Tohuwabohu – die Erde war wüst und leer, ein heilloses Chaos, völlig ohne Richtung und Ziel, keine Wüste, sondern wie verwüstet, also doch nicht leer. Und dann, durch die Schöpfung, kam später der Garten Eden zu Stande. Doch siehe, es gibt zwei Geschichten über die Schöpfung. Zum Einen gibt es die Geschichte, in der Adam, dem von Erde genommenen, eine Männin zur Seite gestellt bekommen soll, die ihm helfen soll, das Paradies zu bebauen und zu bewahren. (1. Mose 2,15). Doch zuvor schon wurde der Mensch gleich als ein Paar geschaffen, nach Seinem Bilde, das war vor der Geschichte vom Garten Eden, und dort steht auch das verflixte Wort vom Untertan-Machen der Erde (1. Mose 1, 27). Aber interessant ist hier, dass Mann UND Frau nach Seinem Bilde geschaffen wurden, also sind Mann UND Frau hierin gleich, oder anders herum: ER ist gleichermaßen männlich wie weiblich, ganz anders als in dem folgenden, ach so paradiesischen Schöpfungsbericht.
Aber jetzt haben wir ein Zeitphänomen: die Berichte, die wir lesen, die in den Heiligen Schriften des Mose im Ersten Buch, also in der Genesis geschrieben stehen, scheinen Zeitgenossenberichte zu sein. Nun liegt es auf der Hand, Gott hatte keinen Chronisten, der zeitgleich die Schöpfung beschrieb. Auch Adam und Eva hatten keine Zeitgenossen, sondern es waren andere Genossen. Genossen, die sehr, sehr, sehr viel später die Schöpfungsgeschichte, die Geschichte vom Garten Eden im Zweistromland (mit vier Flüssen) aufgeschrieben haben. Wobei dieses „später“ fiktiv ist – es gibt ja keinen zeitlichen Bezug, wir „wissen“ ja nicht, wann die Schöpfung passierte, die Schaffung des sogenannten Paradieses. Wir können nur mutmaßen, wann in etwa die Genesis aufgeschrieben wurde: vor ca. 2.500 Jahren. Was wir wissen: das Zweistromland und die umliegenden Regionen sind die Wiege vielfältiger religiöser Bewegungen, vielfältiger kultureller Auf- und Abstiege ganz vieler Kulturen und Gesellschaften. Und die Religion, die später Judentum genannt werden sollte, die Religion des Auserwählten Volkes, stammt auch von hier. Wobei die beiden miteinander verwobenen Schöpfungsberichte (1. Schöpfungsbericht = 1.Mose 1,1-2,4; 2. Schöpfungsbericht = 1.Mose 2,5-23) sich auch darin unterscheiden, in welcher Region sie entstanden sind: einer der beiden kommt aus einer eher trockenen Region, wo die Frucht des Feldes dem kargen Boden mühsam abgerungen werden musste und das Vieh ständig auf der Suche nach Wasser umherziehen musste. Dagegen entstand der zweite in einer Region üppiger Fruchtbarkeit, in der alles im Überfluss vorhanden war – oder nur auf Grund von Geschichten einer solchen Region!
Der von Erde gemachte Adam, der der Erde entnommene, schlägt all-so die Brücke zu einer anderen Kultur, die auf der Erdmutter Gaja basiert. Wir haben demnach eine altertümliche Kultur von Ackerbauern, die dem trockenen Land ihre Nahrung abringen müssen, die sich sehr quälen müssen, um dort leben zu können. Um dem allzu harten, fast unerträglichen Schicksal zu entrinnen, entwickelt sich der Traum von einem Leben in einer paradiesischen Umgebung, in der es keine Feindschaft zwischen den Tieren gibt, keine Verluste bei den Herden, keine Missernten, kein Unwetter, die Sorge um das täglich Brot ist nicht mehr.
