Wort des Monats: Grönland

Wer hätte gedacht, dass um Grönland einmal so viel Aufhebens gemacht wird, eine spärlich besiedelte Insel in der Kälte des Nordens, die zum grössten Teil mit dickem Eis bedeckt ist. Und nun könnte ausgerechnet dieses Grönland zum Bruch zwischen Europa und den Vereinigten Staaten führen, zumindest aber zu einer Eskalation der schon länger brüchig gewordenen Beziehung.

Nicht einmal handfeste geostrategische oder wirtschaftliche Gründe scheinen ausschlaggebend zu sein für das, was weitherum als «Streit um Grönland» bezeichnet wird, sondern reine Willkür und die fixe Idee eines Despoten im Machtrausch, der nun mal diese grösste Insel der Erde sein eigen nennen will, ganz so wie er etwa auch eine goldene Tischuhr der Marke Rolex sein eigen nennt. Eine Trophäe, die seinem Ego schmeichelt und seinen Reichtum mehrt.

Doch womöglich fällt ihm nun Grönland auf die Füsse – bildlich gesprochen natürlich. Denn Europa ist nicht mehr länger gewillt, sich von einem kranken Tyrannen vorführen zu lassen. Endlich, könnte man denken. Mit einem dezidierten Nein seitens der Europäer könnte allerdings die hergebrachte Ordnung, die so oder so inzwischen eher einem wackeligen Kartenhaus gleicht, endgültig zusammenbrechen.

Europa ist nicht mehr alleine in seinem Unwillen, den giftigen Launen eines Gewaltherrschers mit einem Schmusekurs zu begegnen. Denn was hat dieses Mensch schon vorzuweisen ausser grosser Worte und Gesten, ausser Zerstörungswille und Machtgebaren, ausser Grobheiten und Rückschritt. Das Phänomen Trump könnte mit dem bizarren Besitzanspruch auf Grönland zu einem Ende gekommen sein. Was darauf folgt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

PS
Vielleicht ist Donald der Schreckliche auch nur spätes Opfer der verführerischen Namensgebung Erik des Roten. Der Wikinger und Siedler hat Grönland, wörtlich übersetzt Grünland, im späten 10. Jahrhundert entgegen aller Tatsachen so genannt, um andere Besiedler zu ermutigen, sich ebenfalls dort niederzulassen, «da das Land einen guten Namen» hat.[*]


Anmerkungen:
[*] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%B6nland#Name
Bild von Johannes Achton Friisbruun-rasmussen.dk, Gemeinfrei, Link

Ja zur Medienvielfalt

Am 9. März entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten über die Halbierungsinitiative, welche die Gebühr der Privathaushalte für das öffentliche Medienunternehmen SRG auf jährlich 200 Franken senken will. Aktuell beträgt sie 335 Franken. Zudem sollen die Unternehmen davon befreit werden. Das Initiativkomitee rund um SVP und die Jungfreisinnigen zielt auf eine Schwächung der SRG, um privaten Medien mehr Spielraum und damit mehr Macht zu geben.

Bereits im Jahr 2014 lancierten dieselben Kreise die sogenannte No-Billag-Initiative. (Billag hiess damals die Firma, die im Auftrag des Bundes die Gebühren eintrieb.) Die Initiative forderte die vollständige Streichung der Rundfunkgebühren. Sie wurde 2018 mit fast 72 Prozent Nein-Stimmen klar abgelehnt.

Nun also wieder. Die politischen Verhältnisse haben sich inzwischen deutlich verschoben. Auch der wirtschaftliche Druck auf die Haushalte ist gestiegen. Die Chancen der Halbierungsinitiative sind also intakt, und sei es, um jährlich 135 Franken zu sparen.

Nein zur Halbierungsinitiative

Die Annahme der Initiative wäre allerdings fatal. Die Medienvielfalt und der redliche, nicht interessengeleitete Journalismus kämen noch mehr unter Druck, als sie es eh schon sind. Seit die Werbegelder zu den grossen Techkonzernen abwandern, ist die Finanzierung von professionellem Journalismus in Frage gestellt. Das Mediensystem, wie wir es kennen, gerät ins Wanken. Die Folge ist eine Medienkonzentration in den Händen privater Geldgeber, die ihren «Produkten» inhaltlich einen Stempel aufdrücken. Die Medien bekommen dadurch Schlagseite.

