Nach dem Wochenende

Fahr ins Krankenhaus, sagt der Chaosprinz. Ich kann nicht, antworte ich, dann bist du hier ganz alleine. Das macht nichts, sagt er und untermalt das Gesagte mit einer großzügigen Handbewegung. Das wird deine Schule aber anders sehen, sage ich.

Seit Tagen kann ich vor Schmerzen kaum noch stehen. Bei jeder Bewegung könnte ich schreien, wenn ich die Kraft dazu hätte, aber auch die fehlt längst. Meistens reicht es nur zu einem Wimmern oder stummen Weinen.

Den wahren Freund, sagte meine Mutter immer, erkennst du in der Not. Ich hab das damals als Kind nicht ganz verstanden und auch später kann die Not nicht so groß gewesen sein, dass ich einen wahren Freund gebraucht hätte. Also, noch einen, denn ich hatte ja die Suppenfreundin.

Dann warten wir einfach, bis die Suppenfreundin wieder nach Hause kommt, schlägt der Chaosprinz vor, dann kannst du dann ins Krankenhaus gehen. Ich nicke und schlucke hart.

Wir fahren zur Frühreha. Die Suppenfreundin sieht noch genauso müde aus wie letzten Sonntag, aber sie fühle sich schon etwas besser, sagt sie. Wir bleiben nicht lange, denn morgen ist Schule und eine Klassenarbeit in Latein. Du siehst nicht gut aus, sagt die Suppenfreundin, als wir ins Auto steigen. Alles gut, sage ich, jetzt bist erstmal du dran und danach wieder ich.

Wenn meine Mutter richtig lag, dann scheine ich außer der Suppenfreundin keine weiteren wahren Freunde zu haben. Die, die hier in der Nähe wohnen und wissen, dass unsere Hütte gerade brennt, vermeiden es tunlichst, auch nur durch unsere Straße zu fahren. Der Rest findet, Telefone seien überbewertet, es könnte ja sein, dass man sich dann zu irgendeinem Scheiß verpflichtet fühlt, den man echt nicht gebrauchen kann. Und so hocken der Prinz und ich im kühlen, nur knapp beleuchteten Schachtelhaus und halten uns an einander fest.

Fahr ins Krankenhaus, wiederholt der Chaosprinz  Ich kann nicht, wiederhole ich, du kannst hier nicht alleine bleiben.

Ich glaube, ich will nicht mehr in den Blog schreiben. Zumindest im Augenblick nicht mehr. Ich kann mich nicht einmal erinnern, weshalb ich ursprünglich damit angefangen hatte.  Vielleicht wollte ich einen Raum haben, der nur mir gehört, in dem ich weitestgehend anonym und deshalb ehrlicher sein konnte als ich es im Alltag sein kann. Vielleicht wollte ich gesehen werden, weil ich im Alltag eher unsichtbar bleibe. Vielleicht wollte ich eine Spur aus Worten legen für andere, die auch unsichtbar sind. Vielleicht trifft es das alles aber gar nicht und der Blog war einfach nur die Möglichkeit, das Chaos um mich herum kreativ zu ordnen.  Ganz gleich, was oder wen ich damit erreichen wollte, ich hab es offenbar ohnehin nicht geschafft.

Vielleicht kann man das sogar für mein gesamtes Leben sagen. In einem Monat werde ich 54, das sind auch keine 20 mehr. Die Jahre sind vorbeigerauscht, manche schneller, andere viel zu langsam. Die meisten davon waren wirklich schmerzhaft. Mit 20 hast du noch die Hoffnung, dass die Dinge besser werden. Mit 54 weißt du, dass es mit der Zeit nur noch schlimmer wird.

Wenn du jetzt stirbst, sagt der Chaosprinz schließlich, dann bleibe ich doch sowieso alleine hier. Ich sterbe nicht, sage ich und wische jetzt selbst mit einer großzügigen Geste durch den Raum. Und weiß für einen kurzen Moment nicht, ob ich das halten kann.

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Chaos – The Sequel

Seit die Suppenfreundin im Krankenhaus und dann in der Frühreha ist, geht es bei uns rund wie auf einem Jahrmarktskarussell. Da sie meine Pflegeperson war, versuche ich jetzt, irgendwie allein klarzukommen, weil der Pflegedienst im Augenblick keine Pflegekräfte übrig hat. Da sie die Autofahrerin war, habe ich jetzt erst einmal alle anstehenden Termine für den Chaosprinzen und mich abgesagt oder auf irgendwann einmal später verschoben. Da sie die Alleinverdienerin war, werden jetzt auch die finanziellen Mittel richtig knapp. Seit Wochen leere ich die Tiefkühltruhe und die Vorratsschränke und versuche mich in der Erprobung fragwürdiger Rezepte aus dem Internet.

Natürlich weiß die Suppenfreundin davon nichts. Sie versucht, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen, aber das Problem ist nicht der Schlaganfall, sondern die Ursache dafür. Die ist nämlich ein kleines Loch in der Herzwand, das eigentlich verschlossen werden müsste, aber ob das überhaupt machbar ist, weiß niemand. Und so schläft die Suppenfreundin und schläft, und wir kommen sie besuchen und lächeln und behaupten, alles sei in bester Ordnung und wir kämen hervorragend zurecht. Dabei haben wir furchtbare Angst, denn wir brauchen die Suppenfreundin. Nicht, damit sie pflegt, fährt oder arbeitet. Nur, damit sie da ist. Weil wir eine Familie sind. Und weil wir die einzigen sind, die einander wichtig sind.

Es ist schlimm gekommen. Ich meine, wirklich schlimm. Ich wusste, dass die Dinge nicht so würden bleiben können. Weil die Dinge sich immer ändern und die Zeit macht, dass die Dinge irgendwann einfach kaputt gehen. Ich hatte nur gehofft, dass es noch eine Weile irgendwie gutgehen würde. Aber dieses äußerst fragile Gleichgewicht, das wir seit etlichen Jahren versuchen, auszubalancieren, musste über kurz oder lang irgendwann in sich zusammenbrechen.

Während ich heute Abend für den Rest dieses Monats noch 4,13 im Geldbeutel zähle, kotzt der Chaosprinz das Badezimmer voll. Zum Vorschein kommen kaum verdaute Haferflocken. Er zittert am ganzen Leib, als er sich mehrfach entschuldigt. Das macht nichts, sage ich und versuche, nicht auch noch zu kotzen. Ich mache erst ihn sauber und schicke ihn ins Bett. Dann versuche ich, das Bad zu reinigen. Klopapier verstopft die Toilette, den Badvorleger dusche ich ab, dann ist auch dort der Abfluss verstopft. Aus dem Kinderzimmer ruft der Chaosprinz schwach, ich soll mich bitte nicht überarbeiten. Alles gut, rufe ich zurück, alles gut.

Ich scheiße auf dieses Leben, ich bin so durch damit. Ich scheiße auf diesen Staat und seine soziale Gerechtigkeit, die uns mit 7,13 von der Rundumversorgung durch das Bürgergeld trennt, weil wir zu dritt veranschlagt werden. Ich scheiße darauf, dass eine 75-jährige als Altenpflegerin arbeiten muss, bei Alten, die teilweise bis zu 20 Jahre jünger sind als sie. Bis zur totalen Erschöpfung. Bis zum Loch in der Herzwand und einem Schlaganfall. Damit wir jeden Scheiß selbst zahlen können.

Und deshalb scheiße ich auch auf all die beschissenen Klassenfahrts-, Eigenanteils-, Toilettengeld- und Klassenkassenbeiträge und auf den Förderverein, der sich dazu herablässt, manchmal die Hälfte davon zu übernehmen, wenn man jedes mal einen traurigen Brief hinschickt. Ich scheiße auf die Englischlehrerin, die noch vor Weihnachten ein Event plant, das pro Kind 15,- kostet, die ich mir bei der Mutter eines Mitschülers erbetteln muss, weil sie einfach nicht drin sind. Ich scheiße darauf, dass der Chaosprinz bei allem immer erst fragt, wie teuer es ist, um es dann, selbst bei Kleinstbeträgen, abzulehnen. Dass er seit Jahren schon kein Eis im Sommer gegessen hat, dass er sich zum Geburtstag und zu Weihnachten überhaupt nichts wünscht, weil er genau weiß, dass auch überhaupt nichts kommen wird, dass er nicht einmal eine Geburtstagstorte gebacken haben wollte, weil er befürchtet hatte, ich würde sie aus verdammten scheiß Haferflocken machen.

Ich scheiße auf die Klamotten vom Chaosprinzen, die langsam so klein werden, dass er bald bauchfrei gehen kann, auf die Plastikclogs, in denen er zur Schule geht, weil die Schuhe ihm nicht mehr passen, und auf die leichte Übergangsjacke, die er trägt, weil die Winterjacke vom letzten Jahr zu klein geworden ist.
Dafür werden meine Klamotten langsam zu groß. Die Antwort ist: ja, Haferflocken helfen wirklich beim Abnehmen!