Was mache ich nun als armer Bauer, der so ein karges Dasein fristet, aber ich werde die Geschichten von den paradiesischen Verhältnissen nicht mehr los? Auch die religiösen Führer sahen dieses Dilemma. Sahen diese sich sowieso in der Zwickmühle, den Zugewinn an Erkenntnissen in die Zusammenhänge der zyklischen Phasen der Natur, die man sich für die Bewässerung und dergleichen zu Nutze machen konnte, ihren Gläubigen erklären zu müssen. Auch die Frage nach einer Macht, die hinter den Verhältnissen stehen könnte, stand im Raum. Der Mensch war beeindruckt von dem Weltengefüge. Es wuchs die Vorstellung, dass all‘ das, was die Menschen in dieser Zeit umgab, einen Sinn, ein Ziel, eine Richtung habe, da das Chaos des Beginns überwunden war. Doch die Frage nach dem Woher, dem Wohin, dem Sinn blieb unbeantwortet im Raum stehen.
Und dann kamen diese alten Männer auf die Idee, diesen Zugang zum Zugewinn an Wissen, Erkenntnis und Einsicht zu sperren, damit die einfachen Gemüter im Geiste nicht auf die Idee kämen, die ihnen angebotene Sicht der Dinge in Frage zu stellen. Wenn denn die Natur des Menschen es mit sich bringt, dass er hinter die Dinge schauen will, wenn er wissen will, warum und wozu bestimmte Ereignisse sich einstellen – oder auch nicht, dann könnte er auf die Idee kommen, dass die Verwalter des Wissens und der Religion und des Zugangs zum Numinosen nicht so allwissend sind wie sie tun. Wissen ist Macht, und das besonders, wenn es um Wissen über Abläufe im Zyklus der Natur, von Niederschlag, Fruchtbarkeit, Wachstum und Ernte geht. Die Erdmutter, Gaja, ist weiblich, sie hat mit der Aufnahme von Samen, mit dem Wachsen und Gedeihen der Frucht zu tun. Das Weibliche ist Hüterin des Herdfeuers, zuständig auch für die Weitergabe des Wissens um die Wachstumszyklen. Doch ist es bei wachsender kultureller Entwicklung, auch bei der steigenden, planvollen Produktion von Nahrungsmitteln, beim Übergang von einer Viehzüchter- zu einer Ackerbauern-Kultur genau das, worauf es ankommt: der planvolle Umgang mit den Ressourcen, besonders dem Wasser, genau zur rechten Zeit sähen, um einen guten Ertrag erzielen zu können. Nun ist es leicht, sich unter diesen Vorzeichen vorzustellen, dass es neben den auf uns gekommenen patriarchalischen Herrschaftsformen auch matriarchalische gegeben hat – nein, es ist bekannt. Wenn es nun um die Deutungshoheit geht, nützen sachliche, rationale Argumente wenig, denn Menschen zu beherrschen, geht viel besser, indem man Emotionen, Ängste, das Numinose instrumentalisiert. Spekulieren wir also weiter: Es gibt diese Berichte über die Entstehung der Erde, über das Wachstum überhaupt, über die Schaffung des Menschen, vielerlei, aus vielen, verschiedenen Regionen, teils mit überraschenden Übereinstimmungen, aber auch mit deutlichen Unterschieden. Die Versuchung, solche Geschichten so zu formen, dass sie den eigenen Interessen dienen, und sie dann sogar mit der Zeit in eine Schriftform zu bringen und dadurch zu kanonisieren, ist natürlich gegeben, liegt quasi auf der Hand:
Adam und Eva, sein Weib, sind die Be-Sitzer und Verwalter dieses paradiesischen Gartens Eden. Alles geht natürlich zu. Aber da ist noch mehr. Sie wollen be-greifen, sie stellen die Sinn-Frage. Sie werden getrieben von dem allzu menschlichen Trieb immer weiterer Erkenntnis und Einsicht in die natürlichen, aber auch in die übernatürlichen Zusammenhänge. Sie versinnbildlichen die Bewohner des bekannten Erdkreises. Und als solche sollen sie bitteschön „die Kirche im Dorf lassen“, bildlich gesprochen: es muss ihnen beispielhaft klargemacht werden, dass ihr Wissensdrang dort Grenzen nicht überschreiten darf, wo die Frage nach Ursprung und Fortschritt des Menschengeschlechts gestellt wird. Denn die Sachwalter des Göttlichen, die gerade dabei sind, das allzu Irdische, Bodenständige, schon lange Gültige, vielleicht in der Hand von nicht genehmen Frauen Befindliche zu verteufeln, um ihre eigene Position zu stärken und den Schöpfergott als eine Domäne des Männlichen zu beschreiben, brauchen eine Verdammung, eine Eindämmung dieses Untergründigen, um so einen über-irdischen Höhenflug beginnen zu können.
