Ende des Öl-Zeitalters kommt, Elektro-Autos werden allmählich häufiger. Das Regime propagiert die „Vision 2030“, mit der es das Land auch auf mittlere Sicht von Öleinnahmen unabhängig machen will.  

1995 erlitt König Fahd einen Schlaganfall, der ihn am Leben liess, aber stark eingeschränkt. Sein Halbbruder Abdullah übernahm die meisten Regierungsgeschäfte, folgte ihm nach seinem Tod 2005 als König nach. Auch Abdullah ist einer der Söhne von Ibn Saud (wie seine Vorgänger und Nachfolger), aber (im Gegensatz zu Fahd) keiner der sieben Söhne von dessen Frau Hassa al Sudairi. Zwei Sudairi-Söhne (Sultan and Naif) waren Kronprinzen, starben aber vor Abdullah. Somit rückte Salman in die „Warteposition“ auf. Turki brach 1978 mit seinen Brüdern.

15 der 19 Flugzeug-Entführer der al-Qaida die am 11. September 2001 4 Anschläge in der USA verübten, waren Saudi-Araber, ausserdem ihr Anführer und andere Hintermänner, den offiziellen Angaben zufolge. Osama Bin Laden hat demnach von Afghanistan (damals von den Taliban beherrscht) aus die Sache dirigiert. Das „Wall Street Journal“ berichtete, George Bush senior habe zwischen 1998 und 2000 in der saudischen Hauptstadt Riad mehrfach Mitglieder der Bin-Laden-Familie getroffen. Und, es gab Geschäftsbeziehungen zwischen der Carlyle Group und der von Osama Bin Ladens Bruder geführte Baufirma, die unter dem Eindruck des 11. September im gegenseitigen Einvernehmen beendet wurden. Carlyle-Ableger in der Rüstungsindustrie profitierten nach den Anschlägen von Aufträgen der Regierung unter Bush junior.

Mekka Grosse Moschee, Fort Meade NSA-HQ

Dann bald die US-Militärintervention in Afghanistan gegen die Taliban, während der Bin Laden anscheinend untergetaucht ist, dann nach Pakistan ging. Islamistischer Terror wurde aber nicht weniger, im Gegenteil. Der Westen machte den Islamismus zum neuen Hauptfeind, nachdem er ihn zuvor im Kalten Krieg mit Waffen und Propaganda unterstützt hatte. Und, Saudi-Arabien, das hinter dem meisten Islamismus auf der Welt steckt, wurde von Bush junior (erneut) ein Führungsanspruch in seiner Region eingeräumt, wurde noch wichtiger für den Westen. Auch Saddam Hussein, der 03 durch eine US-geführte Militärintervention im Irak gestürzt wurde, wurde mal vom Westen unterstützt. Der Iran wurde zum grossen Feind, die USA und ihre Verbündeten müssten „gemeinsam der iranischen Gefahr begegnen”.

2008

Und, das iranische Regime mit seinem Einsatz für den schiitischen Islam profitierte schliesslich von den Bush-Kriegen gegen Afghanistan und vor Allem Irak. Im Irak kam es durch den Krieg bzw Sturz des Hussein/Baath-Regimes zur “Machtübernahme” der grössten Bevölkerungsgruppe des Landes, der Schiiten, und einer Anlehnung an den Iran. Was besonders unter Premier Nuri al Maliki (06-14) der Fall war.(79) Malikis Politik der schiitischen Hegemonie im Irak hat vermutlich viele sunnitische Iraker „abgestossen“, und zwar in’s Lager der Gegner des Staates, mit terroristischer „Vorgehensweise“. Ein von Schiiten (schiitischen Irakern) beherrschter Irak ist für jemanden wie Bin Laden schlimmer als ein von US-Amerikanern beherrschter.

Der „Islamische Staat“ (IS/ISIS/ISIL/Daesh) „erwuchs“ im Irak aus dem Widerstand gegen die Nachkriegsordnung. Wurde da mächtig, als Bush weg war, Bin Laden tot(80), zu Zeiten des Arabischen Frühlings, also um 2010 herum. Daesh/IS sieht den Iran als eben so grossen Gegner wie die USA und ihre Verbündeten; sein Terror im islamischen Raum richtet sich nicht zuletzt gegen Schiiten. IS ist viel schlimmer als Kaida; deren Spitzenleute haben nicht in Moscheen gepredigt (wie Baghdadi), haben nicht versucht Grenzen zu verändern (wie jene zwischen Irak und Syrien). Salafisten sind besonders „arabistisch“ und anti-schiitisch; Leute die Daesh/IS unterstützen, könnten auch einen Iran mit einer nicht-fundamentalistischen, demokratischen Regierung nicht akzeptieren…

Saudi-Arabien und andere „Golf-Staaten“ (UAE, Kuwait, Katar, Bahrain, vielleicht auch Oman) unterstützen vielerorts Salafismus, eine besondere Form des sunnitischen Islamismus. Und das Bündnis mit der USA (bzw dem Westen allgemein) ändert daran für beide Seiten nichts. Saudi-Arabien wird als der wichtigste Verbündete der USA in der Region gesehen, auch im Kampf gegen Al-Kaida und Islamischer Staat… Und dem entsprechend unterstützt. Saudi-Arabiens Verhältnis zum internationalen Djihadismus ist aber widersprüchlich. Zum Einen ist die saudische Königsfamilie bzw das saudische Regime ein Feindbild, eine Zielscheibe salafistischer Terroristen. Die Ikhwan wandten sich gegen die Sauds, versuchten sie 27-30 zu stürzen, ihre Nachfahren versuchten das 50 Jahre später in Mekka und etwas mehr als 10 Jahre später begann mit Bin Laden wieder ein ultraradikaler Untertan die Bekämpfung des islamistischen Regimes.

Die Rolle Saudi-Arabiens in Syrien und Irak ist höchst dubios, dort unterstützen die Saudis salafistischen Islamismus. Im Irak unterstützten sie zumindest die Vorläufer des IS im „Widerstand“ (Terror) gegen den neuen Staat. In Syrien ist es ähnlich. Das Regime von Saudi-Arabien unterstützt in Afghanistan möglicherweise wieder/weiterhin die Taliban. Kann man Saudi-Arabien als Unterstützer des IS ausschliessen? Es heisst, die Sauds haben seit dem Ende des Kalten Kriegs quietistische Strömungen des Salafismus bevorzugt. Saudi-Arabien und die anderen Golfmonarchien haben jahrzehntelang weltweit Salafismus unterstützt. Die Abgrenzung ggü den Formen des Salafismus, die IS oder al Quaida praktizieren/propagieren, erfolgt(e) nur zögerlich… 

Die Ideologie von IS, Lashkar-e Taiba & Co, aber auch von Parteien wie Jamaat-e-Islami Pakistan, geht auf den Wahabismus zurück, der von den Saudis in alle Welt verbreitet wurde. Über Schulen und Moscheen hauptsächlich, wie die King Fahd Mosque in Los Angeles, wo zwei der 9/11-Attentäter „ausgebildet“ wurden. Dass Tunesier überproportional vertreten sind unter salafistischen Djihadisten in Syrien/Irak oder Westeuropa, geht auch auf Saudi-Bemühungen dort zurück. Gleichwohl sieht man dort die Islamisten von der Ennahda-Partei als das Problem… Terror in Europa ist durch den von Saudis in Moscheen verbreiteten Islam vorbereitet worden. Der Tschetschene der kürzlich in Paris einen Geschichtelehrer enthauptet hat (der im Unterricht Mohammed-Karikaturen verwendete)? Man wird sehen, was über ihn herauskommen wird.(81) Während der Iran als Terror-Pate dargestellt wird, wird Saudi-Arabien als Opfer von (islamistischem) Terrorismus und Verbündeter des Westens verstanden…

Und kaum als Sponsor von Islamismus und Terrorismus, obwohl es das viel mehr als die IR Iran ist. Für „Kulturkrieger“ in der westlichen Welt sind Iran unter den Mullahs, Türkei unter AKP, Hamas, Moslembrüder,… ein gösseres Problem als Saudi-Arabien und der von ihm praktizierte und propagierte Islam. Damit teilen sie auch das Feindbild der Saud(i)s. Michel Aoun gab ein „FAZ“-Interview, bevor er libanesischer Präsident wurde. Der maronitische Christ, ein „Warlord“ im Bürgerkrieg, ist ein innenpolitisches Bündnis mit der Hisbollah bzw dem prosyrischen/proiranischen Lager eingegangen. Er sieht, sagte er zur FAZ, Hisbollah als „Fundamentalisten“, die Fundamente ihrer Religion vertreten – wohingegen „Integristen“ (Salafisten) Anderen ihr Lebensmodell überstülpen wollten.

Aoun, der auch die israelische Politik ggü den Palästinensern kritisierte, attackiert den Arabischen Frühling, dem ggü er gestürzte oder z Zt bekämpfte diktatorische Systeme als kleineres Übel darstellt, sogar Assad, vor dessen Regime er einst aus Libanon floh. Dieser „Frühling“ würde überall für Islamisten Chancen bieten. Doch während er Assad Entwicklungsfähigkeit und Mäßigung unterstellt (zu Beginn des Aufstandes sei dieser bereit gewesen, über die Vorherrschaft der Baath zu verhandeln), sieht er diese nicht bei Islamisten wie Ennahda, AKP, Moslembrüder. Er scheint als christlicher Libanese Widerwillen ggü von arabischen Golf-Staaten gelenktem sunnitischem Fundamentalismus und Panarabismus zu haben.(82) Die syrische (Exil-) Opposition beinhaltet aber nicht nur (von Saudi-Arabien gelenkte) Islamisten.

2005 starb König Fahd, Nachfolger wurde sein Halbbruder Abdullah, der das Land zu diesem Zeitpunkt schon rund zehn Jahre, seit einem Schlaganfall seines Vorgängers Fahd, aus der zweiten Reihe geführt hatte. Kronprinz unter Abdullah wurde Prinz Sultan, der starb aber 2011, Abdullah ernannte darauf hin Nayef – der starb 2012 und somit rückte Salman zum Kronprinzen auf. Fahd, Sultan, Nayef, Salman sind alles Söhne von Ibn Saud und seiner Hauptfrau (Sudairi), Abdullah war ihr Halbbruder. Abdullah kündigte 2015 an, Frauen in Saudi-Arabien das Wahlrecht bei Gemeinderatswahlen zu verleihen. Ziel war, dem durch den Arabischen Frühling enstandenen Druck ein Ventil zu öffnen. „Sensation“, „Revolution“. Etwas Anderes als Gemeinderäte wird auch nicht gewählt in dem Land, und das auch erst seit 2005. Und zwei Drittel der Räte, der Rest wird vom König ernannt. 2005, 2011 und 2015 gab es solche Wahlen. Der Bürgermeister wird nicht vom Gemeinderat gewählt, sondern vom König (Malik) ernannt. Gemeinderäte beschäftigen sich mit Fragen wie Abfallbeseitigung. Kaum Frauen wurden gewählt.

Natürlich geht das auf die Ideologie des Wahhabismus zurück, genau so wie die Einschränkung von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit.(82) 2015 verstarb Abdullah, Salman wurde sein Nachfolger als König – der letzte der Sudairi-Sieben der eine Rolle spielt. Prinzen halten in der Saud-Familie meist dann zusammen, wenn sie selbe Mutter haben. Es sind ausser diesen Clan-Loyalitäten persönliche Ambitionen und ideologische Differenzen (trennende) Faktoren.(84) Die Sudairi-7 waren jahrzehntelang der mächtigste Clan. Salman al Saud war fast 50 Jahre lang Gouverneur der Provinz Riad gewesen. Er ist mit Problemen konfrontiert, die es in dieser Häufung in bzw für Saudi-Arabien in seiner jetzigen Form noch nie gab. Da er schon krank den Thron bestieg und sich sein Gesundheitszustand seither noch verschlechtert hat, hat(te) er nicht all zu viel tatsächliche Macht in der Hand.

Muqrin bin Abdulaziz al Saud, ein Sohn von Ibn Saud und einer anderen Frau, wurde 2014 zum stellvertretenden Kronprinzen (hinter Salman) ernannt. Wie alle Prinzen hatte er Aufgaben bzw Posten in der Herrschaft über das Land bekommen, er war Generaldirektor des saudi-arabischen Geheimdienstes Al Mukhabarat Al A’amah, ausserdem zweiter Vize-Premierminister und Anderes. Nach dem Tod Abdullahs ’15 wurde er Kronprinz und erster Vizepremier. Doch der neue König Salman (sein Halbbruder) ersetzte Muqrin als Kronprinzen mit Nayefs Sohn Mohammed. Die Thronfolgeregelung erschwert einen Generationswechsel in der Führung, führt dazu, dass der Staat wegen des angegriffenen Gesundheitszustandes greiser Könige de facto von Kronprinzen geleitet wird. Und natürlich gibt es Versuche (Intrigen), sich zu Lebzeiten des Vaters oder Bruders in der Thronfolge zu etablieren.

(1) Hinter Russland, Canada, VR China, USA, Brasilien, Australien, Indien, Argentinien, Kasachstan, Algerien, DR Congo, Dänemark (mit Grönland)

(2) Im Gegensatz zum Iran seit der Revolution spielt der (hier sunnitische) Klerus im Staat keine grosse Rolle – das spiegelt gewisse Unterschiede zwischen sunnitischem und schiitischem Islam wieder

(3) Es war hauptsächlich der Hejaz, der nicht zu diesen beiden „Proto-Saudi-Arabiens“ gehört hatte

(4) Wobei die Meinungen ja auseinandergehen, was als „Blüte“ und was als „Niedergang“ zu sehen ist… Für die Einen war Expansion und Herrschaft der Araber über Andere das Eine, für Andere war es das Andere

(5) Oman liegt eigentlich am Golf von Oman bzw am Arabischen Meer

(6) Die ersten Ausgrabungen gab es im 18. Jh im damals osmanischen Hejaz, durch den Deutschen Carsten Niebuhr, der mit Anderen in den 1760ern zu einer Erforschungsreise nach Westasien aufbrach

(7) Das Reich von Lihyan zog sich dagegen von der Gegend um Yathrib hinauf an den Rand Arabiens

(8) Wenn man Mesopotamien sehr „grosszügig“ definiert, war das Gebiet bereits Teil davon

(9) Es gab christliche Flüchtlinge aus Byzanz und Persien

(10) Ein anderer früher war ein Salman (al) Farsi stammte, der (wie der Name ja aussagt) aus Persien stammte. Der wandte sich vom Zoroastrismus ab, soll zuerst Christ geworden sein (vermutlich nestorianischer), suchte aber (verstört von der Korruptheit eines Bischofs) weiter, geriet in arabische Gefangenschaft, wurde als Sklave an Juden verkauft und landete so bei einem der jüdischen Stämme in Yathrib (dem späteren Medina). Dort stiess er auf Muhammad, der ihn freikaufte, er schloss sich ihm an. Über diesen Farsi (und Andere) sollen Elemente des Zoroastrismus in den damals im Entstehen begriffenen Islam eingeflossen sein. Er wurde dann unter Kalif/Imam Ali als Provinzgouverneur des Arabisch-Islamischen Reichs in Persien eingesetzt

(11) Dieser war wie Salman Farsi ein Perser/Iraner, der vor der Eroberung Persiens zum Islam übertrat

(12) Bei den Schiiten gibt es einen Glauben an ein Erbcharisma der Familie des Propheten, über die Aliden, in männlicher Linie

(13) Omar nahm an diesen Feldzügen nicht persönlich teil, blieb wahrscheinlich in Medina

(14) Der letzte Lachmiden-König Numan II. wurde auf Anordnung Chosrous getötet. 633 wurde die frühere Lachmiden-Hauptstadt Hira bereits von den Arabern eingenommen

(15) Auf verschiedenen Plattformen, auch im IT, wurden auch Szenarios über einen kontrafaktischen Verlauf der Schlacht ausformuliert, mit einer anderen Vorgehensweise des persischen „Generalstabschefs“ Rostam Farrokhzad, der in der Schlacht getötet wurde

(16) Yazdgards Sohn Piroz dürfte sich nach China durchgeschlagen haben

(17) Und, Yazdgerds Tochter (Bibi) Shahrbanu soll Imam Hussein geheiratet haben. Zur ideologischen Legitimation eines Herrschers bzw einer Dynastie bei Dynastiewechsel/Umsturz/Invasion wurde immer wieder Anschluss an eine vorhergehende Herrscher-Dynastie gesucht, durch Einheiratung, oder es wurde eine solche erfunden. Siehe dazu auch die Behauptungen einer Abstammung von Mohammed durch islamische Herrscher. In diesem Fall geht es um eine Verbindung der Linie der schiitischen Imame (die ja aus der Familie Mohammeds kamen) mit dem Persischen

(17) Wenn von Syrien in früheren Jahrhunderten die Rede ist, sind in der Regel Libanon, ein Teil der Türkei (Antiochia-Gebiet), ein Teil Jordaniens mit gemeint; oft auch Palästina/Israel und Teile Iraks. Die Syrische Sozialistische Nationalistische Partei inkludiert in ihrer (extremen) Vorstellung von einem Gross-Syrien auch weitere Teile bzw den Rest von Türkei, Irak, Jordanien sowie Kuwait, Zypern und Teile Ägyptens

(18) Ghassaniden liefen beim arabischen Angriff im syrisch-arabischen Grenzgebiet auch über...

(19) Während des Persisch-Byzantinischen Kriegs wiederum hatten sich die Byzantiner mit dem Khaganat der Göktürken gegen die Perser verbündet. Eigentlich ein Thema für diesen Artikel

(20) Auch als Piruzan oder Baba Shuja-e-din oder (arabisch) Abu-Lu’lu’ah al-Nahawandi/Abu Lulu bekannt, war er Soldat unter Rostam gewesen, und wurde in der Schlacht von Qādisiyyah gefangen genommen, dann nach Arabien gebracht – dort gelang es ihm, Kalif Omar zu ermorden. Er liegt in Kashan begraben. Pirouz Nahavandi soll Vorbild für Haji Firouz sein, der beim iranischen Norus-Fest eine Rolle spielt, ein Fest das auf das zarathustrische Erbe zurückgeht und sich bis heute erhalten hat

(21) Ali war eigentlich (auch) ein Raschide

(22) Es war eher das als eine Abspaltung der Schiiten

(23) Aber keine ethnische oder aus ethnischen/nationalen Gründen

(24) 11 Imame wurden von Sunniten ermordet, der 12. ist „verschwunden

(25) Die Zahl der nicht-arabischen Moslems wuchs also und der Anteil der Araber durch genannte Entwicklung auch. Eine konträre Sicht zur Islamisierung Persiens gab es bei salvavenia, aber der hat seinen Blog ja stillgelegt

(26) Arabisch-moslemische Herrschaft umfasste anfangs fast ganze Halbinsel, die Rückeroberung (die praktisch umgehend begann) führte zu einer kontinuierlichen Verkleinerung, in den Süden hinunter

 (27) Natürlich war (bzw ist…) damit auch ein Nationalgefühl verbunden, die Bezugnahme auf das vorarabische Erbe des Landes fand/findet sich auch in der Pflege der Sprachen Koptisch bzw Aramäisch wieder

(28) Zur selben Zeit spaltete sich die schiitische Religionsgemeinschaft, nach dem Tod des 6. Imams Jafar. Ein Teil der Schiiten sah Musa als Nachfolger, der andere Teil favorisierte Ismail. Diese Zweiteren spalteten sich als Ismailiten ab. Ein Teil der Schiiten hatte sich bereits gut ein halbes Jahrhundert zuvor abgespalten, nachdem sich Said nicht als 5. Imam durchsetzen konnte; Schwerpunkt dieser Saiditen/5er-Schiiten wurde Süd-Arabien/Jemen

(29) Parallel zum Abstieg der Merowinger geschah der Aufstieg der (Vor-) Karolinger, als Hausmeier

(30) 751 am Talas-Fluss in Zentralasien (heute Kirgisistan) ein arabischer Sieg über ein chinesisches Heer; aber kein Vorstoss in Türken/Chinesen-Gebiet – wäre auch ein Fall für kontrafaktische Spekulationen

(31) Dieser „Abu Muslim“, wahrscheinlich ein Schiit, wurde dann unter ihnen Gouverneur, dann aber getötet

(32) Die Imame hatten ungefähr ab der Zeit als das Kalifat dorthin „übersiedelte“, auch in Mesopotamien residiert, wurden nach und nach von Sunniten, im Auftrag der Kalifen, umgebracht. In Mesopotamien (Kernland der Kalifen!) gab es, wenn keine schiitische Bevölkerungsmehrheit, zumindest einen sehr grossen Bevölkerungsanteil, der dieser islamischen („dissidenten“) Richtung anhing, und im Zuge des „Verfalls“ des Abbasiden-Kalifats ab dem 9. Jh auch schiitische Herrscher (wie früher waren Persien und Mesopotamien, Iran und Irak, oft zu einer Herrschaft „zusammengefasst“)

(33) Zoroastrische Perser, christliche Ägypter oder Syrer,…

(34) Ein Teil dieser Völker war nicht nur islamisiert, sondern auch arabisiert worden

(35) Nach anderen Angaben 931

(36) Das Mongolische Reich war wie das Arabische um ein Vielfaches grösser als eigentliche Mongolei, die Mongolen exportierten aber keine Religion

(37) Schon klar, „Mittelalter“ und seine Unterteilungen sind eigentlich Kategorien aus der europäischen Geschichtsschreibung

(38) Und in gewisser Hinsicht „Diskriminierer“

(39) Neben einem Bedeutungsverlust der Araber im Islam im Hoch-Mittelalter (mehr oder weniger parallel zum Untergang des Abbasiden-Kalifats) hätte es auch einen des sunnitischen Islams geben können, zur Zeit des Fatimiden-Reichs, der Sulaihiden in Jemen, der Buyiden in Persien und Mesopotamien,… Dies wurde im Fatimiden-Artikel bereits angeschnitten. In Arabien war (und ist!) die Schia v.a. in Hasa/Ahsa (Nordostarabien), Jemen und Bahrain verbreitet, also mancherorts in Küstenregionen. Vom späteren Mittelalter bis zur späteren Neuzeit entstanden, hauptsächlich aus dem schiitischen Islam, auch einige Abspaltungen vom bzw Sondergruppen im Islam, von den Drusen bis zu den Baha’i

(40) Oman, wo der ibaditische Islam stark ist, wurde zeitweise von den Portugiesen heimgesucht und war davor Teil des Karmaten-Staates gewesen

(41) Töteten an die 5000 Menschen

(42) 1828 hat anscheinend Mohammed Alis Armee, vom Hejaz aus, dort interveniert

(43) Ägypten war bis zu Kriegsbeginn de jure unter osmanischer Oberhoheit, de facto hatten dort die Briten und die Mohammed-Ali-Dynastie das Sagen

(44) Und das eigentlich ebenfalls multinationale britische beteiligt war, mit all seinen Kolonien

(45) Ein Überblick dazu findet sich im Meuterer-Artikel

(46) Dies nachdem der Kontaktmann William Shakespear gestorben war

(47) Auch Herbert Kitchener war an diesen Verhandlungen beteiligt

(48) Nach anderen Angaben Ende Oktober

(49) Um die Grenze zwischen Kleinasien/Anatolien (wo dann die Türkei entstand) und Syrien wurde noch gerungen

(50) Dazu passend: Mark Sykes (der übrigens 1918 an der Spanischen Grippe starb) spielte auch eine Rolle beim Zustandekommen der Balfour-Deklaration. Und McMahons Nachfolger als Hochkommissar in Ägypten war 1917 McMahon Francis R. Wingate, Cousin von Orde Wingate, der während der britischen Herrschaft über Palästina (1918-48) ein grosser Unterstützer des zionistischen Projekts dort war

(51) Dazu Raschid Khalidi: http://www.youtube.com/watch?v=cbFXaDloxaY

(52) Er war Teilnehmer an der Pariser Nachkriegs-Konferenz 1919/20

(53) Und die Grenze Transjordaniens im Süden zum damaligen Königreich Hejaz war nicht klar festgelegt, wurde später ein Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Jordanien

(54) 1918/19 hatte die osmanische Kontrolle darüber geendet

(55) Etwas woran den Sauds nichts gelegen war

(56) Unter den Haschemiten war es auch religiöser Brauch gewesen, Grabstätten (Mausoleen, Moscheen,…) von Leuten aus der Umgebung Mohammeds zu besuchen und zu verehren; nach der Übernahme des Hejaz durch die Saudis wurden diese Grabstätten überhaupt beseitigt, da ihre Verehrung als „häretisch“ gesehen wurde

(57) Im Irak herrschte von der Unabhängigkeit 1932 bis zum Putsch 1958 unter den Königen Ghazi und Feisal II. in der Regel Nuri as Said, der zur Monarchie und den Briten stand

(58) Siehe hier, der Unterschied in der politischen und der geografischen Definition der Arabischen Halbinsel

(59) Die ost-arabische Küste war in der Zwischenkriegszeit noch vollständig britisch, ausserdem Süd-Jemen, und eben Jordanien; im 2. WK übernahmen die Briten in Nordafrika Libyen von den Italienern; auch Sudan wird teilweise als arabischer Staat gesehen; in der Region Westasien stand ausserdem Persien/Iran über den 2. WK hinaus unter britischer Vormundschaft, dann unter amerikanischer

(60) Philbys Sohn aus erster Ehe, Kim Philby, ging auch in den britischen Kolonialdienst, gab von dort im Kalten Krieg Informationen an die Sowjetunion weiter, liess sich schliesslich dort nieder

(61) Und ein Wohnviertel für die Arbeiter,…

(62) Noch unter Saud als König machte Malcolm X/ Malik Shabazz/ Malcolm Little aus der USA, einer der Führer der Nation of Islam („Black Muslims“) Hadj/Wallfahrt nach Mekka. Er trat dort zum sunnitischen Islam über und löste sich von „anti-weissen“ Haltungen, blieb aber in der damals brandaktuellen „Bürgerrechts-Frage“ engagiert. Im Jahr darauf wurde er ermordet, anscheinend von einem NOI-Aktivisten. Malcolm sah die Ermordung JFK’s 63 als „Strafe“ für die CIA-Intervention im Congo bzw den Lumumba-Mord

(63) Wenn man Palästina mal aussen vor lässt

(64) Die längsten Grenzen hat KSA mit Irak, Jemen, Oman

(65) Diese gingen hervor aus Staaten an der südlichen Küste des Persischen Golfes, die mit den Briten 1835 beziehungsweise 1853 Abkommen schlossen, sich deren Protektorat unterstellten, wurden Trucial States genannt und die Küste Waffenstillstandsküste

(66) Bald nachdem der libanesische Premier el Solh dort aus wahrscheinlich ähnlichen Gründen getötet wurde

(67) 1970 die endgültige Niederlage der Saiditen. Südjemen wurde 1967 als Volksrepublik unabhängig

(68) Ägypten unterstützte übrigens den Sultan, auch das irgendwie grotesk

(69) Sie zogen nach dem Waffenstillstand 1949 über Arish am Sinai ab

(70) Das, anscheinend wegen Ölanlagen im 2. WK von italienischen Kampfflugzeugen angegriffen wurde, als Teil der Bombardierung Bahrains, wo die Briten getroffen werden sollten

(71) Es folgten anti-amerikanische Kundgebungen in Teilen der moslemischen Welt, auch unter Schiiten in Saudi-Arabien. Die US-Botschaft in Libyen wurde auch zerstört. Die Kundgebungen und Übergriffe richteten sich nicht dagegen, dass die USA menschenrechtsfeindliche Regimes unterstützt(e), es wurde dabei davon ausgegangen, dass sie hinter dem Angriff in Mekka steckte, und nicht Leute, die auf eine noch schlechtere Menschenrechtssituation aus waren als das Regime Saudi-Arabiens

(72) Kein idealer Ausdruck, als ob in diesem Land Islam jemals unwichtig gewesen wäre

(73)

(74) Über die damalige North-West Frontier Province sowie Belutschistan, jene beiden Grenz-Provinzen Pakistans, die auch von Paschtunen dominiert sind

(75) Es gibt zwei Länder der Arabischen Halbinsel, in denen es noch einigermaßen autochthone Christen gibt, Bahrain und Kuwait. In beiden Ländern machen sind die Christen Zuwanderer aus „arabischen“ Ländern wie Irak oder Palästina, wobei ein Teil davon schon Jahrhunderte im Land ist und eingewurzelt. Griechisch-Orthodoxe dominieren jeweils

(76) 1978 soll es in Saudi-Arabien eine Art Aufstand von nigerianischen Gastarbeitern gegeben haben

(77) Das diesen Irak im Krieg gegen Iran unterstützt hatte

(78) In der Leichtathletik haben saudi-arabische Sportler auch Manches erreicht. Zum Teil handelt es sich um Leute mit afrikanischen Wurzeln

(79) Bush hat den alleinigen Weltmacht-Status der USA, zu dem sie nach Ende des Kalten Kriegs Anfang der 1990er, infolge der Implosion der SU und des restlichen Ostblocks kam, eher niedergemacht

(80) Staudinger im „Profil“: Bin Laden hatte eine Zeit lang Sympathien in der islamischen Welt, die waren zur Zeit seiner Tötung 2011 in Pakistan durchs US-Militär verbraucht; er hat noch die arabischen Aufstände erlebt, die sich an Demokratie orientierten, nicht an Islamismus…

(81) Zur Zeit dieses Anschlags (Oktober 20) gab es auch eine Attacke auf die französische Botschaft in Saudi-Arabien, dann jene in Wien

(82) Ähnliches gilt womöglich für die in Syrien herrschenden Alawiten

(83) In allen diesen Punkten steht die Islamische Republik Iran, obwohl zweifellos eine Diktatur, besser da

(84) Dabei geht es darum, wie wenig Reform zugelassen wird

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Goof wird auch als Sammelbegriff bzw Oberbegriff für Filmfehler an sich verwendet, bezeichnet im engeren Sinn Anschlussfehler. Ein Plot hole/ Handlungsloch ist ein schwerer inhaltlicher Fehler in einem Film, darum geht es hier in erster Linie. Historische Fehler sind gewissermaßen inhaltliche Fehler sehr spezifischer Art; sie wurden schon etwas abgehandelt im Artikel über historische Filme. Daneben gibt’s filmtechnische Fehler (zB ein Mikrofon zu sehen), Synchronisationsfehler.  

Kulissen Cinecittà (Rom)

Um einen Fehler handelt es ich natürlich nur dann, wenn „er“ in der Endfassung ist, nicht rausgeschnitten wurde. Bloopers (gewisse rausgeschnittene Szenen) werden gerne gezeigt, manchmal sogar im Anschluss an den betreffenden Film; dabei handelt es sich meist um spielerische Fehler (ein Schauspieler muss lachen oder vergisst seinen Text), diese fallen auf. „Hoppalas“ oder Improvisationen werden manchmal in Filmen gelassen, zB die Strassenüberquerung in „Midnight Cowboy“, das Line-Up in „Usual Suspects“ (das anders hätte „ablaufen“ sollen).

Absichtliche filmtechnische Fehler hat Quentin Tarantino in seinem „Death Proof“ (07) eingebaut, als Reminiszenz an das Grindhouse-Kino bzw B-Movies (zweitklassige Filme) der 1970er. Absicht ist es natürlich auch, dass in „Big Lebowski“ der „Cowboy“ in die Kamera redet und die Handlung kommentiert, eine Art Stilmittel. „Kevin allein zu Hause“ ist einer jener Filme, in denen so Manches unrealistisch ist (streng genommen inhaltliche Fehler vorliegen), dies aber nicht so ernst zu nehmen ist; bei jenen Filmen handelt es sich um Phantasy, Komödien,… aber auch Action-Filme. „Law Abiding Citizen“/ „Gesetz der Rache“ etwa, oder „The Rock“, „Indiana Jones“.

In den James Bond – Filmen ist auch das Meiste unrealistisch, ohne dass man dies als (inhaltliche) Fehler bewerten würde. Die Filme von Ed(ward) Wood strotzen nur so vor Fehlern, verschiedener Art, wurden dadurch Kult, besonders „Plan 9 aus dem Weltall“.(7) Meist handelt(e) es sich dabei eher um filmtechnische und Anschlussfehler denn als Handlungslöcher; wie „primitive“ Spezialeffekte, haarsträubende Dekorationen bzw Hintergrundbilder, schlecht geschnittenes Filmmaterial. Hinzu kamen schlecht geschriebene Geschichten, die schlecht gespielt wurden – somit spiel(t)en mögliche inhaltliche Fehler eigentlich keine Rolle mehr.

Dass „Rosemaries Baby“ grösstenteils im Los Angeleser Stadtteil Hollywood gedreht wurde, aber in New York spielt, ist eben so wenig ein Fehler wie wenn der deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz einen US-Amerikaner spielt, oder dass das Übergewicht von Marlon Brando in “Apocalypse Now“(1) kaschiert/verborgen wurde. Es ist auch ein Unterschied zwischen einem Plotloch und etwas der Imagination der Zuseher zu überlassen > offene Fragen bzw offen Gelassenes, Unklares, mehrdeutige Ausgänge, wie in „Mulholland Drive“. Und, es gibt Filme wo die Probleme woanders liegen als in der „inneren Stimmigkeit“ oder der Abweichung von der Realität. „Limitless“: die Existenz einer Droge mit einer solchen Wirkung zu erfinden, ist legitim. Fragwürdig ist eher, warum Einer mit einem Mittel das so „smart“ macht, sich Geld von einem „Mobster“ borgt. Und: die innere Entwicklung des Protagonisten wird zu wenig gezeigt, es geht zu schnell, vom erfolglosen Autor zum frauenaufreissenden HighSociety-Geschäftsmann.

Nicht dass das eine solche Entwicklung ganz unlogisch/widersinnig wäre, aber sie wird zu wenig behandelt. Kein Plotloch im eigentlichen Sinn sind auch rassistische Darstellungen wie in „Casablanca“ oder „True lies“. Bei offeneren Propaganda-Filmen wie „Birth of a Nation“ ist das schon eher der Fall. Das Hauptaugenmerk hier liegt auf Handlungslöchern, nicht auf Anschluss-/Filmtechnikfehlern. Logik-Katastrophen gibt es natürlich auch in der Literatur, in Epik und Dramatik. So in Agatha Christie’s Theaterstück „The Mousetrap“/“Die Mausefalle“ – wo der Polizei-Detektiv etwa die Identität des Mörders herausgefunden hat, diesen aber weiter töten lässt, anstatt ihn festzunehmen. 

Unlogisches Verhalten ist noch kein Plot-/Handlungsloch, dass ein Charakter (eine Figur) anders handelt als er es nach dem Verständnis vieler Zuschauer machen sollte. Menschen handeln oft irrational. In „Fargo“ hätte sich die von Buscemi dargestellte Figur nach der Übernahme des Geldes (am Parkplatz, mit Schiesserei) damit aus dem Staub machen können, anstatt zu der Hütte zurück zu kehren – wo ihn sein Komplize ja dann getötet hat und den Holzzerkleinerer mit seiner Leiche „gefüttert“. In „Ein perfekter Mord“ steigt „David“ (Mortensen) auf „Stevens“ (Douglas) Mordplan ein, spielt dann sein eigenes Spiel. Was er auch machen hätte können, wäre, mit dem aufgenommenen Mordanweisungen zu „Emily“ (Paltrow) und der Polizei zu gehen. Selbst wenn er sich nach der letzten Verurteilung etwas zuschulden hat kommen lassen, hätte ihm diese wohl eine Art „Deal“ vorgeschlagen. Und David hätte Emily und ihr Geld bekommen.(2)

Oder, eine Umgereimtheit wie in „Das Appartment“, wo die von Shirley MacLaine dargestellte Frau so promisk ist und auf jemanden wie den Chef „abfährt“ (was nicht ganz zu ihrem Charakter passt). In manchen Fällen gibt es Erklärungen für Handlungslöcher. Zuseher/Fans diskutieren auch darüber, nicht zuletzt im Internet. Etwa bezüglich der „Stars Wars“-Filme. Bei „Citizen Kane“ spielt das anfangs geäusserte letzte Wort von Charles F. Kane („Rosebud“) eine wichtige Rolle, ein Journalist versucht dann, dessen Bedeutung zu ergründen. Doch, Kane ist allein gestorben… Es gibt potentielle Lösungen/Erklärungen dafür; der Butler könnte nicht nur den Toten gefunden haben, sondern auch im Zimmer gewesen sein, nicht im Bild. Er könnte auch am Zimmer vorbei gegangen sein und das Wort so gehört haben.

Das haben Zuseher und Kritiker spekuliert. In „Die üblichen Verdächtigen“ hat der von Kevin Spacey dargestellte „Keyser Soze“ Glück, dass das Phantombild (von ihm) gefaxt wird kurz nachdem er aus der Polizeistation weg gegangen ist, und auch nicht gleich bemerkt wird… Hier hätte es andernfalls ein anderes Ende gegeben, in anderen Filmen wären diese zerstört gewesen. Dazu noch mehr bei „Vier im rasenden Sarg“. Für die Literatur gibt es im Englischen den Begriff „idiot plot“, was eine Geschichte bezeichnet, die so nur geschehen kann wenn sich die meisten Involvierten idiotisch verhalten. In der logisches Verhalten die Handlung „zerstören“ würde.    

„Der Schakal“ (das Original) spielt 1963, in einer Szene ist ein 1970er-Citroen zu sehen –  so etwas fällt aber kaum ins Gewicht – wie Fehler generell selten einen Film wirklich „entwerten“. Man erwartet von Filmen auch nicht, dass sie vollkommen realistisch und logisch sind, das ist nicht Bedingung für ihren Genuss; in der Regel geht es schliesslich um Unterhaltung. Keine Notwendigkeit, zu überanalysieren… Dennoch einige Links zu Webseiten die sich mit Filmfehlern beschäftigen: https://www.moviemistakes.com/ , https://www.scifi-forum.de/forum/filme-tv-serien-und-co/filme/der-herr-der-ringe/72215-plotholes-und-logikfehler-des-films-in-vergleich-zu-den-b%C3%BCchern/ , https://www.urbo.com/content/8-movies-with-plot-holes-that-completely-ruined-everything-and-how-to-fix-them/ , https://www.boredpanda.com/interesting-movie-plot-holes/ , https://bestlifeonline.com/major-movie-mistakes/

Einige Handlungs-Löcher/ Plot holes

Es gibt jene, die der Logik in individuellen Szenen widersprechen; solche die der Logik von Haupt-Charakteren widersprechen; und die ganz grossen, die die Handlung an sich in Frage stellen.

* „Sleepers“ (Film, nicht Buch): Pubertierende in einem Arbeiterviertel in New York, ein „Streich“ schief gelaufen, darauf hin sexueller Missbrauch im Jugendstrafvollzug… Schnitt: 13 Jahre sind vergangen (Reagan, nimmer Johnson Präsident der USA), 2 sind gut geblieben, 2 böse geworden, alle 4 sind mit dem Missbrauch (den sie geheim gehalten haben) in verschiedener Weise noch immer beschäftigt; zufälliges Wiedersehen der Zwei, die auf die schiefe Bahn geraten sind, mit einem der Übeltäter von damals, die Gelegenheit wird zur Rache (dem Mord an ihm) genutzt. Die Beiden kommen vor Gericht, die beiden „Guten“ schalten sich ein, helfen ihnen diskret, verhelfen ihnen zum Freispruch; „nebenbei“ wird auch mit den restlichen drei Sexualverbrechern von damals abgerechnet, mit 2 davon legal, mit einem über die italienische und die schwarze Mafia.  

Themen/Genres: Rache, auch Schicksal („Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“, Momente die Leben verändern); Freundschaft bzw Verschwörung; Jugendproblemfilm; Milieustudie in einem Problemviertel in NYC („Hell’s Kitchen“)(3) wo die irisch-italienisch-puertoricanische-… Unterschicht lebt, > der erste Teil spielt 1968, und „Flower Power“ und die Jugendproteste gegen den Vietnamkrieg werden als Sache der Ober- und Mittelschicht „abgehandelt“; Mafia; Gerichtsdrama(4); die Katholische Kirche ist sehr präsent, aber auf der Gegenseite (zu den Pädophilen); sexueller Missbrauch von Jugendlichen; Katharina Rutschky in der „taz“, 1997 (als der Film auf Deutsch in die Kinos kam): „Die Aufgabe, über den Unterschied von Freundschaft, Kumpanei und Bandenbildung nachzudenken, überläßt der Film den anderen vier, in deren Fänge die Buben nun geraten, nachdem sie zu Strafe und Besserung in eine Erziehungsanstalt eingewiesen werden.“   

Unvereinbarkeiten/Auslassungen und dergleichen: Die Rache fällt allgemein etwas zu glatt aus. Zunächst hätte sich „Nokes“ in einer solchen Situation (mit vorgehaltenen Waffen mit seinem Missbrauch konfrontiert) anders verhalten, etwa die Beiden nicht noch provoziert. Der Barkeeper, der die Beiden persönlich kannte, wurde anscheinend davon abgehalten, gegen sie auszusagen, das ist in Ordnung. Aber, dann in der Gerichtsverhandlung: Andere hätten die Verbindung kennen müssen, zwischen den Angeklagten und dem Staatsanwalt zumindest, wenn nicht zwischen ihnen zusammen mit dem Opfer (die 2 haben ihn ja auch gleich wieder erkannt, nach all den Jahren) – etwa „Ferguson“, der als Zeuge aussagte.

Und: Die Angeklagten („Riley“ & „Marcano“) wurden nicht eingeweiht in den Plan, den ihre Kumpels von früher mit der Mafia im Viertel, dem Pfarrer,… ausgeheckt und umgesetzt haben. Sie hätten doch leicht vor Gericht aussagen können bzgl des sexuellen Missbrauchs (und damit die Verbindung bestätigen,…) oder zumindest Zwischenrufe tätigen, ggü dem Staatsanwalt (Pitt). Bei ihren Vorstrafen und bei einer Mordanklage hat ihnen eine sehr, sehr harte Strafe gedroht, hätten sie nicht versucht, ihr Verhalten plausibel zu machen? Oder aus Wut-Gefühlen ihrem (Ex-) Freund und den Jugendgefängniswärtern ggü heraus… Wie gesagt, dass der von Pitt dargestellte Charakter daran arbeitete, den Prozess zu verlieren, wussten sie ja nicht.

Dann, die Zeugenaussage von „Pfarrer Carillo“, der ihnen ein Alibi gibt, sie seien mit ihm bei einem Basketballspiel (der New York Knicks) gewesen. Auch das war nicht koordiniert mit den Angeklagten, und zumindest bei der Polizei werden sie dazu befragt worden sein, was sie an diesem Abend taten, wenn nicht in der Bar jemanden umgebracht… Das Alibi hat Carillo für sie erbracht, ohne dass sie davon wussten. Das was der von De Niro dargestellte Charakter aus-sagte (und sie rettete), hätten die Beiden als Erstes zur Polizei sagen müssen! Ausserdem ist es fraglich, ob (im Bundesstaat New York) ein Zeuge während des Kreuzverhörs bei Gericht neues physisches Beweismaterial einbringen kann.

Warum wurde die Gelegenheit zur Rache an den Anderen (der Plan von „Michael“/Pitt) eigentlich genutzt, als Rache am Haupttäter (durch Zufall) schon vollzogen war? Warum haben sich die 2 bzw die 4 „Nokes“ und die Anderen nicht früher vorgeknöpft, ihn gesucht, anstatt die zufällige Begegnung dafür zu nutzen. Und, warum versuchten der Staatsanwalt und der Journalist nicht, ihren abgesackten Kumpels früher zu helfen – ehe diese als Mörder vor Gericht stehen?

Neben diesen Handlungslöchern gibt es einen historischen Fehler: der Grieche dessen Imbisswagen die Jungs stahlen, hat auf diesem eine griechische Flagge befestigt. Diese hat Ende der 1960er aber anders ausgesehen als die jetzige. Und, Kontinuitätsfehler: „Michael“ als Teenager wurde von B. Renfro (dessen Schicksal tatsächlich tragisch ist) dargestellt, der hatte braune Augen, als Erwachsener von Pitt und der hat blaue. Und, Bacon/“Nokes“ hat im Gefängnis einen anderen Akzent als dann in der Bar.  

Die Frage der Authentizität ist hier verbunden mit jener der Handlungslöcher. Wobei dann noch Abweichungen in der Verfilmung von der literarischen Vorlage möglich sind. Dessen Autor, Lorenzo Carcaterra (geboren 1954 in Hells Kitchen, Vorfahren aus Kampanien), war Journalist (wie “Shakes”,  als Vorlage für diesen deklarierte er sich), sagte, die Geschichte ist authentisch (autobiografisch), nur Namen, Daten,… seien geändert. Wenn die Plotlöcher doch von der Literatur-Vorlage übernommen sind, ist der Film diesbezüglich unschuldig, es gibt solche Fälle. „Sleepers“ kam ’95 als Roman raus, wurde 96 verfilmt (Barry Levinson, Warner Brothers). Die „Sacred Heart of Jesus Church and School“ in Manhattan (die Carcaterra besuchte), das Büro des Bezirks-Staatsanwalts von Manhattan sowie Jugendbehörden dementierten, das etwas Derartiges in ihrem Bereich geschah.

Tiara hat auf Carcaterras Blog angefragt, bezüglich der loopholes im Film. Er schrieb dazu nur: „…films are a very unique format. They have time and production constraints, unfortunately. They rely on people having read the original book and by people filling in the blanks for themselves.“ Übrigens, eine Meldung in den ORF-IT-Nachrichten kürzlich: „In den Niederlanden hat der Tod eines 73-Jährigen eine Debatte über die eigenmächtige Verfolgung Pädophiler durch Bürgerinnen und Bürger entzündet. Eine Gruppe von Jugendlichen in der Stadt Arnhem hatte in einem Chat ein Treffen zwischen dem Mann und einem Minderjährigen fingiert und diesen anschließend am Treffpunkt abgepasst und verprügelt. Er wurde so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus starb. Nun warnte die niederländische Polizei eindringlich vor solchen ‚Pädophilenjagden’“.

* Der SF-Film „Westworld“ (1973; spielt 1983): War einer der ersten Filme mit Computer-Animationen, ein Vorläufer zu „Terminator“ oder „Jurassic Park“; Michael Crichton hat auch eine Art Romanvorlage zu „Westworld“ geschrieben. Widersprüche gibt es v.a. bzgl der Waffen in „Delos“: Die Waffen der Gäste hatten Wärmesensoren, so dass sie nur auf Roboter schiessen können, aber: Querschläger?! Bzgl der Roboter/Gunslinger/Androiden wurde ihre Programmierung anscheinend als so sicher gesehen dass sie mit scharfer Munition ausgestattet wurden, dann geraten sie durch eine Art Computer-Virus aber ausser Kontrolle. Der von Brynner dargestellte Roboter gerät so ausser Kontrolle dass er Freude am Schrecken entwickelt… Ausserdem wird kaum Munition nachgeladen, das ist aber wahrscheinlich Gang und Gäbe in Hollywood. Bzgl der Schwerter in der Mittelalter- und der Antike-Welt wäre ein Verletzen der Gäste gegeneinander möglich.

* „Race with the devil“ / „Vier im rasenden Sarg“: Hat einige Gemeinsamkeiten mit „Easy Rider“ > Mitwirkung von Peter Fonda, Motorräder, Hinterwäldler (Texas bzw Louisiana), aber auch mit „Delieverance“ (Stadtleute,…), „Duell“ (Strassen-Action), „Rosemarys Baby“ (Horror/Okkultes, Paranoia/Erkenntnis > wem vertrauen?, Realität von Hexerei). Spannender Aufbau, jedoch Inkonsistenzen: fast Alle in dem County sind involviert in den Satanistenring (zB die Leute in der nächsten Polizeistation die sie nach der Beobachtung und der ersten Verfolgungsjagd finden…). Die 2 Paare auf Urlaubsreise kriegen nach ihrer zufälligen Beobachtung einer Menschenopferung eine Warnung, jedoch bevor sie etwas Neues unternehmen (können), werden sie schon (wieder) angegriffen.

Am Ende sind sie unangebracht unvorsichtig, und die Satanisten legen einen Feuerring um ihr Wohnmobil, können sie sich vorknöpfen. Diese hätten so etwas schon vorher machen können bzw sie einfach töten, wenn sie ihre Leute eh überall haben. Aber: das ist in vielen Filmen so, wenn jemand zum „richtigen“ Zeitpunkt die Polizei gerufen hätte oder der Schurke früher zugeschlagen hätte, wäre die Geschichte zu Ende gewesen… „Psycho“ war auch insofern eine Innovation, als der Hauptcharakter zur Hälfte des Films getötet wird > dies machte dann den Plot aus und lockte andere Figuren zum „Bates Motel“ und seinen Besitzer. A propos, Alfred Hitchcock hat ja bezüglich Realismus und so im Film gesagt, eine Frau die den ganzen Tag am Fliessband in einer Fabrik steht, möchte am Abend im Kino nicht eine Frau sehen, die in einer Fabrik am Fliessband steht.

Das dramatische Ende in „Sieben“ konnte so nur ablaufen, weil die von Morgan Freeman dargestellte Figur nicht ein Bombenentschärfungskommando ruft, sondern die gelieferte Schachtel selbst öffnet…bei dem was „John Doe“ bis dahin aufgeführt hat, musste man auf Alles gefasst sein und ein (erfahrener) Polizist hätte das kaum selbst gemacht, mit der Möglichkeit einer Sprengvorrichtung wäre ohne Weiteres zu rechnen gewesen. Aber, was wäre dieser Film schon gewesen ohne die persönliche Involvierung der Pitt-Figur in die Mordserie am Ende, und seiner Entscheidung zwischen „Gott“ (Freeman) und „Teufel“ (Spacey). Oder in „No Country for old Men“: die von J. Bardem dargestellte Figur hat eigentlich bis zum Schluss einiges Glück.

* „The Game“/„Das Spiel“: War er immer sicher, war immer alles ausgeklügelt? Wie der Sturz vom Hochhaus am Ende. Unter Youtube-Videos vom Film fragen Kommentatoren, was wenn die von Michael Douglas dargestellte Hauptfigur („Nicholas van Orton“) an einer anderen Stelle gesprungen wäre? Wenige Meter neben der Stelle an der er (durch Sicherheitsglas) in den Festsaal stürzte, waren Balken… Kommentatoren spekulieren darüber, dass alles auskalkuliert gewesen sei, „Van Ortons“ Verhalten aufgrund der Eingangstests vorhersehbar, bis hin zu solchen Details von wo er in dieser Situation springen würde.

Weiters werden an Möglichkeiten genannt: das Gebäude hätte „umgebaut“ worden sein können, mit Luftkissen an anderen Stellen, „Balken“ aus elastischem Material,… „Feingold“ hätte ihn (an der Stelle) stossen können. Oder, es hätte oben am Dach ein Team warten können, das van Orton festgenommen hätte, wenn er dort nicht gesprungen wäre, ihn wieder unter „Downer“ setzen, und er wäre wieder irgendwo aufwacht. Die „Auflösung“ hätte dann anders und später stattgefunden. Oder gab es nichts dergleichen, war das glatte Ende Glück/Zufall, bzw eben nur Teil eines Spielfilms…? Jedenfalls, „NVO“ brauchte diese Nahtoderfahrungen zur Läuterung.

* „Pulp fiction“: Die Szene mit dem Autozusammenstoss und der Vergewaltigung („Butch“, „Marsellus“, das Pfandgeschäft, „Maynard“, „Z“). Butch & Marsellus sind nach dem Crash nur leichter verletzt; keine Polizei in der Gegend, als Butch das Pfandgeschäft verlässt (und Marsellus ein paar abgebrühte „Niggas“ ruft, die den angeschossenen Vergewaltiger mit Lötkolben und Kneifzangen bearbeiten sollen) – es hätte dort zu dem Zeitpunkt noch immer von Polizisten gewimmelt; aber genial: eine Situation erfinden, die zu Zusammenhalt und Versöhnung zwischen den beiden Feinden führt… Den „Gimp“ vor Augen muss man sagen, Butch rettete Marsellus davor, für den Rest seines Lebens in eine Kiste gesperrt und für anale Vergewaltigungen hervor geholt zu werden. Von der Tötung „Vincents“ wusste Marsellus da noch nicht, aber angesichts dessen hätte er ihm dennoch verzeihen können.

Als Vincent mit „Mia“ ausgeht, findet sie sein Heroin, hält es für Kokain (das sie konsumiert), nimmt davon, überdosiert. Vincent rast mit ihr zum Haus seines Dealers „Lance“, wo sie mit einer Adrenalin-Spritze in ihr Herz wiederbelebt wird. Abgesehen davon dass davor anscheinend keine Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen wurden, kann das so in der Realität medizinisch so nicht funktionieren. Obwohl der Schauspieler Steven Prince (der Waffenverkäufer in „Taxi driver“)(8), ein vormaliger Heroin-Süchtiger, in einer Doku über ihn sagt, dass er so etwas erlebt hätte – es ist eine Art urbane Legende, dass dieser Fall in „Pulp fiction“ eingearbeitet wurde. Zum Einen bräuchte man eine sehr spezielle Nadel, um so in das Herz vorzudringen, und wenn das gelingt, würde man wahrscheinlich eine Koronararterie treffen. Zum Anderen ist Adrenalin nicht die Lösung für eine Opiat-Überdosis. Es behebt nämlich nicht das Problem der Atemdepression.

* Weitere Plotlöcher/Unstimmigkeiten:

In „Face off“/“Im Körper des Feindes“ gibt es diese v.a. rund um „Castor Troys“ Gegenaktion, Handlungslöcher so gross, dass Lastwagen durchfahren können. Ein Schwerverbrecher wird für so etwas herangezogen, OK; er und der gegen ihn ermittelnde Polizist sind sich körperlich in Vielem sehr ähnlich, OK; aber: er wacht nach der Operation unbewacht und unsediert auf, hat Gelegenheit seine Leute anzurufen und sie genau dort hinzuschicken, wo sie leicht eindringen und alle überwältigen können, und damit sind auch alle Hinweise auf den Identitätstausch vernichtet,…

„Full Metal Jacket“: „Pyle“/D’Onofrio erschiesst Hartman/“Ermey“ zum Abschluss des Boot camps in Parris Island > in diesem Stadium der Ausbildung wäre er nie ausserhalb des eigentlichen Trainings an eine scharfe Waffe gekommen… Abgesehen davon war Ermey in mehrerer Hinsicht nahe bei „Hartman“ (beruflich, politisch, vlt nicht charakterlich).   

Dubios: Die Rettung von Hanks in „Cast away“/„Verschollen“, durch eine Flossfahrt nach ein paar Jahren auf der Insel mit Beobachtung der Gezeiten; die Rettung an sich wurde ja nicht gezeigt, es gibt einen Jump Cut vom Auftauchen und Signalgeben des Frachtschiffs zum Heimflug Hanks‘

„She’s all that“/ „Eine wie keine“: Ein High School – Abschlussball, bei dem Alle wie Profis tanzen

* Berühmte, oft genannte Handlungslöcher:

„Titanic“ (1997): die Türe im Meer auf die sie sich rettet, hatte er darauf nicht auch Platz?!

„Back to the Future“/ „Zurück in die Zukunft“ I (1985): „Doc“und „Marty“ reisen aus den 1980ern in die 1950er, Marty trifft dort auf seine Eltern als Teenager, damit es ihn in der Gegenwart weiterhin gibt, hilft er bei ihrem Zusammenkommen nach, rettet seinen Vater davor, von einem Auto angefahren zu werden, flirtet mit seiner Mutter. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass sie ihn dann nicht erkennen, als er in das entsprechende Alter kommt

„Shawshank Redemption“: So Einiges… Die Verschlüsse der Bierflaschen, die den Gefangenen bei/nach der Arbeit am Dach genehmigt werden, gab es damals lange noch nicht. Beobachter meinten auch, das muss das weisseste Gefängnis der USA (gewesen) sein. Was über dieses Land etwas aussagt: der hohe Anteil von Afro-Amerikanern in Gefängnissen und die Unwahrscheinlichkeit, dass es mehr als einen in einer tragenden Rolle in einem Hollywood-Film gibt. „Andy“ (sehr smart) geht zum Wärter bzw Gefängnisdirektor mit der Info, wer seine Frau getötet haben soll – anstatt zu seinem Anwalt… Ja, und das Wirken dieses Direktors ist insgesamt auch etwas abwegig. Vor Allem aber läuft die Flucht bzw das Ende zu glatt.

Andy bleibt 20 Jahre in der selben Gefängniszelle, und hat dadurch (und ein Raquel-Welch-Poster) Gelegenheit, in aller Ruhe ein Loch bzw einen Gang zu graben? Na gut. Er tut das mit diesem Werkzeug und wird das Mauermaterial auf diese Art los? Okay. Aber wie hat Andy das Poster vom Gang aus wieder an der Wand befestigt, fragen sich Manche. Eine Art wörtliches Plotloch

Die „Gremlins“ werden u.a. dann „asozial“, wenn man sie nach Mitternacht füttert…doch auch wenn ich sie beispielsweise um 23:30 füttere, ist das das ja auch nach Mitternacht, nach der letzten, eben so wie um 00:30 des selben Tags

„Karate Kid“: Der entscheidende Kick ist regelwidrig (auf den Kopf)

„Toy Story“: „Buzz Lightyear“ glaubt (anfangs), dass er kein Spielzeug ist, dennoch macht er immer mit, wenn sich die anderen Spielzeuge tot stellen, sobald ein Mensch auftaucht

„Ocean’s 11“: Beim Raub der vorgetäuscht wird, gehen die Elf mit Taschen mit „wertlosen“ Papier statt Geld heraus, und dann erst räumt die Bande (als Spezialkommando der Polizei verkleidet) den Tresor leer…doch wie kam das Fake-Geld/ Papier in den Tresorraum, dafür gibt es keine Antwort

„Hangover“: Wie konnte „Doug“ 2 Tage am Dach eines Casinos/Hotels bleiben? Ohne Nahrung, Wasser, Schatten und nicht entdeckt von Sicherheitskameras

„Gesprengte Ketten“: Der von J. Coburn dargestellte Charakter schlägt sich nach Frankreich durch, sitzt in einem Cafe, als Nazi-Offiziere dort durch einen Resistance-Anschlag getötet werden; den Offizieren entgeht dass der Australier „Liberation“ liest, die Resistance-Zeitung, und er beim „Anruf“ hörbar auf Englisch antwortete

In „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“ benützen „Harry“ und „Hermione“ eine Zeitmaschine unter Anderem dafür, um „Sirius“ und „Buckbeak“ zu retten. Nun, wenn „Dumbledore“ einer 13-Jährigen ein solches Gerät gibt (auch für Unwichtigeres), warum nutzt er sie dann nicht um  „Voldemort“ in der Vergangenheit zu besiegen?

In „Armageddon“ werden einige Ölbohrarbeiter in den Weltraum geschickt, um die Erde mittels Atombombe vor einem Asteroiden zu retten. Wäre es nicht einfacher, Astronauten beizubringen, zu bohren, als Ölbohrarbeiter beizubringen, Astronauten zu werden..? Ein Darsteller dieser Arbeiterhelden, Ben(jamin) Affleck, sprach das ggü Regisseur Michael Bay auch an, liest man

„Ernst S. Blofeld“ taucht in insgesamt 8 „James Bond“-Filmen als Bösewicht auf, dargestellt von 7 verschiedenen Schauspielern. In „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ trifft George Lazenby als „James Bond“ auf „Telly“ Savalas als „Blofeld“. Bond kennt Blofeld nicht, doch in „Man lebt nur zweimal“ waren sie schon aufeinander getroffen. Auch wenn beide Figuren da von Anderen dargestellt wurden (Connery/Pleasance), es sind die selben Figuren.

In „Groundhog Day“/„Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) muss „Wettermann“ „Phil Connors“ („Bill“ Murray) sein Leben von Grund auf ändern, um die Zeitschleife verlassen zu können. Was eigentlich die Ursache des „Zeitlochs“ ist (eine göttliche Macht?), wird offen gelassen, herausgekommen ist er jedenfalls, indem er an sich arbeitete, sich vom zynischen Macho zum „verträglichen Mitmenschen“ wandelte. Wie lange Connors in Punxsatawney verbrachte, wird oft spekuliert…jedenfalls ist er dort auch gestorben (und wieder aufgewacht). Eine Möglichkeit des Entkommens aus Punxsatawney hätte es wohl gegeben, in der Früh, vor dem Schneefall… Im ursprünglichen Drehbuch des (Fantasy-?) Films war das auch so vorgesehen, da brach er einige Male aus (besuchte auch seine Mutter), wachte aber immer wieder in Punxsatawney auf. Jedenfalls hätte er ein paar Stunden Spass irgendwo ausserhalb des Städtchens haben können

„Memento“: die Hauptfigur verlor ihr Kurzzeitgedächtnis, seine Geschichte wird in umgekehrter Reihenfolge erzählt, das Ende lässt Vieles offen. Der 20 Jahre alte Film wird nach wie vor diskutiert, Regisseur Nolan hat eine Website über den Film designed. Es werden auch einige Handlungslöcher ausgemacht. Wikipedia: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“ Das Reale ist in dem Fall die anterograde Amnesie (Verlust Kurzzeitgedächtnis), und es gibt einige Kritik an ihrer Darstellung in dem Film. Ein sehr spezifischer Fehler, mehr noch als historische Fehler (s.u.). „Leonard“ hat anscheinend eine sehr starke anterograde Amnesie, und dafür agiert er nicht stimmig. Es heisst, man weiss in so einem Fall nicht, dass man etwas vergisst, daher macht man sich keine Notizen. Und kommt nicht auf die Idee, in die Tasche zu schauen um nach Notizen/Fotos zu suchen. Leonard („Lenny“) wäre Vieles nicht bewusst gewesen, zB dass er ein neues Auto hatte

Noch etwas… In dem Film notiert sich Lenny die Autonummer von Teddy, als „SG137IU“; diese lässt sich er sich dann auch auf seinen Körper tätowieren. Doch, an einer anderen Stelle bekommt er von Natalie Informationen, da lautet das Kennzeichen „SG1371U“. Als das Automobil in einer späteren Szene (die chronologisch wahrscheinlich früher war) zu sehen ist, sieht man das die Nummer tatsächlich auf „71U“ endet. Kontinuitätsfehler oder absichtlich, Teil des Plots bzw Lennys’ Problem, fragt man sich (wenn man darauf aufmerksam wird, siehe hier oder hier)… Es dürfte eindeutig Absicht sein, zur Demonstration der Perspektive Lennys, seines unverlässlichen Narrativs. Er notiert so, dass „I“ und „1“ nicht zu unterscheiden sind und die Tätowiererin macht „I“ daraus. Nolan hat auch gesagt, dass der farbige Teil Lennys unverlässliche Perspektive zeigt. Das Kennzeichen dürfte sich ausserdem von der Postleitzahl vom Ort von Nolans Uni in GB ableiten

Auch auf Youtube wird darüber diskutiert

In „Explosiv – Blown Away“ (1994) ist fast Alles unglaubwürdig, von der Darstellung der IRA bis zum Rachefeldzug der von Tommy L. Jones dargestellten Figur

Ein Abstecher noch zu TV-Serien. Bei „Columbo“ am Ende immer die Überführung der Täter- die aber oft keine wirkliche ist. Dennoch lenken diese ein, kapitulieren vor „Columbo“, gratulieren ihm gelegentlich, machen sich auf dem Weg in die Todeszelle(5) – anstatt nach ihrem Anwalt zu rufen, wie in der USA üblich, und erst Recht bei diesen High Society – Leuten. Das was normalerweise eher in der Gerichtsverhandlung kommt, wird in diesem Krimi zwischen Columbo und dem Mörder ausverhandelt. Zum Beispiel in der Folge „The most crucial game“/“Wenn der Eismann kommt“ (1972): Das akkustische Signal der Tisch-Uhr war nicht am Tonband…aber ein guter Anwalt hätte den Manager des Football-Teams (Robert Culp) da heraushauen können, dennoch wird eine Resignation von ihm „angedeutet“

„Sopranos“, 5. Staffel, 1. Folge: „Christopher“ geht in eine Zucker-Bäckerei, nimmt eine Nummer, fühlt sich dann zurückgesetzt, schickt den Kunden „Gino“ heraus, zieht eine Handfeuerwaffe, und schiesst dem Besitzer/Angestellten nachdem er seine Süssigkeiten (Cannoli,…) bekommen hat, in den Fuss. „Gino“ wird dargestellt vom Selben (J. Gannascoli), der dann später in der Serie „Vito“ darstellte > eine Art Handlungsloch (der selbe Schauspieler spielt in der selben Serie einen anderen Charakter). Abgesehen davon ist die Sache an sich, mit der Gewaltanwendung Christophers, unrealistisch. Es gibt darin eine Anspielung auf „Goodfellas“ wo Michael Imperioli von den Mafiosi in den Fuss geschossen wurde („Du hast in meinen Fuss geschossen“ – „Das kommt vor“)

Historische Fehler in Filmen

Sie werden im Artikel über Geschichte im Film eigentlich abgehandelt. Solche Anachronismen (Abweichungen von tatsächlichen geschichtlichen Rahmenbedingungen) sind nicht nur in Historienfilmen von Relevanz. Diese speziellen Handlungslöcher sind nicht für Alle offensichtlich, bleiben oft verborgen. Meistens sind die unbeabsichtigt und resultieren aus Nachlässigkeit oder falschen Annahmen. Beabsichtigt Falsches ist Ausdruck künstlerischer Freiheit oder entspringt der Absicht, ein Geschichtsbild zu propagieren (oft aus politischen Erwägungen heraus). 

Eine gewisse Darstellung von Kapitän Bligh zieht sich durch die meisten Filme über die Meuterei auf der „Bounty“, dürfte nicht den Tatsachen entsprechen. Hier kann man von irrtümlichen Annahmen ausgehen. Ebenso, wenn in „Braveheart“ die Schotten in Kilts auftreten, die es zu dieser Zeit noch lange nicht gab. In Kriegsfilmen und dergleichen werden natürlich gerne Generäle erfunden werden, die es nicht gab – mehr oder weniger ist das ein Eingriff in die tatsächliche Geschichte, ihre Veränderung. Bezüglich „Pearl Harbor“ (2001) gibt es eine ganze Reihe von Beanstandungen bezüglich seiner historischen Akkuratesse. Diese Abweichungen vom Geschichtsverlauf hatten verschiedenen Ursprungs, von der Motivation, ein Geschichtsbild zu transportieren über dramaturgische Gründe bis Kenntnislosigkeit. Ähnlich ist es bei „Windtalkers“. In Biopics wie „Catch me…“ (Frank Abagnale) oder „Good morning, Vietnam“ (Adrian Cronauer) gibt es üblicherweise Einiges an Übertreibungen und Erfindungen.

Filme die Ungeklärtes behandeln (wie den Kennedy-Mord) müssen sich natürlich mit Spekulationen und „Annäherungen“ helfen. So ist es auch bei „23 – Nichts ist so wie es scheint“, vor allem was das tatsächliche Zutreffen der Verschwörungen (im historischen und im aktuellen Kontext) betrifft. Etwas ganz Anderes: „Roter Drache“ (2002): „Will“ hat Videofilme in einer Lade, darunter „Mrs. Doubtfire“… „Roter Drache“ stellt die Vorgeschichte die „Schweigen der Lämmer“ dar, die Romane kamen auch in dieser Reihenfolge heraus, im Gegensatz zu den Filmen. Und „Schweigen der Lämmer“ kam 1991 in die Kinos, „Mrs. Doubtfire“ 1993

„Serendipity“/“Weil es dich gibt“ kam 2001 heraus, und zwar im Oktober, wurde grösstenteils im Sommer 2000 gedreht. Der grossteils in New York spielende Film zeigt noch die Skyline der Stadt mit dem World Trade Center. Dieses wurde im Nachhinein digital entfernt, aus „Pietät“, nicht um das Gegenwärtige abzubilden. Noch etwas: Die beiden Hauptfiguren haben sich jahrelang gesucht, aber nicht über Internet, Facebook,… Es war knapp bevor sich die Zeiten diesbezüglich verändert haben; Filme sind eben Dokumente der Zeit in der sie entstanden, in der einen oder anderen Hinsicht

Der Oscar-überhäufte Film über den Untergang der „Titanic“ (1997) ist anscheinend recht stimmig bezüglich des tatsächlichen Geschehens, obwohl darüber einige falsche Annahmen zirkulieren. Bewusst eingegriffen in die Geschichte hat Quentin Tarantino mit „Inglorious Basterds“ (wie auch in „Once Upon a Time in Hollywood“), erzählt da eine Alternativgeschichte, erhebt nicht den Anspruch auf einen Historienfilm. Über Drogeneinnahmen und -wirkungen könnte man auch Einiges schreiben; im Artikel über Morphium ist die Verabreichung desselben an einen angeschossenen Soldaten in „Soldat James Ryan“ bereits analysiert worden. Hier kommt man auch auf ein ziemlich spezielles Gebiet, wie zB auch bei „Memento“

Goofs im engeren Sinn sind also Anschluss-/Kontinuitätsfehler in einem Film, kommen auch zwischen Filmen und ihren Fortsetzungen vor. Gerade bei Szenen in denen gegessen oder getrunken wird, geht oft was schief, da Szenen in der Regel in mehreren Aufnahmen gedreht werden. Also: Ein Glas steht links vom Darsteller, dann plötzlich rechts. Hier einige Goofs/Anschlussfehler. Ein Sonderfall: Montgomery Clift (galt als besser als Brando, schöner als Dean) hatte während der Dreharbeiten zu „Raintree County“/“Im Land des Regenbaums“(6) (spielt zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs) 1956 einen Auto-Unfall, bei dem er sich schwere Gesichts-/Kopfverletzungen zuzog, die sein weiteres Leben beeinträchtigten…sichtbar verändert waren seine Physiognomie und seine Stimme. Ein Teil des Films war schon gedreht, der andere Teil wurde mit dem „neuen“ Clift gedreht. Da Szenen für gewöhnlich nicht in der Reihenfolge gedreht werden, in der sie dann für den Film zusammengeschnitten werden, gibt es in dem Film immer wieder diese „Sprünge“

Filmtechnische Fehler, zB wenn ein Mikrofon (in der Endfassung des Films) zu sehen ist. In „Titanic“ gibt es einige Spiegelungen, in denen die Filmcrew zu sehen ist. In „Jurassic Park“ gibt es eine Szene in der vorgeblich eine Live-Video-Konversation geführt wird, man sieht aber klar am Bildschirm dass ein Video abgespielt wird: http://www.youtube.com/watch?v=uOIa6N_ooSc (ab 00:20). Kann man auch als Logikfehler bzw kleines Handlungsloch werten. Was relativ oft vorkommt: Dass der maskenbildnerische Sprung von Jung auf Alt oder umgekehrt nicht ganz gelingt.  

In Ed Woods Filmen gibt es wie gesagt viele filmtechnische und Anschlussfehler. Gründe dafür waren Mängel an Geld, Zeit, Talent. Es gibt darin gewissermaßen Stegreif- bzw Live-Darbietungen: Wood schickte die Schauspieler meist ohne Proben vor die Kamera, liess Szenen selten wiederholen oder schneiden… Er sparte (gezwungenermaßen) bei Kulissen, Kostümen, Spezialeffekten, Stunts. Wood bekam 1980 posthum den Golden Turkey Award als „Schlechtester Regisseur aller Zeiten“ zugesprochen, infolge dessen wurden seine Filme erst wirklich interessant. Bekanntlich wurde dann ein Film über ihn und seine Arbeit gemacht.

Synchronisationsfehler: Übersetzungsfehler oder „Zeitfehler“

 

(1) Der auf den Philippinen gedreht wurde, aber in Vietnam spielt

(2) Abgesehen davon, den Schlüssel unter dem Rohr haben die Polizisten anscheinend nicht gefunden…

(3) Aus „Hell’s Kitchen“ in Manhattan stammen übrigens Sylvester Stallone (Vater Apulier, Mutter Jüdin, Gesicht bei Geburt „entstellt“), Mario Puzo („Der Pate“), Daniel Moynihan (DP-Politiker, irischer US-Amerikaner, Soziologe, Hardcore-Zionist), die Eishockey-Spieler Joseph & Brian Mullen, „Mickey“ Spillane (irische Mafia); „Taxi driver“ (De Niro!) spielt auch grossteils dort bzw wurde dort gedreht

(4) Mit Dustin Hoffman in einer feinen Nebenrolle; wie De Niro in“Jackie Brown“

(5) Vor der Einführung der Giftinjektion hatte Kalifornien übrigens die Gaskammer. Kalifornien („Columbo“ spielt ja in Los Angeles) hat ’37 die Gaskammer bzw die Vergasung als staatliche Tötungsart gewählt, bis 67 Hinrichtungen auf die Art (San Quentin Gefängnis,.), dann eine Art Moratorium, ~92 Wiederaufnahme mit Giftinjektionen; Columbo lief von 68 bis 78 und 89-93. Daher nur ganz am Ende potentielle Hinrichtungen, mit Giftspritze… 

(6) Aber nicht bei den Dreharbeiten

(7) 1959, Horror/Science Fiction, http://www.youtube.com/watch?v=Ln7WF78PolA 

(8) Übrigens, man sagt, die Figur verwendet in dem Film falsche Bezeichnungen für die Schusswaffen… Vergleiche dazu „Jackie Brown“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das 100-Jahr-„Jubiläum“ der Volksabstimmung von 1920 war eigentlich nicht der Anlass des Artikels, hat sich anderwärtig ergeben. Aber mit der schwierigen Abgrenzung zum Land der Slowenen ist man schon mitten in der Geschichte Kärntens. Kärnten grenzt an Osttirol, an Salzburg, an die Steiermark, die italienischen Regionen Friaul – Julisch Venetien und Venetien… und, im Süden, an Slowenien. Es ist ein Verhältnis zwischen Nähe und Abgrenzung. Als Ursula Plassnik, Kärntnerin (mit einem slowenischen Namen), anlässlich des EU-Beitritts Sloweniens sagte, sie „als Kärntnerin“ freue sich besonders darüber, versuchte sie, dieses Verhältnis positiv zu affirmieren. Es gibt aber eben noch eine andere Seite.

Kärnten ist Teil einer grossen „Kontaktzone“ zwischen Germanen, Romanen und Slawen, die der Alpen-Adria-Region entspricht, im engeren Sinn Kärnten, Slowenien und Friaul-Julisch-Venetien umfasst. Die Karawanken, ein Gebirgsstock der südlichen Kalkalpen, stellen seit 1919/20 die Grenze von Kärnten zum nicht-österreichischen slowenischen Gebiet dar. Sie begrenzen Südost-Kärnten in den Süden, nördlich davon das Klagenfurter Becken mit Klagenfurt und Villach, nördlich, östlich und westlich dieses Beckens wieder Gebirgslandschaften.

Kärnten/Koroska wurde/wird teilweise als Grenzregion Mitteleuropas gesehen. Wenn man Slowenien zu Osteuropa bzw Südosteuropa/Balkan rechnet… Man könnte sagen, nach dem 2. Weltkrieg ist Krieg kaum jemals so nahe an Mitteleuropa gekommen wie beim Slowenien-Krieg 1991, in dem sich das Land die Unabhängigkeit von Jugoslawien erkämpfte. Jedenfalls gab es 1945 bis 1991 an der Grenze dort (Österreich-Jugoslawien) eine Art Eisernen Vorhang. Zumindest Südost-Kärnten ist seit dem 2. WK in einer Randlage, vielleicht sogar schon seit dem 1. WK; es war davor, in der Monarchie (Österreich-Ungarn), mitten im Reich, mitten in Europa…inzwischen hat sich das wieder geändert.

Am Ende der beiden Weltkriege (die eigentlich europäische Kriege waren) drangen Südslawen in Kärnten ein, erhoben Ansprüche auf Gebiete dort, die (grossteils) „abgewehrt“ wurden. Am Ende des 2. WK suchten NS-Kollaborateure aus dem jugoslawischen Raum, überwiegendst Kroaten, Zuflucht im Kärnten, das damals unter die Besatzung des britischen Militärs kam. Die Briten gewährten ihnen diese Zuflucht (vor den Partisanen) ja nicht. Beim Zerfall des zweiten, sozialistischen Jugoslawiens 91/92 kamen wiederum Leute über die Grenze nach Kärnten (und die Steiermark), die Österreich als Schutzort sahen. Die Südgrenze spielt in der Geschichte Kärntens eine besondere Rolle, darauf wird hier auch besonders eingegangen.

Spätestens mit seiner Erringung der FPÖ-Bundesobmannschaft auf einem Sonderparteitag 1986 wurde der aus Oberösterreich stammende Jörg Haider eine Art Aushängeschild Kärntens, teilweise das personifizierte Imageproblem. Wobei, die Kärntner haben ihn ja oft genug gewählt, bzw seine Parteien, nicht zuletzt bei Landtags-Wahlen. Es wurde immer wieder versucht zu analysieren, was die Kärntner an sich hätten, dass sie so „auf ihn abfahren“. Der Veranstalter Hannes Jagerhofer sagte dazu, die Kärntner seien „keinen Deut anders“ als die anderen Österreicher.

Neben der Nähe zu Slowenien und der slowenischen Minderheit hat Kärnten auch die Nähe zu Italien und nicht wenige Kärntner haben italienische Namen bzw Wurzeln. Und daneben hat sich das evangelische Christentum dort besser gehalten als in den meisten anderen Gegenden Österreichs. Eigentlich eine gute Mischung. Auch Franz Klammer, einer der grössten Sporthelden Österreichs, ist evangelischer Kärntner. Am Ende geht es um Peter Handke, an dem sich einige der Widersprüche des Landes zeigen. Und natürlich gibt es wieder viel „Crossover“ bzw „Abschweifungen“. Hauptsächlich zur allgemein-österreichischen und zu slowenischen Entwicklungen.

Die Bezeichnung „Karawanken“ ist vermutlich vom keltischen „karv“ für Hirsch abgeleitet. Kelten und Illyrer dürften der Grundstock der Kärntner Bevölkerung sein, um 300 vC dürfte es dort zu Vermischung dieser Völker gekommen sein. Es entstand aus Stammesverbänden das Fürstentum Noricum, das unter den Römern in der Provinz Regnum Noricum aufging. Germanen kamen ab der Römerzeit ins spätere Kärnten: Markomannen, Goten, Langobarden, ab dem frühen Mittelalter dann Bajuwaren. Zu diesen Verschmelzungen und „Überlagerungen“ kamen um 600 nC Slawen hinzu, gründeten das Fürstentum Karantanien/Karantanija, das vom 7. bis zum 9. Jh bestand und Teile der späteren Länder Kärnten, Steiermark, Slowenien umfasste.(1) Von den deutschen Nachbarn wurden die Karantanen mit dem germanischen Sammelnamen für die slawischen Völker als „Windische“ bezeichnet.(2)

Im 8. Jh wandte sich das slawische Fürstentum Karantanien (unter Borut) an das Frankenreich, um Hilfe gegen die einfallenden Awaren. Karantanien (das eine gemischte Bevölkerung hatte) kam unter Oberhoheit der fränkischen Herrscher (743 bis 907). Karantanien (mit Kärnten) war eine Grenzmark im Frankenreich, wurde dann Teil der baierischen Ostmark. Nach der Teilung des Frankenreichs kam Baiern mit Karantanien natürlich zum östlichen Reich. Dort vollzog sich der Aufstieg von Arnulf (Arnolf) von Kärnten, der ab 887 König des Ostfrankenreiches war und von 896 bis 899 „römischer Kaiser“, als letzter Karolinger. Die Bezeichnung „Kärnten“ dürfte im (bzw ab dem) Hochmittelalter aus „Karantanien“ entstanden sein (über den Zwischenschritt „Carantanum“), zu Arnulfs Zeiten gab es sie noch nicht.

Nach Arnulfs Tod entstanden die Stammesherzogtümer neu, Karantanien kam wieder unter die Herrschaft bairischer Herzöge; wobei es nun zu einer starken Besiedlung durch Baiern kam… 976 wurde Karantanien (Kärnten) durch Kaiser Otto II. von Bayern (Baiern) getrennt und zu einem eigenständigen Herzogtum (innerhalb des Heiligen Römischen Reichs), zunächst unter dem Luitpoldinger Heinrich. Karantanien/ Kärnten umfasste auch bzw herrschte über Friaul, Istrien, Krain. Und es kam, im 11. Jh, zur Gründung der Karantanischen Mark innerhalb des Herzogtums, aus der die Steiermark wurde. Das Herzogtum Kärnten/Karantanien wurde von diversen Herrschergeschlechtern regiert. Die grösste Teil der Christianisierung Kärntens fand in diesen Jahrhunderten statt, in diese Zeit fallen auch viele Klostergründungen sowie Bauten von Schlössern und Befestigungsanlagen. Und erster deutscher Papst war im 10. Jh der Kärntner Herzogssohn Bruno, als Gregor V. 

Unabhängig von Kärnten entwickelten sich im HRR das Herzogtum Baiern und seine Ostmark. Aus dieser (Marcha orientalis) entwickelte sich vom 10. bis zum 12. Jh Österreich/Ostarrichi. Dieses war zunächst eine Markgrafschaft im Herzogtum Bayern, wurde 1156 als Herzogtum Österreich unabhängig im Römisch-Deutschen-Reich, unter den Babenbergern. Nach ihrem Aussterben im 13. Jh übernahmen die Habsburger ihr Erbe. Die Phase der Eigenständigkeit des Herzogtums Kärnten dauerte bis 1335, als es Kaiser Ludwig von Wittelsbach an die Habsburger übertrug, die es mit Österreich, Steiermark und Krain vereinigten. 1273 war mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser geworden, ab dem Spät-Mittelalter (Albrecht II.) bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt.

Das Gebiet Krain/ Kranjska/ Carniola, heute der Westen Sloweniens, war Teil des Herzogtums Kärnten, wurde im 11. Jh von diesem abgetrennt, kam ebenfalls 1335 an die Habsburger. Die südlich von Kärnten liegende Krain wurde ein Herzogtum in Österreich (später ein Kronland). Es beinhaltete das Gebiet Kočevje / Gottschee, das ab dem 14. Jh mit Kärntnern und Ost-Tirolern besiedelt wurde, unter dem Kärntner Herrschergeschlecht Ortenburger. Das zweite grosse spätere slowenische „Teilland“ war der „untere“ Teil der Steiermark.(3) Die Habsburger, mit dem Herzogtum (ab dem 15. Jh Erzherzogtum) Österreich als Stammland wurden also Oberherrscher des HRR. 1379 bis ca. 1490 gab es eine Teilung der habsburgischen/österreichischen Länder, zwischen der albertinischen/österreichischen Linie, der leopoldinischen/steiermärkischen, und der tirolischen. Abermals Ende des 16./Anfang des 17. Jh (kaiserliche, steirische, tirolische Linien). Kärnten war mit der Steiermark zusammen, im „innerösterreichischen“ Gebiet.

In Kärnten war die habsburgische Gegenreformation weniger scharf, zum Einen aufgrund der diesbezüglichen Politik in Innerösterreich zu Zeiten der Erbteilung, zum Anderen wurden schwer zugängliche Gebirgstäler dort verschont, wie auch in Oberösterreich, das zum östlichen Teil Österreichs gehörte. So hielt sich in Kärnten auch eine evangelische Bauernschaft. Dennoch blieb auch vielen evangelischen Kärntnern nicht der Weg ins Exil erspart, wenn sie den Glauben bewahren wollten, hauptsächlich gingen sie in andere Teile Deutschlands. Und, Kärntner waren unter jenen österreichischen Protestanten, die im 18. Jh in’s eben österreichisch gewordene Ungarn gingen, nach Siebenbürgen/ Erdely/ Ardeal, wo es bereits die Siebenbürger Sachsen gab. Diese Auswanderer, aus Oberösterreich, Kärnten, Steiermark, wurden „Landler“ genannt, nach dem „Landl“ in Oberösterreich, das in etwa dem Hausruckviertel entspricht. Ungefähr in dieser Zeit wurden auch die Donauschwaben in Ungarn angesiedelt.  

Auch Kärnten war in der Neuzeit von den „Türkenkriegen“ betroffen, wie auch von Bauernaufständen und eben den Folgen der Gegenreformation. Unter „Kaiserin“ Maria Theresia kam es Ende des 18. Jh zu Reformen, die die Macht der Stände beschnitten und den Bauern das Recht an ihrem Besitz zusicherten. Mit der Einschränkung der Befugnisse der Stände wurde aber auch die Selbstverwaltung der Länder beschnitten. Im Zuge der Napoleonischen/ Revolutions- Kriege(n) fiel 1809 Oberkärnten (der Westteil Kärntens) an Frankreich bzw unter französische Besatzung, wurde in den „Illyrischen Provinzen“ organisiert, zusammen mit Osttirol, Krain, Istrien, Kroatien. Nach der Rückgabe dieser Länder an Österreich 1813/14 organisierte der Wiener Hof dieses Gebiet als „Königreich Illyrien“, mit den zwei Gubernien Laibach (mit Krain und Kärnten) und Triest. Unterkärnten wurde 1825 dazugenommen.

Österreich wurde 1804 Kaisertum, zunächst im HRR, bis dessen Auflösung 1806. Für beide Schritte war der Habsburger Franz II. verantwortlich. 1849, nach der Revolution und den anschliessenden Staatsreformen, wurde das Königreich Illyrien aufgelöst, und die Kronländer Kärnten, Krain und Küstenland gebildet.(4) Kärnten erlangte also administrative Selbstständigkeit und Landeseinheit zurück. Wie die angrenzende Krain behielt es den Status eines Herzogtums, ab 1867 natürlich in der westlichen Reichshälfte Österreich-Ungarns. Die Krain wurde als eines der Kernländer der Monarchie gesehen, sogar als Teil der österreichischen Ländergruppe (neben der böhmischen Ländergruppe).

Obwohl sie überwiegendst slowenisch war; slowenisch waren ausserdem Teile Kärntens, der Steiermark, des Küstenlands, des westlichen Ungarns (Raab-Tal), sowie Kroatien-Slawoniens (Medjmurje). Und im Königreich Lombardo-Venetien, das 1815 als Teil Österreichs gebildet wurde(5), gab es in der Provinz Udine (westliches Friaul) eine slowenische Bevölkerung. 1859 wurde die Lombardei zunächst französisch, 1861 nach dessen Gründung dann Teil des Königreichs Italien. Venetien (mit Udine) kam 1866 an Italien. Kärnten war (und ist) von Krain durch die Karawanken getrennt, doch das slowenische Sprach- bzw Bevölkerungsgebiet erstreckt sich auf beiden Seiten, bzw auf beide Länder. Je weiter man in Kärnten in den Südosten geht, desto slowenischer wird es; das Gebiet im Südosten des Südostens, mit Eisenkappel, Bleiburg, Ferlach,… hat am meisten Slowenen. Dazu ist auch zu sagen, dass die Gebiete Seeland und Miesstal, die südlich der Karawanken liegen, damals auch noch zu Kärnten gehörten, Teil dieses Südost-Kärntens waren.(6)

Im 19. Jh breiteten sich diverse Nationalismen aus, in Kärnten eben der deutsche und der slowenische. Anscheinend sind die Begriffe „slowenisch“ oder „Slowene“ erst im 19. Jh üblich geworden, zumindest in Kärnten, bis dahin gab es den Begriff „Windisch(e)“, der auch weiter üblich blieb, aber nun allmählich eine negative Bedeutung erhielt. Man kann sagen, dass die bürgerliche(n) Revolution(en) 1848 den Nationalismen enormen Aufschwung gaben, wie überhaupt der Abschied vom Alten nicht nur Gutes brachte. Was die slowenische Bevölkerung Kärntens betraf, konnten hauptsächlich Bauern und Intellektuelle ihre Identität voll bewahren, jene ganz unten und ganz oben in der sozialen Struktur. In Schulen, in Behörden, in der Wirtschaft,… wurde die slowenische Sprache ab Mitte des 19. Jh grossteils herausgedrängt, und es erhielten jene am stärksten ihre Kultur, die diese dennoch „ausleben“ konnten. Bei vielen Kärntnern erinnern nur noch die Namen (in der Regel jene auf -nig bzw -nigg, -nik) an eine slowenische Herkunft, wobei diese Assimilation auch schon in früheren Jahrhunderten stattfand. Auch italienische Namen bzw Wurzeln sind in Kärnten noch relativ häufig; auch hier ist eine Nähe zum „Hauptverbreitungsgebiet“ dieser Nation gegeben.

Und, in der Krain gab es eine deutsch(sprachig)e Bevölkerung, die Sprachinseln der Gottscheer (am Vorabend des 1. WK ca. 25 000 Personen) und Zarzer. In der Untersteiermark (damals eben Teil der Steiermark) gab es dieses Nebeneinander auch, und auch dort wurde damals daraus oft ein Gegeneinander. Im Kronland Küstenland (Istrien, Teil Friaul) lebten Slowenen, Deutsche bzw Österreicher, Italiener und Kroaten (und weitere, kleine Volksgruppen). Eigentlich lebten in fast allen Kronländern Österreich-Ungarns mehrere Nationalitäten (mehr oder weniger) zusammen. Und, Konflikte zwischen Nationalitäten bzw zwischen Nationalismen wurden zu einem bestimmenden Thema von Österreich-Ungarn bzw für das Habsburger-Reich in seinen späten Jahren. Deutsche machten 23% der Gesamtbevölkerung von Österreich-Ungarn aus, darunter waren auch assimilierte Juden oder Slowenen, und natürlich auch die Deutschen/Deutschsprachigen in der ungarischen Reichshälfte (wie die Donauschwaben). 20% waren Ungarn, dann kamen Tschechen, Polen, Kroaten, Ukrainer, Rumänen,… Slowenen waren, wie Italiener, eine der kleinen Nationalitäten der „Donaumonarchie“.

Und, es gab auch an die Slowenen Assimilierte, v.a. Deutschstämmige, wie die Familie von Karl Maister… Zedinjena Slovenija, ein „vereinigtes Slowenien“, war Ziel/Programm der slowenischen Nationalbewegung im 19. Jh, die Vereinigung aller slowenisch besiedelten Gebiete…innerhalb Österreichs sollten sie vereinigt sein. Vor dem Ausgleich mit Ungarn 1867 und Aufgehen Venetiens in Italien im Jahr davor waren sie alle bei Österreich, aber eben nicht vereinigt zu einem Kronland oder dergleichen. Es gab aber auch jene slowenischen Nationalisten, die die Zukunft der slowenischen Länder bzw Menschen in einem Zusammenschluss mit den anderen Südslawen sahen. Vorkämpfer für die Vereinigung der Südslawen unter habsburgischer Führung („Illyrismus“) war der kroatische Priester Josip Strossmayer in Slawonien – dessen Familiie väterlicherseits aus Österreich (der Steiermark) stammte. Tja, und Gouverneur/Landeschef von Bosnien-Herzegowina zur Zeit des Attentats am österreichisch-ungarischen Thronfolger 1914 war Oskar Potiorek, aus Südost-Kärnten, mit tschechischem Vater. Der Offizier spielte dann in dem Krieg zwischen den europäischen Mächten, der folgte, eine wichtige Rolle in den Streitkräften Österreich-Ungarns.(7)

In Kärnten wurde im 1. Weltkrieg(8) nicht gekämpft, aber danach, und Kärntner dienten in den Streitkräften der Doppelmonarchie (k. u. k. Armee, Landwehr oder k. u. k. Kriegsmarine), an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien und Rumänien, im Osmanischen Reich gegen Briten, an der Dolomitenfront und an der Isonzo-Front gegen Italien.(9) Österreich-Ungarn zerfiel im 1. WK, an dessen Ende.(10) „Dem deutschen Teil des alten Österreichs war zunächst gewiss am wenigsten an einer Auflösung der Donaumonarchie gelegen“, so der Historiker Walter Rauscher in „Die verzweifelte Republik. Österreich 1918-1922“ (2017). „Binnen weniger Tage musste man jedoch erkennen, dass in den anderssprachigen Gebieten des Doppelstaats die zentrifugalen Kräfte eindeutig die Oberhand gewonnen hatten und die Richtung vorgaben.“

Zum Zeitpunkt der dritten Piave-Schlacht an der Isonzofront Oktober/ November 1918 war die österreichisch-ungarische Seite bereits stark dadurch beeinträchtigt, nämlich durch Desertionen und Überlaufen von Soldaten und Offizieren, sowie Abspaltungsschritten von verschiedenen Ländern des Reichs.(11) Der italienische Angriff war siegreich, nach dem Villa-Giusti-Waffenstillstand rückten italienische Truppen in Teile Kärntens, Tirols, Krains, des Küstenlandes, Dalmatiens vor. In Kärnten waren das Kanaltal und auch Gebiete nördlich der Karawanken betroffen, letztere nur für einige Monate. Vom Juni bis zum Oktober 1919 waren Gebiete Kärntens (bis St. Veit/Glan) vom Kanaltal aus von italienischen Truppen besetzt worden.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm. Österreich-Ungarn war spätestens mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich im November ’18 Geschichte. Die westlichen Bundesländer unternahmen eigene Anschlussversuche an das Deutsche Reich und die Schweiz. Rund um Rest-Österreich entstanden neue Nachbarstaaten aus ehemaligen Teilen des gemeinsamen Reichs. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei (SDAP), der jüdische Burschenschafter Viktor Adler sagte nach dem 1. WK: „Wir erkennen das Selbstbestimmungsrecht der slawischen und romanischen Völker ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung an. Wir fordern es ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung auch für unser deutsches Volk“.   

Die Republik Deutschösterreich (die vom Kriegsende bis zum Vertrag von St. Germain etwa ein Jahr später hielt) umfasste die österreichische Reichshälfte (Cisleithanien) ohne die Küstenlande, die Krain, das italienischen Tirol (Trentino), Dalmatien, Bukowina, Galizien, dem grössten Teil der böhmischen Länder. Umstritten waren von Kärnten Kanaltal (Italien) und Südostkärnten (SHS), von Tirol Südtirol (Italien), von Steiermark die Untersteiermark (SHS)(12), sowie die böhmisch-mährischen Gebiete: der Böhmerwald als Teil von Oberösterreich, Südmähren als Teil Niederösterreichs, Deutschböhmen, Sudetenland und die „Sprachinseln“ als eigene Länder – diese Gebiete wollte natürlich auch die neu geschaffene Tschechoslowakei haben. Gekämpft um Grenzen wurde in Südostkärnten, der Untersteiermark, und den (grossteils deutsch besiedelten) Randgebieten Böhmens und Mährens, die Deutschösterreich beanspruchte, über die es aber am wenigsten tatsächliche Kontrolle hatte.(13). Und in Westungarn, wo dann das Burgenland entstand.(14)

Nun zu Kärnten: Am 11. November 1918 beschloss die Vorläufige Landesversammlung von Kärnten die Konstituierung des Landes Kärnten sowie seinen Beitritt zum Staat Deutschösterreich. Ungefähr zur selben Zeit trat ein slowenischer Nationalrat zusammen, mit Vertretern aus den bislang österreichisch-ungarischen slowenisch besiedelten Ländern, beschloss, ganz Kärnten zu fordern (und die Untersteiermark). Diese Forderung wurde später eingeschränkt, auf ein Gebiet südlich der Linie Villach-Feldkirchen-St.Veit-Wolfsberg (mit Klagenfurt). Als Zwischenstufe zur Vereinigung der südslawischen Länder bildeten Bosnien-Herzegowina sowie die slowenischen und kroatischen des bisherigen Österreich-Ungarns im Oktober 1918 den Staat der Slowenen, Kroaten, Serben (SHS-Staat, bestand Okt.-Dez. 18), der auch eine Armee bildete. Der slowenische Anteil an diesem Staat bestand zunächst im Kern aus der Krain, hinzu kamen die Untersteiermark, sowie Prekmurje, das Übermurgebiet, von Ungarn. Dazu wollte man eben einen grossen Teil von Kärnten sowie des Küstenlands.

Der SHS-Staat wurde im Dezember 1918 mit dem bisherigem Königreich Serbien (das Montenegro, Nord-Makedonien, Kosovo mit ein brachte) zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Kraljevstvo Srba, Hrvata i Slovenaca) vereinigt. Dieses wurde 1921 in Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca umbenannt (slowenisch: Kraljevina Srbov, Hrvatov in Slovencev), 1929 in Königreich Jugoslawien. Serbien war im 1. WK ein Hauptkriegsgegner von Österreich-Ungarn gewesen, Südslawen aus der „Donaumonarchie“ liefen dorthin über, besonders am Kriegsende. Das SHS-Königreich bildete eine gemeinsamen Armee aus den beiden Landesteilen, wobei jene des nördlichen Landesteils (vormaligen SHS-Staats) aus ehemaligen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Streitkräfte bestand. Die Grenzen des SHS-Königreichs waren umstritten zu Österreich (Steiermark, Kärnten) und Italien (Istrien, Friaul), dabei ging es jeweils hauptsächlich um Slowenen. 

Rudolf Maister stammte aus einer deutschsprachigen Familie im Kronland Krain, dem Hauptgebiet der Slowenen in Österreich-Ungarn. Als junger Erwachsener wandte er sich dem slowenischen Nationalismus zu. Eine Offizierslaufbahn in der österreich-ungarischen Armee, die er machte, stand damals nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Während des 1. WK wurde er zunächst als Verdächtiger in Graz konfiniert, dann nach Intervention des Reichsrat-Abgeordneten Anton Korosec als Major des Landsturms in Marburg/Maribor stationiert…(15) Nach Gründung des SHS-Staates (noch nicht des Reiches) stellte er eine slowenische Miliz auf, diese versuchten die Kontrolle über die Untersteiermark zu gewinnen und stiess, erstmals im November 18, über die Karawanken nach Kärnten vor. Bald leitete Maister im Namen des SHS-Königreichs militärische Aktionen in der Steiermark und Kärnten, versuchte jene (slowenischen) Gebiete abzustecken, die der Südslawen-Staat haben wollte. Maisters SHS-Truppen übernahmen die Kontrolle über grosse Teile der Untersteiermark.

Da diese ja nicht eindeutig abgegrenzt bzw definiert war (die Mur bildet nur teilweise die Grenze), drangen die Truppen auch auf Gebiete nördlich der späteren Staatsgrenze vor, dort an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark gab es einige Kämpfe, wie in Radkersburg/Radgona (das dann geteilt wurde). Im Jänner 1919 der „Blutsonntag“ im überwiegendst deutschsprachigen Marburg/Maribor, bei einer Kundgebung für den Verbleib bei Deutsch-Österreich, wegen der Anwesenheit des US-amerikanischen Gesandten Oberst Miles; Maisters Truppen erschossen 13 Demonstranten, die Umstände sind umstritten. In Kärnten gab es 1919 zwei weitere Vorstösse der SHS-Truppen. Aus dem Widerstand entwickelte sich der “Kärntner Abwehrkampf” bzw der “Boj za severno mejo“ (der “Kampf um die Nordgrenze”), was etwa von Anfang bis Mitte 1919 lief. Den Südslawen gelang es nicht, in alle jene Gebiete vorzudringen, die sie beanspruchten, aber schon ins untere Lavanttal und das Gailtal, ins Klagenfurter Becken mit Klagenfurt und Villach. Das Kanaltal wollten sie auch, dort waren aber schon Italiener eingerückt. 

Im Ersten Weltkrieg kämpften deutsch(sprachig)e und slowenische Steirer und Kärntner noch grossteils gemeinsam, nach diesem Krieg standen sie sich gegenüber. Zumal auf SHS-Seite hauptsächlich Slowenen kämpften. Auf Kärntner Seite organisierten sich Freiwillige, da ein reguläres österreichisches Heer nicht zur Verfügung stand; die österreichisch-ungarischen Streitkräfte (k. u. k. Armee, Landwehr, k. u. k. Kriegsmarine) waren zusammengebrochen, das Bundesheer noch nicht geschaffen. Ein Zwischenschritt dabei war die Volkswehr, der „Kärntner Abwehrkampf“ wurde zT mit ihr bestritten. Der Widerstand hielt den südslawischen Vorstoss wenig auf, nach dem dritten Vorstoss intervenierten die Alliierten, hauptsächlich die ebenfalls in Kärnten befindlichen italienischen Truppen. Die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt „einfror“. Der Widerstand hat aber zumindest dazu beigetragen, dass die alliierten Siegermächte des abgelaufenen Kriegs dann eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit der besetzten/umstrittenen Gebiete ansetzten. In der Steiermark gab es einen solchen Widerstand nur bei der „Abgrenzung“ der Untersteiermark, in Südtirol gar nicht.(16)

Im Vertrag von St. Germain im September 1919 wurden die Grenzen der Republik Österreich festgelegt. Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal mit Raibl, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen.(17) Die Tschechoslowakei bekam bzw behielt die Randgebiete Böhmens und Mährens, die auch Österreich beanspruchte. Die Untersteiermark bekam zur Gänze das SHS-Reich. Diesem wurde auch die Kärntner Gebiete südlich der Karawanken zugesprochen, die bereits besetzt worden waren. Das waren: das Miesstal/ Mežiška dolina inklusive Unterdrauburg (im Drautal, schliesst an die Untersteiermark an) und die Gemeinde Seeland/ Jezersko im Kankertal unmittelbar südlich des Seebergsattels. Bezüglich der von SHS-Truppen besetzten (Südost-) Kärntner Gebieten nördlich der Karawanken beschlossen die Alliierten eine Volksabstimmung.

Dafür behielt Österreich Vorarlberg (> Schweiz) und bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben wurde Österreich zur Eigenständigkeit ggü Deutschland verpflichtet. Der Übergang zur Republik, eine andere Staatsform, ganz andere Grenzen,… es war ein tiefer Bruch nach diesem Krieg. Der grösste Teil der deutschsprachigen Gebiete der österreichischen Hälfte von Österreich-Ungarn war bei der Republik Österreich, aber eben nicht die Südtiroler, Untersteirer, „Sudetendeutschen“,… auch nicht die Gottscheer der Krain oder die Österreich-Stämmigen in Friaul. Und die Deutschen in der vormaligen ungarischen Reichshälfte, welche (auch) auf mehrere Staaten aufgeteilt wurde. Und die Zukunft der besetzten Kärntner Gebiete standen vor der Volksabstimmung 1920 noch in der Schwebe. 

Es gab auch einen kleinen Exodus der Deutschen/Deutschsprachigen aus verlorenen Gebieten nach „Rest-Österreich“ dann, wie vom Politiker Hanusch aus dem österreichischen Schlesien, aber auch Nicht-Deutsche kamen, wie der Militär Boroevic (s.u.). Wirtschaftsregionen waren auseinander gerissen, zB das Waldviertel und Südmähren; die grossen Industriegebiete der Monarchie (Südböhmen und Südmähren) waren nun bei der Tschechoslowakei. Marburg bestand vor dem 1. WK zu ca 80% aus Deutschsprachigen. Laut Gauss gab es mehr Deutsche (bzw Alt-Österreicher) in Marburg/Maribor als in Klagenfurt/Celovec, dort wiederum mehr Slowenen als in Marburg. Der grösste Teil der österreichischen Hälfte der Donaumonarchie ging eigentlich an das SHS-Reich, mehr als an die Tschechoslowakei.(18)

Das SHS-Reich und Italien stritten um einige Gebiete des Erbes von Österreich-Ungarn. Von dem, was Italien zugesprochen bekommen hatte (Südtirol, Küstenland, Kanaltal, kleine Teile der Krain und Dalmatiens), war bis auf Südtirol Alles auch für den Südslawen-Staat attraktiv, weil zT slowenisch oder kroatisch besiedelt; er bekam aber nur den Grossteil von Krain und Dalmatien. Und, eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete in diesem Raum war auch extrem schwierig. Das Kanaltal (Val Canale, Kanalska dolina), bis dahin ein Teil Kärntens, kam in Italien zum Compartimento Venezia Euganea, was zuvor und danach Venetien/Veneto war. Auch kam vom Küstenland der Friaul dort dazu. Der Rest des Küstenlands (Istrien mit Triest, die Kvarner Bucht sowie Görz), Zara/Zadar und einige Inseln in Dalmatien sowie von der Krain das Gebiet um Postumia/Postojna bildeten die Venezia Giulia (Julisch Venetien). Südtirol und Trentino bildeten das Compartimento Venezia Tridentina.

Dann, vor nun 100 Jahren, die Volksabstimmung in Südost-Kärnten, über die Zugehörigkeit der besetzten Gebiete zu SHS oder Österreich. Es gab nach dem 1. WK einige Abstimmungen über Gebietszugehörigkeiten, hauptsächlich in Ostmitteleuropa. Im burgenländischen bzw westungarischen Ödenburg/Sopron (auch mit einer gemischten Bevölkerung) gab es 1921 eine solche, mit 65% für Ungarn. Die Alliierten legten für Kärnten die Zonen A (Slowenen in der Mehrheit) und B (mit Klagenfurt, deutschsprachige Mehrheit) fest. Nur bei einer Mehrheit für das SHS-Königreich in Zone A sollte auch in der anderen Zone abgestimmt werden. Das gesamte (tatsächliche und potentielle) Abstimmungsgebiet war von SHS-Truppen besetzt; Propaganda für den Verbleib bei Österreich musste in das Gebiet hinein geschmuggelt werden.

Aufruf an die Kärntner Slowenen für Jugoslawien zu stimmen. „Glaubet nicht an deutsche Lügen und falsche Versprechen! Hab keine Angst vor dem deutschen Terror, unsere jugoslawische Regierung würde es nie zulassen.“

Bei der Abstimmung in Zone A, dem Südosten von Südost-Kärnten, gab es eine Mehrheit von 59 % für Österreich. Damit keine Abstimmung in Zone B, keine weitere Gebiets-Abtrennung (Miesstal, Seeland sowie das Kanaltal waren ja bereits verloren worden). Zögernder Abmarsch der SHS-Truppen. Im Süden der Zone A wurde 1920 überwiegend für das SHS-Reich gestimmt, so in der Gemeinde Ferlach/Borovlje. In ihrem Norden für Österreich. Die Gesamtbevölkerung in der Zone A war zu 70% slowenisch – was bedeutet dass auch ein grosser Teil der Kärntner Slowenen dort für Österreich stimmte; in Zahlen laut Mirko Bogataj 10 000 – 12 000 Personen. Wahlforscher Guido Tiemann sagt in einer Studie, die bald erscheinen wird, dass nicht alle Deutschsprachigen für Österreich stimmten – was der Anteil der Kärntner Slowenen, die für Österreich stimmten, noch erhöhen würde.

Demnach hätte eine knappe Mehrheit von ihnen für Österreich gestimmt. Wie auch in Sopron und anderswo gab es nicht nur den ethnolinguistischen Aspekt, sondern auch wirtschaftliche und andere Gründe, die das Abstimmungsverhalten ausmachten. Die Karawanken-Grenze stand eben auch für die Kärntner Slowenen, und bei einer Zugehörigkeit zum SHS-Reich wären sie dadurch vom Rest dieses „abgeschnitten“ gewesen; die Märkte in Klagenfurt waren (auch) für sie näher als jene in Laibach/Ljubljana. Die „Deutsch-Kärntner“ wiederum die für das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen stimmten, haben sich laut Tiemann in diesem agrarisch geprägten Staat eine bessere Abnahme für (ihre) Industrieprodukte versprochen. Österreich-freundliche Slowenen hat es aber damals nicht nur in Kärnten, sondern auch in Krain oder Untersteiermark gegeben.

1920 zogen die SHS-Soldaten aus Kärnten ab und die italienischen aus Nord-Tirol. Aber, auch mit Saint-Germain und der Kärntner Volksabstimmung waren die Grenzen Österreichs noch nicht endgültig gezogen, im Osten zu Ungarn dauerte dies bis 1921 (als u.a. die Abstimmung in Sopron statt fand). Die Geschichte der Ersten Republik ist stark vom Ringen zwischen jenen Kräften, die an ein eigenständiges Österreich glaubten, und jenen, die ihre Zukunft in einem „Anschluss“ an Deutschland sahen, geprägt. Ein Staat, den zumindest anfangs Wenige wollten. Daneben gab es natürlich ein Ost-West-Gefälle, das zwischen linken und rechten Kräften, zwischen Stadt und Land. Was nach dem Abtritt der Habsburger in Österreich blieb, war der starke Katholizismus, die Tradition von Gegenreformation und Obrigkeitsdenken.

Nach dem 1. WK kam also viel von der Steiermark an das SHS-Reich, wenig von Kärnten. Und so gibt es viele Slowenen in Kärnten, wenige in der Steiermark; gab es in der Untersteiermark (bis zum Hitler-Stalin-Krieg) eine recht grosse deutsch(sprachig)e Volksgruppe, die in den südslawisch gewordenen Gebieten Kärntens (Miesstal, Seeland) war winzig; hinzu kamen noch jene in der Krain (Gottschee/Kocevje, Zarz/Sorica). Die Slowenen in Kärnten und Steiermark wurden eine der ethnisch-sprachlichen Minderheiten (in) der Republik Österreich, neben den Kroaten, Ungarn und Sinti im neu hinzu gekommenen Burgenland, den Tschechisch- und Slowakisch-Stämmigen in Wien.(19)  

In einem feierlichen Entschluss der provisorischen Kärntner Landesversammlung vom 28. September 1920 wurde den Kärntner Slowenen die Behandlung bzw Akzeptanz als nationale Minderheit zugesichert, wie sie im Friedensvertrag von St. Germain vorgesehen war. So weit die Theorie. Natürlich hatten in Kärnten das Entstehen eines neuen Nachbarstaates an der Südgrenze, das militärische Vorrücken von dort, die punktuelle Mitwirkung der Minderheit dabei, das Bewusstsein dass man auch ein grösseres Gebiet inklusive der Landeshauptstadt verlieren hätte können, und dass man im SHS-Reich Ansprüche auf manche Landesteile nicht aufgab, für „Unruhe“ und Besorgnis gesorgt. Gab es Unsicherheit im Umgang mit der Minderheit, zumal die Rahmenbedingungen gegenüber der Monarchie nun ganz andere waren. Aus der Abstimmung konnte man auch herauslesen, dass ein stattlicher Teil der Kärntner Slowenen eine „Anbindung“ an das SHS-Reich ggü einer Zugehörigkeit zu Österreich bevorzugte. Wobei es auch Slowenischsprachige/ -stämmige unter den Abwehrkämpfer gab, solche die assimiliert waren.

Wie eingangs schon gesagt, Kärnten, besonders sein Südosten, war „mitten im Reich“ gelegen, nun in einer Rand- bzw Grenzlage, zT abgeschnitten vom wirtschaftlichen Hinterland. Dafür lehnte sich Ost-Tirol, vom Rest des österreichisch gebliebenen Tirols abgetrennt, nun an Kärnten an. Dass es Diskriminierungen für jene Kärntner Slowenen gab, die sich für den Anschluss ans SHS-Reich eingesetzt hatten, war wahrscheinlich nicht so verwunderlich. Dass aber die zugesagte Kulturautonomie zu einem grossen Teil vorenthalten wurde, ist schwerer zu verstehen. Es gab in der Zwischenkriegszeit eine Partei der Kärntner Slowenen, die 1921 als Zusammenschluss von slowenischen Listen entstand, die seit 1890 auf Gemeindeebene kandidierten, bzw als Wahlpartei des Politično in gospodarsko društvo za Slovence na Koroškem („Politischer und wirtschaftlicher Verein für die Slowenen in Kärnten“). Diese Koroška slovenska stranka (KSS) schaffte regelmäßig den Einzug in den Kärntner Landtag, stellte dort in der Ersten Republik regelmäßig zwei Abgeordnete. Die Landeshauptleute kamen in der Zeit der 1. Republik von Sozialdemokraten (SDAPÖ), Christlichsozialen (Landbund, Vaterländischer Front), oder waren Parteilose. 

In der Zwischenkriegszeit, nach Abwehrkampf und Volksabstimmung, bekam der Begriff „Windisch“ in Kärnten eine neue, politischere Bedeutung. „Windische“ wurde Bezeichnung für die guten, pro-österreichischen, möglichst assimilierten, „heimattreuen“ Kärntner Slowenen, im Gegensatz zu den „jugoslawisch orientierte Nationalslowenen“. Eine kulturell slowenische Identität bzw Ausrichtung wurde mit einer politischen Orientierung zum SHS-Königreich, dem späteren Jugoslawien, konfluiert. Martin Wutte versuchte aus der „windischen Identität“ eine eigene nationale Kategorie zu formen. Wutte (1876-1948), Kärntner Regionalhistoriker und Ideologe des Kärntner Heimatdienstes (s.u.), spielte dann auch im NS eine Rolle. Aber es gab und gibt jene Kärntner Slowenen, die sich als „Windische“ deklarieren, das Slowenische demonstrativ ablehnen, oder ihre slowenische Herkunft überhaupt verstecken. Und erbittertste Vorkämpfer gegen Slowenisches sind…(20) Es gibt aber auch Jene mit slowenischen Wurzeln, die einfach keinerlei slowenische Identität haben, so wie es in Wien Leute mit Namen wie Vranitzky und Klima gibt, die ausser dem Namen (und den Vorfahren) nichts Tschechisches an sich haben.

Und Slowen(i)en im SHS-Reich? Etwa 5000 Kärntner Slowenen sind nach dem Krieg dorthin ausgewandert. Der Krieg, der dem Nationalismus zum Durchbruch verhalf, was nicht immer schlecht war, wenn man etwa daran denkt, dass die Polen nach dem Krieg nach Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit wieder gewannen. Das SHS-Reich bzw Jugoslawien „krankte“ an dem Gegensatz zwischen Norden (ehemals österreichisch-ungarische Gebiete, katholisch, mitteleuropäisch) und Süden (das was Serbien einbrachte, orthodox, byzantinisch-osmanisch geprägt); Bosnien-Herzegowina stand gewissermaßen dazwischen. Rudolf Maister machte in der Armee des SHS-Königreichs keine grosse Karriere, die serbische Dominanz in diesem Staat war in seiner Armee besonders ausgeprägt. Und nachdem die Grenzfragen 1920 erst mal geklärt waren, war dieses Militär auch eher ein innenpolitisches Instrument. Und Svetozar Boroevic, ein Serbe aus Kroatien, der im 1. WK im österreichisch-ungarischen Militär diente, wurde nach diesem Krieg in diesen Streitkräften nicht willkommen geheissen. Anton Korosec, ein katholischer Priester, der Slowenien gewissermaßen aus Ö-U ins SHS-Reich/YU führte, war 1928/29 letzter Premier des SHS-Reichs vor der Königsdiktatur.

Mit dem Beginn der Königsdiktatur 1929 wurde der Staat erst in „Königreich Jugoslawien“ umbenannt. Slowenien wurde von 1929 bis 1941, im Rahmen einer Verwaltungsreform, zur Dravska Banovina (Banschaft Drau, Drau-Banat). Es gab dort an deutschsprachigen Gruppen also die Untersteirer (in Marburg/Maribor, Abstall/Apace,…) und die Gottscheer; ausserdem an winzigen Gruppen die Zarzer und Unterkärntner (Miesstal, Seeland), auch im Übermurgebiet im Osten Sloweniens gab es einige Dörfer wie Füxeldorf/ Fikšinci wo zT Deutsch gesprochen wurde.(21) Es gab in der Zwischenkriegszeit bzw aus dem ersten Jugoslawien Auswanderungen von Untersteirern und Gottscheern, hauptsächlich nach Österreich, aber auch in die USA. An Deutschen gab es im SHS-Reich bzw Kgr. YU ansonsten die Donauschwaben (in serbischen und kroatischen Gebieten, die zuvor ungarisch gewesen sind)(22), ausserdem wenige Österreich-Stämmige in Bosnien.

Die Donauschwaben (die v.a. in der serbischen Vojvodina leb[t]en, einem multinationalen Gebiet) dominierten klar die Interessensvertretung der Deutschen/Altösterreicher in Jugoslawien gegenüber jenen in Slowenien.(23) So in der Deutschen Partei (Nemačka Stranka)(24) und im Schwäbisch-Deutschen Kulturbund. Diese Organisationen kamen in den 1930ern (wie andere „volksdeutsche“ Gruppen) unter den Einfluss Nazi-Deutschlands. Die NS-Kollaborateure wie Josef Janko und Branimir Altgayer setzten sich gegen die „Altkonservativen“ wie Stefan Kraft durch. Bei den Gottscheern widersetzte sich dann Josef Eppich dem NS-Einfluss. Der katholische Priester wurde ein(e) Integrationsfigur/Führer der Gottscheer im SHS-Reich, leitete gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Hans Arko die Gottscheer Bauernpartei und arbeitete im Hauptausschuss des (1924 gegründeten und 1929 verbotenen) Politischen und wirtschaftlichen Vereins der Deutschen in Slowenien mit.

1927 wurde Eppich in den Gebietsausschuss (slowenischen Landtag) gewählt, wirkte auch im Schwäbisch-Deutschen Kulturbund mit, und als Journalist bei Gemeinschaftszeitung(en). Er baute in dieser Zeit Kontakte mit Kärntner Slowenen auf und bemühte sich gemeinsam mit deren Sprecher Janez Starc (Priester, Partei der Kärntner Slowenen) um Zugeständnisse an die Minderheiten in Jugoslawien und Österreich auf der Grundlage der Reziprozität. 1937 gab es diesbezüglich eine Einigung, und eine Denkschrift an Jugoslawiens Premier Stojadinovic. Leute wie Eppich und Starc haben sich leider im Europa der 1930er nicht durchgesetzt. In der Zwischenkriegszeit gab es in Italien viel mehr Slowenen als in Österreich (Kärnten, Steiermark), und zwar in der Venezia Euganea (Kanaltal, Friaul) und Venezia Giulia (Istrien, Görz).(25) Das Ziel der Vereinigung aller Slowenen bzw ihrer Länder gab es in Jugoslawien weiterhin; wobei in Österreich wie in Italien die Abgrenzung dieser Gebiete schwer war.

Die Erste Österreichische Republik kam Anfang der 1930er in die Krise, so wie viele Demokratien in Europa damals. 1933 die Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats (-> 38) nach Ausschaltung der Demokratie (des Parlaments) unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuss (CS, BK seit ’32), 1934 bürgerkriegsähnliche Unruhen. Und im selben Jahr die Ermordung Dollfuss‘ im Zuge eines nationalsozialistischen Putschversuchs. Der Mostviertler Dollfuss lehnte sich an Mussolini an, in seinem Umfeld glaubte man, dadurch Nazi-Deutschland zu „entkommen“.(26) Im Austrofaschismus wurde eine österreichische Nation propagiert, der Katholizismus hochgehalten. Näherte sich die Republik an die Habsburger an, wurde eine Ledigensteuer eingeführt. Verschlechterte sich die Lage der Kärntner Slowenen (Koroški Slovenci). Begannen Aktivisten, sich in linken Bewegungen zu engagieren.

Ausserdem wurden unter dem Austrofaschismus Protestanten diskriminiert, das betraf natürlich Kärnten besonders (neben Burgenland). Nicht wenige Evangelische in Kärnten schlossen sich auch deshalb dem Nationalsozialismus an. Dollfuss‘ Nachfolger war Kurt Schuschnigg, Tiroler kärntnerisch-slowenischer Herkunft (der Name schreibt sich auf Slowenisch Šušnik)(27), aus einer geadelten Offiziersfamilie. Als Kanzler im autoritären Ständestaat versuchte Schuschnigg, den Anschluss an Hitler-Deutschland zu verhindern. 1938 wurde er genötigt, Nazis als Minister in seine Regierung aufzunehmen, bald danach zum Rücktritt gedrängt. Nationalsozialist Arthur Seyss-Inquart wurde Bundeskanzler, dann Reichsstatthalter.(28)

Nach Einmarsch, Anschlussgesetz und Massenbegeisterung (Hitler Heldenplatz) im März ’38 dann im April die Volksabstimmung über den Anschluss. Empfehlung für ein „Ja“ von Kardinal Innitzer und Sozialdemokraten-Führer Renner(29); die Meisten durchschauten Hitler und den NS noch nicht, und Sozialdemokraten und viele Katholiken hatten es unter dem NS dann nicht so gut.(30) Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 38 wurden aus den neun Bundesländern sieben Reichsgaue: Vorarlberg und Tirol wurden fusioniert, Osttirol wurde Kärnten zugeschlagen, das Burgenland zwischen „Niederdonau“ (NÖ) und der Steiermark aufgeteilt.

Am 27. 7. 1938 wurde Osttirol mit Kärnten zum „Gau Kärnten“ vereinigt, kam erst wieder am 1947 zu Tirol zurück. Ein gewisser „Anschluss“ an Kärnten ist aber geblieben. Osttirol war mit der Abtrennung Südtirols vom restlichen österreichischen Tirol (Nordtirol) getrennt, weil sich das oberste Südtiroler Ahrntal (Seitental des Pustertals) dazwischen „schiebt“. War in der Folge verkehrsmäßig nur mehr über Italien/Südtirol oder Salzburg (Pinzgau) oder eben Kärnten zu erreichen. In der Zwischenkriegszeit, unter dem Austrofaschismus, war die Grossglockner-Hochalpen-Strasse gebaut worden, über die Hohen Tauern, die Kärnten mit Salzburg verbindet, in Heiligenblut (Bezirk Spittal, Oberkärnten) endet.

1941, im dritten Kriegsjahr, der Angriff Nazi-Deutschlands (mit seinen Verbündeten) auf das Königreich Jugoslawien, die Besetzung und Zerstückelung dieses. Dort gab es Widerstand und Kollaboration gegenüber den Achsenmächten. Slowenien wurde teilweise (das Prekmurje-Gebiet) Ungarn angeschlossen, die südliche Krain (mit Ljubljana) nahm sich Italien, der Mittelteil mit Oberkrain (Gorenjska) und Untersteiermark ([Spodnja] Štajerska) kam zum „Grossdeutschen Reich“, wurde an die ex-österreichischen Gaue Kärnten und („Ober-„) Steiermark angeschlossen, blieb aber (aufgrund der nicht-deutschen Bevölkerung) unter Besatzungsstatus. Nach italienischer Kapitulation bzw Seitenwechsel 1943 besetzten die Deutschen die bislang italienischen Gebiete, wobei sie Teile der relativ milden italienischen Besatzungspolitik fortbestehen ließen. Mit dem Balkan-Feldzug der deutschen Wehrmacht 1941 kamen auch die in St. Germain abgetretenen Gebiete Kärntens, Miesstal und Seeland, wieder zu Kärnten, nicht aber das Kanaltal.(31)

Der von Martin Wutte beeinflusste Kärntner Friedrich Rainer wurde 1938 vom „Führer“ Hitler zum Gauleiter von Salzburg bestimmt und 1941 zum Reichsstatthalter von Kärnten, blieb dies bis ’45. Rainer wurde auch Chef der Zivilverwaltung („CdZ“) in der besetzten/annektierten Oberkrain (Zivilverwaltungsgebiet „Kärnten und Krain“, welches von Klagenfurt aus verwaltet wurde). 1943 übernahm er zusätzlich die Führung der „Operationszone Adriatisches Küstenland“, also die bis dahin italienisch besetzten Teile Sloweniens. Und, mehr als 11 000 Gottscheer (die allermeisten) wurden 1941/42 aus der von Italien annektierten Unterkrain in die Untersteiermark umgesiedelt(32), die ja nun deutsch (annektiert/besetzt) war. Der Führer wollte das Gebiet der Gottscheer seinem italienischen Bündnispartner überlassen, daher mussten sie umgesiedelt werden. Wie in Südtirol auch hier die Vorkämpfer für das Deutschtum…

Für die Ansiedlung der Gottscheer wurden etwa 36 000 Slowenen aus Teilen der Untersteiermark zwangsausgesiedelt, in Lager der Volksdeutschen Mittelstelle deportiert. Und, aus dem Kanaltal, das italienisch bleiben sollte, wurden die Deutschsprachigen wie aus Südtirol (im Zuge derselben Option) ausgesiedelt – nicht zuletzt in Liegenschaften der Kärntner Slowenen. Führend in der Kollaboration bei den Gottscheern war Wilhelm Lampeter. Josef Eppich widersetzte sich NS-Einfluss und der Aussiedlung und blieb in seiner Kirche in Mitterdorf zurück. Am 2. Juni 1942 kam er dort bei einem Gefecht zwischen italienischen Soldaten und slowenischen Partisanen unter ungeklärten Umständen gewaltsam zu Tode.     

Widerstand gegen die Aufteilung und Unterjochung Jugoslawiens durch Nazideutschland und seine Alliierten kam von kommunistischen Partisanen sowie royalistischen Tschetniks. Partisanen-Führer Josip „Tito“ Broz stammte aus dem österreichisch-ungarischen Kroatien (Mutter Slowenin), machte eine Mechanikerlehre, war dann Testfahrer bei Austro Daimler (Porsche) in Wiener Neustadt; war im 1. WK in der k.u.k. Armee, an der Ostfront (> Kriegsgefangenschaft), in der Zwischenkriegszeit führte er die jugoslawische KP (die in dieser Zeit meist verboten war), war Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg,… In Slowenien (damals also aufgeteilt auf grossdeutsche, italienische, ungarische Zonen)(33) formierte sich 1941 die „Befreiungsfront“ Osvobodilna fronta (slovenskega naroda), OF, an der sich Kommunisten, Sozialisten und Demokraten beteiligten. Militärischer Arm der OF waren die slowenischen Partisanen, unter Josip Vidmar, Boris Kidrič, Edvard Kardelj.      

Schon 1939, zu Beginn des Krieges, als es im „Grossdeutschen Reich“ eine Generalmobilmachung gab, flüchteten viele Kärntner Slowenen über die Berge nach Jugoslawien oder versteckten sich in den Wäldern. Zweitere wurden als „Grüne Kader“ bezeichnet. Mit der Besetzung Jugoslawiens 1941 begann auch die Verfolgung der Kärntner Slowenen, mit Sprachverbot Slowenisch, dann Aussiedlungen. Das hat viele von ihnen zusätzlich zu den jugoslawischen Partisanen „gebracht“, bzw der kommunistisch dominierten YU-slowenischen Osvobodilna Fronta (OF). Es gab einen gemeinsamen Kampf im besetzten Jugoslawien sowie im angrenzenden Österreich, bis zum Kriegsende. Die Alliierten unterstützten die jugoslawischen Partisanen, auch die die in (Südost-) Kärnten operierten; so wurden sie von den Briten mit Fliegerabwürfen versorgt und bewaffnet. 

Kärntner Slowenen, die zusammen mit YU-Partisanen bzw OF Widerstand gegen den NS leisteten, kämpften zT auch für nationale Ziele, für eine Vergrösserung (des jugoslawischen) Slowenien(s) um jene Gebiete von Österreich und Italien, die „man“ nach dem 1. WK nicht bekommen hat – darunter Teile Kärntens oder das ganze. Die (von Serben dominierten) Tschetnik-Milizen, die der Exilregierung von König Petar II. Karadjordjevic loyal waren, stellten territoriale Ansprüche im Namen der Slowenen, die kommunistischen Partisanen auch. Der kroatische Historiker Ivo Goldstein: „Der Unterschied zwischen der Ustascha und den Tschetniks war, dass die Tschetniks 1941 bis 45 keinen Staat (hinter sich) hatten. Wenn sie den gehabt hätten, wären ihre Verbrechen in einem ähnlichen Maß ausgefallen, glaube ich“.

Der österreichische Widerstand gegen den NS entwickelte sich hauptsächlich aus jenem den es vor 1938 gegen den Austrofaschismus gegeben hatte. Linke Gruppierungen leisteten gegen beide Systeme Widerstand, gegen den NS auch Christkonservative wie O5. Teile des kommunistischen Widerstands (KPÖ) bildeten auch bewaffnete Gruppen, kämpften in Kärnten und Steiermark mit dortigen Slowenen und YU-Partisanen. Es gab auch Gottscheer die für OF kämpften. Für die Kärntner Slowenen war es im 2. WK sehr schwer, pro-österreichisch zu sein. In diesem Krieg war das Nationalistische ein noch schärferes Schwert, eine noch trennendere Kraft als im vorangegangenen.(34) Für die nazideutsche Politik stellten sich auch gegenüber den Slowenen einige Fragen: Sollte man sie eher assimilieren oder sie deportieren? Sie wie einen Teil der Kroaten mit Zugeständnissen an sich binden?

Sollte man angesichts des südslawischen Partisanenkampfes gegen Slowenen an sich vorgehen oder versuchen, die „Einheitsfront“ der Slowenen aufzubrechen, indem man sich einzelner Gruppen (wie der „Windischen“) „bediente“? Wutte plädierte für letztere Möglichkeit. Dieses Dilemma gibt es für Eroberer/Besatzer immer wieder. Die Nazis etwa auch bezüglich der Kaschuben in Polen, die man einerseits von den Polen wegbrechen wollte, andererseits aber auch als klar „minderwertig“ ggü Deutschen sah.(35) Immer wieder haben Unterworfene versucht, sich mit Ablegung ihrer ethnokulturellen Identität und Assimilierung an die jeweiligen Herrscher zu retten bzw zu helfen. 

Irgendwie trifft das auch auf Odilo Globocnik zu, in Triest (damals Küstenland, Österreich-Ungarn) geborener Österreicher, der von Slowenen und Vojvodina-Slawen abstammt…und ein mächtiger Nazi wurde. Nach dem 1. WK liess er sich in Kärnten nieder. Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich wurde er für einige Monate NSDAP-Gauleiter in Wien und war dort maßgeblich für die Judenverfolgung mitverantwortlich. Dies war er dann auch im besetzten Polen. 1943 wurde er zum SS- und Polizeiführer in der Operationszone Adriatisches Küstenland ernannt, wo er die Partisanenbekämpfung und die Deportation von Juden organisierte.

Es gab übrigens einen anderen Globocnik, Josip Globocnik, möglicherweise Slowene, der Politkommissar in einem der Lager wurde, in denen nach dem 2. WK „Volksdeutsche“ (Donauschwaben) in der Vojvodina gefangen gehalten wurden; er dürfte auch den kroatischen Bischof Stepinac in dessen Gefangenschaft drangsaliert haben. Und, es gab Leute wie Otto Skorzeny mit polnischem Namen bzw Herkunft, der hochrangiger SS-Mann wurde, oder den rumänischen Faschisten-Führer(36) Corneliu Codreanu der ursprünglich „Zelinski“ hiess (und diverse nicht-rumänische Vorfahren hatte). Der aus Galizien stammende Taras Borodajkewycz wurde kein ukrainischer Nationalist (im Exil), sondern ein Deutschnationaler, aktiv im Allgemeinen Deutschen Kulturbund, zusammen mit dem Schriftsteller Mirko Jelusich. Es gibt viele weitere Beispiele für Superpatrioten dieser Art, von Napoleon (Buonaparte) bis (Hendrik) Verwoerd.(37) 

Friedrich Rainer, Reichsstatthalter und Gauleiter in Kärnten, knüpfte Kontakte zum slowenischen Bischof Gregorij Rožman, über den er anscheinend an Leon Rupnik herankam, einen jugoslawischen General mit österreichisch-ungarischer Vergangenheit und ebenfalls Slowene. Rupnik lehnte die OF wegen der kommunistischen Dominanz in ihr ab und kollaborierte mit den deutschen und italienischen Besatzern. Rupnik wurde ein Führer der Slovensko domobranstvo („Slowenische Landeswehr“ oder „Heimwehr“), der slowenischen Kollaborateurs-Miliz, die 43 bis 45 aktiv war, vorwiegend in der Gegend Sloweniens die bis dahin italienisch gewesen war(38). Die „Domobranci“, wie sie genannt wurden, arbeiteten mit den Besatzern gegen die Partisanen zusammen. Rainer und Rupnik arbeiteten dabei eng mit SS-General Erwin Rösener zusammen, Chef der SS-Division “Alpenland”, deren Operationsgebiet Slowenien war. 

Die Rolle von Bischof Rožman ist etwas komplexer. Er war definitiv anti-kommunistisch und unterhielt Beziehungen mit den Besatzern. Seine Verteidiger, hauptsächlich die Katholische Kirche Sloweniens, sagen, sein Verhalten war darauf ausgerichtet, Schaden unter der slowenischen Bevölkerung während der Besatzung zu minimieren. Bei der Besetzung und Aufteilung des damaligen Königreich Jugoslawiens 1941 hatten bzw fanden die Achsenmächte Kollaborateure unter allen Völkern dieses Staates. Am wichtigsten war die kroatische Ustaša (Ustascha), der man den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) überliess, ohne die Küstengebiete (die an Italien abgetreten werden mussten…), dafür mit ganz Bosnien-Herzegowina. Das Dilemma, dass sich daraus ergab, dass Slawen ja in der Nazi-Ideologie „Untermenschen“ waren, wurde dadurch gelöst, dass man sagte, die Kroaten stammten von einer vorslawischen germanischen Bevölkerung ab.(39)

Dass es ein Überlaufen von Kroaten aus der Ustascha zu den Partisanen gab, hatte wohl auch mit dem Unbehagen darüber zu tun, von Deutschen und Italienern nicht wirklich als gleichwertig gesehen/behandelt zu werden… Auch die Partisanen haben Gräuel begangen; hauptsächlich als Vergeltungsmaßnahmen beim Vormarsch am Kriegsende, auch in Kärnten. Das Massaker am Perschmann-/Peršman-Hof in Bad Eisenkappel im April 1945 war aber eines von NS-Einheiten an (elf) Zivilisten der Familien Sadovnik und Kogoj, weil der Hof als Partisanenstützpunkt gedient hat.(40) Heute beherbergt der Hof ein Museum zum Widerstand der Kärntner Slowenen gegen den Nationalsozialismus. Der diesbezügliche rechte Kärntner Revisionismus dreht die Sache um(41); in dieser Konstellation gibt es immer die Optionen dazu stehen („geschah ihnen recht“) oder aggressiv leugnen.

Als Anfang Mai 45 die jugoslawischen Partisanen vom Süden heranrückten und die britischen Truppen vom Norden, trat Gauleiter/Statthalter Rainer zurück, am 7. Mai. Und übergab die „Herrschaft“ über Kärnten einer provisorischen Allparteien-Regierung – die sich mit den einrückenden Briten einigte, dass die Partisanen (bzw Jugoslawische Armee) „zurückgeschickt“ würden. Am 1. März hatten sich Titos Partisanen in „Jugoslawischen Armee“ (Jugoslovenska armija) umbenannt. Rainer machte sich darauf hin aus dem Staub. Einer der Befehlshaber der Wehrmacht in Jugoslawien war Alexander Löhr.

Vater „Reichsdeutscher“, Mutter jüdische Russin, die Familie liess sich in Rumänien nieder (Kinder wurden orthodox erzogen), Ausbildung dann in Österreich-Ungarn, Militärlaufbahn, Luftwaffe, Teilnehmer 1. WK. Dann zum (ersten) österreichischen Bundesheer, nach dem Anschluss zur Wehrmacht. Im 2. WK zuerst gegen Polen, dann (’41) am Balkan (YU/ Griechenland). Am 8. Mai 1945, dem Tag der Gesamt-Kapitulation der Wehrmacht, befanden sich noch 150 000 ihrer Soldaten in Jugoslawien, im Rückzug auf die Nordgrenze dieses Landes(42), und das war die slowenisch-kärntnerische Grenze. Generaloberst Löhr verhandelte in Griffen bei Völkermarkt mit den Briten über die Überführung der noch auf jugoslawischem Gebiet stehenden Teile seiner Heeresgruppe nach Kärnten in deren Gewahrsam – was die Briten jedoch ablehnten.

Daraufhin gab Löhr den Befehl zur Kapitulation gegenüber den Partisanen. Am selben Tag, davor, trafen sich Löhr und andere Naziführer im besetzten Jugoslawien in Rogaska Slatina in Slowenien mit Führern der Ustascha/NDH. Löhr selbst wurde dann von den Briten an (das neu entstehende) Jugoslawien ausgeliefert und musste sich deshalb am 15. Mai mit seinem engsten Stab nach Maribor/Marburg begeben.(43) Ante Pavelic und seine engste Umgebung reisten am 8. 5. 45 nach Österreich, das bereits von den Alliierten besetzt war(44), wahrscheinlich über die slowenisch-burgenländische Grenze, damit in die SU-Besatzungszone, inkognito, dann in die US-Zone, Oberösterreich, Salzburg.

Der Rest der Ustascha-Leute wollte sich den Briten ergeben. Am 9. Mai rückte die Partisanen-Armee in Kärnten ein (bzw vor), bis Klagenfurt. Titos Soldaten mussten sich aber damit abfinden, dass bereits britische Truppen in Kärnten waren. Bereits am 1. Mai waren die Jugoslawen nach Triest vorgestossen, nachdem sie Istrien und die Kvarner Bucht mit Rijeka/Fiume unter ihre Kontrolle gebracht hatten (italienisches Vorkriegs-Territorium). Triest, von wo 43-45 Globocnik seine Operationszone geleitet hatte – dazu gehörte ein „KZ“ in Triest, hauptsächlich für Partisanen. Die Vorstösse der Partisanenarmee nach Kärnten und ins Julische Venetien waren Teil der Befreiung Jugoslawiens, von dort aus war die Besetzung über ihr Land gekommen. Und sie waren verbunden mit massiven Gebietsforderungen, Forderungen auf ungefähr jene Gebiete die nun unter jugoslawischer Kontrolle waren, also Südost-Kärnten und Istrien bis Triest. 

Diese Forderungen wurden im Namen der Slowenen erhoben, es waren in beiden Gebieten (die dort verwurzelten) Slowenen die jugoslawische Ansprüche rechtfertigten bzw motivierten. Und, die Besetzung Südost-Kärntens im Mai 45 war verbunden mit Verschleppungen und Übergriffen. Es gab wie nach dem 1. WK kein österreichisches Heer, diesmal aber keinen spontanen Abwehrkampf. Kärntner sehnten das Eingreifen britischer Truppen herbei, wie die „Kollabos“ aus YU an der Grenze. Vielerorts war es in dieser Zeit so im deutschsprachigen Raum, dass man die Herrschaft der Anglo- bzw Westalliierten wollte, diese auch bekam, und dann schnell Teil eines freien Westens wurde. Die Briten errichteten aber auch ein Kriegsgefangenenlager in Wolfsberg.(45) Wenn es keinen Kampf gegen Hitler (und jene die ihm folgten) gegeben hätte, würde es in Österreich und Deutschland keine Demokratie geben. Jene Kärntner, die die Briten als Befreier sahen/sehen und die Partisanen als die Wurzel allen Übels, übersehen da etwas.

Der „Antifaschistische Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) unter Tito beschloss im November 1943 in Jaijce (Bosnien) die Vertreibung und Enteignung von Personen deutscher Volkszugehörigkeit in Jugoslawien, bzw visierte das als Ziel nach der Befreiung an. Am Ende des Kriegs bzw danach wurden die Funktionäre der Donauschwaben und Sloweniendeutschen die mit den Nazis kollaboriert hatten, von den Partisanen abgeurteilt oder aber sie entkamen in eine der alliierten Besatzungszonen von Österreich und Deutschland. Aber auch fast alle Anderen aus diesen Gemeinschaften mussten flüchten, wurden vertrieben oder „abgeurteilt“. Für die Deutschen in Jugoslawien brachte der 2. WK, die nazideutsche Besatzung, ihr Ende, auch für jene die nicht kollaboriert hatten. Die (meisten) Gottscheer wurden, zur Erinnerung, von den Nazis umgesiedelt. Und nach dem militärischen Zusammenbruch kamen Vergeltung, Diskriminierung, Auswanderung,…    

Viele dieser „Volksdeutschen“ zogen mit der Wehrmacht ab, nicht wenige blieben aber. Am Kriegsende kamen diese unter die Gewalt der Partisanen. So wie die Reste der Gottscheer im Ursprungsgebiet sowie in der Untersteiermark (zusammen mit den Untersteirern). Es entstanden Gefangenenlager, wie jenes in Sterntal bei Pettau/Ptuj (Stajerska/Untersteiermark) oder, für die Donauschwaben zB jenes in Knićanin/Rudolfsgnad (Vojvodina). Und, die Dolinen im slowenischen Karst, die Abrechnungen der Partisanen, mit Faschisten…oft aber auch nur mit Gegnern der Kommunisten oder ethnischen Deutschen (bzw „Altösterreichern“). Slowenien war auch eine der Regionen in Europa wo über die Gesamtkapitulation der Wehrmacht (die als Ende dieses Kriegs gilt) hinaus gekämpft wurde, zwischen Einheiten der Achsenmächte (bzw ihren Kollaborateuren) sowie solchen der Alliierten (bzw mit diesen Verbündeten). Wobei es sich um reine Rückzugsgefechte der Ersteren handelte.

Anfang Mai 1945 rückten über 15 000 slowenische Domobranci, kroatische Ustaschi, serbische Tschetniks, alle zusammen mit dazugehörigen Zivilisten sowie politischen Führern dieser Kollaborateure und Antikommunisten, auf die kärntnerisch-slowenische Grenze vor, um sich dort in britische Gefangenschaft zu begeben, den Partisanen zu entgehen.(46) Auch Wehrmachts-Reste waren dabei, und „Volksdeutsche“ aus Jugoslawien. In Poljana (Slowenien) fand am 14./15. Mai ein solches Rückzugsgefecht von verbliebenen Wehrmachts-Einheiten sowie Kollaborateuren der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände statt. Trotz des Sieges der alliierten Seite dort gelangten viele der „Flüchtlings“-Kolonnen zur Grenze.