Das ganze Schachtelhaus stinkt nach Kotze und ich bin so durch mit diesem Planeten. Ich bin durch mit diesem Leben, ich möchte bitte abgeholt werden. Ich habe keinen Bock mehr auf Mitleidsposts in sozialen Netzwerken, Bettelbriefen von dubiosen Hilfsorganisationen und Spendeneintreibern diverser karitativer Einrichtungen, die ungefragt an meiner Tür klingeln. Und ich bin fertig mit vermeintlich sozialen Hilfsangeboten, der Kirche, den Nachbarn und vermeintlichen Freunden, die nicht das Telefon in die Hand nehmen und mal fragen können, wie es denn jetzt eigentlich so läuft ohne Suppenfreundin, ohne Pflege, ohne Geld, wie es uns denn überhaupt geht im Moment. Und ja, ich weiß, allen geht es schlecht und jeder hat sein Päckchen zu tragen – nur auf mich muss dabei wirklich niemand mehr zählen!

Und während die Waschmaschine die vollgekotzten Sachen wäscht und der Chaosprinz endlich eingeschlafen ist, schreibe ich mit nach Erbrochenen riechenden Fingern diese Zeilen in den Blog. Nicht, damit sie jemand liest. Ich kotze den Blog voll, ganz so wie der Chaosprinz das Badezimmer, nur um es irgendwie loszuwerden. Wenigstens für heute Abend. Und dann gehe auch ich vielleicht schlafen.

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Chaos

Was zu Beginn des Sommers bedrohlich seinen Anlauf nahm, vollendete sich für die Suppenfreundin zu seinem vorläufig hässlichen Höhepunkt. Diagnose: Schlaganfall. Und plötzlich ist alles andere völlig unwichtig.

Während ich kopflos durch den Tag irre, zwischen Vorbereitungen auf die nach den Herbstferien anstehenden Klassenarbeiten, dem Haushalt und der Stroke Unit, stolpere ich pausenlos über Zeugen unseres gemeinsamen Alltags. Hier eine Brille, dort ein Paar Gummistiefel. Jetzt, das weiß ich, hängt alles von mir ab. Jetzt, auch das weiß ich, muss sich einiges ändern.

Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich das nicht alleine schaffe. Ich habe Angst auf diesem unbekannten Dorf, das mir in den über 14 Jahren, in denen ich hier wohne, kein Stück vertrauter geworden ist. In dem ich niemanden um Hilfe bitten kann, weil ich niemanden gut genug kenne.

Die meiste Angst habe ich davor, irgendwann, nicht jetzt, ohne die Suppenfreundin auskommen zu müssen. Dabei war der Plan doch eigentlich ein ganz anderer. Ich habe doch nicht umsonst so ungesund gelebt. Ich wollte immer zuerst gehen dürfen. Auch mit den 21 Jahren Altersunterschied fand ich, das stünde mir zu. Schließlich ist sie die Lebenskompetentere von uns beiden, gerade wenn es darum geht, den Chaosprinzen zu begleiten.

Ich stand vor der Entscheidung, ihren Sohn darüber zu informieren. Oder eben nicht. Die Suppenfreundin wollte das nicht. Ich weiß auch, warum. Weil es ihrem Sohn so ziemlich egal ist, wie es seiner Mutter geht. Er hat schon seit langem mit ihr gebrochen, man weiß nicht so genau, warum. Noch interessanter ist die Frage, warum er dann vor einigen Jahren ausgerechnet nur einige Straßen weiter im gleichen Dorf ein Haus gekauft hat. Seitdem müssen sie sich begegnen, im örtlichen Supermarkt, beim Zahnarzt, an der Tanke oder auf dem Spaziergang. Und jedes Mal demonstriert er seine Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit ist die höchste Form der Verachtung. Und auch die schmerzlichste.
Seitdem wissen wir nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Die Suppenfreundin macht mein Leben besser. Sie erhellt es in den dunkelsten Stunden wie eine wärmende Sonne. Ohne die Suppenfreundin wäre alles nichts. Noch ist sie nicht über den Berg, wie man so schön sagt. Noch zittere ich, bete in schlaflosen Nächten, Gott möge ein Einsehen haben, versuche zu verhandeln und verspreche, ein besserer Mensch zu werden. Ohne die Suppenfreundin wäre alles nichts.

Eigentlich habe ich keine Zeit, diese Dinge jetzt zu schreiben. Denn morgen hat der Chaosprinz Geburtstag – er wird 14. Das schmale Geschenk ist noch nicht eingepackt, Kuchen kaufen wir uns morgen in der Cafeteria der Uniklinik, das Haus ist in dem Chaos versunken, in das es versinken musste. Auf der Kommode im Flur türmen sich die unbezahlten Rechnungen – kommt doch pfänden, gäbe es hier noch irgend etwas von Wert, hätte ich es längst schon selbst verkauft.

„… und außerdem“, schreibt M., „habe ich ewig nichts von dir gehört!“
Jetzt weißt du, warum.

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Versuchungen

Vor einigen Tagen schrieb mich S an und lud mich zu einer Vereinsfeier ein. Die Feier ist heute und seit Tagen schleiche ich um die Absage herum. S hat mir einmal sehr viel bedeutet, weiß heute aber nicht mehr viel über mich. Das letzte Mal trafen wir uns im September 2020 in einem kleinen Cafe. Seitdem sind fast beiläufig ganze Meere den Rhein hinabgestürzt. Und ich weiß nicht mehr viel über S.

In letzter Zeit schwingt sich die chronische Erkrankung in bedrohlichem Maße wieder auf. Die letzten zwei Wochen habe ich es geschafft, die Symptome zu ignorieren, aber jetzt lassen sie sich nicht mehr übergehen. Natürlich könnte ich Alarm schlagen, in ein Krankenhaus fahren und mich aus dem Spiel des Alltags nehmen. Aber ich weiß, dass im Augenblick niemand etwas tun könnte. Kein Arzt, kein Heiler, nicht einmal ich selbst. Das Ganze ist ein fragiles Ding. Einmal angestoßen muss man geduldig abwarten, ob es sich wieder beruhigt oder zu einem desaströsen Elend aufschwingt. Mehr kann man ohnehin nicht tun.

Heute morgen habe ich geantwortet. Ich habe mehrere Entwürfe gebraucht. In einem hätte ich beinahe den Link zu meinem Blog preisgegeben, denn hier steht ja alles Wissenswerte drin, so traurig es auch ist. Am Ende wurde es ein nichtssagender, recht unpersönlicher Dreizeiler. Er ist weder S noch mir gerecht geworden. Irgendwelche interessante Neuigkeiten hätte ich aber auch nicht vorzuweisen gehabt. Ein paar Sätze über den Chaosprinzen, der Rest ist eben Alltag, du weißt schon.

Mit einer chronischen Krankheit zu leben, bedeutet, sich und anderen in deiner Umgebung pausenlos glaubhaft zu versichern, dass im Grunde alles in Ordnung ist. Tatsächlich ist nichts in Ordnung, sonst wäre man nicht so schwach und angekränkelt. Man weiß schon, dass man angezählt ist. Tag um Tag steht man zerschlagen auf, kämpft sich angestrengt durch den Tag und sinkt abends völlig erschöpft in die Kissen. Am nächsten Tag klingelt der Wecker und der erste Gedanke ist immer ein Wundern darüber, dass man offensichtlich noch da ist.

Als ich die Mail abschicke, fragt mich mein Mailprogramm, ob ich eine Nachricht auf meinen Desktop empfangen möchte, wenn S antwortet. „Vielleicht später“ klicke ich an, denn ich erwarte gar keine Antwort. Ich hab S nicht einen einzigen Millimeter gelassen, mir antworten zu wollen. Früher oder später verlieren wir alle das Interesse an einander.

Jemand sagte mir einmal, dass ich doch jeden Tag dankbar als Geschenk empfinden müsste. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es überhaupt nicht leiden kann, wenn mir jemand großmäulig erklärt, wie ich zu empfinden habe, empfinde ich natürlich nicht jeden weiteren Tag als ein Geschenk. Wer kommt nur auf so eine geistlose Plattheit? Ja, für dich ist es einfacher, dir einzureden, ich würde dankbar mein Los annehmen und tapfer mein Joch tragen. Das entbindet dich davon, dich weiter mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass wir alle eines Tages in desinfizierten Krankenhausbetten mit Schläuchen im Hals enden werden. Ja, mit dieser Einstellung, denkst du, mit dieser Einstellung kann das ja nichts Gutes werden!

Die Welt ist so bunt. So viele unterschiedliche Farben in bunten Bildern. So viel noch nicht gesehen. So viel noch nicht gespürt. So viel ausgehalten. So wenig gelebt. Und vielleicht deshalb halte ich jeden weiteren Tag durch.