Die SRG hingegen ist ein Verband von Vereinen und Genossenschaften mit aktuell rund 23’700 Mitgliedern, der im öffentlichen Auftrag publizistische Angebote bereitstellt, die gemäss Radio- und Fernsehartikel der Bundesverfassung der freien Meinungsbildung dienen, die kulturelle Entfaltung fördern und zur Bildung beitragen sollen. Dort ist ferner festgelegt:

Sie berücksichtigen die Besonderheiten des Landes und die Bedürfnisse der Kantone. Sie stellen die Ereignisse sachgerecht dar und bringen die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck.

Öffentlich-rechtliche Medien, in denen Journalismus nach allen Regeln der Kunst betrieben werden kann, sind ein Grundpfeiler der Demokratie. Solcher Journalismus kostet und steht von allen Seiten unter Druck. Ihn zusätzlich zu schwächen durch eine Gebührensenkung zu Lasten der SRG, wäre ein grosser Fehler.

Es liegt an uns, dies zu verhindern.

Hier geht’s zur Kampagnenwebseite Alianz Pro Medienvielfalt

 

Liebe als politische Kraft?

Was kann Liebe schon ausrichten – gegen die geballte Macht von Big Tech etwa, gegen die jahrelange Zurichtung der Menschen durch den Neoliberalismus oder die Verrohung des Miteinanders durch den Kulturkampf von rechts? Man ist versucht, die Kraft der Liebe als gesellschaftsgestaltende Macht zu belächeln oder gar als Illusion abzutun. Nicht so der deutsche Autor Daniel Schreiber. Mit seinem neusten Buch «Liebe! Ein Aufruf» hält er dagegen – Eine Buchbesprechung.

Liebe ist mehr als ein Gefühl. Liebe ist eine Tätigsein, ein Handeln in Verbundenheit und Solidarität. Am deutlichsten herausgearbeitet hat das Erich Fromm, der Philosoph und Sozialpsychologe in seinem Buch «Die Kunst des Liebens». Die Liebe sei «eine Aktivität und kein passiver Affekt, (…) etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt».

Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse wären sehr viel unerträglicher, würde die Kraft der Liebe, die Kraft des menschlichen Miteinanders gänzlich wegfallen. Der Berliner Autor Daniel Schreiber ist davon überzeugt, dass menschliche Gesellschaften zerbrechen, wenn sie sich von der Liebe als verbindende Kraft abwenden. Gleichzeitig sieht er das menschliche Miteinander durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen unmittelbar bedroht – und damit auch die Demokratie.

Wieder handlungsfähig werden

Innert weniger Monate nach einer Zwangspause hat Schreiber das vorliegende Buch geschrieben, um dem eigenen Ohnmachtsgefühl und der Verzweiflung, die er auch bei vielen ZeitgenossInnen wahrnimmt, etwas entgegenzusetzen. Angesichts der vielen Krisen und der bedrückenden Entwicklungen der Gegenwart drohen Resignation und Lethargie zur Volkskrankheit zu werden. Sein Buch ist ein eindringlicher Aufruf, wieder handlungsfähig zu werden – mit Hilfe der Liebe, deren Bedeutung im gesellschaftlichen Kontext nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Mit einigen Ausflügen in die Menschheitsgeschichte der Liebe – hauptsächlich im Zusammenhang mit entsprechenden Überlegungen von Hannah Arendt, Albert Schweitzer, Martin Luther King und Erich Fromm – bringt er uns Theorie und Praxis der Liebe näher. Ohne die Kraft der «radikalen Liebe», wie sie etwa Martin Luther King der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten verlieh, wäre womöglich die Segregation der Schwarzen Menschen heute dort noch Tatsache. Viele erfolgreiche Bewegungen des zivilen Ungehorsams sind von der Kraft der Liebe inspiriert und durchdrungen, etwa Indiens Unabhängigkeitsbewegung von der britischen Kolonialmacht, die Antiapatheidsbewegung in Südafrika oder die friedliche Revolution, die zum Fall der Berliner Mauer führte.