Die Briten internierten am 14. Mai eine slowenisch dominierte „Kolonne“, auf einem Feld im Klagenfurter Aussenbezirk Viktring, wo diese für mehrere Wochen ein Lager aufschlagen. Am Tag danach kamen Kroaten an, Funktionäre der Ustascha-Staates und ihre Angehörigen überwiegendst. Sie ergaben sich in Bleiburg/Pliberk den britischen Truppen. Diese schickten sie jedoch an die Grenze zurück, wo die Partisanen gewissermaßen auf sie warteten. Es heisst, Tito hatte „seine“ Armee auch nach Kärnten geschickt, um „Kollabos“ zu „bekommen“, nicht nur um den Feind zu besiegen und jugoslawisches Territorium abzustecken. So begannen, am 15. Mai in Bleiburg, die Repatriierungen an der kärntnerisch-slowenischen Grenze. In der Folge wurden Tausende dieser Zurückgeschickten von den Partisanen getötet, an der Grenze oder im Laufe der „Überführung“ in die Gefangenschaft, in anderen Teilen des neu entstehenden Jugoslawien. Auch manche Wehrmachts-Angehörige aus „Grossdeutschland“ wurden an die Partisanen ausgehändigt.

Bleiburg 1945

Ende Mai/Anfang Juni 1945 wurde der Grossteil der Slowenen vom Viktringer Feld nach Jugoslawien geschickt. In dieser Zeit stellten die Briten aber die Auslieferungen ein, nachdem Berichte der Massaker die Runde machten. Es gab eine aus antikommunistischen Russen gebildete Wehrmachts-Einheit namens „Kosaken“, deren Angehörige am Kriegsende (mithilfe von Globocnik) in Osttirol und Oberkärnten „strandeten“. Sie wurden von den Briten aus ihren Lagern in Lienz und Oberdrauburg abgeholt und in Judenburg (Steiermark) an die Rote Armee übergeben. Besonders in Kroatien spielt die Erinnerung an die Auslieferung bei Bleiburg und die darauf folgenden Massaker noch eine wichtige Rolle, damit auch die Spaltung in Ustaschi und Partisanen; nachdem in der SFR Jugoslawien die Diskussion darüber tabu war.

Für diese Kroaten (und manche Andere) war Kärnten 1945 Fluchtziel. Der andere Ansturm der Südslawen bzw vom Balkan, nicht abzielend auf die Inbesitznahme slowenischer Gebiete, sondern auf den Schutz der British Armed Forces. Kärnten wurde das Gebiet, wo der kommunistische Machtbereich endet, für einige Jahrzehnte. Für nicht Wenige in Kärnten und Österreich wurden das kommunistische System in Jugoslawien und dessen Nachbarstaaten sowie die Übergriffe der Partisanen (auf Südslawen und Andere) Vorwand dafür, wieder/weiter das Bild des „wilden Balkans“ zu zeichnen (der gleich hinter den Karawanken beginnt), wohingegen man selbst sich auf einer höheren Zivilisationsstufe befinde. Auch jene in Deutschland und Österreich, die in der NS-Zeit Domobranci oder Ustaschi bedienten.(47)

Dass der Überfall Nazi-Deutschlands (mit Österreich) auf Jugoslawien die Entwicklung „hin zu Bleiburg“ überhaupt eingeleitet hat, blendet(e) man da aus. Bezüglich jener Menschen, die im Mai 1945 Zuflucht in Kärnten suchten(48), gibt es unterschiedliche Narrative. NS-Kollaborateure oder antikommunistische Flüchtlinge? Geschichts-Revisionismus oder objektive Wahrheitssuche?(49) Tja, und im Zusammenhang damit kann man auch die Frage stellen, ob Tito der grosse Versöhner unter den Völkern Jugoslawiens war, oder doch ihr Unterdrücker. Immerhin, es wurden zB auch die Tschetniks weggesperrt und getötet, die (meist serbischen) Royalisten, die gegen die Besatzer kämpften.(50)

Ustascha-Führer Ante Pavelic bekam übrigens in Salzburg Protektion von den US-Amerikanern, gelangte dann über die „Rattenlinie“ (also mit Hilfe der Katholischen Kirche) nach Italien und von dort nach Argentinien. Der Kalte Krieg war im Entstehen. Der slowenische Bischof Rožman flüchtete auch Anfang Mai 45 nach Kärnten, wanderte nach Aufenthalten in Österreich und der Schweiz 1948 in die USA aus, wo er die slowenische Exil-Gemeinde betreute. Er wurde im kommunistischen Jugoslawien 1946 in Abwesenheit wegen Kollaboration verurteilt. Rupnik wurde 46 in Laibach hingerichtet. Globocnik flüchtete am Kriegsende auf die Möslacher Alm im Gebiet des Weissensees, wo er auf Friedrich Rainer und dessen Kameraden traf. Gemeinsam wollte man nach Italien. Am 31. Mai 1945 wurde die Gruppe Rainer/Globocnik von einem britischen Kommando festgenommen und nach Paternion gebracht. Nach seinem ersten Verhör vergiftete sich Globocnik dort mit Zyankali. Rainer wurde nach Hinweisen aus der Bevölkerung verhaftet.(51)

Die jugoslawischen Truppen mussten am 20. Mai 1945 auf Drängen der Alliierten aus Kärnten abziehen. Wie schon gesagt, gab es auch in Kärnten am Ende des Kriegs Übergriffe durch diese Armee, der auch Kärntner Slowenen angehörten. Das Bündnis der Briten mit den YU-Partisanen zerbrach bald nach Kriegsende, der Kalte Krieg war im Entstehen. In Wolfsberg im Lavanttal gab es 1941–1945 das NS-Kriegsgefangenenlager „Stalag 18A“ und anschliessend (1945–1948) das Interniertenlager „Camp 373“. Dort wurden in erster Linie Österreicher/Deutsche gefangen gehalten. Karel Prušnik, Kärntner Slowene, ein Partisanenführer, wurde von den Briten in Graz-Karlau eingesperrt. Zur Zeit des Austrofaschismus war er der KPÖ nahe gestanden, wurde deshalb 1935 (wegen „Hochverrat“) zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er im Karlau-Gefängnis in Graz absass.

Prusnik, in der OF hatte er den Decknamen „Gašper“, wurde nach dem Krieg von der britischen Militärverwaltung in Kärnten zwei Mal zu Gefängnisstrafen verurteilt, die er wiederum in Karlau absitzen musste. Beide Verurteilungen, 1947/48, gingen auf Äusserungen ggü den britischen Besatzern zurück. Anscheinend beide Male bei Enthüllungen von Partisanen-Denkmälern, bei Bleiburg und in Völkermarkt. Prusnik soll nach dem Abzug der Tito-Armee (weiter) auf einen Anschluss von Teilen Kärntens an Jugoslawien hin gearbeitet haben.(52) Er war Obmann des Verbandes der Kärntner Partisanen, aktiv in kärntnerslowenischen Organisationen, schrieb ein Buch über den Partisanenkampf (s.u.); starb 1980 in Ljubljana. 

Der Loiblpass zur Zeit der britischen Besatzung. Der Pass über die Karawanken verbindet Kärnten und die Oberkrain

Die Auslieferungen von antikommunistischen bzw nazikollaborationistischen „Aktivisten“ durch die Westalliierten an Ostblock-Mächte, wie in Kärnten ’45, lief etwa von 1943 bis 1947, wird „Operation Keelhaul“ genannt. Also bis etwa dahin, wo sich Westalliierte und Sowjetunion endgültig entzweiten, der Kalte Krieg begann. Wie schmal der Grat zwischen „antikommunistisch“ und „kollaborationistisch“ (bzw „faschistisch“) sein konnte, zeigt sich am slowenischen Bischof Rozman, der ja dann in der USA wirkte. Slowenien wurde eine Teilrepublik in der SFR Jugoslawien, war nach dem 2. WK in seinen heutigen Grenzen „zu Stande“ gekommen, die die meisten slowenischen Siedlungsgebiete umfassen.(53) Jugoslawien bzw Jugoslawisch-Slowenien wollte aber noch die slowenischen Gebiete im Südosten Kärntens.

Das zweite Jugoslawien erhob wieder Gebietsansprüche auf Teile Kärntens – bis 1949. Bei der Aussenministerkonferenz in London 1947 legte der jugoslawische Vertreter Joze Vilfan (der aus Italien stammte) ein Memorandum vor, in dem der Anschluss „Slowenisch-Kärntens“ (einschließlich Klagenfurt und Villach) gefordert wurde. Nur war Tito-Jugoslawien mit seiner Forderung nach dem Bruch mit Stalin 1948 chancenlos.(54) Jugoslawien verstand sich als Schutzmacht der Kärntner Slowenen (dann die unabhängige Republik Slowenien), wie Österreich für Südtirol.

Italien verlor in seinem Nordosten, vom Julischen Venetien, nach dem Faschismus fast Alles, an Tito-Jugoslawien, die Gebiete kamen an die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien. Nur Triest konnte es behaupten. Ein kleinerer Teil der italienischen Bevölkerung von Istrien und dem östlichen Friaul blieb, wurde eine Minderheit in Jugoslawien. Viele bürgerliche bzw antikommunistische Slowenen wanderten in dieser Zeit aus, soweit es ging, nach Argentinien, Australien,… und über Kärnten. Militante Aktivitäten gegen die SFR YU kamen aber (hauptsächlich von den 50ern bis zu den 70ern) eher von Exil-Kroaten, wobei dort auch die Grenze zum Faschismus „fliessend“ war. In der Gottschee wurden in den frühen 50er auch die Slowenen weggebracht, es gab Sprengung(en), der Wald kam dorthin zurück.

Manche „Nachbardörfer“ hielten sich und auch wenige deutschsprachige Gottscheer. Wie auch Untersteirer, und die Donauschwaben in Serbien (Vojvodina), und Kroatien (Ost-Slawonien). Die deutsch(sprachig)e Minderheit in Jugoslawien wurde ungefähr so behandelt, wie die Nazis zuvor die Slawen behandelt hatten. Anpassung (bzw Unterwerfung) oder Auswanderung (falls das möglich war). Ihre Anliegen waren (bzw sind!) durch die NS-Politik diskreditiert, sofern sie nicht durch diese direkt (Umsiedlungen durch Nazis!) oder indirekt (Gegenreaktionen) die Heimat verloren hatten. In der Untersteiermark waren die slowenische Bevölkerung zT aus- und „Volksdeutsche“ aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gottschee angesiedelt worden. Bis 1945. Dann standen abermalige Umsiedlungen bevor.(55)

Die meisten Gottscheer, Untersteirer und Donauschwaben aus YU, die 1945 flüchteten oder vertrieben wurden, kamen über die Südgrenze von Kärnten oder der Steiermark nach Österreich, Viele blieben auch dort, Andere zogen weiter. Die Gottscheer und Untersteirer liessen sich hauptsächlich in Kärnten und Steiermark nieder.(56) Österreich lag nun am Rande Westeuropas, grenzte an zwei Warschauer-Pakt-Staaten sowie Jugoslawien. Es entstand, als unabhängige Republik, in den Grenzen von 1920/21 neu, zunächst unter „Vormundschaft“ der Alliierten.

In Kärnten waren nach dem Krieg die Besetzung und die Gebietsansprüche Jugoslawiens präsent, die es ja nach dem 1. WK auch schon gegeben hatte. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kamen südslawische Truppen bis Klagenfurt. Südost-Kärnten (im engeren Sinn oder im weiteren, mit der Landeshauptstadt) hat der Südslawen-Staat nach beiden Kriegen gewollt und nicht bekommen. Dass Jugoslawien kommunistisch geworden war, festigte das Bedrohungsgefühl noch. Südslawische Begehrlichkeiten auf Kärnten waren keine paranoide Unterstellung. Aber: Die südslawischen Gebiete waren bis zum 1. WK zu einem grossen Teil unter österreichischer Herrschaft gestanden. Und, Grossdeutschland inklusive Österreich hatte im 2. WK ganz Jugoslawien besetzt, zerstückelt, die Bevölkerung unterdrückt (bzw unterdrücken lassen).

Der bewaffnete Widerstand der Partisanen gegen die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten war auch eine der Grundlagen, dass Österreich als demokratischer und unabhängiger Staat neu entstehen konnte; auch weil durch die Beteiligung der Kärntner Slowenen daran von den Alliierten als Teil des österreichischen Widerstands gegen den NS ausgemacht wurde, den „eigenen Beitrag zur Befreiung Österreichs“, wie er von den Alliierten in der Moskauer Deklaration von 1943 gefordert worden war. Es ist hier ein schmaler Grat zwischen „Gut“ und „Böse“, Recht und Unrecht, es gab zweifellos Gräueltaten von Partisanen, Massaker und Verschleppungen – auch gegenüber Menschen die den NS nicht unterstützt hatten. Die als Angehörige einer feindlichen Ethnie oder als politische Gegner gesehen wurden.  

Während des Kriegs vertieften sich die Gräben zwischen den beiden „Volksgruppen“ Kärntens. Viele deutschsprachige Kärntner dienten in Wehrmacht oder SS, viele Kärntner Slowenen schlossen sich den Partisanen an. Gewalt fand oft gegeneinander statt, und jedenfalls nicht im Sinne Kärntens oder Österreichs. Nach dem Krieg sahen die Einen in der anderen Volksgruppe Nazis, die Anderen Kommunisten, beide sahen im Anderen Akteure von Vertreibungen und Massakern. Es wurden vielfach Kärntner Ängste vor Jugoslawien, Kommunismus, Besatzung,… auf die Slowenen im Land projiziert und diese dem entsprechend behandelt. Der Semi-Dokumentarfilm „Der Graben“ (2015) behandelt das Zusammenleben von deutschsprachiger Mehrheit und slowenischsprachiger Minderheit in Südost-Kärnten(57) (spezifisch Bad Eisenkappel/Zelezna Kapla) nach dem Krieg. Und 1979/80 kam vom ORF die Mini-Serie „Das Dorf an der Grenze“: darin geht es um den fiktiven Kärntner Ort „Selitsch“, an der Grenze zu Slowenien. Von den 1920ern bis in die 1970er.

Schon bald nach dem Krieg organisierten sich in Kärnten ehemalige Nationalsozialisten in „Heimat-Verbänden“. Peter Pilz, früher ein scharfsinniger Politiker und Beobachter (bevor er ein „Linkspopulist“ wurde), hat einmal gesagt, die Kärntner FPÖ ist die einzige legitime Nachfolgeorganisation der NSDAP in Österreich. Thomas Bernhard, der Christlichsoziale, schrieb „Die schönsten Gegenden Österreichs
haben immer die meisten Nazis angezogen. Salzburg Gmunden Altaussee
das sind nichts als Nazinester“. Kärnten hat er hier also „vergessen“.

Robert Scheuch, Gutsherr am „Sternhof“ im Mölltal, etwa war ab 1935 Mitglied der NSDAP gewesen, 1938 dann Sektionschef im Landwirtschaftsministerium in der NS-Regierung von Seyss-Inquart. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Verbands der Unabhängigen (VdU), dann auch in dessen Nachfolgepartei FPÖ aktiv. Die Enkel Kurt und Uwe traten sein Erbe an. Der VdU erreichte bei seinem ersten Antreten in Kärnten, bei der Landtagswahl 1949, gleich über 20%; die FPÖ war in den nächsten Jahrzehnten in Kärnten immer überproportional stark, kam aber erst 1989 unter Haider (als Bundesobmann) über diese Marke (und dann gleich auf Platz 2).

Aber viele ehemalige Nationalsozialisten gingen auch zur SPÖ. Der erste Nachkriegs-Landeshauptmann Hans Piesch (SPÖ) musste 1947 wegen seiner NS-Vergangenheit zurücktreten. Nachfolger wurde Parteikollege Ferdinand Wedenig, der bis 1965 LH blieb. Wedenig war im KZ Dachau gewesen, er war es aber, der Slowenisch als Pflichtfach in den Volksschulen im zweisprachigen Gebiet von Kärnten abschaffte. Wofür er von den Verbänden der Kärntner Slowenen stark kritisiert wurde. An diesen entstanden in der Nachkriegszeit aus Partisanen die Osvobodilna fronta za slovensko Koroško. Von ihr spaltete sich 1949 der christdemokratische „Rat der Kärntner Slowenen“ (NSKS) ab. Ebenfalls 49 entstand die „Demokratische Front des werktätigen Volkes“, aus der 1955 der „Zentralverband slowenischer Organisationen in Kärnten“ hervorging, der der SPÖ nahesteht. 1957 eröffnete das slowenische Gymnasium in Klagenfurt. 

Die an der SU orientierte KPÖ schloss übrigens nach dem Bruch Jugoslawiens mit der SU mehrere hundert slowenische Kommunisten aus der Partei aus. Mit dem Staatsvertrag Österreichs 1955 wurden die Grenzen Österreichs, auch jene zu Jugoslawien(58), bestätigt. Die Neutralität des Landes ist darin entgegen einer weitverbreiteten Annahme nicht enthalten, aber der Schutz von ethnisch-sprachlichen Minderheiten, wobei die Slowenen in Kärnten und der Steiermark und die Kroaten im Burgenland genannt sind.(59) „Schutz“ heisst Schuldbildung in diesen Sprachen, diese als (zusätzliche) Amtssprachen in den betreffenden Gebieten sowie zweisprachige topographische Aufschriften (Ortstafeln). Die allerletzten Besatzungssoldaten die Österreich 1955 verliessen, waren anscheinend Briten die aus Klagenfurt abzogen.(60)

Nach dem 1. WK war ein „Kärntner Heimatdienst“ (K.H.D.) gegründet worden, 1924 wurde dieser in „Kärntner Heimatbund“ umbenannt. Er wurde zu einer Plattform der Nationalsozialisten in Österreich, auch nach dem Verbot der NSDAP in Österreich 1933. Martin Wutte war in ihm aktiv. 1957 wurde ein neuer „Kärntner Heimatdienst“ (KHD) gegründet. Er war an der Gründung der „Ulrichsberggemeinschaft“ 1958 maßgeblich beteiligt. Bereits 1955 war der „Kärntner Abwehrkämpferbund“ gegründet worden. Während in Kärnten über Jahrzehnte die SPÖ dominierte, wurde mit Josef Klaus ein ÖVP-Politiker aus Kärnten Bundeskanzler. Der Wehrmachts-Veteran zog nach Hallein, arbeitete dort als Anwalt, war 1949-61 Landeshauptmann von Salzburg.

64-70 dann Kanzler, bis 66 in einer grossen Koalition, dann einer ÖVP-Alleinregierung. Kärntner Landeshauptmann wurde 1965 (bis 74) Hans Sima, aus einer gemischten (deutsch-slowenischen) Familie, ebenfalls Wehrmachts-Veteran. Er war es, der Erik Schinegger, damals noch eine Erika, im Namen des Landes gratulierte, als sie von der Ski-WM in Portillo (Chile) 1966 als Weltmeisterin zurückkehrte. In diese Zeit fiel, wie vielerorts, eine gewisse Industrialisierung und Modernisierung. Gastarbeiter kamen nach Österreich, aus Jugoslawien (kaum Slowenen, eher aus südlichen Republiken), der Türkei,…, auch nach Kärnten. Und der Tourismus in das Land mit den Seen und Bergen kam auf Touren, aus Deutschland, der Niederlande,… Österreicher begannen wiederum, nach Jugoslawien auf Urlaub zu fahren, hauptsächlich nach Kroatien mit seiner langen (Adria-) Küste.

Es war auch Landeshauptmann Sima, unter dem, 1972, endlich die staatsvertraglich festgeschriebenen Ortstafeln mit slowenischen Ortsnamen neben (bzw unter) den deutschen aufgestellt wurden. Anlässlich der 50-Jahr-Feiern der Volksabstimmung fanden im Jahr 1970 Aktionen gegen einseitig deutsch beschriftete Ortstafeln statt (Überschmierungen/Ergänzungen, Abmontierungen), wohl von slowenischen Aktivisten (so etwa in Klagenfurt und Hermagor). 1971 beschloss die SPÖ-Bundesregierung unter Bruno Kreisky schliesslich, auf Basis der Volkszählung von 1961 in Gemeinden mit 20% oder mehr Slowenen zweisprachige Ortstafeln aufzustellen.

Dies traf auf 36 Gemeinden zu. Der Kärntner Abwehrkämpferbund erklärte, die Aufstellung solcher Tafeln käme in höchstens sieben Gemeinden in Frage, im äussersten Südosten, in den „slowenischsten“ Gemeinden, wie Bleiburg oder Vellach.(61) Im Frühling 1972 nahm Landeshauptmann Sima mit Kanzler Kreisky Gespräche zu einer Lösung der Ortstafelfrage auf. Die Atmosphäre in Kärnten spitze sich zu. Im Juli 72 beschloss der Nationalrat gegen die Stimmen von ÖVP und FPÖ ein Bundesgesetz betreffend der Anbringung zweisprachigen topographischer Bezeichnungen in Kärnten. Am 20. September 1972 liess Kreisky die ersten zweisprachig beschrifteten Ortstafeln (von geplanten 205 Ortschaften) im gemischtsprachigen Gebiet aufstellen. 

Es folgt der Ortstafelsturm, bei dem diese Tafeln beschmiert, abmontiert oder entwurzelt (ausgerissen) wurden – in einigen Fällen auch vor laufender Kamera oder unter Duldung oder sogar Mithilfe von Polizei oder Gendarmerie. Entwurzelte zweisprachige Ortstafeln wurden dann auch in Klagenfurt vor das Haus von Landeshauptmann Sima gelegt. Kärntner Heimatdienst und Kärntner Abwehrkämpferbund gelten klarerweise als Kandidaten für die Organisation der Sache, ihre Sprecher haben das aber immer in Abrede gestellt. Spontan scheint der „Sturm“ aber auch nicht entstanden zu sein. Der jetzige Slowenen-Vertreter Borut Marjan Sturm studierte zu der Zeit in Wien, erhielt Anrufe von seiner Mutter in Kärnten, die ihm davon erzählte, dass Leute mit ihren Autos den Bauernhof der Familie umkreisten, hupten und brüllten. Bei einer Kundgebung in Klagenfurt sagte ein älterer Mann zum ORF „An klanen Adolf bräuchat ma“. Es kam auch zu Bombendrohungen gegen das Gebäude der Kärntner Landesregierung.(62)

Manche „Schmierer“ wurden festgenommen, die Tafeln wurden umgehend gereinigt und wieder aufgestellt, doch wieder wurden sie beschädigt oder entfernt, fast alle. Die Aufstellung der Tafeln wurde gestoppt. Anscheinend sind einige in Gemeinden mit zweifellos hohem Slowenenanteil belassen worden. 72-75 tagte die so genannte Ortstafelkommission. Die heftige Reaktion von Teilen der Bevölkerung führte 1974 zum Rücktritt von Landeshauptmann Sima und seiner Ablöse durch Leopold Wagner.(63) Seine Enkelin Ulrike „Ulli“ Sima, Stadträtin für die SPÖ in Wien, sagte, ihr Grossvater habe sich von der Partei fallen gelassen gefühlt. 1976 wurden nach einer „geheimen Spracherhebung“ in Kärnten weitere zweisprachige Tafeln aufgestellt, in Orten mit mindestens 25% Slowenen.

Der Diplomat Wolfgang Petritsch, Kärntner Slowene, zum Verhältnis Österreichs unter Kreisky (für den arbeitete) zu Jugoslawien: „Es gab eine Achse Tito – Kreisky. Beide sind im multiethnischen Raum aufgewachsen. Man hatte den Eindruck, sie sind beide wie alte ‚Habsburger‘“. Kreisky setzte bezüglich der Anschläge und anderer Aktivitäten des jugoslawischen Geheimdienstes UDBA in Österreich auf Deeskalation.(64) 2010 hat eine Historikerkommission von der Kärntner Landesregierung unter Gerhard Dörfler den Auftrag bekommen, Hintergründe von insgesamt 19 Sprengstoffanschlägen in den 1970ern in Südkärnten aufzuklären. 2015 kam der Bericht der Kommission unter Wilhelm Wadl (Direktor des Kärntner Landesarchivs) heraus. 

Dem Bericht zufolge war die „Aktivität“ des UDBA in Kärnten in den 1970ern weitreichender als angenommen – und fand unter Mithilfe von Kärntner Slowenen statt. Das „Profil“ brachte 2015 einen Artikel (des Kärntners Robert Buchacher) über den Bericht.(65) Dem Bericht zufolge fanden diese UDBA-Aktionen in Österreich in Zusammenarbeit mit Kärntner Slowenen, v.a. Nachkommen von Partisanen (ein Netzwerk namens „Sora“), statt, auch Polizisten oder Zöllner waren dabei. Schaltzentrale war Marburg/Maribor im jugoslawischen Slowenien. Ausserdem habe es vom UDBA unabhängige Aktivisten unter Kärntner Slowenen gegeben wie Johann Hanin. Die slowenisch-jugoslawischen Aktionen fanden demzufolge zT unter falscher Flagge statt, auch beim Ortstafelsturm waren Agents Provocateurs beteiligt!

Filip Warasch, Generalsekretär des Rats der Kärntner Slowenen, wurde 1977 bezüglich einer Anstiftung zu einem Anschlag freigesprochen. Beim Sprengstoffanschlag auf das Heimatmuseum in der Burg in Völkermarkt 1979 wurde ein Täter verletzt durch eine vorzeitige Explosion; der Agent kam dann durch einen Gefangenen-Austausch frei. Dem Wadl-Bericht zufolge haben pro-jugoslawische Kärntner Slowenen auch die Staatspolizei in Kärnten unterwandert sowie Abwehrkämpferbund und Heimatdienst ausspioniert. Dem Bericht zufolge wollte man Chaos produzieren, provozieren, Österreich in ein schlechtes Licht rücken, ablenken von innerjugoslawischen Problemen. Zur Stellung Sloweniens innerhalb Jugoslawiens, siehe unten.

UDBA und Kärntner Slowenen hätten an einem Krisenszenario gearbeitet, das einen jugoslawischen Einmarsch in Kärnten ermöglichen sollte. Wadl meinte, man könne froh sein, dass in Kärnten kein Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Aus dem Bericht wurde ein Buch gemacht („Titos langer Schatten“), siehe unten. Der Jurist Rudolf „Rudi“ Vouk vom Rat der Kärntner Slowenen (und Politiker bei LIF sowie Enotna Lista) und andere Vertreter der Kärntner Slowenen reagierten mit scharfem Protest auf den Bericht bzw das Buch. 2012 nahm Wadl kärntner-slowenische Historiker in Schutz gegen Anwürfe der FPK(66), diese (Valentin Sima, Augustin Malle und Dusan Necak) hätten für den UDBA gearbeitet.(67) Die Tatsache, dass Wadls Mitarbeiter beim Buch, Josef Lausegger, eine deutschnational-chauvinistische IT-Seite unterhält(68), spricht aber auch für sich.

Slowenien war nördlichster und westlichster Teil Jugoslawiens(69), dessen mitteleuropäischstes Gebiet. Die Slowenen pendelten zwischen der Zugehörigkeit zu Mitteleuropa (und dem Wunsch nach Eigenständigkeit) und jener zum Balkan (und Zusammengehörigkeit mit den anderen Südslawen). Während für die Österreicher jenseits der Karawanken der Balkan beginnt, rümpft(e) man dort, bei den Slowenen, in ähnlicher Weise die Nase über den Balkan.(70) Der Fussball wurde/wird in Slowenien in gewisser Hinsicht als etwas „balkanisches“ gesehen(71); während die Slowenen dort am Rand standen, dominierten sie in den Wintersportarten, wie Skilauf (Alpin & Nordisch) und Eishockey.(72)

Was die Zugehörigkeit Sloweniens zu Mitteleuropa betrifft, gegen Österreich (bzw zeitweise Grossdeutschland) und Italien musste Slowenien aber hart um seine Grenzen kämpfen, während bzw nach den Weltkriegen. Dass Slowenien in seinen heutigen Grenzen unabhängig existieren kann, wäre ohne das Zusammenwirken mit den anderen Südslawen in/nach diesen Kriegen nicht möglich gewesen. Gleichwohl blieben auch nach dem 2. WK in Österreich und Italien slowenisch besiedelte Gebiete zurück (auch in den anderen beiden Nachbarstaaten, Ungarn und Kroatien). Was den Sport betrifft, hat Kärnten eigentlich Einiges gemeinsam mit Slowenien, auch dort (mit den Seen und Bergen) sind Eishockey und Skirennlauf wichtiger als Fussball.

Wobei Kärnten im Fussball anscheinend überproportional viele (wichtige) Tormänner hervor gebracht hat, beginnend mit „Friedl“ Koncilia. Auch Thomas Ravelli ist ein Fussball-Torhüter mit Kärntner Wurzeln, in eine Auswanderer-Familie (mit italienischen Wurzeln…) in Schweden geboren. A propos Auswanderer, noch mehr von sich reden machte der aus St. Veit stammende Koch Wolfgang Puck, in der USA. Kärnten hat bislang drei Spieler in die nordamerikanische Eishockey-Liga NHL gebracht, Michael Grabner, Michael Raffl und Thomas Pöck; aus Slowenien schafften das Anze Kopitar und Jan Mursak.(73)

Was die Skirennläufer aus Kärnten betrifft, ragt natürlich Franz Klammer heraus (Olympia 1976…). Eigentlich erstaunlich, dass in dem katholischen Österreich zwei der grössten Sporthelden (die übrigens beide ihre beste Zeit in den 70ern hatten), evangelisch sind, er und Johann Krankl aus Wien. Etwa 10% der Kärntner sind heute Lutheraner/Evangelische, damit ist dieses Bundesland Nr 2 hinter dem Burgenland. Im Burgenland ist die Zugehörigkeit zu Ungarn dafür verantwortlich, dass sich das halten konnte, in Kärnten wie erwähnt die Teilung der habsburgischen Herrschaft. Ziemlich evangelische Gegenden Österreichs sind im Burgenland insbesondere der Bezirk Oberwart, dazu gehört die Gemeinde Oberschützen, einer der Orte mit evangelischer Mehrheit. In Kärnten sind das die Bezirke Villach Land und Hermagor, mit jeweils über zwanzig Prozent Evangelischen.

Franz Klammers Heimatort Mooswald ist seit 1964 aufgeteilt auf die Gemeinden Fresach und Ferndorf, liegt in Villach Land. Weiters sind hier zu nennen: das steirische Ennstal (Bezirk Liezen, u.a. Ramsau) und das anschliessende Salzkammergut, sein steirischer und oberösterreichischer Teil (zB Gosau im Bezirk Gmunden). Es gibt eine Art „Bindung“ der Evangelischen in Österreich an das Deutschnationale, seit dem 19. Jh, und die FPÖ hat in protestantischen Gegenden in Kärnten und Oberösterreich meist besonders gut abgeschnitten. Die Kirche der Mehrheit, die Katholische, spielt in dem „Nationalitätenkonflikt“ im Land natürlich eine Rolle, es gibt von beiden Seiten Erwartungen und hier besteht wie auch in Südtirol eine Chance, auf ein Zusammenkommen. Die katholische Diözese Gurk ist in ihrem Umfang praktisch deckungsgleich mit dem Bundesland Kärnten.

Ziemlich genau da, wo Franz Klammer aufhörte mit dem Spitzensport (1985), fing ein anderer Kärntner Abfahrer an, Armin Assinger aus Hermagor. Klammer gewann 25 Abfahrten + 1 Kombination, + 3 Medaillen, Assinger gewann 3 Abfahrten + 1 Super-G. Von Bedeutung wurde er mehr durch seine Fernseh-Karriere, die als Co-Kommentator bei Skirennen begann, zunächst in der Zeit seiner Verletzungspause (1989/90). In einem Interview vor einigen Jahren wurde Assinger auf „seinen“ Landeshauptmann Jörg Haider angesprochen, er wehrte sich zunächst gegen die Frage, lobte Haider aber dann doch dafür, ein „Ohr bei den Anliegen der Menschen“ gehabt zu haben. Christian Mayer, ebenfalls ehemaliger Kärntner Skirennläufer, hat sich „prononcierter“ zur FPÖ und den Kärntner Slowenen geäussert…wobei er nun für die slowenische Skifirma Elan arbeitet und für den ORF, dort Frauen-Rennen co-kommentiert, er der einst sagte, man solle den Frauen-Weltcup abschaffen.

Jörg Haider aus Bad Goisern im oberösterreichischen Salzkammergut kam 1979 für die FPÖ in den Nationalrat, ging 1983 nach Kärnten, wohin es ihn aus privaten Gründen zog, in den Landtag. Er „lobte“ seinen Förderer Mario Ferrari-Brunnenfeld aus der Kärntner Landespolitik weg, dieser wurde Staatssekretär in der Bundesregierung, die 83 aus SPÖ und FPÖ gebildet wurde. Norbert Steger, FPÖ-Bundesparteiobmann, wurde Vizekanzler in dieser Regierung. Er repräsentierte liberales Grossstadtbürgertum, war damit eigentlich näher an der FPÖ-Wurzel als die rurale Bildungsferne. Andererseits war das Liberale in der FPÖ immer eine „Randerscheinung“ gewesen, gegenüber dem Deutschnationalen.

Landeshauptmann war damals Leopold Wagner; dieser trat 1988 ab, nachdem ihn ein ehemaliger Schulkollege im Jahr davor angeschossen hatte. Als Wagner in den 1980ern die Idee aussprach, Osttirol (den Bezirk Lienz) an Kärnten anzuschliessen (wohin es tatsächlich starke Verbindungen hat), reagierte sein Tiroler Kollege Eduard Wallnöfer (ÖVP) mit der „Drohung“, bei einem solchen Versuch die Tiroler Schützen und die Feuerwehr aufmarschieren zu lassen. Im April 1986 ging das Bärental im Südosten Kärntens notariell beglaubigt in Haiders Besitz über, was ihm (dem Juristen und Politiker) materielle Sicherheit brachte. In der Folge verstärkte Haider die Angriffe auf den Bundesparteichef und Vizekanzler, forderte ihn auf einem Parteitag in Innsbruck heraus. Und gewann. Die FPÖ war damals am Rande des „Abgrunds“ gestanden (um die 4%-Hürde herum), die Wende zum Rechtspopulismus brachte ihr die „Rettung“.

Im Jahr 1986 kam in Österreich so Manches durcheinander: die Bundespräsidenten-Wahl, der Abtritt Kirchschlägers, Waldheims Kandidatur, die Diskussion um seine Aktivitäten in der NS-Zeit (Wehrmachtsdienst in Jugoslawien…(74)), die eine um Österreich in dieser Zeit auslöste; Waldheims Wahlsieg, der den Rücktritt Kanzler Sinowatz‘ bewirkte, Vranitzky führte die SPÖ/FPÖ-Koalition weiter; dann Haiders Machtübernahme in der FPÖ – die Vranitzky dazu bringt, Neuwahlen anzusetzen; bei diesen blieb die SPÖ (trotz der Skandale um sie in den Jahren davor) vor der ÖVP unter Mock, die ganz auf Haider ausgerichtete FPÖ gewann stark hinzu, die Grünen zogen erstmals in den Nationalrat ein. Zum Drüberstreuen löste Hans Groer Franz König als katholischer Erzbischof von Wien ab.(75)

Mock (in der Wahlnacht schwer geschockt) wollte 86 mit Haider koalieren, es kam aber 87 eine grosse Koalition zu Stande, bis 00, und wie schon 49 bis 66. Eine grosse Koalition, die Haider als Oppositionschef (87-00) vor sich her trieb, mit den Themen Machtmissbrauch und Zuwanderer. 1989 der grosse Zugewinn der Haider-FPÖ bei der Landtags-Wahl in Kärnten, der Zweitplatzierte und der Drittplatzierte (die ÖVP unter Zernatto) bildeten eine Koalition, Haider wurde erstmals Landeshauptmann.(76) Er redete von einem „Freistaat Kärnten“, übte sich in Regionalpatriotismus -chauvinismus, wetterte gegen „die in Wien“ – dort sorgte er aber auch für Begeisterung, zB am Adler-Markt, und die Wiener FPÖ (wo in den 90ern H.-C. Strache „heranreifte“) zählt(e) zum Rüdesten was die FPÖ aufzubieten hat(te).(77)

Nachdem er 91 nach seinem Ausspruch über die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ zurücktreten musste, ging Haider wieder nach Wien, führte gleichzeitig die Kärntner Landespartei. Viele wurden im Laufe der Jahre von ihrem Idol verstossen – oder kehrten von ihm ab (wie Heide Schmidt, die sich 1993 mit dem LIF unabhängig machte). Die „Buberl-Partie“, das waren die Haider persönlich (und nicht unbedingt der Partei an sich) Loyalen, zu denen es zT auch homoerotische Verbindungen gab. Überflüssig zu sagen, dass Haider und FPÖ bzw dann BZÖ unter ihm bezüglich der Anliegen der Kärntner Slowenen alles Andere als unterstützend waren.

Nach dem Tod Titos 1980 wanderte in Jugoslawien Macht von der Zentralregierung an die Teilrepubliken. Eine Reform des Staatssystems kam Ende der 1980er schleppend in Gang, unter Ministerpräsident Ante Markovic, behindert sowohl von den Altkommunisten als auch den Nationalisten in den Teilrepubliken – die Einen wollten kein reformiertes YU, die Anderen kein vereintes.(78) Beim Fall des Eisernen Vorhangs 1989 spielte Österreich eine gewisse Rolle (hauptsächlich bei der ungarischen Grenzöffnung). Doch bald sollten auch Flüchtlinge aus Jugoslawien kommen. 1990 wurde in den Teilrepubliken frei gewählt, aber nicht das Bundesparlament. Es kam zu keiner Reform Jugoslawiens, sondern zum Auseinanderfall. Kroatien und Slowenien nahmen Kurs auf die Unabhängigkeit…und entdeckten ihre Verbundenheit zu Mitteleuropa neu.

Die neuen Zustände im noch jugoslawischen Slowenien zeigten sich auch darin, dass der „Musikantenstadl“ Ende 1990 in Marburg aufgeführt wurde… 1986 begannen Österreich und Jugoslawien mit dem Bau des 8 km langen Karawankentunnels (Predor Karavanke, von St. Jakob im Rosental/Šentjakob v Rožu nach Jesenice/Assling). Die Eröffnung wurde am 31. Mai 1991 gefeiert, am Tag darauf erfolgte die Verkehrsfreigabe. Am 25. Juni 91 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Die jugoslawische Armee (JNA) versuchte auf Anweisung der Bundesregierung die jugoslawische Kontrolle über Slowenien wieder herzustellen, hauptsächlich die Grenzübergänge (zu Österreich, Italien, Ungarn) unter Kontrolle zu bringen. Slowenien wehrte sich mit seiner Territorialverteidigung (slowenisch Teritorijalna obramba, TO), die in allen Teilrepubliken existierte, und nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei 1968 geschaffen worden war…um eine WP-Invasion ggf besser abwehren zu können.

Jugoslawien hatte Angst vor einer WP/SU-Invasion, Slowenien hatte Angst vor einer YU-Invasion und wehrte sich dagegen mit der Truppe, die gegen eine SU-Invasion geschaffen worden war…und Österreich hatte lange Angst vor einem Angriff von SU oder YU. Der Kalte Krieg ging im Sommer 91 zu Ende, bald nach dem Slowenien-Krieg, infolge des Putsches gegen Gorbatschow in der SU, der nach ein paar Tagen zusammenbrach. Die slowenische TO wurde Kern der künftigen slowenischen Streitkräfte, und viele Slowenen in der JNA liefen während des Krieges zu ihr über.(79) Zu Kämpfen und Zusammenstössen zwischen TO und JNA kam es v.a. in Grenzgebieten Sloweniens (eben noch Jugoslawiens), zu Österreich (Ktn, Stmk, Bgld), Italien (Friaul – Julisch Venetien), Ungarn (Komitate Vas, Zala), ausserdem in Ljubljana und Umgebung.

Die Kämpfe an den Grenzübergängen(80) betrafen natürlich auch Österreich. Umkämpft waren etwa die Grenzstationen Dravograd-Lavamünd und Šentilj-Spielfeld, dabei kam es auch zu Verletzungen des österreichischen Luftraums durch JNA-Kampfflugzeuge. Die österreichische Regierung war gespalten, Vranitzky und die SPÖ sahen einen innerstaatlichen Konflikt (und waren für eine Behandlung des Konflikts als solcher), Mock und die ÖVP sahen einen zwischenstaatlichen Krieg (in dem man Slowenien unterstützen müsse). Jedenfalls kam es zu einem Sicherungseinsatz des Bundesheers an der Grenze zu Jugoslawien Slowenien, sein erster seit seiner Gründung 1955.(81) Ein Übergreifen der Kämpfe auf österreichisches Gebiet wurde für möglich gehalten.(82) Auch Abfangjäger kamen zum Einsatz.(83)

Dieser Krieg machte die Auflösung Jugoslawiens unumkehrbar, und was von der JNA noch blieb, wurde ein Instrument für Rest-YU bzw Gross-Serbien, das bis 1995 in Kroatien und Bosnien „aktiv“ war. 1991 gab es also erstmals seit dem Fürstentum Karantanien ein eigenständiges Slowenien. In Kroatien begann die serbische Minderheit 1990 mit ihrer Auflehnung gegen die Tudjman-Regierung, der sich (mit Unterstützung von Serbien bzw Rest-Jugoslawien unter Milosevic) 91 zu einem Krieg auswuchs.(84) Mit der TO als Kern wurde in Kroatien ab Frühling ’91 eine Nationalgarde aufgebaut, aus der das kroatische Militär entstand.

Rudolf Perešin war Kampf-Pilot in der JNA (Jugoslawische Volksarmee) als der „Kroatische Unabhängigkeitskrieg“ (91/92) begann. Man misstraute in der JNA Kroaten wie ihm, liess ihn nur Aufklärungsflüge machen, mit einer unbewaffneten Aufklärungsversion der „MiG“. Bei einem solchen, im Oktober 91 von der Basis in Željava bei Bihac in Bosnien-Herzegowina, desertierte er damit. Geeignete Flugplätze zur Landung in Kroatien (die nicht unter Kontrolle der JNA standen) gab es damals nicht. Daher flog Peresin seine MiG über die Karawanken, im extremen Tiefflug, wegen dem Radar bzw der Flugabwehr der JNA, damit auch für die österreichische Luftraumüberwachung überraschend. Als die jugoslawische MiG den Flughafen im Klagenfurter Stadtteil Annabichl anflog, meldete der Diensthabende im Tower das an’s Bundesheer. 

Dieses dirigierte zwei „Draken“, die gerade im Ennstal unterwegs waren, ins Klagenfurt Becken um. Die zwei österreichischen Abfangjäger erreichten das Flugzeug aber erst, als dieses bereits in Klagenfurt landete. Auf jenem Flughafen, der unter LH Haider (in dessen zweiter Amtszeit, 99-08) dann etwas ausgebaut wurde. Peresin händigte dort seine Handfeuerwaffen aus und erklärte, dass er ein Deserteur sei. Vier Tage später durfte er nach Kroatien ausreisen, schloss sich dort der Nationalgarde an, half beim Aufbau einer eigenen Luftwaffe. Peresin flog noch im Krieg 91/92 Einsätze(85). Bei der Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete 1995 (Operationen „Bljesak“, „Oluja“) wurde er über Ost-Slawonien abgeschossen.(86)

Peresins Desertion nach Klgft wirft ein Licht auf die Haltung der Kroaten zu Kärnten und Österreich, die eine andere ist als die der Slowenen. Kroaten, die mit Jugoslawien ein Problem hatten, „wichen“ immer wieder nach Kärnten (oder Steiermark) „aus“. Für sie ist es eher ein neutrales Territorium, bzw ein befreundetes. Nationalistische Slowenen erheben Ansprüche auf Teile Kärntnens; die ultra-nationalistische kroatische Ustascha hielt 1932 in Spittal ein Treffen ab, mit „Poglavnik“ Pavelić. Damals entschieden sie, einen kleinen Aufstand gegen das Königreich Jugoslawien (bzw die kroatische Zugehörigkeit zu ihm) abzuhalten, das dann im Velebit stattfand (mit Unterstützung des faschistischen Italiens).

Die (Karawanken-) Grenze zwischen Kärnten und Slowenien hat eine lange, bewegte Geschichte. Am Ende beider Weltkriege kamen „jugoslawische“ Truppen herauf, besetzten Teile Kärntens, erhoben Ansprüche auf Teile des Landes. Dabei sollte nicht unterschlagen werden, dass Slowenien (neben anderen Gebieten) zuvor von grossdeutschen Truppen besetzt worden war (2. WK) bzw unter österreichischer Herrschaft gestanden war (vor 1. WK). In der Zeit des Kalten Kriegs kamen (auch) über diese Grenze Leute als Gastarbeiter nach Österreich, nicht nur aus Jugoslawien. 1991 dann die Kämpfe an der Grenze, als sich Slowenien unabhängig machte. Diese Unabhängigkeit war für Slowenien nicht nur die Trennung von Jugoslawien, sondern auch vom Balkan, eine Hinwendung zu Mitteleuropa. Bald kamen Flüchtlinge aus anderen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens, als dort Kriege waren, über Slowenien (manche blieben auch dort), und nach Kärnten, Steiermark oder Burgenland.   

Später reisten dort Firmen (-Vertreter) und auch wieder Touristen „runter“. Der Südsteirer Franz Fuchs, einziges Mitglied der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“, radikalisierte sich nach eigenen Angaben wegen der Eröffnung einer slowenischsprachigen Volksschule in Klagenfurt und Österreichs Aussenpolitik unter Bundeskanzler Franz Vranitzky; und anscheinend wegen privaten Erfahrungen, darunter eine mit einer Jugoslawin. Mit seinen Briefbomben und Rohrbomben 93-96 markierte er gewissermaßen die Grenze der Steiermark und Österreichs zu den Südslawen.(87) Seine Opfer waren Angehörige von Minderheiten, Zuwanderer und Österreicher die sich für diese engagierten.(88)

Eine Rohrbombe legte er 1994 vor der deutsch-slowenischen Volksschule in Klagenfurt ab. Der Polizist Theo Kelz, ein Sprengmeister, brachte diese (in einer Sporttasche) zum Flughafen Klagenfurt, um sie zu untersuchen. Dabei detonierte die Bombe, Kelz wurden beide Hände abgerissen. Eines der „ungewollten“ Opfer von Fuchs. Der wurde 97 („zufällig“) verhaftet, 99 verurteilt, nahm sich 00 das Leben. Mit dem Beitritt Sloweniens zur EU 2004 und dem Schengener Abkommen 2007 verschwand eine durch viele Ereignisse im 20. Jahrhundert belastete Grenze in gewisser Hinsicht. 2015 kam ein Teil des Flüchtlingsanstroms über diese Grenze, über die aus österreichischer Sicht Mitteleuropa und der Balkan verbunden werden. Für Andere (Slowenen, Kroaten,…) beginnt der Balkan weiter südlich.

Österreich war 1995 der EG beigetreten. Slowenien wurde 04 auch Mitglied auch NATO, bekam 07 den Euro – Österreich wie die anderen EU-Mitglieder 02. Der andere ausländische Nachbar Kärntens, Italien, war Gründungsmitglied von E(W)G und NATO. Die Republik Slowenien betrachtet sich als Patron der autochthonen Slowenen in Österreich, wie zuvor Jugoslawien, Österreich für Südtirol. Es gibt ein Ministerium für Auslandsslowenen, das zuständig ist für autochthone Slowenen in den Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien(89), sowie die slowenische Diaspora.

1999 wurde die FPÖ bei der Landtags-Wahl in Kärnten stärkste Partei, Jörg Haider wurde darauf wieder Landeshauptmann. Zwischen Haider I und II war Zernatto von der ÖVP Landeshauptmann gewesen. Das war im April; Ende des Jahres war dann die Nationalrats-Wahl, mit Thomas Prinzhorn und Patrick Ortlieb als Spitzenkandidaten der FPÖ(90) – die Zweiter wurde. 2000 kam eine Bundesregierung aus ÖVP und FPÖ zu Stande. Haider blieb in Klagenfurt.(91) Bund oder Kärnten, Politik für die Prinzhorns oder die Walchs, Regierung oder Opposition,… Mit den Worten „Ich bin schon weg“ gab Haider nach dem Wirbel um seine Irak-Reise (zu Saddam Hussein) im Februar 2002 seinen „Rückzug aus der Bundespolitik“ bekannt. Er schied aus dem Koalitionsausschuss aus, engagierte sich aber weiterhin bundespolitisch. 

02 ein Treffen nicht-regierungsloyaler FPÖ-Delegierter im steirischen Knittelfeld, Haider war dort, aber nicht Riess. Das Zerreissen eines Kompromisspapiers durch einen der Scheuch-Brüder. Dieser sogenannte „Knittelfelder Putsch“ führte zum „Rücktritt“ von FPÖ-Regierungsmitgliedern (Grasser,…), dem vorzeitigen Ende der Bundesregierung Schüssel I. Die Neuwahl brachte starke FPÖ-Verluste, das Kabinett Schüssel II kam zustande (03-07). 05 spaltete Haider das BZÖ von der FPÖ ab, setzte damit die Koalition mit der ÖVP fort. In den 00er-Jahren zerstörte ein manisch-depressiver Jörg Haider die FPÖ fast.(92)

Nach dem ersten Versuch einer Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln(93) in Kärnten 1972 kehrte etwas Ruhe in den Konflikt dort ein. 2000 wurden im Burgenland deutsch-kroatische Ortstafeln aufgestellt. 2001 hob der Verfassungsgerichtshof die 25-Prozent-Regelung bzgl der slowenischsprachigen Einwohner für die Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten auf und setzte die Grenze bei 10% fest. Landeshauptmann Haider ging darauf hin wütend verbal auf VfGH-Präsident Ludwig Adamovich los.(94) Bei der Wahl 04 in Kärnten behaupteten sich Haider und die FPÖ. 2005 wurden erstmals seit langer Zeit wieder zweisprachige Ortstafeln aufgestellt, zum 50-Jahr-Jubiläum des Staatsvertrags, nach einigen „Kärntner Konsenskonferenzen“, zT im Beisein von BK Schüssel und LH Haider. 

Einer Lösung des Konflikts war man 05 schon sehr nahe. Nachdem der VfGH zwei weitere zweisprachige Schilder vorschrieb, liess Haider die dortigen Ortstafeln verrücken. Im Nationalratswahlkampf 2006 liess der Landeshauptmann zweisprachige Tafeln durch deutsche Ortsschilder mit kleinen slowenischen Zusatztafeln ersetzen. 2007 wurden die Tafeln erneut umgestaltet, die Zusatzschildchen wurden in die Tafel hineinmontiert. Dass der VfGH diese Aktionen als verfassungswidrig erklärt, kümmerte Haider nicht. Die ÖVP, Koalitionspartner von FPÖ bzw dann BZÖ im Bund, gefiel sich in ihrer Rolle, denn als Schuldiger bzw Bremser stand Jörg Haider da, während sie sich nach Aussen konziliant gab.

2008 die Fussball-EM in Österreich und der Schweiz, dafür wurde auch Klagenfurt als Spielort bestimmt und das Wörthersee-Stadion abgetragen (05) und neu gebaut (06/07), Spatenstich natürlich mit Jörg Haider. 3 Vorrunden-Spiele in der Österreich-Gruppe fanden dann in dem Stadion statt, das für die Stadt etwas zu gross ist – eine neue Halle für den Eishockey-Verein KAC wäre wahrscheinlich „angemessener“ gewesen.(95)  Die TV-Diskussions-Runde der Parteichefs vor der NR-Wahl im Herbst 08 war einer der letzten „grossen Auftritte“ von Jörg Haider. Bei der Wahl schaffte sein BZÖ (wohin ihm seine Getreuen wie Westenthaler gefolgt waren) den Wiedereinzug ins Parlament (sogar gute Zugewinne), zum letzten Mal.

Etwa einen Monat später verunglückte er tödlich bei einem Autounfall am Weg von Klagenfurt ins Bärental. Er war mit überhöhter Geschwindigkeit und alkoholisiert unterwegs gewesen. Vor der Fahrt hatte Haider anscheinend zwei Lokale aufgesucht, zunächst eines in Velden, dann das Klagenfurter Schwulen-Lokal „Zum Stadtkrämer“.(96) Haider habe dort einen jungen Mann getroffen und Wodka getrunken. Haider dürfte bisexuell gewesen sein. Grissemann/Steermann: „Claudia Haider war eifersüchtig auf Stefan Petzner“.(97) Petzner war einer Jener, die von einem Mordanschlag an Haider redeten, wie auch andere FPÖ/BZÖ-Politiker wie Karlheinz Klement oder Gerald Grosz, sowie das Internet-Portal politically incorrect. Der Unfallort Lambichl in Köttmannsdorf/ Kotmara vas südlich von Klagenfurt wurde eine Art Pilgerstätte.

Slowenen-Vertreter Rudi Vouk, mit Haider im „Clinch“ wegen den Ortstafeln gewesen, redet von Druck zur Trauer in Kärnten.(98) Es wurden vom TV damals aber auch kritische Stimmen zum Verstorbenen in Kärnten eingefangen. Am Tag vor dem Unfall war Haider bei einer Feier zum Jahrestag der Volksabstimmung 1920 aufgetreten, auf dem Friedhof Annabichl, sagte dabei, die Regierung Sloweniens solle sich aus der Kärntner Ortstafelfrage heraushalten.(99) Der Chef der slowenischen Rechtsaussen-Partei SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfalltod Haiders in Süd-Kärnten so, dass ihn dieser „auf slowenischem Boden“ ereilt habe.(100) Der (damals) kommende slowenische Premier Pahor sandte dagegen ein Beileidsschreiben an die Familie Haiders. Auch italienische Rechte (s.u.) beklagten den Tod Haiders.

FPÖ-Prominenz bei Haider-Begräbnis

Beim Begräbnis in Klagenfurt trat u.a. Bundeskanzler Gusenbauer auf, leitete möglicherweise einen Frieden der Republik mit Haider ein. Der evangelische Superintendent von Kärnten, Manfred Sauer, lobte Haider in einem Hirtenbrief als Mensch und Politiker, wurde dafür auch auf dem BZÖ-Parteitag gelobt. Gertraud Knoll, evangelische Pfarrerin, trat aufgrund dessen aus der Evangelischen Kirche aus, „als Ausdruck ihrer protestantischen Identität“.(101) Bemerkenswert in dem Zusammenhang war auch, dass von „beiden Kirchen“ des Landes gesprochen wurde, fast wie in Deutschland. Normalerweise steht die evangelische Kirche in Österreich klar im Schatten der katholischen.

Das Fellner-Blatt „News“ brachte „Haiders schöne Töchter“ auf der Titelseite… die Ältere, Ulrike, hat einen Italiener geheiratet und lebt auch dort. Zum Verkauf der Hypo Alpe Adria Bank an die Bayern LB 2007 durch ihren Vater sagte Ulrike Haider-Quercia, dieser habe die Hypo „vorteilhaft für die Steuerzahler verkauft“, der Fehler sei der Rückkauf 2009 durch den damaligen Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) gewesen. Auch Michael Jeannee („Kronen Zeitung“) verdrehte die Schuld daran, dass die meisten Österreicher für Haiders Hypo-Geschäfte zahlen mussten. Haider-Quercia gehört auch zu Jenen, die nicht an einen Unfalltod von JH glauben (wollen). Ein Zeit lang sah es so aus, dass sie auch in die Politik geht (fürs BZÖ), auch von ihrer Mutter wurde das spekuliert.

Unter Haiders Nachfolger als LH (08-13), Gerhard Dörfler (FPÖ, BZÖ, FPK), behauptete sich das BZÖ bei der LT-Wahl 09 nochmal. ’13 ist dieses politische Erbe Haiders aus dem NR geflogen (bzw schaffte nicht mehr den Einzug), ging in der Folge unter. Die FPÖ unter Strache erlebte dagegen Höhenflüge, und ein grosser Teil des BZÖ kehrte zu ihr zurück, in Kärnten mit dem Zwischenschritt FPK. Die Politologin Stainer-Hämmerle sagte vor einigen Jahren zum Erbe Haiders, dieser würde heute Bundeskanzler oder im Gefängnis sein. Unter Dörfler wurde 2011 eine Lösung des lang-schwelenden Ortstafel-Konflikts geschafft, nach Verhandlungen zwischen der Kärntner Landesregierung, Staatssekretär Josef Ostermayer, der Slowenenvertreter und Heimatbünde. Die Einigung, die gefunden und umgesetzt wurde: In Gemeinden mit einem Anteil von 17,5 Prozent an slowenischsprachiger Bevölkerung müssen zweisprachige Ortstafeln aufgestellt werden. Dörfler: „Der Jahrhundertstreit ist endlich beendet.“   

Angesichts des Vergleichs mit der kroatischen Minderheit im Burgenland und dem Unterschied zur dortigen Behandlung/Lösung der „Ortstafelfrage“ muss man sich eigentlich fragen, was diesen Unterschied ausmacht… Ist es die Mehrheitsbevölkerung oder die Minderheit oder der historische Hintergrund? Andere ethnische Minderheiten als diese beiden sind in Österreich de facto nicht existent. Zu den Slowenen in der Steiermark siehe unten; die Ungarn und Sinti im Burgenland hatten es wie diese schwer, ihre nationale Identität in diesem Staat zu behaupten, allein schon wegen ihrer Grösse. Aber auch bei Kärntner Slowenen und Burgenländer Kroaten gibt es viel Assimiliation und Vermischung – Burgenländer mit Namen auf -its und Kärntner mit Namen auf -nig müssen keineswegs eine kroatische bzw slowenische Identität haben… In Kärnten hat der Streit um zweisprachige Aufschriften Ortstafeln jedenfalls jahrzehntelang das Verhältnis der slowenischen Minderheit zur Mehrheit dominiert; oder ist es eher so, dass sich dieses Verhältnis im Ortstafelkonflikt wiederspiegelte

Die Situation zwischen den Volksgruppen in Kärnten hat sich jedenfalls entspannt. Neben den genannten Slowenen-Organisationen NSKS (Rat, christdemokratisch, Vorsitzender z Zt V. Inzko) und ZSO (Zentralverband, sozialdemokratisch, Vorsitzender z Zt M. Jug) gibt es den SKS (Gemeinschaft, Abspaltung vom Rat 03, Vorsitzender z Zt B. Sadovnik). Und die Koordinationsplattform KOKS. Alle diese Verbände haben ihre Mitgliedsvereine. Langjähriger Obmann des Zentralverbandes slowenischer Organisationen in Kärnten (ZSO) war Borut Marjan Sturm, Historiker der an der Universität Wien über die innere Entwicklung der slowenischen Widerstandsbewegung Osvobodilna fronta dissertierte. NSKS-Chef Valentin Inzko ist Diplomat, Hoher Repräsentant der UN für Bosnien-Herzegowina.

Verheiratet ist dieser mit der Sängerin Bernarda Fink, die in Argentinien in eine ausgewanderte slowenische Familie geboren wurde. Seit 2015 ist sie auch Gemeinderätin der slowenischen Liste VS/WG in Feistritz im Rosental. Solche Listen und Einzelpersonen in Kärntner Gemeinderäten sind in der Enotna Lista (deutsch: Einheitsliste, Abkürzung: EL) zusammengeschlossen, die in dieser Form 1991 entstand. Sie ist im zweisprachigen Gebiet in zahlreichen Gemeinderäten vertreten. Mit Franz J. Smrtnik stellt die EL in Eisenkappel-Vellach seit 2009 den Bürgermeister. Der Bezirk Völkermarkt ist am slowenischsten in Kärnten (dann Klagenfurt Land,…) und Eisenkappel-Vellach (Železna Kapla-Bela) ist vielleicht der slowenischste Ort Kärntens. 1939 wurden Eisenkappel und Vellach zusammengeschlossen, der Ort mit seinen etwas über 2000 Einwohnern wird meist einfach Eisenkappel genannt; Hauptort der Gemeinde ist Bad Eisenkappel. Im Gemeindegebiet liegt der südlichste Punkt Österreichs.

Das Gemeindegebiet erstreckt sich im oberen Vellachtal bis zum Hauptkamm der östlichen Karawanken, hat zwei Grenzübergänge zu Slowenien, den Seebergsattel (Jezerski vrh) und den Paulitschsattel (Pavličevo sedlo). Offiziell sind 38% der Einwohner Slowenen. Die Autorin Maja Haderlap ist von dort, und der kroatische ehemalige Fussballtrainer Otto Barić wurde dort geboren. Im Landtag haben die Kärntner Slowenen kein Festmandat und ihr Anteil an der Bevölkerung liegt unter der Grundmandatshürde. Daher geht die EL bei Landtagswahlen Bündnisse ein, mit den Grünen, dem LIF oder deren Nachfolgepartei NEOS. Als 2013 der Grün-Abgeordnete Kuchling im Landtag eine Ansprache (auch) auf Slowenisch hielt, verliessen die FPK-Abgeordneten den Saal.

Kar(e)l Smolle aus Klagenfurt war Autor und Gerichtsdolmetscher, dann Obmann des NSKS, dann war er Abgeordneter für die Grünen im Nationalrat (86-90), schliesslich für das LIF (98/99). Dazwischen war er Botschafter Sloweniens in Österreich.(102) Angelika Mlinar, ebenfalls Kärntner Slowenin, war Abgeordnete der NEOS im NR und EP, trat bei der EP-Wahl ’19 für die slowenische liberale SAB-Partei an, wurde aber nicht gewählt. Auch „Mirko“ Messsner, KPÖ-Bundeschef, ist Kärntner Slowene. Sein Vater war Partisane, den es nach Jugoslawien verschlug, seine Mutter Nordmakedonierin.

Nach dem SPÖ-Sieg bei der Landtagswahl 2013 wurde Peter Kaiser Landeshauptmann, als erster SPÖ-Mann seit Peter Ambrozy 1988/89. 2018 hat sich die SPÖ behauptet. Bei der Wahl ’18 schaffte das BZÖ nicht die Mandatshürde und trat die FPÖ wieder als solche an (nicht mehr als FPK). Die Scheuch-Brüder Kurt und Uwe haben sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen. Beide waren, in Post-Haider-Zeiten, Landeshauptmann-Stellvertreter und Landesparteichefs gewesen. Uwe Scheuch wurde dafür verurteilt, mehreren russischen Personen als Gegenleistung für Parteispenden und Investitionen die österreichische Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt und aktiv auf deren Verleihung hingewirkt zu haben („Part of the Game“).(103)

Der damalige FPÖ-Obmann Strache, auch ein Saubermann und Korruptionsbekämpfer, hat dem damaligen FPK-Obmann Scheuch den Rücken gestärkt. Dieser sei zu Unrecht verurteilt worden. Auch die heftige Kritik an der Justiz sei gerechtfertigt, solange das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. Strache hat dann 2017, als Vizekanzler unter Kurz, auf der Balearen-Insel Ibiza(104) einer vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen gegenüber seine Bereitschaft zur Korruption, Umgehung der Gesetze zur Parteienfinanzierung sowie zur verdeckten Übernahme der Kontrolle über parteiunabhängige Medien an den Tag gelegt. Was 2 Jahre später herauskam und zum Ende der Regierungskoalition führte…und zum Parteiausschluss von Strache. In der FPÖ/BZÖ/FPK-Ecke hat man also zur slawischen Bedrohung ein „pragmatisches Verhältnis“.

Strache verwehrte sich gegen Vorwürfe, die FPÖ beherberge „Kellernazis“, und bezeichnete seine Partei als „soziale Heimatpartei“. Er sei gegen Ausländer, die nicht arbeiten und sich nicht integrieren wollen. Slawische Feindbilder sind jedenfalls in Österreich „verschwunden“, sogar bei der FPÖ. Sogar beim KHD, siehe Unten. Bei einer Änderung ihres Parteiprogramms vor einigen Jahren hat die FPÖ auch erstmals autochthone Minderheiten in Österreich (wie die Kärntner Slowenen), neben den „Deutsch-Österreichern“, anerkennend erwähnt. Doch unter Strache wurden die Serben, mehr als Kroaten, Slowenen oder Ungarn, die Guten. Was auch mit dem hohen Anteil an Serbischstämmigen (Wählern) in Österreich zu tun hat. Grosses Feindbild wurde „der Islam“, und „dem“ gegenüber werden auch Frauenrechte oder Juden positiv affirmiert.(105)

Auch die Instrumentalisierung des türkisch-kurdischen Genozids an den Armeniern steht in diesem Zusammenhang. In der FPÖ bemüht man sich auch zeitweise um die Kurden als Verbündete, was wiederum mit den „Anti“deutschen und anderen Kulturkämpfern verbindet. Der Wiener Zahntechniker(106) Strache, der die FPÖ 05-19 führte (länger als Haider!)(107), sieht die Dinge aber etwas anders als „im Süden“. Während Strache die Serben glorifizierte („500 Jahre osmanische Fremdherrschaft überlebt“) äusserte etwa der steirische FPÖ-Politiker Gerhard Kurzmann Mitgefühl mit den Opfern der Tito-Partisanen.(108) Strache hat das Grenzland gewissermaßen in den Süden hinunter verlegt. Serbien am Balkan stellt bei ihm die Grenze der Zivilisation zur Wildnis dar, nicht mehr die Karawanken.(109)

Strache sprach vom „Wiener Blut im europäisch-christlichen Sinn“, das auch serbische Anteile hätte, von der drohenden Islamisierung Europas. Er ging/geht auch in serbische Lokale in Wien, liess Wahlwerbung der FPÖ auf Serbisch bringen (Zeitungsinserate), trat (wie Handke) in Belgrad auf, er auf einer Kundgebung der dortigen Ultranationalisten, war 2013 bei einem Konzert der Serben-Sängerin „Ceca“ („Arkan“-Witwe) in Vösendorf (veröffentlichte auf Facebook nachher ein Foto mit ihr für seine serbischen Fans).(110) Natürlich gibt es hier etliche Fallen, Stolpersteine, Widersprüche. Wenn es um den heimischen Arbeitsmarkt geht (und den Zustrom von Zuwanderern aus Ländern wie Serbien auf diesen), hält sich die „konkrete“ Begeisterung von Seiten der FPÖ in sehr engen Grenzen, und als die EU Griechenland in dessen Finanzkrise helfen sollte, kam lautes Maulen von den wackeren Verteidigern des Abendlandes.(111) Und natürlich hatten/haben FPÖ-Anhänger Probleme mit Arnautovic(112) oder Dragovic im österreichischen Fussball-Nationalteam, nicht nur wegen Arnautovics Verhalten beim Abspielen der Hymne.(113)

Josef Feldner vom KHD und Marjan Sturm vom ZSO waren langjährige Gegner und umarmen sich heute zeitweise. Brachten zusammen (2007) das Buch „Kärnten neu denken – Zwei Kontrahenten im Dialog“ heraus. Noch 2001 hat Feldner erklärt: „Jede zusätzliche Ortstafelgemeinde ist ein Schritt hin zu Slowenisch-Kärnten, und da dürfen, und da werden wir nicht mitmachen.“ Nun warnt er vor der „multikulturellen Durchmischung Europas“ und einem „Millionenheer von Moslems“. Die Versöhnung von Teilen des Heimatdienstes und der Slowenen-Organisationen (die sich in der „Kärntner Konsensgruppe“ treffen) wird vom Abwehrkämpferbund nicht mit gemacht. Für Franz Jordan vom KHD sind ebenfalls Slowenen nimmer der Feind, es ginge nun um die „Verteidigung christlicher Werte gegen neue Religionen, die ins Land drängen“. Zuwanderer vom Balkan, aus Afrika, Westasien, Nordafrika,… gibt es auch in Kärnten.(114)

Das Verhältnis zur slowenischen Minderheit bleibt eines der bestimmenden „Themen“ Kärntens. Im Kärnten nach Haider scheint etwas mehr Miteinander entstanden zu sein, statt Neben- oder gar Gegeneinander. Der Künstler Cornelius Kolig sagte mal über seine Landsleute, die Hälfte der Kärntner hat slawisches Blut, deshalb tun die Kärntner besonders deutsch-national… Die Namen sind jedenfalls ein Zeugnis von diesen slowenischen Wurzeln und Namen, und auch von der Vermischung und Assimilierung der Slowenen im Land. Natürlich ist da viel an verleugneter Identität/ Wurzeln dabei. Der Anteil der Slowenen in Kärnten wird in der Regel über die Sprachpraxis erhoben/definiert, beträgt um die 5 % – der Anteil der Kärntner mit slowenischen Namen/Wurzeln ist viel höher. Manche geben bei Volkszählungen „Windisch“ als ihre Sprache an.

Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise…und Viele haben sich Slowenisch (aus unterschiedlichen Gründen) nicht als Erstsprache bewahrt, Viele auch nicht mal als Zweitsprache. Schätzungen zufolge gab es im 19. Jh, bevor die Nationalismen bedeutend wurden, etwa ein Drittel Slowenen im Land, inklusive der 3 Gebiete die dann an Italien und Jugoslawien verloren gingen. In Südost-Kärnten hat „fast jeder irgendwo zumindest eine slowenische Großmutter“, sind die Volksgruppen besonders durchmischt. Zell/Sele westlich von Eisenkappel dürfte der einzige Ort mit slowenischer Mehrheit sein. Manche sind sauer darüber, wenn in dieser Gegend Gottesdienste auf Slowenisch stattfinden, statt auf Deutsch.(115)

Volkstumsgrenzen sind oft nicht so eindeutig, auf beiden Seiten der Karawanken. Auch in Slowenien gibt es diese Vermischten und Assimilierten. Leute die deutsche Namen haben, ohne sich als solche (oder [Alt-] Österreicher) zu fühlen. Ein wichtiger Partisanenführer in Slowenien war Franc Rozman, auf der Gegenseite stand damals Odilo Globocnik. „Rozman“ leitet sich natürlich von „Rossmann“ ab, so wie „Maister“ von „Meister“, oder „Sadounig“ von „Sadovnik“ oder „Schuschnigg“ von „Susnik“(116), „Preschern“ von „Prešern“,… Wenn jemand in Slowenien „Gajser“ heisst, hat er vermutlich Vorfahren, die „Kaiser“ hiessen; ein Kärntner mit dem Namen „Ferlitsch“ hat eine „verstümmelte“ Version des slowenischen Namens „Verlic“.        

Vinko Hafner war im kommunistischen Jugoslawien einer der wichtigsten slowenischen Politiker, im österreichischen Kärnten gab es derweil einen Ferdinand Wedenig als Landeshauptmann. Der slowenische Botschafter in Österreich war Ivo Vajgl (> Waigel). Den Namen „Grilc“ tragen zB der Kärntner Slowene Mateuz G. (vom Rat, soll Anschläge in Österreich durchgeführt haben) oder der niederösterreichische Fussballer Florian Grillitsch, und der Name des Gottscheer-Aktivisten August(in) Gril dürfte sich auch davon ableiten. Aus „Jančar“ oder „Jansa“ wurde in Österreich „Jantscher, aus „Schweinzer“ wurde in Slowenien „Švajncer“.(117) Dann gab es den Untersteirer Ivan Kramberger, ein Aktivist und Aktionist, der sich in der Politik versuchte, bei der slowenischen Präsidentenwahl 90 antrat; 92 wurde er ermordet.

Und, natürlich gibt es auch in Slowenien eine nationalistisch gefärbte Geschichtsbetrachtung, mehr nationale „Leit“-Identität als kulturelle Vielfalt. Zwei der wichtigsten Historiker dieses Landes heissen übrigens Grafenauer und Zwitter. Es gibt in Slowenien auch Leute mit ungarischen und italienischen Namen bzw Wurzeln, zT werden deren Namen auch „angepasst“. So wie sich der Name des burgenland-kroatischen Fussballers Andreas Ivanschitz in Kroatien „Ivančić“ schreibt.(118) Otto Barić (Kroate) und Thomas Parits (Burgenland-Kroate) haben eigentlich den selben Namen, anders geschrieben. Der kroatische Fussballer Đovani Roso hat zT italienische Vorfahren (was in Dalmatien von wo er stammt, nicht ungewöhnlich ist), sein Name ist natürlich die slawisierte Version von „Giovanni Rosso“.(119)

Ein Blick zu den Slowenen in der Steiermark. Es gibt sie in 2-3 getrennten Gebieten im Süden, die an Stajerska/Untersteiermark grenzen, sie haben nicht diese Infrastruktur mit Schulen und Vereinen wie die Kärntner Slowenen. Es gibt aber den Artikel-VII-Verein und das Pavelhaus. Im östlichen Teil dieses Raums spielt auch das Ungarische und Kroatische eine Rolle. Siehe dazu hier (Artikel & Kommentare).

Haider erklärte einmal den Widerstand gegen zweisprachige Ortstafeln als Reaktion auf den „ständigen Versuch der Slowenen in den letzten Jahrzehnten, sich einen Teil Kärntens einzuverleiben.“ Es ist aber nicht vorstellbar, dass Südostkärnten wieder zu einem militärischen Streitpunkt wird. Die Schutzmachtstellung für eine Volksgruppe (wie Slowenien für die Slowenen in den Nachbarländern oder Österreich für die Südtiroler) beinhaltet auch eine Anerkennung der Grenzen. Den Charakter des südslawischen Vorrückens nach Kärnten nach den Weltkriegen kann man diskutieren – genau so wie den Widerstand und die Vorgeschichten. Die Partisanen haben nicht für ein demokratisches und unabhängiges Kärnten gekämpft (wenn sie auch gegen den Faschismus gekämpft haben). Und die Wehrmacht hat davor Slowenien und den Rest von Jugoslawien besetzt und zerstückelt.(120)

Slowenische Kärntner haben da mitgemacht, „Deutsch-Kärntner“ dortsie (bzw ihre Nachfahren) wollen aber auch nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden – bzw ihre Rechte in Kärnten davon abhängig gemacht haben… Manchmal wird im Zusammenhang mit den Kärntner Slowenen die Frage der „Reziprozität“ aufgeworfen, die verbliebenen Deutschen/ Altösterreicher in Slowenien betreffend. Das sind die Untersteirer und Gottscheer. Diese Slowenien-Deutschen sind ebenso von Assimilation betroffen wie die Slowenen in Kärnten. Die Untersteirer sind eine Art Steirer, die Gottscheer in der Krain/Kranjska korrespondieren gewissermaßen mit Kärnten, stammen auch zT von dort. Die nach dem 1. WK von Kärnten/Österreich abgetrennten und im 2. WK (vom Grossdeutschen Reich) annektierten Gebiete Seeland und Miesstal bilden Slovenska Koroška/ Slowenisch Kärnten.(121)

Zarz/Sorica liegt auch in der Krain(122), die dortige Sprachinsel wurde grossteils von Einwanderern aus dem Tiroler Pustertal gebildet. Die Zarzer sind längst an die slowenische Umgebung assimiliert, geblieben sind die Familiennamen. Manche sagen, dass es im Miesstal und Seeland, also in Slowenisch-Kärnten, auch noch Deutschsprachige gibt (Deutschstämmige wohl schon), diese werden als „Unterkärntner“ bezeichnet. Im Wesentlichen geht es bei den Slowenien-Deutschen aber um die Gottscheer und Untersteirer. Die Gottscheer sind also „eine Art Kärntner“, bewahrten ihren altertümlichen oberdeutschen Dialekt, das Gottscheerische, sechs Jahrhunderte lang. Der Niedergang begann mit der Besetzung und Annexion Jugoslawiens 1941 durch die Achsenmächte; nachdem die Unterkrain von Italien annektiert wurde, wurden die meisten Gottscheer ausgesiedelt.

Vor dem Hitler-Stalin-Krieg gab es 600 000 Deutsch(sprachig)e in Jugoslawien, 1980 waren es noch 50 000 Deutsche im kommunistischen/sozialistischen Jugoslawien, 2012 wurde ihre Zahl auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawiens (zur Zeit 7 Staaten)(123) auf unter 10 000 geschätzt. Ausser den genannten Gruppen in Slowenien gibt es noch die Donauschwaben, deren Gebiete nach dem Auseinanderfall Jugoslawiens 1991/92 zu Serbien (Vojvodina)(124) und Kroatien (Ost-Slawonien) gehören.(125) Kroatien anerkennt seine deutsche Minderheit (bzw was davon noch übrig ist), nimmt also auch hier eine andere Haltung als Slowenien ein.

Slowenien gewährt den Gottscheern und Untersteirern keine Anerkennung und keinen Minderheitenschutz, im Gegensatz zu den Minderheiten der Italiener im Westen (Primorska) und der Ungarn im Osten (Prekmurje).(126) Aus Sicht der Republik Slowenien gibt es eine deutsch(sprachig)e Minderheit in Slowenien in dem Sinn nicht. Der slowenische Botschafter in Österreich (~Vajgl) hat vor einigen Jahren gesagt, die Deutschstämmigen in Slowenien seien weder im historischen noch im aktuellen Kontext auf einer Stufe mit den anerkannten Minderheiten. Weil sie grossteils assimiliert sind (nicht ganz so wie die Tschechisch-Stämmigen in Wien zB) oder wegen des 2. Weltkriegs? Ex-Präsident Kucan hat die AVNOJ-Beschlüsse betreffend der Vertreibung der Deutschen aus YU verteidigt, u.a. in einem „Profil“-Interview.

Jörg Haider hat die Frage der Reziprozität im Kontext mit Minderheitenrechten der Kärntner Slowenen mal angeschnitten. Natürlich ging es da um Ablenken und historischen Revisionismus. Aber auch Karl-Markus Gauss hat die Reziprozität hier aufgeworfen, in „Die sterbenden Europäer“ (2002), im Abschnitt über die Gottscheer bzw ihre Überreste. Darin schreibt er vom Gottscheer Augustin Gril. „Schwierigkeiten als Gottscheer habe er in (127) Slowenien nie gehabt, einfach weil es die Gottscheer Minderheit offiziell gar nicht mehr gab und, wer in Lande geblieben war, als Slowene galt“. Er wurde aber doch in seiner Militär-Akte als Sohn eines Eigentümers und national unzuverlässiges Element(128) gekennzeichnet; dennoch wurde er Chauffeur von Offizieren des Generalstabs der JNA. Es ist bei den Gottscheern wie bei anderen bedrängten Minderheiten, etwa den Griechen in der Türkei: Auswanderer schwächen Bleibende, Misstrauen schürt Illoyalität, Assimilation wird als Lösung angenommen,..

Die Haltung Sloweniens in dieser Frage kann man als ein Zeichen von Schwäche sehen, genau so wie die zeitweilige Hysterie in Kärnten um die Ortstafeln. Angehörige der Volksgruppen der Ungarn und Italiener(129) in Slowenien haben im 2. WK auch mit ihren „Mutterländern“ (die sich Teile Sloweniens einverleibten) kollaboriert. Es wäre problematisch, wenn man mit einer derartigen Kollaboration Minderheitenrechte verwirkt hat. Man kann aber auch die andere Seite sehen…

Um die serbischen Kroaten, also die Serben in der kroatischen „Krajina“, ging es bei der Auflehnung, dem Krieg, der Besatzung, der Phase die 1990 begann (nach der freien Wahl in Kroatien) und 1995 (mit „Oluja“ und „Bljesak“) endete. Die Krajina war eine Militärgrenze in Kriegen gegen die Osmanen, dort wurden aus dem osmanischen Bereich geflüchtete Serben angesiedelt. Diese Gebiete waren aber immer Teil Kroatiens. Die Krajina-Serben wurden nach dem HDZ-Wahlsieg ’90 von Milosevic, Babic,… aufgehetzt (ähnlich wie die serbischen Bosnier), sie müssten sich wehren gegen das was Kroatien mit ihnen vorhätte, wurden zur Illoyalität ggü Kroatien gebracht. Nach der Rückeroberung waren die Dinge natürlich etwas anders. Eine Art selbsterfüllende Prophezeiung…(130) Da gab/gibt es genau so das Spielen der Opferkarte wie bei jenen „Reichs-“ oder „Volksdeutschen“(131) die infolge der Hitler-Kriege ihre Heimat verloren.

Wenn man die Sudetendeutschen Bürger der Tschechoslowakei sein hätte lassen (bzw sie sich), wären sie das wohl heute noch. Natürlich waren sie im Endeffekt (auch) Opfer. Von der IT-Seite der Österreichischen Landsmannschaft (ÖLM), die Vertriebene vertritt, über die Untersteiermark(132): „Deutsche und slawische Bauern wohnten friedlich nebeneinander. Da aber die Slawen südlich der Drau dichter siedelten und dort slawische Priester in der Überzahl waren, ging die deutsche bäuerliche Bevölkerung im Laufe von Jahrhunderten im slawischen, auch ‚windisch‘ genannten, Volkstum auf.  Erst im 19. Jahrhundert wurde das friedliche Zusammenleben der Deutschen und Windischen durch den aufkeimenden slowenischen Nationalismus gestört.“ 

Das Verorten der nach dem 2. WK vertriebenen/geflüchteten Deutschen in der Opferrolle zieht sich dort wie ein roter Faden durch alle Ausführungen, alle Zeiten betreffend. „Zahlreiche Türkeneinfälle zwischen 1471 bis 1532 verheerten die Untersteiermark. Tausende Tote und in die Türkei verschleppte Kinder und Frauen waren jedesmal die furchtbaren Folgen. Die Bedrohung durch die Türken blieb bis ins 17. Jahrhundert bestehen.“ Oder: „Anfang Juni wurden alle, deren Familiensprache deutsch war, samt Kleinkindern und Greisen in die slowenischen Konzentrationslager Sternthal bei Pettau, Tüchern bei Cilli, Gutenhaag bei St. Leonhard und in Gefängnisse getrieben, wo sie brutal behandelt wurden.“ Überall die Eigen-Viktimisierung, Dämonisierung der Gegenseite, Ausblendung des Leids auf dieser. Zurück zu den Gottscheern, nochmals zur Erinnerung: Es waren die Nationalsozialisten, die sie aus ihrer jahrhundertelangen Heimat aussiedelten, weil man das betreffende Gebiet dem Verbündeten Mussolini-Italien übergeben wollte (genau wie einen Teil der Südtiroler).

Die Südtiroler sind die einzige Altösterreicher-Volksgruppe, die sich in einem nennenswerten Maß halten konnte, als solche.(133) Übrigens, Südtiroler und Kärntner Slowenen arbeiten auch immer wieder zusammen, so von Minderheit zu Minderheit. 2014 besuchte eine Kärntner Delegation mit Landtagspräsident Rudolf Schober, dem KHD-Obmannstellvertreter Franz Jordan, Erika Glantschnig und Ewald Klammer von der Gottscheer Landsmannschaft Klagenfurt die Gegend um die Stadt Kočevje (Gottschee). Empfangen wurde sie von Mitgliedern des Gottscheer Altsiedlervereins um August(in) Gril. 

Das südliche Kärnten ist Teil einer grossen Kontaktzone von Deutschsprachigen, Slowenen und Italienern. Kärnten hat eine lange Grenze mit (bzw Verbindung zu…) der italienischen Region Friuli Venezia Giulia (Friaul – Julisch Venetien), und zwar an deren Provinz Udine – zu dieser gehört auch das Kanaltal/ Val Canale.(134) Im Westen hat Kärnten ausserdem eine äusserst schmale (nicht befahrbare) Verbindung zur Region Veneto/Venetien, deren Provinz Belluno (die auch an Südtirol grenzt). Und zwar vom Lesachtal (Lesna dolina) bei Kötschach-Mauthen im Bezirk Hermagor über die Karnischen Alpen in’s Cadore-Tal. Im Kanaltal mit Tarvis(io) gibt es keine Deutschsprachigen (Kärntner) mehr, aufgrund der Aussiedlungs-Option unter den Nationalsozialisten 1941 (zusammen mit den Südtirolern).

Die Kanaltaler wurden in (anderen) Gebieten Kärntens angesiedelt, wobei dafür die dortigen Slowenen vertrieben wurden, und manche dieser Gebiete (wie Oberkrain und Miesstal) 1945 (wieder) an das jugoslawische Slowenien fielen, diese Leute somit abermals weiterwandern mussten. Es gibt aber deutsche Sprachinseln in Friaul-Julisch Venetien, so wie in Sauris und Timau.(135) Das Kanaltal liegt in der Ecke Kärnten (Villach Land) – Slowenien (Primorska/Küstenland) – Friaul. Slowenen gibt es auch in dieser Gegend des Friauls, sowie in anderen Teilen der Region.(136)

Österreich befindet sich zwischen dem deutschen Manne und der italienischen Mamma.(137) In Kärnten und in Österreich generell ist eine positive Haltung ggü Italien vorherrschend, jene zu Slowenien ist „anders“… Die in Kärnten übliche positive Haltung gegenüber Italien hat auch der Oberösterreicher Jörg Haider übernommen – der auch einen italienischen Schwiegersohn hatte. Der damalige Landeshauptmann im „Standard“-Interview 2003: „…die Lebensweise des Italieners ist eine offenere. Der Slowene ist ein Slawe. Slawen sind viel schwermütiger und daher auch introvertierter in vielen Bereichen als der Italiener. Abgesehen davon will der Oberitaliener Friulaner oder Veneter sein und kein Italiener.“ Haider hatte auch zu italienischen Rechtspopulisten recht gute Verbindungen, in erster Linie zur Lega Nord und Umberto Bossi. Südtirol war für Haider kein echtes Anliegen.(138)

Bleiburg/Pliberk, eine der slowenischsten Gemeinden Kärntens, sie liegt oberhalb von Miesstal/Jezersko, wird jährlich zu einem Treffpunkt nationalistischer Kroaten. Bei der Gedenkstätte auf dem Loibacher Feld wird an die „Übergabe“ der Ustaschi an die Partisanen durch die Briten (und die darauf folgenden Massaker) erinnert – aber nicht an die Massaker durch die Ustaschi in den Jahren davor. Die „Tragödie von Bleiburg“ wird von Deutschnationalen und Geschichtsrevisionisten gerne im Zhg mit dem Partisanenkampf in Kärnten gebracht, dem Wirken der Wehrmacht in Jugoslawien, anderen Partisanen-Abrechnungen am/nach Kriegsende. Zum Beispiel hier: „Bleiburska Tragedija: Verschwiegene Geschichte: Massenmorde im Mai 1945 in EX-Jugoslawien und Kärnten: Die kroatischen Massaker von Bleiburg und die Vernichtung des Deutschtums am Balkan: Der Verfasser Mag. Dr. Florian Rulitz ist Kärntner Zeithistoriker mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte und hat bereits mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen zur kommunistischen Partisanengewalt in Österreich, Slowenien,…“.  

Ulrichsberg

In Kroatien gab es nach dem Wahlsieg der HDZ 1990 bzw nach der Unabhängigkeit 1991 natürlich Änderungen in der Geschichts- und Erinnerungspolitik. Es kam aber nicht zu einer Rehabilitierung des Ustascha-Staates. Kroatiens Präsident Tudjman hat bei den Partisanen gewirkt, nicht auf der Gegenseite. Dass er sich dann vom sozialistischen Jugoslawien abwandte, steht auf einem anderen Blatt.(139) Anderswo in Kärnten, am Ulrichsberg (zwischen St. Veit an der Glan und Klagenfurt), findet auch eine jährliche Gedenkfeier statt, seit 1958. Veranstalter des Ulrichsbergtreffen ist die Ulrichsberggemeinschaft, die zu den Kärntner Heimat- bzw Traditionsverbänden gezählt wird. Formal handelt es sich um eine Gedenkfeier für die Opfer beider Weltkriege und des Kärntner Abwehrkampfes.

Teilnehmer der Veranstaltung sind ehemalige Wehrmachts- und SS-Soldaten und Veteranenorganisationen aus ganz Europa(140), auch Neonazigruppen. Für besonderes Aufsehen sorgte die „Kameradschaft IV“, die sich 1995 formell zurückzog. Dabei handelte es sich um einen Soldaten- und Traditionsverband der Waffen-SS. Das österreichische Bundesheer nahm auch bis 2009 teil. Gelegentlich nehmen auch Politiker Teil. Anhaltende Proteste nach sich ziehen auch die Treffen der Kameradschaft IV in Krumpendorf bei Klagenfurt, das traditionell am Vorabend des Ulrichsbergtreffen statt findet. Gudrun Burwitz, Tochter von Heinrich Himmler, war dort zB zu Gast. 1995 hielt Jörg Haider (damals FPÖ-Bundesobmann und Oppositionschef in Wien) eine Rede, in der er die anwesenden Waffen-SS-Soldaten lobte. Und, jedes Jahr am 10. Oktober wird in der Landeshauptstadt und anderswo in Kärnten der so genannte „Kärntner Abwehrkampf“ mit einem Trachtenaufmarsch gefeiert.

Ein Blick auch auf jene, die gegen diese Treffen mobilisieren… Bezüglich der Bleiburg-Veranstaltung 2018 waren das hauptsächlich das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), das Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ), die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG), auch die Politikerin Angelika Mlinar von den NEOS. Wenn Linke und Liberale (bzw die, die sich als solche deklarieren) in Wien und anderswo für die Kärntner Slowenen und gegen Rechtsextremismus Partei ergreifen, gibt es auch „Fallen“.(141) Zum Einen, weil sich hinter vermeintlichem Anti-Nationalistischen mitunter auch eine Art Nationalismus „versteckt“, wobei ein slowenischer Nationalismus nicht nur von der Jelincic-Partei SNS vertreten wird. Dann, das slowenische oder pro-slowenische Narrativ hat für die Zeit nach beiden Weltkriegen ein kleines Problem, da es für „diese Seite“ damals um die Abtrennung Kärntner Gebiete und ihren Anschluss an einen Südslawen-Staat ging, nicht um den Kampf um Minderheiten-Rechte innerhalb Österreichs.

Bei der Volksabstimmung 1920 hiess es auf einem SHS-Propagandablatt übrigens: „In Jugoslawien ist der Bauer Fürst, in Deutschösterreich sind es die Juden und Barone.“ (Foto hier) Wo legitimes Engagement für das eigene Leben, die eigene Volksgruppe, aufhört, und Nationalismus anfängt, ist nicht immer leicht zu sagen. Oder wo sich Nationalismus und Reaktionäres hinter „Menschenrechtsengagement“ und „Liberalem“ versteckt?(142) Beim DÖW und den anderen genannten Organisationen (wo man sich antifaschistisch gibt), wird man kaum ein Bekenntnis zu substantiellen Zugeständnissen an die unter israelischer Herrschaft (der einen oder anderen Form) lebenden Palästinenser finden. Als Israel 2009 die arabischen Aufschriften auf Ortstafeln und Strassenschildern drastisch einschränkte (Details hier), gab es von dort keinen Aufschrei, nein. Dass der Grüne Kuchling im Kärntner Landtag Slowenisch sprach, mag dort entzücken, aber als Israel 2017/18 im Rahmen seines „Nationalstaatsgesetzes“ unter Anderem Arabisch als offizielle Sprache abschuf, kam aus dieser Ecke höchstens Wut darüber, dass das thematisiert wird.(143)

Zionisten preisen seit Jahrzehnten den heldenhaften Kampf gegen die arabischen Eindringlinge, so wie Kärntner den den Abwehrkämpfer (gegen slawische Eindringlinge) 1918/19

Gegen das was Lieberman, Bennett, Netanyahu & Co sagen, sind Haider oder Strache ohnehin harmlos. Haider nicht mehr, aber Strache (die nächste Generation) hat Israel ja positiv affirmiert, wie die Serben. Haider hatte „zum Islam“ ein widersprüchliches Verhältnis. Einerseits die Kontakte zu Ghadaffi junior oder Saddam, andererseits das Minarettverbot in Kärnten, sein Spruch über Moscheen (siehe den Artikel über ihn auf de.wiki). Robert Spencer, ein „Vorprediger“ der Islamophobie, lobte (auch) Jörg Haider. Über Caroline Glick und was sie zu Nationalismus allgemein sagt(e), hier.(144)

Schliesslich, der Respekt für gewisse Kroaten aus den Reihen hiesiger Rechtsextremisten hält sich in gewissen Grenzen, eben so wie jener aus der proisraelischen Ecke für gewisse Exil-Iraner… Da ist man schnell wieder bei den slawischen Feindbildern, beim „Zigeunergsindl“, den „zivilisatorischen Unterschieden“,… Trifft natürlich auch die Einstellung ggü Serben zu, und was Strache oder der „Anti“deutschen-Führer Wertmüller ihren Anhängern diesbezüglich verordnen woll(t)en.(145) Kärntner in Wien soll es um die 25 000 geben(146). Die Bandbreite dieser Exil-Kärntner reicht von Agnes Husslein-Arco (die der FPÖ nahe steht) bis Friedrich Orter vom ORF („Ich bin ein Fluchtkärntner“). Haider brachte Haupt, Reichhold, Rumpold, Gaugg, Sickl,… nach Wien. Zur Zeit ist die FPÖ nicht mehr so von Kärntnern dominiert. Es gibt Wissenschafter, von Rauchensteiner bis Liessmann, Journalisten (von Sperl über Emmerich bis Engstler), und darunter auch Slowenen wie Glawischnig oder Vospernik. In Vorarlberg gibt es auch eine kärntnerische „Diaspora“.

Heuer fand zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung ein (Corona-geprägter) Festakt im Wappensaal des Klagenfurter Landhauses statt, durch den Ute Pichler vom ORF führte. Es soll die Idee des slowenischen Staatspräsidenten Borut Pahor gewesen sein, den Gedenktag gemeinsam zu feiern. Im Rahmen der Feier gab es im Klagenfurter Dom einen ökumenischen Gottesdienst in beiden Landessprachen. Mit Josef Marketz (Jože Markec), 2020 zum Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt geweiht, und Superintendent Manfred Sauer. Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte, dass die slowenische Volksgruppe „ein selbstverständlicher Teil Kärntens und Österreichs“ sei, erinnerte daran, dass bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 „auch sehr viele Kärntnerinnen und Kärntner der slowenischen Volksgruppe für die Einheit Kärntens und die Zugehörigkeit zu Österreich gestimmt“ hätten. „Ohne sie, ohne diese Stimmen, wäre die Volksabstimmung anders ausgegangen.“

„Als Tiroler, die Geschichte Südtirols vor Augen, sind Volksgruppenfragen für mich stets nicht nur eine politische Frage, sondern eine Herzensangelegenheit“, so der Bundespräsident. Vanderbellen entschuldigte sich bei der slowenischen Minderheit „für das erlittene Unrecht“, in Deutsch und Slowenisch. Er dankte seinem slowenischen Amtskollegen Borut Pahor und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser für den „Mut“ zur gemeinsamen Feier. Auch Pahor bemühte sich, das Verbindende zu betonen. Strich das Europäische hervor, die Zukunft. Begrüsste neben den anwesenden Exzellenzen die Slowenen „diesseits und jenseits“ der Grenze. „In so mancher Hinsicht wurden die Versprechen und Verpflichtungen erfüllt, in vielerlei Hinsicht noch nicht“, so Pahor im Hinblick auf die Kärntner Slowenen. Fragwürdig: „Das ist das beste Europa, das wir je hatten, es erlaubt uns zu sein, was wir sind.“

In gewisser Hinsicht schon. Er wies auf den Frieden in Europa seit dem 2. WK hin, die Demokratisierungen in Osteuropa. Aber: Die Jugoslawien-Kriege in den 1990ern mit Srebrenica, Vukovar,… Das nach wie vor bestehende Konfliktpotential etwa in Bosnien-Herzegowina. Und, wenn man an Lukaschenka oder Putin denkt, weiss man dass Europa nicht vollständig demokratisch ist. Darüber hinaus sei Pahor sein Landsmann Slavoj Žižek entgegen gehalten. „Die einzig wirklich wichtige Frage ist die Fukuyama-Frage: Leben wir mit liberaler Demokratie und Kapitalismus tatsächlich im bestmöglichen System? Oder sind wir mit Antagonismen konfrontiert, die so ernst sind, dass wir sie nicht innerhalb des Systems werden lösen können?“ Zizek bejahte seine Frage und nannte die Klimakrise als Beispiel.

Kanzler Kurz war nicht bei der Veranstaltung in Klagenfurt, aber sein Stellvertreter Kogler und mehrere Ministerinnen. Und FPÖ-Chef Norbert Hofer, Dritter Nationalratspräsident. Dieser fand lobende Worte für die erste gemeinsame österreichisch-slowenische Feier. Es sei „ein wichtiger Tag“, sagte er. Aber: „Was wir uns einfach wünschen als Österreich, und ich glaube auch viele Kärntner, dass auch in unserem Nachbarland die Rechte der Volksgruppen, der Minderheiten noch weiter ausgebaut werden“. Gemeint waren die Gottscheer und Untersteirer in Slowenien, viel konkreter wurde Hofer nicht. Laut orf.at ist die Anerkennung der deutschsprachigen Volksgruppe in Slowenien in der österreichischen Politik ein(e) parteiübergreifende Forderung/Wunsch. Es blieb dem FPÖ-Mann überlassen, den Umgang Sloweniens mit „Österreichern“ mit jenem Österreichs mit Slowenen zu „verbinden“.(147)

Auch die Spitzenleute der Kärntner Slowenen-Organisationen und Heimatverbände waren dabei. Der Vorsitzende des Rates der Kärntner Slowenen, Valentin Inzko, zeigte sich erfreut über die „historische Entschuldigung“ von Van der Bellen. Manuel Jug vom Zentralverband slowenischer Organisationen strich auch das Versöhnende hervor, das was sich gegenüber früher zum Positiven geändert hat. „Machen wir ein Duett nicht nur beim Singen, sondern überall dort, wo wir, Kärntnerinnen und Kärntner, zusammenleben sowie mutig und optimistisch Zukunft gestalten“, sagte der 23-Jährige und erntete damit lang anhaltendem Applaus der über 100 Festgäste. Gegen die Veranstaltung demonstriert wurde nicht von der äusseren Rechten sondern von der Gegenseite, etwa 100 Menschen waren der Aufforderung der Slowenischen Studentinnen und der Plattform Radikale Linke gefolgt.

Vanderbellen: „Kärnten ist ein ganz besonderes Land. Es verbindet Österreich und Slowenien auf besondere Weise“. So ähnlich hat es Gusenbauer als Bundeskanzler in Bezug auf Südtirol und das Verhältnis zwischen Österreich und Italien formuliert. Das ist auch das Potential dieser Länder, im Idealfall ist hier eine Brücke, über den Graben gewissermaßen. Ein drachenartiges Wesen als Skulptur gibt es sowohl in Klagenfurt/Celovec als auch in Ljubljana/Laibach. In den Mythologien beider Länder gibt es eine Verbindung davon zum Lindenbaum. Und dann gibt es auch Peter Handke. Aus Kärnten kommt Kunst ja nicht nur in Form von Otto-Retzer-Filmen oder Nockalm Quintett. Sondern auch in Form von Epik, Lyrik oder Dramatik von Peter Turrini oder Ingeborg Bachmann, oder eben Handke – der bezüglich des Verhältnisses Kärntens zu Slowenien und zum ex-jugoslawischen Raum ja Einiges zu sagen hat. 

Seine Mutter (geborene Sivec) war eine Kärntner Slowenin, sein leiblicher Vater ein Deutscher, der als Wehrmachtssoldat in (Südost-) Kärnten stationiert war, sein Stiefvater ein anderer deutscher Wehrmachtssoldat, Adolf B. Handke. Mit dem Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ (das durch Claus Peymann ur-aufgeführt wurde) begann 1966 Handkes Karriere als Schriftsteller. Ab Mitte der 1970er unternahm er Wanderungen im italienischen und slowenischen Karstgebiet und hielt seine Eindrücke in Notizbüchern fest, lernte Slowenisch. In der Erzählung „Die Wiederholung“ (1986) geht es um Kärntner Slowenen und die Beziehung zum damals jugoslawischen Slowenien. Auch „Langsame Heimkehr“ (1979) handelt von der Thematik. Anfang der 1980er zog er nach Salzburg, lebte mit der Schauspielerin „Marie Colbin“ (Maria Kölblinger) aus Gmunden zusammen… Eine Zeit lang lebte er in Paris.

Ab den 1990ern scheint ihn nur mehr der Auseinanderfall Jugoslawiens beschäftigt zu haben. 1991 erschien der Essay „Abschied des Träumers von Neunten Land“. Es heisst, Handke wurde Liebhaber des alten Jugoslawiens, weil dieses ein Vielvölkerstaat war. Genau dem ist aber Slobodan Milošević, den er so liebte, entgegen gestanden. Ivan Stambolić, in den 1980ern wichtigster Mann in Serbien, war zuerst Förderer Milosevics, wurde dann von diesem aus dem Weg geräumt.(148) 1996 veröffentlichte Handke den „Bericht“ seiner „winterlichen Reise“ in den postjugoslawischen Raum (Untertitel: „zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“), machte auch darüber hinaus verharmlosende Kommentare zu serbischen Kriegsverbrechen wie jenen in Srebrenica.   

Weil sich der Papst (damals noch Johannes Paul II.) seiner Meinung nach vom Kosovo-Krieg 1998/99 distanzieren hätte müssen, trat Handke aus der Katholischen Kirche aus, trat zur Serbisch-Orthodoxen über. Sein Problem war aber nicht der Krieg an sich, sondern die Gegenwehr zum Vorgehen Rest-Jugoslawiens unter Milosevic. Die NATO griff gegen die Serben ein, wie schon 1995, Handke sprach von „NATO-Verbrechern“. Infolge des Krieges verlor Rest-Jugoslawien bzw Serbien die Kontrolle über Kosovo/Kosova. 1999 hat er anscheinend auch die Staatsbürgerschaft dieser Bundesrepublik Jugoslawien angenommen. 2004 unterzeichnete er einen vom kanadischen Autor Robert Dickson verfassten Künstlerappell zur Verteidigung Slobodan Milosevics.(149) Im selben Jahr besuchte er den 2000 von der serbischen Demokratie-Bewegung gestürzten Milosevic im Gefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals für YU in Den Haag. 

2005 wurde Handke von den Verteidigern Milosevic zur „Zeugenaussage“ vor diesem Tribunal in der Niederlande(150) geladen, was der ablehnte. Er veröffentlichte dazu einen Essay mit dem Titel „Die Tablas von Daimiel – Ein Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milosevic“. 2006 trat Handke beim Begräbnis von Milosevic als Grabredner auf, schrieb „Milosevic: Ein Begräbnis“. 06 verzichtete er auf den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, wegen Kritik aus dem Stadtrat an seiner politischer Haltung, die längst sein Schreiben dominierte. Worauf hin Schauspieler des Berliner Ensembles und Andere im Namen der „Freiheit der Kunst“ das vorgesehene Preisgeld in gleicher Höhe sammeln wollten.(151) Handke verwendete das Geld als Spende an das serbische Dorf Velika Hoca im Kosovo/Kosova…

2008 sagte Handke, wenn er Serbe wäre, würde er den Nationalisten Tomislav Nikolic (SRS) wählen. Im selben Jahr, ungefähr zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos, schrieb er einen Kommentar für „Le Figaro“, in dem er an das vereinte Jugoslawien und den Sieg der jugoslawischen Partisanen über den Nationalsozialismus erinnerte und die westlichen Staaten als „Gaunerstaaten“ bezeichnete. Es wurde also zunehmend schwer, Handkes Werk von seinen serbo-faschistischen Ansichten zu trennen. Kunst und Politik und Moral… Der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio (16./17. Jh) hat jemanden getötet. Kann man seine Bilder losgelöst davon sehen? Anlässlich des Nobelpreises an Handke Ende 19 die Wiener Wochenzeitschrift „Falter“ mit einer Titelgeschichte über „Kunst und Moral“ (> Foto), am Titelblatt abgebildet Handke, Jackson, Bardot, Wessely, Morrissey, Caravaggio, Schiele, ?. Da gab’s auch noch „Mickey“ Rourke mit seiner Unterstützung für die IRA (was ihm auch viel Anerkennung einbrachte), Harvey Weinstein, Otto Mühl, „Bill“ Cosby, Salman Rushdie, Hermann Nitsch, Kurt Westergaard, Steven Georgiou („Cat Stevens“, „Yusuf Islam“), Günter Grass, Emir Kusturica,… Über den Umgang mit „Tal der Wölfe“, Iwan Franko, Pink Floyd,… hier.

Handke (der Kärntner „Teilslowene“, Schriftsteller/Intellektueller) und Strache (der Wiener Rechtspopulist) treffen sich bei den Serben bzw beim serbischen Nationalismus. Sonst noch wo? Haider war negativ ggü „moderner Kunst“, aber Strache hat ja Verschiedenes positiv affirmiert… Freiheit der Kunst, die für Handke in Anspruch genommen wird, hat es in Jugoslawien(152) zumindest in der Literatur nicht gegeben. 1999, als Handkes Parteinahme für Milošević und noch radikaleren serbischen Nationalismus allmählich Fahrt aufnahm, schrieb seine frühere Lebensgefährtin Marie Colbin einen offenen Brief an ihn, der im „Format“ veröffentlicht wurde. Handke hatte Colbin demnach im Zuge einer Auseinandersetzung gewalttätig angegriffen.

„Ich bin Pazifistin. Und wenn’s nach mir ginge, gäbe es nicht eine Waffe auf Erden! Jedoch weiß ich, solange es Männer gibt auf dieser Welt – Männer wie Dich – einäugig, unnachgiebig, machthungrig und Ego-breit – wird es auch Waffen geben und somit Kriege. Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre wieder den Bergschuh im Unterleib und auch die Faust im Gesicht. Nein, Du bist kein Mann des Friedens!“ Und Colbin weiter: „Nichts hast du im Vorfeld für den Frieden getan! Warum nicht? Einäugig wütest Du um Dich. Weiter und weiter. Handke – abgelichtet vor einer bombardierten Fabrik in Belgrad. Oh, welch eitles Getue, welch lächerliches, hohles Pathos! Der Indianer auf Kriegspfad, als letzter Serbianer. Fühlst Du Dich nun als Held in Deinem ,Einbaum‘ und paddelst so weiter?“ Oder: „Ja, ich höre Deine abgedroschenen, vulgären Phrasen: ,Ich scheiße auf Eure Menschenrechte. Ich scheiße auf Eure bedrohten Völker. Steckt Euch die Toten in den Arsch!‘ Wer bist Du denn, daß Du Dich so wichtig nimmst? Bist weder groß, noch edel oder gar bescheiden und aufrichtig. Ein eitler Schreiber bist Du, der sich sonnt in der Rolle des ,einsamen Rufers‘. Nur sind das Rufe nach Zustimmung für ein Verbrecherregime. Du bist ein Ideologe des modernen Balkanfaschismus.“   

„Es war Notwehr”, antwortete Peter Handke seinem Biografen Malte Herwig („Meister der Dämmerung“, 2010) auf die Frage, ob er Colbin tatsächlich verprügelt hatte. „Ich wollte einfach arbeiten. Und das ging nicht. Irgendwie bin ich dann durchgedreht. Trotzdem war das nicht gut …”  Was „Frauenrechtlerin“ Elfriede Jelinek, selbst Literaturnobelpreis-Trägerin, wiederum nicht stört(e). Sie zeigte sich begeistert über die Vergabe der Preises an Handke letztes Jahr. Die Nobelpreis-Jury, die sich auf Grund von sexuellen Übergriffen und Korruption 2018 eine Auszeit verordnet hatte, vergab 2019 den Preis für ’18 und jenen für ’19. Den einen an die polnische Feministin Olga Tokarczuk, den anderen an den serbisch-österreichischen Autor Handke. Handke selbst meinte, die Schwedische Akademie habe eine „mutige Entscheidung“ getroffen, ihm den Nobelpreis zu verleihen.

Der serbische Präsident Vucic gratulierte ihm. Kritik kam zB vom Empfänger des Deutschen Buchpreises, Saša Stanišić, einem in Deutschland lebenden Bosnier. Handke traf sich in diesen Tagen in Griffen mit LH Kaiser, von Medienvertretern auf Stanisic angesprochen, reagierte er wütend. Im Vorfeld der Preisverleihung verteidigte/wiederholte er seine serbofaschistischen Äusserungen und Aktionen nicht, nahm sie aber auch nicht zurück; erwartete nun, das von seinem Geschreibe zu trennen. Er war aber nicht nur zu Milosevic gepilgert, zur serbisch-orthodoxen Kirche übergetreten, serbischer Staatsbürger geworden,… sein literarisches Werk dreht sich seit längerer Zeit auch darum.

(1) Die slowenische Rechtsaussen-Partei SNS bezieht sich mit ihren Symbolen auf diesen Staat

(2) Ursprünglich soll die Bezeichnung „Winades“ oder „Winedi“ gelautet haben und den slawischen Venetern gegolten haben

(3) Übrigens, dort wo dann Graz entstand, errichteten nach der Römerzeit Slawen/Slowenen einen Ort, den sie „Gradec“ nannten, wovon sich der Stadtname ableitet. Im Mittelalter wurde die Stadt zur Unterscheidung von Windisch-Grätz in der Untersteiermark meist „Bairisch-Grätz“ bezeichnet. Noch heute heisst die Stadt im Slowenischen „Gradec“

(4) Das illyrische Königtum wurde aber (förmlich) bis 1918 im Titel des Kaisers von Österreich geführt

(5) Venetien kam nach den Napoleonischen/Revolutions-Kriegen zu Österreich, die Lombardei war das schon jahrhundertlang gewesen

(6) Beide Gebiete hatten eine slowenische Bevölkerunsgmehrheit. Auch das Kanaltal hat(te) eine teilweise slowenische Bevölkerung, war dreisprachig

(7) Aus der Unter-Steiermark stammte Johann Puch bzw Janez Puh, Begründer der Puch-Werke in Graz; er starb 1914 (in Zagreb), bevor das Alles eskalierte zwischen den „Nationalitäten“

(8) Dessen Auslöser bekanntlich der Mord am öterreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo durch einen serbischen Bosnier war

(9) Es gab in der k. u. k. Armee quasi-ethnische Einheiten, zB das 17. Infanterieregiment, in der Krain, bestand überwiegendst aus Slowenen, gehörte zum 3. Korps mit HQ in Graz; diese Slowenen kämpften an der Ostfront gegen Russland, an Italienfronten (Isonzo war für sie gewissermaßen Heimat), am Balkan gegen Serbien

(10) 1917 gab es im Reichsrat eine Erklärung des Jugoslawischen Klubs (slowenische, kroatische, bosnische Abgeordnete), vorgetragen von Korosec, mit Forderungen nach mehr Selbstbestimmung im Reich

(11) Gründung von Proto-Staaten bzw Proto-Gründung von Staaten

(12) Genau genommen beanspruchte Österreich von der Untersteiermark nur den nördlichen Teil, mit Marburg/Maribor, der am ehesten geschlossen deutsch war

(13) Bis auf jene Teile, die Anschluss an NÖ und OÖ hatten, hatten diese Gebiete auch keine Verbindung zum „eigentlichen“ Deutschösterreich

(14) Deutsche gab es ausser in diesem anfänglichen Deutschösterreich in der Krain (Gottscheer; nun beim SHS-Reich), Küstenlande (Italien), weiteren Gebieten von Böhmen/Mähren (Sprachinseln, wie in Prag; nun Tschechoslowakei), Galizien (bei Polen), Bukowina (Rumänien), Bosnien-Herzegowina (SHS), sowie in Ungarn (Siebenbürger Sachsen,…)

(15) Dieser Teil ist grossteils vom Meuterei-Artikel übernommen

(16) Südtirol war noch im 1. WK besetzt worden

(17) Gebiete die kaum eine italienische Bevölkerungsmehrheit hatten

(18) Die Nachfolgestaaten von Österreich-Ungarn: Österreich, Ungarn, Tschechoslowakei zur Gänze, SHS-Reich, Italien, Polen, Rumänien, Sowjetunion zu Teilen

(19) Man kann für damals auch noch andere Gruppen ausmachen, wie die Juden (gewissermaßen eine ethnisch-religiöse Minderheit), Italienisch-Stämmige in Kärnten, Polnisch-Stämmige in Wien. Und warum nicht die (alemannischen) Vorarlberger, sind ja auch Abweichler von der österreichischen (bajuwarischen) Norm. Und an rein religiösen Minderheiten wären in erster Linie die Protestanten zu nennen, wobei hier in Österreich natürlich Lutheraner/ Evangelische A.B. klar dominieren. 1861 das Protestantenpatent. Burgenland war führend beim Anteil der Kroaten, Ungarn, Sinti/Roma, aber auch was Evangelische betrifft, war bei Juden Bundesland Nr. 2, hinter Wien, das 1920 Bundesland wurde (davor zu Niederösterreich gehörte)

(20) Leute dieser Art gibt es vielerorts in gemischten Gegenden, solche die „zwischen“ den Identitäten stehen und ihre eigene bzw ursprüngliche „abwerten“. Man denke an Heinz Felfe, den deutschen Geheimdienst-Mann (SD, BND), der unter dem NS die Sorben in Sachsen drangsalierte, wohl aus Gegnerschaft zu seinem sorbischen Vater

(21) Diese Dörfer liegen im Grenzgebiet zu Österreich, spezifisch zum Burgenland

(22) Die jugoslawischen Teile von Banat, Batschka, Baranya, Syrmien. Gauss‘ Vater stammt übrigens aus der südlichen, serbischen Batschka, Teil der Vojvodina

(23) Der Donauschwabe Georg Weifert/ Đorđe Vajfert (Ђорђе Вајферт) wurde Gouverneur der Zentralbank des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen

(24) Wurde auch Partei der Deutschen oder Partei der Deutschen im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen genannt, existierte 1922 bis 1929

(25) Und bald nach dem Krieg begann ja in Italien die faschistische Herrschaft; diese richtete sich natürlich auch gegen Minderheiten, wie die Südslawen in der Venezia Giulia. Diese leisteten mit der Organisation TIGR Widerstand

(26) Ob Dollfuss Hitler den Weg bereitet hat oder ein Antagonist zu diesem war, ist in Österreich noch immer umstritten. Bezüglich der Anlehnung an das faschistische Italien ist zu sagen, dass der austrofaschistische Staat dafür auf ein Engagement für die Südtiroler verzichtete – ganz ähnlich wie dann Hitler-Deutschland

(27) Es gibt zur Zeit in der Kärntner Landesregierung einen ÖVP-Landesrat namens Sebastian Schuschnig

(28) Neben Schuschnigg gab es damals noch einen slowenisch-stämmigen österreichischen Patrioten der sich gegen den Anschluss engagierte: Alfred Jansa, in Galizien (damals Österreich-Ungarn) geboren, Teilnehmer des 1. WK, dann im Bundesheer, ’35 von Schuschnigg zu dessen Generalstabschef ernannt, 38 abgesetzt

(29) Die SDAPÖ war lang grossdeutsch, haben ab 1934 aber das dortige System abgelehnt; aber es war Ihnen 1938 „gut“, weil es sie vom Ständestaat „erlöste“

(30) Für Schuschnigg folgten mit dem Anschluss sieben Jahre als Sondergefangener Nazi-Deutschlands. Nach dem Krieg wollte er in der ÖVP eine Rolle spielen. Diese lehnte aber sowohl ihn als auch Wilhelm Miklas (ebenfalls ein Christlich-Sozialer, der den Weg in die Vaterländische Front gegangen war) ab, der 1938 als Bundespräsident abtreten musste

(31) Das Miesstal/Mežiška wurde direkt den Kärntner Bezirken Wolfsberg und Völkermarkt einverleibt. Seeland/Jezersko kam zur Oberkrain die ja nun auch ein Teil Kärntens war; die Oberkrain wurde dabei auf 3 Bezirke aufgeteilt, wobei Seeland zu „Krainburg“ kam

(32) Möglicherweise auch einige in die Oberkrain

(33) Die nördliche, obere Krain war also beim Gau Kärnten und die italienisch besetzten Gebiete wurden 43 deutsch

(34) In jenen Teilen Italiens, die auch von Südslawen bewohnt waren und beansprucht wurden (Istrien,…), hatten es jene Italiener, die nicht mit der faschistischen Besatzungspolitik einverstanden waren, auch schwer, gerieten leicht zwischen die Fronten

(35) Israel versucht, die Palästinenser aufzuspalten, die israelischen Drusen und die „israelischen Araber“ sollen nichts mit den Palästinensern zu tun haben; zur Zeit nimmt man sich die Christen unter den Palästinensern vor

(36) Gründer und Chef der „Legion des Erzengels Michael“, nach ihrer Miliz auch „Eiserne Garde“ genannt wurde, und sich dann in „Totul pentru Ţară“ umbenannte

(37) Die entweder „Zu’graste“ sind, wie Verwoerd, oder aus einem Gebiet kommen, dass spät zum betreffenden Staat kam wie Napoleon; Angehöriger von autochthonen Minderheiten zu sein ist dabei eine weitere Möglichkeit

(38) Sie ging hervor aus den Vaške straže/Guardia Civica. In anderen Teilen Sloweniens gab es kleinere ähnliche Gruppen

(39) Bosniaken, also moslemische Bosnier, wurde als moslemische Kroaten deklariert, weshalb sie rassisch nicht verfolgt wurden; „nur“ jene die sich im Widerstand betätigten

(40) Etwa 150 Partisanen haben sich beim Herannahen der SS zurückgezogen

(41) xxx.persman-museum.at/partisanenterror-in-kaernten-gedenkseite , dahinter steckt ein Siegfried Lorber

(42) Eine Grenze, von der sie sich nun wünschten, dass sie noch existierte…

(43) Löhr wurde ’47 in Belgrad hingerichtet. Er war neben Erhard Raus und Lothar Rendulic (kroatischer Herkunft…) einer von drei Österreichern, die in der Wehrmacht bis zum Generaloberst (zweithöchster Generalsrang) aufstiegen. Rendulic war 1957/58 als Bundesparteiobmann der FPÖ im Gespräch

(44) Und damit gewissermaßen abgetrennt vom Deutschen Reich

(45) Das Vorrücken der Alliierten war damals für Viele ein Segen, das ändert aber nichts an der vorangegangenen Herrschaft der Achsenmächte (mit Mitwirkung vieler Österreicher) und ihrer Kollaborateure über Jugoslawien. Und auch nichts an den Gräueln des Stalinismus in der Sowjetunion, den rassistischen Zuständen in der USA und ihren Streitkräften, der Kolonialpolitik der Briten und Franzosen,….

(46) Die meisten davon hatten wahrscheinlich vor, in Übersee neu zu beginnen, wie Pavelic

(47) Aus dem Artikel über krude Allianzen: Obwohl OUN-Theoretiker nachzuweisen versuchten, dass die Ukrainer keine Slawen, sondern Nachkommen einer „autochthonen Urbevölkerung“ seien, hielt Hitler sie für „genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch wie die Grossrussen“

(48) Die „Kosaken“ kamen aus Kroatien und Italien, also auch vom Süden, dorthin

(49) Es gibt eine Film-Dokumentation dazu, „Fluchtpunkt Kärnten“, von Florian Rulitz (Historiker) und Ferdinand Macek (Filmemacher), und dass der Kärntner Heimatdienst (KHD) in mancher Hinsicht dabei mit an Bord ist, zerstreut nicht gerade die Bedenken, die es bei einer solchen Behandlung dieses Themas gibt. Rulitz („Friedensinstitut für Zeitgeschichte Kärnten Alpe-Adria“) war auch bei der Buchpräsentation von „Titos langer Schatten“ dabei, immerhin wurden dabei auch slowenische Gäste eingeladen

(50) Es ist jetzt nicht die Rede von jenen serbischen Milizen, die in den 1990ern in Kroatien und Bosnien aktiv waren und sich auch so nannten     

(51) In Nürnberg sagte Rainer im Hauptkriegsverbrecher-Prozess als Zeuge gegen Arthur Seyss-Inquart aus. 1947 wurde er nach Jugoslawien ausgeliefert und in Laibach von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nach offiziellen Angaben am 18. August 1947 vollstreckt. Es kursier(t)en Gerüchte, Rainer sei noch am Leben oder später getötet worden

(52) Revisionistische bzw rechtsextreme Kärntner bringen Prusnik mit dem Massaker am Persman-Hof im Juli 45 in Verbindung

(53) Slowenien umfasste nun: Krajnska/Krain (Westen, Laibach/Ljubljana), Stajerska/ Untersteiermark (Osten, Marburg/Maribor), Prekumurje/Übermurgebiet (äusserster Osten, Murska Sobota), Primorska/Küstenland+Friaul (äusserster Westen, Koper), (Slovenska) Koroska/ (Slowenisch) Kärnten (Norden, Miesstal mit Dravograd/Unterdrauburg im Drautal sowie Jezersko/Seeland)

(54) Der Warschauer Pakt wurde von Jugoslawien dann als Feind bzw Gefahr gesehen, eigentlich mehr als die Westmächte

(55) Ob das wirklich besser war als als Minderheit im Kgr. Jugoslawien zu leben?

(56) Eine Familie, die weiterzog, muss jene von Dieter Zlof gewesen sein, des Oetker-Entführers. Zlof wurde 1942 in Cilli/Celje in der besetzten Untersteiermark geboren, kam dann nach München. Es könnte sich auch um eine Gottscheer-Familie handeln, die (von den Nazis) in die Unter-Stmk umgesiedelt worden ist

(57) Wobei in SO-Ktn im engeren Sinn Slowenen wahrscheinlich in der Mehrheit sind

(58) Bzw Slowenien, an eine andere Teilrepublik grenzte Österreich nicht

(59) Von der Republik anerkannte Volksgruppen sind ausserdem: Ungarn und Roma/Sinti im Burgenland, Tschechen und Slowaken in Wien

(60) An der Stelle: Keiner der vier alliierten Mächte des 2. WK macht(e) eine vorbildliche Minderheitenpolitik, nicht die USA zB ggü den „Ureinwohnern“ des Landes, nicht GB zB in Nord-Irland, nicht Frankreich bzgl Elsass, Korsika oder Bretagne, und nicht die SU, die ja die Eroberungen des Zarenreichs übernommen hat und wo zB die Zentralasiaten (wie die Kasachen) in einer Völkerhierarchie ganz unten standen

(61) Beim Ortstafelsturm wurden dann aber auch diese demontiert

(62) Die Beschmierung von Ortstafeln oder Strassenschildern mit topographischen Aufschriften gibt es übrigens auch in Bosnien-Herzegowina, seit dem Krieg (1992-95). In den serbischen Landesteilen wurden/werden Aufschriften in lateinischer Schrift beschmiert/übersprayt, im bosniakisch-kroatischen Teil die kyrillischen. Was die Pogrom-Atmosphäre während des Ortstafelsturms betrifft, eine solche gab es (zB) 1990, als der Vize-Innenminister Kroatiens (damals noch Teil Jugoslawiens) Perica Juric mit anderen Offiziellen zu Gesprächen nach Knin in der kroatischen „Krajina“ kam, Hochburg der serbischen Minderheit. Diese war nach der ersten freien Wahl in der Teilrepublik mit dem Sieg der HDZ aufgebracht, ihre Partei SDS redete von Sezession und leitete erste Schritte dazu ein. SDS-Führer Milan Babic sorgte dafür, dass die Polizeistation von Knin wo die Unterredung stattfand (an der er teilnahm) von nationalistischen Angehörigen der Serben in Kroatien umzingelt wurde. Was während des Ortstafelsturms in Kärnten 1972 vorkam, nämlich dass Ortstafeln nach Hause mitgenommen wurden, gab es schliesslich auch bei der Rückeroberung der Krajina von serbischer Besatzung 1995 (Operacija Oluja – „Operation Sturm“). Manche rein serbische Ortstafeln wurden von kroatischen Soldaten mitgenommen, als Art Trophäe

(63) Der während der Zeit des Anschlusses an Nazideutschland bei der HJ gewesen war

(64) Bezüglich der Südtirol-Anschläge durch Österreicher agierte er auch eher „lässig“

(65) Buchacher über seine eigene „Verwicklung“ in die Sache: https://www.profil.at/home/geheimdienst-sprengstoffspuren-304098

(66) Die FPK war gewissermaßen der Zwischenschritt bei der Rückkehr von Kärntner BZÖ-Politikern zur FPÖ

(67) Der UDBA ist jedenfalls auch gegen Exil-Jugoslawen im Westen vorgegangen, die für ein anderes Jugoslawien waren oder für dessen Auflösung (und sich gar nicht als Jugoslawen sahen)

(68) http://www.volksabstimmung-1920.at

(69) Wobei ein Teil des kroatischen Istriens eigentlich noch westlicher ist

(70) In gewisser Hinsicht gilt das auch für Kroatien. Franjo Tudjman hat auch gesagt, Kroatien habe nie zum Balkan gehört

(71) Auch in der Zeit der Unabhängigkeit waren/sind viele der wichtigen Spieler keine ethnischen Slowenen, wie Zahovic oder Novakovic

(72) Bei Olympia 84 in Sarajevo sorgte Bojan Krizaj für Aufregung, als er den olympischen Athleten-Eid auf Slowenisch sprach, nicht auf Serbokroatisch…was insofern gewissen Sinn machte, als der Slowene Franko die einzige YU-Medaille gewann und andere YU-Spitzenleute ebf. Slowenen waren

(73) Nicht berücksichtigt sind hier Jene, die gedraftet wurden, aber nicht verpflichtet/eingesetzt, wie Herbert Hohenberger bzw Greg Kuznik sowie jene Austro-Kanadier mit NHL-Erfahrung, die sich in Ktn niederliessen

(74) Und Griechenland

(75) Weil ihn der damalige Papst dazu ernannte

(76) Er löste Peter Ambrozy (SPÖ) ab, der 88 Wagner nachgefolgt war

(77) Dabei wirkten auch Teile des Grossbürgertums mit

(78) Und, es gab Fluktuation bzw unscharfe Grenzen zwischen Altkommunisten und Nationalisten, jedenfalls unter Serben

(79) Daneben desertierten viele Kosovo-Albaner, die mit Jugoslawien eine besonders geringe Identifikation hatten

(80) Die TO verlor die Kontrolle über die Grenzen, eroberte sie wieder zurück

(81) Bei der Ungarn-Krise 56 und jener in der CSSR 68 fuhr das BH in einigem Abstand von der Grenze auf

(82) Wehrpflichtige wurden eingesetzt, nicht Reservisten/Milizionäre mobilisiert – das hätte von der Bevölkerung als Eskalation und von YU als Provokation aufgefasst werden können

(83) Die Saab „Draken“, um die es in den 80ern grossen innenpolitischen Streit gegeben hatte

(84) Im jugoslawischen Staatspräsidium wurde 89 Janez Drnovsek slowenischer Vertreter, dieser war on Mai 89 bis Mai 90 Vorsitzender des Staatspräsidiums, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens. Sein Nachfolger sollte der Kroate Mesic werden, doch der serbische Block im Präsidium blockierte dessen Wahl (eigentlich eine Formsache), die erst am 30. Juni zu Stande kam, nach den Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien. Drnovsek war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident; Mesic wurde in Kroatien auch Minister- und Staatspräsident

(85) Er war einer der kroatischen Überläufer aus der JNA, ein anderer wichtiger war Danijel Borovic, ebenfalls ein Luftwaffenpilot

(86) Er konnte mit dem Schleudersitz aus seiner MiG aussteigen, landete im Gebiet serbischer Bosnier, wurde möglicherweise dort getötet. Peresin stand an den Anfängen der Luftwaffe Kroatiens; dass das Land mittlerweile eine respektable hat, zeigte sich bei Rückkehr des kroatischen Fussball-Nationalteams von der Weltmeisterschaft 2018 in Russland, wo es Vize-Weltmeister geworden war. Zwei Kampfjets stiegen auf und begleiteten das Zivilflugzeug vom Eintritt in den kroatischen Luftraum bis zur Landung am Flughafen Zagreb. Etwas Ähnliches hat es zB beim Rückkehr des dänischen EM-Siegerteams 1992 gegeben

(87) Andere österreichische Rechte suchen sich Verbündete unter den Südslawen…die FPÖ unter Strache propagierte (wie die „Anti“deutschen oder Breivik) die Serben als Retter des Abendlandes, umwarb sie

(88) Eine Briefbombe bekam der Universitätsprofessor Wolfgang Gombocz, Gründungs- und Vorstandsmitglied einer Vertretungsorganisation der steirischen Slowenen, des „Artikel-VII-Kulturvereines für Steiermark“

(89) Es gibt Angehörige dieser Nationen auch als Minderheiten in Slowenien

(90) „Zwei echte Österreicher“

(91) Riess-Passer wurde Vizekanzlerin

(92) © Franz Schandl

(93) In Südtirol gibt es solche ja schon lange

(94) In einer Bierzeltrede: „Wenn einer schon Adamovich heißt, muss man sich zuerst einmal fragen, ob er eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat.“ – Gejohle. Adamovichs Vater war zu Zeiten der Monarchie aus Kroatien (Teil Ungarns) nach Cisleithanien (genauer, Wien) gekommen. Er wurde wie dann auch der Sohn Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofes, ausserdem wirkte er im austrofaschistischen Ständestaat mit, u.a. als Justizminister unter Schuschnigg, für kurze Zeit vor dem Anschluss. Kroaten können in Österreich und Deutschland auch als Fremde und Bedrohung aufgefasst werden..

(95) Im Wörthersee-Stadion spielt der SK Austria Klagenfurt, z Zt in der zweiten Liga. Der Klub ist Nachfolger des FC Kärnten, welcher 1999 aus einem Zusammenschluss der alten Austria Klagenfurt und des Villacher SV entstanden war (die ’97 schon eine Spielgemeinschaft eingegangen waren). 01 der Aufstieg in die erste Liga, Walter Schachner als Trainer, Europacup-Teilnahme, Jörg Haider als Präsident…02 wurden in einem Meisterschaftsspiel gegen Austria Wien 3 Tore des Kroaten Maric aberkannt, worauf Haider eine Verschwörung aus Wien witterte. 04 der Abstieg, 08 der in die Regionalliga Mitte (Klubs aus Osttirol spielen übrigens dort, nicht in der RL West), 09 der Konkurs. Aus diesen Trümmern entstand Austria Klagenfurt neu

(96) Dazwischen hat er den BZÖ-Politiker Stefan Petzner, damals einer seiner engsten Getreuen, getroffen

(97) Es gab Drohungen gegen die Beiden wegen solchen Witzen

(98) Haiders Nachfolger als LH, Gerhard Dörfler: „In Kärnten ist die Sonne vom Himmel gefallen.“

(99) Es war damals in Slowenien gerade eine neue Regierung, unter Borut Pahor, im Entstehen, und diese schrieb in ihr Koalitionsabkommen „Forderungen“ an Österreich, Italien und Ungarn bezüglich der dortigen slowenischen Minderheiten

(100) 1993 gab es gleich zwei Abspaltungen von der SNS, bei denen es nicht zuletzt um Frage der Orientierung an den (kommunistischen, jugoslawischen) Partisanen oder den Domobranci (die ja mit Hitler-Deutschland zusammenarbeiten) ging, Jelinčič setzte in der SNS eine an den Partisanen durch

(101) Die aus Oberösterreich stammende Knoll war Pfarrerin, dann Superintendentin im Burgenland, trat bei der Bundespräsidenten-Wahl 1998 als Unabhängige (mit Unterstützung der Grünen) an, „verband“ sich dann politisch und privat mit der SPÖ

(102) Laut diesem Wiki-Artikel war er aber nicht Botschafter. Smolle soll gesagt haben, es fehlten noch 300 bis 400 zweisprachige Ortstafeln in Kärnten

(103) Der in Klagenfurt wirkende deutsche Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer verfolgt und analysiert seit Jahrzehnten die Politik der „Freiheitlichen“ in Kärnten (dafür wurden ihm auch schon die Autoreifen aufgestochen). „Haider hat man alles nachgesehen, bei den Scheuchs wird das nicht funktionieren“, sagte er 2012 zum „Standard“

(104) Gemeinsam mit Parteikamerad Gudenus junior

(105) Zu Straches Israel-Begeisterung anderswo auf diesem Blog mehr; jedenfalls teilt er die zionistische Haltung, wonach Israel (das seit 1967 de facto das ganze historische Palästina umfasst) eigentliche Heimat der Juden sei und Antwort auf den Holocaust – „Nach Allem was Juden im Exil angetan wurde, tragen wir Verantwortung für die sichere Zukunft des jüdischen Volkes“. Natürlich gibt er dabei auch elegant die Rolle der Bedränger der Juden ab

(106) Mit tschechischem Namen

(107) Nur Friedrich Peter war etwas länger Obmann dieser Partei

(108) Ja, es gibt einen serbischen Nationalismus jenseits der Partisanen (Tschetniks, Nedic), aber es geht hier um den österreichischen Blick auf dieses Land/Volk

(109) Wobei südlich von Serbien noch lange nicht der islamische Raum beginnt… „Grenzland“ heisst im Slawischen übrigens Krajina, neben anderen Gebieten (wie die Ukraine) wird auch das zT von Serben bewohnte Grenzgebiet Kroatiens zu Bosnien, die ehemalige Militärgrenze zum Osmanischen Reich, so bezeichnet. Um dieses Gebiet ging es im Kroatien-Krieg in den 1990ern, 1995 gelang Kroatien die Rückeroberung des besetzten/abgetrennten Gebietes, zusammen mit einer NATO-Offensive und einer der bosniakisch-kroatischen Kräfte in Bosnien. Im kroatischen Kontext geht es bei der Krajina um diese serbische Aggression und ihre Zurückschlagung, und in gewisser Hinsicht auch um die Verteidigung einer Zivilisation

(110) Die „Sympathien“ werden teilweise erwidert… Der serbisch-orthodoxe Bischof in Österreich, Knezevic, zog im ORF-Interview eine Abgrenzung zu Moslems („Wir haben diese Probleme der Integration nicht, sind ein europäisches Volk,…“)

(111) Siehe dazu auch Broders Kommentar

(112) Ein Name, der übrigens auf eine albanische Herkunft hindeutet, er leitet sich vom osmanischen Begriff für Albaner, „Arna(vu)ut“, ab

(113) Es gibt viele weitere Fallen hier… Ein Volksbegehren zur aus CH Abschiebung straffälliger Ausländer, das Strache von der Schweizerischen Volkspartei kopieren wollte, würde auch viele Serben treffen. Es gibt die Stereotypen von „Tschusch“ vs „Schwabo“. Oder: Westlich-laizistische Türken zählt(e) Strache zu den Guten, jedoch „trommelt“ er gegen einen EU-Beitritt der Türkei – was ein Kernanliegen von diesen ist. „Russland ist im Gegensatz zur Türkei ein Teil Europas“, so Strache. Und trifft sich mit Aleksandr Dugin, einem der Proponenten des russischen Eurasismus… Dugin ist auch nahe bei Putin, da gibt es auch Kontakte. Und man fuhr zu Kadyrow nach Tschetschenien; Gudenus versicherte nachher, man habe diesem auch kritische Fragen gestellt, und dieser habe versichert, er verfolge nur Kriminelle“. Zu den Verbündeten der FPÖ in Italien an anderer Stelle etwas. Strache reiste nicht nur nach Serbien und Israel, er traf sich auch mit Vertretern der Tea Party in der USA, mit Vertretern der „syrischen Opposition“ in Wien (zusammen mit David Lasar), Mölzer besuchte den Yazukuni-Schrein in Japan…

(114) Jordan war auch dabei, als Heimatverbände und Slowenenvertreter heuer gemeinsam der Kärntner Volksabstimmung 1920 gedachten, bei einem Gedenken an Partisanen-Opfer in Slowenien, und bei der Bleiburg-Gedenkfeier

(115) Sehen sich ggü der Minderheit im Nachteil, ähnlich wie die Italiener in Südtirol (die in der Provinz natürlich die Minderheit sind), während die Gegenseite natürlich auch dieses Benachteiligungsgefühl hat

(116) Sušnik / Suschnigg / Schuschnig kommt vom slowenischen suh(a) („trocken“), bezieht sich in der Toponymie auf einen versiegenden Bach bzw Dürrenbach, entspricht dem deutschen Dürrenbacher/Dürnbacher. Siehe: members.chello.at/heinz.pohl/FS_Hellfritzsch_SD.pdf

(117) Wichtiger Namensträger ist Janez Švajncer, ein Amateurhistoriker, der sich mit Militärgeschichte beschäftigt. 1991 im Krieg stand er in den Reihen der slowenischen TO. In diesem Video über slowenische Militärgeschichte tritt er auch auf. Ein bisschen wird darin hinweg geschwindelt, dass Slowenen jahrhundertelang anderen Mächten gedient haben (meist den Österreichern). Dem Video zufolge wurde 1848 eine Nationalgarde aufgestellt; der Partisanenkampf in Slowenien wird als „nationaler Befreiungskrieg 1941-45“ bezeichnet – gewissermaßen war er das auch

(118) Auch in Serbien, Bosnien, Montenegro,… Es gibt in der „Diaspora“ (dazu zählt zB auch Ungarn) auch die Schreibweisen Ivancic, Ivancsics, Ivanschütz, Ivanczitz und weitere

(119) So wird er meist auch von den Medien genannt. Im kroatischen Militär gibt es einen Dražen Žagmeštar, auch kein grosses Rätsel wovon sich dessen Nachname ableitet

(120) Aus einer rassistischen Verachtung gegenüber den Südslawen heraus

(121) Seeland liegt nahe bei der Krain, das Miesstal (mit einem Teil des Drautals) bei der Untersteiermark

(122) Die Krain, bestehend aus Ober- (Gorenjska), Unter- (Dolenjska), und Innerkrain (Notranjska), ist in der Republik Slowenien keine Gebietskörperschaft, nur eine historische Region bzw Landschaft

(123) Wobei die Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova, von Serbien, nicht allgemein anerkannt ist

(124) 92-06 war Serbien Teil der Bundesrepublik Jugoslawien bzw dann vom Staatenbund Serbien-Montenegro

(125) In Bosnien-Herzegowina gibt es eine österreichische Vergangenheit, die nach Erlangung der Unabhängigkeit und dem Krieg in mehrerer Hinsicht „aufgefrischt“ wurde

(126) Zu nennen sind hier auch die „Izbrišani“, die „Ausgelöschten“, Einwanderer aus anderen Teilen Jugoslawiens zu Zeiten von dessen Bestehen (oder ihre Nachfahren), v.a. Serben. Sie müssen im unabhängigen Slowenien um ihre Rechte kämpfen. Der Bürgermeister von Ljubljana, Zoran Jankovic, ist zT serbischer Herkunft, ebenso wie die wichtigsten Fussballer des unabhängigen Sloweniens (wie Zlatko Zahovic). Das Verhältnis zu den Izbrisani spiegelt das Verhältnis Sloweniens zum Rest des ehemaligen Jugoslawiens bzw zum Balkan wieder

(127) Dem jugoslawischen, Anm.

(128) In der SFR YU waren das Albaner allgemein auch

(129) Was die Italiener in Slowenien betrifft, 1944 (also als die Partisanen dabei waren, ihr Gebiet zu erobern) wurde die Vereinigung UIIF gegründet, die auch die Italiener in Kroatien mit einschloss, und kommunistisch ausgerichtet war. Die u.a. von Rismondo und Borme geführte UIIF wurde 91 zur Unione Italiana, geführt von Silvano Sau (Koper, Istrien, Journalist, Abgeordneter im jugoslawischen, dann im slowenischen Parlament). In den Parlamenten Sloweniens und Kroatiens gibt es seither immer Abgeordnete der italienischen Minderheiten (Tremul, Battelli, Radin,…)

(130) Eine dem zT widersprechende aber auch legitime Perspektive ist die von Djordje Cenic im Doku-Film „Unten – Mein Jugoslawischer Sommer“ (2018); Cenic ist aus einer Familie von Krajina-Serben in Linz

(131) Bzw bei ihren „Fürsprechern“

(132) http://www.oelm.at/deutsche-volksgruppen/slowenien/

(133) Wenn man die Deutschen in der ungarischen Reichshälfte auch als Altösterreicher zählt, dann zählen auch die Siebenbürger Sachsen (aber nicht alle Rumänien-Deutschen…) dazu, und einer von ihnen wurde bekanntlich Staatspräsident Rumäniens

(134) Die Provinzen von FVG sind aber 2018 als solche aufgelöst worden

(135) In anderen Teilen Italiens ausserdem im Trentino (Zimbrer, Fersentaler) und Aostatal/Piemont (Walser)

(136) Von den slowenischen Minderheiten in den Nachbarstaaten Sloweniens ist jene in Österreich (Kärnten, Steiermark) die grösste, es folgen jene in Italien, Ungarn, Kroatien

(137) © Reinhard Tramontana

(138) Es gibt in Venetien auch gewaltbereite Separatisten, die diese Region von Italien abtrennen machen wollen, wie die Gruppe Veneto Serenissimo Governo um den Ex-LN-Politiker Rocchetta, der 1994/95 italienischer Staatssekretär war

(139) Es sind die kroatischen Rechtsextremisten (wie die HSP), die die Ustascha-Bewegung verherrlichen/rehabilitieren wollen

(140) Die Zahl der Überlebenden des 2. WK nimmt klarerweise von Jahr zu Jahr ab

(141) Der „Falter“ hat übrigens bei der Volkszählung 1991 indirekt dazu aufgerufen, Slowenisch oder Kroatisch als seine Sprache anzugeben, um diese Minderheiten zu stärken

(142) Der Journalist Michael Fleischhacker über Liberalismus in Österreich: Das sind Rote und Grüne, die den Geruch der Armut nicht mögen; Schwarze, deren Ehen nicht gehalten haben; Blaue, die das Bekenntnis zur deutschen Nation in ganzen Sätzen formulieren können. – Und die super-liberalen Neos?