Und dann ist da noch der Eurovision Song Contest. Ich erinnere mich daran, wie ich vor 30 Jahren Stunden vor der Blogmaske verbracht und Artikel über die Lieder, die Interpreten, den Auftritt geschrieben habe. In einer Zeit, als der ESC dem gesellschaftlichen Alltag kaum mehr als eine Fußnote wert war. Das hat sich freilich alles stark gewandelt. Die Songs sind alle weit im Vorfeld bekannt, im Internet gibt es Wochen vorher schon rege Diskussionen über den Vorentscheid der einzelnen Länder, die Gewinner, die Songs und natürlich ist der ESC längst schon kein Song Contest mehr. Jedes Jahr schaue ich mir mit der gleichen Begeisterung wie vor 40 Jahren die Songs der Länder Europas und Israels und jetzt auch schon Australiens an. Und jedes Jahr erkläre ich, dass es nicht um die Songs geht, nicht um das Spektakel, nicht um die Skandale, sondern um die Idee eines geeinigten Europa. Wer mich kennt, der weiß, dass ich eine Europäerin bin. Ich verabscheue, was aus dem alles regulieren wollenden Wasserkopf Brüssel geworden ist, aber ich bin verliebt in den ursprünglichen Gedanken der EU. Und genau deshalb schaue ich den ESC. Mit der gleichen Begeisterung wie vor 40 Jahren.

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Hoch die Hände – Wochenende!

Es ist, wie es ist, sagt man, und in der Absolutheit dieser Aussage liegt die Aufforderung zu einer bedingungslosen Akzeptanz dessen, was die Wirklichkeit vorgibt zu sein.

Am Freitag kommt der Chaosprinz mit einer zerbrochenen Trinkflasche und einem blauen Auge aus der Schule. Was genau passiert ist, wird er mir nicht erzählen. Ich habe längst gelernt, dass man ihm nichts aus der Nase ziehen kann, und begnüge mich mit den wenigen Informationen, die ich mir ohnehin hatte denken können, und dem Kauf einer neuen Wasserflasche. Im Ranzen eine Vier plus in Deutsch, einhundertzwölf Fehler wollen heute und morgen berichtigt sein. Auf dem Schreibtisch liegt ein halb gelesener Roman, der bis Montag gelesen werden muss. Mathe für Mittwoch, Lateinvokabeln bis Freitag.

Manchmal bin ich so wütend. Wir jagen dem Leben hinterher, das uns gleichzeitig unbarmherzig vor sich her treibt. Das Leben besteht aus lauter kleinen Alltagsschnipseln. Die meisten davon sind höchst unerfreulich. Den ersten Platz der üblen Ärgernisse belegt unangefochten die Schule. Gleichgültige Lehrer, nutzlose Aufgaben, planlose Unterrichtsinhalte, chaotische Zustände. Ein permanenter Einmarsch in die Freizeit durch die Pflicht der Schüler, sich jederzeit online informiert zu halten.
Dazwischen immer wieder mein Versuch, die Lehrinhalte zu strukturieren, systematisieren, kategorisieren. Ich trenne Arbeitsblätter vorsichtig wie Eier. Was ist wirklich wichtig, womit sollen die Schüler nur unnötig beschäftigt werden, was ist nutzlose Fleißarbeit. Der Chaosprinz bearbeitet die Arbeitsaufträge genau so, wie sie ihm präsentiert werden: lustlos, unwillig und desinteressiert.

Noch am Freitag beginnen wir mit der Berichtigung. Über die Hälfte der Fehler betreffen die Rechtschreibung. Der Chaosprinz ist maßlos enttäuscht. Er hatte sich Mühe gegeben, aber Deutsch ist einfach nicht sein Fach. Wieder erzähle ich ihm, wie eine besonders miese Lehrerin meiner Mutter damals im Elternsprechtag gesagt hatte, ich würde wohl nie richtig Deutsch lernen. Über eine Drei in Deutsch bin ich bis zum Abitur tatsächlich auch nie hinausgekommen. Seine Enttäuschung tut mir weh. Ich will ihm sagen, wie unfassbar unwichtig diese Deutschnote für ihn ist. Dass Schulnoten nur ein Arbeitswerkzeug seiner Lehrer sind. Sein blaues Auge wechselt die Farbe von Blau zu Violett.

Manchmal bin ich so traurig. Als ich den Chaosprinzen zum ersten Mal in meinen Armen hielt, wollte ich ihn nur lieben. Ich wusste damals nicht, dass ich ihn vor dem Leid und dem Schmerz des Lebens nicht würde beschützen können. Ich konnte nicht ahnen, wie gemein, hinterhältig und bösartig Menschen sein können, denen wir begegnen würden. Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können, wie schwierig es sein würde, gegen eine Gesellschaft zu halten, deren Werte in den letzten Jahren so radikal zerbröselt sind. Ich hätte es besser wissen sollen.

Der Samstag beginnt trüb wie schmutziges Glas. Wir lernen Vokabeln. Er macht Mathe, dann lesen wir das Buch. Die Hälfte hat der Chaosprinz in den Osterferien geschafft, die andere lesen wir jetzt zusammen. Das Buch ist richtig schlecht. Die Charaktere bleiben klischeehaft und unsympathisch, die Motive sind unklar, die Geschichte wird als Militäroperation inszeniert, einzelne Episoden sollen wohl lustig sein und die Auflösung am Ende ist mehr als schwach. Ich verstehe nicht, wie es dieses Buch ins Curriculum der siebten Klassen geschafft hat. Noch weniger verstehe ich, wie man darüber eine Klassenarbeit schreiben will. Von der Zahnarzthelferin erfährt die Suppenfreundin, dass die Parallelklasse „Damals war es Friedrich“ gelesen hat. Ich maule neidisch.

Es ist vielleicht, wie es ist, aber es fiel mir immer schon schwer, die Dinge einfach zu akzeptieren. Ich wollte das Leben nie als gegeben statisch begreifen. Ich wollte kreativ neue Wege gehen. Dieses Vorhaben jedenfalls hat mir das Leben gründlich ausgetrieben.

Auch Sonntag lesen wir noch. Wir quälen uns gemeinsam durch die Seiten voller Gewalt, alberner Witze, sinnloser Wendungen und bemühter Spannungsbögen. Zwischen Spaghetti Bolognese, die die Suppenfreundin schnell warmgemacht hatte, und der brutalen Kampfszene mit dem Troll lernen wir noch schnell ein paar Vokabeln. Reichen wird es nicht, aber es sind noch 40 Seiten bis zum Ende des Buchs. Mal ganz abgesehen davon, dass die Schulausgabe von „Damals war es Friedrich“ nur 160 Seiten hat. Abends nimmt der Chaosprinz ein Bad, während ich bei halb geöffneter Tür und unzureichender Beleuchtung aus dem Flur brüllend den Lesemarathon fortsetze. Nach dem Bad packen wir den Ranzen: Deutsch, Englisch, Erdkunde, Wipol, Latein – das passt nicht in seinen üblichen Satch. Ich suche den Reiserucksack aus dem Keller und gemeinsam verstauen wir sechs Hefte und zwei Bücher für Deutsch, vier Hefte und ein Buch für Englisch, zwei Hefte, ein Buch und den Atlas für Erdkunde, zwei Hefte und ein Buch für Wipol und fünf Hefte und ein Buch für Latein. Dazu kommt das Hausaufgabenheft, zwei Vokabelhefte, eine Brotdose und die neue Trinkflasche. Dann lesen wir weiter.

Wozu braucht diese Frau sechs Hefte in Deutsch?
Was schreiben die denn da rein?

Es ist schon fast Mitternacht, als wir das Buch endlich durchhaben. Ich habe nie Französisch gelernt, deshalb kann ich Chaiselongue nicht richtig aussprechen. Der Chaosprinz lacht sich erleichtert kaputt – das Buch ist endlich ausgelesen. Noch im Einschlafen kichern wir gemeinsam über die „Scheißelonge“ und fachsimpeln über die wirklich richtig schlechte Schullektüre. Irgendwann schläft er erschöpft darüber ein.
Der nächste Morgen wird müde werden.

Es ist Montag früh. Gerade habe ich meinem Sohn einen höllisch schweren Rucksack auf den Rücken geschnallt und ihn schweren Herzens in die Schule geschickt. Es macht mich fertig, dass ich keine andere Wahl habe, als ihn Tag für Tag in diesen Lernknast zu schicken. Der Chaosprinz ist erschöpft, das Blau unter seinem Auge wird von dunklen Augenringen komplementiert. Mein Herz bricht, als ich ihn gebeugt den Weg die Auffahrt hinunterlaufen sehe.
Kurz bevor er abbiegt, dreht er sich noch einmal zu mir um und winkt.

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Heute hier

Mein letzter Eintrag ist eine Weile her, das gebe ich zu. Linear lässt sich das ziemlich genau angeben. Aber die Zeit, das ist ein Naturgesetz, verläuft nicht linear, so exakt wir das auch messen können. Sondern eher sprunghaft, wenn man die Zeit als etwas Subjektives begreift. Es gibt eventuell nichts, was so unbeständig ist in unserem Universum wie die Zeit. Kaum beginnt ein neues Jahr, schon steht Silvester vor der Tür. Dazwischen nur ein Wimpernschlag, das spöttische Augenzwinkern eines Alltags der sich immer wiederholenden Handgriffe. Ich koche die Mahlzeit, wir essen sie. Ich schüttle die Kissen auf, wir sitzen darauf. Ich mache die Betten, wir schlafen darin. Und so vergeht die Zeit.

