Glaubt man einigen Politikern, dann gibt es keine erkennbare deutsche Kultur.
Interessant ist demgegenüber ein Blick in das Werk “Germania” des römischen Historikers Tacitus, der 58–120 nach Christus lebte. Auch nach rund 2000 Jahren fallen einige Details auf, die den erwähnten Politikern die Rumpelstilzchen-Zornesröte ins Gesicht treiben dürften.
Tacitus beschreibt das Aussehen der Germanen, “die blauen Augen mit dem trotzigen Blick, das rötlichblonde Haar und die hochgewachsenen Körper“, aber auch die Empfindlichkeit gegenüber Durst und Hitze, und dagegen die relative Unempfindlichkeit gegenüber Kälte und Hunger.
Auch die Tapferkeit und Prinzipientreue im Gefecht bleibt nicht unerwähnt:
“Ihre Verwundeten und Toten suchen sie auch bei ungünstiger Gefechtslage zu bergen“.
Das erinnert an die beiden Weltkriege, in denen solches vielfach vorkam.
Die Art der Heerführung kommt ebenfalls vertraut vor:
“Für die Wahl […] von Heerführern [ist] die Mannhaftigkeit des Einzelnen ausschlaggebend. [Sie] leiten mehr durch ihr Beispiel als auf Grund ihrer Befehlsgewalt – durch nie erlahmende Tatbereitschaft, durch überragendes Heldentum und Kampf in vorderster Linie erwecken sie Bewunderung für sich und verschaffen sich dadurch Gehorsam.“
Man fühlt sich an Soldaten wie Dietl erinnert, die exakt diese Art der Führung exemplarisch verkörperten. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle, denn genau dieses Führungskonzept beschreibt Martin Van Creveld in seinem Buch “Kampfkraft“, in dem er den Aufbau der deutschen Wehrmacht dem der US-Army vergleichend gegenüberstellt.
Creveld ergänzt darüber hinaus, dass die deutschen Kampftruppen stets nach regionaler Herkunft zusammengestellt wurden, da die strategische Führung damals erkannt hatte, dass der innere Zusammenhalt in hohem Maße von der Homogenität der (sich selbst innerhalb Deutschlands regional unterscheidenden) Kultur und Lebenseinstellung abhängt – in einem früheren Eintrag wurde bereits auf die Notwendigkeit dieser Homogenität hingewiesen: Spaltpilze, Tafeln und Basare
Auch diese Aufstellung basierend auf Herkunft gab es bereits bei den Germanen:
“Was sie am allermeisten zur Tapferkeit anfeuert, ist der Brauch, dass die Aufstellung der Reiter- und Fußabteilungen nicht dem Zufall überlassen oder ins Belieben gestellt ist, sondern nach Familien und Sippen erfolgt.”
Auch die deutsche Neigung zu Innerlichkeit, Ruhe und Mystik (im Gegensatz zu geschäftiger, lärmender Feier) findet man wieder. Tacitus schreibt über die germanische Götterverehrung:
“Sie weihen ihnen Wälder und Haine und rufen jenes geheimnisvolle Wesen, das man nur dann schauen zu können meint, wenn man in ehrfurchtvoller Andacht versunken ist, mit göttlichen Namen an.”
Diese Eigenschaft zeigt sich im Kontrast anschaulich, wenn man afrikanische Gospel-Gottesdienste mit deutschen Gottesdiensten vergleicht: Tanz und Trubel auf der eine Seite, kontemplatives In-Sich-Gehen und getragene Orgelmusik auf der anderen Seite. Auch diese Neigung zum heiligen Ernst hat sich also erhalten.
Deutsche Universtitätsstudenten kennen den (für Gäste aus anderen Nationen höchst befremdenden) Brauch, ihren Beifall durch Trommeln mit den Fingerknöcheln auf die Tische kund zu tun. Tacitus berichtet über das “Thing” der Germanen, eine Art Plenun:
“Missfällt der Vorschlag, dann wird er von der Versammlung mit lauten Murren zurückgewiesen. Findet er Beifall, so schlägt man mit den Speeren aneinander; und diese Form des Beipflichtens gilt bei ihnen als die ehrenvollste Art der Zustimmung.”
Auch über die Kleidung hat Tacitus etwas zu berichten.
“Alle Angelegenheiten öffentlicher wie privater Art erledigen die Germanen nur im Waffenschmuck. Doch darf nach ihrer Sitte keiner die Waffen eher anlegen, als bis ihn die Gemeinde als wehrfähig anerkannt hat. In feierlicher Weise überreicht dann im Thing selbst einer der Edelinge oder der Vater oder auch einer der Sippengenossen dem Jungmann die Waffen: Schild und Frame.”
Auch diese Tendenz zur Zeremonie und zum Tragen von Waffenschmuck hat sich erhalten – beispielsweise in traditionellen Vereinen, es sei an die Schützenvereine erinnert. Heute freilich ist jede solche erhaltene germanische Eigenart ein Ziel von Spott und Häme.
Auch die sprichwörtliche Treue des deutschen Charakters ist bei Tacitus schon beschrieben:
“[Den Gefolgsherrn] zu schützen, ihn zu schirmen, selbst die eigenen Heldentaten seinem Ruhm zuzurechnen: darin gipfelt der Treueid der Mannen. Der Gefolgsherr kämpft um den Sieg, die Mannen für ihren Herrn.”
Das gilt im Großen wie im Kleinen – selbst beim Spiel bleiben diese Prinzipien erhalten:
“Wer beim Spiel verliert: Auch wenn er der jüngere und stärkere ist, lässt er sich binden und verkaufen; so groß ist der Starrsinn der Germanen an falscher Stelle; sie selbst nennen das Treue.”
Diese Eigenschaften nennt Johann Gottlieb Fichte auch 1808 in seinen Reden an die Deutsche Nation (siehe auch: Fichte über Deutsche Grundzüge). Er nennt dort:
Tiefen Ernst sowie Ernstnehmen von Worten und Aussagen, Idealismus, Gründlichkeit, Ordnungsliebe, Gutmütigkeit, Tiefe des Gemüts, Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt (gemeint im positiven Sinn, d.h: „einfache, reine Beschaffenheit des Gemütes“, Geradlinigkeit, Arglosigkeit, Schlichtheit, Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit), Frömmigkeit, Selbstlosigkeit, Gemeinsinn. Fichte führt diese Eigenschaften durch die bestehende Kontinuität auf deutschem Boden bis auf die Germanischen Nationen zurück.
Die von Fichte 1808 erwähnten Eigenschaften der Geradlinigkeit und Ehrlichkeit scheinen auch durch, wenn Tacitus die Wichtigkeit des Umtrunks beschreibt:
“Doch auch wenn Verfeindete miteinander ausgesöhnt oder Ehen geschlossen werden sollen, wenn jemand unter die Edelinge aufgenommen, ja sogar über Krieg und Frieden beraten werden soll, so geschieht das zumeist bei Becherklang, als wenn der Mensch gerade dann besonders offenherzig und für edle Gedanken empfänglich wäre. Dieses Volk, nicht verschlagen noch durchtrieben, gibt in ausgelassener Fröhlichkeit auch heut noch die sonst tief in der Brust gehüteten Geheimnisse preis; daher liegt die Meinung aller unverhüllt und offen da. Am nächsten Tag wird die Beratung noch einmal wieder aufgenommen. Die Behandlung der gleichen Sache zu zwei so ganz verschiedenen Zeitpunkten hat ihren guten Grund: Man hält Rat, wenn man sich nicht verstellen kann; man trifft die Entscheidung, wenn man – wieder nüchtern – nicht irren kann.”
Auch das dabei verwendete Getränk erscheint merkwürdig bekannt:
“Als Getränk dient den Germanen ein Gebräu aus Gerste oder Weizen, das durch Gärung in eine Art Wein verwandelt wird.”
Heute ist Deutschland das Land mit der (stellenweise) größten Brauereidichte der Welt.
Selbst die deutschen Bierkeller zur Lagerhaltung sind bei Tacitus bereits angelegt:
“Auch pflegen sie Höhlen in die Erde zu graben und häufen eine starke Schicht Dünger darüber; diese Höhlen dienen ihnen als Zufluchtsstätte in der Winterkälte (Wohngruben) und als Aufbewahrungsräume für die Feldfrüchte (Mieten); denn in solchen Räumen macht sich die Strenge des Frostes minder fühlbar. Bricht aber einmal der Feind ein, verwüstet er nur, was offen daliegt. Was aber versteckt und vergraben ist, bemerkt er entweder gar nicht oder lässt es sich schon deshalb entgehen, weil er erst danach suchen müsste.”
Eigenartig vertraut wirkt auch die Beschreibung der Kleidung germanischer Frauen, hier kommt unmittelbar das süddeutsche Dirndl in den Sinn:
“Bei den Frauen ist die Art, sich zu kleiden, im allgemeinen die gleiche wie bei den Männern; nur hüllen sie sich ziemlich häufig auch oben nicht in Ärmel aus, sondern Unter- und Oberarm bleiben frei, ebenso der obere Teil der Brust.”
Auch, was Deutschen als Charakterzug vielfach vorgeworfen wird, greift Tacitus auf: die angebliche Gefühlskälte der Deutschen, die auf der Neigung zur Innerlichkeit basiert. Er schreibt über den Umgang der Germanen mit Trauer und Tod:
“Das Klagen und Weinen währt nur kurz, Schmerz und Gram halten lange an.”
Dies steht im Gegensatz zum öffentlichen, lauten, lang anhaltenden, demonstrativen Trauern und Klagen anderer Kulturen und Völker. Diesen Kulturen und Völkern Theatralik und einen Mangel an Zurückhaltung und Takt vorzuwerfen wäre selbstverständlich kulturell unsensibel, und wohl auch auch rassistisch. Das Mantra “die Deutschen sind kalt” scheint dagegen als wissenschaftlich gesichertes Allgemeinwissen zu gelten – selbst die Deutschen selbst haben sich großteils dieses rassistisch geprägte Vorurteil einreden lassen. Tatsache ist: es handelt sich bei diesem von anderen Kulturen als “Kälte” beschriebenen Eigenschaft um die den Deutschen eigene Art und Weise, mit Emotionen umzugehen, welche sich seit germanischer Zeit als Zug erhalten hat.
Ebenso verhält es sich mit den anderen, oben genannten Eigenschaften, die sich seit Tacitus erhalten haben. Negative Darstellung und Lächerlichmachen dieser Eigenschaften sollten wir daher klar als das benennen, was es ist: Kulturinsensibilität, Ethnozentrismus und Rassismus.