(143) Ottomeyer: „Für viele Kärntner bricht eine Welt zusammen wenn der Mythos Jörg Haider entzaubert wird“

(144) A propos: Bezüglich der UDBA-Anschläge in Österreich sei an die Dissertation eines Grigat-Hilfssheriffs erinnert, der über palästinensische Terroranschläge in Österreich schrieb

(145) Menschen, die letztgenannter Richtung angehören/nahstehen, gibt es natürlich auch in (bzw aus) Kärnten, etwa Bernhard Torsch (lindwurm.wordpress), Wolfgang Koch oder Judith Götz, die sich alle als „links“ deklarieren

(146) Klagenfurt hat 100 000 Einwohner

(147) Laut einer Quelle haben sich Sloweniens Präsident Pahor und Kärntens Landeshauptmann Kaiser im Vorfeld der Feierlichkeiten positiv zur deutschsprachigen Volksgruppe in Slowenien geäussert

(148) Wobei die physische Ausschaltung erst 2000 erfolgte. Stambolic soll dagegen gewesen sein, den Status des Kosova zu ändern, annehmend dass dies YU zerstören würde

(149) Zu den Unterzeichnern gehörte auch Harold Pinter, bei diesem war die Haltung eingebettet in allgemeine Westkritik

(150) Wo damals gerade die Lijst Pim Fortuyn beim Kollabieren war und G. Wilders noch nicht so gross 

(151) Mitglieder der Initiative waren u. a. Rolf Becker, Gerhard Zwerenz, Claus Peymann

(152) Im Zweiten und im Dritten Jugoslawien zumindest nicht

Weiterlesen

Claudia Fräss-Ehrfeld: Geschichte Kärntens (3 Bde, 1984–2005)

Hellwig Valentin: Der Sonderfall. Kärntner Zeitgeschichte 1918–2004 (2005)

Alexander Hanisch-Wolfram: Geschichte Kärntens: Die Neuzeit (1637-1918) (2015)

Stefan Karner (Hg.): Kärnten und die nationale Frage (5 Bde, 2005)

Claudia Fräss-Ehrfeld: Geschichte Kärntens 1918-1920: Abwehrkampf – Volksabstimmung – Identitätssuche (2010)

Martin Marktl: Zeitreise Kärnten: Ein Lesebuch zur Geschichte des Landes (2014)

Valentin Inzko (Hg.): Geschichte der Kärntner Slowenen: von 1918 bis zur Gegenwart; unter Berücksichtigung der gesamtslowenischen Geschichte (1988)

Nadja Danglmaier, Werner Koroschitz: Nationalsozialismus in Kärnten: Opfer. Täter. Gegner (2020)

Wilhelm Wadl, Alfred Elste: Titos langer Schatten. Bomben- und Geheimdienstterror im Kärnten der 1970er-Jahre (2015). Unter Mitarbeit von Hanzi Filipic und Josef Lausegger

Milan Obid: Ethnizität und Minderheitendiskurs am Beispiel der österreichischen Solidaritätsbewegung mit den Kärntner Slowenen in den 1970er Jahren. Anthropologie-Magisterarbeit bei Marie-France Chevron an der Universität Wien 2010

Ernst Steinicke, Peter Čede, Igor Jelen: „Klein-Europa“ vor dem Verschwinden? Das Kanaltal hundert Jahre bei Italien. In: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft, 161. Jg., S. 9–34 (2019)

Wilhelm Wadl: Das Jahr 1945 in Kärnten. Ein Überblick (1985)

Paul Gleirscher: Karantanien. Das slawische Kärnten (2000)

Dietmar Brenner: Slowenien 1941 – 1945. Soll dieser Abschnitt der Geschichte neu geschrieben werden? Geschichte-Magisterarbeit bei Marija Wakounig an der Universität Wien 2008

Esther Radacher: Entwicklung des Sommertourismus in Kärnten seit dem Zweiten Weltkrieg. Geschichte-Magisterarbeit bei Birgit Bolognese-Leuchtenmüller an der Universität Wien 2013

Julia Pührer: Zweisprachige Ortstafeln und territoriale Identitätskonstruktion. Sprachwissenschaft-Magisterarbeit bei Rudolf De Cillia an der Universität Wien 2007

Egyd Gstättner: Der Haider Jörg zieht übers Gebirg. Quergedanken, Gegenreden und Zurückweisungen in einer dunklen Dekade (2013). In „Der Untergang des Morgenlandes“ von diesem Autor geht es auch um Kärntner Zustände (und ein bisschen um Kontrafaktik)

Karel Prusnik-Gasper: Gemsen auf der Lawine. Der Kärntner Partisanenkampf (1983)

Uršula Krevs-Birk: Zu einigen Aspekten des Deutschen als Kontaktsprache des Slowenischen. In: Linguistica 59(1):155-173 Oktober 2019

Josef Rausch: Partisanenkampf in Kärnten im Zweiten Weltkrieg (1983)

Mirko Bogataj: Die Kärntner Slowenen (1989)

Maja Haderlap: Engel des Vergessens (2011). Der Roman über das Leben der Kärntner Slowenen in Eisenkappel/Zelezna Kapla wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet 

Sibylle Schmiedmeier: Die „Kanaltaler Option“. Nationalsozialistische Umsiedlungspolitik von Minderheiten während des Zweiten Weltkrieges. Ein Beitrag zur Migrationsforschung. Geschichte-Magisterarbeit bei Karin Schmidlechner-Lienhart an der Karl-Franzens-Universität Graz 2010

Sebastian Jank: Jo Windisch holt, nit?! Germanistik-Magisterarbeit bei Manfred Glauninger an der Universität Wien 2019

Karoline Schuster: Zweisprachigkeit in Kärnten aus der Sprecherperspektive. Germanistik- Diplomarbeit bei Manfred Glauninger an der Universität Wien 2018

Herbert Dachs, Ernst Hanisch, Robert Kriechbaumer (Hg.): Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945 (10 Bde, 1998 ff)

Über die Aussiedlung von Slowenen in Kärnten im 2. WK

Kärntner Abwehrkampf und Volksabstimmung

Georg Marschnig: Gottschee Global. Geschichtsnarrative und Identitätsmanagement im Cyberspace. Geschichte-Dissertation bei Heidemarie Uhl an der Universität Wien 2009

Lojze Wieser, Norbert Schreiber (Hg.): Wie schmeckt Europa? (2009). Alois „Lojze“ Wieser, slowenischer Kärntner, hat den Wieser-Verlag gegründet, in dem auch dieses Buch erschien. War während der Jugoslawien-Kriege u.a. für Autoren aus dem Raum Ex-Jugoslawiens engagiert

Über die Gottscheer

„The Bob Dylan of Genocide Apologists“. Die „New York Times“ über Peter Handke

Zusammenstellung zur deutschen Minderheit in Slowenien

 

Bei der Rückkehr von Jens Söring, dem deutschen Diplomatensohn der in der USA wegen Doppelmordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, vor mittlerweile einem halben Jahr, kommentierten Manche wie die ntv-Website: „Söring wäre bei der Beweislage auch in Deutschland verurteilt worden…, einem Strafrechtsexperten zufolge“, Andere hiessen ihn wie einen verlorenen Sohn willkommen. Hier geht es um Sörings Weg, von der Vorgeschichte über den Mord (der ihm zur Last gelegt wird), die Flucht, das Geschnappt-Werden, den Prozess, die lange Gefängnis-Zeit mit den „begbleitenden“ Bemühungen bis zur Freilassung – mit Betrachtungen/Einschüben wie zum Gefängnisleben, dann über Debatten um Schuld im Haysom-Mordfall, daran anschliessend (nicht zufällig) um Politisches (hauptsächlich die Beziehungen Deutschland-USA, diese recht ausführlich), schliesslich um (mögliche) Justizirrtümer. Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann Tiara nicht beurteilen. Einen „Komplex“ (siehe Titel) stellt das Alles natürlich nur bedingt dar.

Im Vorwort zur neuesten Auflage seines Buchs „Nicht schuldig!“ schreibt Söring, dass sein Leben mit 53 neu anfängt, sein Herz nicht zerstört ist (er es mit der Liebe nochmal versuchen will).(1) Seine Zeit vor „Liz“ (Elizabeth Haysom, seine Partnerin in mehrfacher Hinsicht, die Ende 19 ebenfalls freigelassen und abgeschoben wurde), so Söring, war freudlos, die Zeit danach die Hölle (als Resultat der Liz-Zeit). Er hatte ein Geschichte-Studium und dann eine diplomatische Karriere geplant, evtl. den Weg in die Politik(2), mit Elizabeth Haysom (infolge meist „EH“) als seiner Partnerin. „Politikern die Stiefel lecken“, sei der Job eines Diplomaten, nun müsse er Gefängniswärtern die Stiefel lecken, um Klopapier zu bekommen, schrieb er in dem Buch, das 2012 erstmals herauskam. Dass die USA, wo er „einsass“, wichtigster „Partner“ der BRD war/ist, spielt bei der Sache in mehrerer Hinsicht eine Rolle. Jens Söring (in Folge meist „JS“ genannt) ist geprägt von der alten BRD, der Bonner Republik, wobei seine Familie noch dazu aus Bonn stammt, aufgrund des Berufs des Vaters aber meistens woanders lebte.

Eine Phase in der die Welt noch übersichtlich schien, genau wie die Hauptstadt des westlichen Deutschlands. JS kam als unreifer Junge und Nerd ins Gefängnis und als weiser und abgehärteter Mann heraus. Und musste nach der Freilassung/Abschiebung auch erstmal den Umgang mit Smartphones lernen. „Generalanzeiger“ (vor einigen Jahren): „Als Söring verhaftet wurde [1986], war Deutschland noch geteilt, Helmut Kohl war gerade vier Jahre Bundeskanzler, und Mobiltelefone und Internet hatte man schon mal in Science-Fiction-Filmen gesehen.“ Er hat in „Nicht schuldig…“ einen Vergleich der Gegenwart mit 1984 (als er Haysom kennenlernte) gebracht: es gab keine CDs (naja), keine mp3-Player, keine Handys (na ja, urtümliche schon), kein IT, Deutschland war geteilt,… Auf Youtube kommentierte Einer ein Video über seine Freilassung: „Er spricht immernoch mit der Höflichkeit der 80’er Jahre.“ Die 1980er: Zuerst „The Day After“ (> Angst vor Atomkrieg), dann „Perestroika“ (Entspannung im Kalten Krieg), die „einkehrte“, nachdem am 11. März 1985, dem Tag nach dem Tod des damaligen Generalsekretärs der KPdSU, Konstantin Tschernenko, Michail Gorbatschow (mit 54 Jahren relativ jung) zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Ronald Reagan bestimmte als Schlachtfelder für den späten Kalten Krieg, der ja längst ein Stellvertreter-Konflikt war, hauptsächlich Mittelamerika(3) und Afghanistan, daneben das südliche Afrika.

Berlin 1987

Islam(ismus) war damals, nicht zuletzt in Afghanistan, noch eine positive Alternative zu Kommunismus, wenngleich im Libanon-Krieg und bzgl dem seit der Revolution ab 1979 von Khomeini geführten Iran(4) gewisse künftige Konfliktlinien schon erkennbar wurden. Osama Bin Laden aus Saudi-Arabien war in den 1980ern in Pakistan aktiv (wie viele Araber), von wo aus die islamistischen Mujahedin-Gruppen gegen die kommunistische Regierung Afghanistans unterstützt wurden, mit massiver westlicher Hilfe.(5) Wirtschaftliche Rezession traf in diesen Jahren auch die reichen Staaten der westlichen, ersten Welt, neben dem Angst vor einem Atomkrieg gab es jene bzgl Waldsterben oder Arbeitslosigkeit; das Unglück bei einer Simulation im Atomkraftwerk in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine 1986 führte die Gefahren der zivilen Nutzung der Atomspaltungs-Energie vor Augen. Der AIDS-Virus wurde in den frühen 1980ern identifiziert.

(Pop-)Musik (die zunehmend elektronisch wurde) wurde damals aus dem Radio auf Musik-Kassetten aufgenommen, über den Walkman gehört, die Compact Disc’s kamen im Laufe dieses Jahrzehnts auf. Es war die Blütezeit von Musikvideos. Michael Jackson, der Pop-Superstar dieses Jahrzehnts, schrieb den Song „We are the World“ (mit), der dem britischen Benefiz-Projekt(6) (für die Hungersnot in Äthiopien 1984/85) folgte, nahm seine Teile des Songs dann aber alleine auf. Madonna Ciccone, ein anderer Superstar (und ebenfalls US-Amerikanerin), war eine der Abwesenden bei diesem USA for Africa, aber dann beim Live Aid-Konzert dabei. Madonna wurde ein „über-selbstbestimmter, hypersexualisierter weiblicher Popstar“, war mit Sean Penn zusammen und 1985 wurden Nacktfotos von ihr aus den 1970ern veröffentlicht.(7)

Als Jens Söring 1986 in London verhaftet wurde, lebte Rudolf Hess noch (als letzter Insasse im Gefängnis im Berliner Stadtteil Spandau, das von den vier alliierten Mächten des 2. WK bis zu dessen Tod ’87 gemeinsam geführt wurde) und mischte Franz J. Strauss noch kräftig in der BRD mit, gab es noch eine DDR, war die RAF (ihre 3. Generation) noch aktiv. Wobei, in Deutschland hat Söring ja wenig gelebt. Irgendwo stand, dass die Familie 73-77 in Bonn lebte(8). Die Auslands-Stationen von Klaus Söring waren Thailand (wo Jens geboren wurde), Zypern, USA; die Ferien verbrachte man in der Bundesrepublik. Seinen Bruder nennt JS in dem genannten Buch anscheinend anders; die Söhne gingen hauptsächlich auf englischsprachige Schulen. 1977 dürfte die Familie mit dem Vater in die USA gekommen sein, dieser war zuerst am westdeutschen Konsulat in Atlanta dann an jenem in Detroit, als Vizekonsul. Der Umzug nach Detroit dürfte zusammengefallen sein mit dem High School-Abschluss (Abitur, Matura) von JS.

Danach, 1984, begann Söring ein Studium an der University of Virginia in Charlottesville. Alumni dieser Universität: Edgar A. Poe(9), Robert & Edward Kennedy, Robert Mueller, Woodrow Wilson, William Faulkner, Hanan Aschrawi. JS traf dort ’84 mit 18 Jahren auf die Kommilitonin Elizabeth Haysom, die, naja, die nächsten Jahrzehnte seines Lebens bestimmen sollte. Elizabeth Haysom (EH) kommt aus einer grossbürgerlichen Familie mit Verbindungen in so ziemlich alle angelsächsischen Staaten, beide Eltern waren vorher schon verheiratet gewesen. EH wurde im damals britischen Süd-Rhodesien geboren, ein Jahr vor der Unabhängigkeitserklärung des „weissen“ Siedler-Regimes dort. Infolge der Unabhängigkeit Rhodesiens von GB 1965 seien die Haysoms in die USA geflohen, schreibt Söring. Wahrscheinlich hat EH ihm das so erzählt. Die Unabhängigkeit Rhodesiens bewirkte hauptsächlich eine Verschärfung des Apartheid-Systems ggü den Nicht-Weissen, und führte zum bewaffneten Aufstand der „Schwarzen“ (hauptsächlich Shona und Ndebele), aus dem ein Krieg „erwuchs“.

Derek Haysom war Industrieller, in leitender Position in der Rhodesian Iron and Steel Commission (RISCO)(10) beschäftigt, einem Stahlwerk in KweKwe, wobei Haysom senior anscheinend im Büro in Salisbury (heute Harare) arbeitete. JS schreibt, dass EH ihm erzählt hat, dass ihre Familie in Rhodesien/ Zimbabwe über die Auswanderung hinaus Besitz hatte, diesen mit der „Revolution 1982“ verlor. Gemeint ist wohl die „Umwandlung“ Rhodesiens in Zimbabwe 1980, auf Grundlage der Verhandlungs-Lösung 1979 im Lancaster House in London zwischen den rhodesischen/ zimbabwischen Streitparteien(11) sowie der britischen Regierung unter Aussenminister Carrington; das Abkommen führte zur provisorischen Wiederherstellung der Abhängigkeit des Landes von Grossbritannien, dem Ende des Krieges, einer allgemeinen Wahl (Wahlrecht nicht an Rasse gebunden) und Regierungsbildung auf Grundlage dieser, der Unabhängigkeit des Landes als Zimbabwe (1980).(12)

Die Haysoms waren also nun in Virginia ansässig und zumindest Elizabeth war kanadische Staatsbürgerin. Einiges deutet darauf hin, dass sie nicht (mehr) so reich waren, aber das spielt hier eigentlich keine Rolle. EH war/ist anscheinend bisexuell und JS schrieb, sie erzählte viel Erfundenes bzw Verleumdendes, darunter auch, dass sie von ihren Eltern (besonders ihrer Mutter Nancy) sexuell missbraucht worden sei. Später hat EH anscheinend behauptet, dass JS sie in der Nacht nach dem Mord vergewaltigt habe; ihm zufolge hat sie Vorwürfe sexueller Gewalt an ihr ggü diversen Leute vorgebracht. Andererseits argumentiert er dafür, Frau Haysom habe die Tochter tatsächlich missbraucht (Gericht/Behörden hätten dies vertuscht), dies sei das Hass- und Mordmotiv von EH gewesen. Er schrieb auch, er hätte den sexuellen Missbrauch von EH anzeigen sollen, um den Mord (und das was er für ihn brachte) zu verhindern. 1985, JS und EH waren ein paar Monate ein Paar, traf Söring Haysoms Eltern das einzige Mal (ihm zufolge), bei (bzw zu) einem Mittagessen in Charlottesville, etwa ein Monat bevor diese ermordet wurden. Danach waren EH und er noch 2 x im Haysom-Haus in Boonsboro bei Lynchburg (Bedford County), in deren Abwesenheit. Und EH war am Wochenende vor dem Mord bei ihren Eltern.

Ende März ’85 ein Ausflug der Beiden nach Washington, mit Mietauto, Übernachtungen im Marriott-Hotel. Virginia grenzt in seinem Nordosten an Washington DC (über den Potomac-Fluss) und von Charlottesville im nördlichen zentralen Virginia ist es auch nicht all zu weit in die Bundes-Hauptstadt der USA.(13) Am 30. 3. redete sie ihm zufolge davon, dass sie wegen einer Drogenlieferung von/an einen Jeff Ranchero weg musste (sie war eine gelegentliche Heroin-Konsumentin). Und er sollte Kinokarten für beide besorgen, als Alibi für ihre Eltern (falls dieser Ranchero ihren Eltern etwas über EH und Drogen erzählen sollte); er sah sich „Witness/ Der einzige Zeuge“ (Mordermittlungen führen den von Harrison Ford dargestellten Kriminalpolizisten unter die Amish) an, dann „Stranger than Paradise“ (J. Jarmusch) und die „Rocky Horror Picture Show“, kaufte jeweils eine zweite Karte, so Söring in „Nicht schuldig!“. Sie sei dann spät gekommen, habe ihm gestanden „Habe meine Eltern umgebracht, du musst mit helfen,…elektrischer Stuhl,….“. Und er sei von Anfang an bereit gewesen, den Doppel-Mord gegebenenfalls (wenn es für sie eng werden würde) auf sich zu nehmen, schrieb er bei der Schilderung dieser Ereignisse, bereit, die Rollen zu tauschen (sie sei in Washington geblieben, er gefahren), er käme billiger davon aufgrund seiner diplomatischen Immunität, unter der er sich gewähnt hätte.

Nach seiner Festnahme in Grossbritannien sagte er zunächst aus, er sei von Washington zum Landhaus der Haysoms bei Lynchburg (die Villa trug den Namen „Loose Chippings“) gefahren und habe den Doppelmord begangen, wiederholte das mehrmals; sie blieb bei dieser Version, Staatsanwalt Updike übernahm sie – demnach hat EH die Tickets gekauft und u.a. „Stranger than Paradise“ geschaut. Die Haysoms haben mit dem/den Mörder(n) wahrscheinlich gegessen/getrunken, wurden mit Messer(n) umgebracht, Stichen/Schnitten in den Hals, leisteten Gegenwehr, es handelte sich um eine Art „Overkill“, was auf eine Beziehung zwischen Opfer und Täter hindeutet, lagen in Küche und Esszimmer. Dies wird auch dadurch gestützt, dass es keine Einbruchsspuren gab, es anscheinend keinen Diebstahl gab. All das fand man (die Polizei im County Bedford, Leichenbeschauer,..) heraus, nachdem eine Freundin der Familie, Frau Waitie, die Leichen im Haus aufgefunden hatte, nachdem Frau Haysom der wöchentlichen Kartenrunde fern geblieben war. Waitie teilte EH dann auch im Studentenheim den Mord mit. Sheriff Wells und Staatsanwalt James Updike (war auch an der University of Virginia gewesen) ermittelten, sogar über ein politisches Motiv (> Zimbabwe) wurde gemutmaßt.

Hammel und Wright (s. u.), die leidenschaftlich dafür kämpfen, dass Söring als schuldig gesehen wird, weisen u. a. darauf hin, dass dieser bei der Beerdigung eine verbundene Wunde an einer Hand hatte – die sie mit dem Kampf den die Haysoms mit dem Mörder hatten, in Zusammenhang bringen. JS hat eine andere Erklärung dafür; auch für gewisse Passagen in Briefen der Beiden, die als belastend (für ihn) interpretiert werden. Bei Polizei-Ermittlungen kam zu Tage, dass das Mietauto, mit dem JS und EH nach Washington (und zurück nach Charlottesville) gefahren waren, eine Veränderung im Kilometerstand aufwies, die eine Fahrt von Washington nach Boonsboro inkludieren würde. Bei Befragungen sagten die Beiden dazu, sie hätten sich verfahren. Im Mai 85 fuhren sie zu ihren Familien, Söring nach Detroit, Haysom wollte mit ihren Halbgeschwistern das Haus bei Lynchburg für den Verkauf vorbereiten; v.a. den blutüberströmten Raum in dem der Mord stattgefunden hatte, reinigen. Dabei wurde sie Söring bzw dem Buch „Nicht schuldig“ zufolge dabei beobachtet, dass sie ihren Fuss mit Fussabdrücken in der Blutkruste verglich. Demzufolge gab es 3 solche Abdrücke (2 von einem Fuss nur in Socken, 1 von einem im Schuh) und bekamen diese nun erst Bedeutung.

Sie, EH, musste dann einen Fussabdruck abgeben. JS weigerte sich, Fingerabdrücke abzugeben, sagte dazu später, mit diesen hätten ihn Polizeibehörden auf einer Flucht (die im Raum stand) identifizieren können. Anscheinend hat er vor der Flucht auch seine Fingerabdrücke in seinem Zimmer im Studentenwohnheim verwischt; auch soll er sich geweigert haben, eine Blutprobe abzugeben. Im Sommer 85 Urlaub der Beiden in Europa (BRD, CSSR, Österreich, Schweiz). Unterdessen wurde in Virginia weiter ermittelt; JS schreibt in „Nicht schuldig“, die Ermittler seien vor den Haysoms eingeknickt, hätten Ermittlungen von EH weg gelenkt. Söring-„Gegner“ schreiben Derartiges übrigens über seine Familie, diese sei einflussreich gewesen, weil mit einem Diplomaten als Vater. Wie nahe die Ermittler JS & EH im Herbst 85 auch immer gekommen waren, im Oktober dieses Jahres flüchteten sie aus der USA, per Flugzeug aus Washington nach Europa. Wobei sie sich dadurch wohl erst richtig verdächtig gemacht haben – aber nicht so, dass man international nach ihnen fahnden liess. Sie versuchten dann u.a., als Entwicklungshelfer nach Zimbabwe (Geburtsland von EH) zu gehen, wurden von einer Botschaft des Staates in Europa abgewiesen. Wollten dann nach Thailand (Geburtsland von JS), versuchten das zuerst mit einem gemieteten Auto, von Mitteleuropa über den Balkan,…

Dann ein Autounfall in Jugoslawien und Visumsprobleme, daher zurück nach Österreich. In Wien Besuch in der Staatsoper, bei Heurigen, einem Lokal bei der Berggasse. Dann flogen sie mit LOT über Warschau und Taschkent nach Bangkok. Söring schrieb, dass er in der USA über einen Übertritt zu Buddhismus nachgedacht hat (war von dessen Zen-Variante angetan), aus Abwendung von der gewalttätigen westlichen Zivilisation. Aber als er im buddhistischen Thailand war, spielte das anscheinend keine Rolle. Er schrieb über den Unwillen der Thais zur Einbürgerung von „Farangs“ (Westlern) und jenen, die Beiden bei englischsprachigen Zeitungen anzustellen. „…wenn man Liz und mich dort als Redakteure angestellt hätte, wären diese Publikationen aus der Lächerlichkeit in einen Zustand annähernder Respektabilität aufgestiegen.“- Schlecht übersetzt bzw redigiert aus dem (englischen) Original oder herrschte bei Söring auch um 2010 im Gefängnis (als er dieses Buch schrieb) noch diese Haltung vor? Von Drogen hat er sich fern gehalten, wenn man dem Buch glaubt, sowohl in der Freiheit (USA), als auch auf der Flucht (Thailand,…) als auch im Gefängnis, obwohl sie um ihn herum „schwirrten“.  

JS hatte einen bundesdeutschen Diplomatenpass, wegen seinem Vater, fuhr/flog damit auf der Flucht herum, EH mit ihrem kanadischen Pass. In Thailand stellten sie sich dann falsche kanadische Pässe aus. Und, die beiden sahen sich in Thailand nach illegalen Geldquellen um, verlegten sich auf Reisescheckbetrug. Dann der Beschluss, weiterzuziehen, neue Zukunftspläne; über Singapur, Moskau, Zürich, Stuttgart nach England. Wenn er in Deutschland geblieben wäre damals, hätte er auch bei Schuld bzw Fehlurteil keine solche Hölle erlebt… Kontrafaktik legt man gerne bei sich bzw auf das Privatleben Anderer an („Hätte ich…“ bzw „hätte er nur…“). In England waren sie zuerst in Canterbury, dann in London. Landeskundlich-ethnologische „Befunde“ kommen von Söring in seinem autobiografischen Buch v.a. von der Zeit der Flucht 85/86: Über serbische Machos, die Abneigung der Beiden ggü Hitze und scharfem Essen in Thailand (wobei Zweiteres die „Antwort“ auf das Erstere ist), dass dort die „eigene Kultur mit der westlichen verwoben“ sei, über die Schäbigkeit Englands ausserhalb der Londoner City,… Er schrieb auch über die (durch den NS) „entehrte deutsche Nation“ oder kritische Gedanken über den Westen bei einem Ausflug aus der USA nach Mexico zu Schulzeiten.

Im April 86 flogen sie in London beim Scheckbetrug auf, nach Änderung ihrer Methode (ihm zufolge auf EHs Initiative); in der U-Bahn-Station Kew Gardens im Westen Londons war es vorbei (hauptsächlich mit der Freiheit). JS kam nach der Festnahme zunächst in eine Arrestzelle einer Polizeistation, EH vermutlich auch. Die Beiden sahen sich dann nur noch bei einem Haftprüfungstermin 2 Tage später, dann bei seinem Prozess 4 Jahre später. Eine Verbindung mit dem Doppelmord in der USA stellte die britische Polizei nur durch ihr Reisetagebuch und ihre Briefe aus verschiedenen Zeiten her. Die Polizei von Bedford County liess die Beiden nicht über Interpol suchen! Söring legte bald ein Geständnis des Doppelmordes ab, zunächst vor dem eingeflogenen Sheriff „Ricky“ Gardner aus Bedford County in Virginia. Er sagt dazu, er habe vor dem Geständnis keine Gelegenheit gehabt, einen Anwalt darüber zu konsultieren, ob er wirklich Diplomatenstatus habe. Er sei von Washington nach Boonsboro zu den Haysoms gefahren, ohne Mordabsicht, es sei zu einem Streit gekommen, in dessen Zuge zu Gewalt. Dies hat er anscheinend in der Anwesenheit von Terence „Terry“ Wright von „Scotland Yard“(14) wiederholt.(15)

Das Täterwissen, dass er dabei gezeigt hat, erklärte er dann mit dem langen Zusammensein mit EH. Ihm zufolge hatte sie ihm das Tatmesser beschrieben, aber falsch, so dass er ggü der Polizei eine Tatwaffe angab die nicht zur Tat passte. Und, er hätte bei seinem Geständnis eine Narbe an seiner Hand gezeigt, die vom Kampf mit dem Haysoms herrühre; in Wirklichkeit habe er sich diese in seiner Kindheit in Zypern beim Zerbrechen eines Glases zugezogen. Jedenfalls, nach dem Geständnis kam er in das Brixton-Gefängnis in London. Das Geständnis nahm er zurück, begründet das damit, dass er erfahren hatte, keine diplomatische Immunität zu geniessen. Also: der Vater galt als Konsularbeamter, nicht als Diplomat, somit auch Familienangehörige – somit keine Immunität, nach der Wiener Konvention. Seine Eltern kamen nach GB, auch ihre Verwandten, besorgten ihnen Anwälte,… Er und sie (die in einem anderen Gefängnis war) sassen 8-monatige Strafen für Scheckbetrug ab, und kämpften gegen eine Auslieferung in die USA. EH gab 87 Widerstand gegen ihre Auslieferung auf, nach einem Handel mit Staatsanwalt Updike in Virginia, wonach sie nur der Anstiftung zum Mord angeklagt werden sollte. Vor ihrer Auslieferung hat sie anscheinend einen Trennungsbrief an JS geschrieben.

Dieser kämpfte gegen eine Auslieferung, er wollte natürlich in die BRD, nicht in die USA, wo ein Elektrischer Stuhl auf ihn „wartete“. 4 Jahre war er in London in Haft, im Brixton-Gefängnis, erzählt von israelischen Drogenhändlern, irischen Terroristen,… als Mitgefangenen dort, mit ihren unterschiedlichen Moralkodizes. Über den Fäkalgeruch, der im Gefängnis hing. JS hatte seinem Buch zufolge seine ersten Selbstmordgedanken/-versuche dort. Ein Deutscher namens Mat(t)hias Schröder (Schroeder) muss in dieser Zeit auch in diesem Gefängnis gewesen sein (anscheinend nicht in Sörings Zelle) – er wird von Hammel/Wright angeführt als Einer, dem Söring den Mord gestanden hätte.(16) Haysom wurde ’87 in Virginia abgeurteilt, bekam 90 Jahre Gefängnis. Sie blieb im Prozess bei seiner/ihrer ursprünglichen Version, wonach er die Tat begangen hätte. James Updike, der Ankläger, zog vor Gericht Parallelen zum Drama ″Macbeth″, in dem Lady Macbeth ihren Mann überzeugt, einen Mord zu begehen. Haysom stimmte dem zu. Als Ende 1989 die „Mauer fiel“ bzw die deutsch-deutsche Grenze in Berlin geöffnet wurde, war JS umgeben von Mauern. Im Auslieferungsstreit stand GB zwischen seinem Verbündeten USA und seinem EG-Partner BRD. Nach dem EuGH-Urteil ’89 musste Updike zurückschrauben, auf die Todesstrafe verzichten, um JS zu „bekommen“.

Zu dieser Zeit gab es zwischen GB und USA auch Streit um Joseph „Joe“ Doherty, einen nord-irischen IRA-Mann, der 1981 aus einem Gefängnis in Belfast fliehen konnte und sich dann auch in die USA absetzen. Doherty, der in Abwesenheit wegen Mordes an einem Offizier der SAS (Spezialeinheit der britischen Armee) zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wurde ’83 in der USA verhaftet und kämpfte anschliessend über neun Jahre gegen seine Auslieferung nach Grossbritannien. In dieser Zeit sagte er sich von der IRA los und erfuhr Unterstützung von Prominenten sowie der irischen Lobby in der USA. Zwischen GB und USA wurde damals ein Austausch von Söring gegen Doherty andiskutiert. Schlussendlich wurden beide aber (anscheinend) unabhängig voneinander ausgeliefert.(17) 1990 also Sörings Auslieferung, Flug von London nach Roanoke (die Stadt dieses Namens in Virginia), die Vorbereitung auf den Prozess, der in Bedford City stattfand. JS kam zunächst ins Bedford County Jail.

Der Prozess dauerte 3 Wochen, TV-Kameras waren dabei, Vater und Bruder von JS waren als Zuseher dabei. Der Vater hatte (Ende 85) die Kinokarten aus Washington im Zimmer seines Sohnes im Studentenheim der Universität in Charlottesville gefunden, als er dieses ausräumte, aber diese brachten den Sörings wenig. Einiges am Verfahren soll fragwürdig gewesen sein: es gab keine Verlegung aus dieser Gegend, in der die Geschworenen durch Medienberichte stark „beeinflusst“ worden waren; Richter William Sweeney hatte persönliche Beziehungen zu den Haysoms; zu Sörings Anwalt Richard Neaton unten mehr; ein Fussabdruck-Overlay wurde präsentiert, das die Deckungsgleichheit von Sörings Fuss und jenem Abdruck zeigen sollte, der im Haysom-Haus gefunden wurde – angefertigt von einem FBI-Techniker, der Reifenabdruck-Spezialist war (Robert Hallett); dagegen wurde ein Täter-Profil von FBI-Profiler „Ed“ Sulzbach im Prozess nicht erwähnt, darin wurde auf eine Täterin geschlossen, die der Familie nahestand. EH sagte in diesem Prozess ja als Zeugin aus. Staatsanwalt Updike (inzwischen ist er Richter) griff JS für sein Auftreten an, das öfters als „besserwisserisch“ oder „arrogant“ ausgelegt wurde. Was auch immer für die Geschworenen ausschlaggebend war (das Geständnis, Haysoms Aussage, der Fussabdruck,…), sie befanden JS für schuldig; er wurde zu zwei Mal lebenslänglicher Haft verurteilt.

Am Abend des Urteils ’90, schrieb Söring, habe er eine Art Selbstmordversuch unternommen, und danach kehrten diese Gedanken bis zum Ende der Haftzeit verständlicherweise immer wieder zurück. Ab da (bis zur Freilassung) war er auch damit beschäftigt, sich im Gefängnis zu behaupten und um seine Freilassung zu kämpfen. In diesem ersten Gefängnis in der USA waren weisse Mithäftlinge in der Minderheit, schrieb er. In dieser Zeit wurde er per Telefon in die TV-Show von Geraldo Rivera zugeschalten, in eine Sendung in der auch andere aufsehenerregende Kriminalfälle der USA dieser Zeit behandelt wurden, wie jener der Menendez-Brüder in California, die ihre Eltern getötet hatten.(18) Dann die Verlegung in das Gefängnis in Southampton. Dort kam er, wie auch in anderen Gefängnissen, in die Abteilung für den Schutzgewahrsam (die Absonderung), wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit für seinen Fall. Söring schreibt von Zigaretten als Währung, Schwarz gegen Weiss, erzwungenem Sex/ Vergewaltigungen (auch ihm ggü ein Versuch), Gewalt (Schlägereien, Messerstechereien), Drogen, Allianzen die er einging und das Aufnehmen des Weltgeschehens („Golfkrieg“ 91, Anschläge 11. 9. 01,…) über Fernsehen.    

In Virginia (erste englische Kolonie in Nordamerika) spielte sich einst die Zwangsverheiratung und Zwangskonversion von Pocahontas ab, und (ungefähr zur selben Zeit) der Krieg der Engländer gegen die Powhatan, das Volk dem Pocahontas angehörte. Diese Küstengegend Nordamerikas war ursprünglich von Algonquin-Völkern bewohnt (darunter den Powhatan, die zur Zeit der englischen Landnahme von einem gleichnamigen „Häuptling“ geführt wurden), dort entstanden Plantagen (Tabak, Baumwolle,…), auf denen versklavte und deportierte Afrikaner arbeiten mussten. 1808 beendeten die nunmehr von GB unabhängigen Kolonien (USA, damals auf die Atlantik-Küste und das Hinterland beschränkt) die „Einfuhr“ von neuen Afrikanern (die Karibik war dabei immer der Umschlagplatz gewesen), hielten die Sklaverei aber aufrecht; in nördlichen Bundesstaaten, wo sich die Industrie durchsetzte, wurde die Sklaverei nach und nach abgeschafft. Alexandria im nördlichen Virginia war der zweitwichtigste Umschlagplatz von Versklavten in der USA, nach New Orleans. Ein Sklavenhalter bzw Plantagenbesitzer in Virginia war auch Thomas Jefferson, ein Gründungsvater der USA und dann ihr Präsident. Jefferson liess Tabak pflanzen, auf dem Familien-Anwesen „Monticello“.

Zu Jeffersons pursuit of happiness gehörte eine Beziehung mit „seiner“ Sklavin Sarah/Sally Hemmings die ein „Mischling“ war, die minderjährige Halbschwester seiner Frau; die hatte natürlich nichts Schwarzes, ihr Vater John Wayles war Sklavenhändler und Pflanzer in der Virginia Colony… Mindestens so vielsagend wie dieser Fakt (bzgl Jeffersons Sexsklavin) ist der Umgang damit, bzw die Leugnung, nicht zuletzt in Deutschland.(19) Jefferson war Gouverneur Virginias (1779-81), bevor er Präsident der USA wurde, wie später auch James Monroe. In der Southampton-Gegend in Virginia fand 1831 die Sklaven-Rebellion unter Nat Turner statt. 

Afroamerikanische Sklaven beim Baumwolle trocknen USA (South Carolina) ca 1862

Die Mutter von Nathaniel „Nat“ Turner wurde noch in (West-) Afrika geboren, sein Vater schaffte es, in den Norden zu flüchten (mehr oder weniger in die Freiheit). Den Namen bekam (auch) er von jenen, die ihn als Sklaven hielten (auf ihren Baumwolle-Plantagen), der Familie Turner (Benjamin, dessen Sohn Samuel). Nat Turner ging es 1831 nicht nur um seine eigene Freiheit, sondern auch darum, ein Zeichen gegen das System zu setzen. Voraus gegangen war seiner Auflehnung eine Art spirituelle Erweckung. Turner und sechs weitere Versklavte von der Turner-Plantage brachten die Turner-Familie als Erste um, zogen weiter zu anderen Farmen/Plantagen in dieser Gegend Virginias, befreiten Versklavte, töteten Versklaver (insgesamt 55). Eine „weisse“ Miliz brachte die Gruppe zur Strecke, auch den Anführer. Turner, die anderen Beteiligten und in weiterer Folge auch hunderte weitere Afrikaner (Afro-Amerikaner) in Virginia wurden gelyncht, für die weiterhin Versklavten veränderten sich die Lebens-/ Arbeitsbedingungen grossteils zum Schlechten.

In Virginia beginnt der Süden der USA, wenn man so will, die Mason–Dixon-Linie verläuft etwas nördlich der Nordgrenze Virginias.(140) Virginia schloss sich 1861 den Confederate States of America (CSA) an (siehe), seine Hauptstadt Richmond wurde Hauptstadt der CSA. Der damalige Nordwesten Virginias, das Gebiet jenseits der Blueridge Mountains(90), war/ist naturräumlich und daher wirtschaftlich anders geprägt, eine gebirgige Gegend mit (ärmeren) Kleinbauern, und die Differenz mit den Plantagenbesitzern in den Ebenen (die in der Politik des Staates dominant waren) führte 1863, während des Kriegs, zur Abspaltung dieses West Virginias. West Virginia (bzw seine Führer) war(en) für die Abschaffung der Sklaverei, gegen die „Ablösung“ von der USA. 1865 die Kapitulation der Südstaaten (CSA) nach dem Eindringen der Armee der Nordstaaten (USA) in Virginia, die Kapitulation von General Lee (aus einer Sklavenhalterfamilie in Virginia!) im Gerichtshaus von Appomatox. Der Autor Edward Pollard aus Virginia wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der Zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht). Virginia und West Virginia haben sich nach der Abschaffung der Sklaverei auch in ersterer Provinz und Re-Integration der Südstaaten in die USA nicht wiedervereinigt.

Nach der Wiederwahl von Bush junior 2004 gegen Kerry zirkulierten im Internet neue Karten von Nordamerika: Die Grenze verläuft zwischen den „United States of Canada“ (also Kanada und den US-Bundesstaaten mit demokratischer Mehrheit > Westrand und Nordosten) und „Jesusland“/ Bible Belt, also jenem Teil der USA, der für Bush gestimmt hat.(20) Virginia und West Virginia sind Teil von „Jesusland“, dessen nordöstlichster Teil. Dort wirkte der Baptisten-Evangelikale Jerry Falwell, mittlerweile sein gleichnamiger Sohn. Diese politisch-demographischen Verhältnisse wurden von den „Rednecks“ (zB bei der Obama-Wahl) auch stolz hervorgekehrt. Ansonsten ist Virginia bekannt für Mount Rushmore/ Thunkasila Sakpe (mit den im Fels eingemeisselten Präsidenten-Profilen), Langley (CIA-Zentrale), Quantico (FBI-Zentrale), Arlington (der Nationalfriedhof), Hampton (mit dem Langley Research Center, wo in den 1960ern auch afro-amerikanische Mathematikerinnen für die NASA wirkten, getrennt von den Weissen). Die Washington Sniper haben zT auch in Virginia gemordet.

Für Jens Söring stand 1990 bis 2001 der Kampf um die Revision im Vordergrund seines Gefängnis-Lebens. Wobei sein Anwalt Neaton seine Pflichten vernachlässigte und Geld veruntreute, „psychische Probleme“ (und/oder Drogenprobleme) offensichtlich wurden, er schliesslich seine Zulassung verlor. Diese Probleme dürften auch schon beim Prozess aktuell gewesen sein. Der Vater liess sich nach der Verurteilung des Sohnes auf Posten mit Gefahrenzulage versetzen (mehr Geld, das für den Rechtsbeistand des Juniors benötigt wurde), Mauretanien und Papua-Neuguinea. Unabhängig davon wurde JS als deutscher Gefangener in der USA von Diplomaten des nunmehr wiedervereinigten Deutschlands „betreut“ (90-19). Geleitet wurde die deutsche Aussenpolitik 1974-1992 ja von Hans-D. Genscher, der 1982 mit der FDP die Seiten bzw den Koalitionspartner wechselte, Kohl zum Kanzler machte; und 98-05 von Joseph Fischer(21) – der Ex-Linke war/ist vielleicht mehr „Transatlantiker“ als seine konservativ-liberalen Vorgänger. 1999 versuchte Fischer, für die LaGrand-Brüder zu intervenieren, Deutsche die damals in Arizona in der Gaskammer für einen Mord bei einem Banküberfall hingerichtet wurden.

Nicht immer bleibt die Familie auf der Seite des Verbrechers bzw des Verurteilten (was ja nicht immer das selbe ist), besonders dann nicht, wenn das Opfer ebenfalls aus dieser Familie ist. Wie es bei EH der Fall ist. Haysom, die während und nach ihrer Gefängniszeit ggü der Öffentlichkeit im Gegensatz zu JS meist schwieg, hat anscheinend das Verhältnis zu ihren Verwandten inzwischen „gekittet“. JS schreibt in „Nicht schuldig“ kaum von Besuchen im Gefängnis, ob von seinen Familien-Angehörigen oder Anderen, und nicht über die Kontakte mit der Familie (oder alten Freunden) auf der Flucht. Er schreibt, dass er in Southampton zeitweise Häftlingsvertreter war und eine „rollende Bibliothek“ initiiert hat, dabei mit juristischer Fachliteratur sich und Mithäftlingen zu helfen versuchte(22); erzählt dabei von Joseph Giarratano, einem wegen Mordes Verurteilten in Southampton, der seinem Mithäftling Earl Washington half, wie auch Sörings spätere Anwältin Gail Sterling-Marshall.

Washington wurde aufgrund von DNA-Tests (die in den 1990ern aufkamen) zuerst von der Hinrichtung gerettet, dann aus dem Gefängnis entlassen. Die Todesstrafe für Giarratano wurde schliesslich umgewandelt. JS durfte sich eine Speicherschreibmaschine halten, begann zu schreiben, als Therapie und in seiner eigenen Sache. 1991 wurde er in’s Mecklenburg Correctional Center überstellt; von dort waren 1984 2 der 3 Briley-Brüder (+ 2 Weitere) aus dem Todestrakt (!) entkommen, aber bald wieder eingefangen. 1994 wurde Gail Sterling-Marshall seine Anwältin, eine frühere Vize-Generalstaatsanwältin (= Vize-Justizministerin) von Virginia. Sie rehabilitierte die Frauen und die Juristen bei ihm, vielleicht auch die USA, rettete ihn vor dem Absturz. Sie war seine Anwältin bis 01, Unterstützerin darüber hinaus. 1994 kam er auch in ein neues Gefängnis, Keen Mountain in Oakwood, eine „weissere“ Gegend, 94-99 war er dort. Dort gab es Doppel- statt Einzelzellen, was JS zufolge schlimmer war, er hatte aber Rick, beide waren/wurden nicht Teil der Knastkultur.

1999 wurde die ganze Abteilung (Langzeit-Schutzgewahrsam) erneut verlegt, ins Wallens Ridge State Prison in Big Stone Gap, ein Supermax-Gefängnis.(23) Die Verlegung fand mit dem Bus statt, man ist an „Auf der Flucht“/“The Fugitive“ erinnert, den Film in dem der unschuldig Verurteilte bei so einem Bustransport (in das Gefängnis in dem er hingerichtet werden soll) flüchten kann. In der gleichnamigen TV-Serie, die dem Film zu Grunde lag, ist es ein Zug und ein Unfall, im Film ein Bus und ein Fluchtversuch von Mitgefangenen. In Beiden gelingt es „Dr. Richard Kimble“, seinen „Jägern“ zu entkommen und gleichzeitig den Mord an seiner Frau aufzuklären. Reales Vorbild war Samuel Sheppard in Ohio in den 1950ern, der einige Jahre für den Mord an seiner Frau im Gefängnis war.(24) Im Wallens Ridge, schreibt JS, wurden sie von einem Schäferhund mit Erektion „empfangen“ (durch Streicheln der Wärter hervorgerufen), zur Einschüchterung. Genau so schlimm war das Gefängnis dann auch (sein schlimmstes), mit Wachen die schnell schossen (mit Gummipatronen). Aber, ein Antrag auf Überstellung nach Brunswick, ein humaneres Gefängnis dort, wurde statt gegeben, und 2000 wurde er dorthin überstellt.

Bei den Bemühungen um eine Revision/ Neuaufnahme, dem Weg durch die Instanzen, kam Söring ’96 auch wieder vor Richter Sweeney in Bedford zu einer Anhörung. 2000/01 war er mit Sterling-Marshall vor dem Obersten Gerichtshof (Supreme Court) der USA angelangt. Zur selben Zeit mussten die obersten neun Richter der USA auch über die Präsidentenwahl 2000 entscheiden, bzw über die Auszählung in Florida, von der das Gesamt-Ergebnis dieser Wahl (zwischen Albert Gore und George Bush junior) abhing. Im Dezember ’00 die Entscheidung des Supreme Court über die Florida-Wahl-Auszählung, das ursprüngliche Ergebnis zugunsten Bushs wurde „angenommen“. Im Jänner 01 wurde Sörings Habeas-Corpus-Eingabe abgewiesen. Dazu passend: Bush (01 als Präsident der USA angelobt) redete immer von Freiheit und Demokratie, schränkte diese im Inneren und Äusseren ein. Auch lehnte es eine US-Initiative für Justizopfer (oder zwei) ab, sich für Söring einzusetzen. Und: Nach der OGH-Ablehnung zerwarf sich JS mit seinem Vater. Er schreibt dazu, dass dies den Verlust finanzieller und emotionaler Unterstützung bedeutete. Aber nichts über die Gründe, auch nicht, ob ein Zusammenhang mit der Gerichts-Entscheidung bestand.

Es soll um Erbstreitigkeiten gegangen sein. Die Mutter starb 97 in Bremen, hat sich „zu Tode getrunken“, und zuvor vom Vater scheiden lassen. Die Söring-Familie war wohl schon vor dem Haysom-Mord bzw den Folgen für Jens etwas zerrüttet, aber den Belastungen danach hielt sie nicht stand.(25) Der Kontakt zum Bruder (anscheinend Jurist in Berlin) riss auch ab, heisst es. Blieben Pastor Beverly Cosby (Church of the Covenant, starb 02) und „ein Schulfreund aus Atlanta“ (nun in GB). Und Marshall und weitere Unterstützer in USA und BRD. JS hatte in dieser Phase wieder Selbstmord-Gedanken; es heisst, er hatte 200-300 Aspirin-Tabletten in einer Flohsamenschalen-Dose gesammelt, welche ihn auf seinem Weg durch drei verschiedene Gefängnisse begleitete. Er nahm sie aber nicht ein, machte diesen Schritt damals nicht. Und gab sich auch nicht der Gefängniskultur mit Drogen, Gewalt und Homosexualität hin. Machte stattdessen einen spirituellen Neuanfang, ging den Schritt von einer theologischen Beschäftigung mit dem Christentum zu einer spirituellen.

Religiös zu werden gehört eigentlich auch zur Gefängniskultur, viele Gefangene werden das, finden zu einem Glauben…der Weg nach Aussen ist in so einer Gefangenschaft schliesslich verschlossen, bleibt das In-sich-gehen.(138) Dazu kommt noch, dass das eine Auseinandersetzung mit einem tatsächlich begangenen Verbrechen ermöglicht, von der Gefängnisleitung (idR) unterstützt wird. JS ist 02 zum katholischen Christentum übergetreten, heisst es; laut en.wikipedia vom Buddhismus – demnach wäre er zu diesem tatsächlich übergetreten und ist nun zum Katholizismus zurückgekehrt. Die andere Möglichkeit wäre, dass er zuvor evangelisch/lutheranisch war. Jedenfalls entdeckte er die christliche Meditation, das Gebet der Sammlung. Das wurde für etwa 10 Jahre sein Lebensinhalt. Und führte zu einer gewissen Aussöhnung mit sich selbst und seinem Schicksal. Er schreibt, er macht(e) sich schon schwere Vorwürfe (Wissen, sein Leben selbst verpfuscht zu haben), aber nicht wegen eines Mordes, sondern weil er sich in diese Situation selbst hinein geritten hatte (Geständnis,…).

Söring in einem Buch: er wisse, dass er verglichen mit vielen seiner Mitgefangenen gesegnet sei, mit einem reichen spirituellen Leben, literarischen Ausdrucksmöglichkeiten, Freunden und Unterstützern draussen.(26) Dennoch „natürlich“ das Hadern, „Herz und Hoden“ seien angegriffen, er habe sich immer wieder mit Rasierklingen geritzt. „…bei allen Segnungen, spüre ich den Schraubstock der Zeit, der den Lebensatem aus mir herausquetscht…“. Er schrieb auch darüber, wie wichtig Humor/Lachen im Knast war, es einem dort vor dem Durchdrehen bewahrte, oder wie sich Gefangene auch gegenseitig unterstützten. 04 beging ein Freund/ Zellengenosse von ihm Selbstmord. Einmal wurde ihm die Schreibmaschine weg genommen(27), und gab es weitere Verschlechterungen für ihn im Strafvollzug. Natürlich verbrachte er auch viel Zeit mit Lesen(28), nicht zuletzt über Religion, er bezog in Gefangenschaft 10 Jahre „Spiegel“ und „Zeit“, bis Fremdsprachiges (Nicht-Englisches) verboten wurde („typisch amerikanisch“); über die eingangs erwähnten globalen Umwälzungen/Entwicklungen wurde er jedenfalls auch dadurch informiert.

Er las auch die Speer-Biografie von Gitta Sereny; Speer war ja möglicherweise der grösste Täuscher der NS-Verantwortlichen als ihr grösster Reuiger, aber die Sereny-Biografie hat ihn ja kritisch beschrieben. Bei der Gelegenheit: Speer beschrieb die Besuche seiner Familie in seiner Spandau-Gefangenschaft (46-66) ja als höchst schweigsam und peinlich. Ein Onkel schickte ihm Essays von Ernst Käsemann, einem evangelischen Theologen, der Gegner des NS wurde (in dessen Regime Speer um 1943 herum die Nr. 2 war). Käsemanns Tochter Elisabeth wurde 1977 in Argentinien entführt und ermordet, unter der dortigen Militärdiktatur (Videla,…). Zu einem Zeitpunkt, als das westdeutsche Fussball-Nationalteam dort zu einem Testspiel gegen das argentinische war, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft dort (sie war dort, um sich gegen Armut und Ungerechtigkeit zu engagieren). Unter der Schmidt-Regierung machte die westdeutsche Waffenindustrie gute Geschäfte mit der argentinischen Junta, das Auswärtige Amt (Aussenministerium) unter Vizekanzler Genscher blieb still. Der damalige bundesdeutsche Botschafter Jörg Kastl sagte auch noch Jahrzehnte später, Käsemann könnte eine potentielle Terroristin gewesen sein, war selber schuld, er empfinde keine Reue wegen des Nicht-Engagements.(29)

Der katholische Pfarrer Bernd Kaut baute das Netz von Unterstützern für JS in der BRD mit auf. Dieser machte irgendwann die körperliche Ertüchtigung (Laufen im Hof,…) zu einer Priorität über das Lesen. Bekam im Gefängnis den einen oder anderen Job. 2003 begannen die Anhörungen wegen vorzeitiger Entlassung. „Das Einzige was man [im Gefängnis] weiss, ist dass der morgige Tag genau so stinklangweilig sein wird wie dieser, und genau so einsam und genauso sinnlos“. Er meinte auch, lebenslängliche Haft sei schlimmer als die Todesstrafe. Immer der selbe Trott, die selbe Monotonie, das Gefühl „lebendig begraben“ zu sein. Eine Verzweiflung/Hoffnungslosigkeit, die Andere in Freiheit erleben. Manche werden psychisch krank im Gefängnis, Andere kommen dort hinein weil sie es sind; bei Manchen kommen im Gefängnis körperliche Krankheiten dazu. Die Langzeitler, so Söring, erlebten die ersten 5 Jahre im Schock, dann 5 Jahre Zorn, 10 Jahre Integration, dann käme die grosse Verzweiflung. Die Beziehungen Gefangene-Wärter sind natürlich auch ein wichtiger Aspekt im Gefängnisleben; Söring schrieb von Spitzeln. Er selbst hat in seiner Anfangszeit gezeichnet und E-Gitarre gespielt, schreibt er, Zweiteres auch alleine: „musikalische Masturbation: sinnlos, langweilig und letztlich deprimierend“.(30)

Er schreibt von Gefangenen, die vor weiblichen Aufsehern onanieren. Von Homosexualität im Gefängnis: den „Umgedrehten“ (homosexuell geworden, zumindest für ihre Zeit im Gefängnis > „Not-Homosexualität“, „Knast-Schwulheit“), die Mehrheit der Langzeitler; Andere waren schon schwul. Als Schwuler im Gefängnis zu sein, ist gleichzeitig ein Geschenk und ein Fluch. Es gibt konsensuale Beziehungen, Prostitution, Vergewaltigungen. Pornographie ist im Gefängnis in der Regel verboten, theoretisch meist auch jeder Sex. Wirklich zölibatär/enthaltsam leben aber nur sehr wenige Gefangene. In manchen Gefängnissen waren/sind Intimbesuche möglich, auch in der USA. „Tex“ Watson, der im Auftrag von Charles Manson mordete, heiratete im Gefängnis nicht nur, er durfte seine Frau auch legal mehrere Male zu Sexbesuchen empfangen, zeugte 4 Kinder mit ihr. Anders war es bei Theodore „Ted“ Bundy, der in den 1970ern über 30 Frauen getötet hat, er hat trotzdem/deshalb weibliche Fans gehabt; er zeugte um 1980 herum (als er vor Gericht stand) bei einem anscheinend durch Bestechung von Gefängnis-Wärtern ermöglichten Sexbesuch eine Tochter.(31)

Susan Smith, die US-Amerikanerin die ihre Kinder tötete und sagte es war ein Schwarzer, hatte im Gefängnis Sex mit einem Wärter, der darauf hin entlassen/sanktioniert wurde. Männliche Wärter in Frauengefängnissen kommen vermutlich eher in einen solchen Genuss als umgekehrt. Drogen sind natürlich auch Teil der Gefängniskultur. Manche sind deshalb in’s Gefängnis gekommen, Andere nehmen sie erst dort,… Opiate (Morphium oder Opium) würden sich in gewisser Hinsicht für’s Gefängnis eignen, seine „Charakteristika“ und dafür, es zu ertragen,… Die Energie, die einem Kokain oder „Meth“ verleiht, was tun damit? Aber wie gesagt, Manche kommen im Zusammenhang mit Konsum von Opiaten erst ins Gefängnis…und erleben dann (wenn sie Pech haben) dort einen kalten Entzug. Söring dürfte im „Knast“ nicht einmal zu Rauchen begonnen haben. Er schreibt, dass Drogen idR über Wachen ins Gefängnis kommen, nicht Besucher. Tabak (bzw Zigaretten) ist natürlich die verbreitetste Droge in Gefängnissen weltweit.

Zu den Notdrogen dort gehört etwa C(h)ifir, das in russischen Gefängnissen/Lagern populär bzw entwickelt wurde: viel Tee in kochendes Wasser, lange ziehen lassen, langsam trinken… der Tee setzt Wirkstoffe frei.(32) Oder Crackstick, eine Rauchzubereitung aus E-Zigaretten-Filter und kafe-getränktem Klopapier. Safran ist eher ausserhalb Gefängnissen eine „Ersatzdroge“. Zu Gefängnissen, besonders jenen in der USA, gehören auch Gewalt, Gangs, Rassismus. Und Hierarchien. Unter jenen im „Käfig“, den Häftlingen, die für viele Wachen und Menschen draussen „Untermenschen“ sind; oftmals sind diese Hierarchien ethnisch definiert, oft aber auch (zT überlagernd) nach Delikten. Warum „Kinderschänder“ meist ganz unten sind: https://www.quora.com/Prisons-and-Prison-Life-Why-do-inmates-especially-hate-child-sex-offenders . Es gibt in Gefängnissen in der Regel nicht nur einen Bunker (ein Gefängnis im Gefängnis für bestimmte Vergehen dort), sondern auch einen Schutztrakt (Protective Custody). Wo sich Pädosexuelle, Kindermörder, Informanten im Gefängnis („Snitcher“) oder von draussen (im Zeugenschutzprogramm Befindliche), Mitglieder bestimmter Gangs bzw Gang-Aussteiger, ehemalige Polizisten, Transgender-Personen, und zum Teil Jugendliche, Vergewaltiger, offene Homosexuelle wiederfinden – alle jene die unter „normalen“ Gefangenen gefährdet wären.

In der USA hat der Häftling Jonathan Watson, der wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, heuer zwei Kinderschänder in einem kalifornischen Gefängnis umgebracht; “Ich dachte, ich tue der Welt einen Gefallen damit”. Ebenfalls in der USA hat ein Steven Sandison 2014 einen Zellenkumpel getötet der Kinderschänder war. Der Brite Richard Huckle beging v.a. in Malaysia (als Lehrer dort) in den 00ern und 10ern pädosexuelle Verbrechen (bis hin zu Vergewaltigungen von Kindern), wurde geschnappt weil er auf einer Plattform im Dark Web darüber protzte. 2014 Festnahme in London, in der Folge Bruch der Familie mit ihm, die entsprechenden Bereiche seines Laptops blieben verschlüsselt; ’16 die Verurteilung im „Old Bailey“ in London. ’19 wurde er im Full Sutton-Gefängnis bei York (für Schwerverbrecher), in der Abteilung für „vulnerable prisoners“ mit 33 J. getötet, vom Nord-Iren Paul Fitzgerald, der selbst wegen Sexualvergehen an einer sehr Jungen (15 J.) und einer sehr Alten verurteilt worden ist. Was Einiges über diese Scheinmoral aussagt…Fitzgerald hat den Mord an Huckle(33) anscheinend als Selbstjustiz wegen Huckles Taten deklariert.(34)

Übergriffe von Sträflingen an solchen mit Sexualdelikten, besonders solchen an sehr Jungen, gibt es immer wieder. 2017 hat ein Josiah Davies (Betrüger) in einem Gerichtsraum in New Hampshire (USA) einem Christopher Elwell (soll 4-jähriges Mädchen sexuell belästigt haben) einen Kopfstoss verpasst, vor einer Kamera, beiden Männern waren Hände und Füsse gefesselt.(35) Es ist eine Form der Selbsterhöhung. Auch für Leute „draussen“. Was man zB bei den Kommentaren zu Youtube-Videos über Christopher Watts sieht (der seine Familie tötete), in denen ihm zB Vergewaltigungen im Gefängnis gewünscht wird. Der Kindermörder Erwin Hagedorn (1972 letzte Hinrichtung eines Zivilisten in der DDR), diskutierte mit Arbeits-Kollegen in einer Bahnhofsküche über die Eberswalder Morde (die er beging), forderte sogar eine besonders drastische Strafe: „an einen Pfahl anbinden, mit Benzin überschütten, anzünden“. Gefängnis-Personal setzt sich aber nicht immer für solche „gefährdeten“ Insassen ein, manchmal ist das Gegenteil der Fall. Morde gibt es auch in Gefängnissen immer wieder, bei Jeffrey Dahmer (dem höflichen Serienkiller deutscher Herkunft) hatte das mit seinen Taten gar nichts zu tun.(36) Die Engländer Venables und Thompson haben im Alter von 10 in Liverpool ein Kleinkind getötet. Ihnen wurde während ihrer Haftzeit gestattet, ihre Namen zu ändern (zur Resozialisierung), wie auch Gäfgen, Fritzl, Degowski,…(37)

Der britische Pop-Musiker Ian Watkins (Lost Prophets) wurde unter Anderem wegen versuchter Vergewaltigung eines Babys verurteilt, wurde im Gefängnis mit einem hineingeschmuggelten Handy erwischt, ein höchst begehrtes Gut dort. Er versteckte es in seinem Mastdarm/Rectum.(38) Manche Gefangenen beschäftigen sich mit Tätowierungen, andere mit Sport. Der brasilianische Fussball-Weltstar „Ronaldinho“ (Ronaldo Moreira) kam heuer in Paraguay in ein Gefängnis, nachdem er mit einem falschen Pass einzureisen versuchte (aufgrund von Steuerschulden war ihm in Brasilien neben Besitz auch sein brasilianischer und sein spanischer Pass konfisziert worden)(39). Dort nahm er an einem kleinen Fussball-Turnier teil. Auch Prominente kommen natürlich gelegentlich in Gefängnisse, von Alphonse Capone über David Crosby und O. J. Simpson bis Mosche Kazav (siehe hier). „Uli“ Hoeness, nach seiner Haft wegen Steuerhinterziehung wieder Präsident vom FC Bayern München, hat in „Die Welt“ über Provokationen von Mitgefangenen während seiner Haftstrafe berichtet: „Es war hart zu erfahren, dass Leute, mit denen ich zuvor Karten gespielt hatte, probierten, mich unter der Dusche oder sonst wo mit reingeschmuggelten Handys zu fotografieren, um sie dann für sehr viel Geld zu verkaufen“. A propos: Kartenspielen gehört natürlich auch zur Gefängniskultur, wie Fernsehen oder Drogen.

Manchmal kommt es in Gefängnissen auch zu (mehr oder weniger) interessanten Begegnungen. JS berichtet u.a. von Vietnam-Veteranen, die (traumatisiert zurückgekehrt) daheim Verbrechen begingen bzw das Töten und den Terror „daheim“ fortsetzten; er nennt keine Namen von Mithäftlingen, in seinen Büchern.(40) Im Gefängnis Long Lartin in South Littleton (Worcestershire, GB) trafen sich in den späten 1980ern „Ronnie“ Lee von der militanten britischen Tierbefreiungsbewegung Animal Liberation Front (ALF), Alan Heyl von der südafrikanischen Stander Gang sowie „Gerry“ Conlon und John Walker, zwei Nord-Iren die irrtümlich (bzw ungerechterweise) für einen IRA-Anschlag 1974 verurteilt wurden. Es war dies ein Anschlag auf ein Pub in Guildford (England) der 5 Menschen tötete. Gerard Conlon und 10 weitere Nord-Iren (die Guildford Four und die Maguire Seven, zT Verwandte) wurden 1974 dafür verhaftet und 1975 dafür verurteilt (Conlon zu lebenslänglicher Haft, nach erfoltertem Geständnis). Die Geschichte von Conlon, der in Long Lartin u. a. britischen Gefängnissen war (15 Jahre), wurde verfilmt („Im Namen des Vaters“, mit Daniel Day-Lewis und Emma Thompson).

Freilassung Gerard Conlon 1989 London

Im Gegensatz zum Film kamen Conlon und die Anderen aber anscheinend nicht durch eine engagierte Anwältin (die es aber tatsächlich gab, Gareth Peirce) frei, sondern eine interne Polizeiuntersuchung. Nach seiner Freilassung 1989 engagierte sich Conlon für unschuldig Verurteilte wie die Birmingham Six (John Walker war einer von ihnen) und die Bridgewater Three.(41) Al(l)an Heyl hatte André Stander im Zonderwater-Gefängnis in Cullinan (Südafrika) kennen gelernt. Stander war ein Polizist im Gefängnis, und ein Polizist (bei der Raub- und Mordabteilung der Polizei in Johannesburg bzw Kempton Park) der zahlreiche Banken ausgeraubt hatte, zT in der Mittagspause; war dann öfters als untersuchender Polizist an die Tatorte zurückgekehrt. 1980 wurde er auf frischer Tat von seinen Kollegen gefasst und anschliessend zu 75 Jahren Gefängnis verurteilt. Nannte als Grund für die Taten „Verbitterung“ über seinen Anteil am Soweto-Massaker 1976. Nachdem er Alan Heyl und Patrick McCall kennengelernt hatte, flüchteten die Drei 1983 zusammen; begingen neue Banküberfälle („Stander Gang“). Stander floh dann in die USA und wurde 1984 in einer Schiesserei von einem Polizisten getötet.

McCall wurde 1984 in Südafrika während einer Polizeirazzia im Versteck der Bande in Houghton Estate getötet. Heyl floh nach Griechenland, dann nach GB und Spanien und wieder zurück nach England, wo er wegen Raub und unerlaubtem Waffenbesitz zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. Dort die Begegnung mit Conlon und Lee (dem er stolz vermelden konnte, dass er Vegetarier war). Er wurde dann nach Südafrika ausgeliefert, zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt; 2005 kam er auf Bewährung auf freien Fuss.(42) Der Squash-Sport hat seinen Ursprung auch in englischen Gefängnissen, im 19. Jh. Heutzutage dominiert in Gefängnissen Kraftsport. Auch Kartenspiele oder Sportwetten sind unter Gefangenen beliebt (und praktikabel), Geschäfte verschiedener Art machte auch JS. Malcolm Little/X (Malik Shabazz) hat im Gefängnis (Massachusetts, 1940er, 50er) eine Religion zwar nicht gegründet, sich aber einer neuen angeschlossen (Nation of Islam/ Black Muslims) und diese dann nach seiner Freilassung mit geprägt und geführt. Oft ist auch Arbeit oder sogar Ausbildung möglich. Die Beschäftigung mit Literatur, Wissenschaft, Religion,… ist wahrscheinlich eher ein „Aussenseiter-Programm“. Robert Stroud „nutzte das Gefängnis“ für die Beschäftigung mit Vögeln (vermutlich auch, weil er mit Menschen nicht auskam).

Helmut Frodl, der einen konkurrierenden Filmproduzenten getötet hat, absolvierte ein Theologie-Studium. Johann „Jack“ Unterweger, für einen Frauenmord in Deutschland im Gefängnis (Justizanstalt Stein in Krems in Niederösterreich), begann zu schreiben, weshalb sich österreichische Intellektuelle für ihn engagierten, voran die Frauenrechtlerin Elfriede Jelinek. Nach seiner Freilassung 1990 begann er ja wieder, Frauen zu töten.(43) Bei Vielen soll eine Gefängnisstrafe die kriminelle Karriere erst befeuert haben. Clyde Barrow war in einem Gefängnis bei Houston (Texas), von wo er einmal kurz entkommen konnte, wo er anscheinend vergewaltigt wurde, einen solchen Angreifer tötete, und sich Zehen abschnitt, um Zwangsarbeit zu entgehen. Nach seiner (vorzeitigen) Freilassung schloss er sich mit Bonnie Parker u.a. wieder zusammen. Andere setzten im Gefängnis ihr Werk von Draussen fort: der brasilianische Serienmörder Pedro Rodrigues Filho („Pedrinho Matador“) ermordete 70 Menschen, darunter seinen Vater, wurde dafür zu einer 128-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt; im Gefängnis hat er 47 weitere Menschen getötet.

Cash Folsom 1968

Tyler „Hulk“ Bingham überfiel wie Barrow Banken in der USA; im Gefängnis wurde er ein Anführer der Aryan Brotherhood, begann dann zu morden (Nicht-Weisse). Der erwähnte Stroud (der uns nochmal begegnen wird) hat im Gefängnis einen Wärter ermordet. „Mac“ Tatum wiederum war 29 Jahre in (Hochsicherheits-) Gefängnissen, nachdem er einen Teenager getötet hatte, den er ausrauben wollte. Er sieht sich jetzt als resozialisierten, gesetzestreuen Bürger und Familienvater, hat ein Buch über seine Jahre „drinnen“ herausgebracht: “Str8 Outta Maximum Security: Tales From The Inside” (2018). Im Gefängnis in Folsom (California) hatten um 1973 LSD-Papst Timothy Leary und Hassprediger Charles Manson (LSD-Konsument) ihre Zellen neben einander, konnten sich unterhalten. Im Folsom-Gefängnis trat 1968 „Johnny“ Cash auf, im Jahr darauf (und bereits 1958) ausserdem in jenem in San Quentin. Was zB Leary gelungen ist (mit Hilfe der Weathermen) oder dem genannten Bundy, auszubrechen aus einem Gefängnis, war für Söring nie ein Thema. Zur Gewalt in Gefängnissen gehört neben jener von Gang-Mitgliedern gegeneinander oder Selbstjustiz von Gefangenen gegen andere auch die von Gefangenen gegen Wärter.

Jenen Gefangenen (hauptsächlich Schwarze), die sich 1971 im Gefängnis in Attica im Bundesstaat New York erhoben, einen Aufstand anzettelten (Wärter/Wachen als Geiseln nahmen) ging es um (bzw gegen) die damaligen Haft-Bedingungen. Voraus gegangen war dem der Tod des Gefangenen George Jackson (einer der 3 „Soldedad-Brüder“) im San Quentin State Prison im Zuge einer Geiselnahme.(44) Etwa die Hälfte der über 2000 Attica-Gefangenen sollen sich an dem Aufstand beteiligt haben, sie nahmen über 40 Leute des Gefängnis-Personals als Geiseln. Bei dem Aufstand beteiligt war der Mörder von Catherine „Kitty“ Genovese; dieser Mord in New York (City) 1964 hat für Aufsehen gesorgt, weil Leute in der Umgebung des Mordes auf der Strasse (übrigens im Stadtteil Kew Gardens) nicht eingriffen.(45) 

Attica-1971

Attica 1971

Es gab Verhandlungen, aber New Yorks Gouverneur Nelson Rockefeller (im Anschluss daran war er Vizepräsident) liess den Aufstand schliesslich niederschlagen, u.a. von der Nationalgarde.(46) Insgesamt etwa 50 Menschen wurden dabei getötet, in Mehrzahl Gefangene. Der Aufstand bewirkte aber Verbesserungen im Gefängnissystem der USA (auch wenn es für Anführer des Aufstands harte Repressalien in Attica gab).(47) 1996 gab es einen Aufstand im Tent City-Gefängnis von Sheriff Arpaio in Arizona. Bis ins 19. Jh hinein waren Gefängnisse hauptsächlich für Leute da, die Folter und/oder Hinrichtung erwartete. Im Zuge der Aufklärung war eine Reform des Justiz- und Strafsystems in die Wege geleitet worden, hin zu einem System dass nicht mehr auf Rache sondern Resozialisierung ausgerichtet ist. Wobei das Gefängnis in der Bastille-Festung in Paris, das zu Beginn der Französischen Revolution 1789 gestürmt wurde, wahrscheinlich keine politischen Gefangenen oder andere Justizopfer „beherbergte“.(48)

Auch Mont St Michel (ehemalige Abtei, in der Normandie bzw im Ärmelkanal) war ein Kerker, zeitweise. Von (Paul-)Michel Focault(49) kam 1975 das französische Original von „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ heraus. Focault hatte sich ab 1971 in der Groupe d’information sur les prisons (G.I.P.; „Gruppe Gefängnisinformation“) für Gefangene in Frankreich engagiert. Und, er wollte Strafe nicht nur in ihrer repressiven Wirkung untersuchen, sondern auch als viele Bereiche der Gesellschaft durchdringendes und berührendes Phänomen. Söring schrieb ja auch ein Buch über Gefängnisreform (s.u.). Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch der Graubereich zwischen „gewöhnlichen“ und politischen Delikten, den es in vielen Systemen gab und gibt, Bestrafung als politische Taktik, abseits von Rechts-Ausübung. Das Gefängnis in der irakischen Stadt Abu Ghuraib bei Bagdad, in dem Saddam Hussein foltern liess und dann die US-amerikanischen Besatzer (siehe unten, politische Gefangene); Evin bei Teh(e)ran; „Lager 1391“ in Israel/Palästina; das Maze Prison nahe Lisburn in Nordirland; das „Lubianka“ in Moskau (KGB);…

Erwähnt sei, wenn es schon um das Gefängnissystem geht, das „Prison-Experiment“ im Keller der Stanford-Universität in Kalifornien 1971, das abgebrochen wurde (weil Teilnehmer das „Rollenspiel“ zu ernst nahmen). Und an die TV-Serie „The Prisoner“/“Nummer 6“; die man so deuten kann dass die Welt ein Gefängnis ist, und auch (oder gerade) die Wärter nicht frei sind. Jiddu Krishnamurti: „Es ist kein Maß für die Gesundheit, gut auf eine zutiefst kranke Gesellschaft eingestellt zu sein“. Auch der Spruch von Fyodor Dostojewski über Gefängnisse und was sie über eine Zivilisation/Kultur sagen, ist hier natürlich relevant. Im Pentonville-Gefängnis in London „sass“ einst Oscar Wilde wegen „Sodomie“ (Homosexualität), Arthur Koestler wegen illegaler Einwanderung, Roger Casement wurde dort wegen Hochverrat hingerichtet…(50) Um zurückzukommen zum heutigen Strafvollzug: Wer zB in der Doku-Reihe „Locked up – Die härtesten Gefängnisse der Welt“(51) die Folge über das Antanimora-Gefängnis in Antananarivo auf Madagaskar(52) gesehen hat, weiss dass es noch um Einiges schlimmer sein kann als zB in jenen Gefängnissen, in denen Jens Söring gewesen ist.

JS und EH sind ja beide irgendwie an der Todesstrafe vorbei geschrammt; und JS schrieb, die Gegnerschaft zur Todesstrafe in Deutschland ist eine Lektion aus der Nazi-Zeit. In der Tat: Den Parlamentariern von 1949 standen bei der Abschaffung der Todesstrafe in der BRD die mindestens 16 000 Todesurteile vor Augen, die allein von den „ordentlichen Gerichten“ des NS-Staates gefällt worden waren. Hinzu kamen Hitlers Militärrichter – die mindestens 30 000 Todesurteile fällten. Und Jene, die in den „Konzentrationslagern“ des NS-Regimes getötet wurden, besonders in jenen KZs die Vernichtungslager waren, in Deutschland und den von ihm besetzten Gebieten.(53)

Alcatraz-Gefängnis 1955

Einschub: Gefängnisfilme: „Birdman of Alcatraz“ / „Der Gefangene von Alcatraz“ (1962) siehe; „Brubaker“, „Get the Gringo“, „Das Experiment“, „Ein Liebeslied“, „20 000 Jahre in Sing Sing“; „Jenseits der Mauern“ (Uriel Barbash, 1984), spielt in einem israelischen Gefängnis, in dem jüdische Schwerkriminelle und palästinensische politische Gefangene zusammenleben, Amy Kronish: Man kann den Film als Metapher dafür sehen, dass diese beiden „Völker“ zusammen eingesperrt sind, verdammt zu gegenseitiger Akzeptanz und Koexistenz; „Shawshank Redeemption“ u.a. Ausbruchsfilme > „Cool Hand Luke“/“Der Unbeugsame“ (1967) mit Paul Newman (Versuche),…; über die Todesstrafe: „Green Mile“, „Dead Man Walking“, „Leben des David Gayle“, „Die Kammer“; „Papillon“ (Straflager); „Assault – Anschlag bei Nacht“ (naja, eine Polizeistation, in der Gefangene auf einem Transport halt machen…); „The Hurricane“ (Justizirrtum); „The Bridge on the River Kwai“ (Kriegsgefangenenlager); „Con Air“ (Transport, Ausbruch); „The Rock“ (in einem aufgelassenen Gefängnis); zum Teil in Gefängnissen spielen: „American History X“, „Malcolm X“, „Im Namen des Vaters“ (> Conlon), „American Me“, „Sleepers“ (Jugendgefängnis“), „Bronson“, „Goodfellas“ (nur ein kleiner Teil), „Easy Rider“ (1 Nacht), „Double Jeopardy“/“Doppelmord“ (Täuschung der Bewährungskommission & Rache bzw Kampf um Gerechtigkeit), „Cape of fear“ (Rache an Anwalt nach Absitzen Strafe), „Der Knastcoach“ (Komödie), „Das Schweigen der Lämmer“, „Law Abiding Citizen“/ „Gesetz der Rache“, „Prisoners“(54)

Zurück zu Söring. Im Laufe der Jahre erschienen viele Dokus und Artikel über ihn. Die Tendenz der Berichte ist wahrscheinlich in Deutschland für ihn (seine Unschuld), in der USA gegen ihn. EH steht nicht so im „Blickfeld“, 2016 gab sie eines ihrer seltenen Interviews. JS bekam ein Netz von Unterstützern/Fürsprechern in der USA und der BRD, das mit Dauer seiner Gefängnisstrafe wuchs; auch Prominente waren/sind darunter, und Leute die auch persönlichen Kontakt mit ihm suchten. Aber auch die Zahl seiner Gegner wuchs (damit). Einer seiner Fürsprecher wurde John Grisham, Rechtsanwalt, Politiker (DP, war in den 1980ern im Parlament von Mississippi) und Autor hauptsächlich von Justizthrillern wie „Die Firma“ (und anderen verfilmten Romanen, wie „Die Kammer“).(55) Grisham lebt in Charlottesville (und auf einer Farm in Mississippi), äusserte sich auch 2017 zur rechtsextremen Demo dort, gegen Trump und Ungleichheiten in der USA. Auch Martin Sheen (Ramon Estevez) setzte sich für Sörings Freilassung ein. Christian Wulff reiste in der Sache nach seiner Zeit als Bundespräsident in die USA. Es heisst, Söring bekam viele Briefe ins Gefängnis. 

Die Frage muss legitim sein, wieviele darunter hybristophil motiviert waren. Charles Manson erhielt angeblich mehr Verehrerpost als jeder andere Gefängnisinsasse Amerikas; übrigens wurde der im Gefängnis zeitweise Scientologe.(134) JS schrieb über seinen Fall, das Gefängnissystem und über Religiöses.(137) Der Verlag Lantern Books brachte seine Bücher auf Englisch heraus; anscheinend wurden sie teilweise auf Englisch, teilweise auf Deutsch geschrieben (dann grossteils übersetzt in die jeweils andere Sprache). Aufgrund der Diskette mit seinem dritten Buch kam er mal in eine Strafzelle („das Loch“), erzählte er in seinem fünften Buch. Natürlich beschäftigt(e) sich JS mit Gefängnisreform und Justizirrtümern weil er betroffen ist/war; so wie zB Michael J. Fox die Forschung zur Heilung der Parkinson-Krankheit unterstützt, weil ihn die Krankheit selbst traf (nicht vorher). Und Sörings Beschäftigung mit christlicher Meditation kam natürlich auch aus der Gefängnis-Situation zu Stande. Sörings Bücher:

* The Way of the Prisoner. Breaking the Chains of Self Through Centering Prayer and Centering Practice, 2003. Deutsche Übersetzung: Wiederhole schweigend ein Wort, 2009
* An Expensive Way to Make Bad People Worse. An Essay on Prison Reform from an Insider’s Perspective, 2004
* The Convict Christ. What the Gospel Says about Criminal Justice, 2006. Deutsch: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, 2008
* The Church of the Second Chance. A Faith-Based Approach to Prison Reform, 2008
* Ein Tag im Leben des 179212, 2008. Englische Übersetzung: One Day in the Life of 179212, 2012  
* Nicht schuldig! – Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde, 2012 (die Lebensgeschichte, ’11 zu Ende geschrieben, original auf Deutsch?). Taschenbuchausgabe: Zweimal lebenslänglich – Wie ich seit drei Jahrzehnten für meine Freiheit kämpfe, 2016. Aktualisierte Ausgabe Dezember 2019: Nicht schuldig! – 33 Jahre US-Haft für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe (mit einem Jens Söring-Vorwort nach der Freilassung). Englische Übersetzung: A Far, Far Better Thing, 2017, mit Vorworten von Bill Sizemore (politischer Aktivist und Autor, Republikaner, selbst mal im Gefängnis) und Martin Sheen 
* Son of the Promise, 2019, Roman, als eBook veröffentlicht

2008, schrieb er in „Nicht schuldig“, war sein Leben voll, reich, befriedigend, mit seinem Schreiben, Meditieren,… Er versuchte in dieser Phase eine Versöhnung mit dem Vater, in erster Linie weil er eine Art Unterstützungserklärung von diesem für seine Bemühungen zur Überstellung nach Deutschland brauchte.(56) Der weigerte sich aber. Ein Onkel sprang ein, doch der Glaube an Gott war (nach der Distanziertheit seines Vaters) weg… Er verstand die Welt nicht mehr, konnte keinen göttlichen Plan mehr erkennen. ’09 ein neuer Tiefschlag: Ablehnung der Überstellung durch Gouverneur Kaine. Das Gefühl, „Brücken ins Nichts gebaut“ zu haben, Selbstmordgedanken. Jetzt „nur noch jahrzehnte-langes Warten auf den Tod“? Dann die Übersiedlung ins Buckingham Correctional Center in Dillwyn (zwischen Charlottesville und Lynchburg gelegen). 2009 konnten aus dem am Tatort vergossenen Blut DNA-Proben identifiziert werden. JS und EH wurden ausgeschlossen, könnten aber ihr Blut am Tatort dennoch hinterlassen haben, und dieses dann vermischt/verunreinigt worden sein. Bis dahin war das Tatort-Blut nur mit den Blutgruppen der beiden für die Tat in Frage Kommenden abgeglichen worden.

Söring bzw seine Anwälte/Unterstützer brachten dann einen neuen Zeugen vor, einen „Tony“ Buchanan. Der sagte, EH sei mit einem Mann (nicht JS) bald nach dem Mord in seine Auto-Werkstatt gekommen; in dem Auto das sie brachten sei getrocknetes Blut und ein Messer gewesen. Dieser Buchanan wurde anscheinend weder damals (zur Zeit der Ermittlungen bzw der Prozesse) noch später verhört. Zur Theorie „EH & Komplize(n)“ siehe unten. JS schreibt auch über Landstreicher die sich des Mordes verdächtig gemacht hätten; allerdings gab es keine Einbruchsspuren und keine Hinweise auf Diebstahl. Dann, 2010, wurde seine Überstellung vom scheidenden Gouverneur Virginias, Timothy Kaine (DP), bewilligt. Die Nachricht verbreitete sich, 6 Tage Hoffnung für JS. Aber auch ein Entrüstungssturm(57), dann die Amtsübergabe Kaines, an Robert McDonnell (RP), der dagegen war – und Justizminister Holder (der das letzte Wort hatte) knickte deshalb ein…so wie Obama immer wieder Appeasement übte. Die BRD wollte keinen „Deal“ mit einer Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen eingehen. JS bzw sein Fall war bereits zu einem Politikum geworden.    

Kaine war Bürgermeister von Richmond, dann 06-10 Gouverneur von Virginia, später DP-Chef, Senator, und ’16 H. Clintons VP-Kandidat! In diesem Wahlkampf wurde er für die misslungene Söring-„Abschiebung“ zum Abschied als Governor auch von der Trump-Maschinerie unter Beschuss genommen. Nach dem knappen Scheitern seiner Überstellung musste Söring fast weitere 10 Jahre „sitzen“. Seine Anwältin distanzierte sich nun von ihm (muss Gail Ball gewesen sein)(58). Anscheinend wurde ein Steve Rosenfield neuer Anwalt von Jens Söring(59). Die Journalistin Karin Steinberger („SZ“), wenn man so will eine Unterstützerin Sörings, brachte 2016 mit Marcus Vetter den Dokumentarfilm „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ (internationaler Titel: „The Promise“) heraus. Enthält Interviews mit den Bedford County-Sheriffs „Chuck“ Reid und „Ricky“ Gardner, Susanne und John Peniche (jetzige Bewohner des Hauses der Haysom-Familie), Gail Marshall-Sterling, Dave Watson, Gail Ball, Steve Rosenfield, William Sweeney und seiner Frau Mada, Rich Zorn (auch ein ehemaliger Stellvertretender Generalstaatsanwalt Virginias und Freund der Sörings), Tom Elliott (katholischer Diakon und Gefängnisseelsorger), Tony Buchanan, Ed Sulzbach, Carlos Santos (Journalist der „Richmond Times-Dispatch“); Briefe gelesen u.a. von Daniel Brühl.(59)

2017 in Charlottesville ein Aufmarsch vom KKK (inkl. David Duke), Neonazis,… gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee. Lee, aus Virginia, Sklavenhalter, wurde am Ende des Krieges so etwas wie Generalstabschef des Militärs der Konföderierten Staaten (CSA). Nazi-Flaggen und Südstaaten/CSA-Flaggen neben einander. Eine Gegendemonstration, ein Auto-Angriff auf diese, 1 Tote und 35 Verletzte. Von Donald Trump, der Anfang ’17 Präsident der USA geworden war(60) kam ja eine verhaltene Reaktion mit allgemeiner Gewalt-Verurteilung und indirekter Verteidigung der Alt Right-Bewegung. David Duke lobte Trump danach auch („Mut, die Wahrheit zu sagen”), auch für den Mauerbau an der Grenze zu Mexico, es gehe darum das Land „zurückzubekommen“.(61) 2018 wurde der Arzt Ralph Northam (DP) Gouverneur von Virginia. Er will die Statue von Südstaaten-General Lee in Virginias Hauptstadt Richmond entfernen (abbauen) lassen.

Anfang 2019, ungefähr zu jener Zeit als Jens Sörings 14. Begnadigungsansuchen vom zuständigen Ausschuss abgelehnt wurde, geriet Northam in Kritik, nachdem ein Foto aus seiner College-Zeit aufgetaucht war. Ein Foto, in dem ein „als Afro-Amerikaner“ geschminkter und maskierter Mann und einer in Ku Klux Klan-Robe zusammen zu sehen sind; einer der beiden war Northam. Das Foto war aus 1984, als JS und EH in Charlottesville zu studieren begannen; Northam war aber an einer anderen Uni. Northam entschuldigte sich. Im November ’19 nahm er die Empfehlungen des Bewährungsausschusses von Virginia an, die beiden für den Haysom-Doppelmord Verurteilten auf Bewährung freizulassen bzw abzuschieben. Sie wurden nicht begnadigt und schon gar nicht rehabilitiert. Elizabeth Haysom wurde aus der Justizvollzugsanstalt Fluvanna Correctional Center for Women in Troy (Virginia) der Abschiebebehörde US Immigration and Customs Enforcement (ICE) übergeben, und Söring aus Dillwyn. Er wurde in Farmville in Abschiebehaft genommen.

Im Dezember 19 wurde JS von Washington nach Frankfurt ausgeflogen, in die Freiheit, nach 33 Jahren „Knast“. EH wurde im Jänner 20 nach Canada abgeschoben.(62) Beide können nicht wieder in die USA einreisen… Reporter berichteten von Sörings Heimflug neben 2 amerikanischen Abschiebe-Beamten, der Landung, dem Empfang durch seine Unterstützer. In der USA herrscht Unmut über die „abrupte Freilassung“, heisst es. Diese Quasi-Begnadigung ist ein Politikum (gewesen), wird für Northam aber kaum ein Thema werden wie der Hafturlaub für den Mörder William Horton in Massachusetts in den 1980ern für dessen Gouverneur Michael Dukakis wurde – obwohl Dukakis bei diesem „Ausgang“ überhaupt nicht involviert war, keinerlei Entscheidung zu Horton getroffen hat.(63) JS sagte nach der vorzeitigen Freilassung am Flughafen Frankfurt vor den Medien: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“ Er wolle erst einmal zur Ruhe kommen. Später wolle er durch Deutschland reisen, um seine Unterstützer zu besuchen. Auch seine Verwandten? Sein Unterstützer-Kreis in der BRD (Petra Herrmanns,…) sorgte für seine Aufnahme, für Wohnung, Handy (sein erstes), Kleidung. Es war Deutschland am Vorabend der Corona-Krise, wenn man so will, das Deutschland der Masseneinwanderung und des Rechtspopulismus. Er lebt anscheinend in Hamburg, auch Jobangebote soll er bereits haben.(64)

Abschiebung Söring 19

Sein Gedanke, nach einer Freilassung in ein Kloster zu gehen, ist anscheinend nicht mehr aktuell. Twitterte ein Foto vom Joggen, mit der Anmerkung, nun müsse er nicht mehr die Runden zählen… Über die widersprüchliche Berichterstattung in „Bild“ oder „Focus“ hier. Eine Britt-Marie Lakämper in/auf der „WAZ“: „Verurteilter Mörder Jens Söring bei Lanz: Söring empfindet keine Reue“. Andere wichtige und unwichtige Medien schreiben ähnlich. Im Februar ’20 ein „Spiegel“-Interview …“Jede Schwäche, die du zeigst (im Gefängnis), führt zu einer Vergewaltigung“. Im Mai heuer war JS dann bei Lanz (ZDF) zu Gast, in einer Zeit der Entspannung in der Corona-Krise, er der 33 Jahre gewissermaßen isoliert gewesen war. jenssoering.de (deutsch) bzw .com (englisch) ist seine Website bzw die von seinen Unterstützern für ihn angelegten. Auf der Startseite der deutschen Version heisst es: „…Nach der Entdeckung neuer DNA Erkenntnisse 2016 wurde er 2019 in seine Heimat entlassen.“ Nun ja, diese beiden Entwicklungen haben eigentlich nichts mit einander zu tun. Dass das möglicherweise ein Fehler der US-amerikanischen Justiz ist, steht auf einem anderen Blatt. Als „Schriftsteller“ wird er dort bezeichnet, ok, das ist er auch geworden, dafür bekommt er auch Geld. Im Impressum ist noch seine Adresse in seinem letzten Gefängnis angegeben: Jens Soering  #1161655 Buckingham Correctional Center  P.O. Box 430  Dillwyn, VA 23936-0430 USA.

Es sind dort links zu seinen Auftritten auf facebook, twitter, instagram, youtube, links zu Artikeln über ihn, einem Video seines Auftritts bei Lanz, Podcasts (darunter einer mit Grisham, einer mit Martin Sheen und von Amanda Knox) finden sich, zum Film „Das Versprechen“, einige seiner Bücher sind angeführt. Die Diskussionen über seine Verwicklung in den Haysom-Doppelmord halten an bzw wurden wieder befeuert. Nach seinen Darstellungen hat er EH nur bei der Vertuschung des Mordes geholfen und ausserdem auf der „Flucht“ (sie wurden ja nicht gesucht, verfolgt) mit ihr Scheckbetrug begangen. Es sei EH gewesen die den Mord begangen hat (möglicherweise mit Komplizen), er wurde da reingeritten, wurde Sündenbock, evtl ausgesucht, war naiv. Sie sei ein gestörtes Wesen, die ihre Eltern hasste. Er hat den Vergleich mit dem historischer Roman „Eine Geschichte aus zwei Städten“ (Originaltitel: „A Tale of Two Cities“) von Charles Dickens aus 1859 gebracht. Darin geht es um die Zeit der Französischen Revolution, Dr. Manette der in der Bastille inhaftiert wird, seine Tochter Lucie, ihren Mann Charles, und – einen Sydney Carton, der aus Liebe zu Lucie den Platz ihres Manns auf (unter?) der Guillotine einnimmt. In seinem Fall musste EH aber auch ins Gefängnis, genau so lang wie er. 

Und dieser Carton hat sein Leben nicht für eine Psychopathin geopfert. JS schrieb auch von einer „Folie à deux“, einer Art gemeinsamen Psychose (nicht zu verwechseln mit Stockholm-Syndrom); er als Individuum sei an der Seite von EH aufgelöst gewesen. Sich mit ihr einzulassen, war der „schlimmste Fehler meines Lebens“.(65) Theoretisch könnte das Paar den Mord auch gemeinsam begangen haben. Und, wie gesagt könnte E. Haysom es mit Komplizen getan haben. Immer wieder genannt werden Edward „Ned“ Brinkley, ein Ornithologe(66) (Studienkollege von ihr), und Christine Kim, anscheinend Haysoms Zimmerkollegin (nicht zu verwechseln mit Karen Wong). JS’s Verurteilung ist grösstenteils auf sein Geständnis und den Fussabdruck gegründet. Falsche Geständnisse (bzw Selbstbezichtigungen) gibt es jedenfalls immer wieder, ob aus Zwang, Kalkül, Aufmerksamkeitsbedürfnis, Einbildung,…, genau so wie falsche Zeugenaussagen, „lügende“ Beweise. Oder auf Polizei/Justiz, die auf Ergebnisse aus ist, nicht auf Gerechtigkeit/Wahrheit. Gerry Conlon „gestand“, weil er von der Polizei unter folterähnliche Bedingungen gesetzt wurde, Christian Ranucci behauptete Selbiges. Bei politischen Anklagen wie bei den Moskauer Schauprozessen unter Stalin 1936-38 gab es natürlich auch immer wieder „Geständnisse“.

Aus welchem Grund auch immer gaben jene zwei Männer, die in den 1910ern in Cuenca (Spanien) an, einen Mann getötet zu haben, der dann wieder auftauchte, als die Beiden 11 Jahre im Gefängnis waren. Der geistig behinderte Stefan I. Kiszko (Immigrant aus der Ukraine) „gestand“ 1975 in GB, ein 11-jähriges Mädchen getötet zu haben, war dafür 16 Jahre im Gefängnis. In Schweden gestand Thomas Quick ab 1994 zahlreiche Morde; später gab es zahlreiche Hinweise auf seine Unschuld und keine Indizien auf seine Schuld (die starken Psychopharmaka, die ihm verabreicht wurden, dürften eine Rolle gespielt haben). Von Katrine Philp gibt es zu dem Thema einen Dokumentarfilm, „False Confessions“ (2018). Zur Zeit der Freilassung erschien in der „FAZ“ ein Gastartikel eines Andrew Hammel, ein anklagendes Plädoyer für Sörings Schuld. Er führt die Briefe der Beiden vor der Tat als Beleg für Gewaltfantasien (auch) von ihm bzgl ihrer Eltern an, weiters Verletzungen die er beim Begräbnis gehabt habe, dass er vor der Flucht seine Fingerabdrücke vernichtete, in GB dem deutschen Mithäftling Mathias Schroeder den Mord gestanden habe(67), dass das Geständnis Täterwissen zeigte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat auch Rüdiger Soldt, Nikolaus Busse oder Michael Borgstede, ist aber im Grossen und Ganzen eine seriöse Zeitung, daher ist es etwas verwunderlich, dass diesem Hammel diese Bühne gegeben wurde. Da dauerte es nicht lange, bis Hammels Meinung prominent im deutschen Wikipedia-Artikel über JS platziert wurde.

Hammel, ein Deutsch-Amerikaner, lebt in Deutschland, und sieht sich als „Experte“ in der Söring-Sache. Bei ihm dreht sich Alles um den deutschen Umgang mit Jens Sörings Schuldspruch bzw Gefängnisstrafe, sein „Antiamerikanismus“-Geklage leitet er daraus ab. Auf Twitter kommentiert er die Meldung „Europas Politiker [haben] Maßnahmen durchgesetzt, von denen Rechtspopulisten vor fünf Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt hätten.“ mit: „Weil die ‚Rechtspopulisten‘ in dieser Sache recht hatten: Grenzen dürfen verteidigt werden.“ Der britische Polizei-Ermittler „Terry“ Wright, der JS verhört hatte, engagiert sich ebenfalls gegen Söring bzw dessen Unschuld; sagt, Söring habe oftmals gelogen in den Jahren nach der Verurteilung. Die „FAZ“ gab anscheinend auch ihm viel Platz für die Darstellung seiner Ansichten zu JS und EH, er wird auch von Hammel angeführt. Ein Sheriff aus Bedford County (Gardner) ist weiter von Sörings Schuld überzeugt, ein anderer (Reid) von seiner Unschuld; der Eine wird von der einen Seite heran gezogen, der Andere von der anderen. Es gibt von einem Ken Englade ein Buch, gegen JS bzw für dessen Schuld. Die Website jenssoeringguiltyascharged.com steht Elizabeth Haysom nahe, soll von einem William Holdsworth betrieben werden (einem US-Amerikaner), jedenfalls jemandem der auf quora, amazon, blogs,… als Kommentator fanatisch unterwegs ist und Gerüchte streut.

„Holdsworth“ ist auf allmystery.de (s.u.) als „Nemesis2019“ aktiv. jens-soering-blogspot.com wird von einem Cornelius Haffer betrieben, Freund von Holdsworth/Nemesis, und gleich gesinnt. Auf http://www.allmystery.de wird über offene Fragen aus allen Bereichen diskutiert(68). Über Jens Söring bzw den Haysom-Mord gibt es dort auch ein Forum. 2017 begonnen, zieht sich die Diskussion mittlerweile über mehr als 1000 Seiten. „Nemesis2019“ trommelt dort am lautesten gegen Söring(s Unschuld), spielt den Helden, der von „Hackern“ ins Visier genommen wird und wacker für die Wahrheit kämpft. „…bin ich die am meisten gehasste Person im Internet, weil ich immer wieder die Wahrheit über Jens Soering sage (mit Originaldokumenten), und das ist das schlimmste Verbrechen der Welt. Mann, sie sind wütend! Aber es gibt auch andere Nutzer hier, die heldenhaft gegen den Tsunami des Bullshit und der Propaganda gekämpft haben. Respektiere sie.“ Der genannte Schröder ist als „ashford“ im allmystery-forum unterwegs, heisst es. Welche Motivationen er hat oder wofür er in London im Gefängnis war, wäre nicht uninteressant.

Die (gefühlte) Mehrheit im Forum ist gegen JS. Es gibt relativ wenig Austausch bzw Wahrheitsfindung zwischen den Lagern. Einmal gab es eine Art Meta-Diskussion, auf Seite 904, als Einer nach den Motiven der „Söring-Gegner“ fragte. Es zeigt sich, dass da Einige in der EH-Fankurve stehen (aus welchen Gründen auch immer), Einige persönliche Abneigungen gegen JS haben. Auf Youtube kommentiert ein „Reichsbürger“ ein Video mit: „Söring und seine Tussi aus den kabalistischen Welt-Fickeliten unschuldig! Hahahahaha! Lange habe ich nicht so gelacht!“ Das Politische schwingt meistens irgendwie mit. Seine deutschen Verteidiger erwähnten (beim Hinweis auf sein Leid) auch gerne, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis mit vielen Schwarzen ist (Latinos gibt es dort weniger). Wolfgang Heim hat das in seinem „SWR1 Leute“ auch so formuliert, als er eine(n) Söring-Unterstützer(in) zu Gast hatte. Erwähnt werden sollte auch, dass aus der BRD in Sörings späterer Haftzeit wirtschaftlicher Druck auf Virginia ausgeübt wurde; so eine Einflussmöglichkeit haben Gefangene (ob unschuldig oder nicht) aus armen Ländern oder arme Amerikaner natürlich nicht, für die es auch um Bewährung oder Begnadigung geht. Was in der Sache immer mitschwingt, ist das Verhältnis Deutschland-USA.

Und was auch hier schnell daher kommt, sind Vorwürfe des „Anti-Amerikanismus“… Wobei es „USA-Verteidigern“ in diesem oder anderen Zusammenhängen ja immer um eine bestimmte USA geht, gewisse Teile dieser Nation, bzw Aspekte davon die in ihre Agenda passen. Nicht um US-Amerikaner wie George Floyd oder Frauen wie Breonna Taylor, Juden wie Noam Chomsky,… Wer die bestehende ethnische Hierarchie in Frage stellt, macht sich schon verdächtig. Die Sängerin Taylor Swift twitterte zur Reaktion von Trump zu rassistischer Polizeigewalt in der USA, man werde ihn im November abwählen. Auch „Anti-Amerika“? Ein Deutsch-Nationalismus bzw „Westismus“ mit „Anglo-Anlehnung“ (wie er in der BRD existiert) ist in mancher Hinsicht konsequenter und schlimmer als der alte.(69) Daran knüpft sich die Thematik der Beziehungen zwischen Deutschland und USA (s.u.) an, aber auch jene des Umgangs mit Kriminalität. Es gibt jene (Deutschen), die wie die Springer-Presse und andere Medien Sörings Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen und die Justiz der USA „blind“ unterstützen/verteidigen, bzw aus einer Mischung aus Naivität und Zynismus (Kalkül). 

Im Rechtssystem der USA spielen Anwälte wichtigere Rollen, Richter sind eher Moderatoren und das Urteil fällen tut eine Gruppe von Geschworenen (juristische Laien), die mit einer guten Theatervorstellung von allem Möglichen überzeugt werden können. Da erschiesst jemand einen unbewaffneten Farbigen, der ihn nicht bedroht und und wird wegen Handeln in Notwehr freigesprochen. Da bekommt ein Restaurant-Kundin eine Millionenentschädigung, weil der frische Cafe heiss war, als sie ihn sich über die Beine kippte. Fast 1% der Bevölkerung ist in der USA in Gefängnissen, angeblich 80% wegen Drogenbesitz, 44% wegen Cannabis. Man spricht von einer Gefängnisindustrie in der USA, da diese Branche teilweise privatisiert ist. Die USA ist auch bei der Anwendung der Todesstrafe an der Weltspitze (steht dabei im Westen ziemlich alleine da), und auch dort sind „Schwarze“ (Afro-Amerikaner) weit überproportional betroffen. Mit der theoretischen Gleichstellung der Afro-Amerikaner um 1965 (100 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei) war nicht allzu viel gewonnen, schon gar nicht ein Leben mit materieller Sicherheit oder eines ohne Diskriminierung. Wenn man so will, wurden die „Chain Gangs“ der Gefängnisse die neue Sklaverei und Massen-Inhaftierungen das neue „Jim Crow“ (u.a. Ausschluss von Wählern).

Vor dem Zusammenhang von Armut, Diskriminierung, Ungleichheit und Kriminalität werden in der Regel die Augen verschlossen, und Anliegen der Afro-Amerikaner gerne mit Kriminalitätsbekämpfung vermischt. Ein Video auf Youtube von Schwarzen in der USA nach einem Prozess vor dem Gerichtssaal („See Fight Erupt after Manslaughter Sentencing“); Kommentare: „They even bark in the courtroom. Garbage“, „Looks like the South African Parliament meetings“, „We’re flying ti Mars and beyond but we’re not able to find a planet for people like that?“ (ein Deutscher), „These are the animals that should be donated to science while they are still warm“, „They should fight on our frontlines while we’re at war“,…

Bei Diskussionen über Gewaltverbrechen im US-amerikanischen Kontext kommt schnell die Beschwörung der Todesstrafe, auch Sehnsucht nach Lynchjustiz.(70) Ausser wenn es um Weisse (in Uniformen oder nicht) und ihre Gewalt gegen Schwarze geht; siehe auch Killen unten. „Wir sind so soft zu Kriminellen“, aber beim Polizisten D. Holtzclaw der wegen sexueller Vergehen gegen schwarze Frauen verurteilt wurde, liest man dann „unschuldig, Fehlurteil, der Arme, gab keine Opfer, unbewiesene Anschuldigungen,…“.  Fox Corporation und Michelle Malkin haben sich des Verurteilten angenommen… Als Polizist im Gefängnis wird er es nicht gerade leicht haben (s. o.), werden Manche wahrscheinlich versuchen, „einen Spiess umzudrehen“. Liberales Waffenrecht wird hochgehalten, sowohl was die Möglichkeit zum Erwerb von Schusswaffen betrifft als auch ihren Einsatz („Stand your ground“, „Selbstverteidigung“,…), trotz der Amokläufe („domestic terrorism“)(71); wobei: Waffen in Händen von Weissen wird mit Sicherheit und Freiheit assoziiert, in Händen von Schwarzen mit Gefahr und Verbrechen.

Schnitt, Blick nach Österreich. Der Kärntner Thomas „Chevy Tom“ Bindberger ist ja 2014 in Ungarn verurteilt worden, nachdem er (2012) dort einen Polizisten überfahren hatte, was diesem das Leben kostete.(72) In IT-Foren wurde darüber diskutiert, unter den entsprechenden Artikeln vom „Standard“, „Krone“, oder auf overclockers.at. Es gab da grundsätzlich 2 „Denkschulen“, die Einen stellten ihn als Opfer der wilden Ungarn dar, die Anderen meinten, Österreich sollte mit Kriminellen auch „so“ umgehen (wie die „Wilden“). Da kam etwa auch: „…wäre schon lange tot wenn er das in den USA getan hätte“, oder aber: „Die Art und Weise, wie in Ungarn vom Gewaltmonopol der Polizei Gebrauch gemacht wird, ist einfach nur erschütternd“, oder aber Verteidigung von Polizeigewalt grundsätzlich, auch „So einer lief on Österreich frei herum (trotz Vorstrafen)“, oder „Alles in allem hoffe ich, daß dieser Mensch in einem ungarischen Gefängnis bis an sein Lebensende verbleibt, und nicht in ein österreichisches Luxusgefängnis überführt wird, ais dem er nach ein paar Jahren sowieso frei kommt.“, aber auch „ungarische polizisten selber schuld“.(73) 

Auf gewisse Widersprüche stösst man auch, wenn man Diskurse bezüglich Kriminalität und Bestrafung beobachtet, in denen es um islamisch geprägte Länder geht, an denen hiesige Rechtskonservative und Islamisten teilnehmen. In der Islamischen Republik Iran scheiterte etwa vor einigen Jahren die Hinrichtung (Hängung) eines Händlers von Drogen (Crystal Meth), es war zunächst nicht klar ob es nochmal versucht wird. Der Eine oder Andere muss dabei im Gewissenskonflikt gewesen sein, einerseits genau jene Härte die man sich gegen „Kriminalität“ wünscht, andererseits will man den „Orientalen“ das Label der „Barbarei“ umhängen, nicht zuletzt aufgrund solcher Zustände… Bei Sexualverbrechen (wie Vergewaltigung) wird es noch abenteuerlicher, treffen sich manchmal (westliche) Feministinnen und Islamisten. In Virginia wurde im September ’10 Teresa Lewis hingerichtet, eine Frau mit einem IQ an der Grenze zur geistigen Behinderung; die 2 Morde für die sie verurteilt wurde, sollen Plan/Komplott ihres Geliebten gewesen sein… Irans damaliger, grenzdebiler, Präsident Ahmadinejad „verglich“ den Fall mit jenem der Iranerin Sakineh Mohammadi-Ashtiani, die 06 wegen Beihilfe zum Mord an ihrem Mann und Ehebruch zum Tode verurteilt wurde, was im Westen für Aufmerksamkeit sorgte – womit er die Analogie eigentlich diskreditierte.

Ein Texaner der „aus Rache für den 11. September“ einen Pakistani umbrachte, wurde zu Tode verurteilt… Als der Süd-Koreaner Ban Ki-Moon 2007 Generalsekretär der UN wurde, tappte er gleich mal in eine Art Fettnäpfchen, mit der Äusserung über die Todesstrafe. Anlass war die gegen den gestürzten Diktator Iraks, Saddam Hussein, verhängte. „The issue of capital punishment is for each and every member State to decide“. Damit brach er gewissermaßen mit der langjährigen Haltung der UN bzgl der Todesstrafe, in der diese als Menschenrechtsverletzung gesehen wurde. Ban „musste“ dann auch etwas zurückrudern. Auch hier die unvereinbaren (?) westistischen Standpunkte, die Empörung über den Barbarismus der Anderen oder aber das Wüten über das „Einknicken“ Bans und die verderblichen Liberalen im Westen, die anklagende Verteidigung der Todesstrafe samt „Antiamerikanismus“- und Pro-Trump-Reden,…

Nun ein historischer Blick auf das Verhältnis Deutschland-USA, vor dem Hintergrund des „Söring-Komplexes“. Als die USA entstand, durch die Unabhängigkeit britischer Nordamerika-Kolonien von Grossbritannien (1776), wurde dieses „Mutterland“ von einem deutschen Königshaus regiert (Hannover bzw Braunschweig-Lüneburg). In den Einwanderungswellen nach der Expansion der USA waren auch viele Deutsche dabei, von Carl Schurz bis Bruno Hauptmann. Schurz machte in der USA eine politische, militärische und diplomatische Karriere. An der Schuld von Hauptmann, dem wahrscheinlichen Entführer/Mörder des Babysohns von Charles Lindbergh, zweifelte anscheinend der Gouverneur von New Jersey (wo die Lindberghs lebten bzw die Entführung stattfand), Harold Hoffman. Über Lindberghs privat-beruflich-ideologische Deutschland-Verbindung liesse sich übrigens auch Einiges schreiben… Ein Zentrum deutscher Einwanderung in der USA wurde Pennsylvania, diese Gruppen (darunter die Amish) werden zu den Pennsilfaani Deitschen (Pennsylvania Dutch) zusammengefasst, konnten ihre (v.a. sprachliche) Identität lange bewahren. Der bayerische Räuber und Wilderer Mathias Kneissl wollte in der USA neu beginnen, schaffte es aber nicht hin. Karl May war ein paar Jahre später (1908) an der Ostküste der USA, schrieb aber über den „Wilden Westen“.

Einige Jahre zuvor war der Bisonjäger William Cody („Buffalo Bill“) mit seiner „Wildwest-Show“ in Deutschland zu Gast gewesen. „Marlene“ Dietrich war ab 1930 eine der ersten Deutschen in Hollywood. Der 1. WK war für die Beziehung dieser Länder schon eine Art Wendepunkt, der 2. WK natürlich noch mehr. Beziehungsweise, die Beziehungen zwischen diesen Ländern wurden mit diesem Krieg erst intensiv, und „problematisch“. Diesem Krieg ging der (nicht ganz geklärte) Unfall beim Anflug des Luftschiffs „Hindenburg“ (aus Nazi-Deutschland kommend) in New Jersey 1937 voraus. Während man in Washington noch überlegte, ob man auf der Seite Grossbritanniens in den Krieg gegen dieses Deutschland eintreten sollte, unterhielt dieses diverse Verbindungen zum Automobil-Industriellen Henry Ford – anders als bei anderen US-amerikanischen Konzerne beschränkten sich diese nicht auf’s wirtschaftliche. Und, nach dem Sieg über dieses Deutschland gab es den Offizier George Patton(74), der den Krieg am liebsten mit den Deutschen gegen Sowjetrussland fortgesetzt hätte. Mit dem japanischen Angriff auf das amerikanisch besetzte Hawaii 1941 wurde in der USA Opposition zu einem Kriegseintritt schwierig, aber auch der positive Bezug amerikanischer Rechtsextremisten (Ku Klux Klan, Silver Shirts,…)(78) auf Nazideutschland.

Es gab aber US-Amerikaner die für dieses Deutschland wirkten, wie Mildred Gillars („Axis Sally“) die das propagandistisch tat, oder Martin Monti der Militärpilot der überlief. Fiktiv ist die „George-Washington-Legion“, erfunden von Jack Higgins für sein Buch „Valhalla Exchange“ (ausländische Hilfslegionen für Nazideutschland gab es ja). Der armenische Autor Arthur Derounian infiltrierte in dieser Zeit als „George Pagnanelli“ rechtsextreme Gruppen in der USA die Nazi-Deutschland begrüssten, wie  German American Bund, Anglo-Saxon Federation of America, Christian Mobilizers, National Gentile League,… Brachte 1943 (als „John Roy Carlson“) das Buch „Under Cover: My Four Years in the Nazi Underworld of America – The Amazing Revelation of How Axis Agents and Our Enemies Within Are Now Plotting To Destroy the United States“ darüber. Es wurden Deutsch-Amerikaner zT interniert, zT dienten sie in den Streitkräften der USA, wenige dienten sich Nazideutschland an. In der Marine der USA diente etwa William P. Hitler, (Halb-) Neffe von Adolf, in GB geboren. Und in der Luftwaffe Nathan B. Forrest oder George Wallace, zwei starke Proponenten der Diskriminierung der Afro-Amerikaner in der USA, Forrest als ein Oberhaupt des KKK, Wallace als Gouverneur von Alabama (bis zu seiner „Bekehrung“). Der Kampf gegen Hitler-Deutschland war nicht wirklich ein Kampf gegen Rassismus, rassische Diskriminierung,… Davon zeugt auch die Behandlung afro-amerikanischer Soldaten im Vergleich zu deutschen Kriegsgefangenen in der USA(77); unter Anderem darum geht’s in diesem Artikel.

Dort werden auch die Zusammenhänge zwischen den Imperialismus der USA nach Aussen und den Verhältnissen im Inneren für Nicht-Weisse behandelt, auch die für afro-amerikanische Wasserträger in den Streitkräften im 2. WK. Nach beiden Weltkriegen kamen US-amerikanische Einflüsse in Musik und Tanz nach Deutschland. Nach beiden Weltkriegen kamen US-amerikanische Soldaten nach Deutschland, darunter Afro-Amerikaner, dazu noch mehr.(88) Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle in der Welt war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland nach dem 2. WK war Dwight Eisenhower, dessen Vorfahren aus dem Saarland ausgewandert waren. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen rund um den 2. WK herum… Im Bewusstsein sind die Befreiung(75), der Marshall-Plan (ERP), der „Beistand“ dann. Doch (und das ist in mehrerer Hinsicht für hier relevant): jenen die (auch) für diese Definition von “Freiheit” in Europa gekämpft haben, hat man diese nicht im eigenen Land zugestanden, diese mussten sich jene nach dem Krieg erst erkämpfen.(76)

Dt. Kriegsgefangene bekamen Aufnahmen von KZs zu sehen

Und: Nazi-Deutschland wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft” bzw „recyclet“. Vor dem Krieg kamen die Einsteins von Deutschland in die USA (jene die vor dem Nazi-Regime flüchteten), danach die von Brauns (die im Nazi-Regime mitgewirkt hatten). Das USA-„Hauptland“ war nicht direkt von Krieg getroffen, daher gab es dort weder Armut noch Bitterkeit ggü Deutschen – jene die als Kriegsgefangene kamen, fanden recht gute Bedingungen vor. Nazi-Deutschland behandelte gefangene Soldaten der SU (der Roten Armee) bei seiner Invasion der Nazi-Rassenideologie gemäß sehr schlecht, viel schlechter als Soldaten der West-Alliierten… Deutsche Soldaten die Gefangene der SU wurden, wurden reziprok schlecht behandelt.(79) Das „Aushalten“ japanischer Soldaten (dazu auch im Agana-Artikel) soll auf ideologische Indoktrinierung zurück gehen; USA-Militär behandelte gefangene Japaner viel schlechter als Deutsche, aus rassistischen Unterstellungen heraus (darüber in „War Without Mercy“ von John Dower über den Pazifikkrieg). 

Am 9. Mai 45 gab Göring im Hauptquartier der 7. US-Armee in Kitzbühel eine Pressekonferenz für die internationale Presse. Dabei sprach er u. a. über Hitler, die Luftangriffe auf England und äusserte die Ansicht, dass er den Krieg als Fussballspiel betrachte, an dessen Ende sich die Gegner die Hände geben würden. So wurde er (Nr 2 des Nazi-Regimes) auch anfangs von den Amerikanern behandelt. In USA-Lagern für Deutsche gab es fallweise überzeugte Nazis (v.a. unter Offizieren), die Widerstand leisteten (und zu organisieren versuchten) gegen Fraternisierung, Umerziehung, aber die Meisten überzeugte das gute Leben (verglichen mit Krieg, anderen Gefangenschaften und evtl auch dem Zivilleben unter Hitler); umgekehrt gab es auch US-amerikanische Offiziere die Abstand zu Deutschen halten wollten (keine zu gute Behandlung und auch keine Belehrung wollten). Die US-Umerziehung für Deutsche/Österreicher begann mit Propaganda, wenn man so will (abgeworfene Flugblätter u. Ä.); sie beinhaltete eigentlich auch Abkehr/Verurteilung von Rassismus, doch die gefangenen Deutschen sahen ja auch die Behandlung von Afro-Amerikanern dort (Soldaten, Zivilisten). Diese „Re-Education“ in Gefangenenlagern war der Kern der „Ent-Nazifizierung“ die dann in Deutschland/Österreich durchgeführt wurde > Strauss, v. Braun, Gehlen, Speidel,…(80)

3. 5. 1945, v. Braun & Co nach dem „Regimewechsel“

Am 3. Mai 45 stellte sich Wernher von Braun zusammen mit einigen Mitarbeitern den US-Streitkräften in Reutte in Tirol (Österreich); die Unterlagen zur Raketenforschung aus Peenemünde und Nordhausen (KZ Dora-Mittelbau) hatten sie auch in Sicherheit gebracht. Er (und sein Team) kam in keine Gefangenschaft, man durfte in der USA weiter an militärischen Raketen(81) und solchen für die Raumfahrt (NASA) arbeiten. Lange Zeit war Huntsville in Alabama Arbeits- und Lebensmittelpunkt von Von Braun, Dornberger, Rudolph & Co. Der Thüringer Arthur Rudolph war einer der Wenigen daraus, die später ausgewiesen wurde. Auch er war im Rahmen des „Paperclip“-Programms in die USA gekommen, durfte seine Familie nachbringen, wurde US-Bürger (1954), arbeitete an militärischen Raketen (weiter), dann an solchen für die Weltraumfahrt („Saturn V“). Als er bereits in Pension war, wurde gegen ihn wegen seiner NS-Vergangenheit ermittelt, und 1984 wurde er aus der USA in die BRD abgeschoben; seine Familie verblieb in der USA. Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft erklärte Rudolph gegenüber US-Behörden: “…Die grosse Zahl an Arbeitslosen bewirkte eine Ausweitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Parteien. Aus Angst vor der Machtergreifung der Kommunisten trat ich der NSDAP bei. Ich glaubte an die Erhaltung der westlichen Kultur…”.

Präsident der USA zur Zeit des Weltkriegs war fast bis zum Ende Franklin Roosevelt (DP). Der afro-amerikanische Leichtathlet Jesse Owens errang bei Olympia in Berlin 1936 (wo er Hitler beschämte) vier Gold-Medaillen. Zu Hause erfuhr er vor und nach diesen Olympischen Spielen Rassismus. Präsident Roosevelt wollte ihm nach seiner Rückkehr nicht öffentlich gratulieren und (im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillen-Gewinnern) nicht ins Weisse Haus einladen, um (weisse) Südstaatler nicht aufzubringen. Weiter in den Beziehungen USA-Deutschland. Die nördlichen Marianen-Inseln (nördlicher Pazifischer Ozean) kamen nach der Eroberung der südlichen Marianen-Insel Guam durch die USA von Spanien an das Deutsche Reich; nach einem japanischen „Intermezzo“ kamen sie infolge des 2. WK dann an die USA, in deren Hand sie nach wie vor sind. Ein Gebiet also, das amerikanisch ist und deutsch war.

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde der von der USA und den anderen beiden Westmächten besetzte (West-) Teil Deutschlands schnell Partner dieser Mächte. Kurt Blome, von Braun, Reinhard Gehlen, Speidel,… wurden von den Amerikanern recycelt. Ehemalige Nazis spielten in der NATO eine nicht unwesentliche Rolle. Auch in den „Gladio“/ „Stay behind“-Plänen haben alte sowie neue Faschisten eine wichtige Rolle gespielt, wie überhaupt im Kalten Krieg. Franz Josef Strauss’ politische Karriere begann als kriegsgefangener Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier, der von einem deutschstämmigen US-Soldat (aufgrund seiner Englischkenntnisse) zur Unterstützung bei Übersetzungen herangezogen wurde; dann wurde er vom USA-Militär zum stellvertretenden Landrat des Kreises Schongau bestellt. Auch Globke, Schleyer, Filbinger, Kiesinger,… etablierten sich (selbst) in der BRD, blieben der USA treu. Befürworter der These vom „deutschen Sonderweg“ wie Heinrich A. Winkler sehen einen „Westen“ der eine ideale Modernisierung/ Demokratisierung durchlief (trotz Kolonialismus u.a.), und ein Deutschland das verspätet dort ankam…(83)

Hier passt auch Rudolf „Rolf“ Wütherich herein. Der Deutsche war bei der Luftwaffe der Wehrmacht, ausserdem Ingenieur, bei Porsche, wurde Autorennfahrer, zwischendurch lebte er in der USA, freundete sich mit dem Filmschauspieler James Dean an, war 1955 beim Unfall mit diesem im Auto, überlebte. Damals stürzten sich zwei Hamburger Mädchen von einem Hochhaus in den Tod, gekleidet in den von Dean popularisierten verwaschenen Leinenhosen und weiten Pullovern, die Anfangsbuchstaben seines Namens mit einer Rasierklinge in den Arm geritzt.

Während des 2. WK gab es auch die konkurrierenden Atom(waffen)projekte der USA und des (nationalsozialistischen) Deutschen Reichs. Wobei die Initiation des amerikanischen Projekts ja eine Art Reaktion auf das deutsche war. Wenn man so will, haben die Atombomben-Abwürfe der USA auf Japan 1945 diesen Krieg beendet. US-amerikanische Truppen waren in diesem Jahr einige Monate zuvor nach Deutschland vorgedrungen, nahmen so Einiges unter ihre Kontrolle, von der Reichskrone über Von Braun samt Team und Unterlagen bis zu den Resten des deutschen Atomprogramms (im Südwesten). Von den deutschen Atomwissenschaftlern gingen nach dem Krieg nur wenige in die USA; es entstanden in der BRD und der DDR Atomforschungszentren. Die BRD wurde von den Anglo-Mächten bald nach dem Krieg zum Verbündeten gemacht, ihr wurde aber nicht soviel Vertrauen entgegen gebracht, ihr eigene Atomwaffen zu gestatten. Stattdessen stationierte die USA (ihre) Nuklearwaffen in der BRD, neben ihren Truppen.(84) Ähnlich war es mit der DDR und der Sowjetunion. Mit Wiedervereinigung und Entspannung/Ende Kalter Krieg gewann Deutschland Souveränität zurück.

Russland hat seine Atomwaffen und seine Soldaten aus dem Osten Deutschlands abgezogen, die USA hat nach wie vor Soldaten und Atomwaffen in der (vergrösserten) BR Deutschland stationiert.(85) Letzter Atomwaffen-Standort in Deutschland ist der Luftwaffenstützpunkt in Büchel (Rheinland-Pfalz). Politiker aus allen Lagern, am wenigsten aus CDU/CSU, befürworten einen Abzug der die US-Atomwaffen aus Deutschland (jene der Linken am ehesten). „Differenzierter“ sieht es da mit der allgemeinen amerikanischen Militärpräsenz in der Bundesrepublik aus. USA-Präsident Donald Trump stellte das Ende des „Nuklearschutzes“ für Europa und der Truppenpräsenz in Deutschland in den Raum. Richard Grenell, (offen) homosexuell, Republikaner, Fox- & Breitbart-Propagandist, wurde ein Trump-Gspusi, dessen Geheimdienstkoordinator, und 18-20 Botschafter in Deutschland. Dort gab er dem Gastland immer wieder Anweisungen, gegen Iran, für Israel, gegen deutsche Eigenständigkeit von der USA, verlangte mehr „Verteidigungsbereitschaft“ von Deutschland, „drohte“ wie sein oberster Boss mit Abzug von US-Truppen aus Deutschland, und dem Rückzug der USA aus der NATO.(86)

Die USA hat noch rund 70 000 Soldaten in der BRD stationiert, v.a. im Südwesten und in der Mitte, im Rahmen von EUCOM und NATO, internationale Einsätze finden zT von dort statt. Trump will eine Reduktion (- 12 000), die Mehrheit der Deutschen begrüsst das laut Meinungsumfragen, die Begründung Trumps, wonach Deutschland zu wenig für „Verteidigung“ ausgebe, kann nur eine Minderheit nachvollziehen. Es geht dabei auch um wirtschaftliche Gesichtspunkte. Was den Abzug der US-Atombomben aus Deutschland betrifft, die SPD-Führung forderte ihn, und stiess damit beim Koalitionspartner CDU/CSU auf Unmut. Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter regte eine „europäische Atombombe“ an, mit einer solchen hätte Deutschland „praktisch“ eine eigene nukleare Option.

Damit in Zusammenhang: André Shepherd, ein Afro-Amerikaner, der zu Hause (in Ohio) zeitweise Obdachloser war, zu den Streitkräften ging, aus Mangel an Perspektiven (klassisch). Er war als Soldat im Irak, nach dem Krieg 03, war dort mit Verbrechen seiner Armee konfrontiert, stieg in Deutschland (Bayern, Militärflughafen Ansbach) aus dem US-Militär aus und suchte um politisches Asyl an (wurde vorübergehend von Punkern versteckt), ging deshalb bis zum EUGH. Relevant dazu sind auch Wehrmachts-Deserteure, amerikanische Deserteure während des Vietnamkrieges, NVA-Deserteure, oder der Fall von Hanno Rumpf (Namibia).(87)

Die alte BRD, die Bonner Republik, mit dem Rheinland als Schwerpunkt und Bonn als Hauptstadt, stand um Einiges fester an der Seite der USA als die neue BRD, die Berliner Republik; der Übergang ist mit 1999 (Umzug von Regierung und Parlament) anzusetzen, nicht mit dem „Mauerfall“ bzw dem Ende des Kalten Kriegs. Söring schrieb in „Nicht schuldig“ auch über Reaktionen in der USA auf sein Deutschtum, hauptsächlich in der Schule, stellte die (damalige) BRD der Reagan-USA positiv ggü. 1984, als JS in Charlottesville zu studieren begann, kaufte sich Karl Koch in Hannover von der väterlichen Erbschaft einen Atari „ST“ – Heimcomputer. Begann (zusammen mit Anderen) damit Hacks in Computersysteme, auch in US-amerikanischen Institutionen, die Infos wurden an den KGB verkauft. Ist auch ein Detail aus den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Unter einem Artikel zu Karl Kochs Tod kommentiert Einer: „Clifford Stoll(89) ist zu bewundern. an Robin Hood Märchen glaube ich nicht. Karl Koch war ein Junkie und Vaterlandsverräter.“ Ein „Vaterlandsverräter“ wie Stauffenberg? Koch hat sich übrigens stark von Robert Wilson inspirieren lassen, dem Autor der „Illuminatus“-Trilogie, und auch Amerikaner.

In einem „Spiegel“-Interview hat Joschka Fischer 2002 zum Besuch von Bush in Deutschland(91) (gewissermaßen) analog dazu das (für ihn) Positive an der USA („Bob Dylan, Berkeley, Woodstock, Martin Luther King“) über das Negative („Vietnam, Chile, die Contras“) gestellt. Fischer erzählte in dem Gespräch auch von seinen Berührungen mit der USA: Auswanderungsgedanken seiner Eltern, Begegnungen mit Besatzungssoldaten (darunter als Taxifahrer in Frankfurt), der Vietnam-Krieg als Teil seiner Politisierung („Aus Befreiern wurden Unterdrücker“)(92), seine Tochter als Austauschschülerin in der USA. So weit, so gut. Fischer sieht aber anscheinend Vieles an der USA sehr unkritisch und unreflektiert. „Vieles von dem, was Amerika repräsentiert, bewundere ich. Vor allem den radikalen Begriff von Freiheit, das Verständnis von ‚checks and balances‘ in dieser alten Demokratie und den Optimismus, diese Dynamik der Amerikaner.“ Zählt dann auf, was er ablehnt, darunter Waffengesetze und fehlende soziale Sicherheit – das kommt aber auch aus diesem „radikalen Begriff“ von Freiheit…

Und, als Demokratie ist Amerika/USA für einen wesentlichen Teil seiner Bevölkerung nicht so alt, Afro-Amerikaner bekamen erst mit den Bürgerrechtsgesetzen unter Johnson 1964/65 Gleichberechtigung. Fischer über Johnsons Vorgänger John Kennedy: „Kennedy war für uns damals fast eine Ikone. Ich werde seine Ermordung nie vergessen…“. Der von Kennedy zumindest abgesegnete Coup gegen den irakischen Präsidenten Qasim im Jahr seiner Ermordung (1963), der den Beginn der Tragödie des Irak bedeutete, den übergeht er natürlich, oder die Destabilisierung Congos nach dessen Unabhängigkeit. Dass das US-amerikanische Engagement in Vietnam unter JFK begann, daran musste ihn der Interviewer erinnern. Auch Franklin Roosevelt lobte er über den grünen Klee (Gründer der UNO); dass es auch unter diesem relativ fortschrittlichen Präsidenten einen dreisten Rassismus gab (> Jesse Owens), übergeht Fischer wieder. Er singt in dem Interview ein Hohelied auf US-amerikanische Interventionen, nicht zuletzt in Europa (1. WK, 2. WK, NATO, Balkan), das Land hätte jeweils „auf historische Bedrohungen reagiert“, aus imperialistischem Eigennutz hätte es doch nicht gehandelt.

Ein Anspruch der Dominanz der USA über den Rest der Welt redete Fischer klein bzw schön, solange sich die Europäer etwas einbrächten sei das kein Problem; ein Mitreden der Nicht-Westler, Nicht-Weissen ist kein Thema.(94) Zum Bush-Besuch dann: „Der US-Präsident ist uns sehr willkommen, und ich freue mich, dass er im Bundestag sprechen wird…Gewalt und Anti-Amerikanismus lehne ich ab…“. Bush redete dann im Bundestag vor der deutschen Staatsspitze…“In diesem Krieg verteidigen wir nicht bloß Amerika oder Europa: Wir verteidigen die Zivilisation als solche.“ Die „Reife“ die Fischer so zur Schau stellt, ist typisch für Ex-68er, und ein Karsten Voigt redet ganz ähnlich über die USA. Für die konservative Opposition Deutschlands jener Jahre (CDU/CSU) gab es noch das alte Verständnis von Partnerschaft mit der USA. Edmund Stoiber sagte 2001 vor dem Hintergrund der Beschuldigungen gegen Fischer wegen dessen linksmilitanter Vergangenheit: „Zu Zeiten Kohls wäre es undenkbar gewesen dass die USA die BRD nicht vorab über einen Luftschlag gegen Irak informieren“.(93) Während Deutschland durch das „Nein“ der rot-grünen Regierung ggü der USA bzgl des Irak-Kriegs 2003 als freier Spieler auf die Weltbühne zurückkehrte, begann Angela Merkel als Oppositionschefin ihr Kriechen, stimmte Bushs Irak-Krieg zu (und forderte Aussenminister Fischer auf, sich von der 68er-Revolte insgesamt zu distanzieren).

„Ich weiß nicht, ob die Marines im Juni 1944, als die Befreiung des von Hitler beherrschten Europa begann, am Omaha Beach dabei waren. Mein Freund Dany Cohn-Bendit, Jahrgang 1945 und Kind deutscher Juden, datiert seine Geburtsstunde zu Recht auf die Landung der Alliierten in der Normandie. Bei mir bleibt diese Tatsache immer präsent.“ Und die später so genannten „Bananen-Kriege“, Militär-Interventionen (meistens von „Marines“ durchgeführt) im mittelamerikanisch-karibischen Raum, bis in die 1930er, vom anderen Roosevelt (Theodore) besonders voran getrieben? Lateinamerika und Karibik sind das US-Imperialismus Opfer Nr. 1, wurden von der USA immer wieder als ihr „Hinterhof“ betrachtet und behandelt? „Ich habe schon damals in meiner Partei gesagt – und deswegen war ich auch gegen das ‚Raus aus der Nato‘, das die Grünen 1983 beschlossen…Die transatlantischen Beziehungen bleiben der zentrale Eckpfeiler für Frieden und Stabilität im 21. Jahrhundert.“ Die selbst zugeschriebenen demokratischen, antikolonialen, ja antifaschistischen Referenzen der USA, und die Deutschen von Strauss bis Fischer die das nachbeten.

Angela Merkel war stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung unter De Maiziere gewesen, kam mit der Vereinigung in den Bundestag, wurde 1991, nach der ersten freien gesamtdeutschen Wahl seit 1933, Ministerin für Frauen und Jugend in Kohls Regierung.(95) Kohls Ära stellt die Endphase der Bonner Republik dar, ihr Ende hing auch mit seinem Abtritt zusammen. Kohls grösster Sieg, die Vereinigung, brachte zwar vorübergehend die Herrschaft der alten BRD über die ehemalige DDR, aber auf mittlere Sicht eine Veränderung Deutschlands. Und die Berliner Republik wurde anfangs von einer rot-grünen Regierung geführt. Das Verhältnis zur USA bleibt wichtiger „Parameter“ in diesem Zusammenhang, auch wenn es etwas Emanzipation gab. Der islamistische Terrorismus wurde Anfang des 21. Jahrhunderts neuer globaler Feind des Westens bzw neuer Vorwand für seine globale Machtprojektion, löste als solche(r) den Kommunismus ab – während des Kalten Krieges zwischen dem Westen und kommunistischen Systemen hatte der Westen den Islamismus noch gefördert. Der Deutsch-Amerikaner Rumsfeld, Verteidigungsminister unter dem jungen Bush, sprach verächtlich vom „alten Europa“, jenem das Bush nicht folgte.

Machtwechsel 1998 Bundestag Bonn

Von Bush jun. waren in Deutschland gewisse Alt-Rechte und Ex-Linke entzückt. In diesen Jahren gediehen die „Antiamerikanismus“-Beschuldigungen. Meistens nach dem Muster jener Dreifaltigkeit des Bösen (s.o.) die auch Bush selbst beschwor. Sein Grossvater Prescott Bush hatte bis 1942 Geschäfte mit Hitler-Deutschland gemacht, sein Vater hatte bzgl Afghanistan mit Bin Laden an einem Strang gezogen. Bush (der mit Sharon in Israel einen „kongenialen“ Partner hatte) wurde für „Anti“deutsche und Ähnliche ein Held des Antifaschismus. Über die „Relativität“ der westlichen Gegnerschaft zu Hitler(-Deutschland) wurde hier und in anderen Artikel schon Einiges gesagt, auch über die „kruden Allianzen“ die im Nachhinein konstruiert werden (Verbindungen des NS in den islamischen Raum, während und nach seiner Machtphase). In Charlottesville 2017 wie gesagt Nazi-Flaggen und Konföderierten-Flaggen nebeneinander, wie so oft.

Für Trump erwärmen sich nicht nur diese sondern auch die Evangelikalen und andere Israel-Unterstützer in der USA.(96) In Europa sind v.a. „linke“ USA-Fans etwas in ihrer Selbstgerechtigkeit getroffen; bekennende Rechte sind für ihn, von Seehofer über Köppel bis Mölzer, wegen seines Gebahrens im Inneren. Der Hurrikan „Maria“ in diesem Jahr, bzw die grossen Schäden die er auch auf Puerto Rico hinterlassen hat, waren für die Trump-Administration keine Angelegenheit von oberster Priorität. Amerikaner wie der Politiker Steve King (RP), der die USA und den Westen „weiss“ definiert(97), treffen sich mit „antiamerikanischen“ Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Und bei den Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den „Weltkriegen“? Der Republikaner “Mike” Huckabee, ein evangelikaler Rechter, warf (dem scheidenden US-Präsidenten) Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf ’16 (wo er sich um eine Nominierung seiner Partei bewarb), in einem Interview mit der rechten Website “Breitbart” vor, mit seiner Aussenpolitik „die Israelis in die Krematorien zu führen“…

Sich mit einer solchen Rhetorik zu profilieren (und seine eigenen Anliegen in einem neuen Licht darstellen), das gibt es natürlich auch in Deutschland, etwa wenn die AfD Israel als Verbündeten im Kampf gegen den moslimischen Feind proklamiert. In der NS-Aufarbeitung gibt es oft ein vordergründig aufklärerisches Narrativ, das aber der Verschleierung und Entlastung, dient; jenes über Israel und die USA (die anderen Alliierten des 2. WK zählen da praktisch nicht). Gepflegt wird dieses Narrativ zB vom Ost-Tiroler Zeithistoriker und Politologen Peter Pirker, der sich im „anti“deutschen Milieu Wiens bewegt und darüber hinaus etwas vernetzt ist.(98) Bei ihm dreht sich Vieles (zB seine Dissertation) über Aktivitäten der West-Alliierten (besonders USA, GB) in Österreich am Ende des 2. WK, bei der Befreiung; um das Narrativ eines Antifaschismus der auf diesem Weg gekommen wäre. Jemandem wie Pirker (mit seinen ideologischen Grenzen) wäre zB Guido Preparata zur Aufklärung empfohlen, dessen Buch „Wer Hitler mächtig machte. Wie britisch-amerikanische Finanzeliten dem Dritten Reich den Weg bereiteten“, oder „The Nazis Next Door“ von Eric Lichtblau (2014) wo es um die Zusammenarbeit von CIA (und anderen US-amerikanischen Geheimdiensten) mit Nazis geht.

Um Schieflagen in der NS-Aufarbeitung geht es auch bei Achille Mbembe, er integriert in die Beschäftigung mit dem Faschismus auch Auseinandersetzung mit Sklaverei und Kolonialismus(99), zeigt Zusammenhänge von Apartheid und Holokaust auf. Und gerade deshalb ist er ein Aussenseiter und wird angefeindet, vor Allem in Deutschland. Was „Antiamerikanismus“-Vorwürfe in Bezug auf Deutschland betrifft, ist der Politologe Andrei Markovits (jetzt in der USA) führend; redet gerne von einem „Tandem von Antisemitismus und Antiamerikanismus“, hat im konkret-Verlag ein Buch darüber geschrieben, attackiert v.a. Linke.(100) Um gewisse Amerikaner bzw eine bestimmte USA sorgen sich Leute wie Markovits ja nicht. Bzw um gewisse Zustände, Verstösse des Weltpolizisten und globalen Richters im eigenen Land gegen jene menschenrechtlichen Prinzipien, in deren Namen er seine Interessen weltweit so brutal durchsetzt.(101) Da gelten ganz unterschiedliche Standards. Und amerikanische Werte waren nie universalistische.

„Neger“ waren lange „unamerikanische Elemente“ (sind es für Manche immer noch), lange auch Katholiken oder Juden, dann gab es Zeiten, in denen man Leuten das Etikett „Kommunist“ umhängte,… Von James „Jesse“ Owens, vom dem schon die Rede war, gibt es einen „Weg“ zu Tommie Smith und John Carlos und zu ihrem Black Power-Gruss bei Olympia 1968, bei der Siegerehrung zum 200m-Lauf. Der („weisse“) Australier Peter Norman, Silbermedaillen-Gewinner in diesem Rennen, unterstützte die beiden US-Amerikaner und ihr Anliegen dabei, die Drei blieben einander über diese Olympischen Spielen (und die Sanktionen die sie in ihren Teams für die Aktion bekamen) verbunden. Afro-Amerikaner und Andere wurden/werden in dieser „deutsch-amerikanischen Partnerschaft“ nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen, wie sich schon in der Stellung/Behandlung von Deutschen und Afro-Amerikanern in Gefangenenlagern in der USA nach dem 2. WK (s.o.) abzeichnete. Die Begeisterung für die USA in Europa und anderswo in der Welt war und ist immer eine mit Einschränkungen. Was Deutschland betrifft, seit den Zeiten von Carl Schurz haben Einwanderer von dort in die USA einen Startvorteil gegenüber diversen nicht-weissen Bevölkerungsgruppen.(102)

Aus dem Agana-Artikel1955, in dem Jahr als Wernher von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen (beides in Alabama). 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John E. Hoover, Martin L. King (der ebenfalls in Alabama wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von „Mischehen“ aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte „Saturn V“ zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Aus Pro-Amerikanismus lässt sich problemlos eine Form von Deutschnationalismus formulieren. Ein anderer Deutschnationalismus: Thorsten Schulte: Fremdbestimmt: 120 Jahre Lügen und Täuschung (2019). Amazon-Präsentation: „Dieses Buch ist ein Warnruf an alle Europäer!…Immer mehr Menschen fühlen, dass die Zukunft Deutschlands und Europas in Gefahr ist, verstehen jedoch noch nicht die Ursachen. Deshalb muss das ganze Ausmaß von Täuschung und Fremdbestimmung offengelegt werden. Thorsten Schulte demaskiert in diesem Buch die Geschichtsschreibung der Sieger, deckt Unwahrheiten, Halbwahrheiten und das Weglassen wichtiger Fakten in unseren Medien auf. Er entlarvt das verzerrte Geschichtsbild, das immer noch zu einem Schuldkomplex der Deutschen mit verheerenden Folgen führt. Erst dadurch wird seine Gefahrenanalyse in diesem Buch für das heutige Deutschland verständlich.“, „Die New York Times huldigte dem letzten deutschen Kaiser im Juni 1913 mit der heute undenkbaren Überschrift: ‚Kaiser, 25 Jahre Herrscher, gefeiert als Friedensstifter‘.“

Um wieder den Faden des Artikels aufzugreifen: Sich für Jens Söring engagiert hat Peter Beyer, Transatlantik-Koordinator des deutschen Aussenministeriums – er hat an der Uni in Charlottesville (Jus) studiert. Der Ausflug in die Tiefen deutsch-amerikanischer Beziehungen ging weit genug, aber mit dem deutschen Blick auf die USA und Gewalt und Verbrechen dort geht es weiter. Für den Mord an dem Polizisten Daniel Faulkner 1981 in Philadelphia wurde Mumia Abu-Jamal verurteilt, zunächst zum Tode, was 2001 in lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt wurde. Der de.wiki-Artikel über Abu-Jamal (geb. Cook) ist noch immer stark von „polentario“ geprägt, einem konservativen Agitator mit rass(ist)ischer „Note“ (und diversen Alternativ-Identitäten dort).(105) Vielleicht ist er auch selbst der Burghard Müller-Ulrich, den er immer anpreist… Ganz genau so ist er auch in diversen Artikeln über nordamerikanische Indianer unterwegs, etwa die über Leonard Peltier und Anna M. Aquash(103), aber auch über Afro-Amerikaner oder Latein-Amerikaner,… Immer wenn es um Nicht-Weisse und den weissen (und „linken“) Blick auf sie geht, ist er zur Stelle, um „aufzuklären“. Da sieht man, was bei Wikipedia schief läuft, natürlich nicht nur in der deutschen. Hält sich für unantastbar und paukt seinen POV durch, ohne dass ihm ein „Admin“ oder sonst jemand Grenzen setzt.(104)

Was solche Leute wohl zu Edgar R. Killen sagen, einem Mörder (von Amerikanern) den die US-amerikanische Justiz jahrzehntelang ungeschoren liess? Killen war Teil jenes Lynchmobs, der 1964 in Mississippi drei Bürgerrechtler (2 Weisse/Juden, 1 Schwarzer) aus dem Norden der USA(106) tötete, Sägewerksbetreiber, Teilzeitprediger, KKK-Aktivist. Auch der Bezirks-Sheriff von Neshoba, Lawrence Rainey, war daran beteiligt. 1967 wurden dieser und ein Anderer von einem Bundesgericht freigesprochen, der Rest des Mobs zu geringen Strafen verurteilt (keiner länger als 6 Jahre)(107). Ins Rollen war die Aufklärung des Dreifach-Mordes(108) durch das FBI gekommen, wobei dessen Chef Hoover mit seinem Hass auf die Bürgerrechtsbewegung von Präsident Johnson gedrängt wurden musste. Mississippis Gouverneur Paul B. Johnson sagte nach dem Verschwinden der Drei, diese könnten sich in Cuba versteckt haben. Killen wurde aufgrund von Bemühungen von Bürgern von Neshoba County 2005 nochmal der Prozess gemacht (in einem Bezirksgericht), er starb nach seiner Verurteilung im Gefängnis. Zwischendurch war er wegen seiner „schlechten Gesundheit“ freigelassen werden.