Und dazu wird dann einfach der nur zu natürliche Griff zu dem verbotenen Wissen als Sünde hingestellt, die zur Gottesferne führt. Kein Wunder, dass die Initiative für diesen vermeintlichen Sünden-Fall von der Schlange ausgeht. Wenn dann die Schlange sich auch noch der Eva, der Frau, des weiblichen Parts der göttlichen Schöpfung bedient, so brauchen wir uns nicht zu wundern, dass diese im Fortlauf der Kirchengeschichte als unselige, als mit Sünde behaftete Versucherin des Adam gebrandmarkt wird – eine unsittliche Geschichte, die bis heute in Kirchen und Gesellschaft nachwirkt.
Und so können wir heute diese Geschichte vom Kopf auf die Füße stellen: wir lasen die Genesis immer, als ob es sich dabei um einen chronologischen Bericht, eine sinnvolle Abfolge von miteinander ursächlich verbundenen Geschichten handelte. Das ist falsch. Vielmehr sind es mehrere Versatzstücke, die mehr oder weniger geschickt miteinander verknüpft wurden mit vielschichtigen Aussageabsichten: dem hehren Ziel des Lobes des Allmächtigen, des Schöpfergottes, des Einen, der über allem steht, aber daneben auch der Absicherung der noch neuen, noch nicht gut in den Menschen verankerten Religion, und gleichzeitig der Verdammung der alten, der Mutter Erde allzu verhafteten weiblichen Religion, deren Sinnbild die Schlange ist, jenes Tier ohne Beine, das schon immer Erde fraß – nicht wirklich, aber die Metapher soll nur als Fluch umdeuten, was in den Augen bestimmter Kulturdeuter schon immer bedrohlich war. Diese Umdeutung kann uns auch als Schlüssel dienen für den Kniff, den wir in allen Heiligen Schriften mehr oder weniger antreffen können, und der sich fortsetzt bis in moderne Zeiten: das Jonglieren mit den Emotionen und Bedürfnissen der Gläubigen und das Erlangen und Bewahren der Deutungshoheit, um diese für eigene Interessen, Macht und Einfluss einzusetzen.