All diese Tatsachen scheinen heute vergessen, die Kraft der Liebe in der Politik scheinbar ausgetrieben. Wer sie ins Feld führt, wird schnell verächtlich gemacht als naiv oder sentimental. Schreiber dazu in einem Gespräch mit Cornelia Eisenach in der Republik:

Es ist nicht naiv, diese Ebene von Sozialität in sein Leben zu lassen und dafür tätig zu werden, sondern es ist das, was wir als demokratische Gesellschaft brauchen. Es ist absurd, wie weit wir uns im Zuge der Neoliberalisierung unserer Lebenswelt auch kulturell davon entfernt haben. In Wahrheit ist es völlig naiv, zu glauben, dass wir ohne diese Dimension des Miteinanders auskommen können.

Mit Liebe gegen das Recht des Stärkeren?

Doch Hand aufs Herz: Kann eine «Politik der Liebe» wirklich genügen in der zugespitzten Lage der Gegenwart, wo das Faustrecht, das Recht des Stärkeren wieder ins Kraut schiessen und Widerstand zur Pflicht wird? Schreiber stellt die Notwendigkeit des Widerstands nicht in Frage. Doch dieser muss ganz offensichtlich dem Gebot der Liebe folgen. Das heisst, er muss gewaltlos sein und darf den Gegner, den Feind nicht entmenschlichen. Der Autor ruft zu einer Politik der Versöhnung auf, zu einer Politik, welche die politischen Taten des Gegenübers verachten mag, nicht aber das Gegenüber selbst. Nur so lässt sich die unsägliche Spirale der Gewalt durchbrechen. Denn der Hass zerstöre – so damals Martin Luther King, der sich selbst als «Extremisten der Liebe» bezeichnete – nicht nur sein Gegenüber, das man hasst, sondern auch jene, die hassen.

Solidarität und Liebe waren schon immer eine gesellschaftsbildende Gegenerzählung zu anmassender Machtausübung und Gewalt. Der Autor zeigt, dass das kein Firlefanz, keine Träumerei ist, sondern eine Erfahrungstatsache. Allerdings muss die Kraft der Liebe ins Leben getragen werden, von jeder, von jedem Einzelnen in je eigener Weise. Dazu ruft der Autor auf. Es sollen Gemeinschaftlichkeit gepflegt und das persönliche Gespräch gesucht werden. Man höre einander gut zu, gerade wenn’s schwierig wird. Auch eine «radikale Freundlichkeit» sei ein wirksames Mittel gegen die Verrohung des Miteinanders.

Alles in allem keine neuen Erkenntnisse. Diese sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, ist aber hilfreich.

Daniel Schreiber

Liebe! Ein Aufruf

 

 

 

160 Seiten

Carl Hanser Verlag, Berlin 2025

ISBN 978-3-446-28593-4

Was mir Weihnachten bedeutet

 

Weihnachten naht. Was kann mir das heute, in dieser entzauberten, ja verdüsterten Zeit bedeuten? Verschiedene Schichten – des Bewusstseins, der Erinnerung, meines Weltbilds – kommen in Betracht, wenn ich eine redliche Antwort auf diese Frage finden will. Da ist Kindheitserinnerungsromantik, da ist die christliche Tradition, in der ich aufgewachsen bin, als kultureller mehr denn als religiöser Hintergrund. Kommt hinzu der Aspekt der Naturmystik: ein helles Licht in der dunkelsten Zeit des Jahres, ein Licht, das über das Dunkle siegen wird – so die Hoffnung. Ferner ist da der Konsumrausch, den ich grundsätzlich falsch und besonders im Zusammenhang mit Weihnachten als stossend empfinde. Das weihnächtliche, helle Licht wird durch schroffen Materialismus verdüstert. Und schliesslich sind da noch die kulinarisch üppigen Festtage, wo sich geschäftliche Weihnachtsapéros an Festmahle reihen, wo es zu Begegnungen im Familien- und Freundeskreis kommt und wo sich die Kilos am Leibe ansammeln.