Diesen Mördern wurde und wird gehuldigt von manchen Seiten, und für sie sind auch Leute auf Wikipedia (in diesem Fall der englischen) aktiv.(109) Ronald Reagan hat im Präsidentschafts-Wahlkampf 1980 nahe der Mordstelle eine Rede gehalten, in der er die Rechte von Bundesstaaten pries bzw hervorstrich; man hat die Botschaft verstanden.(110) Dort wo Nicht-Weisse als Opfer involviert sind (wie in Mississippi) oder gar nicht (wie bei Steven Avery)(111), dort sind Deutsche wie Müller-Ulrich oder seine Anhänger natürlich gleichgültig.(112) Werden „antiamerikanische Ressentiments“ (Hammel,…) allgemein am Zweifel an Entscheidungen von Gerichten in der USA fest gemacht? Oder am (Des)interesse an Morden an Amerikanern? Jene, die den diesbezüglichen Agitprop betreiben, zeigen das Tandem von USA-Apologetik und Rassismus auf, aber auch den vorauseilenden Gehorsam und das Profilierungsbestreben in dieser Apologetik.(113) A propos: Breivik (70-facher Mörder) bekam nur 20 Jahre Haft; wo sind die Tiraden von Broder, Bannon,…?

Schnitt. Bei Marco Marco Weiss, jenem deutschen Jugendlichen, der auf Urlaub in der Türkei wegen Sex mit einer minderjährigen Engländerin angeklagt (und ins Gefängnis gesperrt) wurde, war die deutsche Haltung einhelliger als bei Söring, die Ansicht verbreiteter, dass es sich um ein Justizopfer handelt. Dominierten die politischen Implikationen über die Schuldfrage. Über die Unterschiede in der Rezeption könnte man sich lange auslassen.(114) Weniger polarisieren als JS (in Deutschland und der USA) tut Dieter Riechmann, jener Deutsche, der 1987 mit seiner Lebensgefährtin nach Florida reiste(115), wo diese getötet wurde; dafür wurde er zunächst zum Tode verurteilt, was dann umgewandelt wurde (wie zB auch bei Abu Jamal). Bei Youtube kommentiert Einer unter einer Riechmann-Doku: „Wo ist Riechmanns Lobby? Riechmann ist kein Diplomatensohn. Wie lange wird er wohl noch einsitzen müssen?“. Debra Milke wiederum wurde als Tochter eines US-Soldaten und einer Deutschen in Berlin geboren, ging in die USA, ’89 Mord an ihrem Sohn durch ihre Freunde > „Anstiftung“, ’90 Todesurteil; auch hier Zweifel an der Schuld laut, ’13 wurde das Urteil aufgehoben, dann das Verfahren wieder aufgenommen. 2014/15 Freilassung, Einstellung des Verfahrens; sie kam dann zu einem Besuch nach Berlin. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Jan Rouven (Füchtener) als Opfer der amerikanischen Justiz dar.

Die deutsche Justiz hat Dieter Krombach nicht an Frankreich ausgeliefert, wo dieser wegen Körperverletzung mit Todesfolge an seiner Stieftochter Kalinka Bamberski verurteilt worden ist. Bamberskis leiblicher Vater hat ja dann die Entführung Krombachs nach Frankreich veranlasst. Burghard Müller-Ulrich hat sich dieses Falles (dem Verhalten der deutschen Justiz hier) ja genau so wenig angenommen wie den NS-Verbrechern, die lange unbehelligt in der BRD lebten, wie dem Niederländer Klaas C. Faber oder Heinz Lammerding (der in Frankreich zu Tode verurteilt worden war).(116) Und die rechte Hand von Colonia Dignidad-Führer Paul Schäfer, Hartmut Hopp, lebt weiter unbehelligt in Deutschland. A propos Auslieferungen und so: Jeffrey Carney wurde einst aus Deutschland in die USA entführt, von Angehörigen US-amerikanischer Geheimdienste. Er hatte im Kalten Krieg für die NSA in Berlin gearbeitet, sich dann der “Stasi” der DDR angedient. Als es „eng“ für ihn wurde, setzte er sich in die DDR ab; nach „Mauerfall“ und Vereinigung wurde er in Berlin von den amerikanischen Behörden aufgespürt.(117)

Weniger politisch war das „Delikt“, für das der US-amerikanische Rapper „ASAP Rocky“ 2019 in Schweden festgehalten wurde. Politisch war, dass USA-Präsident Trump sich für den afro-amerikanischen Rapper einsetzte. Wo skandinavische Länder in dessen Rassenhierarchie ja ausserdem ganz oben stehen. Edward Snowden wiederum ist einer jener, den die USA gerne (ausgeliefert) haben würden.Aus Canada in die USA ausgewiesen wurde 2012 die desertierte US-Soldatin Kimberly Rivera, die dem US-amerikanischen Militär 2006 im Irak diente; 07 verweigerte sie jedoch, als sie erneut dorthin entsandt werden sollte, floh mit ihrer Familie nach Canada. Sie ist eine von rund 200 desertierten „GI“s, die sich – zum Teil versteckt – in Canada aufhalten. Mehrere haben den Status politischer Flüchtlinge beantragt, der anscheinend keinem gewährt wurde. Sie erinnern an jene US-Amerikaner, die während des Vietnam-Kriegs in das nördliche Nachbarland reisten, um einem Militäreinsatz zu entgehen.(119) In Brasilien haben auch Viele Zuflucht gesucht. Wie der FPÖ-Politiker Peter Rosenstingl 1998/99; der sich nach seiner Auslieferung in Österreich wegen Betrug und Untreue verantworten musste. Ronald Biggs (GB) oder Cesare Battisti (Italien) haben sich dort länger gehalten. Die Türkei hätte gerne die Mörder des Journalisten Jamal Khashoggi, und hätte gerne Fetullah Gülen, der in der USA einen „sicheren Hafen“ gefunden hat. 

Spanien hätte gerne den ehemaligen Premier Kataloniens, Carles Puigdemont, der in Belgien Asyl gefunden hat. Die RAF-Mitglieder Susanne Albrecht und Inge Viett hatten in der DDR Unterschlupf gefunden, sie wurden im Sommer vor der Wiedervereinigung(120) in die BRD ausgeliefert – in jener Zeit in der Jens Söring in der USA vor Gericht stand. Die DDR unter Erich Honecker als Staatschef hatte nach dem Pinochet-Putsch in Chile 1973 vielen Chilenen Asyl gewährt, darunter auch Clodomiro Almeyda (PSC, Minister unter den Präsidenten Ibanez und Allende) und der Familie von Michelle Bachelet. Nach der Wende in der DDR 1989/90 war es Honecker, der Asyl suchte; er versuchte es beim „grossen Bruder“ Sowjetunion. Die SU unter Gorbatschow (der Kohl allerdings auch nicht verärgern wollte) war Ende 1991 Geschichte, und Russland unter Jelzin wollte ihm nicht Unterschlupf gewähren. So gingen er und seine Frau nach Chile, auch mit Hilfe von Almeyda, der Botschafter des sich (unter Präsident Aylwin) demokratisierenden Landes in der SU geworden war. Perus Präsident Alberto Fujimori (dem damals Anklagen drohten) setzte sich 2000 nach Japan (von wo seine Eltern stammen) ab(121) wurde nach einem jahrelangen Tauziehen ausgeliefert. Spanien war unter Franco sicherer Hafen für diverse Rechtsextreme (Ante Pavelic, Otto E. Remer, Horia Sima, Otto Skorzeny, Leon Degrelle,…).

Cuba dient Assata Shakur als Exilland, die von den Behörden der USA „gewollt“ wird. Und die sie als „gewöhnliche Kriminelle“ sehen, und ihren Aufenthalt dort natürlich nicht als politisches Exil. Woraus sich die Frage stellt, ob man wie Pavelic oder Sima wirken muss, um so eine Art politischer Flüchtling zu sein. Bei Carlos Ghosn oder Semion Mogilevich kann man an den zur Last gelegten Taten oder der Flucht bzw Verfolgung dann wirklich nichts Politisches mehr erkennen. Jens Söring rechnet in „Nicht schuldig!: 33 Jahre US-Haft für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe“ vor, dass er länger als Nelson Mandela im Gefängnis war. Im allmystery-forum schrieb Eine: „Dass Jens sich mit Mandela vergleicht, halte ich für sehr passend. Beide sind aus meiner Sicht weit überschätzte Persönlichkeiten. Allerdings wird Jens das nichts nützen. Er wird nicht entlassen werden, da es keine politische Komponente in seinem Fall gibt. Ausserdem sind USA und Südafrika nicht vergleichbar. Dem Freundeskreis ist das sicher bewusst. Die Unterstützung für Jens erfolgt im Wesentlichen aus Wichtigtuerei.“ Da kommen auch wieder en passant einige politische Einschätzungen; was die USA nach Ansicht der Kommentatorin dem Post-Apartheid-Südafrika „voraus“ hat, liegt auf der Hand.(122)

Tuynhuys Kaapstad 1989, (geheimes) Treffen des gefangenen Nelson Mandela (2.v.l.) mit Führern des südafrikanischen Apartheidregimes: Johan Willemse, Daniel Barnard, Pieter Botha, H. Jacobus Coetsee

Nelson Mandela sass wegen des Kampfes gegen ein Unrechtssystem ein, so war es auch bei Alexander Solshenyzin im GULAG, oder Liu Xiabo, Kasturba Gandhi, Toussaint Louverture (diese drei Letzteren starben im Gefängnis). Bei manchen politischen Gefangenen, wie dem Iraner Hossein Derakhshan, reichte schon das Überschreiten gewisser, vom Regime gezogenen, Grenzen; bei der Nazi-Diktatur reichten schon rassistische Einstufungen. Es gibt aber Fälle, die nicht so eindeutig (als politische Gefangenschaft einzuordnen) sind, wie Roger Casement, Leonard Peltier, Marwan Barghouti, Manuel Noriega,… Oder Gerry Conlon, dem ein politisch motiviertes Verbrechen zur Last gelegt wurde, und der zu Unrecht für dieses schuldig befunden wurde – möglicherweise aus einer politischen Motivation heraus. George Washington oder Mustafa Kemal „Atatürk“ wurden einst gesucht von den damals dort Herrschenden, als „Unruhestifter“ und dergleichen. Der Armenier der in Frankreich im Gefängnis sass wegen eines Anschlags mit einer militanten (anti-türkischen) armenischen Gruppe, bekam nach seiner Freilassung einen Heldenempfang in Armenien, jener Aserbeidschaner der in Ungarn bei einer NATO-Tagung einen Armenier tötete, einen eben solchen in Aserbeidschan.

Für die Gnädigste im allmystery liegt die politische Komponente vermutlich darin, dass Mandela vom damaligen Präsidenten Südafrikas zu Beginn des „Abbaus“ der Apartheid aus dem Gefängnis entlassen wurde, und nicht in der Verurteilung Mandelas. Andere (auch in diesem Diskussionsforum) werfen Söring vor, sich mit Mandela zu vergleichen. Dann ist hier als Querverbindung natürlich die „Zimbabwe-Connection“ der Haysoms zu nennen.(123) Und Irwin Cotler. Der kanadische Politiker hat sich einst gegen die Apartheid in Südafrika und Nelson Mandela engagiert, inzwischen aber fast nur noch für israelische Belange. Und er sah JS’s Verurteilung als Justizirrtum, befürworte dessen Freilassung. Mandela kam in dem Jahr frei, in dem Söring verurteilt wurde; auf Robben Island war er beinahe die ersten 20 Jahre seiner Gefängniszeit (insgesamt 28 Jahre). Auf jenem Inselchen vor Kapstadt, das mit der europäischen Kolonialisierung Südafrikas für Jahrhunderte Verbannungs- und Gefängnisort (mit Zwangsarbeit) wurde, für Leprakranke, Behinderte, vor allem aber Jene, die als Unruhestifter galten. Robben Island/ Robbeneiland wurde ein wichtiges Symbol des Kampfes gegen das Apartheid-Regime; 3 südafrikanische (Post-Apartheid-) Staatspräsidenten und etliche Minister waren dort Gefangene (gewesen).(124)

Aus dem Gefängnis an die Macht kamen auch Leopold Figl oder Vaclav Havel. Der Todesstrafe entkam Mandela vielleicht durch internationale(n) Druck/Aufmerksamkeit. Wie schon oben bei Oscar Wilde angeschnitten, für etwas eingesperrt zu werden, sagt in vielen Fällen eher etwas über den aus, der den Schlüssel in der Hand hält, nicht über den Häftling… Unter Uday Hussein wurden im Irak Fussballer eingesperrt (und gefoltert), wenn der Herr mit dem Resultat eines Spiels nicht zufrieden war (oder ihn sonst etwas gedrückt hat). Jemand wie Natascha Kampusch wurde nicht von einem Staat eingesperrt. Oder, jemand wie John McCain, eher nach dem Geschmack Jener, die Mandela als „Verbrecher“ sehen, er war in einem Kriegsgefangenenlager (und wurde dort anscheinend gefoltert). Nelson Mandela: “It is said that no one truly knows a nation until one has been inside its jails. A nation should not be judged by how it treats its highest citizens, but its lowest ones.” Galileo Galilei musste etwa im 17. Jh unter dem Druck der Inquisition seinem „Irrtum“ abschwören, dem heliozentrischen Weltbild; rund 400 Jahre nach dem Urteilsspruch wurde er von Papst Johannes Paul II. 1992 rehabilitiert.(128)

Damit zum Abschluss nochmal zu Justizopfern/-irrtümern. Wenn JS den Doppelmord nicht begangen hat, er unschuldig ist, ist er ein Justizopfer. Fehlurteile sind immer möglich, wobei solche manchmal dem Regelwerk eines Systems konform ausgesprochen werden (dieses System also das Problem ist), wie bei jenen Frauen die 1692/93 in Salem (Massachusetts) oder bei anderen Gelegenheiten als „Hexen“ verurteilt wurden. Manchmal ist Absicht von irgend einer Seite im Spiel. Janet Malcolm in ihrem Buch „The Journalist and the Murderer“ (1990): „Es kommt immer darauf an, wie man die Beweislage interpretiert. Wenn man von der Schuld eines Menschen überzeugt ist, dann interpretiert man Dokumente in die eine Richtung, geht man von der Unschuld aus, in die andere Richtung. Das Material spricht nicht für sich selbst.“ In Malcolms Buch geht es übrigens hauptsächlich um den amerikanischen Militärarzt Jeffrey MacDonald, der eine Strafe dafür absitzt, 1970 auf dem Stützpunkt Fort Bragg (South Carolina) seine Frau und seine Kinder umgebracht zu haben. Der Journalist „Joe“ McGinniss schrieb darüber das Buch „Fatal Vision“. MacDonald beschuldigt eine Gruppe Hippies, die im Drogenrausch in die Wohnung eingedrungen sei.

Rehabilitiert wurden (unter Gouverneur Dukakis) Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti, italo-amerikanische Arbeiter, die 1927 in Massachusetts für einen doppelten Raubmord hingerichtet wurden. Oder Michael Hanline, ebenfalls in der USA, auch der genannte Avery (für das Vergewaltigungs-Urteil). Mahmud H. Mattan aus Somalia wurde ’52 in GB exekutiert. George Stinney ist auch einer jener, bei denen das Urteil erst nach der Hinrichtung revidiert wurde. Josef Jakubowski wurde 1926 in Deutschland für einen Mord hingerichtet, den er nicht begangen hatte. Der wirkliche Täter legte zwei Jahre später ein Geständnis ab. Steven Truscott wurde 1959 im Alter von 14 Jahren als Jüngster in der kanadischen Justizgeschichte zum Tod verurteilt, nach 10 Jahren Haft freigelassen und 2007 nachträglich freigesprochen. Sein Fall trug maßgeblich zur Abschaffung der Todesstrafe in Kanada bei. Sakae Menda wurde 1983 nach voran gegangenem Todesurteil freigesprochen, er engagiert(e) sich in Folge für die Abschaffung der Todesstrafe in Japan. Edward L. Elmore verliess 2012 in der USA das Gefängnis nach 31 Jahren, davon 29 im Todestrakt. Juan Menendez sass 17 Jahre in der Todeszelle (ebenfalls in der USA), bevor er 02 freigelassen wurde. Randall D. Adams kam durch die Dokumentation „The Thin Blue Line“ Ende der 80er frei. 

George Edalji, ein zoroastrischer Inder in GB, wurde 1903 beschuldigt, ein Pferd verstümmelt und lebensgefährlich verletzt zu haben. Er wurde schuldig gesprochen und saß drei Jahre lang im Zuchthaus. Nachdem der Autor Arthur Doyle sich für ihn eingesetzt und selbst Untersuchungen zu seinem Fall durchgeführt hatte, wurde das Urteil aufgehoben. Ralf Witte wurde in den 00er-Jahren in Deutschland von einem Kindermädchen fälschlich (wie sich herausstellte) der Vergewaltigung beschuldigt und war etwa 5 Jahre unschuldig im Gefängnis, wurde dort als „Kinderschänder“ auch noch maltraitiert > die Mitgefangenen glaubten nicht an seine Unschuld, wie so oft in diesen Fällen! Der Tunesier Riad Daalouche sass in den 1990ern 5 Jahre wegen angebliches Mordes an einem Drogendealer unschuldig im Gefängnis. Ein Eritreer wurde 16 in Italien dafür verurteilt, da er für den Schlepperkönig Medhanie Yehdego Mered gehalten wurde, nach 3 Jahren Haft wurde er freigelassen. Für die West Memphis Morde und jenem an Peggy Knobloch hat die Justiz in diesen Ländern die anfänglichen Urteile auch umgestossen, in diesen und anderen Fällen sind die Morde durch die Urteilsrevisionen als ungeklärt zu betrachten. Das ist auch bei „Sam“ Sheppard (s.o.) der Fall.(126)

Günther Kaufmann(127) legte anscheinend auch ein falsches Geständnis ab, nachdem sein Steuerberater getötet wurde bei einer Aktion, die von Kaufmanns Frau ausgegangen war. Der damals ermittelnde Kriminal-Polizist Wilfling glaubt weiter an seine Schuld, hat diesbezüglich nachgetreten; Kaufmanns Ex-Anwalt Ufer aber auch. Kaufmanns Frau war bald nach der Tat gestorben, er ist das inzwischen auch. Christer Pettersson wurde für den Olof-Palme-Mord freigesprochen, der Verdacht bleibt. Verfilmt wurden die Fälle von Rubin „Hurricane“ Carter und Lindy Chamberlain. Die Verurteilungen von Harry Wörz, Peter Heidegger, Kevin Greene, James Richardson, Claude Nolibet hat die jeweilige Justiz auch revidiert. Für den Mord an Andrew und „Abby“ Borden wurde ihre (Stief)tochter Lizzy verdächtigt, sie wurde aber dafür freigesprochen, somit gibt es einen ungeklärten Mord und keinen Justizirrtum. Viele sehen auch OJ Simpson als Schuldigen, in dem Doppelmord für den er 1994/95 freigesprochen wurde, somit als dafür davongekommen; wobei er dann von 08 bis 17 für etwas Anderes im Gefängnis war und diese Strafe vielfach als Vergeltung für den Freispruch 95 gesehen wird.

Bei Simpson und dem Mord an seiner Ex-Frau und ihrem Lover (und dem Prozess) war es so, dass Jene die die Sache rassisch kategorisierten, darüber maulten, dass die Sache rassisch kategorisiert wurde. Stellt sich auch die Frage, warum bei Robert Wagner oder Robert Blake (Gubitosi), anderen (amerikanischen) Stars, die für einen Mord verdächtigt/angeklagt wurden/werden, und nicht dafür verurteilt, der Diskurs darüber so ganz anders lief. Es ist eben so, dass Jene, die den Freispruch für George Zimmermans Tötung („Stand your ground“) bejubelten, über jenen für Orenthal Simpson erzürnt waren/sind. Dieser Fall (in Kalifornien) hatte rassische Komponenten, die bei Söring fehlten. Übrigens: Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von manchen „Anhängern“ wahrscheinlich nicht das „Maulen“ über eine Verurteilung bei dieser Beweislage.(125) Und, auch beim Urteil über Simpson in dem Doppelmord-Prozess gibt es Jene, die die Entscheidung der US-amerikanischen Justiz massiv anzweifeln… (> Antiamerikanismus?) Grossteils als Justizopfer gesehen wird Gustl Mollath, der, nach einem „Rosenkrieg“ mit seiner Frau, 06-13 in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt gehalten wurde – nach einem gerichtlichen Freispruch. Der Ostfranke ist wie JS ein mögliches deutsches Justizopfer.

Nach Mollath war das Thema „Schwarzgeld“ Ursache der Ehekrise und einer „Falschbelastung“ durch seine Ex-Frau und Grundlage für seine Pathologisierung; für die Unterbringung maßgeblich waren die angebliche Körperverletzung seiner Frau und angeblich durchstochenen Autoreifen. Frau Mollath hat die angeblichen Gewalttaten erst mehr als ein Jahr später angezeigt, das ärztliche Attest war fragwürdig, ebenso das Gutachten über ihn,… Die Justiz und die Politik (CSU, Landes-Justizministerin Merk) mauerten lange; und Merkel und Seehofer meldeten sich ’14 nach der Verurteilung des Unternehmers und Fussball „Uli“ Hoeness mit Anerkennung und Mitleid zu Wort, was sie etwa bei Mollath (der ’14 freigesprochen wurde) nicht getan haben. Es waren Medienberichte (nicht zuletzt in der „Süddeutschen Zeitung“)(129) die die deutsche Öffentlichkeit bezüglich Mollath „aufbrachten“. Es gibt 2 Journalisten, die bzgl Mollaths Unschuld gegen den Strom schwammen/schwimmen, Beate Lakotta („Spiegel“) und Otto Lapp von einer bayerischen Regionalzeitung. Wobei es hier 2014 von ihnen diese Stellungnahme gab: „Gustl Mollath war, gemessen an den Taten, die man ihm zur Last legte, zu lange in der Psychiatrie untergebracht. Ohne die Medien säße er womöglich noch immer da. Es gibt eine neue Debatte über Anlass und Dauer von Unterbringungen. Insofern haben die Kollegen mit ihrer Berichterstattung etwas Gutes erreicht, In dem Verfahren wurden Fehler gemacht, auch schwere.“(130)

Lakotta und Lapp werfen aber anderen Journalisten vor, keinen Nachweis zB für die Schwarzgeld-Beschuldigungen von Mollath bzgl seiner Ex-Frau (HypoVereinsbank > Unicredit) zu bringen, bringen aber auch keinen für die Beschuldigungen gegen Mollath (Aggressionen gegen die Frau und Andere), verweisen hier auf Indizien. Beide stellten sich auf die Seite der Ex-Frau (die 2017 starb), Lakotta angeblich aus feministischer Solidarität; Lapp stand mit Petra Mollath/Maske/Müller in Verbindung, wurde ihr Sprachrohr. Ihre angeblichen Finanztransaktionen, seine angeblichen Aggressionen… Die jeweils andere Behauptung soll Schutzbehauptung sein oder aber Grund der Eskalation der Ehekrise. Mollaths „Zustand“ soll laut den Gutachten sowohl den Aggressionen als auch den Schwarzgeldbehauptungen (und anderen Theorien von ihm) zu Grunde liegen, dafür wurde er eingesperrt. Ist Mollath Opfer oder Täter, diese Frage stellt sich bei allen potentiellen Justizopfern. „Schuld“ ist in diesem Fall etwas unschärfer definiert; seine Jahre in Gefangenschaft sind klar zu „benennen“. Nach Mollath gab/gibt es ja ein System, aus Politik, Banken, Justiz,…demnach wurde er Opfer dieses Systems. Während des Verfahrens zu seinem Freispruch entzweiten sich Mollath und sein Anwalt Strate, danach warf er diesem anscheinend vor, auch Teil dieses „Systems“ zu sein… Sein Verhalten ist skurill, ist er aber auch gefährlich? Und was bedeutet das bzgl der Schwarzgeldsache und den fragwürdigen Gutachten?

Weitere mögliche Justizopfer (neben den Genannten), Leute deren Verurteilung zumindest umstritten ist: Edith J. Thompson wurde 1923 in GB in einem umstrittenen Prozess wegen Beihilfe bzw. Anstiftung zum Mord an ihrem Mann Percy verurteilt und (im Holloway Prison) hingerichtet. Ihr Henker John Ellis (der selbe der auch Roger Casement hinrichtete) verkraftete die Hinrichtung der jungen Frau schlecht und legte sein Amt ein Jahr später nieder, brachte sich um. Das Todesurteil in Grossbritannien gegen Derek Bentley, einige Jahrzehnte später, trug zur Abschaffung der Todesstrafe dort bei. „Tookie“ Williams‘ (Mitgründer der „Crips“-Gang, LA, 70er) Hinrichtung 2005 in Kalifornien wurde ein Politikum, und nachdem der Gouverneur dieses Bundesstaats (der ihn nicht begnadigte), Arnold Schwarzenegger, aus Österreich stammte, auch dort ein wenig.(131) Das Stadion in Graz wurde umbenannt, Bundeskanzler Schüssel verteidigte „Arnie“, aber nicht die Todesstrafe. Der Grazer Bürgermeister Nagl tat sich mit einer Verurteilung der Todesstrafe bei seiner Schwarzenegger-Verteidigung schon schwerer… Das ist in Westeuropa auch für Neo-Konservative noch ein Tabu, aber Eric Zemmour etwa ist für ihre Wiedereinführung (in Frankreich), bringt passenderweise auch Apologetiken für die Sklaverei.

Joseph O’Dell ist auch einer jener, die hingerichtet wurden und evtl unschuldig waren, wie auch Ruben Cantu, Carol Chessman, Christian Ranucci, Willie Francis,… Bei der Verurteilung der „Pfunderer Buben“ in Südtirol in den 1950ern könnte wie bei Conlon Politisches mitgespielt haben. Sie bekamen, wie zB auch Vera Brühne, Haftstrafen, die sie überstanden. In der Todeszelle sitzen in der USA aufgrund fragwürdiger Urteile z Zt unter Anderen Scott Peterson und Nelson Serrano. In Österreich sitzt Werner Neymayer im Gefängnis, ihm wird die Handgranatenexplosion auf der Höhenstrasse in Wien ’04 zu Last gelegt, die Petra Müller tötete. Es könnte aber auch ein Unfall gewesen sein, nicht unbedingt ein Mord durch eine Sprengfalle.(132) Monika Weimar (die eine Beziehung mit dem US-Soldaten Kevin Pratt hatte) wurde für den Mord an ihren Töchtern Melanie und Karola verurteilt, dann freigesprochen, dann erneut verurteilt. Auch Werner Mazurek könnte unschuldig im Gefängnis sein. Jedenfalls ist er dort ein Tatleugner. Diese bekommen im Gefängnis diverse Benachteiligungen… Er wurde dafür verurteilt, ein Mädchen (Ursula Herrmann) in Bayern entführt zu haben, in einer Kiste eingesperrt, wo sie erstickte. Der Bruder des Opfers ist für eine Überprüfung des Urteils.

An der Kiste in der das Mädchen starb, wurde die selbe DNA-Spur gefunden wie am Tatort des Mordes an Charlotte Böhringer in München. Anscheinend geht das auf den Hersteller der Wattestäbchen (mit denen die Spur gesichert wurde) in Tschechien (bzw eine Fabriksarbeiterin dort) zurück… Für den Mord an Böhringer wurde ihr Neffe Benedikt Toth verurteilt. Auch er ist ein potentielles Justizopfer; auch hier gibt es die IT-Diskussionen, den unterstützenden Freundeskreis draussen, die Frage inwiefern die von den Unterstützern vorgebrachten Einwände entkräften. Der erwähnte Josef Wilfling war auch an diesem Fall beteiligt. Der US-amerikanische Militär-Offizier Timothy Hennis wurde für den Mord an einer Mutter und 2 Töchtern 1985 in North Carolina zu Tode verurteilt, dann (1989) in der Neuauflage des Prozesses freigesprochen, ging wieder zu den Streitkräften. Er ist einer jener, bei denen DNA-Technik ein Urteil umstiess – in seinem Fall wurde 06 Sperma aus der Scheide des Opfers mit Hennis’ DNA ident befunden. Da man in der USA zweimal wegen des selben Deliktes nicht angeklagt werden kann, wurde der inzwischen Pensionierte vom Heer wieder-einberufen und vor ein Militärgericht gestellt. Im 3. Prozess wurde er erneut zu Tode verurteilt.

In Deutschland kam Werner P., als „Videotheken-Mörder“ verurteilt, frei (wahrscheinlich schuldig), dann die DNA-Analyse, Neuverfahren wurde keines zugelassen, er starb vor einer möglichen Gesetzesänderung. Der britische Arzt John Bodkin-Adams starb, ohne dafür jemals verurteilt zu werden für die Serienmorde für die er noch immer verdächtigt wird. Natürlich kamen auch jede Menge Schreibtischtäter davon, von Hitler abwärts. Killen war lange schuldig frei, spät geklärt bzw geahndet wurde auch der Mord an Heike Wunderlich in der DDR – 30 Jahre später durch DNA. Solche Fälle in der USA sind die Morde an Moxley-Shakel (75-03) und die Morde von John List (ein Deutsch-Amerikaner) an seiner Familie. Tja, und Amanda Knox könnte eine von Jenen sein, die schuldig freigesprochen wurden.

Für den Mord an der Britin Meredith Kercher 2007 in Italien wurde sie zuerst (09) verurteilt, dann in einer Revision freigesprochen (11). Einen Afrikaner hat sie dabei sicher zu Unrecht beschuldigt, um sich „Luft zu verschaffen“. In der USA wurde sie überwiegend als Opfer der italienischen Justiz gesehen… Die US-Senatorin Maria Cantwell (DP!) wollte das Urteil gegen Knox zum internationalen Politikum machen. „Eine antiamerikanische Haltung könnte das Gericht beeinflusst haben. Ich werde Aussenministerin Hillary Clinton meine Zweifel mitteilen“, sagte Cantwell 09 in einer Presseaussendung. Die „Antiamerikanismus“-Unterstellungen tauchen also auch hier auf. In manchen Fällen ist Schuld aber eine eher „schwammige“ Sache. Deborah (damals 16) und Richard Jahnke (17) töteten 1982 in Wyoming ihren Vater wegen Familienterror, wurden verurteilt, sind längst wieder frei, die Sache wurde verfilmt mit Justine Bateman.

Der Pazifist und Gewerkschafter Eugene Debs wurde 1918 verhaftet und verurteilt (nach dem Spionage-Gesetz), nachdem er eine Rede zum (bzw gegen den) Eintritt der USA in den 1. WK gehalten hatte(133). Von seiner 10-Jahre-Gefängnisstrafe sass er einen Teil ab, trat von dort aus bei Präsidentenwahlen an, wurde schliesslich von Präsident Harding begnadigt. Begnadigungen durch US-amerikanische Präsidenten zeigen überhaupt ganz gut die Relativität von Schuld. Theodore Roosevelt hat u.a. Servillano Aquino begnadigt, den philippinischen Unabhängigkeitskämpfer (National-Held oder Krimineller, das kann nahe bei einander liegen). Barack Obama begnadigte in den letzten Tagen seiner Amtszeit (’17) u.a. „Whistleblower“ Chelsea Manning und den puertoricanischen Aktivisten (FALN) Oscar Lopez Rivero. Nicht begnadigt hat er den AIM-Aktivisten Leonard Peltier(135). Präsident Andrew Johnson hat Konföderierten-Präsident Jefferson Davis und andere CSA-Führer begnadigt; Davis wurde dann nochmal von Carter begnadigt. „Jimmy“ Carter hat Patricia Hearst’s Strafe umgewandelt, volle Begnadigung bekam sie durch Clinton; ausserdem hat er den Sänger Peter Yarrow „rehabilitiert“. Gewerkschafter „Jimmy“ Hoffa wurde ’71 nach 4 Jahren Gefängnis von Nixon pardoniert, William Calley (My Lai ’68) wurde 74 von diesem begnadigt. Nixon wurde 74 von seinem Nachfolger Gerald Ford begnadigt. Ford begnadigte auch Südstaaten-General Robert Lee, die Vietnam Draft dodgers(136), Ivo Toguri-D’Aquino (die japanische Amerikanerin, die im 2. WK „Kollaborateurin“ war). 

Leonard Peltier in Leavenworth

Reagan liess Watergate-Akteur Mark Felt, der zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, begnadigen. Der ältere Bush liess ein Pardon u.a. Elliott Abrams und anderen Akteuren der Iran-Contra-Affäre zukommen. In den Genuss einer Begnadigung durch „Bill“ Clinton kamen Marc Rich, sein Bruder Roger Clinton (wegen Kokain bestraft), Susan Rosenberg (Links-Aktivistin aus den 1970ern) oder Susan McDougal (Whitewater-Komplizin der Clintons). Bush II hat Lewis Libby begnadigt, den wichtigsten Mitarbeiter seines Vizepräsidenten Cheney. J. Buchanan hat Mormonen-Führer Brigham Young (der in seiner Religion als Prophet gilt) begnadigt, Coolidge Marcus Garvey (der ebenfalls in seiner Religion als Prophet gilt). Und Trump hat bislang u.a. J. Arpaio, D. D’Souza, R. Blagojevich begnadigt. Zum Erntedankfest werden auch immer Truthähne von US-Präsidenten begnadigt. In Deutschland wurden insgesamt 7 verurteilte RAF-Leute von Bundespräsidenten oder Landes-Ministerpräsidenten begnadigt, andere durch die Justiz vorzeitig freigelassen.

(1) Aber: „Wegen Liebe und Vertrauen bin ich 33 Jahre ins Gefängnis gekommen. Deshalb bin ich vorsichtig.“

(2) Deutete an, dass CDU-Nähe dabei vorteilhaft sei

(3) Den nicaraguanischen Contras wurde auch gestattet, Kokain in die bzw in der USA zu verkaufen, siehe zB hier

(4) Der Krieg Iran gegen Irak (von Saddam Hussein geführt, einem anders reaktionären Herrscher), der auch fast die gesamten 1980er lief, wurde von der USA und anderen westlichen Mächten unterstützt, gemäß des Prinzips des “let them kill themselves”

(5) Gegen Ende des direkten Engagements der Sowjetunion in Afghanistan, 1988, gründeten solche Araber um Bin Laden in Pakistan al Quaida/ al-Kaida; und Pakistan und Saudi-Arabien gingen von der Unterstützung dieser Mujahedin über zur jener der Taliban, die aus diesen 1994 hervorgingen

(6) Das von einem Iren initiiert wurde

(7) Die Charakterisierung stammt von Vanessa Grigoriadis in der „New York Times“ 2019. Inzwischen sei sie aber eine 60-Jährige, die ihren Platz zwischen Künstlerinnen suche, die „zwei Generationen jünger“ sind

(8) Hauptstadt der alten BRD und Heimatstadt der Familie; demnach wäre er eher von der BRD der 1970er geprägt worden

(9) Dessen Leben, Werk und Tod so manche Rätsel aufgeben

(10) Nunmehr Zimbabwe Iron and Steel Company

(11) 1978 war es zum Internal Settlement gekommen, zwischen dem rhodesischen Regime unter Ian Smith und einigen Schwarzen-Organisationen (UANC, ZANU-Ndonga, ZUPO), das zu einigen Umwälzungen führte: der Staatsname wurde auf „Zimbabwe-Rhodesia“ geändert, es wurde eine Konzentrationsregierung unter dem Shona Muzorewa und Smith als Minister gebildet. Die Widerstandsgruppen ZANU-PF und ZAPU unter Mugabe und Nkomo waren dabei nicht eingebunden; dies war erst mit dem Lancaster-House-Abkommen der Fall

(12) Eine recht gute Schilderung des Übergangs von Rhodesien zu Zimbabwe ist Alexandra Fullers autobiografische Erzählung „Unter afrikanischer Sonne“ (2005; das englische Original kam 2001 heraus); wenngleich aus der Perspektive eines privilegierten weissen Mädchens. Fuller lebt heute in der USA. Robert Mugabe, der 1980 Premierminister wurde und 1987 Präsident, gab erst 2017 die Macht ab, und das nicht freiwillig

(13) Als die Stadt Washington einen Bevölkerungsrückgang durch die Suburbanisierung vornehmlich weisser Bewohner erlebte, während Afroamerikaner in der Stadt blieben, kommentierte George Wallace (Gouverneur von Alabama 71-79, 83-87) dies so: „Sie bauen eine Brücke über den Potomac für die ganzen weissen Liberalen, die nach Virginia flüchten.“ Wallace wollte damit andeuten, dass viele Befürworter der Integration es vorziehen würden, von ihren schwarzen Nachbarn wegzuziehen

(14) „Scotland Yard“ ist ein Metonym für Metropolitan Police Services; das frühere HQ der Londoner Polizei hatte einen Eingang an einer Strasse dieses Namens, in der sich die Botschaft des Königreichs Schottland befunden haben dürfte

(15) Möglicherweise hat er auch mehrere Versionen erzählt, dass er mit dem Vorsatz hingefahren sei, die Haysoms zu töten, dass er das für EH tun wollte/ getan habe

(16) Der Mord an der Clutter-Familie in Kansas ’59 (Capote-Buch 66, Film 67): die Polizei kam auf die selbe Weise auf das Mordduo wie diese auf die Clutters gekommen waren: ein früherer Zellengenosse vom „Anführer“ hatte auf der Clutter-Farm gearbeitet, Hickock von dem Geld im Haus erzählt… der „Juniorpartner“ war übrigens traumatisiert aus dem Korea-Krieg zurück gekommen

(17) 1998 wurde er in Nordirland aus der Haft entlassen und widmete sich fortan Friedensprojekten. Dabei ist man an Eamon de Valera erinnert, als Sohn eines Kuba-Spaniers und einer Irin in New York geboren. De Valera war einer der wenigen Anführer des irischen Osteraufstands 1916, den die Briten nicht töteten – nicht zuletzt weil er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besass. De Valera, den man eigentlich als politischen Gefangenen sehen muss, erlebte ja wieder die Freiheit, und ein unabhängiges (wenn auch nicht geeintes) Irland, dessen Minister- und Staatspräsident er wurde

(18) Die Brüder haben bei Gericht dann sexuellen Missbrauch durch ihre Eltern behauptet (als Motiv), sie haben viele weibliche Fans draussen (besonders Lyle), haben auch geheiratet (ohne Möglichkeit…); Kommentare unter Youtube-Videos über sie sind überwiegendst „apologetisch“ bzgl der beiden   

(19) Ein Robert Schediwy hat sich einstweilen damit durchgesetzt, diese „Beziehung“ zu romantisieren bzw die Sklaverei zu verharmlosen, mit vorgeschobenen Argumenten. Die ideologischen Zusammenhänge bzw was dieser Wikipedia-Mitarbeiter noch promotet, das überrascht keineswegs 

(20) Joschka Fischer: „Amerika ist ein Land, das aus sich selbst heraus verstanden werden muss und nicht aus L. A., New York oder Washington, sondern aus Iowa, Arkansas oder Texas. Je mehr ich dieses Amerika kennen gelernt habe, desto klarer wurde mir, wie komplex es ist.“

(21) Dazwischen war K. Kinkel Aussenminister

(22) Erinnert an „Shawshank Redemption“/“Die Verurteilten“

(23) „Supermax“: super-maximum security, ein Gefängnisstandard in/aus der USA

(24) Er flüchtete aber nie und der Mord an seiner Frau ist bis heute unaufgeklärt

(25) Übrigens, die Haysom-Eltern (besonders die Mutter) waren dem Alkohol auch sehr zugetan gewesen

(26) Eine kleine Berühmtheit ist er wahrscheinlich eher in Deutschland als in Amerika

(27) Vermutlich war er hier dann darauf angewiesen, an einen der verfügbaren Computer ranzukommen und die Texte dann auf Disketten zu speichern

(28) Irgendwo schriebt er, dass er auch Artikel für Zeitungen schrieb

(29) Die Fussball-WM 78 stützte diese Diktatur (76-83), was die FIFA unter Havelange und Neuberger wahrscheinlich auch wollte; der Falklands/Malvinas-Krieg 82 stürzte sie (vereinfacht gesagt). Der Sieg des argentinischen Teams (dessen Trainer Menotti ein Dissident war) wurde durch den 6:0-Sieg gegen Peru in der Zwischenrunde ermöglicht, ein Spiel um das sich bis heute „Gerüchte ranken“. Hitlers Helfer Rudel besuchte während der WM 78 das deutsche Quartier, Udo „Jürgens“ Bockelmann sang „Buenos Dias Argentina“ und die „Bild“ stellte in Abrede dass es dort Menschenrechtsverletzungen gab. Dazu passt auch die unrühmliche Rolle der BRD-Botschaft in Chile über Jahrzehnte hinweg bezüglich der Pinochet-Diktatur und der „Colonia Dignidad“

(30) Siehe dazu auch den „Erfahrungsbericht“ von „Phil Leotardo“ („Sopranos“) über seine Zeit Gefängnis, bezüglich Sex & Essen

(31) Literaturtip: „Prison Sex: Practice and Policy“ herausgegeben von Christopher Hensley. Dieser Ratgeber richtet sich eher an Gefangene. Welche „Motivation“ der Fragesteller hier hatte, weiss man nicht. Da dies ja mindestens so privat/intim ist wie Sex, hier Einiges über das Scheissen im Gefängnis: youtu.be/BW6RIz6vDgQ   

(32) Ägyptischer Saidi-Tee ist ähnlich, auch das (russische?) Tee-Konzentrat Zavarka erinnert daran

(33) Er hat ihn gefesselt, vergewaltigt, gefoltert, wollte ihn essen

(34) Der Kindermörder Colin Hatch wurde dort vor einigen Jahren getötet, von einem Damien Fowkes (bewaffnete Raubüberfälle), der hat zuvor auch Ian Huntley (ebf. Kindermörder) attackiert. Und ein Robert Maudsley kam in’s Full Sutton weil er jemanden getötet hat der ihn missbrauchen wollte, hat dort 3 weitere Männer getötet, darunter einen „Kinderschänder“ 

(35) Elwell bekam 7-15 Jahre, Davies 2-6 für das eigtl Vergehen, 3-7 für den Angriff

(36) 2017 hat ein Kärntner Mörder einen anderen in Graz-Karlau getötet, weil dieser nicht zu seiner Tat stand. Andere Bekannte, die im Gefängnis ermordet wurden, waren James Bulger (irische Mafia in USA, 16 Jahre flüchtig gewesen), Albert de Salvo („Boston Strangler“) oder Richard Loeb

(37) Bei Gäfgen ist der neue Name längst durchgesickert (wie Manches bei Venables)

(38) Watkins ist auch bzgl Kunst & Politik & Moral relevant (siehe hier)

(39) Den er in seiner Zeit beim FC Barcelona bekommen hatte

(40) Ein solcher Vietnam-Krieg-Rückkehrer (den Söring nicht traf) war Arthur Shawcross (in Vietnam im Phoenix Programme involviert) 

(41) 2005 hat sich der britische Premierminister Anthony Blair bei den Guildford Four im Namen des Staates entschuldigt. Conlon starb 2014 in West-Belfast

(42) Heyl behauptete 2002 in einem Interview mit der SABC, dass Stander es bewusst darauf ankommen gelassen habe, getötet zu werden. Bei einer Autokontrolle soll er den kontrollierenden Beamten so lange provoziert haben, bis sein Kollege zur Waffe gegriffen habe

(43) Und, darüber sowie über Verurteilung und Selbstmord hinaus „behielt“ Unterweger weibliche Fans. Etwa Anwältin Astrid Wagner (gilt als Spezialistin für „schwierige Fälle“), Lesbe Dagmar Rehak, oder die Eine oder Andere die am Film von E. Scharang über ihn mitwirkten

(44) „Tookie“ Williams (s.u.) schrieb in seinem im Gefängnis geschriebenen Buch eine Widmung für diesen Jackson – worauf Schwarzenegger seine Ablehnung einer Begnadigung zum Teil begründete  

(45) Phil(ip) Ochs hat einen Song darüber gemacht; Ochs der sich 1976 tötete, hatte 1971 u.a. Chile besucht, wo er sich mit dem Musiker Victor Jara anfreundete. Der wurde nach dem Militärputsch unter Pinochet 1973 gefangen genommen und im Estadio Nacional in Santiago de Chile gefoltert und getötet

(46) Frauen-Serienmörder „Ted“ Bundy hat sich 1968 als Jus-Student für Nelson Rockefeller als Präsidentschafts-Kandidat der RP engagiert. Er nahm an der republikanischen Convention in diesem Jahr in Miami Beach (Dade County…wo er gut 10 Jahre später wegen seiner Morde dann vor Gericht stand) teil, wo Nixon nominiert wurde, nachdem er und Agnew das Duo Rockefeller/G. Romney (und Andere) in den Vorwahlen klar geschlagen hatten

(47) Von einem der Anführer, Frank „Big Black“ Smith, kam 2020 (mit Jared Reinmuth und Améziane) „Big Black: Stand by Attica“ heraus, ein graphischer Roman bzw Comic

(48) Sondern vier Urkunden-Fälscher, zwei „Geisteskranke“ und vermutlich den adeligen Schriftsteller Donatien de Sade (der von seiner eigenen Familie dort eingeliefert worden sein soll); manche Quellen berichten, dass dieser einige Tage zuvor in die „Irrenanstalt“ in Charenton-le-Pont verlegt wurde, da er von seiner Zelle aus einer demonstrierenden Menschenmenge zugerufen hatte: „Sie töten die Gefangenen hier drinnen!“

(49) ≠ (Jean Bernard) Léon Foucault

(50) A propos: Weitere „legendäre“ Gefängnisse sind der Tower in London (1106-1952 in Betrieb als Gefängnis), das „Bangkok Hilton“, Kilmainham Gaol in Dublin (1796-1924), die Justizvollzugsanstalt im Stuttgarter Stadtteil Stammheim oder „Sing Sing“ (Ossining, New York)

(51) Original: „Behind Bars: World’s Toughest Prisons“. Andere US-amerikanische Gefängnisdokus sind „60 days in“ oder „Hard time“

(52) http://www.youtube.com/watch?v=ACfKHjUmg_o

(53) In der DDR gab es die Todesstrafe, siehe den hier erwähnten Hagedorn

(54) Und, der damalige Burgschauspieler Herwig Seeböck wurde 1964 von der Polizei irrtümlich für einen Einbrecher gehalten, die Situation eskalierte, laut Justiz widersetzte er sich…und wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Seeböck schrieb dort „Die grosse Häfenelegie“, ein Kabarettstück das er mehr als 3 000 Mal auf der Bühne gezeigt hat; mittlerweile wird sie von seinem Sohn Jakob aufgeführt

(55) „Der Gefangene“ (2006) ist ein Sachbuch über Ronald Williamson, der aufgrund eines Justizirrtums 11 Jahre in einer Todeszelle in Oklahoma sass

(56) Seine Anwälte entschieden, dass es vernünftiger sei, eine Überstellung anzustreben als eine Wiederaufnahme

(57) Die Haysom-Familie (ihre Halbbrüder) haben anscheinend dagegen gekämpft

(58) Die mit dem Privatdetektiv Dave Watson zusammengearbeitet hatte; dieser hatte möglicherweise Buchanan „aufgespürt“

(59) Einer Quelle zufolge war der ein ehemaliger Anwalt von Elizabeth Haysom

(60) Nicht Wenige in Europa die zu Zeiten Obamas USA-kritisch waren, hatten zu Zeiten der Präsidentschaften seines Vorgängers und seines Nachfolgers eine um 180 Grad andere Haltung zu diesem Land…

(61) Mexico ist das einzige lateinamerikanische Land mit dem die USA eine Landgrenze hat; die Grenze zwischen der USA und Mexico, die so seit 1853 besteht, ist nicht nur für Trump eine zwischen Gut und Böse, Sauber und Schmutzig, zwischen Westen und Lateinamerika

(62) Karla Homolka lebt wieder dort, nicht mehr in der Karibik, ohne ihren Partner (der Bruder ihres Anwalts ist); Luka Magnotta ist im Gefängnis

(63) William Horton aus South Carolina hatte einen Vater der dort in chain gangs gewesen war. Wanderte in den Norden der USA, wurde Kleinkrimineller. 1974 erstach er bei einem Überfall mit Anderen in Massachusetts einen Tankwart; bekam dafür eine lebenslange Haftstrafe. Von einem Hafturlaub 1986 kehrte er nicht ins Gefängnis zurück, 1987 vergewaltigte er eine Frau in Maryland. Wurde gefasst, nun in Maryland eingesperrt (wo er heute noch „sitzt“). In der USA-Präsidenten-Wahl 1988 wurde Hortons Gefängnisurlaub gegen den (für die DP antretenden) Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis (Eltern aus Griechenland) verwendet. Zunächst von Albert Gore in einer Debatte zu den Vorwahlen der Demokraten; der Stratege des RP-Kandidaten, Vizepräsident George Bush (senior), „Lee“ Atwater, nahm das auf… Dukakis’ Einfluss auf die Sache war gewesen, dass er ein Gesetz in Massachusetts durch sein Veto verhindert hatte, das für vorsätzlichen Mord Verurteilte von solchen Hafturlauben ausgeschlossen hätte; 1988 ordnete er dann an, dass Mörder „ersten Grades“ nicht mehr dafür in Frage kommen. Und er unterstützte solche Hafturlaube grundsätzlich als Rehabilitation für Kriminelle. Solche Programme gab es in den 1980ern in allen 50 Bundesstaaten der USA, auch in den Bundesgefängnissen, die 81-89 der Reagan-Regierung (RP; mit Bush) unterstanden. Atwater, ein (weisser) Südstaatler, kürzte den Vornamen des Verbrechers Horton zu „Willie“ ab, so wie er es gewohnt war, mit Schwarzen umzugehen. Und im Herbst 88, als der Wahlkampf (Bush-Dukakis) in die entscheidende Phase ging, liess Atwater u.a. die „Weekend Passes“-TV-Spots bringen, um Dukakis zu attackieren. Bush erwähnte „Willie“ Horton in dieser Phase fast täglich. Es ging um maskierte Botschaften mit Rasse, (weissen) Ängsten, Kriminalität, Sexualität, „liberalem Einknicken“, wie es sie seit der “Southern Strategy” der Republikaner in den 1960ern immer wieder gab. Ein Bild von Horton mit Afro-Frisur und wildem Bart genügte… Jesse Jackson (der sich auch 88 um eine Nominierung seiner Partei für die Wahl bemüht hatte) war der Erste, der die Wahlwerbung „rassistisch“ nannte, was Dukakis’ VP-Kandidat Lloyd Bentsen dann auch tat. Dukakis sagt, der Grund für seine Niederlage in der Wahl sei gewesen, nicht auf die Untergriffe der Bush-Seite zu reagieren. Atwater hat sich bei Dukakis entschuldigt bevor er 1991 starb. Und William Horton sagte 2014 zwei Journalisten vom „Marshall Project“, er wolle sich bei Dukakis entschuldigen für seine Rolle bei dessen Wahl-Niederlage (https://www.themarshallproject.org/2015/05/13/willie-horton-revisited). Der Rassismus gegen den griechisch-stämmigen Dukakis selbst in diesem Wahlkampf war übrigens noch etwas subtiler. Die Sache ist in vieler Hinsicht sehr aktuell, Rassismus, Kriminalität, Polizeibrutalität, Lynch-Sehnsüchte, Politik damit,…

(64) Ob er in Deutschland als „vorbestraft“ gilt oder nicht, dürfte dabei nicht so entscheidend sein

(65) Bezüglich tödliche Frauen und verhängnisvolle Liebschaften könnte man hier auch wieder in die Tiefe gehen

(66) Der genannte Stroud war auch Ornithologe, aber ein autodidaktischer bzw laienwissenschaftlicher, wie auch Walter Hoesch (Namibia), Otto Finsch, Kalle Nibbenhagen (Deutschland) oder Santiago Abascal (Spanien)

(67) Dessen Aussage wurde bei Bewährungs-Anhörungen in Virginia herangezogen

(68) Die Allmystery-Diskussion etwa zum 6-fach-Mord am Hinterkaifeck-Hof 1922 ist auch beachtlich, lange, umfassend,… es gibt dazu aber auch 2 Homepages

(69) Im Brasilien II – Artikel findet sich am Ende auch Einiges über deutschösterreichische heuchlerisch-zynisch Sichtweisen auf die USA (und ihre „Gegner“). Genau so wenig, wie die USA im Inneren wirklich liberal und demokratisch war und ist, versuchte sie die Welt danach (um-) zu gestalten

(70) 1936 fand in der USA (wie in Frankreich) die letzte öffentliche Hinrichtung statt, Rainey Bethea (Afro-Amerikaner) wurde in Kentucky gehängt, vor 20 000 Zuschauern, mit einigen Pannen

(71) Das Massaker in Columbine wird gerne so kommentiert „wenn die Anderen nur Waffen gehabt hätten…“

(72) Er nahm sich ’14 im Gefängnis in Szeged das Leben

(73) Grundsätzlich haben es sie Ungarn trotz oder wegen Orban nicht geschafft, von Österreichern als „ebenbürtig“ angesehen zu werden

(74) Der seinen ersten Kampfeinsatz 1916/17 in der US-amerikanischen Intervention im Bürgerkrieg in Mexico gegen „Pancho“ Villa hatte

(75) Mit den Zwischenstationen „Operation Paukenschlag“, Pearl Harbor, El Alamein, Normandie, Remagen, Torgau

(76) Von den Zuständen im Süden der USA zeugt der Song „Strange Fruit“ aus 1939

(77) Etwa in Fort Hunt (Virginia), wo auch deutsche Wissenschafter befragt wurden, die nach dem Krieg in die USA kommen wollten, sich nun in den Dienst einer anderen Sache stellen. Viele Deutsche, die als kriegsgefangene Wehrmachts-Soldaten in die USA gekommen waren, kehrten dorthin zurück bzw wanderten bald (wieder) ein. Heather Tirado-Gilligan über ein Lager in Huntsville (Texas): „By the time they arrived at Camp Huntsville, the German POWs were thrilled. They’d already been dazzled by travelling to the prison in luxurious Pullman cars. Both the cityscapes and the rural beauty of the United States amazed them. ‚From New York to Texas, you saw the whole countryside. Cars driving. Buildings lit up….I came to wonder — how did we ever think we would beat the U.S. at this war?‘ former POW Heino Erichsen mused decades after the war ended.“ Er wanderte dann in die USA aus

(78) Mit den „Silver Shirts“ (Germany Silver Legion of America) verbündet war die 1933 (unter Deutsch-Amerikanern) entstandene nationalsozialistische Organisation Friends of New Germany (FoNG), die 1936 in German American Bund (Amerikadeutscher Bund) bzw German American Federation (Amerikadeutscher Volksbund) umbenannt wurde. Die Organisation musste mit dem Kriegseintritt der USA gegen Nazi-Deutschland 1941 aufgelöst werden. Ihr Führer Fritz Kuhn wurde inhaftiert und kam in Abschiebehaft, zunächst in Crystal City (Texas), dann auf Ellis Island in New York; 1945 wurde er abgeschoben (er starb 1951 in Bayern)

(79) Für Soldaten der Achsenmächte (Deutschland, Italien, Japan,) war Gefangenschaft bei westalliierten Mächten wahrscheinlich besser als Weiterkämpfen, sicher besser als SU-Gefangenschaft

(80) Die Genfer Gefangenen-Konvention verbietet übrigens jede ideologische Indoktrinierung, sie verbietet auch Zwangsarbeit, aber nicht die freiwillige Arbeit von Gefangenen in nicht-militärischen Sparten. Darunter fiel die Arbeit der Deutschen in der USA – diese brachte sie in Berührung mit ländlichem amerikanischen Leben; Viele hielten wie gesagt Kontakte, kehrten zurück (wanderten in USA ein, dorthin), andere brachten positive USA-Bilder nach Deutschland mit (ein)

(81) Die „Redstone“-Rakete war Nachbau der „V2“ und Vorläufer der „Pershing“

(83) „Joschka“ Fischer (siehe unten): „Für mich ist die Verwestlichung Deutschlands die positive Auflösung der ganzen Widersprüche unserer Geschichte seit der Bildung des ersten Nationalstaates 1871. Ich habe meine Freunde immer gefragt: Wollt ihr denn, dass wir mit unserem Nationalismus als Linke wieder alleine dastehen?“… Axel Springer war einer jener Deutschen, für die ausserdem Israel bei der Bewältigung der Nazi-Episode wichtig ist

(84) Fraglich ist, ob US-amerikanisch Atomwaffen & Truppen in der BRD im Kalten Krieg Schutz oder Risiko für diese waren

(85) US-amerikanische Spionage wie früher auch über den Teufelsberg in Berlin (NSA) lief/läuft über den KK hinaus

(86) Und, dazu passend, sagte Grenell ggü Breitbart News, sich zur „Stärkung konservativer Kräfte“ aktiv in Europa einmischen zu wollen, dies schliesst natürlich auch den Österreicher Sebastian Kurz mit ein

(87) In gewisser Hinsicht auch der von Brandon Huntley (Südafrika/Canada)

(88) Nach dem 2. WK kam ja auch Elvis Presley

(89) Jener Amerikaner der die Aufdeckung dieses Hacks einleitete, wenn man so will, damals Astrophysiker and der Universität in Berkeley

(90) Henry John Deutschendorf („John Denver“) kam aus einer (zT) deutschamerikanischen Familie, sang in „Take me home, Country Roads“ (1971) ja über West Virginia, u.a. über die Blue Ridge Mountains, die West Virgina gewissermaßen zu Virginia begrenzen

(91) Möglicherweise hat JS dieses gelesen, er hat den „Spiegel“ ja lange bezogen, s.o.

(92) Es gab aber „jenes Amerika das gegen diesen Krieg protestierte und ihm widerstand“

(93) Stoiber gehört zu jenen Rechtskonservativen, für die 11/9 die Gelegenheit bot, sich neu zu profilieren, er stimmte Bush zu, wonach der „Krieg gegen den Terrorismus“ (bzw. Islamismus) vergleichbar mit dem Kampf gegen Nationalsozialismus und Kommunismus sei (diese Dreifaltigkeit wurde/wird in diesen Jahren oft beschworen)

(94) SPIEGEL: Müsste die deutsche Regierung den Amerikanern nicht klarer sagen, dass sie eigentlich nur vier Prozent der Bevölkerung dieser Erde stellen und dass sich daraus kein Anspruch für eine Weltherrschaft ableiten lässt? – Ich stimme Ihnen in der Sache völlig zu. Aber das Sagen ändert an der Realität nichts. SPIEGEL: Amerika sieht sich selbst als Weltpolizist. Können Sie verstehen, dass in einer Welt, die von sechs Milliarden Menschen bewohnt wird, viele Deutsche diesem Anspruch mit Misstrauen begegnen? Fischer: Ich verstehe das, auch wenn ich es nicht teile. SPIEGEL: Warum nicht? Fischer: Sie müssen immer auch die positive Ordnungsrolle der USA sehen. Die jüngste Ankündigung zur Reduzierung der Nuklear-Arsenale der USA und Russlands bringen ein Mehr an Sicherheit. Aber ich begreife mich als Bote für Botschaften, selbst wenn sie unbequem sind. Das sollte man im Wahljahr nicht tun, doch als Außenminister fühle ich mich verpflichtet.

(95) Merkel, die aus der DDR Erfahrung mit Überwachung (durch die Stasi) hat, wurde ja „Opfer“ der Überwachung durch die NSA (die ihr Handy hackte), ausgerechnet sie, die der USA gar nichts abschlagen kann

(96) Die meisten Neonazis dürfte es nun in der USA geben… Frederick Leuchter, Deutsch-Amerikaner, ist in dieser Szene aktiv. Er leugnet die Massentötungen des Holokausts, ob er ein Experte/Hersteller von Tötungsanlagen (Hinrichtungsapparaturen) für die Anwendung der Todesstrafe in der USA (staatliche Hinrichtungen) ist, darüber gehen die Angaben auseinander. Der „Antisemitismus-Experte“ Samuel Salzborn stellt das jedenfalls in Abrede…und das reicht dann, um es im de.wikipedia-Artikel als Fakt zu bringen

(97) Etwas dass andere „Westisten“ weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um „gemeinsame Werte“, et cetera

(98) > Rathkolb vom Zeitgeschichte-Institut der Universität Wien, Heidegger von orf.at,…

(99) Anstatt das Lied vom Westen zu singen der im Gegensatz zum Faschismus stünde und überhaupt zu Totalitarismus und allem Schlechten

(100) Fischer in dem „Spiegel“-Interview: „…Markovits hat in einem Beitrag für ‚Foreign Affairs‘ – wo er das an meiner Person aufschlüsselt – eine Analyse publiziert, die ich teile. Die radikale Linke setzte sich damals in Deutschland aus vier Grundströmungen zusammen, die sich dann später ausdifferenziert haben: Es gab den antiimperialistischen Teil. Dann gab es die traditionell linke Amerika-Kritik der Realsozialisten, etwa im Sowjetblock und bei ihren deutschen Ablegern, der SED oder der DKP. Protestantische Kreise und Teile der Friedensbewegung pflegten ihre Abneigung aus einer national-linken Perspektive – und es gab schließlich die westlichen Marxisten, denen wir Spontis nahe standen.“ Das Fischer mit dem so umgeht bzw dass er für diesen Markovits anscheinend kein „Böser“ ist, bestätigt zuvor hier Geschriebenes

(101) > http://www.zag-berlin.de/antirassismus/archiv/72usa.html

(102) Schurz war zwar ein Sklaverei-Gegner, aber er konnte, aufgrund seiner Rasse, eine politische und militärische Karriere machen, im Gegensatz zu Vielen, die schon seit Generationen dort waren

(103) Faselt von einer “altdeutschen querfront” zur Unterstützung von „Indianern“, um abzulenken, wo er steht…; der Artikel über Aquash wurde reine Hetze gegen das AIM und Anliegen der Indianer in der USA

(104) Im Kässmann-Artikel kämpfte die Politsocke mit „jesusfreund“/“kopilot“, der eigentlich aus der selben Ecke kommt, wurde für sein aggressives Verhalten dort gesperrt

(105) polentario/radh: „Viele internationale Menschenrechtler und Pariser Bürgermeister setzen sich auch pausenlos für Leute wie Abu-Jamal ein, viele dieser Leute in diesen Gruppen sind mMn schlicht von Anti-Amerikanischen Resentiments getrieben (leider gilt das teilweise selbst für Amnesty, die Menschenrechtsverletzungen in den USA seit langem für bemerkenswerter hält als die in Nordkorea).“

(106) Die dort den Betroffenen der „Crow-Gesetze“ helfen wollten. Bekannt wurde die Sache durch Alan Parkers Spielfilm „Mississippi Burning“ (1988)

(107) Die anscheinend erst 1970 angetreten werden mussten

(108) Im Zuge dessen wurden auch andere getötete Afro-Amerikaner ausgegraben

(109) Siehe da oder dort; im Rainey-Artikel heisst es auch: „Despite his acquittal, Rainey was stigmatized by his role in the events.“

(110) Haider oder Strache sende(te)n ja auch solche „verschlüsselten“ Botschaften

(111) Steven Avery wurde unschuldig für eine Vergewaltigung verurteilt, freigelassen, dann für einen Mord verurteilt, was wieder umstritten ist (> „Making A Murderer“). Avery hat Entschädigungs-Geld bekommen für seine erste Verurteilung und damit Anwälte im Mordprozess bezahlt. Wenn er unschuldig ist, dann wurde er gigantisch reingelegt vom Staat (er sagt, von den Behörden des County’s)

(112) Hat dieser Müller-U. ein Buch geschrieben, ist dieser „polentario“ auf der wikipedia unterwegs (gewesen), um gegen Killens Unschuld anzuschreiben, oder um bei Avery die US-Justiz in Schutz zu nehmen? Natürlich nicht

(113) Lou Lorenz-Dittlbacher (ORF) führte kürzlich ein Interview mit Österreichs Aussenminister Alexander Schallenberg, hauptsächlich zu Polizeigewalt und Rassismus in der USA und den aktuellen Protesten dagegen. Man muss sagen, dass die Interviewerin einen gehörigen Anteil hatte, dass das Gespräch so lief, aber nicht nur sie, auch Schallenberg brachte einige Ebenen durcheinander. Er oder sein Boss Kurz sind tatsächlich die Falschen, einer Regierung bzgl Rassismus und Polizeigewalt etwas zu sagen, da fehlt es an einer entsprechenden Grundeinstellung und einem Willen zur kritischen Analyse. Wie er dann die USA anpreist, „Weltmacht Nummer eins“, „wichtigster Partner der westlichen Lebensgemeinschaft“, indirekt als Verteidiger „unseres Lebensmodells“ (das „laufend unterminiert“ werde), zeigt das auch nochmal klar. Beim Rassismus geht es ja nicht zuletzt darum, wer aus einer „Lebensgemeinschaft“ herausdefiniert wird – wie Afro-Amerikaner in der USA immer wieder. Seine Durchlaucht weiter: Gerade die Demonstrationen seien „Zeichen einer lebendigen Zivilgesellschaft“ und man könne darauf vertrauen, dass die amerikanischen Behörden das Richtige tun; „Das sind Partner, die dieselben Werte teilen wie wir.“ Hier bringt er Opfer und Täter gewaltig durcheinander, jene die gegen rassistische Polizeigewalt demonstrieren, diese Polizeibehörden selbst und die Regierung unter Trump, der mit Militär und Nationalgarde gegen die Demonstranten droht, diese und die Medien (die nicht wie Fox berichten) attackiert. Dass Kurz und Trump die selben Werte teilen, das könnte der Fall sein. Und bei Schallenberg passt dieses Interview in seine Aussenpolitik, wie er sie etwa ggü Venezuela (Guaido) oder Israel/Palästina betreibt. Als kürzlich die EU-Länder (initiiert vom EU-Aussenbeauftragen Josep Borrell) einen Aufruf an Israel zum Abrücken von Annexionsplänen im Westjordanland richteten, legten sich Österreich (Kurz) und Ungarn (Orban) quer. Schallenberg sagte, dass Österreich eine „Vorverurteilung“ Israels ablehne – Netanyahu hat sich für eine Annexion von einem Teil der besetzten Gebiete ausgesprochen, und der Aufruf war eine Reaktion genau darauf (also keine Vorverurteilung). Faselte weiter von „Dialog“ mit der neuen israelischen Regierung (seit 11 Jahren unter Netanyahu) und dass die bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und Israel besser als je zuvor seien – damit hat er sogar recht. Übrigens, auf Zusammenhänge zwischen USA und Israel/Palästina wird in dieser Latuff-Karikatur hingewiesen

(114) Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die „Kronen-Zeitung“. Da waren auch Manche im Zwiespalt. Beim Fall Marco ist man natürlich an die islamophoben Thematisierungen von „islamischer Sexualität“ erinnert

(115) 1992/93 die Morde und Überfälle an/auf Touristen in Florida, nicht zuletzt an deutschen

(116) Beide (lebten und) starben passenderweise in Bayern

(117) Nach seiner Zeit in einem Militärgefängnis in Kansas versuchte er, sich wieder in Berlin niederzulassen, was ihm die deutschen Behörden schwermachten. Carney gab als Motivation unter Anderem Demütigungen von Kameraden für seine Homosexualität an

(119) Rivera wurde von einem Militärgericht zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt, wo sie ein weiteres Kind bekam

(120) Als die DDR von einer Koalitionsregierung unter Ausschluss der ehemaligen SED regiert wurde

(121) Und von wo aus er seine Rücktrittserklärung an das peruanische Parlament faxte

(122) A propos: In Südafrika hat, in Post-Apartheid-Zeiten, auch der deutsche Steuerflüchtling Jürgen Harksen Zuflucht gesucht; er wurde ausgeliefert an die BRD

(123) Es wurde nach dem Mord auch der südafrikanische African National Congress verdächtigt

(124) Andere bekannte frühere Gefängnisinseln sind Alcatraz (USA) und die Ile du Diable (Französisch-Guyana), auch diese sind das lange nicht mehr, ziehen Besucher an, die freiwillig kommen

(125) In Simpsons Verteidigerteam war auch ein Francis L. Bailey, der beim Wiederaufnahme-Prozess von Samuel Sheppard dessen Verteidiger gewesen war

(126) Bei manchen Justizirrtümern wurde dann jemand Anderer verurteilt, bei anderen nicht – die sind also ungeklärte Morde, so wie auch die Jack-the-Ripper-Morde 1888 in London oder die Zodiac-Morde in Kalifornien fast 100 Jahre später; wenn Söring unschuldig ist, ist natürlich auch der Mord an Derek und Nancy Haysom un(auf)geklärt, wobei es hier nur eine mögliche andere Täterin gibt – es war entweder er oder sie, davon kann man ausgehen

(127) Sohn eines US-amerikanischen Soldaten, bei der Bundeswehr gewesen, in Fassbender-Filmen gespielt,…

(128) Ach ja, ein Jesus/Yehoshua/Issa ist (den Überlieferungen zufolge) auch in einem System zu Tode verurteilt worden (durch Kreuzigung); die meisten anderen Propheten wurden zumindest zeitweise verfolgt

(129) Von Uwe Ritzer und Olaf Przbylla

(130) Über Lakota und Lapp auch hier und hier

(131) Auf CNN wurde damals Helen Prejean interviewt

(132) Und welche Rolle spielte die „Stapo“?

(133) Aufpassen, Herr Fischer… Der hat im besagten Interview auch gesagt, in seiner doch „blauäugigen“ Haltung zur USA: „Ich sehe es als eine der größten historischen Leistungen der USA an, 1945 in Europa geblieben zu sein. Hätten sie dies nach 1918 bereits getan – ich meine das nicht kritisierend, sondern lediglich in der Rückschau – Adolf Hitler hätte nie eine Chance gehabt.“ – Nun, vielleicht hätte der keine Chance gehabt, wenn sich Leute wie Debs global durchgesetzt hätten, anstatt Kadavergehorsam

(134) Manson starb im Gefängnis eines natürlichen Todes, wie auch S. Milosevic, O. Abdelrahman, J. Gotti, J. Ray, K. Barbie, J. Ruby, G. Princip,…

(135) Zur Freude einiger Deutscher

(136) Jene die einer Einberufung in den Vietnam-Krieg „ausgewichen“ waren

(137) „Unabomber“ Theodore Kaczynski (dem man durch seinen Bruder auf die Spur kam) sitzt seine Strafe im ADX/Hochsicherheits/Supermax-Bundesgefängnis in Florence, Colorado ab, das als sicherstes ziviles Gefängnis der USA gilt. Auch „Ausbrecherkönig“ McNair oder der islamistische Terrorist Moussawi sitzen dort, auch „Terry“ Nichols (Oklahoma-Bomber), Robert Hanson (FBI > SU/Rus), Ramzi Yousef (Egy, WTC 93), Michael Swango (Serienmörder, Arzt), Dsochar Tsarnaev (tschetschenischer Islamist, Anschlag Boston 13), „Larry“ Hoover (schwarzer Gangführer), Mamdouh Salim (al Qaida), Richard Reid (zum Islam konvertierter islamistischer Terrorist), Dwight York (Sektenführer, Schwarzen-Suprematist, Pädophiler, Künstler, Black Muslim,…), Eric Rudolph (96 Atlanta Anschlag), nicht mehr J Guzman. Kaczynski schreibt dort und korrespondiert mit etwa 400 Personen – antwortet aber nicht auf die Briefe seines Bruders, der sich entscheiden musste, das Blut seines Bruders an den Händen zu haben (er rechnete damit dass er die Todesstrafe bekam) oder das Unschuldiger. 2010 erschien mit „Technological Slavery: The Collected Writings of Theodore J. Kaczynski, a.k.a. ‚The Unabomber’“ eine Anthologie vorher unpublizierter Essays mit Bezug zu Kaczynskis Technologiekritik, 2016 erschien „Anti-Tech Revolution: Why and How“

(138) Wobei es hier auch Scheinheiligkeit gibt. Der genannte Ted Bundy gab Stunden vor seiner Hinrichtung dem erzkonservativen evangelikalen TV-Prediger James Dobson noch ein Interview. Da erzählte er, was für wunderbare Christen er und seine Familie waren, bis er in Kontakt mit Pornoheften kam und zum Killer wurde. Vielleicht glaubte er wirklich, wenn er jetzt einem Evangelikalen-Führer bzgl Pornografie „Honig ums Maul schmiert“, würde man ihn leben lassen. Er hat auch seine Exekution immer wieder hinaus zu schieben versucht, in dem er neue Morde gestand oder erfand. Es heisst, das Serienmörder gerne das spielen: Wenn ihr mich leben lässt, gebe ich vielleicht noch weitere Morde zu. Bundys Mimik bei dem Gespräch legt nahe, dass er es selbst albern fand was er sagte, bzw er den Pfarrer als „naiv“ empfindet. Charles Manson verurteilte übrigens Bundy bzw dessen Apologetik über Pornos. Wie gesagt, der Frauen-Serienmörder hatte viele weibliche Fans

(139) Die prominentesten dürften zur Zeit, nach den Freilassungen von Söring oder Simpson, dem Ableben von Manson, Bingham oder Epstein sein: Peltier, Sirhan, Kaczynski, Cosby, Chapman (Lennon-Mörder), H Weinstein, Van Houten (Manson Family), R Kelly, Nassar, Bracamontes, Holtzclaw, Arias, „El Chapo“ Guzman (in Florence, wie Kaczynski; dort sitzt auch der wegen Spionage verurteilte Robert Hanssen), S Avery, C Watts, D Berkowitz, J Hinckley, J Barber, Z Moussaoui, Duckett, 

(140) T. Pynchons „Mason & Dixon“, 1997 erschienen, ist an der Sprache des 18. Jahrhunderts orientiert und erzählt die Geschichte der Zusammenarbeit von Charles Mason und Jeremiah Dixon, die von 1763 bis 1769 gemeinsam die Mason-Dixon-Linie vermaßen, die traditionell die Grenze zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten darstellt. Mason und Dixon verfolgen diese Linie immer weiter nach Westen, und die Landschaft erscheint dabei zunehmend unwirklicher. Pynchon thematisiert zudem verschiedene, wissenschaftlich nicht anerkannte Lehren, wie etwa die Hohlwelttheorie oder auch Feng Shui und entspinnt dabei eine Verschwörungstheorie, in der Jesuiten und Chinesen eine wichtige Rolle spielen

Gert Raeithel: „Go West“. Ein psychohistorischer Versuch über die Amerikaner (1981)

Carl Sifakis: The Encyclopedia of American Prisons (2003)

Anke Ortlepp, Larry A. Greene: Germans and African Americans. Two centuries of exchange (2010)

Bahman Ahmadi-Amouee: Life in Prison (2020). Der Autor ist seit 09 im Iran aus politischen Gründen im Gefängnis

Die Erfindung der Schuld

How the hard-man mask can affect a prisoner’s sense of self

Prisoninsight

Why a prison fascinates us

https://www.prison-insider.com/

https://prisontalk.quora.com/How-do-lifers-cope-with-the-fact-that-they-will-never-be-outside-the-prison-walls-ever-again

https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/818864?originalFilename=true

Gefangene in der USA finden & kontaktieren (139)

Nachtrag: Der Artikel erschien also im Juni ’20 auf tiara.at. Aus diversen Gründen ist der Blog bald danach hierher (zurück) umgezogen, nach und nach. Dieser Artikel wurde anlässlich der Übertragung leicht überarbeitet. Es gab damals einige Reaktionen/Kommentare. Der genannte Hammel störte sich daran, dass seine Expertise in Frage gestellt wurde, listete seine juristischen Qualifikationen auf, blieb aber sachlich. Es meldete sich dann ein anderer hier Genannter mehrmals mit verschiedenen Namen, Email-Adressen,…, wetterte, versuchte Hammel „Feuerschutz“ zu geben, verdächtigte Tiara selbst Söring zu sein, versuchte sich dann über den „Ösi-Blog“ zu mokieren, und dass Allmystery hier als Quelle (zur Beurteilung des Söring-Falls) herangezogen worden sei. Nur soviel dazu: der Abstecher zu diesem Diskussionsforum hatte natürlich den Zweck, den Diskurs über Söring in Deutschland (bzw im deutschsprachigen Raum) etwas abzubilden – und gewisse Reaktionen („von dort“) sag(t)en ja sehr viel über diesen Diskurs aus. Und, der Artikel erhebt nicht den Anspruch, eine Alternative zur getanenen polizeilichen und juristischen Arbeit darzustellen, auch nicht eine Ergänzung, eher ein Kommentar dazu, mit vielen (grossteils zeit-) historischen „Abschweifungen“. Einige andere Kommentare die damals kamen:

Mary K.:
Was Herr Hammel immer wieder vergisst. Es interessiert nicht, was er mal tolles war oder was er archiviert (Anm.: dieser mysteriöse Terry Wright Bericht hat schon 450 Seiten – es braucht also nicht mehr viele bis zur “1000+1”). Es interessiert nur, wie der Ermittlungsstand am 05.06.1986 war – an dem Tag an dem Söring in einem Interviewraum langatmig in ein Mikrofon flüsterte und Dinge erzählte, die Monate später von ihm anders erzählt werden sollten, keinen Sinn ergaben oder dem Tatort widersprachen. Herr Hammel hat das singuläre Ziel argumentativ Lügen aus Sörings Unschuldsbehauptungen “herauszuarbeiten”. Das äußerst umfangreich, sich wiederholend und immer nach derselben Variante”. Elizabeth war in DC und Jens ist ein rechtskräftig verurteilter Doppelmörder”
Das macht die Sache denkbar monoton. Von jemandem, der praktizierender Strafverteidiger in den USA war, hätte ich mir mehr Feinsinn fürs Grobe gewünscht.
Aber er kam nach eigenen Aussagen über den Ansatz “Juristische Verschwörungstheorien widerlegen” an den Fall Söring.
Dazu passte dann eigentlich gar nicht, dass er dem Stalker, Mithäftling und angeblichem Geständnismitwisser Schroeder
argumentativ voll aufgesessen ist. Alleine an dieser Person hängt schon eine ganze Verschwörungstheorie von allmystery aufmischen bis zur Einflussnahme für eine Paroleboardentscheidung durch blinde Hetze, bis hin zu Verbindungen zu dem Blogschreiber. Ein krimineller Hochstapler, der es eben nicht geschafft hat, das Paroleboard zu beeinflussen, um Söring im Knast sterben zu wissen.
Es wurde viel an dem Film “The Promise” herumkritisiert. Doch dieser Film zeigt eindeutig, welche Antworten die Ermittler nicht geben wollten, können und wo sie weg geschaut haben (confirmation biased).
Das Guilty Plea von Elizabeth Haysom deckt direkt 2 Dinge ab, die ihr eine Art himmlischen Welpenschutz bescheren. Sie hat ein Urteil zu der von ihr zugegeben Schuld “Anstifterin”. Und sie ist reuig (egal was ihre Verwandten zum Zeitpunkt 1987 auch immer von ihr hielten oder aussagten). Und natürlich findet ihre Fassung auch Anhänger.
Fakt ist: Sie schweigt.
Und somit bleibt der Fall lagerspaltend, aber nie 100% zu lösen. In diesem gegensätzlichen Fall, wo 2 ehemals Liebende ihre dreckige Wäsche auch noch über Prozesse bzw. Jahrzehnte im Knast zu waschen scheinen. Dabei geht es aber nicht um 1,5 schlechte Jahre Beziehung, sondern die Beschneidung von über 30 Jahre Leben in Freiheit.
Der Argumentation…”die richtigen sassen” kann man durchaus folgen. Dann muss man halt ungeklärte forensische Spuren und Widersprüche komplett ausblenden und dem Dreiklang “Mitgehangen mitgeflohen mitgestanden” folgen und Updikes “Sockenabdrucksexperten” glauben. Beiden Fassungen nachzueifern erscheint jedenfalls unmöglich.
Eine mögliche Version, in der beide am Tatort gewesen sein könnten, scheint auch für Herrn Hammel unmöglich zu sein.

Vielleicht gibt es ja auch Interessen in diesem Brei von dem anonymen Blogschreiber, “Terry Wright”, A.Hammel und denkbar vielen Amerikanern, die die Paroleboard-Entscheidung gar nicht gut fanden.
So ist das mit dem Jens-Söring-Komplex. Immer dicht geparkt an einer “Verschwörung”.

Toller Beitrag Tiara. Eine erste Meta-Betrachtung des Falls, die im allmystery Forum unter Vorwänden wie “User-Bezug” oder “offtopic” oder Metadiskussion von andersdenkenden Moderatoren einfach weggelöscht wird.

Grüzi aus der Schweiz
Celina

Funny Smile:
Was immer vergessen ist, dass Herr Söring sich das alles selber eingebrockt hat. Er hat das bekommen war er wollte, für seine Freundin ins Gefängnis zu gehen um sie zu retten. Was ihm zwar überhaupt nicht geglückt ist, denn von Rettung keine Spur, aber auch solche Feinheiten werden gerne und geflissentlich übergangen.
Es wird sich daran festgehalten, dass sein Geständnis nicht stimmig ist? Das tun sie nie bei Leuten die die Unwahrheit erzählen. Das ist nicht verwunderlich und tägliches Geschäft eines Ermittlers. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Beruf in dem einen die Hucke so vollgelogen wird wie da.

Mary K.:
Was er wollte hatte er ja schriftlich seiner Angebeteten mitgeteilt. Er wollte nach 5-10 Jahren wieder mit ihr in Freiheit zusammen sein nachdem sie nur Bewährung (in seiner Vorstellung) bekommen sollte.
Wo will man bei “Rettung” also ansetzen? Fakt ist, Frau Haysom wurde nicht hingerichtet. Die Grundlage dazu war allerdings ein Söring, der ab dem 05.06. seine Freundin in DC platzierte und den Ermittlern eine etwaige andere Variante durch Haysom selber ausredete. Diese kam übrigens ausredete. Vielleicht haben auch deshalb die Ermittler das “I did it myself, I got off on it” als kaprizierend abgetan. Oder weil ihnen in Verhörräumen neben Lügen auch ständig Witze erzählt werden. Anm: Jedenfalls belegt der Audionitschnitt unzweideutig, dass er dies wirklich befürchtete, das man Haysom zu einem Geständnis (seiner Wahrheit) bringen würde.
Darauf aufbauend war für Haysom also nicht Extradition und – In love with Söring goes on -, sondern ein Deal mit Updike und der Möglichkeit ´95 freizukommen. In dem selben kurzen Zeitraum (vgl. Jugendstrafe Söring in DE) steckt schon ein wenig Ironie, war dieser Deal an eine Kronzeugenaussage gekoppelt, in der es noch um die Todesstrafe für den Exlorer ging. Verkehrte Welt im Bonnie&Clyde Epos oder dem Charles Dickens-Retter- Drama. Obwohl sie hatte sich ja getrennt.
Ob Söring das so wollte?
Aber auch für einen Tatverlauf mit beiden am Tatort, hätte er ihr zuliebe gelogen!
Die aktuelle Hammel´sche Argumentationsweise gegen eine Art “von Rettung durch Schuldübernahme” setzt neuerdings übrigens nicht mehr beim Sachverhalt “im Geständnis doch zur Mittäterin machen” ein, obwohl jede Seite dies ganz klar für oder gegen Söring interpretieren mag/kann, sondern in dem Punkt, dass AH eine Aussage Sörings in einem Pretrail Hearing tätigt, bei der er gestanden hatte, weil man Haysom ansonsten etwas angetan hätte. Und Zack ist der Widerspruch aufgebaut. Unschuldsbehauptung=Lüge, Söring = schuldig.
Mit Feinsinn für´s Grobe verlange ich aber von einem Strafverteidiger, dass er einzuordnen versteht, dass Verteidiger Neaton, alles daran gesetzt hatte, das Londoner Geständnis aus verschiedenen Gründen nicht als Beweismittel im Prozess anzuführen. Drohung war dabei nur ein Punkt. Neaton wusste um die Gefahr und die Schwierigkeit vor einer Jury, ein abgelegtes Geständnis auszuräumen. Und auch hier. “Beschützerinstinkt” Söring. Ist der blos gespielt? Inspector Beever hatte da schon seine psychologischen Tricks Druck aufzubauen (like to pull a rabbit out of the hat, and I close the wicker an walk away while whisteling..). Im Pretrailhearing schon die Variante herauszulassen, die im eigentlichen Prozess erfolgte, wäre doch von der Verteidigung reichlich dumm gewesen.

Um es kurz zu machen. Der Fall ist sehr umfangreich. Aber nicht nur umfangreich an gedruckten Seiten, sondern Situationen menschlich, wie faktisch aber auch emotional.
Es scheint aber wesentlich einfacher zu sein, undifferenziert in Söring einen pathologischen Lügner zu suchen (Diagnose von Haysom) anstelle ihm Entscheidungen und Handlungen nachzusehen.

monstra:

Wer denkt, Sinn, Zweck und Erfolg von Strafe bemisst sich nach der Rückfallquote, der springt zu kurz. Nur am Rande: Ob “einschlägig rückfällig” oder nicht ist genauso beachtenswert wie die “Dauer der straffreien Zeiträume?”
Entscheidender ist die Wirkung von Strafe auf die Gesellschaft: Wie entwickelt sich die Kriminalität? Und wie viel Mühe setzt man in die Resozialisierung und ein straffreies Leben? Frage Menschen, die in den Gefängnissen arbeiten und sie werden Dir berichten, wie viel Mangel herrscht, wenn es um Prävention und Resozialisierung geht. Stattdessen werden die Leute weggesperrt – und wieder straffällig, sobald sie draußen sind.

Wenn Du “angemessene” Strafen in den USA wünscht, kurz darauf aber die hohen Gefangenenzahlen und das Justizsystem in den USA im Allgemeinen kritisierst, dann ist das nicht gerade konsistent. Die einhellige Meinung der europäischen Kriminologie ist sowieso: Das nutzt nichts. Strafen über 10 bis 12 Jahren hinaus haben keinen abschreckenden Effekt auf potentielle Täter. Bleibt die Sicherung: Das ist eigentlich nicht Zweck der Strafe. Sondern dafür gibt es die Maßregeln der Besserung und Sicherung.
Zuletzt: Eine offene und freiheitliche Gesellschaft muss immer mit Kriminalität leben. Das Ziel muss sein, so wenig wie möglich an Kriminalität zu haben, ohne die Offenheit und Freiheitlichkeit dafür zu opfern. Rückfälle müssen in Kauf genommen werden, um erfolgreich zu sein. Das ist beim Alkoholiker nach dem Entzug nicht anders als beim Straftäter. Insgesamt gelingt der Ausgleich. Für die Opfer von Kriminalität mag das zynisch klingen, aber diesen Spagat muss man in der Kriminalpolitik aushalten.

Dezember 21: J. Söring hat ein neues Buch herausgebracht, über sein erstes Jahr nach Wiedergewinnung seiner Freiheit. Anlässlich dessen wurde er im Herbst in diverse TV- und Radiosendungen eingeladen, wie „Stern TV“ und „SWR 1 Leute“. Er wirkte gelöst und heiter, erzählte Schwänke aus seiner Zeit in 7 Gefängnissen, die man zT schon gehört/gelesen hatte, seine Mithäftlinge seien „grösstenteils wirklich gefährliche Menschen“ gewesen (redete nicht mehr über ungerechte Justiz in der USA,…), habe dort wenige Freunde gehabt, er hatte dort Motivation zu kämpfen, schrieb Briefe, Eingaben, Bücher, hatte Beziehungen zur Aussenwelt. Habe über Umgang mit Krisen gelernt. Zweifel an seiner Unschuld, die es ja auch in Deutschland gibt, setzen ihm anscheinend nicht so zu; das falsche Geständnis war Grund für Alles, so Söring. Er darf in Deutschland nicht offen seine Sicht bzw seine Version des Mordes an dem Ehepaar in der USA bringen (dass es „Liz“ war), denn: diese hat einen deutschen Anwalt dafür engagiert!! EH lebt in Canada unter neuem Namen (wie K. Homolka). Der Gouverneur von Virginia kann eine Unschuldserklärung erlassen, dann hätte er Anspruch auf Haftentschädigung, erfuhr man. Den hier erwähnten Film „Shawshank redemption“ hat er inzwischen gesehen, darin geht’s ja auch um Einen der in bzw mit der Freiheit nicht zurecht kommt. Söring redete auch über seine Lebensplanung, er hat eine Redner-Ausbildung gemacht, ist bei einer Agentur, lebt von Einkünften auf Büchern, Reden, Interviews, hat in Hamburg inzwischen eine eigene Wohnung. Er steht also zu seiner Vergangenheit, will nicht von etwas komplett Anderem leben

22 Interview mit Söring bei „Leeroy will’s wissen“ (Youtube-Reihe, mit „Leeroy Matata“/ Marcel Gerber, Deutsch-Kameruner, ehemaliger Rollstuhl-Basketballer), das Gespräch brachte nichts Neues für Leute die die Sache verfolgen (ausser vielleicht dass JS EH nicht treffen will und kann); doch der Kommentarbereich war voll mit Hinweisen auf einen Podcast zum Fall Söring und (damit verbunden) „Zweifel“ an dessen Unschuld (vorsichtig ausgedrückt). Der Podcast: „Das System Söring“, mehrere Folgen, von Alice Brauner (Tochter von Artur „Atze“ Brauner), es wirkte auch (surprise) Hammel mit, und Wright (s.o.). Es kommt eine „Insiderin“ aus dem Söring-Freundeskreis zu Wort, die aufdeckt, wie dort manipuliert wird… Nochmal: Ob Söring schuldig an dem Haysom-Doppelmord ist, weiss Tiara nicht. Man kann seine Aussagen hinterfragen, aber auch diesen Podcast, Leute wie Hammel und solche die sich verhalten, als ob sie in der Sache einen „Hund im Kampf haben“. Zu der Podcast-Reihe finden sich nur unkritische Kritiken, wie bei Deutschlandfunk. Die Kommentatoren auf Youtube weisen auch immer wieder auf den de.wiki-Artikel über Söring hin, was bedeutet, dass er jetzt nach ihrem Geschmack „gebügelt“ ist (kann man im Teamwork selber machen)

Oktober 23: Alice Brauner hat nach dem Podcast auch noch, mit der vom Papa geerbten Filmfirma CCC, eine Serie für’s Fernsehen gemacht (ab heute auf NDR/ARD, im Rahmen der „Crime Time“), wohl mit der selben Schlagseite. Die anderen Gestalter (Ben Wozny, Elena Kuch, Katharina Rahn,…) wird man wahrscheinlich auch beim Podcast finden. Titel: „Mord. Macht. Medien. Der Fall Jens Söring“. Im Mittelpunkt stehen soll die Rolle der Medien, auf Seiten Sörings und gegen ihn

Anscheinend kommen zur Zeit auch einige andere Sendungen über Söring heraus, darunter eine Netflix-Serie („Der Fall Jens Söring“)…oder eine Ausgabe von „Zapp“ auf NDR. Dieser Film, von einer Lea Eichhorn gestaltet, hat eine deutliche Schlagseite, versucht aufdeckerisch und so zu sein. Breiter Platz wird Kritik an der Journalistin Karin Steinberger eingeräumt, die Artikel zum Fall schrieb, einen Film mitgestaltete (siehe oben) und mit dem Freundeskreis („Friends of Jens“) zusammenarbeitete. Etwas überraschend gibt sich dafür auch der Medienkritiker Stefan Niggemeier her. Steinberger wird angeprangert, mit einem „ehemaligen Mitglied des Freundeskreises“ (die „aus Angst vor Anfeindungen anonym bleiben will“) als Kronzeugin. Ähm, und es kommen auch Wright & Hammel vor. Hammel greint wieder über „Antiamerikanismus“ bei jenen die Söring für unschuldig oder ungerecht behandelt hielten/halten. Er sieht sich als neutral und sachlich, und jene die eine andere Sicht auf die Sache haben, als Propagandisten oder Propagandaopfer. Vom US-amerikanischen Justizsystem hat er eine ganz hohe Meinung. Jetzt etwas von oben: Werden „antiamerikanische Ressentiments“ allgemein am Zweifel an Entscheidungen von Gerichten in der USA fest gemacht? Und wie ist das mit denen von Gerichten anderswo, siehe Amanda Knox (US-Amerikanerin) die in Italien wegen Mordes zunächst schuldig, dann frei gesprochen wurde. Siehe dazu den „Antiamerikanismus“-Vorwurf einer amerikanischen Politikerin. Am Podcast dieser nun wieder in der USA lebenden Knox („Labyrinths“) wird Hammel mit seinen Darstellungen Platz eingeräumt. Vielleicht gibt es ja in Italien (oder in Grossbritannien, von wo Meredith Kercher stammte) Leute, die Argumente gegen den Freispruch von Knox haben, mit der sich Hammel zusammentat. Zu der Tendenz/Schlagseite/Unsachlichkeit des Films von Eichhorn gehört auch, dass suggeriert wird, die Freilassung Sörings infolge einer Entscheidung des Gouverneurs von Virginia hätte mit den Aktivitäten des Freundeskreises oder der für Söring Engagierten zu tun gehabt. Es werden auch jene Talkmaster kritisiert, bei welchen Söring zu Gast war, sie seien ihm gegenüber (bzgl der Tat für die er verurteilt wurde) zu unkritisch gewesen. Was die Blossstellung von Steinberger betrifft, „Süddeutsche Zeitung“-Chefredakteur Krach fühlte sich zu einer Entschuldigung/Distanzierung gezwungen. Wenn es um „journalistische Grenzüberschreitungen“ geht, sollte man nicht im Glashaus sitzen, wenn man mit Steinen wirft; da gäbe es zB im gegenwärtigen „Israel-Hamas-Krieg“ im deutschsprachigen Raum Einige, die man da nennen könnte (auch von der ARD). Der Film erhebt den Anspruch, etwas zurechtrücken zu müssen, hat aber die selbe Tendenz wie die anderen, genannten „Dokus“. Wenn es um Ausgewogenheit ginge, könnte man zB auch den Polizisten der Sörings Unschuld befürwortet(e), Gardner, um seine Meinung fragen, nicht nur die Trommler von der Gegenseite; oder Hammels Vorwürfe etwas kritisch hinterfragen…oder auch die Aussagen von E. Haysom (einer der 2 war wohl der Mörder). Eigentlich war da nur ein informatives Detail dabei, nämlich dass Söring vertraglich an Netflix gebunden sei, deshalb Sendern und so z Zt keine Interviews gibt. Die Netflix-Doku ist also in Zusammenarbeit mit ihm entstanden

Es sind 2024 2 neue Bücher über JS erschienen, eins über ihn, eines von ihm. Da ist zum Einen „In Dubio Pro Reo: Jens Söring und der lange Schatten der Schuld“ von Daniela Hillers, die den Gallip Verlag führt, einen Verlag für Ghostwriting und Publikationen. Und zum Anderen „Rückkehr ins Leben: Mein langer Weg in die Freiheit nach 33 Jahren in US-Haft“ , von Söring selber. Kann zu beiden noch nichts sagen.

Söring scheint Hammel zu beschäftigen; hier Screenshot seines Youtube-Kanals

Der Mann der die Apartheid abschaffte?

Das Ende der Apartheid wurde vor 30 Jahren eingeläutet, als der damalige Präsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, am 2. Februar 1990 im Parlament eine 45 Minuten lange Rede hielt, mit überraschenden Ankündigungen. Es war die Zeit des „Mauerfalls„, des Endes des Ostblocks, Vaclav Havel war eben Präsident der Tschechoslowakei geworden,… Und die Konflikte im südlichen Afrika hatten auch viel mit dem Kalten Krieg zu tun. De Klerk war 1989 Präsident geworden, als Nachfolger von Pieter Willem Botha, nach über 10 Jahren als Minister. 2019 hat Südafrika den 25. Jahrestag der ersten freien Wahl 1994 gefeiert. Zwischen De Klerks erstem Schritt und dieser Wahl lag ein langes Ringen, hauptsächlich zwischen dem African National Congress (ANC) und der Nasionale Party (NP). Der Konflikt zwischen den Initiatoren der Apartheid in Südafrika und ihren Gegnern hing eng mit jenen in anderen Ländern der Region zusammen, und es kam zu einer Lösung, einem Systemwechsel, ohne ein (vielfach vorher gesagtes) Blutbad.(1) Hauptakteure jener Jahre waren F. W. de Klerk und Nelson Mandela, die das Ende der Apartheid aushandelten, dafür gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, dann den Start des demokratischen Südafrikas leiteten. Mit Mandela als Präsident, De Klerk als seinem Stellvertreter. 1997 zog sich De Klerk aus der Politik zurück, Mandela tat dies zwei Jahre später.

Nach dem Ableben von Pieter W. Botha 2006 und jenem von Marais Viljoen 2007 ist De Klerk der letzte lebende Staatspräsident und eines von fünf lebenden ehemaligen Staatsoberhäuptern von Südafrika.(2) State President/ Staatspresident war die Bezeichnung für das Amt des Staatsoberhaupts Südafrikas von 1961 bis 1994. Von der Schaffung Südafrikas 1910 bis 1961 war der britische König Staatsoberhaupt gewesen, so wie jetzt noch in Canada, Australien, Neuseeland,… Im Lande vertreten wurde dieser Monarch dabei von einem Governor-General/ Goewerneur-Generaal, der bis 1943 Brite war, danach immer ein (burischer) Südafrikaner. Die Position des Staatspräsidenten war von seiner Schaffung bis 1984 repräsentativ, wurde erst danach, durch die Verfassungsreform wichtig/mächtig (nunmehr Staats- und Regierungschef), mit der das Amt des Premierministers abgeschafft wurde. Seit der Abschaffung des Apartheid-Systems mit der Wahl 1994 gibt es einfach einen President of South Africa/ President van Suid-Afrika.(3) Nelson Mandela, Präsident 1994 bis 1999, starb Ende 2013 im Alter von 95 Jahren. Mit Mbeki, Motlanthe, Zuma gibt es drei lebende ehemalige Präsidenten.(4)

Staatsbesuch Windsor in Südafrika 95

Bis zu seiner Umwandlung in eine Republik 1961 waren die britischen Monarchen also Südafrikas Staatsoberhäupter gewesen, das waren 4, davon ist eine(r), Elizabeth II., ebenfalls noch am Leben (anders als ihr Vater, ihr Onkel und ihr Grossvater, die ihre Vorgänger waren), und in ihrem „eigentlichen“ Amt. Elizabeth Windsor-Mountbatten war 1952 bis 1961 Staatsoberhaupt (auch) von Südafrika, als vierter britischer Monarch, steht damit in einer Reihe mit Charles Swart, Johannes und Frederik W. de Klerk, Pieter W. Botha, N. Mandela,…(5) 1995 besuchte die britische Königin Elizabeth Südafrika. Mandela, nunmehr Präsident, hatte sie 48 Jahre zuvor (1947) als Student beim Besuch ihres Vaters George VI. gesehen, wahrscheinlich in Johannesburg.(6) De Klerk kam kürzlich zur Eröffnung des Parlamentsjahres im Parlament in Kapstadt als Besucher, erlebte die Rede von Präsident Ramaphosa zur Lage der Nation; es ist Brauch, dass ehemalige Präsidenten zu dieser Gelegenheit kommen bzw eingeladen werden.(7) Die Abgeordneten der Economic Freedom Fighters (EFF) unter Julius Malema unterbrachen Ramaphosas Rede, um De Klerk verbal zu attackieren, als „Mörder“, „Apartheid-Apologet“, verlangten seinen Rauswurf.(8)

Dem voraus gegangen war ein Fernseh-Interview De Klerks anlässlich seiner Parlamentsrede vor 30 Jahren, mit der er die Abschaffung der Apartheid eingeleitet hat. In dem Interview (von dem hier noch die Rede sein wird) lobte er die Politik von Mbeki und Mandela, zollte dem ANC auch Lob, und redete über das Ende der Apartheid. Er distanzierte sich zum wiederholten Mal von ihr, verurteilte sie, wollte sie aber nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstanden wissen, denn es habe keinen Genozid gegeben, und mehr Tote bei der Gewalt Schwarz-Schwarz (ANC-IFP) in „seinen“ Übergangsjahren. Was wiederum sehr zweifelhaft ist. Auf Nachfrage des Reporters räumte er ein, dass diese Gewalt von Apartheid-Staatsorganen geschürt wurde. Er sagte dort auch, dass er und seine Regierung die Apartheid abgeschafft haben. Eine sehr gewagte Interpretation. Auch wenn die Reaktionen auf das Interview überzogen waren, mit seinen Aussagen zur Apartheid kommt er immer wieder wie ein Elefant im Glashaus daher; er sollte wissen, wie zentral dieses Thema für die „südafrikanische Psyche“ ist.

Die Frage der Beurteilung De Klerks führt Einen an die Grundfesten der Fragen der südafrikanischen Nation, aber auch des Verhältnisses Europa-Afrika, Weisse-Schwarze. Nelson Mandela wird allgemein als „Lichtgestalt“ gesehen, geschätzt für sein Versöhnungswerk nach seiner Gefängnis-Entlassung, hauptsächlich dann als Präsident, als jemand, der den Übergang von der Apartheid zur Demokratie leitete, dabei viel Gewalt verhinderte, sich engagierte, Schwarze und Weisse dafür zu gewinnen. De Klerks Reputation/Erbe ist da weniger klar. Wo ist sein Platz in der Geschichte (Südafrikas und global), inwiefern entspricht er der kleinen Aufruhr im südafrikanischen Parlament, die er kürzlich dort an seinem Platz in der Besuchergallerie erfuhr? Wird er eher als letzter Apartheid-Präsident in die Geschichte eingehen, oder einer derjenigen, die den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu Stande brachten bzw leiteten? Er ist ein Teil von Mandelas Weg mit diesem gegangen; welchen Teil genau bzw welchen nicht (und gegen ihn), macht seine Kontroversität mit aus. De Klerk hat jedenfalls gewisse Grundlagen für die südafrikanische Demokratie gelegt. Bezeichnendes tat sich bei (nach) der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn und Mandela Ende 1993.

Mandela (nicht mehr mit „Winnie“ zusammen), De Klerk (damals Präsident Südafrikas) und seine Frau Marike traten mit den Medaillen auf den Balkon des Rathauses von Oslo, die Leute unten jubelten Mandela mehr zu als De Klerk, einige stimmten „Nkosi Sikelel‘ iAfrika“ an, damals ein „schwarzes“ Befreiungslied und nicht Teil der südafrikanischen Nationalhymne; die De Klerks gingen wieder hinein. Das war gewissermaßen das „internationale Publikum“. „Radikale Schwarze“ sehen ihn wie die EFF-Abgeordneten im Parlament, als einen Repräsentanten der Apartheid; „konservative“ weisse Südafrikaner (besonders Afrikaaner/Buren) und (andere) Weissen-Suprematisten sehen ihn wiederum als eine Art „Verräter“, der die Apartheid aufgab (und den Schwarzen des Landes zu viel entgegen kam, nicht zu wenig). Die Einen sehen ihn als einen Repräsentanten des Apartheid-Regimes, die Anderen als Einen, der dieses unverantwortlicherweise aufgab, auflöste. Es ist diese Umstrittenheit der Grund dafür, dass es hier am Blog mehr über De Klerk gibt als über Mandela, einen eigenen Artikel. Es gibt also so eine Art negative Querfront von Kritikern/Hassern De Klerks, von „radikalen“ Apartheid-Gegnern sowie Apartheid-Nostalgikern; vor den ersten freien Wahlen 1994 hat es so eine ähnliche gegeben (siehe Kapitel „Als Präsident Südafrikas“).

Bezüglich De Klerks politischem Wirken gibt es drei Aspekte, die „diskussionswürdig“ sind: Zum Einen, dass er an die Spitze des Apartheid-Systems kam. Dann, seine Jahre an dieser Spitze, als Präsident, 1989 bis 1994, die Art des Abschaffens der Apartheid, hauptsächlich die Gewalt (Schwarz gegen Schwarz) die von bewaffneten staatlichen Organen in diesen Jahren geschürt wurde, zT auch selbst begangen (an De Klerk vorbei?); dazu auch im Kapitel über seine Präsidentschaft mehr. Schliesslich sein Umgang mit der Vergangenheit, die Art seiner Distanzierung/Verurteilung (von) der Apartheid; dies betrifft die Erklärung die er 1993 dazu gab eben so wie spätere Stellungnahmen, wie die in einem Interview mit Christiane Amanpour von CNN. Zu diesen Punkten noch Eingehenderes in den genannten Kapiteln sowie im Schlussabschnitt („Leben nach der Politik“). Zur Frage, wieviel Verdienst darin liegt, die Apartheid mit zu beenden, darum geht’s im Teil über die Verleihung, also auch im Kapitel über seine Präsidentschaft. In Zusammenhang mit den fragwürdigen Aspekten in De Klerks Laufbahn stehen offene Fragen dazu: Welche Motivation hatte er bei seinem Schritt 1990 (und den folgenden) und welche Strategie verfolgte er in den Verhandlungen?

Die Einschätzungen zum ersten genannten Punkt seien hier gleich „abgehandelt“, „vorweg genommen“. Frederik De Klerk wurde Präsident Südafrikas im Apartheid-System, in dem also etwa 15% der Bevölkerung des Landes (jene, die als Weisse galten) für sich und den Rest entschieden; wobei dieser „Rest“ in manchen Fragen für sich selbst entscheiden konnte (Homelands, 3-Kammern-Parlament), was Apartheid-Apologeten gross heraus stellten. Die Mehrheiten die De Klerks Partei, die NP, bekam, entsprachen in etwa 7-8 % der Gesamtbevölkerung. Andererseits, De Klerk hat die Apartheid als Präsident mit abgeschafft, durch „unilaterale“ Schritte sowie Verhandlungen. Und das konnte er nur aus dieser Position. Ab Ende der 1970er hat er Ministerposten bekleidet; hätte er zB als Bildungsminister (der er in den 1980ern war) die Anweisung gegeben, die getrennten Schulen für Weisse und Schwarze abzuschaffen, hätte das kein Direktor/Inspektor umgesetzt und er wäre wohl noch am selben Tag von seinem „Boss“ Botha entlassen worden – wahrscheinlich wäre das auch geschehen, wenn er nur diese Möglichkeit ggü Medien oder im Kabinett angesprochen hätte. An dieser Stelle: keines der Ministerien die De Klerk leitete, war ein Sicherheits- bzw Unterdrückungs-relevantes, daher hat er kein „Blut an den Händen“ als Schreibtischtäter.(9)

Aber: De Klerk wirkte ca. 20 Jahre führend/gestaltend im Apartheid-System mit (70-90, als Abgeordneter und Minister), ehe er es „abbaute“. Und: es gab Weisse, auch Afrikaaner, die gegen das Apartheid-System gekämpft haben, dabei ihr Leben und ihre Freiheit riskierten. So wie Abraham „Bram“ Fischer, Enkel eines Präsidenten des Oranje Freistaats, der sich der kommunistischen Partei (CPSA/SACP) anschloss und im Gefängnis starb(10), C. F. Beyers Naudé (Geistlicher der Niederländisch-Reformierten Kirche, Sohn eines Gründers des Afrikaner Broederbonds), Marius Schoon,… Joseph „Joe“ Slovo wäre im Apartheid-System im 1. Klasse-Abteil gesessen aufgrund seiner Rasse (obwohl Jude und Englisch-sprachig), hat sich (wie andere Juden, oder Inder aus der 2. Klasse) aber entschieden, es aktiv zu bekämpfen. Nicht gefangen im Kokoon des Privilegs, aber oft in Gefängnissen des Apartheid-Regimes…war auch Horst Kleinschmidt, aus einer deutschstämmigen Familie in Südwestafrika/Namibia(11). Oder Michael Lapsley aus Neuseeland (der dann in Südafrika eingebürgert wurde).

Andere Weisse/Afrikaaner engagierten sich zumindest gegen die extreme Form der Weissen/Afrikaaner-Vorherrschaft, in der United Party und jenen Parteien, die daraus hervor gingen (PP, PFP, NRP, RP, IP, NDM, DP) oder in der Liberal Party of South Africa oder Black Sash; darunter auch De Klerks Bruder Willem (an einem Punkt). Diese „Liberalen“ sind davor zurückgeschreckt, das Apartheid-System wirklich heraus zu fordern, die Grenzen zu überschreiten, die es ihnen setzte. Helen Suzman hat Mandela im Gefängnis besucht, und ihre PFP trat für ein qualifiziertes Wahlrecht ein. Jedenfalls: Es ist nicht so, dass De Klerk diese Optionen nicht hatte. Ein Kommentar über De Klerk aus 2012 von africasacountry: nach einem Kommentar von ihm ggü der BBC zur Wiederwahl Zumas als ANC-Chef in diesem Jahr, sehr bissig und ziemlich ungerecht. „Unlike Zuma, de Klerk never stood for office in a democratic election.“- doch, 1994, und seine Partei hat damals Zu-stimm-ung deutlich über das weisse Wählersegment hinaus bekommen, auch wenn das Wahlverhalten der Kap-Mischlinge auf die Prägung durch die Apartheid und die niederländische Kolonialherrschaft zurückgeht. Und: So gesehen wäre auch Gorbatschow total diskreditiert. Ja, De Klerk hat tatsächlich das Ende der Apartheid mit-verhandelt, es stimmt nicht ganz, dass er keine andere Wahl hatte (dazu noch mehr).

Bezüglich der Relevanz von ihm und seinen Ansichten für die (heutigen) Südafrikaner (die ihm in dem Artikel auch abgesprochen wird) ist zu sagen, es gibt nicht wenige Weisse, die um Einiges reaktionärer eingestellt sind als er, afrikaans- wie englischsprachige, und bei denen es ein Gewinn wäre, wenn sie sich an ihm orientieren würden; ihn zum aktuellen Südafrika zu fragen ist nicht so abwegig und seine Kommentare dazu meist durchaus konstruktiv (> „Leben nach der Politik“). Von der selben (insgesamt sehr empfehlenswerten) Website über Nelson Mandela, anlässlich dessen Todes: „Nelson Mandela’s post-presidency saw the rise of a larger-than-life caricature of himself, one that somehow managed to be smaller than both the real accomplishments of the man as revolutionary and politician, and an apolitical, often commercial, valorization of the failures of a lengthy transition to democracy that never seems to amount to liberation.“ Wird Mandelas Andenken verdreht und missbraucht, wie jenes von Martin L. King? Zur Aufrechterhaltung von ungerechten Zuständen, mit „Versöhnungs“-Ansprüchen,… nicht zuletzt international. Wenn jemand von fast allen Seiten Zustimmung/Anerkennung bekommt, muss man eigentlich misstrauisch sein.

Nun ja, verdrängt wird jedenfalls gerne, dass Mandela (mit dem ANC) den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid aufnahm und dafür Jahrzehnte ins Gefängnis gesperrt wurde (auch wenn er sich unbewaffnet engagiert hätte, wäre so etwas heraus gekommen), dann Verhandlungen aufnahm, als De Klerk dies anbot. Demokratie in Südafrika für Alle musste gegen die USA und den Westen erkämpft werden, das wird auch verdrängt. Der Artikel sagt, Mandela sei grossteils selbst schuld an seiner Rezeption mit seinem Wirken nach seiner Freilassung(12), er ist auch relativ positiv über Malema. Was die Autorin, Kate Griffiths (weisse Amerikanerin, links-feministisch, aber nicht hillary-feministisch oder femischistisch) auf den Punkt bringt: „the centrality of political violence to the Mandela story has been so whitewashed and forgotten that after Mandela died, Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu, called Mandela ‚a man of vision, a fighter for freedom who rejected violence,‘ grandiosely ignoring the obvious parallels between South African apartheid and the occupation of Israel/Palestine.“(13)

In diesem Artikel hier wird auch auf die Partei De Klerks eingegangen, die NP, die dann zur NNP wurde, es geht auch um die Geschichte Südafrikas, Post-Apartheid-Südafrika und die Afrikaaner darin, die Rassenbeziehungen,… In Südafrika ist bzw wird Alles mit Rasse und Politik verbunden, alles wird (heute vielleicht noch mehr als unter der Apartheid) rassisch konnotiert und kommentiert. Zu den Kapiteln: Nach dieser Einleitung geht es um De Klerks Wurzeln und Aufwachsen, dann seinen politischen Aufstieg, sein Wirken als Präsident, und als Vizepräsident zu Beginn der Demokratisierung, dann um sein Leben nach der Politik (die Grenze ist in etwa mit De Klerks Rückzug aus der Politik 1997 gezogen worden) inklusive Betrachtungen und Beurteilungen; am Ende Literatur (und die Fussnoten). Zur Schreibweise des Namens: Wie bei H. G. (oder HG) Wells, J. K. Rowling oder J. R. R. Tolkien werden auch bei De Klerk die Initialen der Vornamen (also FW de Klerk) häufiger benutzt als der volle Name. Im Artikel wird der Name zT so geschrieben, zT anders. Und, in Afrikaans ist es eigentlich so üblich, einen Nachnamen wie diesen (eigentlich ein französischer Adelsname) alleine mit grossem Anfangsbuchstaben zu schreiben (also: De Klerk), mit Vornamen mit kleinem Anfangsbuchstaben (also: FW de Klerk).

Wurzeln und Prägung

De Klerk stammt also von Hugenotten ab, Calvinisten in Frankreich, die dort wegen ihrer Religion verfolgt wurden, und zu einem grossen Teil auswanderten. Ein Teil ging in die Niederlande(14), und ein Teil davon (darunter FW De Klerks Vorfahren) wiederum mit Schiffen der VOC an das „Kap“ von Afrika.(15) De Klerk: „Yes, I’m an African, born and bred. My forebears arrived in South Africa in 1688. My later forebears fought the first modern anti-colonial war on the continent of Africa, against Great Britain. I’m an African, through and through, and the fact that I’m white does not detract from my total commitment to my country and through my country, to our continent.“ Er hat auch niederländische Vorfahren. Und, im 17. Jh noch dürften ein Khoisan(16) und ein Inder Partnerschaften mit De Klerk-Frauen eingegangen haben.

Die „Time“ (USA) schrieb 1981: „There is a well-worn jest in South Africa that the country’s ‚colored problem‘ actually began about nine months after the first Dutch settlers landed at the Cape of Good Hope in 1652. However, in the strictly segregated society that has developed since, it is no laughing matter to suggest that the Afrikaners, who make up the majority of the 4.5 million ruling whites, are anything but racially pure. Thus when a South African academic raised the possibility again last week, he rattled racial skeletons in every Afrikaner parlor and dining room. The rattles were caused by Professor Johan Leon Hattingh, director of the Institute for Historical Research at the University of the Western Cape and an Afrikaner himself. In an article published in his institute’s journal, he claimed that many of the original Dutch settlers had dalliances with black women and that as a result, few Afrikaners could claim to be of unmixed white descent. Rather than charting white South Africa’s family tree through the male line, Hattingh chose five early 18th century native women and traced their descendants. What he uncovered were some rather surprising branches. Among the descendants of an African woman called Lijsbeth, for instance, were the President of the Transvaal republic in the Boer War, ‚Oom (Uncle) Paul‘ Kruger, and South Africa’s first Prime Minister, Louis Botha. In all, Hattingh counted 80 families of mixed racial roots, a substantial slice of the white Afrikaner establishment. Reaction to Hattingh’s genealogical bombshell ranged from outraged denials to bemusement.“(17)

In Post-Apartheid-Zeiten kann man auch in Südafrika offener darüber reden, viele Afrikaaner-Familien haben nicht-weisse Vorfahren, womit in den Familien lange heimlich umgegangen wurde. Wie die „Time“ schrieb, auch „Paul“ Kruger (Transvaal-Präsident bis zum Krieg bzw 1902) muss auch nicht-weisse Vorfahren gehabt haben, was schon seine Physiognomie nahe legt. Oder Elizabeth „Betsie“ Verwoerd, Witwe von „Apartheid-Apostel“ Hendrik (der in der Niederlande geboren wurde, keine lange Afrikaaner-Ahnenreihe hat), 2000 in Orania gestorben. Auch der Führer der neonazistischen Afrikaaner-„Miliz“ AWB, Eugene Terre’Blanche, dürfte einen farbigen Einschlag gehabt haben. Anti-Apartheid-Aktivist Horst Kleinschmidt aus Südwestafrika hat eine Vorfahrin in der Familie, die eine Nama war (ein Volk der Khoikhoi). Viele Weisse (Leute die als solche gelten) im südlichen Afrika haben Khoisan-Vorfahren.(18) Auch wenn diese für Johan „Jan“ van Riebeeck, dem Seefahrer, der den niederländischen Stützpunkt am Kap begründete, „swarte Honde“ waren.

Frederik W. de Klerk stammt aus der oberen Klasse der Afrikaaner-Gesellschaft. Sein väterlicher Urgrossvater Johannes „Jan“ C. van Rooy war in den frühen Jahren des geeinten Südafrikas Abgeordneter zum Senat, vermutlich für die (damalige) Nationale Partei (NP); wenn es sich um diesen Johannes van Rooy handelt (was sehr wahrscheinlich ist), war der auch Rektor der Potchefstroom-Universität, Vorsitzender des Afrikaner Broederbond (AB) und der Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniginge (FAS). Jedenfalls war er auch ein Schafzüchter. Noch eine Generation zurück, dann müsste man bei jenen Vorfahren von Frederik de Klerk sein, die im „Anglo-Buren-Krieg“ (heute meist Südafrikanischer Krieg genannt) kämpften (oder in Lager gesperrt wurden). Seine (väterliche) Tante Susan war die Frau von Johannes G. Strijdom, Premierminister Südafrikas von 1954-1958, von der (zweiten) NP, der zweite Regierungschef der Apartheid-Ära.(19) Sein Vater Johannes „Jan“ de Klerk war der Sohn einer Van Rooy, die einen Priester der Gereformeerde Kerk in Suid-Afrika (GKSA) heiratete, der kleinsten und konservativsten der drei Niederländisch-Reformierten Kirchen in Südafrika. Johannes de Klerk wuchs in der Provinz Transvaal auf, heiratete eine Coetzer, deren Familie aus Österreich oder Deutschland kam.(20)

Er hatte zwei Söhne, Willem Johannes („Wimpie“) und Frederik Willem (F.W.). Wurde Politiker, für die NP in Transvaal, nach dem 2. WK als Abgeordneter; man kann vereinfachend sagen, er war einer der Initiatoren der Apartheid, die nach der Wahl 1948 eingeführt wurde. Dazu muss man etwas ausholen. Die Rassendiskriminierung bzw Vorherrschaft der Weissen begann nicht mit der Regierung unter Daniel F. Malan 1948, also mit der Apartheid; damals begann die Vorherrschaft der Afrikaaner unter den Weissen und eine Verschlechterung der Lage der Nicht-Weissen. Aber es gab Weissen-Vorherrschaft im (britisch geprägten) Südafrika davor (1910-48)(21) sowie in den Teilkolonien, die 1910 zur Südafrikanischen Union zusammengeschlossen wurden.(22) Die erste NP wurde 1914/15 gegründet, war Konkurrentin der Südafrikanischen Partei (SAP), wobei die NP Vertreterin der Interessen der Afrikaaner war und die SAP an Grossbritannien orientiert war (und auch von Afrikaanern, wie Jan C. Smuts, dominiert war). 1924 überflügelte die NP die SAP und bildete die Regierung, 1933 gingen die beiden Parteien eine Regierungskoalition ein, 1934 vereinigten sie sich sogar, zur United Party.

Wobei: Der eine Teil der NP, konzentriert in der Kapprovinz(23), um Daniel Malan, machte die Vereinigung nicht mit, gründete 1935 die Gesuiwerde Nasionale Party (GNP).(24) 1939 setzte sich in der UP jener Teil durch, der mit Grossbritannien in den Krieg gegen Deutschland gehen wollte, Premier James B. Hertzog trat ab, der andere Teil der Partei spaltete sich mit ihm ab, Smuts wurde wieder Premier.(25) Die Abspalter unter Hertzog schlossen sich der GNP an bzw mit dieser (1940) zur Herenigde Nasionale Party (HNP) zusammen.(26) Es gab aber Differenzen in der HNP, zwischen den „Radikaleren“ unter Malan und den „Moderateren“ unter Hertzog(27), die Hertzog-Gruppe spaltete sich ab, konstituierte sich als Afrikaner Party (AP); diese wurde nach Hertzogs Tod 1942 von Nicolaas Havenga geführt. Bei der Wahl 1943 setzte sich nochmal klar die UP vor der HNP durch. Premier Smuts hat möglicherweise die eine oder andere Liberalisierung zugunsten von Nicht-Weissen (Schwarze, Asiaten, Mischlinge) geplant, unter dem Druck, Wähler nicht an HNP und AP zu verlieren(28) dies aber fallen gelassen – das ist aber eine andere Geschichte. Bei der Wahl 1948 besiegte die HNP die UP, bildete eine Koalition mit der AP (mit der sie ein Wahlbündnis eingegangen war), Daniel Malan wurde Premier, die Apartheid begann. Der „Untergang“ des alten Südafrikas mit Smuts 1948 weist manche Parallelen zum Ende der Apartheid 1994 auf. HNP und AP vereinigten sich 1951 zur (neuen) Nationalen Partei (NP). Ob „Jan“ de Klerk von der GNP kommt (jenen die 34/35 nicht die Vereinigung zur UP mitmachen wollten) – jetzt kommen wir wieder zum „Faden“ des Artikels – oder von der UP (jenen, die sich 39 abspalteten und dann mit der GNP die HNP machten), war nicht zu eruieren.

De Klerk wurde in den 1950ern Minister unter seinem Schwager Strijdom, blieb dies unter dessen Nachfolgern Verwoerd und Vorster, in verschiedenen Ressorts, darunter als Innenminister 1961-66 sowie als Bildungsminister, wie sein Sohn dann. Dann wurde er (wieder?) Senator, war 69-76 Senats-Präsident, und als solcher im April ’75 neun Tage Interims-Staatsoberhaupt; vom Ende der Amtszeit von Jacobus Fouché bis zum Amtsantritt von Nicolaas Diederichs. Der Senats-Präsident war erster Vertreter des Staatspräsidenten, und 1961 war Südafrika ja Republik geworden.(29) „Jan“ de Klerk war ein NP-Parteisoldat, ein Apartheid-Funktionär, erliess als Innenminister etwa ein Verbot für Südafrikaner, an „gemischt-rassigen“ Sportwettkämpfen teil zu nehmen, wehrte sich als solcher gegen Aufweichung der Rassengrenzen im Sport. Er starb 1979, also etwa da, als sein Sohn Minister wurde.

Frederik Willem de Klerk wurde auch in der Gereformeerden Kerk aufgezogen, in Transvaal, ist auch religiös geworden. Ob er einen Militärdienst abgeleistet hat, war nicht herauszufinden. Tiara hat an deshalb an die De Klerk-Stiftung ein Email geschickt, dies und Anderes gefragt(30), aber keine Antwort bekommen. Was sich sagen lässt: die Union Defence Force (UDF), die früheren Streitkräfte Südafrikas, und anfänglich auch die South African Defence Force (SADF), bestanden in der Regel aus Berufssoldaten (Offiziere/Unteroffiziere), in Kriegszeiten wurde Wehrpflicht erlassen, das war in den beiden Weltkriegen der Fall. In beiden stand Südafrika GB und dessen Verbündeten bei (gegen das Deutsche Reich und dessen Verbündete), und beide Male gab es sehr grossen innenpolitischen Aufruhr deshalb, im 1. WK auch eine Meuterei. 1957 die Umwandlung der UDF in die SADF (afrikaans: Suid-Afrikaanse Weermag/ SAW). Die Wehrpflicht wurde in Südafrika 1967 eingeführt (von der NP-Regierungsmehrheit, mit Unterstützung der Opposition), für weisse Männer ab 17, die Dauer wurde dann mehrmals verlängert. De Klerk dürfte fürs Militär zu früh geboren worden sein, dort nicht gedient haben. Seine Vorgänger als Regierungschefs in der Apartheid-Zeit, Malan, Strijdom, Verwoerd, Vorster, P. Botha waren alle zumindest keine Offiziere gewesen, im Gegensatz zu den 3 Regierungschefs der Prä-Apartheid-Zeit (L. Botha, Smuts, Hertzog), die Buren-Milizen befehligt hatten, sich dann politisch am Aufbau der UDF beteiligt. Die UDF war, wie alle staatlichen Institutionen damals, Ort von Ausgleich und Konkurrenz zwischen Afrikaanern/Buren und Englischsprachigen.

Marike Willemse und FW de Klerk 1956 auf der Universität

FW De Klerk studierte Rechtswissenschaften an der Universität Potchefstroom; lernte dort Mar(e)ike Willemse kennen, so wie er aus einer konservativen Oberschicht-Afrikaaner-Familie (1959 Heirat).(31) Willem De Klerk hat in seiner Biografie über den Bruder geschrieben, dass dieser als Student Hockey und Tennis spielte. Wahrscheinlich ist Feldhockey gemeint, und nicht das in Südafrika sehr exotische Eishockey. Das war in den 1950ern, als sich die Apartheid über Südafrika (mit De Klerk senior als Minister) breitete. Als sich in Europa der Faschismus verzog, war er in Südafrika an die Macht gekommen (1948).(32) Aber, eine Mehrheit der Buren/Afrikaaner fühlte, dass sie nun endlich bekommen hatten, was ihnen zustand, und sie zu lange „das Opfer“ gewesen waren. Hauptsächlich der Briten, und 1910-48 war es ja immer wieder zu burischem Aufbegehren gekommen.

Strand bei Kapstadt Apartheid-Zeit

Die Herrschaft der NP war demographisch (Mehrheit Buren unter Weissen) bzw durch den Ausschluss Nicht-Weisser von Wahlen gut abgesichert. Besonders in ländlichen Gegenden, wo Afrikaans-Sprachige ggü Englisch-Sprachigen zahlenmäßig noch mehr dominierten als in Städten, und Bildungsferne oft noch als Faktor hinzu kam; Einheit unter Buren über soziale Grenzen hinweg zu erhalten, war oft schwierig, gelang aber. In der Apartheid-Zeit wurden Entscheidungen eigentlich nicht im Parlament (von dessen Wahl ohnehin 3/4 der Bevölkerung ausgeschlossen war) getroffen (eher ausgeführt), sondern innerhalb der NP bzw im Afrikaner Broederbond. Auch De Klerk wurde Mitglied dieser Afrikaaner-Organisation. Die United Party/ Verenigde Party (UP) war nach ihrer Wahlniederlage 1948 bis 1977 die stärkste Oppositionspartei und vertrat den grössten Teil der englischsprachigen weissen Bevölkerung (darunter waren auch die meisten Juden). Sie war gegen die Apartheid, aber für eine andere (weniger extreme) Art weisser Vorherrschaft.(33) Die UP wurde 1956-77 geführt von DeVilliers Graaff (also einem Afrikaaner), Graaff war in dieser Zeit also Oppositionsführer.

1959 spaltete sich der liberale Flügel der UP, mit Helen Suzman (Gavronsky), Harry Oppenheimer und Anderen, ab und gründete die Progressive Party (PP).(34) Die PP war für ein qualifiziertes Wahlrecht, eines das von Einkommen (bzw Steuerleistung) und Bildung abhängig war, was einen grossen Teil der Nicht-Weissen wiederum ausgeschlossen hätte. Die PP und ihre Nachfolgeparteien (PFP, DP,…) bekämpften die Apartheid keinesfalls radikal. Auf die PP (und ihre Nachfolgeparteien) und die UP (und ihre Nachfolgeparteien)(35) verteilte sich also der allergrösste Teil der Stimmen der englischsprachigen Weissen, diese Parteien standen für eine Liberalisierung der weissen Vorherrschaft, waren die Opposition im südafrikanischen Parlament; bis 1961 gab es zudem, vereinzelte Mandate für kleinere Parteien, 61 bis 87 waren nur diese 3 Parteien vertreten. In den 1980ern kam dann die Konservative Partei (KP) hinzu, eine Afrikaaner-Partei rechts von der NP.(36)

Die kommunistische Partei, die als CPSA, dann als SACP aktiv war, war lange Zeit die einzige südafrikanische Partei, in der Menschen aller Rassen willkommen waren, und die die Gleichheit dieser „Rassen“ vor dem Gesetz befürwortete. Wobei sie von 1950 (Verbot kommunistischer Tätigkeit) bis 1990 im „Untergrund“ aktiv sein musste und allein schon die Zugehörigkeit zu ihr ein Strafdelikt war. Die SACP ging ein Bündnis mit dem 1960 verbotenen African National Congress (ANC) ein.(37) Nach dem 2. Weltkrieg war gerne von einem “freien Westen” die Rede und “kommunistischen Bedrohungen”, bei Hendrik Verwoerd, Dwight Eisenhower oder Francisco Franco. Eine „kommunistische Gefahr“ wurde gerne vorgeschoben, zur Rechtfertigung der Bekämpfung von Demokratien oder Unabhängigkeits-Bewegungen. Bei Südafrika zeigt(e) sich auch die Rolle des Christentums in diesem Diskurs, seine Heranziehung zur Rechtfertigung dieser speziellen Form der Ethnokratie, der Hass und die Dämonisierung von Desmond Tutu (dem anglikanischen Bischof) von Gegnern des Endes der Apartheid,…(38)

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)(39), eine rechtskonservative deutsche “Menschenrechtsorganisation” mit internationalem Anspruch, konzentrierte sich früher ausschliesslich auf Menschenrechtsverletzungen unter kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanischen Apartheid-Regime nicht kritisiert/ hinterfragt wurde. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er, Anfang der 1990er wechselte sie den Fokus, der Zeit gemäß, auf islamische Staaten bzw Akteure („…Engagement gegen barbarische Strafen wie Steinigung und für Glaubensfreiheit auch nichtchristlicher Gruppen“). Der Vorwurf rechtsextremer Sympathien, jammert die IGFM, komme „fast ausschliesslich von marxistischen oder antifaschistischen Gruppen“, welche eine negative Imagekampagne betrieben. Aber, auch in solchen Kreisen hatte man einen Buthelezi, einen Mangope, einen Savimbi, einen Mobutu,… 1962 wurde Nelson Mandela in Natal verhaftet, 1963 andere Aktivisten des ANC und der SACP auf einer Farm in Rivonia bei Johannesburg; in einem Prozess 1963/64 wurden die Betroffenen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die CIA spielte bei der Festnahme Mandelas eine wichtige Rolle, dies illustriert das Tandem von antikommunistischer und rassistischer Politik in Jahren des Kalten Kriegs.(40)

Dies sollte nicht vergessen werden angesichts des grossväterlichen Mandela der späten Jahre, in dessen Wärme sich zB „Bill“ Clinton sonnte.(41) 1962, in dem Jahr in dem Nelson Mandela für 28 Jahre ins Gefängnis musste, gründete Frederik W. de Klerk eine Anwaltskanzlei, in Vereeniging (Transvaal). Er ist einer der Politiker die Juristen sind, was häufig vorkommt (siehe), auch Mandela war einer, nur musste der um ein normales Leben (in vieler Hinsicht) kämpfen. Zwei weitere der wichtigsten Führer des ANC im Widerstand gegen die Apartheid, Oliver Tambo und Joe Slovo, waren Anwälte.(42) De Klerk in Bezug auf die Verhandlungen mit Mandela 1990-93: „Ein Vorteil war es, dass wir beide früher Anwälte waren. Zum Anwaltsberuf gehört es, voreilige Schlüsse zu vermeiden, analytisch zu denken.“ De Klerk hat(te) als Jurist einen gewissen Respekt vor Rechten Anderer, wies den „Sicherheits“apparat des Apartheid-Regimes in Schranken; bestand aber in den Verhandlungen auch darauf, dass der Übergang zur Demokratie durch Änderungen der bestehenden Ordnung/Verfassung (und nicht etwa durch „plötzliche“ freie Wahlen) über die Bühne gehen müsse. Ja, zu der Zeit als Mandelas Gefängniszeit auf Robben Island vor Kapstadt begann, mit Arbeit im Kalksteinbruch, begann De Klerk mit seiner Kanzlei in Transvaal.

1958 war Hendrik F. Verwoerd (NP) Premierminister Südafrikas geworden, zu seiner Zeit kam die Apartheid an einen „Höhepunkt“ (sie wurde nochmal verschärft und die Zustimmung unter Afrikaanern war am stärksten), kam es im südlichen Afrika zu einer Eskalation (was zT mit seiner Politik zu tun hatte), zu Umbrüchen. Unter Verwoerd wurde die „grosse Apartheid“, die Schaffung von Homelands/Bantustans, voran getrieben. Die NP hatte 1961 und 1977 ihre besten Wahlergebnisse, den grössten Zuspruch unter Weissen. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in den 1960ern die Bemühungen, Afrikaaner in die Mittelschicht zu „befördern“, Resultate zeigten. 1960 das Massaker bei einer Protestveranstaltung des PAC (eine Abspaltung vom ANC), dann das Verbot von ANC und PAC. Diese Organisationen nahmen nun aber den bewaffneten Widerstand gegen die Unterdrückung der Schwarzen auf, vom Untergrund und vom Exil aus; der ANC mit seiner damals gegründeten Miliz Umkhonto we Sizwe (MK). Die Geschichten von ANC und NP führten in den frühen 1960ern zusammen, in dieser Zeit der Eskalation. Tambo war bereits vor dem Rivonia-Prozess ins Exil gegangen, wurde 1967 Präsident des ANC, als Nachfolger des verstorbenen Albert Lutuli.(43)

Die globale Entkolonialisierung (> 1960 Afrika!) bewirkte, dass es in internationalen Gremien zunehmend nicht-weisse Mitgliedsstaaten gab, die sich der Apartheid in Südafrika annahmen; diese kam in dieser Zeit also international allmählich unter Beschuss, wobei sich auch westliche Regierungen, Parteien, Organisationen daran beteiligten. Grossbritanniens konservativer Premier Harold Macmillan hielt ja auf seiner Afrika-Reise 1960 im südafrikanischen Parlament die „Winds of change“-Rede. Dies wiederum motivierte die NP/Apartheid-Regierung unter Verwoerd, sich von Grossbritannien endlich ganz abzunabeln und auch das (nun) multirassische Commonwealth of Nations zu verlassen. Die UP (die ja primär die englischsprachigen Weissen vertrat) war beim Referendum 1960 zur Umwandlung Südafrikas in eine Republik für ein „Nein“. Die „Ja“-Mehrheit war auch ziemlich knapp.(44) Die Union of South Africa/ Unie van Suid-Afrika wurde also 1961 zur Republic of South Africa/ Republiek van Suid-Afrika, und der letzte Generalgouverneur Charles R. Swart wurde erster Staatspräsident, nachdem ihn das Parlament dazu wählte.(45)

Die nunmehrige Republik Südafrika hatte auch nach dem Entkolonialisierungsschub in Afrika 1960 keine unabhängigen Nachbarstaaten, die Apartheid war von einem „Schutzgürtel“ (Cordon sanitaire) umgeben (bzw im Norden benachbart); das änderte sich nur allmählich. In den 1960ern begannen Auflehnungen in Südwestafrika/Namibia (das seit dem 1. WK von Südafrika verwaltet wurde), im späteren Mocambique und Angola gegen die portugiesische Kolonialherrschaft, in (Süd-)Rhodesien gegen das dortige weisse Minderheitsregime; wurden Lesotho (vormals Basutoland), Swaziland, Zambia (vormals Nord-Rhodesien), Botswana (vormals Bechuanaland), Malawi (vormals Nyassaland),… unabhängig. Und, die SU (bzw der Ostblock) begann, antiimperialistische Kräfte in Afrika zu unterstützen: ANC, ZANU, SWAPO, FRELIMO, MPLA, bzw ihre Milizen; auf der Gegenseite gab es auch ein Bündnis, unter Führung der Republik Südafrika, das in verschiedener Hinsicht vom Westen (USA, GB,…) unterstützt wurde; die Kriege (oder: der Krieg?) im südlichen Afrika war(en) natürlich Teil des Kalten Kriegs. Der Beginn der „Grenzkriege“ wird allgemein mit 1966 angesetzt, als der Kampf der SWAPO in Südwestafrika begann.

Im August ’66 griff eine Einheit der SADF (südafrikanisches Militär) eine Basis der SWAPO-Miliz PLAN in Omugulugwombashe an (gleichzeitig der Beginn des namibischen Unabhängigkeitskrieges). Bis zu den Umwälzungen in der Regierungszeit Verwoerds war die Verteidigungspolitik Südafrikas noch immer an GB orientiert gewesen. Im Monat darauf war der zweite Anschlag auf Apartheid-Premier Verwoerd erfolgreich, Johannes „John“ Vorster übernahm; Pieter Willem Botha war bereits unter Verwoerd Verteidigungsminister geworden (als Nachfolger des genannten Fouché), machte unter Vorster weiter, leitete die Militarisierung Südafrikas. Gekämpft wurde hauptsächlich in Angola, Mocambique, Südwestafrika, Rhodesien, zwischen Verbündeten und Gegnern des Apartheid-Regimes, wobei dieses hauptsächlich in Südwestafrika direkt mitmischte. FW De Klerk arbeitete 10 Jahre als Anwalt, wurde dann 1972 Abgeordneter der NP, statt Jus-Professor in Potchefstroom. 1976 unternahm De Klerk als Abgeordneter eine Reise in die USA, sprach später davon, dass dort eine striktere Rassentrennung als im Südafrika der Apartheid herrschte…

Wobei es Apartheid-Zustände dort v.a. in der Süd-USA und bis Mitte der 1960er (Bürgerrechtsbewegung, Bürgerrechtsgesetze von L. Johnson) gab. Miriam Makeba: „Der Unterschied zwischen USA und Südafrika ist sehr gering. Nur dass Südafrika zugibt, das es ist, was es ist“.(46) Der Voting Rights Act 1965 in der USA und das Ende der Apartheid in Südafrika 1994 haben Einiges gemeinsam. Über F. W. de Klerks älteren Bruder Willem gibt es (etwas überraschend) auf der französischen Wikipedia einen Artikel. Willem de Klerk war Theologe, dann Journalist („Die Transvaaler“, „Rapport“, beide an die Nasionale Party gebunden), politisch etwas anders gepolt als sein Bruder, wurde etwas früher liberal(er), war einer der „aufgeklärten“ Afrikaaner-Intellektuellen. Er war 1989 ein Mitbegründer der Democratic Party (DP), die das Erbe der UP, der PFP und von einigermaßen liberalen NP-Abspaltern (wie Willem de Klerk) in sich vereinte.

arkansas1957

Arkansas 1957, Protest gegen die Aufnahme von Afro-Amerikanern an das Gymnasium von Little Rock: dieser Zusammenhang zwischen Rassismus, Antikommunismus, Instrumentalisierung des Christentums…

Politischer Aufstieg

Die PP gewann 1974 weitere Sitze hinzu, 1975 wurde aus ihr die Progressive Reform Party, 1977 die Progressive Federal Party; jeweils durch Vereinigungen mit neu-gegründeten Kleinparteien. Aus der UP wurde vor der Wahl 1977 die New Republic Party (NRP), auch der Langzeitchef Graaff trat ab. Bei dieser Wahl überholte die PFP die NRP. Die NP verlor ab den 70ern an HNP, BSP, KP Stimmen derjenigen Buren, denen sie zu „liberal“ geworden war, weniger an die liberaleren Parteien; sie wurde aber eigentlich nicht liberaler. Als erste dieser noch radikaleren Buren-Parteien war 1969 die Herstigte Nationale Party (HNP) entstanden, unter (Johannes) Albert(us) Hertzog, Sohn von James, früher NP-Minister. Sie hat nie Sitze errungen, hauptsächlich aufgrund des Mehrheitswahlrechts. Mit der portugiesischen Entkolonialisierung 1975 war der Schutzgürtel von Apartheid-Südafrika fast weg.(47) Premier Vorster versuchte mit seiner Detente-Politik Verbündete in Afrika zu finden, so wie Mobutu, den Diktator der DR Congo (damals „Zaire“) oder die Machthaber der Republik Biafra, die versuchte, sich von Nigeria zu trennen.(48) 1980 wurde Rhodesien als Zimbabwe unabhängig und demokratisch; mit dem Ende der dortigen Minderheitsherrschaft kamen einige Tausend Weisse nach Südafrika.(49)

F. W. De Klerk wurde Anfang 1978 unter Premier Vorster Minister, hielt anscheinend zwei Ressorts gleichzeitig, war Sozial- sowie Telekommunikations-Minister. In Vorsters ersten Regierungen war sein Vater noch Minister gewesen. 77-79 flog in Südafrika der “Informations-Skandal” auf; nach Cornelius P. Mulder, dem damaligen Informationsminister in der Regierung von Premierminister Vorster auch “Muldergate” benannt, ging es dabei um eine aufwändige Propaganda-Offensive des Regimes in den 1970ern in Südafrika und international, mit dem Ziel, die Meinung über die Apartheid zu verbessern. Sie führte zum Rücktritt von Vorster als Premier, der 1978 zunächst Staatspräsident wurde, ’79 auch als dieser zurücktreten musste; zum Aufstieg von P. W. Botha, der 78 Premier wurde.(50) Vorster leistete Botha 78/79 noch ein „Rückzugsgefecht“ bzw einen Machtkampf, den er verlor, so wie Botha gut 10 Jahre später den mit De Klerk. Botha war etwas liberaler als Vorster bzgl Rassendiskriminierung, führte die „Grenzkriege“ aber brutal weiter. 1976 war das Fernsehen erst nach Südafrika gekommen, mit der Rundfunk-Anstalt SABC/SAUK, Botha war der erste Herrscher Südafrikas, der dieses Medium ausnutzte. De Klerk behielt zunächst seinen Ministerposten für Telekommunikation und Post, bis 1979, verlor den anderen mit der Regierungsumbildung.