Es ist unbemerkt Frühling geworden, die Natur hat den kalendarischen Neubeginn angeordnet. Überall grünt und sprießt es. Die Suppenfreundin verflucht den still wachsenden Rasen, der ab jetzt regelmäßig gemäht sein will, und leidet unter einem entzündeten Zahn, der noch nicht behandelt werden kann.
Der Chaosprinz nimmt sich zwei ordentlich verdiente Wochen Auszeit von der Schule und kommt nur selten aus seinem Zimmer. In dessen Mitte hat er ein Zelt aufgestellt, zu dem neben ihm nur der Hund noch Zugang hat, wir anderen müssen leider draußen bleiben.
Meine Erschöpfung ist einer satten Frühjahrsmüdigkeit gewichen. Übernächtigt stehe ich morgens auf, abgekämpft gehe ich abends zu Bett. Genervt lasse ich die Jalousie im Wohnzimmer runter, um so das gleißende Licht der Südwestsonne abzuschirmen. Ich bin zu alt für gute Laune. Daran kann auch Elton John aus dem Radio nichts ändern.
Der Chaosprinz hatte darauf bestanden, am Ostersonntag in die Kirche zu gehen. Zwei Tage habe ich mit meiner Kraftlosigkeit gerungen, dann habe ich nachgegeben. Meine Mutter hätte mich verachtend auf tausend Jahre Pech verflucht, wäre ich nicht am Ostersonntag früh aufgestanden und mit dem Chaosprinzen in die Kirche gefahren.
Strahlender Sonnenschein, die heilige Liturgie und jede Menge bunt bemalter Ostereier. Die Kirche ist voll, dicht an dicht stehen die Menschen. Am hinteren Ende setze ich mich auf ein kleines kühles Mäuerchen in der Kirchwand. Der Chaosprinz steht still neben mir und lauscht fast andächtig dem Chor.
In diesem Alter beginnt man damit, seine Identität zu suchen, seine Wurzeln auszugraben, um sie sich genauer betrachten zu können. Drei Fragen, die einen Menschen sein ganzes Leben lang begleiten, erfordern eine, wenngleich lediglich temporäre, Antwort. Wer bin ich? Wo komme ich her? Und wohin gehe ich? Wenn man als Eltern nicht den Fehler begeht, diese Fragen für sein Kind beantworten zu wollen, wird hier der erste Stein zu einem zufriedenen Leben gelegt.
Während der Chaosprinz nach der Liturgie draußen in seine Cevapcici in Fladenbrot beißt, schaue ich mich auf dem Vorplatz der Kirche um. Das kommt meinem Zuhause wohl am nächsten, hier fühle ich mich wohl, nicht einmal die gleißende Sonne stört mich mehr. Ich hatte mir sehr gewünscht, dass der Glaube auch für den Chaosprinzen zu einem geistigen Zuhause wird in dieser Welt, in der nichts so zu sein scheint, wie ich es mir für ihn gewünscht hätte.

Es fällt mir kaum auf, wie unstet die Zeit eigentlich vergeht. Als wäre ich diese eine kleine Ameise, die auf dem Rand eines Wasserglases entlang läuft. Ich passiere immer wieder die gleiche Unebenheit im Glasrand, ohne zu erkennen, dass ich vor einer Runde schon einmal hier gewesen bin. Kürzlich las ich einen dieser Allgemeinplätze, die aussehen, als seien sie einem Kalender billiger Sprüche entrissen: Es ist nicht die Zeit, die vergeht, wir sind es. Vielleicht wirkt das Leben deshalb so.

In der zweiten Woche der Osterferien haben wir uns erschöpft im Schachtelhaus zusammengerottet. Ermattet liegen wir den größten Teil des Tages auf der Couch und schauen eine Folge Futurama nach der anderen, während um uns herum die Welt zusammenbrechen könnte. Das kleine Schachtelhaus verkommt immer mehr, bald schon werden die Nachbarn besorgt an der Tür klingeln, um zu checken, ob hier überhaupt noch jemand wohnt. Wir werden nicht öffnen, denn die Türglocke ist längst schon mit einem kleinen Pappstreifen blockiert. Langsam wird eine Dornenhecke das Schachtelhaus überwuchern, bis nur noch ein Prinz auf einem Schimmel sich den Weg zur Eingangstür wird freikämpfen können. Ich habe über fünfzig Jahre auf den Prinzen gewartet, ich weiß, er wird gar nicht kommen, aber auch das soll mir zum gegebenen Zeitpunkt Recht sein.
Und dann kündigt sich plötzlich und unerwartet doch Besuch an. Die beiden Jungs aus BaWü machen ihren halbjährlichen Törn durch den mittleren Westen der Republik und haben uns auf ihre to see Liste gesetzt. Der Chaosprinz freut sich, wir freuen uns auch. Es wird ein vergnüglicher Tag werden, der mich daran erinnert, dass ich durchaus ein soziales Wesen sein kann, auch wenn ich die Einsamkeit den meisten Gesellschaften unbedingt vorziehe.

Im Grunde ist es nebensächlich, wie desultorisch die Zeit tatsächlich vergeht. Oder wie oft ich in diesen Blog schreibe. Stephen Hawking sagte einmal, dass alles, was wir nicht wissen können, auch keinerlei Einfluss auf unser Leben nehmen kann.
Es ist irgendwie seltsam, schreibe ich einer Freundin, immer so ins Nichts zu schreiben.
Niemand schreibt ins Leere, schreibt sie zurück, es fühlt sich halt immer nur so an.

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Kontakte

Manchmal gehe ich alte Unterhaltungen, Briefwechsel, Chatverläufe durch, aus Neugierde meistens und, wenn ich nicht schlafen kann, aus Langeweile. Ich lese dann, was ich wem geschrieben hatte, was man mir so zu antworten hatte, worum es uns beiden eigentlich ging. Es ist seltsam, sich so im Verlauf der Zeit zu betrachten. Denn die Veränderungen in mir sind leise, unbemerkt und über Zeiträume passiert, von Lebensstation zu Lebensstation ein anderes Ich, je nachdem, an welcher Station ich gerade Rast machte, wer ich gerade war oder unbedingt sein wollte.

Manchmal erinnert mich das wahllose Blättern in elektronischer Korrespondenz auch an Kontakte, die ich längst wieder vergessen hatte, obwohl sie mir eine wichtige Lektion erteilt hatten.
Wie dieser alte Freund der Suppenfreundin, der mich kontaktierte, weil die Suppenfreundin ihn freundlich, aber bestimmt so lange ignoriert hatte, dass er mir irgendwann einmal schrieb, ihr lautes Schweigen sei bewundernswert. Ich antwortete höflich, aber gebremst, denn ich hatte ihn nie persönlich kennengelernt und wunderte mich heimlich, warum er mir schrieb. Hinterher entschuldigte er sich für diese Bemerkung und ich kam offenbar gar nicht mehr dazu, ihm zu sagen, dass er damit völlig richtig lag. Er starb ganz unerwartet an einem Hirnschlag, sein jüngerer Bruder schrieb es auf Facebook und da tat es mir leid, dass ich mir nicht die Zeit genommen hatte, ihn kennenzulernen.

Oder die alte Schulfreundin, die sich nach einem Vierteljahrhundert meldete, um mir zu sagen, dass sie sterben müsse. Zuerst war ich verwirrt, dann mitfühlend und schließlich sogar wütend darüber, weshalb sie es mir überhaupt erzählt hatte. Da war sie aber schon gestorben, friedlich in einem Hospiz, ich war auf ihrer Beerdigung unter lauter fremden Menschen und traf ihre Eltern, die sich überhaupt nicht mehr an mich erinnern konnten. Und ich war so wütend, weil ich sie ja gar nicht mehr gekannt hatte, weil sie vergessen gewesen war, eine Erinnerung, die ich so ganz sicher nicht hatte auffrischen wollen.
Viel, viel später wurde mir klar, dass die alte Schulfreundin es jedem erzählt hatte, den sie kannte. Dass sie gezielt ihre Kontakte danach durchsucht hatte, wem sie es alles noch erzählen könnte, wer es noch nicht wusste, wer es noch nicht gehört hatte. Und noch viel später verstand ich auch, warum.
In der Konfrontation mit ihrem Tod hatte sie nach einer Bestätigung ihres eigenen Entsetzens, ihrer eigenen Hilflosigkeit gesucht. Sie hatte sie auch vielfältig erhalten, aber das wurde einfach nie genug. Das Entsetzen und die Hilflosigkeit blieben ihr auch nach der x-ten Bestätigung, weshalb sie immer weiter danach gesucht hatte, bis es schließlich zu Ende ging, bis der Augenblick da war, den sie so sehr gefürchtet hatte. Heute bin ich nicht mehr wütend, sondern dankbar für diese Erfahrung.