Das also ist Weihnachten für mich, in kürzesten Worten auf den Nenner gebracht. Und jetzt? Bedeutet mir Weihnachten etwas über die Tatsache hinaus, dass sie in unserem Kulturkreis nun mal stattfindet? Ja, tut sie. Da ist etwa die Erinnerung ans Elternhaus. Als Kind war ich nicht oft zu Hause. Doch an Weihnachten war ich es immer. Zu Hause wurde das Fest sorgfältig in Szene gesetzt, ohne allerdings den religiösen Aspekt überzubetonen. So waren wir in der Weihnachtszeit meines Wissens nie in der Kirche, wie wir auch sonntags nie in der Kirche waren. Taufe, Hochzeiten und Begräbnisse waren der einzige Kontakt zur Kirche als sakrale Stätte. Umso sorgfältiger richteten die Eltern das Weihnachtszimmer her. Während wir Kinder spielten, schlich sich Vater ins Zimmer, wo das geschmückte Tännchen stand, zündete die Kerzen an, liess ein paar abgebrannte Zündhölzer verstreut liegen und öffnete das Fenster einen Spalt weit, so dass wir glauben mussten, dass das Christkind nach getaner Arbeit das Zimmer soeben durchs Fenster verlassen hatte. Das Ziel war, dass wir Kinder möglichst lange und nachhaltig ans Christkind glauben sollten. Und dieses Bemühen hinterliess seine Spuren, auch wenn wir das Gaukelspiel bald durchschauten.

Ein Licht in dunkler Zeit

Religiös war ich also mit dem Christentum nie tief verbunden, wenn ich auch als junger Erwachsener mit grossem Interesse die Schriften christlicher Mystiker, hauptsächlich von Meister Eckhart las. Fremd und suspekt blieb mir das Christentum als kirchliche Veranstaltung.

Zurück zu Weihnachten meiner Kindheit. Der Geschenkrausch drängte sich bald in den Vordergrund. Parallel zu unseren Begehrlichkeiten mit zunehmendem Kindesalter wuchs der Berg der Geschenke unter dem Baum, so dass wir uns baldmöglichst auf die Bescherung stürzten und Weihnachtsgeschichte wie Lieder eher als notwendiges Übel denn als Seelennahrung begriffen. Erst viel später wurde dieser Aspekt wieder wichtiger, gewürzt mit einiger Nostalgie und Sentimentalität.

Heute ist Weihnachten für mich weitgehend entzaubert, wenn es ums Biblisch-Religiöse geht. Ein Aspekt, der mir Sinn macht, ist die Hoffnung, die mit Weihnachten verbunden ist, dass das Licht über die Finsternis siegen wird, symbolisiert durch den Schein der Kerzen in den dunkelsten Tagen des Jahres. Ein zartes Licht in einer düsteren Zeit. – Aber ein Licht!

Wort des Monats: Der Deal

Langsam gewöhnen wir uns daran, dass wir in einer Welt von Deals und Dealern leben. Hauptsache, unser Deal ist besser als jener der Nachbarn, zumindest aber nicht schlechter. Nach einigen Kriechgängen, Bücklingen und wertvollen Geschenken unserer Wirtschaftsbosse wurde aus dem Zollhammer Donalds des Grossen – einem Hammer, der die Schweiz vermeintlich in ihrer Existenz bedrohte –, ein Zolldeal. Was für ein Erfolg auf der ganzen Linie! Vollständigkeitshalber muss erwähnt werden, dass der Deal das Resultat eines der entwürdigendsten Schauspiele der Schweizer Diplomatie seit Menschengedenken ist. Die Folgen für uns alle sind noch völlig ungewiss.

Kommen die armen US-Chlorhühner über den Atlantik in die Schweiz, um sich dauerhaft in unseren Kaufregalen niederzulassen? Wird den Internetgiganten freie Hand zugestanden, so dass die Schweiz auch weiterhin eine digitale Kolonie der USA bleibt? Kommen weitere Zumutungen auf uns zu? Etwa dass Herrliberg unserem Herrn Blocher auf Geheiss das Ehrenbürgerrecht verleihen muss für seinen selbstlosen Einsatz zugunsten des sozialen Friedens in der Schweiz?

Still davon! So würden die Feinde der USA sprechen sowie Menschen, die sich der neuen Realität mutwillig verschliessen, Ewiggestrige, Unkenrufer, Spielverderber. Wir aber wollen weiterkämpfen im heiligen Befreiungskriege der Menschheit (Heinrich Heine). Hauptsache, der Deal ist gebongt! Auf eine goldene Zukunft!


Bild von Ralph auf Pixabay