Bekam anscheinend das Sportministerium dazu (1978/79), wurde dann Minister für Bergbau, Energie und Umweltplanung (1979/80), dann durch eine Neu-Zuschneidung der Ministerien Ressortchef für Mineralien und Energie (1980-82); tatsächlich war er 1979-82 Chef des selben Ministeriums, und dieses war sein erstes wirklich wichtiges – Bergbau betreffend, in Südafrika, wo die Wirtschaft auf die Bodenschätze (Gold, Diamanten, Uran,…) aufgebaut ist! Unter Botha wurde Anfang der 1980er die Verfassung reformiert, das Amt des Premierministers/Ministerpräsidenten abgeschafft, das des Staatspräsidenten mit Exekutivgewalt ausgestattet, zu den Homelands kamen nun Parlaments-Kammern sowie Regierungen für Inder und Farbige.(51) Macht von Weissen an Nicht-Weisse abgetreten wurde damit nicht, und die wichtigste Anti-Apartheid-Opposition (ANC) wurde dabei umgangen. Botha liess auch einige Apartheid-Gesetze abschaffen, so wie 1985 die Unsittlichkeits-Gesetze (Ontugwet/ Immorality Act) von 1927 (also vor der Apartheid-Zeit erlassen!; 1950 ergänzt) und 1957, die v.a. sexuelle Beziehungen zwischen Weissen und Nicht-Weissen verbaten… Mit der Zulassung schwarzer Gewerkschaften begann der Aufstieg (bzw die politische Tätigkeit) des jetzigen Präsidenten Ramaphosa (ANC), dieser hat 1982 die Bergarbeitergewerkschaft NUM gegründet.

Ja, Pieter W. Botha war innerhalb des Apartheid-Regimes bzw der NP ein Liberaler, ein Reformer, ein Verligter(52)… Aus Protest gegen diese „Zugeständnisse“ gab es wie schon öfters in der Geschichte der NP eine Abspaltung, 1982 unter dem ehemaligen Minister Andries Treunicht, die Gründung der Konserwatiewe Party van Suid-Afrika (KP)/ Conservative Party of South Africa (CP). 1985 bot Botha dem inhaftierten Mandela die Freilassung unter Bedingungen an, was dieser ablehnte, da die Apartheid natürlich blieb und der ANC verboten blieb.(53) Im selben Jahr dann die „Rubikon-Rede“ Bothas, in der er das Festhalten am bestehenden System verkündete. Bemerkenswert war höchstens, dass sein Aussenminister Roelof „Pik“ Botha im Nachgang anmerkte, dass Südafrika eines Tages einen schwarzen Präsidenten haben könnte…er erlebte das dann nicht nur, er war dann sogar Minister unter einem solchen. Das Regime konnte die Apartheid nicht ganz umsetzen, die meisten Weissen konnten nicht ohne schwarze Arbeitskräfte auskommen, nicht im Bergbau, nicht in der Landwirtschaft, nicht in ihren Haushalten; Widerstandsbewegungen wie der ANC wiederum konnten ihm zwar schaden, es mit seiner waffentechnischen Überlegenheit aber nicht stürzen.

1982 wurde De Klerk NP-Chef in der Provinz Transvaal, als Nachfolger von Andries Treurnicht, der die Partei ja verliess. Transvaal(54) war seine Machtbasis(55), De Klerk rückte in den 1980ern in den inneren Kreis der Nationalen Partei auf, kam ins Zentrum der Macht. Unter Botha war er 1982-85 Innenminister, was aber nicht das Ministerium war, dem die Polizei und Gefängnisse unterstanden, das war das Ministerium für Gesetz und Ordnung. 1984 wurde er Bildungsminister, blieb das bis 1989. Zusätzlich wurde er 1985 (wiederum bis 89, als er Präsident wurde) Chef des Ministerrats der „weissen Parlaments-Kammer“, des House of Assembly/ Volksraad. Mit der 1984er-Verfassung wurden ja zwei weitere Kammern geschaffen, das House of Representatives für „Farbige“ und das House of Delegates für Inder. Alle drei Kammern hatten eine eigene Regierung, die rein für die Belange dieser „rassischen Gruppe“ in Südafrika zuständig war. Dazu gab es die eigentliche Regierung, die von Botha als Präsident geführt wurde (und der De Klerk als Minister auch angehörte), die Alles umstossen konnte was die niederen Kammern beschlossen. Daran änderte auch ein Präsidentschaftsrat, in dem Vertreter aller 3 Kammern sassen, nichts.

Einige von Bothas Ministern gehörten auch (eine Zeit lang) der (unwichtigeren) weissen Regierung an, die also ab 85 von De Klerk geführt wurde; dieser war selbst ja auch Minister im „eigentlichen“ Kabinett. So wie Sarel Hayward(56) und Willem van Niekerk. Minister unter Botha waren zB auch A. Schlebusch (der ehemalige Vizepräsident), Roelof Botha (der auch unter Präsident De Klerk Minister blieb), Hartzenberg (der dann zur KP ging), „Kobie“ Coetsee (ein wichtiger Politiker der 80er und 90er, während und nach der Apartheid). Rajbansi und Hendrickse, Regierungschefs ihrer Parlaments-Kammern (Inder, Farbige/Mischlinge), waren 84-89 Minister für Angelegenheiten ihrer Rassen im Kabinett Bothas… De Klerk war in der zweiten Hälfte der 1980er primär Bildungsminister, der „weisse Regierungschef“ lief eher nebenbei (war aber Ausdruck seiner Bedeutung im Regime). Als sich 1988 Daniel Craven und Louis Luyt vom weissen Rugby-Verband SARB (zwei Konservative!) im Ausland mit ANC-Offiziellen trafen (eines der vielen Geheimgespräche der 1980er), kommentierte Bildungsminister De Klerk(57) dies so: “I must warn sportsmen that they should not allow themselves to be abused by the ANC with a view to advancing its objectives.”

Anfang der 80er, als De Klerk Minister unter Botha war, kam Mandela in ein Gefängnis am Festland bei Kapstadt. 1985 musste er zu einer medizinischen Behandlung nach Kapstadt; dort besuchte ihn Justizminister Jacobus „Kobie” Coetsee, womit die Geheimgespräche zwischen Widerstand (ANC) und Regime (NP) begannen. Der Afrikaner Broederbond erwog unter seinem neuem Chef Pieter de Lange in 1980ern eine Machtteilung mit den Schwarzafrikanern: „Das grösste Risiko ist es, keine Risiken einzugehen“. Die Vor-Verhandlungen (an denen De Klerk kaum beteiligt war) erleichterten dann in den 1990ern den Übergang zur Demokratie. Als das Regime realisierte, dass Mandela bei einem Kompromiss eine Schlüsselrolle spielen könnte, bzw dass man den möglichen künftigen Präsidenten einsperrte, begann man, ihn besser zu behandeln. 1988 wurde er in das Gefängnis in Paarl verlegt.(58) Bei den Wahlen 1987 wurde in der weissen Kammer die Konservative Partei (KP/CP), die also rechts von der NP stand, Zweiter, überholte die PFP, wurde „offizielle Opposition“. Die Progressive Federal Party (PFP) und ihre Nachfolgerin Democratic Party (DP), die sich damals die sich zumindest für eine schrittweise Aufhebung sämtlicher Apartheidsgesetze aussprachen, konnten in den 1980ern an die 20 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen, die PFP wurde aber rechts überholt.

Ein Donald Simpson schrieb in der Zeitung „The Star“, dass die NP die nächste Wahl an die KP verlieren würde.(59) Die KP gab sich zwar radikal afrikaanisch, war aber zb nahe bei beim britisch-imperialistischen Western Goals Institute, dürfte für mehr „Einheit“ der beiden weissen Gruppen gewesen sein. In den antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden. Ende der 1980er schwenkten auch Reagan, Thatcher, Shamir, Kohl,… zwangsläufig zu einer gewissen Opposition zur Apartheid ein – was auch mit sich brachte, dass einige dieser Herrscher um eine Diskussion mit ihrem eigenen System herum kamen. Es gab aber westliche Politiker wie F. J. Strauss, die dem Apartheid-System bis zum Ende treu blieben.(60) Unter Botha als Regierungschef war Südafrika ein Polizeistaat (Minister für „Gesetz und Ordnung“ war ab 1986 Adriaan Vlok), entschied das Militär in der Politik mit (Verteidigungsminister ab 1980 war Magnus Malan, Generalstabschef, dann Verteidigungsminister als Nachfolger Bothas).

Der innere Konflikt Südafrikas und die damit verbundene länderübergreifende Gewalt im südlichen Afrika kamen Ende der 1980er zu einem Höhe- und Endpunkt. 1987/88 die Schlacht von Cuito Cuanavale in Angola, Teil des Angolanischen Bürgerkriegs und der ZA-Grenzkriege; auf der einen Seite SADF, SWATF, UNITA/FALA (unterstützt von Zaire, USA), auf der anderen Seite der angolanische Staat (MPLA/FAPLA), kubanisches Militär, SWAPO/PLAN (unterstützt von der SU), wahrscheinlich keine Einheiten von ANC/MK. Im Nachhinein beanspruchten beide Seiten den Sieg, auf beiden Seiten gab es Unwillen und Widerstand dagegen, den bewaffneten Kampf aufzugeben, zu „kapitulieren“. M. Malan verbreitete um 1992 ggü SADF-Soldaten eine Dolchstosslegende („unbesiegt von Politikern betrogen“), auf der Gegenseite gab es so etwas auch, das Gefühl mit Verhandlungen den Kampf „betrogen“ zu haben. Denn bald nach den Kämpfen begannen Verhandlungen, diese führten zum Angola-Namibia-Abkommen 1988, mit diesem gingen die Kriege im südlichen Afrika zu Ende. Der Vertrag sah ein Friedensabkommen für Angola und die Unabhängigkeit von Namibia vor.(61)

Wahrscheinlich hat schon bei dieser Friedenslösung eine Rolle gespielt, dass die SU unter Michail Gorbatschow 1988/89 ihre Unterstützung für Angola, Mocambique, den ANC und SWAPO reduzierte. Die Umstürze in Osteuropa 89-91 hatten natürlich auch mit der Perestroika zu tun, hauptsächlich dadurch, dass die SU die Entwicklungen in Ungarn, Polen,… zuliess. Infolge des Namibia-Angola-Abkommens wurde in Namibia/Südwestafrika im November 89 ein Parlament gewählt, in dem die SWAPO eine deutliche Mehrheit bekam; etwa ein halbes Jahr später wurde Namibia unabhängig. Das Ende des angolanischen Bürgerkriegs zog sich bis 1992 hin, und war auch dann nicht „endgültig“, die UNITA gab erst nach dem Tod ihres Führers Savimbi 02 auf. Zu Beginn des Jahres ’89, als Ungarn begann, als erster der Ostblock-Staaten sein kommunistisches System abzuschaffen (gefolgt von Polen), begann in Südafrika der Abgang von Staatschef Pieter W. Botha. Der Abgang war eine Mischung aus krankheitsbedingtem Rücktritt und Palastrevolte. Botha erlitt im Jänner 1989 einen (milden) Schlaganfall, Verfassungsminister J. Christiaan „Chris“ Heunis wurde geschäftsführender Staatspräsident, bis März des Jahres.

Im Februar 89 trat Botha als Vorsitzender der NP zurück, erwartend dass der von ihm favorisierte Finanzminister Barend du Plessis zu seinem Nachfolger gewählt werden würde. De Klerk, einer von Bothas Ministern, hatte nicht zu dessen innerem Kreis gehört. Die Parlamentsfraktion der NP wählte aber ihn zu Bothas Nachfolger – 8 Stimmen machten den Unterschied zwischen De Klerk und Du Plessis aus. Aussenminister „Pik“ Botha, der in dieser Abstimmung ebenso (wie auch Heunis) angetreten war, wurde Verbündeter De Klerks im Machtkampf um die Nachfolge von Pieter Botha als Präsident. Der wollte als solcher weitermachen, nachdem er im März zurückgekehrt war. D. Malan löste einst nach dem Wahlsieg der HNP Smuts als Premier ab; zog sich 1954 mit 80 Jahren zurück, es gab einen Nachfolgekampf zwischen Strijdom, Dönges und Havenga, Ersterer (De Klerks Onkel) setzte sich ja durch; Verwoerd folgte auf Strijdom nach dessen Tod ’58, wurde ’66 ermordet, worauf Vorster nachrückte, der 78/79 zurücktreten musste, Widerstand gegen seine „Entmachtung“ durch Botha leistete. Und 89 stieg also De Klerk während Bothas Erkrankung und welt- und regionalpolitischer Umbrüche zur Macht auf, zunächst innerhalb der Partei. Blieb Minister und suchte Gespräche mit den Mächtigen der westlichen Welt (v.a. Bush sen., Thatcher).

De Klerk war bei seiner Machtübernahme 89 Bildungsminister, Vorsitzender des weissen Ministerrats und Parteichef in Transvaal. Die Position des „weissen Regierungschefs“ deutet inhaltlich wie „formal“ auf eine Verhaftung im Apartheid-System hin. Er bekam den Posten (1985) wohl, weil er einer der Mächtigen geworden war; er war nicht deshalb im engeren Machtkreis der NP weil er diese Position inne hatte. Wie gesagt, Botha galt als Verligter, und De Klerk war eigentlich ein Verkrampter…aber kein „Sekurokrat“, jemand der an die Lösung von Problemen mit Gewalt bzw Unterdrückung glaubte. Im August ’89 (ein Monat nach einem Geheimtreffen mit dem inhaftierten Mandela) trat Botha „aus gesundheitlichen Gründen“ zurück, zunächst vor der Parlaments-Fraktion der NP (tatsächlich gab es wieder Streit in seiner Regierung). Und De Klerk wurde, zunächst, amtierender (interimistischer) Staatspräsident. Angelobt von Oberrichter (Chief Justice) Michael M. Corbett vom Obersten Gerichtshof.(62) De Klerk hat Botha also zuerst als Parteichef, dann als Präsident beerbt, im Laufe eines halben Jahres. Als Minister und Weissen-Regierungschef trat er zurück. Botha, „die groot Krokodil„, zog sich in sein Haus in Wilderness („Wildnis“) nahe Kapstadt zurück, von wo aus er dann über den Verhandlungsprozess und den demokratischen Neubeginn ätzte.

Als Präsident Südafrikas

Bald nach seinem Amtsantritt reiste De Klerk u.a. nach Zambia/Sambia (das nach seiner Unabhängigkeit 1964 ein wichtiges Exil-Zentrum des ANC geworden war), der Plan dieses Besuchs hatte zum finalen Zerwürfnis mit Botha und dessen Abgang geführt. De Klerk war in der NP sozialisiert worden und war immer mit ihr mitmarschiert, so dass allgemein erwartet wurde, dass er die Politik von Botha fortsetzen würde, trotz regionaler und globaler Umwälzungen zu dieser Zeit. Von Vertretern des ANC in Südafrika und im Exil etwa, die sich zu ihm äusserten, nachdem er amtsführender Präsident geworden war. Der Bischof und führende Anti-Apartheid-Aktivist Desmond Tutu sagte damals: „I don’t think we’ve got to even begin to pretend that there is any reason for thinking that we are entering a new phase. It’s just musical chairs“. Tutu und Allan Boesak, Geistlicher einer „farbigen“ niederländisch-reformierten Kirche, planten im September 1989 (als Polen etwa bereits eine nicht-kommunistische Regierung hatte) einen Protestmarsch in Kapstadt. Die Bosse von SADF (Militär) und SAP (Polizei) wollten diesen verhindern. De Klerk setzte sich, im Staatssicherheitsrat, aber damit durch, den Marsch gegen die Apartheid zuzulassen (obwohl er gegen damals geltendes Recht verstiess), sprach von einem „neuen Südafrika“… Etwa 30 000 Leute nahmen teil, alles lief friedlich. Es folgten weitere Protestmärsche, in Johannesburg, Pretoria, and Durban,…, ohne Gewalt von der einen oder anderen Seite.

Es war das erste Mal, dass De Klerk „Farbe bekannte“, einen Bruch mit der Botha-Ära machte.(63) Und Tutu änderte seine Meinung über De Klerk. Im September ’89 fand auch, in der Schweiz, ein Treffen von ANC-Exil-Führern und Vertretern der NP statt. Die nächsten Parlamentswahlen wären erst 1992, 5 Jahre nach denen 1987, fällig gewesen, De Klerk liess diese aber vor-verlegen, auf September 89, um ein klares Mandat von den weissen Wählern zu bekommen, für seine Vorhaben. Vor dieser Wahl entstand die Democratic Party/ Demokratiese Party (DP), gewissermaßen als Wiedervereinigung jener Strömungen die aus der United Party (UP) gekommen waren. Zum Einen war das die PFP, zum Anderen Denis Worralls Independent Party (IP) sowie Wynand Malans National Democratic Movement (NDM), zwei NP-Abspaltungen. Wobei sich die NRP 1988 aufgelöst und grossteils der IP angeschlossen hatte. Die DP hatte drei Führer aus den drei „Einzelbestandteilen“ PFP (Zacharias de Beer), IP (Worrall) und NDM (W. Malan), wobei De Beer schliesslich der alleinige wurde. Willem „Wimpie“ de Klerk, Bruder von FW, ebenfalls ein NP-Dissident, spielte bei dieser Vereinigung zur DP im April 89 eine Rolle, nahm aber kein Mandat und anscheinend auch keine innerparteiliche Rolle an.

Die NP behauptete sich bei dieser Wahl (jener zur weissen Parlamentskammer) vor der Konkurrenz von rechts (KP) und links (DP), verlor zugunsten der Konservativen Partei, die nun bei über 30% war. Zugleich wurden ja die Kammern der Mischlinge und Inder gewählt. Es sollte die letzten Wahl im Apartheid-System sein. Nachdem er vom 3-Kammern-Parlament zum Präsidenten gewählt wurde (September), wurde De Klerk zum zweiten Mal angelobt, wieder von Oberrichter Corbett(64); und ohne internationale oder südafrikanische Gäste, nur mit den Führern der Homelands. Seine Angelobungen illustrieren gut die Isolation, in der sich das Apartheid-Regime damals befand. 5 Jahre später, als er Vizepräsident wurde, waren die Dinge dann ganz anders.

Was De Klerks Regierungs-Kabinett betrifft, die Übersicht dazu auf der französischen Wikipedia ist überraschenderweise akkurater als jene auf der englischen. Wie auch in den voran gegangenen Regierungen gab es darin kaum Frauen und Nicht-Afrikaaner (englischsprachige Weisse), Nicht-Weisse erst gegen Ende von De Klerks Präsidentschaft. Elizabeth „Rina“ Venter wurde erster weiblicher Minister in Südafrika, unter De Klerk! Unter der Ärztin begann 1990 die Desegregation im Gesundheitswesen Südafrikas, begann die ernsthafte Behandlung von AIDS, ausserdem kamen Tabak-Einschränkungen; sie war die Vorgängerin von Dlamini-Zuma auf diesem Posten. George Bartlett, ein „Soutpiel“ in der DeKlerk-Regierung, kam von der UP/NRP, und war aus Natal.

De Klerk war in seiner Regierung selbst Sicherheitsminister, 89-94, dabei anscheinend hauptsächlich für den Geheimdienst (NIS) zuständig; es gab daneben aber das Ministerium für Recht und Ordnung (91 wurde H. Kriel dort Minister), eins für Gefängnisse (ab 91, unter A. Vlok) und eines für Innere Angelegenheiten (unter Louw, dann Pienaar, Schutte). Diese Aufteilung wurde von der Regierung der nationalen Einheit ab 1994 weitgehend so übernommen! Es gab getrennte Bildungsministerien für Rassen, ein Ministerium für Bantu-Bildung… Wichtige Minister blieben „Kobi“ Coetsee (Justizminister unter Botha und De Klerk), „Pik“ Botha (blieb Aussenminister), David de Villiers, Vlok, Eugene Louw, Malan, Du Plessis. Wichtig wurden Kriel, Keys, Wessels, Van Niekerk,… Vizeminister unter De Klerk waren u.a. S. Camerer, R. Schoeman, W. Breytenbach, G. Myburgh, A. Williams, T. Delport,…und vorerst Roel(o)f Meyer (wie schon unter Botha). In der weissen Regierung waren 89-94 durchwegs Leute, die auch in der „allgemeinen“ Regierung Rollen spielten, wie Coetsee, Malan, Vlok, Kriel, Wessels, Venter, S. De Beer, Van Niekerk, P. Marais, Anthon Meyer,…

Im Oktober 89 wurden Walter Sisulu und acht andere politische Gefangene freigelassen. Im Dezember traf De Klerk erstmals Mandela, der Gefangene wurde in das Tuynhuys gebracht, Amtssitz des Staatspräsidenten, neben dem Parlament in Kapstadt – wie schon im Juli dieses Jahres zum Treffen mit Botha. Weniger als 5 Jahre später war das Haus die Residenz von Mandela. Der ziemlich renommierte Journalist Max du Preez beschrieb die Szene später so: „Beide wussten, dass Mandela de Klerk als Präsident ersetzen wird.“ Und beide mussten Unterstützer/ Mitarbeiter davon überzeugen, sich mit der Gegenseite an den Verhandlungstisch zu setzen. De Klerk sagte später, ab diesem Treffen hätte es zwischen Mandela und ihm immer einen gewissen Respekt und Vertrauen gegeben. Ende 89 konstatierte De Klerk das Scheitern der Apartheid-Politik.

Und, er hatte Zeit, seine Rede im Februar 1990 vorzubereiten, die der Präsident in Südafrika traditionell vor dem Parlament hält, zur Eröffnung des Parlamentsjahres, zur „Lage der Nation“.(65) Mit seiner Rede ’90, vielleicht noch immer die wichtigste derartige Präsidenten-Ansprache Südafrikas, hat er nicht nur die Parlamentssaison 1990 eingeleitet, sondern auch das Ende der Apartheid. De Klerk hat sich über die Weihnachtspause, u.a. in seinem Ferienhaus in Hermanus bei Kapstadt, auf die Rede zur Parlamentseröffnung 90 vorbereitet. Er hatte sie mit seinem Regierungskabinett und der Spitze der NP (grossteils deckungsgleich) besprochen, bzw diese eingeweiht, wohl auch mit dem AB. Fraglich ist, ab wann er sie plante bzw mit diesem Paket von Maßnahmen, das er dann ankündigte, „schwanger“ war. Vermutlich ab Ende 89.

Der Glaube an einen friedlichen Wandel in Südafrika war Anfang der 1990er, im Land und anderswo, nicht sehr verbreitet. Trotz des Namibia-Angola-Abkommens und der weitgehenden Entschärfung des Kalten Kriegs im Laufe des Jahres 1989. De Klerk kam praktisch gleichzeitig mit Beginn der Umbrüche in Osteuropa an die Macht, in Apartheid-Südafrika. Anfang 1990 gab es den „Ostblock“, bzw den Block von Staaten die unter dem Einfluss der Sowjetunion standen, eigentlich nicht mehr als solchen.(66) Und die SU liess nicht nur das zu, sie stellte, gegen Ende ihrer Existenz, die Unterstützung kommunistischer Staaten und Organisationen weltweit ein, von Afghanistan bis Angola. Die SU, selbst reformiert und weiter darum bemüht, ging 1991 unter, in diesem Jahr wurde auch der Warschauer Pakt aufgelöst – zu einer Zeit, als Südafrika intensiv mit sich beschäftigt war.(67) In Apartheid-Apologetiken wurden der Kommunismus und die Sowjetunion ja in der Regel gross herausgestrichen, teilweise als Vorwand (in Verdrehung von Tatsachen). Diese Entwicklungen hatten sicher einen Einfluss auf De Klerks Reformkurs, den er mit der Rede Anfang 90 einleitete.

Das Apartheid-Regime war damals unter Druck (international, auch vom Westen; im Land), andererseits auch „befreit“ durch die Entschärfung des Kalten Kriegs. De Klerk ’19 zum ZDF: Obwohl weisse Südafrikaner damals „alle Macht in den Händen gehalten“ hätten, sei „um der Gerechtigkeit willen“ ein vollständiger Bruch mit der Apartheid nötig gewesen. Die Abschaffung des Apartheid-Systems hat seiner Ansicht nach einen „verheerenden Bürgerkrieg“ verhindert. Nun, es war keine militärische Niederlage zu erwarten, aber auch kein Sieg. Und die bewaffneten staatlichen Kräfte begingen schwere Menschenrechtsverletzungen und ermutigten solche. Einerseits war der Wunsch da, aus Südafrika eine „normale westliche Demokratie“ zu machen, andererseits gab es Unwillen, echte Demokratie zuzulassen, Nicht-Weisse als Ebenbürtige anzuerkennen. Wobei die geheimen Gespräche von Vertretern/Führern des Regimes mit ANC-Leuten (an denen ja sogar Botha beteiligt war!) doch zeigen, dass man dort nach „Auswegen“ gesucht hat.

Am 2. 2. 1990 (Sommer dort) die Rede De Klerks zur jährlichen Parlamentseröffnung, davor gab es wilde Spekulationen, was sie bringen würde. Anwesend im Parlament waren die Spitzen des (Apartheid-) Staates, wie Generalstabschef Geldenhuys (Ende 90 von Liebenberg abgelöst) oder Oberrichter Corbett. Draussen, vor dem Parlament, eine Demonstration, u.a. für die sofortige Freilassung von Nelson Mandela, mit Desmond Tutu, „Winnie“ Mandela, Patrick M. Lekota, Ebrahim Rasool, Trevor Manuel,…, vielen wichtigen Aktivisten des (ja noch verbotenen) ANC. De Klerk hielt seine Rede zT in Afrikaans, zT in Englisch. Sprach von den Umwälzungen im Ostblock und was sie für das südliche Afrika bedeuteten, stellte den Kommunismus global/regional als Hindernis für Frieden in der Region dar (nicht die Apartheid), redete von Umwälzungen in der Region, neuen Nachbarschafts-Beziehungen, gleichen Rechten für Alle in Südafrika.

„The season of violence is over. The time for reconstruction and reconciliation has arrived.“ Sprach von der Ausarbeitung neuer Menschenrechts-Prinzipien, durch die South African Law Commission. Kündigte ein Moratorium für die Todesstrafe an, ihre Überprüfung an sich. Kündigte an, das Gesetz über getrennte Einrichtungen(68) aus 1953, einer der Pfeiler der „kleinen Apartheid“, abzuschaffen. Der letzte Punkt der Rede betraf die Aufnahme von Verhandlungen, hier machte er jene Ankündigungen, die die Rede so wichtig/brisant machten: die Aufhebung des Verbotes des ANC, des PAC, der SACP und ihrer Vorfeld-Organisationen; die Freilassung von Personen, die lediglich dafür eingesperrt waren, diesen Organisationen angehört zu haben („…or because they committed another offence which was merely an offence because a prohibition on one of the organisations…“); die Aufhebung der Zensur im Presse- und Bildungsbereich; die Aufhebung des Ausnahmezustands; die Aufhebung von Restriktionen gegen Organisationen wie UDF oder COSATU(69). Und: die Freilassung Nelson Mandelas.

„In this connection Mr Nelson Mandela could play an important part. The government has noted that he has declared himself to be willing to make a constructive contribution to the peaceful political process in South Africa. I wish to put it plainly that the government has taken a firm decision to release Mr Mandela unconditionally.“ Er hat den ANC in der Rede nur im Zusammenhang mit der Aufhebung seines Verbots genannt, aber er gab darin die Bereitschaft der Regierung zu Verhandlungen mit diesem bekannt. Und es werde in den Verhandlungen um eine „Normalisierung“ des politischen Prozesses in Südafrika gehen. „Among other things, those aims include a new, democratic constitution; universal franchise; no domination; equality before an independent judiciary; the protection of minorities as well as of individual rights; freedom of religion; a sound economy based on proven economic principles and private enterprise; dynamic programmes directed at better education, health services, housing and social conditions for all.“ Die Rede gibt es als Transkript, anscheinend vollständig (demnach mit englischer Übersetzung des afrikaansen Teils) hier und hier, und in kommentierten Video-Ausschnitten hier und hier.

Die Blicke der beiden Parlamentsdiener im Hintergrund sagen, dass sie auch etwas Anderes gewöhnt waren. A propos: Hier ist man an Dimitri Tsafendas erinnert, jenen Parlamentsdiener, der Apartheid-Premier Hendrik Verwoerd 66 in diesem Parlament erstach. Ob Tsafendas unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem war oder mit diesem an sich oder nur verrückt, ist bis heute umstritten. Tsafendas wurde übrigens gegen Ende der Apartheid aus dem Gefängnis in eine psychiatrische Anstalt überstellt

Während der Rede machten mehrere Politiker der Konservativen Partei (KP) wie ihr Chef Treurnicht protestierende Zwischenrufe, manche standen dabei auf, es gab Ordnungsrufe vom Parlamentspräsidenten (der weissen Kammer) (Eu)gene Louw.(70) Danach gab De Klerk eine Pressekonferenz. In Kapstadt und in anderen Teilen Südafrikas gab es Jubel-Kundgebungen, auch mit ANC-Flaggen. Die internationalen Reaktionen waren positiv, Thatcher & Co waren ja inzwischen auf diese Linie eingeschwenkt, und in der SU hatte man andere Probleme. Der südafrikanische Journalist „Tony“ Weaver schrieb 2010, zum 20-Jahres-Jubiläum der Rede, auf iol darüber, stellte sie in eine Reihe mit Momenten der Geschichte wie der Befreiung des Nazi-Tötungslagers in Oswiecim, dem „Fall“ der Berliner Mauer, die Ermordung von John Kennedy,… Wie ist die Rede bzw sind die Maßnahmen, die auf sie folgten, wirklich einzustufen? Der Schritt war in dieser („geballten“) Form eine Überraschung, in Südafrika (bei Schwarz und Weiss) und international. Die Rede enthielt keinerlei Eingeständnis, dass die Apartheid falsch/ungerecht (gewesen) war, viel Leid angerichtet hat, handelte ausführlich davon, dass sich die Bedingungen geändert haben; enthielt etwas Häme bzgl des Scheitern des Kommunismus in Osteuropa, in Richtung des ANC – sein Unterstützer, die SU, war gewissermaßen gescheitert, und sein Alliierter, die SACP, hätte ein Konzept, das dazu verurteilt war.

Die südafrikanische (Apartheid-) Regierung bzw die NP hätten eigentlich nur reagiert, auf diesen „kommunistischen Anschlag“, sie reagierten auch jetzt, auf diese geänderten Voraussetzungen… Schuldzuweisungen: „Today’s announcements, in particular, go to the heart of what Black leaders – also Mr Mandela – have been advancing over the years as their reason for having resorted to violence. The allegation has been that the Government did not wish to talk to them and that they were deprived of their right to normal political activity by the prohibition of their organisations.“ Die Rede enthält Warnungen bzgl einer „Aufrechterhaltung der Ordnung“ und Versicherungen, dass die „Sicherheitsgemeinschaft“ des Landes (die Chefs von SADF, SAP, NIS) mit den Schritten einverstanden sei. Sie enthält aber auch konkrete Schritte zur Abschaffung der Apartheid und die Initiation des Prozesses der Verhandlungen, den Beginn eines Wandels der unumkehrbar war. Die Motivationen/Gründe für den Schritt ist eine der Hauptfragen bei der Beurteilung De Klerks, um die es dann im Schlussabschnitt geht. Es ist davon auszugehen, dass De Klerk, als er damit begann, die Apartheid “abzubauen”, dies nicht als Kapitulation der Weissen oder Afrikaaner sah, sondern dass er dies tatsächlich als adäquate Reaktion auf geänderte Bedingungen sah, aus der Intention handelte, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern – so formulierte er es dann in seiner Autobiografie.

Hermann Giliomee schreibt, das „Sicherheitsestablishment“ hat De Klerk den Schritt empfohlen, aus der Überlegung heraus dass der ANC nun genug geschwächt sei (v.a. durch das Ende der SU-Unterstützung). Sein Bruder Willem schrieb, FW de Klerk hatte lange an die Apartheid geglaubt; an die rassische Trennung und Hierarchie, mit den Afrikaanern an der Spitze. Und, er hätte eine „Konversion“ erfahren, kein dramatisches Ereignis, sondern ein gradueller Prozess, und dabei sei es um Pragmatismus gegangen(71). In einem SABC-Interview heuer, 2020, zum 30-jährigen Jubiläum der Rede bzw der Schritte die darauf hin folgten, (www.youtube.com/watch?v=VBE844vDkx4 ) sagte De Klerk, der Schritt 1990 sei vom Gewissen motiviert gewesen, Druck sei nicht der Grund gewesen, man wollte damit hauptsächlich in Verhandlungen kommen, mit dem ANC. Ein anderes Mal sagte er, er glaub(t)e nicht an eine nicht-rassische Gesellschaft, aber an eine nicht-rassistische, führte dabei USA und GB an, wo es keine gesetzliche Trennung (mehr) gibt, aber die verschiedenen rassischen/ ethnischen Gruppen zu einem guten Teil unter sich blieben. Man kann, so wie die Verhandlungen dann gelaufen sind, auch davon ausgehen, dass De Klerk ein anderes Ziel des Weges im Auge hatte, als das was dann kam.

In mancher Hinsicht knüpfte er auch Botha an (Treffen mit Mandela, Namibia-Angola-Abkommen,…), brach nicht mit dessen Politik. Am 11. Februar, also etwas mehr als eine Woche nach De Klerks Rede, verliess Nelson Mandela nach 27-jähriger Haft das Gefängnis in Paarl bei Kapstadt (in dem er die letzten 2 Jahre verbracht hatte). Die Freilassung Mandelas war die sichtbarste Umsetzung von De Klerks Ankündigungen. Aus seiner und Mandelas Autobiografie geht hervor, dass Mandela zwei Tagen davor (also nach der Rede) nochmal zu De Klerk in das Tuynhuys gebracht wurde, um die Details der Freilassung zu besprechen.(73) Am 21. März wurde Namibia von Südafrika in die Unabhängigkeit entlassen, wie ausgemacht, De Klerk war bei der Feier in Windhuk/ Windhoek auch dabei. Und Louis Pienaar natürlich, letzter südafrikanischer Administrator über Südwestafrika/Namibia, ausserdem De Klerks Minister. Er übergab gewissermaßen an die Regierung von Samuel Nujoma (SWAPO), die auf Grundlage der Wahlen von 1989 zu Stande kam. Auch der frisch freigelassene Nelson Mandela war bei der Feier im Stadion in Windhuk. Die Unabhängigkeit für Namibia nahm dem Apartheid-Regime schon viel „Druck“ von den „Schultern“, entspannte die Situation; im afrikanischen Kontext war die Besetzung dieses Landes ein mindestens eben so grosses Thema wie die Apartheid gewesen. Und, es war auch ein Zwischenschritt für das Zulassen einer Demokratie in Südafrika.

Im Mai 1990 kam es dann in Kapstadt zu einem ersten Treffen hochrangiger NP- und ANC-Politiker, also gewissermaßen von Regierung und ausserparlamentarischer Opposition. In Groote Schuur, der Präsidenten-Residenz in Kapstadt (früher jene der Premierminister), verbrachten die Führer des Apartheid-Systems und die seines wichtigsten Gegners 3 Tage zusammen, redeten mit einander. Der wichtigste Teil der Regierung der nationalen Einheit 94-96 war da mit dabei. Mandela trat den Regierenden erstmals nicht als Gefangener sondern als gleichrangiger Verhandlungspartner gegenüber. Für viele Afrikaaner war nicht er oder ein anderer Schwarzer der gefährlichste ANC-Mann, sondern ein Weisser, SACP-Chef (Generalsekretär) „Joe“ Slovo, englischsprachig, jüdisch, mit Wurzeln in Osteuropa, lange im Exil; dort war seine Ehefrau (Ruth First) von einer Paketbombe des Apartheid-Regimes getötet worden. Ab Groote Schuur war er bei allen Verhandlungs-Stationen dabei. Es herrschte eine gute Stimmung, inhaltliche Differenzen wurden schon sichtbar. Man einigte sich auf die „Groote Schuur Minute“, ein Bekenntnis zu einer friedlichen Lösung des Konflikts, und zur Lösung von praktischen Hindernissen für Verhandlungen; das betraf die Rückkehr von Exilanten und die Freilassung politischer Gefangener. Dieses Treffen leitete die jahrelangen, nunmehr offenen bzw. offiziellen, Verhandlungen ein.

Im August ’90 einigten sich Apartheid-Regierung und ANC auf die „Pretoria Minute“, der ANC erklärte bei diesem Treffen in Pretoria die Einstellung des bewaffneten Kampfes, den er ja über seine Miliz Umkhonto we Sizwe (MK) führte. Nachdem er den Mut aufgebracht hatte, dem Apartheid-Regime den Kampf anzusagen, brachte Mandela nun den Mut auf, diesen Kampf (auf dieser Ebene) aufzugeben. Im Dezember 90 kehrte ANC-Präsident Oliver Tambo nach Südafrika zurück; nicht nur wegen dessen Erkrankung hatte aber Mandela bereits eine stärkere Führungsrolle übernommen. Auf der ANC-Konferenz im Juli 1991 in Durban, dem ersten seit 1959 in Südafrika, wurde Mandela dann auch zum neuen Präsidenten gewählt. Spätestens da waren De Klerk und er die beiden Hauptverhandlungspartner. Mandela nannte De Klerk irgendwann „einen der grössten Söhne Afrikas“; De Klerk sagte 1990 über Mandela “Er ist ein älterer Mann, ein würdevoller Mann, ein interessanter Mann“. Martin Thembisile „Chris“ Hani kehrte 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück, nachdem dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von Joe Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab (wurde von Johannes Modise abgelöst)(73). Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Obwohl der ANC bzw seine Miliz (der MK) nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf einstellte und das Regime mit Schwarzen und Oppositionellen nun anders umging, war der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess von Gewalt begleitet. Es begann 1990 eine neue Gewalt, parallel zum Abbau der Apartheid, die nach einer Gewalt Schwarze (ANC-Anhänger bzw hauptsächlich Xhosas) gegen Schwarze (Inkatha-Anhänger bzw hauptsächlich Zulus) aussah. Sicher ist, dass der von Botha stark aufgewertete “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) dabei mit-mischte und dass dieser Apparat teilweise an der Regierung vorbei agierte, dabei tat sich v.a. der Militär-Geheimdienst DMI hervor.

Die Inkatha Freedom Party (IFP) war die Partei des Homelands KwaZulu (das Teile in der Provinz Natal umfasste bzw von dieser umgeben war), das als solches 1977 geschaffen wurde(75). Die Inkatha wurde 1975 gegründet, vom Chefminister des autonomen Homelands KwaZulu, Mangosuthu G. Buthelezi; mit dem Beginn des Endes der Apartheid 1990 benannte er sie um und dehnte sie in weitere Teile Südafrikas aus, überall dort hin, wo Zulus lebten (das grösste Volk Südafrikas), nicht zuletzt in den Transvaaler Ballungsraum um Johannesburg und Pretoria. Buthelezi wollte aus der Inkatha FP eine Zulu-Nationalpartei machen, bzw eine Zulu-Traditionalisten-Partei, denn hinter ihm stand ja noch König Goodwill Zwelithini, ein Verwandter von ihm und Nachfahre des letzten souveränen Zulu-Königs, Cetshwayo.(76) Und das Regime unterstützte die IFP gegen den ANC.

KwaZulu-Chefminister und IFP-Chef Buthelezi, ein Historiker, war in der Youth League des ANC gewesen. In den 1980ern fanden er und das Apartheid-Regime sowie global verstreute (bzw westliche) Apartheid-Unterstützer zu einander, begann er den ANC als Konkurrenten aufzufassen, wurde er als Instrument gegen diesen entdeckt.(77) Buthelezi begann, eine prominentere Rolle als andere Homeland/Bantustan-Führer zu spielen, wurde „Aushängeschild“ für Jene, die sagten, dass der ANC nicht alle Schwarzen repräsentiere, das Apartheid-Regime Schwarze gar nicht so schlecht behandle. Buthelezi durfte seine “Sicherheitskräfte” durch das Apartheid-Regime und von dessen Partner Israel ausbilden und aufrüsten lassen. Wie er von konservativen Kreisen im Westen unterstützt wurde (GB, BRD,…), von der internationalen Apartheid-Lobby, dem kann man gewahr werden, wenn man verschiedene Zeitungsberichte aus den 1980ern und frühen 1990ern liest. Buthelezi war kein echter „Quisling“, er forderte etwa die Freilassung Nelson Mandelas (zu dem man ihn als „positive Gegenfigur“ aufbauen wollte) und seine Unterstützung für das Apartheid-Regime hatte Grenzen.

1990 also der Beginn des Machtkampfes zwischen ANC und IFP, geschürt vom Regime. Buthelezi war als Homeland-Führer auf das Regime angewiesen und er kämpfte darum, die Zulus nicht an den ANC zu „verlieren“. Während man in den 1980ern noch davon geredet hatte, dass Südafrika auf einen Bürgerkrieg „Schwarz gegen Weiss“ zusteuere, wurde in den 1990ern (in den Übergangsjahren, bis 1994) eine Art Bürgerkrieg „Schwarz gegen Schwarz“ Realität. Dies hauptsächlich in der Bergbau- und Industrieregion um Johannesburg (Witwatersrand-Region, heutiges Gauteng), wo alle schwarzen Völker durch Arbeitsmigration vertreten sind. Der Konflikt ANC gegen IFP sprang dann auf die Provinz Natal und das Homeland KwaZulu über, wo er einer unter Zulus war, die den beiden politischen Lagern angehörten. Der Konflikt war eigentlich kein ethnischer (zwischen Zulus und Xhosas, den beiden grössten Völkern Südafrikas), wurde aber gerne als solcher dargestellt bzw aufgefasst. Darauf zielte die Unterstützung der IFP durch Kräfte im Regime ja auch ab… Das Teile-und-herrsche sollte die Schwarzen gegen einander aufbringen (und das Regime damit schützen), sollte die numerische Unterlegenheit der Weissen etwas ausgleichen (Zulus und Xhosas machen je etwa 20% der Bevölkerung Südafrikas aus, die Weissen damals 15%), sollte der Welt ein Bild der Schwarzen zeigen.(78)

Im SABC-Interview 2020 anerkannte De Klerk, dass staatliche „Sicherheitskräfte“(79) die Gewalt Schwarz gegen Schwarz zumindest geschürt haben, aber dies an ihm vorbei, und verwies auf seine diesbezüglichen Umstrukturierungen. Welche Rolle De Klerk dabei wirklich spielte, ist umstritten, erwiesen ist, dass die ihm unterstehenden Staatsorgane in vielen Bereichen an ihm vorbei agierten und er auf Enthüllungen mit Konsequenzen wie Entlassungen von Verantwortlichen reagierte. Nachdem er Präsident geworden war, musste sich De Klerk erst in den „Sicherheitsapparat“ des Apartheid-Regimes „einarbeiten“ (es kennenlernen) und sich darin Respekt verschaffen, dann stellte er eine Oberaufsicht der Politik darüber wieder her.(80) De Klerk forderte das Unterdrückungs-Management heraus bzw begann seine Einbremsung/Entmachtung, liess Vieles entschärfen, abrüsten, liberalisieren,… Als Mandela 1994 Präsident wurde, war es in mancher Hinsicht auch so, er wurde allmählich eingeweiht, in Einzelheiten diverser Militär-/Geheimdienst-/Spezialpolizei-Projekte; das betraf auch Minister von ANC oder IFP.

Es spricht daher Einiges dafür, dass die „Inkatha-Aufhetzung“, zumindest in ganzem Umfang, von diesem Staatssicherheitssystem an De Klerk, der Regierung vorbeigelaufen ist. Unter Botha wurde der Staatssicherheitsrat (State Security Council), ein unter Vorster (1972) geschaffenes Gremium (eigentlich zur Beratung der Regierung in „Sicherheits“-Fragen) sehr mächtig, wenn man so will, ein zweites Machtzentrum neben der Regierung. Unter De Klerk, der ja nicht in diesem Bereich tätig war, bevor er Präsident wurde, wurde der Staatssicherheitsrat wieder zu einem Beratungsgremium der Regierung. Unter Botha war ein neuer Geheimdienst geschaffen worden, nachdem das alte South African Bureau for State Security (BOSS)(81) infolge des Auffliegen des Infoskandals ’78 aufgelöst wurde. Dieser war der National Intelligence Service (NIS; Nasionale Intelligensiediens), unter dem jungen Politologen Daniel „Niel“ Barnard; der Militärgeheimdienst DMI war aber unter Botha wichtiger. Barnard war bei den Geheimtreffen mit Mandela dabei, bereitete die Transformation gewissermaßen mit vor. Barnard hatte zu De Klerk kein so gutes Verhältnis wie zu Botha; in seiner Autobiografie schreibt er, De Klerk habe an den Sitzungen des Staatssicherheitsrats eher ungern teilgenommen, verglich ihn dabei mit einem Schulbuben, stellte dessen „strategische Fähigkeiten“ in Frage, kritisierte die Ablöse Bothas.

Unter De Klerk wurde Barnard 1992 durch dessen Stellvertreter „Mike“ Louw abgelöst; Barnard spielte in den Verhandlungen und der Ausarbeitung der neuen Verfassung aber weiter eine Rolle. De Klerk setzte Untersuchungs-Kommissionen ein, unter den Richtern Harms, Kahn, Goldstone, die den SADF-SAP-NIS-Apparat und sein Wirken durchleuchten sollten, ausserdem beauftragte er Pierre Steyn vom Verteidigungsministerium, einen Bericht über das Wirken des DMI zu erstellen. 1991 hat er M. Malan als Militärminister („Verteidigung“) und A. Vlok als Polizeiminister („für Gesetz und Ordnung“) abgesetzt. 1992 hat De Klerk 23 SADF-Offiziere (darunter 2 Generäle) in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Ein grossteils verborgener Teil von De Klerks Reformkurs war die Einstellung der atomaren, biologischen und chemischen Waffenprogramme; das B- und das C-Waffen-Programm waren zu „Project Coast“ zusammengefasst, Einiges darüber hier. Das Atomprogramm wurde zur selben Zeit wie die Apartheid begonnen, wurde in den 1960ern/1970ern (auch) ein militärisches, und die Bomben wurden, unter Präsident De Klerk, gemeinsam mit der Apartheid eliminiert, Anfang der 1990er. In Südafrika fanden die Aufgabe der Apartheid und jene der Atomwaffen parallel zueinander statt, De Klerk hatte eine entscheidende Rolle bei beiden Prozessen.

Das eigentliche nukleare Abrüsten dürfte sich 1990/91 abgespielt haben, im Anschluss daran die Zerstörung/Zerlegung von Unterlagen dazu, nicht-nuklearer Komponenten der Bomben, der Produktionsstätten. 1991 trat Südafrika dem Atomwaffensperrvertrag (siehe) bei; 1993, nach Beendigung des militärischen Programms, gab De Klerk, wiederum in einer Parlamentsrede, das bis dahin geheim gehaltene (aufgegebene) Programm bekannt – wiederum unter scharfer Kritik und Zwischenrufen von Politikern der KP. Die Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid fanden 1990 bis 1993 statt, begannen „konsequent“ erst 1991, mit dem Abschluss 1993 war die Apartheid endgültig „angezählt“, um es in der Boxersprache zu sagen, das K.O. kam mit der Wahl 1994. De Klerks Kabinettschef Dave Steward über die Gründe seines Chefs für das Aufgeben der südafrikanischen Atomwaffen: „We learned that real security does not lie in increasing our power to destroy others, but in our ability to live with others on the basis of peace and justice.“ De Klerk bei einer Veranstaltung 2012 zu den Atomwaffen gefragt, Gründen der Aufgabe: Er hätte sich schon früh innerlich gegen sie entschieden, die damit verbundene Strategie sei Abschreckung gewesen (…“that we might be mad enough to use it…“), durch den „Fall der Berliner Mauer“ seien Rahmenbedingungen da gewesen, sie aufzugeben.(82)

Terence McNamee in „Foreign Policy“: „If de Klerk was hungry for Western approval, he got what he wanted. As the only country to build and then voluntarily destroy all its nuclear weapons, South Africa gained a stature in the international community that it had not held since the end of World War II. De Klerk’s own standing as a statesman was cemented, and six months after publicly revealing the destruction of South Africa’s hidden arsenal, he was awarded the Nobel Peace Prize together with Mandela for helping lay the foundations for democracy.“

Er sprach dabei von der Strategie der SU bzw der „Russen“ im Kalten Krieg, das südliche Afrika unter seine Kontrolle zu bringen….hier also die selbe „Analyse“ wie bei seiner Parlamentsrede Anfang 1990. Bezüglich des Einflusses bzw der Strategie des kommunistischen Ostblocks auf das südliche Afrika wie auch bzgl des „Untergangs“ dieser Systeme und dieses Blocks hat sich De Klerk immer wieder mit unzutreffenden Einschätzungen ausgezeichnet; wenn man seinen Vergleich der Apartheid mit der Trennung der Tschechen und Slowaken (s.u.) dazu nimmt, was muss man daraus schliessen? Einen unrealistischen Blick auf Osteuropa? Zeitgeschichtliche Unkenntnisse? Eine beständige ideologische Voreingenommenheit? Rebecca Davis im „Daily Maverick“ 2015: „In some ways De Klerk comes across as a man still trapped in Cold War-era politics, railing against the rooi gevaar. Several times he warned ominously of the ‚growing influence‘ of the South African Communist Party. He also suggested that a ’new bitter and confrontational tone in the national discourse‘ was attributable to ‚constant agit-prop‘ from politicians stoking racial animosity.“

Hinter den Apartheid-Atombomben stand natürlich besonders die Auffassung „Die ganze Welt ist gegen uns“, „wir müssen uns behaupten“, die beim Zionismus und seinen Anhängern noch immer dominiert. Israel und Apartheid-Südafrika haben ja auch intensiv zusammen gearbeitet, zunächst wirtschaftlich, die Zusammenarbeit wurde Ende der 60er, Anfang der 70er enger, brisanter, bedeutender, schloss auch die bei Atomwaffen mit ein… Der proisraelischen Politik/Einstellung der NP stand nicht nur die rassistisch-undemokratische Apartheid ggü den Nicht-Weissen Südafrikas nicht entgegen, auch die Nazi-Vergangenheit der Partei und ihrer Chefs passte da dazu. Wobei auch schon Smuts (SAP, UP) ein grosser Zionist war, nicht weniger als sein Nachfolger Malan. Pieter W. Botha war nicht nur ein (Ex-) Nazi sondern auch der grösste Israel-Freund unter den Regierungschefs Südafrikas aus der NP (wahrscheinlich grösser als Vorster), wobei die anderen (vor De Klerk, also von Malan bis Botha) ebenfalls beides waren.

De Klerk ist zu jung, bzw wurde zu spät geboren, um den Hitlerismus zur Zeit seiner Machtblüte in Südafrika propagiert/gefeiert haben zu können, in den Reihen von GNP, HNP oder OB. De Klerk war Ende 91 bei Shamir, um die enge Beziehung zu beenden.(83) Diese Mentalität, in der sich Apartheid-Nostalgie und Israel-Sympathie verbindet, findet sich noch immer, zB bei Bothas Witwe Barbara oder dem Militär-Buch-Autor Al Venter.(84) De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (von 1989-1994) darstellte (und darüber hinaus), mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre denkbar gewesen, siehe dazu den Abschnitt über Alternativszenarien im Schlusskapitel. Der ANC warf der Regierung in den Übergangsjahren vor, den Konflikt den er mit der IFP hatte, auf Seiten dieser anzuheizen. Dies wurde eine schwere Belastung für das Verhältnis zwischen De Klerk und Mandela, die schwerste die sie hatten; aber wie gesagt, es spricht Viel dafür, dass die Offiziere hier an De Klerk vorbei agierten.

Beim Anheizen des blutigen Konflikts, den Anhänger beider Parteien mit einander hatten. Abgesehen davon hat die NP-Regierung in diesen Jahren definitiv versucht, die IFP gegen den ANC auszuspielen. 1990-93 wurden die Apartheid-Gesetze abgeschafft, jene die Nicht-Weisse ausschlossen in einer oder anderer Hinsicht, nicht aber jene Verfassungs-Gesetze, wie jene über Wahlen, die Privilegien von Weissen beinhalteten, darum ging es in den Verhandlungen. 1991 wurden der Population Registration Act/ Wet op Bevolkingsregistrasie aus 1950 und weitere zentrale Apartheid-Gesetze aufgehoben.(85) Anlässlich der Aufhebung des Bevölkerungs-Registrierungs-Gesetzes erklärte De Klerk bei einer gemeinsamen Sitzung der 3 Parlaments-Kammern (für Weisse, Farbige, Inder), “Now everybody is free from the discouragement and denial…and from the moral dilemma caused by this legislation”. Es kamen für Nicht-Weisse in den Übergangsjahren Erleichterungen, damit auch für Weisse; die Ausgrenzung der Schwarzen wurde abgemildert, quasi im Gegenzug wurden Sanktionen aufgehoben. Ein (gemischtes) südafrikanisches Team durfte bei Olympia 92 teilnehmen (siehe), das Land war nicht mehr ein totaler „Aussätziger“. Die Schranken zwischen „Schwarz“ und „Weiss“ sanken in dieser Transitionsphase allmählich.

Es kam zu einer Verstädterung von Schwarzen aus den Homelands (die ja weiterhin bestanden), damit entstanden aber auch neue Konflikte, jene um Arbeits- und Wohnplätze. Der Geist dieser Jahre 89-94 kommt im „Geo Spezial“, das im April 93 erschien, schön herüber. Dort auch: nebeneinander Luftaufnahmen von den Johannesburger Vororten Sandton (Weisse; Swimming Pools) und Alexandria (Schwarze; Armenhütten).(86) ANC (Mandela) und NP (De Klerk) hatten in diesen Jahren (und darüber hinaus) beide Probleme mit „Radikalen“ an ihrer Basis bzw Gruppen neben ihnen (PAC bzw KP), für diese waren Verhandlungen schon „Verrat“. Deshalb war „Chris“ Hani so wichtig und sein Mord so gefährlich; er stand für Kompromisse und dafür, diese der ANC-Basis zu vermitteln. De Klerks Wählerschaft, die der NP waren natürlich (in erster Linie) die Afrikaaner; er hatte radikale Weisse (die KP) und Teile der Schwarzen gg sich, wie heute noch immer mehr oder weniger. Durch seine Reformpolitik verstärkte sich natürlich die Polarisierung zwischen dem „Mainstream“ der Afrikaaner (NP-Anhänger) und ihrem „rechten Rand“ (KP, HNP, BSP,…).(87)

KP-Führer Treurnicht sagte 1990, De Klerk hätte (mit seinen Reformen) nur den „Tiger im Afrikaaner“ geweckt, rief zu einer Neuwahl auf (nach einem Jahr wieder), rechnete sich Hoffnungen auf einen Sieg aus (bei Beschränkung des Elektorats auf die Weissen), und er hätte als Präsident natürlich den Reform- und Verhandlungsprozess gestoppt. Wieviele Afrikaaner von der NP zur KP wanderten, nach dem Beginn der Reformen Anfang 1990, konnte man nicht genau sagen. Einer der ersten sichtbaren Proteste von Afrikaanern gegen De Klerks Politik und Zeichen für Zulauf für die KP war die Gründung von „Orania“ 1990 (Kauf)/ 1991 (Einzug), eines Dorfes in der nördlichen Kapprovinz, durch den Verwoerd-Schwiegersohn Carel Boshoff.(88) In den 1980ern befand sich an dem Ort eine Siedlung für Dammbau-Arbeiter, dann hausten dort wild Farbige. Boshoff und seine Anhänger veranstalteten eine Art „Gegen-Treck“ aus Transvaal (also in die Gegenrichtung ggü den Trecks der Buren in den 1830ern); darunter war die Witwe von Verwoerd. Die Leute waren/sind wie Boshoff in der Regel aus dem KP-Milieu, die die NP wegen De Klerk (zT schon wegen Botha!) verliessen. Es entstand in dem Milieu die Idee eines „Volkstaats“, eine Art Afrikaaner-Homeland, in dem diese unter sich sein sollten.

Eine Art neue Wagenburg, wie bei den Trecks. Lieber unter sich sein in einem kleinen Gebiet als in einem grossen Gebiet über Andere herrschen. Manche Volkstaat-Vorstellungen gingen in Richtungen einer Kooperation mit einem „Zululand“ unter Buthelezi und „ähnlichen“ Ländern. Eine Abwandlung des Teile und herrsche.(89) Es würde sich lohnen, herauszuarbeiten, was eigentlich die Unterschiede zwischen so einer Föderation der Homelands und einem gemeinsamen Land (in dem Alle grundsätzlich die selben Rechte haben) sind. Das Homeland KwaZulu war, unter Mangosuthu Buthelezi als Chefminister, die ganzen Jahre bis 1994, autonom aber nicht pseudo-souverän, wie vier andere Homelands (wie Bophuthatswana). Buthelezi (bzw Zwelithini hinter ihm) lehnte das Angebot einer Unabhängigkeit vom Apartheid-Regime ab. Der Grund: KwaZulu bestand aus 26 Teilstücken/Distrikten, verteilt über die Provinz Natal, gewissermaßen aus dem, was die Weissen nicht selbst unbedingt brauchten/wollten.

De Klerk sagte mal in einem Interview, er glaube, Buthelezi hätte die Unabhängigkeit von KwaZulu akzeptiert, wenn man ihm Richards Bay mit seinem Hafen gegeben hätte.(90) Das Gebiet um die KwaZulu-Hauptstadt Ulundi lag nördlich und westlich von Richards Bay. Das Apartheid-Regime stiess bei dieser Überlegung auf Widerstand der weissen Bevölkerung von Richards Bay, die grossteils Englischsprachig, nicht Buren/Afrikaaner, waren. Bei aller Kollaboration stiessen also auch die Herrscher dieses Homelands auf die Rassen-Hierarchie, die in Apartheid-Südafrika Alles bestimmte… Aber auch Buthelezi bzw die IFP erwogen für KwaZulu (am liebsten in grösseren Ausmaßen) Sezessions-Pläne, nun da sich Südafrika demokratisierte. Die weisse (burische) Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands versuchten beide den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, sahen sich dabei als Verlierer, arbeiteten punktuell zusammen. Im August 1991 wollte Präsident De Klerk in Ventersdorp (damals Transvaal, heute Nordwest) eine Rede halten, über seine Politik, in dem Dorf in dem die ultrarechte Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) und ihr Gründer/Führer Eugene Terre’Blanche zu Hause sind. Die AWB-Leute wollten aber nicht zuhören, randalierten, die Polizei ging gegen sie vor. Das erste Mal in Apartheid-Südafrika, dass staatliche Organe gegen Weisse/Afrikaaner vorgingen.(91)

Oder anders herum: die erste grössere Auflehnung von Weissen gegen den Staat in Südafrika seit Jahrzehnten, seit den Auflehnungen in den Weltkriegen gegen die Kriegshilfe für Grossbritannien.(92) Am Ende musste De Klerk in einem gepanzerten Wagen der Polizei in Sicherheit gebracht werden, lagen 3 tote AWB-Rowdies herum. Im März 1992 liess De Klerk, nach einer Nachwahl-Niederlage seiner NP gegen die KP, ein Referendum unter weissen Südafrikanern über seinen Reformkurs abhalten.(93) Er wollte sich damit die Zustimmung der weissen Minderheit zu den Verhandlungen mit dem ANC (und damit gewissermaßen zur Abschaffung der Apartheid) holen. Und, anders als bei Bruno Kreisky, der 1978 in Österreich zum Atomkraftwerk in Zwentendorf (noch nicht in Betrieb gegangen, aber fertig gebaut) abstimmen liess, um zu zeigen, dass die Bürgerbewegung gegen das AKW eine Minderheit repräsentierte, ging hier die Rechnung auf: 69 : 31 % Zustimmung. Die 31% „Nein“-Stimmen entsprachen genau den Stimmen für die Konservative Partei (KP) bei der letzten “Apartheid-Wahl” 1989.(94) Die grösste Ablehnung gab es im nördlichen Transvaal.(95) 1992 liess De Klerk auch Leute frei, die in der einen oder anderen Hinsicht politische Gefangene waren. Darunter waren zwei zum Tode Verurteilte, Barend Strydom und Robert McBride von den entgegen gesetzten Enden des politischen Spektrums. Strydom, ein weisser politisch motivierter Serienmörder von einer rechtsradikalen Afrikaaner-Organisation, und McBride ein farbiger Anti-Apartheid-Kämpfer, der einen Sprengstoffanschlag verübt hatte. Beide wurden dann von der TRC frei gesprochen.

92

Im September 1991 einigten sich Vertreter von 27 Parteien/Organisationen/Regierungen Südafrikas (Parteien des 3-Kammern-Parlaments, Homelands, Befreiungsbewegungen,…) auf den National Peace Accord(96), darin auf die Aufnahme von Verhandlungen. Im Dezember ’91 begann die Convention for a Democratic South Africa (CODESA), im World Trade Centre in Kempton Park bei Jo’burg, damit endlich der Verhandlungsprozess. Es begann mit einer Plenarsitzung (die einige Tage lief), ging dann in Arbeitsgruppen weiter. Die Konservative Partei (KP) und der PAC (von den entgegen gesetzten Enden des Spektrums) boykottierten CODESA, die IFP nahm teil, aber ohne ihren Vorsitzenden Buthelezi; es waren fast alle wichtigen Gruppen dabei, erstmals in der Geschichte Südafrikas verhandelten Parteien aus einem solch breiten Spektrum mit einander über die Zukunft des Landes. Vorsitz in der Plenarsitzung führten drei Richter des Obersten Gerichtshofs, Michael Corbett (dessen Vorsitzender, ein englischsprachiger Weisser)(97), Petrus Shabort (ein Afrikaaner) and Ismail Mahomed (ein indischer Südafrikaner, er wurde 1991 als erster Nicht-Weisser von De Klerk an diesen Gerichtshof ernannt).

Weisse Machthaber mussten sich erstmals Kritik und Fragen schwarzer (und weisser) Journalisten und Politiker stellen, teilweise vom TV übertragen. Gleich am ersten Tag kam es zu einer Art Eklat, nach De Klerks Rede, in der er den ANC dafür kritisierte, den MK nicht aufgelöst zu haben. Mandela antwortete erbost, wies vor den Augen der südafrikanischen und internationalen Öffentlichkeit den Präsidenten zurecht, der sich während Mandelas Rede auf die Glatze schlug, wie Manche beobachteten. Roelf Meyer war 1991 Verteidigungsminister geworden (als Malan-Nachfolger), wurde schon nach einem Jahr in dieser Funktion abgelöst, von Gene Louw(98), Meyer wurde im Mai 1992 Minister für Verfassungsentwicklung und Kommunikation, damit Chefverhandler der Regierung, auch bei CODESA. Sein Gegenüber beim ANC war dessen Generalsekretär Cyril Ramaphosa. Der NP ging es in den Verhandlungen darum, für das künftige Südafrika ein Konzept zu etablieren, welches das Mehrheitsprinzip im politischen Entscheidungsprozess mehr oder weniger stark relativieren würde, den Weissen eine Form von „Autonomie“ oder aber Vetorecht geben. Man sprach von „power sharing“ bzw „Machtteilung“, als es darum ging, Rasse als Faktor in der Politik zu erhalten sowie grosszügige Minderheitenrechte zu etablieren – nachdem diese Minderheit schon Jahrzehnte über die Mehrheit geherrscht hatte.

Föderalismus in Südafrika war von der Entstehung dieses Staates 1910 bis 1994 praktisch nicht existent; in den 4 Provinzen (wie auch in Südwestafrika) gab’s einen ernannten Administrator, darunter eine gewählte Versammlung und ein Exekutivausschuss, die wichtigsten Kompetenzen waren bei Pretoria. Das war also schon vor der Apartheid bzw dem Machtantritt der NP so; als die NP ihre „künstlich“ erhaltene Macht (Ausschluss von zwei Drittel der Bevölkerung von Wahlen aufgrund rassischer Kriterien) dann aufgab, erwog sie auch einen „exzessiven“ Föderalismus als Lösung für ihr „Dilemma“ bzw als künftigen Weg für Südafrika.(99) Mit dem Ende der Apartheid kam dann ein hohes Maß an Föderalismus nach Südafrika, bzw es wurde dieses so ausgehandelt, dies kam wahrscheinlich ANC und (N)NP entgegen. Die Vorschläge/Forderungen/Konzepte der NP in den Verhandlungen änderte(n) sich im Lauf der Jahre 91-93 immer wieder. Jedenfalls, noch im Juni 93 forderte De Klerk eine „Regierung durch Konsens“, eine Sperrminoritäts-Klausel für die Weissen bzw ihre Partei(en), eine Regierung in Form eines Kondominiums mehrerer Blöcke. Die wichtigste Arbeitsgruppe („2“) von CODESA behandelte diese Verfassungsfragen, bzw es wurde in ihr darüber gefeilscht.

Im März 92 also das Referendum unter Weissen über De Klerks Kurs (s.o.). Im Mai 92 traten die Parteien zu CODESA II, der zweiten Plenarsitzung, zusammen, nach der es wiederum in Arbeitsgruppen weiter ging. Hauptakteure waren natürlich Regierung/NP sowie ANC. Und die Gewalt zwischen ANC- und IFP-Anhängern (s.o.) wurde ein Thema, drängte andere in den Hintergrund… Fraglich ist, ob Buthelezi bzw die Inkatha FP in diesen Übergangsjahren für Mandela bzw den ANC ein schlimmerer Gegner wurde als De Klerk bzw die NP (bzw das Apartheid-Regime), oder ob das Regime dafür sorgte. Es scheint wahrscheinlicher, dass das Schüren von Gewalt unter Schwarzen an De Klerk vorbei lief (s.o.), aber die Inkatha gegen den ANC auszuspielen, das versuchte auch er, allerdings auf der politischen Ebene. So war eben noch lange keine Einigung zustande gekommen, als im Juni 92 der Verhandlungsprozess an den Rand des Abbruchs kam, jedenfalls zum Stillstand. Nachdem im Township Boipatong bei Johannesburg etwa 45 Bewohner eines Arbeiterheims, ANC-Anhänger/Aktivisten, von IFP-Leuten getötet wurden.(100)

Mandela beschuldigte die Regierung, dabei eine Rolle gespielt zu haben, zog den ANC aus den Arbeitsgruppen von CODESA zurück, das damit gescheitert war. Von Apartheid-Behörden unterstützte Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger war auch das Massaker in Bisho im September 1992, im Homeland Ciskei, durch die Homeland-Armee. Die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) scheiterten ausserdem an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure (NP, ANC) zur Zukunft Südafrikas. Der Abbruch führte zu einer „Neuauflage“ des internationalen Drucks gegen das Apartheid-Regime, zu einer Wieder-Entfremdung zwischen den Gegenpolen NP/Regierung und ANC. Bei einem „endgültigen“ Ende des Verhandlungs-Prozesses wäre Südafrika wahrscheinlich wirklich in eine Art Bürgerkrieg „abgeglitten“. Die NP(-Regierung) wie der ANC behielten sich während der Verhandlungen auch eine Art Vetomacht zurück; das Regime Eingreifen/Niederschlagungen durch seine bewaffneten Kräfte, der ANC Massenmobilisierungen. Beziehungsweise, die radikaleren Kräfte in beiden Lager wollten das ohnehin.

Beim ANC setzte man 1992 auch eine Zeit lang auf das was die “Leipzig-Option” genannt wurde (Reminiszenz an das, was in der DDR 3 Jahre zuvor stattfand), Massenproteste, die friedlich abliefen, weil Militär/Polizei nicht eingriffen. Bemerkenswert daran ist unter Anderem, dass die Apartheid früher wie teilweise noch heute der Kommunismus betont wurde/wird, die „sowjetische Expansion“ im südlichen Afrika, die Bedeutung des Untergangs des Ostblocks, die „rooi gevaar„. Etwa wenn Michael Stürmer über das Nuklearwaffenprogramm des Apartheid-Regimes spricht. Die Apartheid-Regierung war aber in einer ähnlichen Position wie die untergegangenen kommunistischen Regime Osteuropas, mit ihrem Ausschluss der meisten Bürger von demokratischer Mitbestimmung, Unterdrückungsmaßnahmen, dem Aufbegehren dagegen,… Die von der NP gebildete Apartheid-Regierung unter De Klerk verlor wahrscheinlich 92/93 die Kontrolle über den Transformations-/Verhandlungsprozess, an den ANC. So wie die Regime in der CSSR oder Polen 1989 an die ausserparlamentarische Opposition.

De Klerk spricht Englisch mit starkem afrikaansen Akzent, wie auch seine Vorgänger(101), ist weniger „anti-britisch“ als diese, ob das positiv oder negativ ist. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass De Klerk ja immerhin eine Frau zur Ministerin machte, einen Englischsprachigen zu seinem Stabschef und gegen Ende seiner Präsidentschaft einige „Farbige“ zu Ministern. 1992 wurde „Dave“ Steward aus Kenya(102) De Klerks Stabschef/Kabinettschef. Steward wurde ausgebildet in Canada und GB, dann in Südafrika (Uni Stellenbosch), wurde dessen Botschafter (u.a. bei der UNO), arbeitete dann im SA Communication Service. Er blieb De Klerk über dessen Präsidenten-Jahre hinaus treu, in dessen Vizepräsidenten-Büro, dessen Stiftung, als Ko-Autor seiner Autobiografie. Dass er einen Englischsprachigen/-stämmigen zu seinem Kabinettschef machte, war im Apartheid-„Koordinatensystem“ schon ein kleiner Reformschritt bzw zeugte von einem gewissen Veränderungswillen. Wobei Einheit zwischen den beiden weissen Gruppen auch einen besonders schlimmen Rassismus bedeuten können.

Die NP öffnete sich 1991 für Mischlinge/Farbige und Asiaten/Inder, ’93 für Schwarze. So wie der ANC 1969 auf seiner Konferenz in Tansania beschlossen hatte, sich für alle ethnischen/rassischen Gruppen Südafrikas zu öffnen. 1991 berief De Klerk einen „Kap-Farbigen“ zum Vize-Minister, Abraham „Abe“ Williams. Er war nicht der erste Nicht-Weisse in einer südafrikanischen Regierung, unter Botha gab es ja die zwei Regierungschefs der nicht-weissen Kammern als Minister für „ihre“ Angelegenheiten. Williams war ein Rugby-Spieler gewesen, in der South African Rugby Federation (SARF) dann auch als Funktionär tätig; er ist so gewissermaßen zur „Kollaboration“ mit der Apartheid gekommen. Er war in der farbigen Labour Party (LP) und in der farbigen Parlamentskammer aktiv, ging 91 zur NP, wurde im selben Jahr Vizeminister für Bildung in De Klerks Regierung; blieb daneben in seiner Kammer und dessen Regierung. Williams wurde 1993, für etwa ein Jahr, Minister für Sport. Bhadra G. Ranchod, 92-94 letzter Premier der indischen Kammer (House of Delegates) war 93/94 Tourismus-Minister. Und Jakobus „Jac“ Rabie, Premier der farbigen Kammer (House of Representatives), ging 92 von der LP zur NP, wurde 93 von De Klerk zum Minister für Entwicklung gemacht.

Die nicht-weissen Minister unter De Klerk bekamen also relativ unwichtige Ressorts.(103) Williams war dann auch in der Regierung der nationalen Einheit mit Mandela als Präsident Minister, Ranchod in dieser Phase Vize-Parlamentspräsident; er wurde später Botschafter. De Klerk war also, während über die Zukunft Südafrikas noch verhandelt wurde, dabei, mit der Apartheid aufzuräumen. 1993 äusserte eine Entschuldigung für die Apartheid: „It was not our intention to deprive people of their rights and to cause misery, but eventually apartheid led to just that. Insofar as that occurred we deeply regret it… Yes we are sorry“. Er entschuldigte sich für die Effekte, die die Apartheid hatte, nicht für das Konzept an sich…diese Linie einer „bedingten“ Entschuldigung/Distanzierung kam in späteren Jahren bei De Klerk immer wieder durch.

De Klerk und Mandela hatten in den Übergangsjahren Südafrikas beide Probleme mit ihren Frauen, privat-politisch, diese waren radikaler als sie, Marike stand rechts von Frederik, Winifred links von Nelson. „Winnie“ und Nelson Mandela trennten sich 1992. De Klerk hatte mit Marike drei Kinder: Jan, der Bauer wurde (im damaligen westlichen Transvaal)(104), Willem, der in Öffentlichkeitsarbeit ging, und Susan, die Lehrerin wurde. Während der Präsidentschaft ihres Mannes war Marike Vorsitzende der Frauenorganisation der NP. Willem hatte Anfang der 1990er, als Student, eine Beziehung mit einer Frau, die im Apartheid-System als „Kleurling“/“Coloured“ galt, also „Farbige“, jene Menschen in der Kapprovinz, deren Vorfahren hauptsächlich in VOC-Kolonialzeiten aus Teilen Europas, Südostasiens, Afrikas ans Kap kamen und sich dort meist mit den dortigen Khoisan „vermischten“. Seine Mutter Marike hatte diese Volksgruppe geschmäht und war ausser sich, dass ihr „Willempie“ mit einer Farbigen eine Beziehung hatte. Es handelte sich um eine Tochter eines Politikers namens Deon Adams von der farbigen Labour Party(105), der also den Platz im Kastensystem der Apartheid eingenommen hatte, den ihm diese zugewiesen hatte.

Unter Botha waren 1985 zwar, wie erwähnt, Unsittlichkeitsgesetz und Mischehenverbotsgesetz aufgehoben worden und unter ihrem Mann 1991 das Gesetz, auf dem die „Bevölkerungsregistrierung“ (Einteilung/Klassifizierung in vier rassische Gruppen) basierte, dennoch war Marike anscheinend über Willem de Klerks Liebe entsetzt. Die Gesetze waren abgeschafft worden, aber die Einstellung blieb bei Vielen, und die First Lady war das beste Beispiel dafür. Was man so liest, war sie entsetzt über die Aussicht, braune Enkelkinder zu bekommen, sagte ihrem Sohn, dass er die Arbeit und die Position seines Vaters gefährde, Rassenmischung Südafrika zerstöre,… Willem beendete nach 2 Jahren Druck seiner Mutter diese Beziehung; er heiratete dann eine Afrikaanerin, Unternehmens-Managerin, in einer niederländisch-reformierten Kirche. Wie das weiterging, gehört eigentlich nicht hier her. Relevant ist jedenfalls, wie sich der Untergang, die Auflösung, der Apartheid ins Private, in Familien auswirkte (auch in die „Erste“), bzw, umgekehrt, wie Grenzen zwischen den Rassen/Volksgruppen im Privaten entstanden und Gesetze wurden.

In der Regierung bzw in der NP brach nach Boipatong ein Richtungsstreit aus zwischen jenen, die die IFP weiter unterstützen und die Schwarzen spalten wollten und jenen, die mit den Schwarzen eine Einigung finden und mit dem ANC eine Verhandlungslösung finden wollten. Die IFP war übrigens ab Februar 1993 im weissen Parlament vertreten, durch Übertritte von NP (Jurie Mentz) und DP (Mike Tarr) zu ihr.(106) Im September 1992 unterzeichneten Regierung und ANC eine Übereinkunft über Verständigung (Record of Understanding), beschlossen eine Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses. Im August 1992 hat der vormalige Generalsekretär der mit dem ANC verbündeten SACP, Joseph „Joe“ Slovo, eine „Sonnenuntergangsklausel“ vorgeschlagen, gewissermaßen einen „sanften“ Übergang von der Apartheid zur Demokratie, eine Form der „Machtteilung“ wie sie die NP eigentlich verlangte, Beibehaltung von Staatsbediensteten und Besitzverhältnissen, für eine Übergangsperiode. Der ANC brachte dies in die Verhandlungen ein. Und die NP-Regierung distanzierte sich von der IFP und ihrem Chef Buthelezi.

Im April 1993 wurden die Verhandlungen fortgesetzt, das Multi Party Negotiationing Forum (MPNF; Mehrparteien-Verhandlungsforum), wie CODESA im WTC in Kempton Park. Das MPNF lief von April bis November ’93, anders als bei CODESA waren anfangs alle Wichtigen dabei, die KP(107), der PAC, die IFP, die anderen Homeland-Führer. Während dieses letzten Abschnitts der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid ereignete sich die Bekanntgabe des aufgegebenen Atomwaffenprogramms (s.o.) durch De Klerk im Parlament. Und der Mord an SACP-Generalsekretär Chris Hani, kaum dass die Verhandlungen (wieder) begonnen hatten, im April 1993.(108) Hani wurde vor seinem Haus von einem rechtsextremen polnischen Einwanderer mit Verbindungen zur KP erschossen. Dies brachte die lange aufgestauten Frustrationen bei Schwarzen über den Rassismus und die Gewalt gegen sie fast zur Entladung; die Gefahr einer Eskalation war hier am grössten, mehr als nach dem Boipatong-Massaker. Bekanntlich war es ja Nelson Mandelas TV-Ansprache, die die Situation beruhigte. Er rief (ANC-Anhänger) zur Besonnenheit und indirekt Südafrikaner zur Einheit auf, wies darauf hin, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte.

Mandela, damals ANC-Präsident, agierte wie ein Staatspräsident… Es kam hier zu einer Machtverschiebung von der Regierung zu ihm und dem ANC, da für viele Weisse klar wurde, dass er mehr als De Klerk oder ein anderer Weisser Sicherheit und Ruhe für das Land bewirken konnte. Die Konservative Partei (KP) war in den Hani-Mord involviert. Bald danach starb KP-Führer Treurnicht, eines natürlichen Todes. Nachfolger (damit auch Oppositionsführer) wurde Ferdinand „Ferdi“ Hartzenberg, gleich alt wie De Klerk, auch Minister unter Botha gewesen; er war einer jener KP-Gründer, die 1982 während/wegen der Ausarbeitung der neuen Verfassung die NP verliessen.(109) Hartzenberg war radikaler als Treurnicht, im selben Kampf, dem gegen den Verlust des privilegierten Status‘ der Afrikaaner. Es gab in der NP ja eine lange Tradition von Abspaltungen von Teilen der Partei die „radikaler“ als der „Hauptstrom“ waren (GNP, HNP, die zweite HNP, KP,..). Im Mai 1993 schlossen sich diese Afrikaaner-Parteien/Organisationen rechts von der NP (stehend und grossteils aus ihr hervor gegangen) zur Afrikaner Volksfront (AVF) zusammen, mit dem ehemaligen SADF-Generalstabschef Constand Viljoen und Hartzenberg als Führer.(110)

Als Ziel wurde ein „Volkstaat“ formuliert (also die Aufgabe des Postulats der Führerschaft über Südafrika). Die AWB stand gewissermaßen noch rechts von der AVF, sie störte die Verhandlungen im Juni 1993 sehr direkt, indem sie das Welthandelszentrum in Kempton Park mit einem Panzerfahrzeug stürmte. Im November 1993 kamen die Verhandlungen (dennoch) zum Abschluss. Es wurde für den April ’94 eine Wahl anvisiert, mit der eine Übergangsverfassung in Kraft treten sollte, unter einer Regierung der nationalen Einheit sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Bis zur Wahl sollte ein Transitional Executive Council (TEC) neben die Regierung(en) treten, in dem auch der ANC unter Mandela vertreten war. Im November 93 wurde der Verhandlungsabschluss (mit der Übergangsverfassung ab der Wahl) im Parlament ratifiziert, damit das TEC (bis zur Wahl) geschaffen. Manche sehen das Ende der Apartheid schon hier, nicht erst mit der Wahl 94 bzw der Bildung der Regierung unter Mandela darauf hin. Weiters wurde für die Übergangsverfassung ein Parlament aus 2 Kammern, die Wiedereingliederung der Homelands, die Neu-Schaffung von Provinzen (mit mehr Selbstregierung als bisher) beschlossen.

Es würde kein weisses Vetorecht in der Regierung oder etwas Ähnliches, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die NP bzw Weisse so viel Gewicht haben würde, wie es dem Wählerstimmenanteil (bezogen auf die Gesamtbevölkerung Südafrikas) entsprach. Der Staatspräsident sollte weiterhin vom Parlament gewählt werden, anders als im amerikanischen Modell, würde also damit jedenfalls eine parlamentarische Mehrheit haben.(111) Wer hat wen über den Tisch gezogen? Oder hat man sich in der Mitte getroffen? Nun, es setzten sich sowohl Mehrheitsrechte (keine „Machtteilung“) als auch die Beibehaltung von Privilegien (Sonnenuntergangsklausel, keine Umverteilung) durch. Kate Griffiths: „The deal he [De Klerk] negotiated on behalf of many others who suffered and sacrificed was essentially this: in exchange for one-person-one-vote, both the accumulated wealth of South Africa’s apartheid rulers and global investors would remain untouched, as would rules and conditions of future accumulation. No redistribution, no land reform, and in place of an overhaul of the capitalist system, the ANC government, in coalition with the South African Communist Party (SACP) (an organization that has retrospectively claimed Mandela as a member) and the Congress of South African Trade Unions (COSATU) would seek, to establish a ’national democratic revolution.‘ All of this was decided before a single South African set foot in a voting booth in 1994. Subsequent battles over housing, health, and economic policy under Presidents Thabo Mbeki and Jacob Zuma have been shaped and fundamentally limited by the terms of this agreement.“

Ist der Verhandlungsabschluss vergleichbar mit dem bosnischen Dayton-Abkommen, und dem spanischem „Pakt des Vergessens“? Oder ist er als „historischer Kompromiss“ zu sehen? Behrens, von Rimscha in „Gute Hoffnung am Kap?“ (1994): „De Klerks Kunst hatte darin bestanden, den prognostizierten Triumph [des ANC] in einen verfassungsrechtlichen Rahmen einzubinden, der dem Sieger wenig gab.“ Die NP hat sich 1991-93 gewissermaßen von der Macht weg verhandelt, es war klar dass sie eine freie Wahl nicht gewinnen konnte; wieso sollten die Opfer der Apartheid (> 2/3 der Bevölkerung) auch nun die Apartheid-Partei wählen? Die NP unter De Klerk hat sich aber auch in eine machtvolle Position für das neue, demokratische Südafrika hinein-verhandelt, zumindest für dessen Beginn! Susan Booysen in „The African National Congress and the Regeneration of Political Power“: „De Klerk’s pragmatism helped launch the NP into the negotiations. For him and the NP, negotiations constituted a foothold into a future where its ‘skills and experience’ could be rewarded with political power.“

De Klerk hob im SABC-Interview ’20 (>) bzgl dieser Verhandlungen (CODESA, MPNF) hervor, dass es hier im Gegensatz zu anderen Verhandlungen zwischen „Streitparteien“ in einem Land keine internationale Vermittlung gab, es Verhandlungen unter Südafrikanern waren. Zur selben Zeit fanden die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern statt (siehe Fussnote 1), die auch 1993 einen Abschluss (Oslo-Abkommen) brachten, auch Friedensnobelpreise (1994), aber keine dauerhafte, tragfähige Lösung. Dort wurde unter norwegischer, amerikanischer Vermittlung verhandelt. Palästinenser waren wie Schwarze in Südafrika mehr oder weniger rechtlose Untertanen, bei ihnen hat sich daran nicht all zu viel geändert. Keine Lösung, die ihnen die selben Rechte wie die Juden in diesem Land gibt, aber auch keine die ihnen Selbstständigkeit in einem Staat neben Israel gibt. Aber, es handelt sich bei den palästinensischen Rest-Gebieten (jene die 1967 besetzt wurden und seither zugesiedelt bzw ethnisch „gesäubert“ werden) ja ohnehin um „Judäa und Samaria“.(112) Eine Analyse der Übergangsverfassung 94-97 bietet das Buch von (dem verstorbenen Theaterwissenschaftler) Rob Amato, „Understanding the New Constitution“ (1994).

Ende 93 bis Frühling 94 gab es in Südafrika: die „eigentliche“ Regierung (unter De Klerk, mit „Pik“ Botha,…), den Übergangsexekutivrat (TEC; mit Mandela), die „weisse“ Regierung (93/94 unter Adriaan Vlok), die der Farbigen (unter „Jac“ Rabie, inzwischen ja bei der NP), die der Inder (ihr letzter Chef war Bhadra Ranchod, ebf nun bei der NP und in De Klerks Regierung), die Regierungen der 4 „souveränen“ (die „TBVC-Staaten“) und 6 autonomen Homelands (darunter KwaZulu mit M. Buthelezi), den Präsidialrat (eine Art gemeinsames Parlament; Derby-Lewis von der KP, der hinter dem Hani-Mord steckte, war dort Mitglied gewesen), den Staatssicherheitsrat (der unter De Klerk entmachtet worden war), die ziemlich machtlosen Provinz-Regierungen, die traditionellen Führer der schwarzen Völker (die in der Regel mit den Homelands verbunden waren)… Das war die Organisationsstruktur der Verfassung die 84 in Kraft trat und das bis 94 blieb, plus das TEC. Von Bedeutung war dieses und De Klerks Regierung. Jene, die die Verhandlungen teilweise boykottierten und dies auch für die Wahlen ankündigten (s.u.) bekamen eine eigene Bedeutung; das waren einige Homeland-Führer, die äusserste afrikaanische Rechte und die radikalen Schwarzen. Etwa ein halbes Jahr vergingen vom Verhandlungsabschluss bis zu den Wahlen.

Während sich die Einen „einigelten“, versuchten sich Andere zu transformieren, zu öffnen, adaptieren. Die NP hatte ja schon in den Jahren davor begonnen, sich für Nicht-Weisse zu öffnen, wobei das Hauptaugenmerk auf Jene gelegt wurde, die sich vor dem ANC bzw den Schwarzen fürchteten, oder denen insinuiert wurde, dass sie sich zu fürchten hätten. Mehr noch als die Inder waren das die teilweise von afrikaanser Kultur geprägten „Kap-Farbigen“. Auch die Democratic Party (DP) „dehnte“ sich aus für alle Bevölkerungsschichten. Die Parteien der Mischlinge/Farbigen und Inder lösten sich 93/94 auf, bzw wurden umgewandelt. Aus der National People’s Party (NPP) von Amichand Rajbansi, der herrschenden Partei im Inder-Parlament, wurde so die Minority Front (MF). Die dominierende Farbigen-Partei war die Labour Party, sie wurde 1994 aufgelöst; ein Teil (Williams, Gerald Morkel,…) ging zur NP, ein kleinerer (mit „Allan“ Hendrickse) zum ANC. Der ANC stiess bei seinen Bemühungen, in den noch bestehenden Homelands aktiv zu werden, teilweise auf Widerstand. In drei der Homelands (Bophuthatswana, Ciskei, KwaZulu) verweigerten die Regierungen die Auflösung. Von den Homeland-Parteien wurde im demokratischen Südafrika neben der IFP dann nur die Dikwankwetla Party (Homeland QwaQwa) aktiv.(113)

Ende 1993 wurde die Verleihung des Friedensnobelpreises an Mandela und De Klerk bekannt gegeben, für den Verhandlungsabschluss. Etwa zwei Monate vor der Verleihung warf etwas ein schlechtes Licht auf De Klerk, der als Preisträger ohnehin nicht ganz unumstritten war. Für Andere war aber Mandela der Umstrittene… Im Jahr darauf hatten mehr Menschen bezüglich der Verleihung des Preises an Yassir Arafat Bedenken als bzgl Rabin und Peres. Am 8. Oktober 1993 tötete ein SADF-Kommando (vielleicht auch eines der Polizei) in Mthatha in Transkei (damals nominell noch ein unabhängiger Staat) 5 Leute. De Klerk hat die Sache angeordnet, mit seinen Ministern Coetsee (Militär) und Kriel (Polizei), sprach davon dass es um ein Vorgehen gegen eine Zelle der Azanian People’s Liberation Army (APLA), der Miliz des PAC, ging. Es erwischte aber 5 Kinder/Jugendliche, und der Vater von zwei der Opfer war PAC-Aktivist. Mandela sprach damals von „brutalem Vorgehen“ und dass De Klerk Blut an seinen Händen hätte. Von De Klerk gibt es dazu anscheinend nur die Aussagen, dass er die Zerstörung einer APLA-Einrichtung in Transkei autorisiert habe. War es eine Aktion, um Leuten in der NP, in Militär und Polizei sowie unter Weissen zu demonstrieren, dass er noch die Macht hat und Verschiedenes nicht tolerieren werde?

Die Sache ging ziemlich unter, auch das damalige erneute temporäre Zerwürfnis mit Mandela. Es heisst, auf Intervention von Mandela hat De Klerk den Familien später Kompensation gezahlt. Dumisa Ntsebeza, der für die TRC arbeitete, bemüht(e) sich um Aufklärung des Überfalls. Ein Anti-Racism Action Forum hat 2016 Klage gegen De Klerk eingereicht, auch aufgrund dieses Massakers. Und der Vater von 2 Getöteten schloss sich einer Klage in der USA 2002 gegen Banken und Firmen die von der Apartheid profitierten, an. Eugene de Kock von der Polizei, Chef der berüchtigten Einrichtung „Vlakplaas“, war einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) nicht ungeschoren davonkamen. De Kock beschuldigte 1996 De Klerk, politische Tötungen angeordnet zu haben, sagte dass dessen Hände von Blut trieften. Vor der Wahl 1994 seien solche Todesschwadronen unterwegs gewesen, mit dem Wissen De Klerks, und das Haus in Transkei sei benutzt worden, um Waffen zu lagern. Der Film „The Other Man“ (s.u.) enthält auch ein Interview mit Marcia Khoza, dessen Mutter direkt/indirekt von Eugene de Kock getötet wurde.

Dazu ist zu sagen, dass PAC/ APLA selbst für einige schlimme Taten verantwortlich waren, hauptsächlich in diesen Übergangsjahren (89-94). So für das Massaker in der Saint-James-Kirche im Juli 93, eine anglikanische Kirche am Rand von Kapstadt. 4 APLA-Leute töteten dabei mit Handgranaten und Sturmgewehren 11 Kirchenbesucher und verletzten 58, zT schwer.(114) Bei den Todesopfern handelte es sich um 7 englischsprachige weisse Südafrikaner und 4 russische Seeleute. Dem PAC ging es darum, den Verhandlungsprozess zu stören, genau wie der AWB. Die 4 Täter wurden geschnappt und im zu Ende gehenden Apartheid-System verurteilt. 1998 bekamen sie von der Truth and Reconciliation Commission Amnestie zugesprochen, so wie viele Gewalttäter im Namen der Apartheid oder im Namen des Kampfes gegen sie.(115) Zu den weiteren Gewaltakten von PAC/ APLA in dieser Zeit zählt auch der Mord an der US-amerikanischen Anti-Apartheid-Aktivistin (!) Amy Biehl 1993 im Kapstädter Township Gugulethu (also auch am Rand Kapstadts); die 4 Täter wurden noch vor der Wahl 1994 verurteilt. Auch sie bekamen, 1998, Amnestie durch die TRC.(116)

Am Kirchenmassaker sind ja einige Aspekte bemerkenswert. Russische Kirchenbesucher in Südafrika, in der Zeit nach dem Auseinanderfall der SU, als Opfer einer schwarzen Gruppe die auch mal ein antikommunistischer West-Liebling war(117), aber eigentlich radikaler als der mit den Kommunisten verbündete ANC, und die Sache fand in der Zeit nach dem Untergang der kommunistischen Systeme in Osteuropa statt, die gerne vorgeschoben wurden für die Bekämpfung und Unterdrückung von Schwarzen im südlichen Afrika…(118) Der konservative afrikaanse Sänger Steve Hofmeyr meldet sich gerne politisch zu Wort, auch in seiner Autobiografie „Mense van my asem“ oder in einem offenen Brief an Julius Malema, er steht der VF+ nahe. Er hat das St. James-Massaker seinem Militärdienst in Angola „gegen Kommunisten“ gegenüber gestellt, um zu zeigen, wer die eigentlich Bösen waren zu Zeiten der Apartheid. Er gehört zu jenen weissen Südafrikanern, die Apartheid und Rassismus nicht direkt verteidigen, aber irgendwie schon.

Circa 80% der Südafrikaner sind Christen, die allermeisten Schwarzen und Weissen, gehören aber sehr unterschiedlichen Kirchen an(119), das Christentum ist in Südafrika mehr trennend als vereinend. Die Apartheid eben so wie der Kampf dagegen wurde von den Kirchen der „Betroffenen“ religiös begründet, beide Seiten zogen Rechtfertigung und Inspiration für den Kampf aus ihrer Auffassung des Christentums. Und, es gab nicht nur den PAC-Anschlag auf diese anglikanische Kirche 1993, es gab auch einen Bomben-Anschlag des Apartheid-Regimes auf das Hauptquartier des South African Council of Churches (SACC) im Khotso House in Johannesburg, 1988. Das SACC engagierte sich gegen die Apartheid, und wie man heute weiss, hat P. W. Botha persönlich den Anschlag angeordnet, über seinen Polizeiminister Vlok und Eugene de Kock. Im Jahr darauf wurde versucht, SACC-Generalsekretär Frank Chikane, ein Pfingstkirchen-Geistlicher, mit vergifteter Kleidung zu töten. Der Hass, der sich noch immer gegen den anglikanischen Geistlichen Desmond Tutu richtet, spricht auch für sich.(120)

De Klerk und Mandela reisten im Dezember 1993 getrennt zur Verleihung des Friedensnobelpreises nach Oslo, Ersterer mit seinem Präsidenten-Flugzeug. Zur Situation nach der Verleihung im Rathaus, die Beschreibung am Beginn des Artikels. Einige Gedanken/Anmerkungen nun zu dem Preis und einigen seiner Träger. Heribert Adam und Kogila Moodley schrieben in „The Opening of the Apartheid Mind“: „The world praised and rewarded a change to what should have been normal policies and intergroup relations in the first place.“ Richtig, andererseits sind beide der Gegenseite ein grosses Stück entgegen gekommen, haben viel Glaubwürdigkeit in ihrer Partei riskiert,…und haben entscheidend dazu beigetragen, diese Normalität, die nicht gegeben war, herzustellen.

De Klerk war allerdings, wie auch eingangs erwähnt, etwa 20 Jahre eine Stütze des Apartheid-Systems (gewesen), ehe er, an seine Spitze gekommen, begann, dieses abzubauen. Liegt ein Verdienst darin, ein zutiefst ungerechtes System zu beenden, das man selbst (etwa die zweite Hälfte seiner Existenz) mit verantwortet hat? Mandela wiederum hat den Preis erst bekommen, als er das rettende Ufer bereits erreicht hatte, und für seine Einigung mit Repräsentanten des Systems, das er bekämpft hat. Wie hätte er vor seiner Verhaftung gegen die Apartheid kämpfen müssen, um für den Preis in Frage zu kommen? Wie schon hier geschrieben, beim Dalai Lama oder Aung war Widerstand gegen ein diktatorisches System ausreichend, nicht eine Einigung mit diesem.

Im Jahr darauf also der Preis an Rabin, Peres, Arafat, auch an die Verhandlungsführer der beiden „Gegenpole“(121) gemeinsam, auch als Ermutigung für den weiteren Prozess. Das Oslo-I-Abkommen wurde im August 1993 unterzeichnet, die 3 waren auch für den Preis 1993 ein Thema gewesen. 1973 wurden Henry Kissinger und Le Duc Tho als Verhandlungsführer für den Waffenstillstand in Vietnam ausgezeichnet, der zum Abzug der USA von dort führte. Eine groteske Entscheidung des Friedens-Nobelpreis-Komitees, einen Preis für Vertreter jener Regime, die diesen Krieg selbst angezettelt hatten. Ganz unbesehen davon, was diese Politiker sonst so geleistet haben, welche Diktatur unter der Đảng Cộng sản Việt Nam (Kommunistische Partei Vietnams) entstanden ist, der Le angehörte (der den Preis übrigens abgelehnt hat). Zu Kissinger (> Chile 1973, Pinochet…) ist das Buch “The Trial of Henry Kissinger“ von Christopher Hitchens aus 2001 empfehlenswert. Shimon Peres wurde/wird immer für ein „Leben für den Frieden“ gelobt, was auch ziemlich an der Realität vorbei geht; als „rechte Hand“ Ben Gurions hat er den Konflikt dort selbst mit geschaffen.

Ein Blick auf die bisherigen Nobelpreisgewinner aus Südafrika:(122)

* Max Theiler: Physiologie/Medizin, 1951, für seine Gelbfieber-Forschungen, naturwissenschaftlich also; Theiler war Schweizer Herkunft, ist dann in die USA ausgewandert, bekam den Preis in der frühen Apartheid-Zeit

* Albert Lutuli: Frieden, 1960, für sein Engagement gegen die Apartheid, ANC-Präsident, Zulu, ungeklärter Tod 1967

* Aaron Klug: Chemie, 1982, ein im unabhängigen Litauen geborener Jude, für den Südafrika Zwischenstation war am Weg nach GB > Nationswechsel bei Wissenschaftern

* Allan M. Cormack: Physiologie/Medizin, 1979, englischsprachiger Weisser, in USA ausgewandert

* Desmond Tutu: Frieden, 1984, ein Xhosa, anglikanischer Geistlicher, Engagement gegen Apartheid, lebt

* Nadine Gordimer: Literatur, 1991, südafrikanische Jüdin, gegen die Apartheid eingestellt

*  Frederik W. de Klerk: Frieden, 1993, als erster echter Afrikaaner (Theiler könnte man u. U. auch als solchen bezeichnen), Politiker, der die Apartheid mit beendete (sagen wir’s mal so), lebt

* Nelson Mandela: mit De Klerk, Xhosa, Kampf gegen Apartheid oder Einigung mit dem Regime

* Sydney Brenner: Physiologie/Medizin, 2002, südafrikanischer Jude der nach GB auswanderte

*  John M. Coetzee: Literatur, 2003, Afrikaaner, lebt, nach Australien ausgewandert, zu ihm noch mehr im Schlussabschnitt

* Michael Levitt: Chemie, 2013, jüdische Familie, die vor Jahrzehnten nach GB auswanderte, soll aber noch südafrikanischer Staatsbürger (gewesen) sein (unter anderem), lebt

Christiaan Barnard, der Herz-Transplanteur, ein Afrikaaner, bekam den Physiologie/Medizin-Preis ja nicht, er selber legte sich dazu mal ein Opfermäntelchen um („Weil ich ein weisser Südafrikaner bin“), mal machte er auf lässig („Weil ich so viele Freundinnen hatte“). Sein Bruder Marius, ebf. Herzchirurg, und sein Assistent, war in den 1980ern Abgeordneter für die PFP. Am Groote Schuur-Krankenhaus wurde Barnard auch von Hamilton Naki assistiert. Südafrika ist in einer Länderliste auch ohne Barnard bestes afrikanisches Land. Weil die Nobelpreis-Vergabe das weisse Weltsystem wiederspiegelt, auch bzgl Wissenschaft und Anerkennung/Unterstützung Friedens-Bemühungen? Oder weil es das fortgeschrittenste Land Afrika ist? Ausserdem ging ein „Alternativer Nobelpreis“ (Right Livelyhood Award) an einen Südafrikaner, 1981 an Patrick van Rensburg, einen weissen (burischen) Anti-Apartheid-Aktivisten

Der Beginn des demokratischen Südafrikas

Mangosuthu Buthelezi hat die IFP gegen Ende des MPNF aus diesem abgezogen, weil er sich auf die Seite geschoben fühlte. Er bildete eine Querfront mit anderen Homeland-Führern (samt den traditionellen Führern) und weissen (afrikaansen) Rechten, 92 schloss man sich zur Concerned South Africans Group (COSAG) zusammen, daraus wurde 93 die Freedom Alliance. Die schlimmsten Rassisten des Landes (KP und die anderen aus der AVF) und die Führer der Homelands KwaZulu, Bophuthatswana(123) und Ciskei. Wobei die Inkatha Anhänger auch ausserhalb des Homelands hatte, etwa die Hälfte der gut 8 Millionen Zulus, aber auch unter Weissen und Indern in der Region Natal-KwaZulu, und sie war ja auch schon vor den Wahlen im Parlament vertreten.(124) Siehe dazu die Anmerkungen zur Zusammenarbeit von einem Zululand mit einem Volkstaat.(125) Ausserdem stellten sich die radikalen (linken?) Schwarzen (PAC und AZAPO) gegen den Verhandlungsabschluss und die freie Wahl. Die Spitze des PAC hielt die Zugeständnisse des ANC an die Weissen im Verhandlungskompromiss (die Interimsverfassung) für zu gross, wollte die Wahlen durch Chaos/Gewalt verhindern. Für KP, HNP,… wiederum waren die Zugeständnisse an die Schwarzen zu gross. Am Beginn des MPNF waren alle diese Kräfte noch dabei gewesen.

Eine Einbeziehung aller relevanten politischen Kräfte in den demokratischen Prozess war wichtig, Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums „zierten“ sich aber. Die Inkatha Freedom Party war von diesen Wahl-Verweigerern klar die wichtigste und eine Wahl ohne sie wäre (auch) angesichts der Gewalt zwischen ihren Anhängern und jenen des ANC, die sich auch noch ins Frühjahr 1994 zog, ein ganz schlechter Start in das Post-Apartheid-Zeitalter Südafrikas gewesen. Die IFP lehnte in der Übergangsverfassung vorgesehenen Regelungen für Natal-KwaZulu ab und bei einer Veranstaltung im Februar 94 forderte Zulu-König Zwelethini vor 50 000 Anhängern die Wiedererrichtung des Zulu-Reichs in den Grenzen von 1838. Während dessen lief der Wahlkampf  an, auf verschiedenen Ebenen, über unterschiedliche Medien. Unter Präsident De Klerk wurde auch die Rundfunkanstalt SABC/SAUK etwas reformiert, Zensurmaßnahmen beendet und eine objektivere Berichterstattung angeboten. Einen Wendepunkt stellten die Ereignisse im Homeland Bophuthatswana im März 1994 dar, etwa eineinhalb Monate vor der südafrikanischen Wahl.

Bophuthatswana-Herrscher Lucas Mangope verweigerte ja die (Wieder-) Eingliederung „seines“ Homelands in Südafrika, die mit Beginn der Wahlen stattfinden sollte. Mangope sah sich mit Unruhen der Bevölkerung konfrontiert, die diese Eingliederung wollte. Mangope rief seine COSAG-Freunde zu Hilfe, und das waren die weissen Rechtsextremen, AVF- und AWB-Leute. Sie kamen unter Führung von Constand Viljoen aus Südafrika (Transvaal), sollten zusammen mit der Bophuthatswana Defence Force (BDF) für „Ruhe und Ordnung“ sorgen, hauptsächlich in der Hauptstadt Mmabatho. Das südafrikanische Militär (SADF), dem Viljoen ja angehört hatte, intervenierte gegen diese „Invasion“, auf Anweisung des TEC. AWB-Leute beschimpften und beschossen Leute in den Strassen der Hauptstadt, am Ende musste die Afrikaaner-Miliz abziehen und Mangope musste zurücktreten. Danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Und Viljoen liess eine Partei namens Vryheidsfront/Freedom Front (VF/FF) registrieren, scherte damit aus der AVF aus. Wurde von den Zurückgebliebenen in der AVF und der AWB als „Judas“ etc beschimpft; aus dieser Ecke war (ist seit damals) zwischen ANC und NP schon mal gar kein Unterschied mehr.

Auch der PAC lenkte kurz vor der Wahl ein. Im Wahlkampf brachte der ANC ein Plakat mit Fotos von De Klerk und seinen 5 Vorgängern als NP-Chefs/ Apartheid-Regierungschefs. Die NP wiederum richtete sich hauptsächlich an die Nicht-Schwarzen, versuchte aber auch Schwarze damit zu gewinnen, sich als Vertreterin von Stabilität und Wohlstand (was nun Allen zu Gute kommen sollte) zu präsentieren. 10 Tage vor der Wahl (am 14. April) eine TV-Diskussion zwischen De Klerk und Mandela, Führer der wichtigsten Parteien, im SABC in Jo’burg: https://www.youtube.com/watch?v=oTIeqLem67Q . Die Weissen Südafrikas „standen“ im Frühling 94 zwischen Erleichterung, Mitwirken am Übergang zum neuen Südafrika, nervösem Bangen, Schwarzmalerei,… Manche flogen ins Ausland, um sich die Ereignisse rund um die erste freie Wahl (die unweigerlich eine Machtübergabe an eine „schwarze“ Regierung bringen würde) zunächst aus der Distanz zu beobachten – die Meisten kehrten zurück, in ein Land, das nun von einer Regierung der nationalen Einheit regiert wurde. Andere transferierten nur ihr Geld ins Ausland, ebf. prophylaktisch. Es gab Seminare über Auswanderung (nach Australien,…), aber auch solche über afrikanische Sprachen (isi Zulu, isiXhosa,…). Manche deckten sich mit Kerzen und Konserven ein.

Es überwog jedenfalls ein „Einigeln“, wobei Manche sagen, dass dies bis heute angehalten hat. Die Sicherheitsbranche boomte schon in den Jahren vor der „Machtübergabe“, oft wirkten dort „Überläufer“ aus staatlichen Diensten, aus denen es auch Auswanderer gab. Gewalt, Ängste, Vorurteile, inneres und äusseres Exil, Hoffnungen,… Das Bangen (nicht nur bei Weissen) begründete sich auch auf den Wahlboykott der IFP und die anhaltende Gewalt von deren Anhängern gegen jene des ANC. So wie bei der Schiesserei beim Shell House, dem Hauptquartier des ANC in Johannesburg Ende März. Hauptsächlich spielte sich diese Gewalt aber in Natal-KwaZulu ab, bei Wahlkampf-Veranstaltungen des ANC. Wenige Tage vor Abhaltung der Wahl, als klar war, dass diese stattfinden würde, lenkte die Inkatha schliesslich ein, nach Vermittlungsversuchen (über Zwelithini) und Zugeständnissen, wurde für die Wahl registriert. Eigentlich 5 Minuten nach 12.(126) Buthelezi hätte zum Kampf aufrufen können…ebenso Viljoen; aber auch ein Wahlboykott wäre schon schlimm gewesen. Die KP unter Hartzenberg und Andere in der AVF blieben bei ihrem Boykott, waren so der wichtigste Abwesende bei der Wahl 94. Die deutliche Mehrheit der Weissen, der Afrikaaner, unterstützte De Klerks Kurs, nahm an der Wahl teil, aktiv/passiv.

Auch ein Teil der ca. 31% Weissen, die keine Reform oder Abschaffung der Apartheid wollten (die bei der Wahl 89 für die KP stimmten und beim Referendum 92 mit „Nein“), nahm an der Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde, teil, indem sie die VF wählten, die auch als KP-Abspaltung gesehen werden kann. Ausserdem waren die AZAPO und Bophuthatswana-Mangope nicht am Wahlzettel. Die Übergangsverfassung trat am 27. 4. (dem zweiten Wahltag) in Kraft. Die NP erreichte den erwarteten zweiten Platz hinter dem ANC, kam auf 20%, so viel wie notwendig, um laut Übergangsverfassung einen Vizepräsidenten zu stellen. De Klerk sagte, die NP sei bei der Wahl 94 schon keine Apartheid-Partei mehr gewesen, hätte sich innerlich davon distanziert gehabt; dies ist etwas fragwürdig, auch wenn Pieter Botha oder Magnus Malan schon in den Jahren davor abgetreten waren.(127) Die NP profitierte bei dieser Wahl davon, das Land und seine Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg rassisch definiert und geteilt zu haben (aufbauend auf die Politik von Smuts, Milner, Rhodes, Van Riebeeck,…).

Sie bekam einen Grossteil der Stimmen der Weissen (jene der Afrikaaner mehr als der Englischsprachigen), der Farbigen/Mischlinge (die in der neuen Provinz Westkap dominieren, womit die NP dort die Provinzwahl gewann), und einen guten Teil (etwa die Hälfte) der Stimmen der Inder (die zuvor auch eigene, untergeordnete Parlamentskammern und Regierungen wählten) und anderen Asiaten. Und auch etwa 500 000 Stimmen von Schwarzen, grossteils aus dem Bereich der bisherigen Homelands; die NP hatte auf nationaler und provinzieller Ebene auch einige schwarze Kandidaten aufgestellt. Weil die Provinz Westkap (Western CapeWes-Kaap) zuerst ausgezählt wurde, lag die NP sogar zu Beginn der Auszählung in Führung. Apartheid bedeutete ja auch ein Ausspielen der Nicht-Weissen gegen einander…die „Braunen“ gegen die „Schwarzen“, die Zulus gegen Xhosas,… Jedenfalls, die „Farbigen“ im Westkap wurden Stammklientel der NP, auch nach derer Umbenennung, teilweisen Umorientierung. Die IFP wurde stärkste Partei in der neuen Provinz KwaZulu-Natal (was den Frieden rettete, gewissermaßen), wurde mit 10% Dritter landesweit, war damit auch berechtigt, an der Regierung der nationalen Einheit/ Government of National Unity (GNU) teil zu nehmen.

In der National Assembly vertreten waren nach der Wahl auch VF, DP, PAC, ACDP.(128) Im Senat (gebildet aus Vertretern der 9 Provinzen) war die Sitzverteilung ähnlich. Noch-Präsident De Klerk gratulierte Mandela zum Wahlsieg, auf Afrikaans: „Herr Mandela wird bald das höchste Amt in diesem Land antreten, mit all der Verantwortung, die das mit sich bringt. Er wird das (Amt) … auf ausgewogene Weise ausführen müssen, die Südafrikanern aller Gemeinschaften versichert, dass er alle ihre Interessen am Herzen hat. Ich bin sicher, dass dies seine Absicht ist. Mandela ist einen langen Weg gewandert und steht jetzt auf einem Berggipfel…Ein Mann mit Bestimmung weiss, dass hinter diesem Berg ein weiterer liegt und dann noch einer…Während er über den nächsten Gipfel nachdenkt, reiche ich ihm meine Hand zu Freundschaft und Zusammenarbeit…“. Gemäß der Übergangsverfassung bildeten der ANC, die NP und die IFP eine Regierung der nationalen Einheit. Thabo Mbeki, lange im Exil, setzte sich ANC-intern gegen Cyril Ramaphosa als Mandela-„Kronprinz“ bzw -Nachfolger bzw erster Vizepräsident durch.

Die letzte Sitzung der De Klerk – Regierung, am 4. Mai 1994. Die wichtigsten Minister (Pik Botha, Kobie Coetsee,…) befinden sich eigentlich rund um De Klerk. Foto von der Website der De Klerk-Stiftung

Am 7. Mai traten die Provinzparlamente zusammen, bestimmten ihre Sprecher, die Premiers der Provinzregierungen, die Delegationen für den Senat. 7 Premiers stellte der ANC, die IFP jenen von KwaZulu-Natal, Ex-Minister Hernus Kriel wurde Premier vom Westkap (mit der Hauptstadt Kapstadt). Am 9. Mai trat die Nationalversammlung (National Assembly/ Nasionale Vergadering) in Kapstadt zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Die Sitzung wurde von Oberrichter Corbett geleitet. Nelson Mandela wurde zum Staatspräsidenten gewählt, Frene Ginwala (ebenfalls ANC, eine indische Südafrikanerin zoroastrischen Glaubens) zur Präsidentin/Sprecherin dieser Parlaments-Kammer. Ihr Stellvertreter wurde Ranchod von der NP.(129) Am Tag darauf die Angelobung Mandelas als Präsident, gemeinsam mit Thabo Mbeki und Frederik W. de Klerk als seinen Vizepräsidenten, in den Union Buildings/ Uniegebou in Pretoria.(130) Gewissermaßen die Geburt des neuen Südafrika; die Zeugung war im WTC in Kempton Park.

Die Zeremonie(131) wurde von Oberrichter Corbett geleitet, Barbara Masekela (Schwester von Hugh, ANC-Diplomatin in USA gewesen, dann Leiterin von Mandelas Büro als Präsident) führte durch’s Programm.(132) Mit auf der Bühne des Amphitheaters waren die führenden Generäle von Militär und Polizei, einige Ehrengäste wie Desmond Tutu; im Publikum weitere wichtige Politiker sowie Staatsgäste. De Klerk begann mit seiner Angelobung (als zweiter Vizepräsident), dann kam Mbeki an die Reihe, dann Mandela. Jeweils die Angelobung, eine Rede, die Unterzeichnung (schriftliche Angelobung), Applaus, Gratulationen. De Klerk hatte Afrikaans als Sprache gewählt, Mbeki und Mandela redeten in Englisch, nicht Xhosa. Als Corbett das „So wahr Gott mir helfe“ (auf Afrikaans) vorsagte, wiederholte De Klerk dies nicht, sondern schwor beim „dreieinigen Gott, Vater, Sohn und heiligen Geist“. Die letzten Jahrzehnte waren diese Zeremonien praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gegangen und mit geistlichem Beistand niederländisch-reformierter Priester. Die Zeremonie 1994 wurde nicht davon geprägt, dass Mandela, der neue Präsident, Methodist war, sondern hatte multi-religiösen Charakter, mit Gebeten christlicher, moslemischer, jüdischer, hinduistischer Geistlicher.

De Klerk, Corbett, Suzman, Tutu

Die Rede Mandelas gipfelte in dem Satz „Niemals, niemals, niemals wieder soll es sein, dass in diesem wunderschönen Land eine Gruppe über Andere herrscht“. Wenn man so will war die eigentliche Übergabe der Macht von De Klerk an Mandela der Handschlag der beiden nach Mandelas Rede/Angelobung; Mandelas beide Stellvertreter als Präsident waren sein Vorgänger und sein (damals schon designierter) Nachfolger. Dann eine Luftparade von Einheiten der südafrikanischen Luftwaffe. Generalstabschef Georg Meiring (anwesend), 93 von De Klerk ernannt, behielt seinen Posten unter Mandela, wie ausgemacht in der Übergangsverfassung, wie auch die Chefs der Waffengattungen; Meiring bekam nur einen schwarzen Stellvertreter, Nyanda, der im MK gedient hatte. Die bisherigen/vormaligen Feinde SADF und MK wurden zur SANDF vereinigt (zusammen mit der APLA, den Homeland-Armeen), die keinen Feind mehr im Inneren oder Äusseren hatte. Und Meiring bekam mit „Joe“ Modise einen schwarzen Minister als Chef, ebenfalls vom bisherigen Feind. Manches daran erinnert an das Aufgehen der NVA in der Bundeswehr einige Jahre zuvor.(133) Und Ex-General Viljoen mischte im Post-Apartheid-Südafrika politisch mit, als Chef der VF (wie gesagt jener Teil der Afrikaaner-Rechten der den Übergang Südafrikas zur Demokratie nicht boykottierte) und Oppostions-Chef, Führer der stärksten Partei die nicht in der Regierung vertreten war.(134)

Die restliche Regierung der nationalen Einheit (Government of National Unity, GNU), aus ANC, NP, IFP, wurde am folgenden Tag, dem 11. 5., angelobt. Die bisherige “Apartheid-Partei”, die Nasionale Party (NP), die “Anti-Apartheid-Partei”, der African National Congress (ANC), und die Inkatha Freedom Party (IFP), die oft als “Apartheid-Kollaborations-Partei” gesehen wurde.(135) Sie sollten Südafrika von der Apartheid in die Demokratie führen, eine Art historischer Kompromiss.(136) Ex-ANC-Generalsekretär Alfred Nzo wurde Aussenminister, „Joe“ Modise wie gesagt Verteidigungsminister, (Ab)Dullah Omar Justizminister, Sathyandranath „Mac“ Maharaj Verkehrsminister, „Joe“ Slovo Minister für Wohnbau, Pallo Jordan für Post und Telekommunikation,… „Winnie“ Mandela-Madikizela bekam einen Vizeminister-Posten. Die NP bekam ausser dem Vizepräsidenten-Posten 6 Ministerien, wobei 2 Minister aus der letzten Apartheid-Regierung (De Klerks Kabinett) ihre Posten behielten: Derek Keys als Finanz-, und André I. „Kraai“ van Niekerk als Landwirtschaftsminister.

„Roelf“ Meyer bekam in der Regierung der nationalen Einheit fast das selbe Ressort das er in der letzten Apartheid-Regierung inne hatte, jenes das sich um die Verfassung bzw ihre Änderungen drehte. Andere Ressorts ggü jenen die sie unter De Klerk inne hatten, bekamen „Pik“ Botha (> Bergbau- und Energie), „Dawie“ de Villiers und „Abe“ Williams (Sozialminister). Ausserdem stellte die NP 3 Vizeminister (C. Fismer, R. Schoeman, A. Meyer). Der einzige Nicht-Weisse und Nicht-Afrikaaner darunter war also Williams. Der ANC stellte Minister und Vizeminister aus allen Volksgruppen Südafrikas, und auch viele Frauen. IFP-Chef Buthelezi wurde Innenminister ohne wichtige Kompetenzen, die bekam Sicherheitsminister Mufamadi (ANC), dem die Polizei und die Geheimdienste(137) unterstanden. Cyril Ramaphosa wurde 94 nicht Vizepräsident, nicht Minister und auch nicht Fraktionschef (Chief Whip) des ANC in der National Assembly, er blieb Generalsekretär der Partei und wurde Vorsitzender der Verfassungsgebenden Versammlung (gebildet aus den beiden Parlaments-Kammern); dies verstärkte die Befürchtungen (bzw die Agitation) der NP, dass die wahre Macht künftig beim ANC-NEC (dem Partei-Vorstand) liegen würde, die Entscheidungen effektiv dort getroffen werden würden – so wie in den Jahrzehnten davor in ihrem Parteivorstand (bzw im Broederbond).

Die Staatsspitze Südafrikas nach der ersten demokratischen Wahl 94: Ramaphosa (Konstituante), Zanele & Thabo Mbeki (VP), Ginwala (Präsidentin Nationalversammlung), Mandela, Coetsee (Senats-Präsident), De Klerk (VP). Das Foto entstand in der Zeit nach der Angelobung der Regierung, anlässlich der Aufnahme des politischen Betriebs im Mai 94

Meyer war wie gesagt Verfassungs-Minister, arbeitete somit wieder mit Ramaphosa zusammen, wie schon bei den Verhandlungen; auch „Niel“ Barnard, der Ex-Geheimdienst-Chef, bekam einen Posten im Verfassungs-Ministerium. Vizechef der Verfassungsgebenden Versammlung / Konstituante wurde Leon Wessels von der NP. Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung war ja nun vordringliches Ziel. Am 20. Mai trat der Senat zusammen, „Kobie“ Coetsee, auch ein ehemaliger Minister von der NP, wurde zu seinem Vorsitzenden gewählt, nachdem der ANC der NP diesen Posten überliess. Alternative wäre Govan Mbeki gewesen, Vater von Thabo, der nun Coetsees „Vize“ wurde. De Klerk war also als Vizepräsident dieser Regierung (und Chef einer noch immer mächtigen NP) beim Übergang zu einem nicht-rassisch regulierten Südafrika dabei, bzw beim Versuch, ein solches zu schaffen. Man kann auch seine Präsidenten-Jahre als Beginn dieses Wegs sehen und Mandelas Präsidentschaft als seine Fortsetzung; unter Mbeki dann die Mühen der Ebene. In den Ministerien, den Streitkräften, in Schulen, Sportklubs,… sollten nun „Schwarze“, „Weisse“ und „Braune“ gemeinsam wirken, etwas das ansatzweise schon unter De Klerk angefangen hatte.

Mandela schaffte es vom Gefangenen zum Präsidenten, wie in diesen Jahren Vaclav Havel, Lech Walesa (auch ein Friedensnobelpreisträger) oder auch Franjo Tudjman, in Südamerika dann Mujica oder Rousseff. Leopold Figl kam 1945 von der Todeszelle ins Bundeskanzleramt.(138) De Klerk wurde nicht vom Präsidenten/Machthaber zum Gefangenen, wie Honecker innerhalb weniger Monate in der DDR, bzw dann in der vergrösserten BRD. Mandela hatte Südafrikas fragile Demokratie durch seine ersten 5 Jahre zu führen, war hauptsächlich mit Versöhnung beschäftigt, bemühte sich auch oder gerade um jene Weissen (besonders Afrikaaner), die in Gegnerschaft zum neuen Südafrika standen/blieben. De Klerk über Mandela: „He was never a good administrator. He wasn’t a hands-on president at all. Right from the beginning, he never chaired the Cabinet. I was, for two years, together with Thabo Mbeki, executive deputy president. We chaired the Cabinet on a rotational basis. He was there, he attended all Cabinet meetings, but he more or less based his presidency on the French system. He chose just a few issues on which to concentrate, and he left the running of the government“.(139) Mandela hat sich als Präsident tatsächlich weniger um das Tagesgeschäft gekümmert als um Frieden und Versöhnung.

Aus der Apartheid-Zeit resultierte der Teufelskreis aus Armut, Unbildung, Kriminalität, Gewalt, schlechter Wohnsituation,… das Grundproblem des neuen Südafrikas. Die Sprachensituation kompliziert die Materie. Mit dem Ende der Apartheid kamen Kriminalität und AIDS. Von den 1960ern bis etwa 1989 standen sich Südafrikaner bei SADF und MK in Kriegen und Scharmützel gegenüber, dann die innere Gewalt bis 94 (Inkatha, „Dritte Kraft“), dann kamen Kriminalität und AIDS. Die politische Gewalt (die in den Übergangsjahren nochmal „aufgekocht“ ist bzw wurde) ging mit der Wahl bzw dem Ende der Apartheid weitgehend zu Ende, nun kam „soziale Gewalt“. Es gab eine Nicht-Behandlung des Themas AIDS unter den Regierungen De Klerk (und früheren Apartheid-Regierungen), Mandela (da angeblich erst richtig Ausbreitung der Epidemie; AIDS wurde von Mandela zu spät angegangen, entsprechende Aktionen von ihm kamen nach seiner Präsidentschaft), eine falsche Behandlung unter Mbeki (> Gesundheitsministern Manto Tshabalala-Msimang) und zT unter Zuma (schlechtes Vorbild mit Polygamie und „Tips“ mit Dusche, vor seiner Präsidentschaft).

Kriminalität ist das Ergebnis von Armut/Ungleichheit, wurde das südafrikanische Dilemma. Der Rückstand ist nicht leicht aufzuholen, zumal es (von vielen Weissen) Widerstand gegen jede Umverteilung bzw Wiedergutmachung nach der Apartheid gibt. Mandela führte eine sanfte Transition durch, die weisse Privilegien und schwarze Armut zu einem grossen Teil unvermindert liess. Er bestätigte als Präsident Finanzminister Keys und Chris(tian) Stals als Gouverneur der SARB (South African Reserve Bank/ Suid-Afrikaanse Reserwebank).(140) Walter Sauer, österreichischer Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist(141) sagte anlässlich Mandelas Tod 2013, dieser habe als Präsident die soziale Frage unterschätzt. Sein Konzept, Sozialprojekte mit Spenden zu starten, sei „nicht nachhaltig“ gewesen. Mandela hätte nach Ansicht Sauers auf eine gerechtere Verteilung des vor allem in den Händen der Weissen befindlichen Vermögens achten müssen. De Klerk und die NP in der Regierung haben ihn und den ANC natürlich auch noch gebremst. Auch nach Aussen musste der ANC unter Mandela (und seinen Nachfolgern) diese Politik betreiben, Versicherungen abzugeben (nach aussen ggü Investoren), dass sich nicht all zu viel ändern würde, nur niemanden „verschrecken“.

Sauer in “Indaba“ 41/04, „1994-2004: Zehn Jahre Freiheit in Südafrika“: „Als Südafrika eine auswärtige Atempause brauchte, um seine interne Transformation …durchzuführen, passierte ganz das Gegenteil: externer Druck wurde ausgeübt, um die Märkte des Landes für Exporte der Industrieländer zu öffnen, eine Rückzahlung der (Apartheid-) Schulden zu erzwingen und sogenannte investitionsfreundliche Bedingungen zu schaffen. Nicht immer beruhte dies auf ökonomischer Realität: Als der Rand im Sommer 1998 innerhalb von vier Monaten zwanzig Prozent seines Wertes verlor, führten dies Finanzjournale auf die Berufung des ersten schwarzen Gouverneurs der South African Reserve Bank zurück. Wahrscheinlich haben wir Rassismus als einen Faktor der globalen wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindungen ebenfalls unterschätzt.“ Mandela war nach seiner Gefängnis-Entlassung weitgehend westfreundlich, aber nicht bedingungslos…er hatte auch mit Clinton Konflikte. Südafrika trat 1994 in das Commonwealth of Nations wieder ein, trat der Organisation of African Unity (OAU)(142) bei. Die Republik Südafrika drehte sich nach der Apartheid in manchen Aspekten um 180°, auch in aussenpolitischen; ein neues Verhältnis zu Afrika und der Welt. Wurde als Brückenbauer erfolgreich, zwischen Industrie- und Entwicklungsländern etwa, auch in der IAEO.(143)

Afrika war mit Ende der Apartheid 1994 von Kap bis Kairo frei, aber Mobutu und andere Diktatoren waren (noch) an der Macht, und in Ruanda lief zur Zeit der Demokratisierung Südafrikas gerade das grosse Morden.(144) Auch um Nigeria, wie Zaire/ DR Congo/ Kongo ein Schlüsselstaat Afrikas, stand es Mitte der 1990er politisch nicht gut. In Äthiopien war 1991 der Derg (der Haile Selassie gestürzt hatte) gestürzt worden, das Land war am Weg der Besserung. In Ruanda, wie Zaire/Congo früher belgische Kolonie, wurde ja Präsident Habyarimana (zusammen mit seinem burundischen Präsidentenkollegen Ntaramirah, beide Hutus) am 6. April 94 getötet, durch den Abschuss eines Flugzeugs. Es ist nicht geklärt, ob dahinter die Tutsi-Organisation RPF steckte oder radikale Hutus, die nicht Verhandlungen mit der RPF wollten; jedenfalls lief in Folge in Ruanda/Rwanda ein Genozid an der Tutsi-Minderheit an, der von Anfang April bis Mitte Juli 1994 dauerte. Fast parallel zum endgültigen Ende der Kolonialisierung Afrikas fand die schlimmste Katastrophe in der jüngeren Geschichte Afrikas statt, die auch starke Auswirkungen auf Zaire/Kongo hat(te); zum einen führte sie dort im Endeffekt zum Sturz Mobutus (1997), zum anderen ist das Land noch immer mit diesen Auswirkungen beschäftigt. Mobutu, sicher einer der grausamsten afrikanischen Herrscher, wurde vom Westen unterstützt. Nur so konnte er 1965 in der Kongo-Krise die Macht im Land an sich reissen.

Ist die Machtübergabe von Baudoin von Belgien an Kasavubu und Lumumba 1960 bei der Unabhängigkeit Kongos mit jener von De Klerk an Mandela zu vergleichen? Es gibt jedenfalls einige Querverbindungen, Assoziationen, die hier vielleicht einen Platz haben sollten. Am „Vorabend“ der Unabhängigkeit von Congo/Kongo von Belgien, also in den späteren 1950ern, waren die Flamen und ihre Sprache Niederländisch erst dabei, in Belgien zu den Wallonen und Französisch „aufzuschliessen“. An die 100 000 Belgier lebten damals in ihrer Kolonie Congo (hauptsächlich im bodenschatz-reichen Katanga); die so genannten Kata-Belges machten etwa 2% der Bevölkerung Katangas aus, zu wenige für eine „südafrikanische Lösung“ (Minderheitenherrschaft, nach Abtrennung). Daher setzten sie (und Belgien) auf Baluba-Evolues wie Tshombe (CONAKAT), die man den Sezessions-Versuch durchführen liess. Über die Hälfte dieser Belgier waren Flamen, doch war Niederländisch in Belgisch-Congo praktisch nicht existent – nur im privaten Bereich. Und auch in der Bildung der Kongolesen war Französisch de facto die einzige Sprache, wie auch im benachbarten Ruanda-Urundi. Die gebildeten Kongolesen selbst, Evolués, verteidigten diesen Zustand gegenüber Bestrebungen nach dem 2. WK, Niederländisch in den Kolonien zu fördern. Dazu hat anscheinend auch das Image von Afrikaans als Sprache der Apartheid in Südafrika bei getragen!(145)

Die NP feierte im Juli 1994 ihren 80. Geburtstag; und nachdem sie über die freie Wahl hinaus erheblichen Einfluss in Südafrika behalten hatte, wie ex-kommunistische Parteien in Osteuropa nach der Demokratisierung dort(146), glaubte damals kaum jemand, dass sie kaum noch 10 Jahre zu leben hatte. Wurzeln der 1914/15 gegründeten NP waren diverse Buren-Parteien in den 4 Kolonien/Republiken gewesen, die 1910 vereinigt wurden. Die Entwicklung 1910-48, mit der Abspaltung von GNP und HNP während und nach dem Aufgehen des Hauptstroms der Partei zur/in der UP, wurde ja geschildert. 1951 entstand ja wieder eine Partei mit dem Namen NP, 3 Jahre nachdem HNP und AP eine Regierungskoalition eingegangen waren und die Apartheid-Politik begonnen hatten. Diese NP gewann 10 Wahlen, hielt über 46 Jahre die Apartheid aufrecht (die ja in erster Linie eine Vorherrschaft der Buren/Afrikaaner in Südafrika bedeutete). Auch in dieser Zeit gab es Abspaltungen, HNP, BSP in gewisser Hinsicht, KP, IM, VF in gewisser Hinsicht (eher Abgänge dorthin).(147) Dann die Reformen unter De Klerk (auch innerhalb der Partei!), Pretoriastroika, das ausgehandelte Ende der Apartheid 1994.

Mit einer Koalitions-Regierung aus HNP und AP begann die Apartheid 48, mit einer der NP mit ANC und IFP endete sie 94. Das Selbstbild der Partei hat sich natürlich immer wieder geändert; auch in der Schlussphase ihrer Existenz gab es mehrere solche neben einander. Wie auch immer, die NP war beteiligt, als zum ersten Mal Demokratie nach Südafrika kam. Finanzminister Keys trat bald nach Start der GNU ab, Nachfolger wurde ein parteiloser Weisser, Christo Liebenberg. Da der NP gemäß der Übergangsverfassung eine bestimmte Anzahl von Ministerien zustand, wurde ein neues Ministerressort mit der Bezeichnung „General Affairs“ (Allgemeine Angelegenheiten) für die NP geschaffen… Es wurde im Januar 1995 mit Chris(tiaan) Fismer (zuvor Vizeminister im Justiz-Ressort) besetzt, einem Vertrauten von Vizepräsident Frederik Willem de Klerk. Nachfolgerin als Vize-Justizminister wurde Gert Myburgh. Es gab jene an der Spitze der NP, in der Regierung, die sich als Vertreter der Afrikaaner, der Weissen, der Nicht-Schwarzen im neuen Südafrika (oder: gegen dieses) sahen, und jene, die sich bemühten, dies mit zu gestalten. Dies entsprach einem neuen parteiinternen „Konflikt“ zwischen Verligten und Verkrampten.

„Pik“ Botha war einer der konstruktiven NP-Mitglieder in der in GNU, „Roelf“ Meyer jedenfalls, De Klerk auch eher,…; auf der anderen Seite Jene, die weniger gemeinsam mit dem ANC regieren wollten, sondern gegen ihn, bzw eher Opposition machen. Darunter war damals auch Marthinus van Schalkwyk (Abgeordneter), André Fourie (Minister unter De Klerk, nun Abgeordneter), Hernus Kriel in der Provinz. Meyer, an der Ausarbeitung der neuen Verfassung beteiligt, gewann ab 94 parteiintern stark an Bedeutung. Auch als man mit dem ANC in einer Koalitionsregierung war, kamen aus der NP diesem ggü die Vorwürfe des „Kommunismus“ – was so früher zumindest gelegentlich ein Chiffre, ein Code war. Es gab Diskussionen in der NP, ob die Ziele der Partei inner- oder ausserhalb der Regierung der nationalen Einheit besser zu verwirklichen seien (lieber Mitwirken an der Neugestaltung, und sei es in Form von Lobbypolitik, oder sich diese Neugestaltung von aussen ansehen und auch zu stören); es erfolgte ja dann der Rückzug aus dieser zum frühest möglichen Zeitpunkt. Eine „Glaubensfrage“ war auch die Distanzierung von der Apartheid oder ihre Apologetik (bzw Quasi-Fortführung).

Die Nicht-Weissen in der NP wie Williams, Ranchod, Mavuso, Malatsi, Bantom(147), Peter Marais hatten es schwer, den Kurs der Partei mit zu bestimmen. Es zeichnete sich aber ab, dass das Westkap wichtigste Basis der NP wurde, wegen einem relativ hohen Anteil an Weissen und einem sehr hohem an Mischlingen und Asiaten, die sich zu einem guten Teil an diese Partei banden. John Mavuso, ein Schwarzer bzw Zulu, war beim ANC gewesen, bei der IFP, trat dann 93 der NP bei; er bekam 94 für sie einen Posten in der Provinzregierung von Pretoria-Witwatersrand-Vereeninging, das bald in Gauteng umbenannt wurde. „If Jews and Germans can intermarry, what the hell is wrong with us coming to terms with the Afrikaners? Of all the parties I have come to know, the National Party had the courage to make a U-turn on a horrendous policy.″ Die Kommunalwahlen 1995/96 waren eigentlich die letzte Wahl, bei der die NP (oder die NNP) wirklich stark abschnitt. Sie bekam landesweit 18,3% der Stimmen, damit fast das Ergebnis von den Parlaments- und Provinzwahlen 1994, behielt den dort errungenen zweiten Platz, hinter dem ANC.

Die Konservative Partei (KP) nahm an dieser Wahl teil; Hartzenberg rechtfertigte das ggü südafrikanischen und internationalen Sympathisanten der Partei (bzw ihrer Ausrichtung) damit, dort habe es einen anderen Rahmen als bei den Wahlen 1994 gegeben, die Teilnahme bedeute keine Anerkennung des neuen Südafrikas, es sei wie das Antreten bei der Wahl zur Bauern-Vereinigung. Sie blieb mit 0,8% klar hinter den anderen „Weissen-Parteien“ NP, DP und VF/FF zurück. Die Demokratische Partei (DP) gewann ggü 1994 etwas hinzu und zog an der Freiheitsfront (VF/FF), die ebenfalls leicht dazu gewann, vorbei. Die DP hatte 1994 ein schlechtes Resultat erreicht, obwohl eine Tochter von Nelson Mandela und der Bruder von Frederik de Klerk für sie stimmten. Sie hatte das Potential (gehabt), unter allen ethnischen Gruppen Wähler zu gewinnen, erreichte aber gerade mal 1,7%. Danach übernahm „Tony“ Leon die DP und fuhr einen rechteren bzw stärker weissen Kurs.

De Klerks Frau Marike soll sich in ihren letzten Jahren der KP „zugewandt“ haben.(149) Melanie Verwoerd, Frau von Verwoerd-Enkel Wilhelm (der zum ANC ging)(150), wurde ja 1994 ANC-Abgeordnete. Als solche war sie bei der Angelobung von Mandela, Mbeki und De Klerk 1994 dabei. Sie erzählte später, Marike de Klerk sei die einzige Person gewesen, die sich nicht vom Sitz erhob, als Mandela die „Bühne“ betrat. Mandelas Tochter Zindziswa war bei dieser Inaugurationsfeier im Mai 1994 Begleiterin ihres Vaters, blieb das die nächsten Jahre, wurde de facto Südafrikas First Lady (anstelle ihrer Mutter), somit Marike de Klerks Nachfolgerin.(151) Marike war bald nach der Angelobungsfeier sauer auf Mandela, da sie (und ihr Mann) erwartet hatte, in Libertas, der Präsidenten-Residenz in Pretoria, wohnen zu bleiben. Mandela sagte, er stehe unter Druck seiner Partei, als Präsident selbst in Libertas einzuziehen. Die De Klerks mussten so nach Overvaal, früher Residenz der Provinz-Administratoren von Transvaal. Es machte die nunmehrige Vizepräsidenten-Gattin weiter wütend, dass Mandela persönlich entschied, welche Umbauten/Restaurationen es für Overvaal (auf staatliche Kosten) geben würde. Damit scheint Mandela bei ihr endgültig „unten durch“ gewesen zu sein.(152)

Die Nationale Partei (NP) hatte viele südafrikanische und ausländische/internationale Spender, darunter war zB das Industrie-Konglomerat Barlow Rand (heute Barloworld), kein Wunder angesichts der Zusammenarbeit des Konzerns mit den NP-Regierungen. Auch der griechisch-britische Reeder Antony Georgiadis (Alandis Ltd, London), der Haupt-Verschiffer von Erdöl nach Südafrika, spendete Geld an De Klerks Partei.(153) Salopp gesagt: De Klerk nahm von Georgiadis das Geld für seine Partei, dann dessen Frau Elita. FW de Klerk begann 1994 eine Affäre mit Elita Georgiadis, 1996 trennte er sich von Marike. Chronologisch vorweg genommen, 1999 kam die Scheidung der Beiden, kurz danach die Heirat mit Elita. Genau so wie ggü den Beziehungen von De Klerks Sohn mit Nicht-Weissen kommen auch hier von rechten Afrikaanern unappetitliche Vorwürfe, Privates und Politisches vermischend. Dazu mehr im Schlussabschnitt.

1995 fanden also die Kommunalwahlen in Südafrika statt, „Winnie“ Mandela-M. musste in diesem Jahr wegen einer Korruptions-Sache die Regierung verlassen, „Joe“ Slovo starb, die Abschaffung der Todesstrafe ging über die Bühne…und die Rugby-WM fand im Land statt – und die Springboks (das südafrikanische Nationalteam) gewannen das Turnier. De Klerk war beim Finale der WM in Johannesburg im Stadion, aber anscheinend nicht auf der Ehrentribüne (neben Mandela), jedenfalls nicht bei der Siegerehrung dabei. Es sieht so aus, dass diese Versöhnungs-Bemühung von Mandela am bekanntesten wurde, sein Wirken rund um die Rugby-WM 95 (mit der Pokalübergabe als Höhepunkt), schliesslich gab es darüber auch einen Hollywood-Film.(154) Dabei gab es an Mandelas Versöhnungs- und Vereinigungswirken ja auch das Treffen mit dem Ankläger in dem Prozess, der ihn für 27 Jahre ins Gefängnis brachte, das von ihm organisierte Treffen (Kaffee-Kränzchen) von Witwen von Apartheid-Politikern und Anti-Apartheid-Kämpfern, die Einladung eines seiner Gefängniswärter zu seiner Amtseinführung oder der Besuch in Orania, ebenfalls 1995 (www.youtube.com/watch?v=kgcXWfRtIds).(155)

Und bzgl der Rugby-Weltmeisterschaft gab es nicht nur den Moment der Pokalübergabe (mit Kapitän François Pienaar) bzw das Finale, es gab für das bzw beim Turnier eine lange Vorarbeit. De Klerk hatte als Staatspräsident im Gegensatz zu Mandela keine Chance gehabt, sich zB über Rugby zu profilieren, wegen des Sportboykotts (der Folge der Apartheid-Politik war, die Nicht-Weisse auch im Sport stark diskriminierte). Es stellt sich die Frage, ob er auf eine Versöhnungsarbeit wie jene von Mandela wirklich keine Chance hatte (als Präsident oder Vizepräsident), ob er das nicht leisten wollte, er dafür nicht geeignet war, oder sich seine Versöhnungs-/Vereinigungspolitik auf anderen Ebenen abspielte? 1996 dann der Fussball-Afrika-Cup in Südafrika, die südafrikanische Auswahl kam ins Finale, das wiederum in Jo’burg statt fand (aber in einem anderen Stadion als die Rugby-WM 95), gewann dieses gegen das Team Tunesiens. Diesmal waren Mandela und De Klerk bei der Preisverleihung am Rasen dabei, bei der Übergabe des Pokals an Kapitän Neil Tovey (einer der Weissen im Team). Mandela im Trikot der Bafana Bafana und De Klerk im schwarzen Anzug.