Viel aus der Vergangenheit ist nicht geblieben an Kontakten.
An den meisten hat man wechselseitig schnell kein großes Interesse mehr.
So wie der ehemalige Nachbar, mit dem man sich schon nichts zu sagen hatte, als man noch nebeneinander wohnte. Die alte Schulfreundin, die man schon in der Schule ätzend fand. Mütter von Schulkameraden des Chaosprinzen, mit denen man nichts mehr zu besprechen hat, weil die Kinder längst auf unterschiedliche weiterführende Schulen gehen. Menschen, die mich damals gemieden haben, als hätte ich eine ansteckende Krankheit, und die mich nur anschreiben, weil sie sich ihre Überlegenheit noch einmal vergewissern wollen.
Es sind Belanglosigkeiten, die man austauscht, weil man sich zufällig auf Facebook wiedergefunden hat.
Hunderte belangloser Nachrichten sammeln sich in meinem virtuellen Nachrichtenordner und ich lösche sie nur deshalb nicht, damit sie mich immer wieder daran erinnern, warum ich mich nicht bei alten Bekannten melden sollte. Manchmal mache ich das Netz dafür verantwortlich, weil es heute viel einfacher ist, bekannte Gesichter aufzuspüren, sie virtuell zu verfolgen, neugierig in ihren protzigen Profilen zu stöbern und sich dann dazu hinreißen lässt, einen kurzen Gruß zu hinterlassen.
Die sich aus solchen Kontakten ergebende Unterhaltung gleicht aber in jedem Satz derjenigen, die sich ergeben hätte, hätte man sich rein zufällig beim Einkaufen im Supermarkt getroffen.
Meistens gibt es gute Gründe dafür, weshalb ein Kontakt schon beim ersten Mal abgebrochen ist, auch wenn man ihn nicht gleich erkennt. Und deshalb brechen solche Kontakte auch beim zweiten oder dritten Versuch genauso schnell wieder ab wie sie entstanden sind.

Vielleicht ist abbrechen ein viel zu starkes Wort dafür. Es ist vielmehr ein im Sande verlaufen, das Ausklingen einer Dissonanz, das sanfte Erlöschen eines Teelichts, dem der Wachs ausgegangen ist.

Bei manchen Nachrichten kann ich mit dem Abstand der Jahre nachvollziehen, warum mein Gegenüber mir nicht mehr geantwortet hat. Je interessanter ich jemanden finde, desto langatmiger, sperriger und vorsichtiger, im Grunde aber langweilig und nichtssagend scheine ich ihm zu schreiben. In manchen Fällen dachte ich, ich hätte im Verlauf der virtuellen Unterhaltung noch Zeit, unterzubringen, weshalb ich den Kontakt gesucht hatte, wie sehr mich mein Gegenüber interessierte. An einem Punkt vielleicht, wo es ganz gut reinpasst, ohne dabei irgendwie seltsam aufdringlich zu klingen. Denn manchmal kann es dabei zu wirklich unangenehmen Missverständnissen kommen.
Da war dieser Poet, der sich unbedingt mit mir hatte treffen wollen. Wir hatten uns in einem Schreibforum kennengelernt und mochten unsere Gedichte – verschachtelte Gedanken einer spätpubertären Depression. Man könnte sagen, dass unsere Lyrischen Ichs eine Beziehung zu einander eingingen, Elizabeth Bennett und Fitzwilliam Darcy.
Nach einigen Monaten bohrenden Fragens nach einem echten Treffen gingen mir die Entschuldigungen aus und ich willigte unwillig ein, mich in einem Cafe in der Innenstadt zu treffen.
Nicht ohne vorher unmissverständlich klar zu machen, dass mein Interesse rein künstlerischer Natur war. Und natürlich bereitete ich ihn auf meinen grauenhaften Anblick vor, indem ich ihn einige Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt von einer etwa 25 Meter weit entfernten, nicht einsehbaren Ecke aus anrief, um ihn vorzuwarnen. Man möchte es für einen Witz halten. Es ist aber wahr. Kein Wunder, dass er mir danach nie wieder geschrieben hat.

Manche Nachrichten ließ ich absichtlich im Sande verlaufen. Man hat sich nichts Wesentliches zu sagen, will sich die Zeit dafür nicht nehmen. Mangelndes Interesse, zu wenige Gemeinsamkeiten, man möchte sich einander nicht preisgeben oder das Gegenüber nutzt die Gelegenheit, sich selbst in aller Breite preiszugeben, und so weit wollte man dann doch nicht gehen, vor allem dann nicht, wenn man selbst vor lauter Nabelschau des anderen aus dem Bestätigen überhaupt nicht mehr herauskommt.

Manchmal suche ich auch ganz gezielt nach etwas, das mich, obwohl es Jahrzehnte her ist, immer noch beschäftigt. Vielleicht hatte mich ein Traum daran erinnert oder eine Redewendung oder etwas, das ich kürzlich gelesen hatte. Manchmal kann einen sogar ein bestimmter Duft, ein Geräusch oder die aktuelle Wetterlage an etwas erinnern. Dann frische ich meine Erinnerungen auf, schaue nach, ob ich damals wirklich alles verstanden hatte, ob meine Einschätzung der Sachlage richtig gewesen war und ob ich darauf dann auch folgerichtig geantwortet hatte. Ob es fair gewesen war, den Kontakt abzubrechen.
Wie bei meiner Kinderfreundin, die sich darüber beschwert hatte, dass ich sie kurz nach der Geburt des Chaosprinzen nicht besucht hatte. So würde man doch nicht mit Menschen umgehen, schrieb sie mir damals unter eine Reihe von Vorwürfen, die mich als fürchterlich schlechte Freundin darstellten, weil ich nicht dazu bereit gewesen war, nachmittäglich ihre fünf Kinder zu fünf verschiedenen Sportvereinen zu fahren, obwohl ich im Besitz eines Autos war. Weil ich ihr nicht sonntäglich dabei half, ihren Haushalt zu machen, obwohl ich allein lebte und damit weitaus weniger zu putzen hatte als sie. Weil ich ihr nicht die tausend Euro für ein dubioses Schneeballsystem hatte leihen wollen. Weil ich, nachdem ich einen einzigen Samstag mit ihr und ihrer Familie im Ikea verbracht hatte, die nächsten Male nach zweifelhaften Ausreden suchte, das nicht mehr tun zu müssen. Die Kinderfreundin, die mir nie eine Freundin gewesen war, hatte zur Geburt des Chaosprinzen einen Beschwerdebrief verfasst. Ich zog es vor, nicht darauf einzugehen, und sie schrieb glücklicherweise auch nie wieder.

Schade, denke ich dann manchmal beim Lesen all dieser Nachrichten, und, dass ich dieses ganze Menschsein doch nicht so richtig durchschaut, offenbar noch nicht so recht begriffen habe.
So endet mein Blättern in alten Nachrichten, Mails, Chatverläufen eigentlich jedes Mal. Sie lassen mich ratlos zurück. Manche Kontakte habe ich bewusst abgebrochen, aus Desinteresse, Ärger oder Feigheit. Andere habe mich auslaufen lassen wie eine alte Sanduhr. Manche Kontakte ließen sich nicht mehr beleben, sie waren einfach abgeschlossen, man beugt sich wieder über seine Einkaufsliste und verschwindet in einem anderen Gang. Andere hätte ich gern entwickelt, vertieft, entschlüsselt wie eine alte Schriftrolle. Und so bleibt dieses ungute Gefühl, dass die beste, ja einzige Gesellschaft eben die mit sich selbst ist. Auch wenn sie einseitig, eintönig und einsam ist.

Es schreibt sich deutlich offener in der gewähnten Unkenntlichkeit, ganz für sich allein in den Blog hinein. Die Maske des Bildschirms schützt ausreichend genug, um sich nicht hinter langatmigen, sperrigen und vorsichtigen Worten verstecken zu müssen. Die meisten Gedanken rauschen dabei ohnehin nur als vages Gefühl vorbei, eine Idee, ein Geistesblitz, als etwas, von dem ich glaube, es verstanden zu haben, bis mir bei genauerer schriftlicher Betrachtung auffällt, dass ein kurzes Aufleuchten der Erkenntnis noch lange keine Einsicht bietet.

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Remember, remember

Seltsam, wie die Erinnerungen an die eigene Schulzeit stückweise zurückkehren, wenn man ein Schulkind hat. Wenn das eigene Kind sich beschwert über zu viel Arbeit, zu anstrengende Lehrer, zu ätzende Mitschüler. Und dann kann man nicht einschlafen, weil man darüber nachdenkt, wie man dem Kind mit diesen Herausforderungen helfen könnte.
Irgendwann kippen die Augen und man fällt in einen historischen Traum. Dort erinnert man sich an Begebenheiten aus der eigenen Schulzeit, an die man jahrelang nicht mehr gedacht hatte.

Ich war während meiner Grundschulzeit auf dem Internat der Ursulinen in Köln in der Gruppe von Schwester Carola und Schwester Zita. Schwester Carola war bekannt für ihre Strenge und berüchtigt für ihre Schläge. Das erste, was ich von älteren Mitschülerinnen sah, war, wie sie sich immer schon vorsorglich wegduckten, wenn sie vor ihr standen.
Im Schlafsaal standen zu beiden Seiten jeweils 12 Betten. Vielleicht waren es auch weniger, ich erinnere mich nicht mehr. Dazwischen war ein Gang, den die Aufsicht nachts mehrfach abschritt, bevor sie die Tür abschloss und selbst zu Bett ging. Mir war an der Kopfseite ein Spind zugeteilt, in dem meine Sachen hingen. Vor dem Spind baute sich morgens oft eine ältere Mitschülerin auf. Sie ließ uns nicht an unsere Sachen und als es dann zur Morgenandacht läutete, lief sie hinunter, während wir uns schnell anzogen. Wir kamen meistens viel zu spät und mussten dann auf unser Frühstück verzichten.