Halten wir fest: Das Bestreben, vom Baum der Erkenntnis zu essen, ist ein natürliches, elementares Bedürfnis des Menschen. Dies zu verbieten, schränkt eine existentielle Bedürftigkeit ein und das geht nur, indem man diese kriminalisiert. Und wenn man dann gleichzeitig eine gefährliche Konkurrenz – den noch immer festzustellenden Einfluss der Verehrung der Erdmutter Gaja und der sie personifizierenden Schlange – dämonisieren, ja gar verteufeln kann, warum da nicht zugreifen? Sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
Aber wozu dann die sogenannte Vertreibung aus dem Paradies? Die gab es gar nicht; wir fallen immer wieder darauf herein, den Berichten der Heiligen Schriften eine chronologische, und damit eine in der Abfolge logischen Geschichte von Ursache und Wirkung nachzusagen. Das trifft nicht zu. Wir haben jetzt schon mehrfach gesehen, dass vor die Beschreibung eines Faktums eine überhöhte Herleitung eben dieses Faktums aus einer anderen Zeit, Dimension der Schöpfungs- und Gestaltungsgeschichte, geleitet von einer bestimmten Aussageabsicht, gestellt wurde. So auch hier: Adam und Eva waren Ackerbauern in einer wenig fruchtbaren, von Trockenheit und Dürre geprägten Landschaft, Wüst(e) und Leer(e). Das Gebären von Kindern war schmerzhaft, ja lebensgefährlich. Und Schlangen lebten im Dreck und hatten keine Beine. Und warum war das so? Es gab doch Berichte von Reisenden, dass woanders, bei den Flüssen im Osten, die Menschen ein viel besseres, leichteres Leben hatten. Warum war das bei Adam und Eva und dem Geschlecht, das sie in die Welt setzten, Ackerbauer und Viehzüchter, anders? Das musste einen schrecklichen Grund haben, die Begründer dieses Geschlecht mussten etwas furchtbares getan haben, eine nicht wieder gutzumachende Sünde, die sie selbst nebst allen Nachkommen bis auf uns vererbten, also beschloss man, diese Erbsünde zu nennen.
Und damit hatten sich die berühmten alten Männer ein Herrschaftsinstrument erschaffen, das die Zeiten des Ersten Testaments überdauerte, und das trotz der unmissverständlichen Einrede von Paulus, dass durch den Kreuzestod Jesu die Sünde des Adam überwunden sei, von Augustinus und dann wieder von Martin Luther aufgegriffen wurde, um die Sündhaftigkeit von Mann und Frau – nicht von Natur aus, sondern durch einen Missgriff verursacht – zu erhalten und sie dadurch an der theologischen Leine zu halten.
Wir halten fest: Sündenfall und Erbsünde sind ein Konstrukt derer, die die alten Texte und Erzählungen sammelten und aufschrieben, um sie (erst) ca. 500 Jahre vor Jesu Geburt zu einer umfassenden religiösen Schilderung der Schöpfung dieser Welt und den daraus sich ergebenen Zeitläufe zusammenzustellen – dies alles zum höheren Lobpreis des EINEN. Im gleichen Zug etablierten sie eine religiöse Praxis, in der (vermutlich) sie als Priester und Verwalter dieser Religion sich die Deutungshoheit vorbehielten – und SIE schwangen sich nun zu denen auf, denen die Erkenntnis von Gut und Böse gegeben war, und die Adam und Eva verboten worden war. Und dieses Herrschaftswissen wollten nun die Kirchenväter und unser Oberreformator nicht aus der Hand geben und hielten an der Erbsünde, für die der Sündenfall aufgeschrieben worden war, fest, obwohl sie in der Frohen Botschaft des Zweiten Testaments ausdrücklich für überwunden verkündet worden war. Cui bono?
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass weder das Judentum, noch der Islam, die beide auch die Erzählung vom Garten Eden und Adam und Eva in ihren Schriften enthalten, so etwas ähnliches wie Sündenfall oder Erbsünde aus dieser Episode abgeleitet haben. Was sagt das aus über die Intentionen derer, die uns seit über 1600 Jahren damit belasten? Wir hätten mehr Kirchenmütter gebraucht, meiner Meinung nach…
Doch wie kam die Sünde, das Böse in die Welt? Es muss wohl, wie das Teuflische gerne als gefallener Engel personifiziert wird, schon von Anbeginn an in der Schöpfung existiert haben und es manifestiert sich durch die Entscheidung des Menschen, der die Freiheit hat, zwischen gut und böse zu wählen. Diese Freiheit hatte er auch, ohne explizit den Unterschied zwischen gut und böse zu kennen, entgegen der Ansicht, dass es vor dem sog. „Sündenfall“ kein Böses auf der Welt gegeben habe, sondern dass dies erst durch die Erkenntnis von gut und böse geschehen sei. Dass das absurd ist, liegt auf der Hand.