Africa Cup of Nations 96: De Klerk, Tovey, Tshwete, Mandela, Hayatou,

Ausgerechnet hier war er dabei, beim Fussball, wo Afrikaaner im Gegensatz zum Rugby normalerweise gar keinen Bezug haben. Dass 96 nicht die „Fussball-Entsprechung“ zu 95 wurde, lag an der mangelnden Anteilnahme von Weissen am Fussball, besonders der Afrikaaner. Ein südafrikanisches Nationalgefühl/-bewusstsein gab es bis 1994 nur in Ansätzen. Bestimmender war für die meisten meisten Bewohner des Landes (und teilweise ist noch immer) das Bewusstsein, einer bestimmten ethnischen Gruppe anzugehören (Afrikaaner, Zulu, Inder,…). Wobei diese Volksgruppen dann nochmal zerfallen; die südafrikanischen Inder zB nach Religionen (Hindu, Moslem, Christ, Sikh, Parse, Jain,…), Volks-/Sprachgruppen (Arier-Drawiden und weitere Bestimmungen), Kasten und Wohnort (Kapstadt-Durban-Johannesburg…). Aus einem Gegeneinander ein friedliches Nebeneinander zu machen, war/ist schon schwer genug, und erst recht, daraus ein Miteinander zu machen. Mandela hat intensiv daran gearbeitet, De Klerk war möglicherweise eher Interessensvertreter der Afrikaaner (und in zweiter Linie der anderen Weissen, weiters der Kap-Farbigen, die NP-Klientel wurden,…).(156)

1996-98 liefen die Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Zeit von 1960 bis 1994 behandelte, 2002 kam ihr Abschlussbericht. De Klerk war unglücklich über die Zusammensetzung der Kommission; er hatte erwartet, dass sie zu etwa gleichen Teilen aus Anti-Apartheid-Aktivisten und Apartheid-Funktionsträgern bestehen würde… ähnlich wie die chilenische „Rettig-Kommission“ (Comisión Nacional de Verdad y Reconciliación), die 1990/91 eine Aufarbeitung der Pinochet-Diktatur 1973-90 in Angriff nahm, unter Auftrag von Präsident Patricio Aylwin. Diese war auch Vorbild für die südafrikanische Truth and Reconciliation Commission (TRC) gewesen. Neben dem Vorsitzenden, dem Politiker Raul Rettig, gehörten ihr 8 weitere Leute an, darunter die Pinochet-Minister Gonzalo Vial und Ricardo Diaz; die Hälfte der 8 galten als pro-Pinochet.(157) Die 17 Mitglieder der TRC wurden so ausgesucht, dass die südafrikanische Gesellschaft in ihrer Diversität einigermaßen abgebildet war, ausserdem so dass verschiedene Zugänge zu Menschenrechtsverletzungen gegeben waren, die von Geistlichen, Juristen, Psychologen, Politikern,… Darauf, auch möglichst die Apologeten von Menschenrechtsverletzungen (oder gar ihre Verursacher) mitwirken zu lassen, wurde verzichtet.

Es heisst, die TRC hatte „nur“ zwei Kommissare/Mitglieder, die die Apartheid befürwortet hatten. Der eine war Chris(tiaan) de Jager, Jurist, ehemaliger KP-Abgeordneter, dann in der (noch rechteren) AVU aktiv. Er war der der Apartheid am meisten Nahestehende in der Kommission, verliess diese im Streit vor Ende ihrer Arbeit, war dann im Volkstaat-Rat (1994-99 aktiv). De Jager stand also gegen Ende der Apartheid rechts von ihr bzw der NP, war gegen die Reformen Bothas und erst recht jene De Klerks. Wer der/die Andere war, hat Tiara nicht heraus gefunden, möglicherweise ist Wynand Malan gemeint, ebenfalls Anwalt und Ex-Politiker, auch Afrikaaner/Bure, er war von der NP zur DP gegangen. Der hatte zumindest eine Zeit lang die Apartheid unterstützt bzw mitgetragen, kommt vom anderen Ende der NP als De Jager. De Klerk hatte keine Einwände gegen den anglikanischen Bischof Desmond Tutu als Vorsitzenden, aber gegen Alex(ander) Boraine als Vize-Vorsitzenden, ein englischsprachiger Weisser, ehemaliger Politiker (PP, IDASA). De Klerk über Boraine: „Beneath an urbane and deceptively affable exterior beat the heart of a zealot and an inquisitor.“(158)

Bezeichnenderweise war auch die Democratic Party (DP) nicht mit der Zusammensetzung der Kommission einverstanden; unter Tony Leon hat sich die DP vom Liberalismus verabschiedet. Ein Patrick Laurence von der der DP/DA zugehörigen Suzman-Foundation schrieb 1998 „What the TRC won’t tell you“(159), dass „Zweifel über die Ausrichtung und Moral“ der Kommission sehr berechtigt seien. Darin monierte er, dass nur ein Mitglied, eben De Jager, Verbindungen zum Afrikaaner-Nationalismus hatte. Auch er stellte die chilenische Kommission mit ihrer Hälfte Pro-Pinochet-Mitglieder als Vorbild hin. Wenn man das „Pamphlet“ von diesem Laurence (ein inzwischen verstorbener Journalist, „Soutpiel“) liest, lernt man etwas über jene politische Richtung in Südafrika, die sich als „Liberale“ sehen, in der Traditionslinie UP-PP-PRP-PFP-DP-DA, von Suzman bis Leon, und wundert sich, was Einen dort eigentlich genau an der Apartheid gestört hat.(160) Jedenfalls, die Verantwortung für die Apartheid wurde nach ihrem Ende entweder von unten nach oben (Untergebene hätten auf eigene Faust gehandelt, so zB De Klerk vor der TRC) oder oben nach unten („Haben nur Befehle ausgeführt“) abzustreifen versucht; seltener sind offene Apologetiken. Laurence in dem erwähnten Text zur TRC: „As Professor Hermann Giliomee of the University of Cape Town has observed, the 17 TRC commissioners are overwhelmingly ‚pro-struggle‘, meaning dedicated opponents of the previous government.“

Frederik Willem de Klerk wurde 1996 (noch als Vizepräsident) von der TRC vorgeladen, als Vorsitzender der NP und als ehemaliger Staatspräsident.(161) Aus der Politologie-Diplomarbeit von Gunnar J. Theissen an der FU Berlin 1996 (siehe Literatur-/Linkliste) zur Stellungnahme De Klerks vom 21. August 1996 in Kapstadt: „Die Stellungnahme enthielt keine Angaben zu Vorfällen, die vergangene NP-Regierungen zu verantworten hatten. De Klerk wies nur darauf hin, daß ehemalige Polizei- und Militäroffiziere in ihrer Eigenschaft noch eine genauere Erklärung abgeben würden. Das Papier listet allerdings exakt die Taten auf, die den Befreiungsbewegungen vorgeworfen werden: 541 Fälle von ‚Halskrausen‘ (mit Benzin gefüllte Autoreifen, mit denen angebliche Verräter meist durch Jugendliche in den Townships umgebracht worden waren), 57 Angriffe mit Landminen, 10 Autobomben usw. De Klerk betonte man müsse zwischen der ‚alten‘ und der ’neuen NP‘ unterscheiden, die sich nach 1990 allen Südafrikanern geöffnet habe und deren Wählerschaft sich zur Hälfte aus schwarzen, farbigen oder asiatischen Südafrikanern zusammensetze. Es sei deshalb falsch, die Unterstützer seiner Partei pauschal für die Apartheid verantwortlich zu machen. Wenige Zeilen später schwindet jedoch diese Differenzierung zwischen alter und neuer NP.“

Und weiter: „Alle Menschen seien Kinder ihrer Zeit und Produkte der kulturellen und politischen Verhältnisse, in die sie hineingeboren und mit denen sie aufgewachsen seien, betonte de Klerk. Dieser Aussage folgt der Hinweis, daß bis zur Mitte dieses Jahrhunderts kaum eine Person in der von Europäern dominierten Welt der Meinung war, daß die indigene Bevölkerung in den Kolonialreichen sich selbst regieren könne. Die Rassenideologie der Apartheid wird von de Klerk immer noch als ‚getrennte Entwicklung‘ bezeichnet. Sie wird in der Erklärung erneut damit begründet, sie habe das Ziel einer Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes aller Südafrikaner gehabt. Dem Konzept der ‚getrennten Entwicklung‘ läge zudem ein international anerkanntes Prinzip zu Grunde… De Klerk lobte auch die angeblichen Entwicklungsleistungen der Homelandpolitik… In der Stellungnahme betonte de Klerk zugleich die wichtige Rolle Pieter Willem Bothas. Er hätte die Reform des Apartheidsystems mit dem Ziel eingeleitet, die Apartheid ganz abzuschaffen: Die Befreiungsbewegungen hätten sich aber geweigert, in diesem friedlichen Prozeß zu kooperieren. Die ‚legal verfaßte und international anerkannte Regierung‘ Südafrikas habe sich deshalb gegen die revolutionären Umsturzversuche des ANC und seine Verbündeten verteidigen müssen. Das Vorgehen der weißen Regierung rechtfertigte de Klerk gemäß den bekannten Denkmustern. Man habe im Glauben gehandelt, den weltweiten Vormarsch des Kommunismus verhindern zu müssen. Die Regierung wäre mit einer revolutionären Bewegung konfrontiert gewesen, die gemeinsam mit ihren sowjetischen Verbündeten, den Vereinten Nationen und der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung gegen die Regierung kämpfte. Diese unkonventionelle revolutionäre Bedrohung habe dazu geführt, daß unkonventionelle Gegenmaßnahmen (=Menschenrechtsverletzungen) ergriffen wurden…“

„Persönlich habe er aber nie einer Aktion zugestimmt, die schwere Menschenrechtsverletzungen beinhaltete, weder in seiner Rolle als Mitglied eines Regierungskabinetts, noch als Mitglied des Staatssicherheitsrates. Von gezielten Morden habe seine Regierung nichts gewußt und auch die Mehrzahl aller Beschäftigten in den Sicherheitskräften seien ‚ehrenhafte und professionelle Männer und Frauen‘ gewesen. Er und andere führende Personen hätten sich schon öffentlich für die Schmerzen und das Leiden entschuldigt, die durch die ehemalige Politik der NP verursacht worden seien. Dies sei akzeptiert und auch öffentlich von dem Vorsitzender der Kommission, dem Erzbischof Tutu, anerkannt worden. ‚Ich wiederhole heute diese Entschuldigungen‘, sagte de Klerk am Ende gegenüber der Wahrheitskommission. An keiner Stelle erwähnt de Klerk, daß das Konzept der Apartheid für sich genommen die Menschenrechte fundamental verletzte. Die brillante Rede de Klerks vermittelte dem Zuhörer etwa folgendes Bild: Die NP habe sich beständig nach dem zweiten Weltkrieg um eine friedliche und gerechte Lösung aller Probleme bemüht, sei jedoch in diesem Bemühen stark von den eigenen Traditionen geprägt gewesen. Man habe versucht, durch die Politik der getrennten Entwicklung eine internationalen Standards entsprechende Lösung zu finden, sei daran jedoch gescheitert. Nachdem man dies eingesehen habe, hätte man die Reformpolitik eingeleitet. Der Erfolg dieser Politik wurde jedoch durch die Befreiungsbewegungen zunichte gemacht, die weiterhin einen Wandel gewaltsam erzielen wollten. Die Menschenrechtsverletzungen geschahen im Kontext der Verteidigung gegen den totalen Angriff (total onslaught) des Kommunismus. Sie waren eine Art spiegelbildliche Reaktion auf die Anschläge der Befreiungsbewegungen, die durch ihre Taten die Trennung zwischen legitimen und illegitimen Methoden der Kriegführung zunichte gemacht hätten. Vor der Wahrheitskommission mahnte de Klerk zudem die Gleichberechtigung aller Opfer an. Hinter diesen verbreiteten Rufen nach einer Gleichberechtigung der Opfer steht nicht nur die Aufforderung, daß die Menschenrechtsverletzungen aller politischen Gruppierungen untersucht werden sollen, denn unter dem Schlagwort der Gleichberechtigung wird zugleich die Forderung nach einer Gleichsetzung aller Taten vorgebracht. Man streitet ab, daß es einen Unterschied zwischen den Taten des ANC und den Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte gegeben habe. Die NP-Geschichtsversion porträtiert die Vergangenheit lediglich als einen Konflikt zwischen zwei Konfliktparteien, die in gleicher Weise Unrecht getan hätten.“, so Theissen über De Klerks Stellungnahme vor der TRC.(162)

Der Autor fasst an anderer Stelle Umfrageergebnisse zusammen: „Wer dazu tendiert, die Wahrheitskommission abzulehnen, streitet überwiegend die Verantwortung des Apartheidregimes für seine Verbrechen ab, neigt dazu, die Apartheid zu glorifizieren und fällt in der Regel auch durch stärkeren Rassismus auf.“ De Klerk hat mindestens ein weiteres Mal vor der TRC ausgesagt, 1997 bei einer Spezialanhörung in Kapstadt; dabei entschuldigte/distanzierte er sich abermals für/von die/der Apartheid.(163) Die TRC beschuldigte FW de Klerk in ihrem vorläufigen Abschlussbericht (~1998), von den staatlichen Bombenanschlägen auf den Südafrikanischen Kirchenrat (s.o.) und den Gewerkschaftsverband TUC (Trade Union Council of South Africa) unter Botha gewusst zu haben, dies der Kommission nicht gesagt zu haben. De Klerk legte dagegen Einspruch ein, und im Abschlussbericht 2002 wurde die Anschuldigung abgeschwächt. In seiner Autobiografie (s.u.) sagte er, dass die TRC seinem Image geschadet hätte. Sein Vorgänger Botha blieb total unapologetisch zur Apartheid generell, und der Gewalt des Staates in und ausserhalb Südafrikas unter ihm als Verteidigungsminister, Ministerpräsident, Staatspräsident. Er folgte einer Vorladung der TRC nicht, musste sich dafür 1998 vor Gericht verantworten, wurde in zweiter Instanz frei gesprochen. Die TRC befand ihn grober Menschenrechtsverletzungen schuldig – was für ihn keine Konsequenzen hatte.

Bald nach De Klerks TRC-Aussage, im Mai 96, war man (hauptsächlich die Parteien der GNU) sich einig über die neue Verfassung – die 1997 in Kraft trat. Dabei wurde das Meiste übernommen, was schon in der Übergangsverfassung stand – was die Verhandlungen des MPNF nochmal aufwertet(e). Eine der Änderungen von der Übergangsverfassung (93 ausgehandelt, 94-97 in Kraft gewesen) zur „endgültigen“ (94-96 ausgehandelt, 97 in Kraft getreten) war die Umbenennung der einen (eigentlich unwichtigeren) Parlamentskammer von „Senate“ in „National Council of Provinces“ (NCOP). Die NP hatte eigentlich darauf hin gearbeitet, einen Platz in einer Einheits-Regierung bis 2004 garantiert zu bekommen. Susan Booysen: “The Interim Constitution of 1993 and the NP’s 1994 inclusion in the GNU seemed to confirm the NP hopes of an ‘invincible place in the sun’. At the 1994 onset of multiparty democracy NP leaders believed that through repositioning the NP would reinvent itself as a significant post-liberation party, working alongside the majority ANC. However, the NP failed to get guaranteed power-sharing in the final 1996 constitution. De Klerk and his NP from early GNU days onwards came under concerted voter criticism for failing to defend Afrikaner interests. Simultaneously, internal succession battles and displays of ambition by aspiring successors exposed NP fault lines.”

Nach der Ausarbeitung der neuen Verfassung 1996: Ramaphosa, Mandela, De Klerk, Meyer

Und, kaum war die Verfassung ausgearbeitet und angenommen, zog De Klerk die Nationale Partei (NP) aus der Regierung der nationalen Einheit (GNU) ab – im Juni 96 war dies so weit. De Klerk erklärte, er würde die NP in eine vigorose Opposition zu Mandelas Regierung führen, um „eine saubere Mehrparteien-Demokratie zu garantieren“, ohne die die Gefahr bestehe, dass Südafrika in das „afrikanische Muster von Ein-Parteien-Staaten“ abgleite. Ein wenig Chauvinismus also noch zum Abgang. Theissen: „Die NP stellt sich in der Öffentlichkeit als die Partei dar, die für die Abschaffung der Apartheid verantwortlich war. Das Selbstverständnis der NP wird durch eine Werbekampagne der Partei am besten illustriert. Nachdem sie beschlossen hatte, die Regierung der Nationalen Einheit zu verlassen, plazierte sie ganzseitige Anzeigen mit dem Konterfei de Klerks: ‚We do it for South Africa and democracy – First we brought you democracy – Now we bring you multiparty democracy‘. Das neue Südafrika wird darin als ein Erfolg der NP gepriesen: Die NP sei stolz über ihre Rolle, die sie bei der Auslösung des Wandels in Südafrika gehabt habe. Nun wäre die Zeit auch für eine echte Mehrparteiendemokratie mit starker Opposition gekommen.“

Im SABC-Interview ’20 sagte De Klerk zu den Gründen des Auszugs der NP aus der Regierung der nationalen Einheit: Der ANC hätte keinen Dissens, keine Dissonanzen in der Regierung nach Aussen zugelassen und er wollte nicht Alles mittragen; zum Anderen hatte er (vergeblich) versucht, in der Verfassung neben Regierung und Parlament eine Art Kontrollgremium einzurichten, mit Vertretern aller wichtigen Parteien, das eine Art Konsens-Modell (bzw Veto-Recht, Bremse, Gegengewicht,…) ermöglichen sollte. Also das was man schon in CODESA und MPNF verankern wollte. Einige NP-Kollegen in der Regierung und im Parteivorstand waren schockiert über De Klerks Entscheidung der Koalitionsaufkündigung, darunter Pik Botha, Roelf Meyer, Leon Wessels, die „Reformer“ also. Meyer, so etwas wie Führer des liberalen Flügels der NP, war wenige Monate davor, im März 96 als Verfassungsminister zurückgetreten, um NP-Generalsekretär zu werden; was kurz vor dem Auszug der NP aus der Regierung zu einer kleinen Kabinettsumbildung führte: Fismer folgte Meyer nach, John Mavuso wurde Minister für „generelle Angelegenheiten“ statt Fismer (für 3 Monate). Im März 96 traten auch Abe Williams zurück (Patrick McKenzie, ein Kap-Farbiger in der NP, wurde für ein paar Monate Sozialminister), Roelf Meyers jüngerer Bruder Anthon „Tobie“ Meyer (Ste/fanus Schoeman wurde Vize-Landwirtschaftsminister) und Myburgh.

Statt diesem wurde Sheila Camerer Vize-Justizminister, für die paar Monate, die die NP noch in der Regierung blieb. Sheila Camerer war englisch-sprachig trotz deutscher Wurzeln, war so etwas wie eine Zukunftshoffnung der NP, spielte dann in der NNP eine wichtige Rolle. Der konservative Flügel der NP um Westkap-Premier Kriel war grossteils zufrieden mit dem Auszug aus der Regierung. Die NP-nahe (englischsprachige) Zeitung „The Citizen“ kommentierte, „…a panic measure, forced on the party by falling support and party division…“. Für die Regenbogen-Nation, als die Südafrika seit 1994 gelegentlich gesehen wird, war der NP-Regierungsaustritt einer der ersten „Risse“. Die abgezogenen Minister und Vizeminister wurden grösstenteils logischerweise mit ANC-Leuten ersetzt, weniger mit IFP-Politikern. Trevor Manuel wurde damals statt Liebenberg Finanzminister, Derek Hanekom (ein Afrikaaner im ANC) statt Van Niekerk Landwirtschaftsminister,…(164) Mandela delegierte immer mehr Aufgaben (und Besucher) an Mbeki, nun alleiniger Vizepräsident, der 97 Parteichef wurde.(165) Buthelezi blieb Innenminister, und wurde von Mandela einige Male als geschäftsführender Präsident eingesetzt, wenn er und Mbeki im Ausland oder verhindert waren. So 1997, als beide in die Schweiz zum Weltwirtschaftsforum nach Davos reisten.(166)

Die NP war 1996 erstmals seit 1948 in Opposition (damals als HNP), De Klerk wurde Oppositionschef statt Viljoen.(167) Die Partei tat sich auch schwer in dieser Rolle. Die Richtungskämpfe bzw Flügelkämpfe in der NP intensivierten sich, GS R. Meyer wollte eine generelle Umorientierung, der konservative, verkrampte Flügel um WC-Premier H. Kriel hielt dagegen. De Klerk stand da in der Mitte. „Pik“ Botha, „Chris“ Fismer, „Dawie“ de Villiers, Leon Wessels, Tertius Delport verliessen die NP 1996/97, teils zogen sich die Betreffenden ganz aus der Politik zurück. „Kobie“ Coetsee, unter Botha und De Klerk u.a. Justizminister, trat als Senats-Präsident 97 vor dessen Umwandlung in das NCOP infolge der neuen Verfassung zurück. Sein Nachfolger wurde Mosiuoa Patrick „Terror“ Lekota vom ANC. Ein weiterer Machtverlust für die NP, wobei der ANC auch in dieser Kammer eine komfortable Mehrheit hatte, den Vorsitz der NP überlassen hatte. Und der Abgang eines Ex-Apartheid-Funktionärs. 1998 wurde Generalstabschef Meiring abgelöst, ein Weisser. Die Spitze der Judikative wurde allmählich auch “schwarz”.

Im August 1997, 13 Monate nach dem Abzug der NP aus der Regierung (und seinem Rücktritt als Vizepräsident), trat De Klerk als NP-Chef zurück. Eine Meldung von ihm von damals ist überliefert, er fühle sich „nicht mehr enthusiastisch genug für Oppositionspolitik“. Auch als Abgeordneter trat er ab. Als Nachfolger setzte sich Marthinus „Kortbroek“(168) van Schalkwyk durch, hauptsächlich gegen Meyer – anscheinend mit Unterstützung De Klerks. Van Schalkwyk war im Gegensatz zu diesem nicht von der Apartheid-Zeit belastet, auch wenn er in den 1980ern Führer einer NP-nahen Studentenorganisation gewesen war. Und die NP wollte sich nun als moderne, nicht-rassische, moderat-konservative Oppositions-Partei präsentieren. Er gehörte eigentlich zum konservativen Flügel der Partei(169), hatte für den Auszug aus der Regierung agitiert. Wurde neuer Oppositionschef, bis zur Wahl 99. Ein Politologe als Politiker. Van Schalkwyk redete nach der Übernahme des Vorsitzes der NP davon, den ANC spalten zu wollen, den „nicht-kommunistischen Teil“ des ANC als Bündnispartner zu nehmen.

Im Sommer 1989 wurde De Klerk mit 53 Jahren Präsident Südafrikas, kam im Apartheid-System an die Spitze, 8 Jahre später ging er in Pension, obwohl er bald nach der Wahl 94 noch gesagt hatte, er wolle 1999 mit der NP Erster werden, er zog sich also noch vor dieser Wahl aus der Politik zurück, ging 2 Jahre vor Mandela in den in den Ruhestand, mit knapp über 60 Jahren. Die NP wurde Ende 1997 von ihrem neuen Chef Van Schalkwyk in Nuwe Nasionale Party/ New National Party (NNP) umbenannt, ein Ausdruck des Willens zum Bruch mit der (Apartheid-) Vergangenheit. Die „offizielle“ Umbenennung scheint sich erst am Parteitag 1998 vollzogen zu haben. Die Parteizentrale der Neuen Nationalen Partei in Kapstadt wurde „FW De Klerk Haus“ benannt. De Klerk hatte um die Zeit des Rückzugs der NP aus der Regierung davon geredet, sie zu erneuern, eine nicht-rassische, christdemokratische, „werteorientierte“ Partei zu machen. Van Schalkwyk wollte dies mit der NNP nun umsetzen. Aus der burisch-nationalen, weiss-rassistischen Partei, die sie (mal) war, in einem Land der grossen Gegensätze eine werte-orientierte zu machen, war aber nicht einfach – auf das Christentum beziehen sich auch die meisten Schwarzafrikaner, wie gezeigt wurde. Und bei Manchen ihrer Anhänger ging es vor allem Anderen um Erhaltung der Besitzstände, die in den Apartheid-Jahrzehnten „zu Stande gekommen“ waren…

Und die Neuorientierung verstärkte ihre Identitätskrise noch. Für die Einen (hauptsächlich die Schwarzen) blieb sie (und die Afrikaaner-Kultur!) mit der Apartheid assoziiert, für einen Teil der Weissen wiederum hatte sie sich zu sehr in die Nähe des ANC begeben…(170) Es begannen Abwanderungen zur Democratic Party (DP), auch zur Freiheitsfront (VF/FF). Die DP hatte gegen Ende der 1990er noch immer den englisch-sprachigen Charakter, den liberalen aber schon weitgehend aufgegeben; sie wurde klar als Opposition zum ANC wahr genommen. Die Abwärtsspirale der (N)NP war mit einem „Relaunch“ (auch neues Parteisymbol,…) nicht aufzuhalten, wurde dadurch eher noch verstärkt. Parlamentarische Führerin der NNP wurde 1997 Sheila Camerer, die ’96 kurz Vizeministerin gewesen war, eine Schalkwyk-Konkurrentin. Es scheint, dass sie „parlamentarische Führerin“ war und „Sakkie“ Pretorius Chief Whip, also Fraktionschef, ihr unter geordnet.

Roelof Meyer, der eine echte liberale Kehrtwendung versucht hatte, verliess die NNP 1997. Er gründete mit dem bisherigen ANC-Politiker (und früheren Transkei-Herrscher) Bantu(bonke) Holomisa das United Democratic Movement (UDM), der Versuch einer rassenübergreifenden Partei.(171) Einige aus der NNP folgten Meyer zum UDM: Peter und Gerhard Koornhof(172), Annelizé van Wyk, Samuel de Beer. Meyers parteiinterner Konkurrent in den Post-Apartheid-Jahren, Her(ma)nus Kriel, trat 1998 als Westkap-Premier ab, übergab an den Parteikollegen Gerald Morkel, einen Kap-Farbigen. Patrick McKenzie, ein anderer Farbiger, ging ’98 von der NNP zum ANC. Ex-Minister Van Niekerk schloss sich 98 der Federal Alliance(FA) des Rugby-Funktionärs Louis Luyt (ein weiterer Konkurrent für die NNP) an; er ist einer Jener, die später zur DA gingen.

Leben nach der Politik

1999 veröffentlichte De Klerk seine Autobiografie, zuerst auf Englisch („The Last Trek – A New Beginning“), dann auf Afrikaans. Der Titel bezieht sich natürlich auf die Afrikaaner-Geschichte, und darin hat er schliesslich eine wesentliche Rolle gespielt. Er hat auch in den 1990ern eine Art Gegen-Tre(c)k unternommen, von dem Gebiet das bis 94 Transvaal war, ins Westkap (weisser und stärker afrikaans geprägt). Auch sein ehemaliger Aussenminister „Pik“ Botha bediente sich in diesen Jahren eines solchen Griffs in die Afrikaaner-Geschichte um Aktuelles zu kommentieren; die Afrikaaner, so Botha, müssten die Wagenburg (die sie bei den Trecks errichteten, wenn sie Rast machten) auflösen, die misstrauische/feindselige Haltung ggü der „Aussenwelt“ aufgeben; ob er dabei aufgerufen hat, sich dem ANC anzuschliessen, ist inzwischen umstritten.

De Klerk hat in seiner Autobiografie seine Version der Geschichte nochmal dargelegt, u.a. nochmal das Lied vom Kalten Krieg und dem Kommunismus gesungen und was dies für das südliche Afrika bedeutete. Ende der 1990er heirateten Mandela und De Klerk dann neu, beide neue Frauen waren Ausländerinnen, keine Südafrikanerinnen.(173) Mandela liess sich 96 von Winnie scheiden, von der er sich ja bereits 92 getrennt hatte. Und heiratete 1998, an seinem 80. Geburtstag, Graca Machel, die Witwe des verstorbenen mosambikanischen Präsidenten Samora Machel. De Klerk kam nicht zu dieser Feier, bei der Michael Jackson auftrat. Dies war ein Jahr vor Mandelas Abschied aus der Politik. 1999 wurden Frederik und Marike De Klerk geschieden, gleich darauf heiratete er Elita Georgiadis. In dieser Zeit gründete De Klerk auch seine Stiftung.

Die DP und ihre Vorgängerpartei, die PFP, sassen etwa ab Mitte der 1980er zwischen Stühlen, spätestens als die PFP ’87 hinter die KP fiel (was sich 89 wiederholte). Zwischen den „Stühlen“ jener Weissen die jede Aufweichung der Apartheid ablehnten (> KP, Teil der NP), und jener, die ihre Reform bzw Beendigung in die Wege leiteten (> Teil NP, oder gar ANC); und als 1994 die bislang rechtlosen schwarzen Massen als Elektorat hinzu kamen, änderte sich nichts daran. Unter Anthony Leon rückte die DP aber nach rechts, und Ende der 1990er schien sich das Dilemma der Partei aufzulösen. Zeichneten sich Wählerströme von der NNP zu ihr ab. Zunächst bei Nachwahlen für Stadträte, 1997/98, hauptsächlich solchen in Johannesburg. Susan Booysen weist in „The ANC and the Regeneration of Political Power“ darauf hin, dass die NP in dieser Zeit Sitze an die DP verlor, und zwar in Wahlkreisen die von der unteren Mittelschicht und Arbeiterklasse „definiert“ waren, so etwa die Johannesburger Vororte Newlands und Rosettenville. Booysen schreibt, dass diese Vororte überwiegend weiss waren/sind, unterscheidet aber nicht zwischen Afrikaanern und Englischsprachigen.

Die Van Schalkwyk-NNP tat diese Nachwahlen und Meinungsumfragen im Vorfeld der Wahl 1999 (nationales Parlament und Provinzparlamente werden in Südafrika gleichzeitig gewählt) ab, bei der grossen Wahl würden die Dinge anders sein. Die NNP stellte sich kämpferisch als Opposition zum ANC dar, diesen als „inkompetent“ zum Regieren, „korrupt“, „arrogant“, versuchte wieder Ängste vor dem Kommunismus im ANC zu erwecken (das Rassische wurde/wird nicht mehr direkt thematisiert), sich als Korrektiv darzustellen, ein Wahlslogan war „Let’s get South Africa working“. Aber, man nahm auch die DP als Konkurrent wahr, griff sie etwa als Partei für „reiche und reaktionäre Weisse“ an. Am „Vorabend“ der Wahl 99 musste die NNP eingestehen, dass sie zufrieden wäre, wenn sie etwa die Hälfte der Stimmen von 94 bekäme, also 10%. Die DP ging in den Wahlkampf mit dem Blick hauptsächlich auf die Stimmen der 10-15% Weissen. Stellte die NNP als „in einem Boot“ mit dem ANC sitzend dar, ausgelaugt, gab den Slogan „Fight Back“ aus.

Im Frühling 1999, in der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl, verabschiedete sich Noch-Präsident Nelson Mandela aus der („aktiven“)(174) Politik. Oppositionsführer Van Schalkwyk (später selbst im ANC und Minister): „Sie hatten die Fähigkeit, der Präsident Aller zu sein“. Für De Klerk hat das nicht zugetroffen; zum Einen natürlich, weil die Umstände so waren (die Apartheid erst abgeschafft werden musste, und daran wirkte er mit). Aber auch als Vizepräsident in einem Südafrika der formalen Gleichberechtigung der Rassen agierte er wahrscheinlich zu sehr als Interessensvertreter eines Segments der Bevölkerung (s. o.). Sein Bruder Willem schrieb, er sei “too strongly convinced that racial grouping is the only truth, way and life to initiate any meaningful change“. Van Schalkwyk 1999 weiter, ggü Mandela: “One of the freedoms we enjoy in our country, and that we must cherish, is that we can be free to recognize greatness in somebody that may sometimes have a different political outlook. You understood the intricate makeup of our nation and its rich diversity. You understood the need to heal the wounds of the past.“ 1994 waren Weisse in- und ausserhalb Südafrika besorgt, was geschehen würde wenn Mandela kommt, 99 dann, was geschehen würde wenn er weg war.(175) Das wiederholte sich, der Abgang Mbekis 08 war auch verbunden mit grossen Verunsicherungen nicht zuletzt der Weissen… Mandela war Symbol nationaler Einheit in einem Land geworden, in dem Einheit „schwer fassbar“ ist/war.

Bei dieser Wahl, der zweiten freien, kam die DP dann auf den zweiten Platz hinter dem ANC, die IFP blieb Dritter. Die NNP verlor 13,5 %, platzierte sich dahinter. Dann die neue UDM (3,4%), dann ACDP, VF,… Im Westkap behauptete sich die NNP, in KwaZulu-Natal die IFP. Thabo Mbeki, 97 Nachfolger Mandelas als Parteichef geworden, wurde 99 sein Nachfolger als Staats- und Regierungschef. De Klerk war bereits 2 Jahre im Ruhestand. Die Inkatha FP mit Buthelezi blieb in der Regierung; die kleine Minority Front (MF) und AZAPO wurden mit je einem Vizeminister-Posten beteiligt. Jacob Zuma wurde Vizepräsident, die DP unter Leon Oppositionsführerin. In den Provinzen KwaZulu-Natal(176) und Westkap stellten IFP und NNP also weiter die Premierminister, alle anderen gingen wieder an den ANC. Es gab keine Einheitsregierungen mehr, aber Koalitionen, falls notwendig. Im Westkap koalierten NNP und DP (gegen den ANC), Morkel blieb Premier. Die + 7,8% der DP von 1999 ggü 1994 gingen auf Kosten der (N)NP, waren überwiegendst Afrikaaner. Damit wurden die Kap-Farbigen sogar zur Haupt-Klientel der NNP. Aber auch bei ihnen begann schon eine Abwanderung zur DP.

Die Afrikaaner, auch sehr „konservative“, gingen also bei der Wahl ’99 von der (N)NP zur DP, trotz derer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Und nicht zur VF, eigentlich die konservative Afrikaaner-Partei. In ihr ging vermutlich der grösste Teil des Erbes der KP auf. Während die Wähler (und auch Funktionäre) der (N)NP zur DP (aus der dann die DA wurde) abwanderten. Warum sie nicht bei der NNP blieben und nicht zur VF gingen, ist nicht leicht zu analysieren. Möglicherweise, weil sich die DP als als Interessensvertretung der Weissen in Stellung gebracht hatte. Mit dem Influx konservativer Afrikaaner verfestigte sich die neue, rechtere Ausrichtung natürlich. ANC- und Staats-Präsident Thabo Mbeki sagte, er glaube dass es die Transformation der DP war, die ihr diesen Wählerzuwachs brachte. Leon selbst bestritt einen Rechtsruck, die DP sei liberal geblieben. Aber er bestätigte, dass sich seine Partei nun in erster Linie als jene der Nicht-Schwarzen, besonders der Weissen, verstand. Für die (N)NP war die Wahl 99 jedenfalls der Wendepunkt, oder die Manifestation ihrer Abwärtsentwicklung, der Verluste bei den Weissen. Ihr letzter Trumpf war ihre Stärke im Westkap und, in einem geringeren Maß, im Nordkap, die hauptsächlich auf die dortigen Farbigen/Kleurlinge/Coloureds zurückzuführen war.

Mbeki setzte als Präsident, wenn man so will, das fort, was De Klerk begonnen hatte, den Übergang (oder die Transformation?) Südafrikas zur Demokratie. Mbeki machte eine etwas „schwärzere“ Politik als Mandela.(177) Ab 2000 unter Präsident Mugabe(178) im benachbarten Zimbabwe die Farmbesetzungen und Landenteignungen (die nicht zuletzt die weisse Minderheit betraf), verbunden mit Gängelungen der Demokratie und wirtschaftlichem Niedergang. Von der DP (dann DA) unter Leon und manchen südafrikanischen Zeitungen wurde die Entwicklung in Zimbabwe (besonders Anfang-Mitte der 00er) zu einem Schreckgespenst für Südafrika aufgebaut, nicht zuletzt bei Wahlen, gegenüber dem ANC. Und, nach der Wahl 99 kam von der NNP die Initiative, eine „vereinte Opposition“ zum ANC zu schaffen.

Genauer, eine Oppositionsfront der weissen Parteien. 3 der 5 überwiegend „weissen“ Parteien in der Nationalversammlung taten sich 2000 zusammen, Democratic Party (DP), New National Party (NNP) und Federal Alliance (FA), um die Democratic Alliance/ Demokratiese Alliansie (DA) zu formen. Nicht dabei waren die afrikaanisch-nationalistischen Parteien VF und AEB, und auch nicht die inter-rassische UDM, die werte-orientierte ACDP oder die UCDP (die Nachfolgepartei der Bophuthatswana-Homeland-Partei, die 99 erstmals antrat). 2000 stellte DA-Chef Leon ein Schattenkabinett auf, mit Van Schalkwyk, T. Delport, Eglin, H. Smit, Niemann, Seremane,… 2001 zog sich die NNP aber bereits aus dem Bündnis zurück; damit schied auch die FA aus. Die DP behielt den Namen DA. Damit endete auch die NNP/DA-Koalition im Westkap. Die FA tat sich in der Folge mit der VF zusammen, die NNP (stark geschwächt aus dem Bündnis mit der DP hervor gegangen) mit dem ANC…die NNP-Kooperation mit dem ANC führte zum Aufgehen in diesem 04/05 (06 „endgültig“). Für den ANC war die NNP attraktiv bzw wertvoll wegen ihres Wählerpotentials unter der farbigen Bevölkerungsmehrheit im Westkap und dessen Hauptstadt Kapstadt. Westkap-Premier Morkel war gegen das Bündnis der NNP mit dem ANC, versuchte es zu verhindern, trat schliesslich zurück (2001). Er wurde (nachdem er sich der DA angeschlossen hatte) Bürgermeister Kapstadts, neuer Premier wurde Morkels Vorgänger als Bürgermeister dort, Peter Marais (ebf. NNP, Farbiger), in einer Koalition mit dem ANC.(182)

Die Beiden tauschten also ihre Posten. Der „Handel“ zwischen ANC und NNP schloss einen ANC-Bürgermeister für Kapstadt mit ein, der mit der Änderung der Regeln für den Parteiwechsel von Mandataren (Floor crossing) 2002 möglich wurde.(179) 2002 wurde Nomaindia Mfeketo Bürgermeisterin von Kapstadt, gewählt von einer ANC-NNP-Mehrheit, nachdem Morkel (nunmehr DA) damit „zu Fall gebracht“ wurde. Das selbe Parteibündnis tauschte ’02 den Premier von Westkap aus, brachte NNP-Chef Marthinus van Schalkwyk in dieses Amt (statt Marais). Präsident Mbeki nahm 2002 2 NNP-Leute als Vizeminister in die Regierung auf, Renier Schoeman und David Malatsi. Der Grossteil der NNP-Führung (Schoeman, André Fourie,…) ging den Weg des Bündnisses mit dem ANC mit, das einen Absturz in die Bedeutungslosigkeit verhindern sollte. Van Schalkwyk beschrieb das Bündnis sogar als „Ende der Spaltung der südafrikanischen Seele“. In der Parteiwechselperiode 2003 gingen aber einige wichtige NNP-Politiker, wie Sheila Camerer, zurück zur DA, die schon mal ihr temporäres politisches Zuhause gewesen war. „Hernus“ Kriel war vor der Bildung dieses Bündnisses (NNP+DP) zur DP gegangen (ging später zur ACDP), ebenso Tertius Delport (blieb in der DA), Danie(l) Schutte zog sich 99/00 aus der Politik zurück(180), Chris(tiaan) Fismer ja bereits zuvor, Patrick McKenzie war einer Jener die früh zum ANC gegangen waren; Andere in den Jahren des Bündnisses NNP-ANC, also vor dem Anschluss. Roelof Meyer bemühte sich ja in dem UDM; zur VF gingen aus irgend einem Grund wenige NNP-Politiker.(181)

De Klerk hat sich ja nach dem Ende seiner politischen Tätigkeit in/bei Kapstadt niedergelassen, mit seiner zweiten Frau; vom Garten seines Hauses in Fresnaye hatte er (oder hat er, falls er noch immer dort lebt) einen Blick auf Robben Island, wo Nelson R. Mandela 18 Jahre seiner Gefängnisstrafe verbringen musste. Ob ihn das kalt lässt oder „heiss“ macht, ist nicht bekannt. Seine Ex-Frau Marike auch. Auch sie ging eine neue Beziehung ein; es heisst, nachdem auch diese in die Brüche ging (2000), war sie seelisch zerbrochen. 1998 brachte auch Marike de Klerk eine Autobiografie heraus, mit Maretha Maartens, „Marike: A Journey Through Summer and Winter“ (anscheinend nur auf Englisch). Darin geht es natürlich in erster Linie um ihre 39-jährige Ehe; es halten sich Meldungen, dass das Kapitel in dem es um die Untreue ihres Mannes geht, zensiert wurde, auf seinen Einfluss hin. Im Dezember 2001 wurde Marike de Klerk in ihrer Wohnung beim Strand von Kapstadt ermordet; von einem Wachmann des Luxus-Wohn-Komplexes in dem sie wohnte. Bei der Autopsie konnte nicht ausgeschlossen werden, dass Luyanda Mboniswa die 64-Jährige auch sexuell missbraucht hat. Er wurde ’03 zu lebenslanger Haft verurteilt.(183) Frederik W. de Klerk war damals gerade in Stockholm zu einer Feier der Nobelpreis-Stiftung, kehrte zurück, gab eine Stellungnahme für Medien ab; ob er beim Begräbnis erwünscht war, von ihrer Familie, weiss Tiara nicht.

Eine, die zum Begräbnis kam, war „Winnie“ Madikizela-Mandela, sie zog dieses jenem von „Joe“ Modise, dem langjährigen MK-Kommandanten und dann Verteidigungsminister unter Nelson Mandela, vor. „As a woman, I can identify with the exhaustion of her emotional resources in shaping her former husband’s career“. So eine Art Querfront Winifred-Marike, beide waren wie erwähnt radikaler als ihre Männer (unversöhnlicher), Marike stand rechts von Frederik (nahe bei der KP), Winnie links von Nelson (nahe beim PAC), beide wurde von ihren Männern in den 1990ern getrennt, ihre „Nachfolgerinnen“ waren keine Südafrikanerinnen, und sie hatten beide keinen guten Ruf. Winnie starb 2018. Marike de Klerks zweites Buch kam anscheinend posthum heraus, „A Place Where the Sun Shines Again“, mit Ratschlägen für Frauen die im „späteren Alter“ Scheidungen erleben. Und wieder soll sich ihr Ex-Mann, der Ex-Präsident, um „Zensur“ bemüht haben, beim Verleger. Seine Mutter starb ebenfalls 2001, aber natürlich. ’01 starben auch 3 weitere wichtige Südafrikaner: Christiaan Barnard (Arzt), Govan Mbeki (langjähriger ANC-Aktivist), Nkosi Johnson (ein 12-Jähriger, der an AIDS erkrankt war).

Vor den Wahlen 2004 präsentierte sich die NNP als eine Art bestimmender Einfluss auf den Mbeki-ANC, der für rassische Minderheiten wichtig sei. NNP-Generalsekretär Daryl Swanepoel meinte, die Herausforderungen für dieses Land seien zu wichtig, als sie dem ANC allein zu überlassen. Doch sie stürzte bei dieser Wahl nun wirklich in die Bedeutungslosigkeit ab, kam auf 1,7%, verlor auch im Westkap das Meiste (und damit ihre Verhandlungsposition ggü dem ANC). Die NNP war jetzt eine von vielen Mikro-Parteien.(184) Mit dem Bündnis mit dem ANC hatte die NNP vollends die Unterstützung der weissen Wähler verloren. Die DA unter Leon gewann nach einer „Swart gevaar“-Wahlkampagne abermals etwas hinzu, nun auch die (West-) Kap-Farbigen; Western Cape/ Wes-Kaap wurde DA-Kernland, auch wenn die Partei 04 dort noch hinter dem ANC lag. Der ANC war 04 unter Mbeki am Höhepunkt: fast 70% und Siege in Westkap und KwaZulu-Natal. Das Westkap hat der ANC aber nie richtig gewonnen, was nicht zuletzt am hohen Bevölkerungsanteil von Weissen und Mischlingen/Farbigen liegt.(185) Nach der Wahl 04 wurde Ebrahim Rasool vom ANC dort Premierminister. Die DA erfuhr durch einen weiten Zufluss von Afrikaanern einen weiteren Rechtsruck.

Van Schalkwyk, bislang Westkap-Premier, bekam im Kabinett Mbeki II einen Ministerposten, jenen für Tourismus (zeitweise mit Umweltschutz-Agenden), den er 10 Jahre behielt, bis 2014, unter den Präsidenten Mbeki, Motlanthe, Zuma; dann wurde er Botschafter. Kein Schlüssel-Ministerium, aber Tourismus ist wichtig für Südafrika, und er ist noch immer ziemlich in „weissen Händen“. Booysen: „In an ironic twist, it was Van Schalkwyk who … took the NNP back into cabinet when he specifically was rewarded by the ANC for collapsing his NNP into the ANC“. Er wurde noch als NNP-Mann Minister, trat 05 zum ANC über. Und, er beschloss, das was von der NNP noch übrig war, in den ANC über zu führen. Die NNP würde bei Wahlen nicht mehr antreten, seine Leute für den ANC. Alle NNP-Mandatare sollten zum ANC übertreten, im Floor crossing 2005, oder bleiben und spätestens bei den Lokalwahlen 2006 ausscheiden. Nach 10 Jahren Freiheit beschloss die NNP also ihre Auflösung. Van Schalkwyk meinte dazu, der Anschluss der NNP an den ANC würde/solle das Rassenübergreifende dort verstärken. FW De Klerk trat ’04 aufgrund dieser Entscheidung aus der NNP aus; er sagte, der Anschluss würde zu weit gehen, man hätte nicht auf das Recht verzichten sollen, sich vom ANC zu unterscheiden.

Wichtigster Ansprechpartner im ANC bei den Verhandlungen dazu war Mosiuoa Lekota, damals (99-08) Verteidigungsminister, vorher NCOP-Sprecher, davor (O)FS-Premier; danach COPE-Gründer/Chef. Van Schalkwyk brachte kaum Nicht-Schwarze zum ANC; (nur) im Westkap wäre das für diesen wichtig gewesen. Und viele der 04 noch gebliebenen NNP-Wähler und -Funktionäre gingen nicht den Weg den ANC, den Schalkwyk „vorzeigte“, die meisten davon wahrscheinlich zur DA. Der letzte nationale Parteikongress der NNP fand im April 2005 statt, die Beschlüsse bezüglich Anschluss und Auflösung wurden dort bestätigt. Im Parteiwechsel-Fenster im September 05 gingen die 7 Abgeordneten der NNP in der Nationalversammlung (so wenige waren es nach der Wahl 04), 6 zum ANC(186) und einer, Stan(ley) Simmons, zu einer neuen Ein-Mann-Partei, der UPSA. Der einzige NNP-Abgeordnete im NCOP, „Freddy“ Adams (Westkap) ging auch zum ANC. Von den 7 Provinzparlamente-Abgeordneten der NNP (5 im Westkap, 2 Nordkap) ging einer zur DA, die anderen zum ANC. Auch Renier Schoeman (aus KZN), Vizeminister unter De Klerk, Mandela und Mbeki, ging 05 zum ANC, ebenso Generalsekretär Swanepoel. Es blieben als NNP-Mandatare etwa 80 Gemeinderäte (hauptsächlich auch im Westkap), bis zur Lokalwahl 06, zu der die NNP nicht antrat. – Die erste südafrikanische Wahl seit der Gründung der ersten NP 1914/15, zu der die NP, als solche oder unter den „Aliassen“ GNP, HNP, NNP, nicht antrat.

Mit dieser Wahl verloren diese ihre Mandate (es sei denn, sie traten nun für eine andere Partei an), und nachdem Alle weg waren, löste sich die NNP auf. Nach der Veröffentlichung des Wahlresultats wurde ihre Registrierung bei der IEC „gelöscht“, dies war der letzte Akt. Die wichtigsten Protagonisten von NP und NNP aus ihren machtvollen Zeiten hatten die Partei ja in der Regel schon zuvor verlassen. Pieter Botha soll der NNP bis zu seinem/ihrem Tod 06 treu geblieben sein. Die NP begann 1994 auf 20% der Stimmen der südafrikanischen Bevölkerung (nachdem sie jahrzehnte-lang Mehrheiten des weissen Elektorats bekommen hatte), wirkte im Übergang zur Demokratie in der Regierung mit, wurde 1996 Oppositionspartei, verlor 1999 (nun umbenannt) die Führungsrolle unter den Weissen, begab sich dann in eine Allianz mit der DP (die dieses stärker machte), dann mit dem ANC, bis sie (nunmehr eine Kleinpartei) in diesem aufging. Die Partei die die Apartheid schuf, ging formal in der Anti-Apartheid-Partei ANC auf, die wichtigste Anti-Apartheid-Organisation schluckte die Apartheid-Partei, und das zu einer Zeit in der Erstere am Höhepunkt ihrer Macht stand. Analysten/Beobachter, denen etwas an der südafrikanischen Demokratie liegt, lamentierten darüber, aus dem Grund dass der ANC schon super-dominant war und nicht noch eine andere Partei (und sei sie noch so klein) zu verschlingen brauche. Wobei, der Grossteil der Wähler (und viele Funktionäre) gingen ja zur DA.(187)

Booysen: „In many ways the death and disappearance of the NNP set a track that would be mimicked by the Inkatha Freedom Party (IFP), the second GNU partner to the ANC in the 1994 transitional dispensation. The IFP decline was slower. It limped from one election to the next, from alliances to introspective reinventions, yet consistently declined in support. In Election 2009 the IFP remained the party with the fourth biggest national standing, yet had declined to 4.6 per cent support. Come local election 2011, and the split-off of the National Freedom Party (NFP) it was left with 3.57 per cent and no apparent prospect for future growth.“ Der IFP ist es als einziger der (ehemaligen) Homeland-Parteien gelungen, im Übergang und im Post-Apartheid-Südafrika entscheidend mizumischen, obwohl sie den Verhandlungsprozess (89-94) weitgehend boykottierte und dann ankündigte, nicht an den Wahlen teilzunehmen. Ab 2004 war sie nicht mehr an der (ANC-) Regierung beteiligt, bei dieser Wahl verlor sie auch Kwazulu-Natal. Die IFP verlor das „Match“ um die Stimmen der Zulus an den ANC, schon bevor 07 der Zulu Zuma ANC-Chef wurde. Inzwischen ist sie landesweit auf 2,4% und Platz 4 abgesunken; nur in KwaZulu-Natal spielt sie noch eine wichtige Rolle (2019 16,34%). ’19 hat Buthelezi die Präsidentschaft über die IFP abgegeben.(188)

Die IFP hat auch weisse und indische Wähler und Funktionäre; hat sowohl etwas von einer Regionalpartei (KwaZulu-Natal) als auch etwas von einer ethnischen Partei (für Zulus). Im Homeland Bophuthatswana gabs ja die Bophuthatswana National Party, aus der die Bophuthatswana Democratic Party wurde, unter dem Chefminister/Präsidenten des Homelands, Lucas K. Mangope(189). Daraus wurde 1997 die United Christian Democratic Party (UCDP). Die UCDP ist inzwischen nicht mehr im südafrikanischen Parlament vertreten, und es ist ihr nicht gelungen, eine Tswana-Volkspartei zu werden.(190) Die DA ist in erster Linie für die beiden weissen Sprach-/Volksgruppen da, der ANC für die schwarzen Ethnien des Landes. Die VF(+) wurde (endgültig erst bei der Wahl 2009) die wichtigste Partei, die sich dezidiert als eine der Afrikaaner/Buren verstand. Gegenentwürfe zu diesem „inoffiziellen“ Partikularismus waren UDM und COPE. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif dafür. Beide bestehen noch, sind im Parlament vertreten mit ein paar Abgeordneten (die UDM sogar in einem Provinz-Parlament), sind aber als rassenübergreifende neue politische Kräfte, die dem ANC (und der DA,…) Konkurrenz machen sollen, längst gescheitert.(191) „Roelf“ Meyer hat die UDM 04 verlassen, ging 06 zum ANC, auch weitere Funktionäre die aus der (N)NP kamen, wie die Koornhofs, taten dies.

COPE entstand nach dem Rücktritt von Mbeki als Staatspräsident 08, als Abspaltung von „Mbekiten“ aus dem ANC. Mbekis Amtszeit wäre 09 geendet, er kandidierte 07 auf der ANC-Konferenz dafür, darüber hinaus Parteichef zu bleiben, verlor aber gegen Jacob Zuma (den er 05 als Vizepräsident entlassen hatte). Mbeki trat dann 08 zurück (etwa 1 Jahr bevor seine Amtszeit geendet hätte), nachdem Zuma in einem Korruptionsprozess freigesprochen wurde und Mbeki (nicht zuletzt parteiintern) in Verdacht geriet, das Verfahren vorangetrieben zu haben, daher das Vertrauen seiner Partei verlor.(192) Motlanthe wurde bis zur Wahl 09 Staatspräsident, COPE bereitete sich auf diese Wahl vor (wie auch Zuma im ANC); anfangs wurde der Congress of the People weniger als Abspaltung vom ANC gesehen denn als der eine Teil einer Spaltung, bekam ein Wählerpotential von bis zu 20% bescheinigt… Bei der Wahl 09 bekam COPE dann aber 7,4% (und Platz 3, vor der Inkatha); der Abstand zwischen ANC und DA verringerte sich damals etwa, auf etwa 50%. Zuma wurde nach dieser Wahl Präsident, musste von COPE keine Konkurrenz befürchten, nicht zuletzt aufgrund interner Streitigkeiten in diesem. Die DA, nunmehr unter Helen Zille, gewann das Westkap zurück (behauptet sich seither dort), Zille wurde dort auch Premierministerin, parlamentarische Führer der DA (und damit Oppositionschefs) sind Andere.

Die schlimmste Krise des Post-Apartheid-Südafrikas war wahrscheinlich die Phase zwischen der Abwahl von Mbeki als ANC-Chef Ende 07 (Konferenz in Polokwane) und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident im Frühling 09 (zwischendrinnen lag der Mbeki-Rücktritt als Präsident); das Warten auf Zuma… Zur selben Zeit machte Julius Malema als Chef der ANC Youth League von sich reden. Die Dystopien von einer Entwicklung Südafrikas in Richtung Zimbabwe (Mugabe) und bezüglich der Abhaltung der Fussball-WM in Südafrika 2010 waren (bzw wurden) damals ziemlich verbreitet…(193) Wie schon gesagt, die Apokalypse in Südafrika wurde für Zeit nach der Wahl 94 bzw De Klerk vorher gesagt, dann für nach Mandela, nach Mbeki (bzw für die Zeit mit Zuma als Präsident), nach Zumas Abgang 18 wieder. „Die Wahl im Frühling 09 gilt … als größte Bewährungsprobe der jungen Demokratie.“ war damals der Befund in einem hiesigen Medium. Bevor Mbeki abtrat, war auch gemunkelt (bzw unterstellt) worden, dass dieser durch eine Verfassungsänderung (durch die ANC-Mehrheit im Parlament) die Amtstzeit des Staatspräsidenten (über 2 Perioden hinaus) verlängern würde, um länger zu bleiben.(194)

De Klerk äusserte sich (auch) in dieser Zeit der Panikmache optimistisch zur Zukunft Südafrikas; wenngleich er Zuma nach dessen Rücktritt dann kritisch beurteilte: unter diesem hätte anti-weisser Rassismus im ANC zugenommen, ausserdem natürlich für dessen Korruptheit. Wobei: die Befürchtungen/ Unterstellungen ggü Zuma waren ja nicht, dass er staatliches Geld für seinen privaten Hausbau auf die Seite schafft und derartiges, sondern dass er das Justizsystem und die Opposition auszuschalten versucht. Als 2 Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft 2010 AWB-Führer Terre’Blanche von 2 (schwarzen) Arbeitern seiner Farm in Ventersdorp (nunmehr Nord-West) ermordet wurde, anscheinend aus unpolitischen Gründen (Streit um ausstehende Löhne), schrieb orf.at von „Angst im WM-Gastgeberland“, „möglichem Zündfunken“,… DA-Führerin Zille stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-YL-Chef Malema und dem von diesem gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. De Klerk damals: Malemas Worte/Verhalten hätten zumindest die Atmosphäre geschaffen, welche den Mord begünstigte.

Auf die Frage, welche Partei er das nächste Mal (> 09) wählen werde, sagte De Klerk 04, dies werde er dann entscheiden (> DA, VF+?), jedenfalls werde er nicht dem ANC beitreten. Manche meinen, dass die NP nicht wirklich gestorben ist, sondern zur DA metamorphosiert ist; auch wenn die NP-„Nachfolgerin“ NNP im ANC aufgegangen ist. Die DA-Vorläufer waren die wichtigste weisse Opposition zur Apartheid (aber keine Total-Opposition bzw grundsätzliche Infragestellung…), sie ist nun die wichtigste (weisse) Opposition zu den ANC-Regierungen im Post-Apartheid-Südafrika. Viele Apartheid-Anhänger und -Funktionäre sind zur DA gegangen. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung (hat auch einige schwarze „Aushängeschilder“), will sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.(195) Zeigt das Regieren der DA im Westkap und Kapstadt, dass sie die bessere Alternative zum ANC auf nationaler Ebene ist, oder dass es ihr darum geht, vielerorts noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen zu erhalten?(196)

In den meisten seiner Stellungnahmen nach seinem Rückzug aus der Politik hat De Klerk die Apartheid verurteilt und das demokratische Südafrika gelobt. In manchen hat er diese Verurteilungen aber auch relativiert. Oft zeigte er sich als südafrikanischer Patriot, Kritik an Zuständen im Land ist von ihm meist konstruktiv, seine Beurteilungen vernünftig. 2004 sagte er in einem Gespräch mit dem US-amerikanischen Journalisten Richard Stengel, im Grossen und Ganzen habe sich Südafrika dorthin entwickelt, wo er es sich bei seinen Schritten 1990 vorgestellt hat. Es gäbe eine Tendenz unter Kommentatoren rund um die Welt, sich auf das Negative in Südafrika (wie den Umgang mit AIDS) zu konzentrieren.

Doch das Positive überwiege bei Weitem, nannte dabei Stabilität, eine ausgewogene Wirtschaftspolitik, konstitutionelle Sicherheit, guter Wille unter Südafrikanern. 2004 sprach er auch mit dem „Spiegel“ (Aust & Anderen). Südafrika bewege sich von einer ethnisch orientierten zu einer werteorientierten Politik hin, sagte er dabei, und wenn man dort ankomme, würde der ANC auseinander fallen. Dieser (bzw diese Allianz) sei nur zu Stande gekommen, um die Apartheid zu beenden. Es könnte sogar ein Weisser Führer eines reformierten ANC werden. ANC-Regierungen machten Vieles auch richtig. In Südafrika haben man (mehrheitlich) Denkkategorien überwunden (die rassischen), die Europa noch immer dominierten. Das neue Südafrika mit all seinen Problemen sei ein viel besseres als jenes der Apartheid. „Ich würde heute alle wichtigen Entscheidungen genauso fällen.“

„Ich habe immer daran geglaubt, dass wir (Südafrikaner) die Kraft haben, die grossen Probleme zu überwinden. Und auch, dass wir fortsetzen, was wir 1994 so hoffnungsvoll begonnen haben.“

(Gegenüber dem „Spiegel“ 04)

Als er 08 in Durban von der One Nation Foundation zusammen mit Nelson Mandela und Jacob Zuma (damals ANC-Präsident) für das Zustandebringen von Demokratie in Südafrika geehrt wurde, sagte er, er sei hoffungsfroh dass Südafrika seine gegenwärtigen Probleme (nannte AIDS, Kriminalität) meistern werde, wie man das schon mal getan gabe als die ganze Welt erwartete dass Südafrika in Gewalt versinken werde.(197) Er lobte die Verfassung und attestierte dem Land eine wachsende konstitutionelle Reife. Thabo Mbeki sei unter schwierigen Umständen zurückgetreten, aber Alles sei verfassungskonform gelaufen. In einem Interview mit dem britischen „Guardian“ 2010 meinte er, wenn eine Partei beinahe zwei Drittel der Stimmen gewinnt, könne man nicht von einer gesunden, dynamischen Demokratie reden. Dabei und bei anderen Gelegenheiten äusserte er die Erwartung, dass der ANC früher oder später entlang der ideologischen (wirtschaftspolitischen) Linien auseinander fallen werde, nachdem das was ihn zusammenhielt, die Apartheid, weg ist.(198) Dann würden neue Parteien, neue Konstellationen entstehen, und Radikale auf der Linken und an der Rechten sollten dann von der „Mitte“ marginalisiert werden.

2016, zur Zeit von Zuma, kritisierte er ggü dem „Mail & Guardian“(199) Black Economic Empowerment, dieses werde (weisse) Südafrikaner aus dem Land treiben da es den Spielraum von Minderheiten einschränke.(200) Auch bei anderen Gelegenheiten meinte er, positive Diskriminierung zugunsten der schwarzen Bevölkerung gehe teilweise zu weit und laufe Gefahr, zu „Rassismus mit anderem Vorzeichen“ zu werden. 2019 sagte er zum „Daily Maverick“(201), Ungleichheit sei Südafrikas grösster Fehler, ausserdem sei es (unter Zuma) zu einem Wiederaufleben des Rassischen gekommen. Da stellt sich allerdings die Frage, wie die Ungleichheit gemindert werden könnte/sollte. Die Mehrheit im Land sei allerdings nicht rassistisch und habe verinnerlicht, dass alle Südafrikaner im gleichen Boot säßen. „Alles, was dieses Boot beschädigt, führt dazu, dass wir alle sinken.“ 2019 sagt er, die Wirtschaftssanktionen gegen Apartheid-Südafrika hätten die „nötigen Reformen“ verlangsamt. Mit einer vollständigen und unumwundenen Verurteilung der Apartheid tut er sich bis heute schwer; das zeigte sich auch im SABC-Interview vor einigen Wochen, das hier mehrmals erwähnt (und verlinkt) ist.

2012 interviewte ihn die britisch-iranische Journalistin/Moderatorin Christiane Amanpour für CNN, am Rande eines „Gipfeltreffens“ von Nobelpreisträgern in Chicago (USA). Das Gespräch ist ist hier nachzu-sehen und hier nachzu-lesen. Der erste Teil drehte sich um die Apartheid und ihr Ende, der zweite um ihr Erbe gewissermaßen, das heutige Südafrika. De Klerk wiederholte dabei Distanzierungen von der Apartheid und Lob für das demokratische Südafrika, relativierte Beides aber auch… Das erste Stirnrunzeln kommt bei der Antwort auf die Frage, ob er bei seinen ersten Begegnungen mit Mandela (und die ersten zwei fanden noch zu dessen Gefangenschaft statt) Bedauern dafür empfunden hatte, dass dieser schon so lange im Gefängnis war: „He was properly tried in front of a properly constituted court. He was represented by the best lawyers. And he was found guilty of what is a crime in the United States, of what is a crime in all developed countries, of treason. He had planned, as a young man, to overthrow the government in a violent way.“(202) Anscheinend kommt eine gewisse „Skepsis“ De Klerk gegenüber doch nicht ganz ohne Grund. Dann kommt er auf das Botha-Angebot der Freilassung zu sprechen, dass er auch schief darstellt. Dann seine Erklärungen zur Apartheid.

Er habe profunde Entschuldigungen für die Apartheid abgegeben, bei der TRC und bei anderen Gelegenheiten, über die Ungerechtigkeiten die sie mit sich brachte. „What I haven’t apologized for is the original concept of seeking to bring justice to all South Africans through the concept of nation states.“ Das sei die Apartheid also gewesen, und als solche sei sie in Südafrika gescheitert: man habe das bereits in den 1970ern erkannt und fundamentale Reformen in Gang gebracht. Ob sie nun gescheitert sei, weil sie sich als undurchführbar erwies oder weil sie moralisch falsch gewesen sei, fragt Amanpour. Er antwortete mit einer Gegenfrage bezüglich Israel-Palästina, deren Sinn nicht ganz zu erkennen ist. Die Apartheid sei aus 3 Gründen gescheitert: Weil die Weissen zu viel Land für sich beanspruchten (sehr vornehm gesagt), weil Weisse und Schwarze ökonomisch miteinander integriert wurden (stimmt), und weil die Schwarzen mit dieser Situation unzufrieden waren. Es kamen dann Verteidigungen der Homelands. Sagt, „They were not disenfranchised. They voted.“, womit er anscheinend die Homelands meinte. Die Apartheid-Regierungen hätten so viel Geld in diese gesteckt…stellte das dem Geld gegenüber, das die „entwickelte Welt“ für Afrika und Armut dort (nicht) ausgibt.

Phasenweise schwer zu glauben, dass er das Alles 2012 sagte und nicht um 1992 herum… Unter der Apartheid bekamen 75% der Bevölkerung 13% des Territoriums zugewiesen, und das waren die weniger attraktiven Teile; und dabei ging es auch darum, die Schwarzen in die verschiedenen Ethnien zu spalten sowie ihre Ansprüche in Südafrika (zum Beispiel in den Städten, bei der Verwaltung der Bodenschätze,…) einzuschränken. Homeland-Apologetik ist in der Regel Apartheid-Apologetik… Amanpour gab ihm dann die Gelegenheit, seine Haltung zur Apartheid klarzustellen.> „I can only say that in a qualified way. Inasmuch as it trampled human rights, it was — and remains — and that I’ve said also publicly – morally indefensible. There were many aspects which are morally indefensible. But the concept of giving, as the Czechs have it now and the Slovaks have it, of saying that ethnic unities with one culture, with one language, can be happy and can fulfill their democratic aspirations in an own state, that is not repugnant.“ Damit meinte er anscheinend auch die Homelands. Interpretiert diese als Aufsplitterung einer Nation in Nationalitäten, vergleichbar mit der tschechoslowakischen Trennung… Tschechen und Slowaken haben sich in Einvernehmen getrennt, und Tschechen sind damit nicht Herren über Slowaken geworden/geblieben.(203)

Er habe eine Konversion durchgemacht bezüglich der Apartheid(204) Er entschuldige sich nicht dafür, sich als junger Mann dafür entschieden zu haben, sich in der Apartheid engagieren, die er bei der Gelegenheit als Bestreben danach darstellt, Gerechtigkeit für schwarze Südafrikaner zu bringen, die mir der „Gerechtigkeit“ für „seine Leute“ (Afrikaaner/Buren) kompatibel ist („…my people, whose self-determination were taken away by colonial power in the Anglo Boer War. That’s how I was brought up.“). Im Nachhinein gesehen hätte man (er sagt „we“) mit „Reformen früher beginnen müssen“, als der Wind der Veränderung durch Afrika blies (Anfang 1960er). Als ob eine solche „Reformfähigkeit“ im Apartheid-System angelegt gewesen sei, als ob substantielle Reformen (unter ihm dann) nicht erst nach jahrzehntelangem Kampf dagegen gekommen wären. Aber da ist man wieder bei dem was man ihm zu Gute halten muss, er hat diesen Umbruch eingeleitet, gegen Widerstände seiner Leute.(205)

Zum gegenwärtigen Südafrika meinte er, es sei eine solide Demokratie (und werde das bleiben) aber keine gesunde – weil eine Partei 65% der Stimmen bekommt. Der ANC werde sich aufspalten, und damit werde es zu einem Übergang von einer ethnisch-bestimmten zu einer werte-bestimmten Politik kommen. Warum die NP eine derart ethnisch-bestimmte Politik machte bzw warum damals eine werte-bestimmte kein Thema gewesen ist, sagte er nicht.(206) Aber gut, das Scheitern der Apartheid hat er ja anerkannt. Malema sei sehr rassistisch (ggü Weissen), sei zu spät rausgeschmissen worden aus dem ANC von Zuma. Dann kommentierte er die Armut in Südafrika (indirekt) damit, dass auch in der USA Schwarze davon in erster Linie betroffen seien…(207) Brachte Armut und Arbeitslosigkeit in Südafrikas mit der Ausgabenpolitik der Regierung zusammen. Der Übergang nehme Zeit, es gäbe eine Bereicherung weniger Schwarzer, Weisse zahlten ohnehin viel Steuern,… Der ANC hätte zu viel Macht und seine Führer den „moralischen Kompass“ verloren. Da ist vermutlich sogar etwas dran.(208)

Aber da hat De Klerk Vieles gesagt, das Fragen aufwirft. Er hat offensichtlich Schwierigkeiten bei der Distanzierung von der Apartheid. Mandela hat laut Amanpour bedauert, dass De Klerk dem Prinzip der Apartheid nicht abgeschwört hat. Dass er die Verurteilung Mandelas als (im Grunde) rechtmäßig einschätzt, das allein stellt eigentlich so Manches an seinen Verdiensten in Frage…(209) Er redet über Malemas Rassismus, aber nichts, kein Wort, über den Rassismus von Weissen ggü Schwarzen, der der Apartheid schliesslich auch zu Grunde lag. Sagt(e), das „ursprüngliche Konzept“ der Apartheid (von „getrennten aber gleichrangigen“ Nationen/Nationalitäten) sei in Ordnung gewesen, es sei nur falsch umgesetzt worden bzw ist gescheitert bzw die Auswirkungen waren schlimm (so wurde er jedenfalls verstanden). Als ob sich die Auswirkungen nicht automatisch aus dem Konzept ergeben hätten, als ob das Konzept irgend etwas Gutes an sich gehabt hätte, jemals Gleichrangigkeit der Nicht-Weissen erwogen worden wäre. Er sagte auch mehrmals indirekt, Schwarze hätten von der Apartheid auch Nutzen gehabt.

Es gab 2012 Aufregung nach dem Interview, in Südafrika und international, auch Rufe nach einer Aberkennung des Friedensnobelpreises. Er schob über seine Stiftung eine Erklärung hinterher, wonach seine Aussagen im CNN-Interview aus dem Kontext genommen worden seien, die Apartheid inakzeptabel gewesen sei.(210) IFP-Chef Buthelezi: „His denial opened a wound that remains in the heart of millions of South Africans. Yet when he was challenged on it, he did not apologise. Instead, he dug in his heels and presented a statement through the de Klerk Foundation dismissing the legitimacy of the United Nations’ Convention which classified apartheid as a crime against humanity. In the midst of a public outcry, this statement was then retracted. South Africans are now debating whether his apology was sufficient or genuine, and whether or not it should be accepted.“ Hauptsächlich für schwarze Südafrikaner hat das wieder die Frage aktuell werden lassen, ob es von Seiten der weissen Südafrikaner jemals ein wirkliches (inneres!) Bekenntnis zur Transformation von der Apartheid weg gegeben hat (bzw gibt), eine Anerkennung ihrer Ungerechtigkeit.

Pierre de Vos, Verfassungs-Experte an der University of Cape Town, meldete sich auf seinem Blog auch zu Wort, analysierte die Aussagen De Klerks und kritisiert sie, entgegnet ihm in vielen Punkten. Die Apartheid war verwerflich, so De Vos, da sie einer zutiefst rassistischen Logik entsprang (von einer Überlegenheit der Weissen ggü Schwarzen…und nicht, weil sie gescheitert sei oder ihre Auswirkungen schlimm waren), und dies einzugestehen/einzusehen war De Klerk unfähig. De Vos ging auch auf den Vergleich mit Tschechen und Slowaken ein, u.a. dass es dort oder bei Sezessionsbestrebungen anderswo in Europa eine Sache zwischen „Gleichrangigen“ (gewesen) sei (man anerkennt sich grundsätzlich als solche). Und weiter:

„One of the most deeply problematic aspects of life in post-apartheid South Africa is that so many white South Africans continue to deny this fact and seem incapable of confronting their own deeply ingrained sense that as white people they are generally intellectually, culturally and morally superior to most black people – although they think that by making an exception for Nelson Mandela and Archbishop Desmond Tutu they have overcome the racism within them. Fact is: we have not dealt with our own racism, no matter how progressive we are and no matter how we claim to be non-racist. Many of us may not use the ‚k‘-word and may express our abhorance of racism, but we cannot “unwhite” ourselves and cut ourselves loose from the racists culture and world in which we live. How could we, as racism is embedded in Western culture as a defining characteristic of that culture, a culture which helps to define who we are and where we are supposed to ‚belong‘.“

2014 trat De Klerk in der Oxford-Universität (GB) auf (www.youtube.com/watch?v=7ZI5fi5zO6I), wurde auf das CNN-Interview angesprochen, bekam Gelegenheit zur Klarstellung. Sagte, er habe das bereits in einem Telefonat mit Amanpour getan, sei missinterpretiert worden. Er habe als junger Mann geglaubt, durch das Apartheid-Konzept käme allen Südafrikanern Gerechtigkeit zu Gute. Dann machte er klar, was er bei Amanpour mit dem Israel-Palästina-Hinweis meinte: wenn bezüglich dessen von einer Zwei-Staaten-Lösung gesprochen werde, warum nicht für Südafrika von einer 9- oder 10-Staaten-Lösung.(211) Er sei dann draufgekommen, dass die Apartheid nicht funktionierte, moralisch falsch sei, nicht durch Verbesserungen zu retten gewesen sei, abgeschafft werden müsse. Im Nachhinein gesehen sollte sie nicht existiert haben. Und er habe sie abgeschafft, sich für sie entschuldigt. Wo er Recht hat: das Prinzip der Rassendiskriminierung sei nicht in Südafrika (bzw mit der Apartheid) erfunden worden, verweist dann auf europäische Kolonialmächte in Afrika. Wobei er auch das Wirken der Briten im südlichen Afrika erwähnen hätte können…1948 hat man bezüglich Nicht-Weissen nicht Verhältnisse um 180º Grad gedreht, man hat aufgebaut auf Zustände die lange zurückreichten. Er sprach dort auch von einer neuen Diskriminierung in Südafrika, von Weissen.(212)

2014 oder 15 kam die Film-Doku „The Other Man: F.W. de Klerk and the End of Apartheid“ von dem US-Amerikaner Nicolas Rossier heraus (siehe). Der Film behandelt De Klerks Leben, zeigt De Klerk allgemein eher in einem positiven Licht, pflegt anscheinend das Bild des ungerechterweise im Schatten von Mandela Stehenden, als eine Art südafrikanischen Gorbatschow, der die Regenbogen-Nation möglich gemacht hat. Der Vergleich mit Gorbatschow hat auch viel für sich, siehe unten. In dem Film hat er auch eine seltsame Erklärung zur Apartheid abgegeben: “The origins of the concept of apartheid, which we preferred to call separate development, was to bring justice to all South Africans. Under separate development, each and every black child was in school and stayed there until they were 16 at least. Many, many new medical services were broadened towards all blacks. So under separate development, there was a big, big improvement in the physical lot of black people in South Africa.” Das ist eigentlich die Apartheid-Mentalität, es ging ihnen eh‘ ganz gut, brauch(t)en sie wirklich mehr… Er fügte aber an: “When I explain the process of change, I’m not trying to justify apartheid. I’ve come to the conclusion that apartheid was wrong, that it was morally unjustifiable, and therefore it had to be changed“. Der Film kam zur Zeit der Diskussion der (Um-) Bennnung einer Strasse (Table Bay Boulevard) in Kapstadt nach ihm (durch einen Stadtrat, in dem die DA dominiert).

Die Umbenennung in FW De Klerk Boulevard fand 2015 statt; Ehepaar De Klerk, Kapstädter Bürgermeisterin P. de Lille

Er ist eben polarisierend, muss man (zwischen-) bilanzieren, auch irgendwie paradox. Heuer, 2020, dann das SABC-Interview mit Äusserungen zur Apartheid (siehe oben), das ihm viel Ärger einbrachte.(213) De Klerk schob auch hier über seine Stiftung eine Erklärung hinterher, mit Bedauern über „Verwirrung, Ärger und Schmerz“ die seine Bemerkungen ausgelöst haben mögen. Staatspräsident Cyril Ramaphosa kommentierte am 30. Jahrestag der Freilassung Mandelas, Mandela sei durch den Freiheitskampf und Druck aus dem Ausland aus der Gefangenschaft gekommen, nicht durch die Freundlichkeit von FW De Klerk; „wir“ (der ANC) haben die Apartheid beendet, so Ramaphosa, nicht De Klerk. Dann kam ja Ramaphosas Rede im Parlament, mit De Klerk als einem der Besucher, der Aufruhr der EFF. Mbeki war zB auch dort, auf der Besuchertribüne, De Klerk kam mit Elita. Es gibt Fotos von De Klerk, anscheinend von jemandem aufgenommen, der seitlich von ihm sass, eines mit hängendem Kopf. Und eines vor dem Eingang zum Parlament mit den Präsidenten von dessen beiden Kammern, Modise und Masondo vom ANC; die räumliche Haltung/Distanz der Beiden zu De Klerk drückt in diesem Fall ganz die innere zu ihm aus.

Man darf jedenfalls nicht die andere Seite vergessen, wo sich De Klerk mit Handlungen und Aussagen auszeichnet(e), dafür gebührt ihm ein gewisser Kredit. Um nun auf die anfangs erwähnte Beurteilung zurück zu kommen… De Klerk kam im Apartheid-System an die Spitze, wirkte dann bei dessen „Demontage“ und beim Übergang zur Demokratie mit. Dazu gab es schon zu Beginn des Artikels eine Erörterung. Dann: Seine Motivationen und Intentionen für die Schritte ab 1990, die 1993 zum Beschluss der Übergangsverfassung und 1996 zu jenem der neuen Verfassung führten. Dazu gab es bislang auch schon einige Überlegungen, hauptsächlich im Kapitel über seine Präsidentschaft. Nach Allem, was er selbst und Andere (etwa der Journalist Max du Preez) dazu gesagt haben, gab es bei ihm eine Kombination aus Einsicht/Gewissen/Bekehrung/Güte, Pragmatismus/Eigennutz/Kalkül sowie Druck/Zwang. Sein Bruder Willem schrieb, dass er davon angetrieben war, das Überleben, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern; der Abbau der Apartheid war demnach keine Kapitulation (was ihm eben von Afrikaanern gerne unterstellt wird), im Gegenteil. FW de Klerk hat das auch selbst so formuliert in seiner Autobiografie. Wobei „Überleben“ schon sehr defensiv ist, es gab wohl beim Reformkurs auch die Hoffnung, weiter dominieren zu dürfen, bzw wenig abzugeben.

Und dennoch sah er die Entwicklung, die Demokratisierung Südafrikas, auch als „Aufgabe nationaler Souveränität“ (der Weissen/Afrikaaner). Die Umwälzungen im regionalen/globalen Kontext durch die Entschärfung des Kalten Kriegs haben sicher auch eine Rolle gespielt, als Vorbedingung für Verhandlungen, auch im Sinne von Pragmatismus. Aber es gab auch den Druck von Aussen, auch aus dem Westen. Und es gab anscheinend eine Bekehrung bei De Klerk, im Glauben an die Apartheid. Er knüpfte in mancher Hinsicht schon an PW Botha an, den letzten „echten“ Apartheid-Führer. Sagte mal, die NP hätte 1986 bereits das Ende der Apartheid beschlossen. Ist er ein Pragmatiker oder ein Ideologe? Die US-amerikanische Journalistin Patti Waldmeir, so eine Art Expertin für die Transition in Südafrika, sagte, gerade weil De Klerk Politiker war und kein Heiliger, entschloss er sich, die Apartheid aufzugeben, kam sie zu einem relativ unblutigen Ende. Wie seine Rolle beim blutigen Ausspielen der Inkatha-Karte gegen den ANC in seinen Jahren als Präsident wirklich war, ist nicht ganz geklärt (auch nicht von der TRC), es spricht aber wiegesagt Einiges dafür, dass die bewaffneten staatlichen Organen dabei an ihm vorbei agierten.

Seine Jahre an der Spitze des Apartheid-Systems, als Präsident, 1989 bis 1994, das ist also der nächste Punkt. Die Vorbereitung auf die Machtübergabe, auf die Demokratisierung. Die Abschaffung der Apartheid-Gesetze, die Verhandlungen, und eben die Gewalt Schwarz-Schwarz bzw die Rolle des Staates dabei. De Klerk sah das Einlenken als den besten Weg, verhandelte doch auf Augenhöhe mit Mandela und dem ANC. Und liess sich nicht jeden Schritt mit Gegenleistungen abgelten; gegenüber dem „Spiegel“ strich er heraus, dass er die Freilassung politischer Gefangener oder die Zulassung verbotener Organisationen hinaus zögern hätte können, Gegenleistungen dafür verlangen. Der ANC, so De Klerk, hat aber auch (gg Widerstand aus eigenen Reihen) dem bewaffneten Kampf abgeschworen und daraus keinen Verhandlungsgegenstand gemacht. De Klerk bzw die NP feilschte aber lange um eine endgültige Regelung, verfolgte das Ziel einer „Machtteilung“ zwischen den rassischen Gruppen. Richtig: „Wir haben…nie die Macht einfach der anderen Seite übergeben. Wir haben Wahlen verloren, in denen alle Südafrikaner unabhängig von ihrer Hautfarbe abstimmen durften.“

Interessant (bzw zweifelhaft): „Die Apartheid wurde von einer Regierung der NP abgeschafft.“ Eingeführt und aufrecht erhalten aber auch, und eine echte Abschaffung hat er sich schon teuer abkaufen lassen. In dem Film über ihn sagt De Klerk: “If I look at my career as a president, I really have no regrets. What I did prevented a catastrophe in South Africa.” Einerseits spricht es für ihn, dass er das Ende der Apartheid nicht bedauert, andererseits war er nicht ein Erlöser in dem Sinn. Bekam er Preisungen und Preise (wie jenen in Oslo 1993) für etwas, das selbstverständlich sein sollte, zu ermöglichen dass alle Bürger eines Landes wählen können und überhaupt die selben Rechte geniessen? Nun, es war für Südafrika nicht selbstverständlich und es waren seine Schritte, die den ANC veranlassten, den bewaffneten Kampf aufzugeben, und die die Grundlage für Verhandlungen legten, die wiederum das demokratische Südafrika ermöglichten. Es gibt Friedensnobelpreisträger, die diesen Preis an sich wirklich entwerten und verspotten, wie der genannte Kissinger oder Theodore Roosevelt. De Klerk ist in mancher Hinsicht mit dem nord-irischen Politiker David Trimble vergleichbar, der sich gegen Widerstände in seiner UUP für Verhandlungen und Versöhnungen einsetzte, aus der Position des Stärkeren heraus.

Für De Klerks Wirken als Vizepräsident in der Regierung der nationalen Einheit gebührt ihm einerseits Anerkennung, für das Mitwirken beim Übergang, beim Neuanfang, beim Ebnen eines Weges; andererseits, er zog seine Partei zum frühest möglichen Zeitpunkt aus der Regierung ab. Und, er stand damals bezüglich der Reformer in der NP (um Meyer) und dem „Bunker“ (um Kriel) eigentlich in der Mitte, und das bedeutet, dass er auch am Erhalten des alten Südafrikas arbeitete, nicht voll am Aufbau eines neuen. Und dann sind da eben seine Aussagen zur Apartheid, ihrer Beendigung (an der er mitwirkte)(214), sein Umgang mit der Vergangenheit, die „Unebenheiten“ dabei. 1993, als sie noch gar nicht richtig abgeschafft war, kam also von ihm eine (erste) Entschuldigung, Distanzierungen bereits früher; als Vizepräsident sagte er vor der TRC aus, die dabei eingeschlagene Linie (Kommunismus, Zwänge, Kalter Krieg,… in den Vordergrund, Apartheid sei nicht nur schlecht gewesen, Gegenseite war auch schlimm) setzte er in seiner Autobiografie wenige Jahre später und bei weiteren Gelegenheiten fort, so in den Interviews mit CNN und SABC.

Die NP machte 94 Wahlkampf sowohl damit, dass sie an der Beendigung der Apartheid mitwirkt(e), wie hier in Soweto, als auch dass diese quasi fortgesetzt wird/werden soll

Aber, man hat von keinem seiner Vorgänger und wenigen seiner Kollegen als Minister unter Botha, oder Ministern unter ihm, oder NP-Ministern unter Mandela, eine derartige Distanzierung von der Apartheid und einen derartigen Aufbruch in das neue Südafrika erlebt. Bei ihm gibt es eine Offenheit für das jetzige Südafrika, aber manche seiner Erklärungen und Aktivitäten dazu sind auch fragwürdig. ZB: “I think what is happening now is militating against Mandela’s emphasis on reconciliation, against his emphasis on saying that all South Africans have exactly the same rights, against his philosophy that there shall not ever be again discrimination on the basis of race or colour. So on that basis, I think he and all those who ardently supported his philosophy would have been – and those who are still alive are – deeply concerned about what is happening.” Südafrika SOLL ein Land sein, in dem sich Alle (seine Bürger) wohlfühlen, keine Frage, aber es scheint, dass zu Bemühungen Rückstände aus den Jahrzehnten der Apartheid (und davor!) wett zu machen und Entwicklungen zu korrigieren, Klagen der Diskriminierung von Nicht-Weissen vorgebracht werden, vorgeschoben werden, um Besitzstände zu halten.

Der Anspruch auf Versöhnung und Gleichheit wird manchmal heuchlerisch vorgebracht, bzw als „farbenblinder Rassismus“ – Rasse soll doch keine Rolle spielen, kommt dann von jenen, für die sie die grösste Rolle spielt. Die De Klerk Foundation/Stigting in Kapstadt hat sich in erster Linie Minderheiten-Rechte zum Anliegen gemacht (hauptsächlich von Afrikaanern), dabei ausblendend, dass es die längste Zeit eine Minderheiten-Herrschaft in Südafrika gab. Bevor man tatsächlich „farbenblind“ agieren kann, wird man etwas mit dem Erbe der Vergangenheit „aufräumen“ müssen… Genau so wie in der USA mit dem Wahlrechtsgesetz 1965 war in Südafrika mit dem Ende der politischen Ausgrenzung 1993/94, jeweils für Schwarze, noch nicht Viel gewonnen. Rassische Harmonie kann nicht verlangt/erwartet werden, ohne dass die Grundlagen dafür bestehen. De Klerk nahm gegen den Protest gegen das Denkmal von Cecil J. Rhodes bei der Universität Kapstadt 2015 („RhodesMustFall“) Stellung, die auch zur Entfernung der Statue führte. Die Kampagne verband sich u.a. mit (hauptsächlich „schwarzem“) Verlangen nach Abwertung von Afrikaans zugunsten von Englisch an verschiedenen Universitäten Südafrikas(215); „sprang über“ nach GB, an die Universität Oxford, wo die Entfernung der dortigen Rhodes-Statue verlangt wurde.

De Klerk kritisierte die Bewegung u.a. als „Torheit“, verwies darauf dass Rhodes als so etwas wie historischer Feind der Afrikaaner zu sehen ist, der Architekt des Anglo-Buren-Kriegs, dennoch haben die NP-Regierungen nie an eine Entfernung „seines Namens aus unserer Geschichte“ gedacht. Lobte Rhodes für dessen „positiven Beitrag zum Wissenschaftsbetrieb“ in Südafrika. In einem Brief an die „Times“ schalt er auch die entsprechende Kampagne in Oxford, und eine „political correctness“, die er dahinter sah. Kritiker seiner Kritik sahen es als „ironisch“ dass der „letzte Apartheid-Präsident“ den „Architekten der Apartheid“ verteidigte. Was daran stimmt: Eigentlich geht die Weissen-Vorherrschaft im südlichen Afrika auf die britische Herrschaft dort und nicht zuletzt Cecil Rhodes zurück.(216) Rhodes kam 1870 mit 17 Jahren aus GB ins südliche britisch beherrschte Afrika, war dort unternehmerisch tätig, und politisch, u.a. als Premier der Kapkolonie. Auf den (zweiten) Anglo-Buren-Krieg (1899 bis 1902), hatte Rhodes wenig Einfluss, aber bei dessen Vorbereitung(217); auch die britische Eroberung von Bechuanaland hat er veranlasst.

Der Krieg 1899-1902 führte zur britischen Eroberung der Afrikaaner-Staaten Transvaal und Oranje Freistaat. Im ersten Anglo-Buren-Krieg 1880/81 behaupteten sich die Afrikaaner/Buren mit ihrer Südafrikanischen Republik (Transvaal). Der Konflikt zwischen den Siedlern (hauptsächlich niederländischer Herkunft) die mit der VOC ins südliche Afrika gekommen waren und dem britischen Empire haben 1795 ihren Ausgang, als die Niederlande von der französischen Revolutions-Armee besetzt wurde und Generalstatthalter Willem V. Grossbritannien bat, die „niederländischen Kolonien“ (Gebiete der Kolonialgesellschaften VOC und WIC) zu übernehmen. Die Briten taten das, auch die Kapkolonie (damals noch sehr klein), und nachdem die NL ihre Unabhängigkeit 1813/14 zurückerlangt hatten, kamen ihre Herrschenden und jene von GB überein, dass die Holländer die Karibik-Besitzungen und Indonesien (wie es später genannt wurde) zurück bekamen und die Engländer sich die Kapkolonie, Ceylon, das mittlere Guyana behielten.(218) Die Buren/Afrikaaner/Kap-Holländer waren ab 1795 von ihrem Mutterland(219) bzw ihrer Kolonialmacht abgetrennt, ein grosser Teil versuchte dann, der britischen Herrschaft (Ende Sklaverei,…) zu entkommen (mit den Tre[c]ks in den 1830ern)(220) und sich ganz ohne Kolonialmacht in Afrika durchzuschlagen.

Worauf hin es zu Kontakten/Konfrontationen mit Schwarz-Afrikanern kam, schliesslich wurden die Afrikaaner/Buren von den Briten eingeholt, Natalia schon nach wenigen Jahren, Oranje Vrijstaat und Transvaal wie erwähnt um die Jahrhundertwende. Das Anti-Imperialistische, Anti-Koloniale, das bei den Afrikaanern (die Eigen-Bezeichnung bedeutet ja nichts anderes als „Afrikaner“) entstand, seit die Verbindungen zur Niederlande bzw zur VOC gekappt wurden, hat sie dann aber nicht abgehalten, die Schwarzen des Landes (noch mehr) zu entrechten. Die Afrikaaner als Nation entstanden im späteren 19. Jh, als sie auf zwei eigene Staaten und zwei britische Kolonien im südlichen Afrika aufgeteilt waren. Dies spiegelte sich auch in der Spaltung ihrer reformierten/calvinistischen Kirche in NGK (Westen, britischer Bereich) und NHK (Osten, selbstständiger Bereich) wieder.(221) Die Entwicklung des Afrikaans zu einer eigenständigen Sprache (weg vom Niederländischen) und die Einnahme des Platzes an der Seite von Englisch (anstelle von Niederländisch) war ein langer Prozess, der sich bis weit ins 20. Jh zog. Die nicht-weissen Afrikaans-Sprecher („Kap-Farbige“/ Cape Coloureds/ Kaapse Kleurling, und jene die als ihre Untergruppen gesehen werden) gingen nicht in den Afrikaanern auf, wurden davon ausgeschlossen.

Anfang des 20. Jh waren also auch die Afrikaaner im Osten Südafrikas, die Nachfahren der Voortrekker, von den Briten unterworfen. Frederik W. De Klerk wuchs in einem Milieu auf, in dem die Erinnerung an die britischen Konzentrationslager für Afrikaaner im Anglo-Buren-Krieg um die Jahrhundertwende (oder: „Südafrikanischen Krieg“) wach gehalten wurden, damit auch das Gefühl für die eigene Verwundbarkeit und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.(222) betraf. Die Autonomie die für 1910 garantiert wurde, wurde 1931 auf eine de facto Selbstständigkeit erweitert. Die weisse Vorherrschaft in den britischen und burischen Republiken wurde fortgesetzt und die demographischen Verhältnisse begünstigten die Buren/Afrikaaner. GB gab Südafrika 1908/09 bzw 1931 gewissermaßen auf; einmal in den Verhandlungen zur Vereinigung der 4 Kolonien (die 1910 zu Stande kam), und dann mit dem Westminster-Statut, das neben der Union of South Africa (wie der Staat anfangs hiess) auch Australien, Canada, den Irischen Freistaat, Neuseeland und Neufundland (noch nicht mit Canada vereinigt).

Trotz der historisch belasteten Beziehungen hat De Klerk nicht nur Rhodes (bzw seine Statuen) verteidigt, sondern auch mal Thatcher sehr gelobt, nicht zuletzt in Bezug auf den Falkland/Malvinas-Krieg. Wir wollen uns nun ein wenig ansehen, wie Südafrikaner über ihn denken… Klar ist, dass er stärker polarisiert als Mandela, international und eben in Südafrika, schwerer einzustufen ist. Nelson Mandela legte das Fundament für das neue Südafrika, inwiefern hat das auch De Klerk getan? Bei der erwähnten Ehrung durch die One Nation Foundation 08, sagte Shamilla Pather (eine der Gründerinnen der Organisation), die beiden haben wichtige Rollen beim Wandel in Südafrika gespielt. Das kann keiner ernsthaft abstreiten; ob man die Rolle(n) positiv bewertet, ist eine andere Sache. Ist er eher “the last Apartheid president” oder eher „the president who abolished Apartheid”? De Klerk ist jedenfalls eine „Brücke“ zwischen altem und neuem Südafrika; was ihm aber auch Kritik von Apartheid-Apologeten wie von Apartheid-Gegenern einbringt. Für die Einen hat er Gutes aufgegeben, für die Anderen hat er im Schlechten mitgewirkt. Für die Konservative Partei Südafrikas (KP/ CP) und ihre Anhänger wurde De Klerk während seiner Präsidentschaft eine Hassfigur, ist das für rechtsextreme Afrikaaner geblieben.

Wie die Hass-Vandalismen im Artikel über De Klerk auf der englischen Wikipedia auch zeigen, diese kommen hauptsächlich von radikalen Afrikaanern und radikalen Schwarzen, zuwenig oder zuviel Apartheid. Die hier als „radikale Schwarze“ Bezeichneten sind bis zu einem gewissen Grad auch Gegner des neuen Südafrikas. Im Artikel der afrikaansen Wikipedia über ihn gibt es einen (sehr un-enzyklopädischen) Kritik-Abschnitt, wo Entsprechendes über ihn angeführt wird;  De Klerk sei verantwortlich für „Kapitulation“, „Ausverkauf“, den Abstieg der Bedeutung von Afrikaans, das Negative am neuen Südafrika. Von der Gegenseite kommt Gegenteiliges, De Klerk sei zu sehr auf das Wohl der Afrikaaner bedacht (gewesen), auf Kosten anderer Südafrikaner. Die Website news24.com vor Kurzem mit einer Analyse über das Erbe und das Ansehen De Klerks. „He has been broadly rejected by large sections of his own people, the Afrikaners, and is generally dismissed as a transformative figure by black South Africa.“ „Letter columns in Afrikaans newspapers are often filled with vitriol directed at De Klerk and Meyer.“ Auch hier kommen anscheinend die Vorwürfe bzgl „Ausverkauf“ (an die Schwarzen), „Naivität“,… Ein bisschen sehr vereinfacht und generalisierend: „And among black people De Klerk is nothing more than the last apartheid president and someone yet to pay for his role in the violence, murder and mayhem of apartheid.“(223)

Auch das ist viel zu negativ: „And although Parliament annually invites De Klerk to the State of the Nation Address, he attends as a former deputy president of democratic South Africa, and not as the last head of state of apartheid South Africa. He is hardly called upon to give his views on the country and is rarely, if ever, given space in the media, and when he does opine it is roundly and summarily rejected.“ Im ANC sind es jedenfalls eher die Jüngeren, die ihn ablehnen, die EFF tut das generell, wie früher der PAC (der ziemlich bedeutungslos geworden ist). ANC-Leute versuchen dabei in der Regel, Nelson Mandela, seinen Hauptverhandlungs- und dann Koalitionspartner, nicht anzugreifen, stellen die Entwicklungen der 1990er so dar, dass die weisse Minderheit sich Land, Reichtum, Privilegien behalten hat während sie die politische Führung abgegeben hat. Auf africasacountry zwei noch sehr negative Einschätzungen über De Klerk, anscheinend von zwei Weissen. Ungerecht, überspitzt, zutreffend? Ein Zitat daraus: „De Klerk is traveling around the world picking up cheques to tell people how he liberated black South Africans (the crowds inviting him also believe that: on Monday next week he’ll speak at London’s National Liberal Club on ‚The Impact of the Fall of the Berlin Wall on South Africa and the World‘)…“

Und, dann wieder die andere Seite, Jene, für die er den Nicht-Weissen zu weit entgegen gekommen ist, die Weissen-Privilegien sträflicherweise weg gegeben hat, die Weissen betrogen hat, ein „Verräter“ ist. Es heisst, De Klerk ist immer wieder bestürzt darüber, dass von vielen Afrikaanern nicht anerkannt wird, dass er die Apartheid „aufgegeben hat“, um Afrikaanern eine bessere Zukunft in Südafrika zu sichern. Für die grössten rassistischen Hetzer unter weissen Südafrikanern, Mike Smith, Dan Roodt, Jan Lamprecht, ist De Klerk eine beliebte Zielscheibe, bei ihnen ist er genauso verhasst wie ANC-Leute. Schrieb dieser Smith: „Under Apartheid laws F.W. de Klerk’s son [siehe oben] would have been in prison.“ Da sieht man, dass solche Leute auch noch weit rechts von Botha stehen, der diese Gesetze ja abschaffen liess. In den IT-Auftritten dieser Leute findet man auch Spott und Häme ggü der VF+. Nahe bei den Kommentaren von gewissen Afrikaanern (und ihren Verbündeten…) über die Beziehungen von De Klerks Sohn Willem mit nicht-weissen Frauen sind solche bzgl De Klerks Trennung von seiner Frau und Neuheirat mit einer anderen…

Unappetitliche Vorwürfe, Privates und Politisches vermischend, zT aus calvinistisch-reformierter Prüderie kommend (> so was wie „Project Coast“ oder Sun City war OK, aber das nicht…). Auch Johann Wingard, der Vorsitzende des Volkstaat-Rats gewesen ist, hat den Vorwurf ggü De Klerk vorgebracht, dass dieser eine Affäre mit einer neuen Frau begonnen hat als er sich um die Belange der Afrikaaner zu kümmern gehabt habe. Abgesehen davon, dass De Klerk seine „Affäre“ mit Georgiadis eher 1994 begann als in den Verhandlungsjahren – das Eine schliesst das Andere nicht notwendigerweise aus bzw beeinträchtigt es nicht unbedingt. Dass die neue Frau keine Afrikaanerin ist, tut das Seinige dazu, ihn als „Verräter“ zu sehen. Und mit Griechen wird es in solchen Kreisen wie mit Portugiesen gehalten, man sieht sie nur zähneknirschend als „Weisse“, sieht sie her einige Stufen unter sich. Und: die Belange des Landes und aller seiner Einwohner waren natürlich kein Thema, kein Kriterium, nur die Belange der Afrikaaner sind das… Wingard auch: Das Ende der Apartheid, die durch Atombomben und Geheimdienst geschützt gewesen sei, sei durch “Verräter” wie De Klerk gekommen.(224)

Lamprecht (der aus Zimbabwe stammt) schrieb auf globalpolitician.com etwas dem Entsprechendes, über Südafrikas Atomwaffen. Verweist dabei passenderweise auf den ihm nahe stehenden Al Venter (der Einiges darüber geschrieben hat). Lamprecht: „President PW Botha personally told me that he was extremely unhappy with De Klerk’s dismantling of the nuclear bombs. Like the scientists, President Botha believed that De Klerk dismantled much more than just the nukes – by destroying Pretoria’s nuclear deterrent, he destroyed the Afrikaner state. PW’s own words to me about the nukes was that he never intended to use them. He told me that he wanted to use them as a ’negotiations tool‘. He felt that De Klerk had foolishly destroyed one of the most potent negotiation tools that our side had possessed…De Klerk destroyed the country’s nuclear program and then he destroyed the country. The ANC won.“ Die Gründe für die Entscheidung zum Aufgeben des Atomwaffenprogramms unter De Klerk sind umstritten, es gibt auch die Theorie, dass er verhindern wollte, dass eine ANC-geführte Regierung darüber verfügen könnte.

Jedenfalls, hier kommt der ganze Unterschied zwischen De Klerk (bzw dem Hauptstrom der NP) und diesen Kreisen herüber: De Klerk sah und sieht Schwarze und den ANC nicht als unbedingte Feinde, sieht so etwas wie eine südafrikanische Nation. Anlässlich der Strassen-Benennung ’15 in Kapstadt kochten in Südafrika Diskussionen hoch, wer/was De Klerk eigentlich ist, für das Land, mehr noch als 5 Jahre später, nach dem Interview auf SABC, zum Jubiläum seine Rede 1990. 2015 gab es in der FW de Klerk Foundation eine Diskussions-Veranstaltung, mit Ex-(Übergangs-)Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) und Ex-Innenminister Mangosuthu Buthelezi (IFP).(225) Motlanthe unterstützte die Umbenennung des Table Bay Boulevard, zollte De Klerk etwas Anerkennung für seine Rolle beim Ende der Apartheid. Buthelezi verurteilte die Gegnerschaft zur Strassenbenennung als „beschämend“ nach „dem was Mister De Klerk für uns getan hat“. Auch Tutu unterstützte die Umbenennung. Die Gegnerschaft kam von den EFF und Teilen des ANC sowie der Gewerkschaft COSATU.

Natürlich ging es dabei wieder darum, inwiefern er Teil des Apartheid-Systems war, inwiefern er dieses beendet hat… Der Karikaturist „Zapiro“ zur Strassen(um)benennung.(226) ANC-Sprecher Zizi Kodwa: „De Klerk is the only living president of apartheid. You can’t differentiate between all the other presidents of apartheid, because all that he did, among other things, was to maintain apartheid.” Max Du Preez argumentiert ein wenig für die Umbenennung der Strasse nach ihm (siehe link oben), zeichnete dabei De Klerks Wirken nach, liess aber wichtige positive und negative Fakten aus, hauptsächlich rechnete er ihm an, die (Mehrheit der) Afrikaaner überzeugt zu haben vom Wandel, in Gesamtheit. africasacountry war wenig überraschend gegen die Umbenennung zu Ehren De Klerks. „If then wholesale oppression and exploitation of the majority of people living in South Africa remain, what better way to express that reality than by renaming one of Cape Town’s busiest roads after the person who negotiated a transition away from legal apartheid while ensuring it remains in effect in all the ways that truly matter to poor blacks?“

De Klerk steht schon für etwas Anderes (an Einstellung und Wirken) ggü den Nicht-Weissen des Landes als Botha oder Verwoerd, auch als Smuts oder Rhodes… Südafrika ist aufgebaut auf einem Zusammenwirken (bzw Gegeneinander…) zwischen Schwarzen und Weissen (und Braunen), und wenn De Klerk schon zu den Bösen gehört, welche Weissen taugen dann für einen positiven Bezug in der Erinnerungspolitik? Er hat doch von der Spitze des Apartheidsystems aus Einiges geleistet, auch wenn Kritikpunkte bleiben. Wo sind die weissen „Führer“ in der Geschichte Südafrikas auf die man sich positiv beziehen kann, wenn nicht auf De Klerk? Nur einige (relativ unwichtige) ANC-Minister aus Post-Apartheid-Zeit? Leiter von Institutionen wie Michael Corbett oder Gill Marcus? DP/DA-Politiker? Es gibt in der DA, die in der Provinz Westkap und in der Stadt Westkap regiert, manches Fragwürdige, und unter deren Wählern und Politikern Leute, die die Apartheid der Demokratie vorziehen. Aber das sprach eigentlich nicht gegen die Benennung… Wobei nationale Erinnerungspolitik ohnehin in der Regel fragwürdigen Menschen Ver-ehr-ungen zukommen lässt, ob Washington, Atatürk oder Ben Gurion.

Zum SABC-Interview in diesem Jahr und der darauf folgenden Aufregung meldete sich Mangosuthu Buthelezi zu Wort. Er verteidigte De Klerk (erneut), kritisierte ihn aber auch, zeigte sich dabei als südafrikanischer Patriot und vernünftiger Demokrat. „The truth is that former President FW de Klerk made a major contribution to the dismantling of apartheid. The tragedy is that he demolished that entire contribution by denying that apartheid was a crime against humanity…Last Thursday night, when Mr Malema accused the former President of having blood on his hands, he lamented that the victims of Boipatong are still in their graves. The de Klerk Foundation reacted by laying the blame for Boipatong at the door of the IFP, as though Boipatong had been deliberately planned and orchestrated as a political act.“ Er gab dann seine Darstellung des Boipatong-Massakers. Und schloss: „This is the opportunity before us in the wake of the de Klerk saga. Will we engage with one another as human beings and walk towards reconciliation, or will we be content to rage against our pain?“ Ein Benutzer-Kommentar unter dem Youtube-Video des SABC-Interviews ’20: „its true FW de Klerk belonged to the evil regime but in my own perspective he needs a noble peace price. Apartheid was a system which had long roots-a system well managed and co-odinated by so many forces of which FW was the head.Truly speaking you could not destroy such a deep rooted system overnight. He is a hero in the sense that he puts off his presidential jacket peacefully because a lot of dictators go down fighting and they leave behind a trail of destruction which paralysis their economies to the point of no return.“

2004 gab es eine von SABC veranstaltete Umfrage nach den „100 grössten Südafrikanern“ aller Zeiten, daraus wurde eine kleine TV-Serie, in der das Ergebnis bzw die Genannten präsentiert wurde(n). Am öftesten genannt wurde Nelson Mandela, dahinter kam gleich (Nicht-Nobelpreisträger) Christiaan Barnard, und an 3. Stelle schon F. W. de Klerk. Dann „Mahatma“ Gandhi, der 1893 bis 1914 in Durban bzw Umgebung lebte, Nkosi Johnson (einer von über 125 000 „AIDS-Toten“ in Südafrika), „Winnie“ Madikizela-Mandela, Thabo Mbeki (damals Präsident), der Golfer Gary Player, Vor-Apartheid-Premier Jan Smuts, Desmond Tutu, „Hansie“ Cronje (Kricket-Spieler), Charlize Theron, „Steve“ Biko, Zulu-König Shaka, Mangosuthu Buthelezi, „Tony“ Leon, Brenda Fassie, Mark Shuttleworth…und auf Platz 19 Hendrik Verwoerd, einen Platz vor „Chris“ Hani. Es wurden also auch Leute genannt, die (temporär) eingewandert sind, wie Gandhi, und solche die ausgewandert sind, wie Shuttleworth, Leute die Südafrika als solches (1910 zu Stande gekommen) nicht erlebten (wie Shaka oder Paul Kruger, der 27. wurde); „Jan“ van Riebeeck (63., 1652-62 Verwalter des VOC-Stützpunktes am Kap) ist in mehrerer Hinsicht ein „Südafrikaner unter Einschränkungen“. Eugene Terre’Blanche wurde 25.

Wie gesagt, De Klerk wirkte am Ende der Apartheid (und damit am Ende seiner Macht) selbst mit, wirkte am Neubeginn bzw an der Reform mit, wenn auch nicht mit grösster „Fairness“. 2016 kündigte das damals ziemlich neue Anti-Racism Action Forum (Araf) an, De Klerk und den Apartheid-Sicherheitsminister Adriaan Vlok zu klagen, wegen „Verbrechen gegen schwarze Leute, für die sie keine Amnestie bekommen haben“ (von der Kommission). Wie erwähnt hat die TRC nur in ganz extremen Fällen keine Amnestie ausgesprochen; Apartheid-Führer die für Verbrechen verantwortlich waren, den Übergang zur Demokratie erlebten, daran nicht mitwirkten und dieses neue Südafrika ablehn(t)en, wie Pieter W. Botha oder Magnus Malan, kamen völlig ungeschoren davon. Dem erwähnten Eugene de Kock (SAP) wurde Anfang 2015 nach 20 Jahren Haft eine Freilassung auf Bewährung gewährt. Bothas Sicherheitsminister(227) Adriaan Vlok (ausserdem letzter Chef des weissen Ministerrats), unter De Klerk zunächst übernommen, ging 2006 an die Öffentlichkeit mit Entschuldigungen für Aktionen für die er verantwortlich war, und die er nicht bei der TRC offen gelegt hatte für die er daher angeklagt werden konnte.

Als Zeichen der Reue wusch Vlok die Füsse von Frank Chikane, der als Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats (SACC) von Apartheid-„Sicherheitsorganen“ in den 1980ern zu töten versucht wurde. Danach wusch er auch die Füsse (in Teilen Afrikas ein symbolischer Akt der Reue) von den Witwen und Müttern der „Mamelodi 10“, Anti-Apartheid-Aktivisten, die von einem Polizei-Spitzel in den Tod gelockt wurden. Vlok begründete sein Verhalten damit, er sei ein wiedergeborener Christ geworden. Das Gericht in Pretoria verurteilte ihn 07 zu einer Bewährungsstrafe für diese Akte. Frank Chikane war unter Präsident Mbeki dessen Generaldirektor/Kabinettschef, ist nun wieder pfingstkirchlich/apostolisch aktiv. Als PW Botha 06 starb, war er eben noch Leiter von Mbekis Mitarbeiterstab, als solcher bot er Bothas Witwe damals ein Staatsbegräbnis an (was diese ablehnte)(228). Botha bekam bei seinem Tod von Mbeki abwärts viel Anerkennung vom offiziellen Südafrika und der Öffentlichkeit, für seine leichten Reformen(229), auch von Tony Leon. Sein Nachfolger als Präsident, De Klerk, sagte damals, auf persönlicher Ebene sei die Beziehung mit Botha oft schwierig gewesen, zollte ihm etwas Anerkennung.

Wenig wurde damals über Grausamkeiten unter Botha gesagt, wie Vlakplaas, die Morde an Jeanette und Kathryn Schoon oder Stephen Biko. Von Botha war keine totale Verurteilung des neuen, demokratischen Südafrikas gekommen, aber auch keine Zustimmung bzw Anerkennung. Bei seinem (privaten) Begräbnis nahmen dann u.a. De Klerk und Mbeki teil. „Pik“ Botha, Aussenminister unter Botha und De Klerk, dann in der Regierung der nationalen Einheit, erklärte wie erwähnt einmal seine Unterstützung für den ANC, kritisierte diesen dann für affirmative action; er starb ’18. Ein Sohn war Rockmusiker, ein Enkel ist erfolgreicher Unternehmer (Pay Pal CFO,…). Andere Apartheid-Politiker (teilweise auch bei der Demokratisierung aktiv!) die in den letzten Jahren starben, sind, neben Pieter und „Pik“ Botha, „Hernus“ Kriel, „Kobie“ Coetsee, Magnus Malan, Derek Keys, Louis Pienaar, Ferdinand Hartzenberg, Gerrit Viljoen, Daniel Hough, Christiaan Heunis, Louis Luyt, Jakobus Rabie, Lucas Mangope,…(230) Zu den noch lebenden hohen Offiziellen aus der Apartheid-Ära gehören Adriaan Vlok, (Eu)gene Louw, Bhadra Ranchod, Barend du Plessis, David de Villiers, „Kraai“ van Niekerk, (Da)niel Barnard, Roel(o)f Meyer, Abraham Williams, Leon Wessels, Tertius J. Delport (22 Jahre Abgeordneter für mehrere Parteien, Vizeminister unter De Klerk und Mandela); Mangosuthu Buthelezi war das gewissermaßen auch.

De Klerks 70. Geburtstag

Nelson Mandela war ja auch in seinem „Ruhestand“ ab ’99 engagiert, in Südafrika und international, gegen AIDS und bei afrikanischen Konflikte, gründete auch eine Stiftung. Er blieb dem ANC treu, auch nach der Abspaltung von COPE. In späteren Jahren hatten er und De Klerk ein gutes Verhältnis zu einander. Als sie gemeinsam in einer Regierung waren, war das auch schon überwiegend so. Die Konflikte gab es in den Verhandlungsjahren. In der Hauptsache ging es dabei um die Gewalt unter Schwarzen, die von Teilen des Apartheid-Apparats geschürt wurde. De Klerk sagt, an ihm vorbei, er sei weder verantwortlich noch gleichgültig gewesen. De Klerk: „Our fights …, our tensions, which were quite severe at times during my presidency especially, centered around, both from his side and my side, some people within our institutions and systems acting against our orders and policies, continuing undercover activities which were actually totally in conflict with the policies which we were trying to advance and the agreements which we were trying to reach“. Mandela sagte 1993, was die Schwarzen betrifft, sei De Klerk absolut insensitiv. Trotz der Konflikte kam es ja zu einer Einigung, vielleicht auch weil es De Klerk letztendlich gelang, im Militär und Polizei „aufzuräumen“.

Zur Feier von De Klerks 70. Geburtstag 2006 kam Mandela (siehe das Foto oben, oder auch das Video von Mandelas Rede dort). Bei Amanpour 2012 sagte er, sie seien heute Freunde, nicht in dem Sinn dass man sich einmal in der Woche sieht, aber man sehe sich gelegentlich, bei ihm in Kapstadt oder bei Mandela in Johannesburg, mit den Frauen. Es sei keine Animosität geblieben. Das letzte Mal sahen sie sich bei der Eröffnung der Fussball-WM 2010 in Johannesburg, gleichzeitig war das Mandelas letzter Auftritt. Als Mandela, der gut 20 Jahre älter ist als De Klerk, 2013 starb, sagte De Klerk, es sei eine Ehre gewesen, mit ihm zusammenzuarbeiten, um die Demokratie nach Südafrika zu bringen. „Was ich an ihm am meisten mochte, war sein volles Bekenntnis zur Versöhnung. Am meisten bewundert habe ich das bemerkenswerte Fehlen von Bitterkeit nach 27 Jahren Gefängnis.“ De Klerk gab damals eine Pressekonferenz in seiner Stiftung in Kapstadt, sprach dabei von der Mandelas nunmehriger Witwe Graca (Machel) versehentlich als „Samora Machel“.(231) De Klerk war bei Gedenkfeier für Mandela im Stadion in Johannesburg; beim eigentlichen Begräbnis in Qunu im kleinen Rahmen anscheinend nicht.

Einige Vergleiche, Parallelen, Verbindungen. Etwa mit Michail Gorbatschow: den Übergang zu einem anderen System geleitet, der Friedensnobelpreis (für Gorbatschow eher für Liberalisierungen des bestehenden Systems), die „Frisur“, die Reformgegner im Militär (so etwas wie der Putschversuch 91 in der SU wäre auch in Südafrika gegen De Klerk möglich gewesen), das „Zwischen-den-Sesseln“-Sitzen, das gemischte Ansehen bei ehemaligen Feinden und im „eigenen Lager“. „Gorbi“ ist auch in einem totalitären System an die Spitze gekommen(232), dort angekommen, begann er dieses zu reformieren. Beide mussten sich gegen Regime-interne Konkurrenz durchsetzen. Gorbatschow hat sich immerhin zwei teil-freien Wahlen gestellt, der Parlamentswahl 1989 und der Präsidentenwahl 1990; jene in Südafrika (wie 1989) waren auch teil-frei, etwa 2/3 der Bevölkerung (und deren Parteien) waren ausgeschlossen. Gorbatschow wollte die Sowjetunion reformieren, aber erhalten, die Auflösung der Sowjetunion verlief eindeutig gegen seinen Willen; Anfang 1991 zeigte er seine Bereitschaft dazu, im Baltikum… De Klerk wollte die Apartheid abschaffen, aber peilte an ihrer Stelle etwas anderes an, als kam (eine „farbenblinde“ Demokratie).

Die Apartheid ging aber unter, und De Klerk hat den Untergang mit ausgehandelt. Bei Gorbatschow war es anders, nach dem Putschversuch gegen ihn im Sommer 91 verlor er die Kontrolle über die SU und die Entwicklungen, und jene in Russland an Boris Jelzin.(233) Er, der am Ende des Kalten Kriegs Führer der kommunistischen Welt gewesen war, musste sich dann in einem Russland, das zur Marktwirtschaft überging, behaupten. Einige Versuche, in der russischen Politik Fuss zu fassen, waren erfolglos. Im Westen verdient er sich etwas zu seiner “sowjetischen” Pension dazu, mit Vorträgen, Auftritten wie bei den “World Awards”, Werbung für die ÖBB oder der Mitarbeit an einer Kinder-CD, mit „Bill“ Clinton. Sein Ansehen im Westen ist höher ist als jenes im Russland, wo er überwiegend negativ gesehen wird. Er hat übrigens die Annexion der Halbinsel Krim 2014 begrüsst. In gewisser Hinsicht blieb er ein Sowjetmensch, wie De Klerk ein „kalter Krieger“.

Es gibt auch Gemeinsamkeiten mit Juan Carlos de Borbon, der von 1975 bis 2014 spanischer König war. Der leitete den Übergang Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Vielleicht ist De Klerk auch eher mit Adolfo Suarez zu vergleichen, der war stärker mit dem alten Regime verhaftet als Borbon. Es gab schliesslich hier wie dort innere Konflikte im Regime zwischen Hardlinern und Reformern, und Suarez war Teil des Regimes, Borbon nicht. Demnach wäre Mandela die Entsprechung zum König. Borbon trat nicht mit dem Übergang ab wie De Klerk (1994 bzw 1996). Von ihm erwartete „man“ sich auch etwas Anderes als dann kam, wie bei De Klerk. Regime-Hardliner versuchten den Transitionsprozess hier wie dort zu stören, in Südafrika über Proxys (IFP), in Spanien gab es den Putschversuch 1981 – so etwas wäre auch in Südafrika möglich gewesen (s.u.). In beiden Ländern riskierte man mit der Legalisierung der kommunistischen Partei (PCE bzw SACP) die Gegner eines Übergangs zu „reizen“. Ein Unterschied: In Spanien wurde die neue Verfassung 1978 angenommen, damit war die Transicion „technisch“ abgeschlossen, aber nicht politisch; in Südafrika kam die Verfassung später, als man mit dem Übergang schon weiter war.(234) Die juristische Aufarbeitung der Diktatur erfolgte in Südafrika über die TRC, in Spanien wurde so etwas im “Pakt des Vergessens” ausgeschlossen. Das Erbe der franquistischen Staatspartei FET y de las JONS (“Movimiento Nacional„) ging auf die Unión de Centro Democrático (UCD; A. Suarez) über. Zu Zeiten der PSOE-Regierungen ging ein grosser Teil der UCD in der Alianza Popular (AP) auf, die 1989 zur Partido Popular (PP) wurde. Die Auflösung der UCD 1983 korrespondiert mit der Umwandlung der Nationalen Partei Südafrikas 1996 zur NNP. Oder bereits der Übergang des Movimiento in die UCD?

Zwischen De Gaulle (bzw seiner Politik bzgl Algerien) und De Klerk gibt es auch einige Parallelen. Frankreich-Algerien, Europa-Afrika, Verhandlungslösung, Siedler,… Als Charles de Gaulle zunächst Mitte 1958 Ministerpräsident Frankreichs wurde und dann Anfang 1959 Staatspräsident, war das im Sinn derer, die Algerien behalten wollten. De Gaulle begann aber Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensteten in (Französisch-) Algerien reagierte dann darauf mit der Gründung (bzw Unterstützung) der OAS, (ab) 1961. Zwischen dem Evian-Abkommen im März 1962 und der Unabhängigkeit im Juli dieses Jahres gab es die „Schlacht“ von Bab el Oued, ein Aufbäumen der OAS in dieser Stadt gegen die französischen Staatsorgane – sie weist Parallelen zu den Ereignissen von Ventersdorp 1991 in Südafrika auf…(235) Ausserdem gab es in Algerien die Putsche 1958 und 1961 von Teilen des französischen Militärs, die keine Änderungen französischer Politik bzgl Algerien herbei führen konnten. Im August 1962 gab es noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle.

Frankreich gab seine Herrschaft über Algerien auf(236), ungefähr zu der Zeit, als europäische Mächte ihre Kolonien in Afrika aufgaben. Es kam zu einem Exodus der Weissen, der Siedler (darüber auch Genaueres in dem verlinkten Algerien-Artikel). Es folgten die Algerier, Viele von ihnen wanderten auch nach Frankreich ein. Es waren wenige Franzosen, die in einem unabhängigen Algerien leben wollten, hier enden die Parallelen, die meisten Weissen blieben 1994 in Südafrika(237). Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Womit wieder ein Bezug zu Südafrika gegeben ist.(238)

1990 kam in der untergehenden DDR ein anderer Hugenotten-Abkömmling an die Macht, ebenfalls in einer Transitionsphase, Lothar de Maizière. In der DDR wurde 90 erstmals frei gewählt, wie 4 Jahre später in Südafrika.(239) In Südafrika reformierte De Klerk als Präsident den Staat, verlor aber (durch „Abwahl“) die Macht, als es mit der Demokratie los ging (der alte Staat ging unter); De Maiziere verlor seinen Posten als Ministerpräsident der DDR (die er noch etwas reformierte), indem dieser Staat “abgeschafft” wurde – was er freilich maßgeblich mit betrieben hat. Seine politische Karriere im vereinten Deutschland war ja dann bald zu Ende, da Vorwürfe bezüglich “Stasi”-Mitarbeit erhoben wurden; aber eine andere „Ossi“ stieg dann zur Macht auf. Letzte Sitzung der NP-Regierung (unter De Klerk) war (s.o.) am 4. Mai 1994 (zwischen der Wahl und der Machtübergabe), letzte Sitzung des DDR-Ministerrats (unter De Maiziere) war am 26. September 1990.(240) Zwischen Südafrika und Deutschland gibt es natürlich noch einige weitere Verbindungen.(241)

Bezüglich De Klerks Weg sind mehrere kontrafaktische Szenarien denkbar bzw relevant, hauptsächlich natürlich seine Zeit als Präsident 1989-1994 betreffend. Das eine oder andere ist auch schon ausformuliert worden. In dem 1991 veröffentlichten(242) (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond heisst der reformorientierte Apartheid-Präsident „Karl Vorster“. Dieser (und ein Teil seiner Regierung) wird vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Hardliner bzw Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren; er wird nun Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Anglomächte intervenieren schliesslich und stellen die richtige Ordnung her…(243) Larry Bond war ein Mitarbeiter von Tom Clancy (siehe) und dem entsprechend ist die politische Tendenz seines Romans.

Wo der südafrikanische Politologe Deon Geldenhuys steht, bzw wie er zur Apartheid stand, ist nicht ganz klar(244); jedenfalls ist er kein Teil apartheidnostalgischer Öffentlichkeitsarbeit wie der genannte Al Venter. Er brachte unter dem Pseudonym „Tom Barnard“ 1991 das Buch „South Africa 1994-2004. A popular History“ heraus, einen politischer Zukunftsroman, in dem der Übergang Südafrikas von der Apartheid zur Demokratie nicht gelingt. „Orania“ bleibt dort kein (abgelegener) Ort, sondern der Name des Volkstaats, im nördlichen Kap. Die radikalen Afrikaaner, die es beherrschen, sind im Besitz von Atomwaffen, drohen diese gegen Rest-Südafrika einzusetzen. Dieses benennt sich in „Azania“ um und der Präsident dort wird gestürzt.(245) 1947 kam vom südafrikanisch-stämmigen Kanadier Arthur Keppel-Jones „When Smuts Goes: A History of South Africa from 1952 to 2010, first published in 2015″ heraus, ein Stück Polit-Fiktion bzw Dystopie. Er malt darin das Szenario eines Siegs der HNP über die UP aus, für das Jahr 1952. Er sagte Einiges voraus, was unter der Herrschaft der NP (die aus HNP und AP hervorging) eintrat, das Ganze aber noch schlimmer, als es dann kam. Und nachdem die „internationale Gemeinschaft“ interveniert, kommt es zu einer schwarzafrikanischen Regierung, die nur inkompetent und überfordert ist…(246) Wenn wir schon fabei sind: An Polit fiction bzgl Südafrika und der Apartheid sind auch zu nennen: „July’s Leute“ von Nadine Gordimer, das Original kam 1981 heraus; und die wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzten „Verwoerd – the End“ von Gary Allighan (1961), Iain Findlays „The Azanian Assignment“ (1978), Frank Graves’ „African Chess“ (1990), Anthony Delius’ „The Day Natal Took Off“ (1960), oder Randall Robinsons „The Emancipation of Wakefield Clay“ (1978). In diesen Romanen kommt die Apartheid zu einem „vorzeitigen“ Ende; in Nick Woods „Azanian Bridges“ (2016) hat sie bis in die heutige Zeit überlebt.(247)

Südafrika wurde noch in frühen 90ern, nach dem Namibia-Angola-Abkommen (das grösstenteils umgesetzt wurde) und dem Beginn der Verhandlungen, als Pulverfass gesehen, wie Jugoslawien (bzw wie YU es dann wurde); wahrscheinlich hätte es dort auch so kommen können, und Manche arbeiteten ja auch darauf hin… Ein geschürter Kampf zwischen ANC- und IFP-Anhängern (der dann als Bürgerkrieg zwischen Xhosas und Zulus deklariert worden wäre), unter Mitmischen des (weiterhin weissen) Staats(248) sowie weisser Rechtsextremer. Da zeigt sich doch die Bedeutung von De Klerk – man muss davon ausgehen, dass die Entwicklung Südafrikas ohne ihn bzw bei einem Scheitern von ihm in Gewalt abgeglitten wäre! Wie gesagt, im Februar 1989 bekam De Klerk in der NP-Parlamentsfraktion 8 Stimmen mehr als Barend du Plessis, bei 133 Abgeordneten. Botha hätte in diesem Jahr aber auch keinen Schlaganfall erleiden können; unwahrscheinlicher: ein Wahlsieg der Konservativen Partei in diesem Jahr. Auch der Kalte Krieg hätte natürlich nicht so zu Ende gehen können; zB bei einem Gelingen des Putschversuchs gegen Gorbatschow im Sommer ’91.

Ein Rücktritt De Klerks wäre am ehesten bei einer Niederlage im Referendum 92 in Frage gekommen. Dies hätte wahrscheinlich ein Ende des Reform- und Verhandlunsprozesses zu Folge gehabt. Der Mord an Chris Hani hätte ebenfalls dazu führen können. Im SABC-Interview 2020 sagte De Klerk bezüglich seiner Gegner in Militär und Polizei, Manche dort hätten ihn nicht gemocht, es habe aber kein Risiko eines Putsches gegeben. So wie von Mobutu im Congo oder Sisi in Ägypten. Der genannte Terence McNamee über das nukleare Abrüsten unter De Klerk: „Symbolically, if not practically, nuclear weapons were viewed as the ultimate guarantor of white dominance in South Africa. De Klerk’s predecessor, P.W. Botha, railed against him for ending the program. Botha claimed (probably correctly) that by destroying the arsenal, de Klerk destroyed the Afrikaner state. A violent backlash, some say a military coup, was narrowly avoided.“ Dass der Gedanke eines Attentats von weissen „Radikalen“ gegen ihn nicht so „abwegig“ war, zeigen die Ereignisse in Ventersdorp…oder auch das Ende seines Vorvorvorgängers. Wobei der Charakter des Attentats auf Verwoerd nicht ganz klar ist (s.o.). Ein anderes Alternativszenario: Was, wenn die NP unter De Klerk nicht schon ’96 aus der Regierung der nationalen Einheit abgezogen wäre, inwiefern wäre die weitere Entwicklung des Landes anders verlaufen?

De Klerk hat 2014 den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde – 20 Jahre also, nachdem er den Posten des Präsidenten Südafrikas an Nelson Mandela übergab. Nach dem Tod von Präsident Michael Sata Ende 14 rückte Scott, damals Vizepräsident, zum Interims-Präsidenten auf, für 3 Monate, bis zur Neuwahl Anfang 15. Sein Vater war aus Schottland in das damalige (britische) Nord-Rhodesien eingewandert, seine Mutter aus England. Scott war Landwirtschaftsminister, bevor er Vizepräsident wurde, und gehört der Patriotic Front (PF) an. Er konnte nicht zur Präsidentenwahl antreten, da die Verfassung von Kandidaten verlangt, zumindest in 3. Generation Sambier zu sein. Sein Parteikollege Lungu gewann dann die Wahl. Scott sagte als er Vizepräsident war, das war zur Zeit von Obamas Präsidentschaft in der USA, Sambia habe eben wie die USA einen weissen Vizepräsidenten… Zwischen der Präsidentschaft De Klerks und jener Scotts war noch Paul Bérenger Premierminister in Mauritius. Die beiden Regionen Afrikas, in denen es relativ viele Weisse gibt, sind eben das südliche Afrika (Südafrika, Namibia, Zimbabwe, Sambia, Angola,…) und die Inselstaaten vor der Küste von Südostafrika (Mauritius, Seychellen, Madagaskar, das noch koloniale Reunion,…).(249) Ausserdem waren Jerry Rawlings (Ghana, 93-01) und Ian Khama (Botswana, 08-18) Präsidenten ihrer Länder, die beide aus gemischten Partnerschaften stammen, „halb-weiss“ sind.

Rasse spielt wahrscheinlich nur dann keine entscheidende Rolle mehr in Südafrika, wenn wieder ein Weisser Präsident werden kann, ob im ANC oder ausserhalb (DA,…), ob ein Afrikaaner oder ein Englischsprachiger, ob Mann oder Frau. De Klerk bekräftigte 04 zum „Spiegel“ das, was er 91 zu diesem gesagt hatte, nämlich dass er nicht glaube, als der letzte weisse Präsident Südafrikas in die Geschichte einzugehen. Es gab nach dem Ende der Regierung der nationalen Einheit auch keinen weissen Vizepräsidenten oder Parlamentspräsidenten. Aber einige Minister aus dem ANC, wie Derek Hanekom oder Robert Davies. Bei Trevor Manuel ist fraglich, ob er als „Weisser“ zählt, und eigentlich sollte man ja von diesem Denken wegkommen. Marthinus van Schalkwyk war Minister und auch Provinz-Premierminister, im Westkap gab es nach und vor ihm noch weitere Weisse in dieser Funktion. Ende der 90er kam der Abtritt von Weissen in staatlichen Führungspositionen, in die sie noch in Apartheid-Zeiten gekommen waren(250), wie von Michael Corbett als Oberrichter und Georg Meiring als Generalstabschef; Schwarze rückten in die ersten Reihen auf.

Zu den Weissen, die in Post-Apartheid-Zeiten in Spitzenpositionen ernannt wurden, gehört zB Gill Marcus, die 09-14 Gouverneurin der Zentralbank (SARB) war, davor u.a. Vizeministerin für Finanzen. Es gab auch weisse ANC-Fraktionschefs in der Nationalversammlung, und Weisse sind im Parlament vermutlich (noch immer) überproportional vertreten, über die etwa 10%, die sie an der Bevölkerung ausmachen. In der Wirtschaft oder in Medien ohnehin. Manches aus den Zeiten der Vorherrschaft der Weissen/Afrikaaner ist nach dem Ende der Apartheid geblieben. Die Afrikaaner waren zu Apartheidzeiten (1948-1994) das wichtigste Volk Südafrikas, die Herren im Land (und Afrikaans die wichtigste Sprache), davor und danach nicht. Der Machterringung lag zu Grunde, dass Nicht-Weisse davor bereits von der Macht ausgeschlossen waren; das numerische Übergewicht im weissen Sektor der Bevölkerung. Die Afrikaaner verloren mit dem Ende der Apartheid die Baaskap, die Vorherrschaft in Südafrika.(251)

Die Identifikation der Buren/Afrikaaner mit dem südafrikanischen Staat war, in der Gesamtheit, zu Apartheid-Zeiten eine andere als danach bzw heute… Manche Afrikaaner sehen seit dem Ende der Apartheid eine doppelte Unterwerfung, unter Schwarze und unter „Engländer“. Von manchen Seiten wird eine Opferrolle für Weisse in Südafrika gewünscht bzw fabriziert, angesichts des Verlusts der Vorherrschaft, angesichts „Diskriminierungen“ und Kriminalität. Eine kleine Identitätskrise bzw -findung wird man ihnen schon zugestehen müssen. Es gibt auch welche unter ihnen (Südafrikas Weisse), die das Ende der Apartheid als Befreiung (für sich) sehen, allein schon weil sie nicht mehr das „Stinktier der Welt“ sind(252), Ansehen über die paar Länder hinaus geniessen, mit denen Apartheid-Südafrika enge Kontakte pflegte… Daran hat auch FW de Klerk einen beträchtlichen Anteil. Nicht wenige Afrikaaner finden aber, dass ihre Kultur (hauptsächlich die Sprache) im jetzigen Südafrika, aufgrund der von De Klerk geleiteten Verhandlungen, „unter die Räder“ gekommen ist, zusätzlich zum Verlust der Macht (Vorherrschaft) und vielen „Unsicherheiten“.

Wahlplakate auf Afrikaans zur Wahl 19, in Paarl (Westkap), von der DA (oben) und der VF+ („Schlag zurück“). Die DA wirbt mit der Forderung nach einer Polizei die (stärker) der Provinz unterstellt ist, um Stimmen…

Es gibt weitere Untergruppen bei den Weissen Südafrikas (sehr kleine)(253), aber im Prinzip besteht dieses Bevölkerungssegment aus den Afrikaans-Sprachigen (hauptsächlich niederländischer Herkunft) und den Englisch-Sprachigen (hauptsächlich britischer Herkunft), etwa im Verhältnis 60:40. Eine Selbstbestimmung der Afrikaaner/ Buren gab es teilweise in VOC-Zeiten (> Treckburen), dann in der Zeit während und nach den Trecks, mit den eigenen Staaten (in denen sie übrigens auch über Nicht-Weisse herrschten), dann in der Apartheid. Mit dem zweiten Anglo-Buren-Krieg ging also die Afrikaaner-Selbstbestimmung vorerst zu Ende. Die Afrikaaner in der Kapkolonie und Natal waren schon davor unter britische Herrschaft gekommen. Spätestens vom Kriegsende 1902 an, bis 1948 (mit der „Zwischenstation“ 1910), waren die Afrikaaner den Briten untergeordnet, dem Empire und jenem im Land > die oft eine geringe(re) Verwurzelung im Land hatten, Alfred Milner und Leander Jameson sind nicht die einzigen von ihnen, die in Südafrika weder geboren noch gestorben sind.

Die Verhandlungen (1908/09) über die Vereinigung der vier nunmehr britischen Kolonien (die 1910 zu Stande kam) geschahen ohne Beteiligung der Nicht-Weissen, führten zu einem Ausgleich zwischen Briten und Buren („Allianz von Gold und Mais“)(254). Es gab bei diesen Verhandlungen Vertreter (aus) der Kapkolonie, wie ihr Premier John Merriman, die liberale Wünsche bzgl schwarzer und brauner Machtbeteiligung einbrachten, sie hatten aber keine Chance. In der Kapprovinz gab es dann bezüglich der politischen Rechte von Nicht-Weissen, liberalere Regelungen, bis in Apartheid-Zeiten hinein.(255) Die Reaktionären auf britischer Seite (die sich hauptsächlich in der Unionist Party sammelten) waren anders reaktionär als jene auf burischer Seite (Vorgängerparteien der NP). Im Südafrika das 1910 zu Stande kam, wurden die 4 vormaligen Kolonien Provinzen, in einem Staat mit wenig Föderalismus, und der an GB gebunden war (bzw sich band), Nicht-Weisse negativ diskriminierte.

In der Afrikaaner-Politik 1910-48 dominierte die Linie von Louis Botha und Jan Smuts (SAP, UP), die eines Ausgleichs mit den Briten, über die von Albert Hertzog und Daniel Malan (NP, GNP, HNP), die Abgrenzung und Vorherrschaft anstrebten. Bezüglich der „Farbigen“/Nicht-Weissen waren die Unterschiede zwischen diesen Lagern nicht so gross… Das zweitere Lager, das der „nationalbewussteren“ Afrikaaner, kam ja 1948 an die Macht (blieb es bis 1994), initiierte die Apartheid, war in der NP organisiert (nachdem sich HNP und AP 1951 zur neuen NP vereinigten). Das andere Lager, nicht ganz kongruent mit den englischsprachigen Weissen, die UP und ihre Nachfolgeparteien, bildete (die längste Zeit) die weisse Opposition; in den 1960ern entstand „schwarzer“ Widerstand gegen die Entrechtung. Johannes de Klerk hat 1967, als Bildungsminister von Premier Vorster, bei einer Rede(256) in Krugersdorp davon gesprochen, dass es christlichen Prinzipien widersprechen würde, wenn sich die beiden weissen „Rassen“ Südafrikas zu einer vereinigen würden; eine politische Nation ja, aber kulturell, nein, so FW de Klerks Vater.(257)

Seit 94 (26 Jahre nun) gibt es in Südafrika ANC-dominierte Regierungen, Schwarze sind (ihrer demographischen Stärke gemäß) erstmals an der Macht. Quasi im Schatten dessen kam es zu einem neuerlichen Zusammengehen der beiden weissen Gruppen, in der DP/DA, vor der zweiten freien Wahl Südafrikas, wie gezeigt wurde (also etwa 5 Jahre im neuen Südafrika), bei Dominanz der Englischsprachigen. Die Afrikaaner sind ganz am Ende des 20. Jh „dort hin“ zurück gekehrt, wo sie Anfang bis Mitte dieses Jahrhunderts gewesen sind, zu einer Art „Unterwerfung“ unter die kleinere weisse Gruppe. Die DA hat(te) keine Afrikaaner als Führer bis jetzt, und keine in Aussicht, parlamentarische oder nationale, der jetzige, John Steenhuisen, ist englisch geprägt, wenn auch von den Wurzeln her (zT) afrikaanisch. Zu solchen Umdrehungen von Machtverhältnissen zwischen Ethnien kommt es in der Geschichte immer wieder, so zwischen Ungarn und Rumänen in Transylvanien vor/nach dem 1. WK, oder im Kosova/ Kosova zwischen Serben und Albanern (vor wenigen Jahren). In den Streitkräften Südafrikas spiegel(te)n sich diese Übergänge schön wieder: Die Gründung der UDF 1912 aus vormaligen Feinden, Angehörigen von Buren-Milizen und der britischen Armee in Südafrika; darum kümmerte sich v.a. Smuts als Verteidigungsminister unter Premier Botha, beide führende Offiziere in der Buren-Armee im Krieg gg die Briten 1899-1902.

Die UDF nahm an beiden „Weltkriegen“ an Seite Grossbritanniens Teil, gegen den Widerstand eines sehr grossen Teils der burischen Bevölkerung. Die UDF war britisch dominiert, wenn auch ihre Chefs schon vor ’48 Afrikaaner waren. Ausser dem letzten (Melville), der erster SADF-Generalstabschef war. Im Zuge der Apartheid dann die Afrikaanisierung dieser Institution, 57/58 die Umbenennung/Umorganisation in SADF, und bald die Einnahme einer wichtigen Rolle Innen und Aussen (gegen Schwarzafrikaner). Beim Geheimtreffen Mandelas mit Botha Mitte 1989 (kurz vor dessen Abtritt), brachte Mandela die Einigung zwischen Afrikaanern und Englischsprachigen vor 1910 zur Sprache, als Beispiel für eine zwischen Schwarz und Weiss. Mandela brachte damals und auch bei anderen Gelegenheiten die Afrikaaner-Rebellion 1914/15 zur Sprache, stellte Parallelen zum Aufbegehren der Schwarzen her.(258) Und 1994 kam es zur Vereinigung der SADF mit den Milizen/Armeen der Anti-Apartheid-Organisationen sowie der Homelands, zur SANDF. Wie 1910 entstand aus eben noch verfeindeten Kräfte eine neue Armee. Und es kam zu einer „Schwarzafrikanisierung“ der SANDF.

Wird eine Afrikaaner-„Frage“ wieder aktuell jenseits von der DA, im Sinne einer Vorherrschaft? Es wird in Südafrika eine neue, gemeinsame nationale Identität angestrebt, und viele Afrikaaner leisten auch ihren Beitrag dazu. Johann Wingard, der Vorsitzender des Volkstaatraads gewesen war(259), sagte in einem hier genannten Interview 2009: „Afrikaners have withdrawn from public and political life like snails reverting to their shells. Their ambitions and political aspirations are dormant like an Etna or Vesuvius. When and how it will erupt is uncertain. But erupt it will. The ANC’s notion that the Afrikaner nation has surrendered its sovereignty is erroneous and unfounded.“ Wingard ist einer Jener, die auch über De Klerk hergezogen sind, wir erinnern uns.

