Die Schamlosen

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Der Abend war gespenstisch. Die Straßenlaternen flackerten im Takt der Arie vom Sinn des Lebens, der Ouvertüre der Schamlosigkeit, des Chorals der Lust. Niemanden störte es in der kleinen Welt dieser Stadt. Ab und zu huschte eine dunkle Gestalt in ein Haus fast am Ende der Straße, auffällig unauffällig, so als hätte sie etwas zu verbergen in einem Kosmos voller Geheimnisse.

Dieses Haus verdiente eine Runderneuerung. Leerräumen, entkernen, neu bauen – modern mit Beton, Glas und Stahl. Der Putz bröckelte solange man denken konnte, die Farben der Fenster blätterten, die Türen der Briefkästen folgten klappernd dem Spiel der Lüfte. Niemand wollte die Fassade ummodeln. Es sollte bescheiden zwischen den Häusern der Straße stehen, alle über hundert Jahre alt und ähnlich marode, dem Zahn der Jahrzehnte Tribut zollend. An Geld mangelte es nicht, und etliches war längst ins Innere geflossen, Plüsch, Lüster, Glanz.

Es war das Etablissement der Schickimicki der Stadt. Leute, die anders sein wollten, die unter sich bleiben wollten, die sich von der gemeinen Bagage fernhielten, Sonderlinge mit verrückten Vorlieben. Bei Licht Banker, Schlagerstar, Bürgermeister … im Dunkeln ein ruchloses Volk.

Das Haus – gewöhnlich und unschuldig am Tage. Abends wurde es hinter den schweren Vorhängen turbulent, anrüchig und chaotisch. Es versprach Abenteuer, wilde Eskapaden. Es lockte mit langen Abenden, ewig währenden Nächten, verträumten Sonnenaufgängen. Letztere wahrzunehmen, gelang wenigen. Man suchte seinen Kram zusammen, das Tagwerk wartete, schlich hinaus in die Welt, unauffällig, wie man gekommen war.

Sie gaben Geschichten von Göttern und tapferen Rittern, Hexen, die dem Feuer entkamen, Gespenstern und furchtsamen Mägden zum Besten. Sie malten dunkle Bilder, spielten gruselige Theaterstücke, sangen schaurige Lieder. Zumindest erzählten sie dies, falls jemand fragte. Sie gaben vor, es wäre langweilig, öde und fad. Neuankömmlinge waren nicht willkommen. Man wollte unter sich bleiben. Nur Auserwählte hatten nach eingehender Begutachtung, Prüfung und einer erklecklichen Gabe Zutritt. Es wurde gefeiert und gesündigt. Geschäfte, seriös, manchmal dubios und fragwürdig, wurden mit Handschlag besiegelt. Schweigen war eine Tugend.

Es gab Regeln. Man lebte immerhin in einem gut organisierten Land. Es war eine Unart, diese Prinzipien zu brechen, zu testen, was passieren würde, wenn … Die wichtigste Regel: „Was Spaß macht, ist erlaubt, wird zur Pflicht erhoben.“

Jeder hatte Grenzen. Sie zu suchen, zu testen, zu überschreiten war ein nettes Spiel. So manches Mal hallte eine Ohrfeige durch die Räume. Hinterher war Ruhe, neugierige, schamhafte Stille. Wer wollte, wenn er eine Hand auf der Backe, welcher auch immer, schmerzhaft gewahrte, dies an die große Glocke hängen. Verschämt, beleidigt oder verschmitzt zog man sich zum Leiden zurück, neue Pläne zu schmieden.

Als sich der Redakteur vom Lokalblatt für Haus, Besucher und ihre Neigungen interessierte, wedelte man mit ein paar Geldscheinen. Der Fall war erledigt. Die große Tageszeitung aus der Hauptstadt ließ sich nicht abschütteln. Kurz entschlossen lud man den Quälgeist ein. Er fand Gefallen an dem Treiben, war schnell einer von Ihnen. Eine Amtsrätin vom Finanzamt schrieb wohlwollende Berichte, genoss als Stammgast schamlos das sündige Leben.

* * *

Die Pandemie hatten sie überstanden. Das Treiben kam schnell wieder in Gang. Man hatte Nachholbedarf, glaubte, wer diesem Virus getrotzt hatte, bei dem ging nichts mehr schief. Man war immun gegen alles, voller Neugier, Tatendrang und Ideen.

* * *

Es war ein Freitag, kein 13., eher ein 26., eine Doppel-13: Doppeltschlimm, doppeltgefährlich, doppeltgemein. Am Abend grölte die Alarmanlage. Einmal im Jahr musste das sein. So stand es in den Regeln. Im Frühjahr war Probealarm, Evakuierung auf den Hof, kurze Ansprache, Lob, weil es die meisten innerhalb einer halben oder dreiviertel Stunde aus dem brennenden Haus herausgeschafft hatten. So sah es das Drehbuch vor. Bei aller Hitze, dem Brennen der Gemüter, echte Flammen gab es nie.

Diesmal hieß es, es wäre kein Feuer. Mikroben waren gefunden worden, fiese Erreger, gefährliche, tödliche. Jeder Dritte würde daran sterben. Ein neues, grandioses Drehbuch.

Keinerlei Drehbuch, Realität. Plüschteppich, Fußpilz, Champagner, Krümel aller Art und manch spezielle Säfte waren keine treffliche Mischung. Es war ein Paradies für Mikroben jedweder Art, erst recht denen des Verderbens und Todes.

Sie nahmen es mit Humor und zählten ab: 1, 2, 3 – 1, 2, 3 – 1, 2, 3 … Die Dritten, niedergeknüppelt vom Virus, ließen sich theatralisch fallen, räkelten sich auf dem Boden, fläzten mit verrenkten Gliedern neben- und übereinander. Gelächter, Gesang, ein schamloser Tanz – die Revue des Todes.

Stille. Bedrückend, nervös, schmerzhaft – Totenstille.

Man erhob sich, schüttelte den Staub ab, bedeckte die Scham. Fragende, besorgte Gesichter.

Eine Dame in dunkelblauem Kostüm, mit strengem Blick, hochgesteckten Haaren und einer Aktentasche unterm Arm stand neben dem Hausherrn. Ihr Gesicht war verhüllt. Sie trug Gummihandschuhe. Solch eine Figur hier … Eine Szene – unvorstellbar. Sie räusperte sich, tat wichtig, sprach.

„Meine verehrten Damen und Herren“, begann sie. Solche Worte in diesem Haus, das gab es noch nie. „Als Leiterin des Gesundheitsamtes verfüge ich eine zweiwöchige Quarantäne. Sie dürfen das Gebäude derweil nicht verlassen. Acht Tage Inkubationszeit, drei Tage dauert die Erkrankung, schlimmstenfalls, plus drei Tage zur Sicherheit. Es sind Mikroben kaum erforschter Art. Wir wissen nicht, was hilft, im Falle eines Falles. Die gute Nachricht für Sie, Zweidrittel sind dagegen immun, bekommen höchstens ein paar Pusteln. Der Rest … Na ja, es geht schnell. Wer überlebt, kann gehen, alle anderen werden getragen. Viel Spaß!“ Sie räusperte sich, drehte sich auf den Ansätzen ihrer Pumps um und stakste davon. Die Stille ließ sie in dem Haus zurück. Mit Reißzwecken befestigte sie die amtliche Anordnung an der Eingangstür, riss sich die FFP2-Maske vom Gesicht, die Gummihandschuhe von den Händen und verschwand.

Der Abend war gespenstisch. Die Straßenlaternen flackerten im Takt der Arie vom Sinn des Lebens, des Epilogs der Schamlosigkeit, des Chorals vom Tod.

Tage im Leben von Prinzessin Zusanna #2

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Wieder war es Nacht. Er lag in seiner warmen Schlafstatt und wollte ebenhin die Äuglein schließen. Da gab es eine kolossale Unruhe. Eine unbekannte Stimme lobte die Vorzüge der Erscheinung von Prinzessin Zusanna in den allerhöchsten Tönen. „Nun übertreib es nicht!“, dachte Daggi. „Bei Mädels muss man achtgeben, sonst werden sie hochnäsig.“ Finger, kräftige Finger, solche ohne spitze Nägel, durchfurchten sanft seinen Garten und zupften an den Hälmchen. Zusanna wälzte sich genussvoll auf ihrer Bettstatt. Kurz darauf gewahrte Daggi ein Erdbeben, Erschütterungen ungeahnter Stärke, Beben, die immer mächtiger wurden, ihn im Sekundentakt zwischen den Stängeln seiner Hecke herumwirbelten, kein Ende nahmen. Er erstarrte vor einer monströsen Keule, die zuckte, wie die Blitze eines Sommergewitters. „Geht die Welt unter?“ Es wurde immer heißer. Und dann flutete etwas Feuchtes sein Revier. „Igittigitt!“, schrie Daggi verzweifelt und wäre im Gestrüpp fast kleben geblieben. Es roch nicht nach Zusanna. Wenigstens ließ der Weltuntergang nach. Ihm wurde gewahr, dass er in seiner Behausung eingeengt war. Etwas lastete auf der Prinzessin. Obwohl sie leise stöhnte, machte sie keine Anstalten, sich zu wehren. Auch er wurde fast plattgedrückt. Zum Glück sind Flöhe stabil gebaut. Die Last war warm, ungewohnt duftend und flüsterte Zusanna ständig irgendetwas ins Ohr. Er verstand nichts, fühlte sich jedoch in seiner Ehre verletzt, denn wer anders als er hatte das Recht, Zusanna so nahe zu sein!

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Tage im Leben von Prinzessin Zusanna #1

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Es war einmal ein kleiner Floh. Der lebte im Fell eines zotteligen Straßenköters. Stets war er zu Späßen aufgelegt, liebte das Singen, Turnen und Springen. Seine Kumpels riefen ihm laufend zu: „Daggi! Was für ein toller Sprung!“ Man könnte meinen, Daggi wäre ein Flohmädchen. Das stimmte aber nicht. Daggis richtiger Name war Dagobert. Doch alle riefen ihn Daggi.

Eines Tages merkte Daggi, dass ihm das Mädchen Molle gefiel. Hatte er sich verliebt? Ja, er war hingerissen von ihrer grazilen Gestalt, ihren kräftigen Sprungbeinen, ihrem Flohmund mit den kirschroten Lippen. Daggi versuchte, sich an Molle heranzutasten. Doch die wollte nichts von ihm wissen. Wenn er ihr nahe kam, spannte sie ihre Beinmuskeln an, Muskeln, die Sprungfedern aus Stahl glichen und fort war sie. Normalerweise wäre dies für Daggi kein Problem, schnurstracks sprang er hinterher. Indes beherrsche Molle den siebenfachen Flohsalto rückwärts. Und wenn sie den vollführte, sah Daggi alt aus. Mitten im Sprung änderte sie die Flugrichtung und landete irgendwo, irgendwo, wo er sie nicht fand. Daggi war sauer.

Wochen vergingen. Eines Tages sagte sein Vater: „Es ist Zeit für Dich, in die Welt zu ziehen.“ Bei Flöhen ist es normal, dass die Kinder ihre Eltern verlassen und ihr Glück in der Fremde suchen.

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Geschichtenbilder

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Bilder erzählen Geschichten, kleine, große, spannende, langweilige, bedeutende, unwichtige … Jeder liest eine andere Geschichte aus den Bildern. Manche Bilder sind ganze Geschichtsbücher.

Diese drei Bilder haben einige Gemeinsamkeiten. Auf jedem der etwas skurillen Bilder ist ein Wal abgebildet und Flugobjekte, die sich teilweise im falschen Element fortbewegen. Es gibt auch Unterschiede: entdecke sie und spinn zu jedem Bild eine kleine Geschichte. Vielleicht wird es gar eine Fortsetzungsgeschichte?

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Ulli spinnt

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Heute hat Ulli mal wieder mächtig gesponnen, meterweise, man könnte fast sagen, kilometerweise Wolle. Im Amt war heute Hobbytag. Ulli hat ihre Hobbys vorgestellt: Wolle spinnen und Malen.

Einen Einblick in Ullis Ausstellung gibt dieses Video, welches am Vortag nach dem Aufbau gedreht wurde. Es zeigt Ullis Spinnplatz mit einigen Ergebnissen ihres Schaffens, Wolle roh, gesponnen und gedrillt, natürlich eines ihrer Spinnräder und eine Auswahl ihrer Bilder.

Die Bilder sind auch in Ullis Bildergalerie, hier auf dieser Webseite zu sehen. Es sind Bilder unterschiedlicher Motive, Formate und Maltechniken, alles mit Acrylfarben, Collagen, „normale“ Acrylbilder und Arbeiten in Acrylic-Pouring-Technik.