Der Weg zu meiner Grundschule führte aus dem Kloster hinaus durch zwei, drei Straßen in die Dagobertstraße. Ich habe unlängst einmal geguckt, ich glaube, die Schule gibt es gar nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass man, um zur Toilette zu gelangen, durch einen gruseligen Flur musste. Daran, dass wir nicht alleine zur Toilette gehen durften, sondern immer in Begleitung eines Mitschülers oder einer Mitschülerin. Und dass ich dankbar für diese Begleitung war.
S. war meine allererste echte Freundin, ein ruhiges Mädchen, freundlich und aufgeschlossen. Ich war froh, wenn ich in ihrer Nähe war. B. war aufgedreht und laut und manchmal so frech, dass es dort, wo sie war, immer wieder Ärger gab. Manchmal wollte sie S. ganz für sich allein und manchmal spielten wir zu dritt so schön, dass es eine Freude war. Wir drei hielten zusammen, gegen die Schwestern und gegen die älteren Mitschülerinnen.

Irgendwann fand ich S. durch Zufall auf Facebook wieder. Ich habe sie angeschrieben und wir haben uns ein wenig unterhalten. Ich habe ihr nie gesagt, dass sie die erste Freundin für mich war und eine Vorlage für alle, die mir begegnen sollten, jede meiner Freundinnen habe ich an ihr gemessen, keine hat sie je erreicht. Wir tauschten Fotos aus dieser Zeit, verglichen unsere Erinnerungen, ertranken in Nostalgie. Wie gern wir damals im Internat waren. Die lustige Schwester Alberta, die mit uns zu Karneval den kleinen Aufenthaltsraum mit bunten Luftschlangen schmückte. Schwester Dorothea, die uns einen Tanz beibrachte, den wir begeistert aufführen konnten. Unsere Gruppe als kleine Familie, der wir näher standen als unserer eigenen. Der kleine Hof, auf dem Schwester Zita mit uns Ball spielte. Sie war kaum größer als wir und begeistert liefen wir in ihre offenen Arme. Die schönen Ausflüge in den Kölner Zoo. Wie gut diese einfache Zeit war, in der wir noch ganz genau wussten, wo wir hingehörten und was von uns erwartet wurde.

Über eines sprachen wir nicht, nämlich, welche Schattenseiten katholische Mädchenerziehung noch Ende der Siebziger auch hatte. Vielleicht, weil wir den Schwestern trotz allem viel zu verdanken haben. Vielleicht auch, weil wir damals überzeugt waren, es nicht anders verdient zu haben. Und diese Überzeugung hat sich tief in unser Unterbewusstsein eingegraben, mit jedem Schlag immer tiefer, bis sie so tief saß, dass niemand sie mehr herausbekommen würde.
Als Kind akzeptiert man das als Realität, was einem vorgegeben wird. Man hinterfragt nicht, ob es richtig oder falsch ist, man gleicht es nicht ab, womit denn auch? Man nimmt die Umstände als gegeben und letztlich bleibt einem nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass die Welt und die Menschen, denen man begegnet, wohlwollend sind. Gewalt, ob physisch oder psychisch, hinterlässt Demütigung und Scham. Und diese tiefe, innere Gewissheit, nicht gut genug, nicht richtig, nicht ausreichend zu sein.

Die Erziehung der Kinder ist der Spiegel einer jeden Gesellschaft.
Die Erziehung der Kinder bestimmt die Gesellschaft von morgen.
Und so verändern sich die Generationen. Und mit ihnen die Werte der Erziehung.

Ich erinnere mich daran, dass ich ohnehin nicht viel gesprochen hatte damals, um mich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Die Grundschule in der Dagobertstraße war ein tägliches Kontrastprogramm zur Strenge der Schwestern. Eine freundliche Grundschullehrerin mit rundem Gesicht, an deren Namen ich mich aber nur noch mit Mühe erinnern würde, brachte uns das Lesen und Schreiben auf schwarzen Schiefertafeln bei. Ende der siebziger Jahre schlug man Kinder in Schulen nicht mehr. Man begegnete ihnen mit Geduld und Freundlichkeit.

Grundschulen waren damals nur einige Stunden lang. Zwischen elf und zwölf Uhr traten wir den Weg zum Kloster wieder an. Für die Jüngeren gab es jetzt schon Mittagessen.
Das Mittagessen war frisch gekocht und kam aus der Klosterküche. Was für die Schwestern gut genug war, war auch für uns gut genug. Aber es war nun wirklich nichts für Kinder. Wenn ich ehrlich bin, würde ich das meiste davon auch heute noch nicht essen. Aufgetan wurde von den Küchenhilfen. Die Teller waren leer zu essen. Wer es nicht mochte, blieb so lange am Platz sitzen, bis er aufgegessen hatte. Wer sich erbrach, wurde gezwungen, ihr Erbrochenes aufzuessen. Bei wem auch das nicht half, bekam seine Post nicht und wurde zum Küchendienst eingeteilt. In keinem Fall entkam man den Schweinskopfsülzen, Schwarzwurzeln, Grünkohlaufläufen und Eintöpfen mit zweifelhaftem Inhalt. In jedem Fall war man bestens beraten, ohne Hinterfragen einfach aufzuessen.
Später, in der sechsten Klasse, entdeckten wir, dass man vor dem Mittagessen vorsorglich eine Butterbrottüte in die Schürzentasche stecken konnte. In einem unbeobachteten Moment verschwand darin, was wirklich nicht herunterzuwürgen war. Im Sommer, wenn die Fenster offen standen, flog so manches Stück Leber oder Fisch einfach zum Fenster hinaus, bis der Hausmeister sich darüber beschwerte, dass er immer die Essensreste aufzufegen hatte. Es gab einen riesigen Ärger, aber da die Schuldigen nicht auszumachen waren, hielt man fortan einfach die Fenster geschlossen, so dass an manchen Sommertagen im Speisesaal eine schier unerträgliche, feuchte, übelriechende Hitze stand.

Der Tagesablauf im Internat war streng geregelt. Nach dem Mittagessen durften wir unter Aufsicht ein wenig auf einem kleinen Innenhof spielen. Heute denke ich, es muss eine Dachterrasse gewesen sein, aber ich bin mir wirklich nicht mehr sicher. Es gab einen Ball und ein paar Springseile. Im Aufenthaltsraum gab es ein Regal mit Büchern und einige abgegriffene Gesellschaftsspiele, aber meistens liefen wir bei jedem Wetter auf den Hof hinaus und spielten Himmel und Hölle, Fangen oder Gummitwist. Später, als wir schon auf das Gymnasium gewechselt waren, lieferten wir uns ernsthafte Völkerballschlachten auf dem großen Pausenhof. Meistens standen S. und ich uns nach einer Weile allein auf dem abgeräumten Feld gegenüber, während die anderen langsam die Lust daran verloren, uns zuzusehen.

Die Pausen sind das beste an der Schule. Darin sind sich wohl alle Kinder einig. Diese wenigen, unbeobachteten Momente am Tag, an denen man unter sich sein konnte. Manchmal schlenderten wir auch nur Arm in Arm den Schulhof ab, von einer in die andere Ecke, und teilten unsere Geheimnisse. Die Pausen sind der Raum, in dem man aus der konstanten Bewertung, Korrektur, Haltung heraustreten, das Kostüm des Schülers ablegen und man selbst sein kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Silentium nannte sich die Studierzeit, in der wir unsere Hausaufgaben machten und für Arbeiten lernten. Auf einem Podest an einem Pult saß während der Grundschulzeit Schwester Carola und verschaffte sich einen Überblick über uns und unsere Hausaufgaben. Durch die kleine ovale Brille auf ihrer Nase trug sie die Hausaufgaben mit spitzer Schrift nach Jahrgängen geordnet in eine Liste ein. Hatte man seine Aufgabe gemacht, brachte man sie nach vorn und betete, dass Schwester Carola sie akzeptierte. Ich versuchte, ihrem prüfenden Blick zu entgehen, indem ich ihr während sie meine Aufgabe durchsah, auf die knollige, rote Nase sah. Sie war übersät mit schwarzen Punkten, so dass sie aussah wie eine große Erdbeere. Ich erinnere mich daran, wie ich vor ihr stand, den Kopf in den Nacken gelegt, um zu ihr hochzuschauen, die Schultern bis zu den Ohren gezogen. Schuldbewusst muss ich ausgesehen haben, jedenfalls habe ich mich so gefühlt.

Noch heute fühle ich mich so, wenn ich an diese Situationen zurückdenke. Schuldbewusst, obwohl ich nichts hatte falsch machen wollen, ich war ja nicht bescheuert. Wie oft hatte ich beobachtet, wie Schwester Carola ausholte, wenn eine Schülerin nicht ihren Erwartungen entsprochen hatte. Wie sie schwungvoll mit dem Kugelschreiber die mühsam gemachte Arbeit durchstrich und eine Neuanfertigung befahl. Diese Erleichterung, wenn sie mit Bleistift die Hausaufgabe abgezeichnet und mich auf meinen Sitzplatz zurückgeschickt hatte.
In der Grundschulklasse, in die ich ging, wurde bis zum Eintreffen der Lehrerin immer munter gequatscht. Die Kinder erzählten sich gegenseitig Geschichten, lachten, während sie ihre Sachen aus dem Ranzen auf das Pult legten. Wenn die Lehrerin die Klasse betrat, wurde es langsam ruhig.
Im Silentium war es immer sofort still. Es gab kein Erzählen, kein Lachen, nicht einmal ein Geflüster. Nie, kein einziges Mal, war irgendeine von uns vor Schwester Carola da. Als hätte sie immer schon eine halbe Stunde früher dort oben gesessen und auf uns gewartet.

Da ich in Köln wohnte, habe ich nur selten die Wochenenden im Internat verbracht. Ausnahmen gab es, aber meistens holte meine Mutter mich freitags abends ab und brachte mich sonntags abends wieder zurück. Lange Jahre erzählte sie mir immer wieder, wie ich auf der steinernden Treppe gesessen und auf sie gewartet hatte, immer in der Angst, sie könnte nicht kommen. Welchen Anblick ich ihr geboten hatte, mit verweinten Augen, wenn sie sich einmal um ein paar Minuten verspätet hatte. Und dass es sie deshalb jedes Mal eine enorme Überwindung gekostet hatte, mich sonntags abends wieder dort abzugeben.

Ich weiß auch nicht mehr, wann das Internat der Ursulinenschule geschlossen wurde. Ich erinnere mich nur noch daran, dass die Option im Raum stand, das Internat noch bis zum Abschluss der Schulzeit zu besuchen, aber ich glaube, die hat keiner von uns wahrgenommen. B. und S. fuhren in ihre Heimatstädte zurück und ich sah sie nie wieder. In der sechsten Klasse wechselte ich zum Tagesheim von Schwester Angela und fuhr fortan abends immer mit der Bahn nach Hause.
Seltsam, ich habe die Schwestern immer mal wieder auf dem Schulgelände getroffen, manche gingen auch noch aktiv ihren Lehrtätigkeiten nach und einige hatte ich sogar im Unterricht. Aber irgendwie schienen die meisten mich nicht mehr kennen zu wollen. Jahrelang dachte ich, es hätte an mir gelegen. Nur Schwester Zita nahm sich immer die Zeit zu einem kurzen Gespräch über die Internatszeiten und unsere Gruppe.

Das Tagesheim war weit weniger streng reglementiert, obwohl Schwester Angela vieles aus der Organisation des Internatlebens mit ins Tagesheim brachte. Die Zeiteinteilung blieb die gleiche: nach der Schule gab es ein gemeinsames Mittagessen im Speisesaal, danach durfte man auf dem Schulhof spielen. Um halb drei begann das Silentium. Der Ablauf war ähnlich: Schwester Angela thronte auf einem Podest und trug mit spitzer Schrift die Hausaufgaben der Jahrgänge ein. Auch hier war augenblicklich Stille. Zeitlich befinden wir uns nun am Anfang der Achtziger Jahre.
Vorne, neben dem Podest vor der Tafel stand eine Reihe Tische, an denen sich immer etwa vier Erwachsene befanden. Sie korrigierten unsere vorgeschriebenen Hausaufgaben vor, bevor wir sie dann fehlerfrei ins Heft eintragen durften. Waren wir mit den Hausaufgaben fertig, nahmen sie manchmal Gruppen Klassenweise in einen anderen Raum, um Vokabeln abzufragen oder Inhalte zu vertiefen.

In der ersten Zeit auf der weiterführenden Schule habe ich den Chaosprinzen seine Hausaufgaben auch immer vorschreiben lassen. Da er eine LRS hat, erschien es mir klüger, ihn seine Arbeiten erst vorschreiben und dann, von mir um die Rechtschreibefehler korrigiert, ins Heft eintragen zu lassen.
Der Chaosprinz berichtete dann davon, wie viel Ärger ihm das bei seinen Lehrern eingebracht hat. Verwirrt habe ich ihn danach seine Hausaufgaben direkt in sein Heft eintragen lassen. Wo hier der Lerneffekt liegen soll, wenn niemand ihm seine Rechtschreibefehler berichtigt, auch in der Schule nicht, erschließt sich mir nicht. Immer noch schreibt er Wörter falsch, Nomen klein und Adjektive groß. Kommas setzt er so gut wie gar keine.

Wir waren noch die Generation Schürze. Diese war verpflichtend für jedes Mädchen im Tagesheim. Meine Mutter hatte mir extra welche nähen lassen, da es sie auf dem Markt in meiner Größe kaum zu kaufen gab. Frau Clemens, eine kleine, rundliche Frau mit fettigen schwarzen Haaren, die immer zu einem Dutt zusammengebunden waren, überwachte die Garderobe mit strengem Blick. Sie tat immer so freundlich, aber meistens versuchte sie nur, uns gegeneinander auszuspielen. Erfuhr sie dann etwas Relevantes, schlug sie uns bei Schwester Angela sofort in die Pfanne.
Für mich, die ich das Reglement des Internats gewohnt war, war das Tagesheim eine deutliche Verbesserung. Schwester Angela führte mit harter Hand, sie sorgte für Disziplin, ohne sie jemals wirklich einfordern zu müssen. Und doch spürte man intuitiv, wenn man am Nachmittag in das Tagesheim kam und sich in einer Reihe aufstellte, um sie mit einem Knicks zu begrüßen, dass ihr kein Mädchen jemals gleichgültig war. Jedes ihr anvertraute Mädchen genoss ihre volle Aufmerksamkeit in jeder Hinsicht, sowohl im Verhalten als auch im schulischen Erfolg. Schwester Angela hatte die Ganztagsschule erfunden, noch bevor man in der Gesellschaft darüber diskutiert hat, sie hat die individuelle Förderung erfunden, noch bevor man über Programme dazu in Schulen nachdachte.
Ich habe Schwester Angela sehr dafür gemocht. Ich hatte großen Respekt vor ihr und manchmal zitterten mir die Knie, wenn ich meinen Knicks vor ihr machte, aber schon kurz nach dem Abitur konnte ich sagen, dass ich mein Abitur allein ihr zu verdanken hatte.
Für Mädchen, die aus einer normalen Grundschule kamen, war das Tagesheim aber ein Kulturschock. Sie waren es nicht gewohnt, vor den Schwestern zu knicksen, nur dann zu sprechen, wenn man sie dazu aufforderte, und bedingungslos zu gehorchen. Wie oft habe ich es in Schwester Angelas Augen blitzen sehen.

Ich weiß nicht genau, weshalb mich die Schulzeit bei den Schwestern gerade so beschäftigt. Die persönliche Förderung und die Gottesfürchtigkeit, die meinen Charakter bis heute prägen, genauso wie auf die strenge Ordnung und die kalte Disziplin.

Ich glaube, was mich daran am meisten beschäftigt, weil es in meiner Wahrnehmung den größten Unterschied macht, ist wohl, dass keine von uns den Schwestern jemals gleichgültig gewesen war. Die Mühe und die Kraft, die sie in jede von uns steckten, mal mit Zuckerbrot, mal mit Peitsche, zeugte von einer gewissen Wertschätzung, die man heute vergeblich an Schulen sucht. Mit absoluter Gewissheit kann ich sagen, dass der Chaosprinz seinen Lehrern gänzlich gleichgültig ist. Er ist ein Name auf einer sich ständig erneuernden Liste. Er ist eine Note in einem Spiegel, ein Sandkorn im Rädchen des wünschenswert reibungslosen Unterrichts, den es nur dann gäbe, wenn es keine Schüler gäbe.
Ich erinnere mich an so viel Wohlwollen, das durch die Strenge und Härte der Schwestern zu mir drang, an so viele Stunden, in denen sich eine von ihnen neben mich gesetzt und mich ermutigt hatte, die Aufgaben zumindest zu versuchen. An die Geduld, mit der sie mir Mathematik erklärten und mit mir die Lateinvokabeln lernten, mir die Grammatik und die Grundzüge der Physik beibrachten. Niemals war auch nur einem meiner Lehrer egal gewesen, wenn ich etwas nicht verstanden hatte. Keinem von ihnen war es gleichgültig gewesen, was einmal aus mir werden würde.

Im Deutschunterricht lesen die Kinder aus der Klasse des Chaosprinzen gerade Momo von Michael Ende. Vor einigen Tagen sollten sie ein Bild zeichnen, das zeigt, was Momo in ihrem Herzen sieht.
Der Chaosprinz zeichnete eine wunderschöne Schale bunter Blüten.
Im oberen Teil des Bilds befinden sich wie zufällig drei verschnörkelte Buchstaben.
Sie ergeben das serbische Wort für ALLES.

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Anstrengend

So anstrengend ist alles im Augenblick. So anstrengend und schwierig und unsicher und damit irgendwie sinnlos wird alles im Augenblick. Alle Anstrengung, die man hineinsteckt, bekommt man nie wieder zurück, sie versickert einfach in der grauen Alltagssuppe und löst sich darin auf.

Heute ist es im Schachtelhaus ausnahmsweise einmal annähernd warm. Das liegt an dem völlig vereisten Gefrierschrank, der tauen muss, damit man die riesigen Eisschollen am Boden und an den Wänden entfernen kann. Zu diesem Zweck haben wir den Heizkörper aus dem Bad in die Küche geschoben. Seit heute früh um kurz vor Acht steht der vor dem vereisten Gefrierfach auf voller Leistung, doch das Eis will einfach nicht tauen. Tröpfchen um Tröpfchen rinnt eiskaltes Wasser in den Auffangbehälter. Die Lebensmittel haben wir in einem Wäschekorb draußen außerhalb der Reichweite der Tiere gelagert.

Es tropft rhythmisch gegen die Plastikwanne und das hat etwas sehr meditatives. Manchmal knackt das Eis, dann denke ich, gleich wird es brechen und polternd in die Wanne fallen, aber auch wenn ich mit der flachen Hand dagegen schlage, tut sich an der Eisplatte nichts. Mit der Wärme, die aus dem Heizkörper kommt, wirkt der Morgen deshalb einschläfernd. Müde genug wäre ich dafür. Ich könnte ein Jahr durchschlafen und wäre danach immer noch nicht ausreichend ausgeschlafen. Draußen ist es kalt aber zumindest trocken. Gestern hat es den gesamten Tag durchgeregnet und deshalb wurde der Tag kaum hell und als wir mittags den Chaosprinzen aus der Schule abholten, um zum Arzt zu fahren, goss es so stark, dass der Chaosprinz mitsamt Ranzen völlig durchnässt ins Auto stieg. Dort zog er sich bis auf die ebenfalls durchnässte Unterwäsche aus und wickelte sich in eine Decke, die wir mitgebracht hatten.

Meine Hausärztin hat eine Praxis mitten im Nirgendwo eines Dorfes übernommen. Es war keine Option, ohne sie in der bisherigen Praxis zu bleiben, das verbietet schon meine Phobie vor Ärzten im Allgemeinen und diesen Ärzten im Besonderen. Also fahre ich ihr nach. In irgendein Kaff irgendwo auf irgendeinem Land, wo niemand wohnen möchte, aber manchmal kann man sich das eben auch einfach nicht aussuchen. Zwei Stunden durch den Regen. Eigentlich wären es keine zwei Stunden gewesen, aber irgendwo haben wir uns verfahren und dann musste ich dringend und wir suchten eine Behindertentoilette. Am Ende haben wir keine gefunden und einfach irgendeine genommen, sonst wäre es viel zu spät gewesen. Die Fahrt selber dauert jedenfalls keine Stunde, nur wir haben so lang gebraucht. Trotz Navi oder besser Dank Navi kamen wir noch rechtzeitig zum Termin.

Anstrengend ist alles. Ende der Woche beginnt schon wieder die Weihnachtszeit und irgendwie kommt mir das jedes Jahr viel zu früh. Ich bin unvorbereitet, das Haus ist noch nicht sauber, geschweige denn irgendwie geschmückt, Geschenke habe ich auch keine. Früher habe ich noch Weihnachtskarten geschrieben, aber immer weniger zurückbekommen, weshalb ich es dann irgendwann bleiben ließ. Am liebsten würde ich mir eine dicke warme Decke über den Kopf ziehen und darauf warten, dass irgendwann wieder die Gänseblümchen sprießen und der Löwenzahn aus dem Boden bricht, aber das ist erst in fünf Monaten und so lange kann keiner unter einer dicken warmen Decke bleiben. Irgend etwas kommt ja immer dazwischen und außerdem will der Gefrierschrank abgetaut und trockengewischt werden, denn auch die Lebensmittel können nicht bis April draußen im Wäschekorb lagern. Also mache ich mir jetzt einen zweiten Kaffee und dann fahre ich alles auf und hole den Fön.

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Zurück auf Anfang

Die Sommerferien sind vorbei und damit für mich auch der Sommer. Denn ein Sommer in Deutschland ist kein Sommer, wenn man den Sommer im Süden gewohnt ist. Ganz gleich, wie heiß es hier wird, im Rheinland ist es immer nur Frühling, Herbst und Winter. Der Sommer gehört in den Süden, dem karstigen Strand und dem wilden Meer, er muss nach frischen Wassermelonen duften und salzig schmecken.
Dieses Jahr scheint das Wetter in Deutschland es ganz genauso zu sehen und empfängt uns mit lauschigen dreizehn Grad und heftigen Regenfällen.

Die Schule hat begonnen, der Ranzen wurde entstaubt, das Mäppchen gepackt und neue Hefter beschriftet. Und dann erwischt den Chaosprinzen gleich in der ersten Woche der Temperatursturz und eine heftige Erkältung, die hoffentlich bis Montag wieder auskuriert ist, denn am Montag ist die erste Schwimmstunde und die will der Chaosprinz auf gar keinen Fall verpassen.

Das kleine Schachtelhaus empfängt uns gewohnt staubig und einsam. In unserer Abwesenheit sei dem Nachbarn, der nach dem Kater geschaut hatte, langweilig geworden, sagt er, da habe er unseren Garten gemacht. Und tatsächlich ist der Rasen gepflegt und das gröbste Unkraut beseitigt. An der Grundstücksgrenze hat er ein paar Gräser gepflanzt, um sein Revier abzustecken. Uns stört das nicht, im Gegenteil, wir finden die Gräser eigentlich ganz hübsch.

Der Dschingis Khan des Nordens ist mittlerweile im Land seines Namensgebers angekommen und genießt noch einen Monat lang die Sommerferien, bevor es in eine fremde Schule mit fremder Sprache geht. Die beiden Jungs haben sich ein wenig geschrieben, aber das meiste waren witzige Gifs, für die ich etliche Jahre zu alt bin. Der Chaosprinz ist traurig, ihm fehlt der Dschingis Khan sehr. Der Dschingis Khan hingegen ist mit Ankommen beschäftigt. Er schickt viele Fotos von seinem besseren Leben in siebeneinhalbtausend Kilometern Entfernung. Das Auto, fabrikneu und ganz in Weiß, ein europäisches Fabrikat. Der Hof, auf dem ein großes, neues Wohnhaus entsteht, drum herum viel Weide für die frisch erworbenen Nutztiere. Und viele, viele Fotos von Supermarktregalen mit mongolischen Leckereien, die alle seltsam vertraut aussehen. Nur bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass die Fanta mit Ananasgeschmack ist, das Snickers mit Limettencreme und bei den Gummibärchen Cassis ganz weit vorne liegt.

Ich denke oft an den Dschingis Khan des Nordens. Ich bemühe mich, das Thema nicht von mir aus aufkommen zu lassen, um den Chaosprinzen nicht traurig und mich nicht wütend zu machen. Aber durch meine Gedanken geistert die ganze Geschichte immer noch. Vor allem eines ist dabei für mich ungeklärt: Warum hat der Chaosprinz es mir nicht erzählt. Er wusste schon Wochen vorher, dass der Abreisetermin bereits feststand, aber er hat es mir nicht gesagt. Heute beim Abendessen fragte ich ihn danach.

Ich erzähle dir immer alles, Mama, sagt er, ich habe dir sogar erzählt, wie ich mal eine halbe Flasche Bier getrunken habe. Das stimmt, denke ich, nur dass es lediglich ein Schluck war, den du sofort wieder ausgespuckt hattest, weil er dir abartig geschmeckt hat. Hast du mir nicht vertraut?, frage ich. Wie sollte ich dir nicht vertrauen, fragt er zurück, du bindest meine Schulbücher ein und kaufst mir Lego. Natürlich vertraue ich dir. Aber der Dschingis Khan des Nordens, fährt er fort, der hat mich gebeten, es dir nicht zu sagen. Ich weiß zwar nicht genau, warum er mich darum gebeten hat, aber ich habe es dir nicht gesagt.

Was? ,fragt er herausfordernd, nachdem wir eine Weile schweigend unser Rührei mit Tomatensalat gegessen haben.
Nichts, sage ich, wirklich nichts. Ich bin stolz auf dich, weil du gegenüber deinem Freund Wort gehalten und mir nichts gesagt hast, wirklich, und ich weiß auch, dass dir das ziemlich schwer gefallen sein muss.
Der Chaosprinz nickt, er fühlt sich verstanden. In mir flüstert ein Rest Zweifel.
Die Hausaufgaben warten, der Chaosprinz will sie nicht aufs Wochenende verschieben. Er hat keine Pläne fürs Wochenende gemacht, weil der Dschingis Khan des Nordens ja nicht hier ist, aber mit Hausaufgaben will er es auf keinen Fall verbringen.

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