Mandela besuchte nach seiner Freilassung PW Bothas Villa in Wilderness („Die Anker“) einige Male. Wichtigstes Treffen war jenes im November 1995, VF-Chef Viljoen war auch dabei, Mandela in buntem Hemd, Botha in weissem Anzug, und mit erhobenem Zeigefinger. Sie redeten über einen Volkstaat und die kommende TRC, Botha kündigte an, dass er dort nicht erscheinen werde und warnte Mandela, dass man „den Tiger namens Afrikaaner-Nationalismus“ nicht aufwecken solle. Zur Zeit sind Afrikaaner eher auf „Abkapselung“ denn auf Machterringung aus, viele errichten eine Art neue Wagenburg. 2005 war unter Afrikaanern ein Song sehr beliebt, „De la Rey“, von „Bok van Blerk“ (Louis Pepler), der sich um Jacobus „Koos“ de la Rey dreht, was Einiges an Befindlichkeiten offensichtlich machte. Jacobus de la Rey (teilweise spanischer Herkunft) war ein militärischer Anführer der Buren bei deren Niederlage gegen das British Empire, um die Jh-Wende, es zirkulieren Heldengeschichten um den Verlust seines Bauernhofs und die Internierung seiner Familie in einem britischen Konzentrationslager in dieser Zeit. Im Lied wird seine Wiederkehr beschworen, eine Art Wiederauferstehung der Afrikaaner/Buren-Nation („…De La Rey, Sal jy die Boere kom lei?…“).

Es war damals in der zweiten Amtszeit von Mbeki, als viele Blicke schon auf Zuma gerichtet wurden als den kommenden Mann, Ängste geschürt wurden. Das südafrikanische Kulturministerium sagte damals in Beantwortung einer Anfrage, der Song könnte von einer rechtsextremen Minderheit „gehijacked“ werden. Die oppositionelle Democratic Alliance wies prompt auf den Song hin, den Zumas Anhänger (und zeitweise er) sangen, „Umshini wami“ („Bring mir mein Maschinengewehr“), dieser sei subversiver und gefährlicher. De la Rey bekämpfte die Briten ja nicht nur im Zweiten Anglo-Buren-Krieg (Südafrikanischer Krieg), und davor gegen die (Ba)Sotho. 1907 wurde er in das neue Parlament Transvaals gewählt, 1908/09 war er als solcher Teilnehmer bei den Verhandlungen zur Gründung der Südafrikanischen Union (National Convention/ Nationale Conventie), danach Mitglied des Parlaments dieses Staates. Er hat Het Volk angehört, der Afrikaaner-Party in Transvaal von Louis Botha und Smuts, die 1910 mit dem ersten AB, der ersten SAP und der OU die SAP bildete, zu der De la Rey auch ging. Als die SAP-Regierung unter Botha 1914 für GB in den 1. WK einstieg und Südwestafrika von den Deutschen erobern lassen wollte, rebellierte ein Teil der UDF, von ihrem Generalstabschef Christiaan Beyers abwärts.(260)

Und weitere Afrikaaner, zT aufgrund einer „Prophezeiung“ von „Siener“ van Rensburg. Ein Teil von De la Reys Kriegskameraden blieb der UDF treu, der andere schloss sich den Aufständischen an bzw zettelte den Aufstand an, darunter Beyers. De la Rey, damals Abgeordneter zum Senat, hatte sich noch nicht entschieden und tendierte eher zur Neutralität. Er traf sich mit General Beyers zur Diskussion, die beiden fuhren dann von Pretoria nach Potchefstroom (zu General Kemp), wurden am Weg von einer Polizeisperre(261) beschossen, De la Rey getötet. Beyers war dann einer der Anführer der Aufständischen (neben den anderen Generälen Maritz, Kemp, De Wet,…), die sich auf die Seite der deutschen Schutztruppe stellten. Botha und Smuts führten den Feldzug selbst an, siegten 1914/15. De la Reys Haltung zu den Briten war jedenfalls nicht so eindeutig, und man sollte aufpassen, wer sich wie auf ihn beruft. Manche stellen auch seine Treue zum „Empire“ ab 1902 hervor, die jener von Smuts und Botha glich. Der Afrikaner Broederbond ist mit der NP untergegangen, hat sich reformiert, nennt sich einfach Afrikanerbond. Für Zusammenhalt unter Afrikaanern sorgt er nicht mehr, die (reformierten) Kirchen schon eher.

Die VF+/FF+ ist so etwas wie die Partei der „nationalbewussten“ Afrikaaner(262), ist in mancher Hinsicht näher bei den Afrikaanern als die DA. Sie verlor den Kampf um den Grossteil der Stimmen der Afrikaaner, das Erbe der NNP, 1999, gegen die DP. Die DA bekommt ausserdem (mehr) Stimmen aus anderen Bevölkerungsgruppen – darunter auch Schwarzafrikanern. Hartzenberg blieb KP-Chef bis zum Aufgehen der Partei in der VF 03/04. Boshoff junior (Orania) ist für die VF+ im Nordkap aktiv. Pieter Mulder, VF-Chef von 01 bis 16 als Nachfolger von Viljoen (und Sohn von Cornelius Mulder), war als Landwirtschafts-Vizeminister in der ersten Zuma-Regierung. Die VF wird von rechtsradikalen Afrikaanern angegriffen, von dort wo die Wingards und Roodts stehen. Rechts von der VF ist (noch) keine nennenswerte Afrikaaner-Partei entstanden, es gibt dort aber eine Vielzahl von Parteien, Milizen,… Dort zeigt man gerne die alte südafrikanische Flagge (Orange-Weiss-Blau)(263) oder die noch ältere Vierkleur (Flagge von Transvaal/ Zuid Afrikaanse Republiek), oder die ziemlich neue „Vryheidsvlag“ (1995 von der AVF registriert), eine Kombination aus den genannten anderen beiden.

AWB-Fahne, alte südafrikanische, Vierkleur

Oft ist aber die rassistische Schlagseite bei Leuten in der Mitte der Gesellschaft ausgeprägter als am „rechten Rand“. Beim Youtuber und Radio-Mann Renaldo Gouws etwa, der Stadtrat für die DA in Nelson Mandela Bay (Port Elizabeth und Umgebung) ist. Er kommt so moderat und smart daher, das unterscheidet ihn von Orde Boerevolk, Boeremag, BVB, BBB,… Nicht nur mit Kommentaren zu Waffengesetzen in der USA und Südafrika (mehr Waffen würden Verbrechen verhindern) zeigt(e) er, wessen Geistes Kind er ist. Er greift die Demokratie in Südafrika nicht direkt an, betreibt mit seinen Kommentaren zu aktuellen Vorgängen in Südafrika indirekte Apartheid-Apologetik. Das Ende der Baaskap fällt so Manchem schwer. Der Künstler und Journalist Rian Malan ist der Grossneffe von Daniel Malan, der als Premier ab ’48 die Apartheid in Südafrika einführte. Er verweigerte seinen Dienst im Militär des Apartheid-Staates, indem er in die USA ging, Ende der 1970er. War in den Augen seiner Familie (und anderer Afrikaaner) ein „kaffir boetie„, ein „Negerfreund“.(264)

Liess sich nach seiner Rückkehr 1990 wieder in Johannesburg nieder, schrieb ein Buch „Mein Verräterherz“, über sein Aufwachsen im Apartheid-Staat und Rassenbeziehungen In Südafrika. Viele Urteile von ihm bezüglich Südafrika zeigen, dass er doch auch von der Apartheid geprägt wurde. Dass er der Meinung war/ist, dass nicht Mandela sondern De Klerk der „wahre Held“ sei, gehört nicht dazu, aber zB sein Kommentar über den Erfolg des Songs über De la Rey: „Afrikaners were so vilified in the latter years of apartheid that they just kept their heads down and put up with any shit for the first 10 years of the democratic experiment.“ Eher haben sie da durch das Entgegenkommen der Schwarzen noch so viel von ihren Apartheid-Privilegien unangetastet gehabt, dass sie nichts zu sagen wagten gegen den Wandel… 05 kam auch von Rian Malan eine CD heraus, „Alien Inboorling“, Songs auf Afrikaans, über Afrikaaner, solche die in Südafrika geblieben sind und solche die ins „Exil“ gegangen sind. Darauf der Song “Trekboer‘, ein Brief eines Auswanderers in Canada, der über Zustände in Südafrika und seine „Angst vor Afrika“ klagt. 2007 ein Porträt über diesen Malan vom britischen Journalisten Tim Adams, das anscheinend im „Observer“ und im „Guardian“ erschien, „The dark heart of the new South Africa“.

Adams schreibt darin auch von einem in einem Lokal (während eines Gesprächs mit Malan) am Nebentisch aufgeschnappten Gespräch, weisser Südafrikaner: einer sei nach Australien ausgewandert und versucht die Anderen zu überreden, das auch zu tun. „Du musst dich daran gewöhnen, dein Auto selbst zu waschen, und ich gebe zu, das dauert eine Weile. Aber ansonsten ist Sydney wie Jo’burg vor 30 Jahren“, also in den 1970ern, ohne Schwarze, bzw mit diesen in eigenen Townships, wie Soweto. „Packing for Perth and Piccadilly“ wurden die Initialen der PFP früher gerne umgedeutet, und zwar hauptsächlich von Afrikaanern. Ob unter den Auswanderern noch immer mehr „Soutpiels“ dominieren, ist schwer zu sagen. Etwa eine Million Südafrikaner haben seit dem Ende der Apartheid das Land verlassen, überwiegendst Weisse. Nach Australien, Canada, Neuseeland, Grossbritannien, USA, Niederlande, Deutschland, Israel,…(265) Tja, Australien und Kriminalität: die ersten weissen Einwanderer dort waren ja Kriminelle bzw Verurteilte, die dorthin geschickt wurden, in Sträflingslager, statt in britische und irische Gefängnisse; Premierminister Rudd stammt zB von Solchen ab.

In den Anglo-Staaten wurden Einheimische infolge der Unterwerfungen zur Minderheit; in Südafrika nicht, aber das wurde auch nicht so lange bzw stark britisch geprägt. In Australien machen Aborigines heute 2,5 bis 5% der Bevölkerung aus.(266) Aber, in solchen Ländern muss man das Auto selber waschen und der Haushaltshilfe mehr zahlen… Die Apartheid ist ja nicht zuletzt daran gescheitert, dass Weisse nicht ohne schwarze Arbeitskraft leben konnten. Vieles von diesen Verhältnissen ist ja nach Ende der Apartheid geblieben. Sogar der ultrarechte Eugene Terre’Blanche, Chef der neonazistischen AWB, hatte auf seiner Farm schwarze Arbeiter (wurde von solchen ermordet, von Streit um ausstehende Gehälter sowie Misshandlungen war die Rede), konnte/wollte nicht ohne auskommen. In Orania versucht man, „ohne“ auszukommen. Die weisse Auswanderung geht zu einem grossen Teil auf den Verlust der privilegierten Stellung zurück. Parallel dazu gab es eine Einwanderung von Schwarzafrikanern, von Ländern so weit nördlich wie Somalia. Die gegen sie gerichteten, fremdenfeindlichen, Ausschreitungen kamen von schwarzen Südafrikanern.

Im Ausland lebende südafrikanische Staatsbürger waren bei den ersten freien Wahlen 1994 berechtigt zu wählen, danach wurde das Wahlrecht geändert, und für im Ausland befindliche Bürger stark eingeschränkt. Die grösseren „Auswanderungsströme“ kamen ja nach 94. FW de Klerk hat 09 einen offenen Brief an die Vorsitzende der Independent Electoral Commission (IEC), Brigalia Bam, geschrieben, darin aufgerufen, Exil-Südafrikanern (wieder) das Wahlrecht zu geben. Es sei falsch, so De Klerk, dass Gefangene wählen können, aber nicht Exilanten. Natürlich würde eine solche Änderung den „weissen Parteien“ DA und VF+ helfen, gegen den ANC. Wie auch immer, der „Vorstoss“ ist absolut diskussionswürdig. Nach Australien ausgewandert ist auch John M. Coetzee. Über Coetzee gibt es Vieles zu sagen, zB dass er von Samuel Beckett beeinflusst wurde; einem Iren, Angehöriger eines Volkes das mit Engländern/Briten „verfeindet“ ist und doch irgendwie angelehnt an sie ist (wie die Afrikaaner), sich in einem längeren Prozess gelöst hat von ihnen. Coetzee, ein Kap-Bure, ist zT anglisiert, so hat er kaum auf Afrikaans geschrieben/publiziert, überwiegendst auf Englisch.

1980 kam von ihm das englische Original von „Warten auf die Barbaren“ heraus(267), 2019 wurde es verfilmt. Es spielt in einem politischen Niemandsland, man darf aber eine Allegorie auf das Südafrika vor und nach der Apartheid vermuten. Er stellt zwar den „Magistrat“ alles Andere als vorteilhaft dar, aber, dessen Opfer/Gegner sind eben die „Barbaren“, und nach einer militärischen Niederlage des Magistrats wartet man auf sie… Coetzee war ein Apartheid-Gegner, kein radikaler, auf einer Linie mit André Brink, Breyten Breytenbach, Antjie Krog,… die sich im Juli 89 zu einer Konferenz in Victoria Falls in Zimbabwe trafen. Coetzees Roman „Disgrace“/ „Schande“ kam 1999 heraus, wurde ein paar Jahre später mit John Malkovich verfilmt. Es hat autobiografische Züge, obwohl die Hauptfigur einen jüdischen Namen hat. Ein Literaturprofessor zieht sich auf die Farm seiner lesbischen Tochter im Ostkap zurück; 3 Schwarze vergewaltigen die Tochter und verletzen David, erschiessen ausserdem die Hunde. Lucy will dann bleiben und das Kind austragen. Es spielt in der Zeit nach dem Übergang von der Apartheid zur Demokratie, behandelt diese. Coetzee deutet Polizei-Inkompetenz an, auch eine im Medizin-Betrieb. Nadine Gordimer kritisierte an „Disgrace“, dass der Autor (Tierrechtsaktivist Coetzee) mehr Sympathie für die getöteten Hunde zeige als für getötete Menschen.

Andere sahen im Roman Coetzees Kommentar zur Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC). Aus der Post-Apartheid-Regierung Südafrikas bzw dem ANC kam Kritik an „Disgrace“. Der indische Südafrikaner Imraan Coovadia meinte in „Transformations“ (2012), dass sich im Roman tatsächlich rassis(tis)che Stereotypen finden und diverse Sub-Botschaften (Weisse als Opfer der Schwarzen im Post-Apartheid-Südafrika, nicht als ihre Unterdrücker, die Schwarzen die wüten sobald die Apartheid weg ist). Der bereits erwähnte Patrick Laurence von der Suzman-Stiftung sprang Coetzee bei; in „Disgrace“ würden nur Wahrheiten thematisiert, über Farmmorde, bei denen die Täter schwarz und die Opfer weiss sind, er sprach von „historischer Vergeltung“, die Weisse in Südafrika nun erdulden müssten, was Coetzee verstanden habe. Coovadia weist darauf hin, dass ungefähr alle 5 Tage ein Farmer ermordet wird, hingegen jeden Tag 50 arme Schwarze. 2002 übersiedelte Coetzee von Kapstadt (wo er lange an der Uni Englisch unterrichtet hatte) nach Adelaide; er führte dabei die „laxe Einstellung“ der Regierung zur Kriminalität als Grund an. Es wurde als Grund für die Auswanderung auch genannt, dass für ihn als Radler Kapstadts Verkehr zu unsicher geworden sein.

Und die Kritik der Regierung an „Disgrace“. Coovadias feiner Spott: „But it is a tender conscience that can survive racial tyranny, censorship, and near civil war, only to succumb to Thabo Mbeki’s literary criticism.“ Coetzee hat laut Coovadia den ANC für das Einschlagen eines Fensters seines Autos verantwortlich gemacht, dies als Botschaft für „neue Dissidenten“ gedeutet. Auch bei sich also eine Viktimisierung als „Weisser“ gegenüber den („regierenden“) Schwarzen. Coetzee war Coovadias Lehrer an der Harvard-Universität, dieser arbeitet nun am Anglizistik-Institut der Kapstädter Uni, wo Coetzee früher war. Coovadia schreibt zusammengefasst, Coetzee trete dem Post-Apartheid-Südafrika (bzw der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiss) mehr entgegen (bzw unterminiere es mehr) als dem Apartheid-Südafrika (als er versuchte, die Weissen-Oligarchie vor 1994 zu unterminieren).(268) Im Jahr darauf, 03, bekam er den Literaturnobelpreis (als zweiter Südafrikaner nach Gordimer). Mbeki gratulierte ihm als südafrikanischer Präsident dazu, 05 verlieh er ihm den Mapungubwe-Orden (den auch De Klerk erhalten hat). Coetzee wurde 06 (auch) australischer Staatsbürger; er kritisierte auch John Howard deutlich, er ist nicht leicht einzuordnen.

Hat Einiges mit Breyten Breytenbach gemeinsam; auch der war gegen die Apartheid eingestellt, entschiedener sogar (obwohl seiner Bruder Gründer einer SADF-Spezialeinheit war), kritisierte Vieles am Post-Apartheid-Südafrika und ging ins Exil. In „Mischlingsherz“ (1999) thematisierte Breytenbach die Khoisan-Wurzeln seiner Familie im westlichen Kap, und mokierte sich über das Afrikaans, das Nelson Mandela sprach.(269) A propos, etwa die Hälfte der Afrikaans-Sprecher Südafrikas sind „Farbige“, nicht „Weisse“. Und, es gibt auch viele nicht-weisse (afrikanische und asiatische) Einflüsse in dieser Sprache, was sie zu einer Art Kreolsprache macht.(270) Behandlungen des Rassenthemas bzw von Rassenbeziehungen Südafrikas konzentrieren sich ganz stark auf auf „Schwarze“ und „Weisse“, Interaktionen zwischen „Braunen“ und „Schwarzen“ oder Inder (die grösste asiatische Volksgruppe in Südafrika) mit Weissen werden wenig beachtet…etwa ein Viertel der Südafrikaner sind nicht Schwarze, der grössere Teil davon Asiaten und Mischlinge (der kleinere Weisse).(271)

Afrikaans war die Sprache der Apartheid, die ja etwas von einem Kastensystem hatte. Es gab von Seiten der „Coloureds“ Kollaboration (> zB Helenand „Allan“ Hendrickse, HoR, LP), aber auch Widerstand (> Abdullah Abdurahman, Allan Boesak, „Jakes“ Gerwel, Cheryl Carolus, Adam Small, Vernie February,…), in Afrikaans. Die „Nationsbildung“ Südafrikas ist im Gange, man wird sehen, ob die von Mandela (und De Klerk) anvisierte „Regenbogen-Nation“ Realität wird. Die Gesellschaft ist noch immer sehr rassisch (getrennt). Das zeigt sich auch daran, dass es über ein Viertel-Jahrhundert nach Ende der Apartheid (und etwa 10 weitere Jahre seit Aufhebung des diesbezüglichen Verbots) sehr wenige Partnerschaften zwischen Schwarzen und Weissen (oder Indern und Weissen,…) gibt. Eine Ausnahme ist Siya(mthanda) Kolisi und seine Familie; der ist Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft („Springboks“), als erster Schwarzer, die die Weltmeisterschaft 19 gewann. Rugby ist der einzige Sport, der Südafrika vereinen kann; Fussball interessiert die Weissen zu wenig (besonders die Afrikaaner) und die Bafana Bafana sind ausserdem zu schlecht (geworden).

Die Springboks wurden also zum 3. Mal Weltmeister; die Siegerehrungen 95 mit Pienaar und Mandela in Jo’burg, 07 mit Smit und Mbeki in Paris, 19 mit Kolisi und Ramaphosa in Yokohama – 3 verschiedene Phasen der Entwicklung Südafrikas nach der Apartheid.(272) Mit dabei war letztes Jahr auch François „Faf“ de Klerk, nicht verwandt mit Frederik W. Das Team 19 war schwärzer/bunter als die von 07 und 95. Die Rugby-Diskussionen in Südafrika spiegeln ja die „allgemeinen“ wieder… Auf der einen Seite jene Weissen, die mit der alten National-Flagge ins Stadion gehen, denen die Mannschaft zu farbig ist, die Schwarzen „Quotenspieler“ nennen,… auf der anderen Seite farbige Rugby-Fans vom Westkap, die sich „Cape Crusaders“ nennen, sie sehen das südafrikanische Rugby als noch immer „zu weiss“ an, unterstützen zB gegnerische Nationalteams und Klubteams wenn diese gg Springboks oder südafrikanische Klubs spielen.

„Herkunftsland Südafrika“ ist schon lange kein Grund mehr zum Boykott

In Südafrika haben die Union Buildings, das Parlament, die Rathäuser,… Bewohner bzw Benutzer, die vor nicht allzu langer Zeit diese Gebäude noch gar nicht betreten durften… Die Aufarbeitung der Apartheid ist erst im Gange, ein Kampf um die Verteilung von Schuld und Unschuld zwischen Schwarz und Weiss, siehe Hofmeyrs Äusserungen. Kaum Einer gab nach dem Ende der Apartheid an/zu, für diese (gewesen) zu sein; verbreitet sind aber Bagatellisierungen, Verharmlosungen. Vor der Apartheid gab es ja gut 100 weitere Jahre Unterwerfung/Trennung/Diskriminierung der Nicht-Weissen dort, im westlichen Südafrika sogar bis zu 200 Jahre mehr. Es geht seit 1994 nicht um eine „Wiedergutmachung“ der Apartheid(-Zeit), da es davor ja eben nicht gut war. De Klerk 2019 in einem „NZZ“-Interview: „Ist die immer noch ausgeprägte Ungleichheit in Südafrika nicht auch ein Erbe des Apartheidregimes?“ > „Der ANC versucht manchmal, dies so darzustellen. Aber nach 25 Jahren an der Macht ist es nicht sehr glaubhaft, alle Schuld auf die Apartheid abzuschieben. Tatsache ist: Die Investitionen, die das Land benötigte, bleiben aus. Grund dafür sind die politische Unsicherheit, das wirtschaftliche Missmanagement und die Korruption. Unser neuer Präsident, Cyril Ramaphosa, ist daran, dies zu berichtigen.“

Viele Weisse wollen dem ANC alle ihre Probleme bzw des Landes anhängen, viele Schwarze machen die Apartheid für alle Probleme des Landes (bzw ihre) verantwortlich. Manche Weisse sehen Aufarbeitungen der Apartheid als Angriff auf sich, aber manchmal vermischt sich das tatsächlich. Es lästern und jammern über Mängel am Post-Apartheid-Südafrika (auch) Jene, die aus einem Milieu kommen, das den Aufbau dieses demokratischen Südafrikas grossteils boykottiert, sabotiert, bekämpft hat (das noch immer tut)…das Ende der privilegierten Existenz für „Weisse“ in Südafrika, die „Ausdehnung“ der politischen und wirtschaftlichen Privilegien der weissen Minderheit auf alle Südafrikaner, die Erweiterung des staatlichen Engagements für Alle, Aufholung des Bildungsrückstands, Beendigung von Benachteiligung.(273) Die Linie ging (nach 94) diesbezüglich quer durch die NP, wie bereits angesprochen. Manche Südafrikaner bringen die Gleichheit Aller in diesem Land und rassische Harmonie (nur dann) vor, wenn es darum geht, aus der Apartheid-Zeit (und der Zeit davor) resultierende Besitzstände zu behalten, und stellen Jene die das in Frage stellen, als Angreifer auf diese Gleichheit dar.

Bei der Wahl ’14 wurde der ANC herausgefordert von DA und EFF, setzte sich vor diesen beiden durch. Seit 2014 bildet der ANC erstmals Alleinregierungen; in die Regierung Zuma I war die VF+ mit einem Vizeminister eingebunden. Es erinnert an die NP in der Endphase der Apartheid, als sie von der Rechten (v.a. KP/CP) und der „Linken“ (DP) unter Druck war, und von der schwarzen ausserparlamentarischen Opposition (v.a. ANC). Es gab auch nach der Wahl Bündnisse von DA und EFF gegen den ANC, auf verschiedenen Ebenen, eine Querfront. Afrikaaner-Rechtsaussen Wingard: „The concept of Black Empowerment is turning out to be a way of getting super rich quickly for a handful of blacks“. Die selbe Kritik am ANC könnte auch von den EFF (die in mancher Hinsicht Nachfolger des PAC sind) kommen. Die Gegner des neuen Südafrikas („Es gibt keine Regenbogen-Nation“), schwarze und weisse, jene die für radikale Umverteilung sind und jene die keinerlei solche wollen, diese Querfront entstand ansatzweise schon 1993/94. „Wir sind nicht wirklich frei geworden“ oder „“Wir wurden entrechtet“, beide sagen „Rassismus gegen uns ist im Wachsen“… Woraus sich wieder mal die Frage des Minimalkonsenses für Südafrika stellt. Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen der liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung(274)…an der Stelle sei auch auf die Zahl weiblicher Minister bis 1994 und jene aus der Zeit danach hingewiesen.

Der jetzige Präsident Cyril Rampahosa, ein in Soweto aufgewachsene Venda, war Gründer und Berater der National Union of Mineworkers (NUM), die mit Streiks gegen die exklusiv-weisse Herrschaft aufbegehrte. Nach seinem Rückzug aus der Politik wurde er u.a. Mitglied des Aufsichtsrats des (britisch-südafrikanischen) Minenbetreibers Lonmin. 2012 forderte er als solcher selbst ein hartes Vorgehen gegen Streikende…in einer Mine, die dem Lonmin-Konzern gehört, die Marikana-Platin-Mine bei Rustenburg (Nord-West)(275). Es war dies zur Zeit von Arbeitskämpfen im dortigen Platingürtel(276), und nach Nelson Mandelas Rückzug aus der Öffentlichkeit. Dabei erschoss die Polizei 34 streikende Bergarbeiter bei dieser Mine, die diese besetzten; sie waren mit Macheten und Stöcken bewaffnet, waren aber weit weg von den Polizisten. Das Marikana-Massaker(277) wird von Hassern des neuen Südafrikas, des ANCs, Afrikas, instrumentalisiert, obwohl diese die Regierung sonst als zu kommunistisch und unternehmerfeindlich angreifen, zu sehr umverteilend, der Polizei falsche Vorgaben machend… Andererseits zeigte sich mit Marikana tatsächlich, welche Entwicklung der ANC gemacht/genommen hat; schliesslich haben sich auch Ronald Kasrils und Desmond Tutu in Folge von ihm abgewandt.

Aber, Marikana wird mit Sharpeville in Zusammenhang gebracht, zur Entschuldigung dessen, von Leuten, die Beides eigentlich begrüssen, die Polizeigewalt gegen Schwarze generell als Lösung sehen, streikende Afrikaner verachten,…(278) Dass Justizminister Jeffrey Radebe (ANC) anordnete, dass Polizei und Justiz gegen illegale Versammlungen, Waffenbesitz und Aufrufe zu Gewalt hart vorgehen würden, müsste eigentlich nach dem Geschmack der DA-Klientel und Jener weiter rechts sein. Präsident Jacob Zuma rief zum Ende der „sinnlosen Gewalt“ auf. Malema „besuchte“ die Arbeiter, versuchte, die Situation auszunützen. Und Ramaphosa, der für das Marikana-Massaker mitverantwortlich gemacht wird, stieg im selben Jahr wieder in die Politik ein, wurde auf der ANC-Konferenz ’12 zum Vizepräsidenten der Partei gewählt – was nach den Wünschen von Zuma war; Gegenkandidaten waren Matthew Phosa und „Tokyo“ Sexwale. 2014–2018 war er Vizepräsident der Regierung unter Zuma, 17 wurde er Parteichef, 18 Staatschef, jeweils als Nachfolger Zumas. Als Ramaphosa vor der Wahl 19 vor einer „Rückkehr der Buren“ (an die Macht) „warnte“, sagte Malema, dieser sei einer der neuen Buren.

Nachdem „Befürchtungen“ bzgl. Zuma und WM nicht eingetroffen sind, konzentrieren sich Untergangs-Prophezeiungen ganz auf Malema. Der 2011 aus dem ANC ausgeschlossen wurde, dann die eigene Partei (EFF) gründete. ARD-„Weltspiegel“ im Mai 18, zur Zeit des Abtritts Zumas und er EFF-Rhetorik nach entschädigungsloser Enteignung von Land, von Verstaatlichung von Banken und Konzernen. Das Zuma abgetreten ist, aufgrund seines korrupten Gebahrens (anders als Netanyahu oder Berlusconi), zeigt eigentlich dass Demokratie und Rechtsstaat in Südafrika intakt sind. Ob die EFF (die man als ANC-Abspaltung sehen kann) einen grösseren Teil der ANC-Wähler zu sich „lotsen“ können, wird man sehen. Die EFF wollen auch die Entfernung des afrikaansen Teils aus der Nationalhymne, weil dies Apartheid-Erbe sei. In Richtung der Weissen Südafrikas hat Malema Wohlwollen ggü De Klerk (sein) Wohlwollen ggü Mugabe ggü-gestellt; und De Klerk einen „Mörder“ genannt. In Südafrika gibt es aber nicht nur einen Julius Malema, sondern auch Politiker wie Diane Kohler-Barnard von der DA, die ’15 auf Facebook einen Beitrag teilte, in dem nahegelegt wurde, dass das Leben unter der Apartheid besser war als danach. Es gibt Hetze von EFF, aber auch vom Afriforum (steht der VF+ nahe), das sich als „Bürgerrechtsbewegung“ deklariert, nicht als Lobby-Organisation (für Afrikaaner) oder Promoterin eines weissen Nationalismus‘.

Auch diese Aspekte des neuen Südafrikas werden hier also etwas zu ausführlich behandelt, als es für einen Text über De Klerk (der eine „Mischung“ aus Enzyklopädie-Eintrag, Biografie, Meinungs-Kommentar, Fachzeitschrift-Artikel,… ist) eigentlich gehört. In Ramaphosa legt nicht nur (aber auch) FW de Klerk Hoffnungen, er der die Zuma-Präsidentschaft (2009–2018) retrospektiv ein verlorenes Jahrzehnt „nannte, hauptsächlich im Hinblick auf Korruption unter diesem. De Klerk: „Ramaphosas einzige Schwachstelle ist die interne Zersplitterung des ANC. In der Partei gibt es einige, die gegen den Präsidenten arbeiten.“  Über eine mögliche Landumverteilung: „Ramaphosa hat angekündigt, dass eine solche Verfassungsänderung an zwei Bedingungen geknüpft sein muss: Sie darf der Wirtschaft nicht schaden, und sie darf die Ernährungssicherheit nicht beeinträchtigen. Wenn das erfüllt ist, dürfte es eine sanfte Verfassungsänderung geben, die vor allem Landstücke betrifft, die nicht genutzt werden. Ich glaube nicht, dass es ein Risiko von Enteignungen von landwirtschaftlich genutztem Land gibt. Sowieso dürfte der Fokus auf städtischen Landflächen liegen, die vielfach in Besitz der Regierung sind. Es geht hier nicht so sehr um die Landwirtschaft, es geht um Bauland. Die Menschen leben nicht immer dort, wo die Arbeitsplätze sind. Die Urbanisierung Südafrikas schreitet rapide voran. Hier kann eine Landreform auch eine Chance sein.“ De Klerk hat Ramaphosa nach dessen Amtsantritt (Ablöse Zumas 18) Ratschläge und Beurteilungen zukommen lassen.

Der also in zweiter Ehe verheiratete De Klerk ist längst Grossvater, von den 3 Kindern aus der ersten Ehe mit Mareike. Sein Bruder Willem starb 09. Es heisst, er raucht ziemlich viel (zumindest hat er das mal), und trinkt auch gerne Whisky oder Wein. Das Rauchen war etwas, das für einen zusätzlichen Konflikt mit seinem Vorgänger Botha gesorgt hat, der Kabinettssitzungen rauchfrei halten wollte. In den letzten Jahren hatte er einige körperliche Probleme bzw medizinische Behandlungen, seinem Alter entsprechend. Er gehört nicht zu jenen Ex-Präsidenten oder -Premiers, die über ihren Abgang aus der Politik hinaus (zT enormen) Einfluss ausgeübt haben, wie Nelson Mandela, oder „Jimmy“ Carter. Und noch weniger ist De Klerk ein Kandidat für eine Rückkehr in die Politik, wie De Gaulle oder Peron, die das nach Jahrzehnten „Pause“ taten. 2000 hat er seine Stiftung gegründet, in Kapstadt, wo er ja auch wohnt, die FW de Klerk Foundation/ FW de Klerk Stigting. Die Stiftung ist politisch und sozial (v. a.) in Südafrika aktiv, promotet das Erbe De Klerks, über sie ist er hauptsächlich noch politisch aktiv. Ausserdem gründete er 2004 die Global Leadership Foundation, deren Vorsitzender er ist.

Dieser Stiftung, mit HQ in London, gehören andere Ex-Politiker und -Diplomaten an, wie Bildt, Calmy-Rey, Crocker, El Baradei, Rudd, Raffarin,…; sie ist international aktiv, in der Beratung jetziger Regierender, Konfliktmediation, Lobbyismus. Daneben hat De Klerk einige Ehrenfunktionen inne, in anderen internationalen Gesellschaften. Er hält für Geld Vorträge, gibt Interviews, vielleicht spielt er auch Golf. In einem BBC-Interview 2012 sagte er, er lebe in einer weissen Gegend, habe 5 Hausangestellte/Diener, drei farbige und zwei schwarze. „We are one great big family together; we have the best of relationships.“ Dave Steward, De Klerks Kabinettschef als Präsident, spielt auch in der Stiftung eine führende Rolle, als Vorsitzender.(279) Zusammen brachten die beiden 2010 das Buch „South Africa: 20 Years Later“ heraus (2010), zum 20. Jahrestag der Rede von 1990. Am betreffende Tag, dem 2. Februar, lädt die De Klerk-Stiftung jährlich zu einer Veranstaltung ein. Auch der genannte Theuns Eloff ist in der Stiftung wichtig, er leitet das Centre for Conflict Resolution (CCR), das eine Art Zweig der Stiftung ist.

Dass Eloff (auch Rektor der North West University) dort aktiv ist, deutet stark darauf hin, dass De Klerk eher die DA als die VF+ unterstützt; Eloff steht der DA nahe, ausserdem ist die DA eher die Partei der wohlhabenderen Afrikaaner. Die De Klerk-Stiftung übt viel, wenn nicht hauptsächlich, ANC-Kritik. Zum Anderen ist da die Abgrenzung von den sehr rechten Afrikaanern. Auf der Startseite der Homepage der De Klerk Foundation findet sich ein entsprechender Artikel. 2012 sagte De Klerk bei einer Veranstaltung seiner Stiftung, die Versöhnungsphase in Südafrika sei vorüber; Kriitk kam v.a. von Schwarzen, etwa vom Journalisten Justice Malala (De Klerk würde sich nur um weisse Südafrikaner sorgen), sein Wegbegleiter Dave Steward antwortete im „Guardian“. 2017 trat De Klerk mit zwei anderen Ex-Präsidenten, Thabo Mbeki und Kgalema Motlanthe (sowie Phumzile Mlambo-Ngcuka, die Vizepräsidentin unter Mbeki war, dann zu COPE ging) in einer Serie von Diskussionsveranstaltungen über Südafrika an verschiedenen Orten auf. Gelegentlich meldet er sich auch zu nicht-südafrikanischen Themen zu Wort, Donald Trump hat er sehr kritisch beurteilt.

Über Nelson Mandela hat De Klerk einmal gesagt: „When Mandela goes it will be a moment when all South Africans put away their political differences, will take hands, and will together honour maybe the biggest known South African that has ever lived.“ Der hat ja auch eine Stiftung gegründet; eine wichtige Rolle dort nimmt Zelda La Grange an, eine Afrikaanerin, Mandelas Assistentin.(280) Die Nicht-Weissen bzw die Schwarzen muss man in De Klerks Stiftung suchen… Das bringt vielleicht den Unterschied zwischen den Beiden herüber. „Madiba“ wollte und konnte versöhnen, hat dazu die richtigen Worte und Gesten gefunden. De Klerk hat mit seinen Aussagen ja immer wieder entzweit, für negative Aufregung gesorgt. Aussagen, bei denen er wissen musste, dass sie in diesem Land schlecht ankommen. So wie heuer im südafrikanischen Fernsehen (SABC), als er sich dagegen wehrte, die Apartheid insgesamt als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einzustufen. Und, bevor seine Stiftung zurückruderte, hat sie ja noch nachgelegt: Dass die UN(O) die Apartheid ab 1973 diese Einstufung vorgenommen hat, in verschiedenen Resolutionen, wurde dort so kommentiert, dass es sich um „sowjetischen Agitprop“ im Kalten Krieg gehandelt habe.

Meistens beurteilt er aber die Lage im Land zwar kritisch, doch wohlwollend… Und, seinen Reformkurs als Präsident und NP-Chef hat er nie bereut. Das Ziel für Südafrika sei ein total neues Land, ohne die Antagonismen der Vergangenheit, ohne Dominanz oder Unterdrückung in jeder Form, hat er mal gesagt; Mandela hat es bei manchen Gelegenheiten ähnlich formuliert. Zur „Neuen Zürcher Zeitung“ sagte De Klerk 2019: „Afrika ist ein erwachender Riese. Es verfügt über riesige Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden können. Es verfügt über eine junge Bevölkerung. Afrika ist ein Markt mit Hunderten von Millionen Konsumenten. Viele afrikanische Staaten bewegen sich in die richtige Richtung, hin zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einer vernünftigen Wirtschaftspolitik. Natürlich gibt es noch immer eine gewisse Zahl von Problemländern. Insgesamt aber blickt Afrika einer sehr positiven Zukunft entgegen.“ Und. „Wenn Südafrika scheitert, scheitert ganz Afrika. Das Land ist dazu bestimmt, eine wichtige Rolle auf dem Kontinent zu spielen, insbesondere im subsaharischen Afrika.“

Aus dem „Pulverfass“ Südafrika wurde ein Stabilitätsanker im südlichen Afrika („Joschka“ Fischer), eine Regionalmacht dort war Südafrika schon zu Apartheid-Zeiten. Es besteht die Hoffnung, Südafrika könne zum Motor einer afrikanischen Renaissance werden, eine Führungsrolle in Afrika übernehmen, manche sehen es am Weg zur globalen Mittelmacht. Behrens, von Rimscha in „Gute Hoffnung am Kap?“ (1994): „Bei einem Erfolg kann Südafrika den Kurs des Kontinents mitbestimmen.“. Südafrika ist zweifellos einer der Schlüssel-/Führungsstaaten Afrikas, wie Congo, Ägypten, Nigeria, Äthiopien,… Es gibt ja Korrelationen zwischen Aussen- und Innenpolitik; die DA will auch nach Aussen eine andere Politik als der ANC. Und, es gibt weitere afrikanische Staaten mit ausgeprägter ethnisch-rassischer (oder religiöser) Diversität in der Bevölkerung: Mali, Liberia, Nigeria, Mauritius,…(281)

(1) Anders als bei Israel und Palästinensern, zwischen denen es 1993/94 zu grundlegenden Abkommen kam. Über Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Verhandlungs-/Annäherungsprozessen ein sehr guter Artikel von Daniel Lieberfeld

(2) Die Frage danach wäre auch für Südafrika-Kenner schwer richtig zu beantworten…

(3) Bei allen Umwälzungen wird bei Südafrika von einer staatlichen Kontinuität vor und nach 94 (bzw seit 1910) ausgegangen; anders als etwa beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei (andere Staatsform, andere Ausdehnung, andere Staatsidee)

(4) Im weiteren Text wird auf den Unterschied Staatspräsident/Präsident nicht mehr eingegangen, De Klerk ist seit 1994 auch ein Ex-Präsident

(5) Titel des britischen Monarchen in Südafrika war von 1953 bis 1961: „Queen of South Africa and Her other Realms and Territories, Head of the Commonwealth“ (English), in Afrikaans: „Koningin van Suid-Afrika en van Haar Ander Koninkryke en Gebiede, Hoof van die Statebond.“ Davor wurde sie (bzw ihre Vorgänger) in ZA offiziell mit ihrem britischen Titel genannt und nur auf Englisch

(6) Die britische Königsfamilie wohnte damals in Kapstadt im Tuynhuys, damals Residenz der Gouverneure, Windsor feierte dort ihren 21. Geburtstag. Mandela er-lebte alle bisherigen Staatsoberhäupter Südafrikas (Südafrikanische Union oder Republik Südafrika), vor und nach ihm, manche überlebte er, manche erlebte er persönlich: die britischen Monarchen (Haus Windsor) George V. (> Westminister-Statut), Edward VIII., George VI., Elizabeth II. (später getroffen); die Staatspräsidenten ohne Exekutivgewalt Swart, Fouché, Diederichs, Vorster (der von Bedeutung ist als Premier, der er vorher war), M. Viljoen; die Exekutiv-Staatspräsidenten P. Botha (persönlich), F. De Klerk (mit ihm zusammengearbeitet); seine Nachfolger (als Post-Apartheid-Präsidenten) Mbeki, Motlanthe, Zuma, Ramaphosa (mit denen er alle zusammen gearbeitet hat); ausserdem die Übergangs-Präsidenten wie J. de Klerk (nicht persönlich) sowie die Premierminister – von denen er Smuts 1940 bei einer Abschlussfeier an der Fort Hare-Uni in Alice (damals Kapprovinz) persönlich erlebte; ausserdem Botha dann

(7) 04 ist De Klerk zur Veranstaltung zur Parlamentseröffnung noch gemeinsam mit Mandela gekommen

(8) Die EFF-Abgeordneten haben auch andere Reden zu anderen Anlässen immer wieder unterbrochen

(9) Wie das für seine Tätigkeit als Präsident aussieht, dazu noch mehr

(10) Die Wall of Names (Mauer der Namen) im Freedom Park in Pretoria hat eine Stelle mit Namen Jener, die in Kriegen und Konflikten vor und seit der Entstehung Südafrikas als Staat getötet wurden, auch im Widerstand gegen die Apartheid; auch Fischer ist dort aufgelistet

(11) Auch manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus (zB Anton Lubowski), riskierten ebenfalls viel dabei. Zu deutsch-stämmigen Südafrikanern, die die Apartheid bekämpft haben, gehört auch Dieter Gerhardt

(12) Mandela hat aber bei seinem Versöhnungswirken immer darauf geachtet, die Betreffenden einzubinden in ein demokratisches, pluralistisches Südafrika, und um jene, die Probleme damit hatten/haben, hat er sich besonders bemüht; beim Besuch in Orania hat er zB davon gesprochen, dass es noch viel Bitterkeit gibt, nun da man erst ein paar Monate im neuen Südafrika ist

(13) Im zionistischen Kontext wird heute nicht mehr so gerne (wie früher) auf die Parallelen mit Apartheid-Südafrika verwiesen, von der Zusammenarbeit mit diesem gesprochen,…

(14) Das calvinistische Christentum, das die Hugenotten mit einem Teil der Niederländer einte, ist ja eigentlich französisch; auch wenn Jean Cauvin („Calvin“) hauptsächlich in Genf wirkte

(15) Für die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) war das Kap ja hauptsächlich als Versorgungsstation für den Weg nach und von Asien (da war v.a. Indonesien wichtig) von Bedeutung, und für den Sklavenhandel; die VOC hat im südlichen Afrika nicht kolonialisiert, kein grosses Gebiet kontrolliert

(16) Ein Überbegriff für die Khoikhoi („Hottentotten“) und die San („Buschmänner“), die Urbevölkerung des südwestlichen Afrika

(17) Der Artikel weiter: „Fumed Louis Stofberg, general secretary of the right-wing Herstigte Nasionale Party: ‚I’d like to see the bastard who can find a drop of colored blood in my family!‘ Albert Tertius Myburgh, Afrikaner editor of the national Sunday Times, took a positive view, describing the ’swelling of African pride‘ he felt at the racial revelation. Other white South Africans kept their tongues firmly in cheek. Satirist Alexander de Kok of the Sunday Express wrote of a nationalist friend who had called the finding ‚an Afrikaner master plan.‘ Said Kok: ‚What better way to pass power peacefully into black hands than to prove scientifically that those who hold it now are as black as the rest.‘ Kok also wondered why Afrikaner historians had taken so many years to make the discovery, unless ‚as many Afrikaners say, people of mixed blood are slow thinkers.‘ When a black Johannesburg gardener asked a white what he thought about the alleged black blood in his background, the Afrikaner promptly replied, ‚That’s all right, as long as it was the best blood, Zulu blood.'“

(18) Nelson Mandela, ein Xhosa, dürfte ebenfalls Khoisan-Vorfahren gehabt haben; auch bei Bantu-Völkern gibt es derartiges, bei den Xhosa aufgrund der relativen Nähe zum Siedlungsgebiet der Khoikhoi/Khoekhoe und San (getrennt durch die Karoo-Wüste) besonders

(19) Nochmal zur Klarstellung: Von der Gründung Südafrikas 1910 an lag die meiste Macht bei den Regierungen mit ihrem Premierminister, nicht bei den Gouverneuren der britischen Krone oder später den Staatspräsidenten; das änderte sich erst mit der Verfassungsreform 1984, mit der das Amt des Premiers abgeschafft und das des Staatspräsidenten aufgewertet wurde

(20) Und anscheinend nicht mit der Tennisspielerin Amanda verwandt ist

(21) Der Natives Land Act bzw Wet op Naturellengrond 1913, mit dem Reservate geschaffen wurden, war etwa Grundlage für die HomelandsTuislande der Apartheid-Zeit, die ab 1956 entstanden

(22) Diese vier Kolonien (Kap, Oranje Freistaat, Transvaal, Natal) waren alle früher oder später unter britische Herrschaft gekommen

(23) Eigentlich Province of the Cape of Good Hope („Cape Province„) bzw Provinsie Kaap die Goeie Hoop („Kaapprovinsie„), 1910-94 die Westhälfte Südafrikas

(24) „Gesäuberte NP. Dies war zwischen den Parlaments-Wahlen 1933 und 1938; die Abgeordneten der NP die die Vereinigung zur UP nicht mit machten und dann die GNP gründeten, waren u.a. Malan, Johannes Strijdom, Charles R. Swart, P. O. Sauer, S. P. le Roux, Karl Bremer, J. J. Haywood,… Es gab übrigens auch bei der SAP eine Abspaltung bzw einen Teil der keine Vereinigung mit der NP wollte, dieser konstituierte sich unter Charles Stallard als Dominion Party; der Name sagt Alles, Dominion war Südafrika damals in Bezug auf Grossbritannien, so wollte man sich definieren. Stallard ist in London geboren. An dieser Stelle: Es gibt eine afrikaanse Bezeichnung für die englischsprachigen Weissen, „Soutpiel“, was etwa „Salzpimmel“ bedeutet… Das erklärt sich aus der „mangelnden Verwurzelung“ dieser Volksgruppe in Südafrika, ist ein Bild für jemanden der mit einem Bein in Afrika steht, mit dem anderen in Europa oder Australien (wohin viele dieser ausgewandert sind), das (salzige) Meer dazwischen

(25) Hertzog war von 1924 bis 1939 Premier, also 15 Jahre (für NP und UP), mehr als jeder Andere; Smuts brachte es auf 14 Jahre an der Macht, Vorster auf 12, L. Botha auf 9, Verwoerd auf 8, P. Botha (er ausserdem 5 als Präsident) & Malan auf 6,…

(26) „Wiedergegründete NP“. Zwischenschritt war dabei anscheinend die Gründung einer Volksparty, also die Organisation der Abspalter unter Hertzog, bevor sie sich mit der GNP zusammen schlossen

(27) Dabei ging es um die Haltung zu Nazi-Deutschland bzw dem Kriegsgegner GB, zu den englischsprachigen Weissen im Land, zur Aufnahme von Juden als Mitgliedern. (Pro-)Nazi-Organisationen der Afrikaaner in Südafrika wie die Ossewabrandwag (OB) standen also nochmal klar rechts von GNP und HNP, es gab aber auch Verbindungen – etwa dass der spätere NP-Chef (und Premierminister) Johannes Vorster in der OB aktiv war

(28) Und „Wähler“ war in Südafrika auch damals praktisch gleichbedeutend mit „Weisse“]

(29) Fouché wurde 1968 (vom Parlament) zum Staatspräsidenten gewählt, um Eben Dönges nach zu folgen (der gewählt wurde, aber starb, bevor er das Amt antreten konnte), wurde der einzige südafrikanische Staatspräsident, der seine 7-jährige Amtszeit voll ableistete (bis 1975 eben). Er wurde erst 2006 von Thabo Mbeki als längst amtierender Präsident Südafrikas „überholt“, dieser hat seine zweite Amtszeit dann nicht ganz „zu Ende gebracht“, trat etwa ein halbes Jahr vor Ende zurück. Ganz ähnlich war es bei Jacob Zuma, der Dönges also auch überholt hat. Den Parlamentssitz, der durch die Wahl von Fouché zum Staatspräsidenten vakant geworden war, gewann 68 übrigens H. Jacobus Coetsee

(30) Ob er unter Vorster wirklich zwei Ministerposten gleichzeitig inne hatte, wer sein Stabschef als Präsident war bevor Steward dies 1992 wurde, was er glaubt wann Südafrika wieder einen „weissen“ Präsidenten haben wird, und was seiner Meinung nach der Grund ist, dass die grosse Mehrheit der Afrikaaner zur DP bzw DA gegangen ist und nicht zur VF/FF

(31) De Klerks Urgrossvater, der genannte Van Rooy, war, 1950-53, Rektor der Potchefstroom-Uni; Marike Willemses Vater war Professor dort; und letzter Rektor der 1869 gegründeten Uni war Theuns Eloff, Theologe, nun Direktor der FW De Klerk-Stiftung; 04 wurde die Uni mit 3 anderen vereinigt, zur North-West University

(32) Der Coup in Portugal 1974 führte zur Demokratisierung dieses Landes und zur Unabhängigkeit von seinen fünf Afrika-Kolonien, wovon sich Portugiesisch-Ostafrika (Mocambique) und Portugiesisch-Westafrika (Angola) in der Nachbarschaft der Republik Südafrika befanden (nur Mocambique ist direkter Nachbar). Das Ende eines europäischen faschistoiden Systems bedeutete für Apartheid-Südafrika eine Katastrophe; Vorster und Botha liessen in Angola und Mocambique direkt (Angola 70er & 80er) und indirekt (UNITA, RENAMO) intervenieren

(33) Ähnlich wie sie die UP-Regierungen praktiziert hatten; die UP musste zu Apartheid-Zeiten auch auf das Afrikaaner-Elektorat schielen, dort etwas zu gewinnen, war die einzige Möglichkeit, aus der „ewigen“ Oppositionsrolle heraus zu kommen. In gewisser Hinsicht erinnert das an die Situation der jetzigen Democratic Alliance, die so etwas wie die Partei der Nicht-Schwarzen geworden ist, aber ein wenig auf „schwarze“ Anliegen schauen muss, wenn sie dem ANC einigermaßen Konkurrenz machen will…

(34) Suzman war Abgeordnete 1953–1989, für UP, PP und PFP. Davon 1961-74 als einzige der PP. Die Abspaltung war zwischen den Wahlen 58 und 61. Als sich die PFP 89 als DP (Democratic Party, selten Demokratiese Party) umorganisierte, zog sie sich aus der Politik zurück. Oppositionsführerin war sie nie, denn als die PFP zweitstärkste Partei wurde, war Colin Eglin ihr Chef, wie auch schon der von der PP

(35) 1989 wurden die Beiden durch die Gründung der DP quasi wieder vereinigt

(36) Im hier bereits angesprochenen Buch „Die Kultur der Niederlage“ von Schivelbusch gibt es ja das Kapitel über die Südstaaten der USA, in dem er die Haltung von Nord- und Südstaatlern zur Sklaverei und Afro-Amerikanern behandelt. Woraus hervor geht, dass die Dinge etwas komplexer sind als angenommen, die Nordstaatler/Yankees nicht unbedingt die „Freunde“ der Afro-Amerikaner waren. Manches davon trifft auch auf andere „Dreiecksbeziehungen“ zu, wie Aschkenasen-Mizrahis-Palästinenser (bzw Araber generell) und Buren-Briten-Schwarze in Südafrika. Was Südafrika betrifft, die Afrikaaner (Eigenbezeichnung mit einem a) haben in der Regel eine stärkere Verbindung mit Afrika, wovon ja auch ihre Eigenbezeichnung zeugt (oder die Vermischungen mit Nichtweissen). Und weniger Distanz zu den „Schwarzen“ in Südafrika und generell. Im anderen Segment der weissen Bevölkerung war/ist man nicht immer so fortschrittlich, wie es scheint. Es gab da einen Witz, die englischsprachigen (grossteils britisch-stämmigen) Weissen wählten P(F)P, aber dankten Gott dass die „Nats“ (NP) an der Macht waren. Ein rassis(ti)scher Überlegenheitsgedanke war auch bei der globalen Ausbreitung der Angelsachsen immer dabei, auch jener im südlichen Afrika

(37) Wenn Kräfte die nichtrassische Demokratie woll(t)en, als „linksextrem“ gebrandmarkt werden bzw mit Linksextremen zusammenarbeite(te)n, dann sei diese Ehre der extremen Linken gewährt. Das gilt auch für die Hilfe die die SU den Gegnern der Apartheid zukommen liess. Natürlich versucht jemand wie Michael Stürmer, das umzudrehen, das Apartheid-Regime hätte nur auf die SU reagiert

(38) 1977 trat zB Apartheid-Premier Johannes Vorster bei einer Veranstaltung seiner NP in Pietermaritzburg auf, sagte dass Afrikaans- und Englisch-sprechende Weisse gemeinsam bis zum letzten Mann kämpfen würden, um ihr Land und das Christentum zu verteidigen… Auch in Ländern wie Österreich waren Viele (auch solche, die sich als Christen sahen) der Meinung, dass die Weissen dort zu Recht über die Schwarzen herrschten

(39) Die International Society for Human Rights (ISHR), menschenrechte.de

(40) Siehe etwa hier. Und die USA wurde damals von John Kennedy geführt. Dirk Pohlmann hat gesagt: „Wäre der Freie Westen in etwa gewesen, was er zu sein vorgab, hätte er Hammarskjöld als Geschenk des Himmels betrachtet“. Oder Patrice Lumumba, Mohammed Mossadegh, Jacobo Arbenz,… Nicht unterschlagen werden sollte auch die Rolle von ehemaligen Nazis und Faschisten auf westlicher Seite im Kalten Krieg, ihre Wieder-Verwendung durch die USA und andere Staaten, oftmals auch bei der Stützung neuer Diktaturen. So wie der Gestapo-Mann Klaus Barbie

(41) Clinton 1997 zum 50-Jahr-Jubiläum des Bestehens der CIA: “By necessity, the American people will never know the full story of your courage. You labor in obscurity by choice and design, serving with quiet patriotism that seeks neither spotlight nor praise“

(42) Theologen zieht es in Südafrika anscheinend auch häufig in die Politik, zumindest findet man solche unter Apartheid-Führern (Malan war Geistlicher, Verwoerd Theologe und Psychologe) und -Nostalgikern (Carel Boshoff), wie auf der Gegenseite (Frank Chikane, Makhenkesi Stofile, Allan Boesak,…)

(43) 1960 wurde Luthuli der Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Behörden des Apartheidregimes liessen ihn aber nicht ausreisen zur Entgegennahme, erst ein Jahr später konnte er mit seiner Frau nach Oslo reisen

(44) In der Provinz Natal, wo Englischsprachige unter Weissen die Mehrheit stellen, gab es eine „Nein“-Mehrheit. Dass UP-Führer Graaff mit der Begründung zum „Nein“ aufrief, mit dem Commonwealth einen Schutz gegen „Communism and hot-eyed African nationalism“ zu haben, sagt Einiges über diesbezügliche „Relativität“ aus. Die PP war auch gegen den Austritt

(45) Swart war 5 Jahre alt, als der „zweite Anglo-Buren-Krieg“ ausbrach; er wurde mit seinen Geschwistern und seiner Mutter im Konzentrationslager in Winburg interniert. Sein Vater kämpfte und wurde gefangen genommen. Während des Aufstands von 1914/15 war er Lehrer, wurde von den Briten gefangen genommen und der Absicht beschuldigt, sich den Rebellen anzuschliessen, sollte hingerichtet werden

(46) Auch Makeba konnte Anfang der 1990er infolge von De Klerks Reformen nach Südafrika zurückkehren, wie Oliver Tambo, Joe Slovo und viele Andere

(47) Ausser Mocambique und Namibia sind alle Nachbarn Südafrikas britisch gewesen; Angola hat keine Grenze mit ZA, grenzt aber an das damals südafrikanisch besetzte Namibia

(48) Mit Pseudostaaten wie Transkei, Katanga, Biafra,… hatten auch anti-afrikanische Rassisten im Westen eine Freude

(49) Wie auch schon aus Kenya, Sambia oder Angola nach der Unabhängigkeit. Nicht unbedingt handelt(e) es sich dabei um Apartheid-Verfechter, Neil Aggett aus Kenya bezahlte mit seinem Leben für den Kampf gegen die Apartheid; auch unter den von anderswo gekommenen Weissen gab es solche

(50) Und zum Ende der politischen Karriere von Mulder, der als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge von Vorster (als Premier und NP-Chef) gegolten hatte

(51) Diese Änderungen wurden 1983 beschlossen und traten 1984 in Kraft; 1981 waren bereits der Senat sowie das Amt des Vizepräsidenten abgeschafft worden

(52) Wobei sich die Definition dessen immer wieder verschoben hat

(53) Die Antwort wurde von seiner Tochter Zindziswa verlesen, „What freedom am I being offered while the organisation of the people (ANC) remains banned? Only free men can negotiate. A prisoner cannot enter into contracts.“

(54) Heute aufgeteilt auf Gauteng, Limpopo, Mpumalanga, und einen Teil von North West

(55) L. Botha, Smuts, Strijdom, Verwoerd, Vorster kamen ebenfalls aus Transvaal, Malan und P. Botha aus der Kapprovinz, Hertzog aus dem Oranje Freistaat; kein weisser Regierungschef kam aus Natal

(56) Aus der östlichen Kapprovinz, einer der „Soutpiels“ in der NP (die „normalerweise“ aus Natal kamen), wie Horwood, Bartlett, Worrall, Camerer oder der Spion Williamson, der sich ja auch in der Politik versuchte

(57) Die Agenden des Sports dürften bei seinem Ministerium gewesen sein

(58) So „locker“ auch die letzten Jahre seiner Gefangenschaft waren, so „schlimm“ waren die ersten Jahre, auf Robben Island/Robbeneiland

(59) Zumindest hätte sie auch bei den Mandaten unter die absolute Mehrheit kommen können, und dann eine Koalition eingehen müssen, und da wäre die KP wahrscheinlicher gewesen als PFP/DP. Irgendwann sind auch die SVP in Südtirol und die CSU in Bayern in eine solche Situation gekommen

(60) Daneben war Strauss auch ein Apologet Pinochets, besuchte diesen 1977

(61) Dabei hätte es nach/mit Cuito Cuanavale auch ganz anders weitergehen können, wären düstere Alternativszenarien denkbar gewesen, Eskalationen bis hin zum Einsatz von Atomwaffen durch Apartheid-Südafrika, das sich im Schatten (v.a.) des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat

(62) 1994 wurde ein Verfassungs-Gerichtshof geschaffen, 2001 wurden die Ämter des Präsidenten des Verfassungs-Gerichtshofs und jene des Oberrichters vereint

(63) Vielleicht war schon der Staatsbesuch bei Kenneth Kaunda ein solches Zeichen. Leon Wessels, der unter De Klerk Vizeminister, dann Minister wurde (in verschiedenen Ressorts), berichtete später von einem Treffen von De Klerk (und einigen Politikern) mit dem Generalstab der SADF (unter Johannes Geldenhuys) in einer Militärbasis im östlichen Transvaal, in der Zeit nach seinem Amtsantritt, also noch 1989, aber nach den Protestmärschen. Auch da bot De Klerk den Generälen die Stirn, so die Erzählung, brach mit Bothas Linie]

(64) Jene im August, zum amtsführenden Präsidenten, war im Parlament in Kapstadt, jene im September vor/in den Union Buildings in Pretoria

(65) Vor den versammelten Parlaments-Kammern, Spitzen des Staates, früheren Präsidenten, ausländischen Diplomaten,… Bis 1961 wurde diese Rede vom jeweiligen Generalgouverneur gehalten, im Namen des (britischen) Monarchen. Der britische König George VI. eröffnete das Parlamentsjahr bei seinem Staatsbesuch 1947 persönlich. Der Brauch wurde auch in Post-Apartheid-Zeit fortgesetzt; bei der diesjährigen Präsidenten-Rede von Cyril Ramaphosa gab es ja die Störungen der (wie immer rot gekleideten) EFF-Abgeordneten, wegen der Anwesenheit De Klerks, nach dessen TV-Interview mit Aussagen zur Apartheid. Wobei De Klerk nach seinem Abgang aus der Politik oftbei dieser State of the Nation Address of the President of South Africa/ Staatsrede van die President van Suid-Afrika anwesend gewesen ist, in der Besuchergalerie

(66) Bis zum Sommer 1990 haben alle Staaten des Warschauer Paktes frei gewählt, Bulgarien als letzter

(67) Auch kommunistische Staaten ausserhalb des SU-Bündnissystems gingen in diese Zeit als solche unter, ob Jugoslawien oder Mongolei. Andere, wie die VR China oder Cuba, machten weiter

(68) Reservation of Separate Amenities Act/ Wet op aparte gerieven

(69) Darunter war auch die rechtsextreme Afrikaaner-Organisation Die Blanke Bevrydingsbeweging

(70) De Klerk selbst sagte Jahre später, man habe Leute während seiner Rede nach Luft schnappen gehört, besonders bei der Ankündigung der Aufhebung des Verbots von ANC, PAC, SACP, MK

(71) Einige Synonyme für „pragmatisch“: praktisch, nützlich, bequem, zweckmäßig, gut zu gebrauchen,…

(72) Mandela schreibt, De Klerk und die anderen Anwesenden wollten mit ihm am Ende des Gesprächs anstossen, mit einem Gläschen einer Spirituose; da er keine starken Alkoholika trank, habe er so getan, als würde er davon trinken

(73) Der (1961 gegründete) MK löste sich nach der Kampf-Einstellung nicht auf, das war auch nicht vereinbart worden, er ging 1994 in den südafrikanischen Streitkräften auf

(75) KwaZulu als Einheit mit weniger Selbstverwaltung wurde ’70 vom Apartheid-Regime geschaffen

(76) Dazu: Laurence E. Piper: The Politics of Zuluness in the Transition to a Democratic South Africa. Politologie-Dissertation Cambridge University 1998 (Englisch)

(77) Dabei ging es um die Instrumentalisierung von traditioneller Führerschaft und Partikular-Nationalismus (in diesem Fall der Zulus), wie es auch anderswo gehandhabt wurde, wie von der USA gegen die „Indianer“

(78) Die Apartheid beruhte ja auf der Aufteilung der Nicht-Weissen in Inder, Farbige, Schwarze – und diese wiederum in die einzelnen Völker. Und wenn jedes dieser Völker ein Homeland bekommen hat, müssten ja eigentlich Alle zufrieden sein, oder? So etwas gibt es immer wieder, im Kontext von Besatzung und Kolonialismus. Die Briten versuchten in Indien, Hindus und Moslems gegen einander auszuspielen, die Franzosen Berber gegen Araber in Algerien, die Israelis die Palästinenser, gegenüber dem Iran wird Entsprechendes auch schon versucht,… Wenn Apartheid-Befürworter alle Schwarzen so respektiert hätten wie jene, die sich gegen die allgemeinen Interessen der Schwarzen stellten, wäre der Konflikt dort eigentlich gelöst gewesen. Im Congo (Kongo) setzten die Europäer nach der Unabhängigkeit auf Tshombe und die von diesem versuchte Sezession von Katanga, die Amerikaner auf Mobutu und eine Militärherrschaft über das Land

(79) Für jene Leute, die zB in der Nacht von bewaffneten Uniformierten abgeholt wurden, konnte von „Sicherheit“ keine Rede sein, im Gegenteil. Mandela wurde zumindest damals als „kommunistischer Terrorist“ diffamiert, von Leuten die selbst Terror ausübten oder diesen guthiessen

(80) Nicht unähnlich wie bei Erdogan, nachdem dieser Ministerpräsident geworden war

(81) Afrikaans: Buro vir Staatsveiligheid (BSV)

(82) Engelbrecht hier: „…according to De Klerk ‚the weapons were never intended for actual use and they were never deployed militarily or integrated into the country’s military doctrine. In essence, the weapons were the last card in a political bluff intended to blackmail the US or other Western powers‘ in the face of a Soviet onslaught. While De Klerk’s assertion may be true, many have and will refuse to accept it; believing instead the apartheid state would happily have incinerated any number of Africans to keep the Afrikaner in power.“

(83) Buthelezi war Anfang der 1990er auch noch Mal in Israel…

(84) Übrigens, wenn jemand glaubt, Mandela wird von Allen geschätzt, in Südafrika und anderswo, „Al“ Venter ist einer von jenen, die das nicht tun. Leute (Afrikaaner/Buren) wie er oder Johann Wingard lehnen gleichzeitig ihn und De Klerk ab

(85) Von einer NP-Mehrheit im „weissen“ Parlament; also auf dem selben Weg, auf dem sie eingeführt worden waren

(86) Sandton und Alexandria dürften heute nicht viel anders aussehen, nur das jetzt auch einige Schwarze in den Villen in Sandton leben

(87) Für diese war ja schon Botha eine Art Verräter der Afrikaaner, einer der den Nicht-Weissen weit entgegen kam…

(88) Boshoff musste damit leben, dass ein Sohn Selbstmord begangen hatte und Verwoerd-Enkel Wilhelm Verwoerd (sein Neffe) sich dem ANC anschloss

(89) Erinnert an Israel, wenn es Drusen, „israelische Araber“, Beduinen, Christen,… aus dem palästinensischen Kontext herauslösen will; oder wenn es (A. Shaked,…) von der Unterstützung der Unabhängigkeit eines Kurdistans redet – nachdem man jahrzehntelang gewissermaßen mit der Gegenseite zusammengearbeitet hat, der kemalistischen Türkei

(90) KwaZulu hatte andere Meereszugänge, aber keinen echten Hafen

(91) Gut, gegen militante Anti-Apartheid-Aktivisten, die es unter Weissen vereinzelt gab, ging man schon „militant“ vor

(92) Im 2. WK waren diese „Protester“ nationalsozialistisch eingestellt, wie auch die AWB nun

(93) Die Frage lautete: „Ondersteun u die voortsetting van die hervormingsproses wat die Staatspresident op 2 Februarie 1990 begin het en wat op ’n nuwe grondwet deur onderhandeling gemik is?“ (Afrikaans) bzw „Do you support continuation of the reform process which the State President began on 2 February 1990 and which is aimed at a new Constitution through negotiation?“ (Englisch)

(94) Die Herstigte Nasionale Party warb beim Referendum natürlich für ein „Nein“, u.a. mit dem Spruch „Stoppt De Klerk und Mandela. Wählt Nein“…Die HNP hatte bei der letzten Apartheid-Wahl 0,2% (der Weissen-Stimmen) bekommen, 1981 aber über 14% (ohne Sitze zu erringen)

(95) In mancher Hinsicht ähnelt dieses Referendum jenem in Chile 1988 über Verlängerung/Beendigung der Pinochet-Diktatur

(96) Da, wo es um eine gesamt-südafrikanische Sache ging, wurde die erste Sprache Englisch (statt Afrikaans), ein Fingerzeig für die Zukunft

(97) Wenn er Afrikaans nicht gut gelernt hätte, wäre er zu Apartheid-Zeiten aber nicht in diese Position gekommen

(98) War letzter Parlamentspräsident der weissen Parlaments-Kammer, Verteidigungsminister, Administrator der Kapprovinz

(99) „Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um die Interessen der anderen geht“ (Khalil Gibran)

(100) Rian Malan (s.u.) hat Nachforschungen zum Boipatong-Massaker angestellt, vertritt/vertrat eine Alternativ-Theorie, es sei dort in Wirklichkeit anders zugegangen

(101) Wenn man es so sehen will, verbindet das Afrikaaner und Schwarze (Afrikaner) in Südafrika. Nelson Mandela (Muttersprache isiXhosa) in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ (1994) über den Auftritt Smuts‘ (Muttersprache Afrikaans) am Fort Hare 1940 (siehe Fussnote): „Ich erinnere mich, dass der Akzent, mit dem er Englisch sprach, fast so armselig war wie mein eigener.“

(102) Ein Weisser, natürlich…

(103) Tourismus war jenes Ressort, das Marthinus van Schalkwyk dann in einer ANC-Regierung bekam…

(104) Entspricht in etwa der heutigen Provinz Mpumalanga

(105) Es hatte auch einmal eine weisse LP gegeben

(106) Aus den „unteren“ (nicht-weissen) Kammern des letzten Apartheid-Parlaments gingen ja nicht Wenige zur NP – sobald das ging. Aus der weissen Kammer (House of Assembly/ Volksraad) gingen die DP-Abgeordneten David Dalling, Jan(nie) Momberg, Jan van Eck, Robert Haswell und Pierre Cronje 1992 zum (seit 1990 zugelassenen) ANC. Dalling trat viele Jahre später zu COPE über

(107) Und ihre noch radikalere Abspaltung, die Afrikaner Volksunie (AVU)

(108) Ungefähr 2 Wochen später starb ausserdem Oliver R. Tambo, der langjährige Exilführer des ANC, eines natürlichen Todes. Tambo war so etwas wie die Vergangenheit des ANC, Hani seine Zukunft

(109) Als ob diese Nicht-Weissen etwas Substantielles gegeben hätte und nicht die Rassenhierarchie „einbetoniert“ hätte

(110) Am 7. Mai 93 fand eine Versammlung weisser (burischer) Rechter (hauptsächlich Bauern) in einem Rugby-Stadion in Potchefstroom (damals westliches Transvaal) statt, die Menge war aufgebracht; Vizeminister „Tobie“ Meyer (Bruder von „Roelf“) wurde niedergeschrien, Viljoen kam von den Zuschauerrängen zum „Rednerpult“, wurde zum „Führer“ akklamiert, mit „Lei ons“ („Führ uns“)-Sprechchören. Im Anschluss daran wurde  die AVF gegründet, mit Viljoen, dem ehemaligen DMI-Chef „Tienie“ Groenewald, „Cobus“ Visser (SAP),…

(111) Anders als im österreichisch-deutschen Modell hatte der Präsident Exekutivgewalt, keine repräsentative Funktion, keinen Regierungschef unter sich

(112) De Klerk sagt, er hat in seiner Politikerpension Israel/Palästina besucht und den Israelis gesagt, „‚wenn ihr das Land wirklich teilen wollt, müsst ihr zuerst die Siedlungen aufgeben, die ganz offensichtlich in einem Gebiet liegen, das Teil des palästinensischen Staates ist.‘ Sie machten die selben Fehler wie sie Weissen in Südafrika, das Land aufzuteilen und zu viel für sich selbst zu behalten“

(113) Später auch die UCDP, als Nachfolgerin der BDP aus Bophuthatswana

(114) Ein Kirchenbesucher, Mitglied dieser Gemeinde, Charl van Wyk, hatte eine Handfeuerwaffe dabei und schoss auf die Angreifer, die dann flohen. Er schrieb später ein Buch über das Ereignis, wurde Schusswaffen“rechts“aktivist – versöhnte sich öffentlich mit den Tätern von der APLA

(115) APLA-Kommandant Letlapa Mphahlele übernahm ausserdem die Verantwortung für den Befehl dazu, in seinem Amnestiegesuch vor der TRC. Er sagte, er hat die Tötungen weisser Zivilisten autorisiert, nachdem die Transkei-Armee Schulkinder in Umtata getötet hatte

(116) Südafrikanische Rechtsextremisten hatten die Biehl-Eltern kontaktiert, um den Tod ihrer Tochter für ihre Propaganda auszuschlachten, diese sagten aber vor Ort aus und setzten sich für eine Begnadigung ein… Zwei der Vier arbeiten inzwischen für ein Bildungszentrum der Amy-Biehl-Stiftung in Kapstadt

(117) Im Gegensatz zum ANC distanzierte sich der PAC vom Kommunismus, auch weil er ihn als eine nach Afrika importierte Ideologie sah

(118) Erinnert an die islamistischen Mujahedin in Afghanistan, die (noch) in den 1980ern vom Westen gegen „den Kommunismus“ unterstützt wurden

(119) 3 „Typen“ sind zu nennen: Unabhängige schwarzafrikanische Kirchen wie die Zion Christian Church, die niederländisch-reformierten Kirchen, und Kirchen wie Anglikaner oder Methodisten, die von den Engländern ins südliche Afrika gebracht wurden. Nur in dieser letzten Kategorie von Kirchen treffen sich Schwarze und Weisse

(120) Die niederländisch-reformierten Kirchen waren aber für den Übergang von der Apartheid zur Demokratie: http://www.scielo.org.za/pdf/she/v40n2/07.pdf

(121) Bzw jene, die am Ende in die Verhandlungen einstiegen

(122) In der Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadt gibt es seit 05 einen Nobel Square/ Nobelplein, mit Statuen der 4 bisherigen südafrikanischen Friedens-Nobelpreisträger; hier ein Bild davon, von Fritz Joubert, der auf der französischen Wikipedia aktiv ist, für die ausgezeichneten Artikel mit Südafrika-Bezug dort verantwortlich ist

(123) Prostitution und Glücksspiel waren vor dem Hintergrund der „Prüderie“ der Afrikaaner bzw des Calvinismus aus Südafrika weitgehend ausgelagert, und zwar in Sun City im Homeland Boputhatswana (das ja nicht als Teil Südafrikas galt), dort waren auch Rassenschranken aufgehoben

(124) Hinzu kam dann Jacobus „Koos“ van der Merwe aus dem Oranje Freistaat, der 1977 für die NP ins Parlament gewählt wurde, 82 KP-Mitgründer war; er wechselte vor der Wahl 94 von der KP zu IFP, wurde dort dann Fraktionschef. Er trat ’14 als längstdienender Abgeordneter (37 Jahre) ab, war immer gegen den ANC

(125) In der AVF gab es auch „Diskussionen“ darüber, ob man die afrikaans-sprachigen Mischlinge willkommen heissen sollte, wenigstens sie als ebenbürtig akzeptiert…

(126) Zugeständnisse des TEC (De Klerk, Mandela,…) und der Independent Electoral Commission (IEC) waren u.a. die Zusicherung des Namens „KwaZulu-Natal“ für die zu schaffende Provinz (statt „Natal“)

(127) Möglicherweise waren sie auch zur KP gewechselt, wie der Grossteil der Verwoerd-Familie, oder zur VF

(128) Die Africa Muslim Party war beste jener Parteien, die „draussen“ blieben

(129) Für den ANC im Parlament waren u.a. Brian Bunting, der 1953 seinen Sitz im Parlament aufgeben musste, eine Enkelin von Mochandas „Mahatma“ Gandhi (der ja in Durban gelebt hatte eine Zeit), die Witwe von Chris Hani, die Frau von Verwoerd-Enkel Wilhelm (Melanie, er war auch im ANC)…Hendrik Verwoerd war ja 1966 in diesem Parlament getötet worden

(130) Gebaut 1910-13, vom britischen Architekten Herbert Baker geplant, die 2 Flügel sollten die 2 weissen Gruppen repräsentieren

(131) Ganz: https://www.youtube.com/watch?v=t3OrcQ18JtY

(132) Heribert Adam: One thing that has not so far been explained is why apartheid’s leading victims have not been preaching revenge. The ANC’s Barbara Masekela, who has spent most of her exile in the US, has highlighted a crucial difference between American and South African blacks: ‘The average black South African is not alienated,’ and South Africa lacks the US racial polarisation. South African blacks have been subjugated but not conquered spiritually. They can relate to their oppressors as equals. Mandela’s demeanour and discourse display a pride and self-confidence that equal those of his oppressors. He even learned their despised language – but not to gain entry as a colonised subject. Black consciousness, as a sense of identity that has rid itself of the inferiority complex of an internalised slave mentality, has reaffirmed a genuine non-racialism among black activists of all political strategies. There is no counter-racism among blacks. This universalism, this transcendence of narrow group thinking, is something the South African Government has experienced for the first time. It was the precondition for a remarkable moderation.

(133) Auch die Polizei (bislang „SAP“) wurde nach diesem Muster umgestaltet, hiess fortan „SAPS“ (South African Police Service)

(134) Zum Abschluss der Zeremonie wurde die Hymne gespielt, bzw die beiden, die bisherige „Die Stem van Suid-Afrika“ und die neu hinzugefügte „Nkosi sikelel iAfrika“; 94 bis 97 waren diese beiden Lieder nebeneinanderHymnen Südafrikas, wurden meist (ganz) hintereinander gespielt, ehe eine kombinierte Version geschaffen wurde. Damals also noch weniger Vereinigung und Harmonie, viel Hinter-/Nebeneinander, auch bei der Nationalhymne

(135) In den Jahren davor hatte die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen Anhängern dieser Parteien bzw ihrer „Milizen“ bestanden

(136) Der englische und der deutsche Wikipedia-Artikel über Mandelas Kabinett (die GNU) weisen viele Fehler auf, bei der Zuordnung der Ressorts und Anderem. Der französische ist stimmiger

(137) Die unter ihm umstrukturiert wurden, 1995/96

(138) Havel wurde im Jänner 89 bei Unruhen beim Jan-Palach-Gedenken letztmals verhaftet; kam im Mai frei; dann bald ein Besuch (in seinem Haus in Hradecek) von Adam Michnik u.a. ehemaligen polnischen Dissidenten, die nun Abgeordnete waren, für die Solidarnosc, nachdem dort teil-frei gewählt wurde. In Polen gab es auch eine Machtteilungsregierung, unter Mazowiecki, 89/90, aus Solidarnosc, KP (PZPR), Blockparteien, mit Jaruzelski als Präsident. Im Herbst 89 der Umsturz in der CSSR, „Havel na Hrad“ hiess es, im Nov/Dez die Machtübergabe dort, und Havel kam tatsächlich in die Prager Burg, Sitz des Präsidenten. Mandela ist auch einer jener Politiker/Aktivisten, die dämonisiert und kriminalisiert wurden, dann aber Anerkennung und Macht bekamen (ihre Anliegen setzten sich durch), dazu gehört zB auch George Washington

(139) Nelson Mandela hat in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ (1994, mit R. Stengel) auch über seine Kindheit geschrieben, als Sohn eines Häuptlings der Thembu (einem Stamm der Xhosa) in Qunu, nach dem Tod des Vaters dann die Übersiedlung nach Mqhekezweni, der Residenzstadt des Thembu-Königs…„Meine späteren Vorstellungen von Führerschaft wurden grundlegend beeinflusst durch meine Beobachtungen des Königs und seines Hofes.“ Wobei er sich von traditionellen Führerschaft dann abwandte, nach seiner relativ behüteten Kindheit und Jugend, während seiner Politisierung beim Studium in Alice und Johannesburg

(140) Stals war im August 89 ernannt worden, nach dem Tod von Gerhard(us) de Kock. In den 1940ern, 1950ern kamen, im Zuge der Apartheid, in diesen südafrikanischen Staats-Institutionen (statt englischen Weissen) meist Afrikaaner an Spitze (die der NP nahe standen oder ihr angehörten, auch dem AB); mit dem Ende der Apartheid dann nach und nach Schwarze (die dem ANC nahestehen/angehören). Stals wurde 1999 von Tito Mboweni (zuvor Arbeitsminister unter Mandela) abgelöst, dieser 09 von Gill Marcus…

(141) War Mitgründer der österreichischen Anti-Apartheid-Bewegung, gründete das SADOCC

(142) 02 in die AU umgewandelt

(143) Und das hauptsächlich durch jenen Mann, der in der Apartheid-Zeit die Atomwaffen des Apartheid-Regimes international thematisiert hatte, Abdul Minty; er kehrte 1995 aus GB nach Südafrika zurück, wurde Südafrikas Vertreter im Gouverneursrat der IAEA/ IAEO in Wien

(144) Ob Mobutu bei Mandelas Amtseinführung in Pretoria war, war nicht zu eruieren

(145) So sind Niederländisch-Kenntnisse in der DR Congo praktisch nicht existent. Das Holländische im Congo (und Ruanda-B/urundi) wurde von der belgischen Kolonialverwaltung auch deshalb „zurückgehalten“, weil es die belgischen Siedler dort gewissermaßen geteilt/ gespalten hätte

(146) Die sich auch etwas umwandelten, im Namen, in der Programmatik,…

(147) Vom ANC gab es auch viele Abspaltungen. Natürlich gab es auch in der Endphase der Existenz der (N)NP Abgänge, zu DP/DA, UDM, ANC,…

(148) Ein Schwarzer, der Bürgermeister von Kapstadt in der Post-Apartheid-Zeit war

(149) Wobei diese Partei Marike De Klerk nicht lange überlebte, sie ging 03/04 in der VF auf

(150) Sie sind inzwischen getrennt

(151) Bis ihr Vater 1998 zum dritten Mal heiratete, die ehemalige First Lady von Mocambique. 2014 wurde „Zindzi“ südafrikanische Botschafterin in Dänemark. 2019 hat sie einige sehr „starke“ Meldungen „getwittert“, über bzw gegen die Weissen Südafrikas (wobei Tiara der Anlass, der Kontext, nicht bekannt ist), sowie Preisungen von Malema. Ganz gegen das Erbe ihres Vaters. Sie wurde von Aussenministerin Pandor dafür gerügt

(152) Mandela zog in Libertas ein, nannte die Präsidenten-Residenz in Pretoria in Mahlamba Ndlopfu um. Die Union Buildings sind Amtssitz des Präsidenten in Pretoria. Das Tuynhuys ist Büro/Amtssitz des Präsidenten in Kapstadt; Residenz/Wohnsitz des Präsidenten in Kapstadt wurde unter Mandela Genadendaal, Groote Schuur wurde Museum

(153) A propos: In Südafrika gibt es auch eine griechische Diaspora, diese waren zu Apartheid-Zeiten und danach auf beiden Seiten des „Zauns“, bei der NP, ebenso wie beim ANC, zu finden

(154) Gab es den Film, weil dieses Wirken sein wichtigstes war, oder sind seine Bemühungen rund um die WM deshalb in Erinnerung, weil es den Film gab?

(155) Wie gesagt, gelegentlich wird Mandela auch vorgeworfen, diesbezüglich zu weit gegangen zu sein. Jedenfalls hat sich Mandela reichlich um Versöhnung zwischen Schwarzen und Weissen bemüht, nicht nur als Präsident. Als solcher auch mit seiner Personalpolitik, in der er Weissen/Afrikaanern über das vereinbarte Bleiben des Staatspersonals entgegen kam

(156) Nebenbei: Zu Apartheid-Zeiten wäre es auch für Farbige oder Inder unmöglich gewesen, Oberhaupt (Administrator) einer Provinz oder Bürgermeister einer grösseren Stadt (oder vieles Andere) zu werden…

(157) 1991 brachte die Kommission ihren Bericht heraus, nach dem Vorsitzenden benannt. Der Valech-Bericht war gewissermaßen die Fortsetzung dieser Arbeit

(158) Neben Tutu waren übrigens noch 2 weitere schwarze christliche Geistliche in der TRC

(159) hsf.org.za/publications/focus/issue-11-third-quarter-1998/what-the-trc-wont-tell-you

(160) Aber anscheinend gab es da etwas. Von Laurence kam 1990 ein Buch über die Todesschwadronen des Apartheid-Regimes heraus

(161) Bei seinem Erscheinen gab es „Viva De Klerk“-Rufe aus dem Publikum

(162) Theissen kritisierte auch die Stellungnahme des ANC bei der TRC: „Die ANC-Darstellung vergangener Menschenrechtsverletzungen übersteigt zwar qualitativ in vieler Hinsicht die Stellungnahme von de Klerk. Statt einer umfassenden Aufdeckung der eigenen Verbrechen wurde jedoch der zweifelhafte Versuch unternommen, jede Menschenrechtsverletzung so weit in den Kontext von äußeren Zwängen und Situationen zu stellen, daß die ANC-Stellungnahme sich wie eine verkrampfte Entschuldigung liest, nicht jedoch wie ein Bekenntnis zu den Menschenrechtsverletzungen, die der ANC selber zu verantworten hat.“

(163) http://www.justice.gov.za/trc/media/1997/9705/s970514a.htm

(164) Ramaphosa zog sich nach der Ausarbeitung der neuen Verfassung zurück aus der Politik, 97 trat er auch als ANC-Generalsekretär ab, ging ins Geschäftsleben

(165) Bei diesem ANC-Parteitag in Mafikeng schockierte Mandela Manche mit harscher Kritik an manchen Weissen für einen „Mangel an Zusammenarbeit und Reziprozität“

(166) Siehe http://www.youtube.com/watch?v=RSMxshYgZKE . Buthelezi blieb ja bis 04 Innenminister, und auch unter Präsident Mbeki und Vizepräsident Zuma kam derartiges vor

(167) Die Oppositions-Führer in Südafrika: Jameson, Smartt (beide Unionist Party), Hertzog (NP), Smuts (SAP), Madeley (Labour Party), Malan (GNP), Hertzog, Malan (beide HNP), Smuts (UP), Strauss (UP), Graaff (UP), Cadman (NRP), Eglin, Van Zyl-S. (beide PFP), Treurnicht, Hartzenberg (beide KP), 94-96 Viljoen (VF/FF), 96-97 De Klerk (NP), 97-99 Van Schalkwyk (NP/NNP), 99-07 Leon (DP/DA), seither Andere von der DA, deren parlamentarische Führer, z Zt Steenhuisen. Am längsten in dieser Rolle war DV Graaff, dahinter Malan (34-40 & 40-48), Smuts (24-33), Smartt (12-20), Leon (99-07), v. Zyl-S (79-86), Treurnicht (87-93), Strauss (50-56),… Suzman und Zille waren nie Oppositionschefs

(168) Kurzhose

(169) Aber das hatte De Klerk auch getan

(170) In einem Buch des deutschen Rechtsextremisten Claus Nordbruch, in dem der Palette der burischen Rechten (KP, HNP, BSP,…) eine Bühne gegeben wird, wird die (N)NP als „links“ eingestuft, und auch die VF kritisiert

(171) Aufgrund der damaligen Regelungen verloren Beide aufgrund des Parteiwechsels ihre Sitze im Parlament

(172) Vater Peter NP-Minister, Botschafter, in Übergangsjahren Partnerschaft mit Farbiger. 1998 Vater & Sohn in UDM

(173) Wie auch die Frau von DP-Chef Leon

(174) Er blieb ja politisch aktiv, auf verschiedenen Ebenen, fast bis zu seinem Tod, aber eben nicht bei Wahlen. Mandelas Abschiedsrede 1999: http://www.youtube.com/watch?v=l2DUjE2RldIF

(175) Damals schrieb ein Lester Venter „When Mandela Goes“, ein Stück Polit-Fiction oder Dystopie; darin spaltet sich der ANC, und der linksradikale Teil (organisiert als African National Labour Party/ ANLAP) obsiegt und führt Südafrika in den Abgrund…

(176) Dort gab es 94-04 3 Premiers von der IFP, der erste Wechsel kam in der ersten Legislaturperiode

(177) Im ANC hatte sich durch Mandela eine Art südafrikanischer Nationalismus gegen eine schwarzen Nationalismus durchgesetzt

(178) Der mit seiner ZANU mit dem ANC verbündet (gewesen) war, auch mal gegen eine weisse Minderheitenherrschaft gekämpft hatte, diese durch eine Kombination aus Guerilla-Kampf, Verhandlungen und Wahl „zu Fall“ brachte, das Nebeneinander von Schwarz und Weiss nach dem „Übergang“ 1980 ziemlich lange Zeit funktionierte,…

(179) In Apartheid-Südafrika kamen solche Parteiwechsel vor, v.a. in der Spätzeit, in allen 3 Parlamentskammern. Im Post-Apartheid-Südafrika waren solche Übertritte von Abgeordneten (auf nationaler, provinzialer, kommunaler Ebene) umstritten, da nun indirektes Wahlrecht bevorzugt wird, Politiker also in erster Linie über Parteilisten gewählt werden. Vor diesem Hintergrund war der Parteiwechsel von Mandataren von 94-02 verboten (in einer Bestimmung der Übergangsverfassung) bzw war mit Mandatsverlust verbunden. DP und NNP machten 2001, zur Zeit ihrer Allianz, einen Vorstoss, dies zu ändern. Ohne den ANC war/ist natürlich keine Verfassungs-Änderung möglich, und dieser war damals dagegen. Als er bald darauf aber selbst in einem Bündnis mit der NNP war, änderte sich das. So war 02-09 eine Gesetzesregelung in Kraft, wonach „Floor crossing“ unter bestimmten Umständen erlaubt war (2x in einer Mandatsperiode, zu bestimmten Zeiten,..). Im ANC, der im Endeffekt von solchen Übertritten am meisten profitierte, änderte sich Ende der 2000er-Jahre die Mehrheits-Meinung dazu; auf der Partei-Konferenz in Polokwane 07 wurde beschlossen, die diesbezügliche Gesetzgebung wieder zu ändern. Das geschah 08 und 09 war die Änderung in Kraft, seither ist Parteiwechsel für Mandatare wieder mit Mandatsverlust verbunden. Siehe zB http://www.africaportal.org/publications/floor-crossing-and-its-political-consequences-in-south-africa

(180) Er war später in der Nasionale Aksie (NA) aktiv, die aus der Afrikaner Eenheidsbeweging (AEB) entstand (bzw als Abspaltung von ihr). Während die AEB in der Vrijheidsfront (VF) aufging (bzw sich mit ihr und anderen zur VF+ vereinigte), blieb die NA separat

(181) A. Fourie blieb der NNP treu bis 04, machte den Anschluss an den ANC nicht mit, ging dann zur VF

(182) Das „Losbrechen“ der NNP von der DA im Westkap war möglich, weil ihre Abgeordneten (1999) gewählt worden waren bevor sich die Partei mit der DA zusammen tat

(183) Für Manche ein weiteres Beispiel für Gewaltkriminalität von Schwarzen an Weissen. Doch betrifft diese Kriminalität Schwarze noch mehr als Weisse. Ein anderes prominentes Opfer war Model Reeva Steenkamp, ’13 erschossen, von ihrem Lebensgefährten Oscar Pistorius (dem gehandicapten Läufer), in der gemeinsamen Wohnung, irrtümlich wie er sagte

(184) Nach den grossen Drei (ANC, DA, IFP) kamen 04 neun Parteien mit 1 bis 9 Mandaten, bzw von 2,3% abwärts

(185) KwaZulu-Natal ist dagegen seit damals in der Hand des ANC (04 wurde Sibusiso Ndebele Premier), die Provinz mit ihrer demografischen Komposition aus Zulus, Englischsprachigen und Indern. In der Provinz Natal (KZN minus das Homeland KwaZulu) hatte sich auch die NP schwer getan, weil die Afrikaaner dort unter den Weissen eine Minderheit sind. Dort dominierte die UP oder Parteien die ihrem Schoss entkrochen, wie die PFP. Und beim Republiks-Referendum 1960 gabs in dieser Provinz an der Ostküste ein klares „Nein“ zum Durchtrennen der Bande mit GB. KwaZulu-Natal ragte einige Zeit in Wahl-Landkarten hervor, wie Natal früher, jeweils aufgrund der demografischen Situation

(186) Marthinus van Schalkwyk, Carl Greyling, André Gaum, Carol Johnson, Francois Beukman, „Johnny“ Schippers

(187) Der Grossteil der 20% von 94, der Grossteil der 7 % von 99, und auch der > 1,5% von 04. 2008 wurde eine neue NP gegründet, im Westkap, von Leuten mit Hintergrund hauptsächlich in einer National People’s Party (NPP), unter einem J. D. Uys. Diese neue NP bekannt(e) sich zu einem demokratischen, nichtrassischen Südafrika. Eine Wiederbelebung der alten NP war also gar nicht beabsichtigt. Dieser Uys ging dann anscheinend zum COPE

(188) Sie weist Ähnlichkeiten mit CSU, Lega dei Ticinesi und Scottish National Party auf. Aber auch Unterschiede zu diesen Parteien. Zur SNP etwa, dass die IFP keine Sezession mehr will, zur LdT, dass diese nur in einem Kanton antritt

(189) Auch er hatte enge Beziehungen zu Israel…wo das Apartheid-Regime war, war Israel nicht weit

(190) Die Tswana Südafrikas sind hauptsächlich in der Provinz Nord-West, auch das Homeland ist weitgehendst darin aufgegangen

(191) Beide können auch als ANC-Abspaltungen gesehen werden

(192) http://www.youtube.com/watch?v=B4X5V5X2ZcI

(193) Der britische „Spectator“ spekulierte schon 06, dass Johannesburg nicht „fit“ für die Fussball-WM 10 sei, zeigte auf den Aufstieg von Jacob Zuma

(194) Was weisse Beobachter Mbeki ankreide(te)n war/ist etwas Anderes als Schwarze ihm in der Regel ankreid(et)en, siehe Abschnitte über DeKlerk-Äusserungen und über das gegenwärtige Südafrika

(195) Pierre de Vos: „Fact is that the DA is between a rock and a hard place. If it really wanted to confront its image of being a party for whites, a party that arrogantly exudes the values of white superiority, it will have to confront the deeply embedded notion of white superiority that so many of its current voters (and some of its public representatives) fearfully cling to in order to retain the sense that they are essentially decent human beings. It is never easy to admit that one is not as decent as one would have liked.“

(196) Die Journalistin Christine Qunta, früher bei der SABC: „Westkap ist letzte weisse Kolonie Afrikas“. Was auf Zilles Provinz-Regierung „gemünzt“ ist. Zille hat einmal gesagt, es kämen aus der angrenzenden Provinz Ostkap „Flüchtlinge“, wegen besserer Bildungsmöglichkeiten. Auch Aussagen wie diese (die unter Anderem impliziert bzw nahe legt, dass Ostkap „Ausland“ ist) prägen das politische Klima des Landes

(197) „It is up to all South Africans, irrespective of race or colour, rich or poor, to take what God had given to the country and to ensure that children would look back at this time and say that those were the years when South Africans came together, grasped the opportunities and made the country great.“

(198) Mit der Entstehung von COPE nach dem Mbeki-Rücktritt glaubten ja Viele, dass dieser Auseinanderfall eingetreten sei

(199) Seine Vorgängerzeitung „Weekly Mail“ wurde 1988 wegen Kritik an der Apartheid-Politik unter PW Botha verboten. Nicht nur der „schwarze“ „The Sowetan“ wurde drangsaliert, auch weisse Zeitungen. Aufgrund diverser Gesetze. Wie auch das „Vrye Weekblad“, das in der Spätzeit der Apartheid Menschenrechts-Verbrechen des Regimes aufdeckte

(200) Muss man das so interpretieren, wenn man „Privilegien“ der Weissen antastet, dann bliebe diesen nichts Anderes, als zu emigrieren?

(201) Zu dieser Zeitung, siehe hier

(202) Es kommt nur eine Relativierung dazu, dass er zu lange im Gefängnis gewesen sei

(203) Tschechen/Slowaken (bzw Tschechien/Slowakei) haben sich mit 1. 1. 1993 (nach Beschlüssen im Sommer/Herbst 1992) getrennt, vielleicht auch (nur) deshalb, weil die Premierminister der Teilstaaten, Klaus und Meciar, dies für ihre politische Dominanz in ihren Ländern als am günstigsten sahen. Jemand, der es wissen muss, sagte, Tschechisch und Slowakisch sind ungefähr so weit auseinander wie Wienerisch und Vorarlbergerisch; aber es gibt unterschiedliche historische Prägungen, ein Gefühl der Benachteiligung bei Slowaken,… Jedenfalls, in der Hauptsache geschah die Trennung im gegenseitigen Einvernehmen und bedeutete nicht, dass Tschechen darüber hinaus über Slowaken bestimmten oder umgekehrt!

(204) „And it was in an era when also in America and elsewhere and across the continent of Africa, there were still not this realization that we are trampling upon the human rights of people. So I’m a convert.“

(205) „But the intention was to end at a point which would ensure justice for all. And the tipping point in my mind was when I realized we can never bring justice through this route. We need to embrace a new vision of one united South Africa.“

(206) Etwas fragwürdig ist auch die Formulierung: „What we need is for the ANC alliance to split.“

(207) Oder soll man sagen: er tat sie damit ab? Der Befund ist ja nicht ganz falsch, aber was ist daraus zu schliessen?!

(208) Wobei im Südafrika-Diskurs im Zusammenhang mit Fehlern des ANC praktisch immer das Ende der Apartheid in Frage gestellt wird, der Kampf dagegen, die Ausdehnung des Wahlrechts auf Alle,…

(209) Siehe oben, die Stelle über den Kampf Mandelas gegen die Apartheid

(210) Siehe edition.cnn.com/2012/05/16/world/africa/south-africa-de-klerk/index.html

(211) Was aber wieder Einiges ausser Acht lässt…

(212) Unter dem Video mit der „Klarstellung“ zur Apartheid finden sich unappetitliche Kommentare von Afrikaanern. ZB „‚Boesman hand….vat my land’….thats de Klerk’s legacy.“ > „Buschmann Hand … nimm mein Land“, er hätte das Land den „Buschmännern“ gegeben, was wohl ein Synonym für Schwarze sein soll. Wobei die San ebenso wie die Malaien und Andere die als „Farbige“ klassifiziert wurden/werden, ja immer gegen die „Bantu“ ausgespielt wurden und werden. Da zeigt sich wieder, dass er kein Held für echte Apartheid-Apologeten/Nostalgiker ist, ganz im Gegenteil!

(213) Ex-DA-Chef Tony Leon, inzwischen Südafrikas Botschafter in Argentinien, kritisierte die EFF-Ausfälligkeiten im Parlament, aber auch die Aussagen De Klerks

(214) Ihn als den darzustellen, der die Apartheid abschaffte, wäre doch etwas zu vereinfacht; auch deshalb, weil er lange „genug“ in ihr mitgewirkt hat

(215) Wobei Afrikaans im demokratischen Südafrika als Bildungs-, Medien-, Wirtschaftssprache ohnehin sehr stark ggü Englisch verloren hat. Es wurden Erinnerungen wach an die Proteste 1976 gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze, hauptsächlich in Soweto, ihre „Niederschlagung“

(216) Siehe auch Verweis auf das Schivelbusch-Buch

(217) 1896 musste Rhodes deshalb nach 6 Jahren als Premierminister der Kapkolonie zurücktreten, seine Koalitionsregierung mit dem burischen Afrikanerbond (nicht zu verwechseln mit dem Afrikaner Broederbond) war zerbrochen

(218) Die Niederlande begannen mit Kolonialismus, als sie erst im Begriff waren, sich aus der Oberherrschaft Spaniens zu lösen (unter die sie durch die habsburgische Heirats- und Erbpolitik gekommen war), in der frühen Neuzeit (16./17. Jh), mit der VOC (Asien, Ozeanien, Afrika) und der WIC (Amerika). Das Kap Afrikas war für die VOC wichtig für den Weg nach und von Niederländisch-Indien (Indonesien) und für den Sklaventransfer. Es gab kaum Ansiedlungen, Vermischungen, Missionierungen und „Staaten“gründungen (wie Neu-Spanien durch die Spanier). Die meisten Kap-Siedler/Holländer waren auch „Aussteiger“ aus dem Kolonialprojekt. Nachdem Indonesien nach dem 2. WK verloren ging, blieben den Holländern noch einige Besitzungen im Karibikraum. Was heute noch von einer NL-Kolonialvergangenheit zeugt, in kolonial zT niederländisch geprägten Ländern („Verwandtschapslanden“), sind v.a. Ortsbezeichnungen: in Südafrika gibt es davon Viele, auch wenn manche nach der Apartheid rückgängig gemacht wurden, ausserdem zB „Mauritius“, „(New) Zealand“, „Harlem“, „Tasmania“. Daneben NL-Kreolsprachen (wie Afrikaans) und Überreste der Kolonialwirtschaft. An Nachfahren von Siedlern in früheren NL-Kolonialbesitzungen sind neben Südafrika v.a. die USA zu nennen; Nieuw Nederland (mit dem heutigen New York) war bereits im 17. Jh an die Engländer verloren gegangen, die Roosevelt-Familie stammt von einem Claes van Rosenvelt ab, der um 1640 nach Nieuw Amsterdam auswanderte. Die Niederländisch-Stämmigen in der USA sind aber in erster Linie Nachkommen von späteren Auswanderern (in das britische Kolonialprojekt dort oder die unabhängige USA)

(219) Es waren wie erwähnt Franzosen, Deutsche, Portugiesen,… in VOC-Zeiten mit dabei

(220) Es gab vor diesen Voortrekkern schon die Treckburen (Trekboers), die zu Zeiten der VOC-Herrschaft und an ihrem Ende in’s Landesinnere zogen, sich unabhängig machten, ungefähr im Gebiet der heutigen Provinz Westkap

(221) Es kamen dann noch einige Abspaltungen hinzu

(222) 271. Liz Fawcett schrieb in ihrem Buch „Religion, Ethnicity and Social Change“ (2000) ein Kapitel über die Parallelen zwischen Afrikaanern und den britischen Siedlern in Nord-Irland/Ulster („Under Siege: A Brief History of Afrikaners and Ulster Presbyterians“). Aus einer „speziellen Warte“ mit den Afrikaanern auseinander gesetzt hat sich auch Terence McNamee, in seiner Dissertation in Internationale Beziehungen an der London School of Economics and Political Science aus 2003 (bei Christopher Coker), „Afrikanerdom and Nuclear Weapons: A Cultural Perspective on Nuclear Proliferation and Rollback in South Africa“. Ausserdem Einiges dazu in der Literatur-/Linkliste

(223) Es geht bei „schwarzen“ Vorwürfen ihm ggü nicht zuletzt um das, was während des Abbaus der Apartheid in seinen Präsidentenjahren ablief, die Unterstützung von gewalttätigen IFP-Anhängern

(224) Zu Wingard auch in diesem Artikel Einiges

(225) Rebecca Davis im „Daily Maverick“ darüber

(226) Zu De Kock und seinen Beschuldigungen ggü De Klerk oben

(227) Wie gesagt, „Sicherheit“ ist als Bezeichnung für diesen Tätigkeitsbereich ein Hohn; genaue Bezeichnung des Ministerium war „…für Gesetz und Ordnung“. Es gab (und gibt) daneben ein Innenministerium, dem aber die Polizei nicht unterstand/untersteht

(228) Sie hat dann während Israels „Rasenmähen“ im Gaza-Streifen 08/09 „interkonfessionelle“ Gebete für Israel organisiert

(229) Für die man noch internationalen Druck und Sanktionen berücksichtigen muss

(230) Ex-Vizepräsident Schlebusch starb 08, Ex-Präsident M. Viljoen 07

(231) Der ihr erster Mann war, der erste Präsident von Mocambique, der bei einem Flugzeugabsturz 1986 getötet wurde, hinter dem auch das Apartheid-Regime vermutet wurde/wird

(232) Jenes in Südafrika war das „nur“ für einen Teil der Bevölkerung

(233) Michail Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der Sowjetunion zurück, erklärte das Amt für aufgelöst. Am nächsten Tag erklärte sich das sowjetische Parlament, der Oberste Sowjet, für aufgelöst und anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten (darunter Russland). Gorbatschow verlor seine Macht weil sich der Staat, dessen Präsident er (gewesen) war, auflöste; oder anders herum: sein Rücktritt war einer der Schritte, die diesen Staat auflösten

(234) Wobei die Verfassung von 1996 ja auf dem Verhandlungsabschluss von 1993 aufbaute

(235) In Ventersdorp erhoben sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen

(236) Zu den Rechten, die es sich über die Unabhängigkeit hinaus zusichern liess, war das auf Atomwaffenversuche in der algerischen Sahara

(237) Auch wenn Viele in den Jahren seither ausgewandert sind, man kann diskutieren, warum, weil sie ihre privilegierte Stellung gefährdet sahen oder weil sich tatsächlich etwas Negatives für sie aus der Demokratie ergab

(238) Und auch Moïse Tshombé aus dem Kongo, der Herrscher der Provinz Katanga, landete ja in Algier/ دزاير . Die Belgier und Franzosen hatten auf ihn gesetzt, die US-Amerikaner aber auf Mobutu, und nachdem sich der durchsetzte, ging Tshombe (wieder) nach Franco-Spanien… Von dort wurde er unter ungeklärten Umständen nach Algerien gebracht. Die anti-kommunistische Obsession und die Kurzsichtigkeit konservativer Politiker im Westen…und was sie in den Jahren des Kalten Kriegs weltweit so brachte

(239) Für die Leute in der DDR gab es 57 Jahre keine freien Wahlen (1933 Reichstag, 1990 Volkskammer); in Spanien waren es 41 Jahre (36-77), in Russland 76 (17-93), in Ägypten 61 (50-11/12), in Brasilien 24 (62-86),…

(240) Man kann diese letzte DDR-Regierung aber auch mit der Regierung der nationalen Einheit in Südafrika vergleichen

(241) Deutschland und insbesondere Berlin wurde ja Brennpunkt des Kalten Kriegs, und das südafrikanische Militär (UDF damals) nahm an der westlichen Luftbrücke in der ersten Berlin-Krise 1948/49 teil. Danach wandte sich Südafrika (unter den Apartheid-Regierungen) von diesem anglo-dominierten Westen ab, wobei sich das Apartheid-Regime (paradoxerweise?) ihm doch zugehörig fühlte und sein Walten in Südafrika und in Afrika daraus erklärte… Das alte Südafrika (von Smuts & Co geprägt) endete nach dem 2. WK und die beiden deutschen Staaten BRD & DDR „begannen“ zu dieser Zeit. Die Wende in der DDR wirkte sich dann auf dieses Apartheid-Südafrika aus. Und die BRD, von den Anglo-Mächten bald nach dem Krieg zum Verbündeten gemacht, aber nicht „soweit“, ihr eigene Atomwaffen zu gestatten, half diesem Südafrika bei dessen Atombomben. Beide Staaten waren auch Verbündete von Israel. Dann ist in diesem Zusammenhang natürlich Südwestafrika/Namibia zu nennen, das deutsche „Kolonie“ war, nach dem 1. WK bis 1990 südafrikanisch verwaltet wurde. Noch früher kamen die ersten deutschen Einwanderer nach Südafrika, an der Seite der Holländer, Namen wie Botha oder Van Rensburg zeugen davon

(242) Er wurde in den 1980ern geschrieben, würde zeitlich in die letzten ein oder 2 Jahre dieses Jahrzehnts passen

(243) Übrigens, ein Spielfilm, in dem De Klerk dargestellt wird, ist „Mandela and De Klerk“ (1997), hauptsächlich über den Verhandlungsprozess, mit „Michael Caine“ (Maurice Micklewhite); Morgan Freeman spielte Mandela

(244) Siehe dazu den Artikel von Stephen Chan in „Defense Analysis“ 5:4 (1989), „The strategist in isolation: The case of Deon Geldenhuys and the South African military“

(245) Der genannte Wingard hat in einem „Interview“ für „globalpolitician“ (ein Online-Magazin, das so gepolt ist wie er) eine andere Prophezeiung genannt, von einem Wiets Beukes, in dem der ANC und die Schwarzafrikaner die Schuldigen am Scheitern Südafrikas sind (das „den Weg aller afrikanischer Staaten“ geht), nicht verstockte Afrikaaner wie er, Wingard. Er hat ja, s.o., auch die Atomwaffen des Apartheid-Regimes vorgebracht. Jedenfalls, 1988 hätte der Angola-Namibia-Krieg statt zu einem Abkommen auch zu einer Eskalation mit Atomwaffeneinsatz des Apartheid-Regimes führen können

(246) Mark Bould: „Overall, it is one of those oddly racist anti-racist books, reiterating that old nonsense about British colonialism being more benevolent and efficient than that of other European nations.“ Keppel-J. starb übrigens 1996 (in Canada), in dem Jahr in dem die Post-Apartheid-Verfassung fertig ausgearbeitet war

(247) Der Kalte Krieg ist darin auch noch nicht zu Ende, Eugène Terre’Blanche ist Präsident Südafrikas, Mandela starb auf Robben Island und FW de Klerk ist noch immer im Gefängnis, dafür versucht zu haben, das Apartheid-System zu beenden

(248) Einen Gewaltausbruch herbeiführen, auf den man dann „reagieren“ kann

(249) In geringerem Maß dann noch in Westafrika (Nigeria, Senegal,…), dann Ostafrika (Kenya,…), Zentralafrika (zB Kongo), Nordafrika

(250) Wobei die Haltungen zur Apartheid unterschiedlich ausgeprägt waren

(251) In Namibia war/ist es etwas anders. Afrikaaner gibt es auch in Zimbabwe, Zambia,… Dort waren sie aber nicht in einer Führungsrolle

(252) Nelson Mandela bei seiner Angelobungsrede 1994: „Never, never and never again shall it be that this beautiful land will again experience the oppression of one by another and suffer the indignity of being the skunk of the world.“

(253) Es gibt etwa Portugiesen: solche die sich in Zeiten der Kolonialherrschaft der Niederländer diesen anschlossen und unter den Afrikaanern assimiliert wurden (nur noch Familien-Namen erinnern daran, wie bei den französischen Hugenotten und Anderen); und solche die aus Angola oder Mocambique kamen, hauptsächlich am Ende der dortigen portugiesischen Kolonialherrschaft, also etwa 200 Jahre später – diese haben es eher geschafft (bislang), ihre nationale Identität zu bewahren. Die Irisch-Stämmigen sind ihre Entsprechung dazu bei den Englisch-Sprachigen: teilweise sind sie assimiliert, teilweise bewahrten sie eine eigene Identität. Die Juden Südafrikas werden auch teilweise als Untergruppe der englischsprachigen Weissen gesehen

(254) Die Briten kontrollierten die Wirtschaft, und das war (und ist) in erster Linie der Handel mit den Bodenschätzen (in erster Linie Gold), die Buren waren landwirtschaftlich geprägt

(255) Wenn man sich die Verhältnisse in anderen britischen Kolonien ansieht, bzgl Nicht-Weissen, ragt dies nicht heraus; man kann also nicht sagen, die Briten hätten wegen den Buren auf eine Besserstellung der Schwarzafrikaner, der Inder,… in Süd-Afrika „verzichtet“

(256) Am Jahrestag der Schlacht am Blood River/ Bloedrivier/ Ncome, 1838, in der die burischen Voortrekker über Zulu-Truppen siegten, der in den Jahren der Afrikaaner-Dominanz in Südafrika Feiertag war, als Geloftedag

(257) Sein Onkel Strijdom war anscheinend besonders anti-britisch. Die ja rechts von der NP stehende KP war wiederum der angelsächsischen/anglokeltischen Welt ggü „freundlicher“ gesonnen, dafür Nicht-Weissen ggü noch ablehnender. Der nationalistische britische Historiker Andrew Roberts verteidigt alle Grausamkeiten britischer Herrschaft, darunter auch die Konzentrationslager für Buren im Südafrikanischen Krieg und Masseninternierungen in Irland

(258) Als es 1990 um die Freilassung politischer Gefangener ging, wies er darauf hin, dass es nach der Afrikaaner-Rebellion 1914/15 ebenfalls solche gegeben hat – um deren Freilassung man dann gekämpft hat… (1916 wurden diese Gefangenen zur nationalen Aussöhnung begnadigt)

(259) Der Volkstaat-Rat (Volkstaat Council) war 1994-99 aktiv, damit länger als die TRC, staatlich finanziert. Seine Errichtung war ein Zugeständnis an die weisse Rechte gewesen, wurde der VF vor der Wahl 94 zugesagt. Der Rat sollte die Möglichkeiten eines Volkstaats, eines weissen Homelands, in Südafrika auslooten, war rein mit Befürwortern einer solchen Idee besetzt. Darunter waren Frau und Sohn von Carel Boshoff (Orania)

(260) James Hertzog war bereits 1913 aus der SAP und der Regierung ausgetreten, war 1914 neutral, gründete dann die NP

(261) Die eigentlich da waren, um die Foster-Bande zu fangen

(262) Bzw, der ärmeren, ländlicheren. Jene (Afrikaaner), die Villa, zwei Autos, vielleicht Auslands-Wohnsitz haben, sind eher bei der DA

(263) Entworfen nach Vorbild der niederländischen bzw der VOC-Flagge, mit einem orangenen Streifen oben statt einem roten

(264) Die End Conscription Campaign lief von 83-94, es gab Überschneidungen mit der Anti-Apartheid-Bewegung; die Wehrpflicht wurde mit der Apartheid abgeschafft, 1993. Zu Deserteuren/ Kriegsdienstverweigerungen in der SADF etwas in diesem Artikel

(265) Steve Hofmeyr hat Touren für solche Afrikaaner-„Expats“ im weissen Ozeanien (Australien, Neuseeland) unternommen

(266) Man findet gelegentlich Kommentare von („weissen“) Australiern unter Youtube-Videos die mit Südafrika zu tun haben, in denen bedauert wird, dass dort (in Südafrika) eine Art Ausgleich zwischen Schwarzen und Weissen stattgefunden hat (oder auch, dass die „schwarze“ Kultur nun auch angemessen in der Nationalhymne vertreten ist), wovon man in Australien weit weg ist

(267) „Waiting for the Barbarians“

(268) Etwas Ähnliches hat Ronald S. Roberts über Helen Suzman geschrieben

(269) Dieser, vom östlichen Kap stammend, hat es weitgehend im Gefängnis gelernt, von Wärtern

(270) All diese afrikanischen, asiatischen, europäischen Gruppen haben Afrikaaner auch biologisch „eingeschmolzen“, s.o.

(271) Ein Buch speziell über die Kap-Mischlinge/Farbigen: Mohamed Adhikari: Not White Enough, Not Black Enough. Racial Identity in the South African Coloured Community (2005)

(272) 2019 waren auch die Kapitäne der Teams von 95 (Pienaar) und 07 (Smit) dort, in verschiedenen Funktionen

(273) Da gibt es den Anti-ANC-Film „Tainted Heroes“ aus 2016, vom Buren Yssel, über dessen „Aufstieg nach dem Soweto-Aufstand“, über necklacing,… So kommt Apartheid-Apologetik heutzutage in der Regel daher. Den Haupt-Darsteller, Katlego Chale, würden Leute wie Yssel nie als Nachbar wollen/akzeptieren, genau so wenig wie die Zionisten zB Mossab H. Yousef, die ihn für ihre Propaganda benutzen (die auch dort verkleidet als „ausgewogene Dokumentation“ oder „Aufklärung“ oder … daherkommt)

(274) Südafrika hat 2006 als erstes afrikanisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Die Opposition stimmte fast geschlossen dagegen, die DA stellte ihren Abgeordneten die Wahl frei; sie hat ja auch konservative Afrikaaner in ihren Reihen

(275) Für zwölf Prozent der weltweiten Platin-Produktion zuständig!

(276) Es begann mit Streiks für Lohnerhöhungen – in Australien ist der Lohn für solche Arbeiter 6x höher! Es setzte sich fort mit Kämpfen zwischen Anhängern der rivalisierenden Gewerkschaften NUM (COSATU) und AMCU, und mit Gewalt zwischen Streikenden und Polizisten

(277) Der blutigste Polizeieinsatz seit dem Ende der Apartheid. Insgesamt sind bei dem Konflikt 44 Menschen ums Leben gekommen

(278) Siehe die „Freunde“ von Katanga, Biafra, KwaZulu oder Süd-Sudan…oder jene, die die Massaker an den Ndebele in Zimbabwe unter Mugabe instrumentalisieren

(279) Bei der Feier zu De Klerks 80. Geburtstag hielt Steward eine Rede mit etwas Kontrafaktik: „What would the outcome have been had Abe Lincoln not become President of the United States in 1860? Would slavery have been abolished when it was? Would the South have seceded – would the Civil War still have taken place? What would have happened if Lord Halifax had replaced Neville Chamberlain in 1940 – instead of Winston Churchill? It was a very close call. He would probably have made peace with Hitler – and the whole subsequent history of the world would have changed. Consider the role played by Deng Xiaoping: after surviving the Cultural Revolution, he introduced the reforms that led to the greatest enrichment of the largest number of people in the shortest period in history – or Lee Kuan Yew who almost single-handedly fashioned Singapore into one of the most successful states in the world?“

(280) Sie hat auch ein Buch über Mandela geschrieben

(281) Oder auch Äthiopien (mehr oder weniger einziger afrikanischer Staat der nicht ganz von weisser Macht unterworfen wurde), wo die Amhara nach den Territorialvergrösserungen unter Menelik II. gut 100 Jahre über diverse andere Völker herrschten

Literatur & Links

Gunnar J. Theißen: Vergangenheitsbewältigung in Südafrika: Die südafrikanische „Wahrheits- und Versöhnungskommission“. Politologie-Diplomarbeit FU Berlin 1996, bei Peter Steinbach

Susan Booysen: The African National Congress and the Regeneration of Political Power (2011). Darin hauptsächlich Kapitel 8, „Subjugation and demise of the (New) National Party“

FW De Klerk: The Last Trek – a New Beginning (1999; Englisch); Afrikaans: Die outobiografie – die laaste trek, ‘n nuwe begin (1999)

Andreas Frank: Der Transformationsprozeß in der Republik Südafrika unter besonderer Berücksichtigung der Wahlen von 1994. Afrikanistik-Diplomarbeit Universität Wien 1998

Heribert Adam, Kogila Moodley: The Opening of the Apartheid Mind. Options for the New South Africa (1993)

Imraan Coovadia: Transformations: Essays (2012)

Dan O’Meara: Forty Lost Years: The Apartheid State and the Politics of the National Party, 1948-1994 (1996)

Franz Ansprenger: Südafrika – Eine Geschichte von Freiheitskämpfern (1994)

Hermann Giliomee, Bernard Mbenga (Hg.): New history of South Africa (2007)

Patti Waldmeir: Anatomy of a miracle. The End of Apartheid and the Birth of the New South Africa (1997)

Willem de Klerk: F. W. de Klerk: The Man in his Time (1991). Das Buch seines Bruders

Allister Sparks: Beyond the miracle: Inside the new South Africa (2003)

Stephan Kaussen: Von der Apartheid zur Demokratie. Die politische Transformation Südafrikas (2003)

Saul Dubow: The African National Congress (2000)

Dickson A. Mungazi: The Last Defenders of the Laager: Ian D. Smith and F.W. de Klerk (1998)

Jessica Piombo: Institutions, Ethnicity, and Political Mobilization in South Africa (2009)

Bernard Lugan: Ces Français qui ont fait l’Afrique du Sud (1996)

Wilhelm Verwoerd, Charles Villa-Vicencio (Hg.): Looking Back Reaching Forward: Reflections on the Truth and Reconciliation Commission of South Africa (2000)

Hermann Giliomee: Die Afrikaners: ’n Biografie (2004)

John Allen: Rabble-Rouser for Peace: The Authorised Biography of Desmond Tutu (2006)

Andrew Reynolds (Hg.): Election ’94 South Africa: the campaigns, results and future prospects (1994)

Jakob Krameritsch (Hg.): Das Massaker von Marikana. Widerstand und Unterdrückung von Arbeiter_innen in Südafrika (2013)

Paul Drechsel, Bettina Schmidt: Südafrika. Chancen für eine pluralistische Gesellschaftsordnung · Geschichte und Perspektiven (1995)

Hermann Giliomee: The Last Afrikaner Leaders: A Supreme Test of Power (2012)

John Pilger: Freedom Next Time (2006)

Hermann Giliomee, Heribert Adam: The Rise and Crisis of Afrikaner Power (1979)

Martine Gosselink, Maria Holtrop, Robert Ross: Good Hope: South Africa and the Netherlands from 1600 (2017)

Merle Lipton: Capitalism and apartheid, South Africa, 1910-84 (1985)

Betty Glad, Robert Blanton: F. W. de Klerk and Nelson Mandela: A Study in Cooperative Transformational Leadership. In: „Presidential Studies Quarterly“ 27/3 (1997)

“Damals” 2/2000 (Jg. 32), Titelgeschichte(n) „Der Kampf um die Freiheit“. Südafrika im 20. Jahrhundert“

Ziemlich aktueller Artikel eines (weissen) südafrikanischen Journalisten – der aktuelle südafrikanische Präsident Ramaphosa, so dieser Du Toit, könne etwas von De Klerks Präsidentschaft lernen. „Today, South Africa is a democracy, with rights-based guarantees, but with social and economic problems as serious, if not worse, than when De Klerk was president.“

Zu den Seiten der TRC

Und, wer nach dem Lesen dieses Artikels ein Wissens-Quiz über De Klerk machen will…

Die Unterscheidung „links“ – „rechts“ als politische Richtungsbegriffe geht auf die Französische Revolution und die Entstehung der Nationalversammlung aus den Generalständen von 1789 zurück. Die Sitzordnung wandelte sich dort vom Abbild gesellschaftlicher Hierarchien zu einem der politisch-ideologischen Auseinandersetzungen. Auf der rechten Seite (vom Rednerpult aus gesehen) nahmen jene Abgeordneten Platz, die die Monarchie und das mit ihr verbundene gesellschaftliche System erhalten wollten, auf der linken Seite die Republikaner, Anhänger der Revolution; die „Extremisten“ dieser Lager aussen, die „Moderaten“ innen. Bald wurden die räumlichen Adjektive „links“ und „rechts“ substantiviert und man sprach von „la gauche“ (der Linken) und „la droite“ (der Rechten). Die wiederum in mehrere Gruppen/Flügel zerfielen, die sich in Klubs organisierten, wie Feuillants oder Girondisten. Das Ende der Revolution (und des Pluralismus) wird ja meist mit Napoleons „Militärputsch“ 1799 (Beginn seines Konsulats) angesetzt.(1) Doch unter der Herrschaft der Jakobiner (Jacobins, ein Klub der Montagnards) 1793/94 gab es schon mal eine rigorose Beschneidung des als legitim geltenden politischen Spektrums. Nach der Restauration (der absoluten Monarchie) 1814/15 kam es allmählich zu einer Revitalisierung von politischen Richtungen/Gruppen, in ggü der Revolutionszeit abgewandelter Form.(2)

In der Dritten Republik Frankreichs (ab 1870/71) entstanden „richtige“ Parteien, und diese definierten sich als „rechts“ oder „links“. Das Rechts-Links-Schema breitete sich von Frankreich aus aus, im Paulskirchen-Parlament von Frankfurt 1848 etwa wurde die Sitzordnung danach ausgerichtet. Das Schema hielt sich ja auch nach dem Übergang von lockeren Vereinigungen zu festen, institutionalisierteren Parteien. „Rechts“, „links“, „liberal“, „konservativ“ bedeutet aber nicht überall das selbe. Hier geht es also um Menschen, die von der linken auf die rechte politische Seite wechselten, in verschiedenen Zeiten, Ländern, Umständen.(3) In manchen Fällen war damit nicht nur ein inneres „Überlaufen“ oder ein Parteiwechsel verbunden, sondern eine tatsächlich, physische Abwanderung. In diesem Artikel geht es ja um militärische Desertionen und Ähnliches; diese weisen gewisse Parallelen zum Verlassen eines politischen Wertesystems auf. Wobei es von der Perspektive abhängt, ob es sich bei so einem Wechsel von Links nach Rechts um Apostasie, Verrat, Läuterung, Erweckung, oder etwas Anderes handelt.

Nun noch einige Abgrenzungen. Es geht hier nicht um die Querfronten-Thematik, also Zusammenarbeit von Rechts und Links, oder auch Berührungspunkte/Gemeinsamkeiten dieser Lager/Ideologien. Abzugrenzen von dem hier behandelten politischen Seitenwechsel sind auch innere Widersprüche Doppelbödigkeiten oder Heucheleien bei Linken. Also etwa bei den Schriftstellern John „Jack“ London und Charles Dickens, die sich zwar für Arbeiter und Arme engagierten, aber grosse Vorbehalte ggü Nicht-Weissen hatten; auch im Werk von Karl Marx oder dem Baron von Montesquieu findet man Rassismus und Kulturalismus. Von Justin Trudeau wird gesagt, dass er immer links blinkt und dann rechts abbiegt; bei Barack Obama war es ähnlich.(4) Von ihnen ist hier auch nicht die Rede. Amir Peretz sah sich anscheinend ausserstande, als (israelischer) Verteidigungsminister liberal/links zu agieren; ein Seitenwechsel ist nicht auszumachen.

Jemand wie Apartheid-Spion Williamson hat sich als links ausgegeben, um den Feind zu infiltrieren (siehe). Es gab in Frankreich Leute, die in der Résistance gegen Nazi-Deutschland aktiv waren, dann später bei der OAS(5), wie Jacques Soustelle; daraus ist aber zu schliessen, dass es in diesem Widerstand auch sehr Rechte gab. Sarrazin war nie ein Linker, wenn auch in der SPD. Brigitte Bardot, die sich mit 40 aus dem Filmgeschäft zurückzog, nahm sich zwar des Tierschutzes an, ist aber „ansonsten“ eine Rechte(6), und mit dem FN/RN-Mann und Algerien-Veteranen D’Ormale zusammen. Was Osama bin Laden betrifft, sein Islamismus war zwar (zumindest) faschistoid, aber er war „davor“ nie links, auch wenn es ein Foto mit ihm und seiner Familie in Schweden gibt, auf der er als „Blumenkind“ erscheint. Paul Hewson (Bono Vox) lobte zwar George Bush jun. (was der für Afrika getan hätte), wurde aber insgesamt nicht rechts. Der US-amerikanische Sänger Barry McGuire (“Eve of destruction”) wurde ein „wiedergeborener Christ“; die (Wieder-) Entdeckung von Religion ist zwar ein häufiger „Anlass“ für einen Rechtsruck, bei McGuire scheint sich ein solcher aber nicht vollzogen zu haben.

Bei Milton Friedman drehte sich ja Alles um die Wirtschaft (nannte sich selbst „Liberaler“, hob die Vorteile eines freien Marktes und die Nachteile staatlicher Eingriffe hervor), sind die Dinge auch etwas „anders“. Er war kein Seitenwechsler (obwohl einst Anhänger des New Deal, dann Libertarist). Er war jemand, der sich unpolitisch-liberal-expertenhaft gab (was Wirtschaft betrifft). Und der Mentor der Gruppe von chilenischen Ökonomen war, den nach der Chicagoer Schule benannten Chicago Boys, die in der Militärdiktatur Pinochets die Wirtschaftspolitik Chiles bestimmten. Bei seinem Besuch in Chile 1975 traf Friedman auch mit Pinochet zusammen. Orlando Letelier, ein Minister der von Pinochet gestürzten Allende-Regierung, warf Friedman in einem Beitrag für „The Nation“ 1976 in dieser Hinsicht Doppelmoral bei seinem Verständnis von „Freiheit“ vor.

Der West-Berliner Polizist Karl-Keinz Kurras (der 1967 einen Demonstranten erschoss) war ein vermeintlicher Rechter der in Wirklichkeit Stasi-IM und SED-Mitglied war. Es gibt Leute, die diesbezüglich nicht so leicht einzuordnen sind, wie Slavoj Žižek oder Dimitri Kitsikis. Es gibt solche bei denen man nicht erwarten würde (bzw nicht wusste), dass sie rechts sind, wie Alain Delon (der zwischendurch die FN unterstützte, meist aber Gaullist war).(7) Abzugrenzen vom Gegenstand des Artikels sind auch unterschiedliche politische Haltungen in einer Familie. Es gibt Menschen, die aus einer liberalen/linken Familie kommen und rechts wurden und es gibt das Umgekehrte. Was Ersteres betrifft, bei David Horowitz war nicht nur das gegeben, er wurde selbst ein Linker, vollzog dann einen Rechtsruck, daher ist er für den Artikel relevant. Die US-amerikanische Atheisten-Führerin Madalyn Murray-O’Hair (die durch einen ehemaligen Angestellten entführt und ermordet wurde) hatte einen Sohn, dieser wurde Aktivist einer evangelikalen Erweckungsbewegung – nicht relevant für hier.

Bei der Familie Meinhof-Röhl ist nicht relevant, dass sich das Paar entzweite oder die eine Tochter sowohl mit der Mutter als auch mit dem Vater politisch brach, sondern dass „er“ sich von Links nach Rechts bewegte. Das Paar Pflüger (CDU) – Mathiopoulos (SPD) ist also auch kein Thema für hier, ebenso wenig wie die Beziehung des österreichischen Grünen Voggenhuber mit einer Tochter des Rechtsextremisten Scrinzi, oder der One Night Stand der Schweizer Markus Hürlimann (SVP) und Jolanda Spiess-Hegglin (Grüne). Etwas Anderes ist auch die Wendung von Links zur Mitte wie sie zB Alfred Gusenbauer vollzog, oder die Übernahme (der Transfer) von Inhalten oder Slogans von der Linken zur Rechten. Die FPÖ drehte sich in mehrerer Hinsicht, in den 1960ern war sie noch für den Bau von Atomkraftwerken in Österreich gewesen, bei der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme von jenem in Zwentendorf 1978 schon nicht mehr, und das hat sie anscheinend beibehalten. Lockl von den Grünen vor ein paar Jahren über diese Gemeinsamkeit: „Die FPÖ ist gegen Zwentendorf – sollen wir jetzt dafür sein?“. Die Front National hat bei der französischen Präsidenten-Wahl 2012, als Marine Le Pen Dritte wurde, den Slogan „Debut d’une lutte prolongee“ aus dem französischen 1968 hervor geholt.

Ein Rechtsruck liegt auch nicht vor wenn sich Rechte nur neu ausgerichtet haben, wie die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) nach dem „Kalten Krieg“. In Brasilien hat die Partei MDB von Michel Temer das Lager gewechselt, von Links („Lula“, PT) nach Rechts (Bolsonaro), ohne sich aber zu verändern. Leute aus kommunistischen Systemen im Ostblock sind hierfür nur relevant, wenn sie überzeugte, aktive Kommunisten waren und sich dann auch aktiv nach rechts bewegten (zumindest rechtskonservativ wurden), nicht einfach (hier wie dort) mitliefen. Das betrifft sowohl jene, die zu Zeiten des Kalten Kriegs „rüber machten“(8) als auch jene, die nach der Wende aktiv wurden bzw blieben. Günter Schabowski oder Wolf Biermann finden sich daher in dieser Auflistung, Angela Merkel nicht. Sie war mehr oder weniger zwangsweise in FDJ usw aktiv, dann in der CDU, war dort und da Mitläuferin. Wendehälse dieser Art gab es viele, in verschiedenen „Metiers“, Agenten, Journalisten,… sie waren nicht wirklich links, wurden nicht wirklich rechts. Putin oder Jelzin werden hier auch als solche gesehen, sind aber -zugegebenermaßen – nahe bei den Grenzfällen (s.u.).

Angela Kasner als FDJ-Pionierin bei einer Zivilschutzübung 1972

Und, es kommen nur einigermaßen Prominente vor, also keine Arbeiter die bei Wahlen von der SPÖ zur FPÖ gingen, von der KPD zur NSDAP, der PCF zum FN, von der Linken zu AfD gehen,… Vielleicht wird’s mal einen Artikel über Leute geben, die sich in die Gegenrichtung bewegten, über Rechte die Linke wurden. In Rumänien etwa gingen rund um den 2. Weltkrieg Faschisten zu den Kommunisten, hauptsächlich von TPT zur PCR bzw FND. Oder Jürgen Todenhöfer, Gert Bastian, Carlos U. di Borbone-Parma, J. Manuel Zelaya, Ronald Kovic,… Reinhard Gehlen oder George Wallace bewegten sich von rechts aussen in die Mitte, wenn man so will. Für weltanschauliche Paradigmenwechsel gibt es natürlich unterschiedliche Gründe, wie auch die Umstände (und die Arten) des Wandels bzw Wechsels unterschiedlich sind. Der Spruch, wonach man kein Herz hat, wenn man mit 20 (Jahren) kein Sozialist ist, und kein Hirn wenn man es mit 40 noch immer ist, wird u.a. Winston Churchill zugeschrieben. Demnach ist der Wechsel nach Rechts Ausdruck eines Reifungsprozesses, Begeisterung für Linkes dagegen von jugendlicher Unerfahrenheit. Ja, das könnte von Churchill sein.

Klar ist, dass man „die Dinge“ mit zunehmendem Alter anders sieht, sich die Sicht und manche Eigenschaften verändern. Das muss aber nicht auf’s Konservativ-werden hinauslaufen, und bei diesem spielen oft spezifische zeitgeschichtliche Entwicklungen und individuelle persönliche Erlebnisse eine entscheidende Rolle. Bei den hier behandelten Personen (es sind Tote wie Lebende darunter) zeigt sich auch, dass die Verschiebung nicht immer gleich offensichtlich wird.(9) Noch eine Erklärung zur Reihung bevor es losgeht. Entscheidend ist die „Abenteuerlichkeit“, die Drastik des Wechsels, der Weg den eine/r zurück gelegt hat, nicht von wo er/sie kam oder wo er hin kam; und auch die allgemeine Relevanz der Person. In gewissen Fällen werden „Zusammengehörende“ (wie französische Ex-68er) gemeinsam behandelt bzw mit einem „Herausragenden“ dieser „Gruppe“ mit. Am Ende dann einige Grenzfälle, hauptsächlich Leute die nicht besonders links gewesen sind oder nicht besonders rechts geworden sind.

Oriana Fallaci war in der Resistenzia aktiv, dann als Journalistin und Autorin, die nicht zuletzt durch ihre Interviews bekannt wurde. Ihre frühere linke Haltung kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass sie mit ihrem Gesprächs-Partner Alexandros Panagoulis, der im Widerstand gegen die griechische Militärdiktatur aktiv war, dann (in den frühen 1970ern) eine Liebes-Beziehung hatte. Ihr Roman „Ein Mann“ („Un Uomo“, 1979) ist eine Pseudo-Biografie von Panagoulis; Fallaci gehörte zu jenen, für die sein „Unfalltod“ 1976 ein Anschlag von „Überbleibseln“ der griechischen Militärjunta war. Im September 1979 interviewte sie in Teh(e)ran Ruhollah Khomeini, der damals gerade die Macht im Iran „ergriff“. Sie nahm während des Gesprächs den „Tschador“ ab, es heisst er hätte nichts dagegen gehabt. Fallaci sah auch den letzten Schah (Mohammed Reza Pahlevi), den sie ebenfalls interviewte, als frauenfeindlich. Ab den 1980ern hatte sie Uni-Lehraufträge, lebte in der USA und Italien, verlor etwas von der Bedeutung die sie (hauptsächlich in den 70ern) gehabt hatte.

Ihre Krebserkrankung und die Anschläge vom 11. 9. 01 (v.a. in New York, wo sie vorwiegend lebte) hatten sicher einen Einfluss auf ihren Rechtsruck in den letzten Jahren ihres Lebens (sie starb 06), der sich sich bei ihr hauptsächlich über Anti-Islam ausdrückte. Sie schrieb 3 Bücher in dieser Zeit, die sich darum drehten. Das erste und wichtigste davon war “Die Wut und der Stolz” (2001 kam das italienische Original heraus). Auf Deutsch im List-Verlag erschienen, war es eines der meistverkauftesten Bücher seiner Zeit (00er-Jahre) im Westen. Es traf genau den Zeitgeist. Das was es zur Hetzschrift macht (und was nicht wenige Leute daran so schätzen), ist dass sie ihren Wunsch äussert, ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzuzünden, das “muslimische Wesen” als „hinterhältig“, „gewalttätig“, „verschlagen“ und „schmutzig“ beschreibt, davon schreibt dass sich „Allahs Söhne wie Ratten vermehren“,… Da traf sie eben nicht die Unterscheidungen die im Zeichen der Islamophobie sonst gerne hochgehalten werden, im anderen Chauvinismus.

Das „Eurabia“-„Konzept“ von Frau Littman („Bat Yeor“) hat sie übernommen (wie auch Anders Breivik), und die Behauptung, dass der Westen ggü Moslems zu tolerant sei, äussert auch sie. Fallacis letztes Buch vor „Die Wut…“ war, 1990, „Inschallah“ gewesen, ein Tatsachenroman/ZG-Roman, über Soldaten des italienischen Kontigents der multinationalen Streitkräfte im Bürgerkrieg des Libanon in den frühen 1980ern. Darin und früher hat sie Kritik am Westen und an Israel geübt, in den 2000ern dann zu ihrer IL-Kritik etwa gesagt „Ja, ich weiss, ich habe sie oft kritisiert, aber ich war in Wirklichkeit immer auf ihrer Seite“…und Yassir Arafat hätte beim Interview mit ihr eine feuchte Aussprache gehabt. Der islamische Fundamentalismus sei ein Wiederaufleben des Faschismus, den sie ihrer Jugend bekämpft hat(10). Sie hat aber auch das Europäische Sozialforum (ESF), als es 2002 in ihrer Heimatstadt Florenz/Firenze tagte, mit der einstigen Nazi-Besatzung der Stadt verglichen. Und, die italienische Regierung wurde in ihren letzten, „rechten“ Jahren hauptsächlich aus Forza Italia (FI), Alleanza Nazionale (AN), Lega Nord (LN) gebildet. Die AN geht auf die MSI zurück, in der sich nach dem Ende des Faschismus in Italien alte und neue Faschisten sammelten; die LN steht/stand in mancher Hinsicht noch rechts davon; und Ministerpräsident Berlusconi (AN) hat Mussolini mehrmals gelobt bzw verteidigt.

Politiker dieser italienischen Rechtsparteien bezogen sich öfters positiv/lobend auf Fallaci. Kritik an Berlusconi kam von ihr nur, nachdem sich dieser für eine Bemerkung über die „Überlegenheit westlicher Kultur“ über die islamische „entschuldigte“. Rechte Zeitschriften wie „Junge Freiheit“ oder „bahamas“ in Deutschland veröffentlich(t)en begeistert aus Fallacis Schriften. Sie kehrte nicht zur katholischen Kirche zurück, blieb Atheistin, nannte sich nun „christliche Atheistin“, nahm gegen Abtreibung oder Homosexuellen-Ehe Stellung. Und traf sich (2005) mit „Benedikt“ Ratzinger, pries ihn. Ratzinger hatte vor seinem Pontifikat, 2004, einen Essay geschrieben, „Wenn sich Europa selbst hasst“, der es Fallaci besonders angetan hatte. 2001 (mit den islamistischen Anschlägen, die eine neue „Ära“ einleiteten) bewirkte bei vielen Linken einen Rechtsruck, bzw liess diesen zum Vorschein kommen. Da war Fallaci nicht die Einzige; sie schaffte es zur Ikone der Linken, dann der Rechten (und für diese war es ein besonderer Triumph, das sie eine bedeutende Ex-Linke „einkassiert“ hatten). Noch etwas, was bei Fallaci beispielhaft war: auch ihre Rechtswendung war verbunden mit einer Wendung zu Pro-Israel (manchmal wurde diese Wendung auch so garniert).(11) Wenn man sich die Zeit nimmt, kann man vermutlich herausarbeiten, was bei ihr die Kontinuitäten von ihrer früheren in ihre späten Zeit sind.

Bei David Horowitz sieht man, dass Ex-Linke zumindest oft die schlimmsten Reaktionäre werden.(12) Das linke Engagement des US-amerikanischen Publizisten/ Propagandisten(13) gipfelte in der Unterstützung der Black Panther und dabei kam es zu seiner „Bekehrung“. Seine Eltern stammen aus dem Russischen Reich, Juden die in New York lebten, Lehrer waren und die kommunistische Partei der USA (CPUSA) unterstützten. Sie verliessen die Partei 1956 nach (aufgrund) der Abrechnung von Chrustschow mit Stalin, nicht etwa wegen Stalins Verbrechen (die nicht zuletzt an Kommunisten stattfanden). David Horowitz studierte wie sein Vater Englisch, ging nach Grossbritannien und arbeitete dort für Bertrand Russells Friedens-Stiftung. Ende der 1960er wurde er Mit-Herausgeber des neo-linken Magazins „Ramparts“, liess sich in California nieder. Und, in den frühen 1970ern schloss er Freundschaft mit Huey Newton, einem der Gründer der Black Panther Party (BPP).(14)

Einen Teil ihrer Arbeit widmete die BPP einer Schule für Arme in Oakland (wo die Organisation 1966 gegründet worden war). Horowitz vermittelte Newton eine (weisse) Buchhalterin namens Betty Van Patter, die für „Ramparts“ arbeitete. Van Patter hatte noch nicht lange bei den Schwarzen Panthern gerabeitet, als sie (Ende 1974) tot vor San Francisco treibend gefunden wurde. Sicher ist, dass sie ermordet wurde, sicher ist dass niemals jemand dafür belangt wurde. Es handelt sich um einen ungeklärten Mord, der ein politischer sein dürfte/könnte. Wie bei Bohdan Piasecki, Daniel Casolaro, Jill Dando, Alois Estermann,… Horowitz war (und ist) sich sicher, dass die „Panther“ dafür verantwortlich waren, und er ist da nicht der Einzige. Als mögliches Motiv wird angeführt, dass Van Patter Steuerhinterziehungen der BPP öffentlich machen wollte. Horowitz hatte sie zu den Panthern gebracht; für ihn wurde der Mord das was etwa für Koestler (>) und Andere die stalinistischen Schauprozesse in der Sowjetunion waren.

Horowitz wandte sich in der Folge von der BPP und allgemein von der Linken ab. Eher in der Form von Selbst-Bezichtigungen („Wie konnte ich nur…?“) als von Selbst-Lügen („Eigentlich war ich nie dafür!“). Auch wenn er über das „Kriegsverbrechens-Tribunal“, dass die Russell-Stiftung in den 1960ern bezüglich des US-amerikanischen Mitmischens im Vietnam-Krieg abhielt, dann Jahrzehnte später sagte, dass er Vorbehalte dagegen gehabt und nicht teilgenommen hätte.Weil er ein Abdriften der BPP in „Gangsterismus“ sah oder sich von ihr getäuscht, wie auch immer. Er hielt seine Umorientierung über ein Jahrzehnt „geheim“, angeblich weil er sich vor Repressalien fürchtete. 1976 war er ein Mitgründer des Magazins „In These Times“, das aber anscheinend bis heute links geblieben ist. 1987 sein coming out als Konservativer, mit der ersten „Second Thoughts Conference“, in Washington, zusammen mit Peter Collier, einem anderen rechtsgewendeten Ex-Linken. Für ihn war die Abwendung von der Linken ja auch eine Auseinandersetzung mit den stalinistischen Eltern; diese machte er auf dieser Konferenz zT öffentlich. Die Hinwendung zum Reaganismus bzw zum Hauptstrom der Republican Party war aber nur eine Zwischenstation, inzwischen ist er eigentlich noch viel weiter rechts.

Die Korrelation zwischen seinen kommunistischen Idealen und Anliegen der Afro-Amerikaner, des Anti-Rassismus, des globalen Südens, die er früher sah, sieht er noch immer, „nur“ aber nun ins Negative gedreht. Israel/Palästina wurde aber kein sehr wichtiges Anliegen für ihn, sein Focus liegt auf der USA. Und da auf Schwarzenrechtlern, Linken, Einwanderern (und jenen die sich für sie engagieren), Moslems. In Zeiten wie diesen kann man zumindest gegen Letztere politisch korrekt agitieren, man ist ja nur gegen Islamismus und so. Ein grosser Teil seiner Publikationen ist gegen die Linke (alte und neue) gerichtet, nicht zuletzt gegen Jene an US-amerikanischen Universitäten die er dafür hält. Er verteidigt und promotet etwa S. Jared Taylor, einen offenen Rassisten, über den man über höchstens eine Ecke bei Ku Klux Klan, stormfront.org, „white pride“ ist, und diese „Ecke“ ist Don(ald) Black; Horowitz kritisierte die USA auch als „anti-weiss“. 2018 verteidigte er zwar nicht das Lynchen von Afro-Amerikanern, attackierte aber eine Initiative die sich dem Gedenken an diese Opfer widmet, als „rassistisch“ und „anti-weiss“, behauptete dass ein Drittel der Lynch-Opfer in der USA Weisse gewesen seien.

Auf en.wikipedia haben organisierte Teams dafür gesorgt, dass Verschiedenes in einem kurzen Absatz mit dem Titel „Allegations of racism“ zusammengefasst ist… Horowitz, der mit einer Krauthammer verheiratet war(15), sieht sich nicht als Neokonservativer. Kam aber zu Zeiten des jüngeren Bush zu etwas Bedeutung. Er ist hauptsächlich über/ in sein(em) David Horowitz Freedom Center aktiv, und dessen Publikation, „FrontPage Magazine“. Auch über Webseiten wie „truth revolt“ (> Ben Shapiro) und „Discover the Networks“, Organisationen wie „Students for Academic Freedom„(16), Projektnamen wie „Terrorism awareness“. Eine kritische Auseinandersetzung mit Horowitzs gegenwärtigen Aktivitäten scheint das Buch „Cold Breezes and Idiot Winds. Patriotic Correctness and the Post-9/11 Assault on Academe“ von Valerie Scatamburlo-D’Annibale (2011) zu beinhalten.

Nach Horowitz gleich noch jemand, der sich bei den „Schwarzen Panthern“ engagiert hat und sie dann verliess, Leroy Eldridge Cleaver war aber länger dort und viel enger mit der Organisation verbunden. Wegen seines politischen Aktivismuses musste er die USA verlassen, vollzog nach seiner Rückkehr eine Rechtswendung, die ins Geschäftsleben, zu Reagans Republikanern und der Mormonischen Kirche führte. Cleaver war ein Führer der Black Panther Party, bekam die Funktionen des Minister of Information sowie Head of the International Section. Davor war er anscheinend bei den „Black Muslims“ (Nation of Islam) aktiv gewesen.(19) Im Frühling 1968, im Zuge der Unruhen nach dem Mord an Martin L. King, verübten die „Panther“ Cleaver und Robert Hutton einen Angriff auf eine Polizei-Station in Oakland (2 verletzte Polizisten); Hutton wurde getötet, Cleaver gefasst. Er konnte dann aber entkommen, zunächst nach Cuba, wo er etwa ein halbes Jahr verbrachte.

Bei der Präsidenten-Wahl 1968 wurde er dennoch von der Peace and Freedom Party (PFP) als Kandidat aufgestellt, konnte nur in einigen Bundesstaaten kandidieren aufgrund zu geringen Alters.(20) Cleaver wollte als seinen Vizepräsidentschafts-Kandidaten übrigens Jerry Rubin (s.u.). 1969, in dem Jahr, in dem FBI-Direktor J. Edgar Hoover die BPP die „grösste Gefährdung für die innere Sicherheit“ der USA nannte (als ob es keine handfesten Ursachen für diese Art des Aktivismus gegeben hätten) und sie in sein COunter INTELligence PROgram (COINTELPRO) aufnahm, das u.a. die Infiltration „solcher“ Organisationen umfasste, wurde Panther-„Führer“ Fred(erick) Hampton in seiner Wohnung in Chicago von Polizisten getötet. Cleaver zog 1969 von Cuba nach Algerien um. In dieser Zeit gehörte es in manchen Kreisen fast zum guten Ton, die Black Panther zu unterstützen, siehe Horowitz, und Leonard Bernstein hielt 1970 eine Benefizveranstaltung für sie ab; darüber hat sich Thomas „Tom“ Tom Wolfe in seinem Buch „Radical Chic & Mau-Mauing the Flak Catchers“ mokiert.

Zu Beginn der 1970er kam es zu einem grundlegenden Richtungsstreit unter den Führern der BPP, hauptsächlich zwischen dem exilierten Eldridge Cleaver (blieb anscheinend Herausgeber der „Panther“-Zeitschrift) and Huey Newton in der USA. Es ging hauptsächlich um die Notwendigkeit eines bewaffneten Kampfes (Aufbau einer Stadt-Guerilla), als Antwort auf COINTELPRO und andere Staats-Aktionen gegen sie; Cleaver befürwortete diesen, während Newton dafür plädierte, auf politischem und sozialem Weg um Verbesserungen für Afro-Amerikaner zu kämpfen. Hinzu kam, dass Cleaver starke Verbindungen zu globalen Gegnern des USA-Imperialismus aufbauen wollte. Er zog den Kürzeren, wurde aus dem Zentralkomitee der Partei ausgeschlossen, wurde in der Black Liberation Army aktiv, die ursprünglich der bewaffnete/paramilitärische Flügel der Partei gewesen war – inwiefern sich die BLA unter Cleaver und „Assata O. Shakur“ dann selbstständig machte, ist nicht ganz klar. Cleaver beschuldigte Newton, ein „Uncle Tom“ zu sein, der lieber mit Weissen kooperieren wolle als sie zu „stürzen“. Zu den internen Streitigkeiten (die die Gruppe schwächten) kamen noch jene aufgrund der Morde an Alex Rackley 1969 und Betty Van Patter 1974, die den „Panthern“ zur Last gelegt wurde.

Rackley, ein schwarzes Mitglied, soll von ihnen getötet worden sein, da er als Polizei-Spitzel verdächtigt wurde. Die Konflikte in der BPP ähneln in mancherlei Hinsicht denen im American Indian Movement (AIM), die etwas später losgingen, einer Organisation, die ebenfalls in’s Visier des CONINTELPRO genommen wurde. Die Black Panthers und die BLA gingen Bindungen mit diversen „antiimperialistischen“ Staaten und Organisationen ein, wie Cuba, Algerien (wo Cleaver von 1969 bis 1972 war), Nordkorea, China, Nord-Vietnam, PLO(19). 1972 bis 77 hielt sich Cleaver in Frankreich auf, wurde dort ein „wiedergeborener Christ“ und begann eine Modefirma. Dann kehrte er in die USA zurück (nach anderen Angaben bereits 1975). 1977 kehrte auch Newton zurück, der sich seit 1974 in Cuba aufgehalten hatte(20), weil er wegen Mordes gesucht wurde. Newton wurde in seinem Prozess freigesprochen, Cleaver kam nach einem „Deal“ bzw einer Reduzierung der Anklage mit Sozialarbeit davon.

Cleaver machte mit seinem Modelabel weiter, auch mit seinem Christentum, war in mehreren, hauptsächlich evangelikalen, Gruppen aktiv, auch in einem Zweig der „Moon-Sekte“. In diesen Jahren, den frühen 1980ern, löste sich auch das, was von der BPP noch übrig war, auf (1982)… 1983 schloss sich Cleaver dann der konservativen „Mormonen-Kirche“ (Church of Jesus Christ of Latter-day Saints) an. Damit nicht genug, wurde er auch noch aktiver Republikaner, ausgerechnet Cleaver, der Führer des radikalen Flügels der Panther. Landete dort, wo auch Horowitz damals war, bei Reagan, der 1967 als Gouverneur von Kalifornien ein Gesetz veranlasst hatte, das BPP-Mitglieder im Waffenrecht diskriminierte. Anscheinend hat Cleaver dann auch noch eine eigene Religion/Sekte gegründet, Eldridge Cleaver Crusades, eine Synthese aus Christentum und Islam. Seine letzten 10 Jahre, 1988 bis 1998, waren von Drogen, Gesetzeskonflikten, Krankheit gekennzeichnet. Newton ist 1989 von einem Drogendealer getötet worden. Von den BPP-Führern lebt nur noch Robert „Bobby“ Seale.

Der Neokonservativismus entstand Ende der 1960er, Anfang der 1970er, durch vormalige Linke/Liberale(21), die von der Democratic Party oder der „Wildnis“ links davon kamen. Irving Kristol, so eine Art Gründervater der Neocons, war ein Trotzkist gewesen; er sagte mal, der Neokonservative sei ein Liberaler, den die Realität heimgesucht habe (“a liberal who has been mugged by reality”). Bereits in den 1950ern entstand durch Ex-Kommunisten wie James Burnham die „National Review“, die zu einer Art Zentralorgan des Neokonservativismus wurde. Burnham, der in den 1930ern als trotzkistischer Philosoph aktiv gewesen war, war gewissermaßen ein Wegbereiter der Neocons. Die Neocons der ersten Generation setzten sich in den frühen 1970ern (zur Zeit der Präsidentschaft Nixons von der traditionellen Rechten) noch u.a. mit David Horowitz von der Neuen Linken auseinander… Damals war der Kalte Krieg das Ausschlaggebende.

Es stellt sich die Frage, ob die Neokonservativen durch ihre Rechtswendung (bzw Entstehung als solche) Pro-Israel wurden oder ob Sorge für Israel ihre Rechtswendung (mit) bedingte. Sicher ist, dass der Krieg 1967 viele Juden und Nicht-Juden (da hauptsächlich Rechte) „solidarisch“ mit Israel verband. Viele der Neocons der ersten Generation waren/sind Juden, und Israel wurde für diese „Bewegung“ ein wichtiges Anliegen, ist es bis zur Gegenwart geblieben. Paul Wolfowitz sprach sich in seiner Doktorarbeit in Politikwissenschaft an der Universität Chicago 1972, in der es um „Nuclear Proliferation in the Middle East: The Politics and Economics of Proposals for Nuclear Desalting“ geht, noch entschieden gegen eine atomare Aufrüstung Israels aus (die damals gerade zum Abschluss gekommen ist). Wurde erst in den Jahren danach jener „Falken“, als der er (als Funktionär der Bush-Regierung) bekannt wurde. Wolfowitz besuchte an dieser Uni noch einige Vorlesungen von Leo Strauss, einem (ebenfalls jüdischen) politischen Philosophen, der als ein Ahnvater der Neocons gilt. Mehr beeinflusst wurde Wolfowitz aber von seinem Doktorvater Albert Wohlstetter; ab dem Studium gingen Wolfowitz und Richard Perle gemeinsame Wege, so als Gehilfen beim rechten DP-Senator Henry Jackson.

Unter Bush dem Jüngeren kamen die Neocons dann zu Macht und Einfluss; grossteils nach den Anschlägen von 2001, also etwa ein dreiviertel Jahr nach Bush’s Amtsantritt (dem eine umstrittene Wahl zugrunde liegt); Wolfowitz war etwa Vize-Verteidigungsminister unter Bush, 01-05. Seit damals (10 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs) wird propagiert, dass die USA, der Westen und Israel auf einer Seite stünden, dem selben Feind gegenüber, dem Islamismus, bei gleichzeitiger Unterstützung Saudi-Arabiens. Neokonservative gibt es natürlich auch längst (zB) in Deutschland. Norman Podhoretz war nicht so links gewesen wie viele Neokonservativismus-Begründer, dennoch soll er herausgegriffen werden. Er wuchs in einer jüdischen Familie aus Osteuropa in New York auf. Die Familie war linksgerichtet, nicht religiös; dennoch machte er im tertiären Bildungsbereich auch eine jüdische theologische Ausbildung. Neben einem Abschluss in englischer Literatur. Dann, 1960, wurde er Chefredakteur von „Commentary (Magazine)“, der Zeitschrift des American Jewish Committee (AJC), blieb dies bis zu seiner „Pensionierung“ 1995, wurde dann anscheinend Herausgeber des Magazins.

Dass er nie wirklich links/liberal war zeigt sein “Essay” aus 1963 mit dem Titel “My Negro Problem – And Ours”. Er war in einem multikulturellen und ärmeren Viertel von Brooklyn aufgewachsen, konnte nicht verstehen was das Erbe der Sklaverei für eine Gesellschaft/ein Land tatsächlich bedeutet. Sein damaliger Freund war der 07 verstorbene Autor Norman Mailer(22), der war schon in den 1960ern talentierter und erfolgreicher. Das zeigte sich auch anhand von Podhoretz‘ Memoiren, “Making It“ (1967; wo er seinen Willen zu Erfolg, Geld, Einfluss bekundete). In den frühen 1970ern begann er sich gegen die bzw das Linke zu wenden, nahm „Commentary“ (das er in den 60ern etwas liberal gemacht hatte) mit mit ihm. Die USA befände sich im „Vierten Weltkrieg“ (Titel eines Buchs von ihm) gegen den „Islamofaschismus“, als nächstes solle der Iran drankommen (mit Krieg überzogen zu werden), Bush und er streuten sich gegenseitig Rosen(23), von Giuliani wurde er Berater,… Deshalb hat die Springer-„Welt“ auch einen Gastkommentar von ihm gebracht (Gerüchten zufolge nicht über sein/ unser „Negerproblem“); alles Andere ist ja „Antiamerikanismus“.

Podhoretz wurde einer der radikalsten Neokonservativen, die Wendung  an sich ist bei ihm nicht so abenteuerlich wie bei Anderen. Seine Tochter und noch mehr sein Schwiegersohn Elliott Abrams sind so radikal wie er (geworden), dieser Abrams auch noch um einiges mächtiger. Podhoretz endete als Cheerleader von Bush, Palin, Trump – letzterem hält er die Stange, während sich Bush, Wolfowitz, Romney, McCain, William „Bill“ Kristol(24) abwandten… Was sagte Podhoretz‘ früherer Freund Mailer (der gemäßigt links blieb) zu Bushs Irak-Krieg 03: „Fascism is more of a natural state than democracy. To assume blithely that we can export democracy into any country we choose can serve paradoxically to encourage more fascism at home and abroad. Democracy is a state of grace that is attained only by those countries who have a host of individuals not only ready to enjoy freedom but to undergo the heavy labor of maintaining it.“

Der australische Historiker Keith Windschuttle war in den 1960ern und 1970ern ein Angehöriger der Neuen Linken, ein Rechtsruck zeigte sich bei ihm mit dem Buch „The Media“, über die Medien in Australien. Während die erste Ausgabe 1984 noch für staatliche Regulationen im Medienwesen plädierte (das politische Programm der Rechten kritisierte), sah er in der dritten Ausgabe (1988) die Dinge anders: „Overall, the major economic reforms of the last five years, the deregulation of the finance sector, and the imposition of wage restraint through the social contract of The Accord, have worked to expand employment and internationalize the Australian economy in more positive ways than I thought possible at the time.“ 1994 stieg Windschuttle dann mit „The Killing of History“ in den Historikerstreit (history wars) um die Entwicklung Australiens seit der Ankunft der Briten 1788 (und was sie für die Aborigines und Torres Strait Islanders bedeutete/brachte) ein; seine Rechtswendung scheint also vor Beginn seiner Beschäftigung mit den Aborigines geschehen zu sein. Die history wars waren 1968 vom Anthropologen William Stanner angestossen/ losgetreten worden, als er in einer Fernseh-Sendung das australische Selbstverständnis (bzw die im Land vorherrschende Geschichtsauffassung) kritisierte.

Mit dem australischen Referendum 1967 wurde die Emanzipation der Aborigines (keine ideale Bezeichnung) in die Wege geleitet, konkret wurde damit eine Verfassungsänderung angenommen, auf deren Grundlage in den 1970ern Bundesgesetze kamen, welche die Lage der Ureinwohner verbesserten. Es ist kein Zufall, dass der Historikerstreit (der einer innerhalb der weissen australischen Gesellschaft ist) parallel zu dieser Gleichstellung auf Touren kam. Historiker (auch andere Wissenschafter sowie Journalisten waren beteiligt) stiessen mit ihren Bestrebungen zu einer Revision der australischen Historiographie klarerweise auf Widerstände. Der Historiker Geoffrey Blainey höhnte 1993 im Magazin „Quadrant“, es hätte sich mit den „neuen Historikern“ eine Geschichtsschreibung mit schwarzem Armband etabliert, was dem modern gewordenen Vorwurf des „Selbsthasses“ nahe kommt.(25) Es geht um den Charakter der Inbesitznahme und Besiedlung Australiens durch GB, inwiefern das friedlich geschah, schlechte Behandlung der indigenen Bevölkerungen Ausnahmen oder Regel war, ob evtl sogar ein Genozid vorliegt. Der Zeitraum der dabei behandelt wird, ist die Zeit der „Grenzkriege“, die die Ausbreitung der Weissen dort mit sich brachten, die etwa 150 Jahre vom späten 18. Jh bis zu den 1930ern. Aber die Diskussion betraf und betrifft natürlich die lebenden Aborigines und ihre Situation.

In „The Killing of History: How a Discipline is being Murdered by Literary Critics and Social Theorists“ (erste Auflage 1994) attackiert Windschuttle die australische Aufarbeitung der Massaker, Vertreibungen, Drangsalierungen,… der (bzw gegen) Aborigines, verteidigt die Praktiken und Ergebnisse der „traditionellen“ weiss-australischen Geschichtsschreibung. Er beschäftigt sich seither fast nur noch mit den Aborigines des Landes, bzw der Geschichtsschreibung sie betreffend. Wurde führend auf der „rechten“ Seite des „Geschichtskriegs“, neben Geoffrey Blainey; von der „Gegenseite“ sind Henry Reynolds oder Stuart MacIntyre zu nennen. Es ist diese Auseinandersetzung eine unter „weissen“ Australiern; was sie jedenfalls gebracht hat, ist eine gewisse Integration der Indigenen/Aboriginals in die australische Geschichte, ein anderer Status als geschichtslose unterworfene Objekte für sie, zumindest eine gewisse Anerkennung der Verbrechen an ihnen. Die Geschichtskriege um die (Neu-) Beurteilung der Vergangenheit betreffen natürlich auch die Identität Australiens, seinen Charakter, können deren/dessen Neudefinition bewirken, die Anerkennung dass das Land mehr als nur die britische(n) Tradition/ Wurzeln hat.

Die Auseinandersetzung ist so politisch, dass sich Politiker in sie eingeschaltet haben, voran John Howard (Liberal Party/ LP), Premierminister 1996–2007, der natürlich für die konservative Seite Partei ergriff, die dem Magazin „Quadrant“ nahe steht.(26) Von der Australian Labor Party (ALP) hat sich dazu v.a. Ex-Premier Keating zu Wort gemeldet. Mit der Haltung zu den Aborigines bzw zu einer gemeinsamen Geschichte mit ihnen korrelieren in Australien für gewöhnlich eine Reihe weiterer Standpunkte, entlang der Links-Rechts-Scheide.(27) Der erste Band von „The Fabrication of Aboriginal History“ von Windschuttle kam 2002 heraus. Darin beschuldigt er „linke“ Historiker, Quellenmaterial „verdreht“ zu haben, um ihre politische Agenda zu stützen. Sich und die mit ihm „assoziierten“ Historiker sieht er auf der Seite der unvoreingenommenen Geschichtsforschung.

Klaus R. Röhl, der deutsche Historiker und Publizist, war ja privat und politisch in den 1960ern mit Ulrike Meinhof zusammen, zusammen brachte man die Zeitschrift „Konkret“ und Zwillingstöchter hervor.(28) Man übte radikale Kritik an der BRD, hatte Einfluss auf die „APO“ (die hauptsächlich von Studenten getragen wurde). 1964 die Trennung von „konkret“ von der DDR bzw der (damals illegalen) KPD, ’67 die Trennung zwischen Röhl und Meinhof (68 Scheidung), 69 jene Meinhofs von „konkret“. Während Röhl in Hamburg um die Leitung der linken Zeitschrift kämpfte, zog Meinhof mit den Zwillingstöchtern Bettina und Regine nach West-Berlin, ging auch politisch eigene Wege. Meinhof beteiligte sich 1970 an der Befreiung des zuvor als Kaufhausbrandstifter bekannt gewordenen Andreas Baader, ging in den Untergrund, schloss sich der kurz danach gegründeten „Roten Armee Fraktion“ (RAF) an; Röhl kritisierte diesen Weg von Teilen der „Neuen Linken“ zur Gewalt (mit Repräsentanten des Systems, oder was dafür gehalten wurde) entschieden. 

Röhl musste 1973 „konkret“ verlassen, bald danach wurde die Zeitschrift eingestellt; 1974 kam es zu einem Neustart unter Hermann Gremliza. Röhl machte weiter als leitender Redakteur bei anderen linken Magazinen, „das da“ und „Spontan“. Wann er genau sein Geschichte-Studium begann, ist nicht so einfach zu eruieren, möglicherweise war er auch ein „Ultra“-Langzeitstudent, dessen Studienzeit sich über Jahrzehnte hinzog. Mit der Trennung von „konkret“ scheint bei Röhl jedenfalls die politische Kehrtwende eingeleitet worden zu sein. Und, 1993 schloss er sein Studium bei Ernst Nolte an der FU Berlin mit einer Dissertation über „Nähe zum Gegner. Die Zusammenarbeit von Kommunisten und Nationalsozialisten beim Berliner BVG(29)-Streik von 1932“ ab. Dass diese Kehrtwende damit zu einem Abschluss gekommen ist, zeigt sich auch durch das Buch „Linke Lebenslügen“, das 1994 von ihm herauskam, auch weil er dort schrieb: „Im Sommer 1987, zwei Jahre vor der Wende, habe ich angesichts der maßlosen und ungerechtfertigten Kampagne gegen Ernst Nolte beim sogenannten Historikerstreit‚ an diesen geschrieben und ihm den Vorschlag gemacht, solidarisch, gewissermaßen demonstrativ bei ihm zu promovieren. Die Wahl des Doktorvaters war also keineswegs ein Zufall.“

Hier sieht man auch schön, dass Orientierung an früheren Positionen ein Charakteristikum dieser „Gewendeten“ zu sein scheint, man dreht sich in gewissen Fragen um 180°, wie Röhl zu Nolte. Er sieht sein Schreiben auch als „Aufklärung“ über die „tiefgreifenden, zum Teil verheerenden Folgen der kommunistischen und linksutopischen Aktivitäten, an denen ich als Herausgeber und Kommentator beteiligt gewesen war“. 1994 war er einer der Autoren des Sammelbands „Die selbstbewusste Nation“, 1995 trat er der FDP bei. Er engagierte sich dort im nationalliberalen Flügel der Partei um Rainer Zitelmann, Alexander von Stahl, Heiner Kappel („Liberale Offensive“). Mit Zitelman sowie weiteren Springer-„Welt“-Journalisten (Ulrich Schacht, Heimo Schwilk) initiierte Röhl in diesen Jahren „Aufrufe“ deutsch-nationalen Charakters. Röhl, der aus Westpreussen ist, schreibt heute u. a. für die „Preußische Allgemeine Zeitung“ (ehemals „Ostpreußenblatt“). Nun ja, er wurde weniger „transatlantisch“ (oder „israel-freundlich“) als deutsch-national, weniger verlogen als so manche Schreiber gerade bei „Die Welt“… Missfelder oder Stürmer propagier(t)en eben einen anderen National-Chauvinismus, einen der auf einer breiteren Grundlage steht. Viele, wenn nicht die meisten, 68er sind reaktionär geworden, in der einen oder anderen Form, es kommen auch noch welche vor, hier (ausserdem  „Anti“Deutsche, Ex-Grüne); Röhl ist nicht so rechts geworden wie Rabehl oder Mahler aber mehr als Aust, Enzensberger oder Schily, und offener rechts als die etwas jüngeren Küntzel oder Ditfurth.

Der Kanadier Patrick Moore war Umweltaktivist, einer der Greenpeace-Mitbegründer, bis 1986 Präsident von Greenpeace Canada. Es heisst, er begann mit der Politik zusammen zu arbeiten, um seine Vorstellungen von Umweltschutz umzusetzen, was ihn in Konflikt mit Greenpeace brachte. 1986 verliess er die Organisation bzw wurde dazu aufgefordert; wie bei Trennungen im Schlechten auch privat so üblich, stellte er dies dann so dar, dass er von sich ausgegangen sei („Extremisten“ hätten Greenpeace übernommen). Laut Greenpeace war es anders. Moore wechselte die Seiten, stellt sich als „Umweltexperte“ Allen gegen Geld zur Verfügung, wurde Lobbyist/ PR-Berater/ „Botschafter“ v.a. der Atom-, Papier- und Gentechnik-Industrie. Bei David McTaggart, einem anderen Mitgründer von Greenpeace war es umgekehrt, er war ein Unternehmer bevor er sich dort engagierte. Moore bestreitet einen Einfluss des Menschen auf den Klimawandel, dafür gäbe es keinen wissenschaftlichen Hinweis; ausserdem seien CO2-Emissionen gut für den Planeten und die Menschheit. Er ist Kritiker von GP geworden, nennt die Umweltbewegung „destruktiv“ (sie hätte falsche Richtung eingeschlagen, nicht er). Er versteht sich weiterhin als Umweltschützer bzw gibt sich als solcher aus (ist als solcher zu buchen), gründete 1991 das PR-Unternehmen Greenspirit, das seine Aktivitäten koordiniert.

Arthur Koestler (Artúr Kösztler) wurde 1905 in Budapest geboren, war Sohn eines deutschsprachigen jüdischen Industriellen, erlebte als Kind in Ungarn das Ende der Habsburger-Monarchie (Österreich-Ungarn) 1918, die kommunistische Revolution unter Béla Kun (Kohn) 1919, und die rumänische Besetzung von Budapest im selben Jahr. In diesem Jahr zog die Familie nach Wien und er studierte dort ab 1922 parallel etwas Technisches und etwas Geisteswissenschaftliches. Wurde während seines Studiums Mitglied der schlagenden jüdischen Studenten-Verbindung „Unitas“. Er ist einer Jener, die als Geistesgrössen gelten, die ihr Studium abgebrochen bzw nicht abgeschlossen haben. Köstler tat das 1926, als er in das damals britische Palästina ging, um am zionistischen Projekt dort mitzumachen. Er kam zunächst in einen Kibbuz in Nord-Palästina („Heftziba“), der einige Jahre zuvor entstanden war, durch Juden aus Mitteleuropa wie ihm; hielt sich etwa ein Jahr in Palästina auf. In dieser Zeit begann er zu schreiben, Reportagen, die in Deutschland veröffentlicht wurden. Dorthin, nach Berlin genau, zog er 1930, schloss sich der KPD an, reiste in den Spanischen Bürgerkrieg, berichtete von ihm,…

Unter dem Eindruck der stalinistischen „Säuberungen“ und Schauprozesse in der Sowjetunion 1936 bis 1938 (die sich hauptsächlich gegen „abweichlerische“ Kommunisten richteten!) wandte sich Koestler vom Kommunismus ab. 1939/40 reiste er über Frankreich nach GB aus. In den Jahren des 2. WK diente er im britischen Militär, begann auf Englisch zu schreiben, besuchte wieder Palästina – Köstler entschied sich schliesslich für Grossbritannien als sein Land der Zukunft, eine gewisse Verbindung zum revisionistischen Zionismus (> Herut, Likud) blieb. Das englische Original von „Diebe in der Nacht“ kam 1946 heraus, ein Roman der teilweise auf seinen eigenen Kibbuz-Erfahrungen basierte, und der den entstehenden zionistisch-arabischen Konflikt aus zionistischer Perspektive darstellt. Irgendwann wandte er sich von Belletristik und Politik/Zeitgeschichte ab und naturwissenschaftlichen und parapsychologischen Themen zu, hier ist „Roots of Coincidence“/ „Wurzeln des Zufalls“ (1972) hervor zu heben. Eines seiner letzten Bücher war „Der dreizehnte Stamm“ (1976), in dem er den aschkenasischen Juden eine Abstammung von den Khasaren statt von den alten Israeliten zusprach. 1983 verübte er mit seiner Frau angesichts schwerer Krankheiten gemeinsamen Selbstmord in London. Posthum kamen Vergewaltigungsvorwürfe ihm ggü.

Benny Morris war einer der „neuen Historiker“ Israels, die mutig die Massaker und Vertreibungen der Nakba (die um die israelische Staatsgründung herum statt fand) untersuchten. Er wurde linientreuer israelischer Historiker, steht nun rechts der Mitte, rechtfertigt längst Vertreibungen von Palästinensern. Aber das ist längst nicht Alles. Auf einer dropthebomb-„Konferenz“ 08 hat Morris (wie auch schon 07 in “Die Welt”) einen präventiven atomaren Angriff Israels auf den Iran gefordert, wegen dessen Atomprogramm. Wobei, die Einladung durch Grigat & Konsorten allein schon aussagt, wo und für was er steht. ”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach“, so Morris damals über einen Nuklearkrieg gegen Iran. Die Iraner hätten das Regime zu verantworten und seien damit selber schuld. Widersprochen hat ihm dort niemand. Dort waren auch Leute, die propagieren, dass die Iraner eigentlich für „ihre Befreiung“ seien, was auch auf ein Kriegs-Plädoyer hinausläuft, nur verkaufen ihn diese nicht als „Strafe“ für Iraner, sondern „Befreiung“. Von ihm kommen am laufenden Band Kommentare, Prophezeiungen, Einschätzungen, die sich an Zynismus und an Rassismus und Verachtung ggü „Arabern“ (oder was er dafür hält) übertreffen.

Morris selbst hat seinen „Wandel“ so kommentiert, dass er seine Ansichten nach der palästinensischen Zurückweisung des Barak-Angebots in Camp David 2000 und dem Beginn der Zweiten Intifada bald danach geändert hätte. „My turning point began after 2000. I wasn’t a great optimist even before that. True, I always voted Labor or Meretz or Sheli and in 1988 I refused to serve in the territories and was jailed for it, but I always doubted the intentions of the Palestinians. The events of Camp David and what followed in their wake turned the doubt into certainty.“ Die Palästinenser wollten Alles, habe er da gewusst. Während dieser Intifada bezeichnete er die Palästinenser dann als “wilde Tiere”, die weggesperrt werden müssten, am Holocaust haben sie praktischerweise auch Mitschuld,… Bei Morris sieht man, wie relativ das ist, was Windschuttle postuliert hat (und für sich in Abrede stellt), bei Morris änderten sich mit den Ansichten über die Palästinenser die „Forschungsergebnisse“, die „Befunde“ über sie(30), seine Texte sie betreffend. Dazu auch hier einige grundlegende Gedanken.

Ilan Pappe, einer jener neuen Historiker, die mutig weiterforschten in der eingeschlagenen Richtung, sagte über Morris, dieser habe dem Druck der in Israel auf ihn ausgeübt wurde, nachgegeben, darum gebeten, wieder in den Stamm aufgenommen zu werden, mache nun ein Mea culpa. Pappe selbst hat Israel unter diesem Druck verlassen. Jedenfalls wäre Morris bei Weitem nicht der einzige Zionist, der um 2000 seine Haltung (ggü Palästinensern usw) änderte, bzw bei dem „aus Zweifeln Gewissheit wurde“, die sich dann rühm(t)en wie grosszügig und gleichzeitig naiv sie doch gewesen seien.

Sita Ram Goel (1921–  2003) war ein indischer Autor und Aktivist. Dass er Hindu war, hatte für ihn lange kaum eine Bedeutung. Er fühlte sich in seiner Jugend zu den Lehren von Karl Marx hingezogen, wollte der indischen kommunistischen Partei (CPI) beitreten. So wie Sri Aurobindo (Ghose) den Schlüssel zu einer harmonischen menschlichen Persönlichkeit bot, dachte Goel damals, stand Marx für ein harmonisiertes soziales System. Er stammt aus dem Punjab, studierte Geschichte (mit Abschluss) in Delhi, zog dann nach Kalkutta/ Kolkata – alles Gebiete in denen Hindus, Moslems und Andere zusammen lebten. Lange kämpfte man zusammen um die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien. Gleichzeitig wurde aber eine Entzweiung zwischen Hindus und Moslems stärker, zwischen dem Indian National Congress (der eigentlich auch die Anliegen der moslemischen Inder vertrat) und der All-India Muslim League.(31) Nach dem Wahlsieg der Labour Party unter Attlee in GB und der Wahl zur Legislativversammlung in Indien jeweils 1945, war die Unabhängigkeit Indiens bereits ziemlich nahe.

Mitte ’46 wurde in den Regionen Britisch-Indiens gewählt(32), auf Grundlage dessen dann eine Verfassungsgebende Versammlung zusammengestellt, aus der eine provisorische Regierung gebildet wurde. Es gab im Sommer 46 Streit um einen (möglichen) Vorrang des INC bzw der Hindus, die Muslim League unter Mohammed A. Jinnah boykottierte die Konstituante.(33) Jinnah rief Moslems in Indien für den 16. August zum „Direct Action Day“ auf, der eigentlich aus Streiks und Demonstrationen bestehen sollte. In Bengalen, neben Punjab jenes Gebiet, in dem Hindus und Moslems am stärksten mit einander „verwoben“ waren, wurde der Tag zu einer der Gewalt zwischen den Volksgruppen, hauptsächlich in Kolkata/Kalkutta, wo sich damals ja auch Goel aufhielt. Es ist natürlich umstritten, welche Seite angefangen hat, welche sich nur verteidigte und wer die meisten der an die 10 000 Opfer zu beklagen hatte. Der Tag war für die weitere Geschichte Indiens einschneidend und entscheidend; hier erst legte sich die Muslim League definitiv auf die Forderung nach einem eigenen Staat für Moslems in Indien fest, ab hier war nicht mehr die Unabhängigkeit im Vordergrund sondern die Teilung.(34) So auch beim Engagement von Mochandas Gandhi.

Sita Goel schrieb später, er wäre am 16. August 1946 von einem moslemischen Mob gelyncht worden, wenn er sich nicht als Moslem verstellt hätte, was ihm durch seine Beherrschung von Urdu gelang.(35) Am Tag danach brachte er sich und seine Familie in Sicherheit, so Goel in seiner Autobiografie „How I Became a Hindu“ (erstmals 1982 veröffentlicht). Er wurde ausgesprochen anti-kommunistisch und zunehmend hindu-nationalistisch (auch unter dem Einfluss von Ram Swarup). Die meisten seiner Bücher schrieb er auf Englisch, weniger auf Hindi. Hervor zu heben ist etwa „The Story of Islamic Imperialism in India“ (1. Auflage 1982). Auf der en.wikipedia-Seite über Goel sind am Ende bei „See also“ Verweise zu Koenraad Elst, Oriana Fallaci, Robert Spencer, „Ibn Warraq“, Andrew Bostom, Srdja Trifkovic,… Man will aus ihm eine Ikone der Islamophobie machen. Über die Fallstricke bei der diesbezüglichen Einbindung des Hindu-Nationalismus steht in den Antisemitismus-Artikeln schon Einiges. Evangelikale wie „Pat“ Robertson können ja auch Hinduismus und Buddhismus nicht akzeptieren, Goel wiederum hat sich als Kritiker des Christentums in Indien und generell hervor getan(36); Vielen in diesen Milieus sind Inder an sich zu „orientalisch“ und „dunkel“,… Es ist im Grunde das selbe wie mit Griechen ggü Türken, es gibt (westliche) Versuche, sie als „positive Antithese“ zu deklarieren, sie werden dann aber doch immer wieder als ihnen (den Türken) zu ähnlich aufgefasst.(37) Goel scheint sich nicht gedreht zu haben, um jemandes Anerkennung zu bekommen, schon gar nicht von Rassisten aus dem Westen.

Der politische Philosoph Pascal Bruckner, ein Franzose, ist etwas zu jung um ein bedeutender 68er zu sein, wurde in diesem Milieu aber politisch sozialisiert, blieb ihm die 70er hinweg treu. Er ist einer der Ex-68er die sich nach Rechts drehten. 1983 kam ein Buch von ihm auf den Markt, „Le Sanglot de l’Homme blanc“ (Die Tränen des weissen Mannes), in dem er eine „antiwestliche“, „antiweisse“ Haltung in der Linken beklagt. Der Titel ist abgeleitet von Ruyard Kiplings Gedicht „Des Weissen Mannes Bürde“, von dessen Geist ist Bruckner nicht so weit weg; damit hat er u.a. Michel Thomas („Houellebecq“) beeinflusst. Zu Bedeutung kam er erst als Rechter, als „neo-reac“ der er geworden ist (so etwas wie „Neocons“ in Frankreich), als Abendlandretter gegen Farbige, Moslems, Linke, mit/für Zionisten. Er spricht/schreibt von „islamo-gauchisme“, einer „Allianz“ zwischen der areligiösen (westlichen) Linken und dem Islamismus. In „La Tyrannie de la Pénitence: Essai sur le Masochisme Occidental“ beklagt er die Haltung westlicher Intellektueller, die aus „Schuldgefühl“ ggü Vergangenem den Westen für Massen-Einwanderung öffnen würden, von Afrikanern und Moslems, welche eben diesen Westen (von „Innen“) zerstören könnten.

Das „Schuldgefühl“ sei natürlich auch unangebracht, und eine damit verbundenen „Romantisierung“ und „Viktimisierung“ des „Südens“. Inzwischen sei „West-Hass“ etwas zutiefst westliches. Gelobt sei die USA, wo man, anders als in Europa, noch nicht in „Selbsthass“ versunken sei. Israel werde vom/im Westen ungerecht negativ beurteilt/behandelt, aus diesem „Schuldkomplex“ heraus – den Holocaust versucht er nicht den Moslems „überzustreifen“, nein, aber jene die Israel kritisierten (im Westen), arbeiteten an einer Befreiung dieser historischen Schuld. Wenn er schreibt, Europa sei „der kranke Mann des Planeten“, könnte das auch von einem Islamisten sein. Wie er jetzt Westen/Europa definiert (gehört Russland dazu?,…), ob er Frauen- oder Homosexuellenanliegen als „westlich“ sieht oder schon eine „Abweichung“ von den westlichen Werten, oder Gruppen wie AfD/PEGIDA als in seinem Sinne..?

Alain Finkielkraut war in seiner Jugend in kommunistischen Gruppen aktiv, wurde ganz rechts (auch ein Abendlandretter), garniert seine reaktionären Haltungen wenigstens nicht mit Frauenrechtsengagement, steht zu einer gewissen Frauenfeindlichkeit. Bruckner arbeitet(e) passenderweise mit Finkielkraut zusammen, bläst in das selbe Horn wie Alexandre del Valle oder Pierre-André Taguieff. Ähnlich wie Bruckner hat sich André Glucksmann entwickelt, weniger reaktionär wurde Bernard Kouchner (der im französischen 68 schon wichtig gewesen war), bei Stéphane Courtois, dem Ex-Maoisten, dreht sich heute Alles um Antikommunismus (ohne Abendlandrettung), Renaud Camus oder Alain de Benoist(38) waren nie links. Im „Cercle de l’Oratoire“ werden sich die meisten der Genannten wahrscheinlich treffen. Regis Debray wurde ein moderater Konservativer bzw Mitte Links, Alain Geismar ist anscheinend nicht konservativ/rechts geworden.

Unter jenen Ostblock-Überläufern, die das nicht aus „Pragmatismus“ taten, befindet sich Arkady Shevchenko. Der Ukrainer machte Karriere im diplomatischen Dienst der SU, wurde Vize-Generalsekretär der UN, Berater von Aussenminister A. Gromyko. Er wurde zur Zeit der Annäherung zwischen Ost- und Westblock in den 1970ern mit der SU-Politik unzufrieden; erwog Rücktritt und einen Versuch der Richtungsänderung in der SU, nahm dann aber mit der CIA in der USA Kontakt auf – die wollten, dass er weitermachte… Nachdem er 1978 in die SU zurückbeordert wurde, quittierte er den Dienst, blieb in der USA, machte sein Überlaufen öffentlich. Er war wahrscheinlich der höchstrangige Ostblock-Funktionär der das getan hat. Seine Frau in der SU machte nicht mit, starb dann unter ungeklärten Umständen; er bekam einen Prozess in Abwesenheit. Er starb 1998 in der USA an Leberzirrhose, nachdem er eine Autobiografie heraus gebracht hatte.

K. Wolf Biermann ist in Hamburg geboren, jüdischer Herkunft, wuchs in der DDR auf; nach einer Konzerttour durch die BRD 1976 wurde dem regimekritischen Liedermacher die Wiedereinreise verweigert und er ausgebürgert. So landete er wieder in Hamburg. In einem Interview hat er davon geredet, dass er auch danach noch an den Kommunismus geglaubt hat, irgend einen „wahren“, der im Ostblock nicht verwirklicht war – eigentlich ist nur dadurch hier nennenswert. Erst durch die Begegnung mit Manes Sperber in Paris sei ihm da etwas klar geworden. Er wurde ein spiessiger Ex-Kommunist, der es sich rechts gemütlich gemacht hat. 1998 trat er bei der CSU-Klausurtagung in Kreuth auf, am Kamin vor Waigel & Co. Merkel stuft er als nahezu ideale Politikerin ein, welche höchstens den Fehler gemacht habe, dem „Mehrheitsdruck des Mobs“ beim Atomausstieg nachzugeben. Zu 25 Jahre Mauerfall 2014 hetzte er im Bundestag gegen die Linke, redete vom „Sieg über die Drachenbrut“.

Comer Vann Woodward (1908 – 1999) war ein US-amerikanischer Historiker, der sich hauptsächlich mit den Südstaaten der USA und mit Rassenbeziehungen beschäftigte. Woodward war ein Linksliberaler, Aktivist für Bürgerrechte. Von Bedeutung war v.a. sein Buch „The Strange Career of Jim Crow“ (1955), in dem er das späte 19. Jh als Beginn der Rassentrennung in den Südstaaten ausmachte. Es heisst, aufgrund von Attacken von Neuen Linken auf ihn in den späten 1960ern „rutschte“ er nach Rechts. Er engagierte sich gegen Kommunisten, im historischen akademischen Betrieb. Aber auch bezüglich des Rassischen änderte er seine Haltung, er schrieb ein Lob auf Dinesh D’Souza’s „Illiberal Education: The Politics of Race and Sex on Campus“. Es dürfte ihm allgemein um bzw gegen „politische Korrektheit“ gegangen sein.

Die deutsch-österreichischen „Anti“deutschen entstanden Anfang der 1990er, was schon mal eine Rechtswendung war (mehr als ein Richtungswechsel innerhalb der Linken). 2001 kam es zu einer Radikalisierung, zum Bruch mit anderen Linken, in vieler Hinsicht einer Abwendung vom Linken, seither zu weiteren Rechtsrucken.(39) Auch „A“D-„Vordenker“ bzw Bezugsfiguren wie „Jean Amery“ (Hans Mayer) waren gewendete Linke. Die Führungsfiguren der ersten „A“D Anfang der 1990er kamen vorwiegendst vom (maoistischen) Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) und anderen K-Gruppen, so wie Matthias Küntzel. Auch hier stellt sich die Frage, ein Bruch mit der Ideologie oder konsequente Weiterentwicklung? Küntzel beansprucht, als Wissenschafter ernst genommen zu werden. Hans-Gerhart „Joscha“ Schmierer war im SDS führend tätig, dann im KBW (bis zu dessen Selbstauflösung 1985); er ging zu den Grünen, wurde auch eine Art „A“D. Schmierer kam unter „Joschka“ Fischer ins Aussenministerium, versuchte, seine früheren Positionen umzudeuten, und lobte George W. Bush.

Die „bahamas“ hat ja bereits 09 die Bezeichnung „antideutsch“ von sich gewiesen (> AS IV) und Manche in dem Milieu stehen auch dazu, rechts geworden zu sein, andere (noch) nicht. Deutschland-schelte hatte dort jedenfalls immer die Funktion einer Tarnung, für einen offenen, neuen, hässlichen Deutsch-Nationalismus. Sören Pünjer promotet zB die rechtsextreme britische Hooligangruppe English Defence League wie auch die FPÖ, bezeichnet Neofaschisten als „von links Getriebene“, was Demonstrationen gegen sie „immer lächerlicher und überflüssiger“ mache. Maul schwärmt für die AfD, sieht das ja nicht als „Übertritt“, im Gegenteil… An solchen Fällen sieht man, wie nahe „Anti“deutsche und Recht(sextrem)e einander sind.(40) Aber es gibt ja noch immer jene „Anti“deutschen, die sich als „Linksradikale“ sehen bzw präsentieren, Seite an Seite mit den offen Rechten agieren, so wie bei den drop-„Konferenzen“.(41)

Der Engländer Christopher Hitchens durfte als Journalist um die Welt reisen und seine Meinungen zu Geschehenem an Zeitungen schicken, die es veröffentlichten. In Zypern lernte er eine Frau kennen, mit der er dann Kinder hatte, in der USA blieb er länger, wurde auch ihr Staatsbürger. Politisch gehörte er in den 1960ern der Labour Party an, wurde mit Anderen ausgeschlossen, angeblich wegen Gegnerschaft zur Unterstützung des Vietnam-Kriegs durch Premierminister Harold Wilson. Hitchens war dann in kleinen trotzkistischen Gruppen aktiv. In späteren Jahren schrieb er hauptsächlich für die liberale amerikanische Wochenzeitschrift „The Nation“, Bücher, hielt Vorträge. Noch 2001 kam von ihm ein kritisches bzw angemessenes Buch über Henry Kissinger („The Trial of Henry Kissinger“) heraus; der sich nicht zuletzt dadurch schuldig gemacht hat, dass er den Pinochet-Putsch in Chile, am 11. September 1973, unterstützt/ermöglicht hat. Nach den Anschlägen vom 11. 9. 2001 verliess er „The Nation“, ätzte dabei, dort sähe man John Ashcroft  (Bushs Justizminister) als grössere Plage denn Osama bin Laden.

Hitchens sprach/schrieb von „Faschismus mit islamischem Gesicht“, der von einer interventionistischen Politik (also einer Anglo-Weltpolizei) herausgefordert werden sollte. Er stellte sich auf die Seite von Bush und den Neokonservativen, begrüsste den Irak-Krieg, distanzierte sich von der Linken, die er in einer Art „Appeasement“ sah – das war unter Linken in dieser Zeit gang und gäbe, besonders jenen die um 1968 herum politisch sozialisiert worden sind. Was er sich nicht fragte, ist warum man im Westen Bin Laden erst in den 1990ern als Problem aufgefasst/behandelt hat, und in den 1980ern mit ihm zusammengearbeitet, als er von Pakistan aus islamistischen Terror gegen Afghanistan und seine Regierung organisierte. Oder, bezüglich der Khomeini-Fatwa gegen Salman Rushdie, den er seinen Freund nannte: Wann der Westen in Ländern wie Iran (oder Türkei) jemals emanzipatorische Bewegungen/Herrscher/… unterstützt hat. Hitchens bestand aber darauf, kein Neocon geworden zu sein. Sein Feund Ian beschrieb ihn als Einen aus der „anti-totalitären Linken“.

So wie er ein un-orthodoxer Linker gewesen war, wurde er dann auch kein orthodoxer Konservativer. In einem BBC-Interview 2010 gab er an, noch immer wie ein Marxist zu denken und sich als Linken zu betrachten. Mit Gore Vidal hat sich Hitchens jedenfalls in seinem letzten Jahrzehnt politisch-menschlich zerkracht. Und, seine „Ausweitung der Kampfzone“ (nennen wir seine Wendung so, nach dem Titel eines Houellebecq-Romans) brachte ihm insgesamt eine Erweiterung seiner Leserschaft und seiner Anerkennung. Hitchens wurde aber Keiner, der das Abendland mit Israel-Unterstützung retten wollte und wurde auch „bzgl Frauen“ nicht unbedingt politisch korrekt. Er, der teilweise jüdischer Herkunft war, blieb auch konsequent (und nicht selektiv) ein Atheist bzw eher Antitheist. Der starke Trinker und Raucher erlag der Krankheit, die sich daraus „ergab“ 2011.

Auch George Robert Conquest(42) zog es aus Grossbritannien in die USA und ihn definitiv vom Kommunismus weg. Er war zum Beginns eines Studiums in Oxford „offenes“ Mitglied in der Communist Party of Great Britain (CPGB) aber auch im Conservative Carlton Club. Als die CPGB den Kriegseintritt von GB 1939 als „imperialistisch“ und „kapitalistisch“ ablehnte, brach Conquest mit ihr. 1940 wurde er selbst in’s Militär eingezogen, blieb dort bis 1946. Danach arbeitete er für das Information Research Department (IRD) des britischen Aussenministeriums, im Zeichen von Propaganda-Bemühungen im beginnenden Kalten Krieg. Conquest blieb dem Anti-Kommunismus als Historiker/Politologe treu, zT in staatlichen Diensten. 1968 veröffentlichte er sein „Opus magnum“, „The Great Terror: Stalin’s Purges of the 1930s“, über die stalinistischen „Säuberungen“ in der SU, die ja zB Köstler vom Kommunismus abgebracht haben.(43) Er unterstützte die Holodomor-These, wonach der Hungertod von Millionen Ukrainern unter Stalin absichtlich in die Wege geleitet worden sei.

Seine wissenschaftliche Arbeit scheint eine Art Fortsetzung seiner Propaganda-Tätigkeit für das Aussenministerium in der Nachkriegszeit und in einem Militär-Geheimdienst in der Kriegszeit gewesen zu sein (auch wenn sicher viel Wahres dran ist an dem was er über den Terror Stalins schrieb). Conquest veröffentlichte auch, zusammen mit seinem Freund Kingsley Amis, die fünfbändige „Spectrum“-Reihe von SF-Anthologien. In „What to Do When the Russians Come: A Survivor’s Guide“ entwickelt er die Idee einer Besetzung der USA durch die Rote Armee…(44) Conquest war Mitglied bei konservativen Denkfabriken wie dem Center for Strategic and International Studies. Er kritisierte auch linke Persönlichkeiten im Westen, wie Jean-Paul Sartre und Bertolt Brecht, als „Apologeten Stalins“. Er wirkte an der Stanford-Universität in Kalifornien, bekam von Bush 05 einen USA-Orden, zusammen mit Aretha Franklin und Alan Greenspan. Dafür war Hitchens vermutlich noch zu jung und ausserdem insgesamt zu un-konservativ geworden. Der bekam bei seinem Tod eine Würdigung von GB-Premier Blair. Conquest ist ein Beispiel für einen Kommunisten der ein Anti-Kommunist wurde, wobei nicht ganz klar ist, inwiefern er, als Student, einer geworden war.

Salvatore „Sonny“ Bono, Italo-Amerikaner, war Pop-Sänger, Partner von „Cher“ (Cherilyn Sarkisian) in der Hippie-Zeit. Er ging in die Politik nachdem er beim Versuch, in Palm Springs (California) ein Restaurant zu eröffnen, von der Bürokratie der Gemeinde frustriert worden war. Und zwar über die Republikanische Partei. Zunächst, 1988, liess er sich zum Bürgermeister von Palm Springs wählen. 1992 dann die Wahl in’s Repräsentanten-Haus nach Washington. Ausserdem ging er noch zu Scientology… 1998 starb er nach einem Unfall beim Ski-Fahren in Kalifornien. Seine Frau Mary Bono sagte, er sei süchtig von Medikamenten wie “ Vicodin“ (siehe) und „Valium“ gewesen, dies habe ihrer Ansicht nach den Unfall ausgelöst. Sie folgte ihm ’98 als Abgeordnete in dem Wahlkreis.

Jay V. „Whittaker“ Chambers (1901-1961) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Redakteur, der sich angesichts Stalins Wirkens vom Kommunismus abwandte und eine scharfe Rechtswendung machte, zu einem Repräsentanten des Antikommunismus wurde. Er wurde (1925) Mitglied der CPUSA und spionierte für die SU (1932-1938). Es war auch bei ihm in erster Linie Stalins Vorgehen gegen Kommunisten, die ihn umdenken liessen. Chambers‘ Freundin und Ko-Spionin Juliet Stuart-Points (Mitgründerin der CPUSA) reiste in den späteren 1930ern in die SU, als durch Stalins „Säuberungen“ auch einige ihrer Freunde getötet wurden, überlebte die Reise, trat danach anscheinend aus der Partei aus…und verschwand 1937 in New York City. 1939 bekam Chambers, nunmehr Ex-Kommunist, eine Stelle beim „Time“, stieg dort bis zum Chefredakteur auf, und schrieb scharf antikommunistische Artikel. Auch das Christentum soll er (wieder)entdeckt haben.

Nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion (Hitler-Stalin-Pakt) 1939 erzählte Chambers dem amerikanischen Vize-Aussenminister Adolf Berle, was er von den kommunistischen Aktivitäten in der USA wusste. Nachdem der junge Abgeordnete Richard Nixon auf ihn aufmerksam geworden war, sagte Chambers 1948 darüber vor dem House Committee on Un-American Activities (HUAC) aus, einem Untersuchungs-Ausschuss des Repräsentantenhauses(45). Er nannte dabei auch den Namen des Regierungsbeamten Alger Hiss. Der wehrte sich gegen die Beschuldigungen der kommunistischen Spionage u.a. mit „Vorwürfen“, Chambers sei homosexuell. Chambers musste in den beiden Prozessen gegen Hiss 1949/50 aussagen, verlor in dieser Zeit seine Stelle bei „Time“. Er unternahm einen Selbstmordversuch, brachte seine Autobiografie heraus, wurde Herausgeber der „National Review“. Ronald Reagan verlieh ihm posthum 1984 die „Presidential Medal of Freedom“.

Der US-Amerikaner Jerry Rubin war in den 1960ern an der Universität in Berkeley politisch engagiert, war einer der Gründer der Youth International Party (YIP) bzw der Yippies, zusammen mit Abbot „Abbie“ Hoffman (wie Rubin jüdisch). Rubin spielte eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen gegen das Establishment der Democratic Party anlässlich des DP-Parteikonvents in Chicago 1968. Demos die sich hauptsächlich gegen den Vietnam-Krieg bzw das amerikanische Mitmischen (Johnson/Humphrey) richteten. Nach dem Ende des Vietnam-Krieg 1973 (Rückzug USA) bzw 1975 (ganz) wurde Rubin Geschäftsmann. Die ersten 68er (ob Hippies oder Yippies/Spontis), die eine „Wende“ machten, taten dies bereits in den 1970ern, Jerry Rubin war einer davon. In den 1980ern machte er mit Abbie Hoffman eine Diskussionstour namens „Yippie versus Yuppie“. Rubin sagte dort, dass die Gegenkultur durch den Missbrauch von Drogen, Sex und Privateigentum„schaurig“ geworden sei, und dass die Erreichung von Wohlstand für Alle die wahre „amerikanische Revolution“ sei. Daniel Cohn-Bendit hat über diese Debatten geschrieben (in „Wir haben sie so geliebt, die Revolution“), sie diskutierten miteinander und verweigerten gleichzeitig, sich zu verstehen, es handle sich um eine „Taubstummendiskussion“. Als Hoffman 1989 Selbstmord verübte, kam Rubin zu dessen Begräbnis. 1994 wurde er beim Überqueren einer Strasse von einem Auto erfasst und getötet. Noch etwas über Rubin und seinen Wandel

Charlton Heston (früher John C. Carter) war ja in seinen späteren Jahren ein Aushängeschild der Waffenlobby NRA und für weitere rechte (republikanische) Anliegen. Weniger bekannt (bzw schon sehr lange her) ist, dass er einmal typischer Unterstützer liberaler (demokratischer) Anliegen war. Heston/Carter, der in der Schlussphase des 2. WK im Militär der USA zum Einsatz kam und sich wenige Jahre später in Hollywood durchsetzte, war in den 1960ern Unterstützer der Gleichberechtigung der Afro-Amerikaner, die nach dem Ende der Sklaverei ein Jahrhundert auf formale Gleichberechtigung „warten“ mussten, nahm am Bürgerrechtsmarsch 1963 teil. Ende der 1960er setzte er sich auch für Einschränkungen von Waffen“freiheit“ in der USA ein… 1965 bis 1971 war er Präsident der Screen Actors Guild, eine der Kino-Schauspieler-Gewerkschaften. In der Präsidenten-Wahl 1968 unterstützte Heston nach der Ermordung von Robert Kennedy Hubert Humphrey, den konservativsten der verbliebenen Kandidaten der DP, aber immer noch einen Demokraten. 1969 wurde er von dieser Partei gefragt, ob er für einen der Senats-Sitze von Kalifornien kandidieren würde, gegen George Murphy (RP), einen anderen Schauspieler.

In seiner Autobiografie „In the Arena“ (1995) erzählt Heston, dass er bei einer Autofahrt eine Reklamewand mit einer Wahlwerbung für Barry Goldwater sah, das muss 1964 gewesen sein, als dieser für die Präsidentschaft gegen Johnson kandidierte. Die Aufschrift: „In Your Heart You Know He’s Right“; er habe damals zu sich selbst gedacht „Eigentlich stimmt das“. Wenn das so war, dauerte es aber noch etwas, bis sich das bei ihm durchsetzte. Er hat sich nämlich erst 1972 zur „GOP“ hingewendet, nicht zuletzt aus Abneigung gegen den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten dieses Jahres, George McGovern. Demnach hat er 1972 Richard Nixon gewählt (aber noch nicht öffentlich unterstützt). Eigentlich waren die Republikaner ja die linkere der zwei amerikanischen Grossparteien, die Partei die für die Abschaffung der Sklaverei war und diese (unter Präsident Lincoln) umsetzte. Die diesbezügliche Verschiebung vollzog sich etwa in der Zeit von 1910 bis 1968, in der Zeit von Theodore Roosevelt bis Lyndon Johnson. Entscheidend dabei war die Präsidenten-Wahl 1964. Der RP-Kandidat 1964, Goldwater, bekannte sich „in Theorie“ zu „Desegregation“ (also gegen die Apartheid in den Südstaaten), seine Gegnerschaft zu Bürgerrechtsgesetzen erklärte er damit, Föderalist zu sein, der gegen „Einmischung“ der Bundesregierung in Angelegenheiten der Bundesstaaten sei.(46)

Goldwater-Unterstützer im Präsidentschaftswahlkampf der USA 1964

Goldwaters wichtigster RP-interner Gegenkandidat ’64 war Nelson Rockefeller, Gouverneur von New York, der den Nordstaaten-Republikaner repräsentierte. Bei der Wahl 64 gewann Goldwater mehrere Staaten des Südens(47) mit seiner Wahlkampagne gegen das in diesem Jahr (unter seinem Gegenkandidaten Johnson) erlassene Bürgerrechtsgesetz. Konservative Weisse im Süden zog es damals zur RP, ebenso solche Politiker, wie Strom Thurmond, die RP wurde die rechtere der beiden Parteien, und die Afro-Amerikaner zog es zur DP. Bei der Wahl 68 machte Nixon eine verklausulierte Kampagne, wenn er über “law and order” sprach, meinte er (meistens) die Afro-Amerikaner. Um zu Heston zurück zu kommen, der hatte den Vietnam-Krieg (bzw das US-amerikanische Mitmischen bzw Anheizen) in dessen früheren Stadien noch abgelehnt, Anfang der 1970er änderte er auch hier seine Meinung; 1973 zog sich die USA unter Nixon ja von dort zurück.

In den 1980ern unterstützte Heston Ronald Reagan, das Recht aus Waffenbesitz, wurde Mitglied der RP,… Er sagte dazu, „I didn’t change. The Democratic Party changed.“ Ganz ähnlich hat es Reagan selbst formuliert (> Politiker die von der DP zur RP wechselten), der etwa 10 Jahre vor Heston, damals selbst noch Schauspieler, das politische Lager wechselte. Das stimmt sogar i-wie (s.o.), aber Heston hat sich ja auch gedreht (s.u.). 1998 bis 2003 war er Präsident der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Ehe er sich aufgrund seiner Alzheimer-Krankheit aus der Öffentlichkeit zurückzog. Bei der NRA-Convention 2000 machte er „natürlich“ Wahlwerbung für George Bush, hob ein Gewehr über seinen Kopf und erklärte dass ein Präsident Al(bert) Gore dieses (nur) aus seinen kalten, toten Händen wegnehmen (können) werde. Als ob es bei strengeren Waffengesetzen um solche historischen Flinten gehen würde und nicht um Waffen wie jene, die beim Schulmassaker von Columbine (Colorado) 1999 verwendet wurden… Elf Tage nach diesem Amoklauf fand, wie geplant, die Jahresversammlung der NRA in Denver (ebf. Colorado) statt. Der Vater eines Columbine-Opfers sagte bei einer Demonstration dort „Es gibt viele verantwortungsvolle Waffenbesitzer. Aber es ist an der Zeit zu begreifen, dass eine halbautomatische TEC-9-Waffe nicht zur Wildjagd genutzt wird.“(48) Für den Dokumentationsfilm „Bowling for Columbine“ (eine kräftige „Antithese“ zum Bushismus, das Columbine-Massaker war eine Art Aufhänger im Film), der 2002 herauskam, interviewte Michael Moore Heston.(49)

Dort sagte Heston zu Gründen der Schusswaffen-Gewalt in der USA, „we have probably more mixed ethnicity“. Die Gewaltkriminalität in der USA hat sicher damit zu tun, dass ein Teil der Bevölkerung jahrhundertelang (vor der Staatsgründung schon) als Sklaven leben musste, und über die Befreiung davon hinaus lange als Bürger zweiter (dritter?) Klasse behandelt wurde (zT noch wird); das zeigt sich ja zB bei der Lynchkriminalität gegen Afro-Amerikaner. Und das Nebeneinander von Arm und Reich in diesem Land ist eine Folge dieser Behandlung/Diskriminierung, und eineGrundlage für diese Gewaltkriminalität; die meisten Amokläufer sind aber Weisse. In Reden/Interviews in seinen späten Jahren hat Heston in der Regel Politisches und Rassisches vermischt, in unappetitlicher Weise, dabei stellte er Weisse, besonders rechte rurale protestantische männliche heterosexuelle, als eigentlich Unterdrückte der USA dar, als Missverstandene, Nicht-Geschätzte, Opfer einer political correctness, eines „Kulturkrieges“. Wenn sein Rechtsruck tatsächlich um 1972 erfolgte, war er damals 50 Jahre alt, was die These vom Alters-Faktor dabei stützen könnte. 2008 konnte das Gewehr aus seinen kalten, toten Händen entnommen werden.

Elizabeth Terrill-Bentley (1908 – 1963) war eine US-amerikanische Spionin für die SU, von 1938 bis 1945. 1945, als der Kalte Krieg bereits im Entstehen war, verliess sie die CPUSA und den damaligen SU-Geheimdienst NKGB, dann wurde sie eine Informantin für USA-Behörden. Sie enttarnte ein „Netzwerk“ von etwa 80 Amerikanern die dort für die Sowjetunion arbeiteten, heisst es. Sie war zur SU „übergelaufen“ als diese noch kein richtiger Feind für die USA war, „kehrte zurück“ als sie dies wurde.

Es gab im früheren Jugoslawien Jene, die beim Auseinanderfall den „Kommunismus verliessen“ (in gewisser Hinsicht bedingte das den Auseinanderfall), und jene die das schon vorher taten. Wenn man die Präsidenten der Teil-Republiken zur Zeit des Auseinanderfalls 1991/92 nimmt, Tudjman und Izetbegovic gehören zur ersteren Kategorie, Milosevic, Kucan, Gligorov, Bulatovic zur zweiteren. Franjo Tudjman war bei den Partisanen und in der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) aktiv gewesen; an einem Punkt sah er Kroatien in einem sozialistischen Jugoslawien nicht mehr gut aufgehoben und kam in Dissidenz zu diesem. Seine Geschichtsauffassung und sein politisches Engagement bedingten einander, wie schon hier angemerkt. 1989/90 gründete er die christlich-konservative-nationalistische HDZ mit; bei der Wahl zum kroatischen Parlament im Frühling 1990 siegte diese, das Parlament wählte Tudjman zum Präsidenten Kroatiens, noch immer Teilrepublik Jugoslawiens.(50) 1991 die Unabhängigkeits-Erklärung, dann der Krieg gegen die Abspaltung der mehrheitlich serbisch besiedelten Gebiete Kroatiens. Anton Tus, unter dem die kroatischen Streitkräfte entstanden (im Krieg), war General der jugoslawischen Luftwaffe gewesen, und wenn kein überzeugter Kommunist, zumindest Partei-Mitglied.

Wie im entsprechenden Artikel bereits geschrieben, Überlaufen zur „Gegenseite“ stand am Anfang und am Ende von Jugoslawien, das betraf Politiker, Militärs,… Eine Reform Jugoslawiens scheiterte 1990/91, und der Auseinanderfall 1991/92 wurde blutig, nachdem die Volksgruppen nicht fein-säuberlich nach Teilrepubliken aufgeteilt waren. Soldaten liefen zT in Kriegen über, von der JNA zur entstehenden Armee ihrer unabhängig werdenden Republik. Nachdem sich die Delegationen aus den Teil-Republiken am Parteitag der kommunistischen Partei SKJ nicht auf eine Reform von Land/Partei einigen konnten (1990), war diese Partei bzw der Kommunismus/Sozialismus kein einigendes Band mehr. Slobodan Milosevic, seit 1989 Präsident Serbiens, machte es ähnlich wie Racan in Kroatien, die Teilorganisation der KP in Serbien (SKS) wurde in eine eigenständige, sozialdemokratische Partei umgewandelt, in diesem Fall die SPS. Milosevic agierte aber nationalistischer als die nationalistische Opposition in Serbien (und war auch nicht bereit, Macht abzugeben). Für ihn bekam die Schaffung eines Gross-Serbiens Priorität über den Erhalt (eines serbisch dominierten bzw zentralistischen) Jugoslawiens, damit setzte er sich auch bezüglich der JNA durch.

Milosevic, der Machthaber im späten Jugoslawien, und dann in Rest-Jugoslawien wurde(51) ist gewissermaßen der Prototyp Jener im YU-Raum, die sich Anfang der 1990er vom Kommunismus ab- und dem (ihrem) Nationalismus zuwandten. Jenem Kommunismus, den Tito ggü der SU bzw dem Ostblock behaupten wollte, weshalb er (ab) 1948 mit Stalin brach. Ein Wendehals? Wie schon hier angemerkt, Präsident von „Rest“-Jugoslawien (der Bundesrepublik YU) wurde 1992 der Schriftsteller Dobrica Cosic. Dieser hatte sich im 2. Weltkrieg den Partisanen angeschlossen, weil er glaubte, dass der Kommunismus den serbischen Interessen am besten diente. Aus dem selben Motiv wandte er sich um 1968 vom kommunistischen System ab – es soll ihm damals primär um (gegen) die Autonomie von Kosova und Vojvodina innerhalb Serbiens gegangen sein. Ante Markovic, ein kroatischer Bosnier, wurde 1989, noch als Kommunist bzw SKJ-Mann, Ministerpräsident Jugoslawiens; 1990 gründete er eine neue Partei (SRSJ), mit dem Ziel, Jugoslawien zu reformieren (und zu erhalten). Auch eine Abwendung vom Kommunismus also, aber nicht hin zum Nationalismus.

Beim amerikanischen Historiker Eugene D. Genovese (1930-2012) gibt es starke Parallelen zum genannten Woodward. Auch er war Historiker mit Focus auf dem Südosten der USA und ihrer Sklaverei. Er nahm vielleicht weniger „Partei“ als Woodward, brachte aber eine marxistische Perspektive ein. Kam daher in den 1960ern unter Beschuss von rechten Politikern wie Richard Nixon. Mit „The Southern Tradition: the Achievements and Limitations of an American Conservatism“ (1994) wurde ein Wandel im Denken Genoveses sichtbar, bezüglich seines Forschungsobjekts (Südstaaten,…) und darüber hinaus. Der Kritik am Kapitalismus blieb er treu, aber in seinen späteren Jahren sah er die Sklavenhalter des Südens gewissermaßen auch als sein Opfer, nahm den Konservativismus des Südens an; den agrarischen Patriarchalismus, als positives Gegenstück zum Arbeitsethos der „liberalen“, industriellen Demokratie des Nordens (der USA), die für den Kapitalismus steht. Diese Wendung schloss auch eine „Rückkehr“ in die Katholische Kirche mit ein. Seine Frau Elizabeth Fox-Genovese, ebenfalls Historikerin, ging diesen Weg mit ihm.

Einige prominente/führende 68er landeten ganz rechts aussen; nicht bei den „Anti“deutschen sondern im Milieu von NPD und „Junge Freiheit“. Horst Mahler und Bernd Rabehl bei der NPD. Mahler kam als Rechtsanwalt zur RAF, dann ins Gefängnis; gegen Ende der 1990er wandte er sich zum Rechtsextremismus/ Deutschnationalismus. Eine Art Coming out war die Laudation für den Sozialphilosophen Günter Rohrmoser, die er 1997 bei dessen Geburtstagsfest hielt.(52) Er schloss sich (für einige Jahre) der NPD an, zog nach Brandenburg (weniger Ausländer dort). In einer seiner Erklärungen für seinen Weg sagt er, Heimat sei eben eine Grundkonstante des menschlichen Seins. Ende der 00er-Jahre stand er andauernd vor Gericht, wegen Holocaust-Leugnung und Anderem, ist seither meist im Gefängnis, war zeitweise auf der Flucht, ist gesundheitlich angeschlagen. Es muss Schluss mit dem deutschen Selbsthass sein, so Mahler.

Auch Bernd Rabehl war ein linker Akademiker, vollzog Ende der 1990er einen Schwenk nach Rechts, wegen „kultureller Überfremdung“ und so. Günter Maschke war wie Mahler und Rabehl im SDS aktiv gewesen; und in der (seit 1956 illegalen) KPD, und mit Johanna Ensslin, der Schwester von Gudrun, verheiratet. Die Fahnenflucht vor seinem Bundeswehr-Dienst „trieb“ ihn über Österreich (R. Schindel) nach Cuba. Die Zeit dort, 1968/69, brachte eine erste Abwendung von der Linken, Rückkehr in die BRD, Arbeit als Journalist („FAZ“,…). In den 1980ern eine zweite Rechtswendung, seither schreibt er für Zeitungen wie „Staatsbriefe“ oder Bücher im Antaios-Verlag. wiki: „Die antirevolutionäre Wende ging einher mit dem Studium des Werkes von (dem politischen Philosophen) Carl Schmitt“. Zusammen mit dem ebenfalls vom Links- zum Rechtsextremismus gewechselten Horst Mahler veröffentlichte Günter Maschke 1998 eine Erklärung zur Bewegung von 1968, worin sie dieser eine nationalrevolutionäre Deutung geben. So ähnlich hat es Rabehl auch ausgedrückt.

Nicht alle Ex-68er sind natürlich so weit nach rechts gerückt wie Rabehl oder Röhl; aber Hans M. Enzensberger oder Stefan Aust sind auf eine andere Art auch sehr reaktionär geworden. Der Bayer Enzensberger, der auch mit Maschke (bevor dieser ganz rechts wurde) zu tun hatte, konnte 03 auch nicht widerstehen, Bushs und seinen Irak-Krieg zu bejubeln, und das auch noch mit moralischer Geste.(53) Ralph Giordano hat nicht wie Enzensberger erst 03 solche Werbung für den Irak-Krieg gemacht unter USA-Präsident Bush, sondern bereits 91; als Saddam Hussein in den 1980ern sein Heer den Iran angreifen liess, blieb er dagegen ruhig.(54) Stefan Aust (früher „konkret“, später „Spiegel“, Springer) hat den „Spiegel“ einer gewissen Selbstüberhöhung bzw einem Chauvinismus geöffnet, mit Titeln wie „Stille Islamisierung Deutschlands“ (nach der zurückgenommenen Entscheidung einer Richterin) oder „Unverschleierte Würde des freien Westens“, Autoren wie Broder. Vorgänger von Aust als „Welt“-Herausgeber war Thomas Schmid, auch mal 68er, dann Grüner. Die Freunde Fischer und Cohn-Bendit haben einigermaßen die „Balance gehalten“, auch wenn Ersterer nach seiner politischen Karriere Berater vom Gross-Kapital (bzw seiner Besitzer) geworden ist, USA- und IL-Freund. Wolfgang Kraushaar zeigt mit seiner Laufbahn, seinem Engagement, auch, was aus der „Bewegung“ so geworden ist, er ein konformistischer Bundesrepublikaner.

Elia(s) Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul, damals Osmanisches Reich geboren, in eine griechische Familie (aus Kappadokien)(55). Während des 1. WK Auswanderung in die USA, wurde Schauspieler (Theater), Regisseur > Hollywood. In seinen 20ern, von 1934 bis 1936, war er Mitglied der CPUSA, in New York; nach eigener Aussage verliess er die Partei aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts – der aber erst 1939 war. Er wurde nicht wirklich rechts; aber: er musste 1952 vor dem House Committee on Un-American Activities (HUAC) aussagen, dem Untersuchungs-Ausschuss des Repräsentantenhauses, der v.a. Anfang der 1950er eine „Hexenjagd“ auf Kommunisten (?) in Hollywood veranstaltete. Kazan sollte Kommunisten unter Schauspielern/Regisseuren aus seiner Zeit in der CPUSA nennen, weigerte sich zunächst, Namen zu nennen, nannte dann 8 frühere Theater-Kollegen, wie Clifford Odets, der die Partei zur selben Zeit wie er verliess. Die Personen waren dem Ausschuss bereits bekannt, dennoch haben ihm Viele v.a. in Hollywood die Aussage nicht verziehen, diese als Denunziation gesehen. In den 1960ern ermittelte das HUA-Committee gegen die Neuen Linken, Betroffene wie Jerry Rubin und Abbie Hoffman hatten viel weniger zu verlieren als Regierungs-Beamte oder Künstler in der Filmindustrie; sie verwandelten die Befragungen in Shows, dadaistische Happenings.

Übertritte von Politikern der Democratic Party zur Republican Party der USA sind meist keine so grosse Sache, kein so grosser Schritt, da die beiden US-amerikanischen Grossparteien nicht so weit auseinander sind, bzw die Democrats nicht wirklich links. Zur diesbezüglichen Verschiebung, siehe den Heston-Abschnitt. Ronald Reagan sagte mal, er habe die Democratic Party nicht verlassen, sie habe ihn verlassen. Er stieg 1962 zur RP um. Es ist die Rede von „Reagan Democrats“, Demokraten die 80 und 84 für ihn stimmten, hauptsächlich Weisse im Süden sowie Arbeiter im Norden. Und ziemlich am Beginn des Artikels war ja von zwei ehemaligen Black Panthern die Rede, die unter Reagan RP-Anhänger wurden, sie sind nicht die einzigen ehemals Linksextremen, auch Rubin wird dazu gehören. John Connally, Strom Thurmond, Elizabeth Dole, „Rick“ Perry, Jesse Helms, Trent Lott, Philip Gramm, Jeane Kirkpatrick, David Duke, Condoleeza Rice sind Politiker die von der DP zur RP wechselten. In der Aufzählung sind jene bis Lott solche, die aufgrund der genannten Verschiebung im politischen Koordinatensystem das Lager wechselten. Joseph Lieberman wurde 06 ein Unabhängiger, nachdem er die Unterstützung seiner Partei für die Wiederkandidatur zum Senat in Connecticut nicht bekam, war zumindest 2008 ein grosser Unterstützer vom RP-Präsidenten-Kandidaten John McCain.

Günter Schabowski machte im November 1989 bei einer Pressekonferenz in Ost-Berlin irrtümlich falsche Angaben zum geplanten Reisegesetz der DDR, löste damit ungewollt die Grenzöffnung („Mauerfall“) am selben Tag in Berlin aus. Schabowski, damals eine Art Regierungssprecher, vorher u.a. Chefredakteur der Regimezeitung „Neues Deutschland“. Er verlor dann Anfang Dezember 89 seine Macht bzw Position, durch den geschlossenen Rücktritt von Politbüro und Zentralkomitee der SED; bald darauf wurde er von der SED auf dem Parteitag auf dem sie sich in PDS umbenannte, mit anderen bisherigen Grössen ausgeschlossen. Im wiedervereinten Deutschland (oder der vergrösserten BRD?) musste er als Redakteur bei Kleinblättern neu anfangen; und er musste sich in den Politbüro-Prozessen, die ab 1992 liefen, verantworten, bekannte sich zu einer Mitverantwortung für das DDR-Regime. Er verbrachte schliesslich 1999/2000 ein knappes Jahr im offenen Strafvollzug. Danach leistete er Wahlkampf für die CDU, kritisierte die PDS. Die PDS-Spitzenpolitikerin Petra Pau hielt Schabowski vor, vom 150-prozentigen Kommunisten zum 150-prozentigen Antikommunisten mutiert zu sein.(56) Da er sich aktiv vom Kommunismus abgewandt hat, ist er relevant für diesen Artikel.

Oleg A. Gordijewski (Gordievsky) trat 1963 in den KGB ein und wurde 1974 vom britischen Geheimdienst MI6 angeworben, agierte fortan als Doppelagent. 1982 wurde er stellvertretender Resident des KGB in London, informierte den MI6 über die sowjetische Fehlinterpretation des NATO-Manövers „Able Archer 83“ als potentiellen atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion. Dies soll dazu geführt haben dass das Manöver nicht bis ins letzte Detail ausgespielt wurde. Dann war es aber ein „Maulwurf“ bzw Doppelagent im CIA, Aldrich Ames, der ihn enttarnte.(57) Als Gordijewski 1985 plötzlich in die SU zurück beordert wurde, riet ihm die MI6 zum „Desertieren“. Der KGB-Oberst hörte aber nicht, wurde nach der Ankunft verhört (und natürlich seines Postens enthoben), dann aber nicht eingesperrt, sondern überwacht. Dennoch gelang es ihm, einen mit dem MI6 abgemachten Fluchtplan zu aktivieren, die Sache lief Berichten zufolge wie in einem Agentenkrimi und über die finnische Grenze. Neben Arkady Shevchenco (>) ist er wohl der höchstrangige bekannte SU-Überläufer. Inwiefern er an den Kommunismus geglaubt hat und dann davon abkam, zu Gunsten einer anderen, „rechteren“ Ideologie, ist aber auch hier nicht so leicht auszumachen.(58)

Joseph Roth, ein galizischer Jude, der nach Wien ging, dann nach Berlin, ein Trinker, wandte sich in der Zwischenkriegszeit vom Sozialismus ab und dem Monarchismus zu. Die Wandlung dürfte sich 1925/26 vollzogen haben. de.wikipedia dazu: „Uwe Schweikert … ordnet Roth im Nachhinein als Sozialromantiker ein und beschrieb seine spätere Abkehr von linker Position als typisch für einen nicht genügend durch sozialistische Theorie gefestigten bürgerlichen Intellektuellen.“ Jedenfalls kam es bei ihm zu einer nachträglichen Verklärung der Habsburger-Monarchie, auch in seinem literarischen Werk, wie „Radetzkymarsch“ (1932) und „Kapuzinergruft“ (1938). Je mehr sich die Diktatur in Österreich und Deutschland festsetzte, ab 1933, desto mehr dürfte sich diese Haltung verhärtet haben. Aus dem Berliner Exil sah er auch klar den Unterschied zwischen der Strenge Preussens und der österreichischen „Lässigkeit“. 1933 ging er nach Paris, wo er 1938 starb. Anscheinend war nicht ganz klar, ob er zum Katholizismus übergetreten war. „Bei der Beerdigung kam es beinahe zu Zusammenstößen zwischen den sehr heterogenen Beteiligten der Trauergesellschaft: österreichische Legitimisten, Kommunisten und Juden reklamierten den Toten jeweils als einen der ihren.“

Ryszard Kuklinski war Offizier der polnischen Armee, und anscheinend überzeugter Kommunist. Um 1970 änderte er seine Haltung, u.a. wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings. 1972 diente er sich auf einer dienstlichen Auslandsreise dem CIA an. 1981 beendete er das „Doppelspiel“ und setzte sich in die USA ab.

(Ehemalige) Grüne, die rechts wurden: Schmierer, der bei den „Anti“deutschen behandelt wurde, hätte auch hier hin gepasst.(59) Und Schily der hier vermerkt ist, zu den Ex-68-ern. 2008 trat die ehemalige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Margareta Wolf aus Brandenburg bei den Grünen aus, wegen deren Haltung zur Atomkraft. Sie war intern in „Bedrängnis“ geraten, weil sie für einen Kommunikationsberater arbeitet, der auch Öffentlichkeitsarbeit für die Atomenergie-Lobby macht. Wolf sagte: „Ich sage nur, man kann nicht aus opportunistischen Gründen die Kohle ablehnen, weil sie klimaschädlich ist, und gleichzeitig die Kernkraft abschalten wollen.“ Die Behauptung, nur aus erneuerbaren Energien könne die Energieversorgung einer Industrienation wie Deutschland sichergestellt werden, grenze an „Volksverdummung“. Mit ihrer Tätigkeit habe diese Auffassung nichts zu tun. Sie sei „nur ganz am Rande“ für den „Arbeitskreis Kernenergie“ tätig. Sie wurde allerdings eindeutig eine Atomenergie-Lobbyistin.

Matthias Berninger aus Hessen, wie Wolf ein „Realo“, wie diese in der schwarz-grünen „Pizza-Verbindung“ (Nähe zu Missfelder…), und unter Schröder/Fischer Parlamentarischer Staatssekretär gewesen, natürlich wirtschaftsliberal, wurde ebenfalls Lobbyist, für den Nahrungsmittelkonzern Mars, dann für Bayer. Er hat die Partei aber anscheinend nicht verlassen. Für Jutta Ditfurth, die 1991 mit dem Hardcore-„Fundi“-Flügel bei den Grünen austrat, waren diese allesamt zu angepasst, grundsatzlos, „verdorben“,… Sie selbst ist inzwischen eine „Anti“deutsche und damit wahrscheinlich rechts von diesen Grünen-Rechtsabweichlern. Otto Schily hatte vor seiner Zeit bei den Grünen die als Anwalt von RAF-Leuten; wie nahe er dieser „Szene“ stand, sei dahin gestellt. Ende der 1980er ging er jedenfalls zur SPD, dort dann zum rechten Flügel. Bei Hubert Kleinert, in den 1980ern ein enger Fischer-Mitarbeiter im Bundestag, ist auch nicht klar, ob er die Grünen verlassen hat. Er steht jedenfalls in mehrerer Hinsicht für einen rechts-gewendeten Grünen. Was Ilka Schröder nun macht, das Wohlstandskind das sich über Hetze gegen Palästinenser zu profilieren trachtete? Jürgen Trittin nimmt inzwischen an Bilderberger-Treffen teil.

Wo Antje Hermenau inzwischen steht? So weit rechts wie Vera Lengsfeld, die zur Zeit der Wende zu den Ost-Grünen ging (dann zur CDU, dann nach ganz rechts)? Zur Volkskammer-Wahl im Frühling 1990, der letzten und einzigen freien, waren vier grüne Gruppierungen entstanden, die in zwei „Listen“ antraten: Bündnis 90, bestehend aus dem Neuen Forum (NF)(60), der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) und Demokratie Jetzt (DJ), und kam auf 2,9%. Die Grüne Partei in der DDR und der Unabhängige Frauenverband (UFV) kamen gemeinsam auf 2%. Zusammen bildet man eine Fraktionsgemeinschaft (Bündnis 90/Grüne), schloss sich dann zu einer Partei zusammen und diese mit den West-Grünen.(61) Unter den Grünen-Volkskammer-Abgeordneten befanden sich Joachim Gauck (NF), Vera Wollenberger (Grüne/UFV), Marianne Birthler (IFM), Jens Reich (NF), Matthias Platzeck (Grüne/UFV), Günter Nooke (DJ),… Die im Widerstand gegen den „realen Kommunismus“ geprägten Ost-Grünen und die neo-linken West-Grünen trennt(e) so Manches.(62) Gauck war unter jenen 144 VK-Abgeordneten, die nach der Vereinigung in den BT übernommen wurden, aber nur für einen Tag, dann wurde er Regierungsbeauftragter für die Aufarbeitung der „Stasi“-Unterlagen; er war immer überparteilich(-konservativ) unterwegs, B’90 war damals keine Partei ieS. Die Thüringerin Wollenberger, seit 1991 wieder Lengsfeld, gehörte dem Bundestag von 1990 bis 2005 an.(63)

Lengsfeld, Nooke und andere Ost-Grüne traten 1996 zur CDU über, weil sie bei ihrer Partei zu wenig Abgrenzung zur PDS sahen.(64) Lengsfeld schreibt heute für die AfD („Freie Welt“), ausserdem für „eigentümlich frei“ (IfS), die “Preußische Allgemeine Zeitung“ sowie für das CSU-Organ „Bayernkurier“, ist Verteidigerin von Martin Hohmann, auf Broders “Achse des Guten”, Initiatorin einer Anti-Einwanderungs-Erklärung („Gemeinsame“ Erklärung 2018, mit Broder, Sarrazin, Matussek, Herman, Tellkamp, Flaig,…; seit 2014 tritt sie als Kritikerin der „flüchtlingsfreundlichen Politik“ von Bundeskanzlerin Merkel auf). Stellt sich die Frage, welcher dieser (vier) Fakten eine rechtere Gesinnung ausweist… Aber noch einmal: als Ost-Grüne ist sie nicht von all zu weit links „gestartet“. Lengsfeld sprach auch auf einer Veranstaltung von EIKE, einem Verein, der den wissenschaftlichen Konsens bezüglich der menschengemachten globalen Erwärmung ablehnt.

Während Fischers Krise bzw der Diskussion um seine Vergangenheit, 2001, plauderte sie aus der Grünen-Fraktion von früher aus. Andere wie Werner Schulz blieben den gesamtdeutschen Grünen treu, nahmen dort aber „Sonderpositionen“ ein, zu 68, DDR, RAF,… Und Boris Palmer ist ja auch bei den Grünen. Angelika Beer ist die Tochter eines GB/BHE-Politikers, war im KB, war Friedensaktivistin und hat sich zunehmend zur Militärfreundin entwickelt (auch privat), ging zu den Piraten. Grüne in Deutschland und Österreich, die sich rein auf den Umweltschutz konzentrieren wollten, wie Herbert Gruhl und Josef Buchner, waren schnell weg. A propos Österreich, da gibt es natürlich noch einige Kandidaten für hier. Von Novomatic-Glawischnig über E. Dönmez (> ÖVP) bis „Heimat Österreich“-Pilz.

Wilhelm S. Schlamm wurde 1904 in Galizien (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) geboren, in eine jüdische Familie, die nach Wien ging. Er schrieb bis in die 1930er Jahre für kommunistische Zeitschriften, gehörte der KPÖ an, lernte den Psychoanalytiker Wilhelm Reich kennen. Ab 1933 bestimmten extreme politische Ideologien sein Leben. In diesem Jahr wechselte er zur „Weltbühne“, die wegen dem Nationalsozialismus von Berlin nach Wien übersiedelt war; 1934 ging die Zeitschrift wegen dem Austrofaschismus nach Prag, Schlamm blieb auch dort, als er aus ihrer Redaktion heraus gedrängt worden war. 1938, als Hitler die zT deutschsprachigen Randgebiete der Tschechoslowakei annektierte, emigrierte Schlamm in die USA. Dort war er weiter journalistisch tätig, verabschiedete sich aber von seiner linken Haltung, wurde ein politischer Freund von Senator Joseph McCarthy, wurde ziemlich rechts.

1959 kehrte William S. Schlamm, wie er nun hiess, nach Europa zurück, als politischer Publizist/Autor im deutschsprachigen Raum, der er auch vor der Emigration gewesen war, nur nun eben einer der Rechten. Als solcher wurde er von Axel Springer für seine „Welt“ verpflichtet, jener deutsche Verleger/Herausgeber, der wegen Untauglichkeit nicht in die Wehrmacht musste, dessen vom Vater geerbte Zeitung vom NS-Regime wegen Papierknappheit eingestellt wurde, der sich 1938 von seiner halbjüdischen Frau trennte; und der Israel für eine Art Ersatz-Nationalismus entdeckte. Der „Kalte Krieg“ wurde für Schlamm ein wichtiges Betätigungsfeld, auch die 1968er-Bewegung attackierte er. 1972 gründete er mit Otto Habsburg-L. die „Zeitbühne“, im Seewald-Verlag brachte er einige Bücher heraus.

Die iranischen Mujahedin-e Kalq (MEK; Volks-Mujahedin) unter Massud und Maryam Rajavi entstanden in den 1960ern im Bemühen, Islam und Sozialismus zu verbinden. Sie kämpften gegen die Monarchie (das Schah-Regime), waren an der Revolution gegen dieses beteiligt, auch in der ersten Jahren von Khomeinis Herrschaft über den Iran, auch bei der Stürmung und Gefangennahme (in) der USA-Botschaft in Iran 1980, waren international mit anti-imperialistischen Kräften verbündet; 1981 die Entzweiung der Mujahedin mit den Mullahs. Wobei: Viele (Parteien und Personen) haben sich gegen den Schah mit dem Ajatollah und den anderen Mullahs eingelassen, im Glauben dass es nur besser werden konnte, und dass Khomeini die Macht zumindest teilen werde. Und wurden dann eines Besseren belehrt. 81 versuchten die MEK den Sturz der Mullahs bzw die Verhinderung ihrer Marginalisierung, mit Bombenanschlägen auf Führer des klerikalen Regimes, darunter Mohammad Beheshti und Mohammad Rajai; danach wurden tatsächliche/vermeintliche Mujahedin im Iran und ausserhalb Irans gejagt, und das Regime stabilisierte seine Macht, auch über den Krieg gegen den von Saddam Hussein anders reaktionär-faschistoid regierten Irak.(65)

Die MEK verlegten ihr Hauptquartier in den Irak, kämpften an der Seite von Husseins Armee gegen die iranische. Als das Baath-Regime 2003 vom Heer der USA und ihrer Verbündeten gestürzt wurde (nun mit Rumsfeld als Verteidigungsminister von Bush dem Jüngeren), hatten sich die MEK bereits gedreht, und die Gruppe (die einst als islamisch inspirierte Terrororganisation galt, sich als antiimperialistisch sahen) hatte in der USA unter Neokonservativen Verbündete. Bis 2016 wurden die MEK aus dem Irak gebracht, sie haben längst im Westen diverse „Stützpunkte“. Sind ein Ansprech-Partner des zionistisch-neokonservativen Lagers unter Iranern geworden. Das „Fussvolk“ hat bei den Richtungs-Entscheidungen nicht mitzureden, sondern zu gehorchen. Und die Führung ist ideologisch flexibel, wird auch in Zukunft versuchen, ihre neuen Meister zu beeindrucken.(66)

Leszek Kołakowski erlebte die nazideutsche Besatzung Polens, studierte im kommunistischen Nachkriegs-Polen Philosophie, wandte sich aktiv zum Kommunismus hin…Und in den 1950ern wieder ab, er unterstützte die polnischen „Aufstände“ 1956 und 1968. Musste/durfte daher in’s westliche Ausland gehen, liess sich in Oxford nieder.

(Auguste-)Maurice Barrés: 1862-1923, französischer Autor und Politiker: War boulangistischer Abgeordneter (1889–93), ehe er unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre 1896/97 nach Rechts „rutschte“. Dazu ist zu sagen, dass es hier bezüglich Rechts-Links „kompliziert“ wird. Das Rechte war in Frankreich historisch die Aristokratie, wohin gegen der Boulangismus eine Massenbewegung war, die Klassenhierarchie ignorierend bzw umschmeissend… Daher muss/kann man den Boulangismus trotz seines nationalistischen Charakters als eher „links“ einstufen. Im Rahmen der Frankreich spaltenden Dreyfus-Affäre (1898) bezog er Position als „Anti-Dreyfusard“. Es heisst, die französische Rechte wurde grossteils Ende des 19. Jh von ehemaligen Boulangisten geformt. Barras wurde Abgeordneter für die Federation republicaine, schloss sich der Ligue des Patriotes an. Er war antideutsch, antijüdisch, antidemokratisch. In seinem Magazin „La Cocarde“ versuchte er eine Art Querfront zur extremen Linken zu bauen. Der Süden Frankreichs war für Barras ein Fremdkörper in seiner Nations-Auffassung von Frankreich. Bezüglich seines Antijudaismus‘ ruderte er in seinen späten Jahren, nach dem 1. WK, zurück, stellte sich damit gegen die Action Française.

Der Schauspieler Ronald Silver war die längste Zeit seines Lebens Anhänger der Democratic Party (DP)(67), das änderte sich angesichts der Anschläge in der USA von 2001; da wurde er Bush-Anhänger. 2000 mit-begründete er bereits die Organisation „One Jerusalem“, in Protest gegen Friedensverhandlungen Israels mit den Palästinensern bzw möglicher Aufgabe von Territorialkontrolle durch Israel zugunsten der Palästinenser. Er sprach am Wahlparteitag (National Convention) der Republican Party (RP) 2004, natürlich in Form einer Unterstützung für George Bush d. J. Er setzte sich auch für den Handlanger von Bushs Vize Cheney, Libby, ein. Rudolph Giuliani ernannte ihn dort zum Vorsitzender eines Partei-Komitees. Silver war in den 00er-Jahren Erzähler in den Propaganda-Filmen „Fahrenhype 9/11“ (gegen Michael Moore und Bush-Kritik) und „The Arab and Iranian Reaction to 911: Five Years Later“ (aus der MEMRI-Ecke, mit Generalisierungen und Hetze ggü Iranern und Arabern).(68)

Er sprach die Hörbuch-Versionen von verschiedenen Philip-Roth-Romanen, darunter „Verschwörung gegen Amerika“, eine Art Dystopie-Kontrafaktik. Bush ehrte Silver durch Aufnahme in das United States Institute of Peace, nahm ihn mit zu einer Reise in das ungeteilte Jerusalem. Silver soll auch Mitglied des Council on Foreign Relations geworden sein. In seinem Blog auf Pajamas Media jammerte Silver, dass Freunde und Kollegen auf seine Bush-Unterstützung so negativ reagierten. In einem seiner letzten Interviews (er starb 09 infolge einer Krankheit) nahm er 08 für das Kandidatenpaar John McCain/Sarah Palin für die Präsidentschaftswahl in diesem Jahr Partei.

Die britische Journalistin Julie Burchill war eine „militante Feministin“, „fand“ dann Gott und wurde zuerst „christliche Zionistin“, konvertierte dann anscheinend zum Judentum. Das wirkte sich natürlich auf ihre Sicht auf Israel aus, sie wurde diesbezüglicher rechter/nationalistischer als die die dortigen (zionistischen, israelischen) Rechten, und warf dem „Guardian“ Antisemitismus vor. Und, das zieht sich jetzt wie ein roter Faden durch diese Aufzählung von Ex-Linken, sie war begeistert über Bushs Irak-Krieg 03; und in der Bush-Kamarilla war Condoleeza Rice ihre Favoritin.

Bei der US-Amerikanerin Norma McCorvey war auch die neu gefundene Religiosität Angelpunkt der politischen Wandlung (oder war es eher eine persönliche?). Unter dem Pseudonym „Jane Roe“ erstritt sie (mit Anderen) in den frühen 1970ern das Abtreibungsrecht in der USA. 1995 entdeckte sie das Christentum neu, wurde entschiedene Abtreibungs-Gegnerin, nannte ihre Rolle bei der Legalisierung von Abtreibungen einen grossen Fehler. Dabei ging sie so weit, sich sogar für den Fall einer Vergewaltigung gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch auszusprechen.

Der US-amerikanische Film-Schauspieler Jon(athan) Voight war am Höhepunkt seiner Karriere (1970er) wie Viele in Hollywood ein Linksliberaler, zumindest für amerikanische Massstäbe – das dürfte sich in den frühen 2000ern gedreht haben, zu Zeiten des jungen Bush. Bei ihm sind manche Parallelen zu Heston zu erkennen, Voight ist eben nur etwas jünger. Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg sei „marxistische Propaganda“ gewesen, sagte er nun. Bush sei der Führer der „freien Welt“, dessen Kritiker in der USA seien unpatriotisch; er steht sogar der Tea-Party-Bewegung nahe, unterstützte Rudolph Giuliani, Michael Huckabee, Sarah Palin,… Und, er wurde natürlich auch christlicher Zionist, bezeichnete Israel als „moralisches Leuchtfeuer“, attackierte Barack Obama als „Förderer des Antisemitismus“ und dafür, eine „sozialistische Agenda“ zu verfolgen.

Vor der israelischen Parlamentswahl 2015 rief er zur Wahl des Likud/Netanyahu auf, mit „Appeasement“-Vorwurf ggü Isaac Herzog (Avodah)… Bei der USA-Präsidentenwahl 2016 warb er für Donald Trump, warf Gegenkandidatin Hillary Clinton unter Anderem vor, die Einwanderungspolitik von Obama zu befürworten und die „Religionsfreiheit“ einschränken zu wollen. Bei Voight zeigt sich schön, wie Rechtes heutzutage daher kommt, mitunter auch in einem „antifaschistischen“ Mäntelchen, man ist ja gegen Antisemitismus, gegen Appeasement (gegenüber dem Bösen), für Israel, für die Moral, für die freie Welt, für die Religion, für den Patriotismus bzw die Nation (welche),… Von Trump bekam er ’19 auch einen Orden.

Matthias Matussek war früher in leitenden Positionen bei „Spiegel“, hatte eine TV Sendung bei SWR („Matussek trifft…“), war dann bei „Welt“ (erster Schritt seiner Radikalisierung), wurde ’15 nach einem vergnügten „Tweet“ zum Pariser Terror („Debatten nun in frische Richtung…“) entlassen. Ganz früher war er ein Marxist gewesen, nun hat er sich u.a. zum Katholizismus hingewandt (klagte darüber dass „Gläubige“ unter „Blödheitsverdacht“ stünden), wurde „identitär“, homophob, leicht misogyn, ein Neorechter. Er landete folgerichtig auf Broders „Achse“, sowie bei Tichys „Einblick“.

Yves Montand (Ivo Livi) rückte im Lauf seines Lebens von ziemlich weit links nach ziemlich weit rechts; in den 1980ern wollten ihn viele Franzosen in einer politischen Funktion haben

Wolfgang Gedeon, AfD-Rechtsaussen, Arzt, war mal Kommunist; als solcher war er ohne Bedeutung, im Gegensatz zu jetzt

Mehrmals gedreht hat sich Alfred Mechtersheimer: Bundeswehr, Politologie-Studium, RCDS, CSU, Ausschluss dort durch Friedensengagement Anfang 80er, Linksruck, Grüne, für die im Bundestag, Kontakte zu Ghadaffi-Libyen, „National-Pazifismus“, > Rechtsruck, heute bei der rechtspopulistischen Pro-Köln-Bewegung; auch Jürgen Elsässer ist eine Art politisches Chamäleon, hat sich auch von links nach rechts gedreht

Herbert Röttgen/ Victor Trimondi, der mit seinem Buch zum Dalai Lama (zusammen mit seiner Frau) bekannt wurde und weiteren zu „exotischen Religionen“, scheint sich auch in diese Richtung gedreht zu haben

Der Schriftsteller Saul Bellow galt in früheren Jahren als „Liberaler“ (was im US-amerikanischen Kontext ja etwas Anderes bedeutet als hier), in seinen späteren als „Neocon“

Der Bund gegen Anpassung (auch „Bund zur Verbreitung unerwarteter Einsichten“, „Zegg“ und weitere Tarnnamen) von Fritz Hoevels und der mit ihm verbundene Ahriman-Verlag, der auch die „Ketzerbriefe“ des Bundes heraus bringt. Die politisierende Psychosekte wurde bereits in den 1980ern rechts, noch in den 1990ern wurde Saddam als „unangepasster Held“ gefeiert, Islam wurde in den 2000ern Feindbild (“Bomben auf Teheran für Rushdie!“), Anti-USA ist man dort anscheinend noch immer, aber von Pro-Palästinenser ist man zu Pro-Israel geschwenkt, in bundesrepublikanischer Manier(69)

John Dos Passos, US-amerikanischer Schriftsteller (1896-1970), zT portugiesischer Herkunft: es heisst, es waren seine Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg, die ihn zum Rechten machten; er unterstützte in seinen späteren Jahren Joseph McCarthy, Barry Goldwater, Richard Nixon

Hans Püschel war nach der deutschen Wiedervereinigung Gründungsmitglied der SPD in Sachsen-Anhalt und war von 1990 bis 1994 sowie von 2001 bis 2013 Bürgermeister der Gemeinde Krauschwitz. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2011 wechselte er zur NPD; diese scheiterte dann knapp an der Fünf-Prozent-Hürde

Jan Fleischhauer soll ein Ex-Linker gewesen sein, wie auch sein Freund Broder

Peter Sichrovsky, ebenfalls Journalist: „linker” „Standard“-Ressortleiter, dann FPÖ-Politiker, nun ist er irgendwo dazwischen

Seymour M. Lipset, ein amerikanischer Soziologe, der das angebliche King-Zitat über Israel-Kritik aufbrachte, wurde vom Sozialisten zum Neocon

Weiters: Samuel Schirmbeck, Melanie Phillips, Ignazio Silone, André Gide, John R. Chamberlain (US-amerikanischer Journalist), Raymond Moley, Tajar Zavalani, Bella Dodd, Max Eastman, Morrie Ryskind, Frank Meyer, Will Herberg, Sidney Hook, Christa Zöchling (österreichische Journalistin, war früher beim Kommunistischen Studentenverband/KSV),…

Grenzfälle bzw leichtere Verschiebungen: Hier geht es wie oben erwähnt, um solche, bei denen die Verschiebung nicht so gross war

Thomas Manns Sohn Angelus “Golo” Mann (Bruder von Klaus), machte anscheinend einen Abschluss in Philosophie (Karl Jaspers, Heidelberg), den in Geschichte nicht – die Arbeit für das Staatsexamen mit einem Wallenstein-Thema(70) war bereits eingereicht, zur Prüfung kam es nicht mehr, denn Mann verliess 1933 wie andere Mitglieder seiner Familie das Deutsche Reich wegen der Hitler-Diktatur, war demnach ein Amateurhistoriker. Exil in der USA, in New York lebte er einige Zeit in einer Wohngemeinschaft mit Wystan H. Auden, Benjamin Britten, Paul Bowles. Ging zum US-amerikanischen Militär, kehrte so nach Deutschland zurück. Etablierte sich akademisch in der BRD; 1963 wurde Manns geplante Berufung als Professor an die sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt durch die dort wirkenden Max Horkheimer und Theodor Adorno verhindert.(71) Umzug in die Schweiz. Mann war Adenauer etwas zugetan, lange Zeit seines Lebens aber SPD-Unterstützer, und Brandt-Redenschreiber! Die 68er brachten ihn nach rechts, nach den Ostverträgen löste er sich von Willy Brandt, die RAF-Aktionen der 1970er radikalisierten ihn weiter. Schliesslich „landete“ er dann bei Franz J. Strauss, der Politiker der “die linke Bewegung eindämmen” könnte. 1979/80 unterstützte er diesen als Spitzenkandidaten der CDU/CSU bei der Bundestagswahl. Und er schrieb das Vorwort zum 1994 erschienenen Buch „Rudolf Heß: Ich bereue nichts“, herausgegeben von dessem Sohn Wolf Rüdiger Hess

Paul Rassinier war ein französischer Linker (Kommunist/Sozialist), Historiker (Lehrer) sowie Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung im 2. WK, war daher in den KZs Buchenwald und Dora-Mittelbau interniert. Er überlebte als Invalide, war nach dem Krieg kurz Abgeordneter für SFIO (Vorgängerin der PS) im Parlament. In seinen ersten 2 Büchern kritisierte er dann vornehmlich die kommunistisch dominierte Häftlingsführung in KZs, nahm gegen „selbstgerechte Deutschland-Verurteilungen“ Stellung und äusserte Zweifel an Gaskammern und dem Ausmaß des Holocausts. Danach wurde er verklagt und von SFIO ausgeschlossen. Nach Veröffentlichungen in den 50ern u.a. zum Pazifismus nahm er sich in den 60ern verstärkt das Thema Holocaust und Krieg vor. Er verurteilte NS-Prozesse von Nürnberg bis Jerusalem. 1964 stellte er in einem Buch den Holocaust als solchen in Abrede, mit Kritik u.a. an Zeugenaussagen und technischen Möglichkeiten (diese seine Ausführungen sollen sachlich widerlegt worden sein), unterstellte dabei Juden, aus Nazi-Verbrechen Kapital für den Zionismus schlagen zu wollen. Nach Hochhuths historischem Theaterstück „Der Stellvertreter“ schrieb der Atheist ein Buch zur Verteidigung von Pius XII. Er starb relativ früh, an den Spätfolgen der Folter im KZ. Er wurde so etwas wie ein Vater der Holocaust-Leugnung; die Frage ist, inwiefern er mit jenen (Rechtsextremen) zu assoziieren ist, die sich auf ihn berufen, die das NS-Regime entlasten wollen

Der KGB-Agent Bogdan Staschinski tötete 1959 in der BRD im Auftrag seiner Behörde den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der mit Wehrmacht und BND zusammenarbeitete, mit einer Blausäurepistole. Stas(c)hinski stellte sich später in W-Berlin, wollte wegen einer Liebe überlaufen, bekam in der BRD eine milde Strafe („nur Beihilfe“)(72), dann eine neue Identität. Es hatte aufgrund der Tätigkeit von Banderas OUN neben dem KGB auch andere Kandidaten für den Mord gegeben. Jedenfalls, Staschinski lief wegen einer Frau über, so weit bekannt ist, nicht weil er den Kommunismus „fallen liess“. Bandera ist evtl. als Überläufer von Ost nach West zu sehen, auch wenn er das vor Ausbruch des KK tat, Stashinski jedenfalls als Überläufer vom Osten in den Westen

Gianfranco Corsi („Franco Zeffirelli“) war im 2. WK als Student bei den Partisanen sowie als Dolmetscher für britische Militär-Einheiten aktiv.(73) Dann wurde er Theater-, Opern- und Film-Regisseur.(74) Shakespeares Werke inszenierte er immer wieder, „Romeo und Julia“ etwa im Theater und im Film (1968). 1969 erlitt er einen schweren Autounfall, zusammen mit (Lui)gina Lollobrigida(75), in Orvieto, mit Kopfverletzungen. Es heisst, er wurde danach sehr katholisch. Sein Franz-von-Assisi-Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ (1973) soll vor dem Hintergrund entstanden sein; und auch die 1977 erschienene Miniserie “Jesus of Nazareth” („Gesù di Nazareth“). 1991 äusserte er sich negativ über die „arabische Kultur“ und den islamischen Fundamentalismus, ähnlich wie Fallaci und Andere 10 Jahre später. Von 1994 bis 2001 (zwei Legislatur-Perioden) war Corsi/Zeffirelli  für Silvio Berlusconis Forza Italia im Senat, in der Zeit nach dem Ende der Ersten Republik (siehe). Die Frage ist, ob er konservativer geworden ist, und wenn ja, durch den Unfall. Er war vorher Christdemokrat, also auch Mitte Rechts; sah keinen Gegensatz zwischen seiner Homosexualität und seinem Katholizismus

„Nick“ und „Bobbi“ Ercoline, das Pärchen vom Cover der Woodstock-LP (1970 heraus gekommen), zwei aus 500 000 bei dem Konzert in Bethel, waren schon zur Zeit des 20-Jahre-Jubiläum des Konzerts 1989 für Bush senior und „Pershing II“ -Raketen, das dürfte sich kaum gedreht haben. Das Foto stammt von Burk Uzzle, der für die Agentur Magnum fotografierte, wurde am Morgen des dritten von vier Konzerttagen aufgenommen. Die Beiden betonten später, dort keine Drogen genommen zu haben, nur Wein und Bier; sie waren damals nicht Teil einer „linken Subkultur“, später schon gar nicht

Leute in der Democratic Alliance (DA) von Südafrika, die als liberal galten, aus einem solchen Milieu kommen, sich gegen die Apartheid engagierten (in den Vorgänger-Parteien der DA, wie der DP), nach dem Ende Apartheid ein Stück nach rechts rutschten bzw sich als konservativ herausstellten („bewahrend“; ohne sich viel zu verändern). Die DP (Democratic Party) wurde 1999 wichtigste „weisse“ Partei Südafrikas, v.a. durch den Zustrom von Afrikaanern – weil sie unter „Tony“ Leon nach rechts gerückt war oder rückte sie durch den Zustrom bisheriger NP-Wähler und -Politiker nach rechts?

Im ANC gibt es Politiker, die von der linken Seite kommen und nach dem Ende der Apartheid eine gewisse Wandlung machten, zumindest im wirtschaftspolitischer Hinsicht. So wie Cyril Ramaphosa, der zwar nicht im Bergbau arbeitete, aber in der (schwarzen) Gewerkschaft der Minenarbeiter anfing, als Rechtsberater, nach seinem Übergangen-Werden als Mandela-Nachfolger (das entschied sich bereits 1994) in die Wirtschaft ging, zum Minenbesitzer wurde, ehe er wieder in die Politik ging. Paul Trewhela ist ein Weisser, der im ANC gegen die Apartheid kämpfte, ins Exil (GB) ging und dort blieb, sich von der Linken abwandte. Es gibt eine bunte Liste von Politikern, die vom ANC zu anderen Parteien gingen (oder diese mit-gründeten), Sobukwe (PAC), Buthelezi (IFP), Mavuso (NP), Holomisa (UDM), Lekota (COPE), Malema (EFF),…(76)

Arlo Guthrie wurde wie sein Vater (Woodrow „Woody“ Guthrie, christlicher Anglo-Amerikaner, dessen Vater beim KKK in Oklahoma) Protest-Folk-Sänger; Mutter war Jüdin, wurde für seine Bar Mitzwa von Rabbiner Meir Kahane vorbereitet, der dann u.a. die faschistische Jewish Defense League (JDL) gründete. „Rabbi Kahane was a really nice, patient teacher“, so Arlo Guthrie später, „but shortly after he started giving me my lessons, he started going haywire (verrückt). Maybe I was responsible.“ Guthrie trat 1977 zum Katholizismus über, interessierte sich später für andere Religionen. Er stand der DP nahe, hat einige Zeit die RP unterstützt (hauptsächlich Ronald Paul), soll dies begründet haben „We had enough good Democrats. We needed a few more good Republicans. We needed a loyal opposition.“ Francis „Frank“ Sinatra ist ein anderer Nicht-Politiker, der von DP zu RP wechselte. Auch „Easy Rider“ Dennis Hopper unterstützte zeitweise die Republikaner

Roland Freisler geriet 1915 an der Ostfront in russische Kriegsgefangenschaft, verbrachte den Rest des Krieges in einem Offizierslager in der Nähe von Moskau. Nach der Oktoberrevolution und dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurden diese Lager einer deutschen Selbstverwaltung übergeben, Freisler wurde zu einem ihrer Kommandanten ernannt. Er war den russischen Sozialdemokraten (Bolschewiki) beigetreten. Obwohl die Gefangenen 1918 in die Heimat entlassen wurden, blieb Freisler noch zwei Jahre länger in Sowjetrussland. War in der Zeit des Russischen Bürgerkriegs Kommissar für Nahrungsmittelverteilung, scheint ein Bolschewik gewesen zu sein, nicht nur zwangsweise. Er kehrte 1920 nach Deutschland zurück und schloss sein Jus-Studium ab. Bald hatte er eine eigene Anwaltskanzlei, verteidigte zunächst NSDAP-„Aktivisten“. Bis er selbst ein solcher wurde, und nach der Machtergreifung 1933 Karriere machte, die ihn an den Volksgerichtshof führte, dessen Präsident er 1942 wurde. Dort ging es ja um „Hochverrats“-Sachen, Freisler fällte selbst über 2500 Todesurteile… Im Februar 1945 wurde er bei einem US-Luftangriff im „Volksgericht“ getötet, was u.a. Fabian von Schlabrendorff rettete(77)

Wilhelmus „Pim“ Fortuyn, der niederländische Soziologe der in die Politik ging, interessierte sich in seiner Jugend für den Kommunismus, sympathisierte mit der Communistische Partij Nederland (CPN), wurde später aktives Mitglied der sozialdemokratischen PvdA. Ab 1989 engagierte er sich in der rechtsliberalen VVD. Sein politisches Wirken beschränkte sich auf wenige Monate, die Zeit von Ende 2001 bis Mai 2002, für LN und LPF.(78) Kurz vor den Parlamentswahlen im Mai 02 wurde Fortuyn in Hilversum von einem Tierschützer erschossen.(79) Fortuyn war als Politiker kontrovers-kontroversiell; er war bekennender Homosexueller sowie Islamgegner, stammte aus einem katholisch-konservativen Haus, attackierte die Reformierten/Calvinisten, war Gegner der Monarchie und Anhänger eines 2-Parteien-Systems nach USA-Vorbild, Gegner des Tierschutzes und der Einwanderung, Populist aber kein wirklicher Nationalist; und hatte einen tiefen Impakt in der Niederlande

Der österreichische Publizist Günther Nenning (1921-2006) erlebte Erste Republik, Austrofaschismus, Nazi-Diktatur, Zweite Republik. Als Wehrmachts-Soldat wurde er (nach Kriegsende) von der Roten Armee gefangen genommen und kam in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Studierte Sprachwissenschaft sowie Religionswissenschaft (wurde Doppel-Doktor). Schrieb für das ,,Forvm“ des Friedrich „Torberg“ (Kantor-Berg), das vom CIA ausgehalten wurde, übernahm dieses dann; später schrieb er für „Profil“. Moderierte im Rundfunk u.a. die Sendung „Club 2“ im ORF. War als Journalisten-Vertreter im ÖGB wichtig, wurde dann dort rausgeschmissen. War bei der SPÖ, dann Mitgründer der Grünen in Österreich. Nenning wechselte auch „seine“ Frauen oft, wurde als Senior nochmal Vater, bezeichnete sich als „Feministen“. Relevant für diesen Artikel wird er durch gewisse „Metamorphosen“ gegen Ende seines Lebens. Schrieb für „Krone“. Wurde angeblich ein Monarchist. Und: Nenning, der evangelisch war und zur katholischen Kirche übertrat, wurde religiös. Ach ja, und der Wiener starb schliesslich in Tirol

Jorge Mario Vargas Llosa, peruanischer Autor und Politiker, 2010 Literatur-Nobelpreis-Gewinner: wie andere lateinamerikanische Intellektuelle war Vargas Llosa ein „Unterstützer“ von Fidel Castro und dessen System in Cuba. Und wie bei  Anderen war der Umgang mit dem Autor Heberto Padilla mit ausschlaggebend für eine diesbezügliche Kehrtwende. Padilla wurde aufgrund regimekritischer Inhalte drangsaliert, bis er 1980 ausreisen/emigrieren durfte (in die USA…). Eine Querverbindung in diesem Artikel: Der genannte Günter Maschke war ja auch in Cuba gewesen (und dort nicht froh geworden), durfte dann auf Vermittlung von Hans M. Enzensberger (ebf hier genannt) bei Suhrkamp eine Übersetzung eines Gedichtbands von Padilla rausbringen. 1987 stieg er ja mit der Gründung des Movimiento Libertad in die Politik ein. Die Partei ging mit zwei anderen Rechtsparteien die Dreier-Allianz Frente Democrático (FREDEMO) ein. Und Vargas trat bei der Präsidenten-Wahl 1990 als ihr Kandidat an, verlor gegen Alberto Fujimori (Cambio 90). Das Buch über „den Kelten“ zeigte jedenfalls, dass Vargas kein Rechter wurde

Michael „Mikis“ Theodorakis ist ein Linker, wurde mit der Wahl 1964 Abgeordneter für die EDA. Diese Legislaturperiode wurde ja durch den Militärputsch 1967 unterbrochen, der zum rechten Militärregime bis ’74 führte. Gegen dieses engagierte sich Theodorakis, wofür er eingesperrt wurde und seine Lieder verboten. Nach dem Abtritt der Junta 1974 war er Kandidat der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) für das Amt des Athener Bürgermeisters. 1981 wurde er Abgeordneter der KKE, bis 1985 oder 1989. 1989 ein kleiner Rechtsruck, er kandidierte (als Parteiloser) für die Mitte-Rechts-Partei ND von Konstantinos Mitsotakis, wurde gewählt, war 1990-92 Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung von Mitsotakis, die mit dem Aufräumen des Erbes der Skandale der Regierung von Andreas Papandreou (PASOK) beschäftigt war. In dieser Funktion setzte er sich u.a. für eine Verbesserung der Beziehungen zur Türkei ein, was er auch danach immer wieder tat. Theodorakis ist politisch nicht leicht einzuordnen. Er setzte sich in den 1990ern für Serbien bzw Rest-Jugoslawien ein, gegen den Krieg der USA im Irak 03 (> vgl. Voight), Israels Besatzungspolitik(80)

Die brasilianische Politikerin „Marina“ Silva hat vier Mal die Partei gewechselt. Die längste Zeit war sie eigentlich bei der Arbeiterpartei (PT), für die Grünen (PV) und die Sozialisten (PSB) ist sie bei Präsidentenwahlen angetreten, unter „Lula“ war sie Ministerin. Bei einer Rechtspartei ist sie nicht gelandet, aber bei einer evangelikalen Kirche, wurde eine Pfingstlerin. Worauf sich manche Inhalte änderten, so ist sie seitdem gegen das Recht auf Abtreibung. Und bei der Präsidentenwahl ’14 unterstützte sie im zweiten Wahlgang den PSDB-Kandidaten Neves über Rousseff von der PT

C. Vadim Tudor war Hofpoet von Rumäniens Diktator Ceaucescus, sagt man. In postkommunistischer Zeit wurde er Gründer und Führer der rechtsextremen Partei PRM, holte sich auch israelische Berater. Man kann sagen, er blieb reaktionär…oder ein Mitläufer/Wellenreiter(81)

Der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff engagierte sich einst für faire Haftbedingungen für RAF-Gefangene, ist heute Merkel-Unterstützer, hat dies in dem Film von Felix Möller erklärt; ebenfalls ein Grenzfall bzw ein moderater Rechtsruck

Auch Rainer Langhans wird bei den Grenzfällen bzw Fragezeichen angeführt. Mit DDR-Erfahrung hinter sich kam er nach West-Berlin, wurde dort einer der „führenden“ deutschen 68er. Wobei er das Politische ja im Privaten sah. Aus Berlin ging er nach München (wo er sich einen „Harem“ aufbaute) und zur Esoterik. Aus diesem Blickwinkel deutete er dann den Nationalsozialismus. Eine Zeit lang war er der Piratenpartei zugetan. Der Burda-„Focus“ hat ihm eine Plattform gegeben. Auch Kontakte mit Rechtsextremen soll er (gehabt) haben. Richtig arbeiten tut er ja nicht, regelmäßiger Teil seines Einkommens ist eine Rente, die auf seine 2- jährige freiwillige Bundeswehr-Zeit zurückzuführen ist

Die Sängerin „Michelle Shocked“ schockierte Manche mit Aussagen gegen Homosexualität (als deren „Proponentin“ sie gesehen wurde), aus einer christlichen Ideologie heraus; Parallelen zu Marina Silva

Friedrich Hayek, der Ökonom österreichischer Herkunft, wichtiger Theoretiker des Wirtschafts-Liberalismus, begeisterte sich in seiner Jugend für den fabianischen Sozialismus und planwirtschaftlichen Vorstellungen Walther Rathenaus; es heisst, infolge der Lektüre des Buches „Die Gemeinwirtschaft“ von Ludwig von Mises wandte er sich von sozialistischen Ideen ab

Papst Pius (Pio) IX.(Giovanni M. Mastai-Ferretti): 1846 Papst, anfangs Liberaler, erlebte 1848 im Zuge des Risorgimento die Römische Republik G. Garibaldis > Bruch mit italienischer Nationalbewegung, wurde stockkonservativ > Römische Frage (> 1870), 1. Konzil > Unfehlbarkeit

1983

Franz Morak? Künstler, dann Politiker. War er links? Wurde er rechts?

2000

Der deutsche Historiker Götz Aly (der von „Kammertürken“ abstammt)…noch ein ehemaliger 1968er, einer der Kritiker der Bewegung wurde. Fraglich ist aber, ob er rechts wurde und wenn ja, wie

Bob Dylan“ (Robert Zimmerman) hat auch so manche Wandlung absolviert (welcher Mensch nicht?), wie sein Übertritt vom Judentum zum Christentum (mit der Aussage, diesbzgl „wiedergeboren“ zu sein)

Eric A. Blair („George Orwell„) war eine Art Sozialist, und ein Gegner von Totalitarismus. 1936 nahm er auf republikanischer Seite am Spanischen Bürgerkrieg teil; schrieb darüber 1937 „Mein Katalonien“ (engl.: „Homage to Catalonia“). Darin thematisiert er auch das Wirken stalinistischer Kräfte auf republikanischer Seite in Spanien. In GB gehörte er zeitweise der Independent Labour Party (ILP) an, und nicht der CPGB. In „Der Löwe und das Einhorn“ (1941) brachte Orwell seine Vorstellung von britischem Sozialismus vor. In „Farm der Tiere“ und „1984“ ging es natürlich auch um anti-autoritäre und -totalitäre Prinzipien. Er wurde von britischen Behörden für seine linken Aktivitäten beobachtet, auch schon vor dem Kalten Krieg. In den 1990ern oder 2000ern wurde bekannt, dass „Orwell“ nach dem 2. WK (im beginnenden KK, in den Jahren vor seinem Tod) dem Information Research Department des britischen Aussenministeriums, der Behörde für die George Conquest (^) damals arbeitete, einer Bekannten zuliebe, die Conquests Mitarbeiterin war, eine Einschätzung von als „kommunistisch“ verdächtigten britischen Künstlern abgab, darunter war auch „Charlie“ Chaplin. Orwell hat Einige, bei denen er „fehlende Distanz“ zur SU bzw zum Stalinismus sah, der Behörde ggü diesbezüglich eingeschätzt, Andere zB als „Mitläufer“. Unter Ersteren waren auch solche, die sich später als SU-Spione (hauptsächlich dem Ring um Philby zugehörig) heraus stellten. Welche Konsequenzen das für die Betroffenen hatte, ist eine andere Frage. Nicht wirklich eine Rechtswendung von Orwell, andererseits auch nicht so weit entfernt von dem was zB Kazan tat

Über Victor Farias und sein Anti-Allende-Buch hier. Die Motivlage und die Ausrichtung von Farias ist unklar

Ursula „Uschi“ Glas, die Schauspielerin. Nun ja, sie wandte sich in den 1970ern Franz Josef Strauss und der CSU zu, wie in ihrem Milieu üblich, und davor war sie irgendwie linksliberal gewesen, der Zeit entsprechend

(1) A propos: Napoleon(e) B(u)onaparte ist vielleicht ein Kandidat für diese Liste. Wurde gross in der Revolution, die er dann gewissermaßen beendete. Militärischer Aufstieg unter dem Direktorium – das er dann 1799 beseitigte. 1804 krönte er sich ja zum Kaiser. Nach seinem erzwungenen Abtritt 1814 die Restauration der alten Monarchie. Bei Barres bzw Boulanger zeigt sich aber die Problematik der Einteilung Rechts-Links im Frankreich des 19. Jh

(2) Bei den drei Umstürzen 1830, 1848 und 1870 waren hauptsächlich Republikaner aktiv, 1830 ausserdem moderate (konstitutionelle) Monarchisten

(3) Es gab es vor der Französischen Revolution schon Menschen, die etwas derartiges vollzogen, aber die heutigen Kategorien sind eben (ab) damals entstanden

(4) In einer Nahost-Rede etwa kritisierte Obama zwar die bahrainische Regierung, nicht aber das saudische Königshaus. Dafür wird der langjährige Bündnispartner in der Region offenbar noch als zu wichtig gesehen; nicht zuletzt wegen Iran. Und Obama hat an mehreren Fronten Appeasement ausgeübt, auch ggü jenen die ihm ggü rassistisch sind

(5) Damit nicht nur gegen algerische Unabhängigkeits-Kämpfer aktiv, sondern auch gegen den französischen Staat

(6) Wettert u.a. in ihrem 2003 erschienenen Buch „Ein Ruf aus der Stille“ ähnlich wie Le Pen gegen eine „Islamisierung Frankreichs“

(7) Er pflegt(e) aber Freundschaften mit Persönlichkeiten der Linken, wie Luchino Visconti

(8) Wie Rudolf Nurejev oder Milos Forman oder Conrad Schumann

(9) Es werden in der Zukunft solche „Verschiebungen“ evident werden, die sich gerade vollziehen…

(10) Hier also ging es um islamischen Fundamentalismus, nicht um den ratten-artigen Charakter von Muslimen/Migranten

(11) Ang Swee Chai, eine chinesische Malaysierin, wanderte von Pro IL zu Pro Palästinenser (bzw einer realistischeren Betrachtung des „Nahost-Konflikts“, ohne Rechts/Links-Konnotationen

(12) Das trifft auch auf manche Leute zu, die sich noch nicht von der Linken verabschiedet haben. Auch solche sind oft reaktionärer und menschenverachtender als gestandene Rechte

(13) Diese, zweitere Bezeichnung verdient(e) er sich zB mit einem Buch wie „The Professors: The 101 Most Dangerous Academics in America“ (2006)

(14) Newton war 1970 in der Berufungsverhandlung von einer Mordanklage frei gesprochen worden

(15) Also möglicherweise einer Verwandten von Charles Krauthammer, dem verstorbenen Neocon, der auch von der Linken/Liberalen kam

(16) Vergleiche „Scholars for peace in the middle east“, „Liga für Aufklärung und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten“,…

(17) In „Soul on Ice“, einer Sammlung von Essays, die Cleaver 1968 heraus brachte, schrieb er: „If a man like Malcolm X could change and repudiate racism, if I myself and other former Muslims can change, if young whites can change, then there is hope for America.“

(18) Staaten legten die Erreichung des Mindestalters von 35 unterschiedlich aus, bezüglich der Nominierung, der Wahl oder aber der Amtsübergabe

(19) Es war nicht so, dass man sich auf der „Gegenseite“ nicht zusammenfand/-tat. Und Praktiken der Unterwanderung wie vom FBI ggü der BPP ähnelten israelischen (Mossad, Shin Bet) ggü palästinensischen Organisationen

(20) Dort, in Havanna, hat ihn James „Jim“ Jones besucht, der Führer des Peoples Temple (of the Disciples of Christ). Der Kontakt zwischen den Beiden blieb aufrecht, auch nachdem sich der „Volkstempel“ nach Guyana“ zurückgezogen“ hatte. Ein Cousin von Newton zog auch dorthin nach Jonestown, entkam dem erzwungenen Massenselbstmord von 1978

(21) „Liberal“ bedeutet in der USA und anderen Anglo-Staaten eher was Linkes, anderswo was Rechtes

(22) Sohn eines aus Südafrika in die USA eingewanderten Geschäftsmanns und der Tochter eines Rabbiners

(23) „Sie haben die enorme Verantwortung, einen neuen Holocaust zu verhindern. Sie sind der Einzige, der den Mumm hat, das zu tun“. Bush verlieh ihm die „Presidential Medal of Freedom“

(24) Sohn von Irving und gleich ausgerichtet; bei Donald und Robert Kagan ist es ähnlich

(25) Oder dem Lamento über „white guilt„. Immerhin anerkannte er im selben Satz, dass vor dem Aufkommen dieser Auseinandersetzung die Historiographie Australiens gewissermaßen zu unkritisch war („the Three Cheers View“)

(26) Windschuttle hat „The Breakup of Australia: The Real Agenda Behind Aboriginal Recognition“ (2016) bei Quadrant Books, dem dazu gehörenden Verlag publiziert

(27) Wie die Haltungen zur Umwandlung Australiens in eine Republik, zur Einwanderungspolitik, Aussenpolitik, Umwelt- bzw Klimapolitik,… Die Gesetze zugunsten der Aborigines in den 1970ern wurden unter der Labor-Regierung von Gough Whitlam erlassen, die Entschuldigung an die Aborigines für die staatliche Entführungen ihrer Kinder kam Ende der 2000er von Kevin Rudd

(28) Bei ihm kommt eine Tochter aus erster Ehe dazu, Anja Röhl, diese warf ihm vor, sie als Kind sexuell belästigt zu haben. Derartiges wurde unter „68ern“ damals jedenfalls anders gesehen

(29) Berliner Verkehrsbetriebe

(30) Ja, die Veranstaltung in Wien 08 war ja auch eine Art „wissenschaftliche Konferenz“…

(31) Warum, das ist eine längere Geschichte; es wäre zu einfach, das auf langdauernde britische Intrigen zurück zu führen, aber auch, die Moslems bzw die League als Abkömmlinge der Invasoren darzustellen

(32) Diese Wahlen kamen Volkszählungen gleich, Gegenden in denen der Congress gewann, waren überwiegend hinduistisch, die von der League gewonnenen mehrheitlich moslemisch; es zeigten bzw bestätigten sich jene Gebiete im Nordwesten und Nordosten in denen Moslems die Mehrheit bildeten

(33) Die kleineren Religionsgruppen Indiens, Sikh, Christen, Parsen/Zoroastrier, Buddhisten, Jainas,…, sind in der Regel eher mit den Hindus „verbündet“

(34) Im September 46 kam dann die provisorische Regierung zu Stande unter Jawaharlal Nehru, im Oktober gab die Moslem-Liga den Boykott von Konstituante und Regierung auf

(35) Auch wenn dies in gesprochener Form nicht allzu grosse Unterschiede zu Hindi aufweist

(36) Und hat Robertson ein Buch von ihm über Jesus geschickt nach dessen Kommentaren über den Hinduismus

(37) Mehr dazu in Teilen dieses Artikels

(38) De Benoist, der nach einer Reise nach Apartheid-Südafrika auf Einladung der Verwoerd-Regierung 1965 den Essay „Vérité pour l’Afrique du Sud“ geschrieben hatte, und auch Rhodesien bereist und gelobt hatte, als „Aussenposten des Westens“ zu Zeiten der „schändlichen“ Entkolonisierung und „Negrifizierung“, wurde mit der Zeit etwas kritischer ggü dem Anglo-Imperialismus, besonders jenem der USA

(39) Die „A“D-Recken der „bahamas“ haben 03 ihren „Abschied von der Linken“ erklärt

(40) Auch mit Islamisten gibt es Gemeinsamkeiten, Korrelationen. Wie leicht diese Übertritte von Islamisten zu Islamophoben (Zionismus, Neokonservativismus,..) immer gehen… > Mossab Youssef, Mehdi Khalaji, Hamed Abdelsamad, Maajid Nawaz,…

(41) In Österreich gibt es da einen Kurt Wendt in der KPÖ, der ein Organisator von Demonstrationen gegen die erste ÖVP/FPÖ-Regierung war (Anfang der 00er, Schüssel), dann von der „anti“deutschen Strömung in der Partei (Peham,…) erfasst wurde, sagte dass es ein Fehler gewesen sei, diese Demos auch auf bzw gegen die Bush-Kriege auszudehnen…zur Zeit der neuen ÖVP/FPÖ-Regierung (Ende der 10er, Kurz) pudelte er sich dann wieder als Linker und als Held der Arbeit auf

(42) Sohn eines Amerikaners und einer Norwegerin

(43) In der Zeit nach dem 2. WK gab es in diversen Ostblock-Staaten nochmal so eine „Inquisitions“-Welle gegen kommunistische „Abweichler“. Zusätzlich zum Vorgehen gegen Demokraten, das oft als eins gegen „Faschisten“/“Kollaborateure“ deklariert wurde

(44) Siehe die Überlegungen bei Morris/Windschuttle zur Arbeit eines Historikers. Mit der Frage beschäftigte sich auch Peter Novick: That noble dream: the „objectivity question“ and the American (1988)

(45) Nicht zu verwechseln mit den Aktivitäten von Joseph McCarthy im Senat, hauptsächlich im Government Operations Committee, 1953-55

(46) Mit dem 1965 von Präsident Lyndon Johnson unterschriebenen Voting Rights Act wurde dann das bisherige Wahlrecht ausser Kraft gesetzt, dem zufolge etwa nur solche Bürger ins Wählerverzeichnis aufgenommen wurden, die einen Lesetest erfolgreich absolviert hatten

(47) Wenn bezüglich der USA vom „Süden“ die Rede ist, ist meistens eigentlich der Südosten gemeint, etwas mehr als der „Old South“ (der etwa Georgia nicht inkludiert) und etwas weniger als der „Solid South“ (der bis Texas geht)

(48) Solche Waffen haben die beiden Mördern benutzt. Heston verwischte auf dem NRA-Kongress gerade solche Differenzierungen… “It implies that 80 million honest gun owners are somehow to blame.”

(49) Das Interview fand 2001 statt, bevor Heston seine Erkrankung öffentlich machte

(50) Die Vorgänger Tudjmans in dieser Funktion waren alle von der kroatischen Sektion (SKH) der kommunistischen Partei Jugoslawiens (SKJ). Die SKH wandelte sich 1990 unter Ivica Racan in eine sozialdemokratische und eigenständige Partei namens SDP um

(51) Sein Ziel, auf Kosten der Bosnier und Kroaten ein Gross-Serbien zu schaffen, war 1995 gescheitert, 2000 wurde er gestürzt

(52) Rohrmoser hat ihn übrigens in seiner ersten („linksextremen“) Haftzeit im Auftrag einer Kommission der Bundesregierung im Gefängnis besucht. Rohrmoser erklärte 1998, bezüglich der „die Religion und die sittliche Substanz zerstörenden Wirkung der 68er“ seien seine und Mahlers Positionen identisch

(53) Es gab/gibt viele Alt-Linke, die (ab) Anfang der 00er in der „Islamkrise“ Stellung in einer ähnlichen Art bezogen, bis hin zu Manfred Deix. Bei Anton Pelinka ist es vermutlich etwas komplexer. 

(54) Oder, beim Sturz von Abdelkarim Qasim im Irak 1963

(55) Siehe

(56) Es ist nicht bekannt, ob Pau diese Aussage bei einem ihrer Besuche in der israelischen Botschaft in Berlin oder in Jerusalem/Quds getätigt hat

(57) Erinnert an den Spielfilm „Departed/Unter Feinden“, mit Matt Damon und Leonardo di Caprio, als Polizei-Agenten in Boston, der Eine als Spitzel in die irische Mafia eingeschleust, der Andere Spitzel für diese Mafia in der Polizei…dort kommt es ja aber zu keiner Enttarnung

(58) Beim KGB-Mann Oleg Kalugin war es so, dass er mit dem System der SU in den 1980ern unzufrieden war, dies auch äusserte, an seiner Reform mitwirkte; übergelaufen ist er nicht und er hat auch solche wie Gordijewski scharf dafür kritisiert. Er lebt jetzt in der USA. Auch nicht so leicht einzuordnen

(59) Er ging zu den Grünen, während viele Andere aus den K-Gruppen eine Beamten-Laufbahn einschlugen

(60) Der andere Teil der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum trat als Deutsche Forumpartei (DFP) zusammen mit LDP und FDP der DDR als BFD an

(61) Erst 1993 gingen Bündnis 90 und Die Grünen in der heutigen Partei Bündnis 90/Die Grünen auf, bis dahin gab es nur eine Art Allianz

(62) Repression und Umweltverschmutzung kamen dort von einem linken Regime, die Kirchen waren Orte des demokratischen Widerstands, Ex-Nazis waren auch dort ins Regime gegangen

(63) Bei der vorgezogenen Wahl nach der Vereinigung Ende 90 wurden die Grünen nur im Osten gewählt> Wollenberger, Schulz, Poppe, Ullmann,… 05 scheiterte Lengsfeld/Wollenberger mit ihrer Kandidatur um Vorzugsstimmen auf der CDU-Liste mit einem Dekoltee-Bild

(64) Ex-Bürgerrechtler haben die CDU auch ein Stück weit verändert. So ähnlich wie Ismail Cem der für die CHP zu liberal war, nach einer „Tour“ zu SHP, DSP, YTP (seine Gründung) zu ihr zurück kehrte, ihren liberalen Flügel stärkte

(65) Der Westen unterstützte damals den Irak, Donald Rumsfeld kam in dem Zhg als Reagans Beauftragter nach Bagdad

(66) In Afghanistan gab es Kommunisten, die zu den Taliban hinüber wechselten, hauptsächlich von der (paschtunischen) Khalqi-Fraktion der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, was auch eine Art „Rechtsruck“ ist. Es gibt im Irak einen hohen Anteil von Ex-Baathisten im IS, darunter die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde), aus Angehörigen oder Anhängern des alten Regimes. Die Baath war irgendwie links (strebte neben arabischem Nationalismus eine Form von Sozialismus an), Salafisten sind eigtl rechts

(67) In einem 1989 gedrehten Film über Claus von Bülow spielte er passenderweise bzw „vorausschauend“ Alan Dershowitz. Auch Henry Kissinger hat er mal gespielt

(68) Vielleicht muss man es so sehen, dass in diesem Milieu wenigstens zwischen Arabern und Iranern unterschieden wird, ist ja auch schon was

(69) Der Ahriman-Verlag (Name ist aus der zoroastrischen Theologie) verlegt auch den in der Schweiz (als Drogenhändler) lebenden Serbo-Faschisten „Alexander Dorin“ vulgo Boris Krljić, mit einem Buch in dem der Srebrenica-Genozid geleugnet wird, diesbezüglich von einem „Lügen-Auschwitz der Nato“ geschrieben wird…

(70) Eigentlich hiess der Mann Waldstein

(71) In einem Fernsehinterview 1989 bezeichnete Golo Mann beide als „Lumpen“, Adorno und Horkheimer hätten ihn beim damaligen hessischen Kultusminister als „heimlichen Antisemiten“ angeschwärzt, nachdem er sich um den Lehrstuhl beworben hatte. Eine Schilderung der Vorgänge gab der Historiker Joachim Fest, der ausser der Antisemitismus-Unterstellung auch Manns Homosexualität nennt

(72) > Als Staschinski-Fall bekannt gewordene Entscheidung des Bundesgerichtshofs

(73) Sein Aufwachsen ohne Mutter, unter Mussolini und mit englischen Erzieherinnen verarbeitete er im Film „Tee mit Mussolini“

(74) 1958 interpretierte er Verdis Oper „La Traviata“ an der Mailänder Scala „unorthodox“, machte 1983 auch einen Film daraus

(75) Die bei der Berlinale 1986 über den Sieger des Goldenen Bären, einen Film über RAF-Häftlinge in Stammheim, Abfälliges sagte

(76) An dieser Stelle: war das radikale Eintreten für die Rechte der unter der Apartheid Entrechteten des PAC eigtl. rechts (nationalistisch) oder links?

(77) Hitler selbst war nach dem 1. WK anscheinend in einem Soldatenrat der Räterepublik in Bayern gewesen; was aber wahrscheinlich mehr von Mitläufertum als von linker Gesinnung zeugt

(78) Bei 2 Wahlen 02, der Kommunalwahl in Rotterdam und der nationalen Parlamentswahl. Zu den Traditionslinien der niederländischen Rechten hier

(79) Man muss nur auf de.wiki gehen, um diesbezügliche Verschwörungstheorien zu lesen; Versuche, Verbindungen zu Moslems herzustellen, und -„unschuldig-naiv“ formuliert- „Es schloss sich eine Diskussion darüber an, ob linke Kritiker von Fortuyn eine Art indirekter Mitschuld an dem Attentat hätten.“

(80) Er schalt auch Georgios Papandreou für seine Etablierung engerer Beziehungen Griechenlands mit Israel bzw Netanyahu

(81) A propos: Der Titel Conducător, den sich der rechte Diktator Antonescu (40-44) zulegte, wurde auch für den linken Diktator Ceaucescu (65-89) verwendet

Noch einige Buchhinweise:

Mary Eberstedt: Why I Turned Right: Leading Baby Boom Conservatives Chronicle Their Political Journeys (2007). Einigermaßen Prominente (wie Dinesh D’Souza), aber nicht solche die links waren, sondern solche die mit ihrer Politisierung rechts wurden

Richard Wolin: The Seduction of Unreason: The Intellectual Romance with Fascism from Nietzsche to Postmodernism (2006)

Tom Garrison: Why We Left the Left: Personal Stories by Leftists / Liberals Who Evolved to Embrace Libertarianism (2001). Über Nicht-Prominente

Richard Crossman: The God That Failed. A Confession (1949). 6 ehemalige Kommunisten schildern darin ihre Erfahrungen: Arthur Koestler, André Gide, Ignazio Silone, Richard Wright, Louis Fischer, Stephen Spender

Daniel Oppenheimer: Exit Right: The People Who Left the Left and Reshaped the American Century (2016). Von Christopher Hitchens bis Whittaker Chambers

 

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten